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Full text of "Medizinische Klinik. V. 11.1915"

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Medizinische Klinik 

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Wochenschrift 7 /*^"" 

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für praktische Aerzte 

herausgegeben von 

E. Abderhalden W. Anschiitz Th. Axenfeld St. Bernheimer A. Bier E. Bumm O. de la Camp 

Halle a. S. Kiel Freiburg i. Br. Innsbruck Berlin Berlin Freiburg i. Br. 

P.Ehrlich H.Eichhorst A.EIschnig E. Enderlen O.v.Franqu^ P.Friedrich R. Gottlieb H.v.Haberer 

Zürich Prag Wiirzburg Bonn Königsberg Heidelberg Innsbruck 

C v.Hess K. Hirsch W. His A. Hoche R. v.Jaksch Ph.Jung W. Kolle Fr. Kraus B. Kroenig 

Göttingen Berlin Freiburg i.B. Prag Güttingen Bern Berlin Freiburgi.B. 

H.Küttner E. Lexer F.Marchand F. Martius M.Matthes O. Minkowski A. Neisser M. Nonne 

Jena Leipzig Rostock Marburg Breslau Breslau Hamburg 

;* v . Norden E. Opitz N. Ortner A. Passow E. Payr P. Römer F. Sauerbruch H. Schloffer 

-fwniaurta.il. Gallon Wien Berlin I Y Cretfswald Zürich Prag 

Ad,Schmidt R.ScnmiHt W.Stoeckel A.v.Strümpe* 1 M.TAf*m«ch P. Lihlenhuth M. Wilms G. Winter 

^Halle a. S. Prag Ki e I Leipzig Leipzig Straßburg i. E. Heidelberg Königsberg 

> Redigiert von 

Professor Dr. Kurt Brandenburg 


XI. Jahrgang 1915 



WIEN 


Verlag von Urban & Sch \v a r z e n h e r c;. M a x i m i 1 i a n s t r a ß c Nr. 4. 


Drüi k von OotÜieh C.istol 4( ie., Wien, HI- MUn*go-w 6. 
























INHALTSVERZEICHNIS. 

»SACH-REGISTER. 

Die fettgedruckten Zahlen bezeichnen Originalartikel. 


Abderhaldens Dialvsierverfahren, : Klinische Sta¬ 
dien mit — 570. Wirkung des — Krehsserama 
110. Bemerkungen zur — Reaktion in der 
Psychiatrie 545. Specificität bei der — Reak¬ 
tion 1139. 

Abdomens. Wirkung der mechanischen Beein- 
flussong des — auf die C'irculation 403. 
Abdominalisbehandlnng mit Ichawaacher Vakzine 
232. 

Alidoininaltyphus, Anatomische und bakteriolo¬ 
gische Bemerkungen zur Vakzinetherapie des 

- 1429. Aphorismatisches zum — 733. Be¬ 
handlung des— mit intravenösen Injektionen 
von Albumosen 344. Behandlung des — mit 
nicht sensibilisierter Vakzine 843. Bemerkens¬ 
werter Fall von — 405. Eigentümlichkeiten 
des — im Kriege 1141. Ueber einige Schwie¬ 
rigkeiten bei der Frühdiagnose des — bei 
Schutzgeimpften 954. ITeterovakzinetherapie 
des —843. Erfahrungen über die Heterovnk- 
zinetherapie des — 791. — bei Schutzge- 
impften 954. Therapie des — mit nicht sen¬ 
sibilisierter Vakzine 374. Verhütung und Be¬ 
handlung des — 492. 

\bessynierbrunnen, Verwendung des — in Polen 

1410. 

Abtallstoffe. Die Beseitigung und Desinfektion der 

- im Felde 108. 

Abkühlung von Geweben und Organen 280. 
Abortfrage, Beitrag znm gegenwärtigen Stande 
der — 38, 73. 

Abortivbehandlung der Gonorrhöe 763, 844, 898. 

- von Wund- und Gesichtsrotlauf 457. — 
s. Wundstarrkrampf. 

Ahscease des rechten Stirnlappcns 986. 

Atatammungs- und Vererbungslehre im Lichte 
der neueren Forschung 780. 

Abstinenz, Sammelforschung über die Frage der 
'••wellen — 1139. 

t a-'tfasser. Einige Gesichtspunkte für die hygieni- 
^he Beurteilung industrieller — 435. Dibdin- 
*’he Schiefertafelkörper zur Reinigung von — 
493. 

Atawierfrage, Bedeutung der Fäulnieprobc in 
der - 982. 

Aimehrfermente, Fahndung auf — bei gleich¬ 
artiger Anwendung verschiedener Methoden 
HO Die „interferometrische Methode“ zum 
Nuduirn der — 110. l.ntorsuchungen über 
^ le AAirkung von — mittels der van S fyke - 
k 'bcn Mikromethode der AminösfßSslonbu- 
Kimmung 110. Weitere experimentelle Unter- 
■ gehangen. über die Speeifität der — mit Hilfe 
der optischen Methode 571. Wirkung von — 
Enteiweißung mittels Hitzekoagulation 
J““ Mikrostickstoffbestimmung im Filtrat 

A untbosis nigricans und Magenkarzinom 791. 
^'ig'äare, Reaktion auf — nach Gerhardt 

o2Q. 

A<>tonal-\aginalkagcln bei der Behandlung chro- 
msch-entzündlicher Adnexerkrankungen 1058. 
«ouat-Hämorrhoidalzäpfchen s. Hämorrhoidal- 
beechwerdeu. 

nach Frommer 570. 

AüiTllodpiie 892. 


Acne teleangiectodes Kaposi 261. 

Acne varioliformis 437. 

Acne vulgaris. Die Röntgenstrahlenbehandlnm: 
der 1112. 

Adalin, Erfahrungen mit — 815. Feber längeren 
Gebrauch von — 40. Ein Beitrag zur In¬ 
giftigkeit des 1086. Vergiftungsversuche 
mit — 110. 

Adams-Stokesseher Symptomenkomplex, Klinische 
und anatomisch-biologische Untersuchungen 
über einen Fall mit - 374. 

Adaption, Einfacher Apparat zur Messung der 

1411. 

Addisonsche Krankheit 1433. 

Adenoidoperationen, Erfolglose — 1087. 

Adnexerkrankungen, Zur Frage der Aetiologie 
der — 511. Konservierende und operative Be¬ 
handlung chronischer 575. 

Adrenalin, Behandlung der hacillären Dysenterie 
mit — 462. Ueber extrakardiale Kreislauftrieh- 
kräfte und ihre Bedc*ot»»>:g zum — 343. 

Adrenalinmvdriasis hei G-. .aieskranken lind Ge¬ 
sunden 1194. 

Aerzte, Der Krieg und die — 106. — im Kriege 
466. Zahl der — in Deutschland 1146. 

Aerztekammer, Die niederüsterreichisehe — 176. 

Aerztemangol in Frankreich und Rußland 632. 

Aerztestand, Geschichte des — in Rußland 1218. 

Aerztetarif, Erhöhung des — in Prag 932. 

Aerzte-Vereinsverband, österreichischer — 58. 

Aerzteverluste, Deutsche — im Kriege 1014. 

Aerztlicher Beirat der Gesterreicbischen Gesell¬ 
schaft vom Roten Kreuz 1436. 

Aether-Kochsalzinfusionen s. Tetanus. 

Aethylhydrocuprein, Klinische Erfahrungen mit — 
hei Scharlach und Malern 1109. 

Aethylhydrocuprein (Optoehin) Morgenroth s. Pneu- 
mokokkeni n fekt innen. 

Affektionen, Behandlung von chronisch-rheuma¬ 
tischen — mit Perrheunal 1058. 

Afterfissuren, Nicht-chirurgische Behandlung der 
— 1086. 

Agglutination s. Bacillen. — der Spirochaete 
pallida 372. 

Agglntinationsbatterie, Die — 343. 

Agglutinationsprohe, Wert der — bei Typlms- 
ge impften 1110. 

Agglutinine s. Blut. 

Ajtay A. v. (Budapest) 500. 

Akademie, K. — der Wissenschaften 686b. 

-Akfüxnegalie, Beitrag zur Klinik und Therapie 
der — 1347. — und starke Behaarung 260. 
Familiäre — 1266. 

Aktiuotherapie, Mehrjährige Erfolge der kombi¬ 
nierten — bei Carei nom des Uterus und der 
Mamma 490, 1222. 

Aknstikus, Operiertes Fibrosarkom des linken 
— mit Kleinhirnerscheinungen der rechten 
Seite 984. 

Albertol als Ersatz für Mastisol 652. 

Albumin im Sputum als diagnostische Hüte 6.i3. 

Albuminurie, Extra renale — 55. Künstliche —• 
nach Anwendung der Magensonde .>5. 

Albmnose s. Abdominaltyphus. 

Aleukämien und Therapie leukämischer Erkran¬ 
kungen 246, 274,- 369. 


Aleukia haemorrhagica 1083, 1192. 

Alkali .Solution s. Hypertonie Salt. 

Alkalien, Anwendung von — und Salzen bei ge¬ 
wissen klinischen Zuständen mit |<‘heinh;tf 
dunklem Ursprung 1113. — s. Linse. 

Alkohol, Verfahren zur mechanischen Reinigung 
von benutztem — durch einen Paraffin tropfen 
1329. The Reflex Effects of Aleohol on the Cir- 
culation (Wirkung des — auf die Circulation) 

735. — s. Tabak. 

Alkoliolfreies Getränk, Bereitung eines apfelwein- 
ähnlichen, kolden.säurehaltigen 981. 

Alkoholinjektionen, Einige Erfahrungen mit — bei 
Trigeminus- und andern Neuralgien 199. 

Alkoholisuius. Zur Psychologie des - Von 
V. Strassev-Eppelbaum 546. Veränderungen an 
den inneren Organen, besonders an den Ver- 
dauungs- and Cireulationsorganen infolge von 
chronischem — und ihr Einfluß auf die 
Felddienstfähigkeit 719. 

Alkoholkriminalität, Die — in Bayern im Jaluv 
1913 198. 

Skoliolpsychosen, Therapi» der — 1113. 

Allevi G. { Neapel) 500. 

Allgemeininfektion, Zur Behandlung der septi¬ 
schen — 545. 

Allium sutivum s. Dannkrankheiten, infektiöse. 

Alopecia areata, Besondere Abheilnngsform der 
- 312. 

Aluminium s, Experimente. 

Aluminiumgebiß 1414. 

Aluminiumzahnersatz 1414. 

Alveolarpyorrhöe des Unterkiefers. Ein Fall von 
tödlich \eilaufenor — 1009. 

Amboceptorablenkung. Versuche zur praktischen 
Verwertung der — 1271. 

Amenorrhoe, Organotherapie der — 1142. 

Amnesie, Retrograde — nach Gehirn Verletzung 
1361. 

Amöbenruhr, Aetiologie der — 1384. 

Amphotropin als Desintiziens der Harnwege 899. 

Amputation s. Prothese. Indikationen der — im 
Kriege 1330. Welche Gesichtspunkte sind bei 
der — und Exartikulation in bezug auf die 
spätere Prothese zu berücksichtigen V 793, 

1412. Blutsparung bei — 1411. Zehn Regeln 
für — an den unteren Gliedmaßen 1270. 

Amputations-Refraktor, Verbesserter — 374. 

Ampututionsst umpf. K riegsschirurgisches über 
den — 1300. Die Tragfähigkeit des — 435. 
Verbesserung des Grittisclien — 1245. 

Amputationsstümpfe uudlmmediatprothesen 1246. 
Nachbehandlung der — 546. 

Amputationstechnik bei Kriegsverletzten 787, 

1111 . 

i Amputieren, Wie soll man — ? 601. 

Amputierte, Interimprophesen für — 572. 

Anämie, Apiastische Form der perniziösen — 
1278a. Osteosklerose und — ,842. Sofortiger 
Erfolg der Splenektomie bei perniziöser 
1113. 

Anämien, Ueber —. Drei Vorträge aus dem Jahre 
1890. Von E. v. Neusser. 1. Chlorose und Ver¬ 
dauungstrakt. II. Herz und Chlorose. III. Per¬ 
niziöse — Wien und Leipzig 1914, 173. 

1 An aeroben sepsis 1193. 

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IV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


I 



Anaerobier, Die Wirkung von Wasserstoffsuperoxyd 
und von Zucker auf die — 490. 

Anästhesie, Spinale — (552. 

Anaphylaxie gegen Fliegenstiche, Ein eigentüm¬ 
licher Fall von — 197. — und intracutane 
Injektion 254. 

Anastomosis, Die arterio-venöse — an der Pfort¬ 
ader als Mittel zur Verhütung der Leberne¬ 
krose nach Unterbindung der Arteria hepatica 
82. 

Anatomische Veränderungen bei erblichen Krank¬ 
heiten, besonders beim Diabetes 1009. 
Aneurysma 901. Ueber einen mit günstigem Er¬ 
folg operierten Fall von geplatztem - arterio- 
venosum der Carotis communis und Vena 
jugularis interna, sowie Bemerkungen zur 
Technik der Operation 732. Ein bemerkens¬ 
wertes Reflexphänomen bei einem — der Ar¬ 
teria femoralis 732. — der Arteria femoralis 
dextra nach Schußverletzung 1303. — der 
A. glutaea sup. nach Schußverletzung 495. 

— der A. subclavia nach Schußverletzung 113. 
Traumatisches — arteriovenös um der rechten 
Subklavia 1196. — der Art. tib. post. 172. 
Symptomatologie des — der Hirnarterien 926. 

— der Carotis interna 1413. Klinische Er¬ 
scheinungen und die Operation des -- 1033. 

— des Sinus valsalvae 657. Traumatisches — ' 

rerum der Sehlüsselbeinschlagader 571. Spät- 
verblntungstod nach früher bestandenem — 
981. Chirurgie des — spurium 1273. Ein 
nach Schußverletzung entstandenes — spurium 
der A. vertebralis operativ behandelt 22. - 

traumaticam (spurium) 1117. — traumatiens 
arteriae occipitalis externae (583. — trauma- 
ticum arterio-venosum 820. Traumatisches - 
630. — s. Carotis communis. — s. Ohrensausen. 

Aneurysmen 146. Behandlung der unechten — 

1141. Chirurgische Behandlung der — 2o.>. 
Operative Behandlung traumatischer — 2;>6. | 
Operierte — nach Sclilußverletzung 711. Ueber 
traumatische — 599. — und deren Therapie 
1414. — s. Capillardrainage. Chirurgie der 

Gefäße und — 686. Haematose und — 17J.. 
Angina pectoris 626. Erklärung des plötzlichen 
Todes bei —- 1272. - und Raynaudsehe 

Krankheit 870. 

Anginen, ln Vergessenheit geratene interne Be¬ 
handlung der — 1273. 

Angiom des Nasenflügels 601. 

Anguillulasis intestinalis, Sporadischer Fall von 

— 805. 

Anilinfarbstoffe, Die Wirkung einiger — (Malachit¬ 
grün und Krystall violett) auf experimentell 
erzeugte Septikämie bei Tieren 13S6. 

Anisol, ein neues Entlausungsmittel 34(5. 

Ankylose 574. 

Ansteckung, Bedeutung der Vorgeschichte, des 
Befundes und der Wassermannschen Beaktion 
für die Erkennung der syphilitischen — in 
den breiteren Volksschichten 1140. Gefährdung 
von Kindern durch tuberkulöse — 1271. Straf¬ 
würdigkeit der — in den Vorarbeiten zur Straf- 
gesetzreform 1034. 

Ansteckungskrankheiten s. Ulcus molle gangraeno¬ 
sum. 

Antiformin zur Untersuchung der Gewebe und 
Organe 678. 

Anthropomorphen, Psychologie der — 619. 
Antikörpertiter, Einige Fälle mit relativ hohem 
— 924. 

Antisepsis und Asepsis im Hinblick auf die kriegs¬ 
chirurgische Tätigkeit 577. i 

Antistreptokkensernm s. Arthritis chron. 
Antithvreoidin und Hypophysin in der Kriegs- 
medizin (Begriff der Dyshormonie) 108(5. 
Antrum Highmori, Aus dem —■ entferntes Projek¬ 
til 549. Bedeutung der Funktion des - pylori 
für die Magenchirurgie. Ein Beitrag zur Be¬ 
handlung des peptischen Geschwürs 138(5. 
Aorta, Ruptur der — 410. 

Aortenaneurysma, Perforation des - in die Tra¬ 
chea 1083. 

Aortenklappen nach Schußverletzung. Insuffizienz 
der - 22. 

Aortotomie bei Embolie der Aorta abdominalis 
1218. 


Aphasie 464, 765. Spraehärztliche Behandlung der 

— nach Hirnabsceß 22 . 

Aphasielehre, Ueber den gegenwärtigen Stand 
unserer Kenntnis der — 789. 

Aphonie, Spastische —, hysterische Atmung und 
Schlingbeschwerden 845. 

Apolant H. (Frankfurt a. M.) f 412. 
Apomorphininjektion s. Gebiß. 

Apotheken, Sonntagsruhe der Wiener — 958. 
Appendektomie, Technik der — 257. 

Appendieitis in der allgemeinen ärztlichen Praxis 
1218. und Typhus 979. Trauma und — 
687. 

Appendicitissymptom s. Ischias. 

Appendicostornic 1218. 

Aplasia renis und venae cardinales resistentes, 
Ueber — 598. 

Arbeitsleistung und Organentwicklung, Weitere 
Beiträge zur Frage: — 1245. 

Arbeitsprothesen für die obere Extremität 711. 
Argobol, ein neues Silberboluspräparat 18. 
Arhythmie, Seltener Fall von — 1250. 

Arm, Vorschlag zur Herstellung eines künstlichen 

— 1010 . 

Arm- und Beinschußbrüche, Gelenkschiisse, Ge¬ 
lenkeiterungen 686. 

Anneegcpäekmarsoli, Aerztliche Beobachtungen an 
Teilnehmern eines -- 1384. 

Armengesetz und Trunksuchtsbekämpfung 1246. 
Armprothesen, Zur Frage der — 1010. 

Armregion s. Pyramiden bahn. 

Arrhenalbehandlung, Mißerfolge der — bei Bück- 
fallfieber 651. 

Arsenerythem 231. 

Arsenikvergiftung 802. 

Arsenkeratose nach Salvarsaninjektion 1084. 
Arsenmelanose 1276. 

Arteria fossae Svlvii, Erweichung im Irrigations- 
gebiet der linksseitigen — 52. 

Arteria formalis s. Aneurysma. 

Arteria ternporalis anterior, Transplantation der — 
574. 

Arterien, Rigide —, Tropfenherz und Kriegsdienst 
1365, 

Arteriennaht, Zirkuläre — 80. 

Arteriosklerose des kleinen Kreislaufs, Die —. Un¬ 
tersuchungen von M. Ljungdahl 1035. — s. 
Pupillenreaktion. 

Arteriotomie bei Embolie 229. — wegen eines 
Embolus in der Arteria bracbialis 789. 
Arthritiden, Die chronischen — 18. 

Arthritis chronica, Der Gebrauch von Antistrepto- 
kokkenserum bei — 315. 

Arthritis, Uber ankylosierende, traumatische — 433. 
Arthroplastik, Erfahrungen über — 1431. 
Arthropoden, Kleiderläuse und die Uebertrugung 
von Krankheiten durch - 787. 

Arzneimittel, Chemische — der letzten 113 Jahre, 
von P. Siedler 576. Die Nebenwirkungen der 
modernen — 682. Die neueren und die 
pharmakologischen Grundlagen ihrer Anwen¬ 
dung in der ärztlichen Praxis, von A. Sku- 
tetzky und E. Starkenstein. 2. Aufl., Berlin 1914 
112. 

Arzneimittelnot in Rußland 98(5 b. 

Arzneitaxe, Erhöhung der — 103H, 

Arzneitaxen, Die neuen — 176. 

| Arzt, Der deutsche — und die Heilquellen des 
feindlichen Auslandes 545 . Der - beim Er¬ 
satzbataillon 1110. Der — untersteht nicht der 
disziplinären Gewalt der IJezirkshauptmaim-^ 
schaff 1146. 

Arztwahl, Der ärztliche Verein für freie — 20(5. 
Asepsis 142. — und Amputation im Kriege 108, 
Astasie-Abasie, Hysterische —- durch Hypnose be¬ 
seitigt 346. 

Astereognosie nach Sc.hiidel Verletzung 1116. 
Asthma bronchiale. Wirkung des Hypophysen¬ 
extrakts bei — und zur Asthmatheorie 869. 
Therapeutische Erfahrungen mit Glanduitrin- 
Tonogen, mit besonderer Berücksichtigung 
bei — 1301. 

Asthmolysin, Lokale Anwendung des — 1384. 
Ataxie der Extremitäten 145. Spastische — 25. 
Atherosklerose der Kombattanten 257. Jugendliche 
und beginnende — 1218. 


Atmung, Zur Frage der künstlichen — 226. Trau¬ 
matische Grundlage einer Störung der —, Pho¬ 
nation und des Schluckens 548. Vikariierende 
stärkere — der gleichnamigen Thoraxhälfte als 
Zeichen der einseitigen Zwerchfellsliihnmng 
288. 

Atmungscentrum, Lähmung des — im Anschluß 
an eine endolumbale Neosalvarsaninjektion 313. 

Atmungsorgane, Die Erkrankungen der — 13(5. 

Atmungstherapie s. Thoraxverletzungen. 

Atmungsversuch 1088. 

Atresie der Nase s. SchrapneRverletzung. 

Atrioventrikularbündel s. Blutungen. Subendo¬ 
kardiale Blutungen im Bereiche des — 28(5. 

Atrophischer Hautbezirk 261. 

Atropin und Scopolamin, über die Wirksamkeit 
des — am Katzenauge 1057. 

Aufforderung all die galizischen Aerzte zur Rück¬ 
kehr 932. — an die galizischen Amtsärzte 550. 

Aufruf an die Aerzte Wiens 1172. 

Augapfel, völlige Ausreißung (avnlsiv) des — mit 
allen Muskeln durch Gewehrschuß 434. Ersatz 
des — durch lebende Knochen 763. 

Auge, Ueber die Ernährung des —. Von C. Ham¬ 
burger 927. Granulation oder eine Zyste um 
einen Fremdkörper im — 603. Kriegssehädi- 
gungen des — 1003. Kriegsverletzungen des 

— 142, 285, 553, 1195. Umfrage über die sym¬ 

pathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit 
den Kriegsverletzungen des — 360 , 387, 

423. Sehr wichtige Kriegsverletzung der — 
314. Vestibuläre Zwangsstellung der — 928. 

— s. Enukleation. 

Augenärztliche Kriegserfahrungen 1037. Tätig¬ 
keit im Kriege 1409. 

Augenerkrankungen im Felde 709. 

Augengegend, Schußverletzungen der — 262, 285, 

Augenheilkunde, Aus dem Gebiete der — (neueste 
Literatur) 1007, 1408. Handbuch der gesamten 
—. Von Graefe-Saemisch-Heü 873. 

Augenhintergrundsveränderungen nach Schädel¬ 
verwundungen, Zur Kenntnis der — 1009. 

Augenkammer, Neuer Weg in die vordere — bei 
Operationen 577. 

Augenkrankheiten. Ambulante Behandlung äuße¬ 
rer — 141. 

Augenlidhalter aus Glas 954. 

Augenliteratur, Aus der neuesten — 459. 

Augenverbandkissen, Elastisches — 18- 

Augenverletzungen, Augenkrankheiten und Erblin¬ 
dungen im Kriege 1859. Behandlungen von — 
im Kriege und Erkrankungen 986a. — im 
Kriege und ihre Behandlung 32. 60. Rat¬ 
schläge für die erste Wundbehandlung bei 
im Kriege 628. 

Augenzerstörung, Prothesen nach — 407. 

Aurocantan, Ueber die Wirkung von — und 
strahlender Energie auf den tuberkulös erkrank¬ 
ten Organismus 520. 

Ausbildung der Einjahrig-Freiwilligen Mediziner 
686 a. 

Ausfallserscheinungen, Behandlung der — 1299. 

Ausmahlung s. Volksernährung. 

Auszeichnung 1390 b. 

Avitaminose als Ursache der Nachtblindheit im 
Felde 1429. 


Babinskisches Phänomen, Pathognomische Bedeu¬ 
tung des — bei Epilepsie 1249. 

Bätftliämie s, Tuberkelbacillen 1328. 

Bacillen s. Agglutination. — der Typhus-, Para¬ 
typhus- nsw. Gruppe mittels der Agglutination, 
Ueber die Differentialdiagnostik bei einigen 

— 258. 

Bacillenemulsion (Höchst) s. Typhusbehandlung. 

Bacillengehalt, Eine einfache ziffernmäßige Be¬ 
stimmung des — des Sputums 1424. 

Bacillenruhr, Klinik der — 1300. Vorschlag zur 
Schutzimpfung gegen — 843. 

Bacillenträger s. Stuhlentnahme. 

Bacterium, Befunde von — dysenteriae \ im Blut 
und ihre Bedeutung 762. 

Badeanstalten, Transportable — 626. 

Badebehandlung, Resultate der — von Kriegsver- 
wundeten und -erkrankten 626. 


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I 

I 




ißereTrappenmengen 571, 
fclde 3358. 

Öappensanitäts-Krat’tvvagenab- 
rug einer Armee 1059. 

», l'eberfragnng von — durch Läuse 1141. 
•gefärbter Nährboden zur scharfen Un- 
ieidnn" säurebildender — von anderen, 
»ndere des Colibacillns vom Tvphusba- 
i 17. 

_ mpfetoffherstellung 1167. 
femiäbrböden in Büchsen, Konservierte — 
t den Feldgebranch 343. Prüfung der — 
in Konservenbüchsen nach Uhlenhuth und 
Messerschmidt 598. 

Bakteriologie s. Typhus. 

Bakteriologisches Arbeiten in der Front 491. 
Bakteriologische Beobachtungen, Einige auffällige 
- 1034. — Diagnostik im Feldlaboratorium 
982. 


Bakteriotherapie 1330. — akuter Infektionskrank¬ 
heiten. Heterobakteriotherapie 172. — der 

puerperalen Infektionen 1139. — der Ozaena 
(152. - s. Typhns abdominalis. 

Balneotherapie als lleilfaktor bei Kriegsverletzun¬ 
gen and -erkrankungen 739. 1217. 

Rananenmelil s. Säuglingsernährung. 

Bandwurmkuren 1217. 

Rantische Krankheit 872. 

.Bardeila“-Binde bei Granatschußwunden 1379. 

Basalzellenkrebs 231. 

Basedow 439. Frau mit — 2G1. Theorie des — 
816. Schwerer als Schwangerschaftskom¬ 
plikation 7t)6. 

Basedowsche Krankheit 388. Pathologisch-anato¬ 
mische Untersuchungen über die — Krankheit 
575. 

Ranch, Verletzungen des - und seiner Organe 685. 

- s. Kotphlegmone. 

Bauchfell, Nachbehandlung von Kriegserkran- 
kangen des Magenkanals and des — 710. 

Bauchhöhle, Resistenz der — gegen septische In¬ 
fektion 142. 

Baachmnskellähtnungen bei Heine-Medinscber 
Krankheit (Poliomyelitis anterior acuta) 1051. 

Bauchschuß. Krankengeschichte 1032. Operative 
Heilung eines — durch freie Netztransplan¬ 
tation 1032. Seltener Verlauf eines — 285. 

Bauchschüsse 1, 169, 599, 679, 685, 980. 1141. 
Behandlung der — 439. Behandlung der — 
mittels komprimierenden Verbandes 546, 763. 
Kasuistischer Beitrag zur operativen Behand¬ 
lung der — im Kriege 1085. Prognose und 
Behandlung der — im Kriege 434. 463. Kurze 
Bemerkung zur Statistik der — 698. Richt¬ 
linien für die Notwendigkeit dos Eingriffs bei 

- 227. Zwei — mit extraperitonealer Darm¬ 
verletzung 709. 


Bauclischußverletzungen im Felde, Behandlung der 
1010, 1032. — Kriegschirurgiacher Brief 
1140 Pathologie und operative Behandlung 
der - 1141. 

Baachtyphns, Bedeutung der ersten Krankheits¬ 
tage für den Verlauf des - 1083. Spezifische 
Therapie des — 289. Yaccinetherapie des — 


Hauchrerletzungen. Kasuistik der stumpfen — 
1217 Nachbehandlung der - im Kriege 1034. 

Recken s. Subinfektion. 

ttkengegend, Extensionsverband bei Verletzungen 

telorderungsart Kranker und Verwundeter mittels 
Seilbahn 948. 

'fruchtung. Beitrag zu den Versuchen künst- 
“eher - heim Menschen 374. 
aarung, Ein hall von allgemeiner — mit hetero- 
toger Pubertas praecox bei dreijährigem Mäd- 
dieu (Hirgutismus?) 227. Starke - und Akro- 
megalie 260. 

Herstellung einer einfachen — 


/ehelfstnge für den Schützengraben 871. 

*’?: Erfahrungen über die Benutzung des künst- 
Khcn — 40o. Sitz des künstlichen — 734. 
■ utzpunkt. des künstlichen — am Becken 
— s. Thermanalgesie. 

Uln * s. .Streckt,ehandlung. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Beinprothesen 287. 

Beischlaf, Wann ist der — befruchtend? 1216. 

Benedikt, Moritz 728. 

Benegran, Neue JWundbehandlung mit -- 1058. 

Beniform s. Vaginalkatarrhe. 

Benzin, Vollkommener Ersatz des — durch Car- 
bonum tetrachloratum in der Chirurgie 166. 

Benzol, Experimentelles zur Wirkung des — 461. 

Benzoldampf, Akute Vergiftung durch — 254. 

Benzolvergiftung. Chemische Diagnose der akuten 
- 1216. 

Berichtigung 1195. 

Berlin, Ans 27, 58, 85, 146, 290, 348, 378. 466, 
526, 606, 658, 686 b. 848, 876, 1118, 1172, 
1224, 1416 b. Arbeiten aus dem Pharmazeuti¬ 
schen Institut der Universität —, herausge¬ 
geben von Prof. Dr. H. Thoms 1088. Kaiser 
Wilhelm-Gesellschaft in — 206. Das neue 
Langenbeck-Virchow-IIaus in — 931. 

Berliner Kriegsärztliche Abende 24, 53, 465. 793, 
875 , 956, 1036, 1062, 1364, 1390, 1432. - , 
Medizinische Gesellschaft 203, 232|, 262, 760, 
.846, 929, 985, 1091, 1143, 1278. 

Berufspflicht und militärischer Gehorsam 958. 

Besredkasclie Vakzine, Tvphusheilung mit der — 
289. 

Bessau (Breslau) 500. 

Bettlagerstellen, Herrichten von — und Heizungs- 
anlage im Feldlazarett 462. 

Bevölkerung, Bewegung der — in Oesterreich 
von 1871—1913 1278 b. 

Bewegungsapparat für aktive und passive Sprei¬ 
zung und Annäherung der Finger 1429. Nach¬ 
behandlung der Verletzungen des — 409. 

Bewußtsein, Pathologie des — vom eigenen 
Körper. Ein Beitrag aus der Kriegsmedizin 
655. Wechselseitige Beziehungen zwischen den 
Vorgängen des — und der Innervation des 
Gefäßsystems 960. 

Bewußtseinsproblem vom psychologischen, positi¬ 
vistischen , erkenntnistheoretisch - logischen, 
metaphysischen und biologischen Standpunkte. 
Von Bernhard Schulz 1247. 

Beckentnmoren, Heilung entzündlicher — mittels 
galvanischer Schwachströme 20. 

Biererzeugung s. Ernährungswesen. 

Bindehautdecknng im Kriege, Wert der — 1033. 

Bindehaut- und Tränensackentzündung, Eitrige 
— durch Mikrococcuä catarrhalis 1416 a. 

Bindegewebsveränderungen, Die — in Plasma- 
kulturen 169. 

Bindegewebe, Ueber Stoffe, die das — zum Wachs¬ 
tum anregen 761. 

Biologischer Unterricht an den bayerischen 
Gymnasien und die neue Schulordnung 81. 

„Biozyme-Bolns“. Erfolge des — in der gynäko¬ 
logischen Praxis 20. 

Birnbacher A. (Prag) f 412. 

Blase, Neues direktes optisches Meßverfahren zur 
Messung von Fremdkörpern und Neubildungen 
in der — 981. 

Blasenektopie, Operative Behandlung und Heilung 
der totalen — 312. 

Blasenkrebs, Ein Wort für die ausgedehntere 
Operation bei — 315. 

Blasen- und Nierenkrebs 1011. 

Blasenmole, Retinierte — mit subchorialen Häma¬ 
tomen 1115. 

Blasen papillom 146. 

Blasenruptur, Extraperitoneale — und deren 
chirurgische Behandlung 315. 

Blasenschuß, Ein bemerkenswerter Fall von — 
198. 

„Blasenschwäche“, Sogenannte — bei Soldaten 
(nach Beobachtungen in der Festung Przemysl) 
1085. 

Blasenspülung, Chininlösung zur — 600. 

Blasenstein durch Inkrustation einer eingewan¬ 
derten Seidenligatur. Bemerkungen zur Frage 
„Seide oder Katgut?* 900.^ 

Blasensteine bei einer Frau 1359. 

Blasen- und Mastdarmverletzung, Schw ere — mit 
sehr günstigem Ausgange 1189. 

Blasenverletzang, Bemerkenswerter Fall von — 
mit gleichzeitiger Harnröhrenzerreißung durch 
Granatsplitter 1033. 


Blastomycosis america Gilchrist, Gelungene Ueber- 
tragungsversuche der — auf Kaninchen und 
Affen 437. 

Blattern, Statistischer Beitrag zu den Erfolgen 
der Schutzimpfung gegen - 245. Wesen und 

Wert der Schutzimpfung gegen die — 374. 

Blatternbehandlang, Neue Methode der — 844. 

Blatternepidemie, Beobachtungen bei der 1360. 

Blatternerkrankungen in Wien 526. 

Blatternimpfung, Beobachtungen hei der - 1411. 

Bleikranke, Behandlung — im galvanischen Zwei¬ 
zellenbad 788. 

Bleiobstipation, Hormonalbehandlung der — 573. 

Bleivergiftung, chronische, unter dem Bilde des 
erworbenen hämolytischen Ikterus 791. 

Blendungserscheinungen im Felde 1272. 

Blepharochalasis 1302. 

Blinddarmentzündung im Felde 491. 

Blinddarmoperationen, 100 Fälle von — 1116. 

Blinde Soldaten als Masseure 1059. 

Blinden massage 1167. 

Blut, Einfluß der Ernährung auf das -- 1034. 
Gehalt an Aminosäure im — und der Spinal¬ 
flüssigkeit bei syphilitischen und nichtsyphili¬ 
tischen Personen 494. Gerinnungsfaktoren des 
Hämophilen — 20. — s. Granulation. — s. 
Harnsäure. Ueber den extrakardialen Kreislauf 
des — vom Standpunkte der Physiologie, Patho¬ 
logie und Therapie. Von K. Hasebroek 764. 

— als Nahrungsmittel 707, 959. — s. Reststiek- 
stoft'. Untersuchung des — gegen Typhus ge¬ 
impfter Personen auf Agglntinine bei Typhus¬ 
verdacht 570. 

Blutalkaleszenz. Klinische Methode zur Bestim¬ 
mung der — 219. 

Blutbild, Beeinflussung des weißen — durch Jod 
(Bemerkungen zur Arbeit von Hans Frey) 1386. 

Blutdruck, hoher, und seine Behandlung durch 
Muskelerschlaffurig 1331. — in der allgemeinen 
Praxis 1113. — in der Schwangerschaft 574. 

Blutdrucksteigerung als Objekt der Therapie 
1035. 

Blutersatz 547. 

Blutgefäßdefekte, Ersatz von — durch Fettgewebe¬ 
läppchen 574. 

Blutgefüßgesehwulst. Seltene — des „Sol um 
Unguis“ 601. 

Blutgefäßsystem, Frühzeitige Verhärtung des arte¬ 
riellen — (Atlieroskleroais praecox) 1135. 

Blutinfektion, Behandlung der — 1300. 

üiutknötchenkrankheit 945. 

Blutkörper, Zahl und Formen der weißen — beim 
Fleckfieber 1166. 

ßlütkörperzählapparat, Neuer — 841. 

Blutkörperchenzidihing uud Differentialkammer- 
färbung 1166. 

Blutkrankheiten. Funktionelle Diagnostik der — 10. 

Blutkreislauf, Beziehungen zwischen endokrinen 
Drüsen und — 1412. Erprobung der Wirk¬ 
samkeit des kollatcralen — vor Verschluß einer 
der großen Arterien 172. 

Blutleere, Neue Methode der künstlichen — 651. 

Blutlymphocytose als Zeichen konstitutioneller 
Störung bei chronischen Magenkrankheiten 574. 

Blutproben bei Kaninchen, Sehr schnelle Methode 
zur Entnahme von — 980. 

Blutserum, Cholesteringehalt des menschlichen — 
681. Vorkommen und Nachweis von Pepsin 
im - 374. 

Blutstillung durch thrombokinetische Muskelwir¬ 
kung 1102. Die — auf dem Schlachtfelde 402. 

Bluttransfusion, Nene, sehr einfache Methode der 

— 651. Einfache Technik der arteriovenösen 

- 1300. 

Blutung s. Kleinhirnhemisphäre, 

Blutungen, Seruminjektionen bei septischen — 81. 
Subendokardiale— im Bereiche des Atrioventri¬ 
kularbündels 286. Intrakranielle — des Neu¬ 
geborenen 1331. 

Blutuntersuchnngen, Klinische — bei der gynäko¬ 
logischen Tiefentherapie 760- 

Blut Veränderungen unter dem Einflüsse von 
KTämpfen 53. — bei Tumormäusen 646. 

Blutzellen, Antigene Wirkung sensibilisierter und 
nichtsensihitisierter — und Tvphushaktericn 
979. 

Blutzucker s. Muskelarbeit. 


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Original fro-m 

UMIVERSITY OF IOWA 



VI 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Blulzuckerbestimmungen in kleinsten Blutmengen 
80. — (Ivar Bangs Mikromethode) bei Diabe¬ 
tikern und ihre klinische Bedeutung 109, 405. I 
Bodenbakteriologie, Neuere Untersuchungen über 
— und die den Luftstickstoff assimilierenden 
Bakterien 894. 

Boecksches Sarkoid mit Beteiligung innerer Or¬ 
gane 1168. 

Böhmen, Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher 
Aerzte in — 24. 52. 

Bogengangapparat, Anatomie des —. Lieber einen 
Fall von Angiom des Nasenflügels 601. 
Bolus-alba-Blut-Tierkohlen-Behandiung, Kombi¬ 
nierte — diarrhoischer Prozesse 405. 
Bolustherapie bei infektiösen Darincrkrankungen 
und Cholera asiatica im Licht experimenteller 
Forschungen 375. 

Bonn, Nicderrheinsche Gesellschaft für Natur- 
und Heilkunde in — 233, 377, 410, 821, 1116. 
1251. Kriegsärztliche Abende in — 410. 
Boroformiat, Einfluß von — auf pathogene Bak¬ 
terien 650. 

Bouillonprobefrühstück, Leber das Mintzsche - 

1004. 

Boykottierung der österreichischen und deutschen 
Kur- und Badeorte durch die Küssen 206. 
Brassd, Kriegsärztliche Abende in — 630. 
Brechdurchfall, Behandlung des — und der ruhr¬ 
artigen Erkrankungen im Säuglingsalter 1112. 

— der Säuglinge und seine Behandlung 955. 
Breslau, Schlesische Gesellschaft für vaterländische 

Kultur in — 4505, 1145, 1251. 

Brieger 0. (Breslau) f 412. 

Broadbentsches Zeichen, Falsches — 791. 
Bromodermaherde 438. 

Bronchialsteine, Lungengangrän bei -- 872. 
Bronchien s. Trachea. 

Broncholithiasis, Fall von — 763. 

Brot und seine Eigenschaften 626. Farbenana¬ 
lyse des — 283, 767. — in Kriegszeiten 982. 
Mikroskopische Untersuchung des — 1037. 
Brotbeutelträger als Verbandmittel 709. 

Brotersatz, Zur Frage des - 816. 
Brown-Sequardsche Lähmung mit Lähmung des 
Ilalssympathicus n h Schußverletzung 602. 

— vorübergehende Lähmung nach Schuß Ver¬ 
letzung 83. Beitrag zum Symptomenkomplex 
der — 48. 

Bruch, eingeklemmter s. Wurmfortsatz. 
Brachbehandlung, Operationslose — als mittelbare 
Todesursache 613- 

Bruchenden, Apparat zur Geraderiohtung stark 
verschobener — 875. 

Brüche, Neuer Verband bei — der unteren Extre¬ 
mität 896. — des Ober- und Unterschenkels 
s. Streckapparat. 

Brücke s. Herderkrankungen. 

Brünn, Aerztlicher Verein in — 901, 984. 

Brüssel, Der deutsche Chirurgenkongreß in -- 500. 

Bericht über den Kriegschirurgeutag in — 524. 
Brunnen im Kriege, Schnelluntersuchungen und 
provisorische Verbesserungen von - 283. 
Brustdrüse, Uarcinom der männlichen — 1300. 

Brustdrüsenentzündung, Verhütung der -- 681. 
Brustdrüsensekretion, Pathologie der — 1070. 
Brustfelleiterung, Behandlung der — mit Spül¬ 
drainage 649. 

Brustkind s. Laktasurie, chronische. 

BrustkorV>, Behandlung der Verletzungen des — 
und seiner Organe in den Heimatlazaretten982. 
Verletzungen des — 685. 

Brustkrebsoperation nach Rodmann 50. 
Brust-Lungenschüsse und ihre Komplikationen 521. 

P>rastmark s. Thermanalgesie. 

Brustschuß, Eigenartige Krankheitsentwicklung 
nach verheiltem — 1216. 

Brustschüsse 94, 440, 604. Beurteilung und Be¬ 
handlung der — 1299. 

Brustverletzungen, Uhirurgische Behandlung be¬ 
stimmter Formen von — im Felde 749. — 
s. Hämothorax. 

Brustwirbelsäule, Fremdkörper vor der — TU. 
Bruyores, Kriegschirurgischer Abend der .Sanitäts¬ 
offiziere des VII. deutschen Res.-Korps zu — 
(Frankreich) 204, 440. 

Bubonen, Behandlung dev venerischen mit 
Röntgenstrahlen 1216. 


Budapest, Aus — 58, 263, 348, 412, 466. 550 
986a. 1092, 1118, 1146, 1172, 1278b, 1390b. 
1436. Königliche Gesellschaft der Aerzte in 
^32, 289, 1222, 1277, 1363. Kriegschirurgi¬ 
scher Abend im k. k. Garnisonspitale Nr. 16 
in 145, 203. Kriegschirargische Abende in 
84, 317, 376, 464, 548, 712, 1013. 

Bulbärparalvse, apoplektiforme 1220. Traumatisch 
entstandene - im fünften Lebensjahre 258. 

Bülbus, Fremdkörper im <103. 

Bursa! 788. 


I'alcaneus, Kompressiunsfraktur des als typische 
Seekriegsverletzung 1287. Modifikation der 
Klappschen Drahtschlingenextension am — 
1360. 

Calcariurie der Kinder 107. 

Callusbildung naeh Knochenverletz angelt 254. 

Uallusoperationen 1106 . 

Calvc-Perthe^sche Krankheit, Fünf Fälle der - 
284. 

Campher. Anwendung des synthetischen 

Untersuchungen über die Wirkung des künst¬ 
lichen 432. 

Camphertherapie mit künstlichem Campher 405. 

(Jampherwein in der Wundbehandlung 788. 

( apillardrainage. Neue Beliandlungsmefliode von 
Verletzungen größerer Gefäße und Aneurysmen 
mittels und breitester Vereinigung der 
Wundflächen 752. 

Uapitulum ulnae s. Luxation. 

Uarcinom der Bartholinschen Drüse 734. Amino- 
lytisclies Ferment im Mageninhalt bei 872. 
Zur familiären Häufung des 193. . Sy¬ 

philis und Tuberkulose 50. 

Carcinoma flexurae lienalis 986. 

< arcinoma vulvae, Pathologie des 1115. 

Carcinomdiagnose mittels des Abderlialdenschen 
IJialysjenerfalireus 20. 

Can.inome of the Breast. Extension of tlie Limit 
of operabiüty of rccurrent 872. 

Uarcinome s. Tiefenbestrahlung. Verhütung von 
Nebenbeseflidignngen bei der Behandlung tief¬ 
liegender und tiefgreifender mit Radium 
und Mesothorium 1166. 

Careinomoperation, Erweiterte vaginale 1218. 

Uarnesarm, Ueber die dem Willen des Trägers 
unterworfene Hand des 1432. 

Carotis communis. Aneurysma arterio-venosum der 
und V. jugnlaris 1*361. Naht einer Schnitt¬ 
wunde der 113. Unterbindung der nach 
Schußverletzung 523. 

Carotis interna, Aneurysma der 1413. — s. 
Ohrensausen. 

Carotis, §ehußverletzung der 762. 

Cauda equina, Beitrag zur Lehre von den Erkran¬ 
kungen der — 710. Selmßverlctzung der — 
256. Wirbelschuß mit Verletzung 4er 575. 
„Zerrungssvmptom“ bei Erkrankungen der 
- 1112 . 

Caudatumoren unter dem Bilde der Neuralgin 
ischiadica sive lurnbosacralis 818. 

Cavetel 466. 740. 

Celluloidfensterverbände, eine neue Verwendung 
für Celluloidplatten 627. * 

Cclluloidplatten s. Schädeldefekte. 

Cenfralncrvensystem s. Wassermannsche Reaktion. 
Kriegsbeschädigung des — und soziale Für¬ 
sorge 1059. — s. Syphilis. 

Cephaloskopie, Methoden der — und Cephalo- 
metrie bei Epileptikern 1273. 

Ccrebellare Svmptomenkomplexe nach Kriegsver¬ 
letzungen 1194. 

Cerebral Störungen, Ditferentialdiagnose zwischen 
arteriosklerotischen und urämischen — 1112. 

Cerebrospinalflüssigkeit und die Wirkung der 
Lumbalpunktion beim Delirium potatorum 433. 

Cheilitis glandularis apostematosa, Ein Fall von 
734 ’ 

Chemie, Erfolge der pharmazeutischen - in neu¬ 
erer Zeit 573. Physikalische — der Zelle und 
der Gewebe. Von R. Höher 316. 

| Chineonnl als Wehonmittel Hin. 


Chinin oder Optochin gegen Pneumonie 196. 

Chininlösung zur Blasenspülung 600. 

Chirurgengruppe, Erfahrungen einer — im öster¬ 
reichisch-russischen Feldzug 1914 45 435 463 
492, 572. 

Chirurgie. Handbuch der praktischen —, vierte 
umgearbeitete Auflage von P. v. Bruns, 
C. Harri*, H. Küttner 436. Der Kontrast zwi¬ 
schen der — im Bürgerkrieg und derjenigen 
im jetzigen Kriege 763. — s. Indikationsstel¬ 
lung. Plastische — (korrigierender und pallia¬ 
tiver Ersatz) in der Behandlung maligner Neu¬ 
bildung 789. Praktikum der Von 0. 
Nordmann 375. Verbindung von — und 
Orthopädie als erste Trägerin sozialer Kriegs¬ 
verletzten fürsorge 816. Verwendung von Silber¬ 
plättchen in der — 546. 

Chirurgische Erfahrungen, Einige neuere — 1299. 
Interessante — Fälle 25. — Gesichtspunkte 
für das Feldlazarett auf Grund bisheriger Er¬ 
fahrungen 939. Sterilisierung und sterile Auf¬ 
bewahrung — Instrumente im Kriege 214. 
— Tätigkeit einer Infanterie-Divisions-Sani- 
tätsanstalt 871. — Tätigkeit in der belagerten 
Festung Przemvsl 1126. Ein — Kuriosum 
227. 

! Chlor s. Trinkwassersterilisierung, 
i < hlordesinfektionsverfahren. Beschaffung von keim¬ 
freiem Oberflächenwasser im Felde mittels des 
I - 462. 

I Chlorkalk s Trinkwassersterilisation. 

Chlornatriuin und Chlorcalcium als Antihvdrotika 
1329. 

; Chlorcalciumkompvetten 816. 

j Chlorkalk-Bolus alba, Erfahrungen mit dem bil- 
! ligen Wundstreupulver — 650. 

; Chlorose. Zur Pathogenese und Symptomatologie 
j der — 69. 

| Chlortorfkissen als antiseptische Verbamlstott- 
j spaicr 108. 

i Choane s. Tnberkulom. 

Cliolaskos nach Schuß durch die Leber 169. 

Oholelithiasis, Behandlung der -- mit Aphloin 
nebst einigen Bemerkungen über die Vorteile 
der Leheruntcrsücliung beim stehenden Pati¬ 
enten 954. 

Cholera 23. Behandlung der — mit Tierkolde 
573. s. Dysenterie. Epidemiologie und Be¬ 
kämpfung der — 573. — s. Impfstoffe. Merk¬ 
blatt über die Schutzimpfung gegen die — 
1224. Kombinierte Schutzimpfunggegen Typhus 
und 1359. Zucker in fusionen bei — 1301. 

Cholera asiatica 82, 83. 1318. — s. Bolustherapie. 
Epidemiologie der — 761. Pathologie und The¬ 
rapie der 199. Therapie der — 1061. 

Cholerabacillenträger und ihr epidemiologische 
Bedeutung 871. 

Choleradiagnose, bakteriologische 1166. Bakterio¬ 
logische — unter besonderer Berücksichtigung 
der von Aronson und Lange neuerdings an¬ 
gegebenen Choleranährböden 1271. Eine neue 
Methode der bakteriologischen ~ - 1032. 1083. 
Neuer Nährboden für die — 1110. 

Choleraelektivnährboden, Fleischnatronagar als - 
709. 

Cholerafrage 199. Beitrag zur - 650. 

Choleraimpfphlegmonen 158. 

Choleraimpfstoff, Vereinfachung und Verbilligung 
der Herstellung von — 732. 

Cholera- und Typhusimpfstoff. Keimgehalt von 

— 897. Technik der Herstellung vo n — 1(X)9 

Choleramassenuntersuchungen 1385. 

Choleraschutzimpfung 314. — im Balkankrieg 

(1913) 733. Wert der -- im Felde 373. 

Cholecystitis typhosa. Nekrotisierende — 1358. 

Cholestearin , Bedeutung des — für die Ent¬ 
stellung der Riesenzellengeschwülste der Sehnen 
und Gelenke 226. 

Cholesteatom. Einbruch eines — von oben her 
ins Labyrinth. Abgrenzung durch Knochen- 
ncubildunu. Kompensation. Radikaloperation 
792. 

Choleval, Erfahrungen mit dem Antigonorrhoicurn 

— 1428. —- in fester, haltbarer Form 1140. 

( 1 londrodystroph i e 1302. 

Chylopncumothorax durch Schußverletzung nebst 
Bemerkungen über Lnngensehüsse 1386. 


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UNIVERSUM OF IOWA 




INHALTS-VERZEICHNIS. 




ibekäropfnng mittels — 1240. 
inparat, Erscheinungen am — in der 
■ko.tvaleszenz 953, 989. Typhus und 

S törungen. lieber die durch fl Shoek- 
^fpeugten — 1009. 

i (Merck», ein neues Röntgenkontrast- 
7M(). 

9. Stützung.*»- und Extensionsapparat. 

»Ampallen. Ersatz der — durch deutsche 
■ l (MBKr 921. 

Sstschrift znr Feier des zehnjährigen Be¬ 
ns der Akademie für praktische Medizin 
1429. 

ColHit snpporativa und Ulcus chronicum recti 
1301. - ulcerosa 21 , 570. 
i »den (tacendcns, Darmstenose im — 1278 a. 
fi.lw?nuu. Ist — das unreife Sekret einer in- 
snftkieüten Mamma ? 41. 

«ombaslin ( Winter) 198. 

i tunmoiio cerehelli et labyrinthii durch Fernwir- 
kung 1183. 

»...nception, Zeitpunkt der — und die Dauer der 
Schwangerschaft 1273. 

ibnceptionsbeförderung, Frage der — und der 
Eheschließung bei Nerven- und Geisteskrank¬ 
heiten SO. 

i.ondvlomata acuminata, Beitrag zu den — 1860. 
i ^inlnsio ahdominis (Hufschiag), Ruptura intestini, 
Peritonitis. Heilung 462. 

' oolidge-Rohre der A. E. G. 760. 

' "met (Berlin) t 412. 

Ojrnu cataueum 437. 

<orpns luteum, Pathologie des — 1115. Sym¬ 
ptomatologie der — -Cysten 763, 1115. 

1 "rypinol. Schnupfen mittel 1056. 

Cramerschienen zur Mobilisierung versteifter Ge¬ 
lenke 651. Verwendung der — zu Extensions- 
rerbänden 651. 

' ntis verticis gyrata 1334. 

1 yclupie. Kasuistik der — mit Rtisselbildune 
1110 

* y'te der linken Großhirn hälfte, Operativer Ein¬ 
griff bei — 199. 

1 )'ten, \ersclhedene kleine — der metacarpalen 
Knochen nach einem Trauma und deren klini¬ 
sche Erkennung 315. 

1 J^oid. Das perineale — hei Mensch und Tier 312. 


Ifodpappe zur Fenstern« g von Verbänden 106( 
Dammnaht 681. 

Dampfdesinfektion großer Räume 1167. 
Ihmpfdesinfektionsapparate und „Entlausungsan 
staiten* im Felde, Improvisation 447. 

\' m • ^ ef)er Kohlenstaubsblagerungen ini — 1032 
'^Erkrankungen 497. Akute - im Feld um 
ihre Behandlung, insbesondere mit Huprarenii 
1. ~~ s - Bolastherapie. Behandlung rohr 
wtpier - nut Papaverin und Jodtinktnr 336 
Kahrähnliehe — 19“. 

I-arminfektionen, Bakteriologische Erfahrungen be 
Lntereachongen an — leidender Soldaten 637 
armkatarrh, AUium sativum als Therapeuticun 
hei chronischem und akut infektiösem — 926 
Jr n»Tdnkheiten. Klinische und experimentelh 
Untersuchungen über die Wirkung von Alliun 
Mtivum und daraus dargestellten Präparater 
'Mlpnent bei infektiösen — 114], 
iriLhpome. Kasuistik der inneren — 1059. 

1 ^Perforation, Diagnose der - mit Hilfe dei 
t'Witgendu rchleuditung 1032. 

^mruptor. Ein Fall von ausgedehnter — in folgt 
Preßluft 344. 

Trie ^ 8 ‘> 3 ^ rat ' Ve Behandlung der — im 

'|arn»,teno äe { m c 0 ln„ descendens 1278 a. 
rjüraktiLs. Irrigation, Transinsufflation und 
»i’tta'isation des - vermittels des Duodenal- 
rohn 1087. 

^mverletzung. eigenartige 1329. 

'Verletzungen, Ketroperitoneale — durch 

■irnner>chluß. Klinik. Diagnose und Therapie 
,,f • mesenterialen — im Kindesalter 642. 


vu 


Dauermarken. Individuelle - für die elektrische 
Behandlung 953. 

Daumen s. Prothesen. 

Daumenersatz, Beitrag zur plastischen Operation 
des — 1410. 

Decubitus bei Anschluß an den Partus 1142. — 
und Dauerbad 82. 

Deformitäten. Prophylaxe der — 1359. 

Delirium tremens. Eine morphologische und che-^ 
mische Studie über die doppelbrechenden Fette 
in den Nebennieren bei — 315. Behandlung 
des — mit Veronal 107. — s. Fette. 

Dementia praecox, körperliche Frühsvmptome der 

— 104, 134. 

Demographie, Soziale Hygiene und — 430 , 840. 

Dermatitis herpetiformis Düring 261, 1220. 

Dermatologe, Kriegsaphorismen eines — 312, 402, 
570, 598, 678, 731, 760, 815, 841, 951, 1008, 
1165, 1192, 1215, 1244, 1271, 1298, 1328, 
1383, 1409. 

Dermatologie der Alten 1114. — Mittels des Ab- 
derhaldenschen Dialysierverfahrens gewonnene 
Ergebnisse auf dem Gebiete der — 462. 

Dermatomykosen, Einige allgemein-pathologische 
und therapeutische Probleme auf dem Gebiete 
der — 709. 

Dermatosen, radiologisch behandelt 1220. 

Dermoidanlagen, echte Multipiizität der — 1012. 

Dermoide, multiple — 1012. Multiple — der 
Ovarien 1274. 

Dermoidzyste, Vollkommen abgeschnürte — des 
linken Ovariums 821. 

Desinfektion, Ueber —, Narkose, Anästhesie und 
Nachbehandlung bei chirurgischen Eingriffen. 
Von 0. Klauber 819. — s. Gefangenenlager. 

— der Eisenbahnpersonenwagen 141. — mit 
nascierendem .Jod 18. — bei Kriegsscuchen 21. 

— des Operationsfeldes mit Jodtinktur oder 
anderen Arzneimitteln 284. — kleinerer Trink¬ 
wassermengen durch chemische Mittel 1259. 

Desinfektionsapparat, Behelfsmäßiger — fürs 
Feld 1384. Ein improvisierter - für den 
Feldlazarettbetrieb 435. 

Desinfektionskraft. Steigerung der — bei Ab¬ 
nahme der Giftigkeit in der Carbolreihe 1139. 

Desinfektionsverfahren s. Formaldehyd. 

Detonationslabyrinthosen 1085. 

Detonationsschwerhörigkeit. Zwei Fälle von — 

928. 

Diabetes der Alternden 163. Diabetes, Beitrag 
zur Kasnistik des renalen — 48. — und 
Magenektasie 260. — nach Trauma 458. N or- 
stufe des — 17. — s. Glykosurie. 

Diabetes insipidus, Beziehungen des — zur Hy¬ 
pophyse und seine Behandlung mit Hypo- 
physenextraxt 1384. Feber einen mit Hypo- 
pkysin-Höchst erfolgreich behandelten Fall 
von — 1083. Dystrophia adiposogenitalis und 

— 1276. — mit Pituitrin behandelt 1332. 

— nach Schädel Verletzung 915. — wahrschein¬ 
lich hypophysären Ursprungs 790. 

Diabetes mellitus, Exanthem bei 437. Behandlung 
des — im F'elde 491. Behandlung des - mit 
Kulturen von Milchsäurebakterien 600. — 
chronische myeloische Leukämie und mul¬ 
tiple leukämische Hautinfiltrate 287. — 
im Anschluß an Yaccination 303. — «■ Ge¬ 
hörorgan, — und Impfung 490, 650. 

Diabetiker s. Blutzuckerbestimmungen. Keramose 
(Merck) für — und Kinder 254. 

Diabetische Konstitution, Vererbung der — 681. 

Diagnosenstellung bei Kriegsverletzungen 1429. 

Dialysiermethodc, Abderhaldensche 733. 

Dialvsierverfahren von E. Abderhalden 110. Mittels 
des Abderhaidenschen — gewonnene Ergeb¬ 
nisse auf dem Gebiete der Dermatologie 462. 
Bedeutung des — nach Abderhalden für die 
Psychiatrie 1140. 

Dialysierversuche mit der von Pregl vereinfachten 
und modifizierten Methode von Abderhalden 
und die klinischen Befunde 110. 

Diarrhöen, Behandlung von gastrogenen — mit .Salz¬ 
säure-Tierkohle 1273. Behandlung der — 872. 
Ueber irastrogene — bei Ruhrrekonvalcszenten 
652. 

Diät und Diätotherapie von C. A. Ewald 463. 


Diathermie 845. Allgemeine — (Kondensatorbett) 
845. Anwendung der — 564. Anwendung der 

— bei der Behandlung der Kriegsverletzungen 
und der Kriegskrankheiten 521. — in der 
Chirurgie, bei Haut- und Geschlechtskrank¬ 
heiten 846. — in den Lazaretten 521. Lokale — 
845. — und ihre Kombination mit Ultravio¬ 
lettbestrahlung und anderen Heilmitteln 228. 

— s. Wundeiterungen. 

Diathermieschädigungen und ihre Verwendung 
durch den Pulsator unter gleichzeitiger Er¬ 
höhung der therapeutischen Wirkung 870. 

Diazoreaktion, Urochromogenreaktion und — 1193. 

Dickdarm, Bildungsfehler des — 24. — s. Lympho¬ 
sarkom. 

Dieudonnö-Agar. Bereitung des - mit Hilfe eines 
Blutalkali-Trockenpulver3 489. 

Dienstfälligkeit und Rentenfrage bei nervenkranken 
Soldaten 1428. 

Differential kam merf ä rbun g, Blutkörperzähl un g 

und — 1166. 

Digifolin, Beitrag zur Therapie des — 972. 

Digifolin-Ciba, Erfahrungen mit — 1058. 

Digitalistherapie 316. 

Delirium potatorum s. Cerebrospinalflüssigkeit. 

Diogenal, Klinische Erfahrungen mit —, einem 
neuen Beruhigungsmittel 952. Unsere Erfah¬ 
rungen mit — 679. —, neues Sedativum und 
Hypnotikum 343. 

Diphtherie, Behandlung der — 1059. Lokale Be¬ 
handlung der — mit Tribrom-j5-Naphthol 
(Providoform) 1193. Scharlach und — in 
ihren Beziehungen zur sozialen Lage 731. 
Ueber Entgiftung von -- und Tetanotoxin 
372. . . , 

Diphtheriebacillen, Nachweis von — im Origiual- 
tupferausstrich 1158. Vorkommen von — in 
Herpesbläschen bei Diphtherie 403. Vorkom¬ 
men und Verbreitung von — im menschlichen 
Körper 403. 

Diphtheriebacillenträger, Znr Frage der soge¬ 
nannten — 403. 

Diphtheriediagnose. Bakteriologische — 870. Bei¬ 
träge zur — 570. 

Diphtheriekranke. Antitoxinbestimmung bei — 
vor und nach Heilseruminjektionen, mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung einiger Fälle mit 
relativ hohem Antikörpertiter 924. 

Diphtherie- und Tetanustoxin. Entgiftung von — 
372. 

Diphtherietoxinhautreaktion 789. 

Diphtherieuntersuchung, Ergebnisse der — mittels 
des Galleseruinnährbodens (v, Drigalski und 
Bierast) 1329. 

„Dispargen“, ein neues Silberkolloid 761. 

Distraktionsklammerverbände, Verwendung und 
Nutzen der — 875. 

Distorsionen 892. 

Diurese, Beeinflussung der — durch Hypophysen¬ 
extrakte 1083. 

Divertikel. Entzündung eines Meckelschen — 
(offenen Dotterganges) als Unfallfolge nicht 
anerkannt 621. 

Divertikelbildung am Magen, insbesondere über 
funktionelle Divertikel 872. 

Drainage des Ellbogengelenks 462. 

Drahtschienenverbände 1061. 

Drahtschlingenextension, Klappsche s. ( alca- 

[ neus. 

„Drosithvm Bürger“ 1081. 

Druckgipsabgüsse, Methode zum Abnehmen von 

— und zum Bau der Prothese mit genauer 
Orientierung zur Achse der unteren Extremität 
UH. 

Drüsen, Beziehungen zwischen endokrinen — und 
Blutkreislauf 1412. Implantation generativer 

— 82. 

Drüsentumoren 261. 

Ductus arteriosus post partum, Experimentelle 
Studie über die Zirkulationsverhältnisse im 
- 436. 

Dumdumgeschoß 767. Angebliche Giftwirkung 
eines — 562. Wirkung von — 578. — und 
ihre Wirkungen 649. 

Dumdumgeschoßverletzung 228. 

Damdumschußverletzung 629. 

Dumdum Verletzungen 115, 265, 847. 


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Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSUM OF IOWA 



VIII 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Dnmdumwirkung englischer Infanteriegeschosse, 
Röntgenologischer Nachweis der — 50. 

Daodenalrohr s. Darmtractns. 

Duodenalsonde zum Nachweis der Typhusbacillen 
in der Galle von Typhusrekonvaleszenten 1410. 

Duodenalulcus, Diagnose des — 626. Dnrchgebroche- 
ner — 1248. Perforierter — und Typhus 1415. 

Dünndarmkonvolut als großer, das ganze Abdomen 
aus füllender Tumor mit glatter Oberfläche 
1144. 

Duraplastik bei Rinnenschoß am Schädel 1246. 

Durchfälle, Behandlung der — im Felde 80. lieber 
den Zusammenhang von gutartigen — mit dem 
Genüsse schwerverdaulicher Nahrung und mit 
Abkühlung des Bauches 207. — s. Uzaron. 

Dymal 897. — s. Unterschenkelgeschwüre. 

Dynes Siegm. (Sarajewo) f 412. 

Dysenterie 901. Aetiologie und Therapie der ba- 
ciHären — 546. Aufgaben des Bakteriologen 
bei der bacillären — 681. Behandlung der 
akuten und chronischen — mit Allphen 1011. 
Behandlung der bacillären — mit Adrenalin 
462. Diätetische Behandlung der — 463. Fall 
von — aus unbekannter Ursache 1331. Beob¬ 
achtungen zur Klinik und Therapie der —, 
insbesondere der postdysenterischen und post- 
ulcerösen Polyneuritis 572. Gleichzeitiges Auf¬ 
treten von Typhus abdominalis und — 762. Kli¬ 
nik und Therapie der — 202, 260, 288, 407. — 
als Kriegssenche 21. Serodiagnostik larvierter 
Fälle von chronischer — 1058. Tetaniesym¬ 
ptome nach und bei — 818. Behandlung der 

— und Cholera mit Natrium stilfuricum 1061. 

— und Typhus 175. 

Dysenteriebacillen, Vorkommen von — in einer 
Pferdeschwemme 1141. 

Dysenteriediagnose, bakteriologische 1217. 

Dysenteriediagnostik, Fehlerquelle der bakteriolo¬ 
gischen — 1141. 

Dysenterieepidemie, Erfahrungen aus der letzten — 
227, 1141. 

Dysenterieerkrankungen der Kriegsverwundeten 
im Allgemeinen Krankenhaus Barmbeck 227. 

Dysenterie, Immunisierungsversuche gegen — mit 
Toxin-Antitoxingemischen 1D10. 

Dysenterierekonvaleszenten, Behandlung der — 
1035. Verhalten der Körpertemperatur bei — 
435. 

Dysenterische bzw. dysenterieverdächtige Fälle, 
Sechs — 53. 

Dysenterische Rheumatoide 286. 

Dysenterieserum und dessen Anwendung zu pro¬ 
phylaktischen und therapeutischen Zwecken 
1027. 

Dysenteriestämme, Variabilität von — der gali- 
zisch-russischen Epidemie (Herbst 1914) 762. 

Dysmenorrhöe, Medikamentöse Behandlung der — 
‘ 1086. 

Dyspepsie, Therapie der — im Säuglingsalter 1086. 

Dystrophia adiposogenitalis und Diabetes insipi- 
dus 1276. 


Eccema anale, Behandlung der Hämorrhoiden 
und des — 433. 

Eccema marginatum, Generalisierte Form des — 
343. 

Echinococcus als Geburtshindernis 1089. 

Edinger Ludwig zur Vollendung seines 60. Lebens¬ 
jahres 654. 

Ehe, Ist Tuberkulose ein Anfechtungsgrund für 
die —V 1364 b. 

Ehegatten, Gegenseitiges Alter der — und Kinder¬ 
zahl 1329. 

Eheschließung s. Wassermannreaktion. 

Ehrlich Paulf 986 a, 1085, 1141. 

Eigenblutbehandlung, Zur Methode der — 38. 

Eigenserum s. Typhus, 

Eingriff, Operativer — bei Heeresangehörigen 979. 

Ein offenes Wort an die Kollegen 1060. 

Eisenchloridtinktur, Lokale Anwendung von — 
bei dermatologischen Zuständen 764. 

Eisen-Elar8intabletten, Beitrag zur Verwendung 
von — 492. 

Eisen-Elarson, Bewertung des — 344. 


Eiterungen, Wirkung der Röntgenstrahlen auf 
langdanernde — 847. 

Eiweiß ans Luft. Die Bedeutung der Herstellung 
der sogenannten Mineralhefe 924. 
Eiweißbedarf, Deckung des — im Kriege 402. 

Nochmals der — des Menschen 312, 344, 372. 
Eiweißbestimmung, Diagnostische Bedeutung der 

— nach Salomon 1385. 

Eiweiß, Einfacher Apparat zur quantitativen Be¬ 
stimmung von — selbst in kleinen Mengen 897. 
Schnellmethoden zur quantitativen Bestim¬ 
mung von — und Zucker im Harn 1245. 
Eiweißkörper im Urin 1278 a. 

Eiweißüberfütterung und Basenunterernährung. 
Von C. Rose 736. 

Ekehornsche Operation des Mastdarmvorfalls bei 
Kindern 489. 

Eklampsie, Aetiologie der — 760. Behandlung der 
Schwangerschaftsniere und — 286, 575, 843. 
Behandlung der — durch den praktischen 
Arzt 1337. Therapeutische Beeinflussung der 

— 1223. 

Eklampsiebehandlung 982. 

Ekthyma, eine Kriegsderrnatose 627. 

Ekzem, Filtrierte Röntgenbehandlung des chroni¬ 
schen und subakuten — 544. — nach An¬ 
wendung von Pellidolsalbe 1085. Teerbehand¬ 
lung des chronischen — 521, 708. Teerbehand¬ 
lung chronischer nässender — 896. 
Ekzem-Hausendemie nach Vaccination 112. 
Elektrisation, Heißluftbehandlung, Diathermie, Bä¬ 
der 347. 

Elektrische Behandlung 319. 

Elektrizität für zahnärztliche Zwecke. Von G. Heber. 
Leipzig 1914 200. Die — im Dienste des Arztes. 
Mit zahlreichen Figuren im Text. Von Georg 
Heber (Ingenieur). Leipzig 1914 21. 
Elektrokardiogramme s. Herz. 

Elektromedizin, Moderne — in der Kriegstherapie 
495, 954, 981. 

Elektrotherapie, Ergebnisse der — 1913/14 492. 
Fortschritte der — im Jahre 1914 815. Was 

— heilt 789. 

Elektrotherapentische Improvisationen 1060. 
Elephantiasis nach Lymphangitis postdvsenterica 
199. 

Elephantiasis nostras, Bemerkenswerter Fall von — 

727. 

Ellbogengelenk, Drainage des — 462. Kontrak¬ 
turen des — nach Schuß Verletzung, durch Per¬ 
saasion gebessert 346. Zertrümmerung des 
rechten — durch ein Schrapnell 577. 

„Ellbogenscheibe“, Ein Fall von —, Patella cubiti 
1003. 

Emanation in der Dunkelkammer sowie das Ver¬ 
halten gegen die Wünschelrute 1413. 
Emanationen, Menschliche — und die Wünschel- 
. rute 1413. 

Emanationserscheinungen 230. 
Emanationsphotographien 174. 

Embarin, Behandlung der Syphilis mit — 457. 
Embolie s. Aortotomie. 

Emetinbehandlung bei Balantidiose 198. 
Empyembehandlung mittels Kanüle 980. 
Encephalolyse bei traumatischer Epilepsie und 
Cephalalgie 1246. 

Endoagar, Regenerierung des verbrauchten — 
1009. 

Endocarditis verrucosa, Aetiologie der — 49. 
Endokarditis, Typen maligner — 764. — und 
Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern 54. 
Endoskopie der Luft- und Speisewege, Direkte —. 

Von W. Brünings und W. Albreeht 1219. 
Energie, Leben und Tod. Von F. Tangl. Berlin 
1914 82. 

Energielehre der Blutgefäße von E. Hornberger 983. 
Enge G. A. (Wien) f 580. 

Englisch Josef (Wien) f 579. 

Enteritis als Feldzugserkrankung 630. Letal ver¬ 
laufende paratyphöse — 1360. 

Entlausung 573. — durch Heißluft 1329. — im 
Felde 843. Mittel und Wege zur vollständigen 
— 1410. 

Entlausnngsaktionen, Schutzanzug für — 259. 
Entlausungsanstalten, Anleitung zu Improvisation 
und Betrieb von kleinen und mittleren — 
I 776. Improvisation von Dampfinfektionsappa¬ 


raten und — im Felde 447. — s. Dampfdes¬ 
infektionsapparate. 

Entlausungs- un.d Entseuchungsapparat am 
Kranken- nnd Lazarettzage 680. 

Entlausungsmittel, Bericht über die bactericide 
Kraft des von Stabsarzt Dr. E. Eckert an¬ 
gegebenen — 600. Neues —, das Anisol 346. 
Wirksamkeit verschiedener — 407. 

Entlausungsofen, Untersuchungen an einem — 
842. 

Entlausungsverfahren durch Ammoniak 376. 
Neues — 600, 1061. Ueber die Unzulänglich¬ 
keit der bisherigen — 599. 

Entscheidung, interessante obergerichtliche 1336. 

Enukleation und Exenteration verletzter Augen 
im Felde 1246. 

Enuresis und ähnliche Blasenstörungen im Felde 
651. 

Eosin, Physiologie nnd Toxikologie des — 994. 

Eosinfärbung der Futtergerste 1403. 

Epidemie, Eigenartige — 1330. Fieberhafte — 
ungeklärten Ursprungs 930. Krankheitserreger 
und Verlauf der — 441. 

Epidemiespitäler, Drei mobile — 1224. 

Epidemiologie, Kurze Uebersicht über die —, 
die verschiedenen klinischen Formen (Cholera¬ 
diarrhöe, Choleragravis, Cholera siderans) 1273. 

Epidemiologisches 236. 

Epidemische Krankheiten, Kombinierte Infektionen 
mit — 314. 

Epididymis, Erkrankungen der — und des Hodens 
735. 

Epilepsie, Behandlung traumatischer — nach 
Hirnschußverletzung 344. Karotiden kompres- 
sion bei — nnd Hysterie 1330. Körperliche 
Kennzeichen der — 629. Militärärztlicbe 

Konstatierung der — 1141. — s. Babinski- 
sches Phänomen. — s. Encephalolyse. Unter¬ 
scheidung der genuinen — 1413. — vor dem 
Anfall Temperaturerhöhungen 1277. Wert der 
Flechsigschen Opium-Brombehandlnng bei der 

- 545. 

Epileptiker bei der Musterung 762. — s. Cephalo- 
skopie. 

Epipharynx, Ballontamponade des — 114. Carcinom 
des — bei einem 14jähr. Knaben 1332. 

Epistrophens, Durch eine Kngel ein großer Teil 
des — abgesprengt 548. 

Epitheliombehandlung durch moderne Bestrahlung 
1011. 

Epitheliome, Vorstufen und Haftstätten primärer 
multipler 96. 

Epithelzyste in der vorderen Gehörgangswand 874. 

Epitvphlitis, Leichte —- als Folge eines Streif¬ 
schusses 108. 

Erdinfektion und Antiseptik 981. 

Erfahrungen, Internistische — im ersten Kriegs¬ 
jahr 1416 a. — in der inneren Abteilung des 
Reservelazaretts in Bonn 410. 

Erfrierung 1362. Beitrag zur Pathologie der — 
315. Bemerkungen über — 435. — der Füße 
821. — der Füße nnd die Pathologie und 
Therapie der Erfrierungsgangrän 22 . Kalksalze 
gegen — 1428. — s. Kalksalze. Einiges über 

— und deren Behandlung 229. Therapie aller¬ 
schwerster Formen der — 712. 

Erfrierungen 201, 256. Behandlung der — 77, 
404. Behandlung von — 820. Behandlung 
schwerer — 404. Ichthyolvaselin bei — 1167. 
Praktische Erfahrungen zur Verhütung und 
Behandlung der — im Felde 170. Pathologie, 
Prophylaxe und Behandlung der — 1384. Pro¬ 
phylaxe und Therapie der — 172. Spätkom¬ 
plikationen nach — 709. Behandlung der — 
von Fingern und Zehen 404. W 7 asserdichte 
Faßbekleidung und — 522. 

Erfrierungefälle 201. 

Erfrierungsgangrän, Pathologie und Therapie der 

- 1194. 

Ergotismus convulsivus nach Genuß von schlechtem 
Brot 495. — und Tetanie 710. 

Erkältung s. Harnentleerung. 

Erkrankungen, Beziehungen zwischen körperlichen 

— und Geistesstörungen 689, 722. 

Erlebnisse in französischer Kriegsgefangenschaft 

1063. — nnd Eindrücke eines Kriegsgefangenen 
Schiffsarztes 1036. 


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IX 



INHALTS-VERZEICHNIS. 


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Erlebtes und Erstrebtes von K. H. Kisch. Stutt¬ 
gart 1914 £29. 

Ermüd nngsherzen im Felde 293. 

Krnälirun». Fleischamie —- auf dem Lande 899. 
Problem ansreichender — bei geringen Geld¬ 
mitteln in der Jetztzeit 605. - großstädtischer 
Arbeiter und der Eiweißbedarf des Menschen 
312. — des Kindes während des Krieges 
954. Duodenale — 1114. Einflnß der — auf 
das Blut 1034. Winke für die — im Felde 
-»72. Allgemeine Grundprinzipien der — im 
Kriege 1060. Neuere für die Physiologie und 
Pathologie der — wichtige Forschungsergeb¬ 
nisse und deren Bedeutung für die Praxis 


573. 

Ernlhrongsfragen 1142. Unsere — 1036. 

Erniihrungsphvsiologie des Säuglings, Grundlagen 
der — als Richtlinien für die praktische Diä¬ 
tetik 405. 

trnährangsproblem für Kranke während der 
Kriegszeit 1409. 

Emährimgsu esen und Biererzeugung, Kriegsbereit¬ 
schaft des — 344. 

Ernährungszustand. 281 erwachsene Menschen mit 
.centralnormalem u — 544, 570. 

Ernährung nnd Gesundheit des deutschen Volkes, 
Einfluß des Kriegs auf — 1176, 1204. Natür¬ 
liche — nnd Gewichtsverhältnisse von 10Ö 
Säuglingen der Osnabrücker Hebammenlehr- 
anstalt 650. — und Stoffwechselkrankheiten. 
Von F. Umber 1360. — von Verwundeten 
mit ausgedehnten Kieferzertrüminerungen 628. 

F.isatzgeiränke, Alkoholfreie — vom Standpunkte 
der öffentlichen Gesundheitspflege 483. 

Erschöpfung 525..' bei Kriegsteilnehmern 1330. 
- uiid Ermüdung 462. 

fcrsehöpfmigs- und Fieberzustände, Funktions- 
prüfang des Kreislaufs (speziell bei —) 1358. 

Erschöpfungszustände im Kriege, Polyneuritis als 
Begleiterscheinung nervöser — 6u2. 

Erratum 1252. 

Erweichende Behandlung 1193. 

Erysipel behandelt mit Diphtherieserum 926. Be¬ 
handlung des — mit Ichthyol 141. Beitrag 
zur Therapie des — des Stammes und der 
Extremitäten 926. Rezidivierendes — 1416. 
Therapie des — mit Jod-Guajacolglvcerin 
1032. 


tmhma induratnm liazin 231, 437. 

Erythema migrans 261. 

Erythema multiformc 437. 

Erythema nodosum in Verbindung mit Tuberku¬ 
lose oft. 


Erythema vasculosum, bisher nicht beschriebene 
Dermatose 1217. 

Emhn.vyh-n, Befund von — und Erythrocyten- 
t ylindern im Harne bei Keuchhusten vor Aus¬ 
bruch des spasmodischen Stadiums 1216. 
Erythpidennia, Brocq vor — 438. 

Erythrodermia exfoliativa 1220. 

Ert'nromelalgie. Ein Fall von — mit spontaner 
Gangrän 954. 

Essigsäure s. Verätzung. 

Ethik, Geschichte der medizinischen — 315. 
Ethmoiditis. Behandlung der - 1113. 

Eugenik 7K4. 

Eventratio diaphragmatica dextra 1861. 

Exanthem. akotes 901. — bei Diabetes mellitus 

Exhibitionismus. Kenntnis des — 964. 

Ixiistose, Eine freigewordene — im Bereiche 
d« knöchernen GeUörganga mit häutigem Stiele 

Uxperimente. um der Not an Kautschuk durch 
Benützung von Aluminium abzuhelfen 1250. 
\pkwonsgase von Geschossen, Vergiftung durch 
kohlcnoxydhaltige — 462. 
Exj'losivgfcschoßverietzong 630. 

■xpiosivwirkutig des Mantelgeschosses 433. 
tMtpiranon, Herzsystolisch-intermittierende - und 
negativer Brustpuls 283. 

i m Felde, Fixation und - 1085. 

A “Apparat für Uberschenkelfrakturen und 

i < n, 'kemnarksverlet zungen 121 1 . 

< yiMonslieliandlnng mit Mastisol 546. Verein- 
der - 898. 

E^Mon^ipsverlKiml 570. 


Extensionsschienen für Oberarmfrakturen 287. 
Suspensionsbehandlrng komplizierter Verlet¬ 
zungen der oberen Extremität, besonders des 
Humerus, mit — 1330 

Extensionsverband bei Verletzungen der Becken¬ 
gegend 286. — mit dem Heusnersohen Wund¬ 
firnis 523. Ein Gestell zum — 981. — mit 
elastischen Hülsen bei Frakturen des Mittel¬ 
fußes, der Mittelhand und der Phalangen 680. 

Extensionsvorrichtung für den Oberarm 230. — 
für Oberarmfrakturen 317. 

Extensor digitorum communis s. Interossealmus- 
kalatur. 

Extraduralabszeß nach akuter Otitis. Doppelter 
Durchbruch nach außen und Senkung in die 
Parotisregion. Operation. Heilung 1090. 

Extrauteringravidität, Eigenbluttransfasion bei 
und Uterusruptur 1358. 

Extremität s. »Schuß frakturen. 

Extremitäten s. Schiene. Alle vier — amputiert 
und trotzdem arbeitsfähig 524. 

Extremitätenverletzungen mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Infektion 126, 205. 

Extremitätenschußfrakturen, Lagerungs- und Ex¬ 
tensionsschiene für — 760. 


Fadenpilzerkrankung, ln Krankenkäusern epide¬ 
misch auftretende — der Haut (Ekzema mar- 
ginatum Hebrae) 1384. 

Faeces s. Phenolphthaleinreaktion. 

Fakultäten. Frequenz der österreichischen medi¬ 
zinischen — 442. 

Familienmagenkrebs 402. 

Faradopalpation; Arsofaradisation 762. 

Farbenanalyse des Brotes 283. 

Faacienlappen, Verhalten der auf operierte 
schußverletzte Nerven überpflanzten — 492. 

Fascienscheiden, Ersatz intermuskulärer — durch 
drei transplantierte Fascien 982. 

Fascilus centroparietalis s. Pyramidenbalm. 

Fasciculus corporis callosi cruciatus 818. 

Fasern, Neubildung der elastischen — in Haut¬ 
narben, ein Beitrag zur Altersbestimmung 
von Narben 286. 

Fazialislähmung 792. — s. »Syphilis. 

Fazialparese, Doppelseitige — aus unbekannter 
Ursache 1090. 

Febris ephemera, Ueber das gehäufte Auftreten 
einer ins Gebiet der sogenannten — gehörigen 
Krankheit bei den Truppen des Ostheeres 733. 

Federbänkchen, neue 1385. 

Federstreckapparat für Hand und Finger bei 
Radialislähmung 1273. 

Fehlgeburt, Kasuistik der — mit besonderer Be¬ 
rücksichtigung langdauernder Plaeeutarreten- 
tion 540. 

Feindesland, Aus — 412. 

Feindschaftsgefühle im Krieg 1112. 

Feldaborte 314. 

Feldarzt, Taschenbuch des —. 11. Teil. München 
1914 200, 

Feldbeleuchtung, Praktische — 651. 

Feldbett 1829. Neues — für Verwundete 898. 

Peldhettgestell, Neues, leicht zerlegbares — 898. 

Feldbrief an .Seine Exzellenz Herrn Geheimrat 
Professor Czerny 572. 

Feldheer s. Zahnärztliche Hilfe. 

Feldchirurgenkraftwagen, Neuer — 1306. 

Felddienst, Acht Monate — 1196. 

Felddienstfähigkeit. Fehldiagnose Lungentuberku¬ 
lose bei Beurteilung der — 884. —, Garnison¬ 
dienstfähigkeit und Dienstunbranehbarkeit 708. 

Feldtrage 80. 

Feldhygienisches 736. 

Feldklosett, Transportables — 1034. 

Feldlaboratorium, Bakteriologische Diagnostik im 

- 982. 

Feldlazarett, Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen 
beim — 508. Erlebnisse und Erfahrungen aus 
einem — 19. Erfahrungen allgemeiner Art aus 
einem — des westlichen Kriegsschauplatzes 
1104. Erfahrungen des 6 des VI. Armee¬ 
korps 461. 521. Erfnhrnngen im — 1194. 

— s. Kriegsehiriirgisclic Erfahrungen. Opera¬ 


tive Tätigkeit im — 256. Unser — zu H. . .. 
bei la B.. . . 600. 

Feldlazarettätigkeit, Chirurgische Hanptgesichte* 
punkte aus unserer bisherigen — 871. 

Feld-Nothilfs-Merkblatt für Heer und Marine. Von 
Otto Marcus 1302. 

Feldoperationstisch, Unser — 285. Verbesserter 
— nach Axhausen 843. 

Feldpostbrief, Aus einem deutschen — 930. — 
aus Polen 56. 

E’eldprosektur. Mit einem Nachwort von A. Weichsel¬ 
baum 546. 

Feldröntgenwagen 441. 

Fermentreaktiou, Weitere Erfahrungen mit der 
Abderlialdcnschen — 432. 

Fersenbein, Verwendung des — und der Knie¬ 
scheibe zur sekundären Stumpfdeckung nach 
Amputationen wegen Eiterung 817. 

Festschrift, dem Eppendorfer Krankenhause zur 
Feier seines 25jährigen Bestehens gewidmet 
von den Oberärzten und leitenden Aerzten der 
Anstalt 316. 

Fette, Morphologische und chemische Studie über 
die doppelbrechenden — in den Nebennieren 
bei Delirium tremens 315. 

E’ettembolie, Bedeutung der - für den Kriegs¬ 
chirurgen 996. 

Fettgehalt s. Milz. 

Fettgewebsläppchen, Ersatz von Blutgefäßdefekten 
durch — 574. 

Fettleibige, Diätetische Süßspeisenküche für — 734. 

Fettleibigkeit, und ihre Behandlung 257. 

Fettstoffwechsel der Zelle, geprüft an den Kett- 
Partialantigenen des Tuberkelbacillus 979. 

Fettsucht, Behandlung der- 1113. Bemerkungen 
zur Frage der „konstitutionellen“ — 196. 

E'etttrarsplantation s. Gesichtsplastik. 

„Fibrillentheorie“ und andere Fragen der Toxiu- 
und Antitoxinwanderung beim Tetanus 715. 
744. 

Fibro-adenoma fornicale 1144. 

Fibrom, nußgroßes 845. Stieltorquiertcs -- des 
Ligamentum latnm 1144. Papilläres des 
Septum urethro-vaginale 1144. 

Fibrome mit beginnender sarkornatöser Degene¬ 
ration 438. 

Fibrosarkom des Rückenmarkes, Extradurales — 
operativ entfernt 113. Operiertes — des linken 
Acusticus mit Kleinhirnerscheinungen der 
rechten Seite 984. 

Fieber, Kryptogene — 870. 

Fieberfall s. Gehirn. 

Fieberkurven Typhuskranker 411. 

Eieberreaktionen, hervorgerufen durch filtrierbares 
Virus 256. 

Eiebertherapie der Gonorrhoe 1272. 

Fieberzustände, Kochsalz bei länger dauernden — 
491. 

Filariablutbefunde, Bisher unbekannte — bei ge¬ 
fangenen Russen 1029. Bemerkung zu dem 
Artikel von Dr. M. Bockhon) . bei gefangenen 
Russen“ 1212. 

Finger s. Bewegungsapparat. 

Finger- und Handinfektion bei Aerzten. Eine 
dringende Warnung 1246. 

Fingerpendel 762. 

Fingerschüsse 1417. 

Fingerstreckverband, Vereinfachter — 285. 

Fische, Krankheitserscheinungen bei den — im 
allgemeinen 1271. 

Fistel, Plastik zum Verschluß einer retroauriku¬ 
lären — nach Radikaloperationen 683. — s. 
Schneidezahn. 

Fixation und Extension im Felde 1085. 

Flechtwerkschienen für Stützverbände 926. 

Fleckfieber 351, 601, 1117, 1239, 1261, 1285. - 
s. Blutkörper. Aetiologie des — 923. Behand¬ 
lung des — 523. Behandlung des — mit Hexa¬ 
methylentetramin 404. Neuere Behandlungs¬ 
methoden des — 1351. Bekämpfung des — 
365. Diagnose und Krankheitsbild des — auf 
Grund eigener Erfahrungen 795. Diagnose und 
Prophylaxe des — 228. Differentialdiagnose 
des — 691. — und Rückfallfieber als Kriegs¬ 
seuchen 172. Künstliche Stauung als diagnosti¬ 
sches und differentialdiagnosrisches Hilfsmittel 
beim 1059. Pathologisch-anatomischer Be- 

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X 


INHALTS -VERZEICHN 18. 


fand bei — 525. Serumreaktionen bei — 1310. 
Ueber anatomische Befunde bei — 798. Ueber 
den mutmaßlichen Erreger des — 1058. Um¬ 
frage über Uebertragung und Verhütung des 

- 531, 586. 

Fleckfieberdiagnose 732. 

Fleckfieberepidemie, Beobachtungen bei einer — 
1328. — im Görlitzer Kriegsgefangenenlazarett 
1152. 

Fleckfieberexanthem, Histologie des — nebst Mit¬ 
teilung eines ungewöhnlichen Falles von post¬ 
exanthematischen Hautveränderungen 1303, 
1385. 

Fleckfieberübertragungen, Vorbeugung von — auf 
Aerzte und Pfleger 572. 

Fleckfieberverdacht 1433. 

Flecktyphus 317, 465, 631, 1167. Aetiologie des 

— 843. — als Kriegsseuche 923, 952. — auf 
dem galizi8chen Kriegsschauplätze 1217. Be¬ 
deutung der Widalschen Reaktion für die 
Diagnose des — 314. Behandlung des — 643. 
Behandlung und Ansteckungsverhütung des — 
870. Behandlung des — mit normalem Pferde¬ 
serum 843. Beitrag zur Therapie des — 763. 
Differentialdiagnostik und Prophylaxe des — 
787. Epidemiologie des — 760. Epidemiologie 
und Klinik des — 491. Die Erkennung und 
Verhütung des — und Rückfalltiebers. Von 
L. Brauer 873. — s. a. Genickstarre 187. Ge¬ 
schichte des — (Flecktyphus und Pediculosis) 
491. Zur Kenntnis der Klinik des — nach 
Beobachtungen an der Przemysler Epidemie im 
Frühjahr 1915 1010. Prophylaxe des — 80. 
Nachtrag zum Artikel der persönlichen Pro¬ 
phylaxe gegen den — 652. Schutvorrichtung 
gegen —- 710. Verhalten des — bei direkter 
Sonnenbestrahlung 843. Verhütung der In¬ 
fektion mit — 573. — s. Verkürzung der 
Knochenleitung. Vorkommen von Influenza 
bei — 404. 

Flecktyphusepidemie im k. u. k. Kriegsgefangenen¬ 
lager in Marchtrenk (Oberösterreich) im .Jahro 
1915 1061. 

Flecktyphusepidemien in Truppen- und Gefan¬ 
genenlagern, Auftreten von — 1166. 
Flecktyphusübertragung, Schutzkleidung gegen — 

450. 

Fleischlose Tage. Ein Mahnwort und ein Vor¬ 
schlag 130. 

Fleischküche, Vegetarische Küche und — 316. 
Fleischvergiftungsendemie an der Klinik 1278. 
Flexur, Volvulus der — 1415. 

Fliegengefahr, Beitrag zur Bekämpfung der — 
1193- 

Fliegenplage 891. Bekämpfung der — 762. — in 
den Lazaretten 651. 

Fliegerpfeilverletzung, Ueber eine — 228, 374. 
Fliegerpfeilverletzungen, Ein Beitrag zu den — 
im Kriege 284. 

Fliegerbeschießung, Seltene Verwundung bei — 
49. 

Flimmerskotom 1219. 

Flüssigkeiten s. Magen. 

Foligan, ein neuartiges Sedativum 952. 
Foligan-„Hennig“ 627, 1247, 1412. 

Follikulitis nur am behaarten Kopfe 261. 
Fonabisit, ein neues Gichtmittel 1424. — nebst 
Bemerkungen über die Wirkung von Sugge- 
Btivmitteln 107. 

Foramina trigemini, Osteoplastischer Verschluß 
der — 50. 

Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Ange¬ 
hörigen des Feldheeres 760. 

Formaldehyd, Bestimmung des — in Gegenwart 
von Aceton beim Cliristianschen Desinfektions- 
verfahren 1218. — s. Immunisierung. 
Formaminttablette, Prüfung ihrer Wirkung 1087. 
Forssner, Prof. Gunnar, Nachruf für den im ju¬ 
gendlichen Alter von 36 Jahren verstorbenen 
— 790. 

Frankensteinsches Quecksilber-Inhalierverfahren, 
Erfahrungen mit dem — 650. 

Fraktur des 2. Halswirbels mit Rückenmarkskom¬ 
pression 174. Beitrag zur Verwendung der 
Fascia lata bei Eingriffen wegen — der Pa¬ 
tella 763. 


FrakturbildeT, Diagnostische und therapeutische 
Bedeutung der feineren Details der — 1329. 

Frakturen und Luxationen, Atlas und Grundriß 
der traumatischen —. Von H. Helferich 736. 

Frakturen, Behandlung der — im Kriege 18. Be¬ 
handlung schwerer — und Gelenkverletzungen 
im Feldlazarett 1167. Behandlung von infizier¬ 
ten — des Schenkelhalses 1303. Apparat zur 
leichten und sicheren Reposition und Fixation 
schwerer — der Extremitäten 404. Die drei 
Kardinalzeichen der — in und nahe von Ge¬ 
lenken 315. — s. Gipsverbandtechnik. — Neue 
Ideen und Instrumente 1302. Pseudarthrosen 
und die Nachbehandlung von —• 319. Ueber 
Pseudarthrosen und Nachbehandlung der — 
601. — und Glykosurie 1386. Verwendung und 
Nutzen der Distraktionsklammerbehandlung 
der — 1412. I 

Frakturenhehel 843. 

Frankfurt a. M., Aerztlieher Verein in — 25, 631, 
739, 930, 1304. 

Franzensbad, Kriegsärztliche Abende in — 438, 
495, 577, 629, 820. 1250, 1362. 

Franzosen, Ueber den Nationalcharakter der — 
und dessen krankhafte Auswüchse (die Psycho- 
pathia gallica) in ihren Beziehungen zum Welt¬ 
krieg. Von L. Loewenfeld. Wiesbaden 173. 

Frauenbehandlung, Anregungen durch 4 h 1219. 

Frauenbrust s. Krebs. 

Frauenkrankheiten, Aetiologie und Therapie von 

— bei Irren 799, 828. Beziehungen von Geistes¬ 
krankheiten und — 1251. 

Freiburg i. Br., Medizinische Gesellschaft in — 
204, 1169, 1364a. 

Fremdkörper, Aufsuchen des — durch den Arzt 
nach der Lokalisation 1083. — aus dem La- 
rynx entfernt 1220. Einfacher Apparat zur 
Ortsbestimmung von — 1140. — des Larynx, 
der Trachea und der Bronchien 1217. Lokali¬ 
sation der — nach Levy-Dorn 817. Lokalisation 
von — in Auge und Orbita mit Röntgen¬ 
strahlen 1428. Granulom oder eine Zyste um 
einen — im Auge 603. — im Bulbus 603. 
Röntgenologische Ortsbestimmung bei — im 
Knochen 106, 251. — im Magen 1276. Rejseks 
neues, einfaches Verfahren zur genauen Be¬ 
stimmung von — (Projektilen) im Körper 1360. 
Röntgenlokalisation von — besonders im Auge 
und in der Orbita, nebst Bemerkungen über 
Kriegsverletzungen des Auges durch — 1194. 
Röntgenologische Tiefenbestimmung von — 
981. — rücken häufig bei der Operation tiefer 
627. — und Neubildungen in der Blase; neues 
direktes optisches Meßverfahren zur Messung 
von — 981. Vereinfachung zur Tiefenbestim¬ 
mung von — 1272. 

Fremdkörperbestimmung, Einfacher Meßapparat 
zur — 981. — mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der Augenverletzungen 980. Radiologi¬ 
sche — ohne Apparat und Berechnung 1248. 

Fremdkörperlokalisation 81, 649. Radiologische 

— im Kriege 1416. — und Röntgenstereosko¬ 
pie 544. Röntgenologische — 1059. Neue Me¬ 
thode der — 1384. Methodik der — 1244. 

Fremdkörpersomle, Elektrische — 628, 981. 

Fremdkörpersuche, Röntgenologische — bei Kriegs¬ 
verwundeten 946. 

Fremdkörpertelephon 1084. 

Frequenz der österreichischen Universitäten 986a. 

— s. Fakultäten. 

Friedreichsche Ataxie, Myxödem und Zwerg¬ 
wuchs, Ueber familiäres Vorkommen von — 
107. 

Frommer-Engfeldtsche Acetonprobe, Anwendbar¬ 
keit der — für klinische Zwecke 896. 

Fronto-pontine-cerebellare Bahn 792. 

Fruchtabtreibung, Ueber kriminelle — 234. 

Früheklampsie, Fall von — (Eklampsie nach 
Totalexstirpation des myomatösen, vierwöchig 
graviden Uterus im Zusammenhänge mit den 
beiderseitigen Adnexen) 766. 

Frühgeborene, Ernährung und Wachstum der — 
731, 985. 

Frühgeburten, Aufzucht von — in der offenen 
Säuglingspflege 760. Verfahren bei künstlichen 

— 1274. 

Frühlues, Tuberkulinbehandlung der — 1333. 


Frühmobilisierung im Zugverband 1193. 

Frühoperation, Mechanik der Nervenverletzung 
und Technik der Naht 1384. 

Fürstenauscher Intensimeter 1410. Praktische Er¬ 
fahrungen mit dem — 1272. 

Fürstenausche Lokalisationsmethode von Geschos¬ 
sen, Praktische Erfahrungen mit — 256. 

Füße, Ursachen und Verhütung der kalten — 899. 
— s. Heptadaktylie. 

Funktionsprüfung s. Gefäßnerven. — s. Herz. 

Funktionsstörung, hysterische s. Ohrapparat. 

Furunkel, Behandlung der — und anderer eitriger 
Hauterkrankungen mit Salicylsäure 1273. 

Furunkelmetastasen, Erfahrungen über — 196. 

Furunkulose, Impfbehandlung der — 1193,1272. 

Fußamputation, Partielle — nach Sharp 1111. 

Fußbekleidung, Wasserdichte — und Erfrierungen 
522. 

Fußbeschwerden und Felddienstuntüchtigkeit, Der 
atavistische Spannungsfuß als Ursache von — 
871. 

Fußgeschwüre, Künstlich erzeugte — 1364. 

Fußgeschwulst s. Plattfuß. 

Fußläsionen, Beitrag zum Kapitel der seltenen — 
842. 

Fußpflege s. Stiefelabsatz. Vor- und Nachteile des 
Stiefelabsatzes sowie die Aufgaben einer ver¬ 
nunftgemäßen — 842. 

Fußstützmaschine für Peroneus-Tibialis-Lähmun- 
gen 926. 

Futtergerste s. Eosinfärbung. 


öärtnersche Normalgewichtstabelle für Erwach¬ 
sene 1215. 

Galalith zur Tubulisation der Nerven nach 
Neurolysen und Nervennähten 1245. 

Galle s. Gallensteine. 

Gallenblasenkrebs, Die Schwierigkeiten der Er¬ 
kennung des — am Anfang und Ende dieser 
Krankheit 1298. 

Gallen farbstoffbildung, Anhepatische — 1215. 

Gallenkrankheiten s. Leberkrankheiten. 

Gallenpleuritis bei transpleuraler Leberverletzung 
521. 

Gallensteine 603. Bau der — 1117. Frühdiagnose 
und Operation bei — 315. Der Kalkgehalt 
der Galle und seine Bedeutung für die Bil¬ 
dung der — 1193. 

Gallensteinkolik, Tetanie im Verlauf einer — 313. 

Gallenuntersuchungen am Krankenbette 23, 815, 
84L 

Galleschrägagarröhrchen s. Tvphusbaiillenzüch- 
tung. 

Gamasehenschmerzen 1060, 1217. 

Ganglienzellenschwellung, Zur genaueren histo¬ 
logischen Charakteristik der — 1112. 

Gangrän des Meckelschen Divertikels durch Vol- 
vulns desselben 1246. Ursachen der — 234. 

Gangraena cutis und Erythema bullosum 84. 

Gangraena penis 145. 

Gasabsceß, Charakteristisches Symptom des sub¬ 
phrenischen — 1110. 

Gasbacillensepsis 254. 

Gasbrand durch anaerobe Streptokokken 897. 
Rauschbrand und — 1385. 

Gasembolie bei Sauerstoffinjektion 600, 680. — 
s. Herz. 

Gaserzeugende Mittel, Verwendung in Wund¬ 
kanälen und engen Körperhöhlen 898. 

Gasgangrän s. Luftembolie. 

Gasinfektion, Offene, austrocknende Wundbehand¬ 
lung bei —, insbesondere bei Gasgangrän 1385. 

Gasphlegmone 145, 897, 901, 985, 1141. Aetio¬ 
logie der — 1166. Behandlung der — 733. 

— bei Kriegsverwundeten 1022, 1046. Dia¬ 
gnose und Therapie der — 17. Frühzeitige 
Erkennung der — durch das Röntgenbild 626. 

— im Felde 313, 329. — im Kriege 108. Zum 
Kapitel der — (.Gasphlegmone der Pia mater‘) 
403. Erkennbarkeit der — im Röntgenbilde 
229. — im Röntgenbilde 869, 1111. Vorsicht 
bei der Sauerstoff behandlung der — 1141. 
Weitere Erfahrungen über die — 1329. Zur 
Frage der sogenannten — 1100. Nach einer 
Schuß Verletzung — und Tetanus 113. 


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INHALTS-VERZEICHNIS. 


XI 


(jfctrwt'oloptose in radiologischer Betrachtung, 
unter besonderer Berücksichtigung der neuesten 
Publikation Rovsings 731. 

fbüro-Coloptosis, Die —, ihre pathologische Be¬ 
ratung ihre Krankheitsbilder. Diagnose und 
htli und hing. Von Thorkild Rovsing 406. 
Owtnvuteritis paratyphosa, Beitrag zur Klinik 
der -841. 

iburo-inte.uinale Studien 315, 653, 1275. 

Gastrointestinaltrakt s. Krebs. 

diudafil in der IVund Versorgung 1384. 

Gebärende e. Influenzainfektion. 

(iebärmntterkrebs, Behandlung und Statistik des 
- im Kleinbetriebe 1087. Therapie des — 
1086 

Gebiti. Zwei Fülle von verschlacktem —, geheilt 
durch snbeatane Apomorphininjektion 1216. 
Geburt s. Ovariotomie. 
üeburten s. Novocainanästhesie. 

Geburtenrückgang, Stellung der Aerzte zur Frage 
des - 1209 Der — in Deutschland, seine 
Bewertung und Bekämpfung. Von Borntraeger 
491. — in Frankreich 876, 1092. 
ötbortsliilfe s. Kongreß. Zirbeldrüsenextrakt in 
der - 789. 

Geburtshilfliche Hauspraxis, Technische Neue¬ 
rungen in der — 111. 

'ieburts?törong nach Vaginofixation 1012. 
Geburtsverlauf bei traumatischem Protrusions¬ 
becken 766. 


Liebartszange, Nene Form und Einfährungsweise 
der —, stets biparietal an <|en kindlichen 
Schädel gelegt 1144. 

Gefälligkeitsgutachten 249. 

Gefäße s. Capillardrainage. Chirurgie der — und 
Aneurysmen 686. Spätfolgen der Verletzungen 
der großen — 1389. 

beiäßerkranknngen, Beitrag zur Kenntnis der — 
infolge von Lues 1298. 

Maßnahl s. Kriegsaneorysmen. 

< ietäßnerven, Diagnostisch-therapeutische Aus¬ 
nutzung meiner Methode zurFunktionsprüfung 
der - 613. 991. 

bifäflschüsse 201. Ueber infizierte — 113, 285. 

Gefäßsystem s. Bewußtsein. 


Gefeßunterbindong oder Gefäßn&ht 765. 
Gefäßverändernngen, Seltene — nach Schuflvei 
letznng 374. 

Gefäßverschluß, Zur Klinik und Diagnose de 
inesenteriellen — 227. 

Gefangenenlager, Massenentlausung und Desinfeh 
üou von — durch Lokomobile 837. — i 
Oedemkrankheiten. 

biefangenschaft, Mitteilungen aus französische 

- and insbesondere aus einem französische 
Kesmelazarett 345. 

''tfechtssanitätsdienst im Winter 1218. 

Geheimmittel des feindlichen Auslandes 1086. 
Gehgvpähose, Eine ausziehbare — mit Extensio 
be> Fraktur des Oberschenkels 488. 
tohhiiiM, billige 487. 

Mikroskopisch-pathologische Befunde ii 
~ eines Fleckfieberfalls 1034. — s. Spät 
ibscesse. 

^birn and Rückenmark, Beobachtungen a 
^iiQßvertetzungen des — 283. 

‘«jmubiceß nach Zahnerkrankung 392. 
«techiüterung, Behandlung der Folgezi 
; tinde von - 474. b 

'»eLnikrankheiten. Allgemeine Chirurgie der - 

- teil von F. Krause 463. 

-Gebinikrüppeb,Febungsschulen für - (Spracl 
“ dere Dehirnverletzte) 709, 811 
, mhpoid als Hämostaticum 1083. 

SfPr, 2 " Behand,an S von - nac 
r Reidel defekten 10. 

s. Sensibilitätsstörungen. 

"te- “« *»“«*• von 100 bei - au 
.«oi rttn Operationen 172 
«'«MUung s. Amnesie. 

durch Granatsplitter 787. 

"S 'S.*™* Projektion der - auf d 
H*.,^l’* T 5 ache , 0,lne Kramouicter 761. 

% " d ' m,ä ' K s - Epithelzvste. 

*J';nnfci 1 8er ? neuer 1329. 

''^UuT^i^ rUf ‘ Von Mautliner. War: 


Gehörorgan, Klinische Untersuchungen über die 
Erkrankungen des — bei Diabetes mellitus 
mit besonderer Berücksichtigung der Erkran¬ 
kungen des inneren Obres 955 . 

Gehörsverlust, Durch Granatexplosion vollständiger 

Geisteskranke, Gibt es eine Zunahme der — 1114. 

Geisteskranke und geistig Gesunde, Heredität and 
psychische Entartung bei — 111 . 

Geisteskrankheiten, Beziehungen von — und 
Frauenkrankheiten 1251. 

Geistesleben, Das Wesen des menschlichen — und 
das Problem der Strafe. Von Lobedank 316. 

Geistesstörungen, Beziehungen zwischen körper¬ 
lichen Erkrankungen und — 722. 

Gelenke, Beitrag zur Aufnahme von ankylosierten 

— 817. Ein Fall von symmetrischer Contract.ur 
der — der oberen und unteren Extremitäten 
172. Erfahrungen über die Behandlung infi¬ 
zierter — im Kriege 651. — s. Frakturen. 
Mobilisation versteifter - 18. — s. Mobilisie¬ 
rung. Mobilisierung versteifter kleiner -- 1359. 

Gelenkentzündung, deformierende 1357. — go¬ 
norrhoische 222 . 

Gelenkerkrankungen, Diagnose und Therapie chro¬ 
nischer — 898. 

Gelenkkrankheiten 498. — im Kriege 817. 

Gelenkmobilisntiunsschienen nach Dr. Schede 492. 

Gelenkmobilisiernng, Blutige — in der Kriegs- 
Chirurgie 926. — in der Kriegschirurgic 681. 
734. 

Gelenkrheumatismus, Akuter — und seine Kompli¬ 
kationen im Kindesalter 1173. Behandlung des 
akuten — mit reiner Snlirylsäure 898, 982. 
Kann und soll der akute — mit reiner Sali- 
eylsäure behandelt weiden ? 571. — s. Meln- 
brin. 

Gelenkschüsse, Nachbehandlung von — beson¬ 
ders des Schultergelenks 18. 

Gelenkskontrakturen, Behandlung der — sowie 
die Maßnahmen zu ihrer Verhütung irn Gips¬ 
verband 346. 

Gelenk- und Knochenschns^e. Zur Behandlung 
und Beurteilung infizierter — 179. 

Gelenkverletzungen. Gelenkeiterungen und ihre 
Behandlung 1140. 

Gelenkversteifungen, Geber Verhütung von fibri¬ 
nösen — nach 8 chußVerletzungen 262. 

Gelonida Aluminii snbacetici (Goedeckc) und Oxy¬ 
uriasis 753. 

Gemeingefährlichkeit, Die —. Von M. H. Gering 
1035. 

Genfer Konvention, Ein krasser Verstoß gegen die 

— 632. Gegner gegen die Bestimmungen der 

— 175. 

Genickstarre, epidemische 1319. Flecktyphusar¬ 
tiger Verlauf von — 187. — im Pustertal 652. 
Vorbeugung der epidemischen — 1111 , 1272, 
1385. 

Genitalblutungen, Behandlung der — der Frau 
1112 . 

Genitalfunktionen der Frauen, Beziehungen der 
inneren Sekretion zu den — 1304. 

Genitaltraktus s. Tuberkulose. 

Gerinnungsreaktion s. Lues. 

Geruchsvermögen, Verlust des — keine Erwerhs- 
beschränkung 893. 

Gesamtcholesterin im Blut, Bestimmung des — 
an geburtshilflichen und gynäkologischen Fäl¬ 
len 171. 

Geschlechtliche Enthaltsamkeit, Rundfrage über 
die Folgen der — 1246. 

Geschlechtskranke, Behandlung — Soldaten im 
Kriege 522. 

Geschlechtskrankheiten, Ausbreitung der — im 
Kriege 498. Behandlung von — bei den im 
Felde stehenden Truppen 80. Bedeutung und Be¬ 
handlung der — im Felde 255. Bekämpfung 
der — 936. Bekämpfung der ■— beider Truppe 
1216. Bekämpfung der — im Felde. Zugleich 
ein Beitrag zur Pathogenese des Ficus molle 
171. Ein Erfolg im Kampf gogen die — 1217. 
Einiges zur Verhütung und Behandlung der 

— im Felde 664. — im Felde und deren Ver¬ 
hütung 21. Krieg und — 598, 626. Persön¬ 
liche Prophylaxe der — 1429. Prophylaxe der 

— im Felde 170. Prophylaxe und Therapie 


der — im Felde 80. Bammelforschung der 
Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der 

— über die Frage der sexuellen Abstinenz 
1194, 1273, 13014 Verhütung und Bekämp¬ 
fung der — und von Ungeziefer im Felde 18. 

Geschlechtsleben und Geschlechtskrankheiten in 
den Heeren, im Kriege und Frieden 106, 107, 
140. 169. 

Geschlechtsleiden, Haut und — 498. 

Geschlechtsverkehr, Strafbarkeit des — bei vene¬ 
rischer Krankheit 1411. 

Geschosse. Aufsuchen und die Entfernung von — 
1299. Ob inan — aus inneren Organen ent¬ 
fernen soll 847. Operative Entfernung von — 
mittels einer neuen Eokalisationsmethode 
(Orientienmgsmethude) 1329. — s. Tiefenbe- 
stimnmng. 

Geschoßfulhmgen s. Wunden. 

Gesehoßbige. Bestimmung der - mittels der 
Stereeskopie 971. 

Geschoßlokalisation. Eine sichere röntgenologische 
Methode, zur — 50. — durch Stereoskopie 

1009. 

Geschoßwirkung der kleinkalibrigen Mantelge¬ 
schosse und ihrer Dumdumkugelu 1332. 

GesellwnlstÄtiologie s. Helminthen. 

Geschwülste s. Aleiostagminreaktion. 

Geschwüre. Tuberkulöse — der Oberlippe und 
Mundseiileirnliaut 261. 

Gesichtsfeldverwertung, Feber zweckmäßige 
bei der kompletten homonymen Rechtshe¬ 
mianopsie 953. 

Gesichtsplastik mittels freier autoplastischer Fett- 
transplantation 763. 

Gesichtsseliädel, Ouer^chnß durch den — 6()l. 

Gesichtsschüsse. Bemerkungen zu den — mit 
Beteiligung der Nasenhöhle 1034. 

Gesundbeterinnen vor einem Berliner Gericht 
1416 b. 

Gesundheit, Die — des Kindes. Zur Belehrung 
für junge Eltern. Von Max Kassowitz. Wien 
1914 82. Vom Rhythmus der — und vom 
Standorte des Menschen 1301. 

Gesundheitsfürsorge, Krieg und — 1245. 

Gesundheitskommissionen im Felde 582. 

Getränk, Bereitung eines apfehveinähnlichen, sehr 
billigen, kohlensäurehaltigen und alkoholfreien 

- 981. 

Gewächse. Trauma und — 741. 

Gewebe, Abkühlung von — und Organen 286. — 
s. .Chemie. Die funktionelle Brauchbarkeit ne¬ 
krotischer — 402. 

Gewebeextrakt als blutstillendes Mittel 817. 

Gewebekulturen. Von A. Oppel 628. 

Gewehrkugel aus der Pars prordaticu urethrae 
entfernt 143. Mit Phosphaten inkrustierte — 
14i3. 

Gicht t he rapl# und -diagnose 1211. 

Giftwirkung, Feber angebliche — eines Dum¬ 
dumgeschosses 562. 

Gipsattrappe, Technik der — 786. 

Gipsklammer, Eine neue — 816. 

Gipsschieue 922. 

Gipstisch, Einfacher und zweckmäßiger 1085. 

Gipsverband, Gefahren des — und ein Vorschlag 
zu seinem zweckmäßigen Ersätze 313. Der 
gefensterte — 198. Gefensterter — und Rein¬ 
haltung desselben 81. Technik des — 981. 
Technik des — im Feldlazarett 1193. Technik 
des — bei Scbußfrakturen des Oberschenkels 
285. 

Gipsverbände, Distrahierende - 598. Erhebungen 
über die Brauchbarkeit der gefensterten — 
für die erste Behandlung der Sehnßfrakturen 
im Kriege 1131. Fensterung von — 1061. 
Technik der gefensterten — 196. — und die 
konservativen Bestrebungen inder Kriegschirur¬ 
gie 256. 

Gipsverbandtechnik bei Frakturen mit ausge¬ 
dehnten Weichteilverletzungen 709. 

Glaskörper s. Linse. 

Glandula pinealis in Beziehung zur somatischen, 
geschlechtlichen und gemütlichen Entwicklung 
1114. — s. Hydroeephalns. 

Glandula suprarenalis im Bhock 1114. 

Glieder, Ueber den Ersatz amputierter — 1085. 
Kautschukschaum zur Herstellung künstlicher 

b * 


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Original frorn 

UNIVERSUM OF IOWA 



XU 


INHALTS - VERZEICHN IS. 


— 1272. Die Konstruktion künstlicher — 
mit besonderer Berücksichtigung der Stütz¬ 
punkte und dev Suspension, und die Pro¬ 
thesenfabrik des königlich ungarischen Amtes 
für Kriegsinvalide 1245. Künstliche — 521. 

Gliedmaßen, Kriegschirurgie der — 1059. 

Gliom, Ein Fall von multiplem — 952. 

Glottis, Aus der — eine Nadel entfernt 1413. 

Glühventil nach Koch 786. 

Glutiialklonus — ein Pyramidenzeichen 616. 

Glykogengehalt der Utetusschleimhaut 257. 

Glykosic, Frakturen und - 1386. 

Glykosurie und Diabetes bei chirurgischen Er¬ 
krankungen 1386. 

Geiler. Indications for operative interference in — 
898. 

Gono-Blennorrhoe, Die Behandlung der — der 
Neugeborenen und Erwachsenen an der Berner 
Universität*-Augenklinik 257. 

Gonokokken, Degoncrutionsformen der — 1140. 

Gonorrhöe, Abortivbehandlung der 763, 844. 898. 
Behandlung der - mit Tierkohle 1432. Be¬ 
handlung der — mit Wasserstoffsuperoxyd 51)6 
Fiehertherapie der — 1272. — s. Haut- und 
Geschlechtskrankheiten. Kritisches zur Yaccine- 
therapie der —, zugleich expcrimentel'er Bei¬ 
trag zur Begründung der ahieitenden Therapie 
111. Moderne medikamentöse Therapie der 
akuten — 897. intravenöse Yaccinationsthera- 
pie bei Behandlung der — und deren Kom¬ 
plikationen 1335. Wie sollen wir erkennen, 
wann eine — beim Manne gebeilt ist? 815. 
Gonorrböebebanrllung mit Optocbin 1215. 
Gonorrhoische Cystitis, Prinzipielles zur Behand¬ 
lung der — 679. 

Granatexplosionen, Erkrankungen nach 285. 
Granatexplosionssiörungen 963. 

Granatschuß an der linken Schulter. Quersclmß 
am Ilals mit Eindringen von Monturfetzen 
und Granattei.en. Starke Beweglichkeitacin- 
sebriinkung des linken Armes. Akute Kehl- 
kopfperichondritis mit plötzlicher Stenose. 
Tracheotomie, Heilung 71*3. 

Gra» atSchußwunden, Bardeila - Binde bei — 
1379. 

Granatsplitter, Extraktion von — durch den 
Elektromagneten 316. Verletzungen durch — 
228 . 

Granatsplitterverletzungen, Therapie der — im 
Felde 563. 

Granat Verletzung 631. Behandlung der — 678. 
Granulation s. Auge. Basophile — irn Blute von 
Schrapnellkugelträgern 285. 

Granulöse, Suhcutane — 1217. 

Gravidität, Relative Häufigkeit der extrauterinen 

- 1360. 

Grienauer, Dr. S. f 263. 

Grippe, Feber die — 1351. 

Großhirn, Die Lokalisation im — und der Abbau 
der Funktion durch corticale Herde. Von (’. v. 
Monakow 82. 

Großhirnrinde, Extremitätenregion der — 111. 
Großhirnphysiologie, Feber die Grundlagen und 
Methoden der — und ihre Beziehungen zur 
Psychologie. Von v. Brücke 736. 

Gräber-Widalsche Reaktion, Farhmethode der — 
434. Zur Tiieorie der — 1033. — und die 
Beschränkung ihrer praktischen Verwertbarkeit 
für die Typhusdiagnose 786. 

Guberquelle. Erfahrungen über den therapeuti¬ 
schen Wert der — bei Kindern 1273. 

Gumma scroti, Fall von hartnäckig rezidivierendem 

- 261. 

Gummen 261. 

Gummizugverband, Anwendung eines — bei 
großen Hautwunden 600. 

Gutachten, Zur Benennung nervöser Zustande im 
--- 1194. Gerichtlicher Schutz ärztlicher sfe 
339. 

Gutachtentätigkeit des Arztes hei Ersatztruppen¬ 
teilen 81. 

Gymnastik, Vereinfachung und Verbesserung der 
maschinellen — durch die Heermannschen 
Apparate 403. 

Gynäkologie, Heißlufttherapie in der -- 952. 

«. Kongreß. 


Gynäkologische Tiefentherapie s. Blatuntersuchun- 
gen. Suhcutane Applikation von peristaltik¬ 
befördernden Mitteln in der Nachbehandlung 
nach -- Laparotomie 17. — Strahlentherapie 
493. 


Haarverletzungen durch Ueberfahren 337. 

Habilitierungen (506. 

Hämagglutination, Spontane — bei Malaria 1167. 

Hämatologie 1914, Arbeiten aus dem Gebiete der 

— 899. 430. 

Hämatometra und Hämatokolpos 1116. 

llämatose und Aneurysmen 171. 

llämatothorax und totale Querschnittläsion des 
Rückenmarks. Schrapnell Verletzung zu doppel¬ 
seitigem — 204. 

Hämaturie, Feber 131.Beitrag zur Kenntnis der — 
ohne bekannte Ursache 1329. Einseitige renale 

— infolge Kresolscbwetelsäureintoxikation, ge¬ 
heilt durch Dekapsulation 373. 

Hämatotympanon] und Blutung in die Kleinhirn¬ 
brückenwinkelgegend 1062. 

Hämoglobinurie, Feber paroxysmale — 1303. 

Hämolysin, Feber die gleichzeitige Verwendung 
des — und Hiimagglntinins als Indikatoren 
bei der Komplementalnenkungsreaktion zur 
Feststellung der Syphilis 403. 

Hämorrhoidall eschwerden, Behandlung der — mit 
Acotonal-Hämorrhoidalzäpfchen 891. 

Hämorrhoiden, Behandlung der —- 169. Behand¬ 
lung der —- und des Eccema anale 433. Un¬ 
blutige Radikaloperation der — durch ein¬ 
fache Naht 1194. Radiumbehandlung der — 
1035. 

Hämothorax, Beiträge zur Pathologie und Thera¬ 
pie des — im Krieg 1013. — s. Lnngenver- 
letznng. und Zwerchfellverwachsungen hei 
penetrierenden Brustverletzungen 979. 

Hände bei multipler Arthritis, Die operative Be¬ 
handlung contraeturierter und deformierter — 
82. Fabriksheamter, welcher trotz Fehlens 
beider — seinem Beruf vollständig selbständig 
nach kommt 1303. Mann mit künstlichen — und 
Füßen 926. 

lländedesinfektion, Ein Beitrag zur — 255. Nene 
Methode der - 924. 

Hängemattenextensionsverband zur Behandlung 
von Fnterschenkelbrüchen 6(.0. 

Haftet der Militärarzt für den durch ärztliche 
Behandlung einer Militärperson der letzteren 
verursachten Schaden? 348. 

Haftpflicht, Keine — des Arztes für Schäden bei 
Anwendung eines neuen Mittels 740. 

Halbmondfieber (Malaria tropica), erworben in 
Nordpolen 1300. 

Halluzinationen, Von den — 681. 

Hals, Steckschuß am — 684. — s. Vaccine¬ 

therapie. 

Hals- und Nasenerkrankungen 497. 

Halspastille, kräftig wirkende 839. 

Halsrippen, Entwicklung der — 815. 

Halsseite, .Schußverletzungen der rechten - 1361. 

llnlssympathicus s. Lähmung. 

Halsverletzungen. Zwei interessante — 981. 

Halswirbel s. Fraktur. 

Hamburg, Aerztlicher Verein in — 114, 767, 847, 
1169, 1335, 1433. Das Röntgenhaus des Allge¬ 
meinen Krankenhauses St. Georg in — 1142. 

Hand, Erhaltung der verwundeten — 1411. Eine 
künstliche mit automatischer Greifbewe¬ 
gung 572. Chirurgische Vorarbeit für eine will¬ 
kürlich bewegliche künstliche — 1125. — s. 
Sehnennaht. Segmentale Sensibilitätsstörung 
an der rechten - nach Kopfschuß 1276. 

Hand- und Armersatz, Die Aufgaben und Wege 
für den - der Kriegsbeschädigten 1272. 

Hand- und Fingergelenke s. Mobilisation. 

Handstützmaschine, einfache 1359. 

Handwerkzeug, Unser —. The tools of nur trade 
735. 

Harn s. Eiweiß. Einfachste Methode zur Bestimmung 
des Kochsalzes oder Stickstoffs und der Elek¬ 
trolyse im menschlichen — 49. Fortschritte auf 
dem Gebiete der Physiologie und Pathologie 
de- 1325. 1354. Froeli?‘omogenreaktion 


Weiss im — bei Typhus abdominalis 1167. 

— s. Stickstoffbestimmung. — s. Urochromo- 
gen probe. 

Harnblase 1413. 

Harneiweiß, Die quantitative Bestimmung von — 
1216. 

Harnentleerung, Störung der — infolge Erkäl¬ 
tung 1061. 

Harnorgane, Kriegserfahrungen über Erkältungs¬ 
krankheiten der — 1360. 

Harn- und Gallensteine, Ueber die Bildung der 

— . Von L. Lichtwitz 955. 

Harn- und Geschlechtsorgane, Verletzungen der — 
738. 

Harnröhre, Erkrankungen der — 648, 704, 730, 
783. Ersatz eines durch einen Schuß zer¬ 
störten Teils einer — durch den Wurmfort¬ 
satz 708. Schußverletzungen der — 1363. 

Harnröhrensteine, Ueber einen Fall von — 732. 

Harnröhrenverletzung, dreifache 198. 

Harnrölirenzerreißungen, Behandlung und Prognose 
ausgedehnter — 732. 

Harnsäure im Blute, Methode zur quantitativen 
Bestimmung der — 980. Thorium X und — 
254. 

Harnstoffbestimmung, Eine einfache Methode der 
quantitativen in kleinen Blutmengen für 
die Zwecke der Nierendiagnostik 197. 

Harnzucker, Der einfachste Apparat zur quanti¬ 
tativen Bestimmung des — und Harnstoffs 925. 

Harzlüsungen, Beitrag zur Beurteilung von — für 
Verbände 107. — für Verbandzweckc 50. 

Haudek Martin 60(5. 

Hauptbronchien s. Trachea. 

Hausarztkalender 1386. 

Haustrinkkuren. Eine Antwort auf den Aufsatz in 
Nr. 25, 1914. Haben die natürlichen Mineral¬ 
quellen eine spezifische Heilwirkung auf den 
erkrankten Organismus? 76. 

Haut s. Fadenpilzerkrankung. Krebs der — 1011. 

Hautabschürfungen, Beitrag zur rationellen Be¬ 
handlung von — und Verbrennungen zweiten 
Grades 314. 

Hautatrophie, Idiopathische — 231, 261, 1416. 

Hautdesinfektion und Wundbehandlung mit Jod- 
dämpfen nach Jungengel 1329. 

Hauterkrankungen, Die Komplementbindung bei 
parasitären — 681." 

Hautgangrän, Ueber einen Fall beginnender sym¬ 
metrischer -- im Endstadium ausgebreiteter 
Tuberkulose 1010. 

Hautgangrän, multiple neurotische 1334. 

Hautgeschwüre, Tuberkulöse — 261. 

Hautinfiltrate s. Diabet.s mellitus. 

Hauthyperästhesie, Herzneurosen mit — 627. 

Hautkrankheiten, Zur Anwendung der Lcvurinose 
bei — 1329. Feber Behandlung der — mit 
Kohlensäureschnee 652. Behandlung einiger — 
mit Thorinm-X(Doramad)-Salben 1273. Der 
Einfluß filtrierter Röntgenstrahlen auf — 1215. 

— im Kriege 205, 315. 

Haut- und Geschlechtsleiden 498. 

Haut- und Geschlechtskrankheiten, Zur Behand¬ 
lung der — im Felde 522. — hei Kriegsteil¬ 
nehmern 482. — im Kriege 1217. Verbreitung, 
Bekämpfung und Behandlung der — im Kriege. 
Zugleich ein Beitrag zur Novinjektolbehand- 
lung der Gonorrhöe 760. 

Haut- und veneri«che Krankheiten, Die Therapie 
der — mit besonderer Berücksichtigung der 
Behandlungstechnik. Von J. Schäffler (Breslau) 
1168. 

Hautlappenplastik, Zur Technik der sekundären 

— bei Kriegsamputierten 1290. 

Hautnarben s. Fasern. 

Hantplastik statt Nachamputation 601. 

Hautpseudoreaktionen, Eine Bemerkung über das 
Vorkommen von — unter besonderer Bezug¬ 
nahme auf Schicks Toxinreaktion 1088. 

Hautreaktion, Diagnostische — bei Typhusrekon¬ 
valeszenten, Typhuskranken und Schutzge¬ 
impften mit „Typhin“ (Typhoidin) nach Gay 
und Force 1330. 

llautsehädigungen in Munitionsfabriken mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Quecksilber¬ 
wirkung 1385. 

Hautt uheris uloso 1333. 


□ igitized by 


Go* igle 


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UMIVERSITY OF IOWA 




INHALTS-VERZEICHNIS. 


XJIl 


llantverdirknng. Sklerodermieartige - 261. 

Ibnmunden sOüiminizngverband. 

Hebammen. Die gegenseitige Zulassung von — 
in Oesterreich und Ungarn 902, 

Heizapparat für Hand und Finger bei Radins- 
lübmnng 227. 

HeVtephrenie s. Hysterie. 

Ueberableitang. Zur Anwendung des Weilerschen 
- 2S3. 

Heeresangehörig»* s. Operative Eingriffe. 

Hvfe. Einfluß der allgetöteten — auf die Yer- 
danungsfermente 897. 

HeiiMielfe. Einfachste orthopädische — 762. Zwei 
einfache orthopädische 734. 

Heilgeräte für Folgen nach Kriegsverletzungen 
1273- 1330. 

Hfllgymnastische Apparate 762. 

Heilmittelahsorption dnrch die nasale Submucosa 
beim Hund 1113. 

Heilsera, Impfstoffe und — 257. 

Heilstatiitik. Vorschläge zu einer geregelten — 
1141. 

Heilstättenarzt. Welche Aufgaben ergeben sich 
für den — aus der Fürsorge für seine Pa¬ 
tienten auch nach ihrer Entlassung aus der 
Anstalt? 1428. 

Heimatslazarett, Kriegschirurgisch-therapeutische 
Erfahrungen ans einem — 1080. 

Heimstättengesetz für unsere Krieger 1033. 
Heißdampflokomobile s. Massendesinfektion. 
Heißlnttapparat. einfacher 708. 

Heißluft Behandlung, Ueber schädliche Einflüsse 
der — von Verwundungen auf das Nerven¬ 
system und ihre Verhütung 613. 

Hdßiafttherapie in der Gynäkologie 952. 

Heizungen läge s. Bettlagerstellen. 

Helminthen und Protozoen, Beziehungen der — 
zur Geschwulstätiologie 203. 

Helmküliler s. HitzschJag. 

Hemeralopie. Kurze Mitteilungen über die epide¬ 
mische — im Felde 313. 

Hemianopsie durch Contrecoup nach Schuß Ver¬ 
letzung 1277. 

Hemicranie, Anaphylaktische Erscheinungen im 
Srmptomenbilde der —. Ein Fall von Hemi- 
crania ophthalmica 862. 

Hemiparese. Hemianopsie ond Facialisparese nach 
Schaßverletzung 143. — neben hysterischen 
Symptomen 13111. 

Hemiplegie s. Muscali intercostales. 

Hemiplegien. Ueber homolaterale — nach Kopf¬ 
verletzungen 546. 

Hemmongserscheinungen, Erklärung gewisser — 

Tft*. 

Hepatitis, Ueber kardiopathische — 284. 
HeptadaktyJie, Ueber einen Fall von symmetri¬ 
scher — beider Füße bei einem Soldaten 
13)9 

Herderknnkungen, Neue klinische Beiträge zur 
topischen Diagnostik akuter — des verlänger¬ 
en Markes und der Brücke 654. 

Herdreaktion, Symptom zar Feststellung der — 
in der Lunge nach Taberkulinimpfung 953. 
Herma diaphragmatica und Dilatation des Zwerch- 
felis. Ein Beitrag zur Entstehung der — 48. 
Htrnia epigastrica 203. 

Hernien der Linea alba im Kriege 651. 926. Trau¬ 
ma und - 911. 

Herpe? g. Mundschleimhaut. 

Herpes tonsuraus infolge der Geburt 1334. The- 
rapie des - 599. 

»vrpes zoster 1334. 

er f?u /JJSter * iaemorr hagicus gangraeno3iis 


m bei akuten Infektionen 315. Franzos 
o anteriegeschoß im — eines Kriegsvei 
eten toi. Funktionsprüfung des — 
'OMtionsprftfung des ~ nach einer zeh 
2r ü ? schen Erfahrong 521. Tod an 
u , j-J® des 7 nach Sauerstoffinjektion 
•Uifikahon in der Aufnahme der Eie 
l<Moh!°" ram T von pathologischen — zu 
Tw-Uw 1 er klinischen Diagnose 1166 
ant n J, +i der T bermalbadekuren beim funki 
f" ~ m ~ s - Typhnsinfekti 

md"e r n8p rt zang in das - w 1 

r ^ er Lebensgefahr 1429. - unter 


Einflüsse der Kriegsstrapazen 496. s. Mor¬ 
phium. 

Herzaffektionen, Beobachtungen über — bei Kriegs¬ 
teilnehmern 627. 

Herzarhythmie, Klinische Bedeutung der — 227. 

Herzbefunde bei Verwundeten 171, 373. 

Herzbeschwerden, Beurteilung von — an der 
Front 733. Ueber — bei Kriegsteilnehmern 
und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei 
der Beurteilung derselben 443. 

Herzbeutel, Eine Kugel im —114. Schuß in den 

- 68 . 

Herzblock 1415. 

Herzdämpfung, Verkleinerung der — bei Soldaten 
203. 

Herzdiagnostik, Kurze kritische l'ebersicht über 
den augenblicklichen Stand der — unter be¬ 
sonderer Berücksichtigung der objektiven Me¬ 
thoden 600. 633, 

Herzen, Eiweißfettfreie Kost zur Behandlung in¬ 
kompensierter — 199. 

Herzerkrankungen, Die vier gewöhnlichen Typen 
der — 172. — hei Feldzugsteilnehmern 1412. 

— im Kriege 657. Diagnostik der — mittels 
der in der Praxis üblichen Methoden 1032. 

Herzerweiterung, Rechtsseitiger Ueberdrack mit 
gelegentlicher als postoperative Komplika¬ 
tion 1274. 

Herzfehler, Elektrokardiogramm bei angeborenen 

— 652. — und Schwangerschaft 1219. 

Herzflimmern, Entstehung und die Ursache des 

— 19, 171. 

Herzfragen. Feldärztliche — 257. Kriegsürztliehe — 

356. 

Herzgeräusche, Kenntnis der accidentellen — hei 
Kriegsteilnehmern 1167. Klinik der acciden- 
teilen —. Verschiedenes Verhalten des Mitral¬ 
und Tricuspidalostiums bei Herzschwäche 787. 

Herzkammer. Schrapnellkugel in der rechten — 
10.34. 

Herzkomp resse b. Hitzschlag. 

Herzkranke, Beurteilung der Kriegsverwendungs¬ 
fähigkeit unserer — 1246. Acht — Soldaten 
53. Konstatierung hei — 1249, 1359. 

Herzkrankheiten 52). 

Herz- und Gefäßkrankheiten, Die Behandlung der 

— mit oscillierenden Strömen. Von Th. Rumpf 
1275. Beobachtungen über — während der 
Kriegszeit 627. Neuere Arbeiten aus dem Ge¬ 
biete der — 677, 705. 

Herzkrankheiten und Herzstörungen der Soldaten 
im Felde 1217. 

Herz- und Nierenkrankheiten, Zur Behandlung 
chronischer — mit „Theacyton“ 980. 

Herzleiden, Die Behandlung der —. bei Syphilis 
172. Bemerkungen über nervöse und psychi¬ 
sche Erscheinungen bei — 653. 

Herzmassage, Zur subdiaphragmatischen — 402. 

Herznaht mit glücklichem Ausgange 81. Ueber 
einen Fall vön — 1105. 

Herzneurosen mit Hauthyperästhesie 627. 

Herzschädigungen, Zur Kenntnis der — hei Kriegs- 

I teiinehmern 627. 

Herzschaß 845. Mann mit — 1358. 

Herz-schwäche, Klinische Zeichen beginnender — 
80. 

Herzspitze, Projektil in der — 22. 

Herzstörungen, Beurteilung leichter — bei Heeres¬ 
angehörigen 492. — bei Kriegsteilnehmern 
626. Zur Würdigung der — der Kriegsteil¬ 
nehmer 924. — im Kriege 628. — im Kriegs¬ 
dienste. Das Uebermiidungsherz 981. 

Herztätigkeit, Störungen der — 627. 

Herzuntersuchung, Ueber eine wichtige Fehler¬ 
quelle bei der — der Soldaten 733. 

Herzverftnderungen, Leichte — bei Kriegsteilneh¬ 
mern 107, 343, 891. — bei Soldaten 270. 

Herzwandschuß 1246. 

Herzwunden, Beitrag zur Frage der konservativen 
oder operativen Behandlung von — 599. 

Heterovaccinebehandlung des Typhus abdominalis 
843. 

Heterovaccinetherapie des Typhus 1430. 

Heufieber, Die aktive Immunisierung bei — 315. 
Natrium bicarbonicnm bei — 1113. Weitere 
Mitteilungen über erfolgreiche Behandlungen 
des — 108. 


Heuschnupfen, Versuch, den — durch Röntgen¬ 
strahlen zn beeinflussen 709. 

Hilfslazarettzug, 14.000km mit dem bayerischen 
— Nr. 2 314, 710. 

Hirnabseeß als Folge peripherischer Körpereite¬ 
rung nach einem Unfälle 111. Operativ ge¬ 
heilter orbitogener — 53. Therapie des — 
1246. 

Hirnahscesse, Drainage der — mit Guttapercha nebst 
einigen statistischen Bemerkungen zur opera¬ 
tiven Behandlung der Hirn- und Ohrseliiisse 
171. 

Hirnlues bei einem Säugling, Irrtümliche Dia¬ 
gnose der - 598. 

Hirnnerven, Schuß Verletzung der — 1246. 

Hirnprolaps, Ein operatives Verfahren zur Ver¬ 
hütung des — nach Schädelschüssen 546. 

Hirnrinde. Drüsige Bildungen (Sphaerotrichie) in 
der - 111. 

Hirnrindenliisionen s. Sensibilitiitsstörungen. 

Hirnschußverletzung s. Epilepsie. 

Hirnschwellnng, Intravitale und postmortale 
Eine Berichtigung der letzten Ausführungen 
Hosentals 576. 

Hirnsyphilis. Kasuistik der hereditären — XlS. 

Hirntumor, Einige Bemerkungen zur Diagnose 
des — anläßlich eines operierten Falles 602. 
Ueber die chirurgischen Resultate hei — 494. 

Hirnwunde. Gestaltveründernngen einer —, durch 
Kopfdrelmng hervorgerufen 761. 

Hirsehsprunesche Krankheit 25, 7 7. 

Hitzschlag, Folgezustände des — 761. Physiolo¬ 
gischer Schutz gegen — hei Weißen und 
Negern 577. —.Sonnenstich 870. Vorbeugungs¬ 
maßnahmen genen —: Herzkompresse und 
Helm kühler 778. 

Hochfrequenzströme. Gedämpfte — als narben¬ 
erweichendes Mittel 925. 

liochsehulnaclirichten 116, 176, 236, 264. 500, 
658. 714, 794, 932, 1014, 1038, 1118, 1171. 
1224, 1252, 1364 b, 1390 b. 

Hodenschüsse 3l8. 

Höhensonne, Künstliche -- bei Pemphigus vul¬ 
garis 1273, 1359. 

Hühensonnenbehandliing des Lupus und anderer 
tuberkulöser Erkrankungen der Haut 1251. 

Hörstörungen, funktionelle 954. 

Hörvermögen bei Labyrintheiterung 65t Gutes 
— nach totaler Zertrümmerung des Warzen¬ 
fortsatzes durch Gewehrkugel 874. 

Hohl fuß, Behandlung des - 668. 

Holzstoftgewebe für die orthopädische Technik 651. 

Hormonalbehandlung der B.eiobstipation 5i3. 

„Hosengriff' 1429. 

Hüftgelenk, Schaßverletzung des - 821. 

Hüftgelenksschüsse 651. 

Hüftverrenkung, Vorzüge der unblutigen Einren¬ 
kung hei der Behandlung der angeborenen — 
598.' 

Hühnerleukose, Untersuchungen über die über¬ 
tragbare 896. 

Hülsenextension statt Heftpflasterextension 1060. 
1385. 

Ilungerempfindung 1271. 

Hungerfieber, Entstehung lind Bedeutung des so¬ 
genannten — beim Neugeborenen 933. 

Hungerkranklieit 854. 

Husten, Entstehung des — und seine Bekämpfung 
mit Thyangolpastillen 1295. 

Hustenreiz s. Maionsäuretrichlorbutylester. 

Hydroa vacciniformis 261. 

Hydrocephalus, Herabsetzung der Wirksamkeit der 
Glandula pinealis bei chronischem — 574. 

Ilydronephrosis infolge bilateraler Steineinklem¬ 
mung. Nach siebenmonatlichem Felddienst 
Pyelolithotomie, Pyelostomie. Heilung 1363. 

Hygiene in den Deckungen im Stellungskriege 80. 
im Felde 22b. Soziale — und Demographie 
196, 430, 840. 

Hygienische und ärztliche Beobachtungen im Belad 
el Djerid (Südtunesien) 522. — Erfahrungen im 
Felde 417, 476, 506, 556. — Erfahrungen hei 
Kriegsgefangenen 109, 1246. — Unterweisung 
und Jugendfürsorge an den Schulen. Von 
F. Lorentz und F. Kemsies. Osterwieck (Harz) 
1913 50. — Winke für Seuchenabteilungen 372. 

Hygrom, Großes - am Oberschenkel 1300. 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



XIV 


Hyperästhesie, Schnelle Heilung schwerer — an 
erfrorenen Füßen 1167. 

Hyperchlorhydrie s. Tetanie. 

Hyperkeratosis, hereditäre 1220. 

Hyperkeratosis lacunaris 1228. 

Hyperol 108, 652. 

Hyperthyreoidismus, Serumbehandlung bei — 574. 
— vom Standpunkte der Kriegsmedizin 285. 

Hypertonie Salt and Alkali Solution in Salvarsan 
Anuria 898. 

Hypertrophia congenita glandulartim sali vari tun 
cum lymphomate colli congenito 402. 

Hypertrophie der Prostata 1251. Angeborene und 
erworbene symmetrische — der Speicheldrüsen 
und des Lymphgefäßsystems des Halses 731. 

Hypkomyeosis ventricnli 286. 

Hypnose, Therapeutische Verwendung der — bei 
Fällen von Kriegshysterie 1391. — s. Astasie- 
Abasie. 

Hypoglossuslähmung und Parese beider Arme, Bi¬ 
laterale nucleäre — durch Unfall 194. 

Hypophysts. Chirurgische Erfahrungen bei Stö¬ 
rungen durch die — 172. 

Hypophysenextrakt s. Asthma bronchiale. 

Hypophysenextrakte s. Diurese. 

Hypophysentumor, Operation wegen — 174. 

Ilypophysentnmoren, Strahlentherapie bei — 924. 
1170. 

Hypophysin Höchst s. Diabetes insipidus. 

Hypospadiebehandlung 1058. 

Hypothyreose, Beitrüge zur Klinik infantiler — 
858, 888. 

Hysterie, Differentialdiagnose der — und psycho¬ 
pathischen Konstitution gegenüber der Hebe- 
phrenie im Felde 877. Lokale traumatische 
— 847. Karotidenkompression bei Epilepsie 
und — 1330. — und Kriegsdienst 373. 

Hysterische saltatorische Krämpfe nach Trauma 
230. — Taubstummheit 1220. 

Hysteroryse, Technik der — 1059. 


Ichthyol s. Erysipel. 

Ichthyolvaselin hei Erfrierungen 1167. 

Ichthyosis, kongenitale 51. Neugeborenes Kind 
mit deutlicher universeller — 766. 

Icterus neonatorum und seine Beziehungen zur 
paraportalen Resorption heim Neugeborenen 
1274. 

Ideen, lieber krankhafte Von Stransky 682. 

Idiotie, Familäre amaurotische — 1387. 

Ikterus, Chronischer hämolytischer — mit Milz¬ 
tumor 930. 

Ikterus neonatorum, Neues zur Klinik des — 1324. 

Ileumvolvulus infolge von Meckelscliem Divertikel 
524. 

Ileus, Ein Fall von intermittierendem — bei 
Wanderniere 980. 

Immunisierung mit durch Formaldehyd verän¬ 
dertem Tetanustoxin 1359. Zur weiteren Nutz¬ 
barmachung der percutancn — 197. — s. Ileu- 
fieber. Die Erzeugung aktiver — bei Gesunden, 
Die Erzeugung passiver — bei Verwundeten 
262 . 

Immunität, vaccinale 981, 1010. 

Immunitätsforschung, Ergebnisse der —, experi¬ 
mentellen Therapie, Bakteriologie und Hygiene. 
Unter Mitwirkung hervorragender Fachleute 
herausgegeben von W. Weichardt. I. Band. 
Berlin 1914 112. 

Imrnunitätswissenschaft. Eine kurz gefaßte Ueber- 
sieht über die biologische Therapie und Dia¬ 
gnostik für Aerzte und Studierende. Von 
Hans Much, Würzburg 1914 200. 

Impetigo contagiosa circinata 230. 

Impfbehandlung der Furunkulose 1272. 

Jmpfmilzschwellung und Typhusdiagnose 1166. 
1299. 

Impfstoffe, Erzeugung der — und Massen¬ 
impfungen in Krakau gegen Cholera und 
Typhus in der Zeit des Krieges 1914 15 1421. 
— und Heilsera 257. 

lmpftechnik 374. 

Impfung, Neueres zur — und zu den Impfungs¬ 
ergebnissen aus der jüngsten Wiener Not- 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


impfungskampagne 572. Prophylaktische — 
gegen epidemische Meningitis 315. — und 

Impfzwang in Oesterreich 787. — s. Typhus. 

Improvisationstechnik, Studien zur — 871. 

Inanition infolge von Verweigerung der Nahrungs¬ 
aufnahme 1333. 

Indikanämie 925. 

Indikationssteilurig, Aenderung der — in der 
Chirurgie, infolge Anwendung der Lokalanäs¬ 
thesie 1249. 

Individual-Psychologie und Frauenfrage. Von Hed¬ 
wig Schulhof 655. 

Infanterieexplosionsgeschoß, neuestes russisches 
815. 

Infanteriegeschoß, Konstruktion und Wirkung des 
englischen — 897. -- s. Herz. — s. Magen. 

Infanteriegeschosse, s. a. Dumdumwirkung eng¬ 
lischer —. Englische — und ihre Wirkungen 
49, 767. Hydrodynamische Wirkung der — 
1358. — mit Spreng- (Dumdum-) Wirkung 
49. Wirkung der regelrechten — und der Dum¬ 
dumgeschosse auf den menschlichen Körper 49, 
142, 228. 

Infanteriemantelgeschoß, Explosiv Wirkung des 

deutschen — 731. 

Infektion, Begriff der ruhenden — in seiner Be¬ 
deutung für die Chirurgie 196. Prophylaxe der 
endogenen puerperalen — 1012. Zur Frage 
der rezidivierenden und „ruhenden“ — bei 
Kriegsverletzungen 1010. Leber tuberkulöse 

— und Reinfektion 34. s. Flecktyphus. — 
s. Tetanie. 

Infektionen, Die chronischen — im Bereiche der 
Mundhöhle und der Krieg, insbesondere ihre 
Bedeutung für die Wehrfähigkeit und für die 
Beurteilung von Rentenansprüchen 1301,1330. 
Kombinierte — mit. epidemischen Krankheiten 
314. 374. Das Herz bei akuten — 315. 

Infektiöse Krankheiten, Verhinderung der Ueber- 
tragung — 24. Wesen und Vererbung gewisser 

— und deren Einfluß auf den Wundverlauf 
544. 

Infektionskrankheiten 320. Auftreten unreifer 
Leukocvten im Blute bei — 1271. Kriegser¬ 
fahrungen über — 1215, 1244, 1271. Neues 
Prinzip der Serumtherapie bei —, mit beson¬ 
derer Berücksichtigung des Typhus abdomi¬ 
nalis 1364a. Prophylaxe der — 264. Unspeci- 
fische Therapie von — 1299. — s. Serumthe¬ 
rapie. Trauma und chronische — 512. 

Infiltrate, subkutane 261. 

Influenza, Feber - . Nach Untersuchungen an der 
Leiche 953. 

Influenzainfektion, Eine genitale -- bei einer 
Gebärenden als Ursache eines Puerperalfiebers 
766. 

Infraorbitalrand, Osteoplastischer Ersatz 'des — 
nach Kriegsverletzungen 843. 

Infusionsapparat, Gebrauchsfertiger — fürs Feld 
und für die Landpraxis 1330. 

Infekt ionsschutzschlüssel 701. 

Infektionsspital, Besuch des Wiener — 290. 

Injektionstherapie, Entwicklung der intravenösen 

— 653. 

Injektion, Epidurale — 979. —, Anaphylaxie und 
intracutane 254. Infraspinale — von 

Serum mit Neosalvarsan 1302. Intravenöse — 
von immunisiertem Serum 817. 

Innenschiene hei Oberarmbruch 1033. 

Innere Erkrankungen s. Kollargolbehandlung. Bei 

— - vorkommende Zahnkrankheiten und ihre 
Behandlung 1194. 

Innere Krankheiten, Behandlung von — im Felde 
267. 

Innere Medizin, Aufgaben und Probleme der —- 
im Kriege 1271, 1278, 1298. Ergebnisse der 
bisherigen Kriegserfahrungen auf dem Gebiete 
der —. Erkrankungen der Kreislauforgane 
1409. 24. Kongreß der Italienischen Gesell¬ 
schaft für — 26, 55. Neuere Arbeiten auf 
dem Gebiete der — 223. Neuere klinische 
und experimentelle Arbeiten aus dem Gebiete 
der —- 45, 867. .Spezielle Pathologie und 
Therapie —. Von Kraus-Brugsch 1331. 

Insektenpulverbestimmung 652. 

Insektenpulverwertbestimmung 344. 

Insektensichere Schutzkleidung 924. 


Insufflation, Phai’yngeale —, ein einfacher Apparat 
für künstliche Atmung am Menschen; nebst 
Bemerkungen über andere Methoden der künst¬ 
lichen Atmung. 

Intensimeter, Fürstenausches 1410. 

Intercostalneuralgien, Leber traumatische — und 
deren Behandlung 1060. 

Interimsprothesen 762, 1034. — für Amputierte 
572. 

Interossealmuskulatur der Hand, Der plastische 
Ersatz der — durch den Extensor digitorum 
communis 816. 

Interossei s. Tetanie. 

Interpositio vesico-vaginalis s. Schwangerschaft 
und Gehurt. 

Intoxikationen nach prophylaktischer Schwefel¬ 
anwendung und ihre Verhütung 1060. 

Intralarvngeaie Operationen, Direkte Methode für 

- 200 . 

Invalide, Zweirad für — 871. 

Invalidenfürsorge, Leber die technische —- 376. 
763. 

Irre s. Frauenkrankheiten. 

Irrigation s. Darmtraktus. 

Irrsinn, Der Einfluß der Zivilisation auf den — 
1302. 

Ischiadicusneuralgie, Behandlung der — nach 
.Schußverletzung mit Nervendehnung 787. 

Ischias als Appendicitissymptom 653. 

Italienische Gesellschaft für innere Medizin, 
24. Kongreß der — 55. 


Jastram M. 658. 

Jod. Einfluß von —, Jodkalium. Jodothyrin und 
jodfreiem Strumapräparat anf den Stickstoff¬ 
wechsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz und 
auf das Blutbild von Myxödem 20. •— s. Blut¬ 
bild. Einfachster und schnellster Nachweis von 
— im Urin, Speichel und in andern Körper¬ 
flüssigkeiten 255. 

Jodanstrich, Die große Tiefenwirkung und lange 
Dauer des — 708. 

r Joddihydroxypropan“ (Alival), Neues, für jede 
Applikationsart geeignetes Jodpräparat: — 
679. 

Jodostarin, Erfahrungen mit — 345. 

Jodprobe, Eine weitere empfindliche — für den 
praktischen Arzt 571. 

Jodtinktur, Ein Ersatz der — 1410. Vorschlag 
eines Ersatzes von — durch Bromchloroform 
in der Chirurgie auf Grund experimenteller 
Versuche 171. —, Perubalsam und Wasser¬ 
stoffsuperoxyd mittels Zerstäubers angewandt 
170. — s. Darmerkrankungen. 

Jugenderziehung, Militärische — 262. 

Jugend- und Schul Sanatorien 1358. 


Kaiserschnitt, Bericht über fünf Fälle von ertra- 
peritonealem — 1219. Ueber extraperitonealen 

— 954, 1145. Extraperitonealer und trans¬ 
peritonealer — 1278. 

Kala-Azar, Splenektomie bei — 897. 
Kalk-Lebertrantherapie s. Rachitis. 

Kalksalze gegen Erfrierung 1428. 
Kallusbeschwerden, Elektrische Behandlung von 

- 319. 

Kallusbildung nach Knochenverletzungen 254, 262. 
Kälte, Therapeutische Verwendung der — mit 
besonderer Berücksichtigung der klimatischen 
Tuberkulosebehandlung 764. 

Kammerwasser s. Linse. 

Kaninchenfleisch, Der Wert des — für die Volks¬ 
ernährung 372, 732. 

„Kankroin“, Unsere Erfahrungen mit — 761. 
Karamose (Merck) für Diabetiker und Kinder 
254. 

Kardia, Transpleurale Resektion der -- und des 
Oesophagus 789. 

Kardiolyse, Rechtseitige — 257. 

Kardiovasculäre Erkrankung 1113. 

Karotis, Ligatur der — 842. 

Kartoffel, Die — als Volksnahrungsmittel 196. 
Karzinom s. Oesophagus. 


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UMIVERSITY OF IOWA 




INHALTS-VERZEICHNIS. 


XV 


Karzinom- und Sarkomentwicklung s. Uternskör- 


Kar/ir.omoperation. Spätrezidive nach — 000. 

Ka-nistirflie Mitteilung 787. 

KatnriJtabletten 1009, 1216. 

Katalysatoren. Beinflussung der — in der Schwan¬ 
gerschaft 1274. 

Karimnieartige Ersrheinnng beim Gesunden 734. 

Kstatonusversuche (Kohnstaumi), Zum — 1112. 

K.iatichak s. Experimente. 

Kaut&hakscbauni s. Glieder, künstliche. 

Kehlkopf s. Schuß Verletzungen . Schußverletzungen 
des -- 733. 

Kehlkopf- and Lnftröhrenerkrankungen, Wert 
der Röntgenuntersuchung bei Diagnose von 

- 50. 

Kehlkopfschüsse 203, 733. 

Kehlkopfverletzung durch eine „gellende“ russi¬ 
sche Kugel 548. 

Keilbeinhöhle, Projektil aus der — entfernt 495. 

Keloidbehandiung, Radium bei der — 817. 

Keratitis parenchvruatosa, Heilung von drei Füllen 
von — durch Salvarsan respektive Ncosalvar- 
san 953. 

Kerato-lritis. Tuberkulöse — 261. 

Keratosis follicularis spinulosa 1334. 

Keratosis follicularis vegetans 1387. 

Kernot E. (Neapel) 500. 

Keuchhusten. (Jeher den — 1192. 

Kiefer 8. Sclmßverletzungen. 

Kieferbrüche. Behandlung der — 1141. 

Kiefergegend, Messerstich in die rechte — 683. 

Kieferhöhleneiterung, Sechs Fülle von — nach 
Schnßverletzung 1362. 

Kieferklemme, Apparat zur Dehnung der Kiefer- 
muskeln und Bänder bei — 710. 

Kiefermuskel und -bänder, Universalaparat zur 
Dehnnng von — nach Schußverlctzugen 732. 

Kieferschienenverbände bei Frakturen und Resek¬ 
tionen, L eber die erfolgreiche Verwendung von 

- mit besonderer Berücksichtigung der Zinn- 
sdiarnierschiene. Von Fr. Hauptmeyer. Mit 
.11 Textabbildungen und 3 Tafeln. 2. Auflage, 
betvwhe Zahnheilkunde. Herausgegeben von 
Julius Witzei. Heft 3 173. 


KicfersclmÜfraktnren, Geheilte — 143. Lippen- und 
öesichtsplastik nach — 765. 

Kieferschoßverletzangen, Therapie der — 1145. 

Kieferstück. An Stelle eines fehlenden — ein 
Stück Tibia 1414. 

Kieferrerletztc, Notwendigkeit sofortiger und'aus¬ 
reichender Hilfe bei — 345. 

Kieferverletzungen 685. — im Krieg und deren 
Behandlung 1193. — im jetzigen Krieg und 
deren Behandlung 1197. 

Kiel. Medizinische Gesellschaft in — 1063. 

Kienböck R. (Wien) 264. 

Kind. Behandlung des zarten und zu früh ge¬ 
treuen — zu Hause 200. Neugeborenes — 
mit deutlicher universeller Ichthyosis 766. Neu¬ 
geborenes — mit Peritonitis 24. 8. Volkser- 
nährnng. 

Kinder. Die erziehliche Beeinflussung und Be¬ 
schäftigung kranker —. Von Nelly Wolffheim 

^ MS. 

Kinderernährung! Milchknappheit und — 1203. 

Kinderheilkunde, Therapeutische Vorschläge aus 
dem Gebiete der - H95. 

Kinderklinik (Anniestiftung) in Frankfurt a. M. 
Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus 
der - von H. v. Mettenheimer, F. Götzkv und 
F-Weihe 82. 


Kinderkrankheiten, Fortschritte in dermedikamen 
f en Th «ap»e der - 573. Kurzes Lehrbucl 
... J T ~- v on H. Lehndorff 406. 
mderlähmung, Behandlung der — 926. Vor 
^ommen der spinalen — in Oberößterreich in 
den Jahren 1909 bis 1913 1217. 
ln _ er jj^ X18 ’ Beobachtungen aus der Freiburger 

KjndoMerblichkeit, Abnahme der — in Berlin 
,, IJJS - ~ m London 768. 

über die ~ v - Herffs 375. 

K ippsche Drahtextension 81. 

C1 and R a l 8 524 c Bemerkun gen über die Biologie 
Q,,d Bekäm pfung der - 109. Neues, sehr wirk¬ 


sames Mittel gegen die — 491. Leber die — 
tötende Mittel 1034. 

Kleiderläuse, Befreiung der Truppen von — 374. 
Behandlung und Prophylaxe der — 344. 
Bekämpfung der — 817. Bekämpfung der — 
durch trockene flitze 673, 1079. Entfernung 
von — durch Schwefeldämpfe 456. Impro¬ 
visation eines Apparats zur Abtötung von — 
807. — und die Uebertragung von Krankheiten 
durch Arthropoden 787. Vertilgung der — 
651. 

Kleinhirn, Erscheinungen von Seite des — nach 
Kontusion des Stirnhirns 230. 

Kleinhirnliemispbäre, Blutung auf der rechten — 
930. 

Klima, Einiges über den Zusammenhang von — 
und Tuberkulose 1271. 

Kiimatotherapie als Ileilfaktor für die im Kriege 
Verwundeten und Erkrankten, mit besonderer 
Berücksichtigung des Höhenklimas 1195. 

Klitorisrupturen, Symptomatologie der subcutanen 

— 257. 

Klumpkesche Lähmung 25. 

Kniegelenke, Operative mobilisierte — bewähren 
sich auch im Kriege 171. 

Knieschlisse, Behandlung eiternder — 1119. 

Knochen, Operationen an den — 1082. — s. Cy¬ 
sten. Nene Methode der Vereinigung fraktu- 
rierter — 765. 

Knochenatrophie, Akute nach Unfall 569. 

Knochencyste, Ostitis tibrosa und — 1413. 

Knochennenbildung, Eigenartige — nach Schuß- 
verletzung 1084. 

Knochenbruchbehandlung 1197, 1253. 

Knochenbrüche, Erste Versorgung bei — 921, 
949. 972, 1006, 1031, 1056, 1082, 1106, 1134. 
Heilung von schweren — mittels Röntgenreiz¬ 
dosen 211. — s. SStreckbehandlung. 

Knochenmark, Das — 10. 

Knochenschnß Verletzungen s. Refrakturen. 

Knocliensequester aus Fistelgängen, Unblutiges 
Verfahren zur Entfernung von — 1220. 

Knochensplitter und Sequester. Physiologische Ent¬ 
fernung von — bei Knochenschüssen 1411. 

Knochensplitter und Fremdkörper, Schonende 
Entfernung von — bei Schädelschüssen und 
Himabscessen 1411. 

Knochen- und Gelenkentzündungen, Trauma und 

— 587. 

Knochen- und Gelenkschüsse, Klinik und Thera¬ 
pie der infizierten — 346, 843. 

Knochen-, Gelenks- und Nervenverletzungen und 
Apparate. Technische Behelfe bei — 1389. 

Knochenveränderungen nach Neuritis 377. 

Knorpelstndien, A. Weiehselbaunis — nebst einem 
Beitrage zur Kenntnis der sogenannten Pseudo¬ 
strukturen und der basophilen interfibrillären 
Grundsubstanz im kindlichen Rippenknorpel 
286. 

Koagulen bei unstillbarer Lungenblutung 172. 

Koblenz-Ehrenbreitstein. Kriegsärztliche Abende 

| i n _ 713j 845. 986, 1143, 1433. 

1 Kochlearis s. Spätaffektion. 

Kochsalz s. Fieberzustände. 

Kochsal/.behandlung, Weitere Mitteilungen über 

— 1387. 

Kochsalzinfusion. Einfacher Apparat für sterile 

— 1300. — s. Typhus abdominalis. 

Kochsalzlösung s. Typlmsfall. 

Köln, Aerztlicher Verein in — 26,175. 793. Kriegs¬ 
ärztliche Abende zu — 957, 1037. 

Königsberg i. Pr., Verein für wissenschaftliche 
Heilkunde in — 1196, 1278 a. 

Körperaussclieidnngen, Krebs und — 1011. 

Körperemanationen vom physiologisch-klinischen 
Standpunkt 1276. 

Körpertemperatur, Verhalten der — bei Dys¬ 
enterierekonvaleszenten 435. Einseitige Steige¬ 
rung der — 1288 

Kolkehydrat, Durch — zuckerfrei 346. 

Kohlehydratgärung, Gibt es eine — im motorisch 
intakten Magen ? 1246. 

Kohlensäurebehandlung eiternder Wunden 816. 

Kohlensäureschnec s. Hautkrankheiten. — als 
Sensibilisator in der Radiumtherapie 1410. 

Kokkenenteritis 1385. 


Kolibaeillen, Neuer Kulturboden zur Unterschei¬ 
dung der — von Typhus- und anderen patho¬ 
genen Bakterien 1222. 

Kolitiden, Unspezifische akut hämorrhagische — 19. 

Kullargol, Leber den therapeutischen Wert des — 
hei Sepsis und einigen anderen fieberhaften 
Erkrankungen 1428. 

KoUargolbeliandlung innerer Erkrankungen 1143. 

Kolpeuryntermassage s. Pa raunet ritis, 

Komaformen, Betrachtung über die relative Häu¬ 
figkeit der verschiedenen — 764. 

Kompleraentablenkung als Reaktion zur Unter¬ 
scheidung zwischen den Seren Typhuserkrank¬ 
ter und gegen Tvplms Geimpfter 545. 

Komplementbildung bei Variola 652. 

Kompressenfrage 900. 

Kompressionssyndrom s. Rückenmarkstumoren. 

Kongorotnährboden, Die Brauchbarkeit des zur 
bakteriologischen Typhusdiagnose 489. 

Kongorotserum- und Drigalskiserumagar, Brauch¬ 
barkeit des — zur bakteriologischen Typhus¬ 
diagnose 1352. 

Kongreß, Der VII. internationale für Geburts¬ 
hilfe und Gynäkologie 932. 

Kongresse, Internationale — 1193. 

Kontrakturen, 2 Fälle von - des Eil bogen gelen¬ 
kes nach Schußverletzung, durch Persuasion 
gebessert 346. 

Kontusionspneumonie, Ueber dyspnoische - 106. 

Koordinationsübnngen s. Stöpselapparat* 

Kopf, Schnßverletzung des — 845. 

Kopfschmerz, Der syphilitische — 141. 

Kopfschüsse 26, 793. Verschiedene Arten der — 
175. Chirurgische Behandlung der — 114. Be¬ 
urteilung der — 1828. 

Korrektur, Historische — 374. 

Korrekturverband 1106. 

Kost, Bemerkungen über die — der Arbeiter 402. 

Kotphlegmone, Zwei Fälle von — und Kotabseeß 
nach .Schußverletzung des Bauches durch 
Scli rapnellfü 1 lkugeln 652. 

Kraftwagen zur Nachtzeit für Aerzte 1198. 

Krankendiät, Kriegsernährung und — 255. 

Krankenernährung während des Krieges 787. 

Krankengeschichten, Auszüge aus — 908. Zur 
Schätzung der verflossenen Zeit und über ihre 
Rulle bei der Aufnahme von — 172. 

Krankenhaus. Ein Vergleich zwischen dem alten 
und modernen — 199. 

Krankenhausluft, Wichtigkeit des Studiums des 
Zustandes der — 199. 

Krankenhausventilation vom Standpunkte des In¬ 
genieurs 199. — vom Standpunkte des Klini¬ 
kers 199. 

Krankenschwestern und Pflegerinnen, Ueber die 
richtige Verwendungsstelle der — im Kriege 8. 

Krankentransportwagen „System Bielefeld“ 679. 

Krankenvorstellung 1143. 

Krankheiten während des Krieges, Die Möglich¬ 
keit des Auftretens exotischer (besonders tro¬ 
pischer) — 108. Welche — oder sonstigen Ur¬ 
sachen führen bei Bewohnern des Deutschen 
Reichs einerseits in der Jugend, anderseits im 
mittleren und vorgeschrittenen Lebensalter am 
häufigsten zum Tode? 492. 

Krautner K. (St. Marein) f 378. 

Krebs der Frauenbrust 1011. Die negative und 
positive Diagnose von — des Gastrointestinal¬ 
traktes 1011. - der Haut 1011. — und Kör- 
perausscheidangen 1011. — der oberen Luft¬ 
wege lüll. — s. Proteinabsorption. 

Krebsbehandlung mit Radium 17. 

Krebskranke. Problem der — 1011. 

Krebskrankheit, Die Lehre von der — von den 
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Von San.- 
Rat Prof. l)r. Jacob Wolff 790. 

Krebsliteratur, Neuere — 1163. 

Krebsserum, Einige Angaben über ein neues — 

1011. 

Krebsvaccine und Antikrebsglobuline als Hilfe bei 
der chirurgischen Behandlung von malignen 
Erkrankungen 50. 

Kreislauftriebkräfte, Extrakardiale — und ihre 
Beziehung zum Adrenalin 343. 

Kresolpuder, ein Schutz- und Vertilgungspuder 
des Ungeziefers im Felde 981. 

Kretinismus s. Kropf. 


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UNIVERSITV OF IOWA 



XVI 


Kreuzfuge, Bei Schußverletzungen der -- ist das 
Trendelenburgsche Zeichen vorhanden 841. 
Krieg und die Aerzte, Der — 10(5. Mitteilungen 
aus ärztlicher Tätigkeit im — 600. — s. Er¬ 
nährung. und Geschlechtskrankheiten 598, 
626. — und Gesundheitsfürsorge 1245. und 
Lungentuberkulose 1335. — und Nervensy¬ 
stem 110. Einige allgemeine Bemerkungen über 
den — und unser Nervensystem 469. — und 
Neurologie 19. — und die traumatischen Neu¬ 
rosen 372. -t--, Prostitution und Geschlechts¬ 
krankheiten 140. Psychiatrisches zum — 818. 

— und Seelenleben 1167, 1194. und Tu¬ 
berkulose 18, 630. — und Verdauungskrank¬ 
heiten 1390. 

Krieger, Fürsorge für ertaubte und schwerhörige 

— 607. Unterbringung und Versorgung unserer 
tuberkulösen 1085. 

Kriegerheimstätten 1390 b. 

Kriegsärztliche Erfahrungen in England und 
Frankreich 374. 

Kriegsnrztliehes aus Feld und Heimat 1364. — 
Taschenbuch. Von Jankau 1011. 

Kriegsanleihe 1306. 

Kriegsaphorismen s. Dermatologe. 

Kriegsarzt, Die gutachtliche Tätigkeit des - 17. 

Kriegsauszeichnungen beim militäräizlliehen Offi¬ 
zierskorps 848. 

Kriegsbeschädigte. Bis wann dürfen und sollen 

— behandelt werden? 952. Nachbehandlung 
von — 1336. 

Kriegsblindenfürsorge 815. 

Kriegsbriefe ans der Kriegslazarettabteilung des 
1. bayerischen Armeekorps 81. 

Kriegsbrote, Verdaulichkeit der — 651. 
Kriegschirurgentag, Deutscher — 547, 578, 604, 
685. 

Kriegschirurgie, Aerztliche Fehler bei Ausübung 
der — und ihre Vermeidung 733. Beobach¬ 
tungen über — in den ersten Wochen des 
Krieges 315. Demonstrationen aus dem Ge¬ 
biete der — 1252. Erfahrungen in — 1114. 

— früher und jetzt 285. Gelenkmobilisierung 
in der — 734. Leitsätze der — 229. Leitsätze 
der —. Von Wieting-Pascha 873. — der Glied¬ 
maßen 1059. — des Sehorgans 48. 

Kriegschirurische Blutung, Zur Behandlung der 

— 197. — Erfahrungen 725, 1060, 1427. - 
Erfahrungen und Beobachtungen 926, 954. — 
Erfahrungen im Feldlazarett 3, 29. — Er¬ 
fahrungen bei den gefangenen Franzosen auf 
Lager Lechfeld 651. — Erfahrungen mit den 
Mantelgeschossen. Ueber die Wirkung der 
Dumdumkugeln 1313. Seltenere Fälle — 1013. 
— Kasuistik 203. 

KriegBchirurgischer Tritschtratsch 116, 146. 
Kriegschirurgisches aus den ersten vier Monaten 
des Krieges 272. 

Kriegschronik 27, 57, 85, 115, 146, 175, 205, 235. 
263, 319, 377, 411,442, 499, 579, 631, 686 a. 
739, 768, 793, 847, 875, 902, 932, 957, 986 a, 
1014, 1038, 1091. 1278 b, 1306, 1390a, 
1435. 

Kriegsdermatosen, Zur Behandlung der — 599. 
— s. Ekthyma. 

Kricgsdiätetik, Ein Beitrag zur —. Zur Feld rat ion 
der Schweizer Soldaten 708. 
Kriegsdienstleistung, Freiwillige — 658. 
Kriegsdiensttauglichkeit ehemaliger Lungenheil- 
stättenpfleglingc 373. 

Kriegseindrücke. Ein Jahr ärztlicher — in Moskau 
1359. 

Kriegserkrankungen s. Magendarmkanal. 
Kriegsernährung 227. — und Krankendiät 169, 
255. 

Kriegsfreiwillige, Erfahrungen hei der Untersu¬ 
chung von — 254. 

Kriegsgebäcke, Bekömmlichkeit der — und die 
Herstellung reinen Weizengebäcks für Kranke 
267 

Kriegsgefangenschaft, Erlebnisse in französischer 

1063. 

Kriesshämntothorax, Pathologie und Therapie des 
- 954. 

Kriegshygiene in der altjüdischen Literatur 494. 
Kriegshysterie s. Hypnose. 

Kviegskrankheiten der Zivilbevölkerung 1396. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Kriegskrüppeltum. Prophylaxe des — vom chirur¬ 
gischen Standpunkte 319, 493. Prophylaxe des 

— vom orthopädischen Standpunkte 319, 
653. 

Kriegs- und Landsturmersatzgeschäft. Eindrücke 
vom — 981. 

Kriegsmedizin. Historisches zur — in Frankfurt 
a. M. 1192, 1244. 

Kriegsmedizinische Erinnerungen 256. 
Kriegsnephritiden, Aetiologie der — 1220. 
Kriegsnenrologie, Krankendemonstration zur — 
576. Kurze Mitteilungen zur Zwei Fälle 
von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzun¬ 
gen 1112. 

Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrach¬ 
tungen 575. — Erfahrungen 1017. Ergebnisse 
der — Forschung 1298. 

Kriegsneurosen, Seltene Fälle von — 1013. 
Kriegsaneurysmen 196, 1086. — und deren Be¬ 
handlung 24. Technik der Operation der — 
652. Weitere Erfahrungen über — , mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Gefäßnaht 
652. 

Kriegsorthopädie, Apparate zur — 1034. 1217. 
Kriegsorthopädisches 896. 

Kriegsphlegmone. Behandlung der — mit Peru¬ 
balsam 256. 

Kriegsprosektnren 286. 

Kriegspsychiatrische Begutachtungen 1034. — Er¬ 
fahrungen aus der Front 1010. 
Kriegspsvchoneurosen, Anamnese der sogenannten 

- 1111 . 

Kriegspsychosen 739, 852. Wesen und Bedeutung 
der - 283. 

Kriegsruhr, Behandlung der — 573. Klinik der 

— 140. 

Kriegssanitätsdienst in Berlin, Der — 48. 
Kriegsschäd'gungen des Auges 285. — s. Ohren. 
Kriegsschauplatz, Vom galizischen — 171. Erfah¬ 
rungen am österreichisch-russischen — 50. 
Kriegsschiene, Neue — 611. 

Kriegsseuchen, Das jahreszeitliche Anftreten der 

— 626. Bakteriologische Erfahrungen bei — 
1143. Bakteriologische Erfahrungen über — 
1281, 1318. — und ihre Bekampfnng 403, 
1278 a. Erfahrungen über die Behandlung 
der — 731, 929. Einige Beobachtungen über 

— im Balkankriege 1913 1320. Entstehung 
und Ausbreitung der — 254, 283. — und 
die Bedeutung der Kontaktinfektion 1383, 
1409. — im ersten Kriegsjahr 1014. Die Be¬ 
kämpfung der — durch Schutzimpfung 678. 

Kriegsteilnehmer s. Herzgeräusche. — s. Herz- 
. infektionen. — s. Herzschädigungen. — s. 

Herzstörungen. — s. Herzveränderungen. 
Kriegstraumen s. Sprachstörungen. 

Kriegstyphus 452, 479. Psychosen beim — 1167. 
Kriegs verletzte, OrthopädischeNachbehandlung der 

— 709. 

Kriegsverletzung, Eine seltene — 234. Eine sehr 
wichtige — der Augen 314. 
Kriegsverletzungen 874. Zwei — 953. — des 

Auges 553, 573. — s. a. Auge. — s. Balneo¬ 
therapie. — und -erkrankungen s. Balneothe¬ 
rapie. Die Thalassotherapie als Heilfaktor bei 

— und -erkrankungen 1195. — s. Infektion. 

— s. Lungen. — s. Nachbehandlung. — der 
Nebenhöhlen des Gesichtes 318. Operative Be¬ 
handlung der — der peripherischen Nerven 237, 
570. — des Nervensystems 232. — s. Nerven¬ 
system. — und -erkrankungen des Nervensy¬ 
stems 871. Behandlung von — des Oberarms 
1193. — s. Ohr. — s. Sehorgan. 

Kriegsverstümmelte s. Preisausschreiben. 
Kriegsverstümmelten-Fürsorge 957. 
Kriegsverwundete, Nachbehandlung der — 199. 
Nachbehandlung der — mit einfachen Mitteln 
1195. — und -erkrankte s. Badebehandlung. 
Kriz Arpad 580. 

Kropf, Kretinismus und die Krankheit von Oha¬ 
gas 1085. 

Kropfätiologie, Versuche über die — 376. 
Krüppeltum bei unseren Kriegsverwundeten, Zwölf 
Gebote zur Verhütung des — 162, 197. 

Krupp und Pseudokrupp, Das Auskultationsphä¬ 
nomen des Kehlkopfes beim — 197. 
KruBtazcen, Erregung und Tonus bei den — 51. 


Küchenabfälle für die Volksernährung. Die Nutz¬ 
barmachung der -- 227. 

Hüttners Bericht über seine Tätigkeit als be¬ 
ratender Chirurg 1252. 

Kufentrage, eine neue Verwundeten trage für den 
Schützengraben 779. 

Kugel aus dem Rückenmark entfernt 1248. Be¬ 
stimmung des Sitzes der — nach Fürstenau 
847. ln den linken Hauptbronchus aus einer 
Lungenschußwunde eingewanderte — broncho- 
skopisch entfernt 1248. 

Kugelsncherapparat 254, 628. 

Kuhpockenimpfstoff, Die Brauchbarkeit des mit 
Aether behandelten — 107. 

Kupfer, Oligodynamische Wirkung des — 1359. 

Kupferbehandlung. Die Wirkung der auf das 
tuberkulöse Meerschwein 170. 


Ijabetrains, Mobile — der freiwilligen Sanitäts¬ 
pflege 876. 

Laboratoriumsinfektionen. Verhütung von — 

1398. 

Labyrinth, Demonstration eines Falles von funk¬ 
tioneller Zerstörung des — mit labyrinthären 
Reizerscheinungen 984. — s. Spätaffektion. 

Labyrintheiterung, Hörvermögen bei — 654. 

Labyrinthgegend, Schrapnellstcckschuß in der — 
874. " . , 

Labyrinthitis circumscripta. Klinische Studie über 
die - 601. 

Labyrinthprellnng infolge Detonation in einer 
Entfernung von ca. 100 m 683. 

Lactosurie, Chronische — bei einem darmge¬ 
sunden , ausgetragenen, aber konstitutionell 
minderwertigen Brustkinde 734. 

Lähmung, Schlaffe — des ganzen linken Armes 
204. — des Atmungszentrums im Anschluß 
an eine endolumbale Neosalvarsaninjektion 313. 
Brown-Sequardsche — mit Lähmung des 
Haissympathicus nach Schuß Verletzung 602. 

— des linken Haissympathicus und mit Schnß- 
verletzung des Larynx 144. Isolierte — des 
Nervus glutaeus superior durch Schußver¬ 
letzung 1112. — a. Tetanie. — der Sohlen¬ 
muskulatur bei Schuß Verletzungen des Nervus 
tibialis 681. — nach Typhus 1032. 

Läuse, Vertilgung der — im Felde 897^ Über 
Züchtungsversuche von — aus Nisse 734. 

Läusebekämpfnng 573, 981, 1061, 1167. Zur 
mittels Cinol 1240. durch Texan 346. 

Läusefrage, Beitrag zur — 571, 843- 

Läuseplage 239. Die Bekämpfung der — 226, 
284, 403, 870. 1429. Bekämpfung der — im 
Felde 373, 571. Bekämpfung der — insbe¬ 
sondere mit Behelfsdampfdesinfektionsappara¬ 
ten 403. Ein sehr altes und einfaches, aber sehr 
wirksames Verfahren zur Bekämpfung der 
im Felde 1085. Beseitigung der — 870. Er¬ 
fahrungen bei der Anwendung von Mitteln 
zur Bekämpfung der — 650. 

Lüusetötende Mittel, Weitere Mitteilungen über 

— 573 - 

Läusevertilgung 573. Methodik der — durch 
Dämpfe chemischer Agentien 787. Neues Mittel 
zur — 572. 

Lagernngsbehandlungder Nervenverletzungen 760. 

Lagerstätte, Ueber eine für das Feld, namentlich 
für Schützengräben bestimmte, leicht impro¬ 
visierbare — 1272. 

Laminektomie, Die Frage der — bei Schuß Ver¬ 
letzungen vom neurologischen Standpunkt 402. 
Die Vorteile der Bauchlage Lei der Nachbe¬ 
handlung der 133J. 

Landau Max 580. 

Langlebigkeit s. Senilität. 

Landpraxiseindrücke, Die — eines österreichischen 
Gemeindearztes. Von Dr. K. H. Schirmer 1061. 

Landsturmärzte, Materielle Lage der — 632, 714. 
Zulagen der neuen — 958. 

Laparotomie, Indikationen zur — im Felde 698. 
s. Wasserstoffsuperoxyd. 

Laryngoiogie, Rhinologie und ihre Grenzgebiete, 
Jahresbericht über die Fortschritte der —. 
Von F. Blumenfeld. I. Band, Würzburg 1914 173 


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UMIVERSITY OF IOWA 




INHALTSVERZEICHNIS. 


3 Rönfgenverfahren in der —. Von M. Wein- 
gacrtner 1114. 

Uryngolo^iarlies vom Verbandsplatz 654. 
birjnx s. Sclinßverletzungen. 
l.irvTixschü-se 1220. 
ljrynssrenosen. Posttypliöse — 956. 

Ijobenheimer K. (Heidelberg) 658. 
f.ingeovfrätznjig, Antethorakale Oesophagoplastik 
wegen — 495. 

Laasofan 645, 841. 

Unsschutz, Persönlicher — 842. 
Lazarettbeschäftigung und Militärnervenheilstätte 

786. 

I.aza rettbetrieb. Praktische Kleinigkeiten irn — 

787. 

Lutarehdisziplin als Heilfaktor 1207. 
I.azarettontemcht 842. 

Lazarettziisre, Reinigung der — bei der Linien 
konunandaniur X, Stettin 1085. 

Leben. Hie Umwelt des —. Von L. J. Henderson 927. 
Lebensgefahr s. Herz. 

Leberntrophie, Zur Klinik der akuten gelben 
mit Berücksichtigung der Aetiologie 593, 809. 
Die aknte gelbe — im Anschluß an die über¬ 
standene Uhloroformnarkose. Von A. v. Bracke 
628. Akute gelbe — bei Syphilis 1009. 
I.cberbefestignng bei Lebersenkung, Verfahren 
zur — und eine Bezeichnung für die Größe 
einer Magensenkung 521. 

Leberechiuokokkus, Operierter Fall von — 145. 
Leberfnnktion, Studien über die — 172. — s. 

Phenoltetrachlorphtaleinprobe. 

Leber-, Gallen- und Pankreaskrankbeiten. Fort¬ 
schritte in der Behandlung der — 1112. 
Lefiertran s. Spasrriophilie. 

Leberverletznng s. Gallenpleuritis. 

Leeatyl behänd Iung der Tuberkulose 1192. 

Loer.'diiene 1060. 

Leilischmerzen, Behandlung von — 80. 

Leichmräger s. Schutzmaske. 

Leisttnhoden, Stieltorsion des — 650. 
Leitangsamisthesic? Mißerfolg der — 392. 

Lenket hei der Wundbehandlung 194. 
Lenicet-Mondwasser in fester Form 1219. 

Lepra anaesthetica 711. 

Lepra der oberen Luftwege 1277. Kann uns die 
- in den russischen Ostseepsovinzen gefähr¬ 
lich werden 708. 

Leakaemia — eine Infektion 1302. 

Leukämie s. Diabetes mellitus. Hämatologische 
Diagnostik der — 1412. Beiderseitige Unerreg- 
baikeit des kochlearen und vestibulären 
Apparates bei — 928. Lineale — lind eine 
tiefe venöse Blutung 1387. Ueher einen l 1 /* Jahre 
lang mit Mesothorium X behandelten Fall von 
lymphatischer — 1035. 

Uukocyten- und Blutplättchenzahlen, Klinische 
l'ntersuclmngen über das gegenseitige Ver¬ 
hältnis der -- 14. 

Leukopenie s. Typhus abdominalis. 

Lukozon, ein neues Wundstreupnlver 760. 

Levarinose s. Hautkrankheiten. 

Lichen planus 1333. 

Lehen ruber planus 232. Isolierter — der Mund¬ 
schleimhaut 261. Universeller — 113. 

Lichen ruber verrucosus 261. 

Lieben scrophalosorum 261. 

Lichen simplex Vidal 231. 

Licht, Beziehungen des Lebens zum — 1140, 
1385. —, Radium. Elektrorhythmik, Dia¬ 
thermie zur Nachbehandlung von Kriegsver¬ 
letzungen und Kriegskrankheiten des Be- 
wegungsapparates 817. Die Wirkungen des — 
auf die lebende Zelle 599. 

Lichtbehandlung des Tetanus 313. 

Lichtfilter 1384. 

Wiigs Fleisdiextrakt, Der vollwertige Ersatz von 
7, ^ Typbusnährboden nach v. Drigalski und 
, H. Conradi 650. 

Ligamenta rotnnda s. Parametritis. 
tgamentum latum, Stieltorqniertes Fibrom des 
~]144. 

Kriegsarztliche Abende der Militärärzte von 
.. U j Umgebung 85. Kriegschirargische 

m 498 Q 657 iFrankrekh) 114 ’ 234 ’ ^ 62, 

u »a ilkt i. Hernien. 


Linse, Versuche mit —, Glaskörper, Kammer¬ 
wasser und Serum in bezug auf ihr Verhalten 
zu einigen anorganischen Alkalien und alka- 
lisch-reagierenden Salzlösungen 954, 981, 1060, 
1141. 

Lippen- und Gesichtsplastik nach Kiefersclmß- 
frakturen 765. 

Lippenherpes 630. 

Lippmann 658. 

Lipsehütz B. 606. 

Liquor cerebrospinalis, Neue Reaktion zur Unter¬ 
suchung des — 896. - s. Rückenmarkstumor 
652. 

Liquordiagnostik, Über den heutigen Stand der 
- 170: 

Literatur 932, 1416 b. 

Livido racemosa 1196. 

Lodz, Kriegssanitätswissenschaftliche Versamm¬ 
lungen in — 439. 

Löffler Friedrich f 466. 

Loehl (Berlin) 658. 

Löwenstein A. (Prag) 264. 

Löwenstein E. (Wien) 058. 

Lokalanästhesie, Verwendung der — 628. 

Lokalisation s. Fremdkörper — der anatomi¬ 
schen Gebilde mit Röntgenstrahlen 1383. Rönt 
genoiogische — von Projektilen 847. 

Lokalisationskanüle 1271. 

Lokalisationsmethode, Praktische Erfahrungen mit 
der Fürstenanschen — von Geschossen 256. 

Lokalisationsverfahren, Ein neues — mittels me 
tallischer Koordinatensysteme 491. 

Lorenz H. (Wien) 264. 

Ludwig Ernst 1197, 1273. 

Lüdin M., Bemerkungen zum Aufsatz von —. 
Über den anakroten Puls in der Arteria ca 
rotis und Arteria tubelaria bei Aorten Insuffi¬ 
zienz 601. 

Lüftungs- und Heiznngshygiene, Fortschritte in 
der — 1216. 

Lues 1333. Maligne — 261. Infektions- und Im- 
munitütsgesetze bei matemer und fötaler — 
598. Fistelsymptom bei kongenitaler — beim 
Aussprechen von m und n 874. Weitere Er¬ 
fahrungen mit der Gerinnungsreaktion bei 

— 924. — s. Lymphosarkom. — s. Tar- 

sitis. Wert der Wassermannreaktion für die 
Diagnose und Therapie im Sekundär- und 
späteren Stadium der — 1335. 

Luesreaktion, Unter welchen Bedingungen hat die 
Herman-Perutzsche — Anspruch auf Gleich¬ 
berechtigung und praktische Anwendung wie 
die Wassermannsche Reaktion 1008. 

Luft, Experimente im Laboratorium mit — 199. 

Luftdruck bei Infanteriegeschossen 1084. 

Luftembolie, Tödliche — durch Bolusinsufflation 
mit Nassauers Siccator 1272. — nach subcu- 
taner Sauerstoffapplikation bei Gasgangrän 
60°. 

Luftozonisierung, über die hygienische Bedeutung 
der — 172. 

Luftröhrenkatarrh, Behandlung des chronischen 

— 598. 

Luftverbranch beim Singen 492. 

Luftwege, Krebs der oberen — 1011. Verletzun¬ 
gen der — und der Speiseröhre 685, 955. 

Lumbalpunktion, Einige Daten über die diagno¬ 
stische und therapeutische Bedeutung der — 
bei submeningealen Blutungen traumatischer 
Ätiologie 1057. — s. Cerebrospinalflüssigkeit. 

Luminal, Die Wirkung des — bei epileptischer 
Demenz 110. 

Lunge, Behandlung von Bajonettstichverlefzungen 
der — 523. Gangrän der — nach Schußver¬ 
letzungen derselben 374. — 8. Herdreaktion. 

— s. Nachblutungen. 

Lungen, Pathologisch-anatomische Beobachtungen 
an Kriegsverletzungen der — 841. 

Lungenentzündung, Diagnose und Therapie der — 
1433. — und Unfall 973. 

Lungenerkranknngen 497. 

Lungengangrän bei Bronchialsteinen 872. Heilung 
eines Falles von — durch künstlichen Pneu¬ 
mothorax 842. 

Lungenhypoplasie, Beiderseitige — 286. 

Lungenleberschaß, Mit Darmverschluß kompli¬ 
zierter — 48. 


XVII 


Lungenpest, Maßregeln gegen — 80. 

Lungenschuß ohne Lungenerscheinungen 523, 

Lungenschüsse, Über — 141, 142, 186, 254, 523, 
1434 Behandlung der - 733. — und deren 
Behandlung durch Punktion und Einlassen 
von Luft in die Brusthöhle 523. Diagnose und 
Therapie der — 1057. Prognose und Therapie 
der — 142. — und ihre Komplikationen 861. 
— und Lungentuberkulose 1410. 

Lungenschwimmprobe, Bewertung der — 649. 

Lungenspitze, Ätiologie und Pathogenese der nicht 
tuberkulösen Erkrankungen der — 55. 

Lungenspitzentuberkulose, Bedeutung der Perkus¬ 
sion für die Diagnose der — mit besonderer 
Berücksichtigung der Bestimmung der KrÖnig- 
schen Spitzenfelder 952. 

Lungentuberkulose 280. Behandlung der — mit 
intensivem rotreichen Licht 1033. Die operative 
Behandlung der —. Von F. Jessen 899. Früh¬ 
diagnose der — (mit Ausschluß der Röntgen¬ 
diagnose) 1218. Kavernöse — beim Säuglinge 
169. Tod an — nicht. Folge eines sechs Jahre 
zurückliegenden Unfalls 811. — durch Unfall 
weder hervorgerufen noch verschlimmert 514. 
Über extrapleurale Thorakoplastik bei — und 
Bronchiektasien 140. — und Krieg 1335. 

Lungenuntersuchung, Hauptpvinzipien der — 790. 

Lungenverletzung durch Bajonettstich mit kom¬ 
plizierendem Hämatothorax 285. 

Lungenverletzungen 54. — s. Pneumothorax. 

Lupus erythematodes 231, 1250. 

Lupus erythematosus 231. 

Lupus, Isolierter — der Gingiva 261. Höhensonnen¬ 
behandlung des — und anderer tuberkulöser 
Erkrankungen der Haut 1139. — s. Höhen¬ 
sonnenbestrahlung. Über intravenöse Behand¬ 
lung des — mit Kupfersalvarsan 197. 

Lupus vulgaris 1333. 

Lupusheilstätte, Verwundete in der — 1330. 

Luxatio fibnlae, Isolierte — im Talocruralgelenk 

816 . 

Luxation des Capitulum ulnae mit Abriß des P. 
styloideus ulnae 1248. — s. Zehe. 

Luxationsfraktur, Isolierte — des Talus nach Gra¬ 
natkontusion 1428. 

Lymphangioma circumscriptum cysticom 231. 

Lymphdrüsen, Primäres, generalisiertes Spindel¬ 
zellsarkom der — 1357. 

Lymphgefäßsystem 8. Hypertrophie. 

Lymphödeme, Dauerresultate der chirurgischen 
Behandlung der elephantiastischen — 522. 

Lymphogranulomatose 1251. — (Hodgkinsche 

Krankheit) mit pemphigusartigem Ex- und En- 
anthem neben granulomatösen Hautknoten 
1110. — Paltauf-Sternberg 232. 

Lymphosarkom des Dickdarms 1415. — des Ma¬ 
gens und hereditäre Lues 656. Fall von — 
des Rachens, von der Tonsille ausgehend 928. 

Lytussin, ein endermatisches Heilmittel gegen 
Lungentuberkulose 568. 


Maculae coeruleae bei einem Falle von Typhus 
exanthematicus 762. 

Magen, Die Erkrankungen des — bei Lues 199, 
229. Beitrag zur Radiologie der Bewegungs¬ 
vorgänge am kranken — 1386. Beiträge zur 
Physiologie des . XXL Die den bitteren To- 
nica zugeschriebene Wirkung auf die Magen¬ 
saftsekretion beim Menschen und Hund 375. 
Untersuchungen des — mittels Sekretions¬ 
kurven 196. Vergleichende Untersuchungen 
über röntgenologische und klinische Befunde 
am — 1083. Wirkung verschiedener Maßnahmen 
auf das Verlassen des — durch Flüssigkeiten 
764. Fremdkörper im — 1276. Verletzungen 
von — und Darm durch das Infanteriegeschoß 
732. Zur Chirurgie des — und des Duode¬ 
nums 950, 976. — s. Divertikelbildung. — s. 
Kohlehydratgärung. — s. Lymphosarkom. 

Magenchirurgie s. Antrum pylori. 

Magen- und Darmentleerang, Zur Frage der — 
bei atouischen Zuständen 786. 

Magen- and Darmkarzinome, Die Böntgenbestrah- 
lang bei — 141. 


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XVIII 


INHALTS -VERZEICHNIS. 


Magendarmkanal, Nachbehandlung von Kriegs¬ 
erkrankungen des — und des Bauchfells 710. 
Pharmakndynamische Erregung und Hemmung 
der Sekretionen im — 658. 

Magen- und Darmkranke, Militärärztliche Kon¬ 
statierung hei — 1414. 

Magendarmkrankheiten, Blutlymphocytoso als 
Zeichen konstitutioneller Störimg bei chroni¬ 
schen — 574. Militärärztliche Beurteilung und 
Behandlung der — im Kriege 1358. 

Magendarmschüsse, Prognose der — ist ohne 
Operation absolut schlecht 1233. 

Magendrainage durch Gastrostomie 111)4, 1360. 

Magenektasie, Diabetes und — 260. 

Magenfistel mit Heberdrainage bei atonisclien 
Zuständen des Magens und Darmes 1273. 

Magengeschwür, Ein röntgenologisches Phänomen 
hei perforiertem - 522. 

Magenkrankheiten s. Blutlymphocytoso. 

Magenkrebs bei jungen Menschen 50. — als Folge 
des Magengeschwürs 1302. 

Magenkrebskranke, Was bietet die Chirurgie den 
— ? 1011 . 

Magenneurosen 26. Differentialdiagnose der — 2(5. 

Magensymptome, Syphilis und — 707. 

Magenulkus, In das Pankreas penetriertes — 001. 

Syphilitisches - 574. 

Magnesium, Olycerinphosphorsaures — s. Tetanus. 

Magnesium sulfuricum s. Tetanus. 

Magnesiumsulfat, Cber die kombinierte Wirkung 
des — mit Narkoticis. (Zur Behandlung des 
Tetanus) 372, 1086. 

Malaria, Ein Beitrag zur Chemotherapie der chro¬ 
nischen -- 788. Spontane Hämagglutination 
hei — 1167. Mobilisierung einer latenten — 
durch Typhusvakzination 287. 

Malariainfektion in Köln 870. 

Malariarezidiv nach Typhusschutzimpfung 1290. 

Malonsäuretrichlorbutylester, Wirkung des — bei 
Hustenreiz 079. 

Mal um perforans pedis, Bemerkenswerter Fall von 

— nach Prellschuß der Wirbelsäule 700. 

Mann von fünfzig Jahren 652. 

Mantelgeschoß, Explosivwirkung des — 433. 

Marienbad, Erholungsheimi („Aerzteheim) in — 236. 

Marinesaniiatswesen, Einiges aus dem — 141. 

Organisation des — und die Verwundetenver¬ 
sorgung an Bord 286. 

Mark s. Herderkrankungen. 

Maresch K. (Wien) 264. 

Marschfraktur 1411. 

Martinelli A. (Bologna) 500. 

Marx (Heidelberg) 500. 

Massachusetts, Erfahrungen aus der medicomecha- 
nischen Abteilung des allgemeinen Kranken¬ 
hauses zu — während sechs Jahren 199. 

Massage und medicomechanische Behandlung 347. 

Massendesinfektion im Felde mit Hilfe von Heiß- 
darapflokomobilen 285. 

Massenentlausung s. Gefangenenlager 61. 

Mastdarm eines Mannes. Seltsamer Befund im — 
1158. 

Mastisol zum Abdichten und Befestigen schlecht- 
sitzender Injektionsnadeln 1103. 

Mastoiditis bei Variola 928. 

Mattonis Moorsalz 348. 

Maul- und Klauenseuche, Lieber die Epidemie der 

— in der Frankfurter Milchkuranstalt 1915 

397. 

Mechanotherapeutischer Universalapparat 708. 

Medicomechanik im Bett 1111. 

Medico-mechanische Behandlung 1192. Ersatzappa¬ 
rate 786. Massage und — 347. 

Medikamente, Vereinfachte Methode der intra¬ 
venösen Zufuhr von — 343.-Mangel 1063. 

Medizin, Die gerichtliche — mit Einschluß der 
gerichtlichen Psychiatrie und der gericht¬ 
lichen Beurteilung von Versicherung«- und 
Unfallsachen. Von Erich Harnack 1011. Ge¬ 
schichte der —. Von P. Diepgen 790. Ein¬ 
führung in die Geschichte der — in 25 aka¬ 
demischen Vorlesungen. Von J. L. Pagel 682- 
Lehrbuch der Grenzgebiete der — und 
Zahnheilkunde für Studierende, Zahnärzte und 
Aerzte. Von Dr. Julius Misch 576. Einfüh- 
tung in die sociale — unter Berücksichtigung 
der Versicherungsmedizin. Von P. Keckzeh 983. 


Medizinische Wochenschrift, Prager — 606. 

Megakolon als Geburtshindernis 1247. 

Megalocolon congenitum 203. — i Ilirschsprnng) 
24. 

Mehlnährschaden 881. 

Meiostagrninreaktion, Beiträge zur Beurteilung der 
klinischen Verwertbarkeit der - 1159. — 

bei bösartigen Geschwülsten 1100. 

Mekonal ein Schlafmittel 807. 

Melo- et Gheiloplastik 540. 

Melubrin, ein neues Specificum gegen Gelenkrheu¬ 
matismus 1133. 

Membranartige Bildungen im menschlichen Ge¬ 
webe, Darstellung - 1166. 

Membranen, Trachealstenose durch — 1362. 

Meningitis, Aetiologie der eitrigen — 1416. Bei¬ 
träge zur Klinik und Therapie der epidemischen 

— 1385. Bekämpfung der — 580. Hämolysin¬ 
reaktion (Weil-Kafkasche Reaktion) der Cerebro- 
spinalfUissigkeit hei — 1330. Zur Klinik, Ge¬ 
nese und Aetiologie der eitrigen — im Kriege 
1093. 

Meningitis cerebrospinalis. Abortive Formen der 

- 1166. 

Meningitis cerebrospinalis epidemica, Behandlung 
der — mit großen Serummengen 1054. 

Meningitis cerebrospinalis epidemica fulminans 

1424 

Meningitis cerebrospinalis siderans 1217. 

Meningitis epidemica 713, 845. Bakteriologie und 
Prophylaxe der — 025. Exanthem und Rezidiv 
bei — 1328. 

Meningitis levissima (epidemica) 1277. 

Meningitis purulenta, Kasuistik der — 597. 

Meningitis serosa acuta, Einfluß einer bei einem 
Diabetiker in einer Typhusrekonvaleszenz ent¬ 
standenen - auf den Stoffwechsel 1109 

Meningitis, Kasuistik der serösen — 1349. Zur 
Pathogenese der — bei Schußverletzungen de« 
Gehirns 546. Circumseripte seröse — nach 
Trauma 764. Eine neue Behandlungsmethode 
der tuberkulösen — 255. — s. Impfung. — 
s. Otitis. 

Meningitis typhosa serosa 733. 

Meningitisbehandlung, Versuch einer neuen — mit. 
Silberpräparaten 1428. 

Meningocele, Ein Fall von mehrfacher — 052. 

Meningocele spinalis traumatica 377. 

Meningoenkephalitis bei einer Anthraxeikrankung 

1222 . 

Meningokokken, Einfaches Verfahren zur Erleich¬ 
terung des Nachweises von — in der Lumbal- 
flüssigkeit 571. über den Nachweis von — in 
der Lumbalflüssigkeit 1058. 

Meningokokkeninfektion, Septische — 1083. 

Menschenaffen s. Anthropomorpheu. 

Menschenserum, Über die Einwirkung von mütter¬ 
lichem und fötalem — auf Trypanosomen 160. 

Menstruationsverhältnisse nach gynäkologischen 
Operationen 286, 316. 

Merkblätter für Feldunterärzte 1428. 

Mesothoriumbeliandhuig. Erfolgd der — bei 
100 Utcruscarcinomen 1410. 

Messung, Übersicht über die Resultate galvano¬ 
metrischer — bei Messung von Hand zu Hand 
1411. 

Metakontrast, Demonstration des — mit Hilfe 
des Metakontrastapparates 52. 

Metalle und Mörtelmetall angreifende Wässer 
818. 

Metatarsalgie 892. — s. Plattfuß. 

Mictionsanomalien, Versuch einer Analyse der — 
nach Erkältungen 1167. 

Miedernaht 871. —, ein Beitrag zur unblutigen 
Wundvereinigung 600. 

Mikrophotographie, Praktische Winke für — 1010. 

Mikuiiczsche Krankheit? Stillsche oder — 590. 

Milch, Einfluß der — und ihrer Antikörper auf 
die Wirkung hämolytischer Toxine 860. Die 
— in der ärztlichen Praxis 164. Fail von Ver¬ 
seuchung der — durch Coccidium oviforme und 
Bacterium coli varietas dysentericum 172. 

Milchknappheit und Kinderernährung 1203. 

Mineralwässer, Die Zusammensetzung der arsen¬ 
haltigen — 141. 

Militärarzt, Zwei vielgebrauchte therapeutische 
Erfordernisse für den — 787. 


Militärärzte, Mai-Avancement der — 570, 500. 
September-Avancement der — 986 b. November- 
Beförderung der - 1278 c. Vorrückung der 
- 116 . 

Militärärztliehcs 28. 58, 86, 115, 146, 176, 206. 
235, 264, 289, 320, 347, 378, 411, 442, 465, 
500, 525, 549, 570. 631, 658, 686 a, 713, 740, 
768. 794, 822, 847, 875, 902, 932, 957. 986 a, 
1014, 1038, 1091, 1117, 1145, 1171, 1197, 
1223, 1252, 1278 b, 1306, 1335. 1364 b, 1390 b, 
1416 b, 1436. 

Militärdienst, Einfluß des — auf tuberkulöse Er¬ 
krankung in Krieg und Frieden 1013. 

Militärmedizin und ärztliche Kriegswissenschaft 
955, 1061. 

Militärnervenheilstätte. Lazarettbeschäftigung und 
— 786. 

Militär-psychiatrische Beobachtungen und Er¬ 
fahrungen. Von Weyert 1412. 

Militär-Sanitätswesen, Römisches — 28. 

Milz, Funktionen der — 846, 1084. Lehre vom 
Fettgehalt der menschlichen — 842. 

Milzbrandgefahr, Die Bekämpfung der — in ge¬ 
werblichen Betrieben. Von O. Bergmann und 
11. Fischer. Berlin 1914 112. 

Milzimpfung s. Tuberkulose. 

Milzruptur beim Rodeln 897. 

Milztumor s. Ikterus. 

Mischinfektionen bei Typhus abdominalis 913. 

Mißbildung 24, 766. 

Mißbildungen, Die praktische Bedeutung der 
der Niere, des Nierenbeckens und des Harn¬ 
leiters. Von C. Adrian 258. 

Miteilabehandlung der Uberarmschußbrüche 786. 

Mittelohreiterungen, Prognose und Therapie 
schwerer — 734. 

Mittelohrentzündung, Akute eitrige — nach der 
Entfernung der Nasenrachentnmoren mittels 
der galvanokaustischen (Schlinge 955. 

Mittelohrräume, Konservative Radikaloperation 
(Totalaufmeißelung der mit Erhaltung des 
Trommelfells und der Gehörknöchelchen) mit 
besonders günstigem funktionellen Resultat 984. 

Mobilisation versteifter Finger- and Handgelenke 
bei Kriegsverwundeten 786. — der Hand- und 
Fingergelenke 875. 

Mobilisationsmaschinen, Erfahrungen mit Sche- 
daschen 1273. 

Mobilisierung versteifter Gelenke 285, 762. 

Mondorfer Wasser, Die praktischen Erfolge der 
Verwendung von — bei der Behandlung von 
Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten 
217. 

Morbus Basedowii 81. Gesichtspunkte zur Behand¬ 
lung des — 844. Erfolge der operativen Be¬ 
handlung des — 653. Indikationen zur Ope¬ 
ration des — und Operationserfolge 841. 
Kasuistisches zur Frage therapeutischer Mi߬ 
erfolge bei -- 172. 

Morbus Brigthii 1194. 

Morphium, Die fördernde Wirkung des — auf die 
heterotope Reizbilduug im Herzen 1139. 

Morphium und Ileroinsucht, Die relative Häufigkeit 
von -- 789. 

Mumps, An der Front angestellte Beobachtungen 
über das endemische Auftreten von — bei 
älteren Soldaten 787. 

München, Aerztlieher Verein in - 262. Gynäko¬ 

logische Gesellschaft in — 1222. 

Mundchirurgie, Nachbehandlungen in der — 318. 

Mundfäule, Epidemisches Auftreten der — im 
Schloßbergkastell in L. 762. 

Mundhöhle, Die chronischen Infektionen im Be¬ 
reiche der — (Tonsillen, Zähne. Nebenhöhlen) 
und der Krieg, insbesondere ihre Bedeutung 
für die Wehrfähigkeit und die Beurteilung 
von Rentenansprüchen 1062. 

Mundhöhlenkrebs mit Radium günstig behandelt 
1166. 15 Fälle von mit Radium günstig 
behandelt 1091. 

Mnndhygiene 1113. 

Mundinfektionen, ihre Ursache, Behandlung und 
Wirkung auf den Körper 1113. 

Mnndkrebs 1011. 

Mundschleimhaut, Bemerkungen über einen Fall 
von rezidivierendem Herpes (Aphthen) der — 
1218. — s. Geschwüre. — s. Lichen ruber. 


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INHALTS-VERZEICHNIS. 


XIX 


.Vu/idschlrimhautentzündnngen 11). 

Mundsperrt'. Chirurgische Behandlung der durch 
SclmlRerletznng hervorgerufenen — 314. 
\!urnh}>em*r nach Zahnarzt Alfred Kreis 18. 
Musen!i infercostales, Bemerkung über Beteilig 
zun" der - hei Hemiplegie, und zwar bei 
Solcher a) kapsuJären, b) corticalen Charak¬ 
ters 1113. 

Muskelarbeit, Einfluß der — auf den Blutzucker 

llfö. 

il'jskelhindegewebsgeschwülste der Vaginalwand 
257. 

Miiskelhypertrophien hyperkinetischen Ursprungs 
bei toxischer Folvnenritis 1199. 

Moskelraaschine. Neue Versuche zur Theorie der 
- 284. 

Muskelmecbanische Bemerkungen 710. 
Maskelrheunjatismus, Behandlung des— 738, 1267. 
Mu-kebpasmen 707. 

Muskeltonas, Gemütsbewegung und cerebraler 
Tnnosapparat 199. 

Muskelverknöcherung. Kasuistik und Kritik der 
umschriebenen — (Myositis ossificans circum¬ 
scripta) 403. 

Matterbänder, I ber retrouterine Dopplung und 
Hefestigung der runden — zur Heilung der 
Kückwärtslagerung und Senkung 1194. 

Mutterring. Schädigung darch einen — 598. 

Myelitis. Traumatische — 599. 

Myelome, Erkrankung an multiplen —, nicht 
durch Unfall verursacht 1108. 

Myelose, Beitrag zur Kenntnis der „aleukämi¬ 
schen — 1001. 

Mymn und geplatzte Tubargravidität 1115. Rup¬ 
tur eines sarkomatös degenerierten — 821. 
Vereiterung eines — auf dem Wege der Blut¬ 
hahn 821. Myome. Strahlenbehandlung der — 
nach einer einmaligen Sitzung 141Ö. 

Myoma uteri. Isochronisch heterotope Eiimplan¬ 
tation bei — und dadurch bedingter Retro- 
deviation des Gebärorgans 492. 

Myositis 50. 

Myositis gonorrhoica 1415. 

Myotonie, Objektives Symptom der — 317. I 

Myotonoelonia trepidans 1279. 


Xabelkoliken älterer Kinder, Untersuchungen 
über die — 229. — und Ulcns duodeni 51. 

NV I, Einnahme von ein Mittel zur Vermin¬ 
derung der Schweißbildung bei Phthisikern 
»nd auf Märschen und zur Verhütung von 
Minderungen bei Anstrengungen und Hitze 
105’.). 

Nachamputation, Einfache Art der — 1131. 
Narhamputalionen, Vermeidung von — 816. 
Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungs¬ 
apparates 319, 347, 409. — der im Kriege ver¬ 
wundeten Ileeresangeliörigen 345. Die Aufgaben 
der niedico-mechanischen -- der Kriegsver¬ 
letzungen und ihre Durchführbarkeit 328. 
l eber physikalisch-mechanische — im ortho¬ 
pädischen Institut der chirurgischen Klinik in 
Innsbruck 710. — von Kriegsverletzungen mit 
ihliznn 570. — der Verletzungen des zentralen 
und peripheren Nervensystems 347, 653. — 
v;n \ erkundeten und Unfallverletzten 1429. 
~ ^ Banchvcrletzungen. — s. Frakturen. — 
v Kriegsverwundete. 

Narhhlutang, Späte — aus der Lunge nach Gra- 
ratsplitterverletzung 953. Fall von tödlicher 
»tonischer - post partum, hei dem sich eine 
hochgradige Atrophie der Nebennieren fand 

Vj'Ulutungcn in der Mundchirurgie 318. 
Rotblindheit im Felde 980, 1034, 1300. - s. 
Avitaininose 1429. 

•' btsandeln. t eher — und Mondsucht. Von J. 
. R'lgcr 1)H2, 

N-ihrgetrank für Scliwerverw nndete im Feldlaza¬ 
rett 925. 

Viiirbefe. l'fttersudmngen über — 841. 

■ aiMnffe, Vitamine und accessorische — 1192. 
R-xus Pringle 1250. 

verrucosus pliusns 261. 

•Wyuiptnin 1304. 


Nahrungsbedürfnis 1301. 

Nahrungseiweiße, Bemerkungen über Ersatzmittel 
der gebräuchlichen —, insbesondere über Blut 
1086. 

Nahrungsmittel, Blut als — 959. 

Nahrungsmittelchernie in Vorträgen. Von \V. Kerp 
764. 

Nahrungsmittelverbrauch dänischer Familien 842. 

Naht der Art. und V. axillaris sowie des Plexus 
brachialis 287. — der Art. brachialis nach 
Schuß Verletzung 549. — durchtrenn ter Nerven 
mittels Einhülsung in Eigengewebe 1273. Me¬ 
thodik der — an peripheren Nerven 490. — 
der Vena femoralis nach Sehußverletznng 549. 

— s. Plexus brachialis. — s. Schußwunde. 

Namur, Deutsch-belgische Aerzteabende zu — 

499. Deutsch-belgische Aerztevereinigung in — 
(Belgien) 175. 

Naphthalinentlausung und ihre Methode 1300. 

Narben, Etwas über die Behandlung schmerzhaf¬ 
ter callöser — 599. Ueber die Radiumbehand¬ 
lung von — 570. 

Narbengewebe, Behandlung von — mittels des 
Salzsäure-Pepsingemisches 577. 

Narbenschmerzen, Circumscripte — bei Durch¬ 
schüssen von Hand und Fuß 1085. 

Narkolepsiefrage 735. 

Narkophin als schmerzstillendes Mittel in der Ge¬ 
burtshilfe 110. 

Narkose, Ueber die subcutane Methode der ~ 
durch Magnesi um salze (Sulfat und Glycerin¬ 
phosphat) 1083. Neue Versuche zur Theorie 
der — 343. 

Narkosenasphyxie. Post laparotomiam 48. 

Nase und ihre Nebenhöhlen , Ueber Verletzungen 
und Erkrankungen der — im Kriege und ihre 
Behandlung 733. — s. Schrapnellverletzung. 

— s. Sklerose. — s. Vaccinetherapie. 

Nasenatmung, Einfluß behinderter — auf das Zu¬ 
standekommen der Inhalationstuherkulose 79. 

Nasenerkrankungen, Hals- und — 497. 

Nasenflügel s. Angiom. 

Nasengerüst, Auftreibung des knöchernen — bei 
einem Falle von Schleimhauttuberkulose 601. 

Nasenhöhle s. Gesichtsschüsse. 

Nasenhöhlonentzündung, Diagnose und Behand¬ 
lung der - 1218. “ 

Nasen-Rachen raum, Sarkom des — 1332. 

Nasenrachentumor s. Mittelohrentzündung. 

Neartlvrose 820. 

Nebenagglutinine, Die Bildung von — 1059. 

Nebenhöhlen der Nase s. Ozaena. 

Nebenhöhleneiterungen, Chirurgische Behandlung 
der — nach Kriegsverletzungen 732. 

Nebenhodenentzündung, Speicheldrüsen und epi¬ 
demische — 535. 

Nekrose an den Zehen und Erythromelalgie 23. 

Neoplasmen s. Röntgentherapie. 

Neosalvarsanbehandlung bei 15 Fällen von Mala¬ 
ria tertiana 1245. 

Neosalvarsaninjektion, Ein Todesfall nach intra¬ 
lumbaler — 617. 

Neosalvarsannebenwirkung 1300. 

Neosalvarsantherapie 1428. — beim Typhus ab¬ 
dominalis 732. 

Nephritis syphilitica 1301. 

Nephrotyphus 1141. 

Nerven, Chirurgie der peripheren — 228. Ueber 
Kriegsverletzungen der peripheren — 501, 
527. Einige Anregung für die Behandlung der 
Schußverletzungen peripherer — 372, 1412. 
UeberSehnßverletzungen am peripheren —490. 
Ein Beitrag zur Verletzung peripherer — 491. 
Lagerung nach Verletzung peripherer — 1007. 
Beobachtungen an Verletzungen peripherer — 
897. Ueber die Verletzungen der peripheren — 
im Krieg und deren Behandlung 315. Weiteres 
über das Verhalten frisch regenerierter — und 
über die Methode, den Erfolg einer Nerven¬ 
naht frühzeitig zu beurteilen 856. Ungewöhn¬ 
lich frühe Wiederherstellung der Leistungs¬ 
fähigkeit im resezierten und genähten — 
(lschiadicus) 490. Anatomische Befunde am 
schuß verletzten — 1305. Behandlung verletzter 

- im Kriege 227. • s. Galalith. - s. Sohnß- 

verlctzungen. 

Nervendehnung s. Ischiadicusneuralgie. 


Nervenerkrankungen, Periphere — 605, 1218. 

Nervenkrankheiten, Bedeutung des endogenen 
Faktors für die Pathogenese der — 654. Sal- 
varnisiertes Serum bei syphilitischen — 1274. 
Das Problem der Therapie der sypliilogenen 
— im Lichte der neueren Forschungsergebnisse 
313. 

Xervenmeehanik und ihre Bedeutung für die Be¬ 
handlung der Nervenverletzungen 786. 

Nervennaht 142, 287. Ueber eine Methode, den 
Erfolg einer — zu beurteilen 359. Prognose 
der — bei Verletzungen des peripherischen Ner¬ 
vensystems, insbesondere bei Schußverletzun- 
gen 490. 

Nervenpfropfung 1411. 

Nervenshock nach Granat- und Schrapncllexplo- 
sionen 229, 318. 

Nervenstörungen, Ueber Kombination organischer 
mit funktionellen — 1036. 

Nervensystem. Einige allgemeine Bemerkungen 

I über den Krieg und unser — 469. Krieg und 

— 110, 145. Durch den Krieg bedingte Folge* 
zustände im — 490, 1169. Die Kriegsverlet¬ 
zungen des — 203. Ueber die Indikationen zu 
den therapeutischen, speziell den chirurgischen 
Maßnahmen bei den Kriegsverletzungen des — 
und über die Prognose dieser Verletzungen an 
sich und nach den verschiedenen Eingriffen 
1109. Sonnenbäder und — 842. Vegetatives 

— und abdominelle Erkrankungen 574. — s. 
Heißluftbehandlung. — s. Kriegsverletzungen. 

s. Nachbehandlung. — s. Syphilis. 

Nerven- und Geisteskrankheiten im Feld und 
im Lazarett. Von Friedländer 710. 

Nerven- und psychisch-nervöse Erkrankungen, 
Winke zur Beurteilung von — 816. 

Nervenvereinigung, Neue Methode der — 1304. 

Nervenverletzung s. Frühoperation. 

Nervenverletzungen 25, 312, 318. Lagerungsbe¬ 
handlung der — 760. Operative Behandlung 
von — 577. 

Nervöse Symptome. Vorkommen — und vagoto- 
nischcr Erscheinungen bei Gesunden 395. 

Nervus glutaeus superior s. Lähmung. 

Nervus medianus, Läsion des — 767. 

Nervus pudendus (Neuralgie), Reizung des 14(>9. 

Nervus recurrens. Verletzung des — 81. 

Nervus tibialis s. Lähmungen. 

Nervus vestibularis. Fall von isolierter Reizung 
des — aus unbekannter Ursache 928, 

Netzhautschädigung, Zur Kenntnis der — durch 
erhöhten Luftdruck 1329. 

Neubildungen, Röntgenbehandlung der tiefge¬ 
legenen malignen — 818. 

Neugeborene s. Hungerfieber. 

Neujahrsbetrachtung 27. 

Neuralgie des N. phrenieus nach Schußverletzung 

Neurastlienia cordis 678. 

Neuritis als Felderkrankung 1217. — s. Plexus 
brachialis. Yaccineurinbehandlung der -- 1086. 
Isolierte — vestibularis nach Typhusschutz- 
impfung 1009. 

Neuroglia, Eine neue Methode zur Färbung der 
- 601. 

Neurologie, Die — des Auges. Von H. Wilbrand 
und A. Saenger 1168. Krieg und — 19. Psy¬ 
chiatrie und — 735. 

Neurologisches während des Feldzuges 1155. 

Neurolyse. Die Technik der — 1215. 

Neuropathisehes Kind, Abgrenzung und Begriff 
des — 815. 

Neurosen, Behandlung der nach Granatexplosionen 
auftretenden — 897. Psychopathologie der 

— 763. Demonstration einiger Fälle aus dem 
Gebiete der traumatischen — 1432. Trauma¬ 
tische — im Krieg 1112. Das Romberg-Phä¬ 
nomen bei traumatischer — 792. Soll man 
wieder „traumatische — J bei Kriegsverletzten 
diagnostizieren? 849,948. Bemerkung zudem 
Aufsatze Nonnes: „Soll man wieder .trauma¬ 
tische — 4 bei Kriegs verletzten diagnostizieren?" 
920. Zum Streit über die traumatische — 
1194. Die — und Psychosen des Puber¬ 
tätsalters. Von Pappenheini und Groß 1061. 

Nicoladonische Piattfnßoperation. Bewertung der 

— 18. 

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XX 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Niere, Funktion gesunder und kranker — 20. 
Die Innervation der — 1009. Kriegsverletzun¬ 
gen der — 1246. — s. Rückfallfieber. 

Nierenbeckenentztindung, Ueber die— der Schwan¬ 
geren 190. 

Nierenblutung, Continuierliche schmerzlose — 
und deren Behandlung 315. 

Nierenentzündung, Wirksamkeit des Natriumchlo¬ 
rids in der Therapie der - 200. 

Nierenerkrankungen, Stoffwechsel und — 1330. 

Nierenfanktion, Getrennte —. Beobachtungen, ge¬ 
wonnen durch Anwendung des Ureterenkathe- 
ters und des Pbenolsulphonephthaleins 494. 

Niereninfarkte, Symptomatologie der — 286. 

Nierenkranke, Beiträge zur Behandlung der — 
1328. 

Nierennaht nach Schuß Verletzung der Niere 
549. 

Nierenreizung nach Novocainanästhesie 843. 

Nieren tuberkulöse bei Feldzugssoldaten 1359. — 
mit Ureterenverschluß 1113. 

Nieren* und Harnwege, Die infektiösen Erkran¬ 
kungen der — (mit Ausnahme der Tuberku¬ 
lose). Von Ed. Scheidemandel 655. 

Nilotan, Wundbehandlung mit — 1011. 

Ninhydrinreaktion s. Punktionsflüssigkeit. 

Nitralampe, eine neue Strahlenquelle für therapeu¬ 
tische Zwecke 1246. 

Nobel Preis 1252. 

Noguchis Luetinreaktion, Ueber — mit besonderer 
Berücksichtigung der Spätlues des Centralner¬ 
vensystems 106. 

Noktambulismus, Kasuistik des — 652. 

Nosokomialgangrän, Ueber — 54. 

Notprothese für die untere Extremität mit Exten- 
sionsvorrichtong 1085. 

Nottracheotomien 283. 

Noventerol, ein neues Darmadstringens 808. 

Noviform, Ueber — 786. 

Novinjektolbehandlung s. Haut- und Geschlechts¬ 
krankheiten. 

Novocainanästhesie, Klinische Erfahrungen über 
— bei normalen Geburten 284. Nierenrei¬ 
zung nach — 843. 

Nystagmus bei Verletzungen des Fußes der zwei¬ 
ten Stirnhirnwindung 1193. Stottern und — 
654. 


Oberarm, Projektil im Schußkanal des — 603. 
Oberarmbruch, Innenschiene bei — 1033. Behand¬ 
lung der — mit Triangelextension 1236. Ein¬ 
facher Improvisationsverband für — 491. 
Oberarmfraktur 175. 

Oberarmfrakturen, Extensionsschienen für — 
2*7. Extensionsvoirichtnng für — 317. 
Oberarmschaftbrüche, Miteilabehandlung der — 
7*6. 

Oberarmschiene 973. 

Obeiarmschußbrüche, Behandlung der — im Felde 
925. Behandlung der — mittels Extensions¬ 
triangel 953. 

Oberarm- und Oberschenkelbrüche s. Verband. 
Oberflächenwasser, Beschaffung von keimfreiem 

— im Felde mittels des Chlordesinfektions¬ 
verfahrens 462. — 8. Entkeimung. 

Oberkieferzyste, Doppelseitige — 1250. 

Oberlippe 8. Geschwüre. 

Oberschenkel, Hochgradige Verkürzung eines 

— nach Reinfraktion 577. Behandlung der 
Krngsbrttche des — 404. Schußfraktur des 

— 953. 

Oberschenkelbrtiche, Beitrag zur Behandlung der 

— im Felde 404, 1086. 
Oberschenkeldeformitäten 630. 
Oberschenkelfrakturen, Behandlongder — 404,627. 

Behandlung von — mit Nagelextension 1415. 
Behandlung von schwierigen — in der Sitz¬ 
lage, besonders mit Behelfen 733. — Versorgung 
im Felde 404. Versorgung der — im Felde, zu¬ 
gleich eine Instruktion für den Feldarzt 1360. 

— 8. Extensionsapparat. 
Oberschenkelschußbrüche, Behandlung der — 600. 

Versorgung der — im Felde 1385. 


Oberschenkelschußfraktnren, Behandlung der — 
610, 1167. Behandlung der — im Kriege 952. 

Objektträger, Neuer Behälter zum Aufheben der 

- 1359. 

Obstipation, Behandlung der chronischen — 20. 
Beitrag zur Lehre von der chronischen — und 
ihrer chirurgischen Behandlung 872. 

Oedem, Kenntnis des harten traumatischen — 
des Handrückens 980, 1033. 

Oedeme, Auftreten von — nach großen Gaben 
von doppelkohlensaurem Natrium 494. 

Oedemkrankheiten, Aetiologie der — in russischen 
Gefangenenlagern 897. 

Oelklistiere, Sparsamkeit mit — während des 
Kriegs 373. 

Oesophagoskopie, Lehrbuch der —. Von Hugo 
Starck 736. 

Oesophagoskopische Untersuchung, Neue Position 
zur — 313. 

Oesophagus, Dilatation und Verlängerung des — 
1248. Karzinom des Brustteiles des — 711. 
Einige Kriegsverletzungen des —- 196. — s. 
Kardia 

Oesophagussclmß 953, 1300. 

Offiziersehrenzeichen für Verdienste um das Rote 
Kreuz 876. 

Ohr, Eigentümliche Läsion des inneren — oder 
seiner Nerven durch Verschüttung 874. Tlastik 
bei kongenitaler Deformation des — 984. 
Kriegsschädjgu ngcn des inneren — 684. 

Kriegsverletzungen des — 1359. Seltene Mi߬ 
bildung des rechten — 928. Nahschußver¬ 
letzung des — 1090. Radiumbehandlung des 
äußeren und mittleren — 601. Schädigungen 
des inneren — durch Geschoßwirkung 533. 

- s. Vaccinetherapie. 

Ohrapparat, Ueber hysterische (psychogene) Funk¬ 
tionsstörungen des nervösen — im Kriege 842. 
Organische Schädigungen des nervösen — im 
Kriege 953. 

Ohrbeschädigungen im Felde 345. 

Ohren, Kriegsschädigungen der — 1385. Ver¬ 
wundungen an den —, der Nase und dem 
Kehlkopf in den letzten beiden Kriegen 
Griechenlands 1912 bis 1913 1087. 

Ohrenarzt, Als — bei einer Sanitätskompagnie 

774. 

Ohrensausen durch Schlingenbildung der Carotis 
interna. Vortäuschung eines Aneurysmas dieser 
Arterie 928. 

Ohrenkopfschmerz und seine Feststellung durch 
die ärztliche Untersuchung 110. 

Ohrerschütterungen, Behandlung der — 1385. 

Ohrgeräusche, Ueber die Behandlung subjektiver 

- 257. 

Ohrmuschel. Fall von Mißbildung der — und des 
Felsenbeines 1090. 

Okklusion s. Schußwunde. 

Oleum Rusci zur Behandlung infizierter Weich¬ 
teilwunden 50. 

Olsh.iusen, Robert von — wissenschaftliches Le¬ 
benswerk, dargestellt von seinem Schüler Georg 
Winter 983. 

Operation, Shockfreie — 735. 

Operationen, Die schädigende Wirkung von — in 
Narkose und Lokalanästhesie auf das Zentral¬ 
nervensystem und ihre Beseitigung 991. Er¬ 
fahrungen an den 22 ersten Fällen von vagi¬ 
nalen — in parametraner Leitungsanästhesie 
18. 

Operationsfeld, Zur Desinfektion des — mit Jod¬ 
tinktur oder andern Arzneimitteln 284. Wert 
der Desinfektion des —, zugleich ein Beitrag 
zur Behandlung von Verwundungen, insbeson¬ 
dere von Kriegsverwundungen 1111. 

Operationslehre, Chirurgische — für Studierende 
und Aerzte von F. Pels-Leusden, 2. Auflage. 
375. Betrachtungen zur geburtshilflichen — 
817. 

Operationszwecke, Verwendung steriler Zeitungen 
für “ 1359. 

Operativer Eingriff bei Heeresangehörigen 979. 
Das Recht und die Pflicht zu — an Heeres¬ 
pflichtigen in Kriegszeiten 545. 

Operatives Handeln, Anzeigen für — in und hinter 
der Front,; Blutstillung; Blutersatz 547. 


Ophthalmia neonatorum, Einige Betrachtungen 
über — 1302. 

Ophthalmie, Umfrage über die sympathische — 
im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzun¬ 
gen des Auges 360. 387, 423. 

Ophthalmoplegia externa 1251. 

Opiumproblem 111. 

Oppel (Halle a. d. S.) 500. 

Oppenheim A. 606. 

Oppenheim M. (Wien) 264. 

Optische Aphasie und Alexie s. Seelenblindheit. 

Opium und einige seiner Darstellungen und Al¬ 
kaloide, Die Geschichte des — 600. 

Optochin s. (ionorrhöebehandlung. — bei Pneu¬ 
monie 109, 899. Dosierung des — und seine 
Anwendung bei Pneumonie und anderen Pneu¬ 
mokokkeninfektionen 1328. — s. a. Pneu¬ 

monie. 

Optochinbebandlung s. Pneumonie. 

Organe mit Schuß Verletzungen, Anatomische Prä¬ 
parate von — 174. 

Organerkrankungen, 3 Fälle von nervösen — nach 
Salvarsunein Verleihung 1334. 

Organisationsentwicklung s. Arbeitsleistung. 

Organismus, Ueber die Bedeutung der anorgani¬ 
schen Bestandteile für den pflanzlichen und 
tierischen — 172. 

Organtherapie, Die Grenzen der — 79. 

Orientbeule, Ueber einen Fall von — (Leishmaniosis 
cutanea) 520. 

Orthopädie und Feldlazarett 1428. Kriegsgemäße 

— der Extremitäten 490. — im Hinterlande 
1031. — im Kriege 713. 

Orthopädische, Die neue — Abteilung der chirur¬ 
gischen Klinik in Innsbruck 573. — Behand¬ 
lung der alten Ilomiplegiker 708. — Behand¬ 
lung Kriegsverwundeter. Von Hans Spitzy und 
Alexander Hartwich 1114. — Behandlung 

Kriegsverwundeter 1038. Einfachste — Heil¬ 
behelfe 762. Zwei einfache — Heilhehelfe 734. 
Improvisationen — Hilfsapparate 925. Der 
Zwang zu — Nachbehandlung 1064. Holz¬ 
stoffgewebe für — Technik 651. — Kombi¬ 
nationsapparat 598. 

Orthopädisches in der Yerwundetenbehandlung 

124. 

Ortizon, Znr Anwendung des — 732, 1193. s. 
Nachbehandlung. — in der Wundbehandlung 
397. ct t 

Ortizonpulver in der Behandlung schwerer Schu߬ 
wunden 680. 

I/Osteo-chondrite deformante de la hanche chez les 
jeunes sujets 1330. 

Osteochondritis deformans juvenilis im Röntgen¬ 
bilde 1330. 

Osteomalacie. Puerperale — 492, 763. un “ 
Ostitis fibrosa, mit Veränderungen der Epi¬ 
thelkörperchen 1387. 

Osteomyelitis, Die akute und chronische infektiöse 

— des Kindesalters. Berlin 1914. S. Karger 
494. 

Osteosklerose und Anämie 842. 

Ostitis fibrosa und Knochencyste 1413. 

Ostpreußen, Der sanitäre Aufbau — 1364. 

Otitis, Akute —. Ausheilung. Septische Endokar¬ 
ditis. Meningitis. Exitus. 929. 

Ovarialinsuflizienz, Medikamentöse Behandlung 
der innersekretorischen — 429. 

Ovarialkarzinom, Metastatisches — 1117. 

Ovarialtumoren, Prognose der — 1409. 

Ovarian Transplantations 898. 

Ovarien s. Multiple Dermoide. 

Ovarienresektion, Kasuistik der erweiterten 
nach Menge 652. 

Ovariotomie, Gehurt nach konservativer —. Hilus- 
cyste des Eierstocks 926. — in der Schwan¬ 
gerschaft 1032. 

Ovarium, Defekt des rechten — 11L». — s. Der¬ 
moidcyste. 

Oxalurie 197. 

Oxychinolinderivate, Ueber die Einwirkung von 
—■ auf den Purinstoffwechsel und ihre thera¬ 
peutische Verwendung 254. 

Oxyproteinsäurebcstimmung, Diagnostische Ver¬ 
wertbarkeit der — 710. 

Oxvuriasis-Gelonida Aluminii subacetici(Goedecke) 

753. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXI 


Ozaena, Bakieriotherapie der — 6o2. Zur t rage 
der Beziehungen zwischen - und Erkrankun- 
cen der Nebenhöhlen der Naso 1330. 

Ozon Medizinische Verwendbarkeit des - 373. 


Pachvmeningitis, Demonstration des anatomischen 
Präparates eines ad esitum gekommenen b alles 
von eitriger - externa und interna 984. 
Pädiatrie, Aas dem Gebiete der — 368. Die Er¬ 
krankungen der Atmungsorgane 136. 

Pankreas s. Magennlcus. Spulwurm im - 133o. 
Pankreascyste infolge einer Sckußverletzung 713. 
Pankreaskrankheiten s. Gallenkrankheiten. 
Pankreasrnptur 603. 

Pankreassekretion, Neue Stadien über - 9o3. 
Pankreasverletz ungen , Isolierte subcutane 83. 
Pankreatitis. Akute - 901. Zur Kenntnis der 
chronischen — 1299. 

Papaverin s. Darmerkrankungen. Die Wirkung des 

- und Emetins auf Protozoen 762. 
Papierlaubmatratzen und Papierbettdecken 1429. 
Papillom im vierten Ventrikel mit Operationsver- 

sucli und .Sektionsbefund 896. 

Papphölsenschienen 198. 

Paralvse, Neue operative Behandlung bei ausge- 
wkhlten Fällen von cerebraler spastischer — 
600. Familial syphilitic infection in General 
Paiesis. (Familiensvphilitische Infektion bei 

-) 735. 

Paralysefälle mit Salvarsanbehandlung 50. 

Paralvsie generale, Nature et traitement de la 

- 19. 

Paralysis agitans, Untersuchungen über die Pa¬ 
thogenese der — 1036. 

Parametritis posterior chronica, Die Heilung der 

- durch automatische Kolpeuryntermassage 
nnd Fixation der Ligamenta rotnnda 843. 

Paranoische Erkrankung auf manisch-depressiver 
Grundlage 111. 

Parasiten, Die tierischen — des Menschen, die 
von ihnen hervorgernfenen Erkrankungen und 
ihre Heilung. Von M. Braun nnd 0. Seifert 
819. 

Paratypbus s. Typhus abdominalis. Klinische Be¬ 
obachtungen öber — 1370. — B im Säug¬ 
lingsalter 1398. Intrauterine Uebertragung von 

- 924. 

Äaratyphusgruppe, Zu den Infektionen mit Bak¬ 
terien der — 199. 

Parotitis typhosa 733. 

Paschkis K. (Wien) 500. 

Patellarfraktnr. Neues Symptom bei der —, zu¬ 
gleich ein Beitrag zu ihrer Behandlung 198. 
Pathologie, Lehrbuch der allgemeinen — und 
pathologischen Anatomie. Von Hugo Ribbert 
1331. 

l’eck, Generaloberstabsarzt Dr. Philipp f 205. 
Pedikulosis, Bemerkungen zur Prophylaxe der — 
286. 

Peliidol 343. Kriegsehirurgiscbe Erfahrungen mit 
~ 1059. 

Pellidolsalhe als Ekzemheilmittel 1193. — zur 
Epithelisienuig schwerer Kriegsverletzungen 
650. 

Pemphinoid, Neurotrophisches — nach Trauma 
1196. 


oder Impetigo circinata 143. L eber das 
Angebliche Vorkommen einer positiven Wasser- 
m&nnschen Reaktion beim — 1328. 

J emphigus vulgaris 1333. 

Penis, Erkrankungen des — 809. Haut des — 
uud des Skrotums abgerissen 113. 

Peuishautgangrän infolge Paraphimosis. Heilung 
durch Plastik 1278, 

Ptnsionsinstitut des Wiener medizinischen Dok- 
torenkolleginms 686 a. 

Pepsin. Vorkommen und Nachweis von — im 
Blutserum 374. 

Perhydrit-Stäbchen 494. 

Periostitis 902. 

Peristaltiii. das ncue Glykosid der Gort. Gase. Sa- 
grada 899. " 

Peritoneum &. Tuberkulose. 


Peritonitis s. Contusio abdominis. 

Peritonitis pneumococcica, lieber einen Fall von 
— extragenitalen Ursprungs bei einer Puerpera 
170. 

Peri-Tonsillarabscesse, Prophylaxe und Therapie 
der - 926. 

Peroneuslähmung 1000. Beitrag zur Behandlung 
der — 896. Korrektur einer — 203. 

Peronens-Tibialis-Lähmungen, Fußstützmaschine 
für — 926. 

Perrheumal, Die Behandlung von chronisch-rheu¬ 
matischen Affektionen mit — 1058. 

Personalien 28, 714, 902, 932, 1014, 1118, 1198, 
1224, 1278 b, 1306. 

Personalnachricht 986a. 1064, 1430. 

Persuasion s. Kontrakturen, 

Perubalsam s. Kriegsphlegmone. 

Pest, Die — als Kriegsseuchc 172. Die Geschichte 
der — zu Regensburg. Von Schöppler 873. 

Petfivalsky J. (Prag) 204. 

Petroläther s. Typhus-Coligruppe. 

Pflanzensamen, Schleimhaltige — gegen Verstop¬ 
fung 982. 

Pfortader s. AnastomosL. 

Phantom der normalen Nase des Menschen. Von 
II. Basch 258. 

Phenolphthaleinreaktion, Eine Verbesserung der — 
zum Nachweis okkulter Blutungen in den 
Faeces 598. 

Phenoltetrachlorphthaleinprobe bei der Leberfunk¬ 
tion 1114. 

Phenoval, Klinische Erfahrungen mit — 788. 

Phobrol, Grotan und Sagrotan 220, 521. 

Phosphaturie, Kenntnis der — 980. 

Phosphor Verbindungen, Therapeutischer Wert der 
organischen — 053. 

Physiologie und Pathologie, Experimenelle — 401. 

Pick Franz 1335. 

Pikrinsäure, Verwendung von — bei Verbrennun¬ 
gen und Erkrankungen der Haut 403. 

Pilocarpin bei hohem Blutdruck 82. 

Pilze, Verdaulichkeit der 707. 

Pilz v. Wernhof Emil (Wien) f 680b. 

Pilzerkrankung, Fall von — in den Füßen 201. 

Pituitrin s. Uterusruptur. 

Pityriasis lichenoides chronica 375, 1333. Leber 
vier Fälle von — 198. 

Pix liquida zur Behandlung infizierter Wunden 
925. 

Placenta praevia, Behandlung der — durch den 
praktischen Arzt 700. Einiges zur Kritik der 
von Zalewski empfohlenen „Steiötherapie“ der 
~ H42. * • , 

Plagin“, Zusammensetzung des l ngeziefernnttels 

— 650. 

Plasma s. Trypanosoma brucei. 

Plasmamedium s. Trypanosoma. 

Plasmazellen, Ueber das Vorkommen von ui 
den verschiedenen Organen bei Infektions¬ 
krankheiten 1218. 

Plastik mit gestielten Hautlappen, insbesondere 
bei nicht gedeckten Amputationsstümpfen 952. 

Plattfuß, Behandlung des - 1217. —, Metatars- 
algie, Fußgeschwulst 806, 892. 

Plazenta, Vorzeitige Losung der rechtssitzenden 

— Hl 7 - 

Pleurapunktion, offene 780, 1110. Zur Frage der 

— nach Adolf Schmidt 925. Einige Bemer¬ 
kungen zur-— nach Adolf Schmidt 1240- Zur 
Verständigung über die — 1384. 

Pleuritis nach Brustschüssen 1411. 

Plexus brachial'»*, hurchtrennnng des —, durch 
Naht geheilt 930. Ein Fall von symmetrischer 
Neuritis (rheumatica) des — mit besonderem 
Ergriflensein der Nervi suprascapulares 1141, 
Schuß Verletzung des —. Naht. Heilung. 1330. 

— s. Naht. 

Plexus lumbalis s. Tetanus. Versuche, den — zu 
anästhesieren 734. .. 

Plexus venosus varicosus endometrn 1012. 

Pneumatocele, Intracerebrale — nach Schuß Ver¬ 
letzungen 1087. Zur Kasuistik der mtracra- 
niellen — 843. Zwei Fälle von intracranieller 

— nach Schnßverletzung 540. 

Pnenmokokkcnangina und ihre Behandlung 43. 

Pneumokokkeninfektionen s. Thermopräcipitm- 

; rcaktion. Behandlung der ~ . besonders des 


Ulcus corneae serpens, mit Aethylhydrocuprun 
(Optochin) Morgenroth 870. Behandlung der 
- mit Aethvlhvdrocuprein (Optochin-) Morgen- 
roth 1109. Üeber die Kombinationstherapie von 
Aethylhydrocuprein (Optochin)^ und Camphcr 
bei der experimentellen —- 81o. 

Pnenmokokkenmeningitis, Eitrige — »m Getobe 
von Pnenmokokkenappendicitis und len* 

appendicitis 1015. , 

Pneumonie. Die - »87. Einiges über die Behand¬ 
lung der - 1273. Wirkung des Aetliylhydro- 
cupreins (Optochins) bei croupÖser 435. 
Spezifische Behandlung der — mit Optochin 
520. Behandlung der — mit Optochin 81 o. 
Ueber die chemotherapeutische Behandlung 
der croupösen — mit Optochin 678. Behand¬ 
lung der — mit Optochinum hydrochloricum 
(Aethylhydrocuprein) 734. Behandlung der 
fibrinösen — im Frühstadium mit Optochin 
844. Optochin bei — 899. Therapie der crou- 
pösen — 313. Optocliinbehandlung der — 520, 
079, 1244, 1278 b. 

Pneumoniebehandlnng. Specifische — mit Opto¬ 
chin (Aethylhydrocnprein) 1139, 1300. Ein 
Jahr — mit und ohne Optochin 1383. 

Pneumonie, Pleuritis und Bronchitis, Behandlung 
der — mit Menthol-Eukalvptol 17. Behand¬ 
lung der —, Pleuritis und Bronchitis mit 
Supersan 492. . 

„Pneumothorax artificial 4 , Noavelle aigutlle pour 
la pratique du — 11L 

Pneumothorax s. Lungengangrän. HeilnngsVor¬ 
gänge beim natürlichen — 284. Künstlicher 

— 55. Report of thirtv-four cases of artificral 

— (Bericht über 34 Fälle künstlichen ) *35. 
Ideal lokalisierter — 1107. — im späteren 
Verlaufe von im Krieg erlittenen Lungenver¬ 
letzungen 313. 

Pnenmothoraxapparat, Neuer, transportabler - 
mit Benutzung von Sauerstoff und Stickstoff 
in statu nascendi 490. 

Pocken, Zur Behandlung der — 573. Ein Bei¬ 
trag zum Blutbilde der — 919. 

Pockenerkrankungen in Detmold im Frühjahr 
1914 1328. 

Pockenimpfschädigungen einst und jetzt 871. 

Pockenschutzimpfung und Diphtherieheilserum 
816. 

Polarimetrische Untersuchungen, Eine selbsttätige 
Registriervorrichtung für — optisch-aktiver 
Substrate oder solcher, die irn Laufe der Um¬ 
wandlung optisch-aktive Eigenschaften an¬ 
nehmen 110. 

Politzer, Zum 80. Geburtstage des Hofrats Prof. 
Dr. Adam — 1167. Hofr.it — zum 81. Ge¬ 
burtstage 1194. 

Politzerverfahren, Technik des — 1059. 

Pollak Dr. L. (Graz) 263. 

Pollutionen, Endoskopische Behandlung nächtli¬ 
cher — 375. 

PolyaTthritis 1333. Rheumatische — 050. 

Polyarthritis chronica, Ueber Schwellung der 
Cubitaldrüsen bei — 193. 

Polyarthritis syphilitica acuta 199. 

Polyneuritis s. Dysenterie. — als Begleiterschei¬ 
nung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege 
602. Endkarditis und — bei Kriegsteil¬ 
nehmern 54, 383. — (toxica) hei Mutter und 
Tochter 1141. 

Polyneuritis alcoholica mit einseitiger Zwerchfell' 
und Stimmbandlähmung 1271. 

Polyneuritis syphilitica, Zur Kenntnis der — 081. 

Polypeptiden. Synthese von —, Peptonen und_Pro¬ 
teinen mittels Fermenten 110. 

Polyserositis mit Röntgen behandelt 232. 

Posticusparalyse, Neue Behandlungsmethode der 
doppelseitigen kompletten — 956. 

Prag, Verein deutscher Aerzte in — 1303, 1389. 
Gemeinsame ärztliche Vortragsabende in -- 
1416. 

Prager medizinische Wochenschrift 000. 

Preisausschreibung 822. 

Preisausschreiben „Riberi“ 200. — zur Verbesse¬ 
rung der Ersatzglieder für Deutsche Kriegs- 
verstümmelte 848. 

Preßluft s. Dannruptnr. 

Priapismus hei myelogener Leukämie 1270. 


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Goy 'gle 


Original frn-rri 

UNiVERSUY OF IOWA 



XXII 


Primäraffekt an der Oberlippe 231. 
Prioritätsrechte, Einige Anmerkungen über — G50. 
Projektile, Klinik tind operative Entfernung von 

— in Fällen von Steckschuß der Ohrgegend 
und des Gesichtsschädels 1414. — ans der 
Keilbeinhöhle entfernt 495. — im Schußkanal 
des Oberarmes 603. Röntgenologische Lokali¬ 
sation von — 847. 

Projektildiagnose 1427. 

Projektillokalisation, Ein halbes Jahr röntgeno¬ 
logische — 560. 

Prolapse, Heilung hochgradiger — und Prolaps- 
rezidive 1061. 

Prolapsoperation 766. 

Prolapsus ani, Eckehornsehe Operation des — bei 
einem Erwachsenen 1246. 

Prostata, Hypertrophie der — 1251. 
Prostatahypertrophie und Prostatatumoren 633. 
Prostatatumoren, Prostatahvpertrophie und — 
633. 

Prostatektomie, Suprapubische — und deren 
Nachbehandlung 1429. Die Rolle der Nieren- 
funktionsprüfungen, sowie vor- und nachope¬ 
rative Behandlung zur Herabsetzung der Sterb¬ 
lichkeit nach der — 200. Resultate der trans- 
vesicalen — 735. 

Prostitution, Ist es wirklich ganz unmöglich, die 

— gesundheitlich unschädlich zu machen 
1358. 

Proteinabsorption als ein Faktor in der Aetiologie 
von Krebs 1113. 

Prothesen s. Angenzerstörung. — für Amputation 
nach Wladimiroff-Miknlicz. Bandage für Läh¬ 
mungsspitzfuß und Hackenfaß 1245. — für 
Amputierte 1142. — bei Amputationen des 
Armes, insbesondere des Oberarmes 1272. 
Vorschlag zu kombinierten Bewegungen von 

— mit Hilfe des gesunden Gliedes durch 
Schnnrübertragung 842. — der Extremitäten 
84. Neue — für die obere Extremität 1061. 
Neue, aus Linoleum hergestellte provisorische 

— für die untere Extremität 1330. — für 
den Vorderarm und den Daumen sowie prak¬ 
tische 8ehienenmodelle 765. — ans Weißblech 
1272. 

Prothesenfrage 259, 287, 1193. Lösung der — 652. 

Resolution über die — 317. 

Protozoen s. Helminthen. — s. Papaverin. 
Protrusionsbecken, Geburtsverlanf bei trauma¬ 
tischen — 766. 

Prüfungsurlanbe für Einjahrig-Freiwillige Medi¬ 
ziner 500. 

Pseudarthrosen 1106, 1250. — und die Nachbe¬ 
handlung von Frakturen 319. Ueber — und 
Nachbehandlung der Frakturen 601. — des 
Unterkiefers 1250. — s. Frakturen. 
Pseudoappendicitis ultraformis an sich selbst 
beobachtet 197. 

Pseudodysenterie (Y-Rnhr), Untersuchungen über 

— 1166. 

Pseudofrakturen s. Knorpelstudien. 
Psendohermaphroditismus, Ein Fall von — 1271. 
Pseudologia phantastica, Fall von — 111. 
Pseudoöklerose 19. 

Psoriasis, Autoserum in der Behandlung der — 
und anderer Hautkrankheiten 1088. Behand¬ 
lung der — mit ultaviolettem Licht 751. — 
und verwandte Krankheiten 1065, 1096. 
Psoriasis vulgaris 232. 

Psyche des Verwundeten 343. 

Psychiatrie s. Dialysierverfahren. Handbuch der 
—. Von G. Aschaffenburg 844. Lehrbuch der 
forensischen —. Von A. II. Hübner 1195. Einiges 
zur - nnd zur Psychologie im Krieg 843. 

- und Neurologie 735. 

Psychiatrisches und Neurologisches ans dem Felde 
575. — zum Kriege 172, 818. 

Psychische und nervöse Krankheiten, Klinik für 
—. Herausgelier Prof. I)r. Sommer (Gießen) 
1386. - Störungen 605. Zur Pathogenese der 

im Krieg auftretenden — Störungen 602. 
Psvchoanalvse in gerichtsärztlicher Beziehung 

firVlll. 

Psychologische Beobachtungen im Felde 19. 
Psychononrosen. Die Entstehungsursache bei BK) 
Fällen von - 200. 

Psychopathische Konstitution s. Hysterie. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Psychopathologisehe Erfahrungen vom westlichen 
Kriegsschauplatz 710, 817. 

Psychose, Eine — von 17jähriger Dauer mit Aus¬ 
gang in Heilung 789. — s. Symptomenkom- 
plex. 

Psychosen, Juvenile - 50. — beim Kriegstyphus 
1167. — und Neurosen in der Armee 17. 

Psychotherapeutische Zeitfragen 1275. 

Psychotherapie 1113. Wege und Ziele der — 1112. 

Puerperalfieber, Chirurgisches zur Behandlung 
des — 111. Zur Frage der Colivaccinbehand- 
lung des — 1089. 

Pulmonalisgeräusche 260. 

Puls, Bemerkungen zum Aufsatz von M. Liidin, 

. Ueber den anakroten — in der Arteria carotis 
und Arteria tubelaria bei Aorteuinsuftizienz 
601. Der unregelmäßige —. Bemerkungen zu 
seiner kriegsärztlichen Beurteilung 1083. 

Pulsus paradoxus respiratorius 1276. 

Pulver, Ueber äußerliche Behandlung mit anhal¬ 
tend desodorierend und desinfizierend wirken¬ 
den - 521. 

Pulvergase, Vergiftung durch 1116, 1390. 

Punctio pericardii 549. 

Punktionsflüssigkeit, Untersuchung tuberkulös me- 
ningitischer — mit Hilfe der Ninhydrinreak- 
tion 870, 1167. 

Pupille, Ueber die physiologische Pupillenunruhc 
und die Psyclioreflexe der — 789. 

Pupillenreaktion bei Arteriosklerose mit erhöhtem 
Blutdruck 1113. 

Pupillenstarre, Ein weiterer Fall von alkoholo- 
gener reflektorischer — 655. Doppelseitige re¬ 
flektorische -- nach Schädeltrauma durch Gra¬ 
natfernwirkung 1139. 

Purpura annularis teleangiectodes 231. 

Purpura, Konstitutionelle — (Pseudohämophilie) 
nebst Bemerkungen über die neueren Mittel 
zur Stillung innerer Blutungen 605. 

Pyämie, Uebergang der Sepsis in — 874. 

Pyelitis, Zur Pathologie und Therapie der — 140. 

Pylorusstenoso und Magenverlagerung durch peri- 
gastrische Verwachsungen als Folge eines 
Schusses 169. 

Pylorustumor, Wegen stenosierenden — die Gastro¬ 
enterostomie 683. 

Pylorusverschluß, Zwei neue Methoden zum — 
bei Geschwür am Pvlorus oder im Duodenum 
172. 

Pyocyanens, Bekämpfung des — 733. 

Pyocyaneuseiter, Bekämpfung des — 372. 

Pyocyaneuseiterung, Behandlung der — 544. 

Pyocyaneusinfektion. Behandlung der — 897. 

Pyopneumothorax 24. 

Pyramide, Anatomischer Beitrag znr Frage der 
cerebellaren — 655. 

Pyramidenbahn, Anatomie und Physiologie der — 
und der Armregion nebst Bemerkungen über 
die sekundäre Degeneration des Fasciculus 
centroparietalis 654. 

Pyramidenzeichen s. Glutäalklonus. 


Quartanarezidiv im Verlaufe einer antiluetischen 
Kar 763. 

Quarzlampe. Anleitung und Indikationen für Be¬ 
strahlungen mit der — .Künstliche Höhen¬ 
sonne“. Von H. Bach 1142. Therapeutische Er¬ 
folge mit der 1359 

Qaersclmß durch den Gesicht.ssehädel 601. 

Quecksilberinkorporation s. Syphilis. 

Quecksilber-Salvarsanbehandlnng s. Salvursan- 
natrinm. 

Quecksilber- nnd Salvarsanexanthem, Verwechs¬ 
lung von - 1384. 

Quecksilber im Urin, Ueber eine empfindliche kli¬ 
nische Methode zum Nachweis des — 1033. 

Quecksilberpräparatc, Ueber Wirkung nnd Resorp¬ 
tion von --, insbesondere des Kontraluesins 
14L 

Quetsehnngsbriielie. Typische Bruchlinien bei 
der großen Zehe und des zugehörigen Mittel¬ 
fußknochens, nachgewiesen an Friedensver- 
letzungen und .Seekriegsunfällen der Marine 
81. 


liabiesvirus. Künstliche Kultivierung des — 82. 

Rabitzbrücke bei gefensterten Gipsverbänden 679. 

Rachen s. Lymphosarkom. 

Rachen- und Mundentzündungen, Seltene Ver¬ 
laufsformen und Komplikationen der Plaut- 
Vincentschen — 255. 

Rachitis, Nachhaltigkeit der Kalk-Lebertranthera- 
pie bei der — auf Grund weiterer Stoffwech¬ 
selversuche 258. 

Radephor-Glas, ein neuer, billiger und seriöser Be¬ 
helf zur Radiumemanationstherapie 1172. 

Radialislähmnng 733, 767. Apparat zur Besserung 
der Funktionen der Hand bei der «#J83. — s. 
Federstreckapparat. 

Radioaktivität, Die — von Boden und Quellen. 
Von A. Gockel 628. 

Radium bei der Keloidbehandlang 817. — s. 
Krebsbehandlnng. -- s. Mundhöhlenkrebs. — 
s. Uternskrebs. 

Radiumbehandlnng 1333. — der Hämorrhoiden 
1035. Intrauterine — 1089. — s. Ohr. 

Radiumemanation, Die biologische Wirkung der 
kondensierten — 283. 

Radiumexanthem 1274. 

Radiumtherapie, Mitteilungen aus der k. k. Kur¬ 
anstalt für — in St. Joachimsthal. Von F. Daut- 
witz 1219. — s. Kohlensäureschnee. 

Radiusköpfchen, Ein Fall von angeborenem bei¬ 
derseitigen Fehlen des — mit knöcherner Ver¬ 
einigung des proximalen Endes des Radius 
mit der Ulna 1059. 

Radiuslähmung s. Hebeapparat. 

Ragitnährböden 869. 

Rassenpsvchiatrie, Beitrag zur vergleichenden — 
789. ' 

Ratgeber. Aerztlicher — für die Soldaten im 
Felde. Von Milner 463. 

Kaumdosinfektion mit schwefliger Säure 650. 

Raummessung, Neues Verfahren zur — au stereo¬ 
skopischen Aufnahmen, insbesondere an Rönt¬ 
genaufnahmen 314. Berichtigung zu meinem 
Aufsatz über — an stereoskopischen Aufnah¬ 
men 491. 

Kauschbrand und Gasbrand 1385. 

Kaynaudsche Krankheit, Angina pectoris und — 
870. — nicht als Unfallfolge anerkannt 757. 

Reamputation, Einfache Methode der — 883. 

Rechtsfragen, Aerztlichc — 432. 1058, 1139, 

1244. 

Rechtshemianopsie s. Gesichtsfeldverwertung, 

Rectaltropfeneinlauf, Oie Improvisation des - im 
Felde 816. 

Rectum, Die Wichtigkeit der Untersuchung des — 
1113. 

Recurrenserkrankungen und ihre Behandlung mit 
Salvarsan 1166. 

ReHexnenrosen, Die nasalen — und ihre Behand¬ 
lung. Von A. Blau 1195. 

Refrakturcn hei anscheinend ausgeheilten Kno- 
chenschußverletzungen 923. 

Reichsversicherung, Wegweiser durch die Deutsche 

- einschließlich der Angestellten Versicherung. 
Von R. Schmittmann 229. 

Reindegeneration, Fortschreitende — 574. 

Reinfectio syphilitica 1332. 

Reinfektion 261. 

Reit- und Exerzierknochen 893. 

Reizablauf s. Trinkkur. 

Reizung von Organen und Nerven. Leber eine 
neue Methode der intermittierenden elektri¬ 
schen oder mechanischen — im chronischen 
Versuche hei sonst normalem Versuchstiere 
226. Fall von isolierter —■ des Nervus vesti- 
bnlaris aus unbekannter Ursache 928. 

Reservelazarett, Die Richtlinien chirurgischer Be¬ 
handlung im — 515. Pathologisch-anatomische 
Beobachtungen aus’ — JOB. Physikalische 
Heilmethoden im - - bei der Behandlung der 
Kriegsverletzungen 492. Therapeutischer Brief 
aus einem -- 574. 

Resinelli Josef 58(J. 

Resorption, Inwiefern läßt sieh die paraportale 
heim Neugeborenen sogar zu seinem Vor¬ 
teil ausnutzen? 1274. 

Respiratinnsorgane. Erkrankungen der — : Lunge 
und Pleura 368. Therapie der Krankheiten der 

- 788. 


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UNIVERSUM OF (OWA 



INHA LTS -VERZEICHNIS. 


XXIII 


Hi-stetickstoff de* Blut« unter physiologischen 
Bedinynnt:en. sein Verhalten bei Nephritis, 
Urämie und Eklampsie, sowie seine Bedeutung 
für die Prüfung der Nierenfunktion 331. Be¬ 
stimm nns de* — im Blut als Methode zur 
Prüfung der Nierenfunktion 574. 

Kefentio nrinae, Nervöse — Hl 2. 
liefropharvngealabsceß 929. 

Ilettungsgesellsrhaft und Krieg 84. 

Rheumatische Erkrankungen im Kriege 491. Be¬ 
handlung — mit intravenösen Salicyleinsprit- 
iungen 1428. 

Hherimatismns, Äußerliche Behandlung von — 
and Gicht mit Perrheurnal 492. Ueber einen 
brauchbaren objektiven Befund hei — 1141. 

- im Kriege 1251. 

Rheumatoide. Dysenterische — 286. 

Rhinitis luetica neonatorum, Entstehung des 
dritten Stadiums der — 258. 

Khinolith. Extraktion und Heilung 114. 

Khodalzid in der Augenheilkunde 53. 
Ritwnzellensarkom 901. 

Ringbraose 1428. 

Ringffurm der Kopfhaut s. Vaccinebehandlung. 
Riopan. Nenere Erfahrungen mit dem Jpecacuanha- 
prSparat — 538. 

Rippenbruche, Behandlung von — 403. 
Rippenschußverletznng? Eine typische, kompli¬ 
zierte — 1085. 

Rissmann, Bemerkungen zu den Ausführungen 
\on Dr. — 709. 

Rittchl-Kreihurg, Anmerkung zu den zwölf Ge¬ 
boten von Professor — 190. 255. 

Rodenwaldt, Schlußwort zu den Bemerkungen von 

- 1212 . 

Rohrenspatel. Elliptische — zur Tracheo-Bron- 
cboskopie der Kinder 845. 

Roeiitgen W. K. 441. 


Röntgenaufnahme. Kompendium der — und 
Röntgendurchleuchtung. Von F. Dessauer und 
B. Wiesner 1088. 

Röntgenbehandlung der tiefgelegenen Neubildun¬ 
gen 818. 

Röntgenbestrahlungen, Beobachtung bei — 897, 
1033. 

Röntgenbetrieb, Bemerkungen zum — in Ver¬ 
wandet enspitälern 762. 

Röntgendiagnostik in der inneren Medizin. Grund¬ 
riß and Atlas der —. Von Franz M. Groedel. 
2 Auflage. München 1914 200. 

Rönrgenepilationsdose in ihrer praktischen Be¬ 
deutung 1130. 

Röntgenogramme von Verletzungen der unteren 
Extremität <13. 

Röntgenologie im Kriege 228. 

Röntgenplatten, Vorrichtung zur Aufstellung und 
bemonstration einer großen Zahl von — 260. 

R (, ntgenreizdosen s. Knochenbrüche. 

Röntgenröhren, Gasfreie — nach J. E. Lilienfeld. 
Erprobung und Anpassung ihres Betriebes an 
die praktischen Zwecke 761. Neue — von 
Lilienfeld, Coolidge und /,ehnder 896. 

Rontizenstereoskopie, Zur — 1083. — in der 
Medizin 1332. 


R<intgenstraMen, Dosierung der — 1410. Fort¬ 
schritte auf dem Gebiete der — 78, 1296. — s. 
Hautkrankheiten. — s. Heuschnupfen. Eine Me¬ 
thode zu quantitativen und qualitativen Mes¬ 
sungen von - 815. Die Schutzmittel für Aerzte 
und Personal hei der Arbeit mit —- 372. Vade¬ 
mekum fiir die Verwendung der — und des 
histractionsklainraerverfahrens in und nach 
dem Kriege. Von Ilackenbruch und W. Berger 
1142. 


Röntgenstrahlung, Neuere Fortschritte in dei 
Physik der - 1210. 

•öntgentaschenbuch, begründet und herausgegeber 
*"n Ernst Sommer 1061 . 

'"r.i'jtnthtrapie maligner Neoplasmen nach der 
Lnahrnngen der letzten Jahre 843. 
ntgentli crapi e rr>hren, Kühlung der — mi 
redendem Wasser 1009. 

^•ntgentiefentherapie, Sekundärstrahlen in de> 
~ als Ersatz radioaktiver Substanzen 284. 

i,J Erfahrungen aus der letzter 

Wiener - 763, 787. 


Koinberg-PhUnomen $. Neurose, 

Rosenberger J. (Würzburg) f Al2. 

Rotes Kreuz, Organisation und 1 Leistungen des 

- im jetzigen Kriege, besonders in Ostpreußen. 
Vortrag 49(1. 

Rothmann Max, Zürn Andenken an — 1194. 

Rotz, Akuter Fall von — 731. Zur Malleindia¬ 
gnostik des menschlichen — 1061. 

Rotzdiagnose 1139. — beim Menschen 731. 

Rückenmark s. Hämothorax. Kugel aus dem -- 
entfernt 1248. Ueber einige eigentümliche 
systematische postmortale Veränderungen der 
Nervenfasern des — 602. Meningeale Schein¬ 
cysten am — 1139. Schuß Verletzung des — 
656, 1248. Schußverletzungen dos — und der 
Wirbelsäule 1246. Operative Therapie beiSehuß- 
verletzungen der Wirbelsäule und des — 602. 

— s. Steckschuß. Verletzungen des — 870. 
Verletzungen des — im Kriege 816. Totale 
transversale Verletzungen des — 1113. 

Rückenmarksflüssigkeit, Zur mikroskopischen 
Untersuchung der — 1384. 

Kückenmarkskompression s. Fraktur. 

Rückenmarksläsion, Schwere — nach leichtem 
Trauma 43. 

Rückenmarksoperationen wegen Schußverletzungen 
1248. 

Rückenmarksquerläsion, Operationshefund hei an¬ 
scheinend kompletter — 575. 

Rückenmarksschädigungen. Zur Kasuistik der — 
durch Wirhelschuß 600, 652 

Rückenmarksschüsse 143, 256, 599, 816. Ueber — 
und Behandlung der im Gefolge der Lamin- 
ektomie auftretenden Meningitis 198. 

Rückenmarksschußverletzungen, Ueber das nächste 
und weitere Schicksal der — ; ein theoretischer 
Vorschlag zur Beeinflussung derselben 981. 

Bückenmarkstumoren, Operierte Fälle von - - 113. 
Erfolgreich operierte — und s Kompressions¬ 
syndrom“ des Liquor cerebrospinalis 652. 

Rückenmarksverletzung. Ueber einen Fall von — 
48. Zwei bemerkenswerte Fälle von —- durch 
Gewehrschüsse 598. 

Rückenmarksverletzungen 143, 174. — mit günsti¬ 
gem Ausgang 145. Behandlung der — im beide 
198, 374. Operative Behandlung der — im 
Feldlazarett 80. 

Rückenschmerz vom gynäkologischen Standpunkt 
aus 1302. — vorn neurologischen Standpunkt 
aus 1302. 

Rückfallfieber 232. 710, 1049, 1075. Beobachtun¬ 
gen über -- 1084. Differentialdiagnosc des— 
1167. Mißerfolge der Arrhenalbehandlung bei 

— 651. Mitbeteiligung der Nieren bei — 600. 
Neosulvarsanbehandlnng bei — 522. 

Ruhr und ihre Behandlung im Felde 1166. — 
im Krieg und Frieden 1058. Klinische Beob¬ 
achtungen über — 702. Pathologie und Therapie 
der — 172. Leber die Serumbehandlung der 

— 1157. Ueber periostale Späterkrankungen 
nach — 672. Störungen der inneren Sekretion 
bei — 140. Behandlung von —und i uhrähnlichen 
Darmkatarrhen 1084. Neuere Erfahrungen in 
der Behandlung der — und ähnlicher Dick¬ 
darmkatarrhe 1195. Die Agglutination bei — 
und ruhrartigen Erkrankungen 1328. Mischin¬ 
fektion von — und Typhus 1244. 

Ruhramöben 1384. 

Ruhrbacillen de3 giftarmen Typus 1058. 

Ruhrbehandlung, Beiträge zur — 1027, 1157, 
1184. Ueber die Kriegsbrauchbarkeit einer 
neuen Methode der — 572. 

Ruhrepidemie, lieber die — 1914/15 aut Grund 
des Spitalrnnterials 1184. 

Ruhrerkrankungen des VH. Armeekorps 441. 

Ruhrschutzimpfung 1246. 

Rumination als angebliche Unfalltolge 17U. 

Rumpfskelett, Verletzungen des — 1006. 

Randzellentuberkeln, Epitheloid und — 261. 

Ruptur der Aorta 410. 

Ruptura iniestini s. Contusio abdominis. 

Russischer [mpstoff s. Typhusschutzimpfung. 


Nachverständigentätigkeit, Handbuch der ärzt¬ 
lichen —, herausgegeben von P. Dittrich. 


2. Band: H. (’hiari, Leichenerscheiuungen, 
Leichenbeschan, A. Ilaberda, Behördliche Ob¬ 
duktionen. A. Kolisko, Plötzlicher Tod aus 
natürlicher Ursache 1168. 

Säuglinge, Brcchdurclifa.ll der — und seine Be¬ 
handlung 955. Ruhrartige Erkrankungen der 
und ihre Behandlung 1142. Die Gefähr¬ 
dung der — durch Hitze und Kriegszustand 
und die entsprechenden Gegenmaßnahmen 1034. 
Sommersterblichkeit der — 769. -- s. Sy¬ 
philis. — s. Wucherungen. 

Säuglingsernährung, Bananenmehl in der — 653. 
Die Grundsätze der künstlichen Merkbogen 
für Mütter, Pflegerinnen und Hebammen von 
Dr. Max Eberth 1114. Das individuelle Moment 
in der — 1299. — und Säuglingsstoffwechsel. 
Von L. Langstein und L. F. Meyer 112. 

Säuglingsfraktnren, Behandlung der — 1428. 

Säuglingskunde, Grundriß der — nebst einem 
Grundriß der Säuglingsfürsorge. Von St. Engel 
und M. Baum 710. 

Säuglingspflegerin, Der Beruf der . Von L. Lang¬ 
stein und F. Bott 1088. 

Säuglingspneumoirieu 1274. 

Säuglingssterblichkeit, Bekämpfung der — eine 
Frage der Massenbelehrung 709. Statistische 
Beiträge für die Beurteilung der — in Preußen. 
Von v. Behr-Pinnmv 1114. Entwicklung, Er¬ 
fahrungen und praktische Arbeit des Kaiserin- 
Augusta-Viktoria-Hauses zur Bekämpfung der 
— im Deutschen Reiche 626, 649. 

Säureagglutination, Die praktische Verwertbarkeit 
der - für die Erkennung der Tvphushucillen 
312. 

Salieylsäure. Behandlung des akuten Gelenkrheu¬ 
matismus mit 89(8. — s. Gelenkrheumatismus. 

Salmiator 897. 

Salowscher Tiefenmesser 870. 

Salpingitis, Zur Pathologie der — 1115. 

Salusil, Therapeutische Erfahrungen mit dem 
Kolloidpräparat — in der Augenheilkunde 227. 

Salvarsan, Ueber die Herabsetzung der Giftigkeit, 
des — durcli Auflösung im Serum 728. — 
Anuria s. Hypertonie Salt. — s. Keratitis 
parenchymatosa. — s. Syphilisbehandlung. — 
s. Recurrenserkrankungen. Todesfälle nach — 
V80, 1410. 

Salvarsanbehandlung s. Militärmedizin. — des 
Tetanus 871. 

Salvarsaninjektioii s. Arsenkeratose. Unerwünschte 
Komplikationen nach intraduraler — 50. Die 
Resultate von 100 — 50. 

Salvarsannatrium, Ueber — 227, 402, 520. — und 
seine Anwendung in der Praxis 227. — und 
die kombinierte (^uecksilbcr-Salvarsanbehand- 
lung 1271. Neues Salvarsanpräparat — 571. 

Salvarsannatriumlösungen, Verabreichung von 
konzentrierten — 1411. 

Salvarsannekrose 232. 

Salvarsantechnik 310. 

Sandri 0. (Florenz) 500. 

Sanduhrmagen infolge penetrierendem Ulcus ven- 
triculi 1430. 

Sanitäre Einrichtungen bei unseren Feinden 1118. 

Sanitätskorps, Errichtung eines — des Roten 
Kreuzes 822. 

Sanitätspersonal, Der Austausch von — zwischen 
Deutschland und Frankreich 958. 

Sanitätswesen, Englisches — 1305. Französisches — 
1170. Mängel des französischen — 146. Russi¬ 
sches — 1434. Verstaatlichung des — 1390 a. 

Sarcoma vulvae, Ein Fall von — 1273. 

Sarkoid, Subkutanes — 261. 

Sarkom des Nasen-Rachen raumes 1332 . 

Sattelnasenkorrekturen 924. 

Sauerstoff s. Wundheilung. 

Sanerstoffapplikation s. Luftembolie. 

Sauerstoffinjektion s. Gasembolie. 

Sauerstoffzehrung, Einfluß des Sonnenlichtes auf 
die — 1304.' 

Saviozzi V. (Pisa) 500. 

Schädel s. Duraplastik. 

Schädelchirurgie im Felde 48. 

Schädeldach s. Wucherungen. 

Schädeldefekte. Deckung von — aus dem Sternmn 
763. Deckung von großen — mittels Celluloid¬ 
platten 575. — nach Operationen 1431. 


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Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSUM OF IOWA 



XXIV 


Schädelgrube, Projektil aus der rechten mittleren 

— entfernt 201. — s. Tumoren. 

Schädelhöhlen, Schußverletzungen der pneumati¬ 
schen — 733. 

Schädelplastik 548. 

Schädelschuß mit Kochlearerscheinungen und 
Angenmuskellähmnngen 084. Thyreoiditis nach 

— 603. 

Schädelschüsse 490, 572, 578, 1141. Behandlung 
der — 318,1034. Behandlung der — im Felde 
5146. Erfolge und Mißerfolge bei der operativen 
Behandlung der —, besonders der Durch¬ 
schüsse 1141. Erfahrungen über —. besonders 
über die Bedeutung des Rüntgenbildes für die 
Schädelchirurgie 1033. Chirurgische Frühbe- { 
Handlung der — 650. Klinik der— nach den | 
Erfahrungen im Heimatlazarett 1328, 1350. | 
Operierte — 1112. Prognose der — 953. Pro- j 
gnose und Behandlung der — 18. Therapie j 
und Prognose der — 871. j 

Schädel- und Gehirnschüsse, Zur Diagnose und j 
Therapie der —. Unterscheidung der Tangen- | 
tialschüsse 1167. | 

Schädelschußverletzungen, Einige Beobachtungen i 
über — im Feldlazarett 545. I 

Schädeltangentialschüsse, Richtlinien in der Be- i 
handlung der — 1216. i 

Schädel Verletzung oder Trunkenheit? 667. , 

Schädelverletzungen aus Leichtkrankenzügen und 
der Transport Schädel verletzter 952. Ophthal- 
moskopische Veränderungen bei — 1169. 

Schädelwunden, Bemerkungen zur Behandlung 1 
von — 925. 

Schanghai, Die deutsche Medizinschule für Chi¬ 
nesen in — 170. 

Schanker, Weicher — und anerkannt gebliebene 
Syphilis 72. 

Scharlach, Weitere Beiträge zur Serumbehand¬ 
lung des — 1033. — und Diphtherie in ihren 
Beziehungen zur sozialen Lage 731, 520. 

Scharlachstatistik, Zehn Jahre — 80. | 

Schedesche Mohilisationsschienen, Erfahrungen | 
mit — 1273. 

Scheidenbildung, Künstliche — 1011. 

Scheidenkarzinom mit Zystokele 1117. 

Scheidenmißbildung, Seltene — 1360. 

Scheintod, Ueber die Behandlung des — bei 
Neugeborenen 788. 

Schenkelhals s. Frakturen. 

Schenkelschußfrakturen, Behandlung der — 
549. 

Schicks Reaktion, Bemerkungen zu — 789. —. 
Mit Bericht über 800 Fälle 789. Beobachtun¬ 
gen über intracutane — bei 455 Säuglingen 
und Kindern 1274. 

Schicks Toxinreaktion s. Hautpseudoreaktionen. 

Schiene zur Behandlung von Verletzungen der 
unteren Extremitäten 651. — für Schußfrak¬ 
turen in der Umgebnng des Kniegelenks 681. 

— für Schußverletzungen und Empyem des 
Kniegelenks 681. — oder Gipsverbände bei 
den komplizierten Frakturen der Knochen 
und Gelenke? 171. 

Schienbeinende, Verrenkungsbruch des oberen 

— mit Erhaltung des Wadenbeins — eine 
typische Verletzung 142. 

Schienenfrage 197. 

Schienenmodelle s. Prothesen. 

Schienen verbände, Anleitung zur Anfertigung 
von —. Von H. Gocht 899. — im Felde 709. 
Ueber schnell improvisierte — bei Schußbrü¬ 
chen des Oberarmes und Oberschenkels 1378. 

Schiffsarzt, Erlebnisse und Eindrücke eines 
k riegsgefangenen — 1036. 

Schilddrüsenfunktion, Theorie der — und der 
thyreogenen Erkrankungen 544. 

Schilddrüsenhypertrophie, Ueber das Vorkommen 
von verworrener Manie bei einer Kranken mit 
—. Schnell erzielter Heilerfolg durch Thyreoi- 
dektomie 81. 

Schildknorpel, Plastik am — zur Behebung der 
Folgen einseitiger Stimmbandlähmung 1244. 

Schlacht, Ueber truppenärztliche Erfahrungen in 
der — 106. 

Schlachtblut, Verwendung von — zur menschli¬ 
chen Ernährung 1009. 

Schläfen- und Parietallappenherde a. Worttaubheit. 


INHALTSVERZEICHNIS. 


Schläfelappenabszeß eröffnet 145. Traumatischer 
—. Fraktur des Schläfebeins 1090. 

Schlaf-Druckläbmungen, Atypische — 110. 

Schlaflosigkeit, Die Psychotherapie der — 199. 

Schlafmittel, Mekonal ein — 897. 

Schleimhauttuberkulose s. Nasengerüst. 

Sclilüsselbeinschlagader s. Anenrysma rerum. 

Schneeblindheit 50. 

Schneidezahn, Fistel des oberen seitlichen — 
1250. 

Schnell verbandschiene, Sterile — 18. 

Schnurübertrngnng s. Prothesen. 

Scholz Jos. 348. 

Schrägagarröhrchen-Typhusdiagnose, Verwertbar¬ 
keit der 'ßM (nach H. Königsfeld) für die 
Frühdiagnose des Typhus abdominalis 1139. 

Schrapnellfüllkugel durch das rechte Auge hin¬ 
durch in die linke Nasenhälfte 928. 

Schrapnellkugel in der rechten Herzkammer. 
Operative Entfernung 1034. Retropharyngealer 
Sitz einer —. Senkung derselben in den Brust¬ 
raum 874. 

Schrapnell kugelträger, Ueber basophile Granu¬ 
lation im Blute von — 142. 

Schrapnellsteckschuß in der Labyrinthgegend 874. 

.Schrapnellverletzung, Ungewöhnliche cerebrale 
Erkrankung nach — 1112. Schwere — der 
Nase, die zu einer völligen narbigen Atresie 
der Nase führte 956. 

Schraubenstreekverband 924. 

Schalgesundheitspflege. Jahrbuch der Von M. 
Fürst 1302. 

Schul- und Jngendsanatorien 1358. 

Schulkinder, Der Einfluß von Krankheiten, insbe¬ 
sondere der Tuberkulose, auf das Wachstum 
und den Ernährungszustand der — 1058. 

Schultergegend s. Stützungs- und Extensions¬ 
apparat. 

Schultergelenksprothese bei Schlottergelenk mit 
großem Humerusdefekt 1330. 

Schultergelenksversteifung, Zur Behandlung der 

— nach Schußverletzungen 871. 

Schulter-Oberarm verband, Einfacher — 898. 

Schulz H. (Jena) 500. 

Schuß in den Herzbeutel 68. 

Schußaneurysmen, Behandlung der — durch 
künstliche Wandverstärkung bei Aneurysmen 
besonderen Sitzeä 575. 

Schußfraktur 901. — des Oberschenkels s. Gips¬ 
verband. 

Schußfrakturen, Behandlung von 924. Wichtige 
Forderung für die Behandlung der — 679. 
Einige technische Behelfe zur Behandlung von 

— der unteren Extremität 314. Behandlung von 

— mittels Gipsbrückenverbänden 421. Gipsver¬ 
bandstechnik hei — der oberen Extremität 
1085. Vorschlag zur Behandlung der — im Felde 
1109. Zur Behandlung der — des Oberschen¬ 
kels 172. — langer Röhrenknochen und Ge¬ 
lenkschüsse im Feld und in der Heimat 1181. 

— langer Röhrenknochen und ihre Behand¬ 
lung in den Heimatlazaretten 198. — s. 

Schiene. 

Schußkanal, Projektil im — des Oberarmes 608. 

Schußknochenbrüche, Erfahrungen über die Be¬ 
handlung von — mit Distractionsklammerver- 
bänden 61. 

Schußverletzung s. Carotis. — s. Hirnnerven. — 
s. Kieferhöhleneiterung. — der Oauda equina 
256. — des Hüftgelenks 821. — am Kopf 
845. — des Kopfes 845. — des Kopfes mit 
Labyrinthaffektion durch Erschütterung des¬ 
selben 792. — der Leber 25. Zur Kenntnis 
der — des Nervus radialis 227. Infolge — des 
linken Plexus bracliialis mit nachfolgender 
totaler motorischer und sensibler Lähmung 
spontane Abstoßung der Nägel im Ausbreitungs¬ 
gebiete des M. medianus 144. — des Rücken¬ 
markes 656. 

Schußverletzungen s. Harnröhre. — s. Rücken¬ 
mark. — s. Schiene. — s. Thorax. — s. Wir¬ 
belsäule, — der Augengegend 285. — der 
Blutgefäße 140. — der Brust 4. Beobachtun¬ 
gen bei — des Brustkorbs 142. Ueber — des 
Darmes 228. Versorgung der — der Extremi¬ 
täten 678. Ueber — der großen Gefäße 48. 

I Beobachtungen bei — des Gehirns 1058. — 


der rechten Halsseite 1361. — der Harnwege 
und Verlegung derselben darch das Geschoß 
198. — des Kehlkopfs 733, 678. — der Kiefer 
1141. — des Kiefers, besonders der Unterkie¬ 
fer 175. — des Larynx 845. — der oberen 
Luftwege 544. Beitrag zu den perforierenden 

— des Magens 48. — von Nerven 317. Bei¬ 
trag zur Behandlung der — peripherischer 
Nerven 734. Behandlung der —■ peripherischer 
Nerven 313. der peripheren Nerven 762, 
1112. Ueber — peripherischer Nerven 708. Bei¬ 
träge zur Kenntnis der trophischen Störungen 
bei — peripherer Nerven 981. — des Nerven¬ 
systems 1037. — der Niere, der Blase und des 
Genitales 201. Ueber — des Pleuraraumes 
und der Lunge 203. — durch zersplitterte 
Projektile 1361. — des Rückenmarks. 233. 
Ueber einige — des Rückenmarks und Gehirns 
89. — der pneumatischen Schädelhöhlen 733. 
Beobachtungen bei — im Umkreise der Wirbel¬ 
säule und des Rückenmarks 1112. — der Wirbel¬ 
säule 3. 

Schußwunde, Zur Frage der primären Okklusion 
der — durch Naht 733. 

Schußwunden, Kein Tampon in eiternde — 81. 

— s. Ortizonpulver. 

Schützengrabentrage, Neue — 1141. 

Schutzanzug für Entlausungsaktionen 259. 

Schutzimpfung gegen Blattern 245. 

Schutzimpfung s. Kriegsseuchen. Prophylaktische 

— mit Tetanusserum 1252. Technik der — 
gegen Typhus 314. — gegen Typhus 683. 
Technik der — gegen Varicellen 106. — gegen 
Typhus und die mit ihr in der amerikanischen 
Armee erzielten Erfolge 374. Wesen und Wert 
der — gegen die Blattern 374. 

Schutzimpfungen, Ergebnisse der — an der Impf¬ 
stelle des Centralkomitees der Preußischen 
Landesvereine vom Roten Kreuz in Berlin 
!410. 

Schutzkleidung, Inscktensichere — 924. 

Schutzmaske, Eine billige und leicht herzustel- 
lende — für Leichenträger im Felde 600. 

Schutzringe, Imprägnierte — gegen Ungeziefer, 
ein neues Mittel und Verfahren zur Bekämp¬ 
fung der Läuseplage 1034. 

Schwachsichtigkeit, Behandlung einseitiger — 
1245. 

Schwangerschaft, Blutdruck in der — 574. — 
s. Conception. Dauer der menschlichen — 762. 

— und Gebui't nach Jnterpositio vesicovagi- 
nalis 1012. Herzfehler und — 1219. — s. Ty- 
phlitis. 

Schwangerschaftsdauer, Diskussion über — 844. 

Schwangerschaftsniere, Behandlung der — und 
Eklampsie 198, 286, 575, 843. 

Schwarz Julius f 1335. 

Schwarz K. (Wien) 264. 

Schwebemarkenlokalisator 18, 255. 

Schwebeschiene 490. 

Schweißbildung s. NaCl. 

Schweißfüße, Behandlung der — 49. 

Schwerkranke und Verwundete, Ueber einen 
Handgriff zum Heben — 255. 

Schwerverletzte, Auffindung von — 1008. 

Schwindsucht, Die — und ihre Bekämpfung. Von 
G. Liebe. Leipzig 1914 200. 

Scopolamin-Morphin Treatment in Labor 872. 

Sedobrol in der neurologischen Praxis 226. 

Seelenleben, Krieg und — 1167. 

Seelenblindheit, Partielle —, optische Aphasie und 
Alexie — 598. 

Sehnenbehandlung 319- 

Sehnennaht, Sekundäre 'Üf und Sehnenplastik bei 
Schußverletzungen der Hand 652. 

Sehnenverlängerung 630. 

Sehorgan, Beurteilung der Kriegsverletzungen 
des—. Eine Anleitung für Lazarettärzte 1359. 
Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des 

— 1166. 

Sehstörungen im Kriege ohne objektiven Augen- 
befund 49. 

Sekretionen s. Magendarmkanal. 

Sekretogen, Versuche mit — 109. 

Sektionsberichte, F. Bezolds — über 73 letale 
Fälle von Mittelohreiterung. Von A. Scheibe. 
1219. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



XXV 


I NH AI IV S -V ERZ EICHM 8. 


N-i'bstk'wnßtwin nud I J ersö n 1 ie I» k ei ts I >e\v u ß tsei n. 

Von Schilder 399. 

S-Iktiiifekti't«. 1 «'her 1011. 

SolMmärd«-. 1 eher kindliche - . Von E. Redlich 
nud E. Liizar 983. 

Slhstuiordrersoch, Leber einen eigenartigen -- 
mit Tuberkulin 897. 

Semon. Sir Felix — als Deutschenhasser 686 b, 
Seniiität. Vorzeitige — und Langlebigkeit 1087. 
vnrihilitätsstöning an der linken oberen Extre¬ 
mität von segmentalem Typus nach Schädel- 
sclmß 202. 

Sen*ibilitätsstörungen, Beiträge zur Frage der 
corticalen - 735. — von segmentalem Typus 
nach Gehirnschuß 656. — von spino-segmen- 
talern Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schä- 
delichußverletzungen 843. 

Sej.«si> >. Kollargol385.1 »ifferentialdiagnose zwischen 

- und aknter Ijenkämie 106. Uehergang der 

- in Prämie 874. 

Septnm un’tliro-vaginale. Papilläres Fibrom des 

- 1144. 

Sewdiagnostik 8. Syphilis. 

Serologie. Grundriß der —. Deutsche Ausgabe 
von Pr. K. S. Hoffmann. Zweite verbesserte und 
vermehrte Auflage. Von A. Ascoli 790. 

Scrnm $. Linse. 

Seromanaphylaxie beim Menschen und deren Ver¬ 
hütung 785. 

Scrambehandlnng bei Hyperthyreoidismus 574. 

- Scharlach. 

Serumexanthem mit Orönsehen nach Einspritzung 
von Tetanus-Antitoxin 752. — nach Tetanns- 
antitoxininjektion 345, 1061. 

,'vrnmtherapie s. Infektionskrankheiten. Ein neues 
Prinzip der — bei Infektionskrankheiten mit 
besonderer Berücksichtigung des Typhus ab¬ 
dominalis 284. 25 Jahre antitoxischer — 
1409. 

Hachen, ( ber die Verbreitung von - durch In¬ 
fekten in» Kriege 109. Fürsorge der Gemein¬ 
den gegen — im Kriege 601. 

Seuchenbekämpfung. Oestcrr. Gesellschaft für — 
175. 

Seuchenlazarett, Erfahrungen im — 85. 

Sexuelle Anomalien, ihre psychologische Wertung 
und deren forensische Konsequenzen. Von L. 
Frank 790. 

Usuelle Insuffizienz, Zur Behandlung der — 215. 
zitier. Weiterer Beitrag zur therapeutischen Ver¬ 
wendung des kolloidalen — 1359. Richtlinien 
für die therapeutische Verwendung des kol¬ 
loidalen — 1084. 
rilbernitratlösangen s. Wanden. 

Mlberplättcheii, Verwendung von — in der Chi- 
ruruie Hl 7. 

•N::mlation des Fiebers 230. 

Simalationsfall, Seltener — 763. 

> ‘ fl ” er - Zuschrift von Prof. Dr. Gustav —, Wien 

531. 

rinustbrombüse, Operativ geheilter Fall von — 
im Anschluß an eine unter dem Bild der 
Mukosusotitis verlaufende Streptokokkenotitis 

m\. 

riin-- viscernm in versus totalis 1196. 

Retropharyngealer ~ einer Schrapnellkugel 

8(4.' 

ifeio^e. Leber atypische multiple — und luetische 
s pinalleiden bei Heeresangehörigen 925. 

>kabies. Therapie der — 1141. 

'Wett 1333. Leber die mechanische Behandlung 
wirklicher Formahweichungen des — 198. 
HWisdermie, pernieiöse Anämie und tabesähn- 
1,c !' e Hinteretrangsaklerose 23. In Heilung be¬ 
griffener Fall von sogenannter diffuser — 524. 
jrcumscripte — 1415. Zusammenhang von 
bkorhnt mit — 261. 

Hierose der Nase 261. 

Hörhut 261. 

Hörhuterkrankung 629. 

^ofnlose. Wasen und Behandlung der - 1139. 
^rrjfalosefrace 1272. 

Hhienrrmäknlaüvr s. Lähmungen. 

ein Volksnahrungsmittel 273. 

■«"laten. Nervenkranke - s. Dienstfähigkeit. Wie 
j ann nian schwachsichtig gewordenen — das 
Lesen wieder ermöglichen? 842. 


Soldatenhand, Große Bedeutung einer sorgfältigen 
Behandlung der verletzten — 1433. 

Sommerhantkrankheiten im Felde 773. 

Sonnenbäder und Nervensystem 842. 

Sonnenbehandlung irn Feld 1216. 

Sonnen- und Freiluftbehandlung. Die — schwer 
eiternder Wunden 49. 

Sonnenlicht, Einfluß des — auf die Sauerstoff¬ 
zehrung 1304. 

Sonnenburg Eduard f 658. 

Sonnenstich, Hitzschlag 870. Pathogenese des — 
735. 

Spiitabscesse nach Scbußverletzungen des Gehirns 

1112. 

Spätaffektion des Labyrinthes b/.w. des Oochlcaxis 
nach akustischem Trauma 874. 

Spätblutungen nach Schuß Verletzungen 570. 

Spätrezidive nach Carcinomoperation 90D. 

Spättetanu3 nach frühzeitiger prophylaktischer 
Antitoxininjektion 1409. 

Spasmen nach Kopfschüssen, Orthopädische Be¬ 
handlung der — 171. 

Spasmophilie, Behandlung der — mit Lebertran 
und Tricalcimnphosphat258. Elektrischer Nach¬ 
weis der — bei den Fällen von sogenannten 
Initialkrämpfen älterer Kinder 258. 

Spasmus, Tic oder habitueller — 1113. 

Speicheldrüsen- und Nebenhodenentzündung, Epi¬ 
demische — 535. Bemerkungen zum Artikel 
Prof. Eichhorsts (Zürich) „Ueber epidemische 
— u 754. 

Speicheldrüsen s. Hypertrophie. 

Speiseröhre, Röntgenologische Darstellung der 
normalen und der pathologischen — 708. — 
s. Luftwege. 

Spekulation und Mystik in der Heilkunde. Ein 
Ueberhlick über die leitenden Ideen der Me¬ 
dizin im letzten Jahrhundert. Von F. v. Müller 
523. 

Spezialitäten des feindlichen Auslands. Aktion 
gegen die — 412. Ausländische s*nmd deutsche 
Ersatzpräparate 574. 

Sphygmobolometrie Sahlis und ihre Kontrolle 520. 

Spina bifida, Behandlung der — 255. 

Spinalflüssigkeit, Wann soll bei Syphilitikern die 
— untersucht werden? 598. 

Spinalleiden s. Sklerose. 

Spirochaeta pallida, Zum 10jährigen Jubiläum 
der Entdeckung der — 398. 

Spirochaete Obermeieri s. Vitalfärbung. 

Spitzfuß-Apparat, Portativer — 1361. 

Spitzfußstellnng, Apparate zur Verhütung und 
Behandlung der — und zur Exteusionsbe- 
handlung der llnterschenkelfrakturen 1359. 
Vermeidung der — 709. 

Spitzfuß, Ueber den — nach Schuß Verletzung im 
Bereiche des Unterschenkels 1085. 

Spitzfuüstiefel 709. 

Spitzgeschosse, Umdrehung der modernen — im 
Wundkanal um ihre Querachse 869. 

Splenektomie 789. — bei primärer pernieiöser 
Anämie 681. — bei Kala-Azar 897. 

Spondylitis typhosa (Quincke) 490. 

Sprachärztliclie Kriegsabteilung 1377- 

Sprache, Das Geheimnis der menschlichen 
Von N. v. Mayendorf 1219. 

Sprachführer für den Verkehr mit Verwundeten 
und Gefangenen. Französisch-Deutsch-Englisch- 
Russiseh. Von Haasmann und Seyffert 21. 

Sprachheilkunde, Beziehungen der — zur übrigen 
Medizin 1360. 

Sprachlähmung, Funktionelle — im Felde 1423. 

Sprachliches 1300. 

Sprachstörung nach Schädelverletzung 145. 

Sprachstörungen, Behandlung von — nach Kriegs¬ 
traumen 1276. Vorlesungen über —. \on 
A. Liebmann 1088. 

Sprengel 0, (Brannschweig) t 412. 

Spulwurm im Pankreas 1335. 

Staphylodermia vegetans 231. 

Star, Neue Wege in der operativen Bekämpfung 
des grünen — 811. 

Statistik 58, 86, 116, 1 <6, 236, 290, 348, 412, 
442 466, 526, 550, 580, 632. 658, 686 b, 714. 
740, 794, 848, 876. 932, 958, 1014, 1038,1064, 
1092, 1198, 1224, 1252, 1278 c, 1306, 1336, 
1364 b, 1390 b, 1436. 


Stanungsbehandlung .schwererGranat- undSrhrap* 
nellverletznngen 1084. 

Stechmücken, Schutzmittel gegen - 1193. 

Steel»m ück en 1 k* kämpfung 952. 

Steckschuß 1090. in der rechten Fossa pterygo- 
palatina nach Durchschuß der Nase 792. — 
am Hals 684. — im Bereiche der Kaumus¬ 
kulatur 1141. — über der linken Clavicula 
766. — im hinteren Mediastinum mit Beziehung 
zum Oesophagus 1362. Röntgenbild eines - 
des rechten Oberkiefers 684. Typischer — des 
Rückenmarks 896. — der rechten Schulter 629. 

— des linken Warzenfortsatzes mit Eiterung und 
Sequesterbildung in demselben. Spontaner Ab¬ 
gang des Geschosses. Sequestrotomie. Heilung. 
Traumatische Erkrankung de3 linken inneren 
Ohres. Besserung des Gehörs im Laufe der Be¬ 
handlung 793. Einfache Methode zur Bestim¬ 
mung des Projektils im Körper hei — 1217. 

— der Vena cava inferior 344. 

Steißtherapie s. Placenta praevia. 

Stcllsonde-Verfaliren, Eine Methode der Operation 

von Projektilen (Fremdkörpern) 1384. 

Stenose, Hochgradige — s. Verätzung. 

Stereophotogrammetrie, Anwendung der — des 
Röntgenbildes in der feldärztlichen Tätigkeit 
1272. 

Stereoskopie s. Geschoßlage. Gesehoßlokalisatim» 
durch — 1009. 

Stereoskopische Aufnahmen s. Raumme.ssung. 

Sterilisation s. Tierkohle. 

Sterilität, Die Beseitigung der — durch Fermente. 
Epididymostomie 200. Prognose der - - 13(50. 

Sternum s. Schädeldefekte. 

Stichverletzung der Carotis communis 629. 

Stichverletzungen des Zwerch felis durch das Seiten¬ 
gewehr 1010. 

Stickstoffbestimmung, Einfache Methode der 
im Harn 953. 

Stiefelabsatz, Vor- und Nachteile des — sowie 
die Aufgaben einer vernunftgemäßen Fu߬ 
pflege 1364 a. 

Stieltorsion des Leistenhodens 650. 

Stiftung für sozialärztliche Leistungen 500. 

Stillsche oder Mikuliczsche Krankheit 590. 

Stimmbänder. Brückenförmige Synechien der — 
1362. 

Stimmhandlähmung, Beitrag zur funktionellen 

— im Felde 373, 733, 926. 

Stirnhim, Absceß im — 22. 

Stirnhirnverletzung 1062. 

Stirnhöhleneiterung mit Fistelbildung im late¬ 
ralen Innenwinkel des Stirnhöhlenbodens 928. 

Stirnhöhlenschuß 1220. 

Stirnlampe, Einfache, billige nnd praktische — 
652. 

Stirnlappen, Weiterer Bericht über den mit Klein- 
hirnerscheinungen einhergehenden Fall von 
Kompression des — 792. 

Stöpselapparat mit verschiedenen Griffen, mit 
welchen Koordinationsübungen der Finger 
vorgenommen werden können 711. 

Stoffwechsel, Der — bei exsudativer Diathese. 
Von A. Niemann 682. — s. Meningitis serosa 
acuta. 

Stoffwechsel- nnd Konstitutionskrankheiten, Rolle 
dos Nervensystems in der Genese der — 
1112. 

Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen 497, 1330. 

Stottern, Psychologie des — 1087. — und Ny¬ 
stagmus 654. 

Strafwürdigkeit der Ansteckung in den Vor¬ 
arbeiten zur Strafgesetzreform 1034. 

Strahlentherapie 310 , 340, 1404. — bei Hypo¬ 
physentumoren 924, 1170. — im Kriege 623. 

— mittels Ultradur-Röntgenstrahlen 650. 

Strahlentiefenwirkung 1358. 

Stransky E. (Wien) 264. 

Streck apparat bei einfachen und komplizierten 
Brüchen des Ober- und Unterschenkels 981. 

Streckbehandlung, Vereinfachte — der Knochen- 
brüehe der Beine 786. 

Streck verband, Der transportable — 107, 284. 

Streckverbandapparat mit passiven Gelenkbewe- 
gungen und — mit automatischen Gelenkbe¬ 
wegungen 1246. 

Streifschüsse an der Schädelkapsel 284. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



XXVI 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Streitfragen, Aerztlichrechtliche - im Krieg 875. 

Streptokokken s. Gasbrand. 

Streptokokkenempyeme, Gehäuftes Auftreten von 
infektiösen parapneumonischen — 7(50. 

Streptokokkenmeningitis, Heilung zweier Fälle 
von — durch lumbare Laminektomie mit 
Drainage 926. 

Ströme, Weitere Mitteilungen über osciilierende 

— und ihre strahlende Energie 312. 

Strohmehl und seine Verwendung 95(5. — und 

seine Verwendung für Backzwecke 1142. 

Stützungs- und Extensionsapparat als Ersatz aller 
kontentiven Verbände bei sämtlichen Ver¬ 
letzungen (speziell bei offenen Frakturen der 
oberen Extremitäten, Clavicula und Schulter¬ 
gegend) 680. 

Stützverbände in« Felde 1010. 

Stuhlentnahme, Schnellere Methode der — bei 
Massen Untersuchungen auf Bacillenträger 954. 

Stumpfrettung unserer Amputierten 1429. 

Subclavia s. Aneurysma. Unterbindung der linken 

- 22 . 

Snbinfektion durch Herde im Becken und Ab¬ 
domen 1247. 

Suprareninlösung s. Wundlieilung. 

Symphysiotomie. Subcutane — 731. 

Symptomenkomplex, Behandlung des varicösen 

— 896. Ungewöhnlicher bei einem Falle 
von symptomatischer Psychose 735. l'eher den 
cerebellaren — in seiner Bedeutung für die 
Beurteilung von Schädelverletzten 1217. Kli¬ 
nische und anatomisch-histologische Unter¬ 
suchungen über einen Fall mit Adams- 
Stokesschem — 374. 

Svnechien, Brückenförmige — der Stimmbänder 
1362. 

Syphilid, Tubero-ulzero-serpiginöses — 1250. 1416. 
Zoniformes lichenoides — 231. 

Syphilis, Therapie der angeborenen — nebst 
einigen klinischen Bemerkungen 1165. Chemo¬ 
therapie der — mittels anorganischer Kom¬ 
bination von Quecksilber, Arsen und Jod 493. 
Congenitale — im Lichte der Wassermann¬ 
reaktion 1274. Behandlung der — mit Ein- 
barin 457. Facialislähmung im Frühstadium 
der — 1415. Fall von febriler tertiärer — 
1277. Ueber Ergebnisse der Hermann-Perutz- 
Reaktion bei — 539. Therapie der hereditären 

— 109, 229. — e. Herzleiden. Behandlung der 

— mit Kupfersalvarsan 197. — und Magen¬ 

symptome 707. Beitrag zur Lokalbehandlung 
der meningealen — 1411. Intraspinale Be¬ 
handlung der -— des Centralnervensystems 
1113. lntraspinale Behandlung der — des 
Centralnervensystems mit Salvarsanserum von 
bekannter Stärke 200. — des Nervensystems 
1087. Miteinbeziehung des Nervensystems ] 
während der primären — 764. Eine neue Me¬ 
thode der Quecksilberinkorporation zur Be¬ 
handlung der — 627. — s. a. Schanker, 

weicher und —. Kenntnis der congenitalen 

— der Säuglinge 490. — und Salvarsan. Von 
A. Neisser 873. Landaus Färbprobe zur Serum¬ 
diagnose der — 817. A Further Note on the 
Landau’s Color Test for Serodiagnosis of — 
898. The Landau Iodins Serum Test for — 
898. Ueber Serodiagnostik der — mit che¬ 
mischen Substanzen (Coagulationsreaktion) 
1059. Die intradnrale Anwendung merkurali- 
sierten Serums in der Behandlung der cerebro¬ 
spinalen — 315. Spätmanifestationen der er¬ 
erbten — mit besonderer Berücksichtigung 
der Arterienerkrankung 173. — of the Stomach 
898. Ueber das Vorkommen und die Vermei¬ 
dung von Fehlern bei Verwendung der mo¬ 
dernen Mittel der Diagnose und Therapie der 
- 1334. 

Syphilisbehandlung 981. — ausschließlich mit 
Salvarsan 980. Betrachtungen der Erfahrungs¬ 
resultate während siebenmonatiger — mit 
Salvarsan 315. 

Syphilisfälle, Gelungene Sterilisation und durch 
SalvarBsn-Merkur-Jodbehandlung günstig be¬ 
einflußte — 1008. 

Syphilistherapie, Ueber Unklarheiten und Un¬ 
vollkommenheiten unserer —, zugleich ein 
Beitrag zur Frage der Syphilisprophylaxe 1192. 


Syphilitiker, Wann soll bei — die SpinalHüssig- 
keit untersucht werden? 598. 

Syringomyelie, Hereditäre — 711. — bei Vater 
und Sohn 1344. 

Syringocystadenom 231. 


Tabak, Wirkungen von — und Alkohol auf das 
kardiovasculäre System 1302. 

Tabakherz 7(54. 

Tabes. Alte und neue Uebungsbebandlung der — 
1301. 

Tabes dorsalis, Ein Fall von — mit akut ein¬ 
setzenden ungewöhnlichen Koordinationsstö¬ 
rungen am Rumpfe 1194. 

Taboparalyse, welche 5 Jahre nach luetischer Er¬ 
krankung aufgetreten 1220. 

Tarsitis im Frühstadium der Lues 261. 

Talus s. Luxationsfraktur. 

Tangentialschüsse des Schädels, Welche Erfolge 
hat die operative Behandlung der — ? 570. — 
des knöchernen Thorax und die durch sie er¬ 
zeugten Veränderungen innerer Organe 925. 

Tannoforrn bei Tvplms und septischer Enteritis 
492. 

Tastsinn, Lokalisation des — 312. 

Taubheit nach Durchschuß durch den Warzenfort¬ 
satz. Wiederkehr des Gehörs 792. Totale —. 
Traumatische Trmnmelfellruptur. Komplette 
Facialislähmung 874. 

Taubstumme, Zur Sprache — 1062. 

Taubstummheit, Hysterische — 1250. 

Technische Neuheiten auf dem Gebiete der Medi¬ 
zin, öffentlichen Gesundheitspflege und Kran¬ 
kenpflege 953. 

Temperaturinessung, Aerztliche — 841. 

Terpacid 7(53. 

Testikel, Transplantation eines — in die Bauch¬ 
muskulatur 1303. 

Tetanie, Ergotismus und - 710. — als Frühsytn- 
ptom einer Infektion 763. — im Verlaufe einer 
Gallensteinkolik 313. —, Hyperchlorhydrie und 
Lähmung der Interossei (556. Weiteres Material 
zur Secaleätiologie der — 813. Alte und neue 
Probleme der — des Sänglingsalters 1245. 

Tetanus 115. Anwendung von intravenösen Aether- 
Kochsalzinfusionen bei — 980. — and Anti- 
tetanic Serum with Note on the Complications 
and Late Death in Tetanus 872. Intraspinal 
Administration of Antitoxin in — 898. Bedeu¬ 
tung der prophylaktischen Antitoxinbehand¬ 
lung bei — 1364 a. Die kombinierte Antitoxin- 
überschwemmungs- und Narkosetherapie des 

— 18. Die Behandlung des —. Von G. L. Drey- 
fus 602. Beitrag zur Behandlung des — 48. 
Klinische Beobachtungen über — im Felde 
343, 372. Beobachtungen über — im Frieden 
und im Felde 283. Einiges über — 318. — s. Fi- 
brillentheorie. Geheilter — 495. Heilung von 

— 1196. Klinische Beobachtungen über — und 
praktische Gesichtspunkte bei seiner Behand¬ 
lung 492. Klinische Erfahrungen über — auf 
dem westlichen Kriegsschauplätze 951. Klini¬ 
sche und therapeutische Erfahrungen über — 
979, 1008, 1058. Ueber — bei Kriegs verwun¬ 
deten. Ergebnis einer Sammelforschung 49. 
Lichtbehandlung des — 313. Lokaler — 629. 
Die intraneurale Injektion von Tetanusanti¬ 
toxin bei lokalem — 1083. Behandlung des — 
mit subcutanen Injektionen von Magnesium 
sulfuricum 573. Bemerkungen zur Magnesium¬ 
sulfatbehandlung des — 171. Glycerinphosphor¬ 
saures Magnesium (Merck) als Ersatz für 
Magnesiumsulfat bei der Behandlung des — 
786. Magnesiumsulfattherapie des — 19. Pa¬ 
thologie und Therapie des — 573. Auf den 
linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall von 
— 953. Praktische Gesichtspunkte bei der Be¬ 
handlung des — 254. Prophylaktische Impfung 
gegen — 1141. Prophylaxe des — 226, 255. 
Salvarsanbehandlung des — 871. Nach einer 
Schußverletzung Gasphlegmone und — 113. 
Therapie des — 170. Vorschlag für eine 
Sammelforschung über — 48. 

Tetanus-Antitoxin s. Serumexanthem. 
Tetanusbehandlung 25, 31, 50, 81, 628, 1411. 

Tetanusfall, Bericht übereinen — 681. 


Tetanusfälle 631. 

Tetanusfrage, Notizen zur — 491. 

Tetanusgefahr. Verhütung der — durch intensive 
Luftbeströmung 50. 

Tetanusimmunisierung 263. 

Tetanashmnunität des Menschen 1385. 

Tetanusimmunserum, Mein — 226. 

Tetanusinfektion s. Wundstarrkrampf. 

Tetanuskranke, Untersuchungen über den Anti¬ 
toxingehalt irn Serum — 1329. Serologische 
Untersuchungen bei — 1110. 

Tetanus lateralis 521. 

Tetanusrezidiv 1087. 

Tetanusserum 8. Schutzimpfung. 

Tetanustherapie mit Magnesiumsulfat, Experimen¬ 
telle Untersuchungen über Wesen und Aus¬ 
sicht der — 81, 228. —. Erfahrungen am te- 
tanuskranken Menschen bei intervenöser Ein¬ 
führung des Magnesiumsulfats 344. 

Tetanustoxin s. Immunisierung. 

Texan. Läusebekämpfung durch — 346. 

Theacyton s. Herz- und Nierenkrankheiten. 

Therapeutischer Brief aus Ungarn 1035. 

Therapie an den Berliner Universitätskliniken. Von 
Dr. Wilhelm (Toner 927. Lexikon der gesam¬ 
ten —- des praktischen Arztes mit Einschluß 
der therapeutischen Technik. Von Walter 
Guttmann 173. Physikalische Therapie 1425. 

Thermalwasser, Ueber die Wirkung des — bei 
frischen Schußverletznngen im Vereinslazarett 
Landesbad 244. 

Thermanalgesie, Isolierte — eines Beines nach 
Schußverletzung des obersten Brustmarks (502. 

Thermoprücipitinroaktion als Diagnostikum bei 
Pneumokokkeninfektionen 755. 

Thermostat, Ueber einen mit Kalk heizbaren — 
1273. 

Thigan 284. 

Thigasin s. Vulva. 

Thorakoplastik 499. Ueber extrapleurale — bei 
Lungentuberkulose und Bronchiektasien 169. 

Thorax, Schuß Verletzungen des — 712. — s. Tan¬ 
gential schüs-e. 

Thoraxverletzungen, Folgezustände von — durch 
Atmungstherapie und Lagerung behandelt 
1387. 

Thoraxwand, Typhöse Ahsressc der — 1430. 

Thorium als neues Agens für Pyelographie 927. — 
X und Harnsäure 254. 

Thrombopenie, Essentielle — 570, 598. 

Thrombophlebitis 820. 

Thrombose, Erfolgreich operierte fortschreitende 
— der Vena subclavia 1059. 

Thrombosen, Wie verhält sich die Wassermann- 
Reaktion bei — 1379. 

Thyreoiditis chronica, Operationstod bei — 20. — 
nach Schädelschuß 603. 

Thyreose, Bedeutung und Verbreitung der — im 
'Heere 1009. 

Tibia s. Ulna. 

Tic oder habitueller Spasmus 1113. 

Tiefenbestimmung, Einfacher Weg zur — von 
Geschossen im Rumpfe 841. 

Tiefenbestrahlung von Carcinomen mittels Röntgen¬ 
maschinen 599, (551. 

Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang 
betrachtet. Von R. Hesse und F. Doflein. 
Band II. „Das Tier als Glied des Naturganzen“ 
von F. Doflein. 

Tierblntkohle s. Typhus abdominalis. 

Tiere, Das Rätsel der denkenden —. Von (>. Har¬ 
ter 375. 

Tierkohle s. Cholera. — s. Gonorrhoe. — s. 
Vaccineuntersuchungen. — als modernes Heil¬ 
mittel 1141.— zu internem Gebrauch 86. Ste¬ 
rilisation von Flüssigkeiten mittels — 1141. 
Sterilisation des Trinkwassers mittels — 954. 
Verwendung des-, Ton- und Chlorkalkpul¬ 

vers beim ersten Verband im Felde 678. The¬ 
rapeutische Verwendung der — 81. Die \er- 
wendnng der — zmn Nachweis von Typhus¬ 
bacillen 1323. Wundbehandlung mit — 571. 

Tierkohlebehandlung bei Truppen inder Front 1167. 

Tierwelt. Einfluß des Krieges auf die — 1080. 

Todesfälle 236, 412. 580, 680 b, 768, 822, 876, 
958, 986 b, 1092, 1118. 1172, 1198, 1252, 
130(5. 13(54, 1390 b. 


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UNIVERSUM OF IOWA 




XXVII 


INHALTS -VERZEICHN! S. 


Tollwat, Schnelle Verwandlung des Straßenvirus 
d er _ in Virus fixe 761. 

Tonsillen als Eingangspforte, Die — für Allge¬ 
meininlektionen 109. 

T.-nsillitis keratosa punctata 346. 

Mmoosverband in der Kriegschirurgie 372. 

Totenstarre, Zar Kenntnis der — und der phy¬ 
siologischen Vorgänge im Muskel 816. 

Toxine a. Milch. Cardiovascnläre — von Mikro¬ 
organismen herrührend 1331. 

Trachea s. Aortenaneurysma. Abguß der —, der 
Haaptbronchien und eines Teiles der Bron¬ 
chien zweiter Ordnung, welcher von einem 
Pat. ausgehnstet wurde 711. Ueber die cir¬ 
culare Resektion und Naht der — und die 
plastische Rekonstruktion größerer Defekte der 
- 1087. 

Trachealruptaren, Isolierte subcutane — 816. 

Trachealstenose durch Membranen 1362. 

Tracheitis sicca. Rezidivierende — 1362. 

Tracheobronchitis necroticans, Ueber akute idio¬ 
pathische — 520. 

Tracheo-Bronchoskopie der Kinder, Elliptische 
Röhrenspatel zur — der Kinder 845. 

Trachomhehandlung, Versuche über eine specifi- 
sche — 1068. 


Tragbahrengestell für die Verwundetenpflege 1132. 

Trammer E. j 499. 

Transinsufflation s. Darmtractns. 

Transplantation derArteria temporalis anterior 574. 

Transporte von Verwundeten, Anweisung an 
Aerzte und Krankenpfleger bei — 198. 

Transportschieuen, Zwei neue — 1385. 

Transportverbände bei Schußfraktnren 109. 

Tranra, Der — ein assoziativer Kurzschluß. Von 
H. Henning 258. 

Trauma und Appendicitis 687. — und Diabetes 
458. — and Gewächse 741. — und Hernien 
911. — and chronische Infektionskrankheiten 
512. - und akute und chronische Knochen- 
nud Gelenkentzündungen 687. — s, Menin- 
idtis. - s. Spätaffektion. — und Wundinfek¬ 
tionskrankheiten 454, 455. 

Trcndelenbnrgsches Zeichen s. Kreuzfuge. 

Iricalciamphosphat s. Spasmophilie. 

Trichinose 943. Beobachtungen über — 1084. 

Trichophytie 231. 

Triestina, Assoziazione Medica -- 24. 

Trigeminusneuralgien, Die Heilung hartnäckiger 
- durch Injektion von Alkohol ins Ganglion 
_ Gassen 80. — Vaccineurin und — 1358. 

Trinkkur. Einflaß der Marienbader — mit glau- 
bersalzhaltigen Quellen (Marienbader Kreuz¬ 
rund Ferdinandsbrunnen) auf den Reizablauf 
im Herzen 708, 952. 

Trinkwasserbereitung mit Berkefeldfilter für den 
r eidgebrauch 736. 

Trink wasser, Entkeimung von — im Felde 1010. 
Sterilisation des - mittels Tierkohle 954. 

Innkwassermengen s. Desinfektion. 

Trinkwasserreinigung im Feld, insbesondere mit 

* vulkanischem Filtermaterial 1143. 

Trinkwassersterilisation mit Chlorkalk im Felde 
.818. \ ersuche über - 586. - mit Chlor 1110. 

irinKwasserverhältnisse im westflandrischen Kü¬ 
stengebiete 761. 

Tiockenmilchpräparate als Liebesgaben 1218 . 

Inmimelfellraptnr s. Taubheit. 

Tronimelschlägelfinger 51. 

Trupfherz s. Arterien, rigide. 

rophische Störungen b. Schnßverletzungen. 

imppau, Bericht über die Tätigkeit der Prosektur 
des Schlesischen Krankenhauses in — während 
es ersten Kriegshalbjahrs mit besonderer 
Berücksichtigung der Infektionskrankheiten 


Trunkenheit, Schädelverletzung oder — 667. 
iranksDchtbekSmpfung, Armengesetz und — 1246. 
roppenärztlicher Dienst der Kavalleriedivision 


Tnippenarzt. Beobachtungen und Erfahr nnge 
emes — 1194. Erfahrungen eines — 121. 
roppenepidemie, Eine eigenartige — 816. 
Truppenverbandplatz. Vom ~ 373. 
rypanosoma hrucei, Formänderungen von - 
im Plasma 1143. Formänderungen von - 
hrucei im Plaamamodium 924. 


Tubargravidität, Myom und geplatzte — 1115. 

Tubercula cutanea 261. 

Tuberculosis cutis verrucosa 1333. 

Tuberkelbacillen, Die diagnotische Bedeutung 
des Nachweises der — in den Faeces 790. 
The Significance of Tubercle Bacilli in the 
Urine. (Die Bedeutung der — im Urin.) 735. 

— im Blute. Tuberkulinwirkung und Bacill- 
ämie 1328. Vorkommen von — im Blute 254. 

Tuberkelbacillennachweis im Blute 141. 

Tuberkulid, papulonekro tisch es 231. 

Tuberkuliden, Papulonekrotische — an den Ex¬ 
tremitäten 261. 

Tuberkulin „Rosenbach“ s. Tuberkulosen. Ueber 
einen eigenartigen Selbstmordversuch mit — 
897. — bei chirurgischer Tuberkulose 1088. 

Tuberkalinbehandlung im Kindesalter 815. Ueber 
die biologischen Vorgänge bei der — 344. 

Tnberknlindiagnose, Wert und Technik der sub- 
cutanen — 108. 

Tuberkulinimpfnng s. Herdreaktion. 

Tuberkulinreaktionen, Ueber den diagnostischen 
und prognostischen Wert der lokalen — auf 
Grundlage neuerer Forschungen. Von E. v. 
Tovölgyi, Leipzig 1914 173. 

Tuberkulöse Erkrankung 8. Militärdienst. Miliares 
— Geschwür 262. Ueber — Infektion und 
Reinfektion 34. 

Tuberkulom der Choane 956. 

Tuberkulose, ein Anfechtungsgrund für die Ehe 
1364 h. — unter der chinesischen und nicht¬ 
chinesischen Bevölkerung Schanghais 1032. 
Erfahrungen bei Behandlung chirurgischer — 
mit Tuberkulin „Rosenbach“ 544. Frühstadium 
der — 51. Handbuch der — von P. Siedler 
576. Unsere gegenwärtige Kenntnis der — 1302. 
Krieg und — 18, 373, 630. Lecutylbehand- 
lung der — 1192. Lymphogene Ausbreitung 
der — beim Menschen 286. — und Mutter¬ 
schaft. Von C. A. Crede-Hoerder 710. Be¬ 
schleunigter Nachweis der — im Tierversuch 
durch Milzimpfung 627. Therapie der — des 
Peritoneums und des Genitaltractus 954. Die 

— als Ursache und Resultat der Armut 199. 
Analyse der Wirkung nichtspezifischer Mittel 
bei chirurgischer — 953. 

Tuberkulosebehandlung, Neuere Methoden der 
spezifischen — und ihre experimentellen Grund¬ 
lagen 1194. 

Tuberkulosenfürsorge, Das Rote Kreuz im Dienst 
der — 794. 

Tuberkulosepartialantigene, Erste Erfahrungen 
mit Deyke-Muchschen — im Hochgebirge 
1193. 

Tuberkulosesterblichkeit, Die — der Lehrer. Von 
Friedrich Lorentz 764. 

Tuboovarialzyste. Tuberkulöse — 1116. 

Tubulisation s. Galalith. 

Türk W. (Wien) 264. 

Tumor auf tuberkulöser Basis 1415. 

Tumor cerebri im Anfangsstadium 1090. 

Tumoren, Einschnitt in — zum Zwecke der Dia¬ 
gnose 1011. Diagnose der — der mittleren 
Schädelgrube 929. Therapie maligner — der 
Tiere und der Menschen mit Seelenverbin- 
dungen 1193. 

Tumormäuse s. Blutveränderungen. 

Turnapparat, Medieo-mechanischer — 1410. 

Turnen als Heilmittel 241. 

Thymusoperationen und deren Folgen für den 
Organismus 256. 

Typhlitis, Beitrag zur Kenntnis der echten — 
(und Perityphlitis) in der Schwangerschaft 
1087. 

Typhotoxikose s. Typhusschutzimpfung. 

Typhus, Zur Antigenbehandlung des — 100. Ap¬ 
pendicitis und — 979. Neuere Arbeiten über 

— 492. Bakteriologie des — im Kriege 403. 

Chirurgisches über — ; schwierigere Fälle 1385. 
Kombinierte Schutzimpfung gegen — und 
Cholera 1359. Simultanimpfungen gegen — 
und Cholera 1215. Ueber einseitige Immuni¬ 
sierung mit — und Gholeraimpfstoff (Misch¬ 
impfstoff) 678. — und Circulationsapparat 

1428. Perforierter Duodenalulcus und — 1415. 
Dysenterie und — 175. Behandlung des — 
mit Eigenserum 844. Intravenöse Einspritzun¬ 


gen nach Ichikawa beim -- 25. Ein bemer¬ 
kenswerter Fall von — 53. Erfahrungen und 
Gedanken über — und Typhusbehandlung im 
Felde 1039. Methoden zur frühzeitigen Er¬ 
kennung des — 712. Besonderheiten in Ver¬ 
lauf und Behandlung des - - im Felde 343. 
Diagnose und Therapie des — im Felde 844. 
Fieberloser — 1167. — und Heilserum 145. 

— s. Heterovaccinetherapie. — s. Impfstoffe. 

Impfung gegen — in der Armee der Ver¬ 
einigten Staaten 1114. — und Schutzimp¬ 

fung 924. Schutzimpfung gegen — 683. 
Schutzimpfung gegen — und die Vaccine¬ 
therapie desselben 737. — und Typhusimpfung 
377. Vaccinebehandlung des — 1273. Atypi¬ 
sche Verlaufsformen des — im Felde 896. — 
8. Heterovaccinetherapie. 

Typhusabscesse 570. 

Typhus abdominalis 205, 1281. Gleichzeitiges Auf¬ 
treten von — und Dysenterie 762. Die Bakterio- 
therapie des — 199. Erfahrungen über Bakterie- 
therapie des — 668. Bakteriotherapie des — 
434, 639. Behandlung des — 1248. Speciti- 
sche Behandlung des — 650. Behandlung des 

— mit Besredkas Vaccine 979. — mit hämor¬ 
rhagischer Diathese 323 , 361. Hauterschei- 
nungen bei — 1060. Heterovaccinebehandlnng 
des — 843. Impfstoffbehandlung des — auf 
intravenösem Wege 571. Ueber intravenöse 
Kochsalzinfusionen bei — 1359. — als Kriegs- 
seuche 286. Verlauf der Leukopenie und 
Ergebnisse der differentiellen Zählung bei 

— 1141. Neosalvarsantherapie beim — 732. 
Prognosestellung bei — 1078. — Prophylaxe 
und Therapie des — mittels Impfstoffen 374. 

— s. SchrUgagarröhrchen-Typhusdiagnose. — 
s. Serumtherapie. Symptomatologie, Diagnostik 
und Behandlung des —, nebst Bemerkungen 
über die Typhusschutzimpfang 731. Beitrag 
zur Therapie des — 1074. Zur Frage der 
sogenannten Vaecine- oder Bakteriotherapie: 

„Ergotrope“ Therapie des — 1140. Ueber Tier- 
blntkohle und insbesondere ihre Verwendung 
bei — und Paratyphus 1010. — mit Typhus- 
immunserum resp. agglutinierendem Typhus- 
sernm des Wiener k. k. serotherapeutischen 
Institutes behandelt 1430. Behandlung des — 
mit Typhusvaccine 314. — s. Urochrornogen- 
reaktion Weiss. Vaccinebehandlung des — 229, 
762. Die Behandlung des — mit nicht sensi¬ 
bilisierter Vaccine 871. Vaccinetherapie des — 
573. Vaccinebehandlung des — 954. Vaccine¬ 
therapie des — 256. — 8. Heterovaccinetherapie. 

Tvphus exanthematicus, Klinik und Therapie des 

— 629. 

Typhusbacillen s. Duodenalsonde. — s. Säureag- 
glutination. Neues Verfahren zum Nachweis 
von — im Blut 1222. — im Sputum 495. 
im Warzenfortsatz bei Typhusmastoiditis 929. 
Ueber eine Modifikation der Gallenvorkultur 
zur Züchtung von — aus Blut 107. 

Typhusbaeillennachweis, Eine neue einfache Me¬ 
thode zum beschleunigten — in kleinen Men¬ 
gen Blut 171. 

TyphusbacilLenträger 713. Behandlung der — 581, 
729. 

Typhusbacillenträgerin, Infektion von 93 Personen 
bei einem öffentlichen Essen durch eine — 173. 

Typhusbacillenzüchtung mittels der Galleschräg¬ 
agarröhrchen 1358. 

Typhusbacillus, Neue Methode des Nachweises des 

— im Wasser 1141. 

Typhusbakterien s. Blutzellen. — a. Typhusfieber. 
Wirkung von sensibilisierten und nicht sensi¬ 
bilisierten — 1222. 

Typhusbehandlung, Intravenöse — mit der sensi¬ 
bilisierten Bacillenemulsion (Höchst) 979. Spe- 
cifische — 785. 

Typhusbekämpfung im Felde durch ein einfaches 
Verfahren zur Händedesinfektion 1358. im 
VII. R. K. 205, 241. — im Felde, speziell heim 
Stellungskampfe 649. 

Typhus-Coligruppe, Die Wirkung des Petroläthers 
auf die Bakterien der — 600. 

Typhusdiagnose im Feld 302, 674, 680, 89J, 926. 

— s. Gruber-\Yidal8che Reaktion. Impf-, Milz- 
Bchwellung und — 1166. — s. Kongorotaerum- 


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Original frorn 

UNIVERSUM OF IOWA 



XXVUI 


INH AL r l\S -V ERZ EI ('UN IS. 



nud Drigalskisernmugar. - s. Un»clm>mogen- 
probe. 

Typhusepidemie, Bericht über eine — 871. Be¬ 
richt über eine — drei Monate nach der 
prophylaktischen Impfung 054. Studie über 
eine kürzliche — mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Typhusschntzimpfang 789. 

Typhusernührung im Kriege 709. 

Typhus exanthematicus 202, 1319, 1361. Klinik 
deB — 603. Zur Frage der persönlichen Pro¬ 
phylaxe gegen — 491. — s. Maculae ooerulae. 

Typhusfälle 499. 

Typhusfall, Bei — durch intravenöse Infusion 
von Kochsalzlösung ein kritischer Fieherabfall 
737. 

Typhusfieber, Sensibilisierte und niehtsensibilisierte 
Typhusbakterien in der Prophylaxis und hei 
der Behandlung des — 600. 

Typhusfrage 762. 

Typhusgastritis 1246. 

Tvphusbeilung mit der Besredkasehen Vaccine 
289. 

Typhusimmunisierung. Erfahrungen der New 
Yorker Abteilung für Gesundheitspflege über 

— 375. 

Typhusimmunität 785. 

Typhusimpfstoffe, Immunkörperbildung verschie¬ 
denartiger — 1245. 

Typhusinfektion, Schutz gegen — in Kriegs¬ 
hospitälern 712. Geber die Wirkung der — 
auf das Herz bei unseren Feldtruppen 896. 

Typhuskeimträger, Vorkehrungen gegen — 411. 

Tvphuskranke a. Fieberkurven. Ueber den Nach¬ 
weis, das Vorkommen und die klinische Wer¬ 
tung von Urobilinogen und Diazo im Harne 

— 1292. Vaccinebehandlung bei — 630. — 
s. Vaccinebehandlung. 

Typhuslazarett Ostpreußens, Klinische Erfahrun¬ 
gen aus einem — 786. 

Typhusmastoiditis s. Typhusbacillen. 

Typhusnährboden s. Liebigs Fleischextrakt. 

Typhusprophylaxe 522. 

Typhuspsychosen im Felde 734. 

Typhusreäktion, Weißsche — 712. Widalsche - - 
bei Y-Ruhrkranken 870. 

Typhus recurrens 144. 

Typhusrekonvaleszenz s. Zirkulationsapparat. 

Typhusschutzgeimpfte, Beobachtungen bei 1140. 
Einige reaktive Störungen bei — 1141. 

Typhusschutzimpfung 986. Klinische und sero¬ 
logische Beobachtungen bei der — 583. Beob¬ 
achtungen bei der — mit dem Russelschen 
Impfstoff 255. Einfluß der — auf den Nach¬ 
weis der Typhusbacillen im kreisenden Blute 
522, 680. Erfolge der — 657. Zur Frage der 
Bewertung der französischen — und der diagno¬ 
stischen Bedeutung der Grubcr-Widaischen Re¬ 
aktion bei Typhusgeimpften 373. Krankheitsbil¬ 
der nach —. Typhotoxikose 1060. Symptoma¬ 
tologie der — 728. —•. Tetanusbehandlung 50. 

— und Typhusdiagnose 1299. — und Typhus¬ 
diagnose bei Geimpften 964. 

Typhusschutzimpfungen, Einfluß der — auf die 
Typhuserkrankungen bei der . . . Armee im 
Herbst und Winter 1914/15 1058, 1083, 1109. 
Komplikationen und Krankheitsbilder im An¬ 
schluß an — 791. Unschädlichkeit der — 
1111. Ueber vergleichende — 841. 

Typhusschwerhörigkeit 1225. 

Typhusstenose 956. 

Typhussterblichkeit der serbischen Aerzte 1 092. 

Typhnstherapie 984. — mit Besredka - Vaccine 
600. 

Tvphusträger H. O., Spätere Geschichte des — 

' 926. 

Typhus- und Choleraimpfangen, Simultane — 

* 1222 . 

Typhus- und Choleraschntzimpfung, Blutbild bei 
522. Experimentelle Untersuchungen über die 
Wirksamkeit der — 1307. 

Typhusvaccination, Therapeutische — 1110. 

Typhnsvaccine mit milderer Reaktion 841, 1328. 

Tvph ns Verbreitung und Typhusbekämpfung im 

' Felde 149. 

Typhusverdacht, Untersuchung des Blutes gegen 
Typhus geimpfter Personen auf Agglntinine 
bei — 570. 


l'ebergangsprothesen 491. 

Uebergewand, 1 jaussicheres 374. 

Ueberwachung, Geistige und körperliche -- auch 
anscheinend normaler Kinder 1247. 

Ueberwertigkeit, Pathologische - und Wahnbil¬ 
dung 735. 

Uehnngsabteilungen, Errichtung von — für Laza¬ 
rett rekonvaleszenten 571. 

Ulcer, Gastric and Duodenal — 872. 

Ulcus chronicum recti, Colitis suppurativa und 

— 1301. 

Ulcus corneae serpens, seine jetzige Behandlung 
und zukünftige Verhütung 982. — s. Pneumo¬ 
kokkeninfektionen. 

Ulcus cruris, Behandlung des — 1084. 

I leus duodeni, Die Behandlung des — mit Dia¬ 
thermie 1188. Einiges aus der Praxis über 
das - 899. 

Ulcus molle gangraenosum, Behandlung des — und 
anderer Ansteckungskrankheiten mit Eigen¬ 
stoff, Eigenserum oder Eigenblnt 913. 

Ulcas venereum, Behandlung des — 1358. 

Ulcus ventriculi (duodeni), Eine Mehlbuttersuppe 
in der Diätbehandlung des — 1411. 

Ulna, Stück der — durch einen Teil der Tibia 
ersetzt 1387. 

Ultraviolette Strahlen, Wirkung der — unter be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Bedeutung der¬ 
selben für die Wassersterilisation 954. 

Ultraviolettes Licht s. Wundeiterungen. 

Unfall und Innere Medizin. Von Rahel Hirsch. 
Mit einem Vorwort von Geh. Med.-Rat Prof. 
Dr. Fr. Kraus. Berlin 1914 173. 

Unfallkrankheiten, Taschenbuch zurUntersuchung 
und Begutachtung von —. Von W. Cimbal. 

Unfallneurosen, Entstehung der — 403. 

Ungeziefer s. Schutzringe. — im Felde s. Kreosot¬ 
puder. Weiterer Beitrag zur Bekämpfung des 

— im Felde 733. Zur Prophylaxe und Vertrei¬ 
bung des — im Felde 493. Bekämpfung des 

— bei der Truppe 1111. 

Ungezieferbekämpfung in einem Kriegsgefangenen¬ 
lager 523, 652. 

Ungeziefermittel s. Plagin. 

Universalschiene für den praktischen Arzt 197. 

Universaluntersuehungoapparat für quantitative 
Bestimmungen 197. 

Unterkiefer s. Pseudoarthrose. Ueber Brüche und 
Verletzungendes — 145. Fraktur des — 901. 
Zertrümmerung des — 1250. 

Unterkieferbruch, Schwerer — durch eine Explo¬ 
sivkugel verursacht 1277. 

Unterkieferfraktur, Kreuzbiß bei schlecht ausge¬ 
heilter — 901. 

Unterkieferresektionsprothese, Zur Indikation und 
Technik der —. Von B. Möhring 286. 

Unterleibstyphus, Bemerkenswerter Fall von — 
1358. Bemerkungen zur Symptomatologie und 
Therapie des — 1409. 

Unterschenkelbrach, Behandlung des komplizier¬ 
ten — 1329. 

Unterschenkelbrüche, Hängemattenextensionsver- 
band zur Behandlung von — 600. 

Unterschenkelgeschwüre, Zur Pathologie und 
Therapie der —. Dymal in der Kriegschirurgie 
1299. 

Unterschenkelgipsverband 972. 

U nterschenkelprothese 230. 

Unterstützung der Familien einberufener Aerzte 
1198. 

Untersuchung, Aerztliche — der Mannschaften, 
für den Krieg 18. 

Urämie 520, 1110. 

Ureterenverschluß s. Nierentuberkulo.se. 

Ureterpapillom 765. 

Urethralgonorrhöe, Diagnose der weiblichen — 981. 

Urin, Eiweißkörper im — 1278a. — s. Jod. 

— s. Tuberkelbacillen. 

Urinuntersuchungen in der Diagnose und Be- 
handlnng von Säuglings- und Kinderkrank¬ 
heiten 50. 

Urobilinprobe im Harn und Stuhl für klinische 
Zwecke 1141. 

Urochromogenprobe, Bemerkungen zur im 
Harne 897. Die Bedeutung der Weißschen — 
und ihr Wert besonders für die Typhusdiagnose 
833 


Urochromogenreaktion Weiß im Harne bei Typhus 
abdominalis 1167. und Diazoreaktion 1193. 

llrogenitalapparat.'Ziir Kenntnis der Hemmungs¬ 
bildungen am - 1168. 

Urologie, Neuere — 758. 

Urologisc.be Erkrankungen im Kriege 905. 

Urologischer Jahresbericht einschließlich der Er¬ 
krankungen des männlichen Genitalapparates. 
Von A. Kollmann und S. Jacoby 523. 

Urticaria chronica pigmentosa 1333. — xanthelas- 
moidea 232. 

Uterus, Geschichte der Totalexstirpation des — 
900. Lageverändernngen des — nach der 
Geburt 789. 

Uterus bicomis unicollis, Perforation oler Ruptur 
eines graviden 763. 

UteruHcarcinome, Dürfen wir operable — aus¬ 
schließlich bestrahlen? 1061. Zur Frage der 
ausschließlichen Strahlenbehandlung operier¬ 
barer — 109. Röntgen- und Radiumtherapie 
des — 492. 

Uterusinversion, Akute puerperale — 982. 

Uteru-körper, Gleichzeitige Carcinom- und Karkom- 
entwicklnng im — 1115. 

Uteruskrebs, behandelt mit Radiam 1011. 

Uterusruptur, Eigenbluttransfusion bei Extraute¬ 
ringravidität und — 1358. — bei Gebrauch 
von Pituitrin. Austritt von Fötus und Plazenta 
in die Bauchhöhle. Laparotomie. Porro. Heilung. 
679. 

Uterusschleimhaut, Zur Frage der inneren Sekre¬ 
tion der — 19. Glykogengehalt der — 257. 

Uterusstumpf nach Bnpravaginaler Amputation 

1012 . 

l zaron bei Durchfällen im Kindesalter 1428. 


Vaccine, Nicht erhitzte — 494. 
Vaccinebehandlnng des Ringwurms der Kopfhaut 
1113. — des Typhus abdominalis 762, 954. 
— Typhuskranker 630, 952. 

Vaccinetherapie s. Bauchtyphus 80. — s. Go¬ 

norrhoe. — bei Krankheiten der Nase, des 
Halses und der Ohren 1087. Ratschläge für 
die — 600. Bericht über — des Typhus 902. 

— des Typhus abdominalis 256. 
Vaccineuntersuchungen, Verwendung von Tierkohle 

bei — 600. 

Vaccineurin und Trigeminusneuralgie 1358. 
Vaginalbildung, Ueber einen Fall von künstlicher 

— mit letalem Ausgange 1360. 
Vaginalkatarrhe, Behandlung der — mittels Beni- 

form 1301. 

Vaginalwand, Muskelbindegewebsgeschwülste der 

— 257. 

Vaginofixation s.' Geburtsstörung. 
Vaginofixationsgeburten 1012. 

Vagotonie 626. eine Kriegskrankheit 130t. 
Valamin bei Herzkranken 170. 

Varicen, Behandlung von — an den unteren Ex¬ 
tremitäten nach der Methode von Kuzmik- 
Schede 708. 

Variola, Komplementbindung bei — 80, 652. 
Mastoiditis bei — 928. Tierexperimentelle 

Stadien über — 711, 843. 

Variolaepidemien und -virus. Einige weitere No¬ 
tizen über — 1412. 

Variolaschutz durch Vaccineinjektionen 1010. 
Variola-Vaccinevirus, Künstliche Kultivierung des 

— 1008. 

Varix aneurysmaticus, Ein Fall von — 256. 
Vegetarische Küche und Fleischküche 316. 

Vena subclavia s. Thrombose. 

Venae cardinales resistentes, Aplasia renis und — 
598. 

Venerische Erkrankungen, Vorschläge betreffend 
die Bekämpfung der — unmittelbar nach dem 
Krieg 843. Kurze Notiz zu den Vorschlägen, 
betreffend die Bekämpfung der — unmittelbar 
nach dem Kriege 981, 1085. 
Ventilalionssysteme, Untersuchungen über — 199. 
Verätzung mit Essigsäure. Hochgradige Stenose. 
Heilung 874. 

Verbände, Elastische — 1385. 

Verband, Erster — bei hochsitzenden, offenen 
Oberarm- und Oberschenkelbrüchen 1429. Der 


I 







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UMIVERSITY OF IOWA 



INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXIX 


feuchte - 925. - s. Tierkohle-, Ton- and 
Chlorblkpulver. 

Verbaiidlehre, Atlas and Grandriß der —. Von 
A. Hoffa 819. . „ w . , 

Verbandmittel. Betrachtangen über die Wirkung 
unserer - in ihrer Beziehung zar Infektions- 
beklimpfang 815. 

Verbandpäckchen, Instruktion der Mannschaft über 
den Gebrauch der — 550. 

Verbandplatz, Laryngologisches vom — 654. 
Verbands- und Operations-,, Bahrentisch 14 , Trans¬ 
portabler — 1085. 

Verbandstoff s. Filtrierpapier. 

Verbandstoffe. Ersatz der — durch Zellstoffe und 
Papier 28! Sanitätspolizeiliche Kontrolle and 
Vertriebsregelang der — 1364 b. 
Verbandstoffvorrat 550. 

Yerbandtechnik, Beitrag zur — 1300. 

Verbandtisch nach Dr. Gärtner 491. 

Verblödung, Zwei Fälle von — im späteren Säug¬ 
lingsalter mit vorübergehenden Halbseitener- 
sebeinongen (Apraxie einer Hand) 258. 

Verbot der Verwendung einiger für Heilzwecke 
benötigter Stoffe 848. 

Verbrecbcrtvpen, hcrausgegeben von H. W. Gruhle 
und A. Wctzel 1035. 

Verdauung, Unterschiede in der — der Erwach¬ 
senen und Säuglinge 1087. 
Verdauungsbeschwerden 24. 

Verdauungsfermente, Einfluß der abgetöteten Hefe 
auf die — 897. 

Verdauungskrankheiten, Krieg und — 1390. 
Verdauungsstörungen, Diagnose und Therapie der 
postdysentevischen — 712. Die wichtigsten — 
des älteren Kindes und ihre Behandlung 
493. 

Vererbung erworbener Eigenschaften im Lichte 
neuerer Forschungen 277. 

Vergiftung. Akute — durch Benzoldampf 254. 

— durch kohlenoxydhaltige Explosionsgase aas 
Beschossen 462, 954. — durch Palvergase 
1116, 1390. 

Vergiftungen, Gewerbliche — durch Cellaloidlacke 
in der Flugzeugindustrie 1329. 

Verkürzung, Starke — der Knochenleitang trotz 
guten Gehörs hei Flecktyphus 984. 
Ycrkürcungsrefiexe 19. 

Verlausung, Einfaches Vorbereitangsmittel gegen 

- und ihre Folgen 345, 523. 

Verletzungen, 3 Fälle von —- 548. — s. Gefäße. 
Der Begriff der „schweren körperlichen — L 
822. — durch Minenwerfer and Handgranaten 
787 — und Samariterhilfe. Von Fritz Zollinger 
4153. — der Schlagadern 499. 

Verlustlisten. Aus den off. — 27, 57, 85, 146, 
206, 235, 319, 371, 411, 499, 579, 631, 686a, 
739. 768, 793, 847, 875, 902, 932, 957, 986 a, 
1014,1038, 1091. — der Deutschen Armee 526. 
\ernUan, ein Jodcampherphenolpräparat and seine 
Resorption 1086. 

\ernisanam purum als Antisepticum und zur 
ä undbehandlnng 544. Weitere Erfolge bei der 
Behandlung mit — 870. 

\eronal s. Delirium tremens. 

\erschlußapparat für den Anus praeternaturalis 
inguinalis, Ein neuer — 227. 
Wisicherungsärztliche Diagnose und Prognose 572. 
iersicherungsmedizin, Neuere Arbeiten aas dem 
Gebiete der — 167. 

Ursicherungsrechtliche Medizin, Neuere Arbeiten 
ans dem Gebiete der — 224. 

Versicherungswesen, Die durch don Krieg auf dem 
Gebiete des — geschaffenen Änderungen 18. 

' erstopfung, Schleimhaltige Pflanzensamen gegen 

1 erweilkatheter, Praktische Art der Befestigung 
des ~ 546. 

Verwundete, Erfahrungen an den — 25. Über 
die Beförderung von — im Schützengraben 
138i>. Wie bleibt der — trotz Operation und 
Verbandwechsels auf derselben Trage vom Ge- 
fechtafelde bis ins Hinterland? 652. 
erwundetenbehandlang, Orthopädisches in der 
124, 159, 204. 

erwimdetenfiirsorge, Verbesserung der — 1145. 
»erliesseriing der ~ in der Front 1058. — in 
Serbien ,)8o. Physikalische Heilmethoden in 


der — und Organisation dieses ärztlichen 
Hilfsdienstes 374. 

Verwundeten8pitäler s. Röntgenbetrieb. 

Verwundetentransport, Vorschlag zum -- im 
Gebirgskrieg 765. 

Verwundungen s. Heißluftbehandlung. — durch 
indirekte Projektile 7ü. 

Vials tonischer Wein 1275. 

Vibrionenträger im deutschen Heer 373. 

Virulenz Steigerung, Neue Methode der - - und 
Viru!enzpriifung 1273. 

Viscosität des Haines 1244. 

Visualisation s. Daimtraktus. 

„Vitalfärbung“ zum raschen Nachweis der Spiro- 
chaete Ofcermeieri 1360. 

Vitalscharlach VIII, Weitere Erfahrungen über 

- 655. 

Vitamine und accessorische Nährstoffe 1192.’ 

Volksernährung, Die Anpassung der deutschen 

— an die Kriegslage 106, 140. Deber die Frage 
der Beibehaltung der hohen Ausmahlung in 
Friedenszeiten und ihren Einfluß auf die — 
1035. Institut für — 1416 b. — s. Kaninchen¬ 
fleisch. Kriegsbuch der —. Von Max Winckel 
602. — s. Küchenabfälle. 

Volksernfthrung im Kriege 255. Merkblatt für — 
236. - in ihrer Bedeutung für die Diätetik 
des Kindes 788. 

Volkskraft und Frauenkraft 109. 

Volksküchen 899. 

Volksschulkinder, Das erste Kriegsjahr und die 
großstädtischen — 1384- 

Vorbereitung, Militärische — der Jagend 1062. 

Vorderarm s. Prothesen. 

Vorgeburtliche Fürsorge, Grenzen und Möglich¬ 
keiten der —. Studie auf Grund von 705 To¬ 
desfällen bei Föten in der geburtshilflichen 
Abteilung des John Hopkins Hospitals in 
Baltimore 494. 

Vorhofflimmern, Anfälle von — 885. — und 
Pulsus irregularis perpetuus unabhängig von¬ 
einander 24. 

Vorlesungen, Sollen im Wintersemester 1915,16 
klinische — abgehalten werden? 1360. 

Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses 
bei Verlust beziehungsweise Lähmung der Arme 
544. 

Vorsteherdrüsenkrebs, Ueber den — (insbesondere 
das Frühstadium) 250. 

Vulva, Behandlung der Erkrankungen der — mit 
Thigasin 1301. 

Vnlvacarcinom, Heilung eines — mit dem Zeller- 
schen Verfahren 1359. 

Vulvovaginitis, Prophylaxe und Therapie der kind¬ 
lichen — 1218. 


Wachstumsstörnng und Deformalität 49. 

Wässer, Metall und Mörtelmetall angreifende — 
818. 

Waffen, Eigenartige — aus Feindesland 493. 
Wahnbildung, Pathologische Ueberwertigkeit und 
- 735. 

Wanderpraxis der Aerzte 290. 

Wangenohren -.Melotus* 766. 

Warzenfortsatz s. Hörvermögen. — s. Steckschuß. 

— s. Taubheit. — s. Typhusbacillen. 

Was wir erstreben 19. 

Wasser im Munde, Wasserspeien, Wasserkolk 981. 

— s. Typhusbacillus. 

Wassermannreaktion im Hinblick auf die Ehe¬ 
schließung 817. Vergleichende Resultate bei 

— 1274. Neues Besteck zur Ausführung der 

— im Sprechzimmer des Arztes 1167. Bedeu¬ 
tung der im Blutserum und im Liquor 
cerebrospinalis für die Diagnose und die The¬ 
rapie der syphilogenen Erkrankungen des Zen¬ 
tralnervensystems 1380. Beeinflussung der 
durch Embarin und Merlusan 80. Positiver 
Ausfall der — bei Pemphigus 199. — s. Throm¬ 
bosen. 

Wassermann- und Lnerinreaktion, Ein Vergleich 
der -- bei 744 Individuen 200. 
Wasserreinigung und Wasserversorgung, Neueres 
auf dem Gebiete der — 922. 

Wusse rsterilisation s. Ultraviolette .Strahlen. 


Wasserstoffsuperoxyd s. Gonorrhöe. Erfahrungen 
mit — hei Laparotomien 925. Ueber die Ver¬ 
wendung des — bei der Wundbehandlung 141. 
Wasserstoftsuperoxydsalbe zur Behandlung der 
Kriegsverwandungen 373. 

Wasserversorgung der Trnppeu im Felde (Ent¬ 
keimung des Wassers auf chemischem Wege) 
679. Merkblatt über — im Felde, besonders 
für Truppenärzte 926. Erfahrungen an der 

— in Polen 761. 

Watte, Haushalten mit — im Krankenhansbetriebe 

1299. 

Weichselbaum, Hofrat Prof. Dr. Anton, Wien 206. 
Weichteilnarben 1057. 

Weichteilverletzungen 1007. Behandlung großer 

- 18. 

Weiehteilwunde», Behandlung infizierter — 325. 

661. 

Weilsche Krankheit, Beiträge zur Autiologie der 

— 1245. Experimentelle Untersuchungen über 
die sogenannte — (ansteckende (leibsucht) 
1292, 1264, 1296, 1375. 

Weißsche Typhusreaktion 712. 

Weizengebäck s. Kriegsgebäck. 

Werlhofii, Morbus maculosus —- 631. 

Widalsche Reaktion, Bedeutung der für die 
Diagnose des Flecktyphus 314. Verwertbarkeit 
der — bei Schutzgeimpften 785. Bedeutung 
der - bei typhusgeimpften Soldaten 140. 
Wien,Aerztekammer 290, 320.348, 714,1146, 1436. 
Demonstrationsabende im k.u. k. Vereinsreser- 
vespitale Nr. 1 in — 1249, 1414, 1431. — 
Medizinisches Doktorenkollegium 348 . 378. 
606, 1306, 1388. — Medizinische Fakultät 876, 
1117, 1146, 1198. — Dermatologische Gesell¬ 
schaft 261, 437. K. k. Gesellschaft der Aerzte 
in - 22, 83, 86, 113, 143, 174, 201, 230, 259, 
287, 317, 346, 376, 407, 495, 524, 577, 603, 
629, 683, 711, 737 , 765, 1196, 1220, 1248, 
1276, 1303, 1832, 1361, 1364b, 1387, 1413. 
Geburtshilflich-gynäkologische Gesellschaft in 

— 766, 821, 900, 1012, 1089, 1115. Gesell¬ 
schaft für innere Medizin und Kinderheilkunde 
in - 23, 51, 83, 144, 202, 260, 287, 407, 
656, 791, 1276, 1332, 1430. — Laryngorhino- 
logische Gesellschaft 114,548,845,956, 1362. 
Morphologisch-physiologische Gesellschaft in — 
51. —• Österreichische Otologische Gesellschaft 
408. 683, 792, 874, 928, 984, 1062, 1090. 
Krankenverein der Aerzte — 442. 1436. — 
Medizinisches Professorenkollegium 848. Verein 
der Kassenärzte — 768. Verein „Lucina* 4 in 

— 500. Verein für Psychiatrie und Neurologie 
in — 464, 1036. 

Wiesel J. (Wien) 264. 

Wilhelmshaven, Marineärztliche Gesellschaft, in 
1116, 1390. 

Winternitz Wilhelm 289. 

Wirbelbrüche, Zur Diagnostik der — 675. 
Wirbelerkrankungen in der Typhusrekonvaleszenz 
1399. 

Wirbelostoomyelitis nach Sehußverletzung 544. 
Wirbelsäule, Operative Therapie der S< hußver- 
letzungen der — und des Rückenmarks 602. 

— s. Mahun perforans. 

Wirbelschuß mit Verletzung der Gauda equina 575. 

— s. Rückenmarksschädigungen. 
Wirbeltuberkulose, Frühdiagnose der — mit einigen 

therapeutischen Bemerkungen 1033. 
Wirtschaftsleben, Psychologie des — 626. 
Wochenschrift, Prager medizinische — 606. 
Wolfsgruber Hans 580. 

Worttaubheit, Doppelseitige symmetrische Schläfen- 
und Parietallappenherde als Ursache vollstän¬ 
diger dauernder — bei erhaltener Tonskala, 
verbunden mit taktiler und optischer Agnosie 
682. 

Wounds, The open treatment of infected 898. 
Wucherungen. Eigentümliche am Schädeldach 
schwer anämischer Säuglinge 985. 
Wundantisepsis unmittelbar nach der Kriegsver¬ 
letzung 562. 

Wundbehandlung, Ueber 4. 457. Neue mit Be¬ 
negran 1058. Experimentelle Studien verschie¬ 
dener antiseptischer Substanzen zum Gebrauche 
bei der 927. -- s. Gasinfoktion. Kriegschi- 
nirgiscbe 817. im Kriege 5 IS. . j M 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



XXX 


den Krieg.sspitä lern 843. - mit Nilotan 1011. 
Offene — 1166. — mit Tierkoble 571. — mit 
ultraviolettem Lichte 899. Verwendung des 
Wasserstoffsuperoxyd bei der — 141. — mit. 
granulierendem Wundöl-Knoll 1031. — s. Wund- 
öbKnoll. Offene — mit Zellstoffmullringen 

Wundeiterungen, Kombinierte Behandlung lang¬ 
dauernder — mit ultraviolettem Licht und 
allgemeiner Diathermie 870. 

Wunden, Behandlung eiternder — mit künstlicher 
Höhensonne 208. Behandlung eiternder — mit 
Zucker 871. Offene und klimatische Behand¬ 
lung von eiternden — und Frostschäden 957. 
Lichtbehandlung eitriger, jauchiger — 17. 
Offene Behandlung eiternder — 345. Behand¬ 
lung eitriger und jauchender — mit schwachen 
Silbernitratlösungen 1268. Die Epithelisierung 
der — 8t. Eber die Behandlung gangränöser 

— mit künstlichem Magensaft 22. Behandlung 
gangränöser und phlegmonöser — mit dem 
Magensaft nach Prof. Freund 298. Chemische 
Einwirkung von Geschoßfüllungen auf — 600. 
Ein kleiner Beitrag zur Behandlung infizierter 

— 871. Einfache wirksame Behandlungs¬ 
methode bei infizierten — 787. Kohlensäure- 
behandlung eiternder — 816. Die Behandlung 
von — unter besonderer Berücksichtigung von 
Kriegsverletzungen mit künstlichem Licht und 
die hierfür in Betracht kommenden Apparate 
188, 1238. — s. Pix liquida. 

Wundenbehandlung mit Ultraviolettlicht 141. 

Wundflächen, Behandlung großer — 787. — s. 
Capillardrainage. 

Wundheilung Beeinflussung der — durch Supra- 
reninlösung 1359. Ueber auffallend beschleu¬ 
nigte — mit einem neuen Wundstreupolver 
1060. Beschleunigung der — durch Sauer¬ 
stoff in statu nascendi 645 

Wundhöhlen, Behandlung großer — 1323. Me¬ 
thode zur Dauerdrainage tiefer — 285. 

Wundinfektion, insbesondere Wundstarrkrampf 
und Gasbrand 547. 

Wundinfektionskrankheiten. Trauma und —• 454, i 
455. | 

W undkanal s. Spitzgeschosse. j 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Wundöl-Knoll. Erfahrungen bei der Wundbehand¬ 
lung mit einem auf das Bindegewebe ein¬ 
wirkenden Oele mineralischen Unrprungs, dem 
granulierenden — 761. Ueber granulierendes 

— 1140. — s. a. Wundbehandlung. 

Wundstarrkrampf 1190, 1213, 1241. Lehre vom 

— 898. Behandlung des — 314. Beitrag zur 
Prognose und Therapie des — 199. Tetanus¬ 
infektion und Abortivbehandlung des — 626. 

Wündstreupulver „Leukozon“, Ein neues —- 760. 
V T und- und Gesichtsrotlauf, Abortivbehandlung 
von — 457. 

Wundvereinigung s. Miedernaht. 

W T undverlauf s. Infektiöse Krankheiten. 

W T undVerstärkung s. Schußaneurysmen. 

Wund Versorgung, Offene — 1111. — s. Gaudafil. 
Wurmfortsatz als einziger Inhalt eines einge¬ 
klemmten Bruches 570. — 8. Harnröhre. 


Xanthom, Uber das — 832. 

Xanthomatosis 202. 

Xanthome, Ueber multiple - bei Ikterus 231. 
Xeroderma pigmentosum 1220. 


Yerba Mate als Kaffee- wie Tee-Ersatz im Feld 
und Lazarett 842. 


Zähne, Berufsmerkmale an den -- 871. — und 
ihre Beziehung zur Gesundheit 1113. 

Zahnärztliche Hilfe, Die erste — im Felde, Von 
Guido Fischer 1195. Die — im Felde. Von 
F. Williger und H. Schröder 21. Versorgung 
des Feldheeres mit — 301. 

Zahnärztliche Tätigkeit im Kriege 315. 

Zahnärztliche Therapie, Beiträge zur — und 
Pathologie 572. 

Zahnheilkunde, Lehrbuch der —. Von Port und 
Euler 463. 

Zander R. (Königsberg) 658. 

Zappert I. (Wien) 264. 


Zehe, Traumatische Luxation der ersten Phalanx 
der rechten kleinen — im Metacarpopha- 
langealgelenk 734. 

Zehenreflex, Varietäten des Babinskischen — und 
ihre diagnostische Bedeutung 1330. 

Zehenverband, Fuß und — 1328. 

Zeitungen s. Operationszwecke. 

Zeitungspapier, Behelfsmäßige Verwendung von 

— 1167. 

Zelle s. Chemie. 

Zellersches Verfahren s. Vulvacarcinom. 

Zell- und Geweberegeneration. Ueber stimulierende 
Einwirkungen auf — 1216. 

Zellstoff als Ersatz für Mull und Watte, Die Vor¬ 
züge des — 170. 

Zellstoffmullringe, Offene Wundbehandlung mit 

— 1217. 

Zellstoff walte als Ersatz 171. 

Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungs- 
wesen in Preußen. Vortragsreihe des — 347. 
409, 497, 605, 738. 

Zentralwindnng. Statische und akustische Er¬ 
scheinungen bei isolierter Verletzung der hin¬ 
teren — 928. 

Zerebrospinalmeningitis 901. 

Ziembicki Gregor R. v. (Lemberg) f 686 b. 

Zirbeldrüsenextrakt in der Geburtshilfe 789. 

Zucker, Behandlung eiternder Wunden mit — 871. 

Zuckerkranke, 365 Speisezettel für — und Fett¬ 
leibige mit Rezepten über Zubereitung von 
Aleuronatbrot, Mehlspeisen nnd Getränken. 
Von F. v. Winckler 406. 

Zuckerkrankheit, Harmlose Formen der — bei 
jüngeren Menschen 19. 

Zürich, Aus — 686 b; 1278c. 

Zustandsbilder, Entstehung, Vorhersage und Be¬ 
handlung nervöser und depressiver — hei 
Kriegsteilnehmern 607, 986. 

Zweirad für Invalide 871. 

Zwerchfell, Stichverletzungen des — durch das 
Seitengewehr 1010. 

Zwerchfellbrüche, Angeborene — 926. 

Zwerchfellslähmung, Vikariierende stärkere At¬ 
mung der gleichnamigen Thoraxhälfte als 
Zeichen der einseitigen — 288. 

Zystokele, Scheidenkarzinom mit — 1117. 


AUTOREN-REGISTER. 

Die fettgedruckten Zahlen bezeichnen Originalartikel. 


Abbe (New-York) 1011. 
Abderhalden 110. 
Abderhalden-Wildermuth 110. 
Abel Karl (Berlin) 1058.' 
Abels H. (Wien) 1324. 

Aberle H. v. 287. 

Adam C. (Berlin) 32, 67, 424, 
459, 460, 811. 1007. 

Adam (Berlin) 1408. 

Adler (Berlin-Pankow) 48. 

Adler E. (Salzergut beiOlmütz) 
336. 

Adler u. Amreicli 1274. 

Adolph F. (Frankf. a. M.) 1246. 
Adrian 0. 258. 

Ahlfeld F. 1273. 

Al bar ran s 759. 

Albers-Schönberg 847, 1296, 
1407. 

Albers-Schönberg (Hamburg) 
1427. 


Albers-Schönberg und Lorenz 
(Hamburg) 372. 
Albers-Schönberg, Seeger u. 

Lasser 1142. 

Alberts 950. 

Albrecht 1330. 

Albrecht H. (München) 435. 
Albu A. (Berlin) 21, 217, 576, 
767. 

Aldor L. v. (Budapest) 232, 
289, 712. 

Alexander 1167. 

Alexander G. 1414, 1415. 
Alexander G. (Wien) 683, 792, 
874, 952. 

Alexander K. 1359. 

Alfoldi A. 1364. 

Alkan (Königsberg) 1008. 
Alleion N. und Brooks-Barney 
574. 

Allen H. R. 1302. 


Allers 143. 

Alter (Lindenhaus) 197, 1384. 
Althoff H. (Attendorn i. W.) 
49. 

Altstaedt (Lübeck) 785. 
Alzheimer 1252. 

Amann 1223. 

Amann J. A. 1144. 

Am Ende, Dresden 601. 
Amrein O. 1218. 

Angerer A. 404, 762. 

Angyän 705. 

Anker (Berlin) 760. 

Anschütz 686. 

Ansinn 843, 1246. 

Ansinn (Bromberg) 875. 
Apolant (Berlin) 767. 
Archibald 977. 

Arena 55. 

Armbruster (Schweinheim) 
1219. 


Armknecht W. (Worms) 434. 
Arndt 1355. 

Arneth 368. 

Arnheim F. 257. 

Arnheim G. 1058. 

Arnstein A. 1196. 

Aron (Berlin) 226. 

Aronson H. 1032, 1083, 1143, 
1281, 1311. 

Arzt L. 261, 438. 

Asch u. Adler 1140. 
i Aschaffenburg G. 816, 844. 
Aschenheim Erich (Düsseldorf) 
627. 

Aschheim 19, 257. 

Aschoff 1135, 1364 a. 

Aschoff L. (Freiburg) 286, 798. 
AschoffL. (Freiburg i. B.) und 
H. E. Ro bertson (Al i n neapol is, 
Minnesota, Ver. Staaten) 715, 
744 


Ascoli A. 790. 

Ascoli V. 55. 

Aslier Leon (Bern) 1009. 

Askanazy 1278 a. 

Aubel E. und H. Colin 895. 

Auerbach S. (Frankfurt a. M.) 
313, 930, 1245, 1330, 

1412. 

Aufrecht (Magdeburg) 196. 

Au sei i 0. 1246. 

Anterieth W. u. F. Mink (Frei¬ 
burg i. B.) 1216. 

Avenarius 736. 

I Axenfeld 459, 813, 814, 1008, 
1169, 1433. 

Axenfeld Th. (Freiburg) 461. 

Axenfeld Th. (Freiburg) und 
R. Plocher 870. 

Axhauscn (Berlin) 2*5, 678, 
684, 1034, 1091, 1357. 

Axter-Haberfeld R. 198. 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



INHALTSVERZEICHNIS. 


XXXI 


Bah H. (München) 429. 
piixelli 624 
ß ich H. 1 !42. „ 

iüriit'niG (Bonn) 42», 808. 
ßuc li ha mm er H.( M »neben )651. 
Bacigalnpo Juan (Buenos- 
Aires» 25». 

Kicker (Riezlern) 49. 

Rade P. 1010. 

Räder 1408. 
ßaecher8t. 1273. 

Haer J. L 872. 

Baetzner W. (Berlin) 20. 
Biamler 1135. 

BäamlerCh. (Freibarg i. Br.) 
313, 79». 

Baever H v. (München) 1167, 
1272 

BaeyerV. (München) 171. 
Baginskv (Berlin) 109, 229, 
493. 

BahrC. 628. 

Baindt 368. 

Bail 172 

Bainhridge W. S. (New-York) 
789. 1011. 

Baisch K. 1273, 1410. 

Baker A. (Spalding) 1360. 
Balban W. 437, 1334. 

Balcarek A. (Wien) H59. 

Bälins R. B18. 

Baiint R. 232, 1278. 

Ballner J. 435. 

Baliowitz (Münster i. W.) 1359. 
Bamberger E. 1329. 

Bamberger J. (Bad Kissingen) 
1428. 

Bannes (Breslau) 392. 

Barsch 172. 1 

Barantschik 707. 

Barany 733. 

Baräny R. 171, ($0. 

Barasch H. (Berlin) 80. 

Barlocco (Genua) 55. 

Basch v. 1137. 

Basch E. 84. 

Basch J. 1864. 

Basl 1085. 

Bass 1380. 

Bass F. 144, 199. 

Basten J. 491, 583. 

Baudisch R. 629. 

Bauer 145. 1387. 

Bauer Ad. (früher in Arosa) 
J272. 

Baoer L 1332, 1333, 1386. 

Bauer J. 464, 656, 1036. 

Bauer R. 1430. 

Bauer Rieh., R. Latzei und 
E. Wessely 869. 

Bauermeister W. (Braun- 
sdjweig) 786. 

Baum L. H. (München) 680. 
Baombach (Langensalza) 81. 
^ a ®5 arten v - (Tübingen) 

Beck 145. 

Beck C. 872. 

B«kO. 230.409,656,684, 792, 
928, 929 . 984, 1062. 
1090, 1196. 

B«ck 8. (Budapest.) 712 
Becker Ferd. 925. 

Becker J. 1246. 

Becker (Hamburg) 1433,1434. 
Becbnrth T. D. n. A. F.Voß 
895. 

j^be 8. P. 574. 

B. 524, 573. 

{«‘am A. (Jerusalem) 761. 
«Jr-Pinnow v. 709, 1H4. 

Winng v. 226. 

Beitzke 841. 

B*)ot 1406. 

^ n <ja 233. 520, 525, 1034. 

l. (Berlin) 575. 

Bender 623. 


Bendig (Stuttgart) 1009. 
Bendix B. (Berlin) 1173. 
Benedict u. Osterberg 1326. 
Benedikt 762. 

Benedikt M. 174, 175, 230, 
317, 629, 1273, 1276, 1413. 
Benestad 0. (Kristiania) 41. 
Benthin W. 1011, 1168. 
Bergell P. (Berlin) 17. 
Bergengrün P. 1429. 

Berger 205. 

Berger W. 1300. 

Bergh Van den u. Snapper 
(Groningen) 1215. 

Bergl K. (Prag) 1139. 
Bergmann (Chemnitz) 169. 
Bergmann E. (Upsala) 1271. 
Bergstrand 790. 

Berka F. 1061. 

Berkeley W. N. (New-York) 

1011 . 

Berkenbusch (Altenwald) 1273. 
Berlin H. (Hamburg) 870. 
Berliner 492. 

Berliner (Breslau) 17. 

Berliner M. 1221, 

Bernhardt 432, 461, 

Bernhardt M. (Berlin) 48. 
Bernoulli (Stuttgart) 141. 
Bernstein 282. 

Bernstein (Berlin - Cöpenick) 
1219. 

Bernstein A. 784. 

Bersch 1359. 

Bertlich 1033. 

Besold G. (Badenweiler) 81. 
Bessam G. (Breslau) 344. 

Best 579. 

Best F. (Dresden) 980. 

Betcke 762. 

Betke 1364 a. 

Bettremieux 812, 814. 
Beuttenmüller (Stuttgart) 
1034. 

Beveridge J. W. (New-York) 
1113. 

Beyer E. (Roderbiken bei 
Leichlingen) 1428. 

Biach M. 1333. 

Bickart P. 1034. 

Bickel A. 1165. 

Bickel H. (Bonn) 602, 960. 
Biedl, Eggerth, Paltauf 256. 
Biehl 1061. 

Bieling (Gaualgesheim) 734. 
Bielschowsky A. (Marburg a. L.) 
49, 361. 

Bier 24, 579, 686. 

Bier (Berlin) 319, 493. 

Bier A. 196, 1086. 

Biesalski (Berlin) 319, 982, 
1272. 

Biglieri R. 1167. 

Bickeles 1194. 

Bikeles G. 1141. 

Bikeles G. u. K. Radonicic 954. 
Bikello 1113. 

Bing R. 1330. 

Bingel (Hamburg) 768. 

Bingold (Nürnberg) 254. 
Biondi (Catania) 602. 
Birch-Hirschfeld 1408. 
Birch-llirschfeld (Königsberg 
i. Pr.) 360. 

Birnbaum 735. 

Bisping 1189. 

Biasöriö u. Mezerettc 340. 
Bitter 1380. 

Bittorf 1112. 

Bittorf (Leipzig) 816. 

Bittorf A. 761, 897, 1083. 
Bixel, Wayne V. u. E. R. Se- 
count 764. 

Biach J. H. 315. 

Blair V. P. 898. 

Blake 978. 

Blaschko 1217, 1382. 


Blaschko A. (Berlin) 80, 284, 
498, 708. 

Blässig R. 733. 

Blatt P. 546. 

Blau A. 1195. 

Blau P. 435. 

Blecher 872. 

Blegvad Rh. N. (Kopenhagen) 
925. 

Bles 1297. 

Bleuler 405. 

Blind (Straßburg i. E.) 816, 
952, 1059. 

Bloch 1143. 

Bloch (Koblenz-Ehrenbreit- 
stein) 713. 

Bloch B. 111. 

Bloch Br. (Basel) 709. 

Bloch J. (Berlin) 215. 

Bloch Iwan 429. 

Blühdorn 370. 

Blum F. (Frankfurt a. M.) 959. 
Blum V. 1360. 

Blümel (Halle a. S.) 884. 
Blumberg (Berlin) 837. 
Blumenfeld F. 173. 

Blumenfeld und Putzig 706. 
Blumenthal 254. 

Blumenthal F. 1091. 
Blumenthai W. 345. 

Boas 1380, 1381, 1409. 

Boas I. (Berlin) 598. 

Boas J. (Berlin) 1396, 

Boas K. 1325, 1354. 

Bock J. 710. 

Bockhom M. 1212. 

Bockhorn M. (Langeoog) 861, 
1029. 

Böcker W. (Berlin) 329, 598, 
1181. 

Böhler 733, 1233. 

Böhler L. 709. 

Böhme A. (Kiel) 1320. 

Böhme F. (Dresden) 651. 
Boehncke 370. 

Boenheim (Bensheim) 312. 
Boeri 55. 

Boerner (Erfurt) 546. 

Boerner E. 843. 

Boes J. und H. Weyland 1218. 
Böttger K. (Kiel) 926, 1059. 
Bötticher E. (Gießen) 1271. 
Böttner A. (Marburg) 142. 
Bogdanik J. (Krakau) 1313, 
1332. 

Boggs R. H. (Pittsbarg) 1011. 
Bohlmann Rud. (Dortmund) 
1034. 

Boit H. (Königsberg i. Pr.) 732. 
Bökay A. v. 377. 

Boldt H. J. 652. 

Bollag K. (Basel) 284, 925. 
BollanA. u. E. Hegenbart 1273. 
Bollinger und Bauer 1136. 
Bomhard H. v. 651. 

Bondv G. 683, 874. 984. 
Bondy S. (Wien) 24. 
Bonhoeffer 682, 734, 735, 818. 
1139. 

Bonhoeffer K. (Berlin) 172, 877. 
Bonne 572, 600, 732, 733. 
Boral 452, 479, 600, 787. 
Borchard (Posen) 440, 605. 
Borchardt 735. 

Borchard t M. 1433. 

Borchers E. (Tübingen) 953, 
1141. 

Bordier 342. 

Borelius 789. 

Borgmann 0. u. R. Fischer 112. 
Borntraeger 494. 

Borst 234, 410. 

Boruttau H. (Berlin) 433. 924, 
1192. 

Bossart L. 112. 

Böth 1035. 

Bonden v. (Namur) 175. 


Boveri Th. 1164. 

Boy (Bamberg) 55. 

Braatz 1196. 

Braatz E. (Königsberg i. Pr.) 
1253. 

Brach Cel. u. Jos. Fröhlich 680, 
762. 

Brackei A. v. 628. 

Brady W. (Elmira, N. Y.) 1087. 
Brandt H. 1087. 

Brandt Max (Zürich) 924. 
Brandweiner 1273, 1333. 
Brandweiner A. 231, 1432. 
Brasch (Nürnberg) 627. 
Brauer A. (Danzig) 599. 
Brauer L. 316, 873. 

Brauer L. u. F. Haenisch 
1298. 

Brauer L., G. Schröder und 
F. Blumenfeld 576. 

Braun L. 1221, 1249, 1276, 
1359. 

Braun M. u. 0. Seifert 819. 
Brauneck 544. 

Braunschweig 313. 

Brav H. A. (Philadelphia) 
1113. 

Breccia 55. 

Breiger (Berlin) 188, 1238. 
Breiger E. (Zehlendorf) 194, 
134. 

Breitner 518. 

Brettner (Berlin) 493. 

Breunig v. 1357. 

Brewer u. Cole 951. 

Brewitt Fr. R. 545. 

Brieger (Berlin) 738. 

Brieger L. (Berlin) 1217. 

Brill C. (Magdeburg) 17. 
Brinitzer E. (Altona) 482. 

Brix (Flensburg) 1429. 
Brodfeld E. (Krakau) 457. 
Brooks Harlow (New-York) 764. 
Brooks Harlow u. Caroll John 
172. 

Brosch 572. 

Brown Lawrason 735. 

Bruck 262, 1380. 

Bruck 0. (Altona) 171, 599. 
Bruck F. (Berlin-Charlotten¬ 
burg) 45, 867. 

Bruck F. J. 1240. 

Brücke v. 736. 

Brückner G. 462. 

Brühl (Berlin) 492. 

Brünger H. 20. 

Brünings W. u. W. Albrecht 
1219. 

Brugsch 54, 525, 898. 
Brugsch Th. (Berlin) 1330. 
Brugsch u. Schittenhelm 1137. 
Brugsch u. Schneider 707. 
Brugsch u. Wolffenstein 1355. 
Brugsch u. Wolffenstein (Ber¬ 
lin) 254. 

Bruhns (Charlottenburg) 1192. 
Brun 978. 

Brunn W. v. 1032, 1059, 1299, 
1328. 

Brunner C. 981. 

Bruns 1109. 

Bruns L. (Hannover) 575. 
Bruns 0. 788. 

Bruns P. v., C. Garrö, II. Kütt- 
ner 436. 

Brunzel II. F. (Braunschweig) 

Buchbinder 441. 

Bachheim E. (Dresden) 1428. 
Bucholz C. H. 199. 

Bucky (Berlin) 521, 870, 1009. 
Badge 758. 

Badge, Gotz, Gianuzzi 758. 
Budul 789. 

Bürger L. (Berlin) 224, 996. 
Bürgi E. 111, 

Büttner 0. (Rostock) 576. 


Bugbee H. G. (New-York) 253. 
Bujwid 0. (Krakau) 532, 562, 

1027, 1421. 

Bujwid Ö. u. L. Arzt 314. 
Bulkley L. D. (New-York) 1011. 
Bulling A. (Bad Reichenhall) 
1329. 

Bum A. 1361. 

Bandesen H. N. 789. 
Bundschuh Ed. (Freiburg i. B.) 
404. 

Burck W. (Stuttgart) 227. 
Burckhardt H. (Berlin) und 
F. Landois (Breslau) 651, 
925. 

Burckhardt J. L. 1330. 
Burger P. (Straßburg i. E.) 81. 
Burgerstein Leo 785. 

Burk W. 982, 1236, 1384. 
Burk W, (Stuttgart) 325. 
ßurkard 0. (Graz) 709. 
Burkhard 579, 605. 
Burkhardt 114. 

Burnham A.C, 1088. 

Bums E. 927. 

Busalle 1378. 

Busch (Krefeld) 17, 48. 

Busch 204, 440. 

Busch H. 258. 

Buschan 1358. 

Buschan (Stettin) 273. 
Buschke A. 170. 

Bussenius 1135. 

Busson B. 843, 1010. 
Buttermilch u. Stettiner 371. 
Byrnes Ch. M. 315. 


Cabot Richard C. 172. 

Cadwalader Williams B. 574. 
Cähänescu M. 733. 

Cahen Fritz (Köln) 237. 
Cahen-Brach E. (Frankfurt 
a. M.) 397. 

Calin 175. 

Cahn-Bronner C. E. (Stra߬ 
burg i. Eis.) 964. 

Cajal Ramon y (Madrid) 601. 
Oallomon F. (Bromberg) 752. 
Cal vary 115. 

Cambiasio 55. 

Campbell W. Fr. (Brooklyn) 
735. 

Camper E. 652. 

Canestro 1297. 

Cannata 371. 

Canon (Berlin) 952. 

Capelle 821. 

CarboneU M. V. 1141. 

Carl 1197. 

CarlW. (Königsberg i. Pr.) 169. 
Caro 1009. 

Carpi 55. 

Cartson A. J. 375. 

Casper L. (Berlin) 633. 

Cassel 946. 

Cassel (Berlin) 760, 955. 
Casselmann Art. J. 494. 
Gassierer 605. 

Cassirer (Berlin) 1218. 
Cassirer R. 570. 

Castellino 55. 

Cattley 1405. 

Cayet (Diedenhofen i. Lothr.) 
1167. 

Cazalis 1136. 

Oernic M. 1141. 

Chajes B. (Berlin-Sehönebem) 
521. 

Chalier Andri* 251. 

Chapin H. I). 1274. 

I Charcot 1136. 


□ igitized 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



XXNll 


INHALTS - VERZEICHNLS. 


Chatillon F. 111. 

(’herryTh.H. (New-York) 789. 
Cbesney, A. M. Marshall. E. K. 

Rowntree 172. 

Chevalier S. 200. 

Chiari 199. 

Chiari H. 1168. 

Chiari H. (Straßburg i. Eis.) 
286, 546. 

Chiari 0. 1248, 1362. 

.('hiari 0. (Wien) 114,346,1087. 
Chiari R. (Wien) 653. 
Chlamsky 601. 

Christen Th. (München) 1272. 
Christensen H. R. 894. 
Christian (Berlin-Schöneherg) 
708. 

Chute A. 1. 315. 

Chvostek Fr. 1277. 

Cimbal 1194. 

Cimbal W. (Altona) 819. 
Citron 1381. 

Clanahan H. M. Mc. 200. 
Clendon J. F. xMc. 1087. 

Clemm W. N. (Rothenburg O.- 
L.) 1009. 

Clintock und Hutchings 624. 
Coates G. M. (Philadelphia) 
3087. 

Coenen 841, 896. 

CoeDen H. u. W. Schnlemann 
1193. 

Coglievina B. (Graz) 404,1351. 
Cohen R. G. (Eppendorf) 628. 
Cohn (Berlin) 312. 

Cohn F. (Frankfurta. M.) 1304. 
Cohn Jak. 601. 

(lohn (Moabit-Berlin) 228,1085. 
Cohn M. 1432. 

Cohn T. 203, 233. 

Cohn W. 198, 376. 

ColeL. G. (New-York) 1011. 
Colley F. (Insterburg) 108. 
Collischonn (Mainz-Mombaeh) 
839. 

Como P. 1010. 

Conn 895. 

Constantinescu 813. 

Cook G. W. 315. 

Coopmann H. L. 575. 

Corbett J. F. 1114. 

Cord C. T.Mc. 1114. 

Cords (Bonn) 1033. 

Cot] ui 1360. 

Cornwall E. E. (New-York) 
1113. 

Crämer 262. 

Crämer E. 434. 

Crämer F. 81. 

Cramer 234, 813, 957. 

Cramer E. (Kottbus) 982. 
Credö-Hoerder C. A. 710. 

Crinis De 110. 

Cristina di G. (Palermo) n. 

G. Caroina (Neapel) 461. 
Croissant 733. 

Croraback J. (Zabern) 981. 
Croner F. (Berlin) 108. 

Croner W. 927. 

Cronquist 1356. 

Csernel E. 289. 

Csernel E. n. A. Märton 374, 
871. 

Cukor 439, 496, 630, 820, 821. 
Camston Charles Greene 252. 
Cursehniann 1136. 

( urschmann F. 897. 
Citrschmann H. (Mainz) 573, 
925, 1199. 

Cullagh S. Mc. (New-York) 
1113. 

Cushing, Harvey 172. 
Cytronberg S. 20. 

Czerny 369. 

Czerny Y. 1165. 

Czerny V. u. Caan 340. 

C/aikor 1363. 


Czyhlarz E. v. (Wien) 738. 
Czyhlarz E v. u. R. Neustadl 
1141. 


Damask AI. 710. 

Damask M. u. F. 8clnveinburg 
(Wien) 627. 

Danielsen W. (Beuthen, 0.- 
Schl.) 404. 

Danielsohu P. (Berlin) 972. 
Daumann u. Pappenheim 401. 
Dautwitz F. 1219. 

Deaver J. B. (Philadelphia) 
1011 . 

Decastello A. v. 1430. 
Decastello A. v. (Wien) 23, 24, 
287, 288, 737, 791, 843. 
Decker (München) 651. 1193. 
Decker u. H. v. Bernhard 
(München) 141. 

Dedekind F. (Prag) 158. 
Dedolph (Aachen) 170. 

Degrais u. Pasteau 341. 
Delbanco 340. 

Demmer F. 435, 463, 492, 572. 
Denislie M. 1217. 

Denk W. 346,518,519,683,843. 
Denker 579. 

Denker (Tournai-Halle a. 8.) 
732. 

Depner 630. 

Derby Gge. S. 1302. 

Dercum F. H. 735. 

Dessauer F. u. B. Wiesner 1088. 
DütnSL. 1167. 

Deutsch A. 1085. 

Deutsch E. 377. 

Deutsch F. 954, 1141. 
Deutschländer C. (Hamburg) 
1216, 1428. 

Deutschmann R. (Hamburg) 
1246. 1408. I 

Dieballa G. (Budapest) 712. 
Diebold F. 1218. 

Diepgen P. 790. 

Dieterich K. (Helfenberg) 50. 
Dietrich W. 1246. 

Dietsch C. 1059. 

Dimitriadis D. S. 1087. 
Dimmer F. 407, 680. 

Disquö (Potsdam) 164. 

D-tthorn F. (Berlin) 1110. 
Ditthorn F. u. W. Loewenthal 
(Berlin) 1009. 

Ditthorn F. u. W. Schultz 
(Berlin) 100. 

Dittrich P. 1168. 

Dobbertin (Berlin) 1384. 
Doberauer G. 462. 

Dobisch A. (Auscha) 198. 
Dobrzyniecki A., H. v. 572. 
Döderiein 406. 

Doederlein 1223. 

Döhles 1136. 

Döhncrö. 1111. 
Döhring(Königsberg i. Pr.) 141. 
Döpfner K. (Düsseldorf) 490. 
Dössecker 1112. 

Dold H. (Shanghai) 1032. 
Dollinger J. 84, 376, 377. 
Dollinger Julius (Budapest) 
1245. 

Donald E. Mc. 600. 

Donald G. 200. 

Donath J. 377, 465. 871, 1013. 
Dore 340. 

Dosq net 957. 

Downes 977, 978. 

Downes W. u. D. T. Le Wald 
898. 

Dreesbach u. Alunford 706. j 
Dreifuß 115. 

Drenckhahn 1135. 

Dreu neu \Y. E. 1114. 

Divuvv 258. 


! Dreuw (Berlin) 562. 

I Dreyfus 25. 

Dreyfus(Frankfurta. M.) 1273, 
1381. 

Dreyfus G. L. (Frankfurt a. M.) 
227, 602. 

Dreyfus G. L. und W. Unger 
(Frankfurt a. M.) 18. 
Drucker (Budapest) 899. 
Drüneg 228. 

Drüner 733. 

Drüner (Quierschied) 971. 
Drysdale II. H. 50. 

Dubois (Bern) 199. 

Dünner (Berlin) 140, 229. 492, 
785. 

Dünner L. 868. 

Dünner L. (Berlin) 980, 1328. 
Dufaux (Berlin) 1140. 

Duken J. 980. 

Duken John (München) 546. 
Düngern v. (Hamburg-Eppen¬ 
dorf) 1059. 

Dunlop 371. 

Dünn A. D. (Omaha) 1113. 
Dupuy-Dutemps 812. 
Durlacher 624. 

Darlacher (Ettlingen) 1110. 
Duschkow-KessiakoffCh. 1167. 
Duschkow-KessiakofF Christo 
925. 

Daval 977, 978. 

Dyas Fr. 898. 

Dziembowski S. v. (Posen) 
1299, 1301. 


Ebeler E. 286. 

Ebeler F. (Köln a. Rh.) 316,1070. 
Ebeler u. Löhnberg (Köln) 432. 
Ebermayer (Leipzig) 545. 
Eberth M. 1114. 

Ebstein 84, 653. 

Eckert E. 600, 1061. 

Eckes 651. 

Edel (Berlin-Wilmersdorf) 432. 
Edel A. 53. 

Edel M. 650. 

Edelmann A. 408, 1141. 

Edens E. 677, 705. 

Edgar Th. 0. 955. 

Edgeworth 370. 

Edinger (Frankfurta. M.) 1304. 
Egan E. u. 0. Porges 1411. 
Eggebrecht 816. 

Eggers 342. 

Eggerth H. 314. 

Egvedi H. und W. Kulka 1141. 
Ehret (Straßburg i. E.) 1167. 
Ehret H. (Straßburg) 523, 627. 
Ehrhardt (München) 114. 
Ehrlich P. u. H. Sachs (Frank¬ 
furt a. M.) 257. 

Ehr mann S. 261, 1220. 
Eichenwald P. 201. 

Eichhorst H. (Zürich) 303, 436, 
535, 754. 1015. 

Eickc H. 664. 

Einhorn (New-York) 952. 
Einhorn M. (New-York) 1299. 
Einthoven 705. 

Eiseisberg A.. Frh. v. 230, 259, 
287. 495. 524, 577, 579, 680, 
686 . 

Eiseisberg A. v. 1361, 1414, 
1415. 

Eisenreich 1145, 1223. 
Eisenschitz J. 1276. 

Eisler M. v. 1359. 

Eisner (Rothau i. K.) 405. 
Eitner 1380. 

Eitner E, (Wien) 924. 

Eksteiu .1. (Altstadt bei Neu¬ 
haus, Böhmen) 1390 a. 

Eli scher .1. v. 232. 


Ellermann V. (Kopenhagen) 
193, 896. 

Elliot 812, 813. 

Elliott G. R. (New-York) 82. 
Ellis Arth. W. M., Cullen, Gl. 

E. Slyke, Donald 494. 
Ellisworth E. Moody 789. 
Elmanowitsch u. Zaleski 922. 
Eimer P. W. 789. 

Eis H. (Bonn) 198, 373. 
Elßchnig (Prag) 1416 a. 
Elschnig A. (Prag) 53, 387, 553. 
Elster Alex. (Jena) 785. 
Eivesser L. 574. 

Emanuel (Charlottenburg) 896. 
Emmerich R. u. 0. Loew 108. 
EnderleW. (Berlin-Schöneberg) 
979. 

Enderlen 234, 579, 686. 
Enderlen (W T ürzburg) 54, 411. 
Enderlen n. Knauer 1411. 
Enderlen u. Sauerbruch 823. 
Endlicher E. 1250, 1414. 

Enge J. (Strecknitz-Lübeck) 
435, 689. 722. 

Engel C. S. (Berlin) 108. 1272. 
Engel E. 1299. 

Engel Herrn. (Berlin) 249, 339, 
514, 675, 757, 811. 

Engel St. und M. Baum 710. 
Engelhard Wilh. (München) 
762. 

Engelhardt 953. 

Engelhardt L. 1033. 
Engelhorn E. (Jena) 1299. 
Engelmann (Brünn) 901. 
Engelmann A. (Berlin) 897. 
Engelmann G. 259. 314, 491, 
765, 1061, 1389. 

Engelmann V. (Hamburg) 403. 
Engfeldt (Stockholm) 570, 896. 
Engländer M. 1248, 1359, 1387. 
Engländer M. (Wien) 144, 737. 
Engwer 371. 

Ephraim 369. 

Eppenstein A. 1061. 

Eppinger H. 657. 

Epstein Heinrich 1247. 

Erb 735. 1136. 

Erb W. 19. 

Erben S. 317. 

Erbsen F. 258. 

Erdheim S. 1413. 

Erdraann 924. 

Erd mann Ph. 1143. 

Erhardt E. (München) 48. 
Erlacher Ph. (Graz) 50. 898. 
Erlen meyer 1137. 

Ernst N. P. 1406. 

Esch P. (Marburg) 709. 
Eschweiler u. Cords 490. 
Eulenburg A. (Berl.n) 1247. 
Euler (Erlangen) 1194. 

Eutin AI. 1297. 

Eversmann 1. (Hamburg) 1085. 
Ewald 53. 

Ewald (Berlin) 109. 405, 767. 
Ewald C. A. 130, 463. 

Ewald K. 1361. 

Ewing I. (New-York) 1011. 
Exner A. 201. 

ExnerS. 1361. 1413. 

Exner W. 762. 

Kyle.sK. 1411. 

Eysell 523. 

Eyselt 345. 


Eaber 1135. 

Fabian 1141. 

Fahre J. (Dortmund) 197. 
Fahre J. u. A. Gischcc (Dort¬ 
mund) 571. 

Fahre .1. u. J. Selig (Dortmund) 
197. 


Faginoli 282. 

Fahrenkarop 706. 

Falk (Berlin) 815. 

Falk F. (Fiume) 1158. 

Falk J. (Fiume) 919. 

Falta W. 1332, 1333. 

Falta W. (Wien) 230, 260, 342. 

346, 656, 657, 787. 

Falta W. und Henriette Kohn 
762. 

Faragö C. 1013. 

Farkas 1327. 

Farr CI. B. (Philadelphia) 789. 
Fasal H. 437. 

Faulhaber M. 546. 

Favarger M. (Salzburg) 1059. 
Feer 368. 

Fehling H. 285, 1011. 
Fehsenfeid G. (Neuruppin) 
337, 483. 

Felir 0. (Berlin) 424. 
Feilchenfeld H. 1409. 

Feiler (Breslau) 301. 

Feiler 869. 

Fein A. (Tübingen) 305. 

Fein J. 548, 956. 

Feist K. u. F. Bonhoff 171. 
Feistmantel C. v. 145, 289, 374. 
Feistmantel C. u. Kentzler I. 
1085. 

Feldner J. 733. 

Felix A. 787. 

Felke 545. 

Fellner 496, 578. 630. 
Fellnersen. 1250, 1362, 1363. 
Fellner sen. (Wien) 820, 821. 
Fellner Bruno 1074. 

Fellner L. 439. 

Fenyvessy v.B. (Budapest) 1009. 
Ferrannini (Camerino) 26, 55. 
Ferrari 24. 

Ferwers 1433. 

Feßler 897, 1329. 

Fibicli R. (Birkenberg) und A. 

E. Zimprich (Stomfa) 871. 
Fick R 710. 

Fidler F. 48. 

Fiebiger J. 524. 787. 

Fiedler 1140. 

Filbry 986. 

Filcher J. D. 1113. 

Finckh E. 345. 

Finekh L. 626. 

Finder 497. 

FinderG. u.L.Kabinowitsch 79. 
Finkelnburg 233, 377, 410. 
Finnev 978. 

Finsterer H. 1248, 1249, 1413, 
1415. 

Finsterer H. (Wien) 765. 
Fischei K. 1085. 

Fischer 895. 

E’ischer (Berlin) 343. 

Fischer (Heidelberg) 708. 
Fischer A. (Darmstadt) 318, 
433. 

Fischer D. (Frankfurt a. M ) 
980. 

Fischer C. (J.(Königsberg i. l'r.) 
1384. 

' Fischer U. 1195. 

| Fischer H. (Stuttgart) 1386. 
Fiseher II. 256. 

Fischer J. 491, 900. 

Fischer AL (Bingen) 171. 
FischerS. (Duruvar) 288. 
Fischer W. 170. 

Fischer W. (Altona) 936. 
Fischer W. (Berlin) 1384. 
Fischer B., L. Bitter und G. 

Wagner (Kiel) 732. 

Fischl F. 1060. 

Fisk E L. (New-York) 1113. 
Fitch Cheney W. 1302. 

Flatau G. (Berlin) 969. 

Flat au S. 1061. 

Flath 439. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXXIII 


Heckseder K. 1248. ^ 
Fkckseder R. (Wien) <37. 792, 
Fleischer B. (Tübingen 1 142. 
Fleischhauer (Düsseldorf) 312, 

fcW. 

Fleniming 312, 630, 10;>9. 
Flesch 85. 

Flesch (Frankfurt a. M.) 498. 
Ffech J. 1220, 1413. 

Resch J. (Wien) 230, 572, 711 
Reaster 0. (Bonn) 523. 

Flor 113. 

Flörcken H. (Paderborn) 204, 
256. 410, 441. 

FlüggeC.(Berlin) 21, 420, 532. 
Flaser E- 1167. 

Focke 707. 

Fockenheira 871. 

Fodor J. 317, 374. 

Föderl 0. 287. 

FoersterA. H. 50. 
Foerster-Gulecke 759. 

Funio A. (Bern) 20. 

Forbrig 812. 

Förster und Schlesinger 789. 
Fowter Ch. C., M. E. Rehfaß 
n. Ph. B. Hawk 1275. 

Fox H. 1114, 1380. 

Fraenkel Alex. 1388. 
fraenkel F.. (Berlin) 141, 598. 
Fraenkel Eugen (Hamborg- 
Eppendorf) 732. 

FraenkelL. (Breslau) 799, 828. 
Fränkel 109, 1034, 1434. 
Frankel A. (Wien) 765. 

Fränkel E. (Heidelberg) 1058, 
1166 . 

Fränkel J, (Berlin) 1136,1193, 
1273, 1381. 

Fränkel L. 1251. 

Fränkel M. (Charlottenbnrg) 
211 . 

Fränkel S. 346,407. 491,573, 
1060. 

Franca S. La 868. 

France Joseph Irwin 653. 
Francke W. (Leipzig) 462. 
Francois-Frank 758. 

Frangenheim Paul (Köln) 1246. 
Frank 605. 

Frank (Breslan)570,598,1083, 
1109. 1192. 

Frank E. 10. 

Frank G. 145. 

Frank L. 790. 

Frank L. und E. Schloss 258. 
Frank P. 952. 

Franke F.(Braanschweig) 897, 
952. 

Frankenstein Jul. (Berlin- 
Sehöneberg) 627. 

Frankenstein K. (Berlin) 17. 
Frankenthal L. 600. 

Frankl 1274. 

Frankl Hochwart 1136. 

Frankl 0. 1115. 

Frank] 0, (Wien) 821. 1012. 
Franklin Newell S 574 
Franqn« v. 1116. I 

Franz 547. 686, 1326. 

Franz R. (Graz) 190. 

* ^ (Leipzig-Marienhöhe) 

6/ i 

Franz V. (Nürnberg) 842. 

Franz u. Stich 234. 

Freeinan R. G. 50. 

F’reise 1116. 1390. 

Preneh 1136. 

Frendenthal W. (New-York) 

Freand E. (Wien) 22,145,201, 

1 491, <38. 

F'reand H. (Berlin) 40. 

Freand H. 926. 

F\eand L. 22, 78, 174, 230, 
°<7, 603. 

Freand Leop. (Wien) 1296. i 


Freund Rieh. (Berlin) u. C. As- 
persohn (Altona) 1034. 
Freund (Straßbarg) 1219, 
1249, 1416. 

Frey E. 145. 

Frey H. (Bern) 20. 

Frey J. 1431. 

Frey P. (Berlin) 406. 

Freyer P. L. (London) 251. 
Frichtmayer 80. 

Fricke 1036. 

Frickhinger K. (Würzburg) 
842. 

Friedberger 263, 405, 411. 
Friedenthal 956. 

Friedenthal H. 24, 285. 
Friedenthal (Nikolassee) 1139. 
Friedjung J. (Wien) 51, 683. 
Friedländer 710, 1433. 
Friedländer R. 1247. 
Friedländer (W T ien) 1298. 
Friedländer Rosa (Berlin) 952 
Friedmann H. M. (New-York) 
1087. 

Friedrich 547, 686. 

Friedrich P. L. 170. 

Friedrich W. u. B. Krönig 
(Freibarg i. Br.) 1410. 
Frisch J. 573. 

Frisch 0. ?. 1220, 1248, 1303, 
1387, 1413. 

Frisch 0. v. (Wien) 22, 259, 
495, 519, 577, 1085. 

Frist J. 1105. 

Fritsch K. 1429. 

Fritz M. (Arolsen) 197. 
Froehlich E. 48, 952. 
Fröschels E. 1220, 1276, 1360, 
1377. 

Fröschels E. (Wien) 22, 408, 
654, 765, 816, 1062. 
Frohmann Jul. (Königsberg) 
1278a, 1386. 

Fromberg C, 374, 436. 
Fromme 205, 241, 441. 
Frühauf G. 955. 

Frühwald V. 601, 845, 1220, 
1362. 

Frugoni (Florenz) 283. 

Fuchs A. 143, 174, 175, 287, 
495, 600, 710. 

Fachs A. u. R. Wasicky 843. 
Fuchs (Breslau) 1111, 1358, 
1380, 1385. 

Fuchs-Reich F. (Jägerndorf) 
597. 

Fürbringer (Berlin) 924. 
Fürnwohl W. 1060. 

Fürst 435. 

Fürst M. 1302. 

Fürst Th. 898 
Fürstenau (Berlin) 1244. 
Fürstenau R. (Berlin) 81. 
Fürth 761. 

Fürth C. (Wien) 1347. 

Füth 1143. 

Füth II. u. F. Ebeler 492. 
Fuhrmann 386. 

Faid 872. 

Fuld E. (Berlin) 80, 576. 
Füller E. 315. 

Funke (Wien) 298, 575. 

Funke v. (Prag) 983. 


Oadini L. 145. 

Gaehtgens W. (Hamburg) 786. 
Gärtner A. (Jena) 532. 
Gärtner G. 84. 199, 680. 
Gagstatter K. 23. 

Gaisböek F. u. L. Jurak 374. 
Galambos A. 762. 

Galewsky (Dresden) 344, 679. 
Gail 24. 

Galli Giov. (Bordighera) 490. 
Gamper E. 256, 6ÖO. 


Gara Siegm. fPistyan) 762. 
Garbat L. A. 600. 

Garrö 547. 

Garretson W. P. (New-York) 
1087 

Gatscher 8. 1362. 

Gaugele 1245. 

Gaupp R. (Tübingen) 373. 
Ganpp R. u. R. Wollenberg 
1035. 

Gaza v. 521. 

Gebhardt H. 258. 

Gehuchten van 758. 

Gelinsky 815. 

Gelinsky Ernst 81 6. 

Gemünd 375. 

Gennerieh 522, 1381, 1382. 
1411. 

Genouville 759. 

Gerhard (Würzburg) 85. 
Gerhardt D. 1411. 

Gerhardt (Würzburg) 54, 657. 
Gerhartz H. (Bonn a. Rh.) 186, 
280, 1033. 

Gerlöczy S. v. 317. 

Germonig E. 787. 

Gerönne 370. 

Gerönne u. Lenz (Wiesbaden) 
461. 

Gerson K. (Sehlachtensee bei 
Berlin) 214, 405, 488. 
Gerstein 1216. 

Gerstmann 145, 202, 1276, 
1277. 

Gerstmann J. 656. 710, 843. 
Gerulanos (Athen) 519. 
Gerwin 710. 

Geßner 1274. 

Geßner W. 198. 843. 

Geyer Ernst 788. 

Ghigoff B. 1061. 

Ghon (Prag) 1416. 1416a. 
ühon A. und 13. Roman 762. 
Ghon A. u. B. Roman (Prag) 
1093. 

Gibson 977. 

Gierlich (Wiesbaden) 896. 

Gies (Diedenhofen-Beauregard) 
732. 

Giese 1085. 

Giesecke A. 257. 
Gieszczykiewiez M. 1184. 
Gigon (Basel) 402. 
Güdemeister E. u. K. Baerth- 
lein 650. 

Gildemeister und Jahn (Posen) 
731. 

Gins H. A. u. E. Seligmann 403. 
Giuffre 55. 

Givens 1326. 

Glaessner K. 1361. 

Glannan A. Mc. 172. 

Glas Emil 654. 

Glas E. (Wien) 1303, 1362. 
Glaser E. 954. 

Glaser F. n. K. Kaestle (Mün¬ 
chen) 651. 

Glasewald 522. 

Glass E. (Obarlottenhurg-West- 
end) 461, 1032. 

Glass J. (Budapest) 712. 

Glax (Abbazia) 1195. 

Glingar A. 374. 

Glinski L. K. 286. 

Glomset D. F. 1274. 

Glück A. 981. 

Gluck 685. 

Gluck Th. (Berlin) 955. 

Gocht H. 899. 

Gockel A. 628. 

Gobel 579. 

Goebel 845, 1433. 

Goebel (Breslau) 733, 925. 
Goebel W r . 1143, 1359. 

Goebel F. and 0. Hess (Köln) 
1385. 

Göbell R. (Kiel) 651. 


Göppert 368, 369. 

Gering M. H. 1035. 

Goeppert 1195. 

Goetjes 787. 

Goldammer 624, 686. 

Goldberg B. (Wildungen und 
Köln) 434. 

Goldberger E. 631. 

Goldhaber 1087. 

Goldmann F. (Berlin) 141. 
Goldmann T. 683, 792, 928. 
Goldmann J. 984. 
Goldscheider 649, 1166, 1271, 
1278, 1298. 

Goldscheider (Lille) 343, 372. 
Goldscheider u. Aust 432. 
Goldscheider u. Kroner 1058, 
1088. 

Goldscheider u. K roner (Berlin) 
1109. 

Goldschmied K. 1248. 
Goldstein 283, 930. 

Goldstein K. 602. 

Gold stein K. (Frankfurt a. M.) 

1217, 1305. 

Goltz u. Ewald 758. 
Goldzieher W. 464. 

Golm G. 815. 

Goodrnann E. H. (Philadelphia) 
1113. 

Gordon A. 50. 

Gotlie F. 923. 

Gotschlich E. (Halle) 351. 
Gotschlieh E., Schürmann W. 

und Bloch (Halle) 1310. 
Gottgetren (Berlin-Neukölln) 
258. 

Gottstein A. (Charlottenbnrg) 
1245. 

Graefe-Saemiseh-Hess 873. 
Gräff und Reinhold 798. 
Gränz R. 604. 

Graf Ch. und G. Ginsberg 789. 
Graft’ (Bonn) 821. 
Grandjean-Hirter E. (Inter¬ 
laken) 708. 

Grashey R. 819. 

Graßberger R. 259. 

Grasser 0. (Mühlbach) 421. 
Grand 1405. 

Graul G. (Neuenahr) 313, 678. 
1083. 

Grawitz P. (Greifswald) 169. 
Greaves J. E. n. R. P. Anderson 
895. 

Grechen W. 1194. 

Greeley Horaee 600. 

Greens 950. 

Greinert 1357. 

Groag E. 203, 

Groak F. 573. 

Grober (Jena) 80, 343, 522. 
Gröber A. 788. 

Groedel F.M. (Frankfurt a. M.) 

200, 953, 980, 1428. 

Gröer F. v. (Wien) 462, 738, 
1140. 

Groß M. H. u. J. W. Held 1114. 
Gross 50. 

I Gross E. v. 1359. 

[Gross H. 1273. 

Gross H. (Bremen) 786. 

Gross 8. 347. 

Gross 8. u. Vesely 346. 

Gross W. (Harburg-E.) 403.521. 
Grosser (Berlin) 891. 
Grossheim 13G4. 

Grossmann G. 1297. 
Grossmann M. (New-York) 
1113, 1331. 

Grosso 431. 

Grosz v. 813. 

Grosz E. v. 377. 

Grosz 8. 438. 

Groth A. 462. 

Gruber (Rerlin - Schöneber") 
1060. 


Gruber G. B. (München) 403. 
Gruber M. v. 344, 784. 
Grünbaum Edgar 680. 
Grünberg (Berlin) 544. 
Grünwald L. (München) 733. 
Grünwald L. P. (Kassel) 18. 
Grüter 812. 

Grützner 228, 374. 
Gruenhagen A. u. E. Runge981. 
Grüble H. W. u. A.Wetzel 1035. 
Grüble II. W., K. Willmating 
n. G. L. Dreyfus 1035. 

Grund 440. 

Grundier M. 681. 

Grundmann 283, 1215, 1244. 
1271. 

Grüner 435. 

Grunert E. (Dresden) 256. 
Grzvwo-Dvbrovvski 110. 
Gstettner'M. 954, 981, 1060, 
1141. 

G übler 1136. 

Gudzent 342. 

Guenau de Mussv 1135. 
Günther H. und G. Vogel 1140. 
Gaggisberg H. 436, 1360. 
Gnisez 340. 

Guleke 871. 

Gulick 1356. 

Garadze 785. 
ünszmann J. 199. 

Guthrie C. C. u. M. E. Lee 898. 
Guthrie D. 50. 

Gutmann Ad. (Berlin) 576. 
Gutmann (Wiesbaden) 520. 
Gutstein M. (Berlin) 1295. 
Guttmann W. 173. 

Cmye Georges A. 1330. 
©werder (Arosa) 1167. 


Haas Georg (Gießen) 925. 
Haasmann 8. Th. u. Seyffert 21. 
Haberda A. 1168. 

Haberer H. v. 172. 179, 573, 
652. 

Haberland H. F. 0. 575. 
Haberling 1433. 

Hackenbrach (Wiesbaden) 61. 

544, 875, 1412. 
Hackenbruch und W. Berger 
1142. 

Haddäus (Heidelberg) 255. 
Hadra (Saarburg i. L.) 896. 
Haend 462. 

Haehner 1194. 
llaenich G. F. 1296. 

Häniscli 341, 847. 

Haenisch F. (Hamburg-Bann- 
beck) 50. 

Haeniein (Berlin) 697. 

Härtel 1085, 1111. 

Hage n. Korff-Petersen 1299. 
Hagebroek K. (Hamburg) 871. 
Hagen 1433. 

Hagiwara R. 1218. 

Hahn 235, 1357. 

Hahn A. (Berlin) 197. 

Hahn C. 871. 

Hahn D. 203. 

Hahn (Frankfurt a. M.) 739. 
Hahn (Freiburg i. B.) 85, 263. 
Haibe (Namur) 175. 
i Haim E. 374. 

Hajek M. 346, 1220. 1413. 
Hake 841. 

Halban I. 1115. 

Halban J. (Wien) 763,821. 900, 
1013. 

Halberkann J. (Hamburg) 1193. 
Htilberstädter 340. 

Halberstaedter L. 1216, 1271 
Halhev 593, 809. 

Halbey K. 833, 1051. 

Halber K. (Kiel-Wik) 1135 
1139, 1380. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



XXXIV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


F 


Halle (Hannover) 734. 

Halpern J. (Heidelberg) 872. 
Hamburger 1137. 

Hamburger C. 927. 
Hamburger F. (Wien) 34, 4(53. 
Hamburger W. W. u. J. F. Leach 
872. 

Hamm A. (.Straßburgi.E.) 1272. 
Hamm (Braunschweig) 1385. 
Hammer F. (Stuttgart) 4, 433. 
Hammer U. 953. 

Hammerl H. (Graz) 141. 
Hammerschlag A. 201. 
Hammerschmidt J. 600. 
Hammesfahr 226. 

Hanauer (Frankfurt a.M.) 1192. 
1244. 

Hanauer W. (Frankfurt a. M.) 
227, 255. 

Hanausek J. (Prag) 1411. 
Hancken 18. 

Handl Anton 600. 

Handmann 1409. 

Hannes W. 1142. 

Hans H. 816, 898, 920. 1429. 
Hans H. (Limburg a. d. Lahn) 
981, 1273, 1290. 

Hansemann (Berlin) 254. 
Hansemann v. 233. 262, 846. 
985. 

Hanson S. 0. 200. 

Hanszel F. 548, 956, 1362. 
Hantz 631. 

Happel 898. 

Haret 341. 

Harf A. 1111, 1428. 

Harf (Buch) 521. 

Harms 813. 

Harnack E. 1011. 

Harrass (Konstanz) 256. 

Harris L. J. 375. 

Harris W. 199. 

Hart 1083. 

Hart C. (Berlin - Schöneberg) 
388. 520. 

Harter G. 375. 

Harter G. (Wien) 1193. 

Hartert W. (Tübingen) 50. 
Hartleib 816. 

Hartmann 951. 

Hartmann A. (Heidenheim i. 
Br.) 870, 897. 

Hartmann A. (Mähr.-Ostrau) 
1079. 

Hartmann F. (Graz) 709. 
Hartmann M. (Berlin-Dahlem) 
976, 977, 978, 1384. 
Hartmann u. Lecene 951. 
Harvey u. Cushing 494. 

Has 441. 

Hasebrock (Hamburg) 343. 
Hasebroek K. 764. 

Hasebroek K. (Hamburg) 1167. 
Hass 230. 

Hasse 374. 

Hasse (Diedenhofen i. L.) 1300. 
Hasselbach 342. 

Hasselwander A. 1272. 

Haue A. 1413. 

Hauer A. v. 1196. 

Hauff (Bardenberg bei Aachen) 
344. 

Haupt (Bautzen) 462. 
Hauptmann 1381. 

Hauptmeyer Fr. 173. 

Havas A. 464, 1364. 

Havas Jul. (Bad Pöstyön) 394. 
Hayek M. 845. 

Hayward(Frohnau) 1328,1358. 
Hayward E. (Frohnau-Berlin) 

883. 

Head 758. 

Heber G. 21. 200. 

Hecht A. F. 1250. 1415. 

Hecht V. 1194, 1387. 

Hecht V. (Wien) 22. 23. 346. 
Hecker H. 651. 


Hecker V. u. C. Hirsch (Göt¬ 
tingen) 1039. 

Heddaens 1167. 

Hedinger E. 1164. 

Ileffter A. (Berlin) 254. 
Heiberg (Kopenhagen) 840. 
Heide v. d. 707. 

Heidenhain u. Colberg 758. 
Heidenhain L. (Worms) 1246, 
1411. 

Heigel 199. 

Heigl 1143. 

Heigl u. Welty (Koblenz-Ehren¬ 
breitstein) 713. 

Heilbronn 816. 

Heile B. (Wiesbaden) 254. 257, 
314. 

Hei mann (Breslau) 1358. 
Heimann W. F. 817. 

Heindl A. 495, 845. 956, 1362. 
Heine L. (Kiel) 360. 1245. 
Heinicke 114, 234. 
Heinrichsdorf (Zehlendorf- 
West) 494. 

Ileinrichsdorff P. (Breslau) 284. 
lleinsius (Berlin-Schöneberg) 
312. 

Heisler A. (Königsfeld i. B.) 50. 
Heitler M. 787.^ 

Helbing (Berlin > 319, 601. 
Helferich F. 736. 

Heller R. 981, 1326. 

Hellpach W. 1207. 

Helm 24. 

Hempei C. 1131. 

Henderson A. (’. 600. 
llenderson L. J. 927. 

Henke 85, 657. 

Henneberg 25. 

Hennemann Carl (Londorf) 
255. 

Henning H. 258. 

Henrichsen Job. (Saeby, Höng 
in Dänemark) 462. 

Heppe (Guntershausen bei 
Kand) 403. 

Herbst Jul. (Nürnberg) 435. 
Hercher F. (Ahlen in Westf.) 
980. 

Herff 0. v. (Basel) 434. 545, 
1384. 

Hering II.E.(Köln) 1139,1272. 
Herrenschneider K. (Hamburg) 
523. 

Herrmann (Budapest) 1058. 
Herrnheiser G. 1141. 

Hertel (Straßburg i. Eis.) 361. 
Hertz R. 401. 

Herxheimev (Frankfurt a. M.) 
1166. 

Ilerxheimer K. u. F. Nathan 
(Frankfurt a. M.'i 493, 733. 
Herz 1138. 

Herz A. 1430. 

Herz M. (Sidney in Australien) 
49. 

Herzberg E. (Berlin) 981. 
Herzfeld (Halle a. S.) 490. 
Herzfeld E. (Berlin) 576. 
Herzfeld E. (Zürich) 1139. 
Herzfeld J. 25. 

Herzog 598. 

Herzog Th. (Basel) 1110. 
Herzog W. (München) 227. 
Hess 845, 1433. 
Hess(Koblenz-Ehrenbreitstein) 
713. 

Hess A. F. 817. 

Hess C. v. (München) 369. 

Hess L. (Wien) 10. 

Hess 0. (Köln) 986, 1300. 

Hess V. F. 1217. 

Hess u. Müller 707. 

Hesse 199. 

Hosse Erich (Berlin) 1328,1406. 
Hesse E. (Düsseldorf) 226 .1060. 
Hesse M. 80. 


Hesse R. u. F. Doflein 818. 
Heubner O. 256, 1203. 
Heubner W. 954. 

Heuer F. 401. 

Heusner F. L. (Gießen) 50. 

403, 521. 596. 627, 1084. 
Heusner Hans L. (Gießen) 1246, 
1272, 1359. 

Heusner H. L. (Köln) 1429. 
Hever K. u. F. Lucksch 1246. 
Heymann 465. 

Heymann A. 1034, 1217. 
Heymann Bruno (Berlin) 817. 
Heynemann (Halle a. S.) 493. 
Heyrovsky H. 285. 

Heyrovsky J. 1248. 

Hevrovsky J. (Wien) 22, 113, 
495. 

Hilbert 1278a. 

Hildebrandt 1194. 

Hilfrich (Berlin) 194. 
Hindhede 1195. 

Hindhede M. (Kopenhagen )842. 
Hinterstoisser II. 314. 1010. 
Hirano 371. 

Hirsch 110. 578, 821. 

Hirsch (Göttingen) 896. 

Hirsch C. (Göttingen) 1135, 
1166, 1299. 

Hirsch Cäsar (Stuttgart) 1009. 
Hirsch Edwin E. 315. 

Hirsch J. 496, 1363. 

Hirsch Jul. (Wien) 820. 

Hirsch K. (Berlin) 433. 

Hirsch M. 1361. 

Hirsch M. u. Th. Meißl 1060. 
Hirsch R. 173. 

Hirsch-Gereuth v. (Berlin) 110. 
Hirschbruch A. 570. 
Hirschbruch A. u. F. Diehl 650. 
Hirschbruch A. und L. Levy 
(Metz) 598. 

Ilirschel G. (Heidelberg) 80. 
Hirschfeld 1091. 

Hirschfeld (Berlin) 372, 767, 
1328. 

Hirschfeld F. (Berlin) 312, 344. 
Hirschfeld H. (Berlin)846,1058, 

1084. 

Hirschfeld u. Dünner (Berlin) 
106. 

Hirschfelder 1083. 

Hirschfelder u. ScLIutz 1109. 
Ilis W. 18. 293. 
llitzrot 977. 

Hnätek J. (Prag) 141. 
Hochenegg J. v. 230. 259, 287. 

317, 652, 1360. 

Hochhaus H. (Köln) 987. 1112, 
1166. 

Höher R. (Kiel) 316, 343. 
Iloeftmann 1197. 

Höftmann (Königsberg) 410. 
Ibilder H. (Tübingen) 18. 
Hönck 433. 

Hoepfl A. (Landshut) 227. 
Hörhammer A. (Leipzig) 1411. 
Hörhammer CI. (Leipzig) 816. 
Höst H. F. 868. 

Hofhauer L. 788, 1036, 1387. 
Hofer G. (Wien) 1386. 

Hofer lg. 601, 1359. 

Hoffa A. 819. 

Hoffa Th. (Barmen) 1299. 
Hoffbauer und Siegel 783. 
Hoffmann 141. 657. 

Hoffmann Aug. (Düsseldorf) 
980. 

Hoffmann E. (Bonn) 1110 
1251, 1271. 

Hoffmann M. 171. 

Hoffmann P. (Würzburg) 359, 
856. 

Hoffmann R. (München) 81. 

1085. 

Hoffmann R. S. 790. 

Hofmann P. 431. 


Hofmeier M. 109. 

Hofmeister F. (Straßburg i. E.) 
1009. 

Hofstätter R. 926. 

Hoguet J. P. 315. 

Hohlweg (Duisburg) 522. 
Hohlweg H. (Gießen) 331, 574. 
Hohmann G. (München) 171. 
Hoke (Komotau) 1086. 
Holländer 923. 

I Holler 24. 

Holler G. (Prag) 639, 668. 868. 
Holmgren Isr. 790. 

Holste (Jena) 841. 

Holz S. 843. 

Holzapfel K. 817. 

Holzbach E. (Tübingen) 373. 
Holzknecht 311, 341, 1136, 
1297. 

Holzknecht G. (Wien) 786. 
Holzknecht u. Wachtel (Wien) 
1084. 

Holzknecht. H. Wachtel. C. 
Weißenberg und R. Mayer 
(Wien) 761. 

Holzmann 1380, 1381. 
Holzwarth E. (Budapest) 713. 
Hornberger E. 983. 

Honigmann (Breslau) 140. 
Hoppe-Seyler (Kiel) 719. 
Hoppe-Sevler G. (Kiel) 1138, 
1334. 

Horn 1086. 

Horn (München) 651. 

Hornung R. (Rendsburg) 1059. 
Horvath M. v. 377. 

Ilorwitz H. (Berlin) 1060. 
Hosemann (Rostock) 434, 650. 
Hotz G. (Freiburg i. B.) 255. 
Howard Burt 764. 

Howard Rüssel 251. 
Hryntschak Tb. 1217. 

Hubert G. (München) 1140. 
Huchard 1135. 

Hudovernig 1113. 

Hiibener (Berlin) u. Reiter 
(Berlin) 1245. 

Ilübler (München) 255. 

Hübler F. 1010. 

Hübner 822. 

Hübner A. H. 1195. 
Hübschmann (Leipzig) 953. 
Hügelmann (Hohenmölsen) 
980. 

Hueppe (Dresden) 283. 
Hueppem (Dresden) 254. 
Hufnagel V. (Namur) 141 
Hufnagel V. jun. 870. 
Huismans L. (Köln) 490, 1037. 

1086. 

Hnnziker 1165. 

Hüssy P. (Basel) 545. 

Hutinel 369. 


■glauer S. 50. 

Indemans (Maastricht) 402, 
731. 

Irk V. K. 652. 

Jrons 872. 

Isakowicz 813. 

Israel 1. 678, 1091. 

Isschut 1086. 


Jacob P. (München-Eben- 
hausen) 732, 786. 

Jacobj <’. (Tübingen) 462. 
Jacobsohn (( harlottenburg) 
110. 1301. 

Jacobsohn L. 1433. 

Jadnssohn ,1. (Bern) 1065, 1096 
1273, 1406. 

Jaffe R. H. 600. 


Jaffe Hermann u. Pribram 
Ernst (Wien) 571. 

Jagiö N. v. (Wien) 69, 286, 435. 
Jakesch 496. 578, 629, 630 
1251. 

Jakob (Würzburg) 85, 657. 
Jaksch v. 1331. 

Jaksch v. (Prag) 82, 245. 
Jamison 1354. 

Jankau 1011. 

Jansen I). P. (Düsseldorf) 1300. 
Janssen Th. (I)avos*Dorf) 897 
1033. 

Janus F. (München) 897. 
Januschke H. 199. 

Jarno L. 600. 

Jaschke R. Th. 982,1087,1247. 
Jastrow Martin (Königsberg 
i. Pr.) 650. 

Jaworski (Krakau) 1166. 
Jaworski W. (Krakau) 1083. 
Jeger (Breslau) 343. 

Jehn W. (Zürich) 749. 
Jellinek St. 1141. 1249. 
Jenekel (Altona) 68, 114. 
Jendrassik E. v. 289. 

Jenison N. (New-York) 1302. 
Jerusalem M. 83, 287, 317.734, 
1361. 

Jesconek A. (Gießen) 313. 
Jesionek 342, 624. 

Jessen F. 8t)9. 

Jessen F. (Davos) 1300. 
Joachim 875. 

Joachimogiu (Berlin) 1057. 
Joannovics G. 1085. 

Jobling u. Petersen 281. 
Jochmann 1322. 

Jochmann (Berlin) 172, 370. 
J öd icke P. (Stettin) 628. 
Joettes K. W. (Berlin) 1358. 
Johan B. (Budapest) 1328. 
Johan B. jun. (Budapest) 841. 
Johannessohn 706, 707. 

John C. (Budapest) 712. 

John M. K. (Budapest) 841. 
Jolles 172. 1356. 

Jolly Ph. (Halle a. S.) 1428. 
Jonasz A. 680. 

Jonese.o Th. 758. 

Jores 1135. 

Jores R. 436. 

Joseph E. 1033. 

Joslin 951. 

Jottkowitz P. (Charlottenburg) 
4(51. 

Juckenack (Berlin) 1142. 
Jüngling (). 404, 435. 

Jürgens (Berlin) 465, 601. 
Jürgens (l'ottbus) 760. 

Jung C. G. 1275. 

Juspa V. 431. 


Kaess (Gießen) 194, 1108. 
Kaestle (München) 1222. 
Kaentle C. (München) 1033. 
Kaestle K. (München) 946. 
Kafemann R.( Königsbergi. Pr.) 
544. 

Kafka (Hamburg) 106. 

Kafka V. (Friedrichsberg-Ham- 
burg) 170, 1140, 1167. 
Kagan A. 401. 

Kahane M. 285, 762. 

Kahane M. (Wien) 1151. 
Kahler 1170. 

Kahleyse (Dessau) 81, 404. 
Kaiser Fr. J. (Zürich) 18. 
Kaiser n. Flrici 281. 

Kalberlah Fritz (Frankfurt a. 

M.) 581. 

Kalkhof 1112. 

Kall K. (Freiburg i. B.) 1216. 
Kalt 812. 


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INHALTS -VERZEICHNIS 


kaminer (Berlin) 570 
Kaminer »Siepfr. a. A. da Silva 
Hello (Berlin) 254. 

Karainer S. n. H. Zondek 
[Berlin; 97(1. 

Kammer £. 4t>4. 

Kämmerer 977. 

Kämmerer Paul 785. j 

Kamvel A. B. 50. 1 

Kißtor 1080. ' 

Kanromiriez L. 1034. 

Kaplans u. Mc. Heilands 414. 
Kaposi H. (Breslau) 572. 

Kapp Josef 1330. 

Käppis A. (Hagen i. Westf.) 48, 
198. 

Karl Friedr. (Berlin) 433. 

Karpas M. J. (New-York) 1302. 
Karplos J. P. (Wien) 285, 464, 
711. 1030, 1112, 1344. 

Kaspar 976. 

Kassowitz M. 82. 

Kastan Max (Königsberg i. Pr.) 
700. 

Kaslriner (Budapest) 899. 

Käthe 344. 

Katbolicky (Brünn) 901. 

Katz 1 , (Berlin-Wilmersdorf) 
1003. 

Karz W. (Berlin ;462,870,1Q85. 

Katz n. Salow (49. 

Katzenstein M. (Berlin )521.685, 

982. 

Kanffmann 1035. 

Kaufmann E. 282. 

Kaufmann J. (New-York) 574 . 
Kantmann M. i Wiesbaden) 313. 
Kaufmann h\ (Frankfurt a M ) 

398 ' 

Kmp J. (München) 373. 

KäupeW. (Bonn) 81. 

Kay^r P. (Berlin) 461. 521. 
w, 

KeenVVW. (Philadelphia) 763. 

Kel-r (Berlin) 1298. 

Kehrer E. (Bremen) 1211. 

Keiner H. o. K. Lindner 733 

Kelemen G. Ur, 7 , 

Kfüermann 50. 

Keltert E. 50. 

Kelley W. P. 895. 

G. 546. 

'Hamburg-Alsterdorf) 

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1 «.».i 1113. 

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1364. 1141, 

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Kiretein F. (Marburg a. d. Lahn) 

Kisch E. II. (Wien-Marienbad) 
163, 229, 680. 

Kiss J. (Budapest) 1222. 
Kisskalt K. (Königsberg i Pr ) 
226, 283, 461, 532, 626. 
Kisskalt K. und A. Friedmann 
(Königsberg i. Pr.) 461. 

Kiss^meyer A. (Kopenhagen) 

Kiyono 430. 

Klapp R. 198, 519. 

Klapp R. (Berlin) 1411. 

Klare (Elgershausen) 1428. 
Klarfeld D. (Tulln) 1387. 
Klaaber E. 1429. 

Klauber O. 819. 

Klaus O. 1141. 

Klausner E. (Prag) 1428 
Kleeblatt F. (Frankfurt a. M.) 

915. / 

Klein 707. 

Klein A. 1221. 

Klein A. (Wien) 22, 495 
[Klein A. Pulay 1220. 

Klein G. (Mönchen) 490 ]22 9 
Klein S. (Wien) 388. 

Klein W. 1360. 

Kleinberger (Agram) ] 10. 

Kleiner 1325, 1356. 

K 769 SChmidt H ‘ (Berlin) 1 (17, 

Kleisgel R. 199, 2?9 
Kleist 579. 

Klemm P. 494. 

Kieniper F., W. Oettinger c 
P. Rosenthal 844. 

Klemperer 1136. 

Klemperer u. Dünner 1301 
Klemperer G. (Berlin-Rei- 
mckendorf) 405, 767, 846 
Klemperer u. Zinn 228. 

Kl?sk A. (Krakau) 1157. 
Klieneberger( Königsberg) 951 
Klineberger 114. 

Kling (Stockholm) 106. 

Klinger J. (Budapest) 1277. 
Klmger R. u . Fonrman F 
(Zürich) 925. 

Klink 229. 

K 1 ?io ö - r H - (Frankfurt a. M.) 

1385. 

I Klopfer 1035. 

Klose E. (Greifswald) 881. 

Klose Erich (Greifswald) 1245. 

Klose H. (Frankfurt a.M.) 256 
K otz (Schwerin i. M.) 573. 

Klut Hartwig 818. 

K b«k) A 92i. (HambUrg - Barm - 
Kn g ® E - (Wien) 407, 

Knoblauch A. H . Quincke 
(Frankfurt a. M.) 870 

To P /o lmacher W ' (Wien) 51 > 
Knöpfeimacher W. u. (i. Bien 
(Wien) öl, 229. 

Knopf S. A. 199. 

tt|; (B f ock) ,083 - 

Ko°ch ra 674? ChÖneberg) 734 ' 

K0 end) (( 7 h 85 rlOttenbUrg -' VeSt - 
Koch E. 258. 

Koch F. J. 1297 . 

ir !! * ■ J - (Dresden) 651. 

Kmör A"'®?’ 5I - 437 - 815- 

7^ R ' ^ Frankfnrt a - M-) 433, 

Köbisch 1058. 

Köche W. (Berlin) 435 
Kocher Th. 1411 
Koebiscl, 1U5. 

K(ih,er O. (Greifswald) 141 


K ^ r P. (Bad Elster) 487, 
bol, <62. 

Köhler R. H 42 . 

Kolliker u. Basl 228. 

KoelschF.(München) 576 ,1329 
Koemgsfeld H. (Freiburg i. Br. ) 
1163, 1364 a, 1358. 

König 744. 

König (Beirat in Syrien) 953 . 
r- n ! g (Marburg a. L.) 197. 
Komgsfeld H. (Freiburg i Br) 
171, 284, 913. 7 

Koenig.fcld Harry u. Kabierske 
Fritz 646. 

Königstein A. 231. 

Königstein H. 260, 261, 1359. 
Korber 939, 871. 

Körbl H. 287. 

Körte 439, 440, 685. 

Kothner P. (Berlin) 650. 1009. 
Koetzle 599. 

KoflerK. 114, 54*. 854. 956, 
1217, 1332. 

Kohan 399. 

Kohlhardt HO. 

Kohn H. 233, 626. 

Kohner John A. u. Moshagi 
Emily L. 10*8. 

Kohnstamm 0.(Königstein i T) 
734, 1086. 

Ko ^ nst ? mm u - Oppenheimer 
(Königstein i. T.) 9 * 2 . 

Kokons D. (Athen) 89~ 

Kolb 731. 

Kolb K. 763. 

| Kolb K. (München) 1033. 

Kolb K. (Schwenningen a. N ) 
193, 761, 870. 

Kolisch R. 144. 

Kolisko A. 1168. 

Kollaris J. 172. 

Kolle (Bern) 262, 411 54 * 

Koller II. 926. 

Kollmann A. u. J. Jacoby 523 
Kolmer John A. 817. 

Kolmer John A. und Strickler 
Albert 681 . 

Kondoleun Emm. (Athen) 522 
Konjetzny G. E. 121 *. 

Konjetzny u. Weiland (Kiel) 
1386. 

Konschegg A. v. (Wien) 80, 652. 
Konschegg Artur v. u. Schuster 
Ernst (Wien) 10 * 3 . 

Kopaczewski 1355. 

Köper 228. 

Kopits E. v. 377. 

Korach S. (Hamburg) 372, 626 
1057. 

Koränyi A. v. (Budapest) 

232, 289, 1083. 

Korczynski L. R. v. 1360. 
Korczynski L. R. v. (Sarajevo) 

805, 858, 888, 1049, 1075. 
Korff-Petersen A. (Berlin) 1216. 
^ 899 Und B ^ mer (^ ’jcchocinek) 

Kornmann Frank (Davos) 490 
,1216. ’ 

I Kosmak G. W. (New-York) 

1302. 

Kossel H. (Heidelberg) 1409. 
Kottraaier (Hannover) 343 . 
Kottmaier J. 1142. 

KovAcs A. v. 84. 

Kowarschik (Wien) 492. 

Krabbel M. (Bonn) 896. 

Kraemer C. (Böblingen-Stutt¬ 
gart) 108. 

Kraemer F. (Frankfurt a. M.) 

18. 

Krämer R. 603. 

Kramer (Kiel) 600. 681. 

Kraske 1140. 

Kraske (Freiburg) 54, 679, 6*6 
Kraus 525, 1250. 

Kraus E. (Brünn) 871. 


345. 


Kraus Fritz (Prag) 564. 
Krans M. 143, 765, 871 
Kraus P.. 172, 491, 546, 652, 

Kr ?“ ® B - B^barä (Bnenos- 
Aires) 461, 680, 954. 

Kraus R. und B. Barbara 1141. 
Kraus R., Fr. Rosenbasch und 
0 . Maggio 1085. 
Kraus-Brugsch 1331 
Kraus K. n. S. Mazza (Buenos- 
Aires) 1139. 

Krause F. 463. 

Krause H. (Berlin) 1056 
Krause P. 342. 

Kranss H. (Ansbach) 80 , 

*1034 ^ (Hildesheim) 

Krecke 285. 

Kredel L. 492, 10 * 7 . 

Krefting R. (Christiania) 980 
Krehl v. 1137. 

Kreibich C. 762. 

Kreibich L. 400. 

Kremer G. M. und W. Niessen 
(Köln) o44. 

Kren 0. 231, 437, 926. 

Krez (Bad Reichenhall) 523. 
Krieg (Baden-Baden) 244 
Krikortz 790. 

Krjukow 400. 

Kristeller 1357. 

Kromaver (Berlin) 627. 

Krön (Berlin) 233, 576 
Kronfeld A. 374 . 

Kronfeld H. 1217. 

Kronheimer H. (Nürnberg) 81. 

Kfönig (Freiburg) 55 . 

Krönig B. (Freibürg i. B.)1166. 

Kroon J. P. H. (Amsterdarn)840 
Kruckmann (Berlin) H 95 
Krückmann E. (Berlin) 815 
Krüger 1405. 

Kriiger (Plauen i. V.) 492. 
Krüger-Franke (Kottbus) 106 

Krug 1060. 

Krüll J. (Rotterdam) 872 
Krummacher (ibbenbüen) 1 ()(; 

166. ’ 

Kr Jo‘8^ n84*P Z ^ HI10, 

Kühl H. 923, 1218. 

Kühl Walter (Altona) 9->4 
Külb- 1137, 1245. 

Kümmel 1169. 

Kümmel II. 250. 251, *>52 
Kümmel R. (Erlangen) ~388 
Kiimmell 547. 548. 

Küpferle u. v. Szilv 1170 
Küpferle und A. v.'Szilv (Frei 
hurg i. Br.) 924. 

Küster u. Günzler 982 . 

Küstner 0 . 406, 954 . 

Küttner 1252. 

Küttner (Breslau) 172. 

Kuh Rudolf (Prag) 1059. 

Kuhn 788. 

Kuhn E. 456. 

Kuhn Franz (Berlin - Schöne¬ 
berg) 679. 

Kobn^Ph. (Straßbarg i. E.)l 111 , 

Kuhn Ph. und B. Möllers 417 
478, 506, 556. 

Kuh nt 460, 1251. 

Kulka (Graz) 572. 

Kun R. (Wien) 765. 

Kunz Karl 1329. 

Kufak Marie (Wien) 1054. 

Knskow 1135. 

Kutscha E. v. 629. 

Kutscha E. v. (Neunkirchen) 

1196, 1303. 

Kutscher Fr. 1034, 1059. 

Kutschern v. (Nennkirehen) 

113. 

Kutschern A. R. v. 652. 


XXXV 

Kutzinski u. Marx m 
Kuzmik P. v. 318, 377 
Kuznitzky 1356. 

Kuznit/.ky (Breslau) 254 , 3 p> 
Kuznitzky E. und A. Bittorf 
(Breslau) 1166. 

K^nitzky M. (Köln a. Rh.) 
709. 

Kyrie J. 1387. 

Ky 7 r n J -£J\il or r° u <" ien > 

711 843, 1303, 1385. 

Kyrie 0 . 231. 


L, 285 mani1 (Landeck '• s<,| il.) 
Läven (Leipzig) H 4 , 411. 
Lüwen A. 545, 1141 
Lagrange 811, 812, 813 
Lafourcade 978. 

Lampe (Brüssel) 499 
Landau 1409, 1433 
Landau L. (Berlin-Schöneberg) 
r 2*>, 169, 652. 

Landgraf 1137. 

Landmann G. 733 . 
Landsberger 0 . (Wien) 792, 

10 /O. 

Landsteiner K. 629 l‘»j 
Lang J. 955. 

LangeC. (Berlin-Dahlem) 11 io 
, Lange F. 198. 

1 Lange Joh. 375, 492. 

Lange (Kopenhagen) 1192 . 
Lange (München) 319, (553 
Lange Sidney 342. 

Langemak 763, 925, 1359 
Langen, ( D. de 48. 

Langstein 985, 1112 , 1140 
Langstein Leo (Berlin) 626, 
649, 731, 788, 1086. 
Längstem L.u.L. F. Meyer 112. 
Langstein L. n. Iiott F. 1088. 

iJh L o 1 !' W Usener (Berlin) 

1 ob, 368. 

Lanz 286. 

Lapersonne de 812. 

Lapham Mary E. (Ilighlands 
-N. C.) 1302. 

Lapinski (Basel) 493. 

Laqueur 233, 875. 

Laqneur A. (Berlin) 347 . 436 
786, 1425. 

Laqueur E. (Groningen) 1111 . 
Laqueur (Wiesbaden) 785 . 
Lateiner-Maverhofer u. St liev 
(Wien) 1273. 

Latzer (Brünn) 901. 

Latzko W. (Wien) 1303. 1413 
Laube 1008. 

Lauber H. u. K. Heuning 407 
Laudenheimer (Alsbach) 1111 . 
Lauenstein C. 817. 

B^ritzen (Kopenhagen) 109, 

Lawner 1061. 

Lazarus P. 1091. 

Lazarus-Barlow 1406. 

Bedderhose G. (Straßburg) 

Lederer 368. 

Ledermann R. (Berlin) 576. 

Lee R. J., Vinzent B. u. O. H 
Robertson 1113 . 

Lee 8 . F. 199. 

Leguen 759. 

Lehmann E. 680. 

Lehmann W. (Würzburg) 344 . 
Lehmann u. Trentlein 1326. 
Lehndorff H. 406. 

Leighton Will. 926 . 

Leipen 0 . (Wien) 792, 845. 
Leischner (Brünn) 901. 

Lengnick IL (Tilsit) u. (). Weiß 
(Königsberg i. Pr.) 1033. 


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Original frn-m 

UNiVERSUY OF (OWA 





XXXVI 


Lenhossek M. v. (Budapest) 169. 
Lenk Emil (Darmstadt) 1245. 
Lennhoff 0. (Berlin) 198, 576. 
Lenz F. 1300. 

Lenz ((ließen) 404. 

Lenz (Lichterfelde) 21. 

Lentz 0. (Berlin) 489. 
Lenzmann 255. 

Leo 657. 

Leonbacher 114. 

Lerch 0. (New-Orleans) 1113. 
Leriche 950 979. 

Leschke Erich (Berlin) 49. 373, 
649, 731, 929, 1193. 1328. 
Lespinasse V. D. 200. 

Lesscr E. (Berlin) 21. 

Lesser F. (Berlin) 18. 

Lester .1. Mc. u. B. Frazier 1114. 
Leubnscher P. 1060. 

Leva J. (Straßburg) 1266. 
Leven (Elberfeld) 1379. 

Levy 869. 

Levy (Cöln-Bayenthal) 1215. 
Levy-Dorn (Berlin) 1383. 

Levy-Dorn M. (Berlin) 896. 
Levy-Dorn u. Baxmann 1297. 
Levy F. 1216. 

Levy Fritz 523. 1084. 

Levy Ludw. 490. 980. 

Levy Mar". (Berlin) 1193. 
Levy W. 286. 843. 

Levy S. (Köln-Baventhal) 870, 
897. 

Levy (Berlin) u. Wolff (Berlin- 
Wilmersdorf) 405. 

Levinson A. (Chicago) 197. 
Levinson L. A. 494. 

Lewa J. (Straßburg i. E.) 816. 
Lewandowski A. 1062. 
Lewandowsky M. 203. 

Lewin L. (Berlin) 462. 
Lewinsohn B. (Altheide in 
Schlesien) 170. 

Lewinsohn Jos. (Breslau) 313. 
Lewis 1355. 

Lewis Sayre Atace 735. 

Lewis und Withe 705. 

Lewis, Withe u. Meakins 705. 
Lewisohn Richard (New-York) 
651. 

Lewitt (Dresden) 345. 

Lewitus 763. 

Lewy J. 1330, 1357. 

Lewy J. (Freiburg i. B.) 871. 
Lexor 115, 546, 547. 
Lichtenstein (Leipzig) 1358. 
Lichtenstein Stephanie (Berlin) 
922. 

Liehtenstern R. 201. 
Lichtenstern R. (Wien) 1246, 
1303. 

Lichtwitz (Göttingen) 520. 

1109, 1356. 

Lichtwitz L. 955. 

Lichtwitz L. u. Fr. Bock (Göt¬ 
tingen) 1193. 

Lieb Charles 735. 

Liebe G. (Waldhof - Elgers¬ 
hausen) 18, 200, 784. 
Liebenthal 111. 

Liebermann L. V. 435, 952. 
Liebermann L. v. jun. (Buda¬ 
pest) 1194. 

Liebermann L. v. n. D. Ac*'l 
(Budapest) 979, 1215. 1222. 
Liebermann L. v. und J. Acel 
(Budapest) 17. 

Lieber! (Ulm) 508. 

Liebmann A. 1088. 

Liebmann E. 763. 

Liebold Hans 628. 

Liefmann E. 788. 

Licfinann H. (Dortmund) 374. 
I.ierW. 231, 261. 

Liesegang R. E. 492. 

Lieske (Leipzig) 432, 1031, 
1058, 1139. 1244. 


Lihotzky G. 900. 

Lilienfeld I. E. 1297. 

Linck (Königsberg i. Pr.) 110, 
405. 

Lindbom 0. (Stockholm) 1349. 
Linden v. (Bonn) 170. 

Lindner E. (Linz a. D.) 491, 
604, 813. 

Linhart W. (Graz) 108. 

Link R. (Pforzheim) 1059. 
Linker F. 763. 

Linser (Tübingen) 751, 832. 
Lint van 812. 

Linz i Koblenz-Ehrenbreitstein) 

713. 

Lipman C. B. nnd P. S. Burgess 
895. 

Lipowski 943. 

Lipnwski (Bromberg) 1133. 
Lip]> H. (Stuttgart) 142. 522. 
I,ip3chütz B. 981. 1010. 1085. 
1217. 

Lißmann P. 784. 

Litzner (Bad Rchburg) 953. 
Ljungdahl M. 1055. 

Lloyd J. FI. (Philadelphia) 1113. 
Lobaczewski A. II. v. 573. 
Lobedank 316. 

Lohmeyer G. v. 318. 

Lockwood 1135. 

Lockwood Bruce 653. 

Loeb FI. (Mannheim) 402. 

Loeh (Wiesbaden) 1244. 
Löhlowitz J. (Olmütz) 1268. 
Löffler W. < Basel i 1271. 

Löhe 650. 

Löhn borg E. 652. 

Löhnis F. u. J. Hanzawa 895. 
Loele W. 432. 

Lörcher 70*.), 1217, 1429. 
Löscher 491. 

Locvenburg B. A. 200. 

Löw J. 733. 

Loewo (Göttingen) und Lange 
(Berlin) 574. 

Loewenfeld L. 173. 

Löwen leid L. 1273. 

Löwenfeld W. (Wien) 434. 
Löwenstein (Berlin) 1086. 
Löwenstein E. (Berlin) 1141. 
1194. 

Löwenstein Ernst (Wien) 1058. 
Loewenthal S. (Braunschweig) 
u. J. Nienhold (Berlin) 981. 
Löwy (Wien) 738, 818. 

Löwy J. (Prag) 728. 

Löwy .). 53, 652. 926. 

Löwy M. 1141. 

Löwv 0. (Wien) 729, 792, 1167, 
1245, 1385. 

Lommel 1137, 1326. 

Longard 0. 570. 
Lonicer(Königsberg i. d. N.-M.) 
779. 

Lorenz A. 259, 681, 734. 
Lorentz Friedr. 764. 

Lorentz F. u. F. Kemsies 50. 
Lossen K. (Frankfurt a. M.) 
314. 

Lotheissen G. (Wien) 603, 711, 
1196. 

Lovelt W. R. 926. 

Lubarseh 0. (Kiel) 1032. 

Labe F. (Braunschweig) 1410. 
Lublinski W. 626. 

Lucas Val. 435. 

Luck 1137. 

Lucksch F. 843. 

Luders R., Emmert I., Better 
Otto (Berlin) 679. 

Lüdke II. (Würzburg) 344. 
Ludlof (Frankfurt a.M.) 1305. 
Ltith W. (Thorn) 141. 

Luit bien F. 680. 

Lundmark 789. 

Lutz (Berlin-Pankow) 432. 
Lydston F. (Chicago) 82. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Lyman Wilbur R. 1302. 

Lyon E. (Spa. Belgien) 1399. 
Lyster W. 1114. 


JlaaseC. u. H./ondek (Berlin) 

433, 868, 980. 

Mach (Brünn) 902. 

Machold B. (Gütlingen) 645. 
Macht I. David 600. 

Machwitz H. n. II. Rosenberg 

(Charlottenburg-Westend) 

1110 . 

Macke 986. 987. 

Madelung (Straßburg) 49. 196. 
374. 

Mager (Brünn) 901, 984. 
Magnus Georg (Marburg) 615. 
1287. 

Magnus-Levy (Berlin) 107. 
Mahn (Noisse) 1358. 

Maillet u. Ai me 371. 

Maixner E. und A. v. Decastello 
(Wien) 14. 

Malaien G. II. (Philadelphia) 
1087. 

Malartie 950, 978. 

Manasse Paul 1246. 

Mandel I). 232. 

Mangold E. 436. 

Mankiewicz Otto (Berlin) 250. 
Mankiewicz 758. 

Mann G. 1141. 

Mann L. (Breslau) 602. 

Mann L. (Mannheim) 897, 9G3. 
Mansfeld G. (Pest) 228. 
Maragliano E. 55. 

Maragliano sen. 55. 
Maragliano V. 55. 

Marburg 0. 174. 287. 464. 577, 
602, 735, 1036. 1220, 1248! 
Marburg 0. u. E. Ranzi (Wien) 
143. 256, 762. 

Marchand 1135, 1137. 
Marchand F. 286. 

Marcovici E. 199, 926. 1011, 
1141. 

Marcovici E. n. E. Prihram 
1141. 

Marcovici E. und Schmitt M. 
1061. 

Marcus 0. 1302. 

Marek R. 680. 

Mareseh M. 404, 1141. 
Maresch R. 1115, 13S7. 
Mareseh R. (Wien) 737. 
Marincsco (Bukarest) 19. 
Markiewicz S. 871. 

Markoe (New-York) 1219. 
Marons (Berlin) 49. 
Marsehalko Th. v. (Kolozsvar) 
373. 

Marshall E. R. 653. 

Martens 985. 

Martens (Berlin) 54. 869. 
Martin 175. 

Martin C, (Breslau) 568, 1424. 
Martin G. (Rottvveila.N.j 1009. 
Martin II. 1135, 1323. 

Martini E. (Birkenhof 1>. Greif- 
fenherg i. Schl.) 80. 
Marwedel u. Wehrsig 897. 
Marx 897. 

Maskell R. 735. 

Materim A. u. R. Penecke 573. 
Mathews 951, 977. 

Mathilde u. R. Graßberger 374. 
Matko J. (Wien) 738, 791, 792. 
1060. 

Matthes M. 1166, 1300. 
Matthes M. u. A. Kannenberg 

434. 

Matti II. (Bern) 761, 787, 926, 
954, 1427. 

Mattison 1356. 

MatyiisM. (Klausenburg) 1141. 


Mauthner J. 1273. 

Mauthner 0. 21. 

Mautner Hans und P. E. Pick 
(Wien) 1009. 

Mavendorf N. v. 1219. 

Mayer A. 1239, 1331. 

Mayer A. (Tübingen) 208, 282, 
869, 933. 

Mayer (Berlin) 226. 

Mayer C. (Innsbruck) 1017. 
Mayer L. (Berlin) 760, 786. 
Mayer M. Hamburg) 108. 
Maver (New-York) 708. 

Mayer 0. 408. 654. 92S. 

Mayer Theod. (Berlin) 310. 
Maver Willi. (Tübingen) 545, 
599. 

Mayer und Möllenhauer 709. 
Mayerhofer Ernst (Wien) 642, 
787, 1398. 

Mayo W. 951. 

Mazza S. 199, 652. 

Meakins 705. 

Medak E. (Wien) 24. 

Medak u. Prihram (Wien) 815, 
841. 

Meck und Eyster 705. 

Mehliß (Magdeburg) 80, 462. 
Meisel (Konstanz) 491. 

Meißen und Salzmann 282. 
Melchior 1086. 

Melchior (Breslau) 196. 
Melchior E. 79, 257. 

Meller 813, 1007. 

Meitzer 731. 

Meitzer (New-York) 372, 544. 
Meitzer0. (Freibergi.Sachsen) 
571. 

Mende v. 812. 

Mendel (Essen) 228, 679, 816. 
Mendel K. 170, 575. 
Mendelsohn H. 285. 

Mense 1231. 

Menzer 1383, 14()9. 

Menzer (Bochum) 55, 85, 411, 
499, 657. 

Merkel F. 628. 

Merker 895. 

Merkle 1111. 

Merrit A. H. (New-York) 1113. 
Mertens Y. E. (Hindenburg, 0.- 
S.) 491. 

Messersclmiidt Th. (Straßburg 
i. Eis.) 521. 

Mettenheimer H. v., F. Dötzky 
und F. Weihe 82. 

MetzC. (Wetzlar) 841. 

Meyer 263, 285, 785. 1083. 
Meyer Artur, Köln 621. 

Meyer Bruno (Berlin) 785. 
Meyer C. (Danzig) 733. 

Meyer E. (Königsberg i.Pr.) 17. 
80, 4t >2. 

Mover Fritz M. 312. 544. 
Meyer F.M. (Berlin) 979, 1130, 
1139, 1167, 1215. 1272. 
1410. 

Meyer H. 1405. 

Meyer H. und Ritter 311. 
Meyer (Lübeck) 598, 1085. 
Meyer, Lübken u. Brock 1297. 
Meyer R. (Frankfurt a. M ) 844. 
Meyer W. Arthur (Heidelberg) 
1010. 

Meyer v. u. F. Kraemer (Frank¬ 
furt a. M.) 49. 

Meyerhoff 812. 

Meyers Y. C. (New-York) 953. 
Meyrich 0. 840. 

Michael Max 809. 

Michaelis Leonor (Berlin) 312. 
Michaelis P. (Dnisburg a. Rh.) 

802, 599. 

Michaud 1322. 

Michelsen K. (Refnes in Däne¬ 
mark) 284. 

Miescher G. 1218. 


Milko W. (Budapest) 712. 
Miller J. A. 199. 

Miller D. T. (Terre Haute. 
Indiana) 1302. 

Mills Ch. K. (Pennsylvania) 
199. 

Milner (Leipzig) 18, 463, 709. 
Miloslavich E. 546. 

Mingazzini 789. 

Minor 758. 

Mirtl C. (Graz) 373. 

Misch J. (Berlin) 576. 

Misch P. (Charlottenburg) 196, 
430, 840. 

Möglich 0. (Düsseldorf) 762. 
Mühring B. 286. 

Mohr 986, 987. 

Molisch 1405. 

Möllers (Straßburg) 85. 
Moench W. S. (Berlin) 842. 
Mönckeberg J. G. (Düsseldorf) 
108, 257. 

Mörchen (Wiesbaden) 921. 
Moewes C. (Berlin-Lichterfelde) 
1328. 

Moffet R. D. (New-York) 1274, 
1302. 

Mohorcic Heinrich (Graz) 1009. 
Mohr F. 175, 845, 607. 
Moldovan Jul. 955. 

Moll A. (Berlin) 710. 817. 

Moll L. 683. 

Mol low W. 763. 

Molnär B. 203, 733. 

Momberg 1 679. 

Monakow C. v. 82, 654. 
du Mont 1329. 
du Mont (Eisenach) 1084. 
Monti R. 524, 926, 1246. 
Moraczewski v. (Karlsbad) 
1165. 

Morawetz G. 680, 1361. 
Mordziol 1143- 
Morelli 55. 

Morgenroth 370. 

Morgenstern II. (Magdeburg- 
Sudenherg) 1328. 

Morian R. 843. 

Moritz (Köln a. Rh.) 80, 497, 
733. 

Moro N. 1217. 

Mörtelli 678. 

Morton II. H. (Brooklyn) 735. 
Mosbacher Ed. 1193. 
Mosbacher Ed. (Kassel) 732. 
Moser II. und A. Arnstein 787. 
Moser (Zittau) 1429. 
Moskowitz lg. 926. 

Messe 1091. 

Most (Breslau) 1010. 
Moszkowicz L. 1387, 1431. 
Mouret u. Bourques 368. 

Much 1380. 

Much H. 200. 

Much u. Eichelberg 1380. 
Much 1L (Hamburg) und 
W. Müller (Davos) 979. 
Mucha V. (Wien) 1276. 

Muck 0. (Essen) 761. 

Mühlens, Hegeier und Canaan 
651. 

Mühlhaus R. 600. 

Mühlmann Er. (Stettin) 760. 
Mühsam H. (Berlin) 48. u76. 
Mühsam R. 19. 

Mühsam (Berlin-Moabit) 1358. 
Mülhens (Eitorf) 302, 434 ; 891. 
926. 

Mueller A. (München) 18, 84. 
171,198, 202. 288, 407, 408. 
629. 

Müller (Berlin-Kummelsburg) 
1165. 

Müller C. 816. 

Müller Ch. 1165. 

Müller H. v. 523. 

Müller L.R. ( Würzburg) 1271. 


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Original fram 

UNIVERSUM OF (0WA 





INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXXV U 


Malier 0. (Tübingen) 1230, 
(M. 11365. 

Müller Faul il'lni) 763. 

Müller P. Tb- (6™^ 1385- 
Malier P. (Wien) 1)7)3. 

Müller K. 1-134. ^ 

Müller (Rostock) 7)47. 5/9. 
Müller W.B. IBerlin) 981,1193. 
Möller V. (Davos) 1)7)3. 
Üuller-Dehwn A. v. 572. 
tfacch L. (Krems) 113. 

Münch W. (Frankfurt n. M.) 
i;78. 787. 

Männich 1300. 

Munter 270. 

Münzer A. (Berlin-Charlotten- 
Ininri 7M. 343. 

MünikerF. «Wien) 457. 

Munk Fritz 267. 

Murphy J. B. 7)0. 

Mn-thold 440. 

Maskat« L J. J. (Amsterdam) 
|)7I>. 

Mn-er J. H. und L B. Krumb- 
haar 402. 

Mutsfhenbaclier Th. v. 318. 


Xidolecznv 733. 

Nif H. 1218. 

Nigeli 0. 871 - 
N ihter 85, 657. 

NTgeUehmidt (Berlin 1319. 817. 
Norath A. 82. 

Nathan (Frankfurt a. M.) 1328. 
Nathan (Koblenz-Ehrenbreit¬ 
steinl 7l3. 

Nehrniz 8M8. 

Neisser A. (Breslau) 140, 404, 
454. 511. 873. 598, 1139, 
IM 1358. 

Seil H. I, Mc. 574. 

Nebrn Kent 315. 

Xdaon Charles Hogh und 
Samuel Lepsitz 704. 

Neton>ek M. 401, 430, 432. 
Neuer 1381. 

Neuer E. 145. 250. 

Nentert 25. 

Neihurger 441. 

Neufeld F. (Berlin) 172. 365. 
Neoffer t&l. 

Nenjebaaer F. 374. 

-W^aner 0. 231, 201, 437. 
X-nter H. 1330. 

Neahof 8. (New-York) 316. 
Seanann B. (Krems) 19, 82, 
NI 191), 230, 084, 1090. 
Neumann W. 1117, 1384. 
Neomann \Y. (Gießen) 461. 
Seumayer L. (München) 343. 
Ntumayer V. L, (Kljur, Bos¬ 
nien) 842, 1193. 

Neomeister 492. 

Nenmeister K. 1273. 

Neurath R. 1387. 

Neurath R. (Wien) 51. 

N-=mser E. v. 173. 

N«ustadtl R. 1429. 

Ncoätaedier M. (New-York) 
1362. 

^ostiner 1086. 

^entra W. 174, 340. 

Xearoment S. W. (Philadel¬ 
phia) 1011. 

Hel 2,.15, 441. 

Hhi (Berlin) 000, 653, 706. 

Vögelmann 705. 

HAI n. K. 315. 

^ M. 898. 

Memann A. «82. 

^‘un A. (Berlin) 1299. 
•^(Schwerin i.M.) 1246, 

v. Mayendorf 818. 

><ack Y. 430. 


Nobel E. (Wien) 737, 870. 

Nobel E. u. L. Neuwirth 954. 

Nobl 0. (Wien) 96, 232, 261, 
437. 

Nocht B. u. Halberkann J. 
(Hamburg) 571. 

Nocht u. F. Halberkann 1167. 

Noder A. 600. 

Noeggerath C. F. u. E. Sehot- 
telius (Freiburg i. Br.) 1110. 

Noeggerath C. T. 343. 

Noehte (Halle a. S.) 80, 284, 
1193. 

Nonne M. (Hamburg-Eppen¬ 
dorf) 313, 501, 527, 655, 767, 
847, 849, 948, 1380. 1391, 
1418. 

Noorden C. v. (Frankfurt a. M.) 
257, 267, 461, 930, 1034, 
1086. 

Noorden n. Caan 1035. 

Nordmann 0. (Berlin) 3, 29, 
77, 222, 375, 436. 

Nothmann (Neukölln-Berlin) 
653. 

Notthafft v. 897. 

Novak 1326. 

Novak J. n. 0. Borges 763. 

Novotny I. 652. 

Nürnberger Ludw. (München) 
760. 

Nußbaum Ad. (Bonn) 762, 786. 

Nyäry L. (Pozsony) 1110. 

Nyström G. 1194, 1360. 


Ob6 M. (Straßbarg) 571. 
Obersteiner H. (Wien) 464,654. 
Ochsenius K. (Chemnitz) 1428. 
Oeconomakis (Athen) 602. 
Oeder (Dresden) 196, 544, 570, 
1215. 

Oehlecker 1434. 

Oehlecker F. 763, 817. 

Oehler 341. 

Oelhafen H. 400. 

Öesterreicher 53. 

Oettinger (Ciechocinek) 082. 
Ohmes A. K. 199, 

Ohm 460. 

Oigaard A. 1301. 
Okolitsänyi-Kuthy D. v. 1013. 
Oldag (Meißen) 598. 

Oliver 788. 

Olivieri 1357. 

Ollendorff K. 492. 

Ollino Giov. (Genua) 520. 
Oloff (Kiel) 285, 1063, 1166. 
Olshausen K. v. 983. 

Onodi A. (Budapest) 1277^ 
Opitz (Berlin-Lichtenberg)538. 
Opiiz H. (Bremen) 924. 

Oppel A. 628. 

Oppenheim M. 1431. 
Oppenheim M. u. M. Schlifka 
1432. 

Oppenheim 372, 818, 1136, 
1194, 1298. 

Oppenheim Franz (München) 
680, 1060. 

Oppenheim H. 19, 232, 405, 
576, 725, 734, 920,1112,1279. 
Oppenheim M. (Wien) 230,232, 
261, 711, 1385. 

Oppenheimer (Berlin - Grune- 
wald) 106, 140. 
Oppenheimer Rudolf (Frank¬ 
furt a. M.) 905. 

Oppenheimer u. Gottlieb (New 
York) 815. 

Oppolzer 1194. 

Orlowaki 1386. 

Orszuy 0. (Budapest) 1277. 
Ortenatt (Bad Reichenhall) 981. 
Orth 0. (Forbach i. Lothringen) 
10,610,734,981,1142,1358. 


Ortner N. (Wien) 22, 81, 144, 
288, 791, 1221, 1332. 

User E. 1414. 

Oswald A. (Zürich) 544, 816, 
1112, 1412. 

Ottiker F. 401. 

Otto (Berlin) 1328. 


PäßlerO, (Dresden) 1062.1301. 
1330. 

Pagel J. L. 682. 

Pagenstecher A. H. (Wiesbaden) 
1329. 

Päl J. (Wien) 22, 683, 1137. 
Palepki J. O. (New-York) 1087. 
Paltauf R. (Wien) 23, 83, 404, 
495. 577, 683,711,737, 738, 
1196, 1303. 

Pamperl R. (Prag) 1102, 1126. 
Paneth L. 1398. 

Pape H. (Nordhansen) 373. 
Papendieck K. M. 522. 
Pappenheim u. Groß 1061. 
Pappenheim und Fukushi 431 
Paquin 110. 

Parassin J. (Budapest.) 712. 
Parelstein M. und J. Abelin 
(Bern) 1033. 

Parhon C. 81. 

Parkes Weber F. 399. 

Parodi U. 55. 

Partos Alexander 611, 1132. 
1211 . 

Partos (Genf) 283. 

PatryG. 1218. 

Patton J. M. (Chicago) 764 
Paul G. 572. 

Paul (Holle a. 8.) 1300. 
Paulikovics E. 549. 

Paunz M. 318, 368. 

Pawlow 736. 

PayrE. (Leipzig) 108, 171.579, 
686 , 926, 1140. 1244. 

Peck 977. 

Pedersen C. Y. (New-York) 1011 
PehamH. 900. 

Peiper Erich (Greifswald) ßoü 
Peiper (Stettin) 520. 

Peiser A. (Posen) 709, 842. 
Peiser H. (Blankenfelde) 140 
193. 

Pel (Amsterdam) 402. 
Pels-Leusden P. 375. 
Peltesohn S. (Berlin) 1193. 
Peperliowe H. 1329. 

Perlmann Anna 434. 

Permin 623. 

Pemet 623- 

Perthes (Tübingen) 54, 55,228, 
434, 439, 463, 679, 1411. 
Perutz 233, 657, 1141, 1276. 
Perntz A. u. Gerstmam» 1220 
Petermann (Bielefeld) u. 

Hancken 126, 205. 

Peters 263, 981, 1296. 
Petraschky (Danzig) 197,1111 
1272, 1385. 

Peyer W. 572, 92;>. 

Pfahler Gge. E. 818. 

Pfänner W. (Innsbruck) 1100. 
Pfeiler (Bromberg) 1139. 
Pfeiler\V. u. G. Scheyer (Brom 
berg) 403. 

Pfeilstücker W. 1131. 

Pfister H. 616. 

Pflaumer E. (Erlangen) 491. 
Pfungen v. 843, 1411. 

Philip Caesar (Hamburg) 1084 
Philippsthal u. S. (Rummels 
bürg) 313. 

Photakis B. (Athen) 1271. 
Pibram B. 0. 1141. 

Pichler R. (Villach) 373. 

Pick 788. 

Pick A. 52, 346, 655. 


Piek F. (Prag) 1389. 1416a. 
Pick J. (Berlin) 891. 

Pick Karl 1292. 

Pick W. 232, 1217. 

Pick E. P. u. R. Wasickj 762. 
Pilcher P. M. (Brooklyn) 735. 
Pilsbury L. B. 50. 

Pincus’l Berlin) 924, 1037 _ 
Pincussohn L. (Berlin) 197. 
Pinczower A. 681. 

Pinkus Felix (Berlin) 239. 

Pinsch Hayward 340. 

Piorkowski M. (Berlin) 171, 
255. 

Pironneau 370. 

Pirquet Frh. CI. v. (Wien) 51, 
374, 407, 954. 

Pisek W. 288. 

Placzek 948. 

Plange W. u. II. Schmitz 
(Dresden) 403. 

Plaschkes S. (Wien) 651, 1246. 
Plate (Hamburg) 767. 

Plaut 1381. 

Plauth 923. 

Piitek (Triest) 55. 

Ploeger Aug. 599. 

Podmanirzkv v. (Budapest) 
1057. 1013, 1060. 

Pöhlmann A. 1359. 

Pöllhofer J. 114. 

Pötzl 0. 464. 

Pohl A. (Berlin) 1329. 
Pollatschek E. 203. 

Pollitzer S. (Xew-York) 1011. 
Po Iva E. 549. 

Pommer G. 286. 

Pope Saxton 1088. 

Popoff M. (Sofia) 1216. 
Poppelreuter W\ (Köln) 462. 
Popper H. (Wien) 261. 885. 

1032. 

Portes Max 626. 

Porges O. 288, 289, 652. 
Porges (Wien) 1273. 

Porges <). u. A. Leimdörfer 
(Wien) 219. 

Porosz M. 464, 1304. 

Port u. Euler 463. 

Porten E. v. der (Hamburg) 
107. 

Porter L., A. Huffacker u. 

A. Ritter 1247. 

Portner E. (Berlin) 648, 704. 

730, 783, 809. 

Porzelt W. (Würzburg) 491. 
Posner O. (Berlin) 140. 283. 

738, 767, 1244. 

Possek R. 573. 

Potpcschnigg K. 171. 

Powiton W. 1428. 

Pozzi 977. 

Praetorius A. 141(5. 

Prantner V. 201. 404. 
Prausnitz 923, 1272. 

Pregl (Graz) i 10, 376. 

PreisC. 1364. 

Preisieh K. 232, 318. 
Preüburger Rudolf 673. 
Preysing (Köln) 26, 793. 
Pribram Br. 23. 

Prihram E. 172, 408, 407, 681, 

1221 . 

Prihram H. 681, 763. 

Pribram E. 1430. 

Pribram 0. 1193. 

Pribram (Prag) 1303. 

Pribram (Wien) 979, 1008, 
1058. 

Prieö 650. 

Pringsheim H. (Berlin) 894. 
Pringsheim J. (Breslau) 1190, 
1213, 1242. 

Prinzing Fr. (Ulm) 1329. 
Prochownick L. 374, 1087. 
Proescher F. (Pittsburgh) 82, 
923, 1008. 


Proust K. 253. 

ProwazekS. v. (Hamburg) 109. 
Pulay E, 1432. 

Pulay E. (Wien) 897, 1330. 
Pulvermacher (Berlin) .»20. 
Pnpovac D. 229. 

Pappel E. (Mainz) 18. 

Purjesz (Klausenhnrg) 1301. 
Purrucker W 7 . 1330. 

Butter 1084. 


4|uadri Giov. 402. 

Qnanter Rudolf 785. 

Quantz 922. 

Quarella B. 601. 

Quarelli G. u. F. Negro (Turin) 
72. 

Quenu 977. 

Quervain F. de (Basel) 872, 
951, 1163, 1331. 

Quigley 3. 11. 789. 

Quincke 631, 930. 

Quinke (Frankfurt a. M.) 1304. 


Raab (>. (München) 816. 

Rabe F. (Sonderburg) 403. 
Uadicke 1433. 

Radon int- D. 23, 1430. 

Radonieie K. 288. 

Uaimann E. 1361. 
llaiziss u. Dabin 1356. 

Kall (Eppendorf) 403. 

Randall A. 375. 

Randolph M. 653. 

Ranzi E. (W T ien) 22, 113. 174, 
175, 259, 733, 1248, 1415. 
Ranzi u. Marburg 1112. 

Rapp H. (Heidelberg) 761. 
llaths C, 492. 

Ltatner 494. 

Lauch Jauina (Wien) 672. 
Rauch Rudolf 626. 

Rnudnitz 1389, 1416 a. 
Rautmann H. (Chemnitz) 575. 
Heber 813. 

Recklinghausen v. 250, 1135. 
Reckzeh P. 17, 18, 167. 223, 
983, 1083, 1409. 

Redlich E. (Wien) 88,143,287. 

469,577,602,735.1036,1220. 
Redlich E. u. E. Lazar 983. 
Redwitz E. v. (Würzburg) 18. 

925, 1193. 

Reed H. S. u. B. Williams 895. 
Regaud u. Cremien 342. 
Regehly 1355. 

Reh 55. 

Rehfisch 1383. 

Rehfuß Martin 653. 

Rehfuß M. E. u. Ph. B. Hawk 
315. 

RehnL. (Jena) 440,547, 686. 
Reibmayr Hans (Wien) 571. 
Reich Zdyislow 601. 

Reichardt M. (Würzburg) 576. 
Reiche F. (Hamburg-Barm- 
beck) 255, 282, 731, 842, 
867, 1166. 

Reiche P. 142. 

Reichel (Chemnitz) 578, 685. 
1034. 

Reichl 438, 496. 

Reichmann Frieda (Königsberg 
i. Pr.) 708. 

Reichmann V. (Jena) 842,1428. 
Reilty A. Robert u. Paelter E. 
Jesse 927. 

Reimann H. (Baden) 346, 577. 
Reines S. 1196. 

Reingruber (Göttingen) 573. 
Heiß E. (Frankfurt a. M.) 1110. 
Beiss E. u. Johanna Hertz 
(Frankfurt a. M.) 1033. 


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Gck igle 


Original frn-m 

UNiVERSUY OF IOWA 



XXXVIII 


INHALTS -VERZEICHNIS. 


Reiter H. (Königsberg) 570, 

1110 . 

Reitsch (Hamburg) 953. 
Reitter R. v. (Wien) 791. 

Relly H. T. 681. 

Rembold v. (Stuttgart) 897. 
Remlinger 1185. 

Remsen ( h. 199. 

Rethi L. 492, 548, 1330, 1362. 
Keusch W. (Stuttgart) 1359. 
Keuss A. v. 370, 1273, 1370. 
Kenss A. v. und M. Zarfl 734. 
Reuter (Koblenz-Ehren breit¬ 
stein) 713. 

Reuter M. (Nürnberg) 1084, 
1358. 

lteye E. (Hamburg) 49. 
Revhers 342. 

Reyn A. 1406. 

Reynolds E. 1360. 

Reinicek R. 315, 464, 1112. 
Rhein M. (Straßburg i. Eis.) 

434, 674, 680, 923. 

Rhese 1225. 

Rhoinberg B. 1273,1359,1360. 
Ribbert H. (Bonn) 286, 402, 
1009, 1117, 1251, 1331. 
Richter 175, 978. 

Richter A. (Kiel) 842. 

Richter (Berlin) 196. 

Richter J. (Wien) 766. 

Richter (Königsberg i. Pr.)403. 
Richter P. F. 497, 1330. 
Richter (Schwelm) 778. 

Ridder 340. 

Riedel (Jena) 81, 196, 405. 
734, 793, 815, 926. 1385, 
1412. 

Rieder 845, 987, 1143, 1297. 
1433. 

Rieder H. (München)284, 1410. 
Rieder (Koblenz-Ehrenbreit¬ 
stein) 713. 

Riedinger (Würzburg) 523. 
Riedl F. 1193, 1273, 1330. 
Riedl H. 142, 172. 

Riegner 1145. 

Riehl (Wien) 31, 113. 201, 
231, 435, 437, 438. 

Riese (Berlin-Groß-Lichter- 
felde) 8. 

Riese (Karlsruhe i. B.) 579, 
869. 

Rietschel H. (Dreden) 1034. 
Rieux 400. 

Riffel A. (Karlsruhe) 981. 
Riggs C. E. 1274. 

Riggs C. E. u. E. H. Hammer 50. 
Rihmer B. v. 1278, 1363. 
Rimann H. (Liegnitz) 284. 
Rindfleisch W\ 871. 

Ringel 847, 1300. 

Ringer u. Frankel 1354. 

Rings (M.-Gladbach) 458. 
Rissmann P. (Osnabrück) 427, 
700, 709. 

Ritschl 1364 a. 

Ritschl A. (Freibarg i. Br.) 
124, 162, 197, 198, 204, 
463, 600, 668. 709. 842, 
1217, 1270, 1300. 
Rittenhouse 1137. 

Ritter 1405. 

Ritter C. (Posen) 142, 226. 
Ritter u. Tamm 312. 
Rittershaus 1059. 

Riva-Rocci 370, 1135. 
Robinson B. (New-York) 1113. 
Robinson D. (Philadelphia) 82. 
Roblee W. W. 681. 

Röchelt E. 1061. 

Rochon, Duvigneaud und Dn- 
camp 812. 

Rodenwaldt E. 1212. 

Rodler 1135. 

Rodiinski 1360. 

Rodman 977. 


Römer C. (Hamburg) 735,842. 
Roemheld L. 546. 

Roepke 440, 579. 

Roerdansz 402. 

Rose C, 736. 

Roesky (Berlin) 786. 

Roesle E. (Berlin) 840. 

Rössle 1116. 

Röthig Paul (Berlin) 655. 
Rohde 818. 

Rohmer (Marburg) 709, 896. 
Rohrcr F. (Tübingen) 862. 
Roick W. (Jena) 728. 

Rolmer J. A. 898. 

Rolsen A. (Wiesbaden) 227. 
Romberg Ernst (München) 627, 
1137. 

Rona n. W T ilenko 1326. 
Rondke 1152. 

Rosanoff A. J. 1114. 

Roschke 953. 

Rose E. (Berlin) 627, 1247. 
Rosen bach 1138. 

Rosenbaum N.( Friedrichshain) 

1424. 

Rosenberg L. (Bielefeld) 288, 
1195. 

Rosenbloom 1356. 

Rosenbloom u. Gardner 1354. 
Rosenfeld G. (Breslau) 20. 432, 
605, 626. 

Rosenheim Erich (Berlin) 1004. 
Rosenheld L. 1358. 

Rosenow (Königsberg i. Pr.) 

520, 815, 1278 a, 1279. 
Rosenstein P. 1032, 1059. 
Rosenstrauß (Berlin) 842. 
Rosenthal E. (Budapest) 1222. 
Rosenthal F. (Breslau) 815, 
844. 

Rosenthal H. (Charlottenburg) 
433. 

Rosenthal Josef (München) 650. 
Rosenthal W. (Göttingen) 373. 
Rosenthal u. Kleemann (Bres¬ 
lau) 169. 

Rosin H. (Berlin) 1032. 
Rosner 630. 

Roßberger S. 843. 

liossie Jos. (Düsseldorf) 434. 

Rosznowski (Berlin) 492. 

Rost E. (Berlin) 994, 1404. 
Rost G. A. (Bonn) 1139, 1404. 
Rost (Heidelberg) 698, 761, 
872, 1251. 

Roth N. 630, 706. 

Rothberger u. Winterberg 19, 
171, 706. 

Rothe A. v. u. K. Pollack (Ber¬ 
lin-Wilmersdorf) 626. 

Roth fuchs (Hamburg) 871. 
Rothmann M. (Berlin) 19,107, 
111, 233, 347, 461,602, 653, 
654, 766, 1112. 

Rothschild Alfred (Berlin) 708. 
Rothschild M. F. (Frankfurt 
a. M.) 18. 

Rottenbiller E. v. 318. 

Rotter E. (München) 1428. 
Rotter J. 1, 94, 440, 441. 
Roubitscliek R. 843. 
Roubitschek it. Laufberger 
1035. 

Roussy u. Rossi 758. 

Roux u. Taillandier 1326. 
Roosing Tborkild 406, 731. 
Rozin H. (Berlin) 1412. 
Roznowski J. v. 19, 869. 
Rubens (Gelsenkirchen) 1188, 
1424, 1428. 

Rubner M. (Berlin I 313. 899. 
626. 

Rubz 441. 

Rud M. 172. 

Rudolph 870. 

Rücker 1429. 

Riidel O. 980. 


Ruediger (Waldenburg i.Schl.) 
491. 

Rüdiger G. (Bad Sodenthal 
im Spessart) 1359. 

Rühl Artur (Nürnberg) 600. 
liühl W. (Dillenburg) 732. 
Rüge E. (Frankfurt a. 0.) 18. 
Ruhemann J. (Berlin-Wilmers¬ 
dorf) 521. 

Rulf 1116. 

Rummel H. 1385. 

Rumpel 1434. 

Rumpel Th. 227.599,897.1275. 
Rumpf 1335, 1429. 

Rumpf E. (Hamburg) u. 

J. Zeißler (Altona) 254. 
Rumpf Th. (Bonn) 89,312,926. 
Runck Th. (Iiheingönnheim) 
1031 

Rupp 227. 

llupp (Chemnitz) 17. 

Rupp O. (Breslau) 38, 73. 
Rupprecht (München) 198, 
1246. 

Rusch P. 231, 438. 

Ruttin E. (Wien) 408. 684, 792. 

874, 928, 929, 984, 1090. 
Ruys J. 923. 

Rydygier von Ruediger L. R. 
843. 

Rysers 1356. 


Saalfeld E. (Berlin) 284, 773. 
Saar v. 517. 

Sachs (Frankfurt a. M.) 8(59. 
Sachs M. 577. 

Sachs (). 261, 437. 843. 1085, 
1250, 1415. 

Sackur (Breslau) 1022, 1046. 
Sadger J. (Wien) 682, 785. 
Säender (Hamburg-St. Georg) 
490. 1136. 1145, 1169. 
Saelykow S. 1218. 

Saevyer. Wilbur A. 173. 

Siigi E. 843. 

Salkowski (Berlin) 402, 707. 
Salinger Alfred 599. 

Salle u. v. DomaruB 342. 
Salomon II. 172. 202. 288, 629, 
656, 846, 1051, 1221. 
Salomon 0. u. R. Weber 1410. 
Salomonson (Amsterdam) 19. 
Salow 1083, 1244. 

Salus G. (Prag) 1217, 1330, 
1416 a. 

Salus R. (Prag) 1416a. 

Salvini E. 954. 

Salzer (München) 262. 285, 
1428. 

Salzmann F. (Bad Kissingen) 
( 284. 

Salzmann (Graz) 424. 
Samoyloff 706. 

Sarbo A. v. 229, 318. 

Sarbos 1380. 

Sattler (Leipzig) 423. 

Sauer 570. 

Sauerbruch 234, 604, 605, 686. 
Sauerbruch (Greifswald) 1125, 
, 13,J0 - 

Sanerbruch (Zürich) 55, 411. 
Saugmann 282. 

Saul 203. 

Sauter Rieb. 491. 

Savariaud 371. 

Sawicki A. (Wall.-Meseritsch) 

701. 

Sawyer A. Wilbnr 92(5. 

Saxl A. 1273. 

Saxl P. 374, 1246. 

Sc irpa 55. 

Schacherl M. 1334. 

Schächter M. 146, 548, 1278. 
Sehaedel 572, 787. 


Schäfer Artur (Rathenow 
a. H.) 599. 

Schaefer (Bnch) 196. 

Schaefer Fr. 1411. 

Schäffer J. (Breslau) 1168. 
Schäffer R. (Berlin) 1194. 
Schaffer K. (Budapest) 655, 
1112, 1361. 

Schalit E. 754. j 

Schall M. (Berlin-Grnnewald) 
953. 

Schallmeyer 785. 

Schanz A. 601. 

Schanz F. (Dresden) 599, 870, 
1140, 1384, 1403. 

Schapiro (Bern) 252. 

Scharf 1135. 

Scharfe (Göthen) 841. 
ScharffP. (Stettin) 80. 

Scharl P. 1013. 

Schattauer 1058. 

Schatz (Rostock) 197. 

Schauer 198. 

Schaumann 573. 

Schauta F. 1089. 

Schede (München) 18, 262, 
285, 651, 1385. 

Scheer van der (Meerenburg 
i. Holland) 1194. 

Scheffer 1037. 

Scheibe A. 1219. 

Scheible H. (Bremen) 1139. 
Scheidemandel Ed. 655. 
Scheier (Berlin) 678. 
Schenderowitseh (Bern) 257. 
Schepelmann E. (Bochum i. W.) 

454, 512, 587. 087, 741,911. 
Scherber G. 231, 261, 437, 
1332. 

Scheurlen v. 761, 1416. 

Schick B. (Wien) 51, 737, 789. 
Schick und Römer 789. 
Schiemenz 1271. 

Schierack G. 840. 

Schiff A. 1221. 1276, 1333. 
Schiftan 1086. 

Schilder 899. 

Schilling 499, 953. 

Schilling (Düsseldorf) 441. 
Schilling F. 981. 

Schilling (Leipzig) 1086. 
Schirmer H. K. 1061. 
Schittenhelm (Königsberg) 55. 
Schlagenhaufer Fr. 1387. 
Schlagintweit 341. 

Schlesinger 1329. 

Schlesinger A. 734. 

Schlesinger (Berlin) 1271. 
Schlesinger Eng. (Nürnberg) 
533. 

Schlesinger E. (Straßbarg) 434, 
1217. 

Schlesinger H. (Wien) 113, 144, 
202. 287, 288, 383. 464, 523, 
652, 656. 1112, 1221, 1277, 
1361. 

Schlesinger Ing. 1433. 
Schlesinger L. 652. 

Schlesinger W. 202, 260. 
Schlichting 499. 

Schlifka M. 1432. 

Schlößmann (Tübingen) 109. 
1385. 

Schloffer H. (Prag) 1119,1417. 
Schloß E. 258. 

Schloßmann A. (Düsseldorf) 
405. 

Schlotterhausen 1141. 

Schmaus 1136. 

Schmerz H. (Graz) 1410. 
Schmev (Berlin) 312. 

Sehmid H. H. 733. 

Schmidt 785, 1084. 

Schmidt Ad. (Halle a. S.) 207. 
371,404,497, 710, 786,1110, 
1298, 1384. 

Schmidt Ad. (u. David) 788. 


Schmidt (Berlin) 254. 
Schmidt (Bielefeld) 897, 1216. 
Schmidt H. E. (Berlin) 760. 

311, 344, 1410. 

Schmidt H. (Straßburg i. E.)20. 
Schmidt Joh. E. (Würzburg) 
628, 709. 

Schmidt K. (Halberstadt) 709. 
Schmidt L. 708. 

Schmidt P. (Gießen) 107, 372, 
924. 

Schmidt R. (Prag) 443, 1416a. 
Schmidt W. Th. (Stettin) 753. 
Schmiedeberg 707. 

Schmieden (Halle) 114, 686. 
Schmiedicke 441. 

Schmincke A. (München) 842. 
Schmittmann B. 229. 

Schmitz E. (Frankfurt a. M.) 
1216. 

Schmitz K. E. F. (Greifswald) 
489, 678, 1329. 

Schnaudigl 812. 

Schneider A. (Bonn) 952. 
Schneider C. (Bad-Brückenau- 
Wiesbaden) 1359. 

Schneider F. (Berlin) 461. 
Schneider R. 81. 

Schneidt u.Seitzinger3l4.710. 
Schnek K. 1141. 

Schitter (Olfenbach a. M.) 285, 
788. 

Schnitzler J. (Wien) 661, 1248. 
Schönberg 649. 

Schoenewald S. F. 601. 

Schön feld 111. 

Schönfeld u. Friedl 1297. 
Schönwerth A. 200. 
Schönwitz W.(Berlin)20,1301. 
Schöppler H. 981, 873. 
Scholomowitsch 111. 

Scholz H. (Königsberg i. Pr.) 
1409. 

Scholz W. (Baden-Baden) 1423. 
Scholz W. (Königsberg i. Pr.) 
760. 

Schott E. (Köln) 43. 

Schott (Nauheim) 627, 870. 
Schottelius E.(Freiburg i. Br.) 

372, 732, 787, 1239, 1364 a. 
Schottelius M. (Freiburg i. B.) 

226, 841. 

Schonte 460. 

Schramek M. 231, 261, 438. 
Schreiber L. (Heidelberg) 1359. 
Schroeder 681. 

Schröder (Rostock) 760. 
Schroeder H. (Düsseldorf) 653. 
Schroeder Heinrich (Kortau- 
Allenstein) n. Umnus Otto 
(Berlin) 637. 

Schroth 686. 

Schrumpf P. u. W. F. v. Oet- 
tingen 404. 

Schüller A. 1060, 127(5, 1297, 
1361. 

Schüller Hugo (Wien) 341. 
Schürer v. Waldheim, Dr. 
(Mauthausen, Ob.-O.) 604, 
643, 945. 

Schürmann W. (Halle) 755, 
1352 

Schürmann W. u. T. Fellnier 
(Halle) 1166. 

Schürmann W. u. E. G.Pring^- 
heim (Halle a. S.) 1158. 
Schütz 923. 

Schütz (Berlin) 347. 

Schütz J. (Klagenfurt) 171. 
491. 

Schütz Jul. (Marienbad) 952, 
1358. 

Schütze K. (Bad Kosen) 702. 
708. 

Schubart (Plauen i. Y.) 76. 
Schulhof Hedwig 655. 
Schultz 111, 435, 1112. 


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Original frn-m 

UMIVERSITY OF IOWA 




INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXXIX 


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Sctiultze £ /Berlin) 108, 521, 
ISO.1218. 

Schnitze F. 198.377.731,1328. 
S'haitien 44(3, r>47. 13b4. 

Scholl 25. 1112. 

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#1.372 571, 7/38,763, 844, 
898. 921 1356. 

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Schnpfer / Florenz) 26, ;»6. 
Schar 813. 

Schur H.a.S.PJaschkes (AYien) 
1386. 

Schuster 233. 1112. 

Schutt 65U. 

Schwabe M. E. 870. 

Sh«albe J. 227. 767. 

Schwarz A 817. 1 

Schwarz E 577, 1221. 

Schwarz 0. 229. 1384. 

Schwarz 0. 1167, 1431. 
Schwarzenbach E. 111. 
Scliweninirer E. 1165, 
ybwenk t'. 1*299. 

S’Lwoner J. 1250, 1416. 

N hwrzer A. 111. 

Senk 68o. 

vorher \ Kopenhagen) 598,708. 
y«:z\ E. dJudajwest) 1032. 
Seefisch 234. 

Seefisch G. (Berlin) 313. 

Sctgall G. (Berlin) 786. 

Seei E. (StuttLMrt) 1410. 

Sftlert 111 
Seelh'irst 1193. 

SfclijrA. iKönigsberg i. Pr.) 
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>i?cr E. (Krefeld) 815. 

Si rej>ki 31. 952. 

8r:eoi> E 572. 


Silberstern Ph. 1887. 
da Silva Mello A. 8(59. 

Simon A. (Wiesbaden) 678. 
Simmonds 1385. 

Simmonds M. 600. 

Simpson F. F. 817, 1274. 
Singer A. 874. 

Singer (Berlin) 283. 

SingerG. (Wien) 110, 227, 260, 
286,531.656,788, 792, 1221. 
Sinnhuber Franz (Königsberg 
i. Pr.) 678. 

Sippel A. 142. 

Sittig H. 1390. 

Skalier (Berlin-Charlotten- 
barg) 196. 

Skillern P. 0. 315. 

Skutetzky A. (Prag) 604,1061. 
Skutetzky A. nnd E. Starken- 
steiu 112. 

Sladek .1. a. St. Kotlowski 573. 
Smiethies F. 50. 

Smith 369. 

Smith Priestley 812. 

Smith Gge. u. Gilbert 494. 
Snow B. W. (New-York) 1011. 
Sokolowskv Alex. (Hamburg) 
619, 1080. 

Solbrig (Königsberg i. Pr.) 490. 
Soldin (Berlin-Wilmersdorf) 
140, 573, 870, 1244. 

Soldin M. u. F. Besser (Berlin) 
490. 

Solger B. (Briefkasten) 844. 
Solger B. (Neiße) 7734. 
Sommer 439, 496, 578, 11(57. 
1194, 1386. 

Sommer E. (Zürich) 10(51,1410. 
Sommerfeld 1138. 

Sommerfeld A. 121(5. 

Sonntag E. (Leipzig) 1194. 
Sorgo 1. 260. 

Souligovix 977. 

Spät W. 1217. 

Spengler Imeins (Davos) 1246. 
Sperling (Do uni) 85. 

Spiegel B. f BerJin-Lichtenherg) 

645. 

Spieler Fr. 407, 763, 787. 
Spielmever W. (Al uneben) 142. 
344. 

Spieß ii. Feldt 520. 

Spiethoff B. (Jena) 38. 
Spindler 1232. 

Spiro K. (Straßburg i. Eis.) 
490, 1359. 

Spitta (Berlin) 1250. 

Spitzer E. 143, 231, 315. 437. 
Spitzer L. 1330. 

Spitzv II. / Wien i 83, 199. 227. 
259, 287, 577, 711, 1010, 
1193. 1303. 

Spitzv H. u. X. Hartwich (Wien) 
866,892,921,949. 972,1006. 
1031.1056,1082,1106,1114, 
1134. 


krm U. 92(5. 

V: (krt 763. 

Hadder 950. 951. 

E, v. (München) 599. 
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Spoerl B. (Thalheim i. Erzgeb.) 

981. 1085. 

Springer 345. 

Spröngerts (Biebrich a. Hb.) 
573! 

Stadler E. 121. 

Staehelin 1135. 1165, 1195. 
Stäuhli 369. 

Stange 1010. 

Starck U. 736, 841. 

Stargardt K. (Hamburg) 49, 
767, 768, 847. 

Starkenstein E. (Prag) 81. 
Stefanotviez L. 1217. 

Steiger M. 28(5. 

Stein 871, 1197. 1385. 

Stein A. (Königsberg) 1193. 
Stein A. E. (Wiesbaden) 463, 
521. 544, 871. 

Stein Benno (Wien) 246. 274, 
309. 


Stein R. 0. 232. 262. 437. 
Steinbach 438, 439, 497. 577, 
578. 630, 821, 1363. 
Steinberg 1011. 

Steinberg F. 981. 

Steinbrück (Düsseldorf) 1385. 
Steindorff K. (Berlin) 48 
SteinebachK. (Dortmund) 433. 
Steiner Herbert (Wien) 570. 
Steinkamin Jul. 732. 
Steinsberg 439, 495’ 496. 578, 
629, 630, 820. 

Steinsberger 578. 
Steinschneider 821, 1363, 
Steinthal 652. 

Steinthal (Berlin) 650. 
Steinthal /Stuttgart) 490. 
Stekel W. 230. 

Stellwag (Erlangen) 1385. 
Stemmler (Koblenz-Ehren¬ 
breitstein l 713. 

Stephenson 813. 

Stepp 368. 

Stepp {Nürnberg) 1351. 

Stepp W. (Gießen) 925, 1410. 
Stern 281, 405, 499, 1112. 
Stern A. 1058. 

Stern (Düsseldorf) 522. 
Stern K. (Eschwege) 953. 
Stern W. G. 315. 

Sternherg (Berlin) 1301. 
Sternberg C. 573. 

Sternberg K. 985. 

Sternberg M. 1248. 

Sternberg W. 313, 316. 462. 
734. 

Sternheim (Hannover) 1412. 
Steudeinann 11. 431. 

Stevens v. 1136. 

Stieb (Güttinuem 114. 

Sticker (Berlin) 1091. 1166, 
1278. 

StiefferG. 1217. 

Stietier G. u. Volk K. 1061. 
Stier E. (Berlin) 815. 

Stieve H. (München) -55. 
Sti'jler H. (Wien) 52, 577. 76;'». 
Stillians A W. 898.' 

Stimnnl 14<*8. 

Stock (Jena) 424. 812. 842. 
Storker Alfred i Lu/.oni I 1329. 
Stoeekel 405. 

Stoeger (Planegiz) 816. 

Stoekel AN. 5<o. 

StocrkC. (Wien) 23, 1195. 
Stoerk E. 84. 738. 1330. 
Stoerk <). 629. 

Stürzet* Arnold 1085. 

Stoffel (Mannheim) 1433. 
Stoffel A. (Mannheim)227. 786, 
1215. 

Stoklosinski Franz (Wien)586. 
Stoll II. F. 173. 

Stoppel 1296. 

Stracker <). (Wien 953. 
Stranskv 682. 

Stransky E. 843, 121Z 
Stran.sk> M. (Berlin) o?l, 650. 
Strassburger J. (Frankfurt a. 
M.) 1147. 

SirasserA. (Wien) 711, 1221. 
Strasser Josef ( W’aidhofen u. d. 
Thaya) 727. 

Strasser-Eppclbauin V. 546. 
Straßmann (Berlin) 66*. 
Strassman P. 681. 

Stratz 785. 

St rau I) 624. 

Straub AV. (Freiburg i. Br.) 

81. 344. 

Straus (Barmen) 1192. 
Strauss 110, 1035, 1112. 
Strauß (Berlin) 310, 340, 520, 
623, 698, 739, 767, 854, 
1301, 1404. 

Strauss (Biebrich) 899. 

* Strauss Alfred A. 172. 


Strauss H. 19, 53. 255. 1390. 
Strauss H. (Berlin) 169, 373, 
590, 1058, 1217. 

Strauss M. (Nürnberg) 170,563, 
787. 

Strauss G. (Berlin) 731. 

Strausz H. (Halle a. S.) 536. 
Streb low F. (Berlin-Lichter¬ 
felde) 343. 

Strecker Edward 789. 

Streißler Eduard (Graz) 1246. 
Strell Martin 1010. 

Stricker F. (Berlin) 48. 

Strick ler A. 1113. 

Stromeyer K. (Jena) 1033. 
Strominger 759. 

StromingerL. (Bukarest) 758. 
Stroomann 707. 

Strubell A. (Dresden) 708. 
Strümpell 1135, 

Stüber (Freiburg i. Br.) 1033. 
Stühmer 1381. 

Stiimpke G. (Hannover) 462; 

539, 650, 1359. 

Stürtz 282. 

Stumpf P. (München) 954. 
Stursberg u. Klose 373. 
Suchanek E. 113, 172, 518, 
546, 683, 928. 

Suchier A. 734. 

Sudeck 115. 

Sudendorf F. (Bautzen) 228. 
Sudhoff AV. 1329. 

Suter A. 1412. 

Sutherland u. Jnbh 368. 

Hut ho veil P. H. 652. 

Svestka V. 1167, 1357. 

Swift H. F. 1113. 

Swoboda X. 762, 981. 1061 
1167, 1248. 

Sv ring (Neuruppin) 546. 571 
" 1358. 

SzGsz T. 954. 

Szcrsy E. (Budapest) 289, 979. 
Szenasy 1274. 

Szilägye Jo<ef 680. 

Szilv v. A. (Frei bürg i. B.) 
1009, 1169. 

Szily (Budapest) u. Frieden¬ 
thal i Xiklass e) 493. 
Sztanovjevits L. 1155. 
Szuhinski 1429. 


Tabora v. (Straßburgl 433, 
571. 

Tandler J. (Wien) 1303. 

Tangl F. 82. 

Tarle 1008. 

Taussig (Boston. V. S.) 1218. 
Taylor u. Hose 1326. 

Tedeschi E. (Genua) 55. 
Telekv H. 656. 

Telekv L. 604. 

Tendelov N. Ph. 286. 

Tergast K. 258. 

Teske H. 403. 

Teutschlaender 0.(Heidelberg \ 
626, 1409. 

Thaler H. (Wien) 766. 1012, 
1013. 1115, 1218. 

Thaler H. u. II. Zuckeimatm 
(AVien) 766. 

Thassen 369. 

Thedering (Oldenburg) 372, 
708. 896. 1406. 

Theilhaber A. 1164. 

Thiele 657. 

Thiele (Chemnitz) 1058, 1384. 
Thiemann II. (Jena) 490. 572. 
Thieme L. (Adorf i. Vogtl.) 
373. 

Tbierfeld R. 1360, 1411. 
Thiersch 733. 

Thies A. (Gießen) 574. 

Thöle 265. ' 


Thom 283. 

Thoma 1135. 

Thomas B. A. 200. 

Thompson Lloyd 817. 

Thoms H. 1088. 

Thumm K. 982. 

! Tidv 399. 

Tieehe 1218, 1412. 

Tiegel 518. 

Tietze A. 316. 

Tietze K. (Bolkenhain) 1059. 
Tietze u. Korbsch 403. 

Tillmami 578, 579, 1194. 
Tintner F. 652. 

Tirala Ii. 51. 

Tobeitz A. (Graz) 603. 

Tobias (Berlin) 815. 

Tölken R. (Zwickau i. S.)489. 
Toenniessen E. (Erlangen) 141, 
434, 1194. 

Töpfer H. 107, 227. 284. 570. 
924. 

Tollöiann 987. 

Tollock Lewis 574. 

Topp U. 763. 

Topp (AVeißensee-Bcrlin) 1275. 
Torkel 1110. 

Tornai J, 954, 1013. 

Torrance G. (Birmingham, 

U. St.) 315. 

Tonten (AVieshaden) 106, 107. 

140, 169. 598, 626. 

Tovey W. (Nesv-York) 763. 
Tovölgyi E. v. 173. 

Traeger F. (Prag) 844. 

Trappe 1085. 

Traube (Charlottenburg) 461. 
Trebing 652, 1301, 

, Trendelenhurg 54, 706. 
Trendelenburg F. (Nikolassee) 
435. 

Trendelenburg W. 314, 491. 
Treupel G. (Frankfurt a. M.) 
356. 

Treupel W. (Jena) 913. 
Trihoulet 370. 

Trinche.se S. (Berlin) 598. 
Tripold F. (Icici bei Abbazia) 
397. 

Tromp F. (Kaiserwerth a. Rh.) 
1059. 

Trowbrillge E. H. 654. 
Triihsbach P. ((’hemnitz) 679, 
923. 

Tsakalotos Athan. E. (Athen) 
733. 

| Tschaschim 8. 431. 

Tsiminakis C. 1330. 

Tsurumi 1271. 

Tuch Ludwig 679. 

Tuchy 978. 

Türk W. 172. 

Tnffier 978. 

Tugendreich G. (Berlin) 570. 
Turner, Logan u. Fraser 368. 
Tykociner (Berlin) 760. 


rechtspringe A. 605. 

Uhhe A. A. u. W. H. Macknuici 
1274. 

Uhlenhuth 205, 532. 

Uhlenhuth und Fromme 1202, 
1264, 1296, 1375. 

Uhlenhuth und Messerschmidt 
343. 

Uhlenhuth u. Olbrich 447, 776. 

Uhlenhuth, Olbrich u. Messer¬ 
schmidt 149. 

Ubthoff 460, 812, 813. 

Ullmann 263, 1355. 

Ullmann E. (Wien) 711, 765, 
1387. 

Ullmann K. 232, 262, 437. 438. 
787. 

Umber 25. 


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Original frnrri 

UNIVERSITT OF IOWA 



LX 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Umber F. (Charlottenburg- 
Westend) 187, 254, 1300. 
Ungar 410, 490. 

Unger (Berlin) .*172, 

Unger L. (Wien) 51, 981, 1010. 
Unna (Hamburg) 312,402,461, 
570. 598, 078, 731,700,815. 
841, 899, 951, 1008, 1165, 
1192, 1215,1244.1271,1298, 

1328, 1383, 1409. 
Unterberger jun. F. (Königs¬ 
berg i. Pr.) 254, 1032. 

Unverricht \Y. (Davos) 523. 
Urban K. 82, 1273. 
Urbantschitsch Fi. 340, 408, 
409. 874. 928, 929, 984. 
1228, 1250. 

Urbantschitsch V. 409. 001, 
084, 874. 1002. 

Valentin 049. 

Van den Bergh und Snapper 
(Groningen) 1215. 
Vandenhoff (Elberfeld) 1245. 
Van der Bent 199. 

Vant Lint 812. 

Vasen 980, 987. 

Vaughan L. \V. 50. 

Yaziirik 1320. 

Vedder E. B. 200. 

Veit (Halle) 982. 

Velden R. van den 142. 257 
Velhagen 314. 

Yenema T. A. 258, 493. 980. 
Verebelv S. v. (Budapest) 548. 
Verse M. 1103. 

Versen (Koblenz-Ehrenbreit- 
stein) 713. 

Versluvs J. 109. 

Verth M. zur 81, 345, 1111. 
Yerzar 1354. 

Verzar u. Kraus 1354. 
Virchow 1135. 

Vögelmann 706. 

Voeleker 623. 

Vörner (Leipzig) 1329. 

Vogel 1357. 

Vogel M. 817. 

Vogeler A. 540. 

Vogt 308. 

Vogt E. (Dresden) 345, 731. 
Voigt I. 272, 1084. 

Voigt L. (Hamburg) 107, 490. 
Volk R. u. G. Sticfler 256. 
Yolkmann Job. Stuttgart) 600. 
762. 

Volland 573, 788. 

Vollmer 343, 733. 

Yorberg 124(5. 
de Yries Reilingh D. 808. 
Vnlpins 0. (Heidelberg) 190. 
255, 896. 

Wachtel Heinr. 255, 560. <527. 

1329. 

Wächter 710. 

Wacker L. (Düsseldorf) 816. 
Waetzoldt (Berlin) 492, 899, 
982. 

Wagener H. (Großenbehringen. 

Gotha) 601. 

Wagner 1112, 1433. 


Wagner G. A. 1115. 

Wagner v. .lauregg J. 83. 175. 

230.317,376,407,464,1036. 
Wagner R (552, 762, 1217. 
Waisser M. 40O. 

Wall raum 0. 1061. 
Waldschmidt Max (Wildungen) 
253. 

Walko K. 314. 323. 361,374. 
546. 710. 

Walkoff (München) 345. 
Wallenberg A. (Danzig) 654. 
Waller C. K. 790. 

Wallis 812, 813. 

Walsem G. U. van (Meerenberg 
in Holland) 1166. 

Walter ('. 285. 

Walther (Gießen) 540.952.977. 
Walton 950. 

Walzel P. v. 404. 

Wamsley 814. 

Wange rin W. (Danzig) 780. 
Wartield 1354. 

Warnekros L. 1141. 

: Warren Eimer P. 7.V.). 
Wasicky R. (Wien) 052. 
Wasielewski v. 572. 
Wassermann v. (Berlin) 280. 
Wassermann u. Plaut 1381. 
i Wassermann A. v. u. Smnmer- 
| feld P. 1307. 

Weher 309, 1300. 

Weber (Berlin) 286. 

Weber (Kassel) 197. 

Weber (Straßburg) 410. 
Weber K.( Berlin) 474,613,001. 
I Weber L. W. (Chemnitz) 403. 
Weher 0. (Davos-Platz) 1329. 
| Weehsberg F. 144. 

I Weehsberg Kr. n. Edelmann 
144. 

Wechselmann (Berlin) 227. 
Wechselmann\Y. (Berlin> 1384. 

I Wechselmann u. Meier 1380. 

| Wegner 807. 

Wehhcrill H. (5. 1247. 

Wehmer u. Kirchberg (Berlin) 
; 493. 

Weibel 1080. 

I Weibel W. 700, 900, 1012. 

| Weichardt W. (Erlangen) 112. 

434, 1299. 
j Weichselhaiun 280. 
Weichselbau in A. 174. 

| Weicksel Job. (Leipzig) 250. 
Weiden feld 8t. 340. 
Weidenfeld St. n. ß. Pulav 
! 286, 315. 

Weil 226, 342. 

(Weil E. (Stuttgart) 1385. 

| Weil E. u. W. Spät 314. 

{Weil M. 346, 548, 601, 845. 
‘ 956, 1302. 

[Weiland W. (Kiel) 522, 844. 
Weiler K. (München) 285. 

I Weill n. Mouriquuml 370. 

! Wein mann 979. 
j Wein D. 54(5. 

Weinberg K. (Bostock) 1001. 
Weinberger 738, 1195. 
j Weinberger M. 144, 288, 492. 

! Weinbrenner (Koblenz) 679. 
i Weingaertner M. 1114. 


j Wei ntrand (Wiesbadeil) 107, 

1 498, (524, 817. 

i Weis 1434. 
j Weisbach 1107. 
j Weischer 817. 

I Weiser 70(5. 

Weishaupt T. (Berlin) (528. 

I Weiss A. 1335. 

Weiss H. 84, 1379. 

! Weiss 0. (Königsberg i. Pr.) 

| 1272. 

Weiss R. (Freiburg i. Br.) 197, 
1107. 

Weiß Rieb. (Straßimrg i. K.) 
| 897, 925. 

J Weisser 24. 

| Weissenberg H. (Ticbau, 0.- 
i Schl.) 1100. 
j Weissgerber F. 434. 

Weisskopf A. u. H. Hersch- 
mann (Mitrovica und Sid in 
I Slavonien) 701. 
i \Veissmanii(\Veißkirclilitz)496. 

I Weitlaner F. 052. 

1 Weitz M. (Bardenberg bei 
i Aachen) 402, 1058. 
j Weizsäcker V. (Heidelberg) 
284. 

i Weltmann O. 1300. 

| Weltv 713. 845, 920. 

Welzel Rieh. (Prag) 1288,1303. 
Wenckehach 700. 

[ Wenckehach Fr. 2b0, 003, 029, 
056, 657. 1332. 

Wenckehach K. F. 227, 652. 
j Werl O. 437. 

Werndorff K. R. 1360. 

Werner 340, 371. 

Werner P. (Wien) 737. 7(56. 
1089. 

Wernicke 735. 

Wertheim 901. 

Wertheim Jv (Wien) 766, 900, 
1013. 

Werthei m- Salomonson 1297. 
Wertheimer 11. 843. 

Wesen borg G. 818, 870. 
Weske O. 256. 

Weski (Berlin-Grunowahl) 
1271. 

Wessely K. (Würzhurg) 1411. 
Westenhöfer (Berlin) 106. 
Westphal 1136, 1251. 
Wesiplud A. u. A. H. Hübner 
(Bonn) 381, 413. 

Wettstein A. (St. Gallen) 950, 
970. 

Wetzel E. (Straßburg) 170. 
Weyert 1412. 

Wey ga mit W . (Hamburg) 1084. 
Whitridge J. 494. 

Wiclierkieu icz 814. 

Wickham Louis 342. 

Wickham und Degrais 312. 
Wickham, Degrais u. Belot 340. 
Widmann E. (Breslaa) 1141. 

W idmer (Zofingen) 1301. 
Wieehowski (Prag) 982. 
Wiener M. und II. L. Wolfner 
H13. 

Wienert (Münster i. W.j 170. 
Wiesel 1135. 

Wiesinger (Hamburg) 708. 


| Wiesner R. v. (W ien) 737, 738, 

I 1385. 

Wiesner R. li. v. 1429. 

Wiet fehlt 1429. 

Wieting Pascha 873, 980, 1299. 
Wiewiorowski 197, 402. 
i Wigdorowitsch 732. 

1 WilbrandH.u. A.Saenger 1108. 

: Wilbur R. L. 1802. 

| Wilcke (Könitz) 457, 598. 

W ilde A. (Kiel) 569. 

I Wildt A. 780, 898. 1359. 

| Wile UdoJ.u. John Hinclimann 
■ Stokes 7(54. 

1 Williger 19. 

I W illiger F. u. H. Schröder 21. 
j William und Farrel Benj. P. 
Sharpe 600. 

| Williams A. (Washington) 764. 
Williams Mc. 977. 
i Williger 685, 1141. 

I Willimezik (Bartenstein) 570. 
Willock J. Scott 1088. 

Willaon R. N. (Philadelphia) 
1302, 1331. 

Wilms 282, 1216, 1245, 1384. 
Wilson N. L. 199. 

Wilson R. N. 315. 

Winckel M. 602. 

Winckelmann (Görlitz) 241. 
Winckler F. v. 406. 

, W T inkel M. (München) 897. 

I Winkler 1296. 

Winogradow W. 432. 

, Winslow 199. 

Winter G. 983. 

, Winter J. v. 347. 

1 Winternitz W. 577. 

Wintritz (Zehlendorf-Berlin) 
841. 

W'intz H. (Erlangen) 1329. 
Wirgler Heinr. (Graz) 761. 

; Wissing (Kopenhagen) 1109. 
i W ittek A. 404. 

Wittermann Ernst (Winnen¬ 
thal) 1010. 

Witzei O. (Düsseldorf) 1246. 
1272, 1411. 

Witzenhausen 522. (527. 
Woday A. 843. 

Würner u. Reiß 1355. 
Wöttkopf H. 734. 

Wohlgemut h 1299. 
Wohlgemuth Heins (Berlin) 
700. 

Wohrizek (Wien) 851, 1251. 
Wojtkiewicz A. 895. 

Wolf (Brüssel) 891. 

Wolf (Posen) 731. 

1 Wolf li. P. (Rüdersdorf) 570. 
Wolf M. (Berlin-Schöneberg) 
050. 

Wolf W. 1104, 1141. 

Wolfes 1410. 

Wolff 107, 871. 

' Wolff A. (Berlin) 372. 514. 

, Wolff G. 1429. 

! Wolff J. 790. 

Wolff M. 282. 

I Wolff W. (Neuenahr) 80. 
Wolff-Eisner A. 255. 

I Wolff u. Lehmann 371. 


Wolffberg (Breslau) 18. 
Wolfflieim Nellv 1088. 
Wolfsohn 979. ' 

Wolharst L. (New-York) 315, 
Wollenberg (Berlin) 409, 710. 
Wollenberg R. (Straßburg) 170, 
786. 

Wolpe 399. 

Wolter (Hamburg) 923, 952, 
1160. 

Woodyatt R. T. 898. 

Wulker ü. 572. 

Wullstein 234, 235. 

Wunder K. (Wolfstein) 49. 
1060. 

| Wunsch (Berlin) 598. 

: Wunschheim G. v. (Wien) 143. 


! Ylppö A. 985. 

1 Yotuig Hugh H. 251. 


Zade (Heidelberg) 709, 1272. 
Zadek J. (Neukölln) 571, 617, 
767, 898, 982, 1008, 1032. 
Zahradnicky 1141. 

■ Zajicek O. 374. 

I Zander P. (Berlin) 893, 973. 
j Zange Joh. (Jena) 842, 953. 

| Zanietowski J. (Krakau) 495, 
954, 981. 

; Zantl 651. 

Zappelt 1. 683, 711, 1273. 
Zeißl (Arloing) 758. 

Zeißl v. (Wien) 544, 650, 981, 

j 1008. 

Zeller H. v. Zellenberg 1010. 
Zeltner 368. 

1 Zemann 1061. 

I Zeuner W. (Berlin) 345. 
j Ziegler A. (Winterthur) 1193, 
1357, 1364 a. 

' Zieglmallner F. 1385. 

Zieler K. (Würzburg) 80. 
i Ziemann H. 954, 981. 

Zievsch P. (Freiburg i. Br.) 
! 1140. 

Ziffer A. (Olmütz) 650. 
Zikmund E. 954. 

| Zilz J. 315. 

, Zinn u. Mühsam (Berlin) 140, 

! 169. 

Zoeppritz 1063, 1385. 

( Zörnlaib A. 762. 

Zollinger F. 463. 

Zondek H. (Freiburg i. Br.) 
598. 

; Zubrzycki v. 1274. 

! Zucker Alfred 650. 

} Zucker (Königsbrück) 952. 
Znckerkandl 0. (Wien) 143- 
Züllig (Arosa) 679. 

I Zuelzer 657, 786, 1409. 

I Zuntz (Berlin) 1036, 1142, 
i 1176, 1204. 

| Zupnik L. (Wien) 573, 711, 

I 734, 737. 

I Zur Verth M. 1111. 

I Zweig W. 1414, 1415. 

! Zwicke 205. 

! Zvbell 371. 

I Zydek 1007. 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 




Wien, 3. Januar 1915. 


XI. Jahrgang. 




Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

Proftner Dr. Kort Brandenburg 

Berlin 


Verlag von 

Urban & Schwarzenberg 
Wien 


HALT: Die Fersorgong der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. J. Rotter, Ueber Bauchschüsse. Dr. 0. Kordmann, Kriegs- 
inmrische Erfahrungen im Feldlazarett. Dr. ined. F. Hammer, Ueber Wundbehandlung. Prof. Dr. Riese, Ueber die richtige Verwendungsstelle der 
nkensi'hwesteni und Pflegerinnen im Kriege. Dr. Oscar Orth, Zur Behandlung von Gelurnprolaps nach Schädeldefekten. — Klinische Vorträge: 
,Leo Hess. Funktionelle Diagnostik der Blutkrankheiten. — Berichte Über Krankheitsfälle und ßehandlnngSYerfahren : Emerieh Maixnerjun. 
Dozent Alfred v. Decaste 11 o, Klinische Untersuchungen über das gegenseitige Verhältnis der Leukoeyten- und Blutplättchenzahlen. -- Refe- 
rnteil: Ans den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Bernfs- und Standesfragen: 
k.Gesdk'liaft der Aerzte in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen, 
ociazinne Medica Triestina. Berliner Kriegsärztliche Abende. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. Aerztlicher Verein in Köln. 24. Kongreß der 
Italienischen Gesellschaft für innere Medizin. — Kleine Mitteilungen. 

Dr VtrUf UUUt lieh das eumhUrßUche Reckt der Vervielfältigung %nd Verbreitung der in dieser Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden Originalbeitr&ge vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Aas den Feldlazaretten Nr. 33, 34, 35 und 36 des VII. Reserve- 
Armeekorps. 

lieber Bauchschüsse 

von 

Prof. Dr. J. Rotter, 

Beratendem Chirurg des VII. Reservekorps. 

Als Anfang Oktober der Krieg in ein ruhigeres Geleise 
gelangt war und wir mehr Muße gewannen, habe ich die 
Herren Kollegen der Feldlazarette ersucht, mir Excerpte aus 
den Krankengeschichten des bis dahin behandelten Materials 
zu überlassen, um uns einen Ueberblick über unsere kriegs- 
chirurgiscben Frfahrungen zu verschaffen und vielleicht neue 
Gesichtspunkte und Schlußfolgerungen für die Kriegspraxis 
l[ } gewinnen. Ich danke noch an dieser Stelle den Herren 
Kollegen für die bereitwilligst übernommene Mühewaltung. 

Das Krankenmaterial wurde gewonnen während der 
Belagerung von Maubeuge (28. August bis 7. September) und 
der Schlacht an der Aisne (14. bis 18. September) und der 
darauf folgenden Wochen bis Anfang Oktober. 

In dieser Zeit sind in den vier Feldlazaretten im ganzen behandelt 
Yordea: 1218 Fälle, davon waren: 


L Schüsse des Schädels. 

.. 105 

2. 

,i „ Gesichts und Halses . 

. 74 

3. 

H der Brust. 

. 225 

4. 

i, des Bauches. 

. 59 

5. 

H der großen Gefäße . . . 

8 

6. 

« „ Wirbelsäule .... 

. 14 

7. 

ii „ Extremitäten .... 

. 733 


, ° 6Q te will ich das Kapitol über Darmschüsse eingehen- 
5 frechen, das mich besonders deshalb interessiert, weil 
* Heilresüitate der Friedenspraxis von denjenigen, welche 
der Literatur über Kriegschirurgie niedergelegt sind, so 
iffmero verschieden sind. Während in der Friedenspraxis 
A er Da ffflschuß für eine Verletzung mit überaus schlechter 
Jpose betrachtet wird, wird ihm in den Büchern über 
Wirorgic eine Mortalität von etwa 40 bis 50% und 
zugeschrieben. 

ui! 1 ^ eit bk Anfang Oktober sind in den vier Feld- 
Seit w d ^ ^ e8erve ^ or P 9 ^ Fälle 1 ) von Bauchschüssen 

handelte es sich um nicht perforierende Schüsse der 

Piese Statistik ist auch in der Münch, med. Wochenschrift in ab- 
8 Form besprochen. 


Bauchwand, von welchen 14 Fälle, die durch kleinkalibrige Geschosse 
erzeugt waren, glatt heilten, während fünf durch großkalibrige Ge¬ 
schosse erzeugte Verletzungen zwei Todesfälle zur Folge hatten. 

B. Bei acht Fällen lagen Schußverletzungen der inneren 
Organe des Bauches vor, und zwar viermal der Leber. Zwei 
Fälle heilten unter Entstehung von Gallenflsteln, von welchen die 
eine nach einem Bauchscbnitt und Tamponade des Einschusses in 
die Leber entstand, die andere sich spontan im Schußkanale 
entwickelte. Beim dritten Fall erfolgte glatte Heilung. Der vierte 
Fall endlich starb an einer inneren Blutung. 

Dreimal war, wie die Schußrichtung annehmen ließ, die 
Milz durchschossen. Von diesen Fällen heilten zwei ohne Kom¬ 
plikation aus, der dritte wurde (wegen innerer Blutung) mit Mittel¬ 
schnitt operiert, wobei die Milz tamponiert wurde; er starb am 
fünften Tag an diffuser Peritonitis. 

Der achte Fall, der von den Schußverletzungen der 
inneren Organe anscheinend an innerer Blutung starb, ist ohne 
nähere Notizen. 

Demnach zeigten die Schüsse der inneren Organe des Bauches 
30% Mortalität. 

C. An Darmschüssen wurden 32 Fälle mit 25 Todes¬ 
fällen = 80°/o Mortalität beobachtet. Dio Diagnose wurde zu¬ 
meist aus den peritonitischen Symptomen (Bauchdeckenspannung) 
und aus der Schußrichtung gestellt. 

Von den 25 Gestorbenen sind 18 Fälle bereits in den ersten 
zwölf Stunden nach der Einlieferung in das Feldlazarett zugrunde 
gegangen, und zwar zum Teil infolge schwerer Nebenverletzungen, 
zum andern Teil an diffuser Peritonitis. — Zwei Fälle lebten 
läDger, nämlich einer starb erst am fünften Tag an diffuser Peri¬ 
tonitis, der andere Fall starb am elften Tage nach der Verletzung 
und zeigte einen bemerkenswerten Verlauf: In den ersten fünf 
Tagen bestanden peritonitische Symptome, welche dann zurück¬ 
gingen. Es erfolgte regelmäßig Stuhl, das Allgemeinbefinden war 
gut. Am elften Tage stand der Patient gegen das Verbot des 
Arztes auf und es erfolgte eine furibunde Darmblutung per anum, 
der er nach einigen Stunden erlag. Ihre Entstehung ist nicht 
leicht zu deuten. Man kann wohl kaum annehmen, daß sie mit 
dem Schußkanal in Verbindung steht, ich möchte mich vielmehr 
der Auffassung von Stabsarzt Petermann (Bielefeld), welcher 
den Fall behandelte, anschließen und annehmen, daß eine Eiseis¬ 
berg sehe DuodeDalbSutung Vorgelegen hat, welche bekanntlich 
nicht selten nach Operationen an der Leber und dem Darme beob¬ 
achtet werden. (Es erscheint im übrigen sehr wahrscheinlich, daß 
in diesem Falle nicht eine Darm-, sondern eine Leberverletzung 
Vorgelegen hat.) 

Unter den 25 Gestorbenen befinden sich endlich noch fünf 
Fälle, welche operiert worden und im Anschluß an die Ope- 


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2 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


ration gestorben sind. leb möchte hier nicht bloß diese fünf 
Fälle, welche in die Zeit dieser Statistik fallen, sondern auch noch 
vier weitere operierte Darmschüsse mit besprechen, welche nach der 
Zeit dieser Statistik, das heißt nach Anfang Oktober, operiert worden 
sind, also zusammen neun Fälle, von welchen ein Fall geheilt wurde. 

Von diesen neun Fällen waren drei Fälle für eine Ope- 
ration ungeeignet, denn bei der Laparotomie wurden so schwere 
Zerreißungen der Gedärme und anderer Teile festgestellt, daß der 
Bauch unverrichteter Sache wieder geschlossen werden mußte. — 
Die übrigen sechs Fälle aber waren einer operativen Radikal- 
behandluDg zugänglich. Der erste Fall wurde unter sehr ungünstigen 
äußeren Bedingungen (Licht, Instrumentarium, Verbandstoffe usw.) 
operiert und starb am fünften Tag an Peritonitis, von den übrigen 
starben zwei Fälle im Kollaps wenige Stunden post operationem, 
ein Fall in der Narkose (oder vielleicht auch an Kollaps), der eine 
Fall an Peritonitis, Der sechste Fall endlich machte eine glatte 
Heilung durch. Es wurden bei demselben acht Stunden post Trauma 
sieben Perforationen des Dünndarms zugenäht (Dr. Fraune), von 
denen die eine den Darm fast circulair durchtrennt hatte. — In 
allen neun operierten Fällen wurden zwei und mehr Perforationen 
gefunden. Sie waren in allen Fällen für den Zeigefinger oder 
Daumen durchgängig oder nahmen gar die halbe bis ganze Circum- 
ferenz des Darmes ein. 

Von den 32 Darmschüssen sind nunmehr die 25 Fälle 
mit letalem Ausgange besprochen. Der Rest, nämlich sieben 
Fälle, ist in Heilung übergegangen, und zwar alle kon¬ 
servativer Behandlung, das heißt 20% Heilungen. Bei vier 
von diesen sieben geheilten Fällen läßt sich der Beweis, daß Darm¬ 
schüsse Vorgelegen haben, nicht sicher führen, im Gegenteil habe 
ich den Eindruck gewonnen, daß Schüsse der Bauchwand und der 
inneren Organe Vorgelegen haben. 

Beim ersten Falle war der Schuß in die rechte Bauchseite 
hinein und unterhalb der Crista ilei dextra herausgegangen — die 
Schußrichtung spricht für Bauch wand schuß — und es bestanden 
keine peritonitischen Symptome. Deshalb glaube ich, daß hier ein 
Bauohwandschuß Vorgelegen. 

Bei den übrigen drei Fällen waren peritonitische Symptome 
vorhanden —, aber bei zwei derselben saß der Einschuß unter dem 
Rippenbogen, der Ausschuß neben der Wirbelsäule rechts, beim 
andern Falle lag Steckschuß vor. Ich glaube, daß bei diesen 
beiden Fällen höchstwahrscheinlich ein Leberschuß Vorgelegen hat. 

Beim vierten Falle handelte es sich um einen Steckschuß, 
welcher handbreit unter dem Nabel eingedrungen war. Weil Steck¬ 
schuß, muß auch in diesem Fall es als fraglich gelten, ob die 
Kugel das Darmconvolut durchquert hat. 

Unter diesen sieben geheilten Fällen befinden sich ferner 
drei Fälle, bei welchen eine Darmverletzung mit Sicherheit Vor¬ 
gelegen hat, weil sich Darmfisteln gebildet haben, und zwar hat 
sich bei einem Fall eine Kotfistel im Colon ascendens, wo die 
Kugel offenbar den Darm in dem extraperitonealen Teil getroffen 
hat, gebildet, beim zweiten Falle, wo der Schuß in die linke 
Weichengegend eingedrungen war (Steckschuß), hat sich im Ver¬ 
lauf ein Douglasabsceß der vom Rectum aus geöffnet wurde, und 
später ein Absceß auf der rechten Becken schaufei gebildet. Nach 
Incision desselben ist eine Kotflstel entstanden. — Beim dritten 
Falle hat ein merkwürdiger Zufall die perforierte Stelle des Dünn¬ 
darms mit etwas Netz durch den Schußkanal der Bauch wand pro- 
labieren und eine Kotfistel entstehen lassen. 

Zusammenfassung: 

Ich habe die Gruppierung der Fälle absichtlich nach 
Maßgabe der Diagnosen vorgenommen, welche in denKranken- 
gcschichten eingetragen waren. Ich möchte nun nach dem 
Studium des Materials glauben, daß von den sieben geheilten 
„Darm schössen“ höchstwahrscheinlich drei keine Darmschüsse 
gewesen sind, sondern daß es sich einmal um einen Bauch¬ 
wand- und zweimal um Leberschtisse gehandelt hat. 

Wenn ich diese Annahme gelten lasse, ist die Mortalität 
der Darmschüsse noch höher als 80°/ 0 , wie oben berechnet 
worden ist (32 25 = 81) % Mortalität). Es würden dann 

auf 32 Fälle nur vier Heilungen entfallen. Wenn wir vom Feld¬ 
lazarett noch weiter nach vorn, nach der Gefechtslinie zu — bis 
auf den Hauptverbandplatz gehen, dann erweist sich die Morta¬ 
lität noch erheblich schlechter. Denn bei der Einsichtnahme 
in die Totenbücher der Sanitätskompagnien haben wir noch 
56 Fälle gefunden, welche unter der Diagnose „Bauchschuß“ 


gestorben sind. Rechnen wir diese noch zu dem Material 
der Feldlazarette hinzu, so ergibt sich eine Mortalität der 
Bauchschüsse von über 90o/ 0 . — 

In den Büchern über Kriegschirurgie der letzten Zeit 
aber ist überall die Ansicht vertreten, daß die Bauchschüsse 
eine überraschend gute Prognose darbieten und daß die kon¬ 
servative Methode der Behandlung Triumpfe feiere —, die 
Durchschnittsmortalität etwa 50 % betrage, bei Kranken 
im Reseivelazarett in München sogar 0 %. 

Wir fragen, woher diese gewaltige Differenz kommt? 
Sie ist leicht zu erklären. 

1. In erster Linie kommt sie daher, daß das Material 
der Literatur zum allergrößten Teil nicht aus der vorderen, 
sondern weit hinten aus den Etappenlazaretten stammt, 
nachdem die schweren Fälle bereits zum größten Teil ab¬ 
gestorben sind, — Die Mortalität beträgt: 


auf dem Hauptverbandplatz über . 90% 

im Feldlazarett.80 % 

im Etappenlazarett. 50—40% 

im Reservelazarett der Heimat . . 0%. 


2. Für die Feststellung der Prognose, Dairaschüsse im 
besonderen, kommen noch andere Momente in Betracht. Um 
das festzustellen, habe ich die große Statistik, welche Wie- 
ting in seiner eben erschienenen Kriegschirurgie veröffent¬ 
licht hat, mit meiner Statistik verglichen. 

Während in unserer Statistik die nichtperforierenden 
(i. e. Bauchwand-)Schüsse zu den perforierenden Bauch¬ 
schüssen im Verhältnisse von (19:40) 1:2 stehen, fällt bei 
Wieting 1 ) ein nichtperforierender auf fünf perforierende. 
Da Wieting so wenig Bauchwandschüsse den perforierenden 
gegenüber zu stellen hat, muß man vermuten, daß so mancher 
Bauchwandschuß den perforierenden Bauchwandschüssen zu¬ 
gezählt worden ist. Betrachten wir nunmehr in der Gruppe 
der „perforierenden Bauchschüsse“ mit 102 Fällen die ge¬ 
heilten Fälle, nämlich 61 an Zahl. 

Unter den 61 geheilten Fällen finden sich 23 Fälle, 
welche so gut wie gar keine peritonitischen Symptome ge¬ 
zeigt haben. Da ich der Ansicht bin, daß jeder Darmschuß, 
ja jeder Leberachuß — infolge des Blutergusses in die Bauch¬ 
höhle — peritonitische Symptome erzeugt, so möchte ich 
glauben, daß diese 23 Fälle znm allergrößten Teil Bauch¬ 
wandschüsse gewesen sind. Wie oben mitgeteilt, befindet 
sich in meiner Statistik unter den spontan geheilten Dann¬ 
schüssen auch ein solcher Fall, aber nur einer, der als Darm¬ 
schuß registriert war, den ich aber für einen Bauchwand- 
schuß halte. 

Des weiteren enthält die Wietingsche Statistik 37 
Fälle, bei welchen peritonitische Symptome vorhanden 
waren. Wir müssen nun bedenken, daß Wieting in seine 
Gruppe „perforierende Bauchschüsse 41 auch die Schüsse in die 
Organe der Bauchhöhle, welche wohl immer peritonitische 
Symptome machen, hineingezählt hat, welche bei mir eine 
Mortalität von nur 30% haben —, ferner, daß Wieting 
angibt, daß „bei fast allen geheilten“ Bauchschüssen der 
Einschuß im Oberbauch, also der Lebergegend, gelegen hat. 
Dann müssen wir doch vermuten, daß unter diesen 31 sehr 
viele Leberschüsse respektive Blutungen im Bauchraume, wie 
z. B. Enderlein einen Fall operiert hat, wo nur ein Gefäß 
im Mesenterium, aber nicht der Darm verletzt war, ent¬ 
halten sind —, gerade so, wie ich für meine Statistik das wahr¬ 
scheinlich machen konnte —, denn ich bin zur Ueberzeugung 
gelangt, daß von den vier spontan „ohne Operation“ geheilten 
Fällen zwei Leberschüsse und keine Darmschüsse gewesen sind. 

Wenn wir uns nun fragen — können Darmschüs9o 
überhaupt und unter welchen Voraussetzungen spontan 
heilen — theoretisch, so möchte ich folgendes antworten: 

9 Wieting hat die Bauchwandschüsse nicht getrennt behandelt, 
sondern gemeinsam mit den Brustschüsseu im Kapitel „Rumpfschüssen.“ 
Ich habe die Hälfte der letzteren für den Banch angenommen. Ob das 
genau an trifft, muff ich freilich dahin gestellt sein lassen. 


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3 . Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3 


Vorausschicken will ich, daß Wieting es für sicher erachtet, 
daß eine Kugel durch das Darmconvolut gehen kann, ohne 
daß der Darin perforiert wird. Es mag einmal Vorkommen, 
aber ich glaube ungemein selten. 

Unter weichen Verhältnisen kann nun eine 
Darmperforation spontan heilen? 

Ich glaube, 1 . wenn die Perforation sehr klein und 
die Mucosa nicht prolabiert ist, dann können an dem kontra¬ 
hierten Dünndarme die Serosaränder um die Perforation 
so nahe Zusammenkommen, daß eine Prima reunio erfolgt. 
$ Wenn die Perforation etwas größer und die Mucosa pro¬ 
labiert ist, dann kann die Heilung, da Mucosa nicht mit 
Mucosa verwachsen kann, nur in der Weise zustande 
kommen, daß sich an die der Perforation benachbarte Serosa 
Darmschlingen respektive Peritoneum parietale anlegen und 
an wachsen und so die Perforation verschließen. Der weitere 
Verlauf kann unter diesen Verhältnissen dann ein ver¬ 
schiedener sein: 

a) Es kann ein glatter Verschluß der Perforation statt- 
tioden, wobei das Wundsekret innerhalb der Verwachsung 
in den Darm sich entleert. 

b) Es kann sich ein Absceß innerhalb der Verwach¬ 
sungen bilden, welcher sich 

a) durch einen glücklichen Zufall in den Darm ent¬ 
leeren oder 

ß) resorbiert werden (wie bei kleinen appendicitiscben 
Abscessen) oder 

f) in den Schußkanal und dann nach außen per¬ 
forieren kann oder 

<?) es kann sich ein großer Absceß an der Bauch¬ 
wand bilden, der nach außen perforiert oder vom 
Chirurgen incidiert wird. 

Die letzten beiden Möglichkeiten liefern uns die Kot¬ 
fisteln, welche bei mir in drei, bei Wieting in acht Fällen 
vorhanden sind. 


Für die Möglichkeit einer Spontanheilung von einer 
Darm Perforation ohne Fistel bleiben also nur die beiden 
Möglichkeiten übrig: 

1 . eine Per-primam-Heilung der Perforation ohne 
Mucosa-Prolaps, 

2. Heilung durch Verklebungen um die Perforation, 
durch welche die Mucosa prolabiert ist. 

Eine andere Möglichkeit kann ich mir nicht vorstellen. 
Diese Möglichkeiten können zumeist nur dann eintreten, wenn 
1* das Loch klein ist. Ein großes Loch kann nur 
schwer von Darmselilingen verklebt werden, zumal der 
gleich nach der Verletzung austretende Darminhalt infolge 
seiner stark reizenden Beschaffenheit die Darmserosa beizt 
?. Dann in der Nachbarschaft zu lebhafter Contraction 
bringt Dann wird reichlicher Darminhalt entleert und 
eine Verklebung mit den benachbarten Darmschlingen ver¬ 
hindert werden. 

2. Das Loch muß solitär sein. Denn bei mehrfachen 
wiehern kann sich der glückliche Zufall der Verklebung 
der Perforation wohl kaum ereignen. 

^ er Darm nicht gefüllt sein, sonst strömen zu 
große Mengen von Darminhalt in die Bauchhöhle. 
p ; .u üle Erfahrung hier im Feldzuge hat uns aber an eli 
daß solche Möglichkeiten sich nur äußersi 
»nd 7 Rieten. Denn unter den elf Fällen (neun operiert! 
bud zwei secierte) war 

n ™ clQma * kleines Loch vorhanden oder, ge 
, zwei kleine Löcher. Der Fall wurde kon 
gehandelt Uü( j an diffuser Peritonitis. Di 
Wion lieferte dieses Präparat. 

Fall ik nroltiple Löcher vorhanden bis auf eine 
’ ■v ™'Jejunum fast circular durch-geschlagen wai 

Bedmon* naC ^ Erfahrungen nur äußerst selten solch 
wJL u . fite F eine Spontanheilung einer Darn 

on zustande kommen kann, vorfinden, glaube ich, da 


1. die Prognose der Darmschtisse in der Tat so un¬ 
günstig ist, wie unsere Statistik gezeigt hat, und 

2. daß wir, weil die Prognose bei konservativer Be¬ 
handlung so schlecht ist, nicht die konservative, sondern 
die operative Methode der Behandlung anwenden sollen. 

Nach meiner Ansicht sollen wir operativ ein greifen, 

1. wenn der Fall uns rechtzeitig zugeht, etwa bis zur 
12. Stunde nach der Verletzung. Denn nach der Statistik 
von Seydel beträgt die Mortalität der operierten Fälle 

von der ^ big 4. Stunde . . . . 15% 

■ 8 . „ .... 44 % 

9. „ 12. „ .... 63% 


später 


70% 


Nach der zwölften Stunde nähert sich die Mortalität 
derjenigen der konservativ behandelten Fälle. 

2. Wenn keine schweren Nebenverletzungen usw. vor¬ 
handen sind. Der Kollaps allein braucht uns nicht abzu¬ 
halten, denn oft geht er während der Narkose zurück 

3. Wenn die Asepsis, das Instrumentarium, Assistenz 
so vollkommen sind, daß man ähnlich wie unter Friedens- 
Verhältnissen operieren kann — was ich für unsere Feld¬ 
lazarette, ja sogar für die Sanitätskompagnien, behaupten 
zu dürfen glaube. 

Wir haben bisher nur einen Fall geheilt, aber einen 
Fall, der mit seinen sieben großen Perforationen absolut 
sicher ohne Operation zugrunde gegangen wäre; allenthalben 
kört man aber von glücklichen operativen Erfolgen bei 
Darmschüssen, z. B. von Enderle, von Rumpel je zwei 
Fälle. Wir haben allen Grund, zu hoffen, daß wir jetzt im 
Feld annähernd dieselben Erfolge wie in Friedenszeiten er¬ 
zielen werden. 


Kriegschirurgische Erfahraugcn im 
Feldlazarett 1 ) 

von 

Dr. 0. Nordmann, 

Oberarzt im 12. Reserve-Feldlazarett des I. Reservearmeekorpg. 

Scbußverletzungen der Wirbelsäule. 

Am Halse haben wir in erster Linie Schußverletzun¬ 
gen der Wirbelsäule beobachtet. Diejenigen Fälle, die 
eine Querschnittsverletzung des Rückenmarks zeigten , 5 sind 
sämtlich gestorben. Bei einem Patienten befand sich der 
Einschuß links neben dem sechsten Halswirbel, der Aus¬ 
schuß medial vom linken Kopfuickorrande. Es bestand eine 
echte Halbseitenlähmung nach Brown-S<5quard. Merk¬ 
würdigerweise war kein anderes Halsorgan verletzt und die 
äußere Blutung war sehr unerheblich gewesen. Der Kranke 
genas bei einer konservativen Therapie und die Ausfaller¬ 
scheinungen gingen völlig zurück. 

Außerdem haben wir eine große Anzahl von Scliuß- 
verletzungcn der übrigen Wirbelsäule gesehen, die fast 
immer mit schweren Zeichen der Rückenmarkverletzungen 
verliefen und zu einer kompletten Paraplegie, Blasen- 
und Mastdarmstörungen, andere Male nur zu einer 
Hypästhesie oder einer Lähmung beziehungsweise 
, Schwäche des einen Beins geführt hatten. Die Schu߬ 
wunden lagen zuweilen im Bereiche des Brustkorbs und 
hatten gleichzeitig einen Hämatothorax verursacht oder 
hatten die Bauchhöhle durchdrungen. Ich habe niemals 
einen operativen Eingriff an der Wirbelsäule vorgenommen, 
betone jedoch, daß alle unsere Rückenmarkschüsse nicht 
infiziert waren. Diejenigen Patienten, die wegen einer be¬ 
stehenden Biascnlähmung unter ungünstigen Verhältnissen 
vor der Einlieferung hatten katheterisiert werden müssen, 
bekamen sämtlich eine mehr oder minder starke Cystitis 
und dürften sämtlich der später entstandenen Pyelitis und 

D Vergleiche den Aufsatz Nordmann in Nr. 61 nnd 52, 1014. 


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i 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


dem Decubitus allmählich erlegen sein. Bei vier Kücken¬ 
markverletzungen haben wir eine langsame spontane 
Wiederkehr der Motilität und der Sensibilität gesehen. 
Ich zweifle auf Grund unseres Entlassungsbefundes nicht, 
daß sie genesen sind. 

Entsprechend den Lehren der Friedenschirurgie rate 
ich, bei den Schußwunden der Wirbelsäule und des Rücken¬ 
marks jeden operativen Eingriff zu unterlassen, den 
Kranken gut zu lagern, den etwa notwendigen Katheterismus 
unter allen aseptischen Vorsichtsmaßregeln auszuführen und 
prophylaktisch Urotropin (dreimal täglich 1,0) zu verordnen. 
Es muß in erster Linie dafür gesorgt werden, daß der Ver¬ 
letzte möglichst bald ohne jede Umbettung auf seiner 
Matratze oder seinen Strohsack liegend in ein Re¬ 
servelazarett transportiert wird. Der den Lazarettzug be¬ 
gleitende Arzt muß einen Hinweis darauf erhalten, daß ein 
Katheterismus notwendig werden kann. Das Feldlazarett 
ist nicht der Ort zu einer Laminektomie; ein derarti¬ 
ger Eingriff kommt nur dann in Frage, wenn die Erschei¬ 
nungen der Rückenmarkverletzungen im Verlaufe der 
nächsten sechs bis acht Wochen nicht zurückgehen oder 
sogar zunehmen. Dann ist es Sache des Chirurgen, im 
wohleingerichteten Reservelazarett den Versuch zu machen, 
den Zustand des beklagenswerten Kranken durch eine Ope¬ 
ration zu bessern. Eine Laminektomie ist im Feldlazarett 
nur dann indiziert, wenn die Schußwunde an der Wirbel¬ 
säule infiziert ist; in aseptischen Fällen kann sie 
nur schaden. Diejenigen Verletzten, die nach einer so¬ 
fortigen Operation dahinsiechen, wären unter Umständen 
ohne dieselbe geheilt. 

Schußverletzungen der Brust. 

Die Schuß Verletzungen des Thorax bieten eine sehr 
gute Prognose, vorausgesetzt, daß der behandelnde Arzt 
so zurückhaltend wie möglich ist. Ich habe eine sehr große 
Anzahl davon gesehen; das eine Mal bestand eine kleine, 
reaktionslose Ein- und Ausschußöffnung, der Kranke hatte 
etwas Blut ausgehustet, aber ein größerer Hämatothorax 
war nicht entstanden — nach kurzer Zeit waren alle diese 
Kranken wieder genesen. In andern Fällen war die ganze 
verletzte Seite gedämpft und es bestand starke Atemnot, zu 
deren Bekämpfungen hohe Morphiumgaben notwendig waren. 
Regelmäßig besserte sich das Allgemeinbefinden in den 
folgenden Tagen und das Allgemeinbefinden wurde erträglich. 

In vielen Fällen waren eine oder mehrere große 
Schußwunden vorhanden, sodaß die Luft bei jedem Atem¬ 
zug unter hörbaren Geräuschen in die Pleurahöhle 
hineinstrich und bei jedem Hustenstoße luftgemischtes 
Blut aus der Wunde herausgeschleudert wurde. Auch bei 
diesem bedrohlichen Zustande haben wir uns völlig abwar¬ 
tend verhalten und nichts weiter getan, als einen Bausch 
Jodoformgaze auf die Wunde gelegt und einen großen 
Wickelverband angelegt; in der Nachbehandlung wurde 
nicht mit Morphium gespart. Die zur Bedeckung der Wun¬ 
den benutzte Jodoformgaze ging so feste Verklebungen ein, 
daß sie wie eine Pelotte wirkte, und wir haben sie deshalb 
stets fünf bis sieben Tage unberührt liegen gelassen und 
nur die oberflächlichen Verbandstoffe so oft gewechselt, 
wie sie durchtränkt waren. 

Alle diese Verletzten sind genesen und niemals 
ist der geringste operative Eingriff notwendig gewesen. 

Zweimal war ich gezwungen, eine Rippe zu rese¬ 
zieren, da ein infizierter Hämatothorax bestand. Bei 
dem einen Kranken war zwecks Nachweises des Bluts in 
der Brusthöhle eine überflüssige Probepunktion vorgenommen 
und bei dem andern hatte man „wegen der Atemnot“ ver¬ 
sucht, mit Hilfe einer Punktionsspritze das Blut abzusaugen. 
Der Erfolg dieser unzweckmäßigen Maßnahmen war die In¬ 
fektion des Hämatothorax. Die Patienten wurden geheilt, 
nachdem eine Rippe reseziert und die Pleura drainiert war! 


Eine Probepunktion ist nur in den Fällen ange¬ 
bracht, in denen Temperaturerhöhungen über 38,5° auf- 
treten, das Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigt 
ist und wegen des Gesamteindrucks, den der Kranke 
bietet, der Verdacht entsteht, daß der Bluterguß auf dem 
Blutweg infiziert ist. Geringes Fieber ist auch beim 
aseptischen Hämatothorax die Regel und gibt für sich 
allein keine Indikation zu einer Probepunktion ab. 

Häufig ist es makroskopisch schwer zu beurteilen, 
ob der Bluterguß infiziert ist, unter Umständen gibt erst 
die bakterielle Untersuchung des Punktats ein einwandfreies 
Resultat. Die Rippenresektion soll in lokaler Anästhesie 
erfolgen; ist das Blut sehr eingedickt und fließt es schwer 
ab, so kann es praktisch sein, zwei übereinander liegende 
Rippen zu resezieren. 

Wie außerordentlich segensreich eine konservative 
chirurgische Therapie für den Verletzten ist, sieht man nicht 
nur bei den Verletzungen der Lunge, sondern auch 
bei denen des Herzens. 

Ich habe zwei Verletzte gesehen, bei denen unzweifel¬ 
haft das Cor oder das Perikard getroffen sein mußte. Bei 
dem einen Patienten saß der Einschuß genau in der Hori¬ 
zontalen zwischen der linken Brustwarze und dem linken 
Brustbeinrande zirka zweiquerfingerbreit von letzterem ent¬ 
fernt, der Ausschuß in derselben Höbe im Rücken. Es han¬ 
delte sich nicht etwa um einen Haarseilschuß, sondern der 
Verletzte hustete Blut aus und hatte einen linksseitigen 
Hämatothorax. Die Herzdämpfung war nach beiden Seiten 
etwas verbreitert, die Töne waren leise und dumpf, der Puls 
klein, aber langsam und regelmäßig. Richtete sich der Patient 
ohne Unterstützung auf, so hatte er Ohnmachtsanwandlungen. 
Wir verordneten größere Morphium gaben und strenge Bett¬ 
ruhe und der Kranke wurde geheilt. Eine Dextrokardie war 
mit Sicherheit auszuschließen. 

Bei dem andern Kranken lag der Einschuß zweiquer¬ 
fingerbreit seitlich von der linken Brustwarze, der Ausschuß 
in der rechten mittleren Axillarlinie in derselben Höhe. Der 
Patient war bei der Einlieferung außerordentlich elend, der 
Puls klein und sehr beschleunigt. In beiden Pleurahöhlen 
war ein je handbreiter Bluterguß nachzuweisen. Die Herz¬ 
dämpfung war verbreitert, die Töne waren sehr leise und 
dumpf. Bei einer konservativen Therapie ging der Fall in 
Heilung aus. 

Wenn man viele Schußverletzungen zu beobachten 
Gelegenheit hat, so ist man immer wieder erstaunt, was 
alles heilen kann, ohne das geringste ärztliche Zutun. 
Der Versuch, in einem Feldlazarett eine Herznaht vornehmen 
zu wollen, würde meines Erachtens die abfälligste Kritik 
verdienen. 


Aus dem Reservelazarett III (Kathariuenhospital) Stuttgart. 

Ucber Wundbehandlung 1 ) 

von 

Dr. med. F. Hammer. 

M. H.l Wie im ganzen europäischen Dasein und noch 
weit darüber hinaus gegenwärtig der Soldat der Herrschende 
und Maßgebende ist, so auf ärztlichem Gebiete jetzt der 
Chirurg. Auch die Frage nach der Wundbehandlung hat 
eigentlich er zu beantworten. Aber doch ist auch der Der¬ 
matologe, der gewöhnt ist, Pathologie und Therapie sich 
unter seinen Augen abspielen zu sehen, nicht durchaus un¬ 
geeignet zur Erledigung dieser Aufgabe, zumal Zeit, Ge¬ 
danken und Hände der Chirurgen jetzt mit operativer Tätig¬ 
keit vollauf besetzt sind, und wir andern auch keinen Kopf 
haben, uns mit andern Dingen als solchen, die mit dem 
Kriege Zusammenhängen, zu beschäftigen. Auch wird ja 

Vorgetragen im Stuttgarter Aerztl. Verein am 3. Dezember 1914 


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gerade jetzt die Wundbehandlung notgedrungen zum größten 
Teil von Nichtfachcbinirgen ausgeübt. 

Ich halte es nicht für meine Aufgabe, eine geordnete 
Uebersicht über diese Frage zu geben, sondern nur einige 
allgemeine Fragen zu besprechen und zu schildern, wie wir 
au/ der Hautabteilung uns unserer Aufgabe an den zuge¬ 
teilten Verwundeten entledigt haben, um dadurch berufene 
Kritik bcrvorzurufen, die uns zeigen soll, wo wir etwa auf 
falschem Wege gewesen sind. 

Gerade wenn, wie jetzt, gleiche und ähnliche Aufgaben 
von so vielen verschiedenen Seiten in Angriff genommen 
werden, ist die Gelegenheit günstig, zu bewährten allgemeinen 
Gesichtspunkten zu kommen. Man kann das gleiche Ziel 
auf verschiedenen Wegen erreichen. Aber wenn schon im 
allgemeinen der kürzeste Weg der beste zu sein pflegt, so 
muß ja ganz besonders in der Kriegschirurgie, der so oft 
fast kaum zu bewältigende Massentätigkeit zufällt, jede 
kleinste Vereinfachung und Verbesserung ihrer Verfahren 
von der allergrößten Tragweite sein. Und nicht nur die 
Richtpunkte, die den Einzelnen bei der Wundbehandlung 
leiten, sondern auch jene kleinen Vorteile und Kunstgriffe, 
auf die man überall in der Wundbehandlung kommt, und 
die vielleicht bescheidentlich der Veröffentlichung nicht für 
wert gehalten werden, sollten heute bei der Erörterung preis¬ 
gegeben werden. 

So ganz einfach, wie es nach dem Leitfaden der 
Kriegschirurgie scheinen möchte, ist denn doch die Wund¬ 
behandlung nicht und gerade wir in den Reservelaza¬ 
retten der Heimat stehen eigentlich vor recht viel mannig¬ 
faltigeren und vielfach verantwortungsreicheren Aufgaben 
als der Feldarzt, der in meist überstürzter Tätigkeit, die 
nur das allernotwendigste zu tun gestattet, die Verwundeten 
zur Weiterbringung in geeignete Verfassung bringen muß. 
Dort muß nach allgemein gültigen möglichst einfachen Grund¬ 
sätzen gehandelt werden. 

Daß daselbst in aufreibender Tätigkeit das Menschen¬ 
möglichste geleistet wird, können wir alle mit größter Be¬ 
geisterung anerkennen. 

Schon die erste Versorgung der Wunden mit einem 
Xotverband ist ja durch das aseptische Verbandpäckchen in 
großartiger Weise ermöglicht, und es scheint auch, daß 
doch heutzutage die Bergung der Verwundeten viel rascher 
erfolgt, als dies früher möglich war, wo noch keine Autos 
zur Verfügung standen und überhaupt alle Einrichtungen 
zur Versorgung der Verwundeten noch nicht so planmäßig 
vorbereitet waren, wie dies jetzt, wenigstens im deutschen 
Heere, wir dürfen wohl sagen in vorbildlicher Weise ver¬ 
wirklicht ist 

Je früher eine Wunde zum Verbände kommt, um so 
eher kann man sie ohne Gefahr als nicht infiziert ansehen 
und entsprechend mit einem einfachem abschließenden Ver¬ 
bände behandeln. Und je schneller der Verwundete zur 
Hube kommt, desto eher dürfen wir auch hoffen, daß die 
Wunde reaktionsios bleibt. Ich sehe als die Hauptauf- 
gabeeines Wundverbandes an, äußere Reize von der 
^unde fernzuhalten und Ruhigstellung zu sichern, 
viel weniger das Eindringen weiterer Infektions¬ 
seime zu verhindern. Denn diese sind sicher schon beim 
Durchschlagen der wochenlang nicht abgelegten durch und 
durch verschmutzten Kleidung und der noch länger nicht 
gereinigten Haut vom Geschosse mit in die Wunde hinein¬ 
gerissen worden und warten nur auf die Gelegenheit zur 
Vermehrung und Ausbreitung. Diese Möglichkeit ist zu¬ 
nächst gering. Alle pflanzlichen Gebilde müssen sich 
zunächst an ihren Standort gewöhnen. Schon das Versetzen 
jmer Pflanze aus ungünstigen in ihr besser angepaßte 
bebensbedirgungen bedingt zunächst eine gewisse Abände- 

ihrer Lebensgewohnheiten und damit einen kürzeren 
oder längeren Stillstand ihres Wachstums. Anderseits 
*ommt den frisch abgestorbenen Geweben und auch dem 


Blute noch eine Zeitlang, nachdem es den Kreislauf ver¬ 
lassen hat, ein Teil jener Abwehrkräfte zu, mit denen der 
gesunde Körper so reich ausgestattet ist. 

Wie oft sehen wir nach Abnahme des ersten fest¬ 
geklebten Verbandes die Wunde so reaktionslos, daß wir uns 
Vorwürfe machen, denselben abgenommen zu haben. Es 
kommt aber früher oder später der Augenblick, da die ab¬ 
gestorbenen Körperteile ihre antizymotischen Eigenschaften 
verloren haben und sich das Gleichgewicht nun erst langsam, 
dann aber schneller und schneller zugunsten der einge¬ 
drungenen Keime verschiebt. Und nun kann die geringste 
weitere Verschiebung der Verhältnisse den Erregern vollends 
das Heft in die Hand geben. Durch die abgestorbenen Ge¬ 
webe werden nun die Schutzkräfte (Komplemente) des Körpers 
zum großen Teil festgelegt und aufgebraucht. Jeder Heiz, 
der die Wunde trifft, kann unter den gespannten Verhält¬ 
nissen die nötige Quellung und Durchfeuchtung sowie die 
übrigen zur Wucherung der Eitererreger nötigen Bedingungen 
liefern, während man anderseits den Eindruck hat, daß der 
an getrocknete Erstverband durch den Druck, den er aus¬ 
übt, eine zeitlang sehr günstig entwicklungshemmend auf 
die eingedrungenen wenigen Erreger wirkt. Dafür, daß eine 
Entzündung sich in chronischer Weise in einem gewissen 
Gleichgewichtszustände mit dem Organismus erhält bis sich 
eine weitere Schädlichkeit hinzuaddiert, haben wir in der 
Entstehung der Stomatitis raercurialis ein schönes Beispiel: 

Bei schlecht gepflegtem Zahnfleische häufen sich in den 
Winkeln zwischen den Zähnen und den Spalten des Zahn¬ 
fleischs zersetzungsfähige Stoffe an, die das Zahnfleisch in 
einem gewissen Reizzustand erhalten, ohne daß gerade er¬ 
hebliche Beschwerden vorhanden sind. Kommt nun das 
Quecksilber noch dazu und verursacht eine der weiteren 
Ausbreitung dieses Reizzustandes günstige Quellung des 
Zahnfleischs, so kann eine rasch zunehmende Entzündung 
entstehen, die sich bis zur Gangrän steigern kann. 

Auch bei den Eiterkrankheiten der Haut können 
wir solche Dinge reichlich beobachten. Hier ist es viel weniger 
die Anwesenheit der Eitererreger, als die Schaffung 
der für sie nötigen Wachstumsbedingungen, die die 
Entzündung zum Ausbruche bringt. Der von außen ein¬ 
gedrungene Eitercoccus kann wohl jahrelang eingeschlossen 
in die Epidermis, in einem Haarbalg oder Drüsengang ein 
durchaus harmloses Dasein fristen. Erst die Reizung der 
Haut durch Schwitzen, Kratzen oder durch Reibung z. B. 
des Kragenrandes liefert die nötige Durchfeuchtung, die sein 
Wachstum ermöglicht. Freilich müssen dazu noch eine ganze 
Anzahl begünstigender Umstände von seiten des Körpers 
kommen. Denn immer nur das Zusammentreffen einer ganzen 
Anzahl von im einzelnen nicht übersehbaren Bedingungen 
bringt die Krankheit zum Ausbruche. Dies Zusammen¬ 
treffen ist dann, wie Otfried Müller sich bei dem ähnlich 
lauernden Tuberkelbacillus treffend ausdrückte, die schwache 
Stunde des Organismus, in der der eigentliche Vorstoß der 
Krankheit in den Körper erfolgt. 

Aus Beobachtungen an der Haut ergibt sich weiter 
recht deutlich, wie die Stämme der Eitererreger sich an 
einzelne Gewebe anpassen und sich allmählich eine für ganz 
bestimmte Gewebe in kaum glaublich feiner Weise abge¬ 
stimmte Ansteckungskraft aneignen. Dies geht so¬ 
weit, daß sie, wie wir z. B. bei den Pustulosen der Haut 
sehen, unter Umständen nur für bestimmte Hautschichten 
und nur für denselben Körper ansteckend sind. 

So sind auch die auf andersartigen Nährböden ge¬ 
züchteten Pyokokken für den Menschen nicht krankheits¬ 
erregend, sie müssen erst angezüchtet werden. Viel viru¬ 
lenter sind aber schon Pyokokken, die von menschlichen 
Eiterungen stammen. Dies gilt besonders für die Strepto¬ 
kokken und ist ja besonders gut bekannt vom Erysipel. 
Man weiß, daß die Geneigtheit für Erysipelinfektionen mit 
der Zahl der überstandenen Erysipele immer zunimmt. Ich 


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glaube, daß dann das Erysipel meist nicht durch Neu¬ 
ansteckung von außen erworben wird, sondern von Keimen 
ausgeht, die untätig in der Haut zurückgeblieben sind und 
bei entsprechendem Zusammentreffen von günstigen Bedin¬ 
gungen wieder zum Auskeimen kommen. 

Aehnlich verhält es sich bei Balanitis und Intertrigo. 
Es kann die unglaublichste Unreinlichkeit nicht zur Ent¬ 
zündung führen. Die Ansteckung von außen muß noch bin- 
zukommen. Und wenn eine solche Entzündung einmal da¬ 
gewesen ist, so tritt sie auch immer wieder leicht unter 
denselben begünstigenden Verhältnissen auf, und wir haben 
keine andere Wahl, als diese letzteren nicht aufkommen zu 
lassen. Denn es ist außerordentlich schwer, die Pyokokken 
von einem Platz, an dem sie an gepaßt sind, gründlich zu 
entfernen. Das sehen wir auch an den rezidivierenden An¬ 
ginen usw. 

Es wird nun einerseits die große Menge von Krank¬ 
heitsbildern verständlich, die von den äußerlich nicht untor- 
scheidbaren Pyokokken hervorgerufen werden können. An¬ 
derseits ist aber diese fein abgestimmte Anpassungs¬ 
fähigkeit an eine solche Summe von äußeren Bedingungen 
gebunden, daß wir schwer versuchsmäßig diese Krankheiten 
hervorbringen können. Jedenfalls war es recht unbefrie¬ 
digend, wenn wir hörten, daß man bei den verschieden¬ 
artigsten Krankheiten äußerlich nicht unterscheidbare Eiter¬ 
erreger gefunden hat, daß aber auch anderseits äußerlich 
gleiche Krankheitsbilder unter den Blasen- und Pustelkrank¬ 
heiten bald durch Streptokokken, bald durch Staphylokokken 
verursacht waren. 

Es kommt also darauf hinaus, daß es das Wichtigste 
ist, den in der Wunde schon vorhandenen Infektions¬ 
keimen die Entwicklungsmöglichkeit abzuschnei¬ 
den, das heißt dem Körper die ihm zu Gebote ste¬ 
henden Schlitzkräfte zu erhalten und ihn in der Ent¬ 
faltung derselben nicht zu verhindern. 

Deshalb bat sich mit vollem Rechte seit Bergmann 
in der Kriegschirurgie mehr und mehr der Grundsatz der 
konservativen Behandlung befestigt. 

Man soll, wie das immer und immer wieder eindring¬ 
lich gesagt wird, die Wunden soviel wie möglich in Ruhe 
lassen. Alles Untersuchen, Sondieren, Befühlen der frischen 
Wunden ist mit Recht verpönt. Geschoßentfernung, Fremd¬ 
körperentfernung ist nur in dringenden Fällen erlaubt. Keine 
Reinigungsmaßnahmen mit wäßrigen Lösungen, die die Ge¬ 
webe zum Quellen bringen, besonders nicht mit antiseptischen 
Lösungen, die eine chemische Reizung der Gewebe hervor- 
rufen und sie dadurch für den Angriff der Erreger weniger 
widerstandsfähig machen. Um die Wunden nicht mit don 
Fingern berühren zu müssen, benutzen wir sterilisierte mit 
Watte umwickelte Holzstäbchen als Taster und Tupfer. 
Man kann sie auch leicht durch Absengen an der Flamme 
nochmals sterilisieren, wodurch sie auch die feinen Fasern 
verlieren. 

Man kann unter den günstigen Verhältnissen des wohl¬ 
eingerichteten Reservelazaretts, wo sich entsprechende Lage¬ 
rung und Ruhigstellung des verletzten Körperteils leicht 
durchführen läßt’ die konservative Behandlung bei den klei¬ 
neren reaktionslosenEin- und Ausschußwunden soweit treiben, 
daß man im Vertrauen auf die Natur auch den Verband 
wegläßt, denn auch der Verband hat deutliche, die Eiterung 
begünstigende Eigenschaften, wie jeder aus der Beobachtung 
bestätigen wird. 

Jedenfalls ist die Heilung unter dem trocknen Schorf 
etwas ungemein lehrreiches, da man sie immer unter Augen 
hat. Man kann dann auch sehen, wie in den zunächst an¬ 
scheinend reaktionslosen Wunden dennoch von den darin 
enthaltenen Erregern einzelne Vorstöße mit leichter Rötung 
und Schwellung der Umgebung erfolgen. Vermehrtes Sekret 
dringt da und dort aus dem Schorfe hervor und trocknet 
dann wieder ein. Man sieht das hin- und herwogende Spiel 


der augreifenden und ab wehrenden Kräfte, in das die neuere 
Bakteriologie und Immunitätslehre so manches Licht ge¬ 
bracht hat. Zum Schutze der Wundstelle gegen Berührung 
der Kleidung und des Bettes haben wir Filzringe mit Mastix 
aufgeklebt. Diese Behandlung läßt sich natürlich nur in geeig¬ 
neten Fällen durchführen. Aber auch hier stößt sie auf ge¬ 
wisse Schwierigkeiten. Dio Kranken selbst sind offenbar 
häufig mit dieser Behandlung gar nicht einverstanden. Sie 
erscheint ihnen als eine gewisse Vernachlässigung, denn 
nach ihrem Gefühle gehören Wunde und Verband zusammen 
wie Dose und Deckel. Das getäuschte Vertrauen kommt 
dann leicht zum Ausdrucke, wenn eine nachträgliche Eite¬ 
rung oder dergleichen in der Tiefe des Schußkanals auftritt, 
denn dann ist selbstverständlich der unterlassene Verband 
daran schuld gewesen. Besonders schmerzlich ist es mir 
gewesen, daß der schwerste von drei auf meiner Abteilung 
vorgekommenen Tetanusfälle mit Üblem Ausgange, dessen 
Wunden auf diesem Wege behandelt und fast geheilt waren 
als der Tetanus ausbrach, auch ähnliche Vorstellungen hatte. 
Er litt nach Aussage des Pflegepersonals eine zeitlang unter 
dem Gedanken, daß das nach seiner Ansicht begangene Ver¬ 
säumnis daran schuld sei, daß er sterben müsse. 

Jedenfalls dürfen wir uns aber das Vorgehen der Natur 
bei der Schorfheilung zum Muster nehmen. Wir müssen 
suchen, ihm einigermaßen nahezukommen. Wir müssen mit 
aller Kunsthilfe zurückhalten, solange von selbst schon 
günstige Heilungsbedingungen und Heilvorgänge vorhan¬ 
den sind. Ueberall in der Heilkunst erreichen wir am 
besten das Ziel, wenn wir die Kunsthilfe gerade da, und 
nur gerade soviel ein setzen, als der Natur unter den ge¬ 
gebenen Umständen fehlt, um von sich aus fertig zu werden. 

Wenn wir einmal mit der Kunsthilfe begonnen haben, 
verändern wir auch so die ganze Lage, daß wir damit auch 
weiter machen müssen. Wir können dann nicht etwa plötz¬ 
lich wieder auf Naturheilung zurückgreifen, da wir mit jedem 
Eingriff und auch mit jedem Verband eine gewisse Schädi¬ 
gung der Gewebe erzielen, deren Wirkung wir auszugleichen 
genötigt sind. — Es kann wohl als Auszug der ganzen 
Wundbehandlung gelten, daß wir der Wunde gewisse 
Feuchtigkeitsgrade verschaffen müssen, die der 
Entwicklung der Entzündungs- und Eitererreger 
ungünstig und der freien Entfaltung der natürlichen 
Heilkräfte günstig sind. 

In der Hauptsache wirken unsere Verbandstoffe da¬ 
durch, daß sie die Wunde abschließen und ruhigstellen, die 
Absonderung aufsaugen und durch einen gewissen gleich¬ 
mäßigen Druck allzu starke Quellung und Durchfeuchtung 
der Wundgew r ebe verhindern. 

Ich kann und will natürlich nicht aufzählen, was man 
zu diesem Zweck alles verwenden kann. Tatsache ist, daß 
man sehr verschiedene Wege beschreiten kann. Die Heil¬ 
kraft der meist in der Vollkraft des Lebens stehenden Sol¬ 
daten überwindet, wie wir täglich sehen, ja auch die un¬ 
günstigsten äußeren Bedingungen, und jeder wird sein Vor¬ 
gehen mit ganz vorzüglichen Erfolgen belegen können. 

Als durchaus für die einfach gelagerten Fälle bewährt 
können wir wohl den Verband mit Gazebausch ansehen, 
wie er im Verbandpäckchen der Feldsoldaten gegeben ist. 
Aber natürlich hat der Gazeverband auch gewisse. Nachteüe. 
Bei bestimmten Sekretmengen bildet sich etwas über der 
Wunde im Verband eine trockene Schicht, unter der sich 
die Wundsekrete anhäufen. Häufig wirkt dies ungünstig, 
aber nicht immer. Es tritt unter dem Drucke des Sekrets 
manchmal ganz schön Reinigung und Ueberhäutung ein. 
Meist ist es aber doch nötig, diesem Uebelstande zu be¬ 
gegnen. Wir schneiden deshalb oft in die dicke Mullschicht 
unmittelbar über der Wunde ein entsprechendes Loch, wo¬ 
durch die Aufsaugung sehr gefördert wird, oder wir legen 
Vaselinezinkpaste derart auf, daß noch mehrere Lagen Gaze 
zwischen ihr und der Wunde vorhanden sind. Wir nennen 


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3. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


diese in Vorrat gehaltenen Päckchen eingeschlagene Zink¬ 
salbe. Auch ein kleines Stück Wachsbatist, der Größe der 
Wunde entsprechend auf den Gazebausch aufgelegt, wirkt 
in diesem Sinne. Bei einer Wunde, bei der wir Eiterung 
befürchten müssen, soll der Verband weder austrocknen 
noch so feucht werden, daß er erweichend wirkt. 

Zur unverrückbaren Befestigung des Verbandes auf 
der Wunde haben wir Mastixlösung gern verwendet. Wir 
sehen in ihr in der Hauptsache ein gutes Befestigungsmittel 
für den Verband, das von der Haut meist besser ertragen 
wird als Heftpflaster, das die Verbände kleiner zu halten 
ermöglicht und auch einem Bindenverbande den erwünschten 
Halt gibt. Die vielfach primär angewendete Pinselung mit 
Jodtinktur hat öfter unerwünschte Reizung der Haut unter 
dem Verbände zur Folge gehabt. Nach ähnlichen Erfah¬ 
rungen verwirft Herzog 1 ) die Anwendung der Jodtinktur 
vor dem Verbände. 

Sehr schwer sind allgemeine Regeln dafür zu gewinnen, 
wielange man einen Verband liegen lassen soll. 
Das zu frühe Abnehmen wie das zu häufige Wechseln 
können schädlich sein. Weder Schmerzgefühl noch Tem¬ 
peratursteigerung können als ganz sichere Anhaltspunkte 
verwertet werden. Man muß sich immer wieder darüber 
wundern, wie wenig manchmal infizierte und eiternde 
Wunden Schmerzen verursachen. Man muß es eigentlich 
bei jeder einzelnen Wunde herausfinden, ob man sie zwei- 
oder einmal täglich oder nur alle paar Tage verbinden soll. 

Wunden mit stark zermalmten und zerfetzten 
Geweben, besonders wenn gleichzeitig auch Knochenzer- 
trBmmerung besteht, gehen fast immer in Eiterung über, 
ln Erwartung dieser letzteren ist es nötig, schon frühzeitig 
dafür zu sorgen, daß die Wunden weit offen sind, daß ihre 
Spalten, Winkel und Gänge nicht durch den Verband zu¬ 
sammengedrückt werden. Hier hat mir die von Payr 
(Dortmund), bei Kraft (Dortmund) und jetzt auch bei 
Geisselmann hier erhältliche Spreizfeder häufig gute 
Dienste getan. Ihr Verweilen macht unerwartet wenig 
Schmerz und bringt häufig sehr schnell eine günstige Um¬ 
stimmung im Wundverlaufe zustande. Auch einseitiger Zug 
mit Aluminiumhaken, die sich besonders gut auf dem Rande 
des Gipsfensters mit Heftpflaster befestigen lassen, hat 
öfter recht gut gewirkt. 

liecht gut und mit gleichmäßigem Drucke wird auch 
die Wunde durch Scobitost 2 ) (geröstetes Sägemehl) aus¬ 
einandergespreizt. Dieses saugt auch die Wundsekrete 
gut auf. 

An einem der ersten kriegsärztlichen Abende ist hier 
das Einlegen von Gazestreifen in Wundspalten ganz all¬ 
gemein mit Bann belegt worden. Man wird sie aber trotz¬ 
dem nicht vollständig entbehren können. Jedenfalls müssen 
w,r * mmer in* Auge behalten, daß sie nie eine Verstopfung 
von Gewebsspalten verursachen dürfen. Durch den Reiz, 
den sie auf das Gewebe ausüben, wird häufig das Zustande¬ 
kommen einer Eiterung begünstigt und diese dann gewisser¬ 
maßen vor dem Stöpsel hergetrieben. Aber bei schon vor¬ 
handener Eiterung wird man dann, wenn der Sekretabfluß 
gesichert ist, häufig solche Gazestreifen zum Auseinander- 
alten der Ränder und Wände der Wundhöhle mit Vorteil 
benutzen. 

Bei den infizierten, eiternden, nekrotisierenden 
• jauchenden Wunden hört überhaupt mehr und mehr 
m ) 6 äiig ? eine au ^ Hier hstöt e8 > Erfahrung sam- 
. , ua “ sic h Hebung aneignen, um mit einigermaßen 
rr r. erer Hand alle die Klippen zu umgehen, die nun dem 
eaunpverl^fe drohen, von der harmlosen örtlich um¬ 
gebenen Reaktion bis zur Jauchung und fortschreitenden 

D M. m. W. Nr. 48, S.23I9. 

i M. mtä. W. 1914, Nr. 36, S. 1925. 


Phlegmone und Allgemeininfektion, nicht zu reden von 
specifischen Krankheiten, wie Erysipel, Tetanus usw. 

Was mich anfänglich in Erstaunen versetzt hat, war, 
daß das Bild der Friedensphlegmone mit starker Rötung, 
Schwellung und Schmerzhaftigkeit und akut bedrohlichen 
Erscheinungen eigentlich recht selten ist, daß sich diese 
Wundinfektion vielmehr mit rasch fortschreitender Nekrose 
der Gewebe, enormer Eiterung aber vielfach ohne die ge¬ 
wohnten Entzündungserscheinungen abspielt. Dies mag da¬ 
her kommen, daß die Phlegmonen des Friedens meist von 
kleinen unscheinbaren Verletzungen ihren Ausgang nehmen 
und dadurch eine große Gewebsspannung erzielt wird, die 
bei den großen weit offenen Kriegsverletzungen in Wegfall 
kommt. In Wegfall kommt aber dadurch auch der um¬ 
schriebene Verlauf und der sich in der Hyperämie und 
Entzündung ausdrückende Gegenstoß des Organismus, durch 
dessen Abwehrraaßregeln in den meisten Fällen eine Sterili¬ 
sierung des Krankheitsherdes erzielt wird, sodaß derselbe 
nun als Fremdkörper behandelt und vom Gesunden ge¬ 
schieden werden kann. Als Schulbeispiel dieses Vorgangs 
müssen wir immer den Furunkel vor Augen behalten. 

Auch daß Lymphangitis selten vorkommt, ist mir 
äufgefallen. Der bei den großen Kriegswunden so aus¬ 
gedehnt auftretende nekrotische Zerfall des Bindegewebes, 
der Sehnen, Fascien, Muskelteile ist vielleicht außer durch 
die Zerstörung der ernährenden Blutgefäße, zum Teil auch 
durch den starken Blutverlust bedingt, durch den die Meüge 
der Schutzstoffe herabgesetzt wird. Es ist nicht an der Zeit, 
sich hier über diese lehrreichen Vorgänge näher zu ver¬ 
breiten. Nachdem einmal ein Erysipel auf der Abteilung 
aufgetreten war, haben wir noch einige weitere Infektionen 
erlebt. Der Verlauf war leicht und die Heilung der Wunden 
wurde dadurch nicht verzögert. Spiritusumschläge wirkten 
günstig. 

Obwohl es für Kriegsverletzungen kaum in Betracht 
kommt, will ich aber doch einschalten, daß wir bei der Be¬ 
handlung solcher akuter Entzündungsherde der Erwägung 
Raum gegeben haben, daß die Anwesenheit von freien Blu¬ 
tungen hier häufig einen für die SterilisieruDg günstigen 
Einfluß zu haben scheint. Wir haben z. B. in noch nicht 
oder schon fluktuierende Bubonen — in letzterem Falle nach 
Ansaugung des Eiters — Eigenblut des betreffenden Pa¬ 
tienten eingespritzt und in vielen Fällen nicht nur sofortigen 
Nachlaß der Schmerzen und des Fiebers, sondern auch voll¬ 
kommene Rückbildung beobachten können. Wir sind ganz 
selten noch in der Lage, einen Bubo breit eröffnen zu 
müssen. 

Den Herd der Eiterung aufzufinden und die Wunde so 
zu gestalten, daß der Eiter freien Abfluß hat, ist häufig 
keine leichte Aufgabe. Wir müssen uns auch stets daran 
erinnern, daß die dazu nötige Untersuchung der Wunden 
mit Sonden usw. eine neue Schädigung derselben bedeuten 
kann, besonders wenn danach der Zweck vollständiger Ent¬ 
lastung nicht erreicht wird. Schwer und verantwortungs¬ 
voll ist es auch, den Zeitpunkt zu bestimmen, wo aus¬ 
giebige operative Hilfe wie Resektion und Amputation ein¬ 
zutreten hat. 

Bei erklärter nekrotisierender und eitriger Ent¬ 
zündung können antiseptische Mittel, vor allem Jodoform 
und seine Ersatzmittel, wohl kaum entbehrt werden. Emp¬ 
fehlen kann ich Scobitost mit 10°/ 0 Jodoformzusatz. 
Antiseptische Umschläge haben sich bei solchen Wunden 
so oft bewährt, daß man immer wieder auf sie zurückkommt. 
Wir machen dieselbe mit der beliebten essigsauren Tonerde* 
müssen aber dringend raten, um die erweichende Wirkung 
der wäßrigen Umschläge zu umgehen, immer 25 bis 75 % 
Spiritus zuzusetzen. Dieser Zusatz bekämpft auch am 
sichersten und schnellsten die sich in entsetzlichem Gestank 
äußernde Zersetzung der Wundsekrete sowie den Pyocyaneus. 


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3. Januar. 


Wir empfehlen, die Umschläge nicht größer, als der Wunde 
entspricht, dafür aber ziemlich dick zu machen und gut aus¬ 
zudrücken, damit sie noch aufnahmefähig sind. Auch soll 
der bedeckende undurchlässige Stoff nicht weit überstehen, 
da dadurch die Epidermis erweicht wird. Die aufgeweichte 
Epidermis ist einer der besten Nährböden der Eitererreger 
und durch die Quellung der Hornschicht werden sie auch 
sehr rasch der Einwirkung der gleichzeitig vorhandenen 
Antiseptica entzogen. Umschläge und Überhaupt Verbände 
bei stark absondernden Wunden müssen häufig genug 
gewechselt werden. Wir wechseln feuchte Verbände 
trotz des Spirituszusatzes zweimal täglich. Denn die eitrige 
Entzündung ist, wie ihre so glückliche Benennung nahelegt, 
einem Feuer zu vergleichen, das zunächst vielleicht mühsam 
angeht und nur langsam weiterglimmt. Dann bekommt es 
aber Zug und überwindet jeden Widerstand, und sogar die 
Mittel, mit denen wir es bekämpfen, fachen es noch mehr 
an. So schafft auch die Entzündung sich selbst die gün¬ 
stigen Bedingungen für die Ausbreitung, und manchmal 
schlägt alles, was wir tun, zugunsten der in der Uebermacht 
befindlichen Entzündungserreger aus. 

Wenn wir die Entzündung in gewissen Grenzen halten, 
dann gewinnt auch der Organismus allmählich wieder die 
Oberhand. Und es ist merkwürdig, welch ausgedehnte Ge- 
websspalten nach der Abstoßung der nekrotischen Massen 
durch Eiterung rasch verkleben und ausheilen können. Des¬ 
halb ist auch das gewaltsame Vorgehen mit ausgiebigen 
Spaltungen häufig nicht nötig, es genügt, wenn durch Drai- 
nierung der Eiterabfluß gesichert und Entspannung der Ge¬ 
webe, in denen der Prozeß fortschreitet, erreicht ist. Dann 
geht auch die Temperatur pünktlich zurück. Die Drainage¬ 
röhren haben wir beim Verbandwechsel, wenn sie nicht 
herausgenommen wurden, mit Borlösung durchgespült. Von 
H 2 0 2 haben wir besondere Vorteile nicht gesehen und über¬ 
haupt Spülungen soviel wie möglich vermieden. 

Wir lassen die Drainageröhren möglichst lange liegen, 
bis die Eiterung so gut wie versiegt ist und Infiltrationen 
in der Nähe des Wundkanals ganz verschwunden sind. Bei 
den meisten Verwundeten geht ja die eigentliche Wund¬ 
heilung, wenn nicht besondere Komplikationen vorhanden 
sind, glatt und regelmäßig vor sich. Es ist aber doch merk¬ 
würdig, wie sich bei einzelnen die Heilung hinausziehen kann. 
Ganz unerwartet treten manchmal wieder neue infiltrative 
Schwellungen auf, die Fiebersteigeningen hervorrufen, 
manchmal erweichen, aber auch so zurückgehen. Lange 
kann es auch dauern, bis sich der letzte Knochensplitter 
abgestoßen hat. Trotzdem ist es wohl empfehlenswert, die 
große Belästigung der Wunde zu vermeiden, die zur aus¬ 
giebigen Entfernung der Knochensplitter und Fremdkörper 
notwendig ist, auch wenn schon Eiterung besteht. Die 
Knochensplitter jedoch, die sich der Kornzange anbieten, 
entfernen natürlich auch wir. Ihr übler Geruch zeigt oft 
an, welchen ungünstigen Heiz sie für die Wunde bedeuten. 
Sehr mit Recht hat Steinthal hervorgehoben, daß auch 
geringfügige Verletzungen der Kopfschwarte mit großer 
Aufmerksamkeit behandelt werden müssen. Man hält sie 
am besten von Anfang an weit offen, da sich sonst leicht 
immer wieder unterhöhlende Eiterungen büden, die die 
Heilung sehr verzögern und bei der Nähe des Gehirns ja 
nie ganz unbedenklich sind. 

Bei Steckschuß muß ganz nach Maßgabe der durch 
Entzündung und Eiterung gegebenen Verhältnisse gehandelt 
werden. 

Alle diese Bestrebungen gehen in der Hauptsache 
darauf aus, den Wundsekreten und mit ihnen den Infek¬ 
tionsstoffen besseren Abfluß und damit dem Körper für seine 
Heilbestrebungen freie Bahn zu schaffen. 

Man kann aber auch diese Heilbestrebungen des Kör¬ 
pers, die sich in Hyperämie und Exsudation mit ihrer aus¬ 


schwemmenden Wirkung äußert, zu unterstützen und zu 
steigern suchen. Von derartigen Mitteln haben wir die 
Biersche Stauung nur wenig verwendet. Ich konnte mich 
nicht entschließen, sie bei schweren phlegmonösen Prozessen 
anzuwenden, bei denen doch fraglos eine gewisse Gefahr da¬ 
mit verbunden ist. Wir sind da meist bei der alten Hoch- 
lagerung der entzündeten Teile geblieben. Wo ich die 
Biersche Stauung angewendet habe, habe ich den Eindruck 
gehabt, daß es auch ohne sie gegangen wäre, doch wäre es 
recht erwünscht, wenn jemand, dem ausgedehntere Erfah¬ 
rung über die Biersche Stauung bei Kriegsverletzungen zu 
Gebote steht, die Anzeigen dafür festlegen wollte. 

Die aktiv hyperämisierenden Mittel, die eine 
örtliche Vermehrung der Schutzstoffe anstreben, haben wir 
schon häufiger verwendet. Die Hitze, meist in Form von 
Glühlampenbestrahlung, die äußerst reinlich und be¬ 
quem ist und zugleich eine kräftig austrocknende Wirkung 
auf die Wunde ausübt. 

Beetartig gewucherte Granulationen lassen sich durch 
Austrocknung gut abflachen. Wir benutzen dazu gern den 
Heißluftstrom des allbekannten Föhn. Auch unsere Sonnen¬ 
bäder haben wir, wenn die Gelegenheit günstig war, aus¬ 
giebig benutzt. Sie dienen natürlich auch zur Kräftigung 
des übrigen Körpers. Es liegt nahe, bei zögernder Heilung 
auch die künstliche Höhensonne zu verwenden. 

Bei zögernder Ueberhäutung haben wir auch mit Vor¬ 
teil direkte Bedeckung mit Zinkpflaster, das wir dann 
durchlöchert anwenden, gebraucht, eine Behandlung, die ja 
vom Ulcus cruris her bekannt ist. Zu beachten ist dabei, 
daß das Pflaster von Anfang an fest anklebt und unter 
einem gewissen sekretbeschränkenden Drucke, z. B. durch 
Flanellbindenumwicklung, gehalten wird. 

Daß zur Wiedergebrauchsfähigkeit der verletzten Glied¬ 
maßen eine entsprechende Uebung derselben notwendig ist, 
muß vielen Kranken erst eindringlich beigebracht werden. 

Bei meinen Ausführungen konnte ich auf Einzelfälle 
unmöglich eingehen und fühle lebhaft, daß sie auch sonst 
unvollständig sind, hoffe aber, daß von anderer Seite die 
notwendigen Ergänzungen gebracht werden. 


Ueber die richtige Vcrwendnngsstelle der 
Krankenschwestern und Pflegerinnen im Kriege 

von 

Prof. Dr. Riese, Groß-Lichterfelde-Berlin, 
beratender Chirurg des XX. Armeekorps. 

Immer wieder hören wir im Felde Notschreie aus der Heimat 
über die mangelhafte Einsetzung der Schwestern bei der Ver¬ 
wundetenpflege; wir hören ferner, daß für die Frischverwundeten 
besser gesorgt sein würde, wenn sie gleich in Schwesternpflege 
kämen. So manche vortreffliche Schwester wird hinausgeschickt 
aus ihrem Wirkungskreis in der Heimat, in der sie vollauf be¬ 
schäftigt war, sie hofft, sich im Dienste unserer Verwundeten recht 
tätig erweisen zu können und gelangt schließlich dazu, in einem 
Gefangenenlazarett im Westen Dienste zu tun, die sie so gerno 
ihren Landsleuten widmen möchte. Oder zwei Berufsschwestern 
werden einem Armeekorps im Osten zur möglichsten Betätigung 
direkt hinter der Front zugewiesen. Nachdem sie sich bei dem 
zuständigen Sanitätsamt in Ostpreußen gemeldet haben, werden sie 
der marschierenden Truppe mit der Eisenbahn nachgesandt und 
erreichen nach längerer Wagenfahrt und nach vielen Tagen das in 
der Nähe der Weichsel stehende Generalkommando. Da sich die 
ganze Armee auf dem Marsche befindet, um auf einen andern 
Kriegsschauplatz überzugehen, da keine größeren Gefechte statt¬ 
finden, da bei dem betreffenden Korps nur einmal ein Feldlazarett 
auf einen Tag in größerer Entfernung vom Sitzo des General¬ 
kommandos aufgeschlagen wird, können die Schwestern ihren Beruf 
nicht ausuben, und erst vier Wochen nach ihrer Abreise aus der 
Heimat gelingt es, sie in einem Feldlazarett einzusetzen, in dem 
sie sich unter meiner persönlichen Leitung vorzüglich bewährten 


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3. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1, 


9 


und auch später bewährt haben. Daß erste der Beispiele betrifft 
eine der Schwestern meines eignen heimatlichen Krankenhauses, 
und gewiß ist sie nicht die einzige, die derartige Erfahrungen 
machte; das zweite bezieht sich auf zwei Schwestern des Kranken¬ 
hauses in Weißensee. 

Den Laien und auch den Schwestern in der Heimat ist es 
nicht möglich, sich ein zutreffendes Erteil über die Schwestern- 
Terwendung im Felde zu bilden, weil ihnen die Organisation der 
Verwundetenpflege daselbst nicht genügend bekannt ist. 


In der Schlacht werden die Verwundeten von den bei der 
Truppe beflndlichen Aerzten und Sanitätsmannschaften, teilweise 
auch ron den eignen Kameraden oder durch sich selbst — jeder 
Mann hat zwei Verbandpäckchen in der Tasche — im Schützen¬ 
graben selbst oder auf dem dicht hinter demselben liegenden 
Truppenverbandplätze versorgt. Dann kommen sie auf den Haupt¬ 
verbandplatz, der hinter der Front liegt, dem feindlichen Feuer 
aber riebt selten nock ausgesetzt ist, und auf dom nur die 
allerdringlichsten Operationen ausgeführt werden sollen. Das 
fleranbriDgen der Verwundeten zum Hauptverbandplatz und 
ihre Versorgung daselbst ist die Aufgabe der Sanitätskompagnien. 
Diese verfügen über Krankenwagen und Krankentragen, eine 
Anzahl von Aerzten und rund 200 militärisch ausgebildete 
Krankenträger resp. Krankenpfleger, die ebenso wie die Aerzte in 
ärztlicher Beziehung unter der Leitung eines aktiven Oberstabsarztes 
stehen. Ist nun eine größere Zahl von Verwundeten, namentlich 
schwer Verwundeten vorhanden, so bekommen ein oder unter Um¬ 
ständen auch mehrere Feldlazarette den Befehl, sich möglichst 
nahe am Hauptverbandplatz oder auch auf diesem selbst ein- 
zurichten. Ein Feldlazarett Bteht ebenfalls unter dem Befehl eines 
aktiven Oberstabsarztes, dem vier bis fünf Aerzte — Stabsärzte, 
Ober- und Assistenzärzte oder Unterärzte —, der Inspektor, ein 
Apotheker, Sanitätsunteroffiziere und einige vierzig Sanitätsmann- 
schaften und Fahrer beigegeben sind. Im ganzen beträgt das 
Personal eines Feldlazaretts 60 Köpfe. Das Material: Verbandstoffe, 
Medikamente, Operationseinrichtungen, Krankentragen, Strohsäcke 
und Decken, wird auf Wagen mitgeführt, dazu kommen mehrere 
Krankenwagen und ein Beamtenwagen. Die Aerzte sind beritten, 
während sich 'die Mannschaften auf die Wagen verteilen oder 
marschieren. Soll das Feldlazarett neu eingerichtet werden, so muß 
ein möglichst geräumiges Haus ausgesucht werden, dasselbe muß 
gereinigt, von unnützen Möbeln befreit werden, die Strohsäcke 
müssen gestopft, vorhandene Betten aufgestellt, Operationsräume 
und Apotheke eingerichtet werden. Dann erst kann dio ärztliche 
Tätigkeit beginnen, nachdem die Wagen der Sanitätskompagnie, 
die der Feldlazarette selbst und schnell requirierte Leiterwagen die 
Verwundeten herangeschafft haben. 


Meinen weiteren Ausführungen schicke ich nun voraus, daß 
ich aus eigner Erfahrung nur von unserm östlichen Kriegs¬ 
schauplätze sprechen kann und meine Ausführungen nur für diesen 
Gültigkeit haben, und daß zwischen dem Kriegsschauplatz in Ost¬ 
preußen und dem in Polen recht wesentliche Unterschiede be¬ 
züglich der Unterbringungsmöglichkeit der Verwundeten, der Straßen 
und der Verpflegung bestehen. In Ostpreußen konnten die Feld¬ 
lazarette meist in größeren passenden Häusern untergebracht 
werden, bei sehr starker Belegung konnten dicht danebenliegende 
ochwinen mitbenutzt werden. In Russisch-Polen konnten nur 
zuweilen größere Gutshäuser gefunden werden, meist stand nur 
eine kleine Dorfschule, ein kleines Gutshaus mit danebenliegender 
öcheune zur Verfügung. In Dombrowice mußten die Verwundeten 
wi zirka 60 Häuser verteilt werden, die höchstens zwei bis drei 
äiutne, von Schmutz starrend, enthielten. In Ostpreußen kam es 
nur einmal vor, daß die Räume beschränkt waren. In Rosengarten 
waren außer Pastorswohnung und Kirche alle Häuser von den 
nssen verbrannt worden, und so mußten die Verwundeten in be- 
t f* r "°^ DUJ, g und Kirche untergebracht werden, diese Unter¬ 
amt war aber immer noch glänzend gegen die in Polen. In 
ri? US ?ni ° nntpD me hrfach schöne Krankenhäuser zur Einrichtung 
I “Jjhlwzaretts benutzt werden, in Polen sah man bessor davon 
x ft a dle ^ raD ^enbäuser, die ich dort fand, so unbygienisch waren, 
u man sie lieber nicht benutzte. 

waren * n Ostpreußen Überall vorzüglich, die 
70 t ® der Feldlazarette gingen rasch und ohne Schwierigkeiten 
Schwer n i, • j z anderg in Polen. Ein Deutscher kann sich die 
nar ninM Clt „ ^ e £ e UI *d der meisten sogenannten Chausseen 
den orfifu , Der Vormarsch der Feldlazarette ging mit 

weise im 6 ß rV^wierigkeiten vor sich, die Wagen blieben stellen- 
cnl&min und Löchern tatsächlich stecken. Einen an¬ 


schaulichen Begriff von der Mühsamkeit des Vorrückens gibt die 
Tatsache, daß eine Proviantkolonne zu einem Wege von zirka 
40 Kilometern 24 Stunden brauchte, weil erst Bäume gefällt werden 
mußten, um die auf viele Meter ganz ungangbare Straße damit 
zu belegen und fahrbar zu machen. 

Auf verschiedenen Straßen marschieren die Feldlazarette — 
12 bei meinem Korps — den Divisionen und Brigaden nach, und es 
ist ganz von der Kriegslage abhängig, wann einmal ein Feldlazarett 
zur Einrichtung kommt. Bisweilen ist ein bestimmtes Feldlazarett 
erst nach vierwöchentlichem Marsch aufgeschlagen worden, das 
eine ist nur ganz selten, ein anderes in verhältnismäßig kurzer 
Zeit wieder häufiger in Tätigkeit getreten. Auf den Märschen 
muß natürlich häufiger biwakiert werden, wenn nicht, so ist die 
Unterkunft in den polnischen Häusern oft schwierig, die Räume 
starren von Schmutz und Ungeziefer; die Verpflegung ist un¬ 
zureichend. Ist nun das Lazarett aufgeschlagen, so ist es bei dem 
sehr raschen Vorgehen oder den noch rascheren Verschiebungen 
der Korps einer Armee aus einer strategischen Operationsphase 
in die andere mit geringen Ausnahmen nur einige Tage tätig ge¬ 
wesen, um dann aufgelöst zu werden oder in die Hände des Kriegs¬ 
lazarettpersonals überzugehen. 

Sollen nun ein oder mehrere Schwestern einem Feld¬ 
lazarett überwiesen werden, dann müßten sie allen Unbilden des 
Marsches ausgesetzt werden, um günstigenfalls alle paar Wochen 
einmal für einige Tage beruflich tätig sein zu können. Ich meine, 
das ist eine Vergeudung besonders wichtiger Kräfte, die an anderer 
Stelle viel intensiver wirken können, ganz abgesehen davon, 
daß die meisten Frauen die Strapazen gar nicht aushalten 
können, die mit fortwährenden Märschen von 30 bis 50 Kilo¬ 
metern am Tage verbunden sind. Sehr häufig sind die Feld¬ 
lazarette auch dem Granatfeuer ausgesetzt gewesen; soll man 
die Schwestern auch diosem preisgeben, um sie einige Tage tätig 
sein zu lassen? 

Wie schon erwähnt, werden die Feldlazarette, wenn sie nicht 
ganz aufgelöst werden müssen, vom Kriegslazarettpersona! über¬ 
nommen, das unter dem Befehle der Etappeninspektion und des 
Etappenarztes steht. Sehr häufig aber mußten die Feldlazarette 
aus taktischen Gründen früher aufgelöst werden, häufig aber auch 
deshalb, weil die Etappe noch nicht nahe genug an die Operations¬ 
basis der Armee herangekommen war, und so mußten die Ver¬ 
wundeten von den Feldlazaretten selbst abtransportiert werden; die 
Schwesterntätigkeit hatte also wiederum aufgehört. 

In den Kriegslazarotten ist die Pflege der Schwestern sichor 
dringend erwünscht, und von ihnen aus können dieselben zuweilen 
unbedenklich in günstig davorgelegene Feldlazarette, denen man 
wahrscheinlicherweise eine längere Tätigkeit Voraussagen kann, 
vorgesehickt werden. So konnten die zw r oi schon erwähnten 
Schwestern nach ihrer Tätigkeit in dem einen Feldlazarett noch 
in ein zweites übergeführt werden, da beide weit hinter der Front 
längere Zeit bestehen blieben. Für die meisten Feldlazarette wären 
im Osten in den letzten Kriegswochen mit den für diese Lazarette 
häufig äußerst schwierigen Lagen Schwestern unmöglich gewesen. 
Man kann wohl sagen, in der Front und dicht hinter derselben ist kein 
geeigneter Platz für die Schwestern, sicher nicht auf dom östlichen 
Kriegsschauplatz, und, wie ich glauben möchte, auch nicht auf dem 
westlichen. 


in allen Kriegs- und Etappenlazaretten und vor allem auch 
in den heimatlichen Krankenhäusern, in die ja unsere Verwundeten 
durch dio Lazarettzüge, die ihrerseits auch der Schwestern be¬ 
dürfen, in diesem Krieg auf das schnellste befördert worden sind 
und befördert werden, wird die Arbeit der Schwestern immer den 
größten Segen stiften. An allen diesen Punkten verwende man in 
allererster Linie Berufsschwostern und lasse die Helferinnen vom 
Roten Kreuz und den Vaterländischen Frauen vereinen im allge¬ 
meinen an andern Punkten ihre Liebestätigkeit entfalten Aus¬ 
nahmen natürlich Vorbehalten. 1 

• Nach meinem Dafürhalten ist also die Tätigkeit der 
Schwestern auf dem Kampfplatze, so hoch ich dieselbe auch oer- 
sonheh schätze und so sehr ich mich dae-einemal über die ausge¬ 
zeichnete Hilfe der Schwestern in einem Feldlazarette gefreut habe 
nur ausnahmsweise möglich und zweckmäßig. Funktioniert die 
Etappe gut sind womöglich Etappenlinien zu den einzelnen Korps 
eingerichtet so können die Schwestern von ihnen aus auch einmal 
in Feldlazaretten ausgezeichnete Dienste leisten. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


Aus der chirurgischen Abteilung des Reservelazaretts 
Forbach i. Lothringen. 

Zur Behandlung von Gehirnprolaps nach 
Schädeldefekten 

von 

Dr. Oscar Orth, Chirurg am Reservelazarett. 

Die Tatsache, daß umfangreiche Schädeldefekte zu den aller- 
schwersten körperlichen und geistigen Störungen führen, hat uns 
in der Friedenspraxis zu den verschiedensten chirurgischen Ma߬ 
nahmen geführt. Haben wir es mit einer Hernie zu tun, wie sie 
sich nach Eröffnung der Dura und bei größerer Ausdehnung und 
beträchtlicherem Verlust dieses elastischen Hirnschutzes ausbilden 
kann, so suchen wir durch Verwendung fester Pelotten oder durch 
Ausführung von plastischen Operationen Abschlüsse zu erzielen. 
Gerade durch die jetzigen Kriegsschädelverletzungen kommt es 
sehr häufig zu großknöchernen Schädeldefekten. Verschiedene so 
aufgenommene Patienten legten mir die Frage nahe, ob es nicht 
angängig sei, solchen Hernien dadurch zuvorzukommen, daß man 
sie unmittelbar nach der Verletzung deckte. 

Gehe ich zuerst auf unsere Fälle ein, so waren es vier 
Schädel verletzte mit großen Defekten, die nach Zerreißung der Dura 
zustande gekommen waren. Die Patienten waren mit Ausnahme 
eines in einem Feldlazarett verbunden und ab transportiert worden. 
Nach Abnahme des bereits schmierig-eitrigen Verbandes zeigte 
sich darunter das Gehirn mißfarbig verändert. 

Die Patienten hatten Fieber bis zu 39°, zwei delirierten und 
rissen sich im Delirium den Verband herunter; zwei bohrten in 


Klinische 

Funktionelle Diagnostik der Blutkrankheiten 1 ) 

von 

Dr. Leo Hess, 

Assistenten der UI. medizinischen Klinik in Wien. 

M. H.! Die Bildung der geformten Elemente des Blutes 
erfolgt im postembryonalen Leben normalerweise in der Milz, 
den Lymphdrüsen und dem Knochenmarke. Was die Pro¬ 
duktion der Erytbrocyten und der Granula führenden farb¬ 
losen Blutzellen betrifft, so beschränkt sie sich etwa vom 
zehnten Lebensjahr an auf das Mark der Wirbel, Rippen 
und platten Schädelknochen. Und auch die Lymphocyten- 
bildung, die im embryonalen und kindlichen Organismus eine 
lebhafte ist, erfährt mit vollendetem Wachstum und an¬ 
scheinend mit zunehmendem Alter eine allmähliche Ein¬ 
schränkung. Die intakte Funktion der genannten Organe 
ist die Vorbedingung dafür, daß im erwachsenen, ge¬ 
sunden Körper der Bedarf an Blutzellen jederzeit gedeckt ist. 

Unter pathologischen Bedingungen können sämtliche 
Organe des Körpers außer ihrer Anteilnahme an der chemi¬ 
schen Bereitung des Bluts, die ihnen natürlich immer zu¬ 
kommt, auch im morphologischen Sinne zu Blutbildnern 
werden, indem überall im perivasculären Bindegewebe, ähn¬ 
lich wie im frühen Embryonalleben vor Ausbildung des 
Knochenmarks, Blutbildungsherde für rote und weiße Zellen 
auftreten können. 

Außer dieser adventitiellen gibt es noch eine andere 
Form der extramedullären Hämatopoese, nämlich die durch 
Metaplasie von Capillarendothelzellen, die nicht nur in sämt¬ 
lichen Capillaren der physiologischen Körpergewebe, sondern, 
wenn auch selten, in Angiomen und Angioendotheliomen zur 
Beobachtung gelangt. Diese heterotope Hämatopoese ist 
immer der anatomische Ausdruck der hüehstgradigen me¬ 
dullären Insuffizienz und kommt nur dann vor, wenn bei 
gesteigerten Anforderungen an die Knochenmarktätigkeit eine 
Erschöpfung des Organs erfolgt ist. In leichteren Fällen 
wird durch kompensatorische Mehrbildung, sei es der hämo- 
gloninführenden Vorstufen der Erythrocyten, sei es der un- 

l ) Vortrag, gehalten im ärztlichen Fortbildungskurse. 


einem unbewachten Augenblicke mit den Nägeln in der Gehirn¬ 
masse, sodaß bei dem einen eine profuse Blutung aus einem Sinus 
eintrat. Da die letztere durch das Auflegen von Jodoformgaze, 
die in keine Verklebung mit der Wunde eintrat, nicht zu stillen 
war, legte ich in einem leichten Aetherrausch einen subcutanen 
und subfascialen Periostknochenlappen auf den Defekt, fixierte den¬ 
selben durch mehrere Seidennähte, komprimierte ihn durch zwei 
Heftpflaster streifen fest auf die Unterlage und machte einen 
fixierenden Bindenverband. An einer Stelle führte ich zur Ab¬ 
leitung des Wundsekrets einen kleinen Drain ein. 

So konnte ich den schwer infizierten Patienten noch vier 
Tage am Leben erhalten, bis er schließlich wie die andern der 
Meningitis erlag. 

Es ergibt sich hieraus die Frage, ob diese kleine und in 
wenigen Minuten auszuführende Operation im Aetherrausche nicht 
immer auch im Feldlazarett ausgeführt werden sollte. Was wir 
verhüten, wäre doch zum mindesten die frühzeitige Infektion, die ja 
bei den ungünstigen Wund Verhältnissen um so eher droht, wenn 
das Gehirn offen zutage liegt. Der operierte Patient fühlte sich 
nach dem Eingriffe besser, er starb, weil die Infektion schon zu 
weit fortgeschritten war. Jedenfalls brauchten wir bei ihm nicht 
mehr auf das prolabierte Hirn zu achten, wie dies bei jedem Ver¬ 
bandwechsel der andern von neuem notwendig war. 

Mein Vorschlag geht dahin: 

„Alle Patienten mit schweren Schädeldefekten, die zu Ge¬ 
hirnprolapsen geführt, sofort prophylaktisch zu decken, um eine 
Blutung und Iofektion nach Möglichkeit vorzubeugen. Sollte der 
Lappen sich später abstoßen, so kann in einem gut eingerichteten 
Krankenhaus eine weitere plastische Operation in Frage kommen.“ 


Vorträge. 

gefärbten granulierten oder granulalosen Zellen des Markes 
die Regulation erreicht (erythroblastischer beziehungsweise 
myeloblastischer Typus des Zellmarks). In ähnlicher Weise 
können, wenn der Bedarf an lymphoiden Zollen steigt, einer¬ 
seits die Milz, die Lymphdrüsen und die im ganzen Körper 
vorgehildeten Ribbertschen Lymphome, anderseits dieLymph- 
follikel des Darmes und der Schleimhäute, sowie die peri¬ 
vasculären Lymphocytenlager zur Lymphopoese heran¬ 
gezogen werden. Ob auch, wie manche Autoren vermuten, 
im strömenden Blut eine Vermehrung der roten oder farb¬ 
losen Zellen erfolgt, ist zweifelhaft. Auf jeden Fall spielt 
sie eine untergeordnete Rolle. Somit darf das morphologische 
Blutbild in der Regel wenigstens zum Maßstabe für die 
Funktion der blutbildenden Organe gemacht werden. Auf 
die Ausnahmen von diesem Prinzip werden wir an späterer 
Stelle noch einzugehen haben. 

A. Das Knochenmark, L Medulläre Suffizienz. 
33. Medulläre Insuffizienz. 

a) Die Erythropoese. Die Reservekraft, die bei der 
Funktion des Herzens eine so große Rolle spielt (0. Rosen- 
bach), kommt wohl nicht nur diesem allein zu; man darf 
vielmehr annehmen, daß auch die sämtlichen übrigen 
Organe normalerweise nicht mit dem maximalen Auf- 
wande der ihnen innewohnenden Kräfte arbeiten, sondern 
über Reserven verfügen. A priori ist einzusehen, daß 
der Ausgleich zwischen Anforderung und Leistung, das 
ist Kompensation im weitesten Sinne des Wortes in 
doppelter Weise erfolgen kann: durch Reduktion der An¬ 
forderungen oder durch Erhöhung der Leistungen. Eine 
Reduktion der Anforderungen ist theoretisch nur in dem 
Falle denkbar, wenn etwa durch Verminderung der Muskel¬ 
tätigkeit und weitgehende Beschränkung anderer Organ¬ 
funktionen, ferner durch Inanition oder konsumptive Krank¬ 
heiten eine Einschmelzung des Körperparenchyms und somit 
eine Abnahme der Sauerstoffzehrung eintritt (innere Selbst¬ 
steuerung des Stoffwechsels). Das Knochenmark prä¬ 
sentiert sich in solchen Fällen als atrophisches Fettmark 
oder als Gallertmark. Als Ausdruck dieser letztgenannten 
Aufgabe ist die erythroblastische beziehungsweise myelo- 
cytäre (myeloblastische) Reaktion des Knochenmarks anzu- 


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3. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


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sehen, während die megaloblastische Hypertrophie insofern 
eine eigenartige Stellung einnimmt, als sie nicht so sehr 
durch numerische Mehrproduktion als durch Bildung bio¬ 
logisch höherwertiger Riesenzellen den Bedarf an Sanerstoff- 
trägern deckt. 

Wie bei gesteigerten mechanischen Anforderungen an 
das Herz durch dessen Reservekraft Störungen der Circula- 
tion innerhalb weiter Grenzen hintangehalten werden, so 
werden durch Inanspruchnahme der Reserven des suffizienten 
Knochenmarks Blutverluste mäßigen Grads in kurzer Zeit 
wieder wettgemacht. Das Mißverhältnis hingegen zwischen 
Knochenmarkleistung und Blut-, das ist Sauerstoffbedarf, do¬ 
kumentiert sich in jedem Falle klinisch als Anämie, gleich¬ 
gültig ob ein erhöhter traumatischer oder toxischer Blut- 
untergang oder eine primäre Myelopathie die letzte Ursache 
der i digocythämie oder Oligochromämie bildet. Wiederholte, 
wenn auch kleine Blutverluste führen erfahrungsgemäß viel 
leichter zur Erschöpfung des Knochenmarks und zur Anämie 
als einmalige profuse Hämorrhagien. 

Eine Ausnahme von dieser Regel macht allem An¬ 
scheine nach der reife weibliche Organismus, dessen Knochen¬ 
mark die monatlichen Blutverluste in völlig suffizienter 
Weise wieder zu ersetzen imstande ist. Vielleicht läßt sich 
daraus die Berechtigung ableiten, in dem Auftreten von 
Anämie beim Weib im allgemeinen einen schwereren Grad 
der Markschädigung zu erblicken als beim Manne. Anders 
liegen die Verhältnisse beim Kinde, bei dem schon Noxen, 
die das Mark der Erwachsenen vollkommen ausgleicht oder 
höchstens mit leichter Insuffizienz beantwortet, zu schweren 
Reaktionserscheinungen führen. Die Suffizienz des Knochen¬ 
marks erschließen wir aus dem dauernd normalen Verhalten 
der roten Blutkörperchen in morphologischer, numerischer 
und tinktoreller Hinsicht. Daß es sich bloß um funktionelle 
Mehrleistung und jedenfalls nicht um weitgehende anato¬ 
mische Veränderungen im Sinne von Hypertrophie des Marks 
(Umwandlung in rotes Mark) handelt, beweist der Umstand, 
daß abnorme Zellformen im strömenden Blute nicht auftreten. 

Kommt es dagegen zu einmaligem schwerem oder dauern¬ 
den kleinen Blutverlusten oder zu toxischen Alterationen des 
Bluts oder der blutbildenden Organe, sei es durch Toxine in¬ 
folge von Infektionskrankheiten, sei es durch intramedulläre 
Krankheitsprozesse (Myelom, Tumoren, medulläre Leukämie), 
zu deren Kompensierung die Reservekräfte nicht ausreichen, so 
machen sich, sofern überhaupt der Status quo wieder erreicht 
wird, fürs erste verschiedene Insuffizienzerscheinungen im Blute 
bemerkbar: Im Anfang erscheinen in wechselnder Menge 
hämoglobinarme, mitunter gequollene Erythrocyten mit mehr 
oiler weniger ausgesprochener Basophilie des Protoplasmas. 
Bei andauernder Noxe steigt die Zahl der chlorotischen 
Zellen. Es werden weiterhin hämoglobinhaltige oder poly- 
chromatische Erythroblasten ausgeschwemmt. Schließlich 
linden wir beinahe sämtliche Erythrocyten in hohem Grade 
haiuoglobinarm, blaß, die Delle groß, die Konturen unregel¬ 
mäßig, bizarr, ihre Größe sehr different, ihren Leib von 
i usophilen Körnchen erfüllt. Erst viel später treten Megalo¬ 
hlasten, meist nur in spärlicher Zahl, und Megalocyten auf. 
Die erwähnten morphologischen Zeichen des insuffizienten, 
•fl lebhafter Regeneration begriffenen Knochenmarks können 
entweder allmählich normalen Verhältnissen Platz machen, 
oder bei Erlahmung des Knochenmarks dauernd bestehen 
bleiben. Die Geschwindigkeit und Akkuratesse, mit der sich 

^ckkehr ^ zur Norm vollzieht, ferner der Grad der 
Schädigung, die überwunden wird, geben uns einen unge¬ 
fähren Anhaltspunkt für die Beurteilung der konstitutionellen 
Veranlagung des hämatopoetischen Organs. 

Mmmt man mit Friedrich Kraus zum Maße der 
konstitutionellen Energetik eines Organs jenen Bruchteil 
derselben, der als Nutzeffekt von der innerhalb bestimmter 
^ maximal produzierten Kraft als physiologische Leistung 
zutage tritt, so ist in dem einfachsten Falle des traumatischen 


Blutverlusts, aber auch sonst bei Mehrleistungen über das 
Normale hinaus, im Falle der Hyperglobulie die in der Zeit¬ 
einheit regenerierte oder neugebildete Hämoglobinmenge und 
Blutkörperchenzahl ein Maß der Knochenmarkkonstitution 
beziehungweise seiner Suffizienz. Die beginnende Erschöpfung 
des Organs gibt sich aber nicht nur in der quantitativ herab¬ 
gesetzten Funktion zu erkennen, sondern auch in der Bildung 
qualitativ abnormer unreifer Produkte, und es ist ein¬ 
leuchtend, daß das Auftreten der letzteren ein um so ernsteres 
Symptom repräsentiert, je früher es im Verlaufe der chro¬ 
nischen Krankheit in Erscheinung tritt. 

Zu diesen abnormen Produkten gehören, wie schon er¬ 
wähnt wurde, Blutkörperchen von abnorm niedrigem Hämo¬ 
globingehalte (niedrigem Färbeindex) oder ungleicher Ver¬ 
teilung des Hämoglobin im Protoplasma, ferner polychro¬ 
matische und basophil gekörnte Erythrocyten, endlich in den 
höchsten Graden Normo- und Megaloblasten. Zunehmende 
Erniedrigung des Färbeindex ist immer als Zeichen drohender 
Erlahmung der Erythropoese zu bewerten. 

Ein wie feines Reagens auf die Suffizienz der Leistung 
die morphologischen Daten darbieten, beweisen beispielsweise 
für das Auftreten der basophilen Körner die Versuche von 
Sabrazös: Während bei Anwendung kleiner Mengen des 
Blutgiftes (Bleisalze) die Granula der roten Blutkörperchen 
immer zahlreicher werden, können sie bei höheren Graden 
der Intoxikation und insbesondere präagonal vollkommen aus 
dem Blute verschwinden. Es beweist also die basophile 
Granulation ein zwar geschädigtes, aber noch immer reaktions¬ 
fähiges Mark. Im prognostischen Sinne darf dieseB Symptom 
aber deshalb nur mit Vorsicht verwertet werden, weil aus 
einem bisher unaufgeklärten Grunde nur innere Blutungen 
und toxische Blutschädigungen, dagegen nicht Blutungen 
nach außen die Basophilie des Erythrocytenplasmas herbei¬ 
führen. 

Ueberall, wo im Körper pathologische Zustände eine 
Funktionssteigerung auslösen, liegen reaktionsfähige Organe 
vor, die entweder mit Hilfe ihrer Reserveenergie oder durch 
anatomische Hypertrophie den Reiz beantworten. In der 
Reaktionsfähigkeit ist somit immer der Beweis eines ge¬ 
wissen Grades von Suffizienz gegeben, während das Aus¬ 
bleiben der Reaktion von vornherein oder ihr Erlahmen mit 
Insuffizienz gleichbedeutend ist. In der Regel pflegen die 
von pathologischen Reizen abhängigen Vorgänge zunächst 
zur Ueberfunktion zu führen, und nur bei Einführung 
schwerster Noxen kommt es schon frühzeitig zu morpho¬ 
logischen Aenderungen der betroffenen Parenchyme. Finden 
wir also im circulierenden Blute, bald nachdem eine Schäd¬ 
lichkeit eingesetzt hat, wieder normale Zahlenverhältnisse 
und normale Beschaffenheit der Erythrocyten, so erkennen 
wir darin den Effekt der Mehrleistung eines vollwertigen 
Organs. Der Nachweis pathologischer Erythrocytenformen 
hingegen deutet immer auf eine anatomische Reaktion des 
Knochenmarks, die vermutlich eine um so ausgedehntere ist, 
je zahlreicher die pathologischen roten Zellen auftreten 
(„Blutkrise“). 

Die prognostisch schwerste Form der Knochenmark¬ 
reaktion beim Erwachsenen ist die megaloblastische, als 
deren Produkt der hyperchrome Megaloblast als un¬ 
differenzierte Embryonalzelle erscheint, welche die von der Norm 
am weitesten abstehende Erythrocytenart darstellt. In beiden 
Fällen, bei der normo- und bei der megaloblastischen Re¬ 
aktion, handelt es sich um die Wirkung formativer Reize. 
Während aber bei der ersteren die Proliferation im Vorder¬ 
gründe stebt und die Hämoglobinbildung relativ zurücktritt 
(niedriger Färbeindex), sind bei der megaloblastischen Re¬ 
aktion, deren Wesen im Auftreten des abnorm großen und 
hämoglobinreiehen Megaloblasten gelegen ist, die plastischen 
Kräfte des Markes bereits im Erlahmen begriffen. 

Ohne Zweifel stellt der Uebergang von Fettmark in 
rotes Mark einen hypertrophischen Vorgang dar, während 


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8. Januar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


die Deutung des megaloblastischen Markes vom allgemein 
pathologischen Gesichtspunkte großen Schwierigkeiten be¬ 
gegnet. Der Vergleich mit den andern Organen wird hier 
immer deshalb ein gezwungener sein, weil bei keinem andern 
Organ so wie bei dem hämatopoetisehen die Produkte der 
Organtätigkeit Zellen sind. Gemeiniglich spricht man von 
„Rückschlag“ oder „megaloblasfcischer Metaplasie“ in 
dem Sinne, daß die Produkte des megaloblastischen Markes die 
morphologischen Charaktere des embryonalen tragen. Da¬ 
gegen muß jedoch eingewendet werden, daß die patholo¬ 
gischen Megaloblasten sich von den embryonalen durch den 
Mangel an Entwicklungsfähigkeit unterscheiden, genau so 
wie die normalen Erythrocyten nicht weiter entwicklungs¬ 
fähig sind. Es handelt sich also um eine qualitative Ab¬ 
artung der Funktion eines hyperplastischen Organs. 

b) Hyperglobulie. Nach den bisherigen Ausführungen 
wäre die Erythropoese dann als suffizient anzunehmen, wenn 
das numerische und tinktorelle Verhalten der roten Blut¬ 
körperchen der Norm entspricht. Es kann aber unter ge¬ 
wissen pathologischen Bedingungen sich nicht um Regene¬ 
ration verloren gegangener Elemente und WieVe herstellung 
des Status quo handeln, sondern es kann an das Organ die 
Notwendigkeit herantreten, Leistungen über das normale 
hinaus aufzubringen, die kompensatorischen, jedoch nicht 
regenerativen Charakter tragen. Klarer als bei den bisher be¬ 
sprochenen Reaktionen des Knochenmarks, bei denen min¬ 
destens theoretisch auch primäre Markschädigungen als zu¬ 
grundeliegend gedacht werden könnten, ist bei der hyperglo- 
bulischen Reaktion der extramedulläre Ursprung. Wenn der 
normale Organismus seinen Sauerstoffbedarf mit der normalen 
Erythrocytenzahl befriedigt, so ist uns die Vermehrung der 
roten Zellen im Blut ein Gradmesser einerseits für die aus 
irgendeiner Ursache gesteigerte Gewebsatmung, anderseits 
für die Suffizienz des Markes. 

In das Gebiet der physiologischen Mehrleistung gehört 
wohl die prämenstruelle Polycythämie, deren Kenntnis 
wir den schönen Untersuchungen von A. Pölzl verdanken. Es 
war schon lange bekannt, daß in der prämenstruellen Phase 
Störungen der verschiedensten Organe Vorkommen. Diesen 
reiht sich als eine neue und, wie es scheint, gesetzmäßige 
periodische Schwankung die Vermehrung der roten Blut¬ 
körperchen einige Tage vor Eintritt der menstruellen Blu¬ 
tung an. Der Hämoglobingehalt des Bluts zeigt dabei Dur 
geringe Aenderungen und diese scheinen den Aenderungen 
der Blutkörperchenzabl durchaus nicht parallel zu laufen, 
im Gegenteil, oft tritt mit dem Tiefstände der Erythrocyten¬ 
zahl ein relatives Maximum des Hämoglobin geh alts in Er¬ 
scheinung. Dieser Umstand dürfte, wenngleich im Blutbilde 
die morphologischen Zeichen gesteigerter Regeneration fehlen, 
für eine Vermehrung durch Neubildung und nicht durch 
verminderten Blutuntergang sprechen. In dem gleichen 
Sinn als gesteigerte Knochenmarkfruktion läßt sich die 
von Blumenthal entdeckte Eosinophilie des Bluts ante 
menses deuten. Da um die Zeit der Eireifung aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach die Oxydationen im Körper erhöht sind, 
präsentiert sich die prämenstruelle Hyperglobulie als eine 
Teilerscheinung der allgemeinen periodischen Ueberfunktion 
der Organe. Darauf deutet auch der Umstand, daß schon 
vor Eintritt des Blutabgangs die Polycythämie ihren Höhe¬ 
punkt erreicht. 

Weiterhin haben uns Beobachtungen an geisteskranken 
Frauen gezeigt [Hess und 0. Pötzl 1 )], daß die Hyper¬ 
globulie, die bei periodischen Psychosen oft exorbitante 
Zahlen werte der Erythrocyten ergibt, auch bei Ausbleiben 
der Menstruation gleichsam als deren Aeq ui valent auftritt. 
Die gesetzmäßige Steigerung der Knochenmarkstätigkeit um 
die Zeit der Ovulation kann uns folglich als ein feines Rea- 

‘) Unveröffentlichte Untorsur.ii-mg. 


gens für die Beurteilung sowohl der Leistungen des Knochen¬ 
marks als auch der des Ovariums dienen. 

Ein weiteres Beispiel der physiologischen Einstellung des 
Organismus auf relativen Sauerstoffmangel ist die Höhen- 
hyperglobulie. Wir verstehen darunter die dauernde Ery- 
throcytose bei längerem Aufenthalt im Hochgebirge. Die sofort 
nach dem Aufstieg einsetzende Hyperglobulie dürfte zum 
Teil mit Aenderungen der Blutverteilung, zum Teil mit ver¬ 
mehrter Ausschwemmung bereits vorgebildeter Blutkörperchen 
Zusammenhängen. Einwandfreie, unter allen Kautelen vor¬ 
genommene Zählungen vonBürker und dessen Mitarbeitern 
haben ergeben, daß beim Gesunden das Höhenklima einen 
deutlichen, wenn auch nicht sehr hochgradigen Einfluß auf 
die Blutbildung nimmt. Bei einer Erhebung um ungefähr 
1600 m betrug die Zunahme der Blutkörperchen im Mittel 
5°/ 0 , die des Hämoglobins 7°/o. Ein Einfluß der elektrischen 
Leitfähigkeit und des Potentialgefälles der Luft sowie der 
Qualität und Quantität der Strahlung war in den Bürker- 
schen Versuchen nicht zu erkennen. Es kommen somit für 
die Erklärung nur zwei Faktoren in Betracht: 1. Die Luft¬ 
verdünnung und die damit Hand in Hand gehende Sauer¬ 
stoff Verminderung der Atmosphäre, und 2. die Erniedrigung 
der Temperatur. Da bei sinkender Temperatur eine Steige¬ 
rung der Verbrennungsprozesse erfolgt (Rubner), ist eine 
erhöhte Sauerstoffaufnahme vonnöten. Es stellt sich also 
die Höhenhyperglobulie in doppeltem Sinn als regulato¬ 
rischer Vorgang dar: Als eine Anpassung an den vermin¬ 
derten Partialdruck des Sauerstoffs und zugleich an die ge¬ 
steigerten Oxydationen. 

Vom Standpunkte der funktionellen Diagnostik ver¬ 
dient hier hervorgehoben zu werden, daß die individuelle 
Reaktion auf den gleichen Höhenreiz sehr verschieden aus¬ 
fällt: Bei älteren Personen sind die Schwankungen nie sehr 
bedeutend und erreichen erst nach Verlauf mehrerer Wochen 
jene Höhe, die der jugendliche Körper in viel kürzerer Zeit 
aufbringt. Anämische Menschen, von denen Höhenluft oft 
recht schlecht vertragen wird, zeigen dagegen manchmal 
ganz gewaltige Hyperglobulien. Unter Umständen kommen 
selbst paradoxe Reaktionen vor (Sinclair): vielleicht handelt 
es sich hier um Lähmung des Knochenmarks nach voraus¬ 
gegangener Ueberfunktion. Daß bei der Höhenhyperglobulie 
eine tatsächliche Vermehrung des gesamten Blut- und 
Hämoglobinbestandes vorliegt, beweisen eingehende Unter¬ 
suchungen der Zuntzschen Schule. Und trotzdem können 
die Verbrennungen gelegentlich mangelhaft sein, wie das 
Auftreten von Aminosäuren im Harne beweist. 

In die gleiche Kategorie der regeneratorischen Mehr¬ 
leistung gehört nach unserer Auffassung die Polyglobulie 
nach Arsenmedikation. Einen Einblick in ihren Mechanis¬ 
mus gewähren Versuche von Onaka, der exakt nachweisen 
konnte, daß arsenigo Säure schon in starken Verdünnungen 
ebenso wie Blausäure die Oxydationen der Zellen herab¬ 
setzt. Die kompensatorische Mehrleistung des Knochen¬ 
marks, wie sie beim Menschen nach medikamentöser Ein¬ 
verleibung vor Arsen beobachtet wird, könnte somit, was das 
zeitliche Auftreten und die Größe der Reaktion betrifft, zur 
Funktionsprüfung des Knochenmarks dieneD. Diese Ueber- 
legungen müssen jedoch insofern restringiert werden, als, 
wie wir noch später sehen werden, neben der vermehrten 
Bildung ein verminderter Untergang der roten Blutzellen in 
Rücksicht gezogen werden muß, sei es durch Erhöhung der 
Blutkörperchenresistenz, sei es dadurch, daß die der Blut- 
zerstöruDg dienenden Organe, in erster Linie die Leber unter 
der Giftwirkung ihre Tätigkeit einstellen (Hess und Saxl). 

Auch die Hyperglobulien bei kardialen Stauungs¬ 
zuständen, namentlich congenitaler Herzfehler, sind repara- 
torische Vorgänge. Es scheint besonders bei jugendlichen 
Menschen im Gefolge von Kreislaufstörungen das Knochen¬ 
mark relativ leicht mit einer Mehrproduktion von Erythro- 
cyten zu reagieren. Offenbar stehen dem Organismus für 


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3 . Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr, 1. 


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die Regulation der Sauerstoffzufuhr drei Wege offen: 1. die 
vermehrte Produktion von Sauerstoffträgern, 2. die Ver¬ 
größerung des Schlagvolumens und 3. die Erhöhung der 
Atemgröße. Ist das Schlagvolumen des Herzens aus irgend¬ 
einem Grunde reduziert, so kann der Organismus bei suffi¬ 
zientem Knochenmarke seinen Bedarf an Sauerstoff durch 
Polyglobulie decken. Das gleiche ist der Fall, wenn die 
alveoläre Tension wesentlich kleiner ist als in der Norm 
and infolge des geringen Atemvolumens eine ungenügende 
Sauerstoffaufnahme ins Blut stattfindet. Auch hier hat die 
Termehrung der roten Zellen offensichtlich kompensatorischen 
Charakter und ist gleichbedeutend mit Schonung der Herz¬ 
kraft, während umgekehrt bei anämischen Zuständen eine 
Erhöhung des Schlagvolumens, das ist eine Mehranstrengung 
des Herzens erforderlich ist, um den Sauerstoffhunger der 
Parenchyme zu sättigen. Vielleicht wäre es im Sinne dieser 
Ausführungen möglich, die Reaktionsfähigkeit des Knochen¬ 
marks bei Herzfehlerkranken für die Prognose zu verwerten. 
Versuche mit der Kuhn sehen Saugmaske veranschaulichen 
die besprochenen Verhältnisse sehr deutlich. Länger dauernde 
Stauung führt klinisch und im Experiment zur Hyperglobulie, 
vorausgesetzt, daß das Knochenmark suffizient ist. Wird bei 
künstlicher Stauung Sauerstoff inspiriert, bleibt also jede 
Sauerstoffverarmung aus, dann fällt auch die Stauungs- 
hyperglobulio weg. Ebenso vermissen wir die kompensa¬ 
torische Vermehrung der Erythrocyten dann, wenn, wie bei 
schweren Anämien und Kachexien, das Knochenmark insuf¬ 
fizient ist. 

Wie erst kürzlich Bergmann und Plesch nachge¬ 
wiesen haben, gibt es ferner Hyperglobulien, denen der 
Charakter der Kompensation fehlt. Die großen Atem¬ 
volumina und die große Sauerstoffkapazität des Bluts lehren, 
daß es sich in solchen Fällen nicht um Schonung des 
Herzens oder der Lunge handeln kann, sie legen vielmehr 
den Gedanken nahe, die Polyglobulien als echte Hyperplasie 
des Blutes infolge primärer Mehrleistung des Knochenmarks 
den oben erwähnten extramedullär bedingten Formen gegen- 
öberzustellen. 

Die Vermehrung der Sauerstoffträger ist aber nicht 
notwendige Folge einer Mehrleistung des Knochenmarks, 
sondern es kann, wie schon erwähnt wurde, auch ein ver¬ 
minderter Erytbrocytenuntergang und schließlich ein Zu¬ 
sammenwirken beider Faktoren den gleichen Effekt herbei- 
föhren. Bezüglich der Strophantus- und Coffeinpräparate 
konnten vor kurzem Hess und Saxl den Nachweis liefern, 
daß wenige Tage nach ihrer Einverleibung eine oft ziemlich 
bedeutende und nachhaltige Polyglobulie einsetzt. Wenn 
auch manches für die Annahme spricht, daß infolge Einwir¬ 
kung der genannten Pharmaka die verminderte Hämoglobin- 
zerstörung in der Leber schuld an der Polyglobulie sei, so 
ist doch eine gleichzeitige funktionelle Mehrleistung des 
Knochenmarks, die im histologischen Blutbild keineswegs 
nachweisbar sein muß, nicht auszuschließen. Es dürften 
diese Beobachtungen auf den Wirkungsmechanismus der 
Kardiaca und die Wechselbeziehungen der Teile des Orga¬ 
nismus ein neues und Überraschendes Licht werfen. 

Nothnagels berühmte Ausführungen über Anpassung 
und Ausgleichung sind für die Beurteilung plastischer Vor¬ 
gänge im kranken Körper richtunggebend geworden. Da 
uns ein tieferer Einblick in ihren Mechanismus fehlt, ist es 
vorläufig am einfachsten, sie dem allgemeinen Begriffe der 
Anpassung oder Regulation (Driesch) unterzuordnen. Nur 
dürfen wir nicht vergessen, daß diese teleologische Denk¬ 
weise uns in der Erkenntnis der feineren Vorgänge der An¬ 
lagerung specifischer Stoffe und des pathologischen Organ- 
'^chstums nicht weiterführt. Rieker hat in seinem Ent¬ 
wurf einer Relationspathologie diesen Gedankengang des 
weiteren entwickelt und in einer specitischen Aenderung der 
ülutdurebströmung das allen pathologischen Organverände- 
rougea zugrundeliegende Moment erblickt. 


Durch welche Faktoren der Untergang und der Ersatz 
der roten Blutkörperchen im gesunden Organismus geregelt 
wird, ist einstweilen nicht aufgeklärt. Auf Grund neuerer 
Untersuchungen scheinen die beim toxischen Erythrocyten- 
zerfall freiwerdenden Stoffe die Resistenz der Blutkörper¬ 
chen zu steigern. Es wäre daher bei den Hyperglobulien 
auch die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß unter 
dem Einfluß unbekannter Gifte eine Resistenz Vermehrung 
der Erythrocyten zustande kommt und, ohne daß eine Er¬ 
höhung der Knochenmarkstätigkeit besteht, eine vermehrte 
Zahl der Erythrocyten resultiert. Wir müssen diesem Ge¬ 
dankengange um so mehr eine gewisse Berechtigung zu¬ 
erkennen, als bei manchen Formen der Polyglobulie, z. B. 
bei der Kohlenoxydvergiftung zwar eine Vermehrung der 
zelligen Elemente zu beobachten ist, die Hämoglobinbildung 
jedoch nicht immer gleichen Schritt damit hält. Die auf solche 
Art resultierende Oligochromämie legt es viel näher, eine In¬ 
suffizienz des blutbereitenden Organs als eine Ueberfunktion zu 
supponieren und die vermehrte Erythrocytenzahl auf erhöhte 
Resistenz der Zellen zu beziehen. Daß aber die letztere 
nicht medullären Ursprungs ist, sondern auf Beeinflussung 
der Erythrocyten durch toxische Stoffe beruht, wird durch 
Beobachtungen von Morawitz und Pratt wahrscheinlich 
gemacht. Bei dem von Vaquez zum ersten Male genauer 
beschriebenen Symptomenkomplex pflegen, wie wir auf Grund 
eigner Erfahrungen bestätigen können, zwar zumeist die 
Hämoglobinwerte der Erythrocytenzahl ebenfalls wesentlich 
nachzustehen, da sich aber die neutrophilen und eosinophilen 
Leukocyten oftmals vermehrt zeigen und auch Myelocyten 
gelegentlich auftreten, werden wir dazu gedrängt, in solchen 
Fällen eine erhöhte Knochenmarksaktivität zu vermuten. 

Es erübrigt, hier noch die Frage zu erörtern, inwieweit 
die biologische Dignität der produzierten zelligen Elemente 
für die Funktionsprüfung des hämapoetischen Organs ver¬ 
wertet werden kann. 

In sehr interessanten Versuchsreihen haben Mora¬ 
wetz und seine Mitarbeiter, ferner Warburg und Masing 
den Nachweis erbracht, daß im Blute von Tieren, die an 
subchronischen Anämien litten, in vitro ein lebhafter Sauer¬ 
stoffverbrauch und eine vermehrte Kohlensäureproduktion 
stattfindet, während das normale Blut des erwachsenen 
Menschen in kaum meßbarer Menge Sauerstoff zehrt. Dieser 
Sauerstoffkonsum findet in erster Linie in den jugendlichen 
kernhaltigen und den polychromatischen kernlosen Erythro¬ 
cyten statt. Beim gesunden Menschen ist schon nach einem 
größeren Aderlaß, ohne daß im Blutpräparat Zeichen von 
Regeneration zu erkennen wären, also in Stadien der funk¬ 
tioneilen Mehrleistung, ohne anatomische Aenderung des 
Markes eine meßbare Sauerstoffzehrung vorhanden. In 
schweren Fällen von Anämie, namentlich um die Zeit einer 
Blutkrise, erreicht der Sauerstoffverbrauch im Experiment 
ganz erhebliche Grade, während er bei apiastischen An¬ 
ämien und bei gewissen Anämien im Gefolge von Genital¬ 
blutungen bei Frauen nur unwesentlich über die Norm er¬ 
höht ist. Es wäre daher möglich, daß neben dem Studium 
des morphologischen Blutbildes auch die Messung der Sauer¬ 
stoffzehrung im Blut anämischer Menschen ein Kriterium 
für die Intensität der regenerativen Knochenmarktätigkeit 
abgeben könnte. Dabei muß aber in Betracht gezogen 
werden, daß unter Umständen ein kleiner Sauerstoff ko nsum 
und folglich schlechte Regeneration vorgetäuscht sein kann, 
dann nämlich, wenn die Gesamtzahl der roten Blutkörperchen’ 
der jungen wie der reifen, in der Raumoinheit erheblich 
reduziert ist. 

Soweit die bisherigen Studien ein Urteil gestatten, 
scheint, die gleiche Hämoglobinverarmung vorausgesetzt, die 
Sauerstoffzehrung, somit auch die Geschwindigkeit der Rege¬ 
neration, bei hämolytischen Anämien wesentlich größer zu 
seiu als bei posthämorrhagischen. Dies steht in schönem 
Einklänge mit der klinischen Erfahrung, daß Blutungen im 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


Körperinnern, z. B. bei Extrauteringravidität, selbst wenn 
sie abundant sind, viel rascher ausgeglichen werden als 
Blutungen nach außen. Die Regeneration der Erythrocyten 
geht eben verhältnismäßig leicht vor sich, wenn, wie es bei 
Blutungen im Körperinnern und vielleicht auch bei manchen 
lytischen Anämien zu trifft, das nötige Rohmaterial vorhanden 
ist, während die Bildung neuen Hämoglobins bei Blutungen 
nach außen eine komplizierte synthetische Leistung und des¬ 
halb eine wesentliche Erschwerung der Kompensation darstellt. 

Ein Korrelat zu den besprochenen biologischen Tat¬ 
sachen bilden Untersuchungen Masings über die chemische 
Zusammensetzung des Serums und der regenerierten jungen 
Blutkörperchen bei experimentellen Anämien. Es ergab sich 
im Serum eine Vermehrung des mit Alkoholäther extra¬ 
hierbaren Phosphors und des Gesamtphosphors, während der 
Nucleinphosphor nicht vermehrt war. In den roten Blut¬ 
zellen waren sämtliche drei Phosphorfraktionen bedeutend 


vermehrt. Diese Veränderungen waren bei hämorrhagischen 
und hämolytischen Anämien in gleicher Weise ausgeprägt 
und können daher ganz allgemein als Maßstab für die Blut¬ 
regeneration angesehen werden. 

Es sei uns hier gestattet, eine Einschränkung hervor¬ 
zuheben, die bei den beiden zuletzt erwähnten Methoden 
Berücksichtigung verdient. Regeneriert das Knochenmark 
vollwertige normale Zellen, die nicht atmen, dann kann die 
Messung des Sauerstoffkonsums und ebenso die Bestimmung 
des Phosphatidgehalts unmöglich ein richtiges Urteil Über 
die Funktion des Knochenmarks ergeben. Werden hin¬ 
wiederum unreife minderwertige Zellen ausgeschwemmt, die 
relativ große Sauerstoff mengen aufnehmen und einen großen 
Phosphatidgehalt besitzen, so braucht darum die vollständige 
Kompensation, das ist der Ausgleich zwischen Sauerstoff¬ 
bedarf und Knochenmarkleistung noch lange nicht er¬ 
reicht sein. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus der II. medizinischen Universitätsklinik (Hofrat Ortner) 
in Wien. 

Klinische Untersuchungen über das gegenseitige 
Verhältnis der Leukocyten- und Blutplättchen¬ 
zahlen 1 ) 

von 

Emerich Maixner jun., Aspirant der Klinik 

nnd 

Dozent Alfred v. Deeastello, Assistent der Klinik. 

Ueber die Entstehung und Herkunft der Blutplättchen ist 
bis jetzt keine Einigung erzielt worden. Der Standpunkt Hayems, 
der dieselben als eine Vorstufe der roten Blutkörperchen deutete und 
sie demnach „Hämatoblasten“ benannte, ist gegenwärtig als un¬ 
haltbar erkannt worden. Ebenso wenig betrachtet man die Blut¬ 
plättchen mehr als einfache Gerinnungsprodukte des Blutplasmas. 

In neuerer Zeit sind es hauptsächlich drei Theorien, die 
sich mit der Entstehung der Blutplättchen beschäftigen. 

Wohl die Mehrzahl der Autoren hält die Blutplättchen für 
Abkömmlinge der Erythrocyten; doch gehen auch hier die Mei¬ 
nungen im Detail auseinander. 

Arnold und seine Schüler, sowie Schwalbe und Andere 
betrachten sie als Derivate der Erythrocytenleiber, aus ihnen her- 
vorgegangon durch Plasmorrhexis bzw. Plasmoschisis. Weiden - 
reich bringt sie in Beziehung mit der Membran, dagegen fassen 
Pappenheim, Hirschfeld, Maximow, Grawitz, Preisich 
und Heim, Helber, Schilling-Torgau und Andere die Blut¬ 
plättchen als ausgestoßene Reste des Kernes der Erythrocyten auf. 

Eine andere Gruppe von Untersuchern leitet die Blut¬ 
plättchen von den Leukocyten ab: soLöwit, Schmied, Affa- 
nasieff, Riss, Schulze, Howell, Hauser, Dominici, Lilien¬ 
feld, Schleip, Politzer, v. Deeastello und Krjukoff. Letz¬ 
tere wiesen darauf hin, daß die feinere Struktur der Blutplättchen 
bei sehr starker Vergrößerung sich als übereinstimmend erweist 
mit der Struktur des Protoplasmas der verschiedenen Leukocyten- 
arten, daß also Blutplättchen aus sämtlichen Leukocytenarten ent¬ 
stehen könnten, doch zeigt die weitaus überwiegende Mehrzahl 
der Plättchen Uebereinstimmung mit dem Baue des Cytoplasmas 
der neutrophilen Leukocyten, sodaß diese als die Hauptquelle der 
Blutplättchen zu betrachten seien. Sie entstehen aus ihnen durch 
Abschnürung, und entsprechende Bilder mit direktem Zusammen¬ 
hänge der Fasern des Zelleibs und des sich abtrennenden Plätt¬ 
chens sind in den gefärbten Präparaten zu sehen. 

Im Gegensätze zu diesen Anschauungen nimmt aber eine 
Anzahl von Forschern den Standpunkt ein, daß die Blutplättchen 
selbständige, von Erythrocyten und Leukocyten genetisch unab¬ 
hängige zellige Elemente des Bluls seien. So Bizzozero, 
Achard und Aynaud, Nägeli, Morawitz und Wright. 

Morawitz weist speziell auf ihren Reichtum an Thrombogen 
hin, der sie in Gegensatz zu allen andern Blutzellen stelle. ! 

i) Eingang de« Manuskripts am 27. Juli 1914. ! 


Wright vertritt in einer Reihe von neueren Arbeiten die An¬ 
schauung, daß die Blutplättchen abgeschnürte Teile des Cyto¬ 
plasmas der Knochenmarkriesenzellen seien. Dieses weise eine 
mehr central gelagerte Granulation und eine hyaline basophile 
Randzone auf, welche mit den Centralkörnchen und der peripheren 
Randzone der Blutplättchen vollkommen übereinstimmen. Die 
Megakaryocyten schieben nach Wright pseudopodienartige Fort¬ 
sätze in das Innere der Blutsinus des Knochenmarks, wo die¬ 
selben durch Fragmentation zu typischen Blutplättchen zerfallen. 
Die Beobachtungen von Wright sind von Bunting, Downey, 
Ogata naebgeprüft und bestätigt worden. 

Da, wie aus diesen widersprechenden Anschauungen hervor¬ 
geht, die morphologischen Kriterien bisher offenbar keine allge¬ 
mein überzeugende Kraft besitzen, erscheint es wünschenswert, 
das biologische Verhalten der Blutplättchen, qnter andern ihre 
numerischen Schwankungen in der Norm und in Krankheits¬ 
zuständen, eingehend zu studieren. In dieser Hinsicht haben 
schon seit längerer Zeit ihre Beziehung zu der Zahl der Leuko- 
cytec die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und drei Tatsachen 
erscheinen im allgemeinen anerkannt: 

1. Vermehrung der Plättchen bei der myeloischen Leukämie 

2. Vermehrung bei den protrahierten Leukocytosen. 

3. Verminderung bei Zuständen, die mit Leukopenie einher¬ 
zugehen pflegen, wie: Abdominaltyphus, perniziöse Anämie, sowie 
bei hämorrhagischen Diathesen. 

Während also diese Beobachtungen auf einen Parallelismus 
der Leukocyten- und Plftttchenzahl hin weisen und auch als wich¬ 
tige Argumente für die Entstehung der Plättchen aus den Leuko¬ 
cyten verwendet werden, liegen anderseits Angaben über nume¬ 
rische Unabhängigkeit beider und entgegengesetzte Zahlenschwan¬ 
kungen, speziell bei ganz akuten Leukocytosen, wiePneumonie, Erysipel 
und andere, vor (Helber, Port und Akyama und Andere). 

Im folgenden soll über eine Reihe von gleichzeitigen Be¬ 
stimmungen der Leukocyten und Blutplättchen berichtet werden, 
die in den letzten Monaten an Patienten der II. medizinischen 
Klinik in Wien vorgenommen wurden. 

Bei einem Teil derselben wurde das Verhalten beider Form¬ 
elemente während experimentell hervorgerufener Hyperleukocytose 
studiert. 

Methode der Zählung. 

Sahli empfiehlt zu diesem Zweck eine indirekte Methode: 
Nämlich die Bestimmung des Verhältnisses der Blutplättchenzahl 
zur Zahl der Erythrocyten im Strichpräparat und eine nachträg¬ 
liche Berechnung der Erythrocyten in der Zählkammer. Dieser 
Vorgang erschien uns, abgesehen von der Umständlichkeit, nicht 
ganz einwandfrei, da die Erythrocyten oft dicht aneinander liegen 
und so die Blutplättchen verdecken. Auch läßt sich die Zahl der 
Erythrocyten in Häufchen zuweilen nicht sicher feststellen. Um 
diesem Fehler zu entgehen, wählten wir die direkte Zählung in 
der von Helber angegebenen Ausführung. Die Zählung wird in 
einer von der Firma Leitz in Wetzlar hergestellten Zählkammer 
von nur 0,02 mm Höhe vorgenommen. Diese niedrigere Zähl¬ 
kammer bietet den Vorteil, daß die specifisch leichten Blut¬ 
plättchen nicht wie bei der gewöhnlichen Zählkammer in so ver- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


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3 . /war. 


schiedenen Querschnitten des Gesichtsfelds verteilt sind, und daß 
außerdem eine stärkere Vergrößerung (Wasserimmersion D*1 an- 
gewendet werden kann. Als Verdünnungsflüssigkeit dient 10°/ 0 ige 
Natriummetaphosphatlösung. Aus der mit Alkohol und Aether 
gereinigten Fingerbeere aspirierten wir das Blut bis zur Marke 0,3 
bn Leukocytenmelangeur und verdünnten rasch mit der obenge¬ 
nannten Verdünnungsflüssigkeit. 

Das Schütteln des Melangeurs wurde aus sogleich zu er¬ 
wähnenden Gründen genau durch drei Minuten vorgenommen. Es 
wurde stets der ganze Quadratmillimeter durchgezählt und ent¬ 
sprechend der Verdünnung von 0,8 auf 10,0 und der Höhe 0,02 mm 
durch Multiplikation der gefundenen Zahlen mit 1665 die Gesamt¬ 
menge der Plättchen im Kubikmillimeter bestimmt. 

Die Resultate unserer Zählungen an normalen Individuen 
stimmen gut mit jenen anderer Autoren überein. Wir erhielten 
als Durchschnittszahl 251 000 Plättchen im Kubik¬ 
millimeter. Zum Vergleiche die Befunde anderer Autoren: 

Bizozero. 250 000 

Affanassiew .... 200000—300000 

Helber. 192 000-262 000 

pratt. 266 000 

Achard und Aynaud . 216 000 

Wir glauben daher, daß die direkte Zählung den komplizier¬ 
ten indirekten Bestimmungsmethoden von Sahli, Achard und 
Aynaud, Port und Akyama und Andern vorzuziehen ist. 

Es erscheint aber notwendig, auf unsere Beobachtung hin- 
zuweisen, daß bei der direkten Bestimmungsmethode ein Versuchs¬ 
felder dadurch eintreten kann, daß das Schütteln des Melangeurs 
zu lange ausgedehnt wird. Die Zahl der Blutplättchen kann dann 
auffallend zunehmen; allerdings stellen sie sich dann in einer 
ungewöhnlichen Form dar, wesentlich kleiner, deformiert und auf¬ 
gefranst. 

Einige Beispiele: 

1. F. K. nach 2 Min. 146000, nach 10 Min. 174000 

2. H.V. „ 2 „ 313000, * 15 „ 417000 

8. A. F. „ 2 * 173000, „ 20 „ 302 000 

Offenbar handelt es sich um Partikel, die aus den Leukocyten, 

vielleicht auch aus den Erythrocyten durch das lange Schütteln 
abgesprengt werden. 

Durch zahlreiche Vergleichs versuche überzeugten wir uns, 
daß bei genau drei Minuten langem Schütteln hinreichend kon¬ 
stante und mit andern Autoren Übereinstimmende Zahlen resul¬ 
tierten. 

Drei Beispiele von unmittelbar aufeinanderfolgenden Kontroll- 
zähhmgen an den gleichen Personen: 

1. P.T. a) 189700 2. T. R. a) 233000 3. P. a) 548 000 

b) 200600 b) 229 000 b) 562000 

c) 193000 

Die Zahlen differieren nur um einige Tausende, was nicht 
wundernehmen kann, wenn man bedenkt, mit wie großen Zahlen 
multipliziert wird. 


I Fälle mit Vermehrung der Leukocyten. 


Name and Diagnose 

1. K. (Parametritia, 39°) . . . 

2. Sch. (Endoeard. ulcer.) . . . 

3. E. R. (Endoeard. diplococ.) 

4. Juli 

8 . * 

4. N. R (Pyaemie). 

A Web. (Pyelit, itaphyl.) . . . 
6. Wal. (Cholangitis) . 6. Juli 

l P. (Malaria tertiana) 

3. Juli . . . 


5 . 

6 . 


früh . 
abends. 
mittags 


K J. (Lymphogranulomatosis) 
N, P. ( n j 

10. ün. (Chron. myel. Leukämie) 

11. W. (Subakut. „ „ ) 

11. Februar 
24. ff 
19. März . 

24. „ . 


Leukocyten 

87 600 
15 300 

15 800 
7 560 
14400 
10 200 
8400 
11000 

9200 

6900 
10 800 
6 550 
7220 
14 900 
13 600 
268 000 

240 000 
148 000 
76000 
137000 


Blut¬ 
plättchen 
507000 
402000 

366000 
283 000 
740 000 
859000 
314000 
445000 

/548000 
\562000 
272 000 
505000 
313000 
363 000 
528000 
616 000 
316 000 

416 000 
456 000 
1046 0001 
630 000 


Bemerkung 


15 Std. nach 
d. Anfälle. 
Abends 1 g 
Chinin. 


Schließlich erwähnen wir noch Zählungen bei einem splen- 
ektomierten Hunde, bei dem schon vor der Operation am 8. Ja¬ 
nuar 1914 beträchtliche Leukocytose bestand: 


Datum 

Leukocyten 

25000 

Blntplättchen 

8. Januar . . 

564000 

10. 

16. » ... 

21000 

572000 
520 000 

9. März . . » 

15 000 

261 000 

24. ff . . ’ 

14000 

272 000 


Ein Ueberbliok über diese Zahlen zeigt, daß ohne Ausnahme 
sämtliche Fälle mit Hyperleukocytose gleichzeitig eine deutliche, 
oft sehr hochgradige Vermehrung der Plättchen aufwiesen. Es 
zeigt sich ferner, daß dort, wo mehrere Zählungen an demselben 
Falle vorgenommen wurden, ein Parallelismus in der Bewegung 
beider Zahlenreihen unverkennbar ist. Am charakteristischsten 
tritt dies bei den sprunghaften Schwankungen des Malariafalls 
hervor; ebenso bei der abklingenden Leukocytose des Hundes. 

Eine Ausnahme macht nur die subakute Myelose, bei welcher 
während des Leukocytenabfalls die Blutplättchen die ungewöhn¬ 
liche Höhe von über einer Million erreichten, was sich auch in 
den gefärbten Präparaten aufs deutlichste zeigte. Die Beurteilung 
dieses überhaupt atypischen Falles ist deshalb schwierig, weil der 
Leukocytensturz hier anscheinend spontan, ohne einen therapeuti¬ 
schen Eingriff, erfolgte, während die leukämischen Infiltrate in der 
Haut und den Lymphdrüsen dabei eher Zunahmen. 

H. Fälle mit verminderten Leukocytenzahlen. 

A. Perniziöse Anämie vor therapeutischer Beeinflussung. 

Fall 

1. Str. . . 

2. Ans. 

3. Gie. . . 

4. Pi. . . 

5. Ho. . . 

6. Vis. . . 

B. In den folgenden Fällen von perniziöser Anämie war durch 
Therapie (teils Splenektomie, teils Arsen-Salzsäure-Therapie) der Blutbe- 
faud geändert worden. 


Erythrocyten 
. . 1214000 

Leukocyten 

4420 

Plättchen 

113000 

. . 1200000 

3 220 

148000 

. . 577 000 

3 800 

134000 

. . 1200000 

4 500 

93000 

. . 1880000 

3 500 

208 000 

. . 1320000 

4100 

164000 


Fall Erythrocyten Leukocyten 

Plättchen 

Bemerkung 

7. Gl. 24. April . 

1280000 

3 600 

160000 

Arsentherapie 

11. Mai . . 

1 736 000 

4000 

192 000 


27. „ . . 

3 008 000 

4000 

192000 


12. Juni. . 

8 604000 

? 

165000 


8. Wo. 9. Juni . 

1888000 

4 800 

130000 

Artentherapie 

7. Jnli. . 

2 640 000 

6 600 

152 000 


9. Wa. 17.Okt.1913 

2 000 000 

4 500 

135 000 

Splenektomie 

14. Febr.1914 

3000 000 

5100 

155 000 

25. Sept. 1913 

10. Wag. 10. April 

1316 000 

5 980 

157000 

Splenektomie 

25. „ 

1792000 

7 200 

178000 

4. April 1914 

20. Mai. 

2882000 

7 000 

158000 


5. Juni 

3 360 000 

6 500 

214000 


2. Jnli. 

3 600 000 

6 600 

198 000 


14. * . 

3 968000 

5 520 

273 000 


11. Ra. 10. Mai 1914 

2882 000 

9 600 

147000 

Splenektomie 

11. Juli . 

3 020 000 

6 500 

279 000 

23. März 1913 

12. Rö. 18.0kt. 1913 

1500 000 

3 500 

89 000 

Splenektomie 

15. Juli 1914 

1100000 

6 420 

178000 

28. Aug. 1913 


Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß, wie ja schon seit langem 
bekannt, eine Verminderung der Blutplättchen auf der Höhe der 
perniziösen Anämie stets vorhanden ist. 

Grenzwerte sind 89 000 bis 208 000. Bei unbehandelten 
Fällen bewegen sich die Zahlen meist um 150000. Im Stadium 
der Besserung ist im allgemeinen sowohl seitens der Leukocyten 
als auch der Blutplättchen die Tendenz zum Anstieg erkennbar. 

Der eine von uns hat darauf hingewiesen, daß nach Splenektomie 
die Blutplättchen bei perniziöser Anämie vorübergehend sogar über 
die Norm vermehrt sein können, doch sinken sie bald wieder zu 
normalen und selbst subnormalen Werten ab. Es ist hier auch 
ein strikter Parallelismus zwischen Leukocyten- und Blutplättchen¬ 
zahl nicht so deutlich wie bei den Leukocytosen und die Blut¬ 
plättchen können hier bei andauernd normalen und selbst erhöhten 
Leukocyten werten unter die Norm sinken (z. B. Fall 10 und 11), 
wodurch die hochgradige Schädigung ihrer Produktion bei per¬ 
niziöser Anämie aufs deutlichste dokumentiert wird. 

Im Anschluß an diese Beobachtungen erwähnen wir einen 
Fall von Staphylokokkensepsis bei einem 12jährigen Knaben, der 
mit dem Blutbilde der perniziösen Anämie einherging. 

Fall Erythrocyten Leukocyten Plättchen 
7. Mai. . . 1084 000 6 000 91000 

24. ff ... 784000 8 300 64000 


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Gck igle 


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16 


1915 — MEpIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


Des weiteren einen Fall von posthämorrhagischer Anämie 
bei Ulcus ventriculi mit vorübergehender Leukopenie. 

Fall Leukocyten Plättchen 

(6 der Tabelle Nr. 1). 16. Januar. 4 500 114 000 

22. , 7 900 246000 

9. Februar 8 900 272000 

Ferner hatten wir Gelegenheit, drei Fälle von hämorrhagi¬ 
scher Diathese zu untersuchen. 

Fall 1, ein 17jähriger Patient, dessen Großvater wahrschein¬ 
lich hämophil war, litt seit Jahren an rezidivierenden Blutungen 
im Augeninnern. Fall 2 und 3 waren Purpuraerkrankungen nach 
chronischer Unterernährung durch vegetarische Diät. 


Fall Leukocyten Plättchen 

1- R- .4000 6 000 {‘3*00® 


2. V. A. ... 2800 92 500 

3. K. S. 4 380 187 000 

In allen drei Fällen ging also die Verminderung der Leuko¬ 
cyten mit ausgesprochenem Plättchenmangel einher. 


In den folgenden Experimenten wurde das Verhalten der 
Plättchen bei künstlich hervorgerufener Leukocytose geprüft. 

Zu diesem Zwecke bedienten wir uns einerseits der Gelatine 
in Dosen von 40 ccm 10%igen Merckschen Präparats, subcutan 


I. Gruppe. Gelatineinjektion. 


Kammer 

Name 

Datum 

Stunde 

Leuko¬ 

cyten 

Blut- 

platt- 

Bemerkungen 

Diagnose 




eben 


1. F. V. Chron. 

2. Dez. 

6 Uhr abends 

7410 

270000 

vor der Injektion. 

Bleivergiftg. 

Nephritis 

3. 


9 Uhr vorm. 

10200 

560 000 

15 Stunden nach Injektion 

8. 


6 Uhr abends 

11000 

420 000 

24 

4. 


10 Uhr vorm. 

8 000 

306 üOO 

40 

3. Tag 


6. 

i* 

10 Uhr vorm. 

7 020 

275000 

2. H. R. Poly- 

B. Dez. 

6 Uhr abends 

8 800 

296 000 

vor der Injekt'on 

9erosit chro- 

6. 


9 Uhr vorm. 

14 050 

608 000 

16 Stunden nach Injektion 

nlca adh. 

6. 


6 Uhr abends 

13 300 

407 500 

24 


7- 


VjlOUbr vorm. 

10 700 

320 000 

40. 


8. 


10 Uhr vorm. 

8 300 

238 000 

3. Tag 

8. W. K. Colitis 

10. Dez. 

6 Uhr abends 

6 960 

282 000 

! vor der Injektion 

ulcorosa 

11. 


9 Uhr vorm. 

14500 

469 000 

15 Stunden nach Injektion 

11. 


6 Uhr abends 

9 820 

407 500 

j 24 . 


12. 


10 Uhr vorm. 

9 020 

281 000 

f 40 


13. 

.. 

10 Uhr vorm. 

7 900 

239 000 

3. Tag 

4. N. J. Icterus 

8. Jan. 

6 Uhr abends 

7 500 

270 000 

vor der Injektion 

catarrhal. 

9. 


10 Uhr vorm. 

10 200 

368 000 

16 Stunden nach Injektion 


9. 

.. 

6 Uhr abends 

7 900 

324 000 

21 

5. J. K. Ulcus 

13. Jan. 

1 6 Uhr abends 

6 700 

187 000 

vor der Injektion 

ventriculi 

14. 


10 Uhr vorm. 

11 800 

380 000 

16 Stunden nach Injektion 


14. 


' 6 Uhr abends 

9 700 

210 000 

21 „ „ ' „ 


15. 


] 10 Uhr vorm. 

7 500 

192 000 

46 


16. 


| 10 Uhr vorm. 

6 200 

120000 

3. Tag 


19. 

** 

10 Uhr vorm. 

4 800 

96 000 

6. Tag 

6, 8.W. Sekun-!l6. Jan. 

j 6 Ubr abends 

' 4 500 

114 000 

vor der Injektion 

d&re Anämie 


j 10 Uhr vorm. 

| 6 200 

139coo 15 Stunden nach Injektion 

naoh Ulcus 

17. 


! 6 Uhr abends 

9620 

188 000 

21 

ventriculi 

18. 


5 10 Uhr vorm. 

6 000 

164 000 

40 

19. 


10 Uhr vorm. 

1 6 300 

168 00(1 

| 


22 . 

31. 

” 

10 Uhr vorm. 
10 Uhr vorm. 

7 900 

9 200 

216 000 
220 900 

! Kisentherapie 

1 

9. Mürz 

11 Uhr vorm. 

8 900 

272 000 

) 

7. K.R Ca ven- 

19. Jan. 

6 Uhr abends 

5 700 

195 000 

vor der Infektion 

triculi 

20. 


io i hr vorm. , 

7 700 I 

232 000 

16 Stunden nach infektion 

20. 


6 Uhr abends 

8 100 1 

2 M 000 

21 

1 

21. 

" 

11 Uhr vorm. 

8 080 

212000 

42 

& P.8. Cirrhos.22. Jan. 

6 Uhr abends i 

8 200 

211O00 

vor der Infektion 

hepatis. j 

23. 


10 Uhr vorm. 

11 020 

260 (K)0 

15 Stunden nach Injektion 

23. 


6 Uhr abends 

12010 

405 000 

21 . 

i 

24. 


10 Uhr vorm, j 

9TfK) 

266 000 

40 

,27. 

* | 

10 Uhr vorm. , 

9 100 

254 000 

5- Tag 


9, P. R. Stenos.|27, Jan. 6 Uhr abends 10 200 408 000 vor der Injektion 

oesopbag. '27. „ 10 Uhr vorm. 0700 312000 Sinken derLeukocvte,,- und 

oarcmoma- 28. „ t 6 Uhr abends J 9 000 263 000 Blutplättchenzah'l 

tosa 29. „ | 10 Uhr vorm. ! 8 200 175000 


II. Gruppe. Pbylakogeninjektionen. 

Tabelle VII. Patient F. Gr. (Chronischer Rheumatismus) 


Datum 

Stunde 

Leukocyten 

Blut¬ 

plättchen 

Bemerkungen 

6. Mftrz 

11 Uhr vorm. 

1 8000 

280 600 

Injeklion 0,3 ccm Phviakogen 

6. n 

6 * abends 

13 200 

866 000 

V s 12 Uhr vormittags intravenös. 

6. . | 

| fl , vorm. 

1 6900 | 

222 700 


7. März 

9 Uhr vorm. 

! 8600 | 

266000 | 

i Injektion 0,5 ccm Ph 3 *Iakogeu 

7. • 

«• • 

5 „ nachm. 

9 „ vorm. 

12600 | 
9600 | 

383 000 1 
288 000 | 

10 Uhr vormittags. 


injiziert; anderseits der Injektionen von „Shafers Rheumatismus- 
Phylakogen“, eines von der Firma Parke, Dawis & Comp, erzeug¬ 
ten sterilen Filtrats von verschiedenen Bakterienkulturen, das an 
der Klinik gegenwärtig zu therapeutischen Zwecken erprobt wird. 

Auch bei diesen zehn Experimenten sehen wir ohne Aus¬ 
nahme gleichmäßige Bewegung der Leukocyten- und Plättchen¬ 
zahlen, wobei auch die Gipfelpunkte der beiden Kurven genau zu¬ 
sammenfallen. 

Im Fall 9 mit leichter präexistenter Leukocytose trat keine 
Steigung, sondern parallele Senkung beider Zahlenreihen ein. 

Hervorzuheben ist ferner die geringfügige und verlangsamte 
Reaktion sowohl der Leukocyten als der Plättchen bei dem leuko¬ 
penischen Patienten (Sv. Fall Nr. 6, Tabelle ), sowie bei dem¬ 
selben Falle die im Laufe der Genesung allmählich vor sich gehende 
Rückkehr der Blutplättchen zu normalen Zahlen. 

Auch boi Fall 7, einem kachektischen Magencarcinom, war 
sowohl die Leukocytose als die Plättchenvermehrung nach der 
Gelatineinjektion sehr geringfügig. 

Ebenso ist bei drei Tierexperimenten (intravenöse Kollargol- 
injektion bei Kaninchen) dieselbe Uebereinstimmung in den Be¬ 
wegungen der Leukocyten und der Plättchen zu erkennen. 


Kollargolinjektionen. 
Tabelle VIIL 


Nr. des 
Tiers 

Datum 

Stunde 

! Leukocyten 

Blut¬ 

plättchen 

Bemerkungen 

1 

26 Februar 

11 Uhr vorm. 

20000 

! 

633000 i 

um 12 Uhr mittags 
0,6 ccm l°/,.ige Kollargol- 
lösung. 


27. « 

10 „ 

29500 

696000 

2 

2. März 

11 Uhr vorm. 

12 600 

454000 I 

um 12 Uhr mittags 
0,6 ccm l°/oige Kollargol- 
lösung intravenös. 


2. ft 

6 „ abends 

13 800 

640 OCO 


3 « 

10 , vorm. 

8 600 

488000 

am 8 März ging das 





! i 

Tier zugrunde. 

3 

13. März 

9 Uhr vorm. 

12 000 

402 000 

um IX Uhr vormittags 
0,5 ccm l%ige Kollargol- 
lösung intravenös. 


14. « 

11 « 

16 900 

750 000 1 

! 

18. , 

10 ft ft ; 

16 000 

550000 | 



Auf Grund der mitgeteilten Untersuchungen ist es wohl ge¬ 
rechtfertigt, es als Regel hinzustellen, daß die Zahlenschwankungen 
der Leukocyten von parallelen Bewegungen der Plättchenzahlen 
begleitet werden. Die Erhebungen beider Kurven pflegen gleich¬ 
zeitig einzusetzen, ihre Gipfelpunkte koinzidieren, der Abfall erfolgt 
ebenfalls synchron und der Grad des Ausschlags erscheint im all¬ 
gemeinen beiderseits proportional. 

Dieses Vorhalten beobachteten wir sowohl bei den protra¬ 
hierten, selbst über Monate sich erstreckenden Leukocytenvermeh- 
rungen, z. B. Granulomatose von mehrjähriger Dauer, Leukämie, 
als auch bei ganz akuten Hyperleukocytosen mit nur stundenlangen 
Oscillationen, wie bei dem Malariafall und den experimentell pro¬ 
vozierten Leukocytosen. 

Anderseits fanden wir sowohl bei kurz vorübergehenden 
(posthämorrhagische Anämie) als bei langdauernden Leukopenien 
(perniziöse Anämie, hämorrhagische Diathesen) stets ausgesprochene 
Verminderung der Blutplättchen. Auch hier kehren im allgemeinen 
die Plättchen gleichzeitig mit den Leukocyten zur Norm zurück. 

Doch haben wir in dieser Beziehung bei der perniziösen 
Anämie insofern mitunter Abweichungen gefunden, als die Be¬ 
wegung beider Reihen nicht immer streng gleichmäßig zu erfolgen 
scheint, sondern boi bereits wieder normalen Leukocytenwerten 
die Zahlen der Plättchen noch hinter der Norm zurückstehen 
oder gelegentlich auch vorübergehend über die Norm erhöht 
sein können. 

Auf der andern Seite habon wir als einzige Ausnahme unter 
den hy perleukocy torischen Zuständen boi einer myeloischen Leu¬ 
kämie während eines spontanen Leukocyiensturzes eine ganz un¬ 
gewöhnlich hochgradige Plättchonvormehrung eintreten sehen. 
Aehnliches wurde von Stern im Verlauf rascher Leukocyten- 
abnahme boi Leukämie infolge von Benzoltherapie beobachtet. 

Es wurde auch bereits darauf hingowiesen, daß Port und 
Akyama, ebenso Helber bei Pneumonie und Erysipel Diver¬ 
genz beider Formelemeüte (Verminderung der Plättchen vor der 
Krise) festgestellt und daraus die genetische Unabhängigkeit der 
Plättchen von den Leukocyten gefolgert haben. 

Diese Schlußfolgerung erscheint uns aber zu verallgemeinert 
und verfrüht. Denn man kann doch nicht übersehen, daß die 


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3. Januar. 


1915 — MEDIZINISCH !• KLINIK — Nr. 1. 


17 


üebereinstimmung im Verhalten beider Elemente die Regel bildet 
und daß somit gelegentliche Divergenzen durch sekundäre Momente 
bedingte Ausnahmen darstellen können. 

So konnte man vom Standpunkte der leukocytären Plättchen¬ 
genese aus verstehen, daß bei raschem Zugrundegehen zahlreicher 
Leukocyten (Remission einer Leukämie) die Plättchen zunächst 
rasch zunehmen. Es könnten bei der perniziösen Anämie die 
Leukocyten als Abkömmlinge eines pathologischen Knochenmarks 
gleich den Leukocyten protoplasmatische Schädigungen aufweisen, 
«eiche der Plättchenabschnürung entgegenwirken. Es ist ferner 
sowohl im Sinne der Leukocyten- als der Riesenzellentheorie durch¬ 
aus denkbar, daß erst eine Steigerung des toxischen Reizes über 
eine gewisse Intensität die Divergenz der beiden Kurven bewirkt. 
So bat Duke gezeigt, daß Diphtherietoxin im Tieroxperiment bis 
zu einer gewissen Dosis Plättchenvermehrung, darüber hinaus 
aber Verminderung hervorruft. Daß gerade bei so akuten inten¬ 
siven Hyperleukocytosen wie bei Pneumonie diese Abweichung von 
der Regel gefunden wurde, würde mit dieser Anschauung gut 
übereiustimmen. 

Es ist übrigens darauf hinzuweisen, daß Türk, allerdings 
nicht auf Grund von Zählungen, sondern nach den Blutpräparaten, 
die Plättchen bei Pneumonie regelmäßig schon von Beginn der 
Krankheit an als reichlich, nach der Krise als bedeutend vermehrt 
bezeichnet. Auch wäre zu überprüfen, ob die Bestimmung der 
Plättchenzahlen durch Feststellung ihres Verhältnisses zu den 
Erythrocyten nicht durch die großen Zahlen schwank ungen der letz¬ 
teren gerade bei ganz akuten Fieberzuständen (Schweiße, vasomo¬ 
torische Einflüsse) zu Irrtümern führen kann. 

Es können daher nach unserer Meinung gelegentliche Un¬ 
stimmigkeiten zwischen den Leukocyten- und Plättchenzahlen nicht 
ohne weiteres als Beweis einer selbständigen Genese der Plättchen 
and ihrer Unabhängigkeit von den Leukocyten verwendet werden. 

Die Resultate unserer Untersuchungsrrihe sprechen in dem 
Sinne, daß die Leukocyten und die Blutplättchen denselben ver¬ 
mehrenden respektive vermindernden Einflüssen zu gehorchen pflegen, 


während eine Beziehung zur Anzahl der Erytrocyton nicht zu- 
tago trat. 

Es liegt nahe, dieses Verhalten als direkten Beweis für die 
Abstammung der Plättchen aus den Leukocyten hinzustellen. Allein 
ebenso wie für ihre Genese aus den Knochenmarkriesenzellen 
eben dieselben Argumente; Üebereinstimmung der Struktur und 
direkt zu beobachtende Abschnürung ins Treffen geführt werden 
wie für ihre Entstehung aus den neutrophilen Leukocyten, könnte 
ein Anhänger der Megakaryocytentheorie unsero Befunde in dem 
Sinne deuten, daß die Riesenzellen als typische Bestandteile des 
myeloischen Gewebes denselben Reizen im positiven oder negativen 
Sinne unterliegen, wie die Myelocyten und Myeloblasten, und daß 
daher der Parallelismus aut der gleichzeitigen Beeinflussung der 
beiderseitigen Stimm zellen beruht. 

Wir wollen daher unsere Resultate nicht als in dem einen 
oder andern Sinn entscheidend hinstellen, um so mehr, als vielleicht 
beide Anschauungen zu Recht bestehen. 

Literatur: 1. Achard und Aynaud (Cpt. r. d. Riol. 1907, Rd. 2, 
S. 590, Cr.4; 1908, Rd. 1, S. 041, 714, 898; Rd. 2, S. 57, 382, 4 )2, 551. 724). — 
2. A ffanas'sicw (D. Aich. f. k 1 in .Med.. Rd 35). — 3. Arnold i Virch. Arch., 
Rd. 50 und 55). — 4. Auherti» (Cpt. r. de Riol 1905. Rd. 1, S. 39) — 5. Bi- 
zozero (Virch Arrli.. Rd. 90). — 6. Riirker eM.m.W. 1904, Nr. 27). — 7.Rern- 
hard (ZioHers Reitr. Rd. 55). — 8. Rrockhank. Cljnical not.es oh blond plutos. 
(Lancet 182.) — 9. v. I) e ca^tol 1 o u. Krjukolf, Untersuchungen filier die Struk¬ 
tur der Rlutzell'*]). (Wien 1911.) — 10 Duke, O.usos nf Variation in tim Flu- 
tolets couut (Scj»ar. oti.se. of Arch. of intern. Med., Januar 1913.) — 11. Dow- 
Ney, The origino of hlood-jdntelets. (Fol. haeniat, Rd, 15, S 1.) — 12. Deetien 
(Vireh. Arch.. Rd. 104). — 13 F.tninet (Arch. f. Kindhlk., Rd. 57). - 14 Fo- 
nio (D. Zschr. f. Chir, Rd. 117) — 15 Reiber (D. Arch f. klin. Med., Rd. 81 
und 82). — 16. llirschfeld (Virch Arch, Rd. 106). —17. Lo Sourd «0 Pa¬ 
nier (Soc. de Riol. 1906. 21. Juli. 8. Dezember: 1507, 25. Mai; 1912. S. 611). — 
18. Moravitz (ü. Arch f. klin. Med., Rd 79, S. 209). 19. Nuyeli, Blut- 

kranklieiten und Rlutdiaenostik. 2. Auflage (Leipzig 1912). — 20. Nathan- 
Larie (Soc. de BiM. 1907, Bd. 2. S. 771). -- 21. Papo.nhoim (M. ra. W. 1001, 
Nr. 21; ß. kl. W. 1902. Nr. 47). — 22. Ogata, Zieglers BeTr., Rd. 52). - 23. Port 
u. Akiyama (D. Arch, f. klin. Med.. Rd. 106). — 24 Preis ich u. Heim (Virch. 
Arch., RI. 17s; D. m. W. 1913, Nr. 38— 25. Schwalbe (M. in. W. 1501, 
Nr. 10; 1904, S. 725). — 26. Marino (Soc. de Riol 19u5, Rd. 1, S. 194). — 27. 
AVright (Virch. Arch., Bd. 186, S. 55). — 2s. Türk, Klinische Untersuchungen 
über das Verhalten des Bluts usw r . (Wien 1898.) 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


•Deutsche medizinische Wochenschrift 1914 , Nr. 51, 

E. Meyer (Königsberg i. Pr.): Psychosen und Neorosen In der 
imee während des Kriegs. Vortrag, gehalten am 23. November 1914 
im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg i. Pr. * 

Bosch (Krefeld): Zur Diagnose und Therapie der Gasphlegmone. 
Fährt man mit dem Rasiermesser über das betroffene Glied, so wird der 
heim Schaben des Messers entstehende Ton ganz auffallend hohl, bell¬ 
tönend, schschtelartig, sobald das Messer an eine auch nur die geringste 
Menge Lnft am Unterhautzellgewebe enthaltende Stelle der Haut gelangt. 

In einem Falle konnte dadurch die Diagnose ganz am Beginne gestellt 
werden, sodal es gelang, durch Excision der ganzen Wunde weit im ge¬ 
sunden Gewebe der Infektion Herr zu werden. Durch das eben beschrie¬ 
be einfache Phänomen kann man sich auch genau vergewissern, ob 
die eventuelle Amputationastelle genügend hoch gewählt ist. 

Reckzeb: Die gutachtliche Tätigkeit des Kriegsarztes. Schluß. 
Hingewiejen wird unter anderm auf die Kriegssanit&tsordnang mit ihren 
Anlagen (z. B. Anlage 6 mit den dazu gehörigen Mastern), ferner auf 
die Diemtanweisung zur Beurteilung der Militärdienstfahigkeit (enthaltend 
Anweisungen zur Untersuchung und Ausstellung militärärztlicher Zeug- 
Düse bei Mannschaften, Offizieren, Sanitätsoffizieren und Beamten). Für 
1* Beurteilung der Garnison- und Felddienstfähigkeit ist eine genaue 
Kenntnis der Beilage 1 der Dienstanweisung unerläßlich. Empfohlen 
*Kd. zum Studium die bei den Truppenteilen vorhandenen Sammlungen 
nuicher Gutachten einer Durchsicht zu unterziehen. Betont wird ferner; 
oteine oder gespaltene Herztöne kommen sowohl bei post mortem 
ge»und befundenem Herzen vor wie auch bei Veränderungen der Klappen 
0 w der Klappenmuskulatur. Accidentelle oder fnnktionelle Geräusche 
vechaeln im allgemeinen stark in bezug auf ihre Intensität. Sie sind am 
eu ifhiten am Ostium pulmonale zu hören, da sie im Anfangsteil der 
gw eu Gefäße entstehen. Auch ist hierbei der zweite Pnlmonalton nicht 
^ ernor braucht die Extr&systolie — eine Form von unregel- 
® ig p r Herztätigkeit — kein Zeichen von schwerer Herzerkrankung zu 
p 1 ?’ Die Extrasystolen sind die häufigsten Ursachen deB unregelmäßigen 
a es, wobei am Pulse scheinbar ein Schlag ausfällt, weil die Extra- 
A* 0 , 1 f °- k 80 ^ 8 * e &m Pu* 80 aicht fühlbar ist. Bei der 

weutauon hört man dann einen oder zwei Herztöne unmittelbar nach 
i fn au Du, normalen Herztönen; dann folgt darauf eine Pause, die gleich 
Urt Jingö ZW0 * er normaler Pulse ist. Die Extr&systolie kann sehr leicht 


bei vasomotorischen Neurasthenikern auegelöat werden, lührt also nicht 
ohne weiteres zur Dienstuubrauchbarkoit 

L. v. Liebermann nnd J. Acel (Budapest); Neuer gefärbter 
Nährboden zur scliarfen Unterscheidung siinrebildondor Bakterien 
von andern, insbesondere des Collbaclllus vom Typliusbaclllus. 
Empfohlen werden mit Kongorot gefärbte Müchzuckeragarplatten. 

Peter Bergell (Berliu): Vorstufe dos Diabetes. Das Lösungs¬ 
vermögen des menschlichen Harns für Kupforoxydhydrat beruht nicht auf 
Traubenzucker, die Koduktionskraft normaler Urine nicht auf Glykose. 
Ist das Kupferlösungsvermögen besonders stark gesteigert, so besteht 
eine Vorstufe des Diabetes. Diese Reaktion verschwindet auf Kohle¬ 
hydratentziehung, sie wird stärker bei vermehrter Kohlehydrat- und Gly- 
kosezufahr, und es treten bei dieser Vorstufe Spuren von Glucose mit 
auf. Hereditär Belastete mit starker Kupferlösungsreaktion müssen be¬ 
züglich ihreB Kohlehydratstoffwechsels wie leichte Diabetiker behandelt 
werden und es ist anzustroben, daß die Reaktion bei ihnen stets negativ 
oder nur schwach positiv bleibt. 

Kurt Frankenstein (Köln-Kalk): Subcutane Applikation von 
peristaltikbefördernden Mitteln in der Nachbehandlung nach gynä¬ 
kologischer Laparotomie. Durch subentauo Injektion von Peristaltin 
unmittelbar nach der Operation läßt sich die postoperative Darmparese 
vermeiden. Man darf das Mittel aber nicht erst anwenden, wenn sich 
Blähungsbeschwerden einstellen. JetU Patientin erhält daher unmittel¬ 
bar, nachdem sie vom Operationssaal ins Bett gebracht ist, subcutau eine 
Ampulle (0,5) Peristaltin injiziert. Die gleiche Dosis wird am Abend 
des Operationstags und in den folgenden Tagen früh und abends verab¬ 
reicht, bis der Zustand des Magens es gestattet, das Mittel per os zu 
geben (täglich zweimal 0,05 als Tablette, bis, eventuell unter Zuhilfenahme 
eines Einlaufs, die normale Stuhlentleerung in Gang gekommen ist). 

Rupp (Chemnitz): Krebsbehandlnng mit Radium. Opernbio 
Fälle operiere man und bestrahle sie nachher. Sind die Fälle aber schon 
weit fortgeschritten, daß Tumorreste zurflckgelassen werden müssen, so 
können diese dnreh folgende Bestrahlung noch völlig entfernt werden. 

Berliner (Breslau): Behandlung der Pneumonie, Pleuritis und 
Bronchitis mit Menthol-Eukalyptol. Das Mittel wird in Form der 
glutfialen Injektion empfohlen. 

Carl Brill (Magdeburg): Zur Lichtbehandlung von eitrigen, 
jauchigen Wunden. Empfohlen werden die vom Verfasser angegebenen 


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18 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


Lichtapparate, und zwar besonders der kegelförmige Strahlkörper (zu be¬ 
ziehen für 10 M vom Strahlkörperversand, Körbelitz, Bez. Magdeburg), 
der stundenlang fest auf die Wundränder aufgesetzt wird; bei größeren 
Wandflächen kann bequem eine Fernbestrahlung stattfinden. 

M. F. Rothschild (Frankfurt a. M.): Zar Bewertung der Nicola- 
donischen Plattfußoperation« Empfehlung der Operation, die von dem 
Gedanken ausgeht, durch temporäre Ausschaltung der Triceps snrae, 
dessen Antagonisten, den kurzen Muskeln der Fußsohle, Gelegenheit zu 
geben, durch ihre Contraction das Fußgewölbe wieder herzustellen. 

J. Schumacher (Berlin): Znr Desinfektion mit nascierendem 
Jod. Mit Hilfe von Jodicumtabletten gelingt es, in der Wunde nascierendes 
Jod zu erzeugen, dessen Wirkung infolge seiner langsamen Abscheidung 
in statu nascendi besonders stark ist F. Brnck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1914 , Nr. 51. 

Ernst Rüge (Frankfurt a. 0.): Erfahrungen an den 22 ersten 
Fällen von vaginalen Operationen in parametraner Leltangsanästhesle. 
Injiziert wird eine genügend große Menge 1 bis 2%igen Novocains, den 
auf 100 ccm fünf Tropfen l%oige Suprareninlösung zugesetzt werden, in 
das parametrane Gewebe. Das geschieht mit einer genügend langen 
Rekordnadel, die rechts und links vom Uterus am höchsten Punkte des 
Scheidengewölbes in einer etwas nach außen von der Uterusachse ab¬ 
weichenden Richtung eingestochen wird. Das Anästheticum soll aber 
nicht direkt in die Blutbahn eingespritzfc werden. Die Methode erlaube 
Exstirpationen des Uterus, vaginale Myomotomien usw. auszuführen. 

Ernst Puppel (Mainz): Argobol, elu neues Silberboluspräparat. 
Das Präparat wird für die Behandlung der akuten und chronischen weib¬ 
lichen Gonorrhöe empfohlen. Man schüttet im Speculum zhka 4 bis 6 g 
des Pulvers ein und fixiert es darch einen Wattetampon. Die Urethra 
muß besonders behandelt werden. Der frische Cervixkatarrh ist ein Noli 
me tangere. Er heilt nnter vaginaler Anwendung von Argobol in kurzer 
Zeit aus. 

L. P. Grünwald (Kassel): Ein neuer verstellbarer, federnder J 
Mundsperrer nach Zahnarzt Alfred Kreis. Der genau beschriebene, 
durch Abbildungen erläuterte Apparat wird angelegentlichst empfohlen. 
Er ist so klein und schmal, daß er das Arbeiten an der Gegenseite in 
keiner Weise stört. Auch die Einführung der Watterollen und des 
Speichelsaugers zu gleicher Zeit stößt auf keine Hindernisse. 

Wilhelm His: Die chronischen Arthritiden. Ursachen, Ein¬ 
teilung and Beurteilung (Schluß). Ausführlicher Fortbildungsvortrag, 
worin unter anderm betont wird, daß von 17 Fällen chronischer Arthritis, 
bei denen Eiterpfropfe in und hinter den Tonsillen nachgewiesen, 
wo dieTonsillen völlig entfernt wurden, 14 ungeheilt blieben und 
ein Rückgang der Gelenkerscheinungen nur bei drei eintrafc, von denen 
das Dauerresultat noch nicht angegeben werden kann, da keiner um mehr 
als sechs Monate znrückliegt. 

Feldürztliche Beilage Nr, 20. 

Georg L. Dreyfus und Waldemar Unger (Frankfurt a. M.): i 
Die kombinierte Antitoxlnüberschwemmungs- und Narkosetherapie 
des Tetanus. Die Behandlung besteht im wesentlichen in folgendem: 
Intralumbale Injektion von 100, intravenöse Injektion von 100 bis 
300 und schließlich endoneurale Einspritzung von 100 Antitoxinein¬ 
heiten (die meist in Frage kommenden Stellen sind: Plexus brachialis 
unterhalb der Clavicula, N. ischiadicus in der Gefäßfallo und N. femoralis 
in der Leistenbeuge). Dazu kommt die narkotische Therapie: Morphium, 
Chloralhydrat, Luminal (1 bis 2 ccm einer 20%igen wäßrigen Luroinal- 
natriumlösung subcutan = 0,2 bis 0,4 Luminalnatrium). Ferner: Magne¬ 
sium sulfuricum, in der Regel intramuskulär (5,0 und 25%ige Lösung 
ein bis zwei-, höchstens dreimal täglich). 

Hanckon: Zar Prognose and Behandlung der Schädel schlisse. 
Bei tangentialen Knochenschüssen des Schädels mit und ohne Verletzung 
des Gehirns bietet die Frühoperation die besten Heilungsaussichten. Bei 
Steckschüssen muß man sich von Fall zu Fall entscheiden. Durchschüsse 
des Gehirns haben wie die Steckschüsse im ganzen eine schlechte Pro¬ 
gnose, es kommen aber bei zuwartender Behandlung einzelne Fälle zur 
Heilung. 

Schede (München): MohlÜBation versteifter Gelenke. Es kommt 
auf eine ganz langsame und schonende Dehnung sowie auf eine Fixation 
des Glieds in der erreichten Stellung an. Um dios zi. ermöglichen, hat 
der Verfasser eine Schiene konstruiert, die gleichzeitig für jeden paßt 
und von einer unbeschränkten Zahl von Patienten benutzt werden kann, 
die außerdem billig und von jedem und überall leicht zu handhabon 
ist. Eine einfache Umdrehung des ganzen Apparats um dio Achse des 
Armes kehrt seine Wirkung in ihr Gegentoil um. Man kann also mit 
dem gleichen Apparat die Beugung und Streckung forcieren. 


Fr. J. Kaiser (Zürich): Nachbehandlung von Gelenkschttssen 
besonders des Schnltergelenbs. Bei diesem muß man den aktiven 
BewegungsübuDgen durch passive nachhelfen. In welcher Art diese 
aasgeführt werden, wird genau beschrieben. Man beginnt diese passiven 
Bewegungen etwa 10 bis 14 Tage nach der Verletzung, um bis dahin 
der Muskulatur und dem Gelenke Zeit zu lassen, den ersten entzündlichen 
Reiz und eine eventuelle leichte Infektion zu überwinden. Zunächst 
schonend unter Kontrolle der Temperatur und der nachfolgenden Schmerzen. 
Gegebenenfalls stellt man nachher wieder für einige Zeit das Gelenk vor¬ 
übergehend ruhig. 

Arthur Mueller (München): Zar Behandlung großer Weich- 
tellverletzungen. Um die Wundränder von Anfang an möglichst ein¬ 
ander zu nähern, verwendet mau den elastischen Zug. Man läßt Haken¬ 
oder Haftenbänder, wie man sie fertig kauft, auf zirka 5 cm breites Leuko¬ 
plast aufnähen. An diesen Bändern sind in etwa 2 cm Entfernung 
Haken und Oesen abwechselnd befestigt. Diese Bänder klebt man am 
Rande der Wunde in deren Läugsausdehnung auf. Durch die Oasen 
werden dünne Gummiringe geschlungen, wie sie zum Verschnüren von 
Paketen benutzt werden. Nachdem die Wunde mit Gaze bedeckt ist, 
werden die Gummiringe über die Haken an der entgegengesetzten Seite 
mit beliebig starkem Zuge befestigt. 

Fritz Lesser (Berlin): Praktische Winke zar Verhütung und 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und von Ungeziefer Im 
Felde. Empfohlen wird zur Verhütung des Trippers die starke Protargol- 
einträuflung (Rp. Argent. proteinic. 5,0 Solve in Aq. frigid., Glycerin ad 
25,0. S. Zwei Tropfen in die Harnröhre und ein Tropfen in den Vorhaut- 
Back einzuträufeln. Aus der Tropfpipette). Diese Lösung sollte in die 
Sanitätstasche des Feldarztes aufgenommon werden. Bedenklich aber ist 
es, dem unteren Sanitätspersonal die uneingeschränkte Verabfolgung von 
Schutztropfen zu überlassen. Nach den feldärztlichen Erfahrungen des 
Verfassers ist das Ulcus moIle viel häufiger als der Primäraffekt anzu¬ 
treffen. Um dem Entstehen neuer Ulcora durch Ueberimpfung vorzubeugen, 
empfiehlt sich die Aetzung mit Acid. carbolic. liquefact. (zunächst vor¬ 
sichtiges Betupfen, um eine Anästhesie herbeizuführen, dann nach l /a Minute 
nimmt man durch Druck auf den Geschwürgrund die eigentliche Aug- 
ätzuug vor). Der Verfasser bespricht dann die Abortbehandlung der 
Syphilis und stellt die Hauptunterschiede ganz frischen Ulcus durum 
und molle gegenüber. Er erwähnt, daß durch Aetzung mit Karbolsäure 
bei jedem Geschwür eine positive Verhäutung ein treten könne. Dem 
Standpunkte Lessers, jeden mit einer venerischen ulcerösen oder erosiven 
Affoktion Behafteten geradeso zu behandeln, wie einen mit frischer 
Syphilis Infizierten, kann der Verfasser nicht beipdichten. Was die 
Diagnose der Skabies anbetrifft, so kann man diese fast immer aus¬ 
schließen, wenn die Achselfalten (die Ausläufer der Achselhöhle nach 
vorn) frei sind. Bei der Behandlung der Phthiriasis mit Ungueut. einer, 
soll ein Einreiben der Salbe in die Haut unterbleiben. Es genügt, die 
graue Salbe in den Haaren der Genitalien mit den Fingern zu verfilzen. 
Abrasieren der Schamhaare ist zu unterlassen, da das Nachwachsen der 
Haare oft sehr heftiges Jacken auslöst. 

Mi ln er (Leipzig): Aerztllche Untersuchung der Mannschaften 
für den Krieg« Ihre Notwendigkeit beim Eintritt und beim Ausrücken 
der Soldaten wird betont. Zugleich werden Ratschläge für die Aus¬ 
stattung der ins Feld Ziehenden gegeben. 

Helene Hölder (Tübingen): Iler Schwebemarkenlokalisator« 
Die von Wachtel veröffentlichte Methode wird empfohlen. 

Felix Kraemer (Frankfurt a. M.): Sterile Schnellverband- 
schiene. Sie besteht aus dem festen Material (z. B. Pappschiene) und 
der Verbaudkompresse, die durch die Schiene hindurch au diese durch 
Haltebänder festgeknotet ist. 

Wolffberg (Breslau): Elastisches Augen verbandkissen« Es 
kommt da in Betracht, wo an die Elastizität des Verbandes erhöhte 
Anforderungen gestellt werden müssen (bei subkonjunktivalen undVorder- 
kammerblutungen, bei Hornhauterosionen und ganz besonders bei Nefcz- 
hautablösung). Zu diesem Zwecke bedient sich der Verfasser elastischer, 
mit Kapok, d. i. Pflanzenfaser, gefüllter Leinewandkissen vonovoider Form 
(erhältlich bei der Firma Rudolf Reiß-Charlottenburg). 

Erich v. Redwitz (Würzburg): Znr Behandlung der Frakturen 
im Kriege. Ein altes, aber vorzügliches Improvisationsmittel zur 
Schienung der Frakturen der untern Extremitäten ist die Transportlatte. 
Bei deren Anwendung wird auch oine gewisse Extonsioö erzielt, die sich 
noch durch eine Einschaltung von Gummidrains zwischen Fuß und 
distalem Ende der Latte verstärken läßt. 

Rockzeh: Die durch den Krieg auf dem Gebiete des Ver¬ 
sicherungswesens geschaffenen Aenderungen. Die eingehende Ueber- 
sicht bezieht sich sowohl auf das staatliche wie auf das private Ver¬ 
sicherungswesen. 

Georg Liebe (Waldhof-Elgershausen): Krieg und Tuberkulose. 
Der Verfasser wirft die Frage auf, wie die durch den Krieg erhöhte Zahl 


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1 Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


der w Tuberkulose erkrankten Soldaten unterznbringen sei. Er bekämpft 
den Vorschlag, dafür leerstehende Sommerfrischen — offene Quartiere — 
heruznsiebeo. Denn die psychische Behandlung, der gelinde Zwang des 
Sanatoriums, der Heilstätte, ist für diese Art von Kranken unbedingt 
notig. Schon jetzt sollte mau tuberkulös erkrankte Soldaten in Heil- 
,litten schicken, deren viele leer stehen und bisher noch vergeblich auf 
Verwundete warten. F. Brnck. 

Zentralblatt für Gynäkologie 19 J 4 , Nr, 51. 

Aschheim, Zar Frage der Inneren Sekretion der Uterns- 
seklefaslisot. Im Epithel der Schleimhautdrüsen des prftmenstnialen 
and menstrnaJen Uterus und in den Deciduazellen des in den ersten 
Monaten schwangeren Uterus finden sich nach Aschheim reichlich 
lipoide Tröpfchen. Das reichliche Vorkommen von Lipoiden und auch 
tob Glykogen in den pr&menstrualen und Schwangerschaftsdrüsen läßt 
sich nur als „äußere Sekretion“ auffassen. Ein Nachweis für eine 
.innere Sekretion“ der Decidua darf nicht, wie Gentili undSfameni 
es beanspruchen, aus morphologischen Analogieschlüssen mit Luteinzellen 
und aus der blutdruckändernden Wirkung der Ge websextrakte mit ihrem 
Gehalt an Eiweißspaltprodukten erschlossen werden. £. Bg. 

Zentralblütt für Herz - und Cefäßkrankheiten 1914 , Nr. 23. 

Rothberger und Winterberg: Heber die Entstehung und die 
Ursache des Herzfllmiuerns. Das feinschlägige „Flimmern* und das 
grobschlägige „Flattern“ des Herzens hat eine klinische Bedeutung. Es 
ist anzunehmen, daß der jedem Arzt bekannte regellos unregelmäßige 
Pnls bei schweren Zuständen von Herzschwäche mit flimmernden 
oder flatternden Vorhöfen vergesellschaftet ist. Rothberger und 
Winterberg besprechen ihre neueren experimentellen Befunde Uber Ent¬ 
stehung des Flimmern». Die Oscillationen am Seitengalvanometer be¬ 
tragen von 3000 bis 3500 in der Minute bis zu 400 bis 500. Neben un¬ 
regelmäßigen begegnet mau zuweilen ganz regelmäßigen Erhebungen. 
Von 800 bis 900 ab sind sie auch in gleicher Zahl mechanisch zu 
schreiben. Rothberger and Winterberg nehmen nun an, daß hier 
„geordnete Gesamtcontractionen* der Vorkammern verzeichnet werden, 
die von einem abnorm gelegenen Reiznrsprung erzeugt werden können, 
aber auch nacheinander und auch gleichzeitig im Wettbewerbe von 
mehreren Ursprungsstellen. Besonders beim gleichmäßigen elektrischen 
Flattern und gleichzahligen mechanischen Ausschlägen der Wand wäre 
nur ein einziger Ursprungsort anzunehmen. Dos Wesentliche des Flirn- 
merns wäre demnach eine sehr erhebliche „Verkürzung der Refraktär¬ 
periode“. Rothberger und Winterberg gehen sogar soweit, dio un¬ 
geheure Zahl von 3000 bis 3500 elektrisch registrierbaren Oscillationen 
all monotop ausgelöste Tachysystolien der Vorkammern anzu- 
sprechen. (Schluß folgt.) K. Bg. 

Neurologisches Zentralblatt 1914 . Nr. 21—23. 

Wilhelm Erb: Was irir erstreben. Gedanken Aber die Weiter¬ 
entwickelung der deutschenNervenpathoiogie. Erb tritt für die Errichtung 
'fon Spezialkliniken und Lehrstühlen für Neurologie ein. Deutschland 
stände in dieser Hinsicht hinter dem Auslande zurück. 

Salomonson (Amsterdam): VerkUrzungsreflexe. Einer passiven 
Verkürzung paßt sich ein Muskel durch dauernde Erhöhung seines Tonus, 
du heißt durch Verdickung des Muskelbauchs an (Tonusreflex). Oft 
rird der Tonusreflex von einer echten Muskelzuckung eingeleitet (Ver- 
kflmmgsreflex). Am deutlichsten tritt dieser Reflex am Tibialia anticus 
(hei schneller Dorsalflexion des Fnßes) und am Semimembranosus und 
Semitendinosus (bei schneller Beugung im Knie) in Erscheinung. Genaue 
graphische Registrierungen zeigen, daß der VerkürzungBreflex aus einer 
einzigen Maskelzuckung besteht, welche nach einer Latenzzeit von zirka 
0.03 Sekunden eintritt und unmittelbar in den Tonusreflex übergeht. Der 
Verkurzungsreflex hat seinen Reflexbogen im Rückenmarke. Selten ist 
fine Dwercontraction (von Westphal schon früher als paradoxe Contraction 
beschrieben) oder eine zweite Contraction, welche der ersten zirka 
0.1 Sekunde nachfolgt Für diese zweite Zuckung muß man wegen der 
Lbige der Latenzzeit ein medulläreB Zentrum annehmen. 

Die klinische Bedeutung des Verkürzungsreflexeg ist noch nicht 
genügend geklärt. Er findet sich beim Gesunden nur in 25 — 30 %. Sehr 
häufig ist er bei diffusen organischen Erkrankungen des Centralnerven- 
systems. Er fehlt bei Hemiplegie auf der gelähmten Seite, ferner fehlt 
® r ^ rilen peripheren Nervenkrankheiten im Bereiche des Reflexbogens 
der unteren Extremitäten und bei Tabes dorsalis. 

H. Oppenheim: Zur Paendosklerose. Kasuistische Mitteilung 
von drei Fällen dieser seltenen Affektion, als deren pathologisch - ana¬ 


tomisches Substrat degenerative Prozesse in den Stammganglien angesehen 
werden. Das Hanptsymptom ist ein grober, langsamschliigiger, durch 
kräftige Muskelaktion zu unterdrückender Tremor. Ferner gehören zum 
auBgebildeten Krankheitsbilde VerlangBamnng der Sprache, Erhöhung der 
Sehnenreflexe mit meist wenig ausgeprägten Spasmen, abnorme Pigmen¬ 
tierung des peripheren Saums der Cornea. Verkleinerung der Leber, Ver¬ 
größerung der Milz; häufig findet man psychische Störungen, sowohl 
Stimmungsanomalien als auch Zwangsausdrncksbewegungen. Die Pseudo¬ 
sklerose gehört mit der Wilaonschen Krankheit in eine Gruppe. Welche 
Stellung die Dystonia musculornm deformans und die Paralysis agitans 
zu dieser Grappe einnimmt, ist noch unklar. Die bilaterale Athetose mit 
Pseudobulbärparalyse ist ein besonderes in sich abgeschlossenes Krank¬ 
heitsbild. 

Marinesco (Bukarest): Nature et Trattenient de la paralysle 
generale. Theoretische Ueborlegungen und klinische Erfahrungen lassen 
es empfehlenswert erscheinen, bei progressiver Paralyse salvarsanisiertes 
Serum subaracbiodal in unmittelbare Berührung mit der erkrankten Gro߬ 
hirnrinde zu bringen. 

Neumann: Psychologische Beobachtungen Im Felde. Geringe 
unscheinbare psychische Momente können im Felde für den ganzen Geist 
der Trappe von ausschlaggebender Bedeutung sein. 

Roth mann: Der Krieg und die Neurologie: Hinweis aut die 
große Bedeutung der Neurologie in Kriegszeiten, insbesondere in thera¬ 
peutisch-chirurgischer Hinsicht. J. P. 

Die Therapie der Gegenwart 1914 , H. 11 u. 12. 

H. Strauß: Uebor nnspeciflsche ahnt hämorrhagische Kolitiden. 

Verfasser beobachtete sechs Fülle von unspecifischer, akut hämorrhagischer 
Kolitis bei krank aus dem Felde heimgekehrten Soldaten. Die klinischen 
Symptome entsprachen denen der Dysenterie. Dysentoriebacillen wurden 
dagegen nicht gefunden. Aber wenn auch typische Dysenterieerregor 
fehlen, so dürfte die Erkrankung doch als infektiös anzusehen sein 
(es wird hier an die durch „maligne“ Colistämme hervorgerufenen Colitiden 
erinnert) und dementsprechend sind Maßnahmen gegen dio VVeiter- 
verbreitung der Krankheit zum mindesten auf ihrem Höhe4:idium zu 
treffen. Die Therapie besteht im Anfänge der Erkrankung in Verab¬ 
reichung von Kalomel in großen Dosen (0,2 — 0.5 mehrmals täglich). Zur 
Beseitigung der Tenesmon sind kleine reizmildernde Klystiere empfehlens¬ 
wert (Opium-Dermatolklystiere, letztere mit Anaesthesin oder Opium 
kombiniert in späteren Stadien). Nach Schluß der Kalomelwirkung ist 
die Anwendung von Bolus alba, Toxodesmin usw. anzuraten. 

J. v. Roznowski: Zur Mague.siamsulfiittlurapie dos Tetanus. 
Verfasser berichtet von einem Tetanusfalle mit v'f rtägiger Inkubation, der 
insofern von besonderm Interesse ist, als dio nach erfolglos eingeleiteter 
Antitoxinbehandlucg durchgoführte Magnesiumgulfattherapie zur Heilung 
lührte. — Die subcutane MaguesiumsuK'atappiikation ist der intralumbalen 
vorzuziehen, weil nach den bisherigen Erfahrungen die Gefahr des Atem- 
stilLtandes geringer ist als bei intralumbaler Injektion. Um etwa plötzlich 
eintretenden Atemstiilstand zu beseitigen, empfiehlt sich: Bereitstellung 
von Physostigmin und Vorbereitung zu schneller Ausführung der 
Meltzerschen Iusufllatiou. 

E. Frank: Ueber harmlose Formen der Zuckerkrankheit bei 
jüngeren Menschen. Es gibt Formen von Diabetes, die dadurch cha¬ 
rakterisiert sind, daß hei einer Zuckerausscheidung bis zu 1,5% dor 
Blutzuckergehalt völlig normal ist. Dieser „Diabetes ohne Hyperglykämie“ 
oder „renale Diabetes“ beruht auf einer Funktionsstörung beziehungs¬ 
weise Ueberfunktion der Nierenepithelien und bietet eine durchaus gute 
Prognose. Von jeder diätetischen Beschränkung darf abgesehen werden. 
Renaler Diabetes sollte keinen Hinderungsgrund für die Aufnahme in die 
Lebensversicherung bilden. 

R. Mühsam: Erlebnisse and chirurgische Erfahrungen aus 
einem deutschen Feldlazarett« Für Referat nicht geeignet. 

Williger: Mundschleimhautentzündungen. Die Stomatitis 
catarrhalis, die sich häufig auf der Basis anderer, namentlich In¬ 
fektionskrankheiten, entwickelt, wird durch Mundreinigung mit dem 
„Wattefinger“, der mit einem geeigneten Waschwasser befenchtot 
wird, behandelt. Das Waschwasser muß die Beläge und den anhaftenden 
Schleim lösen. Diese Forderung wird am besten erfüllt durch stark al¬ 
kalische, körperwarme Lösungen, z. B. doppeltkohlensaures Natron (ein 
gehäufter Teelöffel auf ein Glas warmes Wasser). Als schwaches Des- 
inficiens eignet sich am besten Wasserstoffsuperoxyd. Befördert wird die 
Selbstreinigung des Mundes durch Kaubewegungen; empfehlenswert siud 
hierfür Sahirkautabletten, Stomantatabletten, Pergenolmundpastillen und 
anderes. Die Stomatitis ulcerosa entwickelt sich namentlich dann, 
wenn das Zahnfleisch in der Umgebung angestockter Wurzeln oder in¬ 
folge von Zahnsteinansatz chronisch entzündet ist. Nach vorheriger 


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Reinigung der Mundhohle mit Wasserstoffsuperoxyd, bis der Foetor ver¬ 
schwunden ist, wird eventuell in mehreren Sitzungen der Zahnstein ent¬ 
fernt; es folgt dann noch Abreibung der Geschwürflächeu mit 8 °/n iger 
Chlorzinklösung. Angestockte Wurzeln müssen ungesäumt entfernt 
werden. Bei der Stomatitis aphthosa ist Wasserstoffsuperoxydlösung 
zu vermeiden. Die Auswaschungen des Mundes sind hier mit Natrium 
bicarbonicum und warmer Boraxlösung, eventuell 3% iger Boraxglycerin- 
lösung vorzunehmen. 

G. Rosenfeld (Breslau): Die Behandlung der chronischen 
Obstipation Ausgehend von der Beobachtung, daß Patienten, die an 
chronischer Obstipation litten und dann eine Diarrhöe Requirierten, durch 
eine antidiarrhoische Diät nicht nur von ihrer Diarrhöe, sondern auch 
von der chronischen Opstipation geheilt wurden, hat Verfasser bei einer 
großen Reihe von Patienten die chronische Obstipation durch antidiar- 
rhoischo Diät, die im Original genau angegeben ist, beseitigt. 

H. Schmidt (Straßburg i. E.): Leber Heilung entzündlicher 
Beckentumoren mittels galvanischer Schwachströme. Nachdem Ver¬ 
fasser Neuralgien des Ovariums und des Uterus durch galvanischen 
Schwachstrom günstig beeinflußt hatte, behandelte er damit auch ent¬ 
zündliche akute, subakute und chronische Schwellungen und Tumoren 
der weiblichen Beckenorgane. Auch hier schwanden die Schmerzen rasch 
und es ließ sich selbst eine Abnahme der Schwellnng feststellen. Auch 
bei Myomen konnte nach galvanischer Behandlung ein teilweiser Schwund 
der Neubildung beobachtet werden. Wahrscheinlich wirkt der galvanische 
Schwachstrom im menschlichen Körper, indem er das Oedem beseitigt, 
einen großen Teil der Leukocyten zerstört und die Resorption des jungen, 
neugebildeten Bindegewebes anregt. 

W. Schönwitz: Ueber die Erfolge des „Biozyme-Bolns“ ln 
der gyn&kologiscben Praxis. „Biozyme-Bolus“ eine Kombination der 
medizinischen Kulturhefe mit wasserfreier, kieselartiger Tonerde, wurde 
boi allen Arten von Fluor albus, bei akuter und chronischer Gonorrhöe, 
Erosionen verschiedenartiger Natur und allen Formen von Kolpitis und 
Vulvitis mit sehr gutem Erfolg angewandt. Besonders gut hat sich 
Biozyme-Bolus bei akuter vaginaler Gonorrhöe, Vulvovaginitis und Fluor 
albus bewährt. Meist verschwanden der Ausfluß uud die Empfindlichkeit 
dor Vagina sehr rasch. Die Technik der Behandlung ist folgende: Nach 
Säuberung und Aastrocknung der Vagina durch Wattetampons werden 
5 bis 10 g „Biozyme-Bolus“ unter Leitung des Speculums in die Vagina 
eingebracht. Schädliche oder belästigende Folgen der Behandlung wur¬ 
den nicht beobachtet. Der Preis des Originalglases beträgt 2 M, der 
Kassenpackung 1,30 M. M. Neuhaus. 

Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie 
Bd. 28 H. 2. 

H. Brünger: Ueber Operationstod bei Thyreoiditis chronica. 
(Gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher 
Erkrankung und Thyreoiditis.) 

In zwei Fällen von abgeheiltem Morbus Basedowii, wo einmal 
wegen einer Hernie, das andere Mal wegen der Struma operiert wurde, 
starben die Patientinnen während oder ganz kurz nach der Operation. 

Die mikroskopische Untersuchung der Thyreoidea zeigte beide 
Male eine chronisch entzündliche Veränderung des Organs mit stellen¬ 
weile fast völligem Schwunde des Drüsengewebes, wie es bei der eisen¬ 
harten Thyreoiditis beobachtet wird, an andern Stellen aber wieder 
Hypertrophie der Läppchen mit Zellteilung und Zellvergrößerung. 
Außerdem wurden kleine Bläschen gesehen, die nach Art des Baues den 
Schwangerschaftszellen der vorderen Hypophyse glichen und als aut 
embryonaler Stufe stehende Zellkomplexe gedeutet werden. Brünger 
ist deshalb geneigt, die Basedowsche Erkrankung als eine chronische 
Entzündung der Schilddrüse anzusehen, wobei Hypertrophie mit Degene¬ 
ration wechsele, sodaß man den Morbus Basedowii dem in seinen Er¬ 
scheinungen auch sehr wechselvoüen Morbus Brightii an die Seite 
stellen könne. 

Sacher Cytronberg: Zur Carcinomdfagnose mittels des 
Abderlialdensohen DlalyslerTerfahrens. Bei 35 klinisch als sicher 
zn betrachtenden Carcinomen, von denen 15 histologisch bestätigt worden 
sind, bauten 33 Sera mindestens ein Garcinomsubstrat ab, während eine 
Kontrolle mit Placenta, Milz oder Pankreasgewebe nicht angegriffen 
wurde. Die von differenten Carcinomen stammenden Substrate wurden 
nicht von allen Seris gleichmäßig abgebaut, sondern häufiger baute ein 
Serum nur Mammacarcinomgewebe ab, während Rectumcarcinom nicht 
abgebaut wurde, ohne daß es sich dabei gerade um ein Serum von einer 
an Mammacarcinom Leidenden gehandelt hätte. Jedenfalls sollte man 
deshalb polyvalente Carcinomsubstrate verwenden, wie es von Abder¬ 
halden vorgesehen sei. 

Von 17 klinisch als Carcinom nicht in Betracht kommenden Fällen 
bauten vier Sera Carcinomgewebe gleichfalls ab, ebenso bauten zwei 


männliche Sera Placenta ab. Bei Erkrankungen des hlmatopoetischen 
Systems fand Cytronberg Abbau von Milzgewebe. 

Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt er dahin zusammen: 
Die Carcinomreaktion erwies sich alB in hohem Maße specifisch, wenn 
auch einige Fehiresultate Vorkommen, für die sich keine Erklärung findet. 
Die Richtigkeit des Prinzips der Reaktion sei aber nach seinen Erfah¬ 
rungen nicht anznzweifeln. 

Wilhelm Baetzner (Berlin): Experimentelle Studien Aber die 
Funktion gesunder und kranker Nieren. Baetzner injizierte ge¬ 
sunden Kaninchen Jodkalilösung und untersuchte die quantitative Aus¬ 
scheidung des Jods innerhalb der ersten drei Standen nach der Injektion 
sowie den Einfluß des Medikaments auf die Phosphors&ure- und Wasser- 
ansscheidnng. Er fand erstens eine beschleunigte Wasseransscheidong 
innerhalb der ersten drei Stunden, ebenso eine enorme Steigerung der 
Phosphatausscheidung, bisweilen auf das drei- bis vierfache der Vorperiode. 

Das Jodsalz selbst wird relativ frühzeitig ausgeschieden, schon 
nach einer halben Stunde, und nach Injektion von 50 mg werden 2,2 bis 
2,8 mg pro Stunde im Harn eliminiert. 

In Versuchen mit Erzeugung von Diurese durch Wasserzufuhr 
konnte er jedesmal eine erhöhte Phosphorausscheidung durch die Diurese 
im Gegensatz zu andern Autoren feststellen, womit auch die Hypothese, 
daß die Phosphorsäure in kolloidaler Lösung im Blut enthalten sei und 
durch echte Sekretion eliminiert werde, hinfällig ist 

Baetzner vergiftete dann die Kaninchen mit C&nth&ridin, Chrom 
und Aloin und untersuchte die Ausscheidang in derselben Weise wie bei 
den gesunden Tieren. 

Chantharidiu verursachte nach anfänglicher geringer Diuresesteige- 
rung eine schnelle Abnahme der Diuresefähigkeifc, die Jodelimination war 
erheblich verringert, wogegen die PaOä-Ausscheidung, durch das Gift 
allein schon gesteigert, auf Jodinjektion noch bedeutend erhöht wurde. 

Bei Chromnieren fand er anfangs auch gesteigerte Diurese, die auf 
Jodkali noch erhöht wurde, doch nahm die Polyurie bald ab oder schlug 
in Anurie um. Die Phosphorsäureausscheidung war sowohl absolut wie 
relativ herabgesetzt, Jod wurde dagegen gut ausgeschieden. 

Bei Aloin Vergiftung zeigten sich ganz ähnliche Ansscheidnngs- 
veränderungen wie bei der Chromnephritis. 

Aus diesen Ergebnissen schließt Baetzner, daß das Wasser und 
die Phosphorsäure an verschiedenen Stellen des harnbereitenden Apparats 
ausgeschieden werden müßten, daß außerdem das Jod und auch das 
Wasser einen besonderen Reiz auf alle Zellen des Nierenapparats aus¬ 
üben. Lieber die Ansscheidungsstellen im speziellen könnten nur Wahr- 
scheinlichkeitsschlüsse gezogen werden; so sei es sehr wahrscheinlich, 
daß den Glomerulis die Wasserausscheidung allein zukomme. Auf Grund 
seiner Experimente glaubt er, daß die Lehre von der Filtration und 
Rückresorption in der Niere nicht haltbar sei, daß vielmehr in der Niere 
sichere Sekretionsvorgänge stattfinden, die auf aktiver sekretorischer 
Zelltätigkeit beruhen. 

A. Fonio (Bern): Ueber die Gerlnnungsfaktoren des hlmo« 
philen Bluts. Versuche, im hämophilen Blute die Blutplättchen zu iso¬ 
lieren, gelangen ebenso wie im normalen Blute. Es stellte sich dabei 
heraus, daß die Ursache für die Gerinnungsverzögerung beim hämophilen 
Blut allein iu der PliUtchenschicht gelegen ist. 

Zählungen von Blutplättchen ergaben eine leichte Vermehrung 
dieser Elemente bei Blutern. 

Zusatz von durch Zentrifugieren gewonnenen Blntpl&ttchen zn 
einerseits normalem, anderseits hämopbilem Blut ergab folgendes: 

Bei Zusatz von hämophilen Plättchen zu hämophilem Blut ist die 
Gerinnungsbeschleunigung viel geringer als bei Zusatz von Normalblut¬ 
plättchen. 

Noch deutlicher wird der Unterschied bei Zusatz von Plättchen- 
extrakten. Somit seien beim Hämophilen die Blutplättchen insuffizient. 

Bei andern Blutkrankheiten, wie z. B. Morbus macnloBus Werlhofii, 
ergab sich im Gegensatz dazu geringe Plättchenzahl mit normaler Ge- 
rinnungsbeschleunigung. 

Hans Frey (Bern): Ueber den Einflnfi von Jod, Jodkalinm, 
Jodothyrin und jodfreiem Stramapräparat auf den Stlckstoffwechsel, 
anf Temperatur, Pulsfrequenz and anf das Blutbild von Myxödem. 

Bei zwei Myxödemkranken, die 12 beziehungsweise 24 Jahre krank waren, 
wurden genaue Stoffwechselversuche angestellt, und wenn sie im Stick- 
stoffgleichgewicht waren, der Einfluß von Jod und Schilddrüsenpräpa¬ 
raten auf die Stickstoffbilanz geprüft. Das Jod als solches übte auf den 
Stickstoff Wechsel keinen Einfluß aus, ebenso blieben Pulsfrequenz, Tempe¬ 
ratur, Körpergewicht und Diurese vollständig gleich. Auch Jodkali 
zeigte keino Beeinflussung, nur wirkte es in geringem Grade dinretisch. 

Jodothyrin dagegen in Dosis von 1 g hob die Stickatoffansschei- 
dung sehr beträchtlich, wirkte diuretisch and steigerte Pulsfrequenz und 


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Temperatur. Die Wirkung dauert aufierdem recht lauge, bis au zwölf 
Tagen ul 

Verabreichung von kleineren, häufig wiederholten Dosen batte 
keine so intensiTe Wirkung, weil der Körper sich anscheinend schnell 
u Jodothyrm gewöhnte. Nach Aassetzen des Medikaments tritt spater 
eise Stickatoffiretention im Körper ein, um das verlorene Eiweiß wieder 
sa ersetien. 

Die Wirkung ?oa Jod and Jodothyrm auf das Blutbild bestand 
in Eroragung einer polynudeiren Leukocytose, wahrend eine erhebliche 
Verringerung der Lymphocyten eintrat, und zwar wirkte Jodothyrm be¬ 
deutend stärker noch auf die Verschiebung des Blutbildes als Jod, wäh- 
read ein jodfreiee Schilddrüsenpräp&rat gar keinen Effekt erzielte. 

A. Alba (Berlin): Zar Kenntnis der Colitis ulcerosa. Albu 
kat von dieser seltenen Erkrankung bisher 22 Fälle gesehen, und zwar 
mi akute und 20 chronische Fälle, von denen zehn weibliche Personen 
waren. Das Alter schwankte von 6 bis 58 Jahren. 

Drei von den chronischen Fällen starben, durch interne Behandlung 
worden 23 °/o geheilt, die übrigen sind als ungeheilt zu betrachten. 

Von dem klinischen Bilde der Colitis ulcerosa sind die Fälle aus- 
inscheiden, bei denen Gonorrhöe, Dysentherie, Tuberkulose und Lues 
Torgelegen hat 

Die echte Colitis ulcerosa ist nach Albu eine selbständige in¬ 
fektiöse Darmerkrankung sui generis, deren Urheber aber nicht bekannt 
ist Wichtig sei die eosinophile Leukocytose in den abgegangenen Schleim- 
fetzen. Klinisch wichtig ist der dauernde Abgang von Blut und Schleim 
oad rectoskopisch lassen sich fast stets leichte, oberflächliche, teilweise 
itecknadelkopfgrofie Ulcerationen der Schleimhaut erkennen, ohne daß 
die tieferen Schichten der Dannwand wie bei der Dysenterie mitbetroffen 
zu lein brauchen. Die Geschwüre sind herdförmig verteilt und immer 
sur an einigen Stellen sind kleine Eiterklümpchen festhaftend, strecken¬ 
weise kann die Schleimhaut auch stark granuliert sein. 

Der häufigste Sitz ist die Flexura sigmoidea, und zwar 10 bis 
25 ccm vom Anus entfernt. Meistens besteht Durchfall mit blutig- 
schleimig-eitrigen Entleerungen, aber auch Verstopfung ist nicht selten, 
wobei sich dann blntig-eitriger Schleim neben festen Kotb&llen findet. 

Die Differentialdiagnose gegen Carcinom der Ampulla recti und 
der Flexura sigmoidea ist nur durch das Rectoskop möglich, da bei 
beiden Erkrankungen der Beginn schleichend ist, sich langsam Anämie 
emstellt, Abmagerung, Entkräftung, anhaltender Stuhldrang usw. Die 
röntgenologische Untersuchung ergibt keine eindeutigen Resultate. Die 
Therapie besteht in Bettruhe, Dauerspttlungen, Einblasungen von Pulvern 
durch das hdctoskop nach sehr sorgfältiger Reinigung der erkrankten 
Partien; Bestreuen mit Kohle oder Aetzen mit Argentum nitricom- 
löwng. Von operativen Eingriffen kommt Colostomie und Appendicostomie 
in Betracht, doch muß man sich nicht zu viel davon versprechen. 

G. Dorner. 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1914, Nr. 23 . 

C. Flügge (Berlin): Desinfektion bei Krlegssenchen. Flügge 
empfiehlt als leistungsfähigste Apparate solche, die 50 o heiße Luft und 
Pormaldehyd circulieren lassen, ohne Vakunm. Apparate mit Vakuum 
lind nur bei ganz großen Betrieben am Platze. 

War ein Cholerakranker in einem Zimmer, dann ist alles mit Areno- 
lörasg abzowaschen oder darin einzntanchen, was mit ihm in Berüh¬ 
rung gekommen ist; Wasser ist abzukocben; Gemüse und Speisen, die 
min ungekocht genießt, sind in dieser Zeit entweder zu vermeiden oder 
durch kurzes Erhitzen, dem der wenig widerstandsfähige Vibrio erliegt, 
onachädlich zu machen. 

Bei Flecktyphus muß man daran denken, daß Kopf- und Kleider¬ 
linie die hauptsächlichsten Ueberträger sind. Der Schwefelverbrennungs- 
ippvat „Hyx“ tot hier gute Dienste. Aerzte und Pflegepersonal müssen 
Deberirmel tragen und deren Ränder mit Campheröl einreiben. 

E. Lass er (Berlin): Ueber Geschlechtskrankheiten Im Felde 
*nd deren Verhütung. 

Die im Jahre 1870/71 gemachten Erfahrungen zeigen, daß die 
reuerischeu Krankheiten einen verhältnismäßig großen Prozentsatz für 
eimge Zeit kampfunfähig machen und dadarch die Stoßkraft einer Armee 
. Ichen können. AIb Prophylaktikum empfiehlt, er, gleich zu Beginn 
tnrÜt Maßregeln gegen Animierkneipen und Prosti- 

hh iv er ^ re ^ 6D ’ w * e 68 * Q Berlin, nur leider etwas verspätet, ge- 
.Empfehlung des Condoms scheint ein recht zweifelhaftes 
ttel zu sein, da es manche geradezu den Prostituierten in die Hände 
ecrn würde. L meint, daß man im Kriege dag gute Recht habe, 

über ethische Bedenken wegzusetzen, 
n ii* (Lichterfelde): Ueber Dysenterie als Kriegsseuche. Gute 
hikkJi • ^ Weg Krankheitsbildea unter Berücksichtigung der neueren 
alogischen Differenzierungsmethoden. Gisler. 


Bücherbesprechungen. 

F. Williger und H. Schröder. Die zahnärztliche Hilfe im Felde. 
Heft I der Sammlung Meusser. Abhandlungen aus dem Gebiete der 
klinischen Zahnheilkuude. Berlin 1914. 3,60 M. 

Williger und Schröder, die bedeutendsten Vertreter der 
Zahnheilkunde, haben daa vorliegende erste Heft der * Sammlung 
Meusser“ herausgegeben. Diese neu begründete Sammlung boII Ab¬ 
handlungen aus dem Gebiete der klinischen Zahnheilkunde bringen und 
vorzugsweise den wissenschaftlichen Unterbau der zahnärztlichen Therapie 
pflegen. 

Im ersten Teile schildert Williger die zahnärztliche Tätigkeit im 
Felde und die Versorgung der Verwundeten im Felde und in der Heimat. 
Er erläutert in anschaulicher Weise die Kriegssanitätsordnung vom 
27. Januar 1907, durch die dieses alles geregelt wird. Zahnärzte sind 
jedem mobilen Armeekorps zugeteilfc und befinden sich als höhere Feld¬ 
beamte bei der Kriegslazarettabteilung. Sie sollen Zahnkraokheiten selb¬ 
ständig behandeln und bei Kieferverletzungen die Sanitätsoffiziere unter¬ 
stützen. Zahnärztliche Behandlung ist bei Kieferschüssen nicht nur in 
der vordersten Linie wünschenswert, sie ist in den Reserve- und Vereins- 
lazaretten, in denen ausschließlich die protbetische Nachbehandlung statt- 
zufinden hat, unentbehrlich. 

Welche vollkommenen Resultate die zahnärztliche Hilfe bei Kiefer¬ 
verletzungen zu erzielen vermag, zeigt Schröder in klarer, übersicht¬ 
licher Weise in dem zweiten Teile der vorliegenden Abhandlung. Nach, 
einer kurzen Einleitung beschreibt er 1. die Schußfrakturen des Unter¬ 
kiefers und ihre Behandlung, 2. die Schußfr&kturen des Oberkiefers und 
ihre Behandlung. 

Schröder ist es gelungen, mit fabrikmäßig hergestellten Klammer¬ 
bändern und Drahtbügeln für jede Schußfraktur des bezahnten Kiefers 
einen, wohl in jeder Hinsicht als ideal zu bezeichnenden Fixations&pparat 
zu schaffen. Die Technik ist leicht zu erlernen. In seinen glänzenden 
Ausführungen gibt Schröder dann einen Ueberblick über das, was die 
moderne zahnärztliche Prothese während des Kriegs za leisten vermag. 
Der klare Vortrag ist durch zahlreiche instruktive Abbildungen reich 
illustriert. 

Das erste Heft „Die zahnärztliche Hilfe im Felde“ ist nicht nur 
hochinteressant zu lesen, es enthält auch so viele neue Vorschriften bei 
der Behandlung von Schnßverletznngen der Kiefer, daß sein Studium für 
jeden, der Verwundete zu behandeln bat, unerläßlich erscheint. 

HoffendahL 

„Sprachführer für den Verkehr mit Verwundeten und Gefangenen.« 
Französisch-Deutsch-Englisch-Russisch. Von Hauptmann S. T h. H a a s - 
m&nn und Stabsarzt Dr. Seyffert In einem Bändchen. Preis 
30 Pf. (bei Bezug von 50 Exemplaren an 25 Pf., von 200 Exemplaren 
an 20 Pf.) Leipzig 1914. Verlag Hachmeister & Thal. 

Auf 48 Seiten klein Oktav werden alle wesentlichen beim Verkehr 
mit Verwundeten und Gefangenen notwendigen Sätze in den vier Sprachen 
nebeneinander gestellt nnd das Russische dabei nur als Aussprache deutsch 
geschrieben. Das handliche und zweckmäßige Bändchen wird in den 
Gefangenenlazaretten gute Dienste leisten. K. Bg. 

Georg Heber (Ingenieur), Die Elektrizität im Dienste des Arztes. 
Mit zahlreichen Figuren im Text. Leipzig 1914, Schulze & Co. 38 S. 
40 Pfg. (Elektrobibliothek 6. Heft) 

Bei der zunehmenden Bedeutung, welche die elektrotherapeutischen 
Anwendungen allenthalben gewinnen, wird diese kurz und flott geschrie¬ 
bene Darstellung der Prinzipien und Anwendunggformen der modernen 
elektromedizinischen Apparate dem praktischen Arzt und auch dem ge¬ 
bildeten Laien zur kurzen Orientierung sehr willkommen sein. Neben 
der eigentlichen Elektrotherapie (einschließlich =. hydroelektrische 'Bftfier, 
Hochfrequenz, Diathermie) iiufi. qdqh dfe ’<$arph EleHriz^äfc gespeisten 
Heißluftapparate, Licht- ^hd^Bnitrahlhcgsappakaie* anhangsweise erwähnt 

; \’ ;; Ä> &aq an u r (Berlin). 

0. Mauthner, Gehörorgan und Beruf. IVürzBurg 1914, Curt Ka- 
bitzsch. 19 S. 85 Pfg. . » - 

Der Vortrag behandelt Anatomie, AifgaVu ibh Ohres vor und wäh¬ 
rend der Schalzeit, weist auf die Wichtigkeit eines gesunden Ohres für 
gewisse Berufe hin. Bei den Schädigungen des Ohre« durch Beruf 
werden die mechanischen, mechanisch - akustischen und rein akustischen 
Einwirkungen, ferner chemische und thermische Einflüsse und solche 
durch Elektrizität anfgeführt. Zu den mittelbaren Schädigungen sind zn 
rechnen: AUe von den Nachbarorganen des Ohres fortgeleitete Erkran¬ 
kungen, alle aus Allgemeinerkrankungen (besonders Vergiftungen) ent¬ 
stehende Obrschädigungen. Die Publikation dürfte auch Sozialhygieniker 
interessieren. Haenlein. 


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1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und Standesfragen. 


Neue Folge der „ Wiener Medizinischen fYesse* 
K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. 

Sitzung vom 18. Dezember 1914. 

L. Freund stellt aus der Abteilung Salzer des Garnisons¬ 
spitals Nr. II einen Mann mit einem Projektil in der Herzspitze 
vor. Pat. bekam einen Schuß in die rechte Schulter und hatte 
nach 3 Tagen ein wenig blutigen Auswurf, er fühlte sich aber 
sonst wohl. Die Röntgenuntersuchung ergab einen Hämatothorax 
auf der rechten Seite bis zur zweiten Rippe und ein Projektil in 
der Herzspitze, welches die respiratorischen und pulsatorischen 
Bewegungen des Herzens mitmacht. Pat. hat Tachykardie bis zu 
94 Pulsschlägen, sonst aber keine Beschwerden. Das Herz ist nicht 
verlagert. 

N. Orfcner fragt, ob Pat. nicht früher eine Mediastinitis oder 
Pleuritis durchgemacht hat, da diese eine Erklärung dafür bieten würden, 
daß das Herz nicht verschoben ist. 

A.Klein hat einen Mann mit einem im Mediastinum sitzenden 
Projektil beobachtet. 

J. P&l stellt einen 35jährigen Soldaten mit Insuffizienz 
der Aortenklappen nach Schuß Verletzung vor, bei welchem 
die Unterbindung der linken Subklavia vorgenommen werden 
mußte. Pat. bekam einen Schuß in die linke Achselhöhle und ging 
selbst auf den Verbandplatz, wo er verbunden wurde. Am nächsten 
Tag bekam er Schmerzen in der Herzgegend und im Rücken 
sowie Atemnot. Es entwickelte sich eine große Geschwulst unter 
der linken Klavikula, über dem erweiterten Herzen waren systo¬ 
lische und diastolische Geräusche hörbar. Der Tumor zeigte ein 
Schwirren und Pulsieren. Als aus der Wunde eine mächtige Blutung 
auftrat, wurde die linke Subklavia unterbunden, sie war durch¬ 
schossen und lag in dem Tumor, einem Hämatom, unter dem 
Pectoralis major. Der Radialpuls ist links nicht tastbar, das 
Schwirren ist geschwunden, das systolische Geräusch am Herzen 
ist stärker als das diastolische. Es ist noch eine Elongation der 
Aorta vorhanden. Bemerkenswert ist das Entstehen der Aorten¬ 
insuffizienz im Anschluß an die Schußverletzung bei einem früher 
gesunden Menschen. 

E. Fröschels führt aus der Klinik v. Eiseisberg mehrere 
Soldaten vor, bei welchen er die sprachärztliche Behandlung 
der Aphasie nach Uirnabszeß vorgenommen hat. Die Pat. be¬ 
kamen einen Hirnabszeß in der Scheitel- oder Schläfengegend im 
Anschluß an eine Schußverletzung. Es stellte sich bei ihnen in 
verschieden hohem Grade Aphasie ein, meist auch Alexie und 
Agraphie. Besonders war die Störung des Lesens bei Silben aus¬ 
gesprochen, während Worte viel leichter gesprochen wurden. Es 
wurden auch Buchstaben verwechselt, am häufigsten L und R; 
diese Buchstaben sind in manchen Sprachen nicht von einander 
getrennt, sondern durch einen Mittellaut ersetzt. Die Therapie be¬ 
stand in dem Nachsprechen sinnloser Silben, der Hauptwort wurde 
auf das Lesen gelegt, damit die Pat. selbst weiter üben können. 
Der Wortreichtum hat unter dieser Behandlung zugenommen. Bei 
zwei Pat., darunter bei einem Arzt, ist die Sprache von selbst 
wieder gekommen, aber es blieb ein Stottern zurück, welches da¬ 
durch entstand, daß dem Pat. mitten in der Rede ein Wort fehlte. 
Durch Sprachübungen wurde Besserung erreicht. Die Prognose 
der Aphasie läßt sich während der Behandlung stellen. 

E. Ranzi bemerkt, daß bei dem einen Fall der Abszeß erst spät 
nach einer frühzeitig vorgenommenen Operation auftrat, Pat. hatte einen 
Tajigxmtialschuß erlitten. Er bekam eine Parese der rechten oberen Ex- 
tre^tlA'und;^b2n«\d?nJr;<lie.P.ui}kt\on ergab einen großen Abszeß, welcher 
entteoii ‘ ‘: ' / • . .* ‘ ' . - ; ’ • • ' 

E. Ranzi' derhon^riert eia• Kiffd,*. Reiches einen Abszeß im 
Stimhirn na<& «iAeth? Aufschlag; bekommen hat. Es traten Fazialis- 
und Abduzen&p&flfcsp *.asf und .däs Kind wurde somnolent, Fieber 
war nicht vorhanden. Der. kolossale Abszeß wurde entleert, oin 
hierauf entstaTjd^r Alirüprblaps ist zurückgegangen. 

J. Heyrowsky* stellt' ans der Klinik Hochenegg einen 
Offizier vor, bei welchem ein nach Schußver letz trag entstandenes 
Aneurysma spurium der A. vertebralis operativ behandelt 
wurde. Pat. bekam einen Gewehrschuß zwischen beiden Augen¬ 
brauen, die Austrittsstelle des Projektils war rückwärts am Halse, 
woselbst eine pulsierende und schwirrende Geschwulst entstand. 
Die linke Hälfte der Zunge und des Gaumens, das linke Stimm¬ 
band, der linke Sternokleidomastoideus und der linke Kukullaris 
waren gelähmt, es waren der Glossopharyngeus, Vagus und Akzes- 


f . Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien. 

sorius betroffen. Wegen der Gefahr einer Blutung in den Pharynx 
wurde die Carotis communis freigelegt und provisorisch abge¬ 
klemmt, hierauf wurde die pulsierende Geschwulst am Nacken 
eröffnet. Aus dieser erfolgte eine große Blutung, in der Tiefe lag 
die durchtrennte A. vertebralis, sie wurde unterbunden. Die Heilung 
erfolgte glatt, die früher vorhandenen Lähmungen bestehen noch 
heute. Pat. hat auch eine Schußfraktur des Unterschenkels. 

V. Hecht führt einen Mann vor, bei welchem er eine Er¬ 
frierung der Füße behandelt hat, und bespricht die Pathologie 
und Therapie der Erfrierungsgangrün. Beim Zustandekommen 
der Erfrierung bei mäßigen Kältegraden muß eiue gewisse Dis¬ 
position angenommen werden, welche auf einem Schwächezustand 
der Gefäße und der Nerven basiert. Eine Schädigung der Gefäße im 
anatomischen Sinn, eine schlechte Füllung derselben und eine 
abnorme Reizbarkeit der Gefäßnerven spielen hier eine Rolle. Nach 
Cholera und Typhus kommen leicht Erfrierungen zustande, es 
handelt sich dabei wahrscheinlich um marastische Veränderungen 
an den Arterien. Weitere disponierende Momente sind lokale und 
allgemeine Zirkulationsstörungen; zu den lokalen Momenten gehören 
Einschnürung der Gefäße durch enge Kleidung oder durch schrump¬ 
fendes nasses Schuhwerk; zu den allgemeinen Zirkulationsstörungen, 
welche zu Erfrierungen eine Disposition schaffen, z. B. gehört das 
Dekompensationsstadium der Aorteninsuffizienz. Bei angiospasti- 
schen und angioneurotisehen Zuständen kommt es ebenfalls leicht 
zu Erfrierungen, 2 / 3 der vom Vortr. beobachteten Fälle litten an 
kalten Füßen und Schweißfüßen. Durch tiefe Kältegrade können 
auch bei vollkommen gesunden Menschen Erfrierungen hervor¬ 
gerufen werden, bei disponierten Individuen können solche auch 
bei einer Temperatur über 0° eintreten. Die Arterien in dem er¬ 
frorenen Gebiete zeigen hochgradige Veränderungen, welche sich 
auch bis in die gesunde Umgebung hinein fortsetzen. Die Therapie 
ist eine physikalische oder eine chirurgische. Erstere kommt dort 
in Betracht, wo das erfrorene Gewebe noch einer Besserung fähig 
ist; es muß getrachtet werden, die Zirkulation wieder herzustellen 
und sie anzuregen, und zwar durch trockeue Wärme, Heißluft¬ 
apparate und wechselwarme Bäder. Die chirurgische Therapie hat 
die gangränösen Teile zu entfernen, die feuchte Gangrän wird 
durch Wärme- und Pulverbehandlung zuerst in die trockene Gan¬ 
grän übergelührt. 

0. v. Frisch bemerkt, daß sich in der Tiefe an der Grenze des 
Gesunden und Gangränösen leicht Phlegmonen entwickeln, welche sich 
durch Schüttelfröste verraten. Man muß im Gesunden operieren. 

E. Freund: lieber die Behandlung gangränöser Wunden 
mit künstlichem Magensaft. Diese Behandlung hat den Zweck, 
die abgestorbenen Gewebspartien von den gangränösen Wunden 
rasch zu entfernen und so die Wunde zu reinigen. Das gesunde 
Gewebe wird dabei nicht geschädigt; der Grund hiervon ist die 
physikalische Spannung der Zelle, die Sukkulenz des gesunden 
Gewebes. Einen gleichen Effekt kann man erzielen, wenn man das 
Gewebe oder ein Eiweißstückchen, welches vor der Verdauung im 
Experimente geschützt werden soll, in ein Leinwandstückchen ein¬ 
hüllt, welches auch einen Schutz vor dem Eindringen von Bak¬ 
terien gewährt. Durch Hebung der Zirkulation wird die Sukkulenz 
der Gewebe und damit auch ihre Widerstandskraft erhöht. Soll 
im gangränösen Herd ein Teil, z. B. ein Nerv, besonders geschützt 
werden, so wird er von Gaze umgeben. Als Verdauungsflüssigkeit 
wurde 0,1—0,2°/ 0 ige Salzsäure mit 1—5% Pepsin verwendet, und 
zwar in Form eines Bades oder zur Durchtränkung von Gaze, 
welche aufgelegt wurde. Bei stark sezernierenden Wunden wird 
die Salzsäure bald neutralisiert; in solchen Fällen nimmt man 
daher zuerst Spülungen mit verdünnter Salzsäure vor. In einigen 
Fällen, welche schon zur Amputation bestimmt waren, wurde durch 
dieses Verfahren die Extremität gerettet. Unter dem Einflüsse der 
Verdauungsflüssigkeit reinigt sich die Wunde sehr rasch. 

A. Klein berichtet über Versuche, welche er zu gleichen Zwecken 
auf einem anderen Wege anges teilt. hat, und zwar hat er die Verdauung 
des abgestorbenen Gewebes durch Pankreatin in alkalischer Lösung vor- 
genommen. Die Resultate waren sehr befriedigend. Wunden, aus welchen 
die Abstoßung der nekrotischen Fetzen nach dem Ausspruche von Chirurgen 
erst in ca. 14 Tagen zu erwarten war, wurden unter Anwendung der 
Verdauungsflüssigkeit in 4—48 Stunden gereinigt. Knochen und dicke 
Faszien, Sehnenstiicke und Aponeurosen werden nicht verdaut, wogegen 
das tote Gewebe sich leicht auflöst. Die Verdauungsflüssigkeit besteht 
aus einer 2—5°/ 0 igcn Lösung von Pankreatin unter Zusatz von 0,4 / 0 


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3. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINTK - Nr. 1 


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Natrium oarbonicum und 0,75% Fluornatrium. Die Lösung, welche stets 
(risch bereitet wird, wurde in Höhlenwunden eingegossen oder es wurden 
mit ihr stark imprägnierte Tupfer aufgelegt-. Einen Schaden hat Redner 
v^n diesem Verfahren nicht gesehen. Ein Vorzug der Methode ist, daß 
übelriechende Wunden nach 12—24 Stunden geruchlos sind. Vortr. hat 
ca. 16 Fälle beobachtet, bei welchen eine Verkürzung der Heilungszeit 
mindestens um 14 Tage eintrat. Die Pankreatinlösung wird auch mit 
Vorteil zur Inhalation bei Bronchitis mit schwer löslichem Schleim ver¬ 
wendet, bei wiederholter Inhalation von Pankreatinlösung wird er rasch 
verflüssigt. 

K. Gagstatter hebt die Vorteile der Wundbehandlung nach der 
Methode von Freund hervor; dieses eignet sich jedoch nicht für tiefe 
Phlegmonen. Bisher wurden ca. 80 Fälle auf diese Weise behandelt, das 
hauptsächlichste Anwendungsgebiet der Verdauungsflüssigkeit sind ober¬ 
flächliche Verletzungen, bei denen früher Wasserstoffsuperoxyd oder 
Perubalsam angewendet wurden, die manchmal versagen. 

Diskussion zum Vortrage von C. Stoerk: Feber 
Cholera. *) 

R. Paltauf demonstriert anatomische Präparate zweier Fälle von 
Cholera. Im ersten Fall war der Dünndarm leer, seine Schleimhaut von 
einem dicklichen Schleim überzogen, stellenweise blutend. Blutungen 
fanden sich iu der Magtmschleimhaut und im Dickdarm. In der Schleim¬ 
haut des Magens saßen zahlreiche kleine Zysten, die Wand des Dünn¬ 
darms war verdickt. Pat. hatte Infusionen von hypertonischer Kochsalz¬ 
lösung erhalten. Ira zweiten Fall lag eine Kombination mit Dysenterie 
vor. Im Dünndarm wechselten rote und blasse Stellen mit einander ab, 
er war leer: außerdem saßen in ihm rundliche unregelmäßige Geschwüre. 
Pat. hatte auch rechtsseitige Pneumonie. — Redner verweist darauf, 
daß es in den Quarantänestationen notwendig wäre, alle eingelieferten 
Falle bakteriologisch zu untersuchen. Er läßt in der Krankenanstalt 
Rudolfsiiftnng alle neu angekommenen Kranken bakteriologisch unter¬ 
suchen; diese große Arbeit lohnt sich dadurch, daß man die Anstalt 
rascher evakuieren kann. Auf diese Weise entdeckt man auch sehr leichte 
Fälle und Bazillenträger. Vom 1. September bis zum 16. Dezember wurden 
3600 irtuhluntersuehungen vorgenommen. Cholerabazillen wurden auch 
bei Personen mit festem und breiigem Stuhl naebgewiesen, so daß man 
aus der Stuhlbeschaffenheit nicht aussagen kann, ob das Individuum 
choleraverdächtig ist. Es wurden 70 Fälle mit Cholerabazillen vorge- 
funden, von diesen hatten 12 Krankheitserscheinungen, bei 3 von den 
übrigen trat die Erkrankung erst später auf, und zwar in einer sc hweren 
Form, ln einem anderen Fall war der Stuhlbefund negativ, er wurde 
aber positiv nach Eintritt von Diarrhöen. 20 Fälle waren Bazillenträger. 
RedDer nimmt als cholerakrank solche Fälle an, welche außer breiigen 
Stühlen noch andere Erscheinungen hatten. Verwechslung von Cholera 
mit Dysenterie kann ohne bakteriologische Untersuchung erfolgen lind 
ist zweifellos öfter vorgekommen. Im allgemeinen kann man nicht sagen, 
daß die Bazillenträger ihre Bazillen bald verlieren; sie können sogar 
noch später erkranken. Die Inkubation der Cholera kann länger dauern 
ab 5 Tage. In Krakau ist die Cholera um einen Monat später aufge¬ 
treten als in Wien, wo sie über Ungarn durch Auswanderer eingeschleppt 
wurde. Die Cholerabazillenträger können Erkrankungen hervorrufen, die 
befahr der Uebertragung ist aber bei guten hygienischen Verhältnissen 
geringer als bei schlechten. Man sollt« den Quarantänestationen bakterio¬ 
logische Laboratorien beigeben und alle dort eingelieferten Fälle unter¬ 
suchen. H. 

Gesellschaft für innere Medizin nnd Kinderheilkunde in 
Wien. 

Sitzung vom 3. Dezember 1914. 

A. v. Decastello demonstriert einen 36jährigen Mann mit 
Sklerodermie, perniziöser Anämie nnd einer tabesähnlichen 
HjBterstrangsskJerose, bei welchem die Splenektomie ausge- 
führt worden ist. Pat. begann vor einem Jahr über ein Gefühl 
ron Todsein und Gefühllosigkeit in den Unterschenkeln za klagen; 
letztere wurden anästhetisch. Nach einer vorübergehenden Besse- 
nuig trat ein Rückfall ein. Die Untersuchung ergab perniziöse 
Anämie mit einer Erythrozytenzalil von 1,8 Millionen, Ataxie, 
jurtelgefühl und lanzinierende Schmerzen, Parästhesien und Hyp- 
algesie an den unteren Extremitäten. Manchmal waren auch Blasen- 
storungen vorhanden. An den Augen waren keine Veränderungen. 

ratellarreflexe fehlten. Es wurde die Milz exstirpiert: wegen 
Fn?Kii euraeini) ^ ems wur de e i Qe Rippenresektion notwendig. Das 
™d besserte sich nach der Splenektomie, die Zahl der Erythro- 
J en stieg bis auf 5,7 Millionen, der nervöse Zustand verschlech- 
l*&och vorübergehend, Pat. konnte nicht gehen und die 
sibihtätsstörungen wurden stärker. Seit 5 Wochen ist eine 
am tf 11 ^[^getreten. Pat. schwankt beim Augenscbluß. Die Haut 
C )K aUChe ’ an beiden Oberschenkeln, an der Streckseite der 
an an * en ist trocken und fühlt sich hart 

j__^daß ein Oedem vorliegen würde (Sklerodermie im Infil- 

» Med * Klinik“, 1914, Nr. 50. 


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trationsstadium). Die Anämie und die Rückenraarkserkrankung 
(funikuläre Myelitis, ausgehend von kleinen Herden in der weißen 
und grauen Substanz) sind koordiniert und vielleicht auf eine 
gemeinsame Ursache zuriickzuführeD, die Sklerodermie steht viel¬ 
leicht mit der Rückenmarksaffektion in Zusammenhang. 

D. RadoniöiÖ stellt einen 22jährigen Manu mit Nekrose 
an den Zehen nnd Erythromelalgie. vor. Vor mehr als einem 
Jahr bekam Pat. in der Nacht Schmerzen in den unteren Ex¬ 
tremitäten, welche von den Zehen bis in den Oberschenkel zogen 
und durch Kälte gebessert wurden. Unter faradischer Behandlung 
und Gebrauch von Schlafmitteln trat Besserung ein. Unter dem 
Einfluß von psychischen Erregungen und körperlichen Strapazen 
traten die Schmerzen von neuem auf, und zwar besonders im linken 
Fuß. Die Haut desselben ist gerötet, hyperästhetisch und ge¬ 
schwellt, sie fühlt sich warm an. An den ersten 3 Zehen bildeten 
sich bohnengroße Verdickungen der Haut aus, woselbst nach Ab¬ 
stoßung der Epidermis Geschwüre entstanden. Pat. zeigt Tremor 
der Augenlider, Herabsetzung des Gaumenreflexes und Steigerung 
der Sehnenreflexe. Beim Gehen werden die Schmerzen stärker. In 
den letzten Tagen sind an Stelle der Hyperästhesie Hypästhesie 
und Analgesie an den distalen Partien der 1. bis 3. Zehe aufge¬ 
treten. Pat. hat früher eine Erfrierung am linken Fuß durchgemacht. 
Es handelt sich um Erythromelalgie mit Uebergang in die Ray¬ 
naud sehe Krankheit. 

V. Hecht hat in einigen Fällen beobachtet, daß die Spongiosa 
erfrorener Zehen rarefiziert ist. 

Br. Pribram: Klinisch-pathologische Bewertung von 
Gallennntersuchnngen am Krankenbette. Vortr. hat mit 
Medak die Galle bei Gesunden und Kranken durch Duodenal- 
sondierung mittelst einer dünnen Sonde gewonnen. Die Galle ge¬ 
langt ins Duodenum intermittierend, durch die Duodenalsonde 
fließt daher bald klarer, alkalischer Saft, bald wieder Galle ab. 
Die Untersuchungen betrafen die Menge des Gallenfarbstoffes und 
des Cholestearins in der Galle. Erstorer entstammt dem Blutfarb¬ 
stoff, in seiner Menge spiegelt sich die Größe des Blutkörperchen¬ 
zerfalles ab. Das Hämoglobin zerfällt in Bilirubin und Biliverdin, 
von letzterem werden im Tag ungefähr 0,2 g produziert. Bei den 
sogenannten Hämophthisen (hämolytischer Anämie, hämolytischem 
Ikterus, Bantischer Krankheit, splenomegaler Zirrhose) ist der 
Zerfall größer. Die Anämie bei Hämophthisen zeigt an, daß die 
Bildung von Blutkörperchen dem Zerfall derselben nicht zu folgen 
vermag. Der vermehrte Erythrozytenzerfall kann lange bestehen, 
bevor er sich deutlich sichtbar macht. Durch die Duodenalsonde 
kann man die Diagnose frühzeitig stellen, da die sonst goldgelbe 
Galle einen sehr dunklen Farbenton zeigt. Mit dem Blutzerfall 
hat die Milz sicher etwas zu tun. Ueber ihre Aktion dabei sind 
die Ansichten geteilt: Eppinger meint, daß in der Milz Blut¬ 
körperchen zerstört w r erden, Klemporer und Hirschfeld wider¬ 
sprechen dem. Nach den Untersuchungen des Vortr. ist nach 
Splenektomien der Zerfall der roten Blutkörperchen auf Vio der 
früheren Größe heruntergegangen. Vortr. stellt einen Mann vor, 
bei welchem die Splenektomie wegen perniziöser Anämie ausge¬ 
führt worden ist. Er hatte D/a Millionen rote Blutkörperchen, der 
Hämoglobingehalt w r ar 42% nach Sahli; 4 Wochen nach der 
Splenektomie war die Zahl der roten Blutkörperchen 2,8 Millionen, 
der Färbeindex höher als 1, zuletzt hatte Pat. 3,2 Millionen Erythro¬ 
zyten. In der durch die Duodenalsonde gewonnenen Galle w'urden 
0,5 g Gallenfarbstoff, später 0,13 g gefunden. Pat. fühlt sich wohl. 
Ueber die Art der Zerstörung der roten Blutkörperchen sind die 
Ansichten nicht geklärt. Wenn rote Blutkörperchen auf endo¬ 
theliales Gewebe kommen, so werden sie von großen Zellen 
(Makrophagen) aufgenommen und transportiert. Die Makrophagen 
nehmen überhaupt alles fremde Material auf, sie sind in allen 
Organen verteilt, in der Milz sind es die retikulären Endothelien; 
diese besitzen eine besonders hohe resorbierende Kraft. Die Blut> 
körperchen werden hierauf in die Leber gebracht, die eisenhaltigen 
Anteile derselben gelangen in die Blutbahn zurück und werden 
wieder zur Blutbildung verwendet. Da durch die Splenektomie mit 
der Milz Makrophagen erster Ordnung entfernt werden, kommt es 
zum Abfall des Gallenfarbstoffes. Die Untersuchung mit der Duo¬ 
denalsonde ergab in einem Fall von angeborenem Septumdefekt 
eine Einschränkung der Erythrozytenzerstörung. Bei zwei Frauen 
stieg während der Menstruation die Farbstoffproduktion an, was 
auf einen gesteigerten ,’rythrozytenzerfall hin weist. Frau Dr. Pöl 2 l 
hat bei ihren Unterstellungen vor den Menses einen Anstieg der 
Zahl der roten Blutkörperchen, nach den Menses ein Abfallen der¬ 
selben festgestellt. Ueber das Cholesterin der Galle haben Asch off 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


und Anischkoff grundlegende Arbeiten durchgeführt. Ersterer 
hat nachgewiesen, daß die Cholesterinbildung vom Stoffwechsel 
abhängig ist, letzterer konnte durch Cholesterinfütterung Chole- 
sterinämie und Gefäßveränderungen erzeugen, welche der mensch¬ 
lichen Arteriosklerose nahestehen. Durch die Duodenalsondierung 
kann man Vergleiche zwischen der Menge des Cholesterins im 
Blut und in der Galle anstellen. Normalerweise ist in der Galle 
kein Urobilin vorhanden, das Vorkommen desselben deutet auf 
eine enterogene Infektion hin. Bei Gravidität und bei Gallenstein¬ 
bildung ist eine Hypercholesterinämie vorhanden. 

A. v. Decastello bezeichnet die Methode des Vortr. als sehr 
interessant, glaubt jedoch, daß durch die Untersuchung der Urobilin¬ 
reaktion in den Fäzes gleiche Resultate gewonnen werden könnten. Nach 
der Splenektomie sinkt die Ausscheidung des Gallenfarbstoffes; damit ist 
jedoch noch nicht der Beweis erbracht, daß auch die Hämolyse sinkt. 
Nach der Splenektomie bei perniziöser Anämie schwindet der Ikterus 
sehr rasch; trotzdem kann man nachweisen, daß das Blutbild sich erst 
viel später bessert. Durch die Splenektomie wird die Hämolyse wohl 
gestört, aber nicht aufgehoben. 

S. Bondy erinnert an seine Untersuchungen mit der Duodenal¬ 
sonde, welche eine erfreuliche Uebereinstimmung mit den Experimenten 
der Vortr. zeigen. Schon die Farbe der Galle ist wichtig, bei perniziöser 
Anämie z. B. ist sie schwarzbraun. Die Untersuchungen über Urobilin 
in der Galle haben gezeigt, daß in manchen Fällen bei starker Häroo- 
phthise das Hämobiliriogen eine bedeutende Vermehrung erfährt. 

E. Medak weist darauf hin, daß die Milz eine wichtige Rolle 
bei der Erythrozytenzerstörung spielt; vor der Splenektomie findet man 
im Blute weniger Erythrozyten und einen kleineren Färbeindex der roten 
Blutkörperchen als nach derselben. Die endgültige Zerstörung der roten 
Blutkörperchen geht in der Leber vor sich. Vortr. wollten eine Basis 
für weitere Untersuchungen in der Frage der Anämie und der Choie- 
sterinämie schaffen. H. 


Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen. 

Sitzung vom 13. November 1914. 

Helm bespricht einen Fall mit Verdaunngsbeschwerden. 
Diese treten periodisch in Zyklen auf mit Pausen von mehreren 
Monaten bis zu einem Jahr. Ein solcher Zyklus bietet folgendes 
Bild. Pat. fühlt sieb wohl, kann alles essen (zerkleinert), mittel- 
breiiger Stuhl. Dieser wird plötzlich fester und fester, die Entlee¬ 
rungen werden eingeschränkt, schließlich werden nur noch Skykala 
entleert. Während dieser Zeit ist der Bauch stark angeschwollen 
und kissenartig aufgetrieben. Der Appetit und Schlaf werden 
schlecht, Seitenstechen. Dann setzten Diarrhöen ein, und zwar 
dann, wenn die Beschwerden am höchsten sind — bis zu zehn 
wässerigen Stühlen. Allmählich nehmen diese ab, der Stuhl wird 
wieder dickbreiig und die Beschwerden gehen zurück. Rasche 
Besserung in einigen Tagen, daun folgt wieder so ein Zyklus; auf 
der Höhe der Störung Erbrechen. Dieses Leiden besteht seit 
20 Jahren ohne bestimmten Anfang. Vortr. zeigt nun eine große 
Reihe von Röntgenbildern, durch welche Serienaufnahme der ganze 
Verdauungsakt durch mehrere Tage hindurch demonstriert wird. 
Aus diesen Aufnahmen ergibt sich die Klärung des Falles: Es 
handelt sich um eine Erweiterung der untersten Partie des Oeso¬ 
phagus, um eine Erweiterung, die jedoch ohne Stenose zustande 
gekommen ist (Sondierung erfolgte ohne Schwierigkeit). Magen 
und Dünndarm sind normal, der Magen zeigt bloß eine Lagever¬ 
änderung. Der Dickdarm ist verlängert, sehr erweitert, namentlich 
im Zökum und beiden Flexuren, während das Colon transversum 
und Colon descendens weniger erweitert sind. Das S Romanura 
und die Ampulle sind normal. Als wesentlich sei noch erwähnt, 
daß der Stuhl zur Zeit seines Festseins ein vollkommen normales 
Bild hinsichtlich Flora und Zusammensetzung zeigt (gute Aus¬ 
nützung der Nahrung), daß er aber zur Zeit der bestehenden 
Diarrhöen eine grampositive Flora, nämlich grampositive Stäbchen 
in großen Mengen aufweist. 

Holler demonstriert einen Fall von Pyopneumothorax, 
zeigt auch die zugehörigen Röntgenbilder und bespricht das 
zytologische Verhalten des Exsudates, das sich folgendermaßen 
verhält: Polynukleäre Neutrophile 69,3%, polynukleäre Eosinophile 
9,9<>/ 0 , Mastzellen 0,4%, Myeloblasten und Makrophagen 2,3o/ 0 , 
Lymphozyten 17,9%, Erythrozyten 0,7%, bei insgesamt 2610 Zellen 
in 1 cram des Exsudates. Man sieht also, daß gleichzeitig mit den 
Eosinophilen auch Myeloblasten vorhanden^!nd, daß neutrophile 
Zellen vorhanden sind und daß die Lymphozyten in den Hintergrund 
treten. Dieser Befund spricht demnach nicht zugunsten der An¬ 
nahme der lokalen Entstehung der eosinophilen Zellen. 


Weisser zeigt an der Hand von Elektrokardiogrammen 
zweier Fälle, daß Vorhofflimmern und Pnlsns irregnlaris 
perpetnns unabhängig voneinander Vorkommen können. Im ersten 
Fall bestand durch mehrere Tage Vorhofflimmern bei vollkommen 
regelmäßiger Kammertätigkeit. Durch Atropin, Digitalis und Be¬ 
wegungen konnte dieser Rhythmus in seiner Frequenz sehr gut 
beeinflußt werden. Es scheint also der Sinusknoten bei Blockierung 
der Leitung zum Vorhof seine regelmäßigen Reize dem Ventrikel 
zugesendet zu haben. Später ging der regelmäßige Rhythmus in 
echten Pulsus irregularis perpetuus über; offenbar versagte die 
Sinustätigkeit und machte der arhythmischen Reizbildung der 
flimmernden Vorhöfe Platz. Im zweiten Fall entstand zeitweüig 
sowohl spontan als auch durch Verabreichung von Digitalis und 
Eserin eine vollkommen unregelmäßige Kammertätigkeit bei absolut 
regelmäßiger und unbeeinflußbarer Tachysystolie der Vorhöfe, was 
bereits von A. Hoffmann und Rotberger gezeigt werden konnte. 

R. 


Associazione Medica Triestina. 

Sitzung vom 16. November 1914. 

Gail demonstriert eine äußerst selten auftretende angeborene 
Mißbildung, bestehend in einem doppelt angelegten Darm (vom 
Jejunum abwärts) und doppeltem Geschlechtsapparat. Röntgen¬ 
platte. 

Ferrari demonstriert; a) einen Fall von Megacolon con- 
genitnm (Hirschsprung) bei einem 3% Monate alten Kind; 
b) einen seltenen Bildnngsfehler des Dickdarms (bei einem Neu¬ 
geborenen), bestehend in vollkommenem Mangel des Colon trans¬ 
versum. Das Zökum und Colon ascendens stark wurstförmig auf¬ 
getrieben und prall mit Mekonium gefüllt, unter der Leber blind 
endend. Das Colon descendens und die Flexura sigmoidea zu Blei¬ 
stiftdicke reduziert, mit sehr engem Lumen. Analöffnung und 
Rektum vorhanden, jedoch mit Atresia recti; c) ein neugeborenes 
Rind mit Peritonitis, hervorgerufen durch ein offenes, kurzes 
Divertikel am unteren Abschnitt des Ileums (offenes Meckel- 
sches Divertikel ?). P—k. 


Berliner Kriegsörztliche Abende. 

Sitzungen vom 1. und 8. Dezember 1914. 

H. Friedenthal: Einige Vorrichtungen znr Verhinde¬ 
rung der Uebertragung infektiöser Krankheiten. Durch ein 
taucherartiges Leinengewand, das Kopf, Arme und Beine wie den 
ganzen Rumpf von der Luft abschließt und nur eine kleine Oeff- 
nung für die Atmung freihält, wird der infizierte Körper voll¬ 
kommen von der Umgebung abgeschlossen, so daß nicht einmal 
das Bett von der Ansteckung betroffen wird. Auf diese Weise 
kann der Transport von Kranken ohne Gefahr bewerkstelligt 
werden. Will man noch durch Gummihandschuhe die Hände 
schützen bei der Befriedigung der täglichen Bedürfnisse und außer¬ 
dem eine gründliche antiseptische Reinigung des Körpers, z. B. 
nach der Defäkation bei Ruhr, vornehmen, so würde eine voll¬ 
kommene Sicherheit gegenüber der Uebertragung erzielt. 

Bier: lieber Rriegsaneurysmen und deren Behandlung* 
In 2 Monaten wurden 44 Aneurysmen behandelt, solche der Art. 
iliaca, femoral., poplit., prof. fern., tib. ant. subclavia, axillaris, bra- 
chialis, radialis, earot., intern., carot. ext., occipitalis. Die meisten 
Aneurysmen sind arterielle. Ein Loch in der Gefäßwand führt zu 
einer großen Höhle, die sich mit Häuten anfüllt nach Organisie¬ 
rung der Gerinnsel. Beim Aneurysma arterio-venosum besteht eine 
Verbindung zwischen Arterie und Vene. Während beim arteriellen 
Aneurysma die Pulsation der Geschwulst wahrgeuommen wird, 
auch oft ein starkes Rauschen, ist ein systolisch verstärktes 
Schwirren für den Zusammenhang mit der Vene charakterisiert. 
Die Diagnose ist häufig erschwert durch entzündliche Erschei¬ 
nungen, die den Eindruck eines Abszesses hervorrufen. Die frische¬ 
sten Aneurysmen kamen 8 Tage nach der Verwundung zur Be¬ 
handlung, die ältesten nach 3 Monaten. Die hauptsächlichsten 
Symptome bestanden in Kontraktionsstellung der benachbarten 
Gelenke, in Oedemen der peripheren Teile und Schwirren im Kopf. 
— Die Behandlung bestand 14mal in der einfachen Unterbin¬ 
dung, die für kleine Gefäße durchaus zureichend ist. Aber auch 
bei infizierten Wunden wurden Aneurysmen größerer Gefäße mit 
der Unterbindung behandelt, ebenso bei sehr erheblicher Blutung. 
Ein Fall von intrathorakalem Aneurysma der Subklavia wird näher 


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Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


•25 


beschrieben. Der Exitus trat infolge von Thrombose der Karotis 
ein. Die Naht wurde in 15 Fällen vorgenommen und in weiteren 
1,') Fällen mit der Resektion der verletzten Stelle verbunden und 
demnach ringförmig angelegt. Dreimal wurde eine Venentransplan¬ 
tation gemacht, die aber schwierig ist. Die Naht ist leicht für 
den geübten Chirurgen, der das nötige Instrumentarium besitzt. 
Man näht mit einfachen Knopfnähten erst die Intima und dann 
die Seitenwände. Beim arteriovenösen Aneurysma ist breites 
Operieren und genaue Präparation nötig. Bei der seitlichen Naht 
schadet die Verengerung des Lumens nichts. Sie gleicht sich bald 
aus und die Zirkulation stellt sich schnell wieder her. Bei Trans¬ 
plantationen, die für größere Defekte in Betracht kommen, macht 
man die Beobachtung, daß die Vene der jugendlichen Soldaten zu 
plastisch ist und sich daher schnell in ihrem Lumen verengt und 
somit leicht zu Thrombosen Veranlassung gibt. Man muß sie daher 
vor der Einpflanzung mit derPinzette etwas dehnen. Stets soll man 
die Nebenäste der Arterie herauspräparieren und sorgfältig schonen. 
- Was den Zeitpunkt der Operation anbetrifft, so empfiehlt. 
Yortr., zunächst die Wunden heilen zu lassen, um dio Infektion 
zu vermeiden. Sind Steckschüsse vorhanden, muß man sie vorher 
entfernen. Allgemeine Narkose, am besten mit Aether, ist der 
lokalen Anästhesie vorzuziehen, besonders da bei den blutarmen 
Kranken wenige Tropfen genügen. Zumeist ist es ratsam, bei 
künstlicher Blutleere zu operieren. 

L. Landau: Fall von Schuß Verletzung der Leber. Der 
^jährige Soldat wurde am 16. September 1914 verwundet, kam 
am 17. September in das Kriegslazarett und gelangte am 8. Ok¬ 
tober in das Reservelazarett in Schöneberg. Hier wurde bei dem 
sehr abgemagerten, aber fieberfreien Kranken ein starker Meteo- 
rismns festgestellt. Der Einschuß war vorn neben dem Manubrium 
steroi und unter dem Rippenbogen, hinten in der rechten Axillar¬ 
linie an der XII. Rippe über der Krista. Am 26. Oktober konnte 
man in den abhängigen Teilen rechts in der Flanke Fluktuation 
und Dämpfung feststellen. Da der Pat. mehr und mehr verfiel, 
wurde die Laparotomie gemacht, nachdem eine Punktion kein 
rechtes Resultat ergeben hatte. Bei der Operation entleerte sich 
2'/» 1 reiner Galle, die aber aus der Leber selbst stammte, nicht 
aus der ganz intakten Gallenblase. Das Peritoneum war gesund ge¬ 
blieben. Auf der Leber und den Dünndärmen befanden sich gela¬ 
tinöse Beschläge. Der Pat. genas bald nach der Operation. Der 
Zustand erklärt sich als eine Intoxikation, wahrscheinlich durch 
die gallensauren Salze hervorgerufen. Die Krankheit benennt der 
Vortr. nach analoger Wortbildung Cholaskon, Gallenabsonderung. 
Man sollte in solchen Fällen niemals die Punktion vornehmen, 
sondern stets die Laparotomie. Im Fall des Gallenergusses aus 
einer Leberschußwunde soll man nie versuchen, die Wunde vor¬ 
zeitig zur Heilung zu bringen. Drainage der Operationswunde ist 
nur bei zu reichlicher Sekretion nötig. 

Neubert berichtet über mehrere interessante chirurgische 
Fälle, einen Fall von Blutung aus der Art. carotis und vertebralis, 
ans der Art. femoralis und axillaris. Bei den vorgestellten Kranken 
war die sehr erhebliche Blutung durch Thrombose der Gefäße ent¬ 
standen und führte einmal zur Nekrose des Unterschenkels. In 
einem Fall von Leberabszeß gelang es nach Entfernung des 
Lebersequesters Heilung zu erzielen. Bei einer schweren Genital- 
'ßrletzung konnten die Gefahren der Urininfiltration glücklich be¬ 
lügt werden. 

Umber stellt einen Kranken mit sp&stischcr Ataxie vor, 
J* 1 dem die in Heilung begriffenen Beschwerden durch völlige 
Beseitigung der durch einen Tangentialschuß am Schädel bewirkten 
Knochendepression noch weiter gebessert werden dürften, ferner 
einen Fall von Klumpkescher Lähmung infolge von Zertrümme- 
n *8 des fünften Halswirbels, einen Fall von Verletzung der Cauda 
fpßa, bei dem Blasen- und Sphinkterschwäche besteht, und einen 
all von Mirschsprungscher Krankheit. 

Schulz zeigt, an Temperaturkurven den günstigen Einfluß 
er intravenösen Einspritzungen nach Ichikawa beim Typhus, 
wodurch gewöhnlich ein krisisartiger Abfall des Fiebers unter 
‘^bweißausbruch bewirkt wird. 

He f zfeld schildert seine Erfahrungen an den Ver- 
Müelen im allgemeinen, spricht über die Auswahl der zum 
ansport geeigneten Kranken und die ersten Verbände. Auch 
jj' a , w ® .wrichteilverletzüDgen machen oft große Schwierigkeiten 
Vnr* ^ eD noc k spät Kompilationen. im speziellen gibt der 
_ r ' . ere Empfehlungen bei Amputationen, für die Behandlung 
infizierten Gelenken, bei Brust- und Rückenmarkschüssen. Die 


Zahl der Nachoperationen, wie hei Aneurysmen und Nervenver¬ 
letzungen, wird mit der längeren Dauer des Krieges größer werden. 

Henneberg demonstriert eine Anzahl interessanter Ner¬ 
venverletzungen (zerebrale, spinale und periphere), Hennig 
zwei Kopfschüsse und einige Verletzungen, die offenbar durch 
Geschosse mit Explosivwirkung (Dum-Dum) zustande gekommen 
waren. Unter weiteren bemerkenswerten Fällen befand sich auch 
ein Landwehrmann, bei dem außer der Verwundung am Ober¬ 
schenkel, von einem Russen durch einen mit großer Gewalt ge¬ 
führten Säbelhieb von hinten her der Hals bis zur Wirbelsäule 
durchschlagen war, wie bei einer nicht völlig gelungenen Ent¬ 
hauptung. ___ ______ 

Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. 

Sitzung vom 21. September 1914. 

Dreyfus: Referat über Tetanusbehandlung. Die Tetanus¬ 
erkrankung wird nicht durch den Bazillus, sondern durch dessen 
Toxin erzeugt. Der Bazillus ist sehr häufig, die Krankheit aber 
verhältnismäßig selten; das hängt damit zusammen, daß zu ihrer 
Erzeugung noch gewisse Vorbedingungen erforderlich sind, wie 
stärkere Gewebsschädigung, wahrscheinlich auch Symbiose mit 
anderen Bazillen. Das Tetanustoxin wird durch Nervenendplatte 
und den Achsenzylinder zu den Zellen des Vorderhorns des Rücken¬ 
marks geleitet. Das Antitoxin wird gleichzeitig gebildet, es findet 
sich aber nur in dem Blut und der Gewebsflüssigkeit und kann 
nicht an den Nerven verankert werden. Für den Verlauf spielt die 
Inkubationsdauer eine große Rolle. Die Prognose ist um so un¬ 
günstiger, je kürzer die Inkubationszeit war, und bei Katzen 
braucht man zur Neutralisierung des Toxins um so mehr Anti¬ 
toxin, je später nach der Infektion es angewandt wird. Die An¬ 
fangssymptome sind Trismus, der aber auch fehlen kann, ziehende 
Schmerzen im Verlauf der Wunde, Nackenschmerzen, Schluck¬ 
beschwerden, die oft im Vordergründe stehen; Kaubeschwerden 
lassen so gut wie sicher auf drohenden Tetanus schließen. Die 
Therapie erfordert unbedingt lokale Behandlung, weil sich die Ba¬ 
zillen in der Nähe der Wunde aufhalten und nicht ins Blut über¬ 
gehen. Von der Amputation kann man im allgemeinen absehen, 
man muß aber die Wunde breit spalten und durch Ausspülen mit 
Perubalsam offen halten. — Die ätiologische Therapie geschieht 
mit Serum von Pferden, die mit steigenden Dosen von Tetanus 
infiziert wurden. Die größten Triumphe feiert die Serumtherapie 
bei der Prophylaxe, zu der etwa acht Einspritzungen innerhalb 
8—10 Tagen erforderlich sind. Zur Behandlung wird die lokale 
Anwendung empfohlen, indem man entweder trockenes Serum auf 
die Wunde aufpulvert oder mit Serum getränkte Tampons ein- 
legt. Die subkutane oder intramuskuläre Anwendung scheint 
sehr wenig zu leisten. Zu empfehlen ist die endoneurale Ein¬ 
spritzung, um das Toxin auf seinem Weg durch die Nerven zu 
neutralisieren. Zweckmäßig ist auch die intravenöse Methode, 
doch kann mit ihr nur im Blut kreisendes Toxin abgefangen 
werden, auf das im Zentralnervensystem bereits verankerte bleibt 
es ohne Wirkung. Daher ist jetzt die gegebene Methode die intra¬ 
lumbale Injektion. Da aber nach 24 Stunden das Antitoxin aus 
dem Liquor verschwindet und ins Blut übergeht, so ist dann die 
Einspritzung zu wiederholen und es müssen große Dosen ange¬ 
wandt werden. Daneben muß auch die intraneurale und intravenöse 
Serumanwendung stattfinden. Nach der Einspritzung geht die 
Temperatur herunter, anaphylaktische Erscheinungen treten nicht 
auf, die Krämpfe lassen nach. D. berichtet über den günstigen 
Verlauf zweier nach dieser Methode behandelter schwerer Fälle. 
Die intralumbale Anwendung ist nicht angenehm, da wegen des 
Opisthotonus immer Narkose notwendig ist. Tetanische vertragen aber 
sehr viel Narkotika, und die Gefahr der Narkose erscheint immer¬ 
hin geringer als die der Krankheit selbst. Je früher die Serum¬ 
behandlung einsetzt, um so besser ist ihr Erfolg. Die Nichtein¬ 
leitung der Antitoxinbehandlung ist heutzutage wohl als ein 
Fehler zu betrachten. — Die symptomatische Behandlung besteht 
in der Verabreichung großer Dosen von Narkotika (Chloral, Mor¬ 
phium, Chloroform usw.), und viele glauben damit mehr zu er¬ 
reichen als durch die Serumbehandlung. Die große Gefahr des 
Tetanus liegt vor allem in der außerordentlich großen Konsump- 
tion der Kräfte und des Herzens infolge der Krämpfe. Neuerdings 
hat man das Magnesiumsulfat in der Tetanustherapie verwandt 
Dieses Mittel erzeugt, in den Körper eingeführt, Narkose der 
motorischen und sensorischen Sphäre, in großen Dosen auch der 
Großhirnrinde. Im Tierexperiment kann man diese Narkose durch 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


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Einspritzung von Calcium chloratum sofort wieder zum Verschwin¬ 
den bringen. Die Gefahr seiner Anwendung besteht hauptsächlich 
in seinem Einfluß auf die Atmung, wogegen Physostigmin an¬ 
zuwenden ist. Außerdem erzeugt es Bradykardie, deren Antidot 
Atropin ist. Das Magnesiumsulfat ist von Kocher zuerst intra¬ 
lumbal angewandt worden, der davon ganz überraschende Erfolge 
sah. Es verschont das Herz, wirkt aber lähmend auf das Atem¬ 
zentrum. Außerdem ruft diese Anwendung komplette Lähmung 
der Unterextremitäten und Harnverhaltung horvor, die sich aller¬ 
dings nach 24 Stunden lösen. Die Gefahr der Atemlähmung kann 
durch Hochlagerung des Kopfes vermindert werden, droht sie 
aber, dann ist nach vorheriger Tracheotomie Luft oder Sauerstoff 
unter Druck in die Lungen einzuleiten. Kocher hat 5ccm einer 
20%igen Lösung angewandt. Wegen der Gefahr für das Atem¬ 
zentrum verabreicht man die Einspritzung jetzt meist nicht mehr 
intralumbal, sondern intramuskulär und gibt 20—25 g pro die. Das 
letzte Wort über die Magnesiumsulfatbehandlung ist noch nicht 
gesprochen, sie bietet aber unter Umständen bei richtiger Anwen¬ 
dung gute Aussichten. In erster Linie muß aber die Antitoxin- 
therapie stehen, die auch Kocher daneben angewandt hat. End¬ 
lich sind von Bacelli subkutane Einspritzungen von 2—3%iger 
Karbolsäure empfohlen worden. Er verabreichte am ersten Tag 
hiervon 3—5 ccm, und wenn das vertragen wurde, täglich bis zu 
1,5 g Acid. carbolic. Dieses wirkt antithermisch und antitoxisch, 
und Bacelli hat dabei bis zu ‘.HP/o Heilungen gesehen. Doch ist 
zu bedenken, daß der Tetanus in Italien überhaupt milder auftritt 
als bei uns. Gefahr soll bei Anwendung dieser großen Dosen nicht 
bestehen. — D. empfiehlt zum Schlüsse, bei jedem Tetanus neben 
der lokalen Behandlung in allererster Linie die gleichzeitige endo- 
neurale, endo venöse und endolumbale Behandlung mit Antitoxin 
in großen Dosen (100I.-E.) fortzusetzen, bis Besserung eintritt. 
Daneben ist in schweren Fällen die Anwendung von Narkotizis, 
von Magnesiumsulfat oder ein Versuch mit Karbolsäureeinspritzun¬ 
gen zu machen. _ H. 


Aerztlicher Verein in Köln. 

Sitzung vom 27. November 1914. 

Krieysärztlicher Abend, 

Preysing: lieber Kopfschüsse. Aus seinem großen Material 
hat er eine Reihe von Fällen ausgewählt, die er im Bild und in 
Wirklichkeit vorführt. Zunächst werden eine große Zahl sehr in¬ 
struktiver Röntgendiapositive und Photographien gezeigt. Großes 
Gewicht legt P. auf die sogenannten „unschuldigen Streifschüsse“. 
Man sollte nie versäumen, in einem solchen Fall eine Röntgen¬ 
aufnahme anfertigen zu lassen. Man wird oft überrascht sein über 
den röntgenographischen Befund. An einschlägigen Bildern sieht 
man nur eine ganz kleine Hautwunde, während das Röntgenbild 
eine erhebliche Impression und Zersplitterung der Tabula vitrea 
zeigt. Oft findet man bei diesen Tangentialschüssen Knochensplitter 
tief in die Gehirnmasse versprengt. Die Mechanik dieser Tangen¬ 
tialschüsse vergleicht P. mit einem Auto, welches durch eine 
Wasserpfütze fährt und die Spritzer nach allen Seiten schleudert. 
In den ersten Wochen der Kriegszeit wurde diesen unschuldigen 
Streifschüssen zu wenig Bedeutung beigelegt. Die Pat. wurden 
nur mit Bettruhe und aseptischen Verbänden behandelt. Spät, oft 
erst nach der Entlassung, traten dann Beschwerden, wie Kopf¬ 
schmerzen, auf. Hielt man vielleicht auch den Pat, für einen Simu¬ 
lanten, so überzeugte einen doch das spätere Röntgenogramm, daß 
hier infolge ärztlicher Schuld ein Fehler begangen worden war. 
Die dann vorgenommene Operation befreite den Mann von seinen 
Beschwerden. Ueber mehrere derartige zu spät operierte Fälle 
konnte P. berichten. Wenn auch der Erfolg dieser Operationen 
quoad restitutionera ein guter war, so traten doch technische 
Schwierigkeiten in diesen Fällen auf. Zur Freilegung der Wunden 
benutzt P. einen Kreuzschnitt. Die Knochen- oder Geschoßsplitter 
waren oft schon in feste Narben eingebettet und schwer zu ent¬ 
fernen. In früh operierten Fällen sitzen diese Fremdkörper lose 
und lassen sich leicht herausholen. Zur Operation wird in allen 
Fällen kein Trepan, sondern irgend eine Knapperzange benutzt. 
Ist der Fremdkörper nicht sofort zu finden, so soll man nicht lange 
im Zerebruin herumsuchen, sondern ab warten. Im weiteren Verlauf 
der Heilung stoßen sich die Splitter ab. Ein vorhandener Gehirn¬ 
prolaps soll nach Möglichkeit nicht abgetragen werden. War die 
Schußrichtung eine derartige, daß die Stirnhöhle mit verletzt war, 
so muß diese weit geöffnet werden. Hierbei muß unbedingt darauf 
geachtet werden, daß keine Verbindung von Stirn- und Nasenhöhle 


bestehen bleibt. Auch in der späteren Nachbehandlung, die bei 
solchen Trepanierten in der Regel mehr Aufmerksamkeit und Arbeit 
erfordert als die Operation selbst, ist hierauf das größte Gewicht 
zu legen. Denn nur allzu leicht können durch die Nase Infektionen 
entstehen, die einen sonst schönen operativen Erfolg illusorisch 
machen. Die meisten Fälle von Kopfschüssen mit Gehirnver- 
letzung gehen an Meningitis zugrunde. P. hat 72 Fälle von Kopf¬ 
schüssen beobachtet. Hiervon wurden 31 operiert. Sieben von 
diesen starben. _ D. 

24. Kongreß der Italienischen Gesellschaft für innere 
Medizin. 

Genua, 11.—14. Oktober 1914. 

II. 

Ferrannini (Camerino): Magennenrosen. Die Ursachen der 
Magenneurosen können im Bereiche des Nervensystems liegen: 
kongenitale Störungen, Reizung des Pneumogastrikus oder Sym¬ 
pathikus längs des Weges durch die Thorax- oder Bauchhöhle; 
ferner Kreislaufstörungen, Arthritismus. Als intraorganische Intoxi¬ 
kationen können die gastroneurotischen Erscheinungen, bedingt durch 
alimentäre Anaphylaxie, angesehen werden 1 , wenn sie hauptsäch¬ 
lich durch vervollkoramte Spaltung der N-Substanzen infolge In¬ 
suffizienz der intraorganischen Fermente auftreten. Zu einer 
intraorganischen Intoxikation führen auch die Anomalien der 
endokrinen Organe sowohl durch Vertreter der Hormonen, die 
— sympathikotrop — zu einer Reizung des Magensympathikus 
führen, als auch jener, die den Magenvagus reizen, weil im 
allgemeinen vagotrop, und aus der Geschlechtsdrüse, dem Pankreas, 
der Parathyreoidea und Thymus sezerniert werden. Die Magen¬ 
wände wie der übrige Verdauungsapparat besitzen eine innere 
Sekretion. Der Unterschied zwischen sympathikotropen und vago- 
tropen Erscheinungen muß, um klinisch ausgenützt zu werden, 
die individuelle Diathese (Prädisposition) nicht außer acht lassen; 
da ein identischer Symptomenkoinplex ebenso gut von einer Vagus- 
wie Sympathikusreizung je nach der Vorherrschaft des Vagus¬ 
systems und der vagotropen Hormone oder umgekehrt des Sympa- 
thikussystemes mit den sympathikotropen Hormonen hervorgerufen 
werden kann. Durch die Probe von As ebner vermag man diese 
Differenzen klarzulegen. Eine andere Quelle für Magenneurosen ist 
bedingt durch die Enteroptose (Antrum pyloricum, Regio pyloro- 
duodenalis) und durch die außerordentliche Länge und Schmalheit 
des Antrum pyloricum. Die ganze Pylorusgegend kann man sich so 
denken, daß sie parallel und nahe verläuft der zweiten Portion des 
Duodenums oder es erscheint der mediane Teil des Magenkorpus 
in die Länge gezerrt und kanalförmig verzogen (Biloculisraus 
gastricus). Verschiedene gastralgische oder gastrohypersekretorische 
Erscheinungen (mit oder ohne Erbrechen) werden vorgetäuscht 
durch ein Ulcus duodeni, eine Pericholezystitis, Lithiasis, eine 
rechtsseitige Hydronephrose, Enterocolitis, chronische Appen¬ 
dizitis, Lithiasis intestinalis, Pankreaserkrankungen. Die Regio 
pyloroduodenalis mit der Gallenblase der rechten Kolonflexur und 
der rechten Niere stellen ein anatomisch-klinisches Sonnengeflecht 
dar, das, dem anatomischen Plexus solaris zugesellt, als Zentrum 
gleichzeitiger konvergenter wie divergenter Reflexerscheinungen 
anzusehen ist. Unter diesen prädominiert der Pyloruskrampf. Wenn 
umgekehrt der Pylorus mehr infolge permanenter Läsionen des 
Orifiziums als durch Spasmus verengt ist, so schließt er nicht in 
dem Augenblick, in dem er in gesundem Zustand den Durch¬ 
tritt des Chymus aus dem Magen in das Duodenum verhindern 
oder verzögern sollte: der scheinbare Widerspruch zwischen einer 
Pylorusstenose und einer Pylorusinsuffizienz. Das schließt die 
Möglichkeit nicht aus, daß der Pyloruskrampf manchmal von 
Hyperchlorhydrie oder Gastrosuccorrhoe abhängig sein kann. Auch 
die Kardia kann einen Spasmus aufweisen reflektorischer Natur 
(Ulcus rotundum, Erosionen derMagenschleimhautusw.). Der Pylorus¬ 
krampf kann bei Hyperchlorhydrie als eine Abwehrvorrichtung an¬ 
gesehen werden, wenn es ihm gelingt, den Durchtritt des über¬ 
sauren Chymus in das Duodenum zu verzögern resp. zu verhindern. 
Die Magenneurosen können den Boden für entzündliche, geschwü- 
rige, degenerative oder neoplastische Prozesse bereiten und können 
besondere Modalitäten der Nosographie und der Evolution der 
sogenannten organischen Magenkrankheiten ausdrücken. 

Schupfer (Florenz): Differentialdiagnose der Magen- 
neurosen. Organische Magenerkrankungen, extragastrische Krank¬ 
heiten, die sekundär zu Magenkrankheiten führen, können eine 
Magenneurose Vortäuschen. Was die organischen Magenkrankheiten 


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anbelangl, ist die Diagnose schwierig, wenn davon neuropathische 
Individuen getroffen werden, da man streng die Gastropathie von 
der Stenopathie trennen muß. Mit großer Vorsicht werden wir an 
eine Neurose denken bei einem in vorgerückten Jahren stehenden 
Pat., und während den Schmerzen für die Differentialdiagnose ein 
besonderer Wert zukommt, muß man sich hüten, einen wehleidigen 
Magenkranken oder einen Pat, der Erscheinungen bietet, die wir 
gewöhnlich bei der Neurose zu beobachten haben, rundweg als 
Magenneurotiker aufzufassen. Magenneurosen können mit Blut¬ 
brechen einhergehen; die Blutquelle ist nicht der Magen. Wenn 
man mit Sicherheit eine organische Magenerkrankung ausschließen 
kann, wird man, bevor man eine Magenneurose annimmt, an die 
Möglichkeit sekundärer Magenbeschwerden infolge extragastrischer 
Krankheiten denken müssen (Krankheiten des vierten Ventrikels 
mit lange dauernder Gastrosuccorrhöe usw.). Aus seinen klinischen 
Beobachtungen resultiert, daß Krankheiten der Spinal wurzeln — 
zwischen dem vierten und neunten Dorsalsegmente — bei Tieren 
zn Veränderungen des Magenchemismus führen. Viele Tatsachen 
sprechen dafür, daß auch beim Menschen die Erscheinungen so 
ablaufen (Crises gastriques). Schwierig wird die Differentialdiagnose 
zwischen Magenneurose und einigen dyspeptischen Erscheinungen 
sein (Krämpfe, Magenmeteorismus, Schmerzen), die im Früh- 
stadium der Tabes auftreten. Beim Morbus Basedowii noch bevor 
die klassischen Symptome klar hervortreten, können Verdauun gs- 
beschwerden auftreten, die in Verbindung mit den nervösen 
basedowianischen Beschwerden die Diagnose einer Magenneurose 
aullegen: eine gründliche Untersuchung wird objektive und sub¬ 
jektive — Herz-! — Symptome aufdecken, wodurch die Diagnose, 
noch bevor die klassische Trias vortritt, sichergestellt wird. Krank¬ 
heiten der Parathyreoidea, der Nebennieren gehen ebenfalls mit 
Verdauungsstörungen einher. P—k. 


Kleine Mitteilungen. 

Neqjahrsbetrachtung. 

Wien, Sylvester 1914. 

Der Jahreswechsel vollzieht sich im Sternbikle des 
Mars. Viel Elend, Unheil und Not hat der Kriegsgott in 
den letzten Monaten des sterbenden Jahres gezeitigt. Er und 
sein Halbbruder Thanatos. Die Blüte der Nationen steht in 
blutigem Kriege. Die Aerzteschaft ist mobil, seine Schäden 
zu heilen, seine Opfer zu verringern. Auch sie, die „Nicht- 
koinbattanten“, zählen zu diesen Opfern. Gar Mancher aus 
unseren Reihen hat in der des Völkerrechts, der Genfer 
Konvention spottenden Kriegführung von Kulturstaaten sein 
Leben, seine Freiheit verloren; manch Einer schmachtet in 
würdeloser Gefangenschaft, die des Koten Kreuzes auf weißem 
Grunde nicht achtet; so Mancher ist den Seuchen zum Opfer 
gefallen, die zu bekämpfen er ausgezogen. Tod und Not 
auch im ärztlichen Korps. Doch auch Schönes, Großes. Die 
Aerzteschaft Oesterreich-Ungarns und des verbrüderten 
Deutschen Reiches hat die Feuerprobe glanzvoll bestanden, 
die dieser Krieg ihr aufgenötigt. Und der Sieg, den wir für 
die untrennbar Verbündeten erflehen, er heftet sich an die 
Fahnen der Aerztebrigade, deren Mitglieder hochaufgerichtet, 
zeriistet mit den Waffen der Wissenschaft und jener Kunst, 
die volles Können, unermüdliche Arbeit, selbstlose Hin¬ 
gebung voraussetzt, eintreten für die Wohlfahrt der Helden 
dieses Schlachtens, selbst Helden, die ausnahmslos das 
Ehrenzeichen verdienen, das so Vielen von ihnen die Brust 
schmückt. 

So gehen wir denn hoffnungsvoll dem neuen Jahre 
entgegen. Möge es Europa das Ende des sinn- und maßlosen 
Jürgens bringen, das seinem Vorgänger für alle Zeiten das 
hiutig Mal aufgedrückt; möge der Frieden unserem Erdteil 
werden, bevor die Schneeglöckchen ihre zarten Blüten öffnen; 
moo-en Mord und Feuerbrand des Krieges aufhören, auf daß 
ans seinen Ruinen auferstehe Ruhe, Eintracht, Kultur und 
Jienschengliick! 

Die Aerzte aber, die diese heißen Wünsche hegen, 
werden, wie es auch kommen mag, selbstlos und unbeirrt 


durch Gefahr und persönliches Leid ihre schöne, wenn auch 
schwere Pflicht erfüllen; nach wie vor werden sie ihr Wissen 
und Können, ihre Sorge und Liebe den Verwundeten, den 
Kranken weihen, die ihrer noch lange bedürfen werden, und 
damit in ihrer Weise beitragen zum Heil des Einzelnen wie 
der Gesamtheit im Dienste des geliebten Vaterlandes. 

Quod felix, faust-um fortunatuimjue sit! 


Kriegschronik. 

Aus den off» Verlustlisten, 

1. Tot: 

A.-A.-St. Dr. Anton Hei gl, T.-E. Nr. 27 (Liste vom 12. Dezemlvr). 

A.-A. Dr. Alexander üjvarosi, gestorben an Herzfehler Res.-Sp. 
Ungvar (Liste vom 27. Dezember). 

2. Verwundet: 

A.-A.-Dr. Viktor Hentz, I.-R. Nr. 70, Sehulterschuß, liegt (Jnrn.-Sp. 
Nr. 16 Budapest (Liste vom 12. Dezember). 

R.-A. Dr. Mate Jelaca, 13. Geb.-Brig. (Liste vom 15. Dezember). 

R.-A. Dr. Moritz Franz, L.-I.-R. Nr. 15, Schußwunde, liegt Land- 
wehr-Sp. Krem sie r (Liste vom 16. Dezember). 

O.-A. d. Res. Dr. Siegfried Kolicb, F.-K.-R. Nr. 9, Kopfschuß, liegt 
Allg. Krankenhaus Wien (Liste vom 23. Dezember). 

Arzt Dr. Alfred Soppelsa, F.-I.-R. Nr. 1, Obersclienkelschnß, 
liegt klin. Res.-Sp. Innsbruck (Liste vom 23. Dezember). 

R.-A. Dr. Rudolf Srb, I.-R. Nr. 17, Hamlschuß, liegt Res.-Sp. 
Hohenmauth (Liste vom 23. Dezember). 

O.-A. Dr. Josef Weinstein, Div.-San.-A. Nr. 21, Handschuß, liegt 
mobil.Res.-Sp. Grk. (Liste vom 24. Dezember). 

O.-A. Dr. Friedrich Deutsch, L.-I.-R. Nr. 6, Armbruch, liegt 
Res.-Sp. Ujvidek (Liste vom 17. Dezember). 

A.-A. Dr. E. Hirschtritt, I.-R. Nr. 20, Schenkelschliß, liegt 
Res.-Sp. Szabadka (Liste vom 17. Dezember). 

3. Kriegsgefangen: 

O.-A. d. Ev. Dr. Heinrich Pruska, Div.-San.-A. Nr. 9, Niseh (Liste 
vom 12. Dezember). 

* * 

* 

Der deutsche Bundesrat hat mit Bekanntmachung vom 
26. November 1914 eine Verordnung erlassen, wonach die auf 
Militärdienstzeiten bezüglichen Vorschriften der deutschen Reichs¬ 
versicherungsordnung entsprechend auch für Militärdienst¬ 
zeiten gelten sollen, die während des gegenwärtigen Krieges in 
österreichisch-ungarischen Diensten zurückgelegt worden 
sind oder noch werden. Diese Verfügung, durch welche im Ver¬ 
hältnisse zur Invaliden- und Hinterbliebenen-Versicherung die 
Dienstleistung im österreichisch-ungarischen Militärdienste der 
Dienstleistung im deutschen Heere gleichgestellt wird, ist für die 
zahlreichen österreichischen Staatsangehörigen, die vor Ausbruch 
des Krieges im Deutschen Reich als Arbeiter oder Angestellte 
beschäftigt waren und hierlands zur Militärdienstleistung einberufen 
wurden, von der größten Bedeutung. Sie verhindert für diese 
Personen nicht nur den Verlust der Anwartschaft aus der Ver¬ 
sicherung wegen länger dauernder Unterbrechung der Beitrags¬ 
leistung, die auf die österreichisch-ungarische Militärdienstleistung 
entfallenden Zeiträume werden sogar als Beitragszeiten (der zweiten 
Lohnklasse) angerechnet, bewirken also ein Steigen der Anwart¬ 
schaften aus der deutschen Invaliden- und Hinterbliebenen-Ver¬ 
sicherung. Die während der Militärdienstleistung invalid Gewordenen 
und die Hinterbliebenen der Gestorbenen erlangen den Anspruch 
auf den Bezug der Invaliden- oder Hinterbliebenenrente, soweit 
nicht gesetzliche Beschränkungen des Bezugsrechtes bei Aufent¬ 
halt außerhalb der Grenze des Deutschen Reiches eintreten. 

* * 

* 

Aus Berlin wird uns geschrieben: Das Eiserne Kreuz, das 
seit den ruhmreichen Tagen von 1870/71 etwas in Vergessenheit 
geraten schien, hat in dem gegenwärtigen Kriege eine glanzvolle 
Auferstehung gefeiert. Außerordentlich groß — wie alles in diesem 
Weltkriege — ist die Zahl der mit dem Kreuz Ausgezeichneten, 
und die Aerze stellen zu den Dekorierten erfreulicherweise einen 
hohen Prozentsatz. Bis jetzt haben mehr als 1500 Aerzte das 
Eiserne Kreuz erhalten, ganz gewiß ein glänzendes Zeugnis für 
den Mut und die Hingabe, mit der unsere Kollegen im Felde ihres 
verantwortungsvollen Amtes walten. Verschiedenen Aerzten ist 
sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen, sei es „für hervor¬ 
ragende ärztliche Tätigkeit im Granat- und Schrapnellfeuer“ oder 
„für mutiges Ausharren bei der Versorgung Verwundeter in mehr- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1. 


3. Januar. 


stündigem ärgsten Gewehrfeuer“ oder „für besonders tapferes Ver¬ 
halten und aufopfernde Tätigkeit in der Schlacht“. Einer der so 
Ausgezeichneten war 18mal im Feuer und wurde zweimal ver¬ 
wundet. Bei solcher Bravour wird man sich über die Verlust¬ 
ziffern, die das Sanitätskorps betreffen, nicht wundern dürfen. 
In einem Bericht, der bis Mitte November reicht, finden sich 
folgende Angaben: Gefallen90, gestorben oder tödlich verunglückt34, 
verwundet 161, vermißt und gefangen 133. Demnach belief sich 
der Gesamtausfall zu der angegebenen Zeit, also bereits vor mehr 
als einem Monat, auf 418 Militärärzte. — Was übrigens unsere 
Aerzte leisten, zeigt in recht anschaulicher Weise die eben er- 
öffnete Ausstellung für Verwundeten- und Kranken-Für- 
sorge. An einer Unsumme von Modellen, Apparaten, Instrumenten, 
Bildern und statistischem Material wird dem großen Publikum in 
eindringlichster Form vorgeführt, wie vorzüglich Heeresverwaltung, 
Marine und freiwillige Krankenpflege für die leider nicht unbe¬ 
trächtliche Zahl von Verwundeten Sorge tragen. 


(Militärärztliches.) Ernannt wurden zu Landsturm-Regi- 
mentsärzten die DDr.: K. Gerus, A. Hampl, A. Pressfreund, 

K. Rössler; zu Landsturm-Oberärzten die DDr.: H. Barbay, 
H. Bezdck, M. Casper, W. Denk, G. Hassl, E. Herrmann, 
M. Jedlißka, 0. Kafka, J. Klepl, Pb. Lazareviö, L. Lebisch, 
O. Lenhart, A. Maciag, A. Mandl, W. Mestäk, A. Mikoläsek, 
E.Romanowszky,B. Schweinburg, V.Vranjican, J. Wagner, 
R. Werner; zu Landsturm-Assistenzärzten 148 Aerzte. — In An¬ 
erkennung tapferen und aufopferungsvollen Verhaltens vor dem 
Feinde ist dem O.-St.-A. II.Kl.Dr.A. Heiss des 44.L.-I.-Div.-Kmdo., 
St.-A. Dr. H. Berger, Sanitätschef der 110. Lst.-l.-Brigade, R.-A. 
Dr. D. Jurkowicz des L.-I.-R. Nr. 15, O.-St.-A. II. Kl. Doktor 

L. Glück, Sanitätschef der 26. L.-I.-Div., St.-A. Dr. A. Ober¬ 
länder der 13. L.-I.-Div., R.-A. d. Ev. Dr. G. Geber, Komman¬ 
danten des Reservespitals in Usora, das Ritterkreuz des Franz 
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem A.-A.-St. 
d. Res. Dr. J. Gangl des L.-I.-R. Nr. 4, O.-A. d. Ev. Dr. L. Elznic, 
Lst.-O.-A. Dr. J. Klepl und Lst.-A.-A. Dr. J. Syrovy des Lst.-I.-R. 
Nr. 38, O.-A. d. Ev. Dr. A. Steiner der Div.-San.-A. Nr. 30, 
Lst.-Arzt Dr. D. Karamann beim Festungs-Sp. Nr. 1 Risano, 
A.-A. d. Ev. Dr. A. Silbermann das Goldene Verdienstkreuz mit 
der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, dem R.-A. 
Dr. V. Kroboth des Ldsch.-R. Nr. III. R.-A. Dr. J. Zavrel, des 
Garn.-Sp. Nr. 2 Wien, R.-A. Dr. F. Kodera der 110. Lst.-I.-Bri- 
gade, R.-A. d. Ev. Dr. L. Lenk des L.-I.-R. Nr. 10, R.-A. Doktor 

K. Sternbach des L.-I.-R. Nr. 16, R.-A. Dr. J. Konta und O.-A. 
d. Ev. Dr. K. Fischer des Lst.-I.-R. Nr. 38, O.-A. d. Ev. Doktor 
E. Steiner des Ldsch.-R. Nr. II, O.-A. d. Res. Dr. J. Zügner des 

L. -I.-R. Nr. 1, St.-A. Dr. G. Stein der 22. L.-I.-Div. die a. h. be¬ 
lobende Anerkennung ausgesprochen worden. — In Anerkennung 
hervorragender und aufopferungsvoller Dienstleistung vor dem 
Feinde ist dem Landsturmarzt Dr. L. Kirchmayer das Ritter¬ 
kreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des MititärVerdienstkreuzes 
verliehen worden. — Im nichtaktiven Stande des marineärztlichen 
Offizierskorps wurden ernannt zu Linienschiffsärzten d. Res. die 
Fregattenärzte d. Res. DDr.: F. Ertl, F. Groyer, R. Pils, 
R.Goldmann, R.Kovanid, E. Fügner, A. v. Posch, K. v. Braun, 
W. Mestak, K. Müller; zu Fregattenärzten d. Res. die Marine- 
Assistenzärzte d. Res. DDr. H. Pleschner, W. Neumann, 
E. Färber, J. Fügner, J. Müller, M. Mahoritsch; zum Linien¬ 
schiffsarzt der Seewehr Fregattenarzt der Seewehr Dr. F. Chour; 
zu Fregattenärzten der Seewehr die Marine-Assistenzärzte der 
Seewehr DDr. St. v. Gothard, E. v. Mihalkovics, E. Sieber. 
— Im Landwehrärztlichen Offizierskorps wurden ernannt zu Ober¬ 
ärzten d. Res. die A.-Ae. d. Res. DDr. 0. Haller des L.-I.-R. 
Nr. 3, 0. Silberknopf der Reitenden Ldsch.-Div.; zum Stabsarzt 
d. Ev. des Reg.-A. d. Ev. Dr. H. Matzke, zum Regimentsarzt 
d. Ev. der O.-A. d. Ev. Dr. A. Moravek, zu Oberärzten d. Ev. 
die A.-A. d. Ev. DDr.: H. Guth, M. Neuwirth, J. Krist, S. Da¬ 
nielski, S. Hopfen, V. Verdross, E. Strasser, V. Blum, 
G. Jurgev, A. Motyka, S. Teufel, K. -Wirth, 0. Zimmer¬ 
mann, M. Kessler, E. Jellinek, V. Mährer, 0. Bencsi; 
zu Regimentsärzten außer Dienst die O.-Ae. a. D. DDr. J. Selzer, 
R. Pressburger, zu Oberärzten außer Dienst die A.-Ae. a. D. 
DDr.: E. Clodi, S. Russ, A. Schwarz, S. Steuermark, K. Je¬ 
linek, W. Scheichl, F. Bauer, J. Grandi, A. Reinert, L. Fi- 
lipkiewicz. 

(Personalien.) Dem praktischen Arzt Dr. W. Li er in 
Przemysl ist in Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen 

HM-nureber Eigentümer und -Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Ber 

Herwege , * Druck tou Gottlieb Gistel & Cie 


Verhaltens vor dem Feind das Goldene Verdienstkreuz mit der 
Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden. — Die 
Bezirkfcärzte DDr. E. Horak, M. Horn und A. Lederer in 
Bosnien sind zu Oberbezirksärzten ernannt worden. 

(Römisches Militär-Sanitätswesen.) Dem römischen 
Denkmalbestand Oesterreichs ist — wie der „Wr. Abdp.“ geschrie¬ 
ben wird — zu entnehmen, daß die weitaus meisten darin vorkom¬ 
menden Aerzte dem Militärverband angehören. Behandelt wurden 
die verwundeten oder kranken Soldaten teils in ihren Zelten, teils 
in dem Lazarett, dem Valetudinarium. In der Lagerfestung stand 
das Valetudinarium unter dem Kommando des Lagerpräfekten und 
batte eigene Beamt« und Krankenwärter, ln dem rechts von der 
Reichsstraße Wien — Hainburg gelegenen und etwa zwei Drittel 
der ganzen, im Altertum rund 18 Hektar groß gewesenen Carnun- 
tiner Lagerfläche umfassenden Teile wurde im Jahre 1904 süd¬ 
westlich vom sogenannten Quästorium ein viereckiger Gebäude¬ 
komplex ausgegraben, der eine Gesamtfläche von nahezu 6000 Qua¬ 
dratmeter bedeckt und dessen Mitte ein großer Hof einnimmt. An 
der analogen Stelle liegt in dem bereits völlig ausgegrabenen rö¬ 
mischen Lager Novaesium bei Neuß am unteren Rhein ein vor 
dem Jahre 1904 gefundener, mit großen Zimmern ausgestatteter 
Bau ähnlichen Grundrisses, der besonders nach den in einem seiner 
Räume entdeckten ärztlichen Instrumenten — sieben Sonden und 
Salbreiber, die Bruchstücke eines gläsernen Töpfchens, wie ein 
solches mit Salbresten bedeckt in dem Grabe eines römischen 
Arztes in Köln gefunden wurde, eine Feld-Salbenbüchse usw. — 
und einer uns aus dem Altertum überkommenen Marschlagerbe¬ 
schreibung als Lagerspital und Sitz der ganzen Sanitätskolonne 
der Legion erklärt wurde. Durch die Bezeichnung medicus Ordi¬ 
narius oder, wie es in der Inschrift von Nieder-Bieber heißt, „hor- 
dinarius“, unterscheidet sich der römische Militärarzt von den 
Zivilpersonen gleichen Standes. Wie in der Zeit der Republik für 
die Verwundeten und Kranken des Heeres gesorgt wurde, dar¬ 
über lassen uns die historischen Quellen ganz im Stiche. Sicher 
ist, daß es in den ersten sechs Jahrhunderten Rom9 keine Aerzte 
von Profession gab und daß, wie der Geschichtschreiber Titus 
Livius gelegentlich der Erwähnung der Schlacht von Sutrium im 
Jahre 311 v. Chr. im letzten Buche seines GeschichtsWerkes sagt, 
zuweilen nach der Schlacht mehr Soldaten an ihren Wunden star¬ 
ben, als in der Schlacht selbst gefallen waren. Militärärzte in 
voller Tätigkeit sieht man zum Beispiel auf der Trajans-Säule in 
Rom. Da sind zwei Aerzte mit dem Verbinden von Wunden und 
Ausziehen von Pfeilen beschäftigt, und bewaffnet sind sie wie an¬ 
dere Soldaten. Wichtig ist, daß mit der frühen Kaiserzeit die Or¬ 
ganisation des Sanitätswesens in der Armee begann und daß nun¬ 
mehr alle Truppenteile mit Aerzten versehen waren. In diesem 
Zusammenhänge seien zwei Aerzte-Inschriften aus Carnuntum er¬ 
wähnt, die freilich mit dem Militär kaum in Verbindung zu brin¬ 
gen sind. Die eine ist eine griechische Inschrift, deren Original 
verschollen ist, und betrifft einen Arzt, der im Gefolge des Kaisers 
Hadrianus im Jahre 121 n. Chr. nach Carnuntum kam und dort 
starb. Sie gehört zu den wenigen bis jetzt in Niederösterreich ge¬ 
fundenen, in griechischer Sprache abgefaßten Inschriften. Noch un¬ 
veröffentlicht ist ferner der vom Petroneller Burgfelde herrührende 
Grabstein des Arztes Eucratus, eines Sklaven des Arztes Lucius 
Julius Euthemus. 

(Ersatz der Verbandstoffe durch Zellstoff und Pa¬ 
pier.) Das Ministerium des Innern verlautbart folgendes: Der ge¬ 
steigerte Bedarf an den gebräuchlichen Baumwollverbandstoffen 
läßt die allgemeine Einführung von Ersatzmitteln wünschenswert 
erscheinen. Insbesondere kommen Zellstoffwatte (als Auf sauge- 
und Polstermittel) sowie Papierbinden (Ersatz für Kalikotbinden) 
in Betracht. Diese Ersatzmittel wurden bisher nur in geringem 
Maße verwendet und meist aus dem Auslande bezogen, ln letzter 
Zeit haben nach einer Mitteilung des Vereines der österreichisch¬ 
ungarischen Papierfabrikanten, Wien, I., Schwangasse 1, auch 
inländische Papierfabriken die Herstellung von schmiegsamen Pa¬ 
pierbinden der gebräuchlichsten Breiten sowie von Zellstoffwatte 
aufgenommen. Der Verein hat ferner auf die Verwendung von 
Papiertaschentüchern und Papierservietten für Infektionsspitäler 
sowie auf die Verwendung von Pappe für die Verkleidung von 
Krankenbaracken und anderen Barackenbauten aufmerksam gemacht. 


Sitzungs-Kalendarium. 

Freitag, 8. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Fra,lk " 
gasse 8.) _______ 

a. — Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien. 

, Wien, EU., Münsgaeee 0. 


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Original frnm 

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XI. Jahrgang. 


Nr. 2. _Wien, 10. Jannar 1915. 


Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert von ljj Verlag von 

Professor Dr. Kort Brandenburg | Urban d Schwarzenberg 

Berlin | Wien 


der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Dr. 0. Nordmann, Kriegschirargisehe Erfahrungen im Feldlazarett. 
Prot.Dr.Riehl, Zur Tetanushehandlimg. Prof. Dr. 0. Adam, Augenverletzungen im Kriege und ihre Behandlung. (Mit 2 Abbildungen.) — Abhand- 
Prof. Dr. tranz Hamburger, Ueber tuberkulöse Infektion und Reinfektion. — Berichte Uber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: 
Prüf. Dr, B. S p 1 e t n°fi. Zur Methode der Eigenblutbehandlung. Otto Rupp, Beitrag zum gegenwärtigen Stand der Abortfrage. Sanitätsrat 
Dr.H.Freund, Leber längeren Gebrauch vonAdalin. — Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft: Georg Benesta d, Ist Colostrum 
^ unreife Dekret einer insuffizienten Mamma? Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens: Dr. Eduard Schott, Schwere 
Rückenmarkläsion nach einem leichten Trauma. Referatenteil: Sammelreferat: Sanitätsrat Dr.Franz Bruck, Neuere klinische und experimentelle 
Arbeiten aus dem Gebiete der inneren Medizin. — Ans den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhand- 
Iwgen. - Berufs- und Standesfragen : Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. Morphologisch-physiologische Gesellschaft in Wien. 
\\ lssenschaftucne Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen. Berliner Kriegsärztliche Abende. Kriegschirurgischer Abend in Lille (Frankreich). 24. Kon¬ 
greß der Italienischen Gesellschaft für innere Medizin. Feldpostbrief aus Polen. — Kleine Mitteilungen. 

_P» VirU >9 tusm&HtßHdu RscM der VtrvUlfättigunf und Vtrbrvitung d$r in diotmr mm Mnchetem ftlangmdon Ortynalbritrdgt vor. 




Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Kriegschlrarglsche Erfahrungen iui 
Feldlazarett 1 ) 


von 

Dr. 0. Nordmann, 

Stabiant im 12. Reserve-Feldlazarett des I. Reservearmeekorps. 

Die Sohussverletzungen des Bauohes. 

Die Schußverletzungen des Abdomens haben wir 
in sehr großer Anzahl gesehen; sie müssen zu den aller- 
ungünstigsten Verletzungen gerechnet werden. Der 
Glaube, daß sie bei einer abwartenden Therapie in 
einem nennenswerten Prozentsätze geheilt würden, 
maß in das Reich der Fabel verwiesen werden. Die 
meisten derartig Verletzten sterben auf dem 
Schlachtfelde. Bei Dorothowo sah ich 71 Tote auf dem 
Schlachtfeld, unter denen ich 20 Bauchschußwunden zählte. 

Von denen, die ins Lazarett eingeliefert werden, stirbt 
auch noch die größte Mehrzahl. Die Patienten können sich 
tagelang bei absoluter Nahrangsentziehung und unter hohen 
Morphiumgaben wohl fühlen und man kann schon hoffen, 
daß alles gut geht —, plötzlich kollabiert der Kranke, der 
Bauch ist bretthart gespannt, Erbrechen und Aufstoßen treten 
auf und in wenigen Stunden ist der Verwundete seinen 
Wen erlegen. 

Ich habe sieben Bauchschüsse hellen sehen, die ich 
Der Wochen lang in den Augen behalten habe und zum 
feil einen weiteren Monat später wiedergesehen habe — im 
ergieich zu der Gesamtzahl der mit einem Bauchschuß 
^gelieferten Patient ein sehr unbefriedigendes Resultat, 
m Frage liegt nahe, ob es möglich wäre, es zu bessern, 
iof'tt a j ,80 ^ u * 1 verneint werden. An eine Laparotomie 
ni-fr'u ^ zare tt kaum zu denken, da die Verwundeten 
P otzüeh in großer Anzahl einzutreffen pflegen und alle 
«ZV ebraucht werden * Wollte man einen Bauchschnitt 
ersucüen, so würde viele kostbare Zeit verschwendet, die 
d»Pf i ? ndern Verletzten zugute kommen muß. Und 

Mojg einer Laparotomie würde in der größten Mehr- 
dp«An j < * Drc * 1 äu ß6ven Verhältnisse, unter 
tftostig Fe ^ azaretfc zu arbeiten gezwungen ist, un- 

daß k. ann so ß ar noch weiter gehen und behaupten, 
eina e n Wm ^ d * e vom Bauchschüsse genesen 1 , durch 

Operation geschädigt würden. Die Verhältnisse 

l^rglden Aufsatz Norduafann in Nr. I,il915. 

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liegen so: Entweder kommt der Verletzte in einem guten All¬ 
gemeinzustand ins Lazarett, der Puls ist langsam und regel¬ 
mäßig, Erbrechen und Aufstoßen haben bereits nachgelassen; 
von dieser Gruppe von Patienten hat eine Anzahl Aussicht, ge¬ 
heilt zu werden. Würde man sie einer Laparotomie unter¬ 
werfen, so würde man Gefahr laufen, die entstandenen 
schützenden Verwachsungen wieder zu lösen. Andere Ver¬ 
letzte, und das ist die Mehrzahl, kommen bereits mit den 
klinischen Zeichen der allgemeinen Bauchfellentzündung 
ins Feldlazarett; der Bauch ist aufgetrieben und gespannt, 
der Puls klein und beschleunigt, die Zunge trocken. Da 
ist alle Hilfe aussichtslos; aus den Erfahrungen der Friedens¬ 
praxis weiß man, daß der Bauchschnitt das Ende nur be¬ 
schleunigt. 

Nach diesen Erwägungen haben wir nichts weiter getan, 
als dem Kranken jede Nahrungsaufnahme verboten 
und ihm fortgesetzt hohe Morphiumgaben verabreicht. Eine 
längere Darreichung von Opium halte ich nicht für ratsam, 
da der Meteorismus unerträglich für den Kranken wird; wir 
haben den Darm dadurch ruhig gestellt, daß wir zwei Tage 
hindurch dreimal 20 Tropfen Tct. opü verordneten. Der 
Patient wird gut gelagert. Jedes Aufrichten und Umbetten 
wird verboten. Der Bauch wird täglich vorsichtig abgetastet 
und auf entstehende Resistenzen geachtet, damit ein Absceß 
bei Zeiten erkannt wird. Aus dem gleichen Grunde sind 
häufige rectale Untersuchungen vom Ende der ersten Krank¬ 
heitswoche ab notwendig. 

Fünf von unsern geheilten Patienten gaben an, sieben 
bis zwölf Stunden vor der Verletzung kein Getränk und 
keine Speisen zu sich genommen zu haben und morgens in 
der Frühe verletzt zu sein. Vielleicht war das ihr Glück 
Alle unsere Patienten hatten zunächst nach der Verwundung 
leichte peritonitische Reizerscheinungen gehabt die 
allmählich wieder abklangen. Bei zweien entwickelte* sich 
m der rechten beziehungsweise linken Unterbauchgegend eine 
Resistenz von ungefähr Faustgröße, die hart und schmerz¬ 
haft war. Die Temperatur blieb jedoch normal und das 
Exsudat wurde spontan resorbiert. Ein Patient bekam einen 
Douglas absceß, der sich in das Rectum hinein öffnete. 
Bei den übrigen vier Kranken heilten die Schußwunden ohne 
jeden Zwischenfall. 

Die ersten sechs bis acht Tage erhielten die Kranken 
keinerlei Nahrung, das Durstgefühl wurde durch Wasser¬ 
einläufe in das Rectum bekämpft. In der zweiten Krank¬ 
heitswoche bekamen sie kleine Dosen schwarzen Tees 
dünnen Haferschleim, Rotwein mit Wasser usw. Elf bis 

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10. Januar. 


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zwölf Tag© nach der Verwundung wurde ein kleines Oel- 
klistier gegeben und erst in der dritten Krankheitswoche 
das erste Laxans verordnet. 

Ich brauche nicht ausdrücklich betonen, daß ich unter 
den geheilten Bauchschußwunden nur diejenigen Fälle 
aufzähle, bei denen es auf Grund der klinischen Erschei¬ 
nungen unzweifelhaft feststand, daß die Kugel die Bauch¬ 
höhle im Bereiche der Darmschlingen durchbohrt hatte. 
Nicht mitgerechnet habe ich diejenigen Kranken, bei denen 
die Schußwunden im Epigastrium lagen und die Leber 
oder die Milz verletzt war, ausgesprochene peritonitische 
Erscheinungen aber fehlten. Ich habe ferner noch eine 
ganze Reihe von Schußwunden gesehen, bei denen die Kugel 
zu einer Ein- und Ausschußöffnung in den Bauchdecken ge¬ 
führt hatte, eine Verletzung des Peritoneum aber mit Sicher¬ 
heit auszuschließen war. 

Wir bekamen sieben Patienten in unsere Behandlung, 
bei denen eine oder mehrere fistulae stercorales be¬ 
standen. Fünf von ihnen gingen allmählich an EntkraftuDg 
zugrunde. Bei zwei Patienten bestand eine ausgedehnte 
Phlegmone der Bauchdecken, die lange Einschnitte er¬ 
forderlich machte. Die Fisteln mündeten bei beiden in den 
Dickdarm. Diese Kranken wurden geheilt. 

Verletzungen der Harnorgane. 

Verletzungen der Blase, der Ureteren und der 
Urethra haben wir in größerer Anzahl gesehen. 

Zweimalentleerte sich der Urin aus einer Schußwunde 
oberhalb der Symphyse; andere Symptome einer peritonealen 
Verletzung fehlten. Beide Kranke zeigten bei der Einlieferung 
bereits die Symptome der septischen Urininfiltration; die 
Gegend der Leistenbeugen war infiltriert und sehr empfindlich, 
der Allgemeinzustand der Kranken schlecht. Ich machte aus¬ 
gedehnte Einschnitte und eröffnet© die Blase durch einen 
Schnitt im Cavum Retzii und führte ein dickes Drain 
in sie ein. Der eine Kranke starb unmittelbar nach der 
Operation, der andere Fall ging in Heilung aus, nachdem 
noch mehrere Einschnitte notwendig geworden waren. 

Das Wichtigste ist in diesen Fällen, daß durch die 
Sectio alta für einen ungestörten Abfluß des Urins 
gesorgt wird und die Urininfiltration bis ins Gesunde hinein 
durch große Einschnitte eröffnet wird. Die Freilegung der 
Blase kann technisch schwierig sein, da sie durch den kon¬ 
tinuierlichen Abfluß des Urins aus der Schußwunde kolla¬ 
biert ist. Man muß sich hüten, das Bauchfell zu verletzen, 
indem man vorsichtig in die Tiefe dringt und das Peri¬ 
toneum nach oben abschiebt. Man kann sich die Blase da¬ 
durch entgegendrängen und kenntlich machen, daß man 
einen dicken Metallkatheter in sie hineinführt. 

Sichere Verletzungen des Harnleiters habe ich zwei¬ 
mal gesehen. Beide Fälle waren durch anderweitige intra¬ 
peritoneale Verletzungen kompliziert. Bei einem Kranken floß 
der Urin aus einer in der Höhe des rechten Darmbeinstachels 
befindlichen Einschußöffnung ab. Bei dem andern entleerte 
er sich aus einer Schußwunde am linken Trochanter major; 
bei letzteren Patienten lag der Einschuß neben dem Nabel. 

Ich habe bei beiden Patienten die Urininfiltration durch 
einen langen extraperitonialen Schnitt am Darmbein¬ 
kamme gespalten, bin auf den Ureter eingedrungen, habe 
ihn aber in dem schwerveränderten Gewebe nicht isolieren 
können. Die Wunde wurde breit tamponiert. Der eine 
Kranke starb unter den Zeichen der Sepsis, der andere er¬ 
lag einer Bauchfellentzündung, die ohne Zweifel durch eine 
gleichzeitige Darmverletzung hervorgerufen war. 

Zerreißungen der Urethrahabe ich achtmal gesehen; 
sechsmal, bestand eine gleichzeitige Verletzung der Becken¬ 
knochen. Alle diese Kranken hatten eine vorgeschrittene 
periurethrale Phlegmone, die auf das Scrotum und die 
Leistenbeugen übergegangen war. In erster Linie habe ich 
stets durch einen Einschnitt am Damme die centrale 


Urethralmündung aufgesucht, einen Katheter in die Blase 
eingeführt, mit einer Naht an der Haut fixiert und die 
Phlegmone ausgiebig gespalten. Fünf Patienten gingen trotz 
aller Mühe septisch zugrunde, drei wurden geheilt. 

Auch in diesen Fällen muß in erster Linie durch 
Einlegung eines Verweilkatheters oder durch die Sectio 
alta, wenn die Auffindung des centralen HarnrÖhreneades 
mißlingt, für einen ungehinderten Abfluß des Urins 
Sorge getragen werden. Niemals soll man sich ver¬ 
leiten lassen, auch unter scheinbar günstigen Verhältnissen 
bei einer frischen Schußverletzung der Urethra eine 
Resektion und Naht derselben auszuführen. Denn eine sorg¬ 
fältige Nachbehandlung ist im Feldlazarett unmöglich 
und der Kranke kann bei einem Mißlingen der Operation 
in die größte Gefahr kommen, wenn die Naht während des 
Transports insuffizient wird. Stets beschränke man sich 
darauf, eine typische Urethrotomia externa oder eine 
Sectio alta zu machen. 

Sohussverletzungen des Rectums. 

Schußverletzungen des Rectums haben wir sel¬ 
tener gesehen. Sie waren sämtlich infiziert. Der Schu߬ 
kanal verlief mehrere Male durch einen oder beide Ober¬ 
schenkel und hatte den Darm in der Höhe des Anus oder 
weiter proximal durchbohrt. In der Regel entleerte sich 
Eiter aus den Wunden, der nach Bacterium coli roch. Man 
fühlteinderUmgebungderWunden beziehungsweise bei der Ab¬ 
tastung des Rectums von innen schmerzhafte Infiltrate, 
welche durch infizierte Blutergüsse hervorgerufen waren. 

Bei diesen Kranken habe ich durch einen radiären 
Einschnitt den Eiter entleert und die Höhle drainiert. 
Die Schußkanäle wurden ausgiebig gespalten. Wiederholt 
mußte derSphincter ani geopfert werden, um dem hoch 
im periproktitischen Gewebe sitzenden Eiter Abfluß zu ver¬ 
schaffen. Alle diese Kranken wurden geheilt. 

Einige Male verlief die Richtung des Schußkanals sagit- 
tal und es war gleichzeitig das Scrotum beziehungsweise 
der Testikel mitverletzt. Die Weichteile waren stark sug- 
giliert und zuweilen lag der Testikel vollkommen frei. Die 
Wunden wurden mit Jodoformgaze bedeckt und auf jede 
Naht verzichtet. In der Regel stießen sich hinterher Teile 
des Scrotums und der Testikel ab. 

Der Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, wird wahr¬ 
scheinlich erstaunt sagen: Die Kriegschirurgie des Feldlaza¬ 
retts ist eigentlich ein sehr einfaches Gebiet, denn wich¬ 
tige chirurgische Eingriffe kommen ja eigentlich gar nicht 
in ihm vor. Das ist richtig! Die wenigen Operationen, 
die ich ausgeführt habe, wurden in den Reservelazaretten 
erledigt, in die unser Feldlazarett vorübergehend eingesetzt 
worden war. 

Dem ins Feldlazarett eingelieferten Verwundeten droht 
in erster Linie eine Gefahr, nämlich der Polypragma- 
tiker. Derjenige Chirurg, der seinen Beruf darin erblickt, 
über ein möglichst großes operatives „Material“ zu verfügen, 
richtet in der Kriegschirurgie das größte Unheil an. Der 
Arzt, der eine gewisse chirurgische Vorbildung genossen 
hat, keinen unnötigen Verbandwechsel vornimmt, 
gute immobilisierende Verbände machen kann, be¬ 
sonders die Technik des Gipsverbandes beherrscht, 
die Indikation zum geringsten operativen Eingriffe 
gewissenhaft abwägt und den Verwundeten schnell 
und gut transportfähig macht, der ist im Feld¬ 
lazarett am richtigen Platze. 

Das Schicksal der Verletzten entscheidet sich im 
modernen Krieg im Etappen- oder Reservelazarett 
Dort können die Chirurgen von Fach entsprechend den 
Regeln der Friedenschirurgie am besten wirken. 

Nebenher sei noch einer in der Tagespresse des Aus¬ 
landes verbreiteten Ansicht cd tgegengetreten I Es ist be- 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


Bl 


hauptet worden, es herrsche in den mobilen Formationen 
des deutschen Heeres ein Aerztemangel. Dieser Glaube 
ist irrig. Auch in bezug auf die ärztliche Versorgung der 
Verwundeten ist von der deutschen Heeresverwaltung über¬ 
reichlich vorgesorgt worden. 

Desgleichen haben die zahlreichen Lazarett- und 
Krankenzüge den schnellen Abtransport der Verwundeten 
in die Heimat auf das Trefflichste bewältigt. 


Zur Tetaniisbehandlnng 

von 

Prof. Dr. Riehl, Wien. 

Die Therapie des Tetanus hat leider noch keine befriedigen¬ 
den Resultate gezeitigt, doch das vielseitige Bestreben, diese 
schreckliche Wundkrankheit mit neuen Mitteln und Methoden er¬ 
folgreich zu bekämpfen, ist begründet genug. In gewissem Sinne 
soll auch die von mir in Vorschlag gebrachte Chlorbehandlung des 
Tetanus curatBe Erfolge zeitigen, in der Hauptsache aber prophy¬ 
laktisch wirken. 

Am besten verständlich werden die Aufgaben der Tetanus- 
bek&ndlung an der Hand der Pathologie, wie dies jüngst Professor 
Paltauf in der Diskussion über den Vortrag Dr. Wiesels 1 ) in 
mustergültiger Weise gezeigt hat. 

Das Auftreten der ersten klinischen Symptome des Tetanus 
ist, wie aus allen Befunden und Experimenten hervorgeht, bereits 
durch eine schwere anatomische Schädigung der centralen Gan¬ 
glien des Hirnes bedingt, welche durch Resorption der Tetanus¬ 
toxine vom Infektionsherde hervorgerufen ist. 

Bei der descendierenden Form des Tetanus, die beim mensch¬ 
lichen Wundstarrkrämpfe fast ausschließlich beobachtet wird, hängt 
demnach der Erfolg unserer Therapie, wenn einmal Krampf er sch ei¬ 
nigen eingetreten sind, davon ab, ob es gelingt, die Läsionen der 
Xerrencentren noch zu beeinflussen oder nicht. 

Wenn wir von den symptomatischen Erfolgen, die durch 
Xarkotica, Magnesium usw. erzielt werden können, abseheD, hat in 
dieser Richtung die Therapie bisher fast keinen Erfolg aufzuweisen. 
Die Hoffnung, welche man auf das Tetanusserum gesetzt hat, ist, 
soweit sich das heute überblicken läßt, nicht erfüllt worden; die 
durch das Tetanustoxin im Nervensystem gesetzten anatomischen 
Veränderungen sind auch durch die größten Serumdosen nicht 
mehr zu beseitigen, wenn die ersten Krampfsymptome in einzelnen 
Muskelgruppen bereits aufgetreton sind. In diesem Stadium hat sich 
auch die operative Entfernung des Infektionsherds als erfolglos gezeigt. 

Die ätiologische Therapie, welche den Erreger bekämpfen 
oder die durch ihn erzeugten Toxine unschädlich machen will, 
maß also in einem früheren Stadium einsetzen, in dem es noch 
nicht zur Resorption größerer Toxinmengen und zur schweren 
Schädigung der Ganglienzellen gekommen ist, das heißt zu einer 
Zeit, in welcher von Tetanussymptomen noch keinerlei An¬ 
leichen vorliegt. 

Die Schwankungen in der Inkubationszeit des Tetanus be¬ 
ruhen bekanntlich auf der Schwere der Infektion; größere Gift¬ 
mengen wirken rascher deletär. Da die Tetanusinfektion bei den 
Kriegsverletzungen durch Eindringen von Erde, beschmutzten Klei¬ 
dern usw. in die Wunde gleichzeitig mit der Verletzung oder 
durch Kriechen der Verwundeten auf der Erde, beim Transport usw. 
wstendekommt, bildet die Wund Versorgung beim ersten Verband 
einen der wichtigsten Faktoren bezüglich der Tetanusprophylaxe. 

Solche von vornherein infizierte Wunden, die, meistens durch 
Artilleriegeschosse entstanden, ausgedehnte Quetschungen und Zer- 
Jrümmerungen des Gewebes und unregelmäßig buchtige, zerrissene 
formen auf weisen, sind durch einen aseptischen Verband durchaus 
nicht ausreichend versorgt. Man muß vielmehr verlangen, daß sie 

tunlichst von Fremdkörpern gereinigt und desinfiziert werden, 
damit Tetanusbacillen womöglich nicht zur Entwicklung gelangen 
kOnnen. 

Diese Ueberzeugung hat sich vielfältig bereits aufgedrängt 
nnd zu mannigfaltigen Vorschlägen geführt, die zum Teil sehr 
radikale Eingriffe vorstellen: so die Verätzung der ganzen Wunde 
®jt konzentrierter Carbolsäure, Verschorfung mit dem Pacquelin, 
oder selbst die primäre Amputation. 

Ich möchte auf ein weniger eingreifendes Desinfektionsmittel 

J) [?■ Protokoll der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Sitzung 
T oo 21. November 1914. (W. kl. W. 1914, Nr. 49.) 


kinweisen, welches energisch fäulniswidrig wirkt und schon in 
vorantiseptischer Zeit sich als gutes desodorisierendes und die 
Abstoßung nekrotischer Massen förderndes Verbandmittel erwiesen 
hat. Es ist dies Chlor, welches in geeigneter Form verwendet, 
ungefährlich ist. Früher als Wundverbandmittel häufig verwendet, 
wird es noch heute zu Desinfektionszwecken gebraucht. 

Chlor ist eine Substanz, die Bakterien verschiedener Art 
rasch zerstört und viele organische Verbindungen intensiv abzu¬ 
bauen imstande ist. Speziell über die Einwirkung des Chlors auf 
ein schweres organisches Gift, das Schlangengift, besitzen wir 
genauere Kenntnisse, welche dazu führten, daß Calmette und 
Paltauf das Chlor als Gegenmittel gegen Schlangengift empfehlen 
konnten. Es ist Paltauf gelungen, mit tödlichen Mengen von Kobra¬ 
gift injizierte Tiere durch Chlorbehandlung am Leben zu erhalten. 

Auf Grund dieser Erkenntnis habe ich vor einigen Jahren versucht, 

| die Chlorbehandlung nach Schlangenbiß auch Laien zugänglich zu machon. 
indem ich ein kleines Besteck anfertigen ließ, das in Forsthäusern, Jagd¬ 
hütten usw. deponiert, oder im Rucksacke mitgetragen. die Möglichkeit 
bietet, im Gebirge, weit entfernt von Arzt und Apotheke, rasch ein Heil¬ 
mittel gegen Schlangengift zur Verfügung zu haben. Das Besteck ent¬ 
hält eine Injektionsspritze, zwei sterilisierte Nadeln, ein kleines Meßglas 
und ein mit Paraffin geschlossenes Röhrchen mit in Pastillenform ge¬ 
preßtem Chlorkalk. Im Gobrauchsfalle wird das Meßgefäß bis zur Marke 
(15 g) mit Wasser gefüllt und darin eine Pastille (0,2o g Chlorkalk) zur 
Lösung gebracht. Man erhält dadurch Chlorwasser vom Titre 850 ccm 
Chlorgas auf 1000 g Wasser, eine Konzentration, welche vom lebenden 
Gewebe noch vertragen wird. In der dem Bestecke beigegebonen Ge¬ 
brauchsanweisung wird in gemeinverständlicher Form die Art der An¬ 
wendung dieser Lösung beschrieben. Unmittelbar nach der Verletzung 
durch den Schlangenbiß wird oberhalb desselben eine abschnürende Binde 
angelegt und dann rings um die Bißstelle die Chlorlösung in die Sub¬ 
cutis, eventuell Muskulatur injiziert. Nach mir zugekommenen Berichten 
von Aerzten und Laien hat sich diese Einrichtung bereits vielfältig als 
heilbringend erwiesen 1 ). 

Chlor zerstört Kobragift und die variablen, von andern 
Schlangenarten stammenden Gifte nicht bloß in vitro, sondern 
auch im lebenden Gewebe und ist daher in gewissem Sinne der 
Calmettesehen Serumbehandlung überlegen, da seine Wirkung 
nicht auf das specifische Schlangengift beschränkt ist, welches zur 
Herstellung des Serums gedient hat. 

Das Chlor soll demnach theoretisch bei der Tetanusbehand- 
lung eine zweifache Wirkung erzielen: erstens die eines energischen 
Antiseptikums, und zweitens dasTetanustoxin unschädlich zu machen. 

Bezüglich des ersten Punktes erfüllt das Chlor, in geeigneter 
Form gebraucht, seine Aufgabe. 

Wir haben bei unsern in den letzten Monaten vorgenom¬ 
menen Proben das Aqua chlori, das früher viel gebraucht wurde, 
aufgegeben und benützen Chlorkalk (Calc. bypochlorosum) als Ver¬ 
bandmittel. Chlorwasser verliert sehr bald an Wirksamkeit und 
ist im Feldo kaum in genügender Menge zu beschallen, während 
Chlorkalk mit Wasser, feuchter Luft oder Wundsekret in Berüh¬ 
rung gebracht Chlor in Gasform langsam abgibt und auf diesem 
Weg ähnlich wirkt wie Chlorwasser. 

Als beste Gebrauchsform hat sich uns ein Gemenge von einem 
Teil Chlorkalk mit neun Teilen Bolus alba erwiesen. Dieses Pulver 
kann direkt in größeren Mengen in die Wunden geschüttet oder 
durch einen Bläser auf die ganze Wundfläche aufgetragen werden. 
Dabei ist zu beachten, daß auch sinuöse Anteile der Wunden 
nicht Übersehen werden und ist eventuell durch Abtragung zer¬ 
quetschter Weiehteile, Entfernung von Knochensplittern, Kleider¬ 
fetzen und andern Verunreinigungen die Wunde möglichst zu 
reinigen und zugänglich zu machen. 

Die Erfolge solcher Chlorverbönde sind sehr befriedigend. Es 
erfolgt nach kurzer Zeit Abstoßung eventuell nekrotischer Ge- 
websteile, Desodorisierung und Granulationsbildung bei Verringe¬ 
rung der Sekretion. Die Verbände verursachen keinen Schmerz, 
sodaß wir die Cblorkalk-Bolus-Verbände in jeder Richtung, auch 
für die erste Wundversorgung empfehlen können. 

Bezüglich der zweiten Aufgabe der Chlortherapie ist zunächst 
die Fähigkeit des Chlors, auf Tetanustoxin ähnlich wie auf 
Schlangengifte zerstörend einzuwirken, noch einer genaueren Kon¬ 
trolle zu unterziehen, welche nicht bloß Calmettes Angaben 
nachzuprüfen hat, sondern über Dosierung, Einwlrkungszeit usw. auf 
experimentellem Wege Klarheit verschaffen soll. Solche Versuche 
sind derzeit im Gange und werden unter Prof. Paltaufs Leitung 
von meinem Assistenten Dr. Pr an t er ausgeführt, worüber später¬ 
hin berichtet werden wird. Von besonderer Wichtigkeit ist auch 
hier der Zeitpunkt, in welchem die Zerstörung der Toxine ein- 

~ l ) Siehe W. kl. W. 1907, No. 30. 


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UMIVERSITY OF IOWA 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


geleitet wird, da ja nur eine vor Schädigung der Ganglien er¬ 
folgte Therapie Nutzen stiften respektive Heilung bringen kann. 
Auch in dieser Beziehung müßte also auf eine möglichst frühe 
Anwendung des Chlors das größte Gewicht gelegt werden. 

Die Tendenz, den Tetanus prophylaktisch zu bekämpfen, ist 
auch schon bezüglich des Serums versucht worden — wie es 
scheint, mit gutem Erfolge (Exner in der obenerwähnten Dis¬ 
kussion). 

Wie bei allen prophylaktischen Maßnahmen kann nur eine 
vergleichende größere Statistik Aufklärung über die Erfolge geben 
und es wäre deshalb erwünscht, wenn die Chlor verbände in den 
ersten Verbandplätzen regelmäßig gebraucht würden. 

Die prophylaktische Chlorkalktherapie würde also vor andern 
antiseptischen Verbandmitteln die toxinzersetzende Wirkung voraus 
haben und sich gegenüber den Aetzverfahren, Amputationen usw. 
als konservatives und schmerzersparendes Verfahren empfehlen. 

Da sie aber auch für Lokalbehandlung der Wunden allen 
Anforderungen entspricht und speziell im Felde leicht als erstes 
Verbandmittel gebraucht worden kann, schlage ich vor — ab¬ 
gesehen von den andern therapeutischen Maßnahmen —, alle 
verunreinigten und namentlich durch Artilleriegeschosse 
hervorgerufenen Wunden möglichst rasch mit Chlorkalk- 
Bolus-Pulver zu verbinden, in der Absicht, dem Wachstum der 
etwa eingeführten Tetanusbaciilen hindernd entgegenzutreten und 
der Entstehung der Toxine vorzubeugen. 

Augenyerletznn gen im Kriege und ihre 
Behandlung*) 

von 

Prof. Dr. C. Adam, Berlin. 

TJntersuchungsmethoden und Diagnostik. 

Bei schweren Verletzungen der Augengegend hängt 
natürlich alles davon ab, ob der Bulbus und das Gehirn mit- 
verletzt sind oder nicht. Da diese Frage bei der häufig außer¬ 
ordentlichen Schmerzhaftigkeit der Augenverletzungen und 
dem dadurch bedingten krampfartigen Schluß der Lider nicht 
immer leicht zu entscheiden ist, so muß man, um sicli den Aug¬ 
apfel deutlich zu Gesicht zu bringen, in der bestimmten metho¬ 
dischen Weise Vorgehen. Man läßt den Patienten am besten 
Kückenlage einnehmen und träufelt auf das abgezogene Unter¬ 
lid einen Tropfen 5 bis 10°/ 0 ige Cocainlösung; hierbei hält 
man das Lid einige Zeit abgezogen, damit das Cocain nicht 
zu stark brennt und den Patienten veranlaßt, das Auge zu¬ 
zukneifen. Auch dann, wenn man das Unterlid wieder zu¬ 
rückgleiten läßt, ermahnt man den Patienten, gar nicht zu 
pressen, und hält sich bereit, durch Emporziehen der Augen¬ 
braue dies zu verhindern. Denn bei penetrierenden Ver¬ 
letzungen kann durch das Kneifen der Glaskörper und sogar 
die Linse aus dem Auge herausgepreßt werden. Nachdem man 
in dieser Weise etwa fünf Tropfen in Abständen von je zwei 
Minuten verabfolgt hat, wäscht man mit sauberen Händen 


die Lider und die äußere Um¬ 
gebung des Auges mit Seife 
und desinfiziert sie mit einer 
antiseptischen Flüssigkeit. Erst 
jetzt wird ganz vorsichtig das 
Auge geöffnet und eventuell unter 
Benutzung eines Desmarres- 
schen Lidhalters (Fig. 1) nach¬ 
gesehen, welcher Art die V er- 
Fetzung ist. Können wir keine 
direkte Verletzung sehen, ist also 
die Form des Bulbus erhalten, 
so lassen wir den Patienten aufsitzen und kontrollieren, ob die 
Sehschärfe gesunken ist oder nicht. Dann folgt die Unter- 

VVergl. die Nr. 47, 48, 49, 50, 51 dieser Wochenschrift. 



ng. 2 . 



Buchung bei seitlicher Beleuchtung, um sich über die Be¬ 
schaffenheit der Hornhaut, der Iris und Linse Rechenschaft 
zu geben. Dann folgt die Untersuchung mittels der Durch¬ 
leuchtung, um sich über den Zustand der brechenden Medien, 
speziell der Linse und des Glaskörpers zu orientieren und 
schließlich die Untersuchung mit dem Augenspiegel. Finden 
wir aber eine penetrierende Verletzung, so werden wir in 
ähnlicher Weise Vorgehen; wir müssen uns aber im Streben 
nach Genauigkeit davor hüten, zu weit zu gehen und dem 
Auge durch die Untersuchung einen Schaden zuzufügen. 

Vielfach wird man bei schweren Kriegsverletzungen nur 
Reste des Bulbus noch vorfinden, eventuell fehlt der Bulbus 
überhaupt, die Augenhöhle sieht aus, als ob eine regelrechte 
Enukleation vorgenommen wäre. In anderen Fällen ist der 
Bulbus wie ein Handschuhfinger umgestülpt und die Netzhaut 
als ein graues, oder die Aderhaut als ein braunes Häutchen 
liegen vor den Augen des Beobachters. 


Die erste Frage, die wir uns vorzulegen haben, ist die: 
Ist die Verletzung eine penetrierende oder nicht? 

Sieht man, wie eben erwähnt, Aderhaut und Netzhaut 
vor sich liegen, so ist die Frage natürlich leicht entschieden; 
schwieriger ist sie, wenn etwa durch kleine Granat- oder 
Steinsplitter die Penetrationsöffnung nur eine geringfügige ist 
oder wenn ein größerer Granatsplitter die Augengegend ge¬ 
troffen hat und nun zu entscheiden ist, ob dabei eine Er¬ 
öffnung des Bulbus eingetreten ist oder nicht. Einen Anhalt 
zur Beantwortung der Frage geben folgende Punkte: 

1. die Art der Verwundung und des verwundenden 
Gegenstandes; 

2. das Aussehen der Wunde, in die eventuell Iris, 
Aderhaut, Glaskörper usw. eingelagert sind; 

3. das Verhalten des intraokularen Druckes 1 ). Ist 
dieser stark herabgesetzt, so kann man eine Per¬ 
foration als sicher annehmen. Geringe Herabsetzung 
findet sich auch bei Kontusion ohne Eröffnung 
(vorsichtig prüfen!). 

4. Die Beschaffenheit der Vorderkammer. Liegt eine 
penetrierende Verletzung im Bereich der Yorder- 
kammer, so ist das Kammerwasser abgeflossen und 
die Vorderkammer aufgehoben. Eventuell liegen 
Teile der Iris in der Wunde. War die Perforations¬ 
öffnung sehr klein, wie z. B. durch abgesprengte 
Steinsplitter, so kann die Kammer schon wieder 
hergestellt sein und nur die Iriseinklemmung oder 
eine Cataracta traumatica lassen die Verletzung als 
eine penetrierende erkennen. Lag die Penetrations- 
Öffnung in der Sclera, so wird durch Verlust von 
Glaskörpers die Vorderkammer im Gegenteil ver¬ 


tieft sein. - 

5. Beschaffenheit der Linse. Ist diese kataraktos g 
trübt, so ist eine penetrierende Verletzung als sicne 

anzunehmen. _ , . Dn 

G. Prüfung der Projektion 2 ). Ist diese nach der eine 
oder anderen Seite aufgehoben, so spricht dies 

Annalimp einer penetrierenden vex- 


<) Die Prüfung wird in folgender Weise TOrgeno^en^Man 
t den Patienten stark nach unten bheken (nicht das ff Spitzen 
l setzt die beiden Zeigefinger hart am ^rbitalrand au f Fluk- 

das Oberlid und bewegt sie abwechselnd, als ob man ^ 
tion prüft. Zum Vergleich prüft man denn d an Man se tzt den 
r ) Man nimmt dieselbe m folgender Weisei vor. dcr Hand 
ienten auf einen Stuhl, läßt ihn das eme Auge^^ ^ 
ließen und den Blick des andern g Flamme nicht 

in führt man von seinem Rucken her(so daß eir de ]ektrisc h e n 
her sieht) eine Kerzenflamme oder den Schein eine^ ^ de s 
chenlampe für kurze Zeit nach o anzugeben, auf 

ienten. Ohne daß er nach der Flamme sieht, bat-er ^ Man ö V er 
eher Seite dieselbe sichtbar ^ e ^n ,.nd unten. W der Patient 
derholt man von links her, von oben und unten go . gfc anzu- 

»mal die Stellung der F, P?“ e „ n nc Ä a " e 1n?r Netzhaut ncht# 
men, daß auch die peripheren teile stmu 

Pionieren. 


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Original frn-m 

UMIVERSITY OF IOWA 






10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


33 


letzimg, weil es dadurch wahrscheinlich wird, daß 
eine Verletzung der inneren Häute, speziell der 
Netzhaut, eingetreten ist. 

Anmerkung: Blutungen in die Vorderkammer und in 
den Glaskörper, sowie Einrisse und Abrisse der Iris und Iris- 
M’hlottem kommen häufig auch bei nicht perforierenden Ver¬ 
letzungen, i. B. bei Streifschüssen, vor. 

Hat man unter Benutzung dieser Angaben die Diagnose 
auf eine penetrierende Verletzung gestellt, so hat man sich 
al? zweite Frage darüber klaT zu werden: Welche Teile ver¬ 
letzt sind und wo die Verletzung liegt. 

Wir sprechen zunächst von denjenigen Fällen, wo eine 
fast völlige Zerstörung des Augapfels eingetreten ist. Sei 
p? nun, daß der Bulbus mittelbar oder unmittelbar getroffen 
worden ist, dann pflegt der Augapfel weit offen dazuliegen, 
man erkennt, noch die Sklera an ihrer weißen, harten Be¬ 
schaffenheit. die Hornhaut an ihrer Durchsichtigkeit und die 
Iris und Aderhaut an ihrer Braunfärbung die Netzhaut als 
.Kinnes graues Häutchen, den Glaskörper an seiner galler¬ 
tigen Beschaffenheit und die Linse an ihrer besonderen Form. 
Ist der Bulbus nicht vollkommen zerstört, sondern ist die 
Form noch einigermaßen erhalten, so achten wir zunächst 
darauf, wo die Perforatiousstelie liegt. Außerordentlich häu¬ 
tig. besonders bei Streifschüssen, sieht man die Eröffnungs¬ 
stelle am Hornhautrande. Es ist dies die schwächste Stelle 
des Augapfels und platzt infolgedessen am leichtesten. 

Wir sprechen von einer direkten Ruptur, wenn die Er¬ 
öffnung an der Stelle liegt, an der die verletzende Kraft an¬ 
greift. von einer Kontraruptur, wenn der Bulbus an der gegen¬ 
überliegenden Seite geplatzt ist. Beides kommt bei den 
Kriegsverletzungen, speziell bei Streifschüssen,' vor. Dabei 
kann die verletzende Kraft durch das Lid hindurch wirken, 
ohne dieses in erheblichem Maße mit zu verletzen. Man 
achtet dann darauf, welche Teile des Augeninnern in der 
Wunde liegen, denn davon hängt sehr wesentlich die Prognose 
siehe vom) ab. Man erkennt Regenbogenhaut und Aderhaut 
ebenfalls an ihrer braunen Färbung, Netzhaut an ihrer grauen 
Farbe und Glaskörper an seiner gallertigen Beschaffenheit. 

Sind wir zu der Ansicht gekommen, daß es sich nicht 
um eine Eröffnung des Augapfels, d. h. um eine nicht pene¬ 
trierende Verletzung handelt, so legen wir uns die dritte 
Frage vor: Welche Teile des inneren Auges ver¬ 
letzt sind. 

Wir haben oben im speziellen Teil schon darauf hin¬ 
gewiesen, daß Trübungen der Hornhaut Vorkommen, 
Blutungen in die Vorderkammer, Zerreißungen und Ab- 
reißungen der Iris, Verlagerung der Linse, und was besonders 
bäulig bei den Kriegsverletzungen einzutreten pflegt, mehr 
oder weniger starke Blutungen in den Glaskörper*). Ist 
die Glaskörperblutung nicht zu stark und ein Einblick in 
das Innere des Auges unmöglich, so kann man im Äugen¬ 
dem Aderhaut- und Netzhautzerreißung, Aderhaut- und 
Netzhautblutiing, zuweilen auch Netzhautabhebungen sehen. 
'Näheres siehe im speziellen Teil unter Aderhaut — Netzhaut.) 

hie vierte Frage ist: Ist der Sehnerv betroffen 
°der nicht. 

Biese Frage wird dann besonders in Betracht kommen, 

*) Glaskörperblutungen kann man diagnostizieren, ohne in der 
*ir i flphthalmoskopmrens geübt zu sein: Man stellt, eine Lampe 

hinter den Patienten, sodaß das zu untersuchende Auge im 
.Ir S^i ( * ann nimmt der Untersucher einen Augenspiegel, 

’r U | 'hfl so gegen seinen Orbitalrand, daß er bequem durch das 

, ts • S pi<’gc*k bindurchsehen kann, und schließt, das andere Auge. 
p‘ or nvn eine Entfernung von 30 cm zwischen sich und dem 
< inten wahrt, fängt er durch eine geeignete Drehung das Licht der 

au \ r un< i dirigiert den Reflex in das Auge des Patienten. Unter 
Mut, D ; f ' r k*ltiiissen leuchtet die Pupille hell auf, bei Glaskörper- 
Mütui m bleibt sie dunkel. 


wenn es sich um Orbitalverletzungen handelt. Die Frage 
wird zu entscheiden sein nach dem Grade des noch Testieren¬ 
den Sehvermögens. Ist das Sehvermögen vollkommen er¬ 
loschen, ist auch mit den stärksten Lichtquellen eine Licht¬ 
empfindung oder eine Pupillarreaktion auf dem verletzten 
Auge nicht mehr auszulösen — so kann man bei entsprechen¬ 
der Lage des Schußkanals eine Verletzung des Sehnerven bei 
sonst erhaltener Form des Bulbus als sicher annehmen. Denn 
Glaskörperblutungen, so dicht sie auch sein mögen, setzen 
die Sehschärfe nie so weit herab, daß nicht mit stärkeren 
Lichtquellen noch eine Lichtempfindung oder eine Pupillar¬ 
reaktion auszulösen sei. Auch die schweren Verletzungen 
des Augapfels an seinem hinteren Pol durch Orbitalschüsse 
lassen in der Peripherie des Gesichtsfeldes noch immer einen 
Rest von Sehvermögen bestehen. Hierzu sei noch, gewisser¬ 
maßen in Parenthese, ein Zweifaches bemerkt: 

1. Benutzbar für die Frage: Sehnervenverletzung oder 
nicht, ist nur der positive Ausfall der Pupillarreaktion (dieser 
spricht für Funktion» fähigkeit des Sehnerven), weil bei 
Orbitalverletzungen, und um die handelt es sich 
ja meist, auch die Innervationsfasem der Pupille mit zerstört 
sein können, wodurch natürlich eine Pupillenstarre hervor¬ 
gerufen wird. 

2. Bei Schädelverletzungen, die Erblindung hervor¬ 
gerufen haben, kann trotz der Amaurose prompte Pupillar¬ 
reaktion bestehen, nämlich dann, wenn die Verletzungsstelle 
jenseits des Abganges der Pupillarfasem liegt, z. B. im Hinter¬ 
haupt (Cuneus). (Siehe unten.) 

Die fünfte Frage ist: L i e g t b e i Schädelverletzungen 
eine Zerreißung des Sehnerven (durch Basis¬ 
fissur) oder eine Beteiligung der höheren 
Sehbahnen vor? 

Diese Frage haben wir unter folgenden Gesichtspunkten 
zu entscheiden: 

Eine einseitige Erblindung spricht für eine Zer¬ 
reißung des Sehnerven vor dem Chiasma und nicht für eine 
solche der Sehbahnen jenseits des Chiasma, denn bei Ver¬ 
letzungen jenseits des Chiasma haben wir regelmäßig eine 
Hemianopsie als Folgezustand. Das gleiche gilt auch für 
Verletzungen des Sehzentrums am Occipitalpol (Cuneus) des 
Gehirns. 

Eine doppelseitige Erblindung kann aber sowohl durch 
Zerreißung beider Sehnerven, als auch durch Beeinflussung 
beider Seilbahnen (doppelseitige Hemianopsie) Vorkommen. 
Da aber nur wohl ganz ausnahmsweise ein Gehirnschuß beide 
Seh bahnen zerstört, da andererseits aber Zerreißungen 
beider Seh nerven und Blutungen in die Occipitalpole bei¬ 
der Gehirnhälften Vorkommen, so wird praktisch bei doppel¬ 
seitiger Erblindung die Differentialdiagnose zu stellen sein 
zwischen doppelseitiger Sehnervenzerreißung oder Cuneus- 
verletzung. Diese Frage kann entschieden werden durch 
Beobachtung der Pupillarreaktion. Ist die Pupillarreaktion 
beiderseits erloschen, so spricht dies für doppelseitige Zer¬ 
reißung des Sehnerven, ist die Pupillarreaktion aber prompt 
vorhanden, so spricht dies für eine Verletzung des Cuneus 
(weil die Pupillenfasem sich eine Strecke weit vor dem 
Cuneus von den Sehbahnen trennen). 

Bei äußeren Streifschüssen haben wir uns die Frage 
vorzulegen, ob die Knochen, speziell der Orbital¬ 
rand, mit zerstört sind und uns davon zu überzeugen, ob 
beim Betasten des Orbitalrandes an einer Stelle stärkere 
Schmerzhaftigkeit geäußert wird. Auch liegt die Möglichkeit 
vor, daß durch die Zerstörung der Knochen die Gehirnkapsel 
mit eröffnet ist. 

Störungen der Muskulatur erkennen wir, außer an der 
mangelhaften Beweglichkeit der Augen, an dem Auftreten 
von Doppelbildern (letzteres aber nur, w r enn das verletzte 
Auge noch Sehvermögen besitzt). 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


Ein Exophthalmos kann bedingt sein 

1. durch Blutungen in die Orbita, 

2. durch Zersplitterungen des Orbital¬ 
daches mit Herabsinken des Gehirns, 

Hierbei hängt gewöhnlich gleichzeitig das Oberlid 
herab und die Bindehaut zeigt starkes Oedem 
(Chemosis). Außerdem beobachten wir auf dem 
anderen Auge das Auftreten einer Stauungspapille. 

3. (selten) durch Emphysem der Orbita; 

4. durch Fremdkörper der Orbita; 

5. im Verein mit entzündlichen Erscheinungen bei 
Panophthalmie und Orbitaphlegmone. 

Eine wichtige Frage ist auch die: Befindet sich 
e i n Fremdkörper im Auge oder nicht? 

Einen Anhalt zur Beurteilung dieser Frage, sofern nicht 
der Fremdkörper direkt sichtbar ist, gibt: 


1. die Art der Verletzung unter Berücksichtigung des 
verletzenden Gegenstandes; 

2. die Prüfung auf Projektion, besonders die Aufhebung 
der Projektion nach oben, die einer Verletzung der 
Netzhaut in ihrem unteren Teil entsprechen würde, 
ist sehr verdächtig; 

3. die Sondierung der unmittelbaren Nähe der 
Wunde. Diese soll mit einer desinfizierten Sonde 
oder Pinzette vorgenommen werden und hat sich 
nur auf die allerunmittelbarste Umgebung der Wunde 
zu beschränken. Ein tieferes Eingreifen in den Bul¬ 
bus ist durchaus unstatthaft; 

4. Sideroskop, Magnet und Röntgenaufnahme. 

Alle Fälle, bei denen das Verweilen eines Fremdkörpers 
im Auge nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann, 
gehören, sofern nicht eine vollkommene Zerstörung des Aug¬ 
apfels vorliegt, in spezialistische Behandlung. 


Abhandlungen. 


Ueber tuberkulöse Infektion und Reinfektion 


von 

Prof. Dr. Franz Hamburger, Wien. 


Man hat bei der Tuberkulose streng zu unterscheiden 
zwischen Erstinfektion und wiederholter Infektion, auch 
Super- oder Reinfektion genannt. Wir wissen heute mit 
Bestimmtheit, daß ein einmal infiziertes Individuum gegen 
weitere Infektionen einen gewissen Grad von Immunität be¬ 
sitzt. Man hat die wiederholten Infektionen unterschieden 
in Superinfektionen und Reinfektionen. Man verstand unter 
Superinfektion eine neuerliche Infektion zu einer Zeit, da 
die Folgen der Erstinfektion noch nicht abgeheilt sind, unter 
Reinfektion eine abermalige Infektion, nachdem eine völlige 
Heilung nach der ersten Ansteckung eingetreten war. Da 
wir mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, daß 
bei der Tuberkulose fast nie eine völlige Heilung im streng 
wissenschaftlichen Sinne statthat, so sind alle wiederholten 
Infektionen bei der Tuberkulose eigentlich als Superinfek¬ 
tionen zu bezeichnen. Trotzdem soll aber im folgenden nur 
das Wort Reinfektion gebraucht werden, weil dies dem 
allgemeinen Usus in der heutigen Literatur entspricht. 

Wir haben streng zwischen Erstinfektion und Reinfek¬ 
tion zu unterscheiden, 1. weil Reinfektionen ungeheuer häufig 
Vorkommen, und 2. weil die Erstinfektion ganz andere Kon¬ 
sequenzen nach sich zieht als die Reinfektion. 

I. Erstinfektion. 


Wie genauere Tierversuche l ) gezeigt haben, sind die ersten Folgen 
der Primärinfektion die, daß ein Teil der Bacillen zwar an der Eintritts¬ 
pforte liegen bleibt, ein anderer aber gleich in den ersten Standen durch 
den Lvmnhstrom in die regionären Drüsen gebracht und dort deponiert 
wird und endlich ein dritter Teü, der eben zufällig in die Blatbahn ge¬ 
langt. irgendwo in den Organen znrückgehalten wird. Es ist also wohl 
immer zugleich mit der lokalen Infektion eine lymphogene und häma¬ 
togene Infektion verbunden. Auf diese Weise erklärt es sich, warum die 
regionäre Lymphdrüsentuberkulose immer gleichzeitig, oft sogar schon 
vor der Tuberkulose der Infektionsstelle nachweisbar ist. Die klinische 
oder makroskopische Reaktion braucht zur Entwicklung eine bestimmte 
Zeit (Inkubation). Es verläuft nämlich nach der Theorie von Pirquet 
und Schick eine bestimmte Zeit, biB Antikörper gebildet sind, welche 
die Reaktion zwischen Tuberkulosebacillus und tienscher Zelle vermitteln. 
BiB sie gebildet Bind — nnd das dauert Tage, ja Wochen — können sich 
die Bacillen reichlich vermehren und so erklärt sich der noch zu be¬ 
sprechende Unterschied zwischen Erstinfektion und Reinfektion. Davon 
weiter unten. . 

Außer diesen auszugsweise mitgeteilten, rem wissen- 
schaftlioh wichtigen Tatsachen kennen wir aber durch die 
letztiährieen Untersuchungen verschiedener Autoren eine 
„anze Reihe weiterer, absolut feststehender Tatsachen, mit 
deren Hilfe wir uns sehr genaue Vorstellungen über die 
näheren Umstände bei der Tuberkuloseinfektion machen 

ifÖrOner n. Hamburger, Beitr. *. Klio. d. Tbc. Bd. 17. 


können und wir sind zu gewissen Leitsätzen gelangt, die 
wir ungefähr folgendermaßen formulieren können: 1. Die In¬ 
fektion geschieht von Mensch zu Mensch, 2. sie findet ge¬ 
wöhnlich durch Inhalation statt, 3. die Infektion geschieht 
außerordentlich leicht, 4. die Infektion findet gewöhnlich 
schon im Kindesalter statt. 

Ad 1. Die Infektion findet gewöhnlich von 
Mensch zu Mensch statt, und zwar ist der Infizierende 
so gut wie ausnahmslos ein Lungenschwindsüchtiger, das 
heißt ein Individuum, welches Bacillen aushustet. Der In¬ 
fizierte ist gewöhnlich ein Kind (siehe Punkt 4). Diese Vor¬ 
stellung ist dadurch begründet, daß man einerseits findet, 
daß Kinder, die mit Phthisikern zusammen leben, fast aus¬ 
nahmslos auf Tuberkulin reagieren (Pollak), ferner dadurch 
bewiesen, daß man in fast allen Fällen, wo Kinder unter 
zwei Jahren an Tuberkulose erkranken, imstande ist, nach¬ 
zuweisen, daß sie mit einem Bacillenhuster zusammen waren. 
Bei älteren Kindern sind wir sehr häufig nicht mehr in der 
Lage, dies nachzuweisen, weil da die Kontrolle^ aller in Be¬ 
tracht kommenden Personen nicht mehr so leicht möglich 
ist, wie bei Kindern unter zwei Jahren, welche wegen der 
notwendigen Beaufsichtigung nur mit wenigen Menschen in 
Berührung kommen, von denen man überdies gewöhnlich in 
Erfahrung bringen kann, ob sie anateckungsfähig sind 


)der nicht. . . .. 

Wichtig erscheint die übrigens schon zimlich allgemein 
bekannte Tatsache, daß andere Formen der Tuberkulose 
nicht ansteckend sind. Praktisch ist nur die offene 
Lungentuberkulose, nicht aber andere offene luoer- 
fculoseformen ansteckend. ... . M 

Die auch heute teilweise noch verbreitete Meinung, 
laß die Infektion gelegentlich vom Rind auf den Menschen 
übertragen werde, kann keine ähnliche steigende 
führung für sich in Anspruch nehmen und es 
begreiflich, daß man nirgends in der Literatur dem Versucn 
3 iner direkten Beweisführung in dem Sinne begegnet, aan 
nan den Weg von der Eutertuberkulose der Kuh w* 
nilehtrinkenden Säugling verfolgt hätte. ® rs Annahme 
las gelungen wäre, könnte der Beweis fürdieseriUM ^ 

i\8 erbracht angesehen werden.Deru^berkiBören Kin« 
lern Nachweise von Perlsuchtbacillen bd tuberk 10^^ 
lern kann keineswegs als genügend ange« 36 w öhn- 

Ad 2. Die Tuberkuloseinfektion finde g . ch 

ich durch Inhalation statt DieserSif Baumgarten) 
erstens auf das Gesetz vom * (Cornet) und 

and der regionären Lymphdrüsentube Forschung 

anderseits auf die pathologisch- w Ät Ghon). Wir 
Tarrot, Ruß, E. Alb recht, H. .. .i. * ang dem Tier- 
wissen nämlich mit absoluter Bestimmtheit aus 


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Gougle 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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experiment, daß jede Tuberkuloseinfektion zu einer ungefähr 
gleichzeitigen Erkrankung der Infektionsstelle und der be¬ 
nachbarten Lymphdrüsen führt und zwar lehrt das Tier¬ 
experiment weiter, daß bei noch nicht vorgeschrittener 
Tuberkulose die Veränderungen an und um den Infektionsort 
im Verhältnisse zu dea sekundär entstandenen Herden deut¬ 
lich schwerere und vorgeschrittenere sind. Nun findet man, 
wie die anatomische Forschung der letzten Jahre gezeigt 
hat, daß bei vorgeschrittener Tuberkulose sich die deut¬ 
lichsten id est ältesten Veränderungen in der Lunge und in 
den bronchialen Lymphdrüsen befinden. Man findet ebenso 
gut wie immer einen oder zwei Herde in den Lungen mit 
einer Tuberkulose der regionären Lymphdrüsen. Einen ähn¬ 
lichen anatomischen Befund kann man beim Tiere nur da¬ 
durch erzeugen, daß man Tuberkelbacillen 1 ) inhalieren läßt. 
Wir schließen daraus: Die Infektion findet durch Inhalation 
statt, was sehr gut übereinstimmt mit dem ersten Satz, aus 
dem hervorgeht, daß die Infektionsquelle gewöhnlich ein 
Bacillenliuster ist. Damit stimmt endlich sehr gut übereiu 
die von Flügge entdeckte Tröpfcheninfektion, die dadurch 
zustaudekommt, daß kleinste Tröpfchen, die bacillenhaltig 
sind, in die Luit gehustet, gesprochen, geniest und nun von 
andern in die Lunge eingeatmet werden. 

Ad 3. Die Infektion findet außerordentlich 
leicht statt. Dieser Satz erscheint mit Rücksicht auf die 
später zu besprechende Prophylaxe von großer Wichtigkeit. 
Wie so viel anderes in der Tuberkulosepathologie wurde 
auch diese Lehre von Wolf (Reiboldsgrün) zuerst aufge- 
gtellt. Es genügt unter Umständen, wie wir mit Bestimmt¬ 
heit wissen, ein ganz kurzes Zusammensein mit einem Ba- 
ciüenhuster, um eine wirksame Infektion zustande zu brin¬ 
gen. So verfügen wir über eine Beobachtung, wo ein Kind 
ungefähr nur eine halbe Stunde mit einem Phthisiker in 
einem Zimmer zusammen war und wenige Wochen später 
an Tuberkulose erkrankte und starb. Ich verweise dies¬ 
bezüglich auch auf eine von meinem Assistenten Dietl und 
drei von mir gemachte Beobachtungen. Es ist wichtig, zu 
wissen, daß ein inniger Kontakt zur Infektion nicht 
notwendig ist. 

Die Infektion findet gewöhnlich mit relativ kleinen 
Bacillenmengen statt. Das wird ja ohne weiteres klar, 
wenn wir bedenken, daß die Infektion durch Inhalation 
stattfindet und daß der Primäraffekt gewöhnlich in einem 
ganz kleinen Bronchus sitzt. Bis dorthin, das heißt bis in 
die kleinsten Bronchien können eben nur sehr kleine cor- 
po8culäre Elemente (Tröpfchen) kommen, an denen die Ba¬ 
cillen haften. Es kann sich da höchstwahrscheinlich nur 
um Tausendstel von Milligrammen und noch weniger in 
Form von eigentlicher Bacillensubstanz handeln und es 
kommen also so große Dosen, wie man sie auch heute noch 
vielfach beim Meerschweinchenversuch verwendet, bei der 
spontanen Menscheninfektion überhaupt nicht in Betracht. 

Ad L Die Infektion findet gewöhnlich in der Kindheit 
statt. Dieser Satz wurde gewonnen durch genaue Unter¬ 
suchungen mit Tuberkulin. Die Untersuchungen von Monti 
and mir haben gezeigt, daß von 100 anscheinend gesunden 
Kindern der armen Wiener Bevölkerung auf Tuberkulin re¬ 
agieren. 


Im 1. Lebensjahre 

* 2. 

. 8 .- 4 . 

, 5 .— 6 . 

. 7 .- 10 . 

, 11 .- 14 . . 


zirka 2%') 

* io „ 

* 25 „ 

* 50 „ 

* 75 . 

* 95 „ 


, ^ an hat gegen diese Untersuchungen zuerst angeführt, 
daß die Zahlen zu hoch seien und hat auch weiterhin noch 


. . *) Und swar in geringen Mengen, weil sonst zu viele Lungenherde 
«ootl entstehen. 

rfmw ^ n Diese ZeJil ist erst nachträglich gewonnen und entspricht der 
Beobachtung Sperks (private Mitteilung). 


oft auf abweichende Resultate an der Kinderbevölkerung 
anderer Großstädte hingewiesen. Der Hauptfehler, der bei 
der Nachuntersuchung der Ergebnisse von Monti und mir ge¬ 
macht wurde, war der, daß man vielfach nur die Pirquet- 
sche Reaktion anwendote. Ich habe nun schon oft darauf 
hinge wiesen, daß dies ein großer Fehler ist und daß die 
Pirquetsche Methode allein zur Feststellung der Tuberku¬ 
losehäufigkeit unbrauchbar ist, da sie viel zu viel Fälle in¬ 
aktiver Tuberkulose nicht anzeigt. Es muß daher jede 
Arbeit, die die Häufigkeit der Tuberkulose mit Hilfe des 
Tuberkulins feststellen will und dabei nur die Pirquetsche 
Reaktion verwendet, als gänzlich unbrauchbar zu¬ 
rückgewiesen werden. 

Ich verweise hier nur darauf, daß Pirquet selbst für 
Wien ein Jahr vor meinen Untersuchungen viel niedrigere 
Häufigkeitswerte gefunden hatte, weil er eben nur mit der 
Cutanreaktion gearbeitet batte. 

Obwohl bisher niemand meine Ansicht, daß die Cotanreaktion zum 
genannten Zweck ungenügend ist, bestreiten konnte, findet man immer 
wieder die Meinung als selbstverständlich, daß eine negative Pirquetsche 
Reaktion gleichbedeutend sei mit Freisein von Tuberkulose und liest 
allenthalben, die Feststellung, daß die Tuberkuloseinfektion im Kindesalter 
schon erfolge, verdanke man der Cotanreaktion. Es muß dies als ein 
trauriges Zeichen für die Oberflächlichkeit, mit der heute vielfach ge¬ 
arbeitet und publiziert wird, bezeichnet werden. 

Hier soll auch betont werden, daß die eben mitgeteilten 
Zahlen sich auf die Kreise der Armen und des unteren 
Mittelstandes beziehen. Für die Minorität, das heißt für 
den oberen Mittelstand und die Reichen sind die Zahlen 
gewiß kleiner. Für die Überwiegende Majorität der Stadt¬ 
bevölkerung gelten jedoch die Zahlen wohl in allen Kultur¬ 
ländern. Für die Landbevölkerung sind die Zahlen schwan¬ 
kend, auf jeden Fall aber viel niedriger. 

Fassen wir alles bisher Gesagte zusammen, so ergibt 
sich, daß die Infektion gewöhnlich durch einen Phthisiker 
erfolgt und zwar durch Inhalation von expektorierten bacillen¬ 
haltigen Tröpfchen. Die Staubinfektion durch Aufwirblung 
aufgetrockneten Bacillensputums dürfte wohl eine geringere 
praktische Bedeutung haben. Die Tröpfcheninfektion findet, 
wie dies Flügges Untersuchungen wahrscheinlich gemacht 
und einige exakte Beobachtungen in der Praxis bewiesen 
haben, schon auf Distanz statt und es genügt das Zusammen¬ 
sein mit einem Bacillenhuster in einem Wohnraume zur 
wirkungsvollen Infektion. Dadurch, daß die Infektion so 
außerordentlich leicht geschieht, erklärt es sich ohne weiteres, 
daß in den Städten die meisten Menschen sich schon in der 
Kindheit infizieren. 

Von großer Bedeutung ist die bisher noch nicht be¬ 
sprochene Tatsache, daß die Tuborkuloseerstinfektion im 
ersten Lebensjahr außerordentlich gefährlich ist; die Gefähr¬ 
lichkeit der Erstinfektion nimmt dann mit zunehmendem 
Alter immer mehr und mehr ab und es scheint, daß in der 
großen Mehrzahl der Fälle die Erstinfektion jenseits des 
sechsten Lebensjahrs ein fast völlig ungefährlicher Vorgang 
ist. Man kann dies mit Engel so bezeichnen, daß man 
sagt: Die Tuberkulosefestigkeit nimmt von Jahr zu Jahr zu. 
Diese Lehre ergibt sich nicht nur durch statistische Ver¬ 
gleiche, sondern, wie Pollak in so überzeugender Weise 
dargetan hat, auch durch direkte ärztliche Familienbeob¬ 
achtung. 

II. Die tuberkulöse Reinfektion. 

Für die äußeren Umstände bei der Reinfektion bestehen 
ganz dieselben Gesetze wie für die Erstinfektion, das heißt, 
auch die Reinfektion findet gewöhnlich von Mensch zu 
Mensch statt und zwar durch Inhalation. Auch die Re¬ 
infektion kommt sehr leicht zustande und auch bei ihr 
müssen wir annehmen, daß gewöhnlich nur relativ kleine 
Bacillenmengen haften bleiben. Wenigstens gilt dies für die 
hier hauptsächlich in Betracht kommende exogene Reinfektion. 

Die Tuberkulosereinfektion hat immer eine so¬ 
fort einsetzende Reaktion des Organismus zur Folge, 


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die wir mit v. Pirquet als allergisch bezeichnen können. 
Diese Reaktion tötet viele, oft auch alle eingebrachten Ba¬ 
cillen ab und man sieht dementsprechend im Tierexperiment, 
daß, wenn die Bacillenmenge klein genug gewählt wird, 
eine Immunität gegen solche Reinfektionen besteht. Diese 
schon von Koch gefundene Tatsache wurde seinerzeit nur 
von wenigen, besonders von Wolf (Reiboldsgrün), später von 
v. Behring in ihrer Bedeutung für die Tuberkulosepatho¬ 
logie erfaßt, blieb aber sonst so ziemlich unbeachtet. Erst 
Römer und ich haben dann unabhängig von einander an 
Hand von Tierversuchen die Bedeutung dieses Immunitäts¬ 
phänomens für das Verständnis der Tuberkulose dargetan. 

Die Reinfektion können wir einteilen in eine endogene 
(autogene) und in eine exogene Reinfektion. Die endogene 
Reinfektion findet statt entweder bronchogen oder hämatogen 
oder lymphogen. 

A. Die bronchogene Reinfektion können wir uns 
folgendermaßen vorstellen: Der Primäraffekt, der nach 
H. Albrecht gewöhnlich in einen Bronchus mündet, ent¬ 
läßt beim Husten bacillenhaltiges Sekret in den Bronchial¬ 
baum und nun kann es zu einer sekundären Infektion eines 
andern Lungenabschnitts, ferner der Bronchial-, Laryngeal- 
sehleimhaut sowie der des Nasenrachenraums, der Pauken¬ 
höhle, durch Verschlucken des Sputums endlich zu einer 
Infektion des Darmtraktes kommen. 

B. Die hämatogene Reinfektion. Durch Durchbruch 
eines tuberkulösen Herdes in ein Blutgefäß kann eB zur In¬ 
fektion anderer Organe kommen. 

C. Die lymphogene Reinfektion findet auf ähnliche Weise 
statt, d. b. durch Eröffnung eines Lymphgefäßes kommt es 
zur Infektion der eingeschalteten Lymphdrüsen. 

Mann kann sich den Mechanismus bei der Reinfektion 
in Anlehnung an die Theorie von Pirquet und Schick in 
folgender Weise vorstellen: Bazillen gelangen in das Gewebe 
eines schon infizierten Individiums. Infolge spezifischer Anti¬ 
körper kommt es wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten, 
ja vielleicht Sekunden zu einer allergischen Reaktion und so 
werden wohl die meisten Bazillen am Reinfektionsorte gleich 
abgofangen. Waren überhaupt Bazillen in die Blutbahn oder 
in die regionären Drüsen gebracht worden, so kommt es auch 
da zu dieser sofortigen Reaktion. Ist diese Reaktion eine sehr 
energische und rasche, so werden alle Bazillen abgetötet: 
oft aber mag es auch nur zu einer teilweisen Abtötung 
und Entwicklungshemmung der übrig bleibenden Bazillen 
kommen und es kann dann Monate und Jahre nach einer 
solchen Reinfektion zu einer Exacerbation an den betreffenden 
Stellen kommen, wie ich wohl auf Grund bestimmter ander¬ 
weitig publizierter Tierversuche annehmen darf. Bei dieser 
Exazerbation muß es als charakteristisch gelten, daß sehr 
oft die den Reinfektionsstellen regionären Lymph¬ 
drüsen Wochen, ja Monate früher tuberkulös er¬ 
kranken als die Rcinfektionsstellen selbst. 

Aus alledem geht hervor, daß der Tuberkulose- 
Reinfektion eine ganz andere Bedeutung zugoschrie- 
ben werden muß als der Erstinfektion. Auch beim 
Menschen dürfen wir mit Bestimmtheit eine relative Immu¬ 
nität gegen Reinfektion annehmen. 

Di© folgende, wohl zwingende Ueberlegung spricht dafür; Halten 
wir uns vor Augen, daß die Infektion außerordentlich leicht geschieht, 
daon muß es als selbstverständlich erscheinen, daß Individuen, die lange 
Zeit mit Phtisikem zusammen leben, sich Dicht nur einmal, sondern sicher 
sehr oft inhalatorisch infizieren. Wenn solche Individuen, gleichgültig ob 
an Tuberkulose oder an einer anderen Krankheit, sterben, so findet man 
bei der Autopsie trotzdem nur einen oder zwei Herde, die wir als Infekte 
von außen betrachten dürfen, und nicht hunderte solcher Herde. Das 
müßte aber der Fall soin, wenn die der Erstinfektion folgenden weiteren 
Infektionen immer wieder dieselben Veränderungen hervorrufen würden. 

Es besteht also gewiß auch beim Measchen eine 
Immunität gegen Reinfektionen und wir dürfen wohl mit 
Sicherheit annehmen, daß diese Immunität in der großen 
Mehrzahl der Fälle praktisch genommen vollständig ausreicht, I 


und so erklärt es sich daß, eine große Anzahl von Menschen 
trotz fortwährender Reinfektionen vollständig gesund bleiben 
und nicht weiter tuberkulös erkranken. 

Wir dürfen aber auch nicht die Möglichkeit von der 
Hand weisen, daß bei manchen Individuen nicht alle Rein¬ 
fektionen abheilen, sondern daß an manchen Reinfektions¬ 
stellen lebende Bazillen, wenn auch geschwächt, Zurückbleiben, 
die dann Monate oder Jahre später zu einer tuberkulösen 
Exacerbation mit oder ohne vorausgehender Drüsenschwellung 
führen können. 

Die endogene Reinfektion kann nicht Gegenstand 
unserer Besprechung sein, sie ist vielmehr das Hauptkapitel 
der Tuberkulosepatliologie überhaupt. 

Dagegen gehört die Besprechung der exogenen Re¬ 
infektion zu unserer Hauptaufgabe. Nach dem bisher Mit¬ 
geteilten ist es klar, daß die exogene Reinfektion auch fast 
ausnahmslos eine Inhalationsinfektion ist, daß sie außer¬ 
ordentlich leicht geschieht und daß wir also annehmen 
müssen, daß viele Menschen, das heißt solche, die mit Ba- 
cillenhustern Zusammenleben, sehr oft infiziert werden. 
Aus dem Gesagten erhellt auch, daß gegen diese Reinfek¬ 
tionen eine gewisse Immunität besteht. Aber trotzdem dürfen 
wir die Möglichkeit der Exacerbation nicht außer acht lassen; 
ich verweise diesbezüglich auf die von mir aufgestellte 
Theorie von der Phthiseentstehung durch Exacerbation nicht 
ganz ausgeheilter Reinfektionen. Ich betone aber, daß es 
sich da um nichts anderes als um eine reine Hypothese 
handelt. 

Können wir also schon aus Gründen dieser Ueber¬ 
legung die Reinfektion nicht als etwas ganz Gleichgültiges 
und Harmloses mit Sicherheit betrachten, so haben wir 
außerdem aber auch noch an die Möglichkeit zu denken, 
daß Menschen, die unendlich vielen Reinfektionen durch das 
Zusammenleben mit Bacillenhustern ausgesetzt sind, sozu¬ 
sagen einer specifischen Erschöpfung durch langsames Auf¬ 
brauchen ihrer Antikörper unterliegen mögen. Doch ist auch 
das reine Hypothese. 

Bedenken wir anderseits, daß Phthise bei Ehegatten 
relativ selten ist, so müssen wir sagen, daß die Frage, ob 
die Reinfektion wegen der bestehenden Immunität eine ab¬ 
solut ungefährliche oder wegen der Exacerbationsmöglich- 
keit und wegen der Erschöpfungsmöglichkeit eine sehr ge¬ 
fährliche Sache ist, vorderhand nicht beantwortet werden 
kann. 

Sicher aber ist, daß für viele Menschen die häufige 
Reinfektion ein harmloser Vorgang ist. Ob in den Fällen 
von Phthise bei Ehegatten ein zufälliges Zusammentreffen, 
eine Exacerbation oder eine specifische Erschöpfung vor¬ 
liegt, können wir heute nicht wissen. 

Ich schließe dieses Kapitel mit dem Satze: Die Re¬ 
infektionen sind gewöhnlich inhalatorisch und 
finden bei vielen Menschen außerordentlich häufig 
statt. Sie sind für viele Menschen gänzlich harm¬ 
los, können vielleicht aber für manche verhängnis¬ 
voll sein. 

Die Prophylaxe der Tuberkuloseinfektion können wir 
einteilen in eine solche der Erstinfektion und in eine solche 
der Reinfektion. 

Die Primärinfektion läßt sich wohl überhaupt nicht 
für das ganze Leben vermeiden, denn es gibt so un¬ 
endlich viele Menschen, welche an einer offenen Tuberku¬ 
lose leiden, also Tuberkelbacillen aushusten, und die In¬ 
fektion geschieht, wie wir früher gesehen haben, so außer¬ 
ordentlich leicht, daß es wohl jedermann verständlich er¬ 
scheinen muß, wenn man sagt, daß wohl kein Mensch der 
Tuberkuloseinfektion entgeht. Da nun eben jeder Mensch 
einigemal in seinem Leben mit einem Bacillenhuster zu¬ 
sammentrifft, so wird wohl auch jeder Mensch wenigstens 
einmal in seinem Leben Tuberkelbacillen in seine Lunge 


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aufnehmen und dann weiterhin in der mehrfach beschriebenen 
Weise einen tuberkulösen Prozeß durchmachen. 

Da wir aber weiter gesehen haben, daß es ein großer 
Unterschied ist, ob Bich ein Mensch im ersten oder siebenten 
Lebensjahre der tuberkulösen Primärinfektion aussetzt, so 
werden wir in unserm Bestreben, die Primärinfektion zu ver¬ 
hüten, bei verschiedenaltrigen Kindern verschieden sorgsam 
sein. Wir werden also bei Kindern in den ersten B bis 4 
Lebensjahren, ganz besonders aber im ersten Lebensjahre, 
auf das ängstlichste bestrebt sein, die Primärinfektion zu 
verhüten. In diesem Bestreben werden wir, beziehungsweise 
die Eltern, ja ohnehin schon durch die natürlichen Verhält¬ 
nisse unterstützt dadurch, daß gerade Kinder in den ersten Le¬ 
bensjahren eine sehr beschränkte Bewegungsfähigkeit besitzen 
und dadurch ohnehin mit viel weniger Menschen in Berührung 
kommen als ältere Kinder. Da die Eltern meistens alle 
Menschen, die zu ihnen ins Haus kommen, bezüglich ihrer 
Gesundheitsverhältnisse kennen, so sind sie sehr wohl im¬ 
stande, von ihren kleinen Kindern alle tuberkuloseverdäch¬ 
tigen Individuen fernzuhalten. Freilich wird die Verhütung 
der Infektion in allen jenen Fällen, wo eines der Familien¬ 
mitglieder oder der Wohnungsgenossen eine offene Tuber¬ 
kulose hat, sehr schwierig, ja oft unmöglich sein. Man 
vergesse nie, daß die Infektion so außerordentlich leicht 
stattfindet. Es genügt daher zur Verhütung der Infektion 
bestimmt nicht, daß der Phthisiker eine Spuckflasche bei 
sich trägt und nicht auf den Boden spuckt. Ein Bacillen- 
buster soll einem kleinen Kinde nie auch nur in die Nähe 
kommen. Allein schon das Ansprechen, vielleicht sogar das 
Sprechen nur in der Nähe des Kindes kann auf leicht an- 
lustellende Weise zur Infektion führen. Leidet also ein 
Wobnungsgenosse eines ein- bis zweijährigen Kindes an 
einer offenen Tuberkulose, so ist seine Entfernung aus dem 
entsprechenden Hausstande unbedingt durchzufübren oder 
man muß eben das Kind aus der Wohnung entfernen. Was 
von beiden man im Einzelfalle tun wird, hängt von don 
eventuellen Verhältnissen ab. Am schwierigsten liegt wohl 
die Frage, was hat man zu tun, wenn die Mutter eines 
Säuglings eine offene Tuberkulose hat? In allen diesen 
Fällen ist der eben beschriebene Grundsatz der strengen 
Separation zu vertreten. Freilich stößt die praktische Durch- 
fuhrunj? oft auf unüberwindliche Hindernisse, weil sich ja 
die Mutter in den meisten Fällen nicht leicht von ihrem 
Kinde wird trennen lassen. Die Idealforderung aber lautet, 
man separiere das Kind in irgendeiner Weise von der Mutter 
vollständig durch Vj 2 Jahre. 

Es erscheint mir, wenn ich von der Prophylaxe der 
Primärinfektion in den ersten Lebensjahren spreche, am 
allerwichtigsten, zu betonen, daß die heute üblichen Schutz¬ 
maßregeln zur Verhütung der Tuberkuloseinfektion bei An¬ 
wesenheit eines Bacillenhusters in der Wohnung völlig un¬ 
zureichend sind. Ich betone nochmals, die Infektion ge¬ 
schieht ungeheuer leicht, fast so leicht wie bei irgendeinem 
Schnupfen oder einer Bronchitis. Man kann daher bei allen 
Wern, wo man die Primärinfektion verhüten will, kaum 
vorsichtig genug sein. Vor allem ist es Pflicht des Arztes, 
wr Mutter vorzustellen, wie wichtig es ist, alle Dienstboten 
des Hauses vor ihrer Aufnahme einer ärztlichen Unter¬ 
suchung zu unterwerfen und bei jedem auch noch so gering- 
mg^en Husten oder bei schlechtem Aussehen irgendeines 
wohnungsgeno8sen sofort den Arzt zu rufen. Das bezieht 

™ auf Kinder in den ersten zwei bis drei Lebens¬ 
jahren. 


Später, wenn die Kinder zur Schule gehen und nun 
in nf n? ^ urzer mit vielen Hunderten von Menschen 
Berührung kommen, ist natürlich die Kontrolle darüber, 
je ä]f em ve . r ^ e ^ ren » fest unmöglich. Mit andern Wor ten, 
dia n ^?^ er w ©rden, desto aussichtsloser wird es, 
wir ftml rkü * 8eillf ? ktion zu verllüteQ Zum Glück brauchen 
wie wir aus den Untersuchungen von Pollak 


wissen, bei Kindern jenseits des vierten bis fünften Lebens¬ 
jahrs nicht mehr so ängstlich zu sein; denn in diesem Alter 
und später heilt die Tuberkulose in kurzer Zeit und ohne 
Manifestation aus. Man wird gewiß nicht die Tuberkulose¬ 
infektion aufsuchen, aber man wird sie auch nicht so über¬ 
trieben ängstlich vermeiden wie in den ersten Lebensjahren. 

Eine besondere Besprechung verdient meiner Ansicht 
nach die „extrafamiliäre“ Primärinfektion, und zwar aus 
folgenden Gründen: In der Mehrzahl der Fälle von 
Kindertuberkulose ist die Infektion intrafamiliär, das heißt 
sie erfolgt durch ein phthisisches Familienmitglied. Je näher 
dieses mit dem Kinde verwandt ist, desto schwieriger ist, 
wie ja selbstverständlich, die Verhütung der Infektion. Die 
extrafamiliäre Primärinfektion findet gewiß nicht sehr häufig 
statt, dürfte aber doch wohl 20% aller Fälle betragen. Die 
Verhütung der intrafamiliären Erstinfektion ist gewöhnlich 
unmöglich, da die Kinder längst infiziert sind, wenn das 
Familien- (beziehungsweise Wohnungs-) mitglied als an¬ 
steckungsfähig erkannt ist. Dagegen wäre die Verhütung 
der extrafamiliären Erstinfektion gewiß sehr oft möglich. 
Freilich ist es notwendig, daß einerseits der Phthisiker weiß, 
wie gefährlich er für kleine Kinder ist, und anderseits die 
Eltern wissen, daß der Mensch, den sie zu sich ins Haus 
nehmen wollen, ein ßacillenhuster ist und zu ermessen 
wissen, von welcher Bedeutung es für ihre kleinen Kinder 
ist, wenn sie mit einem solchen Menschen Zusammenleben. 

Hier hat die Volksbelehrung einzusetzen. Ich halte 
es für erstrebenswert, daß die Kenntnis dieser Verhältnisse 
in der Bevölkerung so allgemein wird, daß jedermann straf¬ 
bar wird, der wissentlich an offener Tuberkulose leidend als 
Wohnungsgenosse (Bettgeher) in einer Familie, wo sich 
kleine Kinder befinden, Unterkunft nimmt. Sowie man heute 
einen Tripperkranken zur Verantwortung ziehen kann, wenn 
er wissentlich ein Mädchen infiziert, so müßte man das eben 
auch mit einem Phthisiker tun können, wenn er wissentlich 
kleine Kinder infiziert. Freilich setzt dies eben voraus, daß 
sich die Menschen der furchtbaren Folgen bewußt sind, die 
eine Tuberkuloseinfektion bei kleinen Kindern gewöhnlich 
nach sich zieht. 

Gar nicht so selten kommt es vor, daß Phthisiker in 
vorgeschrittenem Stadium geradezu gezwungen werden, 
Pflege in Familien zu suchen, wenn sie nicht in ent¬ 
sprechende Anstalten aufgenommen werden. Ich halte es 
für wichtig, daß man in allen den Fällen, wo alleinstehende 
Phthisiker in Anstalten nicht aufgenommen werden können, 
dafür sorgt, daß sie nicht in tuberkulosefreie Familien, wo 
sich kleine Kinder befinden, „einbrechen“. Die öffentliche 
Fürsorge hätte sich also genau nach den Familienverhält¬ 
nissen zu erkundigen und hätte alle alleinstehenden inva¬ 
liden Phthisiker entweder in Spitälern unterzubringen oder, 
wo dies untunlich ist, dafür zu sorgen, daß sie in Familien 
Unterkunft finden, wo keine Kinder unter fünf Jahren sich 
befinden. 

Unter sonst gleichen Bedingungen haben diejenigen 
invaliden Phthisiker den Vorzug bei der Aufnahme in eine 
Anstalt, welche allein stehen. Diejenigen Phthisiker, die 
früher in einer Familie mit kleinen Kindern gelebt haben, 
können ja selbstverständlich auch in eine Anstalt aufge¬ 
nommen werden; man vergesse aber nicht, daß diese die 
betreffenden Kinder schon infiziert haben und daher lange 
nicht soviel Schaden stiften können als solche, die im Falle 
der Nichtaufnahme ins Spital gezwungen wären, in einer 
tuberkulosefreien Familie Unterkunft zu suchen. 

Was nun die Frage der Verhütung der Reinfek¬ 
tion anlangt, so müssen wir offen gestehen —- das gebt ja 
aus dem über den Mechanismus und die Folgen der Reinfek¬ 
tion oben Gesagten deutlich hervor —, daß wir heute noch 
nicht imstande sind, die praktische Bedeutung einer oder oft 
wiederholter Reinfektionen zu beurteilen. Nur das eine 


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können wir sicher sagen, daß in den ersten drei bis vier 
Lebensjahren die Reinfektion auch nicht annähernd so ge¬ 
fährlich ist wie die Primärinfektion. Da ergibt sich schon 
der praktische Grundsatz, daß man in allen den Fällen, wo 
ein Kind auf Tuberkulose reagiert, also schon tuberkulös 
infiziert ist, nicht mehr so intensiv bestrebt sein wird, die 
Separation durchzuführen. 

Immerhin aber darf man die Reinfektion in ihrer prak¬ 


tischen Bedeutung nicht gänzlich vernachlässigen und es 
wird sich, solange diese Frage nicht gänzlich geklärt ist, 
empfehlen, sowohl Kinder als Erwachsene allzu häufigen 
Reinfektionen womöglich zu entziehen. Massige Reinfek¬ 
tionen, das heißt solche, bei denen gleich große Mengen von 
Bacillen auf einmal von außen in den Organismus gelangen, 
kommen ja im gewöhnlichen Leben bestimmt nicht vor, wie 
schon aus den früheren Auseinandersetzungen hervorgeht.. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren, 


Aus der Hautklinik, Jena. 

Zur Methode der Eigenblutbehandlung 

von 

Prof. Dr. B. Spiethoff. 

Der Erfolg mit arteignem Blut in einem Falle von 
Pemphigus vulg., über den Prätorius berichten konnte, veranlaßte 
mich, meine Methode der Eigenstoffver Wertung dahin zu er¬ 
weitern, daß ich neben dem Eigenserum auch Eigenblut gebrauchte. 
Die Wiedereinspritzung geschah von mir auf intravenösem Wege. 
Nachdem ich günstige Erfahrungen auch mit dieser Art von 
Eigenstoffbehandlung hatte sammeln können, veröfientlichte Rav aut 
im Anschluß an meine Empfehlung des Eigenserums seine Methode 
der Eigenblutbehandlung auf subcutanem Wege. Dies veranlaßte 
mich, gleich darauf über meine schon länger geübte Art der Eigen¬ 
blutbehandlung zu berichten. Ich teilte dann später noch weitere 
Modifikationen und Verbindungen der Eigenstoffbehandlung mit 
andern Eingriffen, z. B. Aderlässen, mit, weil ich die Beobachtung 
gemacht hatte, daß ein gelegentlicher Wechsel in der Methode 
therapeutische Vorteile haben kann. 

Neuerdings bestätigt L u x die Erfolge mit Eigenblut bei juckenden 
Dermatosen. Lux spritzt das Blut intraglutäal ein, weil er Bedenken 
hegt, technisch mir zu folgen. Die Gefahr der Thrombenbildung 
und die technische Erschwerung durch das Einschieben einer dünnen 
zweiten Kanüle in die erste vor der Wiedereinspritzung des Bluts 
waren seine Gründe, den andern Weg zu gehen. Nachdem^ ich 
nun schon längere Zeit ausgedehnt größere Blutmengen wieder 
eingespritzt habe, kann ich sagen, daß ich nie irgendeine Er¬ 
scheinung beobachtet habe, die mich zum Aufgeben dieses Wegs 
hätto veranlassen können. Nur selten tritt bei schwächlichen, 
erothisehen Mädchen und Frauen nach wiederholtem Einspritzen 
größerer Mengen (s. u.) eine kurze Blutwallung und leichtes 
Schwindelgefühl auf, Erscheinungen, die, wie gesagt, ganz flüchtiger 
Nttur und von keiner Berufsstörung gefolgt sind. Der 
intravenöse Weg ist für den Kranken zweifelsohne der angenehmere 
und einfachere (Technik s. u.), selbst wenn es sich nur um die 
Wiedereinspritzung kleiner Mengen handelt, wie Ravaut und Lux 
es tun. Spritzt man aber größere Mengen und in kurzen Pausen 
ein, bo ist er der einzig gangbare. 

Im weiteren Ausbau meiner Eigenblutbehandlung 
bin ich jetzt so weit gekommen, daß ich in gewissen Fällen täglich, 
oft sogar täglich zweimal (morgens und abends) die Behandlung 
vornehme, wenn nötig wochenlang, und dabei jedesmal 100 oder 
200 ccm. Eigenblut wieder einspritze. Den einen Punkt, an dem 
Lux Anstoß nahm, die zweite dünnere Kanüle, habe ich schon 
lange fallen lassen. In der Tat erschwert sie die Technik, überdies 
ist sie aber auch ganz überflüssig, ja nicht einmal vorteilhaft. 

Das Einfließen und Wiederausströmen des Bluts geht um so 
glatter vor sieh, je weiter die Kanüle ist. Deshalb verwendeich 
nur noch der Größe der Vene sich anpassende weite Kanülen mit 
Handgriff der Strausschen Blutnadeln. Als Spritze gebraucheich 
in der Hitze oder in Formalindämpfen sterilisierte Glasrekord¬ 
spritzen, die bequem 40 ccm fassen. Fließt das Blut schnell, so 
kann man mit einer Spritze 120 ccm einspritzen, fließt das Blut 
langsamer, so sind für 200 ccm Blut 3 bis 4 Spritzen nötig, aber 
nur eine stets liegenbleibende Kanüle. Da Beschwerden fehlen, 
kann die Behandlung selbstverständlich ambulant durchgeführt 
werden. 

Literatur: Lux, Derm. W. 1914, Nr. 46 , 46. — Prätorius, M. m. 
W 1913, Nr. 16. — Ravaut, Ann. de derm. Paris. Mai 1913. — Spiet¬ 
hoff, Zur therapeutischen Verwendung des Eigenserums. (M. m. W. 1913, 
Nr. 10.) — Derselbe, Zur Behandlung mit Eigenserum und Eigenblut. (M. 
Kl. 1913, Nr. 24.) — Derselbe, Die Herabsetzung der Empfindlichkeit der Haut 
und des Qesamtorganismos durch Injektionen von Eigensernm, Eigenblut und 


Natrium nucleinicum. (Derm. W. 1913.) — Derselbe, Methode und Wirkung 
der Eigenserum- und Eigenblutbehandlung nebst Bemerkungen zur Umstimmung 
der Hautreaktion durch Eigenste JI- und Natrium nucleinicum-Injektionen. (M. Kl. 
1913, Nr. 45.) _ 

Beitrag zum gegenwärtigen Stande der 
Abort frage 

von 

Dr. Otto Rupp, Breslau. 

Aetiologie. Hinsichtlich der Aetiologie dos Aborts kann 
man drei große Gruppen unterscheiden. Bei der ersten Gruppe 
werden durch hochfieberhafte Prozesse, durch Entzündungen, Lage¬ 
veränderungen und Geschwülste des Uterus und seiner Adnexe 
vorzeitige Wehen und Blutungen verursacht, die dann die Aus¬ 
stoßung des Eies, das an und für sich gar nicht geschädigt zu sein 
braucht, bewirken. Ganz anders ist der Vorgang, wenn eine 
Schwangere an einer Infektionskrankheit, und vor allen Dingen an 
einer Lues leidet. Hier sind nicht die Blutungen und die Wehen 
das Primäre, sondern das Absterben der Frucht. Diese wirkt alB- 
bald als Fremdkörper, erregt somit Wehen und wird aus dem 
Uterus herausbefördert. Wieder eine Gruppe für sich bilden die 
Schwangerschaftsunterbrechungen, die durch traumatische Ein¬ 
wirkungen bedingt sind, also z. B. durch starke Erschütterung, Stoß 
oder Schlag auf den Unterleib, es ist aber auch erwiesen, daß bei 
empfindlichen Personen eine starke seelische Erregung genügt, um 
einen Abort einzuleiten. Zu dieser letzten Gruppe gehören auch 
die kriminellen Aborte, wenigstens soweit zur Abtreibung der 
Frucht äußere Mittel und nicht innerliche, wie z. B. Zimtsflure, 
Safran, Chinin, Senna, Secale cornutum usw., angewandt werdep, 
die übrigens alle keine specifische Wirkung haben, sondern, wie 
Bumm meint, „den beabsichtigten Erfolg erst durch schwere 
Vergiftung des mütterlichen Körpers erzielen“. 

Der kriminelle Abort lenkt nicht nur durch seine zunehmende 
Häufigkeit die Aufmerksamkeit der Gynäkologen und praktischen 
Aerzte auf sich, sondern auch dadurch, daß man erkennt, daß 
gerade die Fälle von Abort häufig besonders schwer verlaufen, bei 
denen von Laienhand unter groben Verstößen gegen die allgemeinen 
Regeln der Asepsis in verbrecherischer Absicht irgendein Eingriff 
vorgenommen wurde. Es wäre ein Fehler, wenn man annehmen 
wollte, daß der kriminelle Abort erst eine Erscheinung unsere 
modernen sozialen Lebens sei. Bereits den Kulturvölkern des 
Altertums, den Persern, Griechen und Römern waren Abortivmittel 
bekannt und es werden solche zur Zeit des Hippokrates genannt. 
Und in der Tat wurde die kriminelle Fruchtabtreibung schon zu 
jener Zeit trotz der zum Teil recht schweren Strafen, die darauf 
gesetzt waren, betrieben. Seitdem ist sie nicht wieder ver¬ 
schwunden, und alle Mittel, die dagegen bis jetzt angewandt 
wurden, konnten dieses Uebel nicht aus der Welt schaßen; im 
Gegenteil, es scheint festzustehen, daß die Zahl der kriminellen 
Aborte nicht nur in Deutschland, sondern in allen Kulturländern, 
und ganz besonders in Paris, wo Bertillon die Zahl der krimi¬ 
nellen Aborte für diese Stadt allein auf 50 000 im Jahre berechnet, 
im Wachstume begriffen Ist. Grant gibt an, daß in Amerika, wo 
das Abtreiben beinahe öffentlich betrieben wird, 85 % aller gra¬ 
viden Frauen die Schwangerschaft unterbrechen lassen. Für 
Rußland gelten ähnliche Verhältnisse. So berechnet Kalmjikow 
die Zahl der kriminellen Aborte für Rostow auf 75 °/o- Ols- 
hausen gibt an, daß 80 % aller Aborte, die in seiner Klinik zur 
Behandlung kamen, auf eine kriminelle Ursache zurückzuführen 
seien. Fleischhauer fand für die Kieler Klinik, daß 90% der 
septischen Aborte kriminell sind. Mögen diese Zahlen zum Teil 
auch zu hoch gegriffen sein, feststeht, daß der kriminelle Abort 
in erschreckender Weise zunimmt. Auch bei unserm Material 
kann man eine Zunahme der Aborte konstatieren, wenigstens 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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soweit man ans der Zahl der Aborte zu den überhaupt gynäkolo¬ 
gisch behandelten Patientinnen diesen Schluß ziehen darf. 

Die Gesamtzahl der gynäkologischen Kranken betrag bei uns; 
lm Jahre 1904 581, darunter 37 Aborte» 6,4% 

, . 1905 548, * 38 „ = 6,9% 

„ , 1906 595, „ 89 „ = 6,6% 

_ ,, 1907 702, „ 40 , = 5,7 % 

, n 1908 743, „ 63 „ = 8,5% 

* „ 1909 728, „ 79 „ =10,9% 

„ 1910 901, „ 92 „ =10.2% 

„ „ 1911 1118, „ 101 „ = 9,0% 

, „ 1912 1263, „ 186 „ =14,7% 

Es läßt sich schwerlich für die Zunahme der Aborte, die 
auch in fielen andern Kliniken konstatiert wird, eine andere Er¬ 
klärung als das Weiterumsichgreifen der Unsitte der Abtreiburg 
speziell auch in den ärmeren Volksschichten finden. Das größte 
Interesse an einer vorzeitigen Schwangerschaftsunterbrechung haben 
natürlich die ledigen Personen und von den Verheirateten die, die 
bereits eine größere Zahl lebender Kinder haben und für die unter 
den jetzigen schwierigen sozialen Verhältnissen und der allgemeinen 
Teuerung ein weiteres Zunehmen der Familienzahl oft den peku¬ 
niären Ruin bedeutet. Und so fand ich auch in der Tat, daß von 
den 305 verheirateten Patientinnen vor dem ersten Abort nur 
sechs keine, und nur elf ein Kind hatten, während von den ledigen 
die allermeisten noch keine und nur ganz wenige ein oder zwei 
Kinder hatten. Die Zahl der vorausgegangenen Geburten kann 
also für die Aetioiogie des Aborts hier nicht ausschlaggebend 
sein, sondern dieser auffallende Gegensatz läßt sich nur durch das 
verschiedene Interesse erklären, das die Patientinnen an einer vor¬ 
zeitigen Schwangerschaftsunterbrechung hatten. Im allgemeinen 
werden fünf Kinder in den einfacheren Familien den Eltern Opfer 
genug auferlegen, daß sie 6ich nach einem weiteren Kindersegen 
nicht gerade sehnen, und wo die Mutter sich schließlich entschließt, 
die Frucht selbst abzutreiben oder abtreiben zu lassen, um so 
mehr, als die Frauen von der eventuellen großen Lebensgefahr, 
in die sie die kriminelle Fruchtabtreibung bringen kann, in der 
Kegel keine Ahnung haben; dazu kommt das stetige Zunehmen 
der berufsmäßigen Abtreiberinnen, die sich in vielen Tageszeitungen 
ziemlich unzweideutig zu erkennen geben. Von unsern 305 Pa¬ 
tientinnen hatten 128 — 41,9% sechs und mehr Kinder. Rechnen 
wir zu diesen noch die 370 ledigen Patientinnen, so finden wir, 
daß wir bei nicht weniger als 498, also 73,9% aller boi uns 
wegen Abort behandelter Patientinnen, mehr oder weniger sicher 
einen gewollten Abort annehmen können. Es liegt ja auf der 
Rand, daß sich eine wirklich genaue Zahl für die kriminelle Frucht- 
abtreibung nicht finden läßt, da die Patientinnen aus naheliegenden 
Gründen in dieser Hinsicht nur in den allerseltensten Fällen zu¬ 
treffende Angaben machen. Mag auch unter den 498 Fällen hier 
und da der Abort durch eine Retroflexio, eine Lues, die, nebenbei j 
bemerkt, bei Mehrgebärenden wahrscheinlich ist, eine Gonorrhöe¬ 
behandlung oder irgendeine andere Erkrankung bedingt gewesen 
sein, so glaube ich doch, daß es nicht zu hoch gegriffen ist, wenn 
ich annehme, daß auch bei unserm Material mindestens 50% 
aller Aborte kriminell sind. Und dieses Ergebnis stimmt auch 
mit dem der meisten Autoren überein, die sich mit dieser Frage 
beschäftigt haben, v. Lingen gibt eine Reihe von Typen von 
solchen Fällen an, in welchen der Verdacht eines kriminellen 
Aborts vorliegt und aus dem man gleichfalls einen annähernden 
Geberblick bekommt. Nach seinen Erfahrungen sind unter dem 
Hospitalmaterial zu der jetzigen Zeit einhalb bis ein Drittel aller 
Aborte kriminellen Ursprungs. 

Die Gründe für das immer weitere Umsichgreifen dieses Ver¬ 
brechens sind wenigstens zum Teil in der zunehmenden Bequem¬ 
lichkeit der wohlhabenderen Frauen und der Einführung des Zwei- 
bndersystems, den schwierigen sozialen Verhältnissen der ärmeren 
Klassen und der Furcht vor der Schande bei den ledigen Schwan¬ 
geren zu suchen. Dazu kommt als weiteres Moment, daß die 
meisten Frauen recht leichtfertig über die Fruchtabtreibung denken 
wd vielfach keine Ahnung haben, wie teuer ihnen ein solcher 
betritt in gesundheitlicher Hinsicht unter Umständen zu stehen 
kommen kann. v. Lingen und H. Smith erwähnen zwei Fälle, 
wo sich Patientinnen 20 und 35 mal den Abort von Hebammen 
haben machen lassen. Diese Beispiele zeigen anderseits auch deut- 
lc h, daß es den Frauen doch verhältnismäßig leicht wird, Per¬ 
sonen ausfindig zu machen, die ihnen für Entgelt die Leibesfrucht 
abtreiben, und in der Tat ist das Heer der berufsmäßigen Ab- 
. nnnen ^ großen Städten recht stattlich. So habe ich in 
euier Kummer einer Breslauer Tageszeitung rieht weniger als 


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21 Annoncen gefunden, in denen von Hebammen und andern „er¬ 
fahrenen Personen“, wie Drogisten, den Leserinnen Rat und Mittel 
bei „Periodenstörung“ angepriesen wurden. Was unter dieser 
Periodenstörung zu verstehen ist, liegt ja auf der Hand, und so 
haben auch drei unserer Patientinnen zugegeben, ^uf eine solche 
Zeitungsannonce hin Frauen aufgesucht zu haben, die ihnen dann 
auch tatsächlich etwas in die Gebärmutter einspritzten, in dem 
einen Falle Seifenwasser, und ihnen außerdem Bäder und heiße 
Umschläge verordneten. 

Zwei Patientinnen bekamen bald darauf Schüttelfröste und längeres 
Fieber, alle drei abortierten. Einer andern schwangeren Patientin, die 
eine ihr bekannte Hebamme aufsuchte, wurde von dieser gleichfalls der 
Abort gemacht. Sie giüg in die Gebärmutter ein und spritzte ihr dann 
mit einer Mutterspritze etwas in den Uterus. Schon in der folgenden 
Nacht bekam Patientin Fiebergefühl, Kopf- und Leibschmerzen. Vier Tage 
darauf wurde sie ins Hospital eingeliefert. 27 Tage fieberte sie ununter¬ 
brochen bei Temperaturen um 38,5° und wurde nach dieser Zeit auf 
eignen Wunsch angeheilt ohne za abortieren entlassen. 

Häufig geben auch die Frauen als Grund für den Abort ein 
Dampfbad an, das sie genommen hätten. Ich glaube, daß das 
Dampfbad an und für sich wohl nur in recht seltenen Fällen den 
Abort einleiten wird. In vielen Fällen aber wird es die Frau 
Bademeisterin sein, die dies durch unterstützende Eingriffe zu¬ 
stande bringt. 

Diese Annahme bestätigt uns wiederum eine Patientin, die am 
2. November vergebens das Eintreffen der Periode erwartete. Sie ging 
darauf am 4. November ein Dampfbad nehmen und die Bademcisterin, 
der sie ihr Leid klagte, machte ihr dann am 7. November, als sin wieder 
ein Dampfbad nahm, in die Gebärmutter eine Einspritzung. Da diese 
Prozedur ohne den gewünschten Erfolg blieb, wurde sie „doppelt so 
stark“ am 10. November wiederholt. Am 11. November traten dann 
starke Schmerzen im Leib und Kreuz auf, ebenso Blutungen. Am 16. No¬ 
vember wurde dann auf Anraten der Frau noch ein Dampfbad genommen, 
worauf die Schmerzen Zunahmen. Am 18. November erfolgte dann die 
Aufnahme ins Krankenhaus. Auch diese Patientin hat längere Zeit 
gefiebert. 

In einem andern Fall, auf den ich wegen seines Verlaufs 
und der Tragik näher eingehen möchte, war es die eigne Mutter, 
die ihrer 16jährigen Tochter die Frucht abtreiben wollte und sie 
dabei tödlich verletzte. 

Fall I. 1912. Nr. 358. 

Elfriede H., Plätterin, 16 Jahre, im zweiten Monat schwanger. 

Am 6. November fing Patientin an zu bluten, nachdem sie vorher 
„mit großem Packet ausgeglitten und gefallen war“. Am 7. hörte die 
Blutung auf. Am Abend dieses Tages machte ihr die Mutter lauwarme 
Ausspülungen mit einem geliehenen Irrigator, der auch zu Klistieren be¬ 
nutzt wurde. Darauf sofort Schmerzen im Leib und heftiges Erbrechen, 
bis zur Einlieferung am 8. November über 15 mal. 

Status: Mittelgroße, kräftig gebaute Patientin, gut genährt. Ver¬ 
fallenes Aussehen, ängstliche Gesichtszüge: Zunge stark belegt, Atmung 
sehr beschleunigt. Puls sehr schlecht, klein, 140 bis 150. Manchmal 
kaum palpabel. Temperatur 37,2, Kollapitemperatur. Extremitäten kalt, 
Abdomen stark aufgetrieben; sehr schmerzhaft bei leisester Berührung. 
Keine Resistenz, tympant. Schall. Vulva geschlossen. Portia blaurot, 
Muttermund offen, mißfarben; aus ihm hängt ein stinkender, übelaus- 
sehender Placentarfetzen. Uterus usw. nicht zu tasten. 

Diagnose: Abortus incompletus sept. crim. Peritonitis diffusa 
putrid a. 

Therapie: Laparotomie, seitliche Incisionen. Drainage. 

Nach der Operation bessert sich der Puls, um aber bald wieder 
schlechter zu werden. Subcutane Injektion von NaCl mit 20 gtt. Adre¬ 
nalin. Darauf Coffein plus Campher. Nach Erwachen aus der Narkose 
große Unruhe. Eine Spritze Morphium. Nach Verschlechterung des 
Pulses trotz aller Analeptica tritt unter Herzschwäche am 9. November 
Exitus ein. 

Sektionsbefund: Nach Eröffnung des Bauches zeigt sich freier, 
flüssiger, flockiger Eiter auf und zwischen den Darmschlingen, die gar 
keine Neigung zur Verklebung untereinander darbieten. Die aus der 
Bauchhöhle herausgeleiteten Gazestücke führen in die Tiefe dos kleinen 
Beckens und lassen nach ihrer Entfernung ein schmierig graues Gebilde 
im Becken erkennen, das der stark veränderte Uterus ist. Der Fundus 
des etwas vergrößerten und weichen morschen Organs ist zundig zer¬ 
fallen. In seiner ganzen Ausdehnung ist die Wand hier völlig brandig 
umgewandelt, und man kann mittels eines in den äußeren Muttermund 
eingefflhrten Katheters durch den perforierten Uterus direkt in die 
Bauchhöhle gelangen. In der Umgebung dieser Oeffnung sind einzelne 
Wandbestandteile noch erhalten, die sich wie eine dünne Membrane, die 
aber auch 6chon völlig nekrotisch ist, zwischen Sonde und Bauchhöhle 
befindet. Großes Corpus luteum im rechten Eierstocke, die andern Organe 
ohne Befund. 

Dieser Fall, der keineswegs etwa vereinzelt ist, zeigt so 
recht deutlich die große Gefahr der kriminellen Fruchtabtreibung, 
auf die ich später noch eingehender zu sprechen kommen werde, 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


und er ist um so tragischer, da hier die Mutter zur Mörderin 
ihrer eignen Tochter wurde. Es liegt nach den zum Teil un¬ 
sicheren Angaben die Vermutung nahe, daß bei dieser Patientin 
nicht nur einmal am 7. November, sondern auch schon vorher in 
die Gebärmutter eingegangen wurde. 

Zwei andere Patientinnen, die gleichfalls Zugaben, mit einer 
Mutterspritze Seifeneinspritzuugen gemacht zu haben, kamen am 
zweiten und neunten Tag ad exitum. Außer diesen Fällen hatten 
noch 15 andere Patientinnen zugegeben, teils mit dem Irrigator, 
teils mit einer Mutterspritze in die Gebärmutter zwecks einer 
Einspritzung eingegangen zu sein, das eine Mal wurde hierzu 
Glycerin verwandt. Diese Patientin, ein Dienstmädchen, wurde 
nach dem Eingriffe bewußtlos aufgefunden, neben ihr lag die 
Mutterspritze mit blutigem Ansatzrohre. Bei der Aufnahme im 
Hospital war sie noch benommen und hat fünf Tage gefiebert. 
Wir sehen aus diesen Zahlen, wie häufig dieses Verfahren zur 
kriminellen Fruchtabtreibung angewandt wird, das gewiß nicht, 
wie wir ja gesehen haben, gerade zu den harmlosesten gehört; und 
wie viele Patientinnen mögen uns aus naheliegenden Gründen einen 
solchen Eingriff verheimlicht haben! Am häufigsten erhält man 
auf Befragen der Patientinnen nach der vermeintlichen Ursache 
ihrer Fehlgeburt die Antwort, daß sie gefallen seien, schwer ge¬ 
hoben, viel getanzt haben und ähnliches mehr (bei uns wurden 
solche Angaben 81 mal gemacht), aber man kann sich durch Wider¬ 
sprüche der Kranken, den lokalen Befund usw., doch oft über¬ 
zeugen, daß diese Angaben nicht ganz stimmen und daß auch in 
diesen Fällen meist ein Crimen vorliegt Nur verhältnismäßig 
selten war für den Abort eine Lues, eine Ketroflexio und ein 
Myom verantwortlich zu machen, und zwar wurde Lues in 14, 
Retroflexio in 20 und Myom in 5 Fällen festgestellt. Zweimal 
bestand eine fieberhafte Erkrankung. 

Zum Schlüsse möchte ich noch einen in ätiologischer Hinsicht 
interessanten Fall erwähnen. Die Patientin wurde am 1. Mai 1909 von 
12 bis 15 Aerzten tonchiert; darauf stellte sich geringe Blutung ein, am 
5. Juli traten Wehen auf und bald darauf Fieber. Auch die Blutung nahm 
zu. Nach der Einlieferung in das Krankenhaus stieg das Fieber bald 
über 40° und es wurden vier Schüttelfröste beobachtet Darauf entschloß 
man sich znr Operation und fand im linken Parametrium infiltrierte 
Thromben. Vier Tage nach dem Eingriff erfolgte Exitus. Es liegt nahe, 
den Abort mit der oben erwähnten Untersuchung in Zusammenhang zu 
bringen, zum mindesten ist aber dieser äußerst schwere Verlauf dafür 
verantwortlich zu machen. 

Bondy berichtet von zwei Fällen, die letal endeten und wo 
die Möglichkeit einer Außeninfektion in hohem Maße vorlag, da 
auch diese Patientinnen von mehreren Studenten vorher, wenn auch 
mit sterilen Gummihandschuhen, untersucht worden waren. Auch 
Häberle erwähnt aus der Würzburger Universitäts-Frauenklinik 
einen ähnlichen Fall, hei dem eine Untersuchung durch elf Herren 
vorausging, und der gleichfalls letal endete. Und so lehren diese 
Fälle, daß man bei der Untersuchung geburtshilflicher Fälle nicht 
vorsichtig genug sein kann, ja, dsä selbst die Beachtung aller 
aseptischen Maßnahmen nicht genügt. 

Aus der großen Mannigfaltigkeit der Gründe für das Bestehen 
und Zunehmen des kriminellen Aborts ergibt sich auch die 
Schwierigkeit, erfolgreich dagegen anzukämpfen. Daß hohe Strafen, 
einschließlich der Todesstrafe, nicht allein im Stande sind, diesem 
Uebel zu steuern, hat, wie wir gesehen haben, die Geschichte des 
kriminellen Aborts erwiesen; ein Universalmittel gibt es eben in 
diesem Falle nicht. Ich glaube auch nicht, daß von ärztlicher 
Seite allein hier viel auszurichten ist; vielmehr müssen sich in 
diesem Punkte Aerzte, Juristen und Polizei zur gemeinsamen Arbeit 
zusammenfinden. Zunächst müßte einmal den berufsmäßigen 
Abtreiberinnen ihr verbrecherisches Handwerk mehr als es bis 
jetzt der Fall war gelegt werden. Leicht ist ja dies natürlich 
nicht, da ihre Klientinnen sich selbstverständlich in der über¬ 
wiegenden Mehrzahl der Fälle hüten werden, irgendwelche positiven 
Angaben zu machen, da sie sich ja damit selber mit dem Straf¬ 
gesetzbuch in Konflikt bringen; aber es lassen sich vielleicht doch 
Mittel und Wege finden. Es wäre auch schon ein Vorteil, wenn 
die vielen Annoncen, die diese berufsmäßigen Abtreiberinnen und 
gewisse Drogisten in allen möglichen Formen einsetzen, von den 
Tageszeitungen nicht angenommen würden. Es wäre ihnen dann un¬ 
möglich, sich selber und ihre Mittel auf einfache und verhältnismäßig 
billige Art und Weise einem größeren Kreise von Interessenten 
anzupreisen, und solange dies noch nicht durchführbar ist, müßte 
häufigere Anklage wegen Vergehens gegen § 49a des StGB, er¬ 
folgen. Daß dies nicht ganz zwecklos ist, beweist folgender Fall: 
Ein Drogist in Berlin annoncierte in verschiedenen Zeitungen 
„Kokostropfen** als sofort wirkendes letztes Mittel bei „Perioden¬ 


störungen“. Jeder Flasche ä 10 M war eine Ausweiskarte bei¬ 
gegeben, auf Grund deren bei nichteintretendem Erfolg eine zweite 
Flasche bezogen werden konnte. Es wurde nun Anklage gegen 
ihn wegen Vergehens gegen den oben angeführten Paragraphen 
erhoben, da er durch diese Ankündigungen zur Begehung des Ver¬ 
brechens der Abtreibung aufgefordert habe. Trotzdem der Ange¬ 
klagte behauptete, die Tropfen hätten keine Abortivmittel ent¬ 
halten, wurde ihm doch nachgewiesen, daß er in der fraglichen 
Zeit zweimal je 50 g Mutterkorn bezogen hatte. Das Gericht 
nahm an, daß zwischen den Ankündigungen und dem Bezüge des 
Mutterkorns zweifellos ein Zusammenhang bestehe, daß der An¬ 
geklagte sich in seinen Annoncen an schwangere Frauen wenden 
und den Glauben erwecken wollte, daß er Abortivmittel ver¬ 
schaffen könne. Der Angeklagte habe die Absicht gehabt, Ab¬ 
treibungsmittel zu vertreiben. Er wurde deshalb zu drei Mo¬ 
naten Gefängnis verurteilt. Das Reichsgericht verwarf die ein¬ 
gelegte Revision als unbegründet. Eine häufigere schwere Be¬ 
strafung würde gewiß abschreckend wirken. 

Hinweisen möchte ich auch noch auf die große Gefährlich¬ 
keit der Mutterspritzen mit den ganz dünnen, spitz zulaufenden 
und gebogenen Ansatzrohren, wie sie auch ein Teil unserer Pa¬ 
tientinnen verwendet hat, und die ja zu gar nichts anderm als 
zu intrauterinen Einspritzungen gebraucht werden können. Ein 
Verbot des öffentlichen Verkaufs dieser Spritzen wäre ganz am 
Platze. Der Arzt aber kann meines Erachtens nur dadurch in 
dieser Frage günstig mitwirken, daß er durch umfangreiche Auf¬ 
klärung des Publikums dieses auf die außerordentlichen Gefahren 
des kriminellen Aborts in gesundheitlicher Hinsicht immer und 
immer wieder aufmerksam macht und daß er das Vertrauen der 
Frauen auch in diesem Punkte voll und ganz besitzt, damit er 
sie rechtzeitig in Behandlung bekommt; denn das ist ausschlag¬ 
gebend für eine erfolgreich durchzufübrende Therapie. Darum ist 
es auch ganz verfehlt, wenn von verschiedener Seite, so auch von 
Winckel, vorgeschlagen wird, den Arzt zu verpflichten, jeden Fall 
von Abort den Behörden zu melden. Damit wäre das Vertrauen 
zum Arzt mit einem Schlage vernichtet und die sichere Folge 
wäre, daß die Zahl der Todesfälle nach Abort durch die ver¬ 
schleppten Fälle rapid ansteigen würde, v. Lin gen bemerkt zu 
dieser Frage treffend: „Wollte der Arzt in dem idealen Streben, 
gegen das Unrecht anzukämpfen, Fall für Fall zur öffentlichen 
Anzeige bringen, so müßte er auf eine Zeitlang das Feld seiner 
Tätigkeit statt in das Krankenhaus in den Gerichtssaal verlegen, 
er müßte täglich als Zeuge fungieren und liefe noch Gefahr, aus 
der Rolle des Anklägers in die des Angeklagten zu fallen.“ Es 
steht jedenfalls fest, daß auf diesem Gebiete noch viele Erfahrungen 
gesammelt und viele Arbeit geleistet werden muß, ehe ein posi¬ 
tiver Erfolg zu verzeichnen sein wird. (Schluß folgt) 


lieber längeren Gebrauch von Adalin 

von 

San.-Rat Dr. H. Freund, Berlin. 

Im Begriffe, einen Bericht über einen Patienten zu erstatten, der 
seit 1V* Jahren Adalin täglich nimmt, lese ich in Nr. 47 den Aufs&t* 
von Dierling über „AdalinVergiftung“. Ich möchte ihn allerdings lieber 
überschreiben „Ueber die Unschädlichkeit des Adalins selbst in großen 
Dosen“. Denn welches von uns täglich angewandte Mittel würde in der 
Dosis von 13 g so geringe Nebenwirkungen hervorrufen? Man denke an 
die käuflichen Salicylpräparate, an die in vielen Abführmitteln vor¬ 
handenen Drastica, an Phenolphtalein im „Purgen“, an die Burrongh- 
Welcome „Tabloids“ mit ihren verschiedenen „Kompositionen“ und 
andere. 

Der Dierling sehe Fall ist in der Tat ein Beweis für die Un¬ 
schädlichkeit des Adalins. Ein Mittel, das schon in der Dosis von 0,5 
deutliche beruhigende Wirkung ausübt, wird in der 26 fachen Dosis noch 
vertragen! Denn die drei Stunden nach dem Einnehmen einsetzenden 
therapeutischen Bemühungen hatten jedenfalls dem Mittel Zeit gelassen, 
seine volle Wirkung zu entfalten. Außerdem ist die Patientin eine 
Hysterica, durch Krankheiten und Morphiamabusus geschwächt. 

Der Fall, über den ich berichten will, betrifft einen Herrn von 
62 Jahren. Patient, der an deutlichen Arterienveränderungen leidet, die 
im März 1913 zu einem leichten apoplektischen Insult geführt hatten, 
lernte Adalin kennen, als er einen schweren Familienkummer dnreh- 
zumachen hatte. Die tragischen Nebennmstände, die bei dem sehr in¬ 
telligenten und erregbaren Herrn außerordentliche Aufregungen hervor¬ 
riefen, führten zu einer vollständigen Umkehr in seiner Lebensanschau- 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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aog. Immer und immer wieder wurden an der Hand des sehr traurigen 
ud erschütternden Falles von dem darüber grübelnden Patienten soziale 
Dod kulturelle Einrichtungen mitverantwortlich gemacht und eine endlose 
Sette neuer Vorstellungen daran geknüpft. Patient, der ein sehr arbeits¬ 
reiches Leben unter starkem Qemütsdrucke hinter sich hat, war nie ein 
guter Schläfer. Auf meinen Kat nahm er in der bewegten Zeit Adalin 
nent in Dosen von 1 g, abwechselnd mit halben Gramm-Dosen. 

Ich hatte den Patienten viele Wochen nicht gesehen. Gelegent¬ 
lich einer Begegnung erfuhr ich von ihm, daß er immer noch Adalin 
täglich nehme. Dabei hatte er die Beobachtung gemacht, daß Beine sehr 
intensive Berufsarbeit — er ist Leiter eines großen industriellen Werkes 
— ihm leichter fiel, wenn er am Abend vorher Adalin genommen hatte, 
iwar nicht mehr in den großen Dosen, da meist schon 0,25 genügte. 


Wiederholte Versuche, es fortzulassen, hatte er mit einer scM»flosen 
Nacht und am folgenden Tage mit Unlust bei der Arbeit zu büßen. So 
geht es seit Oktober 1913. Der August und September 1914 sollte zu 
einer klimatischen Radikalkur benutzt werden und dabei auch die Ab¬ 
gewöhnung vom Adalin stattfinden. Da der Krieg das unmöglich machte, 
nimmt Patient in kleinen Dosen von 0,2.5 bis 0,5 das Mittel water. Auch 
die Ehefrau des Patienten, die sich im Beginne des Klimakteriums be¬ 
findet, hat vor einigen Monaten angefangen, kleine Dosen des Mittels in 
Höhe von 0,25 zu nehmen. 

Bei beiden Personen ist keinerlei Nebenwirkung za konstatieren. 
Sie befinden sich wohl nnd sind voll tätig. Sie haben auch keine 
Störungen, die bei dem lange fortgesetzten Gebrauche von Bromsalzen 
aufzutreten pflegen. 


Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft. 


kt Colostrum das unreife Sekret einer insuffi¬ 
zienten Mamma' 

von 

Georg Benestad, 

Frauenarzt in Kristiania (Norwegen). 

Es finden sich in der älteren Literatur einzelne Verfasser, 
die Versuche gemacht haben, physiologische Prozesse bei den 
Neugeborenen mit ähnlichen bei den Gebärenden zu parallelisieren. 
So bat L. Faye 1 ) das Sekret der Brustdrüsen Neugeborener mit 
dem Colostrum der Frau verglichen und gemeint, daß die Hexen- 
milch&bsonderung als eine physiologische Erscheinung aufzufassen 
sei. Im übrigen schließt er sich der schon von Bouchut 2 ) ver¬ 
tretenen Ansicht an, daß die Milchabsonderung bei Mutter sowohl 
vie Kind das Ergebnis einer gemeinsamen Diatesis puerperalis 
i, ciseosa sei. In der jüngeren Literatur ist dieser Gedanke 
in erneuter Gestalt von Knöpfelmacher 3 ) vorgebracht worden. 

Von einer ähnlichen Vergleichsanstellung zwischen dem Neu¬ 
geborenen und der Gebärenden ausgehend, werde ich im weiteren 
versuchen, klarzulegen, warum die Brustdrüsen der Frau ihre 
Sekretion stets mit dem Bilden von Colostrum beginnen und 
schließen. 

ln früheren Arbeiten 4 ) habe ich naebgewiesen, daß man die 
für das Neugeborene charakteristischen Erscheinungen, nämlich den 
physiologischen Gewichtsverlust, Icterus neonatorum und Albu- 
minuria neonatorum, unter demselben Gesichtswinkel betrachten 
und sie als das Ergebnis einer Insuffizienz erklären muß, die bei 
den Organen als Folge der fehlenden Uebung vorhanden ist, die 
nenen, ihnen nach Aufhören des intrauterinen Lebens auferlegten 
Funktionen anszufflhren. Derselbe Mangel an Uebung ist auch 
vorhanden, wenn die Brustdrüsen der Frau nach der Geburt ihre 
Milchseferetion beginnen, und es würde daher in Analogie mit den 
Verhältnissen bei Neugeborenen berechtigt sein, anzunehmen, daß 
rieh eine ähnliche Insuffizienz bei der Bildung der ersten Milch 
geltend mache. 

Die meisten Verfasser, die sich mit der ColostrumforschuDg be- 
achtftigt haben, haben ihre besondere Aufmerksamkeit den morphologi¬ 
schen Bestandteilen der MiJch gewidmet. Auf diesem Gebiete bat sich 
Czerny 4 ) großes Verdienst erworben durch den Erweis, daß die Colo- 
rtnuakörper Leukocyten sind, die in die Drüsenräume einwandern und 
vermittels Phagocytose die Fettkugeln der Milch in sich aufnehmen. Da¬ 
gegen ist seine noch jetzt allgemein anerkannte Hypothese, daß die Ein¬ 
wanderung der Leukocyten und die Colostrumbildung eine Folge der 
mechanischen Wirkung von Milchstauungen sei, kaum ganz unan¬ 
fechtbar. 

, Schon Cohn 8 ) hat darauf aufmerksam gemacht, daß man bei milch¬ 
reichen Frauen während der Lactation langwierige Milchstauungen im 
binne Czernys mit erheblicher Ausspannung der Drüse beobachten 
ktas, ohne daß die Milch Colostrumkörper enthält. Es erscheint anch 
^ y> i gesuc ht, von einer mechanisch wirkenden MilchBtanung während 

*) L. Faye, Untersuchungen über die Ernährungsverhältnisse Neu¬ 
geborener. (Kristiania 1874.) — Derselbe, Die Milchabsonderung Neu- 
tftoraner. (Nordiskt med. Arch. 1876, Bd. 8.) 

*) Bouchut, Traitd pratique des maladies des nouveua-nds et de 
•econde enfiance, (Paris 1867, zit. nach Faye.) 

v.jlJ * n0 P f 8lmacher. (Pfaundler und Schlossmanns Handb. der 
Mblk. 1910.) 

•u i ^ ® ene 8 had, Wo liegt die Ursache zur physiologischen Gewichts- 
wjMme Neugeborener? (Jb. f. Kindhlk. 1914, Bd. 80.) — Derselbe, 

«e Emährnng8verhältnisse Neugeborener. (Mschr. f.Geburtsh. 1914.) 

2 S*? PÖ ^ Ueber <)&* Colostrum. (Prag. m. Wschr. 1890, S. 897.) 

v Cohn, Zur Morphologie der Mücb. (Virch. Arch. 1900, Bd. 162.) 


der Schwangerschaft und in den ersten Tagen nach der Gebart zu reden, 
wenn man selbst mit der besten Milchpampe nicht mehr als einige 
wenige Gramm Milch gewinnen kann. Das am zweiten bis vierten Tag 
eintretende Anschwellen der Brustdrüse wird auch nicht ausschließlich 
durch die reichlichere Sekretion bedingt, sondern ist wobl im wesent¬ 
lichen eine Folge von Bl itzuflnß und Exsndation im interstitiellen Ge¬ 
webe. Das mechanische Moment kann daher für das Auitreten der Coio- 
8tromkörper nicht entscheidend sein. Selbst wenn man nach der Geburt 
vermittels einer Milchpumpe die Brüste sehr häufig entleert, so ist doch 
die coloatrale Sekretionsphase nicht zu vermeiden. 

Cohn macht deshalb geltend, daß es die chemotaktischo Wirkung 
des stagnierenden Sekrets sei, wodurch die E.iwaaderang der Leukoryten 
in die Drüsenräume bedingt werde. Er meint, das stagnierende Sekret 
unterläge einer Veränderung, welche die Bildung chemotaktisch wiikender 
Stoffe zur Folge hätte. Wie ich im weiteren zeigen werde, kommt es 
mir wahrscheinlicher vor, anzunehmon, daß diese Stoffe von den Epithel- 
zellen selbst während ihrer insuffizienten Funktion gebildet werden. 

Die colostrale Milch wird oft als unreif bezeichnet — ein 
Ausdruck, der den Gedanken auf ein gewisses Reif werden der 
Milch hinlenkt. Dies besteht jedoch nicht darin, daß sich die 
Milch, nachdem sie von den Epithelzellen in den BrustdriDen- 
räumen secerniert wurde, verändert. Dies Reifwerden betrifft 
die sekretorische Funktion selbst. Die Fähigkeit der 
Epithelzellen, fertige Milch zu erzeugen ist es, die sich 
im Lauf einiger Tage nach der Geburt solcherweise ent¬ 
wickelt, daß das Sekret derselben schließlich die 
quantitative und qualitative Zusammensetzung wie sie 
die reife Milch kennzeichnet, erhält. 

Man könnte sich versucht fühlen, zu fragen, ob die 
Colostrumbildung unter diesen Umständen als ein physiologisches 
Phänomen zu betrachten sei. Die Frage ist um so mehr be¬ 
rechtigt, als man sagen muß, daß auch die entsprechenden Pro¬ 
zesse bei den Neugeborenen, z. B. der Gewichtsverlust, auf der 
Grenze des Physiologischen stehen. Macht sich nämlich ein Ge¬ 
wichtsverlust von ähnlicher Höhe (etwa 200 g) später im Säug¬ 
lingsalter bemerkbar, erblicken wir hierin eine pathologische Er¬ 
scheinung. Ebenso wird es von allen als pathologisch bezeichnet, 
wenn die Milch trotz des Entleerens der Brüste während der Lac¬ 
tation, z. B. bei Mastitis, colostralen Charakter annimmt (Sassen¬ 
hagen 1 ), Bauer und Engel 2 ). Das richtigste ist wohl, zu sagen, 
daß beide Zustände, die Colostrumbildung bei den Müttern sowohl 
wie der Gewichtsverlust bei den Neugeborenen, als physiologisch 
zu betrachten sind, da sie bei jeder Mutter beziehungsweise jedem 
Kind als eine Folge der fehlenden Uebung eintreten, welche die 
Organe die Ausführung der neuen, ihnen nach der Geburt ob¬ 
liegenden Funktionen nicht sofort bewältigen läßt. Wiederholen 
sie sich aber später, wenn die Funktionen der Organe eingeübt 
und geregelt sind, dann sind sie das Zeichen für eine Störung der 
physiologischen Prozesse und deshalb als pathologisch zu be¬ 
trachten. 

Die Insuffizienz der Zellen bei beginnender Lactation macht 
sich sicherlich in bezug auf alle die mannigfaltigen Prozesse geltend, 
die zusammen die sekretorische Funktion darstellen. Was sich 
jedoch am besten nachweisen läßt, ist ihre versagende Fähigkeit, 
dem Sekret die quantitative Zusammensetzung, wie Bie die reife 
Milch kennzeichnet, zu verleihen. Das Colostrum zeigt nämlich 
die einzelnen Gruppen der Nahrungsstoffe — Wasser, Eiweißstoffe, 


f ) Sassenhagon, Ueber die biologischen Eigenschaften der 
Coloitral- and Mastitismilch. (Diss. Stuttgart 1910.) 

*) Bauer nnd Engel, Ueber die chemische und biologische Dif¬ 
ferenzierung der drei Eiweißkörper in der Kuh- und Frauenmilch. (Biocheni. 
Zschr. 1911, Bd. 31.) 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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Fettarten, Zucker, Salze — in einem ganz andern gegenseitigen 
Massenverhälfcnis als die fertige Milch, und sogar innerhalb jeder 
einzelnen Gruppe, z. B. derjenigen der Eiweißstoffe, ist die relative 
Menge jedes einzelnen Stoffes — Casein, Albumin, Globulin — ganz 
verschieden von den während der vollentwickelten Sekretion be¬ 
stehenden Verhältnissen. 

Recht interessant ist, daß durch die Untersuchungen 
Engels 1 ) und Eichelbergs 2 ) über die Eigenschaften des Fettes 
im Colostrum und der reifen Milch Beweise dafür geliefert zu sein 
scheinen, daß bei Beginn der Lactation seitens der Zellen auch 
die Bearbeitung des vom Blute her aufgenommenen Materials eine 
mangelhafte ist. Sie haben z. B. erwiesen, daß das Fett im 
Frauencolostrum eine so hohe Jodziffer hat, daß sie derjenigen 
des Körperfetts entspricht, während die Jodziffer des Milchfetts 
erheblich niedriger ist. Die Zellen erlangen also erst nach einiger 
Uebungszeit die Fähigkeit, dem 6ecernierten Fette die das Milch¬ 
fett kennzeichnenden Eigenschaften mitzuteilen. Aehnliches ist 
bezüglich der Eiweißstoffe noch nicht erwiesen worden. Man kann 
nämlich selbst durch biologische Reaktionen nicht Lactalbumin 
und Lactoglobulin von den entsprechenden Blutserumstoffen 
scheiden [Bauer 8 ), Bauereisen 4 ), Engel 5 ), Kleinschmidt 6 ), 
Graetz 7 ), Heuner 8 )]. Doch sei erwähnt, daß z. B. in der Kuh¬ 
milch der Eiweißstoff, den wir als ein speciflsches Erzeugnis der 
Drösenzellen betrachten, nämlich das Casein, im Colostrum nur 
etwa 30°/o der Proteinmenge ausmacht, in reifer Milch aber 
90 %. Die Fähigkeit der Epithelzellen, Casein herzustellen, 
scheint bei der Kuh während der ganzen Lactation zuzunehmen. 

Auf Grundlage der hier vorgeführten Anschauungsweise ist 
es auch nicht schwierig, zu erklären, warum die Milch auch beim 
Aufhören der Lactation normalerweise colostralen Charakter an¬ 
nimmt. Man muß nämlich bedenken, daß die Mamma unter den 
Drüsen mit äußerer Sekretion eine Sonderstellung deshalb ein¬ 
nimmt, weil ihre milchbildende Funktion einen intermittierenden 
Verlauf hat. Ende der Schwangerschaft findet man meist ein 
spärliches colostrales Sekret in den Brüsten, das nach der Geburt 
an Menge zunimmt, um von der reifen Milch abgelöst zu werden. 
Wenn die Sekretion aufhört, wiederholt sich dasselbe, nur in um¬ 
gekehrter Weise, so daß vor dem Stillstände stets eine colosirale 
Periode zu durchlaufen ist. Die Brustdrüse kann ihre milch¬ 
bildende Funktion nicht mit der sofortigen Abgebung 
reifer Milch beginnen und ebenso kann sie auch nicht 
plötzlich damit schließen. Dasselbe Stadium, das die 
Drüsenzellen zur Erlangung ihrer vollkommenen Funk¬ 
tion durchmachen müssen, haben sie auch zu durch¬ 
laufen, bevor sie ihre Milchproduktion einstellen, einerlei 
ob dies sua sponta geschieht oder als eine Folge dessen, daß die 
Forderungen an die Leistungsfähigkeit des Organs unter ein ge¬ 
wisses Minimum sinken. 

Bekannt ist, daß die Brustdrüsen in bestimmten Perioden 
des menschlichen Lebens, von der Schwangerschaft unabhängig, 
etwas anschwellen und eine spärliche Flüssigkeit secernieren 
können; dies ist z. B. bei Neugeborenen der Fall, bei Knaben im 
Fubertätsalter und bei Frauen beim Eintreten des Klimakteriums. 
Aber in allen diesen Fällen kommt es nur zu einem Bilden von 
Colostrum oder einer colostrumähnlichen Flüssigkeit, selbst wenn 
das Sekret regelmäßig entleert wird [Bab 9 )] — ein Beweis dafür, 
daß nicht die Milchstauung die colostrale Sekretion 


i) Engel, Zur Methodik der Fettbestimmung in der Frauenmilch. 
(Arch. f. Kindhlkd. 1906, Bd. 43.) — Derselbe, Die Biochemie des 
Colostrums. (Erg. d. Physiol. 1911, Bd. 11.) — Derselbe nnd Bode, 
Zur Kenntnis des Costralfettes. (Zschr. f. physiol. Chem. 1911, Bd. 74) 
*) Eichelberg, Ueber das Costralfett des Menschen. (Arch. f. 
Kindhlkd. 1906, Bd. 43.) 

8 ) Bauer, Zur Biologie des Colostrums. (D. m. W. 1909, S. 1657.) — 
Derselbe, Die Biochemie des Colostrums. (Erg. d. Physiol. 1911, Bd. 11.) 

4 ) Bauereisen, Die Beziehungen zwischen dem Eiweiß der Frauen¬ 
milch und dem Serumeiweiß von Mutter und Kind. (Berlin 1910.) — 
Derselbe, Zur Frage der biologischen Differenzierung der Milcheiwei߬ 
körper. (Zschr. f. Immun.Forsch. 1911, Bd. 10.) 

6 ) Engel und Bauer, L. c. 

8 ) Kleinschmidt, Die biologische Differenzierung der Milch- 
tiweißkörper. (Mschr. f. Kindhlk. 1911, Bd. 10.) 

7 ) Graetz, Experimentelle Studien über die Beziehungen zwischen 
Milch, Colostrum und Blutserum des Kindes. (Zschr. f. Immun. Forsch. 

1911, ®.^^ nner ^ Untersuchungen zur Biologie der Milch mittels der 
anaphylaktischen Methode. (Arch. f. Kindhlk. 1911, Bd. 56.) 

9 ) Bab, Die Colostrumbildung als physiologisches Analogon in 
EntzttnduDgsrorgängen. (Berlin 1904.) 


bedingt, sondern der insuffiziente Funktionszustand, in 
dem sich die Drüsenzellen befinden. Ich will übrigens die 
Frage, warum der sekretorische Prozeß der Brustdrüse niemals 
ohne vor&usgehende Schwangerschaft reift, nicht näher berühren, 
sondern nur erwähnen, daß Hildebrandt 1 ) durch regelmäßiges 
Entleeren der Brüste bei einer II-Gebärenden in den letzten 
Wochen vor der Geburt nichts anderes erreichte als eine Ver¬ 
mehrung des wäßrigen ooloströsen Sekrets Erst am dritten Tage 
nach der Geburt zeigte sich die charakteristische weiße Milch. 

Das Auftreten von Milch in den Brüsten während der Gravidität soll 
Halban 8 ) zufolge ein altbekanntes Anzeichen dafür sein, daß die Frucht ab¬ 
gestorben ist. Doch haben besonders Gessner 3 ) und Mandl 4 ) darauf auf¬ 
merksam gemacht, daß sich die Sekretion nach Absterben der Frucht im 
Lauf einiger Tage derartig verändert, daß das Sekret schließlich, und 
zwar trotz der Stauung, das Aussehen und die Eigenschaften der 
reifen Milch annimmt. Im übrigen hat Buchholz 3 ) schon 1877 gefunden, 
daß die Colostrumkörper in der Milch von Müttern, die nicht stillten, 
von der Geburt an bis zum fünften Tag abnahmen. Dasselbe ist von 
Hohlfeld 6 ) bei Meerschweinchen erwiesen. 

Dieser Umstand, daß die sekretorische Funktion der Drüsen- 
zellen bei Unterbrechung der Schwangerschaft stets einem ge¬ 
wissen Reifungsprozeß unterliegt, selbst dann, wenn die Milch nicht 
entfernt wird, zeigt besser als alles andere die Unhaltbarkeit der 
Czerny sehen Hypothese. Die wichtige Rolle, die das Säugen oder 
die Entleerung der Brüste [Helbich] 7 ) für die weitere Sekretion 
spielt, liegt auch nicht darin, daß die mechanische Wirkung der 
Milchsfcauung aufgehoben wird, sondern darin, daß die Epithelzellen 
während eines colostralen Stadiums ihre Funktion wieder ein- 
stellen, falls die an ihre Leistungsfähigkeit gestellten Forderungen 
nicht hoch genug sind. 

In seiner meisterhaften Arbeit über „Die innere Sekretion von 
Ovarium und Placen^“ gelangte Halb an 8 ) zu dem Ergebnisse, daß das 
Eintreten der Milchsekretion nach der Geburt der puerperalen Involution 
der Genitalorgane zur Seite gestellt werden müsse. Gegen diese Auf¬ 
fassung hat sich schon Mandl 8 ) ausgesprochen, und wie es mir scheinen 
will, mit Recht. Es besteht zwischen der Uteriinvolution und dem Ein¬ 
treten der Milchsokretion der große Unterschied, daß die Genit&lapparate 
ihre Arbeit getan haben and nach beendigter Gebart zum Ruhestände 
zurückkehren, während die Brustdrüsen dann erst znm Ausüben ihrer 
höchsten Funktion schreiten. Die beiden Prozesse können daher kaum 
derselben Natnr sein, obwohl ihnen gemeinsam ist. daß sie erst beginnen, 
wenn die Placenta ihre Tätigkeit einstellt. — Die Theorie Engels 8 ) Über 
die Phy?ioiogie der Milchsekretion baut sich auf der Grundlage von 
Hai bans Hypothese auf und wird daher mit dieser stehen nnd fallen. 

Bab 9 ) hat erwiesen, daß sich die Leukocytenwftbrend der Colo¬ 
strumbildung in ähnlicher Weise wie bei einer Entzündung verhalten. 
E r st wandern die polynucle&ren, danach die mononucleären ein. Er moint 
daher, die Colostrumbildung sei ein physiologisches Analogon zu Ent¬ 
zünd ungsVorgängen, ohne sich jedoch erklären zu können, wie dies der 
Fall sein könne. Er glaubt nämlich durch seine Untersuchungen die von 
Wolff 10 ) aufgestollte Hypothese widerlegt zu haben, wonach die Leuko- 
cyten erst dann auf der Arena erscheinen, wenn durch im Serum befind¬ 
liche Körper eine Auflösung von Körperzellen oder Bakterien erfolgt ist 
nnd die aufgelösten Substanzen auf die Leukocyten eine Irritation aus¬ 
üben. Mir erscheint es, als habe Bab durch den Nachweis von dem Ver¬ 
halten der Leukocyten während der Colostrumbildung eher die Hypo¬ 
these Wolffs wahrscheinlich gemacht. 

Es muß als sicher angesehen werden, daß die weißen 
Blutkörper in die Drüsenlumina nicht auf Grund der Stauung und 
der daraus erfolgenden Ausspannung einwandern, sondern daß sie 
von gewissen chemotaktisch wirkenden Stoffen angezogen werden. 
Die Schwierigkeit liegt in der Erklärung — von woher rühren diese 
Stoffe? 

Cohn ist der Ansicht, daß sie durch eine Veränderung des 
stagnierenden Sekrets gebildet werden. Gegen diese Hypothese läßt sich 
derselbe Einwand erheben, wie ihn Cohn selbst gegenüber der Theorie 


f ) Hildebrandt, Zit. nach Halban. , 

*) Halban, Die innere Sekretion von Ovarium nnd Placenta unfl 
ihre Bedeutung für die Fnnktion der Milchdrüse. (Arch. f. Gynäk. 1995, 
Bd. 76.) 

3 ) Gessner, Zschr. f. Geburtsh., Bd. 85. . . 

*) Mandl, Die klinische Bedeutung der Milchsekretion bei Da¬ 
stehender Schwangerschaft. (W. kl. W. 1905, S. 73.) 

*) Buchholz, Das Verhalten der Colostrumkörper bei unterlassener 
Säugung. (Diss. Göttingen 1877.) 

6 ) Ho hl fei d, Ueber die Bedeutung des Colostrums. 


(Arch. I 


Kindhlkd 1907, Bd. 46.) , , _. „ llr 

*) Helbich, Zur Physiologie der Milchsekretion. (Mschr. f. Kindnia. 


1911, Bd. 10.) 

8 ) L. c. 

NJ^olff, Beiträge zur Kenntnis der morphologischen Vorgänge 
bei der Infektion und Immunität. (B. kl. W. 1908.) 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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Ciernys Aber die Bedeatnng der Stauung angewandt hat. Wenn sich 
dieie chemotaktisch wirkenden Stoffe auf Grund von Stauung in der 
lldch bildeten, io müßten sie auch bei Frauen zu finden sein, deren 
Milchsekretion so reichlich ist, daß sie wÄhrend der Lactation an lang¬ 
wierigen Milchstauungen unter Ausspannung der Drüsen leiden. Aber 
bei diesen befallt die Milch ihre normale Zusammensetzung und es kommt 
Bicbt za einem Einwandern von Leukocyten. 

In gleicher Weise, wie das Colostrum seine von der gewöhn¬ 
lichen Milch abweichenden Eigenschaften nicht erwirbt, nachdem 
es von den Drösenzellen secerniert worden ist, ebenso muß man 
wohl voraussetzen, daß diese chemotaktisch wirkenden Stoffe eben¬ 
falls nicht außerhalb der Epithelzellen gebildet werden, sondern 
ein Produkt sind, das die Zellen nur so lange secernieren, als sie 
nicht die Fähigkeit, reife Milch zu liefern, erlangt haben. Die 
Aehnlichkeit zwischen einer Entzündung und der Colostrumbildung 
besteht demnach darin, daß in beiden Fällen Stoffe gebildet 
werden, die positiv chemotaktisch auf die Leukocyten wirken. Im 
ersteren Falle werden sie Wolff zufolge durch die Auflösung von 
Zellen oder Bakterien gebildet, im andern Falle durch die 
Epithelzelten der Brustdrüse während ihrer insuffizienten Funktion. 

Damit jedoch diese Stoffe ihre chemotaktische Wirkung auf 
die Leukocyten ansüben können, ist es notwendig, daß sie von den 
interstitiellen Lymphgefäßen aufgenommen werden. Während der 
Insuffizienz, die sich hei der colostralen Sekretion geltend macht, 
vermögen die Zellen wohl nicht alle Milchbestandteile den rich¬ 


tigen Weg, nämlich in die Drüsenräume, zu entsenden; etwas geht 
auch in die umgebende Lymphe über und wird in die Blutbahnen 
aufgenommen. Wir wissen wenigstens, daß Lactosurie während 
der Colostrumbildung eine sehr allgemeine Erscheinung ist und in 
sehr analoger Weise verhält es sich mit Ikterus bei den Neuge¬ 
borenen [YlppÖ 1 ), Hirsch 2 )]. Die Insuffizienz der Zellen 
während der Colostrumbildung offenbart sich nicht nur 
in ihrer versagenden Fähigkeit, reife Milch abzugeben, 
sondern auch in dem Umstand, daß sie Stoffe, die 
eigentlich dem äußeren Sekret angehören sollten, nach 
innen in Blut und Lymphe entsenden. 

Zusammenfassung: Die Aufgabe der Brustdrüse besteht 
darin, reife Milch abzugeben. Die Fähigkeit, dieser Funktion otw 
zuliegen, erreicht sie nur nach vorausgehender Schwangerschaft 
und erst nach Verlauf einer Uebungszeit, während welcher sie ein 
weniger specifisches Produkt, nämlich Colostrum, secerniert. Nach 
Aufhören der Lactation sua sponte oder infolge Entwöhnung des 
Kindes machen die Drüsenzellen wiederum ein Stadium durch, in 
dem die Bearbeitung der Milchbestandteile weniger vollkommen ist. 

Die Einwanderung der Leukocyten in das colostrale Sekret 
geschieht nicht nur auf Grund der Stauung, sondern weil sie von 
gewissen chemotaktisch wirkenden und während der colostralen 
Periode von den Epithelzellen secernierten Stoffen angezogen 
werden. 


Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-Yersicherung). 

Redigiert von Dr, Hermann. Engel. Berlin W 30. 


Au der ILmediz. Klinik der Kölner Akademie (Direktor: Prof. Moritz). 

Schwere Rückenmarkläsion nach leichtem Trauma 


von 

Dr. Eduard Schott, Sekundärarzt an der Klinik. 

Der 47 Jahre alte Anstreichenneister Josef E. wurde am 26. Ok¬ 
tober 1913 io die Klinik aufgenommen. Der sehr intelligente Mann gab 
oni io, daß er bisher nie bettlägerig krank gewesen sei; im besonderen 
habe er in den letzten Monaten keinen Unfall, keine Erkältung, Halsent- 
iflnduag oder ähnliches gehabt. Im Berufe hat er mit Bleifarben nicht 
direkt zu tun gehabt, hat regelmäßig nur seine Arbeiter beaufsichtigt, 
leine Kundschaft besucht und ist stets, so auch am Vormittag des 
20. Oktober, größere Strecken zu Fuß gegangen; er fühlte sich dabei an 
dem betreffenden Tage so wohl wie immer. Schwerere Lasten zu tragen 
war er nicht gewohnt. 

Am Nachmittage des 20. Oktober beschäftigte er sich in seiner 
Hiuifaaltung. Er trug unter anderm einen Sack Kartoffeln von einem 
Ende des Kellers zum andern; er nahm den Sack nicht auf die Schul¬ 
tere, sondern umfaßte ihn etwa in der Mitte mit beiden Oberarmen und 
trag ihn, ohne ihn auf dem Boden zu schleifen, in einer nach vorn über- 
jebeagten Stellung. Der Sack mit Kartoffeln war etwa 1 Zentner schwer, 
die Entfernung von einem Ende des Kellers zum andern beträgt 4 bis 5 m. 
Unmittelbar hinterher spürte er nichts Abnormes. Etwa um ViÄ Uhr 
**gt* er seiner Frau: «Ich habe es im Rücken“; er batte geringes Stechen 
un Rücken, oberhalb des Gesäßes, nach den Seiten zu. Er setzte sich 
Mi einen Stuhl und blieb wegen der Beschwerden im Kreuz ruhig sitzen, 
bm /|5 Uhr. drei Stunden nach dor Anstrengung, wollte er einem seiner 
Kinder die Tür auf dem Flur öffnen. Er ging zu der Türe hin, ohne 
Jtwu besonderes zn verspüren, öffnete die Tür and ging etwa zwei 
ochntte mrück. Da bekam er plötzlich das Gefühl, daß die Beine steif 
jwlen; er konnte sich nur mit Mühe noch bis zum Stuhle, der etwa 
am entfernt war, hinscbleifen, stützte sich dabei auf die Türklinke und 
m einen Schrank. Er hatte wieder Stechen im Rücken, keine heftigeren 
ochmerten. Von dem Moment an, in dem er wieder auf dem Stuhle saß, 
öunte er nicht die geringste Bewegung mit den Beinen mehr ausführen. 

trag ihn ins Bett und holte den Arzt; dieser erhob einen Befund, 
. oc r n l i a ^ 6m * e8ent lichen schon dem Zustand entsprach, in dem er 
J® «>. Oktober den Mann der Klinik überwies. In den ersten Tagen 
onnte Patient noch spontan Urin lassen, seit dem 24. Oktober ist es 
wn nicht mehr möglich, er muß täglich zweimal katheterisiert werden; 
öuuugMg kann er nur schwer zurückhalten. 

•p Jage <3er Ei&iieferung hat der Mann, abgesehen von der Läh- 
wg der Beine und dem Druck in der Blasengegend, der eintritt, wenn 
«ngere Zeit nicht katheterisiert worden ist, keine Beschwerden, meint: 
" eüB Aie Beine nicht gelähmt wären, wäre ich so gesund wie immer.“ 

. p ^ er Aufnahme: Kräftig gebauter Mann in sehr 

Keine Narben, keine Drüsenschwellungen, 
in AnT ^ ^ er 5u ^ eren Haut. Ganz leichter beginnender Decubitus 
Haut über dem Steißbein, leichtes Oedem über dem Fußrücken. 
g |tw ^ e8 P ,rÄ ^ 01i, hrektus : Leichtes Emphysem ohne erheblicheren 


Circulation: Herzmaße . Reine, leise Töne, regelmäßige 

Aktion. Unwesentliche periphere Arteriosklerose. Riva-Rocci 130/85. 


Digestionstrakt ohne Besonderheit. 

Nervensystem: Im Bereich der Hirnnerven, der oberen Extremi¬ 
täten, der Brust, des Bauches und deß Rückens keinerlei Störung. 

Beide Beine liegen in vollkommen passiver Lage. Mit der linken 
großen Zehe kann der Mann Dorsal- nnd Plantarflexionen von ganz ge¬ 
ringer Exkursionsweite ausführen, im übrigen ist es ihm unmöglich, 
irgendwelche aktive Bewegungen mit den Beinen vorzunehmen, ebenso¬ 
wenig ist er imstande, Stellungen, die man passiv den nntoren Extremi¬ 
täten gibt, festzuhalten. 

Feinste Berührungen mit der Fingerkuppe werden überall prompt 
angegeben. Spitz und stumpf zu unterscheiden ist dem Mann in einem 
Bezirk unmöglich, welcher der sensiblen Versorgung der unteren Ex¬ 
tremitäten vom 2. Lumbalsegment an nach abwärts entspricht. Kalt und 
warm wird vom 3. Lumbalsegment an nicht mehr unterschieden, vorn 
also bis über die Knie heraufreichend. In einer Höhe, die etwa in der 
Mitte zwischen den angegebenen Zonen liegt, gibt der Mann an, daß er 
das Streichen mit einer Nadel im oberen Bezirk besser fühlen könne. 
Alle Reflexe an den Augen und den oberen Extremitäten sind vorhanden, 
ebenso sind die Bauchdeckenreflexe sämtlich auslösbar. Creraaster-, Pa- 
tellar- und Achillessehnenreflexe fehlen; kein Babinski, keine Spasmen. 
Augenhintergrund ohne Besonderheit. Rectalnntersuchung ergibt keinen 
pathologischen Befand. 

Die Wirbelsäule hat, abgesehen von einer geringen Kyphose im 
oberen Teile der Brustwirbelsäule, durchaus normale Konfiguration. Die 
einzelnen Wirbel sind wegen des Fettpolsters nicht mit Deutlichkeit ab- 
zuzählen. In einer Gegend, die wohl schon der Lendenwirbel¬ 
säule angehört, bestoht eine palpatorisch sicher nachweis¬ 
bare Einsenkung in dem Profil der Dornfortsätze; man kann 
hier zwei FiDger bedeutend tiefer eindrücken wie über den übrigen Teilen 
der Wirbelsäule. Das Eindrücken ist dem Manne hier ebensowenig wie 
Druck oder Schlag auf die übrigen Wirbel, den Kopf, die Fußsohlen 
schmerzhaft. 

Der Befund am Nervensystem blieb bis zum Tode deB Mannes voll¬ 
kommen unverändert. 

Wassermannsche Reaktion im Blnte negativ. Abgesehen von 
der Applikation einer Eisblase in die Lumbalgegend wai die Therapie 
rein symptomatisch. 

Die Veränderung an der Wirbelsäule war in den folgenden Tagen 
nicht mehr mit gleicher Deutlichkeit nachweisbar wie bei der Aufnahme. 
Röntgenaufnahme am 29. Oktober ließ im Bereich der Len den Wirbelsäule 
Veränderungen nicht erkennen. 

Es war nötig, den Mann wegen der Urinretention täglich zweimal 
zn katheterisieren; trotz Spülungen, Darreichang von Urotropin, Decoct 
fol. uv. urs. usw. stellte sich Cystitis ein, die Temperatur Btieg bis 
abends auf 87,9; die Pnlslage bewegte sich zwischen 90 und 100. Die 
Oedeme über dem Faßrücken wurden etwas stärker, ohne daß Herz- 
insuffizienzerscheinnngen anftraton oder Veränderungen an den peripheren 
Venen sich nachweisen ließen. 

Am 3. November nach Stuhlentleerung akut bedrohlicher Zustand: 
rascher, flatternder Puls, etwas Dyspnöe, Oppressionsgefühl an der Brust! 
blaß cyanotisches Aassehen. Campbor, Erholung nach etwa 15'. 

*) Ylppö: Icterus neonatoram und Gallenfarbstoffsekretion beim 
Foetus und Neugeborenen. (M. m. W. 1913, S. 2161.) 

a ) Hirsch: Die physiologische Ikterusbereitschaft der Nengeborenen. 
(Vereinsboricht D. m. W. 1913, S. 2072.) 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


Am 4. November trotz sorgfältiger Ruhelage ein gleicher Zustand, 
der letal endigte. 

Das Ergebnis der Autopsie und der histologischsn Unter¬ 
suchung führe ich nach dem von Herrn Prof. Dr. Dietrich zur 
Verfügung gestellten Bericht an. Ich gebe zunächst nur das Re¬ 
sultat der makroskopischen Untersuchung im Auszuge wieder: 

Halsorgane ohne pathologischen Befund. 

An den Lungen leichte emphysematose Veränderungen. In dem 
Hanptstamme der Arterie pulmonalis rechts und links ein Convolut von 
grauroten Thromben, an denen man Gefäß Verästelungen sehen kann. Ein¬ 
zelne Thromben von gleicher Beschaffenheit stecken in den kleineren 
Aesten der Unterlappen beiderseits. 

Perikard und Epikard zeigen ganz leichte Trübung; einzelne kleine 
.Blutungen; Inhalt nicht vermehrt, aber milchig getrübt. 

Herz normal groß, Wände nicht verdickt, Klappen zart, keinerlei 
endokarditüche Veränderungen, keine Thromben im Herzinnern; Coronar- 
arterien zart. Intima der Aorta zeigt bis in die Ili&cae und ebenso bis 
in die Aeste hinein eine feine Höckerung nnd gelbliche Streifen, aber 
keine Verkalkung und Ulcerationen. Die peripheren Arterien sind nicht 
sklerotisch verändert. Bauchorgane ohne Besonderheit. Nieren von nor¬ 
maler Größe, blutreich, scharfe Zeichnung. Die Schleimhaut des Nieren¬ 
beckens ist trübe, zeigt kleine Blutungen. 

Blase mittel weit Schleimhaut ausgesprochen trübe mit weißlich 
fetzigen Belägen. Dazwischen sammetartige Defekte mit konfluiereuden 
kleinen Blutungen. 

Im Gehirn normale Verhältnisse, keine Blutungen, keine Er¬ 
weich ungBh erde. 

Bei Eröffnung des Rückenmarkkanals läßt Bich ein pathologischer 
Befund an den Dornfortsätzen nicht erheben, ebensowenig am Boden der 
Rackenmarkhöhle nnd bei Betrachtung der Wirbelkörper von der Brust- 
uud Bauchhöhle aus. 

Im Daralsack klare Flüssigkeit, Rückenm&rkhäute spiegelnd, glatt. 
Kleiner Dnraknochen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die Rücken- 
marksubstanz zeigt im unteren Lendenmark auf Durchschnitten eine Er¬ 
weichung der vorderen Hälfte des Querschnitts mit Verlust der Zeichnung. 
Bei genauer Besichtigung sieht man an der Vorderseite des Lendenmarks 
von der Cauda equina an ein stecknadeldickes, drehrundes, starres Gefäß 
mit hellrot durchschimmemdem Inhalte; beim Uebergang in das Dorsal¬ 
mark ist das Getäß zusammengefallen, dünn und leer (Arteria spinalis 
anterior). Auf Querschnitten beginnt bereits im obersten Teile des 
Lendenmarks die erwähnte Erweichung der Vordersten ge, welche von 
da auf einer 7 cm langen Strecke die ganze Breite zwischen den Vorder- 
hörnern emnimmt, in der Mitte des Lendenmarks sogar nahezu die vor¬ 
dere Hälfte des Querschnitts erreicht. Am oberen Ende, gegen das Dor¬ 
salmark, reicht die Erweichung im rechten Vorderstrang etwa 1 Segment 
weiter als links. Nach unten geht die Erweichung bis ins Filum termi¬ 
nale hinein. 

Zusammengefaßt stellt sich der Verlauf des Falles folgender¬ 
maßen dar: Ein bis dahin völlig gesunder Mann trägt in einer 
nach vorwärts übergebeugten Stellung einen 1 Zentner schweren 
Sack wenige Meter weit; er verspürt zunächst nur Schmerzen im 
Kreuz, kann noch gehen. 2 l j> Stunden später haben sich die 
Symptome einer schweren Läsion des Rückenmarks entwickelt: 
vollständige motorische und teilweise dissoziierte sensible Para¬ 
plegie der unteren Extremitäten; es tritt eine Blasenlähmung 
hinzu, Cystitis, Thrombosen in den Beinvenen, Lungenembolie, 
Exitus 16 Tage nach Beginn der Erkrankung. Die klinische Dia¬ 
gnose wurde mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit auf 
Hämatomyelie infolge von Trauma, im Sinn einer das Maß des ge¬ 
wohnten übersteigenden Anstrengung, gestellt. Die Autopsie er¬ 
gibt keinerlei Anzeichen für eine Blutung, aber einen großen Er- 
weichung8hord im Lendenmark. 

Zur Frage des Zusammenhangs mit dem Trauma ist noch 
zu bemerken: der sehr intelligente Patient machte seine Angaben 
mit absoluter Präzision, er hatte seinen Zustand sehr genau beob¬ 
achtet und wußte über alle Einzelheiten genau Bescheid. Er war in 
keiner Kasse und in keiner sonstigen Versicherung — auch nach 
seinem Tode wurden keinerlei Rentenansprüche gestellt —, sodaß 
das leidige und doch nur zu oft berechtigte Mißtrauen, das sich 
Unfallkranken gegenüber einzustellen pflegt, in diesem Falle durch¬ 
aus unangebracht gewesen wäre. Außerdem ist der zeitliche Zu¬ 
sammenhang zwischen Trauma und Erkrankung so prägnant, daß 
neben allen andern Gründen, die dafür sprechen, an der ursäch¬ 
lichen Beziehung nicht gez weifelt zu werden braucht. 

Wenn ein Mann einen schweren Sack trägt und im An¬ 
schluß daran eine Krankheit mit tödlichem Ausgange sich zuzieht, 
so ist man gezwungen, nach einer besonderen Veranlassung für 
ein derartiges Ereignis zu suchen. Die Literatur über den Gegen¬ 
stand ist im ganzen gering. 

Bemerkungen über isolierte Röckenmarkläsionen finden sich bei 
Kaufmann (1) und bei Thiem (2). Ersterer nimmt als sicher an, daß 
durch einmaliges schweres Heben RUckenm&rkläsionen entstehen können 


„Wahrscheinlich handelt es sich meist um Blutungen und ihre Folgen“ 
Ebenso sagt Thiem, „auch ist erwiesen, daß durch einmaliges schweres 
Heben eine Rückenmarkschädigung eintreten kann“. Bei beiden Autoren 
finden sich als Beleg 1. ein Fall, den Wagner (3) beschreibt: ein Schichter 
will einen schweren Block rackweise in die Höhe bringen, es erfolgen 
Schmerzen im Kreuz, Paraplegie der Beine. Die oberen Lendenwirbel 
waren sehr druckempfindlich, doch fehlte jede Stellunganomalie. Aus¬ 
gang in Heilung. 2. Fall von P. auf der Maner (4): ein Maurer be¬ 
kommt beim Heben eines schweren Steins in gebückter Körperstellung 
heftige Krenzschmerzen, es stellt sich neben andern nervösen Erschei¬ 
nungen Inkontinenz ein, Heilung nach einem Jahre. Thiem fahndet bei 
allen schweren GewalteindrückeD, die die Wirbelsäule erfährt, sorgfältig 
auf Störungen von seiten des Rückenmarks nnd fiodet dabei sehr häufig 
Erscheinungen, die „nur durch Verletzungen des Rückenmarks (Blutungen 
in dasselbe) zu erklären waren.“ 

Sehr ausgedehnt ist die Literatur über Veränderungen am Rücken¬ 
mark, welche sich nach Erschütterung des Rückenmarks einstellen können. 
Es ist experimentell [Schmaus (5), Kirchgässer (6), Jakob (7), 
Fickler (8)] als erwiesen anzusehen, daß ohne gleichzeitige Verletzung 
der Wirbelsäule und ohne erheblichere Blutung durch reine Commotion 
tiefgreifende Schädigungen der Rückenmarksabstanz mit schweren ner¬ 
vösen Folgeerscheinungen entstehen können. Eine Anzahl klinisch beob¬ 
achteter Fälle [Jochmann und Winkler (9), Westphal (10), 
Schäffer (11) und Andere] spricht im gleichen Sinne. 

Von einer Erschütterungserkrankung kann aber in unserm 
Falle nicht die Rede sein. Das Trauma, das E. erlitten hat, er¬ 
scheint auch verhältnismäßig nicht so schwer wie die den meisten 
in der Literatur beschriebenen Erkrankungen zugrunde liegenden 
Unfälle. Das Moment, welches die Anstrengung über das Maß 
dessen hinausführt, was man im allgemeinen beim Tragen eines 
Sackes an Kraft aufwendet, erscheint mir in der Art zu liegen, 
wie E. die Last getragen hat. Ich machte deshalb Erhebungen 
in folgender Art: Ich stellte eine Anzahl Leute, im ganzen 15, 
Laboratoriumsdiener, Krankenwärter und Patienten verschiedener 
Borufsarten, Sackträger, Schlosser auf der einen, solche, die nur 
leichte Arbeit zu verrichten gewohnt sind, auf der andern Seite, 
vor die Aufgabe, einen Sack mit einem Zentner Kartoffeln 5 m 
weit zu tragen. Von sich aus stellten das fast alle verschieden 
an; die einen nahmen den Sack auf die Schultern, andere legten 
ihn quer auf den Boden und hoben ihn entweder in Höhe der 
Oberschenkel oder des Nabels, keiner aber faßte ihn so, wie E. es 
mir charakteristisch geschildert hatte: derart, daß er den Sack im 
oberen Drittel mit den Armen umschlang und ihn zwischen den 
Beinen schwebend mit kleinen Schritten vorwärts trug. Als 
Gegenprobe verlangte ich dann von den Versuchspersonen, den 
Sack nun auch noch einmal auf die von E. angegebene Art zu 
befördern. Jeder — und ich selbst überzeugte mich auch davon 
— empfand das als die schwerste Art, auf die man den Saok 
überhaupt tragen könne. Einer meinte, und diese Empfindung hat 
man bei dem Versuch in der Tat, „so ist er 50 Pfund schwerer.* 
„So wird man (das heißt der geübte Arbeiter) nie einen Saok 
tragen“. 

Der prinzipielle Unterschied bei dem Tragen der Last auf 
die von E. angegebene Art gegenüber allen übrigen ist der, daß 
dabei der Schwerpunkt sehr weit nach vorne verlegt wird und die 
Wirbelsäule stark nach vorn abgeknickt festgehalten werden muß. 

Ist somit auch erwiesen, daß die Art der Anstrengung eine 
ganz ungewöhnliche war, so ist damit der Mechanismus und der 
Zusammenhang der Erkrankung mit dem Unfälle doch noch nicht 
absolut geklärt. Es war zu erwarten, daß die mikroskopische 
Untersuchung des Rückenmarks, besonders der oben geschilderte 
Befund eines offenbar obturierten Gefäßes noch weitere Anhalts¬ 
punkte nach dieser Richtung geben würde. Mikroskopisch fand 
sich folgendes (Prof. Dietrich): 

Ein Querschnitt durch das Lendenmark zeigt bei Markscheiden- 
färbnng zwischen beiden Vorderhörnern eine blasse Fläche, umrandot von 
einer Zone mit prallgefüllten Capillaren. Die ganze Fläche wird gebildet 
von wabigen Räumen mit scholligen Zerfallsresten, die vereinzelt noch 
Myelinfärbung annehmen. Dazwischen verlaufen faserige Glianetze mit 
erhaltenen Kernen. In dem gefäßreichen Rand und entlang dem Längs- 
spalte liegen breite Reihen von polygonalen, wabigen Zellen mit dichtem 
Kerue, dazwischen einzelne Rieseuzellen. Bei Marchibehandlung zeigen 
sich diese Zellen mit Fett angeföllt (Köruchenzellen). Das linke Vorder¬ 
horn ist in der Mitte des Lendenmarks ganz in dieser Randschicht auf- 
gegangen, das rechte ist noch in der Form erhalten, aber mit Untergang 
der Ganglienzellen. Hinterhörner sind erhalten, ebenso die übrigen 
Fasersystemo. An höheren Abschnitten des Rückenmarks ist keine 
Degeneration nachweisbar. Die Arteria spin. ant ist entsprechend 
der makroskopischen Verdicknng ausgefüllt mit scholligen 
Massen, unter denen man noch deutlich Nervenmarkquer- 
schnitte, auch Myelinfiguren erkennen kann, und Gebilde, 
die wie aasgelaugte Ganglienzellen aassehen. Um diese herum 


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10. J&naar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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iiqpo Plattchenhiafen, kein Fibrin, keine Leukocyten. In LQcken zwischen 
deo Zellen rote Blutkörperchen. Markscheidenferbnng geben die Schollen 
nicht, auch keine Marchischw&rzong. 

Eine derartige Verstopfung eines Gefäßes mit Rückenmark- 
Abglanz kann man sich nur durch eine direkte schwere Gewalt¬ 
einwirkung entstanden denken. Beim Fehlen von äußeren ein- 
wirkenden Momenten ist am naheliegendsten der Gedanke, daß eine 
vieder ausgeglichene Luxation der Wirbelsäule die Veranlassung 
für die Schädigung gab. 

Die Möglichkeit einer Diatorsion der Wirbelsäule ist häufig dis¬ 
kutiert nnd verschieden bewertet worden. 

v. Tbaden (12) rechnet noch mit dem Begriff einer „Verstauchung 
im Bereiche der unteren Brost- und LendenwirbelBäule“ als mit etwas 
SeibitTerst&ndlichem and beschreibt Fälle nach schweren Traumen, deren 
Folgeerscheinungen er als durch Distorsion bedingte ansieht und die 
nun Teil mit nervösen Symptomen verliefen, zum Teil ohne solche. Nach 
Kocher (13) kommen Distorsionen im unteren Teil der Brust- und 
Lendenwirbel vor als Einleitung oder Begleiterscheinung einer stärkeren 
Verleitung. Sie erhalten aber an diesen Abschnitten — im Gegensatz 
nr Halswirbelaäule — selten eine selbständige Bedeutung. 

ln dem reichen Material von Wagner und Stolper (3) findet sich 
neben mehreren Fällen von Distorsion der HalswirbelBäule nur ein einziger 
Fall mit nervösen Begleiterscheinungen, der eventuell als Distorsion im 
Bereiche der Brust- beziehungsweise Lendenwirbelsäule gedeutet werden 
kum and von den Autoren als Kontusion bezeichnet wird: ein Häuer 
wird von herabstürzenden Kohlen im Röcken getroffen, es findet sich 
Drackempfiodlichkeit am zweiten bis fünften Lendenwirbel, Parese der 
Beine, Harnverhaltung. Rasch weitgehende Besserung. 

Für das Vorhandensein einer Distorsion sprach in unserm 
Falle die palpatorisch in den ersten Tagen des Krankenhausaufent¬ 
halts nachweisbare Einsenkung im Profil der Dornfortgätze, und 
der ganze Hergang des Unfalls legt die Vorstellung nahe, daß die 
Qev&lteinwirkung, die der Mann selbst durch seine Haltung auf 
seine Wirbelsäule ausgeübt hat, zu einer Distorsion führen konnte. 
Zwar haben wir im Röntgenbild und autoptisch nichts finden 
können, was nach dieser Richtung hin zu verwerten wäre, aber 
auch Kocher gibt an, daß unter Umständen bis zum Tode die 
Veränderungen an der Wirbelsäule so weit sich restaurieren, 
daß ein sicherer Befund post mortem nicht mehr zu erheben ißt. 

Die Entstehung der Erkrankung läßt sich demnach mit 
größter Wahrscheinlichkeit folgendermaßen erklären: durch die un¬ 
gewöhnliche und unzweckmäßige Körperhaltung hat der Mann seine 
Wirbelsäule in einer Art belastet, die zu einer Distorsion im Be¬ 
reiche der Lendenwirbelsäule führte. Durch die Distorsion ist 
eines der Arterienästchen gerissen, die als Rami dorsales von der 
Arteria lumbalis durch die Intervertebrallöoher treten und die seg¬ 
mentären Zuflüsse der Arteria spinalis bilden. Hierbei wird gleioh- 
»itig ein Intervertebralganglion verletzt und dessen zerstörte Ele¬ 
mente in die arterielle Bahn hineingespült worden sein. Nur auf 
diese Weise ist unseres Erachtens die merkwürdige Embolie von 
nervösen Gewebselementen in die Arteria vertebralis anterior vor¬ 
stellbar. Leider war wegen gebotener Schonung der Leiche die 
Herausnahme der Wirbelsäule nicht ausführbar gewesen, um diese 
Vorstellung, an die man im Augenblicke der Obduktion noch nicht 
Wen konnte, noch durch besondere Untersuchung besser be¬ 
gründen zu können. Die Ernährungsstörung in dem von der Ar¬ 


terie versorgten Gebiete hat zu einer Erweichung der Rücken¬ 
marksubstanz an circumscripter Stelle geführt, und dadurch sind 
die schweren Folgeerscheinungen bedingt. 

Was von sonstigen auslösenden Momenten für das Auftreten 
einer circumscripten Myelitis im weiteren Sinne des Wortes in der 
Literatur sich noch findet (Ueberstreckung im Gebiete der Hals¬ 
wirbelsäule [Thor burn (14)], infektiöse oder refrigeratorische Ein¬ 
flösse [Dinckler (15) und Andere]), kann bei dem vollkommenen 
Fehlen von anamnestischen und somatischen Daten nicht in unserm 
Falle herangezogen werden. Wenn wir also unsere Anschauung 
über die Genese der Erkrankung durch Distorsion mit folgender 
Gefäßverstopfung und Erweichung aufrecht erhalten, so ist damit 
natürlich die Vermutung nahegelegt, daß auch manche der in 
der Literatur niedergelegten Fälle von Erkrankung des Rücken¬ 
marks ohne nachweisbare Läsion der Wirbelsäule und ohne gröbere 
Blutung, besonders also als Erschütterungserkrankung bezeichnete, 
ähnlich gelagert waren. Es war ja eine sehr seltene Aufeinander¬ 
folge der Ereignisse, die den Mann so bald nach dem Unfälle zum 
Tode geführt hat. Fast in keinem der in der Literatur be¬ 
schriebenen Fälle von Rückenmarkläsion ohne Erkrankung der 
Wirbelsäule liegt zwischen dem Trauma und der Autopsie ein so 
kurzer Zwischenraum. Wenn aber der Tod erst monatelang nach 
dem Unfall erfolgt, so können sich die Veränderungen an den Ge¬ 
fäßen natürlich nicht mehr mit gleicher Deutlichkeit zeigen. Die 
Markmassen in dom Gefäße wären bei längerer Krankheitsdauer 
wohl nicht mehr erkennbar gewesen, und wir wären für die Er¬ 
klärung des Zustandekommens der Schädigung lediglich auf Ver¬ 
mutungen angewiesen gewesen. 

Wenn man sich vorstellt, wie die Erkrankung wohl ver¬ 
laufen wäre, wenn sich nicht Cystitis und Thrombosen der Bein¬ 
venen eingestellt hätten, so wäre ein günstigerer Ausgang sehr 
wohl denkbar gewesen. Es wird durch die Beobachtung des Falles 
nahegelegt, sich eine Vorstellung davon zu bilden, wie Distorsionen 
mit Verstopfungen sehr viel kleinerer Gefäße, wie es die Arteria 
spinalis anterior ist, auf das Rückenmark wirken müssen und 
welche Folgeerscheinungen sie zeitigen können. Es ist denkbar, 
daß sich dann Symptomenbilder ergeben, die zunächst den Ein¬ 
druck eines psychogenen Ursprungs erwecken. Die Beobachtung 
an E. mahnt nach dieser Richtung hin zur Vorsicht. Ich kann 
mich also nur der wiederholt von verschiedenen Seiten [Fried¬ 
mann (16), Jakob (B)] ausgesprochenen Auffassung anschließen, 
daß die Zahl der Fälle von Rückenmarkerkrankungen, denen ein 
anatomisches Substrat zugrunde liegt, auch nach leichtem Trauma 
größer ist, wie man gemeinhin anzunehmen geneigt ist, und daß 
in sehr vielen Fällen die psychische Komponente nicht die Rolle 
spielt, die man ihr oft zuschiebt. 

Literatur: 1. Kaufmann, Handb. d. Unfallmedizin. — 2. Thiem, 
Handb. d. Unfallkr. — 3. Wagner u. Stolper, D. Zschr. f. Chir. Bd. 40. — 
4. P. auf der Mauer, Inaug.-Diss., Zürich 1904. — 5. Schmaus, Lubarsch- 
Ostorfag Bd. 4. — 6. Kircbgäsaer, D ZschT. f. Nervhlk. Bd. 11. — 7. Jakob 
Niesl-Alzheimers Hist. Bd. 5. — 8. Fischer, D. Zschr. f. Nervhlk. Bd. 29. — 
9. Jochmann u. Winkler, Ebenda Bd. 35. — 10. Westphal, Arch. f. Psych 
Bd. 28. — 11. Schäffer, Vrtljschr. f. gerichtl. M. Bd. 27. — 12. v. Thaden- 
Arch. f. klin. Chir. Bd. 18. — 13. Kocher, Mitt. Orenzgeb. Bd. 1. — 14. Thor- 
burn, ßrain 1887. — 15. Dinkler, D. Zschr. t Nervhlk. Bd26. — 16. Fried¬ 
mann, D. m. W. 1910, Nr. 15, 16. 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff« Berlin. 


Sammelreferat. 


Neuere kiinisohe und experimentelle Arbeiten aus dem Gebiete 
der inneren Medizin 
▼on Sanitfttsrat Dr. Franz Bruck, Berlin. 

Harnapparat. 

Untersuchungen über den Mechanismus der Harn¬ 
monderung in der Niere hat Leschke (1) angestellfc. Der 
größte Teil der Farbstoffe wird durch die Harnkanälchen aus- 
geschieden; strittig ist noch, ob sich daran auch die Glomeruli 
beteiligen. Körperfremde Salze werden nur durch die Harn¬ 
kanälchen ausgeschieden. Die Ausscheidung der normalen Harn- 
toatandteile (der Chloride, Phosphate, des Harnstoffs, der Harn¬ 
säure und der Purine) erfolgt im wesentlichen nur durch das 
™ secernierende Epithel der gewundenen Harnkanälchen 
Ü« an! Uebergangsteile zu den absteigenden Schenkeln der geraden 
jjualchen. Die Glomeruli sondern das Wasser in physiologischer 
*b| also auch die geringen Mengen von Salz und andern 


Harn bestand teilen, die einer physiologischen Lösung entsprechen. 
Die Fähigkeit der Konzentration und der Verdünnung des Urins 
kommt ausschließlich den specifisch secernierenden Epithelzellen 
der Harnkanälchen zu; die Ludwigsche Annahme einer Rück¬ 
resorption von Wasser im Nierenmark ist zur Erklärung der Urin¬ 
konzentration nicht erforderlich. 

Ueber die Ausscheidung anisotropen Fettes mit dem 
Harn im Zusammenhänge mit seiner Ablagerung in den 
Organen berichtet Lawrynowicz (2). Die anisotrope Ver¬ 
fettung der Niere mit Ablagerungen von anisotropem Fett in ihren 
specifischen funktionellen Elementen muß als eine Aeußerung der 
Ablagerung von Cholesterinverbindungen in den parenchymatösen 
Organen betrachtet werden, wenn die Cholesterinverbindungen die 
Gestalt von anisotropen Fetten annehmen. Es handelt sich um 
eine der Aeußerungen der allgemeinen Neigung des Organismus 
zu CholesterinesterVerfettungen, die als Folge einer Störung des 
Cholesterin Umsatzes im Organismus erscheinen. Wird anisotropes 
Fett im Niederschlage des Harns festgestellt, so handelt es sich 
wahrscheinlich um eine chronische, parenchymatöse Nierenentzün- 


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düng. Die Ablagerung von anisotropem Fett in der Niere führt 
zur Vernichtung des Parenchyms, die Zelle wird nur mit Mühe 
mit dem sich in ihr ablagernden anisotropen Fette fertig und zer¬ 
fällt gewöhnlich, indem sich dieses befreit. Dadurch verschlechtert 
sich die Prognose. Da die Quelle des Cholesterins im Organismus 
hauptsächlich die Nahrung ist, kann die Vermehrung des bei 
chronischen Nierenentzündungen der Regel nach gesteigerten 
Cholesteringehalts im Blute verhütet werden. Aus der Nahrung 
sind daher in diesem Falle Eier, richtiger das Eigelb, Hirn, Sahne 
und überhaupt Fette vollkommen auszuschließen. 

Aus der anscheinend unförmigen Masse der urämischen 
Symptome lassen sich, wie Reiss(3 und 4) ausführt, eine An¬ 
zahl wohh harakterisierter Krankheitsbilder herausschälen. Zu der 
asthenischen Urämie und der Krampfurämie oder epileptiformen 
Urämie, die der Verfasser früher eingehend beschrieben hat, fügt 
er in vorliegenden Arbeiten neu hinzu: die psychotische Urämie 
und die Mischformen. Die Symptome der psychotischen Urämie 
werden wahrscheinlich begünstigt durch eine cerebrale Arterio¬ 
sklerose. Die Misch formen stellen die Mehrzahl aller Urämien 
dar, dareine Fälle der übrigen drei Gruppen relativ selten sind. Bei 
der asthenischen Urämie ist die Ausscheidung von Kochsalz, 
Stickstoff usw. durch den Urin gestört, es findet sich daher im 
Blut eine Erhöhung des Reststickstoffs. In reinen Fällen von 
Krampfurämie und psychotischer Urämie dagegen wird die Erhöhung 
des Reststickstoffs im Blute stets vermißt. Die Stoffe, die diese 
Urämieformen hervorrufen, sind also nicht durch mangelhaftes 
Ausscheidungsvermögen der Nieren zurückgehalten. Mit der Re¬ 
tention gelöster harnfähiger Substanzen geht aber keine adäquate 
Retention von Wasser einher. Durch diese mangelhafte Verdün¬ 
nung des Bluts wird eben das Auftreten der Urämie begünstigt. 
Denn der urämische Organismus hat die Fähigkeit verloren, die 
durch die Substanzretention erzeugte Schädlichkeit durch eine 
gleichzeitige Retention größerer Wassermengen wettzumachen. 
Gerade die Formen von Nephritis, die nicht zur Oedembildung 
neigen, führen sehr häufig zur Urämie, und umgekehrt sind 
urämische Erscheinungen beim Vorhandensein ausgebildeter Oedeme 
selten. Bekanntlich tritt mit dem Verschwinden der Oedeme und 
dem Einsetzen einer großen Harnflut zuweilen die Urämie ein. 
Bei der Urämie sind die normalen Beziehungen zwischen der Kon¬ 
zentration des Wassers und der gelösten Substanzen im Körper 
verloren gegangen. Hierdurch wird die Konzentration der toxi¬ 
schen Stoffe erhöht. Fehlt nämlich die Fähigkeit einer zweck¬ 
entsprechenden Verdünnung der Körpersäfte, so löst diese Störung 
die urämischen Erscheinungen aus. 

Stoffwechseluntersuchungen. 

Kolorimetrische Harnsäurebestimmungen im Harne 
hat Höst (5) vorgenommen, und zwar indem er das Rieglersche 
Verfahren dadurch modifizierte, daß er die Harnsäure als Am- 
moniumurat ausfällte und den kolorimetrischen Wert hiervon direkt 
bestimmte. Dabei bediente er sich derselben Reagentien wie 
Ri egler selbst, doch gab er bei der Herstellung von Harnsäure¬ 
lösung der Fol in sehen Methode den Vorzug. 

Versuche über die Beeinflussung des Purinstoff¬ 
wechsels durch die Sekrete der Drüsen mit inneror Se¬ 
kretion haben Fleischmann und Salecker (6) angestellt. Sie 
benutzten zur Verfütterung von Purinkörpern das hefenucleinsaure 
Natrium (Boehringer Söhne). Verfütterte Nueleinsäure wird vom 
Hunde annähernd quantitativ im Harn ausgeschieden. Dies Ver¬ 
halten ändert sich aber bei gleichzeitiger Pituitrinzufuhr, wo¬ 
durch eine Verminderung und Verzögerung der Allantoinaus- 
scheidung hervorgerufen wird. Adrenalin bewirkt aber eine er¬ 
hebliche Steigerung der Allantoinausscheidung ohne Steigerung 
der Gesamtstickstoffausscheidung. Bei Tieren ohne Schilddrüse 
wird verfütterte Nueleinsäure in verminderter Menge ausge¬ 
schieden. Jodothy rinzufuhr bewirkt merkwürdigerweise auch eine 
Verminderung der Allantoinausscheidung, und zwar im Stadium 
des starken Eiweißzerfalls. Beim Hungertiere wurden zugeführte 
Purinbasen in wesentlich verminderter Menge ausgeschieden (wahr¬ 
scheinlich Retention). 

Lamport (7) hat die Kreatin- und Kreatininausschei¬ 
dung bei Diabetikern und Nephritikern studiert. Die 
Untersuchungen wurden bei fleischfreier Diät ausgeführt. Dabei 
wurde eine neuerdings von Autenrieth und Müller beschrie¬ 
bene Methode benutzt Bei Diabetikern waren die Werte für 
Kreatinin meist erniedrigt. Bei Diabetes gravis mit stärkeren 
Graden von Acetonurie fand sich stets Kreatin im Urin. Auch bei 
Nephritikern ließ sich ©ine Verminderung des Kreatinins nachweisen, 


und zwar auch bei guter Diurese und bei auch sonst nur wenig ver¬ 
ringerter Nierenleistung. Kreatin war nur in einem Falle bei starker 
Niereninsuffizienz, und zwar nur in geringen Mengen zu beobachten. 

Galambos und Tausz (8) teilen ihre‘Untersuchungen über 
den Eiweißstoffwechsel beim experimentellen Pankreas¬ 
diabetes mit. Die Insuffizienz der inneren Sekretion des Pan¬ 
kreas erzeugt eine Hyperaminosurie. Die Pankreashyperaminos- 
urie und die Pankreasglykosurie sind analoge Erscheinungen. 
Lebererkrankungen und infektiöse Erkrankungen können von einer 
Aminosurie ebenso begleitet sein wie von einer alimentären 
Hyperglykämie oder alimentären Glykosurie. Es ist wahrschein¬ 
lich, daß beiden Stoffwechselstörungen in diesen Fällen eine ge¬ 
meinsame Ursache zugrunde liegt. 

Nervensystem. 

Den Einfluß des Nervensystems auf den Pigment¬ 
gehalt der Haut erörtert Nehl (9). Die Mitteilungen über 
„plötzliches“ Ergrauen der Haupthaare nach schweren seelischen 
Erregungen müssen mit großer Kritik beurteilt werden. Nach den 
Untersuchungen von Landois scheint es sich dabei nicht um 
Pigmentschwund, sondern um das Auftreten zahlloser Luftbläschen 
im Haare zu handeln. Die Tatsache, daß nach länger dauerndem 
tiefen Grame das Haar vorzeitig ergrauen kann, ist vielleicht mit 
Störungen des Allgemeinbefindens zu erklären. Kommt es doch 
hierbei auch zur Abmagerung, zur Herabsetzung des Hämoglobin¬ 
gehalts und zum Nachlasse des Tonus der Haut und der Musku¬ 
latur. Es dürfte aber auch unter nervösen Einflüssen zu 
Pigmentverschiebungen kommen, und zwar sind es vermut, 
lieh die sympathischen Fasern in den peripherischen Nerven- 
die dies vermitteln. So scheint es möglich, daß langdauernde 
schwere Sorgen auf dem Wege über das vegetative Nerven¬ 
system zum Schwinden des Haarpigments, also zum vorzeitigen 
Ergrauen führen. (Bekanntlich wird das vegetative Nervensystem 
in seinem Tonus durch seelische Vorgänge im erregenden oder 
hemmenden Sinne beeinflußt. Die Erweiterung der Pupillen bei 
der Angst, die Sekretion der Tränendrüsen, die Erregung der 
Herztätigkeit, Erbrechen, Durchfälle bei psychischen Vorgängen 
sprechen dafür, daß die im Großhirn zustande kommenden Stim¬ 
mungen das vegetative Nervensystem beeinflussen. Hier handelt 
es sich aber immer nur um ganz vorübergehende Störungen). 

Lehmann (10) wirft die Frage auf: Was leistet die pliai- 
makologische Prüfung in der Diagnostik der Störungen 
im vegetativen Nervensystem? Es handelt sich um die 
Frage der Vagotonie und Sympathicotonie. Um eine Störung 
im vegetativen Nervensystem nachzuweisen, suchen wir nach 
Stigmata (Glanzauge, abnormer Schweiß, spastische Obstipation 
und anderes) oder geben Pharmaca, die eine Lähmung oder Reizung 
des Vagus oder Sympathicus herbeiführen. Auf diese Weise 
können bei Vagotonie verdächtige latente Symptome temporär 
manifest werden. Als Vagusreizer kommt Pilocarpin, als 
Vaguslähmer Atropin, als Sympathicusreizer Adrenalin 
in Betracht. Der Verfasser konnte feststellen, daß ein Anta¬ 
gonismus zwischen Vagotonie (Pilocarpinempfindlichkeit) und Sym¬ 
pathicotonie (Adrenalinempfindlichkeit) nicht existiert. Adrenalin¬ 
empfindliche zeigten fast stets eine sehr starke Pilocarpinempfind- 
lichkeit und anderseits reagierten auf Pilocarpin völlig unempfind¬ 
liche Individuen sehr selten auf Adrenalin. Es handelt sich also 
um eine gesteigerte Reizbarkeit im gesamten vegetativen Nerven¬ 
system, indem dieses auf Pilocarpin und Adrenalin reagiert. Bei 
verschiedener Dosierung der Gifte ist auch die Reaktion different, 
bald positiv, bald negativ; vorläufig ist man aber noch nicht im¬ 
stande, die rechte Dosis anzugoben für die diagnostischen Schlüsse. 
Zu beachten ist, daß die pharmakologische Prüfung nicht 
immer die physiologischen Erfahrungen bestätigt. Nach diesen 
fallen die Schweißdrüsen in das Bereich des Sympathicus, während 
die pharmakologische Prüfung nur eine autonome Innervation an¬ 
zeigt. Gerade die Schweißsekretion aber stellt eins der Kardinal¬ 
symptome der Pilocarpinreaktion dar. Daraus folgt, daß das 
anatomisch-physiologische Sympathicussystem etwas ganz anderes 
ist als das pharmakologische. In den Wechselbeziehungen zwischen 
Sympathicus und Vagus greifen auch noch die Drüsen mit innerer 
Sekretion ein. Diese werden nicht nur von einem dieser Nerven 
versorgt, sondern das innere Sekret Übt wieder auf den Erregungs¬ 
zustand des betreffenden vegetativen Nerven seine Wirkung aus. 
Der Verfasser betont zum Schlüsse, daß das Atropin kein All¬ 
heilmittel gegen Vagotonie sei. , 

Ueber kranielle Geräusche (Schädel geräusche) bei Ge- 
birnleiden berichtet Köster (11). Sie sind hierbei relativ selten 


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Nr. 2. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — 


zu hören. Auch lassen sie keine Lokaldiagnose stellen, da sie bei 
den verschiedenartigsten Prozessen innerhalb des Schädels auf- 
toten können. Weit häufiger aber sind Schädelgeräusche bei 
anämischen Zuständen (hier sind sie am stärksten in den 
Schläfen- und Ohrgegenden). Diese entstehen innerhalb des Schä¬ 
dels, am wahrscheinlichsten in der Karotis, und haben eine ernste 
Bedeutung. Ein intrakranielles Leiden als Ursache eines 
Schädelgeränsches darf man erst annehmen, wenn man das Vor¬ 
handensein einer gleichzeitigen Anämie ausgeschlossen hat. 

Ciroulationsapparat. 

Ueber den Blut- und Pulsdruck bei Arteriosklerose 
und Nephritis berichtet Janowski (12). Untersucht wurden: 
1. Fälle von Arteriosklerose ohne Nierenleiden. 2. Fälle 
ron Arteriosklerose mit Nephritis und 3. Fälle von Ne¬ 
phritis ohne Arteriosklerose. 25 bis 30°/o aller an Arterio¬ 
sklerose Leidenden weisen einen normalen systolischen Blutdruck 
auf, der hierbei meist auf einer weit fortgeschrittenen Ernährungs¬ 
störung des Herzmuskels beruht. Die arteriosklerotisch affizierten 
Gefäße (große Stämme, kleinste periphere und Eingeweidegofäße) 
verraten nämlich ihr Leiden deshalb nicht durch Steigerung des 
systolischen Blutdrucks an der Arteria brachialis, weil das Herz 
seine Pumpwirkung schwächer ausführt. Der Verfasser bringt 
auch die zu wenig beachtete Tatsache in Erinnerung, daß der Puls 
der Arteriosklerotiker, trotz seiner für den ungeübten Finger 
scheinbaren Tardität, bei genauer sphygmographischer und mano¬ 
metrischer Untersuchung doch in der Regel viel mehr celer ist als 
ein normaler Puls. Bei der zweiten Gruppe waren der systolische 
Blutdruck und der Pulsdruck viel mehr gesteigert als bei der 
ersten Gruppe. Kranke mit Arteriosklerose und Nephritis weisen 
nämlich die höchsten Werte für Blut- und auch för Pulsdruck auf. 
Deshalb darf man bei Arteriosklerose nie vergessen, wenn, der Blut¬ 
druck höher ist als 180 mm Hg und dabei der Pulsdruck höher 
als 70 mm Hg, längere Zeit hindurch den Zustand der Niere 
zu beobachten und darf eine Affektion dieses Organs erst nach 
mehrmals wiederholten negativen Untersuchungen ausschließen. 
Dean keineswegs immer beruhen hohe Werte für Blutdruck bei 
Arteriosklerose auf gleichzeitiger Nephritis. Bei der dritten Gruppe 
gehört die BlutdruckBteigerung zu den konstantesten Symptomen 
des Leidens. 

Das Serum von Kaninchen, die mit Diphtherietoxin akut 
vergiftet worden sind, setzt bei Uebertragung auf gesunde Ka¬ 
ninchen, wie Zondek (13) auseinandersetzt, den Blutdruck 
dieser akut herunter. Normales Serum ist bei gleicher Versuchs- 
anordnuDg wirkungslos. Gleichzeitig hat Verfasser untersucht, 
welche Wirkung das Serum von Tieren hat, die mit Uran oder 
Chrom nephritisch gemacht wurden. Wird solches Serum auf 
Tiere Übertragen, bei denen durch Diphtberietoxin der Blutdruck 
gesunken ist, so wird dieser nun deutlich gesteigert. Die blut- 
druckherabsetzende Kraft des diphtherischen Serums erreicht ihren 
Höhepunkt, wenn das Entnahmetier zehn Minuten unter der Wir¬ 
kling des Toxins gestanden hat. Dann nimmt sie allmählich ab. 
Mit der Dauer der Einwirkung des Toxins wird aber auch bei dem 
Mtnahmetiere die durch das Gift erzeugte Nierenschfidigung 
stärker, und zwar auch dann, wenn schon der Blutdruck wieder 
steigt. Möglicherweise stellt daher die Nephritis einen der Blut¬ 
drucksenkung entgegenwirkenden, gleichsam kompensierenden 
raktor dar. Jedenfalls scheint aber die Diphtherienephritis als 
solche von sich aus den Blutdruck nicht herabzusetzen. 

Lüdin (14) beschreibt den anakroten Puls an der Ar- 
teria carotis und subclavia bei Aorteninsuffizienz. Der 
systolische Doppelschlag war besonders ausgeprägt an der Sub- 
c ,*• ™ der Palpation der beiden Arterien fühlte man deutlich 

rasc h aufeinanderfolgende Erhebungen, die sich auch gra¬ 
phisch gut d&rstellen ließen. Bei ihrer Auskultation war bei 
folgen dieser Patienten ein dumpfer Doppelton zu hören. Uebrigens 
halte man beide Wellen so rasch aufeinander folgen, daß sie beide 
s nerzsystolisch imponierten. Der Verfasser glaubt, daß die Er¬ 
scheinung auf eine gleichnamige Reflexion zurückzuführen sei; die 
. Erhebung werde erzeugt durch die Ventrikelsystole, die 
weite durch eine superponierte Reflexwelle. Bei der Aorten- 
p Su . Z!eilz treibt nämlich der dilatierte und stark hypertrophierte 
likk e ' De 8 r ^ ere Blutmenge mit größerer Macht in die diasto- 
scü abnorm entleerte Arterie und ferner erleiden gerade bei 
orteninsuffizienz die dem Herzen zunächst gelegenen großen Ar- 
nenstämme vorwiegend Störungen ihrer Elastizität. An den 
UQDgßstellen solcher veränderten Gefäße muß auch leichter eine 
woexioB zustande kommen können« 


Beobachtungen über den Capillarpuls hat Jürgensen (15) 
angestellt. Er empfiehlt, dem Capillarpulse größere Beobachtung 
zu schenken. Denn der deutlich erkennbare Capillarpuls ist der 
Ausdruck einer erhöhten Inanspruchnahme des linken Vontrikels und 
des arteriellen Gefäßgebicts und weist auf Störungen hin, die eine 
sorgfältige Kontrolle aller für den regelrechten Ablauf der Blut¬ 
bewegung und Blutverteilung in Betracht kommenden Faktoren 
nötig machen. 

Nebengeräusche über der Aorta erwähnt Külbs (16). 
Bei älteren herzgesunden Leuten kommen lokalisierte systolische 
Geräusche im rechten zweiten Intercostalraume, das heißt also 
über der normalen Auskultationsstelle der Aorta, nicht selten vor, 
wie Verfasser auf Grund von 31 Beobachtungen behauptet, die er 
unter 805 Herzgeräuschen auf organischer Basis zusammenstellen 
konnte. Aetiologisch kommt in erster Linie die Arteriosklerose 
in Frage, dann Syphilis oder auch Polyarthritis. 

Blut unter suchungen. 

Die Ungerinnbarkeit des Bluts bei der Hämoptoe 
der Phthisiker erörtert Magnus-Aisleben (17). Zusatz von 
frischen Preßsäften aus pathologisch veränderten Organen sowie 
besonders von autolytisch gewonnenen Gewebssäften aus nor¬ 
malen Organen zum Blute wirkt gerinnungsverzögernd. Man 
könnte daher auch bei dem Flüssigbleiben des Hämoptöebluts 
daran denken, daß bei der Tuberkulose ähnliche gerinnungver¬ 
zögernde Stoffe entstehen könnten, wie bei der experimentellen 
Autolyse. Aber Morawitz hat darauf hingewiesen, daß das Blut 
ungerinnbar wird, wenn es in der Pleurahöhle geweilt hat. 
Dieses dauernde Flüssigble;ben ist von der Verzögerung des 
schließlich doch noch vollständig erfolgenden Gerinnungsvorgangs 
zu unterscheiden. Das Flüssigbleiben des Hämoptöebluts dürfte 
daher weniger in den Gerinnungsstörungen zu suchen sein, die 
bei Zusatz von Organsäften auftreten, als vielmehr in der durch Kon¬ 
takt mit dem Pleuraendothel bewirkten Aufhebung der Gerinnung. 

Holler (18) teilt einige Versuehsresultate mit zum Ver¬ 
ständnis physikalisch-chemischer Vorgänge im Blute des 
lebenden Organismus unter normalen und pathologischen Ver¬ 
hältnissen und betont ihren diagnostischen Wert. Er bedient 
sich dabei der „FunktionspriifuDg“, das heißt der Untersuchung in 
Doppelreihen mit gewaschenen und ungewaschenen Blutkörperchen. 
Sie gibt Aufschluß unter andern über das Wesen der hypoplasti¬ 
schen Blutkörperchen. Diese sind gleichzeitig gegen hypisotoni- 
sche Salzlösungen sehr resistent. Mit Hilfe dieser Funktions¬ 
prüfung ist die Symptomatologie des Status hypoplasticus um ein 
neues, wichtiges Merkzeichen bereichert worden. Auch in die Ver¬ 
hältnisse bei Chlorose, Blutungsanämien, Ikterus, Fieberzuständen 
usw. geben derartige Versuche einigen Einblick. 

Vergleichende Blutzuckerbestiminungen durch Polari¬ 
sation und durch Reduktionsmethoden (von Bertrand uud 
Tachau) haben Maase und Tachau (19) ausgeführt. Sie fanden 
bei normalem und erhöhtem Blutzuckergehalte, mit Ausnahme 
eines Falles, gut übereinstimmende Werte. Nach der Aufnahme 
von 100 g Lävulose ergab die Reduktion erheblich höhere Werte 
als die Polarisation, am größten war die Differenz in einem Falle 
von Ikterus. 

Varia. 

Bei der eingehenden Besprechung eines Falles von Oeso- 
phagusdiphtherie wirft Ceelen(20) wegen der enormen Seltenheit 
dieses Leidens die Frage auf, warum der Oesophagus davon fast 
immer verschont bleibt, und zwar auch dann, wenn bei bestehen¬ 
der Pharynxdiphtherie der Magen von Diphtherie ergriffen wird. 
Der Grund dürfte sein: 1. Das Wachstum der Diphtheriebacillen 
bedarf der Sauerstoffzufuhr. Der Magen enthält nun Luft, die 
ihm namentlich bei der Aufnahme von Speisen zugeführt wird. 
Des Oesophagus Lumen ist aber leer, denn seine Wandungen sind 
kollabiert, und zwar auch sofort nach der Passage der Speisen; also 
fehlt in der Speiseröhre die Luft. 2. Die geringe Möglichkeit 
eines längeren Verweilens der Diphtheriebacillen auf der Oeso- 
pbagusschleimhaut. 3. Die neutrale Reaktion daselbst. In dem 
beschriebenen Falle handelte es sich Übrigens nicht um eine von 
der Rachenschleimhaut kontinuierlich auf den oberen Oesophagus- 
teil fortgesetzte Diphtherie, sondern um eine entfernt von der pri¬ 
mären Infektionsquelle metastatisch entstandene pseudomembranöse 
OesophagitiB. 

Einen Beitrag zum Myelom liefert von Bomhard (21). 
Er beschreibt ausführlich den Fall einer 51jährigen Frau, der je¬ 
doch die vollkommen dunkle Aetiologie des Myeloms auch nicht 
aufzuhellen vermag. Der Sektionsbefund zeigt, wie schwierig die 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


Diagnose zu stellen war. Die relativ fortgeschrittene Markerkran¬ 
kung der Wirbel ließ sich röntgenologisch nicht nach weisen, offen¬ 
bar, weil die Veränderungen lediglich auf das Knochenmark be¬ 
schränkt waren, dagegen die eigentliche Knochenschale intakt ge¬ 
blieben war. Auf Grund der mikroskopischen Untersuchung 
charakterisiert sich die Geschwulst als ein Myelom, aus Zellen vom 
histologischen Charakter der Myeloblasten aufgebaut. 

lieber klinische Beobachtungen zur Kenntnis des Status 
lymphatieus und über dessen Beziehungen zur pluriglandu¬ 
lären Erkrankung berichtet Pribram (22). Jedes einzelne der 
im allgemeinen als wichtig für den Status lymphatieus angesehenen 
Symptomeist isoliert für diesen nicht charakteristisch. Wohl 
aber sind die großen Zungengrundfollikel, das Verhalten der Epiglot- 
tis (infantil oder omegaförmig) von großer Wichtigkeit. Im Blute 
war oft Lymphocytose, manchmal, und besonders bei Genital- 
bypoplasie, Eosinophilie und Basophilie nachweisbar. Ein Fall von 
pluriglandulärer Erkrankung kombiniert mit Status lymphatieus 
und hypoplasticus wird genauer besprochen. 

Eine giftarme, nicht durch die Shiga-Kruseschen Er¬ 
reger erzeugte Dysenteriebacilleninfektion wurde in Däne¬ 
mark von April 1911 bis April 1918, wie Sonne (23) erwähnt, 
so häufig wie sonst niemals früher anderswo in Europa konstatiert. 
Sie trat aber immer nur sporadisch auf. Aus den Umständen, 
unter denen der Verfasser die Bacillen gefunden bat, schließt er, 
daß kein Grund zu der Annahme vorliege, die Infektion sei nur 
in diesen 24 Monaten so häufig gewesen. Er glaubt vielmehr, 
weil in Europa früher kaum Untersuchungen unter den gleichen 
Bedingungen vorgenommen worden sind, daß die Dysenteriebacillen¬ 
infektion, in Gestalt sporadischer Fälle, auch außerhalb Dänemarks 
ein viel häufiger vorkommendes Phänomen sei. 


Literatur: 1. Erich Leachke, Untersuchungen über den Mechanismus der 
Harnabsondeuing in der Niere. tZsohr. f. klin. M, Bd. 81, H. 1 u, 2, 8.14.) — 
2. A. Lawrynowicx, Uebor die Ausscheidung anisotropen Fettes mit dem Harn 
im ZuMimuientiang mit dessen Ablagerung in den Organen. (Ibid. Bd. 80, H. 5 
u. G, S. 889) — 8. und 4. Emil Reiss, Zur Klinik und Einteilung der Urämie. 
(Ibid. Bd. 80. H. 5 u. 6, S 424 u. 452.) — 5. H. F. HSst, Kolorimetrische Ham* 
Säurebestimmungen im Harn. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 113.)— 6. Fleischmann 
und Saiecker, Versuche über die Beeinflussung des Purinstoffwechsels durch die 
Sekrete der Drüsen mit innerer Sekretion. (Ibid. Bd. 80, H. 6 u. 6, S. 456.) — 

7. D. Lampert, Ueber Kreatin* und Kreatininausschoidung bei Diabetikern und 
Nephritiaern. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 498.) — 8. A Galambo» und B. Tau», 
Untersuchungen über den Eiweißstoffwechsol beim experimentellen Pankreas¬ 
diabetes. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 381.) — 9. Fritx Nehl, Ueber den Einfluß 
des Nervensystems auf den Pigmentgebalt der Haut. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, 
S. 182.) — 10. Gerhard Lehmann, Was leistet die pharmakologische Prüfung in 
der Diagnostik der Störungen im vegetativen Nervensystem? (Ibid. Bd. 81, H. 1 
u. 2, S. 52.) — 11. H. Köster, Kranielle Geräusche. (Ibid. Bd. 80, H. B u. 6, 

8. 515) — 12. W. Janowskl, Der Blut- und Pulsdruck bei Arteriosklerose und 
Nephritis. (Ibid. Bd. 80, H. B u. 6, S. 401.) — 13. H. Zondek, Die Wirkung des 
Serums mit Diphtherietoxin vorbehandelter Kaninchen auf den Blutdruck normaler. 
(Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 156.) — 14. M. Lidin, Ueber den anakroteu Puls an 
der Arteria carotis und Arteria subclavia bei Aorteninsuffizienz. (Ibid. Bd. 80, 
H 5 u. 6, S. 488) — 15. E. Jirgensen, Beobachtungen über Capiilarpuls. (Ibid. 
Bd. 81, H. 1 u. 2, 8. 36) — 16. Külbs, Nebengeräusche über der Aorta. (Ibid. 
Bd. 80, H. 5 u. 8, S. 476.) — 17. E. Magnns-Alsleben, Ueber Ungerinnbarkeit 
des Bluts bei der Humoptöe der Phthisiker. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 9.) — 
18. Gottfried Holler, Einige Versuchsresultate zum Verständnisse physikalisch¬ 
chemischer Vorgänge im Blut unter normalen und pathologischen Verhältnissen 
und ihr diagnostischer Wert. (Ibid. Bd. 81, H. 1 a. 2, S. 129) — 19. Carl Maate 
und Hermann Tachan, Vergleichende Blutzuckerbestimmungen durch Polari¬ 
sation und Reduktionsmethoden. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 1.) — 20. W. Ceelen, 
Zur Kenntnis der Oesophagusdiphtherie. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 481.) — 
21. Hans von Bomhard, Ein Beitrag zum Myelom. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, 
S. 506.) — 22. Hugo Pribram, Klinische Beobachtungen zur Kenntnis des Status 
lymphatieus und Beziehungen desselben zur pluriglandulären Erkrankung. (Ibid. 
Bd 81, H. 1 u. 2, S. 120.) — 23. Carl Senne, Beobachtungen über Klinik und 
Epidemiologie der giftarmen Dysenteriebacilleninfektion In Dänemark. (Ibid. 
Bd. 81, H. 1 u. 2, 8. 73.) 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1914 , Nr. 45. 

Adler (Berlin-Pankow): Beitrag za den perforierenden SchuB- 
verletznngen des Magens* Abgekürzt vorgetragen in der Sitzung der 
»Kriegsärztlichen Abende“ vom 22. September 1914. 

H. Mühsam (Berlin): Beitrag zur Behandlung des Tetanus* 
Um eine Wirkung des Tetanusantitoxins nach ausgebrochener Krankheit 
zu erzielen, ist die fortdauernde Giftprodnktion der Bacillen zu ver¬ 
hindern, indem man letztere unschädlich macht. Dies wird erreicht dnreh 
Beseitigung reduzierenden Materials (z. B. der Eitererreger, die durch 
Sauerstoffabsorption die Entwicklung der Tetannsb&cillen ermöglichen), 
durch Abtragung aller mit der Circulation nicht mehr in aasreichendem 
Maße zusammenhängenden Gewebe und endlich durch Sauerstoffzofahr 
(Wasserstoffsuperoxydverbände). 

Der Kriegssanitätsdienst In Berlin* VII. E. Froehlich. Ueber 
einen Fall von Bfickeninarksverletznng. Kasuistische Mitteilang. 

K. Steindorff (Berlin): Die Kriegsehlrnrgie des Sehorgans. 
Bemerkenswert ist die in den letzten Kriegen zunehmende Zahl der 
Schußwanden des Auges; diese Zunahme beruht darauf, daß im modernen 
Kriege viel mehr in liegender Stellung gekämpft wird. Hervorzuheben 
ist ferner, daß anch dann das Auge verletzt werden kann, wenn es dnreh 
das Geschoß nicht direkt getroffen wird; denn das Kleinkaliber-Mantel¬ 
langgeschoß ruft infolge seiner großen lebendigen Kraft eine erhebliche 
Fern Wirkung und Verdrängung der dem Schußkanale benachbarten Teile 
hervor. Auf dem Truppen- und Hauptverbandplätze beschränkt sich die 
Behandlung auf Reinigung der Augenwunden, Abtragung zertrümmerter 
Gewebsteile, Entfernung oberflächlicher Fremdkörper, eventuell Atropin- 
eiuträufeluDg und aseptischen Verband. Die notwendigen Operationen bleiben 
den Lazaretten Vorbehalten. Die Enncleation ist in allen Fällen, wo Form und 
Funktion des Auges nicht zu erhalten ist, zur Verhütung der sympathischen 
Erkrankung des andern Auges so früh wie möglich vorzunehmen. 

M. Bernhardt (Berlin): Beitrag zum Symptomenkomplex der 
Brown-S6quardschen Lähmung. Kasuistische Mitteilung. 

C. D. de Langen: Beitrag zur Kasuistik des renalen Diabetes. 
Mitteilang eines Falles von Diabetes; die Znckerausscheidnng war in 
hohem Grade unabhängig von der Kohlehydratzufuhr. Außerdem konnte 
eine Hypoglykämie festgestellt werden. Es handelt sich demnach wohl 
hier um einen renalen Diabetes. 

F. Fidler: Ein Beitrag zur Entstehung der Hernla diaphrag- 
matlea und Dilatation des Zwerchfells. Kasuistische Mitteilung. 

Dr. Neuhaus. 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1914 , Nr . 52. 

F. Stricker (Berlin): Vorschlag für eine Sammelforschung 
Ober Tetanns. Unter Benutzung militärärztlicher Erfahrungen aus dem 
Feldzage 1870/71 fordext der Verfasser ein gemeinsames, schematisches 


Vorgehen. Aus allen Krankenzetteln, Berichten, Mitteilungen, Frage¬ 
bogen, Zählkarten müsse horvorgehen: 1. Name, Truppenteil, Dienst¬ 
stellung des Tetanuskranken. (Nach günstigem Ablaufe kommen nämlich, 
wonn auch selten, nervöse Nachkrankheiten vor, die bei Unter¬ 
suchung auf Versorgungsansprflche berücksichtigt werden müssen.) 
2. Ott und Tag der Verwundung. 3. Art und Stelle der Verwundung. 
(Ueberaus schädigend wirkt das englische Infanteriegeschoß, das zufolge 
seiner Konstruktion ein Ueberschlagen beim Auftreffen auf ein Hindernis 
erleichtert und dann zerrissene Wunden verarsacht. Wird die Spitze 
der englischen Patrone in üblicher Weise von den Soldaten beim Laden 
des Gewehrs abgebrochen, so sind Zertrümmerungen der weichen 
Bedeckungen and ausgedehnte Knochensplitterungen die Folgen. 
Noch verheerender wirkt das HohUpitzengeschoß der Engländer.) 
4. Tag und Ort der Erkrankung. 5. Behandlung. 

A. Käppis (Haaren, Westf.): Ueber Schufiverletsungen der 
großen Gefäße* Im jetzigen Kriege sind die Gefäßverletzungen und be¬ 
sonders ihre Folgen, die Aneurysmen, verhältnismäßig viel häufiger als 
früher, aber trotzdem noch seltenere Affektionen. Kommen diese Ver¬ 
letzungen noch ohne Gangrängefahr in die Hand des Arztes, so ist die 
Möglichkeit der Blutstillung durch Druckverband in vielen Fallen vor¬ 
handen. Unter diesem Kompressionsverbande kann man auch warten, bis 
sich bei einem Aneurysma der zur Erhaltung eines Glieds genügende 
Kollateralkreislauf ausgebildet hat. 

Busch (Krefeld): Mit Darmversehlnfi komplizierter Lungen* 
leberschuß. Ein Schrapnellgeschoß drang durch Pleurahöhle, Lunge 
und Zwerchfell in die Leber ein und verletzte hier einen großen Gallen- 
gang. Dnreh Ansammlung einer größeren Gallenmenge dehnte sieb der 
Ueberzug der Leber und es kam zu einer sehr großen und prallen 
cystenartigen Geschwulst, die zu einer Abknickung des Kolons und da¬ 
mit zu einem vollkommenen Darmverschlusse führte. Durch Operation 
gelang es, die Leberverletzung fast ganz auszuheilen. Durch eine nachträg¬ 
liche Vereiterung des rechten Hämatothorax, also durch einen Pyopneumo- 
thorax, versagte aber das dadurch überangestrengte rechte Herz schließlich. 

Erwin Erhardt (München): Schädelchlrurgie im Felde* Schluß. 
Von 23 trepanierten Fällen sind 9 gestorben, 2 etwas gebessert, 12 in 
Heilung begriffen und geheilt. Auch bei schweren, aussichtslos erschei¬ 
nenden Schädel Verletzungen darf die Operation nicht unterlassen werden. 
Man wird dadurch die Statistik verschlechtern, aber vielleicht ein Menschen¬ 
leben retten. Wer größere Hämatome, die Herderscheinungen machen, nicht 
operiert, läßt die gedrückten Rindencentren durch Inaktivität atrophieren. 

F. Kirstein (Marburg a. d. Lahn): Narkosenasphyxie post lapa- 
rotomlam. Der Verfasser betont zunächst seine Sta dien ein teilung der 
Narkose: 1. Der Patient spannt noch, Coraeal- und Pupillenreflex erhalten, 
Excitationsstadinm bereits überwunden. 2. Cornealreflex erloschen, Po- 
pillenreaktion besteht noch, Bauchdecken noch gespannt. 8 . Pupillen 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


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eog and resktionslos, Baachdecken schlaff; regelmäßige, langsame, tiefe 
Atmung. 4. Papillen sehr weit and reaktionslos, Stadium periculi. 
Sr weist ferner auf die Narkosenbreite hin, die sich aas der Summe 
der einseinen „Stadiumbreiten“ zusammensetzt. Die Narkosenbreite ist 
gering, wenn man ans dem zweiten Stadium ganz überraschend schnell 
trots weiterer vorsichtiger Darreichung des Narkoticums in das vierte 
Siadiam hineinger&t Der Verfasser ersieht aus dem Schnellerwerden 
des Paliei nur ein Abnehmen in der Narkosentiefe (Wiederhineingeraten 
ins mite Stadium), ans dem Langsamerwerden der HerzBchlagfolge nur 
eine Vertiefung des Betftubungszustandes (aber nicht, ob man sich in 
der Mitte oder am Ende deB dritten Stadiums befindet). Er berichtet 
düs Ober einen Fall, wo bei einer im dritten Stadium narkotisierten 
Kranken durch einen starken Peritonealreis eine Reaktion ansgelöst wurde. 
Dieser recht erhebliche Reiz genügte jedoch nicht, die Kranke bis 
mm (weiten Stadium »aufzuwecken“. Als er aber schwächer wurde 
- bei fortlaufender Narkose —, führte er mm vierten Stadium. 
Duck sofort vorgenommene Königsche Herzmassage (kurze, kräftige, 
schnelle Stoß« mit der geballten Faust gegen die Herzgegend) allein ohne 
jede kümtliche Atmung gelang es, in ganz kurzer Zeit — es mag keine 
Misste gedauert haben —, den recht bedrohlichen Zustand zu beseitigen. 

Marcus (Berlin): Seltene Verwundung bei Fliegerbeschleßnng. 
Eis Soldat wurde von einem feindlichen Infanteriegeschoß tödlich ge¬ 
troffen, daa aber nicht für ihn bestimmt war, sondern für einen deutschen 
Flieger, beim Herabfallen jedoch ans der Höhe in den untenstehenden 
Mum eingodrungen war. 

E Althoff (Attendorn i. W.): Behandlung der Schweißfüfte. 
Empfohlen wird angelegentlichst Einpinselnng mit Formaldehyd 35 %, Aq- 
dest ü ad 100,0. Man soll bei Soldaten, die zu Schweißfüßen neigen, 
diese Eispinaelung prophylaktisch vor größeren Märschen vornehmen. 

Bäcker (Riedern in Vorarlberg): Die Sonnen- und Frelluft- 
behaidlong schwer eiternder Wunden* Hingewiesen wird auch be- 
Nsden auf die auatrocknende Wirkung der Luft. Im Hinblick anf 
die von der strahlenden Wärme erzeugte tiefe aktive Hyperämie emp¬ 
fiehlt sich, bei Besonnung von Gipsfensterverbfinden zur rascheren Heilung 
die Gipahülle mit luftdurchlässigen schwarzen Wasserfarben anzustreichen 
(Lackfarben sind wegen Aufhebung der Hantansdünstnng za vermeiden). 
Du gleiche gilt von Streckverbänden, die daher aach mit schwarzem 
Flanell auufertigen sind. Der durch die trockne Luft und besonders 
durch die Sonnenwirkung entstehende, bald sehr dicke Fibrinschorf maß 
rechtseitig gelüftet werden, und zwar durch Berieselung mit Wasserstoff* 
ssperoxyd. F. Bruek. 

Münchner medizinische Wochenschrift 19J4 , Nr. 52. 

Erich Leschke (Berlin): Ueber Pnenmokokkenaiiglna and ihre 
BehaiHong. Unter den Mandelentzündungen spielen die durch Pneumo¬ 
kokken hervorgerufenen eine besondere Rolle. Sie zeichnen sich klinisch 
durch ihren meist hartnäckigem Verlauf und die erhebliche influenzaartige 
Allgemeinitörung bei geringfügigem lokalen Befand ans. Bakteriologisch 
«isd sie gekennzeichnet durch das Vorhandensein des Diplococcus lanceo- 
litu als des überwiegenden pathogenen Keims anf den Mandeln. Das 
klinische Krankheitsbiid ist entweder das der follikulären Angina oder 
du der Pneumokokkeninfluenza oder das der sepsisartigen Pneumokokken- 
ugina. Therapeutisch empfiehlt sich das gegen die Pneumokokken selbst 
gerichtete Optochin (dreimal täglich 0,4 in Oblaten nach dem Essen). 

Mai Herz (Sydney in Australien): Wachstumsstörung and De- 
feraitit. Bei einem 15jährigen Jungen hatte die linke Hand die Stel¬ 
lung einer Manua valga, Bie stand schief zum Vorderarm. Wie die 
Eöatgenphotographie ergab, war die laterale (radiale) Hälfte der radialen 
Epiphyseuzon© vorzeitig ossificiert. Es handelte sich um eine Verletzung 
dar Epiphyienlinie durch einen zehn Jahre vorher erlittenen Fall anf die 
hake Hand. Unbemerkt hatte sich die Deformität entwickelt, bis sie erst 
uch zehn Jahren deutlich wurde. 

E. Wunder (Wolfstein in der Pfalz): Einfachste Methode znr 
BestlauDiog des Kochsalzes des Stickstoff^ and der Elektrolyte im 
BfeueMJehen Harn* Besprochen werden die Kochsalzbestimmnng 
^ Slraui8, die Kochsalzbes.immung nach Weise, die Stickstoff- 
bestimmang nach Bergei 1 nnd die galvanometrische Harnuntersuchung. 

EdgardReye (Hamburg): Zar Aetlologle der Endocardltis Terra- 

(Schluß.) Es handelt sich stets um eine bakterielle Erkrankung, in 
allererster Linie dabei um den aeroben Streptococcus mitiors. viridans. Auch 
die Endokarditis lenta «ei als schwerster Grad einer verrukösen Endokar- 
wii ttfiufuien, also auch auf den Streptococcus viridans zurückzufahren. 

Feldärztliche Beilage Nr, 21, 

Madelung: lieber Tetanus bei Kriegsverwundeten. Ergebnis 
Mw SaaaelfonchiDg. Ein Fragebogen kam an 80 Festungs-, 
«*wre*, Hilf* und Vereinslazarette in Straßburg und seiner Umgebung 
Vaneoding. Von 152 mit Antitoxin behandelten Fällen sind 47 


genesen, 105 gestorben. In 3 Fällen wurde außer Antitoxin, Morphium, 
Chloral noch Magnesiumsulfat subcutan verabreicht (in einem von diesen 
wurden im ganzen 75 g, im andern 90 g in 15%iger Lösung injiziert). 
Alle 3 Fälle kamen zur Genesung. 

A. Bielschowsky (Marburg): Ueber Sehstörnngen im Kriege 
ohne objektiven Augenbefund. Nach einem am 19. November 1914 ün 
ärztlichen Verein zu Marburg gehaltenen Vortrage. 

M. Kirschner (Königsberg i. Pr.): Bemerkungen über die 
Wirkung der regelrechten InfanterlegeBChosse nnd der Dumdum¬ 
geschosse anf den menschlichen Körper. Bei den Infanteriegescbossen 
unterscheidet man Mantel- and Vollgeschosse. Die Mantelgeschosse 
haben einen Ueberzng ans Stahlblech, der nur in der Mitte seiner Basis 
eine große Oeffnnng hat. Der Hohlraum des Mantels ist mit Hartblei 
ausgegossen. Die Vollgeschosse sind aus einem einheitlichen Material, 
z. B. Kupfer, hergestellte massive Körper (z. B. das etatsmäßige franzö¬ 
sische Infanteriegeschoß). Dumdumgeschosse sind Mantelgeschosse, 
deren Stahlmantel auch an dem vorderen, spitzen Ende nicht voll¬ 
kommen geschlossen ist, was man an jedem regulären Mantelgeschoß in 
wenigen Augenblicken erreichen kann. Es liegt also am vorderen Ende 
eines solchen Geschosses ein weicher Metallkern in einem harten 
Stahlmantel zutage, was das Charakteristikum eines Dumdum¬ 
geschosses ist. Unmöglich also ist es, ein Vollgeschoß in ein 

Dumdumgeschoß umzuformen. Der einzige Beweis dafür, daß eine 
Wunde durch ein Dumdumgeschoß herbeigeführt wurde, ist die 
Auffindung des Projektils in einem so wenig deformierten 

Zustande, daß sich noch absolut sicher feststellen läßt: an 

seinem vorderen, spitzen Ende war die Geschlossenheit des Stahl, 
mantels bereits vor dem Abfenern der Patrone absichtlich unter¬ 
brochen. Aber das Vorhandensein eines deformierten Stahlmantels 
i in der Wunde oder der Ans tritt von Blei aus dem Stahlmantel er¬ 
bringt an sich nicht den Beweis für ein Dumdnmgeschoß, da auch die 
regulären Mantelgeschosse sowohl vor dem Eintritt in den menschlichen 
| Körper durch Ricochettieren als auch im menschlichen Körper (bei nicht 
vorausgehender Spitze) durch Aufprallen auf einen kräftigen Knochen der¬ 
artig veranstaltet werden können. Triflt ein Dumdnmgeschoß nur Weich- 
teile, so wirkt es wie ein reguläres Projektil. Specifiscb, zerstörend 
kann es nur beim Anftreffen anf einen Knochen wirken (hierbei wird 
die offene, nicht widerstandsfähige Kuppel eingedrückt. Der Bleikern 
kann sich von derMantelwand losreißen and w eiterfliegen. Da er relativ 
weich ist, kann er anch am Knochen zerschmettert werden). Bei Nah¬ 
schüssen aber (bis etwa 400 m) kann anch das reguläre Infanterie¬ 
geschoß zu einer richtigen Explosion des Knochens führen. Denn die 
Zertrümmerung des Knochens ist um so größer, je größer die leben¬ 
dige Kraft des Projektils, je größer alBo dessen Geschwindigkeit, das 
heißt je kürzer die Schußweite ist. Eine explosionsartige Gescho߬ 
wirkung kommt auch im Innern des Körpers zustande, wenn in der Nah¬ 
zone Organe getroffen werden, die sich wie eine mit Flüssigkeit gefüllte, 
geschlossene Kapsel verhalten. Die Flüssigkeit überträgt die durch das 
Eindringen des Projektils im Innern eintretende Drucksteigerung plötzlich 
auf die Wandung, die hierdurch mit ihrem Inhalt aaseinandergerissen 
wird. Auch dadarch, daß reguläre Geschosse mit vorangehendem 
stumpfen Ende oder quergestellt den Körper treffen oder sich, mit der 
Spitze eindringend, während des Durchgangs durch die Weichteile um¬ 
kehren, können ausgedehnte Zerstörungen zustande kommen (da das 
reguläre Geschoß an seinem Boden nicht geschlossen ist, so kann der 
hier frei zutage liegende Bleikern heransgeschlendert werden, wenn [da» 
Geschoß mit vorausgehendem Boden anf einen Knochen anfschlägt). 

K. Stargardt (Hamburg): Ueber die englischen Infanterie* 
gescho9S6 und Ihre Wirkungen. Während das deutsche Geschoß nur 
einen einzigen Bleikern zeigt, finden sich in dem offiziell eingeführten 
englischen zwei Kerne von verschiedenem specifischen Gewichte. Da¬ 
durch muß dag Geschoß beim Anstoß an einen Knochen auseinander¬ 
springen. Die Spitze mit dem einen Kern muß abbrechen, der Mantel 
eingerissen werden und der zweite Kern herausfliegen. Es kommt bei 
dieser Konstruktion zu einer Explosivwirkung. Die Anbringung 
zweier Kerne von verschiedenem specifischen Gewichte kann nicht ans 
ballistischen Gründen erfolgt sein, sondern nur, am möglichst schwere 
Verletzungen hervorzurafen. Die englischen Iofanteriegeschosse machen 
also nicht nur kampfunfähig, sondern sie verstümmeln anch für immer. 

v. Meyer und Felix Kraemer (Frankfurt a. M.): Ein Beitrag 
ca „Infanteriegeschosse mit Spreng- (Dom-Dom-) Wirkung“. Die 
Verletzungen in zwei Fällen sind durch Teile eines englischen Infan¬ 
teriegeschosses entstanden, nnd zwar in dem einen Falle durch eine 
Geschoßspilze mit Aluminiumkegel und anhängendem Teil des zersprengten 
Metallmantels, in dem andern durch einen deformierten Bleikem, wie er 
in den mit einer Alnminiomkegelapitze versehenen englischen Infanterie¬ 
geschossen enthalten ist. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


F. Haenisch (Hamburg-Barmbeck): Röntgenologischer Nachweis 
der Dnmdumwlrknng englischer InfanterlegeschoBse. Demonstriert 
im Aerztlichen Verein in Hamburg am 2. Dezember 1914. 

Wilhelm Hartert (Tübingen): Eine sichere röntgenologische 
Methode zur Geschoß) okallsation. Wenn in den Weich teilen markante 
Punkte fehlen, so schafft sich Verfasser solche dadurch, daß er nach un¬ 
gefährer L&gebestimmung des Geschosses (vor dem Leuchtschirm oder 
durch einfache Aufnahme) in lokaler Anästhesie die in Frage kommende 
Körperstelle gewissermaßen in ein Nadelkissen verwandelt. 

Philipp Erlacher: Erfahrungen am österreichisch-rassischen 
Kriegsschauplätze. Die Verletzungen durch das russische Infanterie¬ 
geschoß waren in der letzten Zeit-ungleich schwerer als zuerst. Während 
die Russen nämlich früher das spitze S-Geschoß (10 g schwer) benutzten, 
verwandten sie Bpäter das 0-Geschoß (14 g schwer), das ist ein Cylinder- 
geschoß mit abgerundeter Spitze. 

August Heisler (Königsfeld in Baden): Vorschlag zur Ver¬ 
hütung der Tetanusgefahr durch intensive LuftbestrÖmung. Man 
führt heiße Luft mittels eines besonderen Apparates (Heißluftdusche) zu 
oder auch kalte Luft mittels eines Ventilators, eines Blasebalgs oder der¬ 
gleichen. (Die Beströmung mit kalter Luft verursacht leichte Schmerzen.) 
Indem die Luft auch in alle Buchten zerfetzten Gewebes eindringt, 
hemmt sie die Entwicklung der nur anaerob wachsenden Totanuserreger. 

Kellermann: Typhusschutzlmpfnng. Tetanusbehandlang. Die 
nachgewiesene Agglutination bei vorher schutzgeimpften Personen ist 
keia Beweis für Typhuserkrankung. Wie lange die Agglutination an¬ 
hält, also wie lange wahrscheinlich eine Immunität gegen Typhus be¬ 
steht, ist noch zu erweisen. Bei Tetanus spritzt der Verfasser täglich 
10 ccm der offizmellen 3%igen Wasserstoffsuperoxydlösung in den teil¬ 
weise zugeheilten oder verklebten (!) Schußkanal genau in der Schußrich' 
tung ein. (Da diese Einspritzungen sehr schmerzen, wird eine Viertel¬ 
stunde vorher eine Morphiuminjektion gegeben.) 

Hans L. Heusner (Gießen): Oleam Raset zar Behandlung in¬ 
fizierter Weichteilwanden. An Stelle des ausgezeichneten, aber teueren 
Perubalsams empfiehlt Verfasser das wesentlich billigere Oleum Rusci. 
Es wird unverdünnt in dicker Schicht aufgetragen. 

Gross: Schneeblindheit. Das Charakteristische der Schnee¬ 
blindheit ist eine Entzündung des äußeren Auges (auch Ciliarinjektion 
mit Irisreizung und Druckempfindlichkeit des Corpus ciliare können vor¬ 
handen sein). Prophylaktisch empfiehlt sich sehr die von Schanz be¬ 
schriebene Euphosbrille. 

Karl Dieterich (Helfenberg): Harzlösungen für Verbandzwecke« 
Das von Fiessler und Bossert vorgeschlagene Lösungsmittal „Aether“ 
verwirft Verfasser. Denn Aether verdunstet zu schnell, was unerwünscht 
ist, da bei großen Verbänden das Lösungsmittel längere Zeit die Kleb¬ 
lösung vor dem Eintrocknen schützen soll. Benzol dagegen steht in der 
Verdunstung, die sich bei ihm immer noch rasch genug vollzieht, dem 
Benzin nabe. Es ist auch für Verbandzwecke genügend vorhanden und 
kostet nur 35 Pf. pro Kilogramm. (Aether dagegen kostet augenblicklich 
pro Kilogramm 3 Mark 40 Pf.I) F. Bruck. 

Journal ofthe American medical association J914, Bd. 63, Nr. 15. 

Allen B. Kanavel, Osteoplastischer Verschloß der Foramina 
trlgeminl. Verfasser hat Versuche unternommen, in Fällen von Trige¬ 
minusneuralgie die Austrittslöcher des Nerven nach teil weiser Entfernung 
desselben mit Knochen zu verschließen, um seine Wiederausbreitung zu 
verhindern. Er gibt mit reichlichen Abbildungen die Geschichte eines 
diesbezüglichen Falles, betont aber, daß es sich nur um einen experi¬ 
mentellen Versuch handelt. Die praktische Ausführung wünscht er wei¬ 
teren Versuchen vorzubehalten. 

John B. Murphy: MyoBitis. Die Arbeit behandelt die nach Ver- 
letznngen des Handgelenks, Ellbogens usw. auftretende sogenannte Volk- 
mannsche Contractur. Verfasser spricht sie als ischämische Myositis¬ 
folge an and bespricht eingehend Entstehung, Prophylaxis und Beseitigung. 
Die Arbeit bringt gute Abbildungen und ist mit mehreren Fällen belegt. 

Donald Guthrie: Die Brustkrebsoperation nach Rodmann. 
Rodmann empfiehlt 1908 eine Operationsmethode für Brustkrebs, die 
nach Meinung des Verfassers die Vorzüge der bekannten Methoden ver¬ 
einigt. Die Arbeit gibt mit guten Abbildungen die Methoden and die 
Erfahrangen des Verfassers. 

L. Walter Vaughan: Krebsvaccine and Antikrebsglobaline 
als Hilfe bei der chirurgischen Behandlung von malignen Erkran¬ 
kungen. Die Arbeit gibt die Erfahrangen an 100 diesbezüglichen Fällen. 

A. H. Foerster: Erythema nodosum in Verbindung mit Tuber, 
knlose. Verfasser gibt zwei Fälle und ist der Ansicht, daß das Zu¬ 
sammentreffen beider Erkrankungen mehr als zufällig ist, wenngleich 
Erythema nodosum als Infektionskrankheit wie andere derartige Krank¬ 
heiten den Boden für Tuberkulose vorbereiten könne. Bei Kindern mit 


familiär vorkommender Tuberkulose müsse indeB Erythema nodosum auf eine 
vom Latenten zum Fortschreiten^übergehende Tuberkulose schließen lassen. 

L. B. Pilsbury: Paralysefillle mit Salvarsanbehandlnmr. Kurze 
Uebersicht über Erfolge und Behandlung mit Fällen. Die Erfolge sind 
keine hesonders guten. 

G. Eugene Riggs und E. H. Hammer: Die Resultate von 100 
SalvarsanInjektionen. Verfasser sieht in der Salvarsauinjektion einen 
bemerkenswerten Fortschritt in der Therapie der syphilitischen Affek¬ 
tionen des Centralnervensystems, betont aber, daß die Anwendung nur 
von in der Technik erfahrenen und geschulten Aerzten Erfolg garantiere 
Die behandelten Patienten zeigten mit Ausnahme eines Falles nach der 
vierten Injektion negativen Wassermann. Die Resultate waren im allge¬ 
meinen bei Tabes besser als bei Paralyse. 

H. H. Drysdale: Juvenile Psychosen. Geisteskrankheiten sind 
im Kindesalter nach dem Verfasser häufiger als dorchnittlich angenommen 
wird. Auch findet man bei Untersuchung erwachsener Geisteskranker 
häufig eine der späteren Krankheit entsprechende Attacke in der Jugend. 
Verfasser meint, da wir mehr und mehr zur Prophylaxis neigen, es köonte 
durch genaue frühzeitige Feststellung und Behandlung jugendlicher Psy¬ 
chosen etwas getan werden, am vorznbengen. Seine Ausführungen sind 
begleitet von der Krankheitsgeschichte eines elfjährigen Jungen. 

The Journal ofthe American Medical Association , Bd. 63, H. 21. 

Rowland Godfrey Froeman, Urinuntersuchungen in der 
Diagnose und Behandlung von Säuglings- und Kinderkrankheiten, 
betont, daß In allen Erkrankuugsfällen eine genaue Untersuchung des 
Urins hinsichtlich Säuregehalts, Darmfäulnis gemacht werden müsse, 
ferner auch eine genaue Zählung der vorhandenen Leukocyten. Wenn 
diese in irgend größerer Menge vorhanden sind, müsse eine Untersuchung 
auf Bakterien und, wenn vorhanden, eine Kulturanlegung folgen. Diese 
Untersuchungen würden nach Ansicht des Verfassers häufig eine gründ¬ 
liche Diagnose und therapeutischen Erfolg sichern. 

Ellis Kellert, Carcinom, Syphilis und Tuberkulose bei dem¬ 
selben Patienten. Fallgeschichte mit Abbildungen. 

Samnel Iglauer, Wert der Röntgenuntersuchung bei Dia¬ 
gnose von Kehlkopf- und Luftröhre» erk ran hangen, betont unter Zu¬ 
hilfenahme von zahlreichen guten Abbildungen den Wert der Röntgen- 
untersuchung und gibt dieser besonders bei Kindern und Nervösen vor 
andern Methoden den Vorzug. 

Frank Smiethies, Magenkrebs bol jungen Menschen. Bemer¬ 
kungen über 16 Fälle von Magenkrebs, dessen Träger unter 31 Jahren waren. 

Alfred Gordon, Unerwünschte Komplikationen nach intra- 
duraler Salvarsanlnjektlon. Verfasser sah bei einem an Tabes dorsalis 
leidenden Kranken eine plötzliche heftige Verschlimmerung nach der 
nach Ravaut verabreichten Salvarsaninjektion, speziell Urinretention im 
Gegensatz zu der vorher bestehenden Incontizenz, starke Schmerzen 
usw. Es trat Erbrechen auf und Patient kam bald darauf zum Exitus. 


Bücherb esprechungen. 

F. Lorentz und F. Kemsies, Hygienische Unterweisung und 
Jugendfürsorge an den Schalen. Osterwieck (Harz) 1913, 
A. W. Zickfeldt. 130 S. M 2,—. 

Die gesammelten Aufsätze, überwiegend von Schulmännern und 
zwar in größerer Zahl von den Herausgebern selbst verfaßt, geben ein 
erfreuliches Bild von der Wirksamkeit des Zusammenarbeiten von Lehrer 
und Arzt in der Schule. Die glänzendsten durch Versuch und Beob¬ 
achtung gewonnenen Entdeckungen der Gesundheitswissenschaft bleiben 
unfruchtbar, wenn sie nicht durch den Unterricht znm dauernden Besitz 
der heran wachsenden Jugend gemacht werden. Es kann Behr strittig 
sein, ob man gut tut, unser Wissen von den Krankheiten und ihrer Be¬ 
handlung in der Schule zu lehren. Aber die Verbreitung feststehen¬ 
der Lehren der Gesundheitswissenschaft und der wichtigsten Sätze der 
Vorbeugung gehört zum Unterrichte der heranwachsenden Jugend. Hier 
haben sich erfahrene Erzieher zusammengetan, die durch eingehendes 
Studium sich reiche Kenntnisse der Hygiene erworben haben und die 
uns Aerzten auf ihrem eignen Gebiete zeigen, wie dieser Unterricht aus¬ 
zugestalten ist. In einer Reihe von Aufsätzen werden die Methoden des 
Anschauungsunterrichts beleuchtet und der Lehrgang für besonders 
wichtige Fragen, wie z. B. die Körperhaltung, die Pflege der Zähne, die 
sexuelle Aufklärung, die Behandlung der Gewerbehygiene in den Fort¬ 
bildungsschulen, die Tuberkulose dargestellt Da es sich hier um eine 
neue Seite der Schulhygiene handelt, in deren Durchführung der erfahrene 
und dem gleichen Ziele nachgehende Lehrer dem Arzt etwas zu geben 
hat, verdient die mit eingehenden Literaturnachweisen versehene Samm¬ 
lung die Aufmerksamkeit der Schulärzte. Im eignen Interesse handeln 
sie anch, wenn sie außerdem für Verbreitung in Lehrerkreisen sorgen. 

A. Gottstein (Charlottenburg). 


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10 Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


51 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“. 


Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde in 
Wien. 

Sitzung der pädiatrischen Sektion vom 10. Dezember 1914. 

L. Unger demonstriert einen Säugling mit kongenitaler 
lchthyosis. Das Kind war bei der Geburt ausgetragen und reif. 
Es zeigt am ganzen Körper eine diffuse Keratose, nur die Gelenk¬ 
beugen sind frei, die ganze Haut ist rot. Die Hautduplikaturen 
sind erhalten, nur die Augenlider sind ektropioniert. Das Kind 
kann saugen und nimmt an Körpergewicht zu, darum ist die Pro¬ 
gnose besser als sonst bei dieser Affektion. Die Mutter war eine 
gesunde Frau, zwei früher geborene Kinder leben, eines ist an 
Lebensschwäche gestorben. Hereditäre Momente sind nicht vor¬ 
handen. Die kleine Fontanelle ist bei dem Kind ungewöhnlich 
groß. Die kongenitale lchthyosis ist eine seltene Krankheit. Die 
Therapie besteht in Bädern mit Soda, Schwefelsalben oder Borax 
und in Einfettung der Haut. Eine vollständige Heilung ist wohl 
kaum zu erwarten. 

R. Neurath bemerkt, daß die Vererbungsregeln der lchthyosis 
nicht immer dieselben sind, wie die immerhin spärliche Literatur zeigt. 
Oft handelt es sich um eine direkte Vererbung von Generation zu Gene¬ 
ration. Anders verhielt es sich in einer von Neurath beobachteten 
Familie. Von den Kindern eines Ehepaares hatten 3 lchthyosis, die 
Schwester der Mutter hatte 2 Kinder, von denen eines die Krankheit 
zeigte. In der weiteren Aszendenz ließ sich anamnestisch kein Fall eruieren. 
Der geschilderte Vererbungstypus entspricht voll dem Men de Ischen 
Gesetze. 

L. Unger weist darauf hin, daß kongenitale lchthyosis auch 
endemisch vorkommt, und zwar nicht nur in exotischen Ländern (auf 
den Molukken); bei manchen albanischen Stämmen wurde die Krankheit 
beobachtet, und zwar nur bei der männlichen Bevölkerung. 

H. Koch zeigt ein Kind mit dem Frühstadium der Tuber¬ 
kulose. Unter Frühstadium der Tuberkulose ist jene Periode ge¬ 
meint, welche zwischen der erfolgten Infektion und dem Auftreten 
der Pirquetschen Reaktion liegt. Diese Periode ist nur durch 
systematische Untersuchung der Tuberkulinfähigkeit eines Indi¬ 
viduums genau zu umgrenzen. Vortr. berichtet über 3 Fälle: 1. Ein 
neugeborenes Kind wird nach dreistündigem Beisammensein mit 
der phthisischen Mutter auf die Klinik gebracht. Bis zur 7. Lebens¬ 
woche normale Entwicklung, dann tritt eine Fieberperiode auf, die 
bis zum Exitus im 3. Monat anh&lt. Die Pirquet sehe Reaktion 
wurde in der 9. Woche positiv gefunden. 2. 3 Wochen altes Kind, 
normale Entwicklung bis zur 7. Woche. Dann Auftreten einer eine 
Woche dauernden Fieberperiode. Die Pirquet sehe Reaktion wird 
in der 8. Woche positiv. 3. Der vorgestellte 4 1 /2jährige Knabe 
wurde wegen multipler Abszesse aufgenommen. Nach 12wöchent¬ 
lichem Fieber traten eine Besserung und normale Temperatur auf. 
8 Wochen später bekam das Kind Fieber und die früher wöchent¬ 
lich untersuchte Pirquetsche Reaktion wurde positiv. Röntgeno- 
logisch konnte das Auftreten eines Schattens am linken Lungen- 
hilus nachgewiesen werden. Es geht daraus hervor, daß das Auf¬ 
treten der Pirquetschen Reaktion ca. 7 Wochen nach der Infektion 
xu erwarten ist. Gleichzeitig bildet eine Temperaturerhöhung die 
Regel; diese wird als Initialfieber der Tuberkulose bezeichnet und 
dauert wenige Tage an. Die Zeit bis zum Auftreten der Kutan- 
reaktion verläuft vollkommen symptomlos. 

Frh. Ql. v. Pirquet bemerkt, daß der Befund des Vortr. sehr 
wichtig ist, weü er die erste genaue klinische Beobachtung einer im 
mittleren Kindesalter erfolgten Infektion darsfcellfc. Die erste Erkrankung 
& so geringfügig, daß sie nur bei häufiger Temperaturmessung und 
wöchentlicher Tuberkulinprobe überhaupt bestimmt werden kann. 

. W. Knöpfeimacherhat bei einem Säugling, weicher in den ersten 
hebenstagen eine negative Pirquetsche Reaktion auf wies, das Auftreten 
« positiven Reaktion im 2. Lebensmonat konstatiert. Es waren die- 

kleinen Fieberbewegungen wie in dem demonstrierten Fall vor- 

. Schick demonstriert ein 4 1 /«jiähriges Kind mit Trommel- 
wMIgelflngern. Das Kind hat im 2. Lebensjahre eine Lungen¬ 
entzündung durchgemacht und kann sich seither nicht erholen, 
«ach der Krankheit bildeten sich Trommelschlägelfinger aus, 
welche im Winter stärker ausgesprochen sind. Im Bereiche des 
^ten Ünterlappens der Lunge ist Dämpfung, im Sputum finden 
? lc " Tuberkelbazillen, im Abdomen ist eine Flüssigkeitsansamm- 

J^weisbar. Die Röntgenuntersuchung ergibt nur Weichteil- 
w&naerungon an den Fingern, außerdem finden sich periostale 
Mugerungen auf den Vorderarmknochen. 


Redigiert von JPriv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien. 

W. Knöpfelmacher und G. Bien: Nabelkoliken und 
Ulcus duodeni. Eine Reihe von Beobachtungen typischer und 
atypischer Fälle von Nabelkoliken im Kindesalter gibt Veran¬ 
lassung zur Besprechung der für die Differentialdiagnose ma߬ 
gebenden Momente. Die sich wiederholenden, plötzlich auftretenden 
Schmerzattacken geben zu Verwechslungen mit ähnlicher Krank¬ 
heitsbildung Veranlassung, welche durch klinische Beispiele belegt 
werden. Die wesentlich in Betracht kommenden Krankheitsbilder 
sind Koliken infolge abnormer Gärung des Darrainhaltes oder 
Obstipation, eventuell auch infolge von Würmern, Bleikolik, akute 
und chronische Appendizitis, Aura bei Epilepsie, Tuberkulose des 
Abdomens (Tuberkulose des Peritoneums oder der Mesenterial¬ 
drüsen), Colitis mucosa, Gallensteinkoliken, kongenitale Anomalien 
anatomischer Natur (Persistenz des Me ekel sehen Divertikels), 
eventuell auch Tumoren oder Volvulus. Die Beobachtung eines 
Falles von Ulcus duodeni bei einem Kind infolge von Laugen¬ 
verätzung, über welche berichtet wird, lehrt, daß auch Ulcus ven- 
trieuli und Ulcus duodeni zur Differentialdiagnose herangezogen 
werden müssen, um so mehr, als die genauesten Kenner dieses 
Krankheitsbildes den Beginn in das Kindesalter zurückdatieren 
möchten. Selbst durch genaue klinische Untersuchung ist eine 
scharfe Abgrenzung der beiden Krankheitsbilder von einander nicht 
immer möglich; die Prüfung der Vortr. bestand in jedem Falle 
außer der genauen Anamnese in der Prüfung des Mageninhaltes, 
im Nachweis von Blut in den Fäzes nach 3tägiger Milchdiät, 
Aufsuchen der typischen Druckpunkte und in der Röntgendurch¬ 
leuchtung des Magendarmtraktes. Sichere IJIkussymptome konnten 
in den Fällen typischer Nabelkoliken (7) ebensowenig beobachtet 
werden wie in der größeren Reihe der Beobachtungen von atypi¬ 
schen, mehr diffusen Magenbeschwerden au 14 Kindern, obwohl in 
einzelnen Fällen Hyperazidität und abnormer Verlauf der Magen¬ 
peristaltik einen gewissen Verdacht auf Ulkus zu rechtfertigen 
scheinen. 

J. Fried] ung gibt seiner Freude Ausdruck, daß seine vor 10 Jahren 
erschienene Arbeit von den Untersuchern bestätigt wird. Das Krankheits¬ 
bild des Ulcus duodeni war ihm damals m»eh völlig unbekannt und kam 
bei der von ihm geforderten Diagnose der „Nnbclkoliken* per exclusionem 
noch nicht in Frage. Es sei sehr erfreulich, daß Vortr. in den beob¬ 
achteten 7 Fällen von Nahelkoliken auch das Duodenalgeschwür aus- 
schließen konnten und daß sie gleich Friedjung den Symptomen- 
komplex als einen neuropathischen auffassen. Er habe diesen Standpunkt 
gegen Küttner verteidigt, der alle Fälle von rezidivierenden Nabel¬ 
koliken als appendixkrank aufgefaßt und operiert sehen will. Daß die 
Schmerzen nach der Laparotomie schwinden, ist kein Beweis für die 
Richtigkeit der Deutung Köttners, man kann denselben Heilerfolg mit 
einer viel harmloseren Suggestivtherapie erreichen und schon sein jahre¬ 
langer Bestand schließt eine anatomische Erkrankung aus. 

Frh. CI. v. Pirquet erwähnt, daß Nobel an der Kinderklinik eine 
größere Anzahl von Kindern mit Ulkushesehwerden genau untersucht 
hat, ohne einen sicheren Anhaltspunkt Dir Ulkus zu finden. 

W. Knöpfelmacher hat hei einem 6jährigen Knaben mit An¬ 
fällen von Koliksehmerzen die allmähliche Entstehung der Symptome 
eines tuberkulösen Darmulkus mit reichlichen Blutungen beobachtet. In 
der Privatpraxis sehen die Kinderärzte weit mehr Fälle von Nabelkoliken 
als bei Kindern irn Spitale. Das stimmt damit überein, daß man in der 
Privatpraxis überhaupt häufiger Neurosen beobachtet als in den Ambu¬ 
latorien. Auffallend ist dabei, daß die Mehrzahl der von ihm beobach¬ 
teten Kiuder Knaben waren, was bei Hysterie nicht die Regel ist. Der 
Spitalsaufenthalt wirkte in jedem Fall heilend. Das muß noch nicht 
gegen Ulcus duodeni sprechen, erst eine langjährige Beobachtung kann 
die Entscheidung bringen. 

J. Friedjung bemerkt, daß unter den 37 Kindern, auf welche 
sich seine Arbeit stützte, in den jüngeren Jahrgängen (3—10 Jahre) 
Knaben und Mädchen gleich stark vertreten waren; unter den älteren 
Kindern (10—14 Jahre) überwogen die Mädchen bedeutend, ein Verhalten, 
das auch sonst der Kinderhysterie eigentümlich ist. H. 


Morphologisch-physiologische Gesellschaft in Wien. 

L. Tirala: Erregung und Tonus bei den Krustazeen. 

Bei den gemeinsam mit Uexküli ausgeführten Untersuchungen 
(an Langusten und Krabben) wurde zunächst die Anatomie des 
Langustenbeins erforscht. Im wesentlichen setzt sich das Hein aus 
gelegentlich verbundenen chitinigen Röhren zusammen, welche 
durch je zwei Muskeln gegeneinander bewegt werden (Beuger und 
Strecker, Vorzieher und Rückzieher). Diese Muskeln werden durch 
ein motorisches Nervensystem beherrscht, welches durch einge- 


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52 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


streute Ganglienzellen und Nervennetze den Charakter eines 
Zentralnervensystems bildet. Der zentrale Charakter dieses rein 
motorischen Systems äußert sich in den komplizierten Beziehungen 
der einzelnen Muskeln zueinander. Der Rückziehermuskel im 
dritten Glied wird vom Zentrum und der Peripherie innerviert. 
Von der Peripherie aus erfolgt als sogenannte rückläufige Erre¬ 
gung immer nur Erregung im Muskel, vom Zentrum hingegen 
wird der Muskel nur bei schwachen Reizen erregt, bei stärkeren 
Reizen wird die Erregung nicht nur abgeblendet, sondern sogar 
der Tonus im Muskel vernichtet. Im Streckermuskel des ersten 
Gliedes gelang es, eine klare Trennung von Tonus und Erregung 
durchzuführen. Wenn der antagonistische Beugemuskel durch¬ 
schnitten ist und der Streckermuskel auf die Reizung seines zu¬ 
gehörigen Nerven sich kontrahiert, so ist man nicht imstande, durch 
gleichzeitige Reizung des antagonistischen Nerven diese Erregung 
abzusaugen. Gerät dagegen der Streckermuskel in Tonus, so ge¬ 
lingt es immer durch Reizung des antagonistischen Nerven den 
Tonus aus dem Muskel heraus zu saugen. Der Tonus des Muskels 
ist eine Erregungsform, welche mit einer analogen Erregung des 
Nervensystems Hand in Hand geht und sich in Verkürzung und 
Sperrung des Muskels äußert, welche die Reizung überdauert. Ein 
bisher vollständig unbekanntes Phänomen wurde an dem einen 
Streckmuskel aufgezeigt, nämlich eine refraktäre Lücke in der Art, 
daß schwache Reizung des zugehörigen Nerven Kontraktion des 
Muskels, mittelstarke Reizung Erschlaffung und starke Reizung 
abermals Kontraktion ergab. Schließlich wurde die doppelte Inner¬ 
vation der Muskelfasern aufgeklärt. Jede Muskelfaser wird von 
zwei Geweihfasern innerviert, die sich färberisch verschieden ver¬ 
halten; die eine (dicke) Geweihfaser wird bei Metbylenblaufärbung 
hell, die andere (dünne) tiefdunkel. Es konnte durch weitere Ver¬ 
suche festgestellt werden, daß die dicke Paserart nur der Er¬ 
regungsleitung, die dünne hingegen dazu dient, um den Tonus aus 
dem Muskel herauszusaugen. Je nachdem nun die eine oder die 
andere Faserart erregt wird, wird der Tonus des Muskels gesteigert 
oder herabgesetzt. Auf diese Weise wurden nun die komplizierten 
Beziehungen der einzelnen Muskelgruppen zu einander in ein neues 
Licht gesetzt. 

R. Stigler: Demonstration des Metakontrastes mit Hilfe 
des Metakontrastapparates. Der Metakontrastapparat des Vortr. 
ermöglicht es, zwei voneinander getrennte, gleich große Halbkreise 
so an die Tafel zu projizieren, daß sie sich ohne jede Trennungs¬ 
linie genau zu einem Kreise ergänzen. Die beiden Halbkreise sind 
aus einer Eisenplatte ausgestanzt und von einander durch eine un¬ 
gefähr 4 mm breite Metallscheidewand getrennt. Zwischen Halb¬ 
kreisen und Projektionslampe rotieren Scheiben mit verstell¬ 
baren Sektoren, welche es gestatten, jeden Halbkreis beliebig 
lange und in beliebigen Momenten zu projizieren. Hinter den 
beiden Halbkreisen ist rechts und links je ein achromatisches ver¬ 
stellbares Prisma angebracht. Mit Hilfe dieser Prismen werden 
die beiden Halbkreise einander so genähert, daß sie sich eben zu 
einem Kreis ergänzen. Der Apparat ermöglicht es, die beiden 
Hälften eines Kreises zu gleichen oder verschiedenen Zeiten ganz 
und unabhängig von einander beliebig lange Zeit zu projizieren 
und so Demonstrationsversuche über die zeitlichen Verhältnisse der 
Lichtempfindungen anzustellen. In das Zentrum des zu projizieren¬ 
den Kreises wird während der Versuche ein roter Punkt mit Hilfe 
einer vom Vortr. angegebenen kleinen Projektionsvorrichtung ge¬ 
worfen, welcher vom Auditorium zu fixieren ist. Wie es Exner 
zuerst eingehend untersucht hat, wird der Anstieg einer Licht¬ 
empfindungskurve durch eine Kurve versinnbildlicht, welche sich 
der Abszissenachse bis zum Höhepunkt der Empfindung mehr und 
mehr nähert und dann im umgekehrten Verhältnis zum Nullpunkt 
absinkt. Vortr. nennt denjenigen Teil einer Lichtempfindung, welche 
besteht, so lange der objektive Lichtreiz währt, d. h. so lange das 
Bild auf der Netzhaut liegt, homophotisehes Bild, denjenigen 
Teil der Licbtempfindung, welcher den objektiven Lichtreiz über¬ 
dauert, metaphotisches Bild. Der Metakontrastapparat eignet 
sich zur Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen dem 
homophotischen und metaphorischen Bild zu dem benachbarten 
Teil des Gesichtsfeldes, sei die Nachbarschaft erregt oder unerregt. 
Die Wechselbeziehungen zwischen einem metaphorischen Bild und 
seiner belichteten oder nicht belichteten Nachbarschaft bezeichnet 
Vortr. als metaphotischen Kontrast oder Metakontrast. 
Dieser wird in folgender Weise demonstriert: Der linke Halb¬ 
kreis (I) wird während einer untermaximalen Zeit (abhängig von 
der Intensität des Lichtes) z. B. 0,01 Sekunde projiziert. Unmittelbar 
nach seiner Verdunklung erscheint der rechte Halbkreis (II) und 
wird während einer gleichen Zeit projiziert. Von vornherein würde 


man vielleicht erwarten, daß die beiden Halbkreise hintereinander 
als zwei gleich helle Halbkreise erschienen. Statt dessen zeigt 
sich mit außerordentlicher Deutlichkeit folgendes Phänomen: Von 
dem zuerst exponierten Halbkreis (I) erscheint nur ein äußerer 
sichelförmiger Saum in der ihm zukommenden Helligkeit, die Mitte 
aber ist dunkel. — Der darauf folgende Halbkreis (II) erscheint 
homogen, nahezu gleichmäßig hell, jedoch nicht so hell, wie er 
erschiene, wenn er ohne Halbkreis I für sieb allein während der 
gleichen Zeit projiziert würde. Schaltet man zwischen I und II 
eine zeitliche Pause ein, projiziert man z. B. den Halbkreis II 
0,1 Sekunden nach dem Halbkreis I, so erscheint der Halbkreis I 
für einen Augenblick homogen hell, verdunkelt sich aber plötzlich 
von der Mitte her gegen die Peripherie, so daß am deutlichsten 
wiederum eine helle Sichel an der Peripherie auftritt. Mit Hilfe 
des Metakontrastapparates läßt sich die Pause ermitteln, welche 
zwischen dem Auftauchen der beiden Halbkreise bestehen muß, 
damit Feld I in allen Teilen gleich hell erscheine. Diese Zeit ent¬ 
spricht der Maxi malz eit. Das Phänomen erklärt sich in folgen¬ 
der Weise: Nehmen wir an, der zuerst projizierte Halbkreis I 
bildet sich während 0,01 Sekunden auf der Netzhaut ab. Die Er¬ 
regung wandert durch die verschiedenen GaDglienschichten der 
Netzhaut und erleidet in jeder derselben eine Verzögerung der 
Fortleitung zum Gehirn (analog den bereits längst bekannten Tat¬ 
sachen bezüglich der Ganglienzellen im Rückenmark und der 
Reflexzeit). Es bedarf, wie ohneweiters vorauszusetzen ist, einer 
meßbaren Zeit, ehe die einzelnen Reizzuwüchse ihren Weg bis zur 
zentralen Sehsphäre nehmen und bis es demnach in der letzteren 
zu jener Summation der Reize kommt, welche uns die der Reiz¬ 
stärke und Licht intensität entsprechende maximale Empfindung 
liefert. Die hierzu gehörigen Reizanteile treffen in der zentralen 
Sehsphäre ein, nachdem das Netzhautbild bereits verschwunden ist, 
und schon aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß die Hellig¬ 
keit des metaphotischen Bildes ansteigen muß, wenn 
der Lichtreiz bloß eine untermaximale Zeit währte. Dies 
läßt sich mit dem oben geschilderten Versuch am Metakontrast¬ 
apparat ohneweiters dartun, indem eben zur Erzeugung einer 
maximalen Helligkeit des erst belichteten Halbkreises eine Pause 
zwischen dem Auftreten von I und II eingeschaltet werden muß. 
Wenn unmittelbar nach dem Verschwinden des Netzhautbildes I 
dessen Nachbarschaft belichtet wird (Halbkreis II), wird das meta¬ 
phorische Bild von I durch die Belichtung der Nachbarschaft — 
also durch Metakontrast ausgelöst. Darum erscheint von dem 
Bild I nur dessen Peripherie sichelförmig erhellt. Die Helligkeit 
dieser Sichel ist wiederum bestimmt durch den Kontrast mit der 
dunklen äußeren Nachbarschaft, d. h. mit dem dunklen Hinter¬ 
grund. Feld II erscheint auch nicht so bell, als es für sich allein 
exponiert erschiene. Es wirkt also das metaphorische Bild von I 
auch hemmend auf die Erregbarkeit seiner Nachbarschaft und ver¬ 
mindert dadurch die Helligkeit des Feldes II. Mit Hilfe des Meta¬ 
kontrast Versuches läßt sich feststellen, daß das metaphorische Büd 
an Helligkeit oft während einer die Dauer des Netzhautbildes um 
das Vielfache übersteigenden Zeit ansteigen kann. Ein Fall aus 
dem praktischen Leben mag dies ohneweiters dartun: Wenn es 
blitzt, so sieht man die von Blitz beleuchtete Gegend erst lange 
nach dem Verschwinden des Blitzes, also erst lange nach dem Er¬ 
löschen des Netzhautbildes. Die Einschaltung eines räumlichen 
Intervalles (eines schwarzen Trennungsstreifens) zwischen I und II 
verhindert das Auftreten des Metakontrastes erst dann, wenn die 
Breite des Zwischenraumes eine gewisse Größe, die St. räumliche 
Kontrastbreite nennt, übersteigt. Auch dies läßt sich mit dem 
Metakontrastapparat ohneweiters demonstrieren. Wenn der Halb¬ 
kreis I dem linken, der Halbkreis II dem rechten Auge so dar¬ 
geboten wird, daß sich beide Halbkreise im binokularen Gesichts¬ 
feld zu einem Kreis ergänzen, so erscheint das Metakontrast¬ 
phänomen nicht. Daraus geht hervor, daß der Ort des Metakon¬ 
trastes nicht im binokularen zentralen Anteil des Sehapparates, 
sondern peripher davon liegt, wahrscheinlich in den Ganglien¬ 
schichten der Netzhaut. 


Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aernte in B5hmen« 

Sitzung vom 4. Dezember 1914. 

A. Pick stellt einen Fall von Erweichung im Irrigations¬ 
gebiet der linksseitigen Arteria fossae Sylvii vor, mit rechts¬ 
seitiger Hemiplegie, mit Totalaphasie und jetzt schon riiekgegan- 
gener rechtsseitiger Hemianopsie. Bei diesem Fall fehlten von 
Anbeginn beiderseits die Patellar- und Achillessehnenreflexe. D ft 


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10. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


eia schwerer apoplektischer Insult mit Koma fehlt und eine Tabes 
serologisch und zytologisch auszuschließen war, muß diese Er¬ 
scheinung als Folge einer alkoholischen Neuritis — Pat. ist nach¬ 
gewiesenermaßen Potator strenuus — aufgefaßt werden. Nun stellte 
sich nach etwa 3 Wochen auf der gelähmten Seite der Patellar¬ 
und Achillessehnenreflex wieder ein, was P. dahin deutet, daß die 
durch Anstaltsaufentbalt bedingte Abstinenz einen Rückgang der 
Neuritis soweit zur Folge hatte, daß die durch die Gehirnläsion 
gesetzte Reizsteigerung auf der betroffenen Seite bereits zur Aus¬ 
lösung der Reflexe genügt, während diese auf der anderen Seite 
noch fehlen. Diese Beobachtung der Wiederkehr der Reflexe, die 
bei Tabes mit Hemiplegie bekannt ist, stellt sich in diesem Mecha¬ 
nismus als ungewöhnlich dar, zumal ein ähnlicher, von Marinesco 
beschriebener Fall die Feststellung nicht enthält, ob auf der die 
Reflexe zeigenden gelähmten Seite diese vorher fehlten. 

A. Elschnig stellt ein lljähriges Mädchen mit operativ ge¬ 
heiltem orbitogenem Hirnabszeß vor. (Nach Karies des oberen 
Orbitalrandes.) E. hatte in der von ihm angegebenen Art nach 
Resektion des vorderen Endes des Orbitaldaches den Stirnhirn¬ 
abszeß eröffnet, die Heilung war durch Nachschübe von Lungen¬ 
tuberkulose verzögert: der überfaustgroße Hirnprolaps hat sich in 
den letzten Wochen (Operation am 6. Juni 1914) fast vollkommen 
zurückgebildet. Es ist der vorgestellte Fall der vierte, von E. be¬ 
obachtete, der zweite durch Operation geheilte Fall von orbito¬ 
genem Hirnabszeß. 

Frau Dr. Oesterreicher (deutsche Augenklinik) berichtet 
über Verwendung von Rhodalzid in der Augenheilkunde und 
findet, daß die ekzematösen Augenerkrankungen sehr gut unter 
dieser Therapie abheilen, doch wären bezüglich näherer Auf¬ 
schlüsse über den Wert der Rhodalzidtherapie bei ekzematösen 
Augenerkrankungen Beobachtungen an einem Material anzustellen, 
das unter denselben Lebensbedingungen bleibt, also an einem 
ambulatorischen Material, weil, wenn die Kinder unter gute Er- 
nähmngS' und Wohnnngsverhältnisse kommen, dies allein ein 
mächtiger Heilfaktor ist, der mit in Betracht gezogen werden muß. 

J. Löwj: Blutveränderungen unter dem Einflüsse von 
Krimpten. Die vom Vortr. refraktomefcrisch und durch Bestimmung 
des Serum Wassergehaltes festgestellten Veränderungen des Blutes 
im epileptischen Anfall, bestehend in Wasseraustritt aus der 
Blutbahn, Zunahme der Serumkonzentration und des Trocken¬ 
gehaltes des Serums sowie einer deutlichen Leukozytose sind dem 
epileptischen Anfall nicht subordiniert, sondern koordiniert. R. 


Berliner kriegsärztliche Abende. 

Sitzungen vom 8. und 15. Dezember 1914. 

Al. Edel stellt acht herzkranke Soldaten vor. Bei sieben 
hegt eine Insuffizienz der Mitralis, zum Teil vergesellschaftet mit 
Stenose, vor, der achte hat ein Kropfherz. Die Fälle zeigen an 
»ich in ihren Symptomen nichts besonderes. Aber es ist doch inter¬ 
essant, eine solche Zahl von Klappenfehlern nebeneinander zu 
sehen. Keiner gleicht dem anderen: Geräusche, Pulsation der Herz¬ 
gegend sind verschieden, es sind graduelle Unterschiede in den 
nnktionsstöruDgen des Klappenapparats. Sie kennen die Aetiologie 
er Herzklappenfehler. Zumeist sind es Infektionskrankheiten, in 
erster Linie Gelenkrheumatismus, die den Staphylococcus ins Blut 
senden und dessen Ansiedlung und verderbliche Arbeit an den 
appen, vorwiegend der Mitralis, bewirken. Sodann Chorea, An- 
i k ' ^,ephrritis, seltener Typhus und Diphtherie, ln späterem 
e ensalter kommen hinzu Verkalkung und Lues, beide zumeist 
n J? u ar J en ^ a PP® °der in der Aorta. Wenn man nun die Vor- 
fmm 1 • Krankheit der Herzkranken durchforscht, so bleiben 
er eiae Reihe von Fällen übrig, in (denen man von den ge- 
frwm a ^ rsac ^ en keine findet; die Pat. geben an, daß sie stets 
LA ^ ewese ? un( * daß sie nach tagelangen anstrengenden 
Hm. V °? km plötzlich Herzklopfen, Stiche in der 

i »frihi*°Viw* 0 ° erel1 B a uchgegend oder zwischen den Schulterblättern 
L .,, ™ Uü( l e iaes Tags während des Marsches oder Stürmens 
tot dflih n* S0len ’- muß diesen Soldaten, die alle mehrfach 
denken rjf’Jfkintritt untersucht waren, an eine andere Ursache 
llilitawr ♦ i? e ’ sow ®ft ^ Gelegenheit hatte, viele eben vom 
Entern j ii? 886 ® 6 zu untersuchen, auch an eine mechanische 
daß Ha- D u k K1 W eriieh ler an der Mitralis gedacht. Wir wissen, 
Klan mm. i ■ ei ? er sc hweren Last, daß ein starker Stoß ein 
Sdftinnan^ entreißen oder abreißen kann, wir wissen, daß bei 
ganz kleine, stecknadelkopfgroße Verdünnungen, Aneu¬ 


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rysmen auf den Klappendeckel gefunden werden; und so können 
wir auch annehmen, daß eine lang fortgesetzte Ueberanstrengung 
des Herzens, eine Ueberdehnung des Herzmuskels und der ver¬ 
stärkte Blutstrom kleine Verletzungen des Klappensegels hervor- 
rufen kann. Der Heeresdienst stellt schon in Friedenszeiten so 
große Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Herzens, daß 
mancher Herzmuskel vorübergehend oder für längere Zeit versagt. 
Ich habe Gelegenheit gehabt, eine große Reihe von eben vom 
Militärdienst entlassenen Männern für einen Berliner Betrieb zu 
untersuchen. Das Resultat ist in der Nr. bl des Jahrgangs 1903 
der „Berliner klin. Wochenschr.“ veröffentlicht. Von 425 Leuten 
sind 23 mit Klappenfehlern behaftet gewesen und 11 hatten eine 
unregelmäßige oder beschleunigte Herzaktion. Also SVaVo der 
Untersuchten hatten einen ausgesprochenen Klappenfehler. Wenn 
der Dienst im Frieden solche Anforderungen stellt, daß mancher 
Herzmuskel versagt, so sind die Verhältnisse,im Kriege noch 
ganz andere. Die Anstrengungen sind noch erheblich größer. Dazu 
kommen die unregelmäßige, manchmal mangelhafte Ernährung und 
die psychische Erregung — drei Momente, die geeignet sind, die 
Herztätigkeit zu beschleunigen und die Widerstandskraft des 
Herzmuskels und der Klappe herabzusetzen. Die Ueberlegung, daß 
es rein mechanische Ursachen sein können, welche einen Klappen¬ 
fehler verursachen, hat sich bei mir befestigt aus der Beobachtung 
von Kranken, die nach starkem Sportbetrieb einen Klappenfehler 
bekamen, vorher nie krank gewesen waren, auch während ihrer 
jetzigen Erkrankung nie Schmerzen in den Gelenken hatten und 
bei ruhiger Lebensweise nach längerer Zeit das Geräusch verloren, 
aber wieder an Herzbeschwerden erkrankten, wenn sie sich nach 
Jahren größeren Anstrengungen unterzogen. Einen solchen Fall 
kann ich Ihnen heute zeigen. (Krankengeschichte.) Wenn wir dieses 
mechanische Moment als einen wichtigen Faktor bei der Ent¬ 
stehung von Herzklappenfehiern in Rechnung stellen, dann ergeben 
sich einige Gesichtspunkte für die Prüfung der Herzmuskelkraft 
und für die Vorbeugung solcher Verluste im Kriege. — Wie er¬ 
kennt man bei einem zu Untersuchenden die Leistungsfähig¬ 
keit des Herzmuskels? Wenn man den Pat., der außer Bett ist, 
fünf bis zehn Kniebeugen machen läßt, wächst die Herzaktionszahl 
bedeutend an, wobei ein in der Ruhe nicht hörbares Geräusch zum 
Vorscheine kommt. Geht die beschleunigte Herzaktion nach kurzer 
Zeit, 1 —3 Minuten, auf die frühere Zahl in der Ruhe zurück, so 
ist der Herzmuskel noch für leistungsfähig zu halten und die 
Prognose ist günstig. Hierbei ist zu beachten, daß die vermehrte 
Herzaktion der Nervösen nicht so schnell zurückgeht, außer, wenn 
der Pat. auf der Höhe einer tiefen Inspiration den Atem anhält. 
Diese Prüfung der Herzmuskelkraft kann man in erhöhtem Maße 
bei der Aushebung von Mannschaften anwenden. In der Schweiz 
läßt man die jungen Leute eine bestimmte Strecke laufen und 
untersucht hierauf ihr Herz. Man muß aber dann die Zeit be¬ 
stimmen, wann der Puls wieder die normale Schlagzahl zeigt 
Diese Prüfungsmethode, an einem großen Rekrutenmaterial durch¬ 
geführt, wird nach einiger Zeit eine gesicherte Handhabe für die 
Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Herzens ergeben. Für die 
Vorbeugung der Verluste bei Eingezogenen ergibt sich dabei: Bis 
zum 45. Lebensjahr müssen sich die gedienten Mannschaften jahraus 
jahrein gewissen vorgeschriebenen Uebungen unterziehen, und da 
man die Leute nicht jedes Jahr einziehen kann, wird es richtig 
sein,.sie wie die Jugendlichen in Vereinen zu erfassen, welche die 
Aufgabe haben, durch Märsche uud Uebungen im Gelände ihre Mit¬ 
glieder elastisch und widerstandsfähig zu erhalten. Hier eröffnet 
sich für die Kriegervereine ein weites, fruchtbares Feld ihrer 
Tätigkeit. 

H. Strauss bespricht das Ergebnis der bakteriologischen 
und serologischen Untersuchung bei sechs dysenterischen bzw 
bei dysenterieverdäebtigen Fällen. Nur einmal fanden sich im 
Stuhl Bazillen (Flexner). Das Serum agglutinierte viermal auf 
Kruse, Flexner und Y, einmal nur auf Y, einmal auf Para 
typhus. Negativer Fäzesbefund läßt also Dysenterie nicht aus¬ 
schließen, und es verdient die klinische Diagnostik für die Frage 
der Isolierung der Pat. den Vorzug vor der bakteriologischen Ob 
Fälle mit negativem Fäzesbefund, aber mit positiver Agglutina¬ 
tionsprobe meldepflichtig sind, untersteht der Diskussion. Gründ¬ 
liche Behandlung in der Rekonvaleszenz vor Uebertritt in den 
Felddienst ist wegen der Möglichkeit eines Rezidivs durch grobe 
Nahrung notwendig. 

Ewald: Ein bemerkenswerter Fall von Typhus. Bisher 
haben wir im Heere keine größeren Epidemien gehabt, unsere 
Seuchenhäuser stehen leer. Der vorgetragene Fall ist bemerkens- 


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UNIVERSUM OF IOWA 


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1915 - MEDIZINISCHE KLTNIK — Nr. 2. 


10. Jaimar. 


wert, weil es sich offenbar um einen leicht verlaufenden Typhus 
bei einem Verwundeten handelte, bei dem am Tage der wegen einer 
Knochennekrose nötig gewordenen Operation das Fieber plötzlich 
enorm anstieg und alle Zeichen des Typhus abdominalis sehr 
deutlich auftraten. Die Obduktion des am 0. Tage nach der Ope¬ 
ration gestorbenen Kranken ergab pathologisch-anatomisch das 
Bild des echten Typhus und bakteriologisch die besondere Lokali¬ 
sation der Typhusbazillen im Schußkanal. Man muß hier also 
annehmen, daß die Bazillen durch die Operation mobil gemacht 
wurden und so die Steigerung des Prozesses verursachten. 

Trendelenburg: lieber Nosokomialgangrän. Der Ho¬ 
spitalbrand gehört der Geschichte an und wird in diesem Krieg 
kaum zur Beobachtung kommen. Aber noch 1870 sah man viele 
Fälle und in der vorantiseptischen Zeit trat er in allen großen 
Kriegen auf von den Zeiten des Hippokrates an und kam beson¬ 
ders in den großen Hospitälern vor, so im Hötel de Dieu in Paris 
und in der Berliner Charite. Man unterschied die ulzeröse, gut¬ 
artigere und die pulpöse schwere Form. Bei der ulzerösen Form 
bildete sich mitten in den Granulationen ein schmerzhaftes Ge¬ 
schwür, das eine dünne Flüssigkeit absonderte und bei energischem 
Eingreifen beseitigt werden konnte. Die pulpöse Form zeigte eine 
purpurne Rötung, die bald in livide Färbung überging. Fibrinöse 
Exsudate bildeten sich, die zur Verwechslung mit Diphtherie Ver¬ 
anlassung gaben. Es stießen sich Pilze von üblem Geruch aus der 
Wunde ab und es kam durch Thrombosierung der Gefäße zu er¬ 
heblichen Blähungen. Schließlich trat Fäulnis und rapide Gangrän 
in der Umgebung der Wunde auf, in der Tiefe der Wunde wurden 
breiige Massen abgeschieden, die Nervenstämme freigelegt, Lymph¬ 
gefäßentzündungen verursacht, bis unter septischen Erscheinungen 
der Tod eintrat. Oder es verbanden sich mit dem Prozeß Pyämie 
und Erysipel. Uebrigens hat man diese bösartige Wunderkrankung 
nicht nur bei größeren Wunden gesehen, sondern nicht selten bei 
Insektenstichen und einfachen Kratz wunden. Die Behandlung be¬ 
steht in der Hauptsache in der gründlichen Zerstörung der nekroti¬ 
schen Wunden mittelst des Glüheisens, dem alten Ferrum candens, 
das dem Paquelin vorzuziehen ist. Man sollte dieses vorzügliche 
Instrument, das nicht so leicht in dem Gewebe erkaltet, auch bei 
der Behandlung von Karbunkeln mehr anwenden. Die chemischen 
Aetzpasten sind weniger zweckmäßig. Nur mit der Chlorzinkpaste 
kann man gute Wirkungen erzielen. Vortr. zeigt schöne Dia¬ 
positive von phagedänischem Schanker und Noma, die mit der 
Nosokomialgangrän große Aehnlichkeit haben, vielleicht mit ihr 
bakteriologisch identisch sind. 

Brugsch: Ueber Endokarditis und Polynenritis bei 
Kriegsteilnehmern. Vortr. beobachtete auf der inneren Abteilung 
der Charite unter 100 Kranken 12 Fälle mit dem einheitlichen 
Krankheitsbild der Polyneuritis. Wenn auch einige Fälle mit einem 
Ikterus oder einer Dysenterie (Bakterium Y) begannen, so muß 
doch eine rheumatische Ursache bei diesen Kranken angenommen 
werden. Allerdings spielt die Erschöpfung des Nervensystems eine 
große Rolle dabei. Die Neuralgien betrafen besonders die Inter¬ 
kostalnerven, den Radialis, Ulnaris und Ischiadikus. Sowohl die 
sensiblen wie die motorischen Gebiete waren betroffen, die cutane 
Empfindung gestört, der Muskeltonus, die Reflexe herabgesetzt, 
Parästhesien vorhanden und besonders die Gegend der Gelenke 
beteiligt. Aber das wesentlichste ist das gleichzeitige Ergriffensein 
des Herzens. Die vorhandene Endokarditis hat das Bild der rheu¬ 
matischen Polyneuritis vervollständigt. Die Behandlung, die sonst 
stets mit der völligen Herausnahme der Tonsillen als Strepto¬ 
kokkenträger zu beginnen hat, bestand hier in der Darreichung 
von Salizylsäure, anfangs in großen Dosen, 5—6 g täglich, später 
auf 2—3 g herabgehend. Daneben Hitze, Kataplasma, zur Nach¬ 
behandlung als geradezu spezifisch wirksam Arsen in Form der 
Einspritzungen des Natr. kakodyl. (0,05 g pro die). L. F. 


Kriegschirurgischer Abend in Lille (Frankreich). 

Sitzung vom 25. November 1914. 

Lnngenverletznngen. 

Kraske (Freiburg), Referent: Im allgemeinen sind Statistiken 
Überschußverletzungen mit großer Vorsicht aufzunehmen; die der 
Lungenschüsse ist weniger skeptisch zu betrachten. Bei den pene¬ 
trierenden Brustverletzungen sieht Vortr. ab von Verletzungen 
des Herzens und der Gefäße. Schußverletzungen der Brust kommen 
zustande: 1. durch Projektile der Handfeuerwaffen, 2. durch 
Schrapnells, 3. durch Sprengstücke von Granaten. K. verfügt 
über ein Material von 320 penetrierenden Brustverletzungen, davon 


waren 267 durch Infanteriegeschosse, 30 durch Schrapnells, 28 durch 
Granatsplitter hervorgerufen. Die Prognose und der Verlauf richten 
sich nach der Art der Verletzung und der Art der Geschosse. 
Nicht selten sind die Verletzungen der Lunge mit andern kompli¬ 
ziert. So sah K. dreimal gleichzeitig Leberverletzung, dreimal Nieren¬ 
verletzung und sehr häufig Schußfrakturen der Arme. Das traurige 
Bild gleichzeitiger Rückenmarksverletzung sah er sechsmal. Die Dia¬ 
gnose der Lungenverletzungen ist leicht zu stellen. Ihre Symptome 
sind: Hämoptoe, Bluterguß in denThorax(Hämothorax) sowie Pneumo¬ 
thorax. Die Prognose richtet sich, abgesehen von den Kompli¬ 
kationen und Nebenverletzungen, nach der Größe des Ein- und 
Ausschusses; von ihr hängt die Infektionsgefahr ab. An sekundären 
Infektionen starben denn auch viele Pat. Die Behandlung soll 
konservativ sein bis zum äußersten. Die Oeffnungen sind am besten 
durch kleinen Verband zu schließen. Später werden operative Ein¬ 
griffe erforderlich durch Empyembildung (Inzisionen, Rippenresek¬ 
tion, Erweiterung der Ein- und Ausschußöffnung). Von 320 pene¬ 
trierenden Lungen Verletzungen starben 33 = 10,2%. Von 277 Ge¬ 
wehrschußverletzungen kamen 21 zum Exitus = 7,9%. Von 
30 Schrapnellverletzungen starben 7 = 23%, von 23 Granatsplitter¬ 
verletzungen 5 = 21%. Die meisten Todesfälle sind auf sekundäre 
Entzündungen und Eiterungen zurückzuführen. Es waren 115 Fälle 
glatter Heilung zu verzeichnen, das heißt, bei denen Ein- und 
Ausschuß unter dem Schorfe heilten und bei denen Bluterguß und 
die Hämoptoe allmählich zurückgingen. Heilung vollzog sich öfter 
unter Temperaturen von über 39°. Zusammenfassung: Konservative 
Behandlung bis zum äußersten. Operationen nur bei Entzündungen 
und Eiterungen. Von größter Bedeutung ist absolute Ruhe. Keine 
Transporte! 

Gerhardt (Wiirzburg), Korreferent, hat im Anfänge viele 
Fälle glatter Heilung beobachtet, wohingegen in letzter Zeit mehr 
Komplikationen sich zeigten. Auffallend selten kam es zu ausge¬ 
dehnten Lungenerscheinungen, zu sekundären Veränderungen und 
Nachkrankheiten von seiten der Pleura. Der Bluterguß wird teils 
resorbiert, teils vereitert er. Diagnostische Schwierigkeit machte 
mehrfach die Frage, ob ein Pneumothorax vorhanden ist. Dieser 
ist auskultatorisch und perkutorisch oft schwer nachzuweisen. Die 
klinischen Erscheinungen sind ja geläufig, sie sind aber nicht 
schematisierend verwertbar. Es kann ein Pneumothorax vorhanden 
sein ohne klassische Symptome. Die Behandlung beschränkt sich 
späterhin auf die Nachkrankheiten: Pleuraexsudat, Vereiterung 
derselben, allgemeine Sepsis. Wo der weitere Verlauf unklar bleibt, 
ist die Punktion zeitig vorzunehmen. Wo Eiter ist, soll operiert 
werden. Empyeme haben trotzdem eine schlechte Prognose. Der 
Grund hierfür liegt einmal in der Lungenverletzung an und für 
sich, dann aber auch in sekundären Bronchitiden. In diesen Fallen 
ist mit der Operation abzuwarten und erst einmal eine Entleerungs¬ 
punktion zu machen, bis die betreffenden Pat. sich erholt haben. 
Bei großen, eitrigen Exsudaten besteht die Gefahr des Kollapses 
während der Operation. In solchen Fällen ist erst nach mehrmaliger 
Punktion eine Rippenresektion vorzunehmen. Seröse Exsudationen 
kommen selten vor; bei ihnen ist das Fieber gering, aber die 
Atemstörungen'sind bedeutend. Pleuritiden im Anschluß an Pneumo¬ 
thorax sind wie sonst zu behandeln, vor allem zu punktieren. 
Besonders wichtig ist die Beseitigung starker Verdrängungs¬ 
erscheinungen durch die Punktion. Man soll nicht zu wenig ent¬ 
leeren. Oft ist es allerdings auffallend, wie schon bei Entleerung 
von 60—80 ccm eine Erleichterung eintritt und sogar die Re¬ 
sorption des Testierenden hämorrhagisch-serösen Exsudats dadurch 
befördert wird. 

Martens (Berlin): Man soll nicht lange mit der Punktion warten 
Von vorsichtigen Probepirnktionen hat Redner nie Ungünstiges gesehen. 
Besonders hat er niemals dadurch bedingte Infektionen beobachtet. Er 
erwähnt einen Fall von doppelseitigem Empyem, das durch Operation 
geheilt wurde. 

Perthes (Tübingen): Die Behandlung der Empyeme soll auch 
nach seiner Meinung konservativ sein. Bei ausgedehntem Hautemphysem 
empfiehlt er die Punktion, um dadurch die Dämpfung eines Hämothorax 
deutlicher werden zu lassen. Es ist zu betonen, daß Hämoptoe manchmal 
vermißt wird oder sich erst einige Tage später einstellt. Größere Oeff¬ 
nungen in der Pleura sind zu schließen durch einfachen Verband oder 
durch Naht. Die Naht schließt am besten ein Drain luftdicht ein, über 
das Mosetig-Batist als Luftventilklappe angebracht wird. Als Kuriosum 
erwähnt Redner einen Fall, bei dem der Pat. das Geschoß, welches 
offenbar in den Hauptbronchus eingedrungen war, aushustete. 

Enderlen (Wiirzburg) empfiehlt bei weit offenem Pneumothorax 
unbedingt die Naht und hat gute Erfolge davon gesehen. Im Gegensa z 
zu Gerhardt empfiehlt er die Rippenresektion frühzeitig an Stelle der 
Punktion. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



10. Januar. 


1915 - 51KDIZINISCM K KLINIK — Nr. 2. 


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Sauerbruch (Zürich): Indikation zu operativem Vorgehen bei 
LuD^'iiverletzungen geben Spannungspneumothorax und schwere Blutungen. 
Auf eine chirurgische Behandlung der schweren Blutungen, wie wir sie 
im Frieden mit gutem Erfolg ausführen, muß im Felde verzichtet werden. 
Auch die Behandlung des Spannungspneumothorax kann unter den 
schwierigen Verhältnissen in einem Feldlazarett nur einfach sein. Am 
besten ist die Punktion, die man nötigenfalls wiederholt. Auf diese Weise 
kann man wenigstens eine Erleichterung für die Kranken schaffen. Der 
Schluß breiter Brustwandwunden mit Eröffnung der Pleura ist auch nach 
meiner Meinung von Vorteil. Der offene Pneumothorax wird in einen ge¬ 
schlossenen verwandelt. Die Atmungsbedingungen werden günstiger und 
die Infektiosität der Pleura wird geringer. Granatverletzungen mit breiter 
Eröffnung der Pleura führen nach seinen Beobachtungen alle zum Tode. 
In einem einzigen Fall hat er durch radikales Vorgehen Heilung 
erzielt. Durch einen Granatsplitter war die ganze rechte Brustwand ein¬ 
schließlich der Rippen aufgerissen. Schweres klinisches Bild: Hochgradige 
Dyspnoe, Zyanose, kleiner Puls. Vier Stunden nach der Verletzung wurde 
in .Varkose die ganze Wunde exzidiert. die Rippen reseziert und in den 
Defekt die Lunge eingenftht. Glatter Verlauf wie nach einer aseptischen 
Bmstwandplnstik. S. schneidet dann noch die Frage des Zusammenhangs 
von Lungenverletzung und des Auftretens einer akuten Tuberkulose an. 

Schittenhelm (Königsberg) glaubt, daß eine Tuberkulose im 
Anschluß an Verletzungen der Lunge nicht selten ist. Zur Frage der 
Punktion des Empyems rät er zu aktiverem Vorgehen. Man sei noch zu 
vorsichtig: nie habe man geschadet, immer genützt. Es sind ausgiebige 
Punktionen anzuraten, nicht nur Probepunktionen; 60—80 ccm erleichtern 
dem Pat. wesentlich die Resorption. 

Krönig (Freiburg) berichtet über 24 Fälle penetrierender 
Lnngenschüsse: von ihnen kamen 7 zum Exitus und 12 waren mit 
Komplikationen verknüpft. Die Komplikationen setzten meist mit dem 
14 .- 20 . Tag ein. Todesursache war Lungengangrän, wie die Sektion 
zeigte. Zum großen Nutzen der Pat. sollte man mit Punktionen aktiver 
Vorgehen. Sehr pessimistisch steht Redner der Rippenresektion bei Em¬ 
pyem gegenüber. Nach seiner Meinung wird der Zustand des Kranken 
häufig nach der Rippenresektion schlechter. 

Boy (Bambetg) hat nicht so günstige Resultate wie Kraske zu 
verzeichnen. 60° 0 Heilungen, 25°/«Todesfälle. Schrapnellverletzungen 25° / 0 . 
Granat Verletzungen 85°/ 0 . Nach Punktion des Hämopneumothor&x hat der 
Redner gute Erfolge gesehen. 

Menzer (Bochum) ist für unbedingte Operation der Empyeme, 
hauptsächlich um die Toxinwirkung zu beseitigen. 

Sauerbruch (Zürich) weist darauf hin, daß ein großer Unter¬ 
schied zwischen den verschiedenen Formen des Empyems besteht. Er 
rät dringend, jauchige Empyeme, wie sie z. B. nach Granatverletzungen 
innerhalb der ersten 8 Tage auftreten oder wie sie bei Lungengangrän 
m häufig angetroffen werden, so früh und breit wie möglich zu eröffnen. 
>p itempyeme, die sich aus einem Blutergusse heraus entwickelten, haben 
eine bessere Prognose und können sehr wohl durch Punktion zur Heilung 
gebracht werden. 


Perthes (Tübingen) spricht gleichfalls für die Frühoperation des 
Empyems, schon um die Wiederausdehnung der Lunge zu beschleunigen. 

Reh <Obergeneralarzt) weist auf die Wichtigkeit der Ruhe für 
die Lungen verletzten hin. Man soll alles Aufrichten, Aufsetzen und All¬ 
ongen vermeiden. Speziell die Defäkation hält er für bedenklich. Aus 
diesem Grund empfiehlt er eine Trage, welche die Defäkation im Liegen 
ermöglicht und außerdem auch gleichzeitig einen schonenden Transport 
erlaubt. B. 


24. Kongreß der Italienischen Gesellschaft für innere 
Medisin. 

Genua, 11.—14. Oktober 1914. 

hl 

Breccia: Künstlicher Pneumothorax. Auf Grund von 
Experimentell weist er auf die Möglichkeit hin, den tuberkulösen 
Prozeß in der Lunge zur Heilung zu bringen, wenn sie einem 
kompletten Kollaps unterworfen wird; mögliche Besserungen 
können auch eintreten, wenn die Kollapstherapie nicht in ihrer 
Gänze ausführbar ist. Besprechung der Gefahren und der Schwierig¬ 
keit der Ausführung. 

Knragliano hebt die Wichtigkeit der Röngenuntersuchung her- 
211 Stimmen, ob man einen Pneumothorax anzulegen hat oder 
ferner um die damit erzielten Heilresultate zu verfolgen. 

Arena: An der Hand einer zahlreichen Serie von mikroskopischen 
spanten wird der unmittelbare Effekt der N-Einblasungen klargelegt. 

Lambmio: In 85 schweren Fällen hatte er in $8°/o Heilung, 
ci einer Frau, die während der Pneumotherapie geschwängert wurde, 
onnte er die Schwangerschaft zu Ende führen. Geburt eines gesunden 
‘Mutter befindet sich weiter gesund. 

.. - ir U'- Besprechung der Bildung des Pneumothorax bei beider- 
•'„'w TAffektion, wodurch Rückbildung oder Verschlimmerung des 
ül ™, Prozesses auftreten kann (Hirnembolie). 

„.j , Ber Wert der Methode beruht eher auf der^Kompression 

ij ™>bilitiit der erkrankten Lunge als auf einer gewissen Wirkung 
*' Ber plenritiBche Erguß nach dem Pneumothorax ist von einem 


großen Vorteil für den Kranken, da dadurch das Septum pleuricnm 
mediastini verdickt und so die Kompression der Lunge der anderen Seite 
verhindert wird. Bei Dyspnoe Entleerung des Ergusses. 

Scarpa: Die Erkrankung der Lunge, die allein in Funktion ver¬ 
bleibt, darf weder schwer noch ausgedehnt sein. Die pleuritischen 
Schwarten können leicht umgangen werden bei Gebrauch seines Apparates. 

Castellino: Tachykardie als Frühsymptom der Tuberkulose. 
Befürwortung der methodischen Prüfung der Herztätigkeit. 

Giuffre: Neben dieser Behandlungsmethode dürfen die anderen 
Behelfe, allen voran die diätetische Tuberkulinbehandlung usw., nicht ver¬ 
gessen werden, die mit der ersteren Zusammenwirken müssen. Bei der 
Nützlichkeit der Behandlung muß man nicht bloß mit dem mechanischen 
Faktor rechnen, sondern auch mit jenem biologischen in dem Sinne, daß 
der Krankheitsherd in der komprimierten Luuge Veränderungen unter¬ 
worfen wird, wodurch die Toxinbildung usw. eine Beeinträchtigung er¬ 
fährt. Der künstliche Pneumothorax mit der Röntgenuntersuchung kann 
zur Diagnose von Pleura- oder Lungentumoren von Nutzen sein. 

Maragliano sen.: Die Methode kann einen entscheidenden 
Heilungseffekt haben durch Absorption der Toxine. Sie kann angewendet 
werden, wenn der Krankheitsherd reduziert, mechanisch komprimiert 
werden kann. Geringfügige Veränderungen der anderen Lunge müssen 
uns nicht von der Applikation abhalten. Weder auf Herz mich auf seine 
Funktion ist der Pneumothorax von Schaden; durch mechanische Aus¬ 
schaltung des Krankheitsherdes vermag der Organismus mit Hilfe seiner 
Antikörper sich zu verteidigen. 

Barlocco (Genua); Extrarenale Albuminurien. 

1. Nervöse Albuminurie (Furcht, Gemütsbewegung). 

2. Alimentäre Albuminurie (nach reichlichem Genüsse von 
Eiweißkörpern auch bei scheinbar Gesunden). 

3. Sogenannte prä- und paratuberkulöse Albuminurie bedingt 
durch eine wirkliche latente tuberkulöse Infektion. 

4. Albuminurie bedingt durch mäßige Herzinsuffizienz (streng 
zu trennen von der starken Albuminurie nach Stauungsniere). 

5. Orthostatische und lordotische Albuminurie. 

6. Dyskrasische Albuminurie. 

Plitek (Triest): Künstliche Albuminarie nach Anwen¬ 
dung der Magensonde. Nachprüfung der von A. Schiff („Med. 
Klinik“ Nr. 14, 1914, pag. 610, Sitzungsbericht) gemachten Angabe. 
In 198 Fällen wurde vor und nach der Expression des Magen¬ 
inhaltes der Urin auf Eiweiß untersucht; in 15 Fällen wurde Albu¬ 
minurie nachgewiesen (in der Mehrzahl Leukozyten, Schleim, 1—2mal 
hyaline und granulierte Zylinder, lmal Kristalle nach Fürbringer). 
— Alter zwischen 25—40 Jahren. — Nach einer i/ 2 Stunde kein 
Eiweiß mehr nachweisbar. 

E. Tedeschi (Genua): Aetiologie und Pathogenese der 
nicht tuberkulösen Erkranknngen der Lungenspitze. 1. Kreis¬ 
laufstörungen (Kongestionsödem). 2. Entzündliche Prozesse (Lungen¬ 
spitzenkatarrhe). 8. Erkrankungen, bedingt durch Parasiten (Asper¬ 
gillus, „Pseudotuberkulose nach Aspergillus“), Aktinomykose: letz¬ 
tere Erkrankungsformen können mit Tuberkulose einhergehen und 
die ätiologische Diagnose noch mehr erschweren. 4. Syphilis der 
Lungenspitze. Vortr. konnte zw r ei typische Fälle beobachten, die 
wegen ihrer Symptomatologie vollkommen einen tuberkulösen Prozeß 
vortäuschten; durch spezifische Behandlung rasches Zuriickgehen 
der Erscheinungen. 5. Neopiasraen der Lungenspitze (eher rechts 
als links). 6. Atelektasen der Lungenspitze (durch Bronchial Ver¬ 
schluß, Lungenkompression und durch Einschränkung der Atmungs¬ 
fläche). 7. Spitzenzirrhose 8. Spitzenerkrankungen nach Staub¬ 
inhalationen. 

V. Ascoli: Krebs der rechten Lungenspitze, der vom Beginn an 
stets mit Fieber einhergehend, die Diagnose lange dubios gestaltete. 
Bronchiektasie nach Morbilli bei einer jungen Frau, bei der die Sektion 
kein Zeichen von Tuberkulose aufdeckte. Echinokokkus. Mitralstenose 
mit Schallverkürzung eines Apex. 

Boeri: Neigung der Influenza, sich im Apex zu lokalisieren. 

Ferrannini: In s / 3 von Lungenspitzen, die bei der Sektion er¬ 
krankt, wo aber das übrige Lungengewebe gesund vorgefunden wurde, 
wurde bei der histologischen Untersuchung die tuberkulöse Natur aufge¬ 
deckt; im anderen Drittel war letztere absolut auszuschließen. 

E. Maragliano: Die Differentialdiagnose zwischen tuberkulöser 
und nichttuberkulöser Lungenerkrankung ist durch den Nachweis der 
Antigene und tuberkulöser Antikörper vereinfacht. 

V. Maragliano: Da es in vivo praktisch unmöglich ist, zu ent¬ 
scheiden, ob eine radiologisch erkrankte Lungenspitzenerkrankung tuber¬ 
kulöser oder nicht tuberkulöser Natur sei. radiographierte Vortr. mehr 
als 100 Leichen, bei denen eine leichte Spitzenerkrankung annehmbar 
erschien; in sehr seltenen Fällen konnte der Pathologe die Möglichkeit 
eines tuberkulösen Substrates ausschließen. 

U Parodi: Bei einer Bindegewebssklerose des Apex kann man 
nie histologisch die tuberkulöse Aetiologie ausschließen, auch bei Mangel 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


von Riesenzelleu usw. oder anderer spezifischer Elemente des tuberku¬ 
lösen Granuloms. 

Schupf er: Verschiedene, nicht tuberkulöse Spitzenerkrankungen 
sind von akutem oder vorübergehendem Charakter oder sind vorwiegend, 
jedoch nicht ausschließlich im Apex lokalisiert, wodurch sie von 
den tuberkulösen Spitzenerkrankungen unterschieden werden können. 

P—k. 


Feldpostbrief aus Polen. 

Dort, wo die Pilitza, ein Nebenfluß der Weichsel, zwischen 
waldigen Ufern bald gemächlich, bald schneller dahinfließt, um 
sich in der Feme mit dem Hauptstrome zu vereinigen, wurde der 
eherne Mund der Kanonen nicht mehr still. Ueber die Waldhöhen, 
die der Herbst gelbrot gefärbt hatte, durch das Flußtal, in dem 
früh die Nebel brauten, bis sie der Kraft der Sonne wichen, hallte 
Schuß auf Schuß. Hier standen unsere Truppen vereinigt mit den 
Oesterreichern und drängten von Warschau bis weithin südlich 
gegen die Weichsellinie an, um die russischen Festen zu nehmen 
und damit den Gegner aus seinen wichtigsten östlichen Stütz¬ 
punkten zu vertreiben. In dem tagelangen heißen Ringen, in dem 
versucht wurde, durch Einsetzen aller Kräfte der fast uneinnehm¬ 
baren feindlichen Stellungen mit dem natürlichen Schutze der 
Sümpfe Herr zu werden, warfen uns die Befehle hin und her, vor¬ 
wärts und zurück. Nach kurzen Märschen zogen wir, des neuen 
Winkes gewärtig, ins Quartier und führten, wenn auch bei dem 
dauernden Kanonendonner in ständiger Spannung, irgendwo ge¬ 
braucht zu werden, ein verhältnismäßig bequemes Leben. 

Solche Tage lassen wir allerdings nicht nutzlos verstreichen. 
Die Sachen werden in Ordnung gebracht, die Pferde nach den 
vielen Anstrengungen besonders gut gepflegt, unser Lazarett¬ 
material, die zum Teil sehr mitgenommenen Wagen ausgebessert, 
von dem furchtbaren Schmutze gesäubert und für neuen Proviant 
gesorgt. Dann bleibt immer noch Zeit genug, Korrespondenzen 
zu erledigen und auf den Feldern behaglich herumzuschlendern 
und zu reiten. Unser Weg führt uns durch die kleine Stadt zurück, 
in der wir die Krankensammelstelle gehabt und einige Tage mit 
den österreichischen Truppen zusammengelegen haben. Wir über¬ 
schreiten die Holzbrücke über die Pilitza, die in kurzer Zeit von 
den Pionieren angelegt ist. Deutsche Infanterie, österreichische 
Kavallerie begegnet uns. Sie sind auf Vorposten gewesen und 
kehren zurück. Durch dichten Nadelwald gehen wir in südöstlicher 
Richtung vor. Fern im Osten schwingt sich am Horizont ein bläu¬ 
licher Höhenzug. Dort liegt das Weichseltal, dort steht der Feind. 

Mittags sind wir im Quartier, einem kleinen engen Bauern¬ 
stübchen, das gleichzeitig die Küche vorstellt. Auf einem freien 
Platz am Waldrande bereitet der Koch das Mittagessen. Er wird 
häufig mit seinem kleinen Proviant wagen vorausgeschickt, damit 
er mit seiner Arbeit nicht erst anfängt, wenn die Kolonne ein¬ 
trifft, sondern das Essen schon vorbereiten kann. Ueber dem Koch¬ 
platze schwirren in kurzer Zeit drei Flieger. Daran sehen wir 
immer, daß etwas Besonderes vorgeht, was erhöhte Aufmerksam¬ 
keit erfordert. Es werden einige neue Pferde von der polnischen 
Bevölkerung requiriert; wir erhalten sie aber erst mit Hilfe von 
Peitschendrohungen. Bis dahin behaupten die Leute, keine Pferde 
zu haben. Dann bequemen sie sich plötzlich dazu, die Tiere aus 
dem W r aldverstecke herauszuholen. Die hübsche Heidelandschaft 
dieser Gegend könnte uns glauben machen, daheim in einer nörd¬ 
lichen Provinz unseres Vaterlandes zu sein, von dem uns so viele 
Meilen trennen. Am nächsten Tag erledigen wir die zweite Cholera¬ 
impfung, zu der sich auch Munitionskolonnen aus dem Nachbardorf 
einstellen. Einzelne von uns haben erhebliche Allgemeinsymptome 
und lokale Schmerzen von der Impfung mit dem aktiven Serum. 
Der Zufall will es, daß uns gerade an diesem Tag ein Alarm für 
die Nacht und ein Nachtmarsch in Aussicht gestellt wird. V T ir 
legen uns daher schon um 6Va Uhr schlafen. Um 1 Uhr werden 
wir zum Aufbruche geweckt. In stockdunkler Nacht, die ein gleich¬ 
mäßiger Landregen nicht gerade sehr gemütlich auf dem Pferde 
macht, rücken wir ab. Durch den Anschluß an verschiedene andere 
Kolonnen gibt es unterwegs stundenlangen Aufenthalt. 

Beim Morgengrauen ziehen wir auf den schlechten Wegen 
weiter. Unterwegs erfahren wir, daß unter dem Schutze der Nacht 
unsere Truppen ihre Stellungen wechseln und die ganzen Kolonnen 
hinter die neuen Stellungen zurückgezogen werden sollen. Am 
Morgen sind wir wieder an der Pilitza, das heißt, an einer anderen 
Stelle des Flusses als vor zwei Tagen. Die beiden Kirchtürme des 
kürzlich passierten Städtchens sieht man sich östlich am Horizont 
abheben. Wir überschreiten die Pilitza auf einer Pontonbrücke, 


auf der man die etwas scheu werdenden Pferde fest am Zügel 
halten muß. Dann geht es auf bergiger Straße vorwärts bis zum 
Mittag. Wiederum stehen wir an der Pilitza auf einer Chaussee, 
die hier auf eine große Holzbrücke über den Fluß mündet. Pioniere 
und Landsturm halten diesen wichtigen Punkt besetzt. Einzelne 
klettern auf den Pappeln herum, an deren Stämmen Stiegen ange¬ 
bracht sind. Das Geäst wrird durch Tannenzweige und Buschwerk 
ausgefüllt. Dort soll vermutlich ein Beobachtungsposten einge¬ 
richtet oder ein Maschinengewehr aufgestellt werden, welches das 
östliche Ufer der Pilitza gegebenenfalls zu bestreichen vermag. 

In der kleinen Stadt am westlichen Ufer, die wir vor ge¬ 
raumer Zeit auf unserem Vormarsch berührt haben, sind die Straßen 
aus ihrer ländlichen Stille erwacht. Hier liegt unsere Etappe, 
Soldaten der verschiedensten Formationen laufen durcheinander, 
vor den Häusern bieten die Leute die mannigfachsten Waren zum 
Verkauf. Große Freude bereitet uns der Anblick der Feldpost, 
bei der ein Beutel mit Postsachen für uns lagert. Noch einige 
Kilometer, dann fahren die Kolonnen zur Mittagsrast auf; der 
Befehl zum Weitermarsch ist noch nicht da. Während die Erbs- 
suppe kocht, werden die Postsachen verteilt. Dann geht es weiter. 
Mit Einbruch der Dunkelheit sind wir nach dem langen Marsche 
im Quartier. Wieder verbringen wir drei Tage damit, morgens am 
Sammelplatz aufzufahren, bis zum Nachmittag auf einen Befehl 
zum Abrücken zu warten und abends zu unseren freundlichen 
Wirtsleuten zurückzukehren. Die Woche ist zu Ende. Es wäre 
sonderbar, wenn der Sonntag, unser Dies ater, nicht wieder etwas 
Besonderes für uns brächte. Er bleibt sich getreu und ruft uns 
früh von unserem Lager. Wir werden in die Nähe der Schlacht¬ 
linie dirigiert, wo man uns offenbar heute noch gebrauchen wird. 
Ohne Aufenthalt ziehen Munitions- und Lazarettwagen ihre Straße. 
Ein Trupp russischer Gefangener wird vorübergeführt, vereinzelte 
Kavalleriepatrouillen streifen umher. Ein Rehbock, der, von anderer 
Seite aufgescheucht, in die Nähe unserer Staffel kommt, büßt sein 
junges Leben unter einer Reihe von Karabinerschüssen ein und wird 
von den Artilleristen triumphierend auf eine Protze geladen. Flücht¬ 
linge begegnen uns. Wir reiten durch das letzte Dorf hinter 
unseren Gefechtsstellungen und nehmen die Häuser aufs Korn im 
Hinblick darauf, ob sich eines zur Errichtung eines Lazaretts 
eignen wird. Es sind alles kleine ärmliche Häuschen mit Stroh¬ 
dach; nur eines hebt sich modern gegen die Reihe seiner Nachbarn 
ab. Das ist der neu errichtete Steinbau der Gemeindeverwaltung. 
Wir behalten es für alle Fälle im Auge und rücken weiter vor, 
mit Ausnahme eines Kollegen, der mit Hilfspersonal bleiben soll, 
um die durchfahrenden Verwundeten zu versorgen. Er besetzt den 
passenden Punkt am Ausgang des Dorfes, dort, wo zwei Land¬ 
straßen aus der Richtung der Schlachtlinien einmünden. 

Je weiter wir uns von dem Dorfe entfernen, desto lauter 
wird der Kanonendonner. Ein außerordentlich heftiges Artillerie¬ 
feuer ist hier im Gange. Wir halten einige hundert Meter hinter 
dem Dorfe, in dem sich unsere Artillerie festgesetzt hat, nachdem 
hier erst vor kurzer Zeit der Feind aus seinen Stellungen ver¬ 
trieben worden ist. Man kann das Feuer gut verfolgen, auch das 
feindliche, entweder an den auf steigenden Rauch Wölkchen oder den 
aufblitzenden Lichtern. 

Die ersten Wagen mit Verwundeten fahren am Waldrand 
an uns vorbei. Eine feindliche Granate ist mitten in einem Zuge 
unserer Gardereserveinfanterie explodiert. Der Tod hat hier traurige 
Ernte gehalten. Andere sind schwer verwundet. Einer der Schwer¬ 
verwundeten, der neben seinen Kameraden im Krankenwagen liegt, 
ist eben verstorben. Es vergeht noch eine kurze Zeit. Dann kommt 
für uns der Befehl zur Etablierung in dem letzten Dorfe, durch 
das wir durch marschiert sind. Der neue Steinbau ergibt sich von 
selbst als Lazarettgebäude. Während das Feldlazarett langsam 
folgt, reitet der Chefarzt mit einem Kollegen und mir in scharfem 
Trabe zurück, um alles vorzubereiten. Die beiden Herren besich¬ 
tigen noch das Pfarrhaus und Schulhaus an der Kirche. Inzwischen 
stellte ich die polnische Bevölkerung mehr mit Gebärden als mit 
Worten an, schleunigst die Möbel aus dem Hause herauszutragen, 
die Zimmer zu säubern, zu heizen und die nötige Beleuchtung, 
Wasser und Stroh herbeizuschaffen. Als unsere Wagen eintreffen, 
ist alles soweit fertig, daß eingeräumt werden kann. 

Viele Wochen sind vergangen, seit wir in Deutschland, m 
den Kämpfen bei Tannenberg, zum erstenmal eingerichtet waren 
in einer wunderhübschen Gutsvilla mit reichlichen, schönen Räumen, 
mit einer großen Veranda an der Terrasse zum Park, auf der wir 
unsere Mußestunden verbrachten. Hier in Feindesland sind wir 
froh, genügend Raum für unsere Kranken zu haben. Für uns 
Aerzte bleibt ein kleiner Küchenraum, in dem wir uns freuen, 


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Original fro-m 

UMIVERSITY OF IOWA 





10. Januar. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 




uns, dicht aneinander gedrängt, auf Stroh eine kurze Zeit von den 
großen Anstrengungen ausruhen zu können. Es war nicht viel 
Zeit zum Schlafen. Die erste Nacht wurde bis 4 Uhr gearbeitet. 
So lange dauerte die Versorgung der vielen Schwerverwundeten. 
Es waren meistens Landwehrleute vom Gardereservekorps, große, 
breitschultrige Westfalen, die hier im Feuer gewesen waren. Neben 
ihnen Schulter an Schulter, betteten wir die verwundeten Oester¬ 
reicher. In einem anderen Raume lagen die Russen. 

Die Verletzungen sind zum großen Teil immer dieselben: 
Kopf-, Brust-, Bauch- und Extremitätenschüsse. Diesmal haben wir 
es mit sehr vielen Schwerverletzten zu tun. Die Gehirnschüsse 
verlaufen schnell letal. Unter den anderen erwähne ich als etwas 
Besonderes eine schwere Zertrümmerung des Schultergelenks mit 
beginnender Gangrän und Sepsis. Der Verwundete ist so unver¬ 
nünftig, nicht auf den Vorschlag der Amputation einzugehen. So 
wird ihn sein Schicksal vermutlich bald ereilt haben. Ein ver¬ 
wundeter Russe kommt mit einem Esmarcbsehen Schlauch am 
linken Arm, den er wegen arterieller Blutung etwa 24 Stunden 
getragen hat! Die Gefäße werden gefaßt. Am nächsten Tage ist 
der Arm noch blaurot verfärbt, die Haut mit großen Blasen be¬ 
deckt, Das periphere Ende ist aber warm, Sensibilität und Moti¬ 
lität sind nicht ganz aufgehoben. Die Amputation ist einstweilen 
nicht notwendig. Den Lungenschüssen geht es verhältnismäßig 
gut. Aus einer Baucbwunde ist verfärbtes Netz prolabiert. Es 
wird abgetragen und die Wunde tamponiert. Ein anderer, mit Ein¬ 
schuß in den Oberschenkel, klagt über rasende Schmerzen in der 
Baucbgegend. Er kann keinen Urin lassen, der Leib ist gespannt, 
die Unterbaucbgegend ergibt starke Schalldämpfung. Der Katheris- 
müs ist ohne Erfolg, obwohl der Katheter leicht in die Blase ein- 
dringt. Nach dem schnell eintretenden Exitus gibt ein Probe- 
sektioosschnitt über der Blase die Aufklärung. Das Geschoß ist 
Fon unten her in die Blase eingedrungen und in der Blase liegen 
geblieben. Aus dem Loch in der Harnblase hat sich der Urin in 
die Bauchhöhle hinein entleert. 

Daß neben der Kriegschirurgie die Friedenschirurgie nicht 
vergessen werden darf, beweist ein Kranker ohne Verletzung, mit 
Symptomen von diffuser Peritonitis. Die Eröffnung des Abdomens 
durch den konsultierenden Chirurgen, erst in der Ileozökalgegend, 
dann in der Medianlinie, deckt ein perforiertes Ulcus duodeni auf, 
das übernäht wird. 

Nach kurzem, tiefem Schlafe von 4—5Va Uhr sind wir am 
ersten Morgen um 6 Uhr wieder an der Arbeit. Nachmittags 
kommt die Meldung, daß wir uns noch auf eine große Zahl von 
Verwundeten einrichten sollen. In der Nähe der Kirche etabliere 
ich im Schulhaus ein Zweiglazarett. Kanm ist es fertig, alles zum 
Belegen der Zimmer, Verbinden und Operieren bereit, kommt der 
Befehl, es wieder aufzulösen. Inzwischen ist dem Hauptlazarett der 
Befehl überbracht worden, am nächsten Morgen in aller Frühe 
abzubrechen, die Verwundeten rückwärts zu transportieren. Um 
4 Uhr früh beginnen wir in finsterer Nacht mit der Verladung der 
Kranken auf den requirierten Wagen. Zum Glück bekommen wir 
in einer leer durchziehenden Österreichischen Proviantkolonne un¬ 
erwartete Hilfe. Dadurch können wir alles schneU auf Wagen ab- 
transportieren. Nach der Verladung wird eiligst das Lazarett- 
material verpackt. 7V2 Uhr sollen wir marschbereit sein. In un¬ 
unterbrochener Arbeit, in jagendem Tempo haben wir unsere Auf¬ 
gabe erfüllt. Jetzt gebt es schnell wieder fort in der Richtung, in 
der wir gekommen sind. Die Rückwärtsbewegung, die wir bis 
dahin bei unseren siegreichen, unaufhaltsam vordringenden Truppen 
rieht kennen gelernt haben, ist aus strategischen Gründen nötig 
geworden. Wir sind auch hier siegreich geblieben; die Haupt¬ 
wirkung unseres Vormarsches nach Rußland, die Entlastung der 
Oesterreicher, ist erreicht worden. Nun geht es wieder westwärts, 
um nichts zu verlieren, um Neues zu gewinnen. Wenn auch die 
Kolonnen noch neben einander marschieren, hier eine österreichische, 
dort eine deutsche, hier eine Abteilung Kavallerie, dort, eine Kom- 
Paguie Infanterie, es ist nach jeder Richtung eine wohlgeordnete 
Bewegung von Truppen, die sich wohl schnell zurückziehen, aber 
mcht nach einer Niederlage überhasten. 

. to dem gewohnten Tempo marschieren wir den Tag hindurch 
*ua erreichen abends nach langem Marsch in südwestlicher Rich- 
j“g das Quartier. Morgens geht es weiter, die Richtung bleibt 

gleiche. Die Marschroute zeigt zur deutschen Heimat hin. 
fw spricht es |aus, bald wissen es alle. Die Freude darüber 
ann durch nichts abgeschwächt werden. Wir haben das Vertrauen 
vi*ir 6 u er Leitun £’ daß sie uns trotz der Rückwärtsbewegung, 

eicht gerade durch dieselbe, zu neuen Erfolgen führen wird. 

Q uu geht es erst mal heraus aus den schwierigen Sümpfen 


des südlichen Polens, aus diesen armseligen, unzivilisierten Gegen¬ 
den an die heimatliche deutscho Grenze. Mit diesem freudigen 
Gefühl erhoben wir uns, wenn in dunkler, nächtlicher Stunde zum 
Aufbruch geweckt wurde. Mit ihm ritten wir von früh bis spät 
durch Sturm und Regen. Mit ihm legten wir uns nieder znm Schlafe. 

In schnellen Märschen ging es westwärts. Es war nicht 
weiter verwunderlich, daß der polnischen Bevölkerung bald unsere 
Marschrichtung auffiel und der Gedanke kam, wir seien viel¬ 
leicht geschlagen.’ Wenn auch vereinzelt, so erlaubten sie sich 
dann und wann eine andere Tonart als bisher, die aber schnell 
durch die richtige Entgegnung zum Schweigen gebracht wurde. 
Andere waren, wahrscheinlich aus Klugheit, liebenswürdig und zu¬ 
vorkommend. In einem Gutshaus wurden wir nicht nur freundlich 
aufgenommen, sondern bereitwilligst aus dem guten Weinkeller be¬ 
wirtet. Je mehr der einzelne von uns die französische oder gar die 
polnische Sprache beherrschte, desto besser war für ihn die Ver¬ 
ständigung, desto größer die Gastlichkeit. 

Wieder kamen wir durch die Stadt, die wir auf dem Vor¬ 
marsch nach dem schwersten Tage durch die schlammigen, sumpfi¬ 
gen Wege erreicht hatten, und nicht ohne einen gewissen unange¬ 
nehmen Beigeschmack dachten wir an die Schwierigkeiten, die 
unserer harren würden. Es ging aber viel besser, als wir dachten. 
Unser Marsch führte uns diesmal ganz andere Straßen, auf denen 
wir trotz starken Sturmes gut vorwärts kamen. Im übrigen waren 
unsere Wagen jetzt viel besser bespannt und die Pferde an die 
Wege in Rußland gut gewöhnt. Wie ruhig und geordnet unsere 
Rückwärtsbewegung vor sich ging, bewies die Tatsache, daß in 
der genannten Stadt noch Landsturm und die Etappe lag, die 
erst nach uns sich dem Zuge nach dem Westen anschloß. Das 
Bewußtsein, über das Sumpfgebiet hinaus zu sein, erhöhte 
unsere gute Stimmung. Die Märsche wurden wieder kürzer. In 
einem Dorfe lagen wir 2 Tage. Am ersten Tage nachmittags ritt 
ich in das 3 km entfernte, durch Wald von uns getrennte Nachbar¬ 
dorf, um den Kollegen von dort liegenden Munitionskolonnen bei 
den Choleraimpfungen zu helfen. 

Es war Abend geworden, als ich zurückritt. In der Dunkel¬ 
heit suchte ich einen kürzeren Weg, verfehlte ihn und verirrte mich am 
Waldrand zwischen hohen Sanddünen, wie ich sie sonst nur von der 
Nordsee her kenne. In einem abgelegenen Dorf ohne Einquartierung, in 
dem die durch das Hundegebell aufmerksam gemachte Bevölkerung 
mich mißtrauisch ansah, machte ich kehrt. Den Revolver hatte ich, 
ohne es zu merken, in den Dünen verloren. Ich ritt zu dem Aus¬ 
gangspunkt zurück. Ein Begleiter mit Karabiner brachte mich auf 
den richtigen Weg zu unserem Quartier. 

Fast jeden Tag genossen wir bei dem frühen Aufbruch und 
dem schönen, klaren Herbstwetter das herrliche Schauspiel des 
Sonnenaufgangs vom ersten Streif der Morgendämmerung bis zum 
glühenden Durchbruch des Sonneuballs. Zum Abschied zeigte sich 
das Feindesland von der schönsten Seite. Die Ausläufer der Lyssa 
gora begleiteten uns zu beiden Seite unserer Straße als hohe wei߬ 
graue Kalksteinfelsen. Wenn wir uns umsahen, verschwanden sie 
in der Ferne in silbernem Glanze. Die beiden letzten kleinen Städte 
vor der Grenze wurden passiert. Unwillkürlich wandte sich die 
Erinnerung zurück, wie wir vor mehr als fünf Wochen als Neu¬ 
linge des Landes, unbekannt mit seinen unerhörten Schwierigkeiten, 
hier eingedrungen waren. Jetzt hatten tagelang dauernde Spren¬ 
gungen, deren Knall wir vielfach wahrgenommen, die Brücken nach 
diesem Teile Polens hier abgebrochen. Der Feind konnte uns nicht 
mehr folgen. Nur wenige Kilometer trennten uns vom schlesischen 
Boden. Welche Aufgabe unserer harrte, ob wir an der Grenze 
stehen bleiben, ob wir an anderer Stelle ins russische Reich ein¬ 
marschieren würden, wir wußten es nicht. Übermütig sagten wir 
beim Glase Sekt dem Feindesland „Lebewohl“. Denn morgen stan¬ 
den wir wieder auf deutscher Erde. O.-A. Dr. B. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den off. Verlustlisten . 

1. Tot: 

R.-A. Dr. Georg Jak ab, I.-R. Nr. 64 (Liste vom 2. Januar). 

2. Verwundet: 

A.-A. Dr.Nenad Nendoovic, u. L 9 t.-I.-R. Nr. 28. Rippenbruch, liegt 
Vereinß-Sp. des kath. Frauenvereines Ujvidek (Liste vom 29. Dezember). 

A.-A. Dr. Erwin Dittrieb, Lst.-I.-R. Nr. 31, Niorenquetselumg, 
liegt Rekonv.-A. Parlament Wien (Liste vom 30. Dezember). 


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UNIVERSUM OF IOWA 




58 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2. 


10. Januar. 


A.-A. Br. Rudolf Lach, I.-R. Nr. 90, Fußschuß, liegt Res.-Sp. 
Mähr .-Weißkirchen (Liste vom 30. Dezember). 

A.-A. Dr. Koloman Lapossy, I.-R. Nr. 32, Schußwunde, liegt 
Res.-Sp. Nr. 1 Kolomea-Turka (Liste vom 30. Dezember). 

A.-A. d.Res. Dr. Johann Luke§, I.-R. Nr. 74 (Liste vom 2. Januar). 

A.-A.Dr. Jenö Ötvös, I.-R. Nr.83 (Liste vom 2. Januar). 

A.-A.-St. Dr. Franz Schwab, I.-R. Nr. 40 (Liste vom 2. Januar). 

* * 

Aus Berlin schreibt man uns: Infolge der Einberufung I 
zahlreicher Assistenten und der Angliederung von Kriegslazaretten 
mit beträchtlicher Bettenzahl hat sich ein Mangel an Aerzten 
in den Krankenanstalten der Stadt Berlin fühlbar gemacht, 
der durch die Einstellung von Assistenten nicht beseitigt werden 
kann. Die von der Berlin-Brandenburger Aerztekammer zu Beginn 
des Krieges eingesetzte „Zentralstelle für Vertretung von einbe- 
rufenen Aerzten“ beabsichtigt nun, die freien Stellen durch nieder¬ 
gelassene Aerzte des Kammerbezirks zu besetzen, mit der Ma߬ 
gabe, daß sie einen zusammen etwa sechsstündigen (Vormittags¬ 
und Abendstunden) Dienst im Krankenhause versehen, im übrigen 
aber in der Ausübung ihrer Privatpraxis nicht beschränkt sind 
und nachts in ihrer Behausung sich aufhalten, auch ihre Ver¬ 
pflegung selbst besorgen. Ueber die Verteilung der Dienststunden, 
die etwaige Verletzung der Sprechstunden usw. soll eine Verein¬ 
barung mit den Abteilungsvorstehern der Krankenhäuser getroffen 
werden. Als Tagesvergütung hat die Zentralstelle den Satz von 
15 M für angemessen erachtet. Für das Kriegslazarett in Buch 
gelten die gleichen Bedingungen, jedoch mit der Einschränkung, 
daß der verpflichtete Arzt dort wohnen muß und auf den Tages¬ 
satz die Kosten für die daselbst gewährte Verpflegung verrechnet 
werden. Wie wir hören, haben sich sofort weit über 300 Aerzte, 
darunter auch eine große Zahl älterer Kollegen, auf das Rund¬ 
schreiben der Zentralstelle hin zur Verfügung gestellt. 


(M il i t ä r ä r z 11 i ch e s.) In Anerkennung tapferen V erhaltens vor 
dem Feinde ist dem Marine-A.-A. d. Seewehr Dr. St. v. Gothard des 
Spitalschiffs Kulpa die a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen 
worden. In Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen Ver¬ 
haltens vor dem Feinde ist dem A.-A. d. Res. Dr. A. Unger des 
I.-R. Nr. 7, R.-A. Dr. R. Klinger des L.-I.-R. Nr. 14, A.-A. d. Res. 
Dr. J. Wimberger des Ldsch.-R. Nr. I, O.-A. d. Ev. Dr. M. Löw^ 
des Lst.-I.-R. Nr. 6 die a. h. belobende Anerkennung bekannt- 
gegeben worden. — Aus demselben Anlasse ist dem St.-A. 
Dr. J. Jirovec des I.-R. Nr. 75, R.-A. Dr. E. Huber und 
A.-A. Dr. J. Kermayer des I.-R. Nr. 7, St.-A. Dr. S. Bey- 
kovsky des L.-l.-R. Nr. 8 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens 
am Bande des Militärverdienstkreuzes, in Anerkennung hervor¬ 
ragend pflichttreuen Verhaltens vor dem Feinde dem A.-A.-St. 
Dr. J. Loeszl der Div.-San.-A. Nr. 31 das Goldene Verdienstkreuz 
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, in Anerkennung 
erfolgreicher Tätigkeit auf dem Gebiete der Verwundeten Versorgung 
dem R.-A. a. D. Dr. J. Dobrodolac und R.-A. d. R. Dr. E. Roth, 
Kommandanten von Reservespitälern in Brod, das Goldene Ver¬ 
dienstkreuz mit der Krone, in Anerkennung tapferen und aufopfe¬ 
rungsvollen Verhaltens vor dem Feinde dem R.-A. Dr. J. Vitek 
des L.-I.-R. Nr. 8, R.-A. Dr. A. Lederer des L.-I.-R. Nr. 9, A.-A. 
d. Res. Dr. K. Klein und ^A.-A.-St. d. Res. Dr. G. Hatzaf des 
L.-I.-R. Nr. 6, den O.-Ae. d. Res. DDr. F. Schaffer des L.-I.-R. 
Nr. 1, F. Beck des L.-I.-R. Nr. 24, dem O.-A. d. Ev. Dr. K. Neu¬ 
hauser und Ldst.-Arzt Dr. W. Wunderer des Feldspitals Nr. 7/14 
das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapfer¬ 
keitsmedaille verliehen worden. — O.-St-A. I. Kl. Dr. B. Dub, 
Sanitätschef des Landwehrkommando Krakau, ist auf eigenes An¬ 
suchen in den Ruhestand versetzt und demselben aus diesem An¬ 
laß der Orden der Eisernen Krone III. KI. verliehen worden. 

(Oesterreichischer Aerzte-Vereinsverband.) Die Ge- 
sammtsumme der Unterstützungsquoten, die vom „Witwen- und 
Waisen-Unterstützungsinstitute des Oesterr. Aerzte-Vereinsver¬ 
bandes“ den Landeskommissionen am Schlüsse des Jahres 1914 
zur Verfügung gestellt wurden, welche von Aerztekammern, resp. 
in zwei Ländern von Aerztevereinen gebildet werden, und welche 
die Verteilung an die unterstützungsbedürftigen Witwen und Waisen 
nach Aerzten in ihrem Wirkungsbereich durchführen, betrug 
20 662 K. Sie bestand aus den ganzen Jahresbeiträgen der Aerzte¬ 
kammern (13 662 K) und aus einem Zuschüsse des Unterstützungs¬ 
institutes im Betrage von 7000 K. Außerdem wurden im Jahre 1914 
vom Unterstützungsinstitute 300 K und aus den von ihm ver¬ 
walteten Fonds 1300 K (aus dem Rothschild-Fonds 900 K, aus 
dem Dr. Baron Buschman-Fonds 400) zur Unterstützung von i 


Arztenswitwen verwendet. Die Unterstützungen beliefen sich im 
Jahre 1914 daher insgesamt auf 22 262 K. Dieses erfreuliche Re¬ 
sultat wurde durch die Subvention ermöglicht, welche dem Unter¬ 
stützungsinstitute im Jahre 1914 zugekommen sind, und zwar vom 
Ministerium des Innern 5000 K, vom schlesischen Landesausscbusse 
500 K, von Kurorteverwaltungen 480 K (Abbazia 50 K, Bilin 100 K, 
Franzensbad 20 K, Karlsbad 250 K, Levieo-Vetriolo 50 K, Porto¬ 
rose 10 K), vom Krankenverein der Aerzte Wiens 100 K. — Bei 
der in der Geschäftsausschußsitzung vom 7. Dezember vorge¬ 
nommenen Ergänzungswahl in den Geschäftsausschuß wurden ge¬ 
wählt: Zum Präsidenten: Kais. Rat Prim. Dr. Alexander L er ch, 
zum Vizepräsidenten: Hofrat Dr. Adolf Ir tl, zum Ausschuß mitglied: 
Prof. Dr. Viktor Hammerschlag, zu Ausschußmitglied-Stellver¬ 
tretern: Prim. Dr. Alois Gruber und Dr. Artur Pinsker. 


(Aus Budapest) wird uns berichtet: Inter arma silent 
musae. Tiefe Stille herrscht in unseren Vereinigungen, die Pforten der 
angesehensten medizinischen Sozietät, der Königl. Gesellschaft der 
Aerzte, aber auch des Vereines der Spitalsärzte, sind seit Kriegsaus¬ 
bruch geschlossen und nur an den chirurgischen Kliniken wird mitunter 
ein bescheidener kriegschirurgischer Abend abgehalten. Die königl. 
Aerztegesellschaft konnte jüngst mangels an Teilnehmern nicht 
einmal ihre Jahresgeneralversammlung abhalten. Uns will es 
scheinen, daß die Budapester Aerztegesellschaft nach 
Muster der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien ihre wissen¬ 
schaftliche Tätigkeit ganz gut aufnehmen könnte, selbst 
auf die Gefahr hin, daß die sich jetzt zersplitternden Demonstra¬ 
tionen sich vorwiegend in chirurgischem Fahrwasser bewegen 
dürften, um ihrer alten Zugkraft auf uns Aerzte nicht verlustig 
zu werden. Lehrt doch nebenbei die Erfahrung auch in Friedens¬ 
zeit, daß das Gros der Vorträge und Demonstrationen der Chi¬ 
rurgie entnommen ist. Eine Vorbedingung der günstigen Beendi¬ 
gung des Krieges ist es ja, wie dies von den Söhnen der großen 
deutschen Nation, mit der wir in Krieg und Frieden geeinigt 
sind, besonders hervorgehoben wurde, daß wir, des sicheren Sieges 
unserer braven Soldaten gewärtig, unsere Kulturarbeit regelmäßig fort¬ 
setzen, in der jeder Stillstand gleichwertig ist einem Rückschritt. Hat 
doch der derzeitige Dekan der medizinischen Fakultät in Buda¬ 
pest, Emil v. Grosz, der gleichzeitig ira Präsidium der königl. 
Aerztegesellschaft sitzt, schon beim Semesterbeginn an die Fa¬ 
kultäten der reichsdeutschen und österreichischen Universitäten 
in seinem Begrüßungsschreiben den Gefühlen der Kulturgemein¬ 
schaft Ausdruck gegeben, und wahrlich erhebend sind die Ant¬ 
worten der Schwesterfakultäten Altösterreichs und Deutschlands. 
Es antworteten besonders warm die Professoren Tandler im 
Namen der Wiener, Grosser der deutschen Carolo-Ferdinandea 
in Prag, Loos der Innsbrucker, Orth der Berliner, Binswanger 
der Jenenser, Nuß bäum der Bonner medizinischen Fakultät, des¬ 
gleichen die Universitäten Gießen, Erlangen, Halle, Kiel, 
Tübingen, Leipzig, München, Breslau etc. —Prof. Orth in 
Berlin schrieb wörtlich, daß gerade die Universitäten ein Beispiel 
für treue Pflichterfüllung auch unter schwierigen Verhältnissen 
geben müssen! S. 


(Statistik.) Vom 20. bis inklusive 26. Dezember 1914 wurden 
in den Zivilspitälern WienB 13.856 Personen behandelt. Hiervon wurden 
1810 entlassen, 226 sind gestorben (ll'l°/o des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 13, Scharlach —, Masern —, Röteln —, Varizellen —, Diph- 
theritis —, Keuchhusten —, Mumps —, Influenza —, Abdominaltyphus lo, 
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand 
Wochenbettfieber —, Flecktyphus 2, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬ 
nickstarre —. In der Woche vom 20. (bis 26. Dezember 1914 Bind m 
Wien 891 Personen gestorben (— 107 gegen die Vorwoche). 


Sitzungs-Kalendarium. 

Dienstag, 12. Januar, 7 Uhr. Verein für Psychiatrie und Neurologie. 

Hörsaal v. Wagner (IX., Lazarettgasse 14). 1. Demonstrationen 

(Fries, Reznizek, Pötzl). 2. Karplus: Ueber Granatkontusionen. 

Donnerstag, 14. Januar, 7 Ohr. Gesellschaft für innerelMedlzin nad 
Klnderheilknnde. Hörsaal Ortncr (IX., Alserstraße4). 1. Deroon- 
strationen (Doz. Wechsberg und Dr. Eschmann: a) Typbus recur- 
rens-Fälle, b) Ein Fall von Morb. Recklinghausen; Dr. Bass; Doktor 
Beck; Dr. Gerstmann; Prof. H. Schlesinger). 2. Diskussion über 
Klinik und Therapie der Dysenterie. Einleitende Bemerkungen von 
Doz. A. v. Müller (zur Diskussion gern.: Prof. Singer, Dozen 
W. Schlesinger, Prof. H. Schlesinger). 

Freitag, 15. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank¬ 
gasse 8.) __ 


Herausgeber, Eigentümer and. Verleger; Urban £ Schwarzenberg, Wien and Berlin. — Verantwortlicher Redakteur lllr Österreich-Ungarn; Karl Urban, Wien. 

Druck von Gottlieb Giatel ACie., Wien, HI., Mttnngaese 6. 


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Original frnrri 

UNIVERSUM OF IOWA 



XI. Jahrgang. 


Nr. 3. 


/ / 

Wien, 17. Januar#1915. 


Medizinische Klinik 


Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

ProffeMtr Dr. Kort Brtndeabiirg 

Berlin 


Verlag Ton 

Urban A Sehvaraenberg 
Wien 


INHALT: Die Versorgung 1 der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Oberstabsarzt Prof. Dr. Hackenbruch, Erfahrungen über die 
Beliindlang von Schußknochenbrüchen mit Distractioisklam-nerverbiiuieti. (Mit 18 Abbildungen.) Prof. Dr. C. Adam, Augenverlet-/.ungen im 
Kriege und ihre Behandlung. Prof. Dr. Jenckel, Schuß in den Herzbeutel. (Mit 2 Abbildungen.) — Klinische Vorträge: Priv.-D >z. Dr. X. v. Jagic, 
Zur Pathogenese und Symptomatologie der Chlorose. — Berichte Uber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Priv.-D rz. Dr. Ointivn Qua- 
rell" timl Dr. F. Negro, Weicher Schanker und unerkannt gebliebene Syphilis. Dr. Otto Rupp. Beitrag zum gegenwärtigen Staude der Alnrtfragc. 
(Schluß aus Nr. 2.) Stadtbezirksarzt Dr. Schubart, Haustrinkkuren. Eine Antwort auf den Aufsatz in Nr. 25, 1914: Haben die natürlichen Mineral- 
uaellea eine spezifische Heilwirkung auf den erkrankten Organismus? — Aus der Praxis für die Praxis: Oberarzt Dr. 0. Nord manu. Behandlung 
der Erfrierungen. — Referatentell: Sammelraferat: Dozent Dr. Leopold Freund, Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgönstrahlen. Ans den 
■enerten Zeitschriften. — Bßcherbesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der 
Aerzte in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegschirargischer Abend in Budapest. Kriegsärztliche Ab Jude der 

Militärärzte von Lille und Umgebung. — Kleine Mitteilungen. 

Der Vtrkf UM Heh im» auseckUeßHck» HecM der Vervielfältigung und Verbreitung der in Meter Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden OHginalbeiträg» vor. 


•Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Ans dem Kriegslazarett zu Florenville und Sedan. 

Erfahrungen über die Behandlung 
tob Schußknochenbrüchen mit Dlstractions- 
klammerverbänden *) 

(mit 10 Zeichnungen*) und 8 Photographien) 
von 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Hackenbruch, Wiesbaden. 

Die mir zur Verfügung stehende Erholungsfrist von den 
Strapazen einer vierteljährigen Teilnahme am Feldzug in 
Belgien und Frankreich will ich nicht unbenutzt lassen und 
in kurzen Worten meine Erfahrungen über die Verwen¬ 
dender Distractionsklammerbehandlung der Schuß - 
frakturen der Extremitäten zum Besten unserer 
tapferen Verwundeten niederlegen. 

Da mir anfänglich nur wenige Distractionsklammern 
zur Verwendung standen und deren spätere Nachbeschaffung 
begreiflicherweise nicht mit erwünschter Schnelligkeit er¬ 
folgen konnte, so kann ich zurzeit nur über 21 Knochen¬ 
brachfälle berichten, welche mitDistractionsklammerverbänden 
behandelt wurden. Hiervon waren 16 komplizierte Schu߬ 
frakturen; bei den übrigen fünf Fällen handelt es sich um 
nichtkomplizierte Brüche der Extremitäten. 

Die Erfahrung hat gelehrt, daß auch bei sehr schweren 
Schußfrakturen der Extremitäten, welche verbunden sind mit 
ausgedehnten Zertrümmerungen der Knochen und großen 
fetzigen Weichteil wunden, die angelegten Distractions- 
klammerverbände Gutes geleistet haben. Selbst in einzelnen 
fast trostlosen Fällen von schweren Granatschußverletzungen 
Extremitäten, wobei die Amputation dieser Glieder in 
direkte Frage kam, ist es mit Hilfe der Klammer verbände 
gelungen, sowohl die in mehrere Stücke zerrissenen Knochen 
in gute Stellungen zueinander zu bringen, als auch die Hei¬ 
lig der komplizierten Weichteilwunden sehr günstig zu be- 
einflussen, sodaß die Amputation der durchschossenen frak- 
tarierten Glieder vermieden wurde. 

Da ich in Friedenszeiten nur eine verhältnismäßig ge- 
nnge Anzahl von komplizierten Frakturen mit Distractions- 
klammerverbänden behandelt habe, möchte ich jetzt beson- 

5 kit Drackvenehmigung des FeldBanitfitschefs. 
v Nich vorliegenden Röntgenaufnahmen genau mittels Storch- 
wbmW «ugeführt von Herrn Lithograph Hch. Wirth in Wiesbaden. 

□ igitized by Google 


ders die Erfahrungen der Klammerbehandlung bei den kom¬ 
plizierten Schußfrakturen schildern. Es kamen diese Schu߬ 
frakturen der Extremitäten zumeist einige Tage oder Wochen 
nach der Verletzung in mehr oder wenig gutliegenden Not¬ 
verbänden, fast alle mit eiternden Schußwunden in unsere 
Behandlung und die Beobachtung hat gezeigt, daß 
selbst dann noch eine gute Beeinflussung der 
Knochenfragmente durch die Klammerbehandlung 
erreicht wurde, wenn auch die Schußverletzun^ 
schon Wochen alt war. 

Nachdem uns ein Röntgenapparat zur Verfügung stand 
(in Sedan), wurden die Verwundeten mit Extromitätenschüssen 
alsbald nach der Aufnahme röntgenographiert in den Ver¬ 
bänden, in welchen sie bei der Aufnahme ins Kriegslazarett 
gelangten. Die Röntgenaufnahmen zeigten, selbst bei an¬ 
scheinend gutsitzenden Contentivverbänden, meistens schlechte 
Stellungen der Knochenbruchstücke zueinander. 

Vor Entfernung der Notverbände und in vielen Fällen 
auch vor der Röntgenaufnahme der frakturierten Glied¬ 
maßen, wobei die auf den Wundtäfelchen bezeiebnete Dia¬ 
gnose des Sitzes und der Art des Knochenbruchs die zweck¬ 
entsprechende Lagerung der Röntgenplatte zur Aufnahme in 
erfreulicher und dankenswerter Weise erleichterte, wurde 
0,02 Morphium subcutan verabreicht. Die hierdurch erzielte 
Herabsetzung der Schmerzempfindung genügte in den aller¬ 
meisten Fällen, um die Abnahme des Notverbandes und die 
sofortige Anlage des Klammerverbandes in Ruhe vorzu¬ 
nehmen. Nur in einzelnen Ausnahmefällen war die Ein¬ 
leitung der allgemeinen Narkose notwendig. Bei schweren 
Granat- oder Schrapnellschußverletzuogen an den oberen 
Extremitäten wurde mehrmals die supraclaviculäre Plexus¬ 
anästhesie (Kulenkampff), kombiniert mit der subcutanen 
Umspritzung am Oberarme, mit bestem Erfolg in bezug auf 
die Erzeugung vollständiger Schmerzlosigkeit ausgeführt. 

Von besonderer Wichtigkeit sind für die Anlage von 
Di8tractionskIammerverbänden folgende vier Momente: 

1. Dürfen die Verbände nur in Beugestellung der 
benachbarten Gelenke im Sinne Zuppingers angelegt 
werden, da in Beugestellung der Gelenke die Muskelspannung 
den geringsten Grad aufweist. 

2. Um mit Sicherheit Decubitus zu vermeiden, 
müssen die mit pulverisiertem Gummi (Faktis) weich ge¬ 
füllten, manschettenförmigen Polsterkissen ganz in äicke 

Original frorri 

UNIVERSITV OF IOWA 





62 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17. «Januar. 


Walte eingeschlagen werden, damit sie später mit dem 
Gipsverbande nicht verbacken können und so zu jeder 
Zeit ein federndes, nachgiebiges Polster abgeben. (In Er¬ 
mangelung von solchen Faktiskissen habe ich mir mit im¬ 
provisierten Wattekissen geholfen, welche folgendermaßen 
hergestellt werden: Handbreite Wattestreifen werden in der 
Länge, welche der Ausdehnung des Gliedumfangs entspricht, 
in mehreren Lagen in etwa 6 cm Dicke übereinander auf 
einem Tische liegend geschichtet; dann werden diese ge¬ 
schichteten Wattestreifcn in eine breite Mullbinde eiuge- 
schlagen, sodaß sie das Aussehen eines dicken Faktiskissens 
bekommen. Diese in Mall eingowickelten Wattekisi-en werden 
sodann wie die Faktiskissen wieder in Watte eiü gepackt, 
um wie letztere zur Polsterung verwendet zu werden.) 
Ferner ist es zur Vermeidung des Eintritts von De¬ 
cubitus nötig, möglichst frühzeitig aktive Bewe¬ 
gungen in den benachbarten Gelenken vornehmen 
zu lassen. 

3. Um diese aktiven Gelenkbewegungen zu er¬ 
möglichen, ist es nötig, die Fußplatten der Klammern 
so einzugipsen, daß ein Paar der sieb diametral 
gegenüberstehenden Kugelgelenke möglichst in die 
Drehungsachse des zu bewegenden benachbarten 
Gelenks zu liegen kommt. 

4. Der weiter unten näher beschriebene Sicherungs¬ 
bügel soll nach ausgefülirter Distraction sofort in 
dio Drehlöcher der Gewindestäbe eingesteckt werden. 

^ r ach diesen allgemein gültigen Sätzen für die Behand¬ 
lung der Scbußknoehenbrüche mit Distractionsklamnn-rn soll 
die spezielle Technik der Verbandanlage an dom Bei¬ 
spiel einzelner Knochenschußbrüche beschrieben und dieselbe 
zuerst bei den unteren, dann bei den oberen Extre¬ 
mitätenschußfrakturen erläutert werden. 

Beiden komplizierten Schußfrakturen der Unter¬ 
schenkolknochen — mögen dieselben nun in der Gegend 
der Knöchel, des Fußgelenks oder oberhalb des letzteren, 
im mittleren oder oberen Drittel des Unterschenkels oder 
gleichzeitig an mehreren Stellen ihren Sitz haben — werden 
die gebrochenen Knochen des auf dem Operationstische ge¬ 
lagerten Verwundeten in fast rechtwinkliger Beuge¬ 
stellung des Kniegelenks durch Zug am Fuße möglichst 
reponiert, während der Oberschenkel bei Beugestellung 
im Hüftgelenke von den beiden Händen eines Gehilfen 
oder durch den Verwundeten selbst in der Art fixiert wird, 
daß die Kniescheibe nach vorn oben schaut. Die Fußspitze 
muß bei dieser Beugestellung des Beins in die gleiche Rich¬ 
tung nach oben sehen, wohin auch die Kniescheibe zeigt. 
Unter Beibehaltung der Gelenkbeugestellungen werden die 
vorher in Watte eingepackten Faktis- oder Wattekissen 
oben an dem Tibiakopf und unten um die Knöchel, die Ferse 
und den Fußrücken gelegt und durch Bindentouren (Mull-, 
Cambrie- oder Fianellbinden) dort fixiert. Auf die Weichteil¬ 
wunden werdenbeibcstehenbleibendon Beugestellungen imHüft- 
und Kniegelenke, sowie bei dauerndem Zug am Fuße dicke 
sterile Gazetupfer aufgelegt und von Gehilfen fingern dort 
festgehalten, worauf der ganze Unterschenkel von den Zehen 
bis zur Kniescheibe leicht eingewickelt wird, sodaß die auf 
die Wunden aufgelegten Tupferbäusche buckelförmig sich 
markieren oder besser noch zwischen den Bindetouren frei 
herausschauend erkennbar bleiben. Dann wird oberhalb der 
Knöchel ein etwa 5 cm breiter Wattestreifen circulär um 
den Unterschenkel gelegt. Dieser Wattestreifen dient dazu, 
die Haut gegen ungewollte Verletzungen beim späteren circu¬ 
laren Durchschneiden des Gipsverbandes zu schützen. So¬ 
dann wird der Unterschenkel von den Zehen bis zum Knie 
mit einigen (drei bis vier) Gipsbinden eingewickelt, wobei 
die buckeJförmig vorspringenden Stellen der Tupfer, unter 
welchen die Schußwunden liegen, möglichst von Gips frei¬ 
gehalten werden, damit dort an den Wundstellen die Fenster 
im Verbände später leicht ausgeschnitten werden können. 


Zweckmäßig ist es, zur Verstärkung des Gipsvorbandcs 
zwei bis drei Schusterspäne eiDZulcgen, welche aber vom 
Knie herab nur bis zu der späteren circuläron Trennungs- 
Stelle des Gipsverbandes reichen dürfen. Ferner hat es sich 
als praktisch erwiesen, den Gipsverband nur so hoch anzu¬ 
legen, daß der Watterand des angelegten Faktiskissens den 
freien Gipsrand etwas überragt. 

Sobald dor Verband zu ei härten beginnt (was bei gutem 
Gips nur einige Minuten dauert), wird durch Zirkelschnitt 
mit einem Mosser dicht oberhalb der Knöchel der Gips¬ 
verband über dem vorher eingelegten Wattestreifen in zwei 
Teile getrennt und dann werden sofort innen wie außen in 
Längsrichtung des Unterschenkels die Distractionsklammcrn 
angedrückt, sodaß sich die Fußplatten der Klammern leiriit- 
spurig in den Gips einpressen und durch Gehilfenhand so fest- 
gehalten, daß die einander gegenübcrstchenden unteren 
(dLtalen) Kugelgelenke ungefähr in die Drehungsachse dos 
Fußgelenks zu liegen kommen. Letzteres Postulat anatomisch 
genau auszuführen, ist nicht nötig, da dank der Größe der 
Kugelgelenke und nach deren Lösung es später möglich ist, 
aktive Bewegungen in den betreffenden Gelenken ausfiihrcn 
zu können, wenn auch deren diametrale Achse in der Lage 
etwas differiert von der Lago der eigentlichen Gelenkachso; 
zuweilen zwingen auch dio Wund Verhältnisse eine Abscils- 
lagerung der Achse der später zu lösenden distalen Kugel¬ 
gelenke von der eigentlichen Gelenkachso; selbst aber müssen 
die zu lösenden Kugelgelenke stets möglichst diametral ein¬ 
ander gegenüber angelegt werden. 

Die oberen am Uuterscho tkol in Längsrichtung fcst- 
gehaltenen Fußplatton der Klammern werden darauf schnell 
durch Gipsbinden fixiert, sodann dio unteren parallel zur 
Fußachse gehaltenen Faßplatten in gleicher Weise aogegipst. 
Sofort nach Erhärtung des Verbandes wird, während 
der Unterschenkel in Beugestellung des II Ci ft- und 
Kniegelenks in horizontaler Lage gehalten bleibt, 
jedes der vier Kugelgelenke der Klammern mitdem 
Schlüssel fest fixiert; dann wird dio Distraction dor 
beiden Teile des Gipsverbandes durch Umdrehen 
der Gowindestäbe der angegipsten Klammern — ab¬ 
wechselnd innen und außen — begonnen und diese 
Drehung soweit fortgesetzt, daß ein deutliches, 
mehrere Zentimeter weites Klaffen der Spaltränder 
im Gipsverband auftritt. 

Die Auslührung der Distraction ist für den Verletzten 
erfahrungsgemäß sehmerzb s und durch dieselbe wird der 
eigentliche Knochenbruchschmerz stets deutlich vermindert, 
was alle Verletzten spontan und auf Befragen anzugeben 
pflegen. Tritt aber bei weiterer Distraction schmerzhaftes 
Druckgefühl am Knie sowie am Fußrückin und an den 
Knöcheln auf, so muß vorläufig mit weiteren Umdrehungen 
der Gewindestäbe im Sinne der Distraction aufgehört wenleD. 
Gleichzeitig kann man durch Betasten des im Gipsspalte 
fühlbaren Unterschenkelteils feststellen, daß eine mehr 
oder weniger deutlich fühlbare Spannung der Haut- 
und Weichteile daselbst eingetreten ist. Eröffnet 

man jetzt die unteren, in dor Gelenkachse diametral sich 

gegenüberstehenden Kugelgelenke, so kann der Ver¬ 
wundete aktiv und schmerzlos kleine Bewegungen 
im Fußgelenk ausführen. Zweckmäßig ist es aber, die 
unteren Kugelgelenke nach diesen Versuchen wieder fest ?» 
schließen und für einige Tage fixiert zu halten; nur bei den 
ärztlichen Visiten läßt man nach Lösung der unteren Kugel¬ 
gelenke in den ersten Tagen nach der Anlage des Klammer* 
verbandes kleine aktive Bewegungen ausführen. . . .. 

An dem noch feuchten Gipsverbande werden jetzt m 
starker Schere die durch die aufgelegten Tupfer deutne 
erkennbaren Stellen, unter welchen die Schußwunden liege , 
zu genügend weiten Fenstern ausgeschnitten, sodaß dies 
Wunden ordentlich verbunden werden können. Eh® 
Patient zu Bett gebracht wird, steckt man in 


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17. Januar. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8 


63 


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Drehlöcher der Distractionsgewindestäbe einen 
federnden Drahtbügel (Sicher ungsbügel), über welchen 
weiter unten näheres gesagt werden soll. 

Einige Tage, spätestens eine Woche nach der 
Anlage des Klammerverbandes können bei Unter- 
sclienkelschußbriiehen die in der Gelenkachsc des Fu߬ 
gelenks eingegipsten Kugelgelenke der Klammern dau¬ 
erndgelöst bleiben, sodaß Patient jederzeit aktive 
Bewegungen im Fußgelenk ausführen kann. Nötig 
ist es aber dann, daß die Schraubengänge der beiden Ge¬ 
windestäbe fixiert werden; denn läßt man die unteren Kugel¬ 
gelenke zur aktiven Bewegung des Fußgelenks offen, so hat die 
Beobachtung gelehrt, daß besonders durch die Erschütterung 

beim Umhergehen die 
Gewindestäbe sich zu- 
riickzudrehen pflegen, 
wodurch der Spannungs¬ 
grad der Distraktion 
vermindert wird. Zur 
Fixierung der Gewinde¬ 
stäbe hat sich seit l 1 /* 
Jahren folgende einfache 
Vorrichtung sehr be¬ 
währt: diese besteht aus 
einem federnden, aber 
noch etwas biegbarem 
halbkreisförmigenDraht- 
bügel (siehe die Abb. 2, 
6. 14 und 17), dessen 
freie Enden in einer 
Länge von 1 cm nach 
innen winklig abgebogen 
sind. Steckt man das 
eine abgebogene Ende 
dieses Sicherungsbügels 
in ein Drehloch des Ge¬ 
windestabs der äußeren 
Klammer, so kann man 
infolge der Federung des Bügels 
das andere abgebogenc Ende in 
ein Drehloch des Gewindestabs 
der inneren Klammer 
schnappen lassen. 

Hierd u rch wirdein 
spontanes Drehen 
der Gewindestäbe 
selbst unmöglich 
gemacht: der Siche¬ 
rungsbügel sitzt so 
fest und ist von hin¬ 
reichender Stärke, 
daß man das Bein an 
ihm in die Höhe heben 
kann, was zuweilen 
beim Verbandwechsel 
oder zur Aenderung 
der Lage der Ex¬ 
tremität von gutem 
Vorteil für den Ver¬ 
wundeten ist. Zudem 
verleiht der einge¬ 
steckte Sicherungs¬ 
bügel dem angegip¬ 
sten Klammerpaar 
und zumal bei er- 
öffneten Kugelgelen¬ 
ken auch dem ganzen 
Klammerverbande 
sinen höheren Grad 
ler Stabilität. 


Von beistehenden Abbildungen veranschaulicht Abb. 1 das Röntgen- 
hild eines komplizierten Schußknochenbruchs beider Unterschenkel¬ 
knochen: Abb. 2 zeigt das Bild des Verwundeten selbst, welcher sofort 
nach Anlage des Distractionsklammerverbandes so wenig Schmerzen ver¬ 
spürte, daß er sogleich stehend bei noch feuchtem Gipsverbande photo¬ 
graphiert werden konnte. 

Handelt es sieb um eine Schußverletzung des Unter- 
| Schenkels, welche außer der Zertrümmerung der Knochen 
auch noch eine erhebliche Weichteilzerreißung mit hand- 
j langer Wunde oder mehrere konfluierende Wunden verur¬ 
sacht hat, so können auch in solchen Fällen die Distractions- 
klammern mit großem Vorteil verwendet werden. 

Nach möglichster Einrichtung der zerschossenen Knochen 
in der oben beschriebenen Beugestellung der Gelenke und 
durch sanft anschwellendes Ziehen am Fuß wird zuerst 
(nach Belegung der Wunden mit Tupfergaze) eine zarte Ein¬ 
wicklung der ausgedehnten Wunden mit einer Mullbinde vor¬ 
genommen, und zwar so, daß die äußersten Wundränder 
nach oben am Knie und nach unten am Fuß eben mit- 
bedeckt werden, während die übrige Haut am Unterschenkel 
und Fuße sowie am Knie freibleibt. Dann nimmt man zur 
Distanzabmessung der räumlich großen Wunden die längste 
der Distractionsklammern und hält deren unteres Kugel¬ 
gelenk in der Gegend der Fußgelenksachse an den äußeren 
Knöchel und dreht mit den Fingern den Gewindestab so 
lange, bis daß der Fußpunkt des oberen Kugelgelenks ober¬ 
hall) der oberen Grenze der Hautwunde zu stehen kommt. 
Sodann richtet man die andere zugehörige Klammer auf 
einem Tisch zu gleicher Länge im Auseinanderstehen der 
Fußpunkte der Kugelgelenke aus und stellt letztere leicht 
lösbar fest. 

Es ist nun nicht nötig, daß man um den ganzen 
Unterschenkel einen Gipsverband anlegt, aus wel¬ 
chem man später der Wundversorgung wegen ein 
großes, breites, manschettenförmiges Stück durch 
oberen und unteren Zirkelschnitt aussehneiden 
müßte, sondern es ist einfacher, in solchem Falle 
von vornherein zwei Teile eines Gipsverbandes herzu¬ 
stellen. welche erst durch die später anzubringenden 
Klammern zu einem Stütz verbände vereinigt werden. 
Man legt demnach über in Watte gepackte Faktiskissen (oder 
improvisierte Wattekissen) sowohl am Fuße bis dicht über die 
Knöchel, als auch am Knie (von der Kniescheibe herab bis 



Abb. 1. (Zu Abb. Ü gehörig.) 

Kdo. Benedikt. 25 Jahre. Schußbruch beider Unter' 
ttheakflknorben dicht unterhalb des Tibiakopfes. 
Anbei de« bistractioui'kl&roTOerverbaudes 14 Tage 
nvh der Wrletzung: gute Stellung des Fragments. 



Abb. 2. 

25 J.hro. Sei 
k^PfsebenkeJknoc 
SL«^b de, Tibiakop 
U l?* 4 * *° fort Aul 
” rWtl0n,k,Äm,nerVer,>ar 
,j 4i ; C f d {' hot °|raphiert. Mau erke 
und 

«MWwktM Sichenmgibügel 


liinein- 



Abb. 3 (mit Abb. 4 zu vergleichen». 
Kaspar, 27 Jahre. Splitterschußbruch bei- 
Unterschenkelknocben durch Schrapnell 
tfotverbaDd ; einige Bleistücke sind sicht- 
Starko Dislokation der gesplitterten 
gmente mit Verkürzung des Unterschen 
(Eiuschuüwunde hinten, vorne hand- 


Abb. 4. 

H. Kaspar, 27 Jahre. Splitterschußbrach beidor Unter- 
scheukelknochen durch Schrapnell im Distractiousklammer- 
verbände: Die Bruchstücke stehen gut zu einander, die 
Verkürzung ist ausgeglichen durch den dietrahierenden 
Zug der Klammern. Einige Bleistürko sind sichtbar. (Hand¬ 
große vordere Ausschußwunde.) 


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Original frum 

UMIVERSITY OF IOWA 









64 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17. Januar. 


zum oberen Ende der Wundränder) je einen Gipsverband 
von "genügender Dicke an, braucht jedoch deren Erhärten 
nicht erst abzuwarten, sondern befestigt sofort durch Gips¬ 
bindetouren die beiden vorher in nötiger Länge (der Wund¬ 
größe entsprechend) ausgerichteten Distractionsklammern — 
innen und außen — als seitliche, bügelförinig abstehende 
Schienen an die beiden, am Knie und Fuße gelegenen Gips¬ 
teile. Hierbei muß besonders darauf acht gegeben werden, 
daß die beiden unteren distalen Kugelgelenke ungefähr in 
die Achse des Fußgelenks zu liegen kommen. 

Nach Erhärtung des Verbandes werden die sämtlichen 
Kugelgelenke sehr fest zugeschraubt und die Distraction 
wird begonnen und bis zu dem erforderlichen Grade durch¬ 
geführt. 

Unter den henkelförmig abstehenden Klammergewinde¬ 
stäben kann jetzt in vorsichtiger Weise ohne Schmerzerre¬ 
gung der Wundverband erneuert werden. Bei großen secer- 
nierenden Wunden war es zuweilen nötig, zwei- bis dreimal 
am Tage die mit Wundsekret und Eiter angefeuchtete Ver¬ 
bandgaze zu erneuern, um den Gipsverband gegen die Nässe 
des Sekrets zu schützen. In solchen Fällen (Abb. 5 und 6) 

kann man tagsüber die 
Wunden stundenweise 
ganz ohne Verband 
lassen und so, den mo¬ 
dernen Anschauungen 
Rechnung tragend, den 
Zugang von Licht und 
Sonne oder künstlichem 



Abb. 5 (au Abb. 6 geburig). 

U. Kaspar, 27 Jahre, Splitterknochenschu߬ 
bruch beider CFnterschenkelknochen im Distrac- 
tionsklammorverbande: man erkennt die band 
grobe vordere Ausschußwunde, welche unter 
den henkelfürmig abstehenden Klammern leicht 
zu verbinden ist. 


Licht als Heilfaktoren 
benutzen, während die 
Extremität liegend auf 
den Rändern einer 
Schüssel, in welche das 



H. Kaspar. 27 Jahre, Schußfraktur 
beider Unterschenkelknoehon mit großer 
Ansschußwunde im Distractions- 

klummerverbande, stehend photogra¬ 
phiert 12 Tage nach Anlage- des Ver¬ 
bandes ; man erkennt, daß das Knie 
frei ist. 


Sekret abtropfen kann, von 
einem Draktgestell überdacht 
ist, das zur Abwehr der Fliegen 
einen Gazeschleier trägt. 

Sollte die nach einigen 
Tagen vorgenommene Röntgen¬ 
aufnahme ergeben, daß die Stel¬ 
lung der Bruchstücke noch nicht 
exakt erfolgt ist, so steht nichts 
im Wege, eine genaue Reposition 
der Bruchenden mit Hilfe ver¬ 
stärkter Distraction oder nach 
Lösung sämtlicher Kugelgelenke 
unter Verschiebung der unteren 
Bruchstücke gegen die oberen 
schmerzlos vorzunehmen. 

Audi bei den Schuß- 
knochenbriiehen mit aus¬ 
gedehnten Weichteilwun¬ 
den, in deren Tiefe die ge¬ 
brochenen Knochenenden frei 
zutage liegen, kann man 
einige Tage nach Anlage 
des Klammerverbandes die 
unteren Kugelgelenke lö¬ 
sen, worauf Patient im¬ 
stande ist, da ja Fixation 
und Distraction der Bruch¬ 
enden bestellen bleibt, 
schmerzlos seinen Fuß aktiv 
zu bewegen. Es berührt den 
zuschauenden Arzt im ersten 


Moment eigenartig, wenn er sieht, daß die Muskulatur 
in der Wunde entsprechend den Willensimpulsen sich be¬ 
wegt, ohne daß der Patient Schmerzempfinden äußert. 
Zuweilen kann man dabei beobachten, daß auch die blo߬ 


liegenden Knochenteile minimal an 
der Bewegung teilnehmen. Stets ist 
ferner die Möglichkeit vorhanden, bei 
den gefensterten Klammerverbänden die 
von unserm Meister Bier empfohlenen 
Wundheilfaktoren in Nutzanwendung 
zu bringen. 

Für gewöhnlich ist es ein leichtes, 
die mit Knochenschußbrüchen behafte¬ 
ten Verwundeten durch Zuspruch und 
Aufklärung zu veranlassen, schon einige 
Tage nach der Anlage des Distractions- 
klammerverbandes aktive Bewegungen 
mit der verletzten Extremität auszu¬ 
führen und eine bis zwei Wochen später 
aufzustehen, um zuerst mit Hilfe von 
Krücken, dann mit Stöcken zu gehen. 

Nachdem ich die Technik der An¬ 
lage der Distractionsklammerverbände 
bei Schußknochenbrüchen des Unter¬ 
schenkels eingehend beschrieben habe, 
kann ich mich, um den gesteckten 
Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu über¬ 
schreiten, beziehentlich dergleichen 
Verbände bei den Oberschenkelschu߬ 
brüchen kürzer fassen« da das Prinzip 
der Verbände, wonach die diametrale 



Achse der beiden sich gegenüberstehen¬ 
den Kugelgelenke immer ungefähr in 
die Achse des zu bewegenden Gelenks 
gebracht werden muß, stets das 
gleiche bleibt. 

Es geschieht die Anlage des Di- 
stractionsklammerverbandes bei 
einem 0 her schenk clschußbruch 
ebenfalls i n leicli- 


Abb. 7. 

N. Johann, 27 Jahre, Sani¬ 
täter. Frischer Knöchd- 
brueb, sofort nach Anlage 
dos Distractiousklammer- 
verbandes ohne Schmerzen 
freistehend photographiert. 
Kniescheibe froi oberhalb 
des Verbandos sichtbar. Man 
erkennt, daß das Watte 
polster der Faktiskissen den 
freien oberen Band des Gips 
verbandes überragt. 


ter Beuge- und 
Ab ductionsstcl- 
lung im zuge¬ 
hörigen Hült- 
gelenke sowie 
in leichter Beu¬ 
geste 1 lung des 
Knies. Das Hü ft- 
gelenk selbst 
bleibt außer- 

h alb des V e r- 
bandes ganz 
frei und es stützt 
sich der Verband 
oben gegen den 
Sitzbeinknochen, 
gegen die konisch 
anschwellende, 
Muskulatur des 
Oberschenkels und 
die äußere Becken¬ 
wandung, während 
nach unten zu der 
untere Abschnitt 
des circular durch- 



Abb. 8. 

, 27 Jahre. Leutnant. Orot 

tllckolbruch der linken Tibia 
uude unterhalb des Knie im 1 
idn. Nach Lösung der obe 
id aktive Bewegungen im Kni< 
schmerzlos möglich. 


trennten Klammer- 

gipsverbandes sich gegen die Condylen des Femur, den l ntei- 
schenkcl sowie gegen die Knöchel und den Fußrücken anstemmt. 

Nachdem der Verwundete auf die Borchardtsclic 
Beckenstütze gelagert ist, wird ein Faktiskissen ringfönmi- 
oben um den obersten Teil des Oberschenkels gegen den 
Sitzbeinknorren, ein zweites um die Condylen des reine 
und ein drittes um die Knöchel, die Ferse und den ’ 
rücken durch Bindetouren fixiert. Der Gipsklamniene 


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Original frnm 

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1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 


band reicht bei Oberschenkelbriichcn also von den 
Zehen bis ans Becken und läßt das Hüftgelenk zu 
flewegungen frei, während der circuläre Spalt im 
Gipsverbande dicht oberhalb der Femurcondylen und 
das distale Kugelgelenkpaar sich in der Drehungs¬ 
achse des Kniegelenks oder deren Nähe befindet, wie 
ps Abb. 9. 10 und 13 darstellen. 


Leistenbeuge zu anzulegen und den Fuß und Unterschenkel 
bis über die Femurcondylen unter Benutzung der geschil¬ 
derten Polsterung für sich einzugipsen und dann die schon 
zur nötigen Verlängerung auseinander gedrehten Distractions- 
klammern anzugipsen, aber immer so, daß die distalen 
Kugelgelenke ungefähr in die Drehungsachse des Knie¬ 
gelenks gelagert werden. Hierzu gebraucht man in ein¬ 
zelnen Fällen extra lange Distractionsgewindestäbe. 

Durch die Anwendung der Distractionsklammerver- 
bände in Beugestellung der Gelenke erzielt man über¬ 
raschend schnell eine bessere Stellung der Fragmente, 
wie diese die Abb. 9, 10 und 12 deutlich zeigen. 

Die Technik der Anlage des Distractions- 
k lamm er Verbundes für 
die Schußfrakturen der ■ 

Gelenke ergibt sieh 
nach dem bisher Ge¬ 
sagten von selbst. 

Fiir die Behandlung I 
derS c h u ß k n o c h e n 1) r ii c h e I 
der oberen Gliedmaßen 
mit Distractionsklammer- H 
verbänden gilt allgc- k B 

meinen das schon für die H 
unteren Gliedmaßen aufge- 9 
stellte Gesetz, wonach nur V 

in Beugestellung der be- I 
nachbarten Gelenke die 
Distractionsklam mer- 

verbände angelegt wer- \ I 

den sollen. Doch dürfte es vfl 

nötij 


Abb. 9 (zu Abb. 10 gehörig). 

Kni (Instar, 29 Jahre. Splitterschußbruch des linken 
f»brr*cbpT>kel* handbreit oberhalb des Knies im Distrac- 
tionsklamrnerTcrbande. Man erkennt, daß die zackigen 
[iracltendt-a uiit den Splittern in guter Stellung ge¬ 
richtet sind. 


wenige 

ul kurze Bemerkungen beizu- 
lügen. 

cht Bei den Schußbrü- 

1™' eben der Vorderarm¬ 
es; kn ochen muß bei der Ver- 
bandanlage der Vorderarm 
in Mittelstellung, die Hand 
er - in grader Verlängerung des 
Vorderarms und der Ell¬ 
bogen in spitzwinkliger Beuge¬ 
stellung gehalten werden. In 
Watte gepackte Faktiskissen 
kommen um das Handgelenk- 


Die Fenster im Oberschenkelanteil des k ° n F b , e K r8c *i enke J? hai 

n . . oberhalb des Knies, 

uipsverbandes werden in derselben W eise stehend photographier 
angelegt, wie wir es für die Unterschenkel- Äionskumm^terb! 
briielie beschrieben haben. Bei jenen ist es T* frei 1 

i . J lichcm Hüftgelenk am 

besonders wichtig, den Oberschenkelanteil Lösung de.- unteren 
des Gipsverbandes durch eingelegte Span- K ü ^e kö Do™ l breito W s?! 
schienen za verstärken. Sind mehrere Schuß- (iipsverban k d 00 nb a ' r UJU,li 
wunden daselbst vorhanden oder Einschnitte 
zur besseren Drainage nötig, so ist es ebenso wie bei derartigen 
l nterschenkelbriichen zweckmäßig, den Gipsverband primär 
in zwei Teüen herzustellen, das heißt zuerst einen mehr oder 
weniger breiten Faktiskissengipsring hoch oben nach der 


Abb. 13 (zu Abb. 12 gehörig). 

K., 22 Jahre. Schußbrnch des linken 
Oberschenkels durch Schrapnell, vier 
Tage nach Anlage des Distraotions- 
klammer verbandes. 


Abb. 14 . 

A.. Wilhelm, 27 Jahre. Granat.«« 
let/ung des rechten Vorderarmes mi 
dehnten Weicbteilwonden und /eri 
ruug beider Vorderarmknochen und de 
wurzel im Argooner Wald aru 6. 
1914. Distractionsklammerverbaud am 
tober 1914. Man erkenut, daß um 
bügelförmig abstehenden Klammei 
Wundvorsorgung bequem ausgeführt 
kann. 


Lbb. 12 zu vergleichen), 
iruch des linken Oberschenkels 
Jktober 19H bei Tahure im Not- 
star k dislociert und Bein ver¬ 
eint einzelne Bleisttlcko. 


Abb. 12. 

K., 22 Jahre. Schußbruch des linken Oborschonkels 
durch Schrapnell zwei Tage nach Anlage des Distrao- 
tionsklamrnerverbandes. Man erkennt, daß die beideu 
Bruchenden erheblich besser stehen. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17. Januar. 




und den Ellbogen zu liegen und besonders ist darauf 
Bedacht zu nehmen, die ulnare Kante des Vorderarms mit 
Watte gut zu polstern. Die circulare Durchtrennung des 
Gipsverbandes geschieht dicht oberhalb (proximal) des Hand¬ 
gelenks und die in Längsstellung an der radialen und 
ulnaren Kante des Vorderarms angegipsten Klammern werden 
so befestigt, daß die distalen Kugelgelenke möglichst in die 
Drehungsachse des Handgelenks zu liegen kommen. 

Für das Zugänglichniachen der Schußwunden und die primiire 
Anlage von zwei, durch die beiden Klammem zu vereinigenden Gips¬ 
verbänden gilt das für die Unterschenkelschußbrüche Gesagte und wird 
durch Abb. 14 illustriert. 

Zur Anlage derDistractionsklammerverbände bei Ober¬ 
arm schußbrüchen wird der Oberarm im Schultcrgelenk 
in rechtwinklige Abduction gebracht, und zwar bei spitz¬ 


aktiver Bewegungen gelöst werden und auch gelöst 
bleiben Patient, der vorher vielleicht sehr über Schmerzen 
bei Bewegungen geklagt hat, wird fast stets sofort schmerz¬ 
frei und man ist überrascht, daß er sogleich aktive Beuge- 
und Streckbewegungen im Ellbogengelenk ohne Schmerz¬ 
empfindung ausführen kann; das Sciniltergelenk selbst bleibt 
frei beweglich (Siehe Abb. 15, 16. 17 und 18.) 

Auch die Schußverletzungen am Hand-. Ellbogen- und 
am Schultergelenke werden durch die Anlage des distrahieren- 
den Klammerverbandes außerordentlich günstig beeinflußt 
und nach unsern Erfahrungen meist sofort schmerzlos bei 
freier aktiver Beweglichkeit. 

Durch die im Krieg an den Schußknochenbrüchen 
gemachten Erfahrungen werden somit unsere schon im 


Frieden 


Abb. 15 (mit Abb. 16 vergleichen). 

M. .Johann. Splitterschußbmch dos rechten 
Oberarms handbreit oberhalb des Ellbogens 
mit starker Dislocation der Bruchenden. 


Abb. 16. 

M. Johann. Splitterschnßbruch des rechten 
Oberarms handbreit oberhalb des Ellbogens 
ein Tag nach Anlage des Distractions 
klammerverb&ndes; man erkennt, daß die 
BrochStUcko gut eingerichtet 
gegenüberstehen. 


aufgestellten Behauptungen, wonach unter Ver¬ 
wendung der Distrac- 
tionsklam m erbe hau d- 
lung der Frakturen 
es in allen Fällen 
gelingt. bald und 
schmerzlos eine mög¬ 
lichst anatomisch ge¬ 
naue Einrichtung der 
zerschossenen Kno¬ 
chen zu erzielen und 
— unter gleichzei¬ 
tiger Fixation der 
Knochenfragmente in 
guter Stellung zuein¬ 
ander — den Verwun¬ 
deten die Möglichkeit 
zu geben, die benach¬ 
barten Gelenke aktiv 
und schmerzlos be¬ 
wegen zu können. Daß 

PS f e r n P r p-l f» i P h 7 P i t i er ^Schultergelenk ist freigelassen. 

Patient kann aktiv und ohne 


Abb. 17 (zn Abb. 16 gehörig). 
M. Johann. Splittorschußbruch 
dos rechten Oberarms handbreit 
oberhalb des Ellbogens im 
Distractionsklammerverbande : 


Schmerzen den Arm sofort im 
Ellbogen- und Schultergelenke 
bewegen. 


einander 


winkliger Beugung des Ellbogens, während der Vorder¬ 
arm in Mittelstellung gehalten wird. In die Achselhöhle 
wird ein Wattepolster gelegt und über dieses das in Watte 
gepackte breite Faktiskissen um das Schultergelenkende des 
Oberarms geschlagen und mit einer Mullbinde befestigt. Die 
Gegend der Schulterhöhe zu polstern, ist nicht nötig, da bei 
der späteren Distraction dort der Gipsverband vom Knochen 
abgeschoben wird. Um die Kondylen des Oberarms wird 
bei spitzwinkliger Beugestellung des Ellbogens das Faktis¬ 
kissen so gelegt, daß die beiden sich kreuzenden Enden des¬ 
selben auf der Beugemuskulatur des Vorderarms dicht an 
der Ellenbeuge aufliegen. Dicht oberhalb des Ellbogen¬ 
gelenks wird am Oberarme der Verband circular durch¬ 
trennt, worauf die Klammern innen und außen längs ge¬ 
stellt, am Oberarm und oberen Vorderarmende so angebracht 
werden, daß die Achse der diametral sich gegenüberstellen¬ 
den Kugelgelenke möglichst in die Gelenkachse des Ell¬ 
bogens zu liegen kommt. Die oberen Fußplatten der Klam¬ 
mern stehen somit in Längsstellung, die beiden unteren in 
winkliger Stellung zu den Gewindestäben im Gipsverbande, 
parallel der Längsachse des winklig gebeugten Vorderarms 
im Ellbogengelenke. Bei der Distraction stemmt sich der 
obere Teil des Gipsverbandes gegen die axillaren Muskel¬ 
pfeiler und die seitliche Thoraxwand; der untere Teil drückt 
gegen die Knochenvorsprünge an den Oberarmkondylen und 
gegen das vordere Muskelpolster des Unterarms dicht an 
der Ellenbeuge Nach der Distraction und nach Ein st ecken 
des Sicherungshügels können dann die unteren 
Kugelgelenke der Klammern sofort zur Vornahme 


möglich ist, unter den 
abstehenden Klam- 
m e r h e nk ei n d i e W e i c h- 

teilwunden in ordentlicher Weise lind ohne 
Schmerzerzeugung verbinden und unter An¬ 
wendung der allbekannten Maßnahmen zur Heilung führen 
zu können, macht das Verfahren der Distractions- 
klam merbehan d- 
1 u n g der S c h u ß- 
brüche gerade für 
die Kriegsverletz¬ 
ten sehr wertvoll. 

Hierzu kommt, daß 
auch die Verwunde¬ 
ten mit Scliuß- 
knochenbrüchen 
der unteren Ex¬ 
tremitäten schon 
kurze Zeit nach der 
erlittenen Verlet¬ 
zung imstande sind, 
das Bett zu ver¬ 
lassen, ein überaus 
großer Vorteil, dessen 
Bedeutung klar zutage 
liegt. 

Aus der sicheren 
Ueberzeugang, daß bei 
unseren tapferen Ver¬ 
wundeten nach unserer 
Erfahrung die in Kürze 
beschriebene Distrac- 
tionsklammerbehand- 
lung derKnochensclmß 


Abb. 18. 

N. Johann, 37 Jahre. Sohußsplitterbrucb Je* 
rechten Oberarmknootaens: mau erkennt, » .. 

gesplitterten Knochenenden durch den i* 
renden Zug der Klammern gut ausgeric ® ^ 

(Patient kann sein Ellbogen und Sohulterge 
aktiv und schmerzlos bewegen.) 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


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brüche in allen Fällen Gutes geleistet hat, schließe 
ich diesen kurzen Aufsatz mit dem herzlichen Wunsche, daß 
recht viele FachgenoBsen im Interesse der Kriegsverletzten 
die Distractionsbehandlung nutzbar machen mögen, damit 
recht viele Verletzte wieder militärdienstfähig werden oder 
wenigstens eine genügende Gebrauchsfähigkeit ihrer dem 
Wohie des Vaterlandes zum Opfer gebrachten Glieder zurück¬ 
erhalten. Die Dankbarkeit seitens der Verwundeten sowie 
die gezollte Anerkennung, welche die praktische Vorzeigung 
der Technik der Anlage der Distractionsklammerverbände 
bei Verwundeten mit Schußknochenbriichen an den ^ Ex¬ 
tremitäten bei einer Anzahl von Fachgenossen im Kriegs¬ 
lazarett Sedan mir zuteil wurde, -ermutigte mich zur 
schnellen kurzen Veröffentlichung meiner bisherigen Er¬ 
fahrungen im jetzigen großen Kriege. 


Angenyerletzungen Im Kriege und ihre 
Behandlung*) 

von 

Prof. Dr. C. Adam, Berlin. 


Sympathische Entzündung. 

Nach dem Kriegssanitätsbericht 1870/71 scheint das 
Auftreten von sympathischen Entzündungen besonders häufig 
zu sein. In 56 % aller Verletzungen, die die Voraussetzungen 
für eine sympathische Entzündung erfüllten, soll nach dem 
Bericht tatsächlich eine sympathische Entzündung aufgetreten 
P*in. Die Zahl ist so unglaublich hoch, daß wir sie wohl un¬ 
bedenklich als falsch bezeichnen können. Es kommt dies 
wohl daher, daß vielen Aerzten der Begriff der sympathischen 
Entzündung nicht ganz klar ist, daß sie jede Entzündung oder 
Heizung auf dem zweiten Auge als sympathische Entzündung 
ansprechen. 

Unter sympathischer Entzündung ist aber ein ganz be¬ 
stimmtes Krankheitsbild zu verstehen. In der größten Zahl 
der Fälle äußert sich die sympathische Entzündung als eine 
langsam verlaufende, häufig rezidivierende I r i d o c y c 1 i - 
t i s. die durch umfangreiche Verwachsungen des Pupillar- 
randes mit der Linsenoberfläche (hintere Synechien) zu Druck¬ 
steigerung und allmählichem Verlust des Auges führen. In 
selteneren Fällen äußert sich die sympathische Entzündung 
als eine Erkrankung der Aderhaut in Form kleiner rundlicher 
Herde oder als eine Entzündung des Sehnerven. Das sind 
aber nur seltene Abweichungen von dem hauptsächlichsten 
Bilde der Iridocyclitis. 

Sehr wichtig ist aber die Frage: In welchen 
Fällen haben wir an eine sympathische 
Entzündung zu denken? 

Notwendige Voraussetzungen für eine sympathische 
Entzündung sind: 

1. die Eröffnung des Augapfels (nicht penetrierende 
Verletzungen können niemals zu einer sympathischen 
Entzündung führen); 

2. das Auftreten einer chronischen Entzündung an dem 
verletzten Auge (Eiterungen des Augapfels in Form 
einer Panophthalmie oder eines Glaskörperabscesses 
führen ganz selten zur sympathischen Entzündung); 

3. begünstigend für das Auftreten einer sympathischen 
Entzündung ist die Lage der Verletzungsstelle in 
der Nähe des Corpus ciSare, jugendliches Alter des 
Patienten und die Anwesenheit eines Fremdkörpers 
in dem verletzten Auge. 

. ^ e ^ c ^ e8 sind die allerersten Zeichen 
7 „j sympathischen Entzündung ? Die ersten 
kpit a* SU1< * . ( * as Auftreten von Tränen und leichte Reizbar¬ 
es zweiten Auges. Das sind aber Erscheinungen, die 


Xr.2 1 49 ’ 50 ’ 51 ■ 52 des Jahrgangs 1914 um 

Jahrgangs 1915 dieser Wochenschrift. 


außerordentlich häufig sind und die als sicheres Symptom 
picht zu verwerten sind. 

Wichtiger ist das Auftreten einer ciliaren oder, was das¬ 
selbe ist, einer pericomealen Infektion, d. h. eines schmalen, 
blauroten Ringes um den Homhautrand herum. 

Noch wichtiger aber sind Akkomodationsstörungen. 
Diese äußern sich vor allem beim Sehen in die Nähe. Ein 
Patient, bei dem der Ausbruch einer sympathischen Entzün¬ 
dung zu befürchten ist, äußert, daß er mit dem nicht ver¬ 
letzen Auge, mit dem er bisher gut hat lesen können, plötz¬ 
lich feine Druckschrift nicht mehr erkennen kann. Werden 
solche Beschwerden auf dem nicht verletzten Auge ge¬ 
äußert, so muß das verletzte Auge unbedingt schleunigst 
enukleiert werden. Es ist dann zu hoffen, daß der Ausbruch 
einer sympathischen Entzündung durch die Enukleation noch 
vermieden werden kann. Ist die sympathische Entzündung 
einmal ausgebrochen, d. h. sind Verfärbung der Iris, hintere 
Synechien, Präcipitate bereits vorhanden, so ist jede Therapie 
machtlos. 

Eine sympathische Entzündung pflegt nur ausnahms¬ 
weise in den ersten 14 Tagen nach der Verletzung auszu¬ 
brechen; die gefährlichste Zeit ist die 4. bis 12. Woche. Ist 
diese Zeit überstanden, so ist die Gefahr zwar geringer, aber 
die Möglichkeit eines Ausbruchs besteht selbst nach Jahren 
noch. 

Die Infektion. 

Die Infektion kann ein Auge, das die Verletzungen 
selbst wohl überstanden hätte, noch nachträglich zerstören, 
ln seltenen Fällen macht sich die Infektion am gleichen oder 
folgenden Tage nach der Verletzung geltend. Tritt sie wirk¬ 
lich in dieser frühen Zeit auf, so pflegt sie im allgemeinen 
außerordentlich schwer zu verlaufen. Wir haben dies beson¬ 
ders dann beobachtet, wenn es sich um Verletzungen han¬ 
delte, die irgendwie mit Pferdehufen in Verbindung standen, 
wenn also z. B. beim Beschlagen eines Pferdes dem Schmied 
ein Splitter ins Auge flog oder wenn das Auge durch einen 
Hufschlag verletzt wurde. Meist tritt sie erst in den nächsten 
Tagen auf. Zunächst erscheint eine starke ciliare Infektion 
und eine Schwellung der Skleralbindehaut, dann ist aber, je 
nachdem der Infektionsträger sich an der Wunde selbst oder 
im Innern lokalisiert, das Verhalten ein verschiedenes. Im 
ersteren Falle quellen die Wundränder auf und färben sich 
graugelblich bis gelb, wobei sich die Trübung auch bis über 
die ganze Hornhaut erstrecken kann. Die Iris wird verfärbt, 
am Boden der Vorderkammer sieht man Ansammlung von 
Eiter (Hypopyon). Zuweilen ist damit die Kraft der Infek¬ 
tion erschöpft und der Bulbus kann sich eventuell wieder 
erholen. In schwereren Fällen kann aber auch die Infektion 
ihren Weg in das Auge hinein haben und diese durch eine 
Panophthalmie vollkommen zerstören. 

Tritt die Infektion zunächst im Augeninnem auf, wie 
dies bei infizierten, in das Auge eingedrungenen Fremd¬ 
körpern zu sein pflegt, so ist von der Eiterbildung zunächst 
wenig zu sehen, nur eine starke Schwellung der Bindehaut 
(Chemosis) und der Lider deuten auf einen stärker entzünd¬ 
lichen Prozeß hin, dann aber verfärbt sich die Iris, Hypopyon 
tritt auf und starke Schmerzhaftigkeit und Unbeweglichkeit 
des Auges deuten auf eine Panophthalmie hin. Ist die Viru¬ 
lenz der Bakterien nicht groß, so kann sich ihre Tätigkeit 
lediglich auf den Glaskörper beschränken; wir sehen dann, 
wenn das Pupillargebiet frei bleibt, aus dem Innern kommend 
einen gelblichen Reflex (Glaskörperabsceß). Frühzeitiges 
Auftreten des Hypopyon bei derartigen Fällen deutet auf eine 
besonders starke Infektion hin, solche Augen sind meist ver¬ 
loren. Das Auftreten nach dieser Zeit ist prognostisch gün¬ 
stiger. 

Infektionen des retrobulbären Raumes führen gewöhn¬ 
lich zu Orbitalphlegmonen; hierbei ist der Bulbus, 
sofern derselbe noch erhalten ist, unbeteiligt, er ist aber vor- 


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getrieben und unbeweglich. Starke Schmerzhaftigkeit und 
Oedem der Lider deuten auf die schwere Infektion hin. 
Differentialdiagnostisch können wir sagen: 

Besteht bei den gleichen Symptomen (Vortreibung, 
Schmerzhaftigkeit, starkes Oedem und Unbeweglichkeit des 
Auges) eine eitrige Iritis, so handelt es sich um eine Panoph- 
thalmie, fehlt diese, so handelt es sich um eine Orbital¬ 
phlegmone. _ 

Schuß in den Herzbeutel 

von 

Prof. Dr. Jenckel, Altona. 

Der Wehrmann Fr. B. aus Hamburg war am 17. September 1914 
in Frankreich beim Vorstürmen in vornübergebeugter Haltung durch 
eine französische Gewehrkugel vorn in den zweiten linken Intercostal- 
raum getroffen und dadurch kampfunfähig gemacht worden. Er hatte 
mehrere Tage Hämoptoe und fühlte sich anfangs schwerkrank. 
Später wurde er in einer mitteldeutschen größeren Garnison weiter¬ 
behandelt. Die dort gemachte Röntgenuntersuchung soll ergeben 
haben, daß die Kugel in der linken Lunge sich befand. B. wurde 
dann als revierkrank in seine Heimat geschickt, und da er sich 
nicht ordentlich erholte, zur Röntgenuntersuchung dem Städtischen 
Krankenhause in Altona überwiesen. Bei der Durchleuchtung 
(Prof. v. Bergmann) fiel der enorm große Mittelschatten auf. 
Die Röntgenaufnahme zeigte das Geschoß scheinbar unterhalb des 
Zwerchfells liegend; bei der Lagerung nach rechts und links 
wechselte auch das Geschoß seine Lage, indem es sich sofort an 
den tiefsten Punkt begab (s. Abb. 1). Es wurden drei Aufnahmen 
gemacht, im Stehen, in rechter und linker Seitenlagerung. Die 


;V * 



Abb. l. 

Form des Mittelschattens bewies den großen perikardialen Erguß. Von 
Herzaktion kaum etwas fühlbar. Bei der Perkussion bis zum dritten 
Intercostalraume herab schmale mittlere GefäßdämpfuDg, links an der 
dritten Rippe scharf horizontaler Verlauf, nach außen steil abbiegend. 

Perkutorisch keine besondere Herzvergrößerung. Links hinten 
unten die Kompressionszeichen wie bei perikardialem Ergüsse. Probe¬ 
punktion vorn außen links ergibt ein hämorrhagisch-seröses Exsudat. 
Fieberfreier Verlauf. Am 19. Oktober plötzlicher Temperaturanstieg 
auf 40, gleichzeitig mit Rachenrötung. Angina. 

Ära 20. Oktober 1914 Operation in Lokalanästhesie (Novocain¬ 


adrenalin 1 °/ 0 ) Querschnitt in Höhe der fünften Rippe. Resektion 
eines 4 cm langen Stückes vom Rippenknorpel. Ansehungen des 
Perikards und Eröffnung des Sackes. Entleerung einer großen Menge 
hämorrhagisch-seröser Flüssigkeit, die sich bakteriologisch als steril 
erwies. In Horizontallage konnte die Kugel durch den in den 
Herzbeutel eingeführten Finger nicht gefunden werden, auch bei 
Lagerung auf den Bauch gelang es nicht, das Projektil zu fühlen, 
erst beim Aufrichten des Oberkörpers fiel dasselbe plötzlich von 
oben herab; es hatte auf dem rechten Vorhofe gelegen und wurde 
entfernt. Das viscerale Perikard zeigte deutliche Auflagerungen. 
Ausspülung des Herzbeutels mittels physiologischer Kochsalzlösung. 
Hiervon wird ein Teil im Herzbeutel zurückgelassen, um eine Ver¬ 
klebung der Perikardblätter zu vermeiden. Schluß der Wunde im 
Herzbeutel durch Catgutnähte, Weich teilnaht, Verband. 

Patient konnte sofort nach der Operation vom Operations¬ 
tische herabspringen, sich die Kleider anziehen und den Weg in 
sein im ersten Stocke gelegenes Zimmer ohne Stütze zurücklegen. 

DerWeiterverlauf war reaktionslos. Die Wunde verheilte glatt. 

Die wiederholten Röntgenaufnahmen nach der Operation 
zeigten Luft und Flüssigkeit im Herzbeutel; die Flüssigkeit stellte 
sich bei aufrechter Stellung in horizontalem Niveau stets scharf 
ein, darüber die Luft, sodaß das Perikaid sich seitlich als scharfe 
Leiste deutlich abhebt (s. Abb. 2). Allmählich ging der perikardiale 
Erguß zurück, auch die Luft verschwand vollkommen. 



Abh. 2. 

Die Schlußuntersuchung am 28. November d. J. ergab ein 
im linken Ventrikel etwas hypertrophisches, stark schlagendes 
Herz, der Spitzenstoß ist hebend, an der Basis des Herzens ein 
deutliches systolisches Geräusch. 

Der sicher pathologische Befund einer Hypertrophie mit 
geringer Dilatation des Herzens ist daraus zu erklären, daß das 
Herz lange gegen den Widerstand des perikardialen Ergusses mit 
vermehrter Kräfteentfaltung hat arbeiten müssen, sodaß noch für 
lange Zeit hinaus ein Herzschaden resultiert, der die Felddienst¬ 
unfähigkeit für vier Monate wahrscheinlich macht. Ein Beweis, 
daß Verklebungen zwischen dem visceralen und perietalen Blatte des 
Perikards eingetreten sind, ist nicht zu erheben. Bei dem Verweilen 
von Luft im Herzbeutel während des Heilungsverlaufs ist es sehr wohl 
möglich, daß die sonst so oft eintretende Synechie vermieden wurde. 

Der Allgemeinzustand des Patienten hat sich sehr gehoben, der 
Mann fühlt sich vollkommen gesund und möchte bald wieder ins Feld. 

£ Uazembar 1914 zum Garnisondienst entlassen. 


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Klinische Vorträge. 


Ans der Medizinischen Abteilung dea k. k. Sophienspitals in Wien. 

Zar Pathogenese und Symptomatologie der 
Chlorose 

von 

Priv.-Doz. Dr. N. ?. Jagte, k. k. Primararzt. 

Die Anschauungen über die Pathogenese der Chlorose 
wurden in letzter Zeit immer wieder nach bestimmten 
Richtungen hin ausgearbeitet. Die große Bedeutung der 
Konstitution für die klinischen Erscheinungsformen verschie¬ 
dener Erkrankungen erfährt immer mehr die verdiente 
Würdigung. Schon vor zwei Jahren, als ich die Ehre hatte, 
gemeinsam mit meinem Lehrer, Herrn Prof. v. Noorden, 
die zweite Auflage der „Bleichsucht“ in Nothnagels 
Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie zu be¬ 
arbeiten, bot sich uns Gelegenheit, auf eine Reihe von 
Momenten hinzu weisen, die im obenerwähnten Sinne ver¬ 
wertbar waren. Da aber gerade im Laufe der letzten Jahre 
eine größere Zahl wichtiger Arbeiten auf dem Gebiete der 
Konstitutionslehre und ihrer Anwendung auf die Klinik 
veröffentlicht wurde, so liegt es nahe, diese Ergebnisse der 
Forschung, soweit es geht, auch auf das Gebiet der Chlorose 
zu übertragen. Für die Symptomatologie und Diagnostik 
dieser Erkrankung sind eine Reihe von Befunden erwähnens¬ 
wert, die einerseits im klinischen Bilde der Chlorose eine 
diagnostische Holle spielen, anderseits aber auch nach dem 
gegenwärtigen Stand unserer Auffassung nicht für die 
Chlorose als Krankheitsbild charakteristisch Bind, sondern 
nur als Ausdruck einer konstitutionellen Anomalie, auf deren 
Boden es zur Entwicklung der Krankheit Chlorose gekommen 
ist, aufzufassen sind. Auch Türk hält daran fest, daß sich 
die Chlorose ohne jeden Zwang jener Gruppe von Erkran¬ 
kungen anfügen läßt, welche auf Störungen der inneren 
Sekretion zurückzufUhren sind und bei denen sich so häufig 
Zeichen von Konstitutionsanomalien, wie Lymphatismus und 
Status hypoplasticus, vorfinden. Falta kommt auf Grund 
vergleichender Studien über die Wechselbeziehungen der 
Drüsen mit innerer Sekretion zu der zwar noch hypotheti¬ 
schen, aber interessanten Annahme, daß neben den Störungen 
der Ovarialtätigkeit auch eine Minderwertigkeit des 
chromaffinen Gewebes bei der Chlorose vorliegen könnte, 
die ja auch mit allgemeiner Gefäßhypoplasie einhergeht. 
Von diesem Organsystem kann es besonders rasch zu einer 
Erschöpfung der Vasomotoren kommen. Die Erscheinungen 
au den Arterien (Tonus und Blutdruck) bei Chlorose wären 
ein Zeichen dafür. Vielleicht kommen aber auch Einflüsse 
auf die Blutbildung und auf die Blutveränderungen von dort 
aus wenigstens indirekt in Frage. Ich verweise diesbezüg¬ 
lich auf die Monographie Faltas. 

Einleitend ist es notwendig, über den Begriff der Er¬ 
krankung, die wir Chlorose nennen, einiges zu bemerken. 
Im Spracbgebrauche der ärztlichen Praxis wird unter dem 
Namen Chlorose nicht so selten eine Reihe von Er¬ 
krankungen mit inbegriffen, die nicht hierher gehören. Wir 
hören auch immer wieder den Ausdruck „echte Chlorose“. 
Man versteht darunter zumeist die typischen Schulfälle, zum 
Lnterschied von krankhaften Zuständen, die mit dem klini¬ 
schen Symptomenkomplex der Chlorose viel Aehnlichkeit 
haben, ätiologisch und pathogenetisch aber doch nach dem 
Stand unserer Auffassung abzutrennen und andern 
selbständigen Erkrankungen zuzurechnen sind. Immer wieder 
Mden wir auch in der Literatur den Ausdruck „Pseudo- 
cblorose“. Dies scheint mir für die Lößung der Frage 
mcht der richtige Weg zu sein und meiner Meinung nach 
sollte das "Wort „Pseudochlorose“ lieber gar nicht gebraucht 
werden. Die große Mehrzahl dieser Pseudochlorosen gehört 
sicherlich zur Gruppe der sekundären Anämien mit er¬ 


niedrigtem Färbeindex des Bluts. Wir müssen vielmehr 
bestrebt sein, den Krankheitsbegriff Chlorose mit mög¬ 
lichster Schärfe zu präzisieren. Die Chlorose hat bei ober¬ 
flächlicher Betrachtung mit andern krankhaften Zuständen 
viel Aehnlichkeit und auch eine Reihe klinischer Symptome 
mit diesen gemeinsam, wie z. B. die Oligochromämie, die 
Ermtidbarbeit und anderes. Sie ist aber doch ein wohl¬ 
charakterisiertes, scharf umschriebenes Krankheitsbild, das 
in der Entstehung und im Verlaufe ganz prägnante Züge 
aufweist. Hält man sich aber scharf an diese Abtrennung, 
so kommt man zunächst zu dem Resultat, daß die Chlorose 
eine nicht häufige Krankheit ist und daß viele Fälle, 
die in der Praxis für Chlorose erklärt werden, nach Ueber- 
legung einer präzisen Differentialdiagnose nicht mehr als 
solche gelten können. Bezüglich der Definition des Krank¬ 
heitsbegriffs Chlorose muß ich im großen und ganzen von 
der schon vor Jahren von v. Noorden vertretenen An¬ 
schauung ausgehen. Die Chlorose ist eine Erkrankung, die 
so gut wie ausschließlich das weibliche Geschlecht in den 
Entwicklungsjahren befällt, auf Störungen in der inneren 
Sekretion der Genitalorgane zurückzuführen ist und im 
weiteren Verlaufe die Zeichen gestörter Blut-, namentlich 
Hämoglobinbildung aufweist. Der allgemeine Ernährungs¬ 
zustand erleidet keine Schädigung. Für die Richtigkeit 
dieser zum Teil noch hypothetischen Definition spricht eine 
Reihe neuerer Forschungsergebnisse. Auf eine Beschreibung 
des typischen Krankheitsbildes gehe ich hier nicht weiter ein. 
Ich verweise diesbezüglich auf die Werke von v. Noorden, 
Türk, Naegeli und Anderen. 

Wenn wir heute die Pathogenese der Chlorose in den 
Kreis unserer Betrachtungen ziehen, so müssen wir die Stö¬ 
rungen in der Genitalsphäre an die erste Stelle setzen. 
Schon vor Jahren haben v. Noorden und Chvostek mit 
aller Schärfe darauf hingewiesen, daß die Störungen der 
Blutbildung von den weiblichen Sexualorganen her in der 
Entwicklungsperiode ausgelöst werden. Die zeitliche Bindung 
des krankhaften Prozesses (Artabweichung mit zeitlicher 
Bindung ihres Auftretens) ist auch nach Martius bei der 
Chlorose ein typisches Beispiel für eine abnorme Anlage 
des Organismus, die erst in der Pubertätsperiode als krank¬ 
hafte Erscheinung manifest wird. Alle neueren und neuesten 
Forschungsergebnisse sprechen mit größter Wahrscheinlich¬ 
keit dafür, daß zwischen der inneren Sekretion der Ovarien und 
der Blutbildung innige Beziehungen bestehen. Nach neueren 
Forschungen ist der Ausgangspunkt der Wechselbeziehungen 
von Ovarien und andern Organsystemen in das sogenannte 
Zwiscbengewebe zu verlegen (vgl. Tandler). Den gleichen 
Standpunkt vertritt Kottmann bezüglich der Beziehungen der 
inneren Ovaralsekretion zur Hämoglobinbildung. Alle diese 
Beziehungen werden aber erst verständlich, wenn wir die 
Annahme einer besonderen Disposition, eines konstitu¬ 
tionellen Moments gelten lassen, ähnlich wie dies 
Chvostek jüngst bezüglich des Basedowschen Symptomen- 
komplexes auseinandergesetzt hat. Eine mangelhafte Ver¬ 
anlagung der hämatopoetischen Organe kommt hier vor 
allem in Betracht, daneben vielleicht auch noch eine an¬ 
geborene Enge des Gefäßsystems und eine abnorme Anlage 
der Geschlechtsorgane. Die letzteren Befunde können aller¬ 
dings bei der echten Chlorose nicht als obligate, kon¬ 
stant nachweisbare hingestellt werden. Nicht unerwähnt 
möchte ich hier auch die Beobachtung Tandlers lassen, 
der auf eine gewisse Frühreife in bezug auf die Entwick¬ 
lung der primären und sekundären Geschlechtscharaktere 
und auf die für solche Fälle charakteristische Kurzbeinig¬ 
keit bei Chlorosen aufmerksam gemacht hat. Die Mit¬ 
beteiligung der Schilddrüse spricht auch dafür, daß die 
Wechselbeziehungen der Drüsen mit innerer Sekretion auch 
bei der Chlorose eine Rolle spielen. Von besonderer Wich- 


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tigkeit aber sind die Ergebnisse der Untersuchungen 
Aschners, der nach der Methode von Abderhalden 
Abbauprodukte von Ovarialsubstanz bei Chlorosen nach- 
weisen konnte. In gleicher Weise kam A. Schmitt zu 
dem Ergebnisse, daß in fast allen Fällen von Chlorose eine 
Dysfunktion von Uterus und Ovarien insofern anzunehmen 
ist, als eine Mobilisierung der entsprechenden Abwehr¬ 
fermente im Blute nachweisbar war. Gerade in diesen von 
Schmitt in der erwähnten Weise untersuchten Fällen waren 
Menstruationsstörungen fast ausnahmslos vorhanden, 
als Ausdruck einer Störung der Genitaltätigkeit. Ich möchte 
diesen Punkt als diagnostisch ganz besonders wichtig her¬ 
vorheben. 

Der chlorotische Blutbefund allein berechtigt uns 
noch lange nicht zur Diagnose Chlorose. Der gesamte 
klinische Symptomenkomplex muß in seinen Hauptzügen 
vorliegen. Dazu gehört als wesentliches Moment das Ver¬ 
halten der Genitalfunktionen. Das Wesen der Verände¬ 
rungen an den Genitalien bei Chlorose liegt aber nicht in 
ihrem anatomischen Bau, sondern in Funktionsstörungen 
der inneren Ovarialsekretion, für die wir heute allerdings 
so gut wie kein anatomisches Substrat kennen. In klini¬ 
scher Beziehung haben wir in dem Verhalten der Men¬ 
struation bei Chlorosen einen wichtigen pathogenetischen 
und auch diagnostischen Anhaltspunkt, der uns viel schwer¬ 
wiegender erscheint als der Nachweis eines hypoplastischen 
Genitals. Von großem Interesse ist diesbezüglich das ver¬ 
gleichende Studium der Literatur über das Verhalten der 
Menstruation bei Chlorose. In den neueren Werken und 
Arbeiten finden wir die Menstruationsstörungen in einem 
weit höheren Prozentsätze der Chlorosefälle angegeben. 
Vielleicht spielt hier die Verfeinerung der Diagnostik und 
die fortschreitende Differenzierung der Krankheitsbilder eine 
Rolle. Nach v. Noorden ist in 77,2% der Fälle eine Ab¬ 
schwächung des menstruellen Prozesses vorhanden. Ich 
möchte auch an dieser Stelle meiner persönlichen Meinung 
in der Hinsicht Ausdruck geben, daß die Menstruations¬ 
störung ebenso wie der Blutbefund bei der Chlorose zu den 
Hauptsymptomen gehören und daß bei regelmäßiger 
Menstruation in normalem Ausmaße die Diagnose 
Chlorose nur mit allergrößter Vorsicht und nach 
Erwägung aller differentialdiagnostischen Momente gestellt 
werden sollte. Dies sollte namentlich bei der Beurteilung 
chloranämischer Blutbefunde bei initialer Lungentuberkulose 
junger Mädchen berücksichtigt werden. In den Rahmen 
dieser Erörterungen gehört auch die klinische Erfahrungs¬ 
tatsache, daß bei Chlorosen die Entwicklung der Brüste in 
der Regel eine gute, ja häufig eine sehr volle ist. Ich ver¬ 
weise diesbezüglich auch hier nochmals auf die Darlegungen 
von Fog es, der bei Funktionsstörungen der Ovarien eher 
Zeichen einer Hyperfunktion der Mammae vorgefunden hat. 

Bezüglich der Blutveränderungen bei der Chlorose 
gilt nach wie vor der alte Satz, daß die Hämoglobinver¬ 
armung das hervorstechendste Merkmal ist. Die Menge der 
Erythrocyten ist oft vermindert, sie kann aber auch normal 
und sogar über die Norm erhöht sein. Der sogenannte 
Färbeindex ist aber regelmäßig erniedrigt. Dieser Befund 
ist jedoch, wie dies heute allgemein bekannt ist, in keiner 
Weise für die Chlorose allein charakteristisch und für sich 
allein diagnostisch verwertbar, da er auch bei andern 
anämisierenden Prozessen in gleicher Weise und Form zur 
Beobachtung kommt. Trotzdem ist die Bestimmung des 
Färbeindex bei der Chlorose von größter diagnostischer Be¬ 
deutung. Wir wissen heute, daß dabei gar nicht so selten 
eine sogenannte Erythrocytose, das heißt eine die Norm 
übersteigende Erythrocytengesamtzahl vorkommt. Der Hä¬ 
moglobingehalt kann in solchen Fällen normale Werte auf¬ 
weisen, der Färbeindex ist aber doch erniedrigt. Diese über 
die Norm erhöhten Erytbrocytenzahlen finden sich bei Chlo¬ 
rose namentlich zur Zeit der regenerativen Erythrocytose 


im Verlaufe der Rekonvaleszenz nach Eisentherapie. Auch 
eine vorübergehende Leukocytose kann damit Hand in Hand 
gehen als Zeichen gesteigerter Zellproliferation im Knochen¬ 
marks (Pollitzer). Ausdrücklich möchte ich aber hier be¬ 
tonen, daß diese vorübergehende Erythrocytose nicht 
bei Chlorose allein vorkommt. Sie kann auch bei der 
Blutregeneration nach andern anämisierenden Prozessen auf- 
treten. Auch hatte ich Gelegenheit, in einer Reihe von 
Fällen von Lungentuberkulose bei jungen Mädchen aus¬ 
gesprochene Erythrocytosen (5,4 bis 6,7 Millionen) zu beob¬ 
achten, namentlich schon nach mehrmonatlichem Spital¬ 
aufenthalte (Liege- und Mastkur) eine Zunahme des Körper¬ 
gewichts und Besserung des Gesamtzustandes eingetreten 
war. Der Färbeindex war in diesen Fällen erniedrigt, der 
Hämoglobingchalt normal oder nur um weniges erniedrigt. 
Die Diagnose Lungentuberkulose stand dabei außer Zweifel, 
und auch sonst war das klinische Bild ein derartiges, daß 
die Annahme einer Chlorose nach der jetzt von uns 
vertretenen Auffassung keine Berechtigung gehabt 
hätte. Anderseits müssen wir für die Diagnose Chlorose 
unter allen Umständen die Erniedrigung des Färbeindex 
fordern. Wenn klinisch sowohl die subjektiven Beschwerden 
als auch die objektiven Erscheinungen für Chlorose sprechen, 
so muß man demnach auf solche regenerative Erythro¬ 
cytosen die Aufmerksamkeit lenken, namentlich wenn nor¬ 
male Hämoglobin werte gefunden werden. Manche 
scheinbare Widersprüche zwischen klinischen Erscheinungen 
und Blutbefund werden sich auf diese Weise auf klären 
lassen. Von größter Wichtigkeit ist in solchen Fällen, wie 
insbesondere Türk hervorgehoben hat, das morphologische 
Blutbild. Abnorme Größendifferenzen der Erythrocyten und 
wenigstens angedeutete Poikilocytose wird man dabei kaum 
vermissen. 

Das morphologische Blutbild bei der Chlorose ist, 
was die Erythrocyten anlangt, sonst hinlänglich bekannt. 
Auf eventuelle Leukocytose habe ich schon oben hinge¬ 
wiesen. Einige Beachtung verdient das Verhalten der Lym- 
phocyten. Neben einer relativen Vermehrung derselben, 
bei Verminderung der polymorphkernigen neutrophilen Leuko- 
cyten, kommt auch eine absolute Lymphocytose vor, 
namentlich dann, wenn im Symptomenbilde der Chlorose 
thyreogene Momente mit im Spiele sind. Wir wissen aber 
heute, daß die Lymphocytose als thyreogenes Blutbüd 
Kochers nicht als pathognomonisch für Erkrankungen und 
Funktionsstörungen in der Schilddrüse angesehen werden 
kann. Die absolute Lymphocytose ist bei Erkrankungen der 
Blutdrtisen ein häufiger Befund und die diesbezüglichen 
Untersuchungen H. Kahlers deuten darauf hin, daß die 
Lymphocytose, beziehungsweise Mononucleose, als eine Teil¬ 
erscheinung einer abnormen Konstitution namentlich bei 
Personen von hypoplastischem Typus aufzufassen ist. Dem¬ 
nach kann auch bei der Chlorose, die ja häufig mit Stigmen 
allgemeiner Hypoplasie einhergeht, die Lymphocytose in 
diesem Sinne gedeutet werden. Daß übrigens die Lympho- 
cytenwerte auch normalerweise großen Schwankungen, ins¬ 
besondere in den oberen Grenzwerten, unterworfen sind, ist 
jedem bekannt, der diesbezüglich systematische differentielle 
Zählungen in größerem Maßstabe vorgenommen hat. 

Bezüglich des Verhaltens des Circulations- und Re¬ 
spiration sapparats bei Chlorose ist der jeweilige Stand 
des Zwerchfells der Berücksichtigung wert. Hand in 
Hand mit einer bei Chlorotischen häufig während der Bett¬ 
ruhe zu beobachtenden oberflächlichen Atmung geht ein 
Hochstand des Diaphragmas, der perkutorisch und röntgeno¬ 
logisch nachweisbar ist. Dieser Befund verschwindet häufig, 
wenn man die Kranken auffordert, mehrere Male tief zu 
atmen oder wenn man sie aufstehen und herumgehen läßt 
(v. Noorden). Der Hochstand des Zwerchfells kann bei 
Chlorotischen auch ein dauernder Zustand sein und ist nach 
Byloff als ein degeneratives Stigma aufzufassen, bedingt 


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durch eine infantile Stellung der Rippen. Wie die Beob¬ 
achtungen Byloffs zeigen, kommt diese abnorme Körper¬ 
anlage auch für die Chlorose in Betracht. Der abnorme 
Tiefstand des Zwerchfells bei langem und schmal gebautem 
Thorax, Splanchnoptose und Pendelstellung des Herzens, 
scheint mir bei der Chlorose weit seltener vorzukommen. 
Bei der Größenbestimmung des Herzens ist diesen Verhältnissen 
auf jeden Fall Beachtung zu schenken, da hier die irrige An¬ 
nahme eines abnorm kleinen Herzens naheliegen könnte. Die 
Röntgendurchleuchtung leistet hier besonders gute Dienste. 

Die angeborene Enge des Gefäßsystems, die zu¬ 
erst von Rokitansky und Virchow bei Chlorosen festge¬ 
stellt wurde, können wir heute nicht mehr als ätiologisches 
Moment ansprechen. Sie kommt bei Chlorosen als Zeichen 
einer angeborenen mangelhaften Veranlagung, kombiniert 
mit der mangelhaften Veranlagung der blutbildenden Organe, 
immer wieder zur Beobachtung, spielt jedoch in diagnostischer 
Hinsicht keine ausschlaggebende Rolle. Wenn bei einer 
Chlorose röntgenologisch eine enge Aorta nachweisbar ist, 
so ist dies nichts weiter, als mit ein Zeichen einer hypo¬ 
plastischen Konstitution, die wir bei Chlorose immer wieder 
antreffen. Auch nach den neuesten diesbezüglichen Unter¬ 
suchungen kann von einer Konstanz dieser Gefäßbefunde 
keine Rede sein. In einem gewissen Zusammenhänge mit 
dieser Gefäßhypoplasie kann vielleicht auch ein zartes 
vulnerables Endokard als konstitutionelles Moment bei 
Chlorosen insofern eine Rolle spielen, als damit eine ge¬ 
steigerte Disposition für Endokarditis gegeben ist. 
Dieser Gedankengang drängt sich uns immer wieder auf, 
wenn sich, was nicht so selten der Fall ist, im Verlaufe 
der Chlorose allmählich ein Herzbefund entwickelt, der uns 
zwingt, organische Klappenveränderungen, insbeson¬ 
dere im Sinn einer Mitralstenose, anzunehmen. Besonders 
auffallend sind diesbezüglich Beobachtungen von ausge¬ 
sprochenen Mitralfehlern bei Frauen, die keine Infektions¬ 
krankheiten mit folgender Endokarditis, hingegen eine 
schwere Chlorose anamnestisch anzugeben wissen. Die von 
mir beobachteten derartigen Fälle betrafen Frauen nach 
dem 25. Lebensjahre mit den ausgesprochenen Zeichen eines 
Mitralklappenfehlers mit Stenose «üeses Ostiums. Es ist wohl 
sicher, daß diese Klappenveränderungen endokarditischer 
Natur sind. Die Endokarditis ist hier schleichend verlaufen. 
Eine Infektion hat einmal stattgefuuden, eine nur gering¬ 
fügige vielleicht von den Tonsillen ausgehend, aber sie hat 
genügt, um endokarditische Veränderungen an der Klappe 
zu setzen, deren anatomischer Bau die oben erwähnten Kon- 
sütutionsanomalien aufwies. Vielleicht können wir mit Rück¬ 
sicht auf das Ueberwiegen der Stenosenerscheinungen an 
solchen veränderten Klappen auch eine angeborene Enge 
der venösen Ostien zur Enge des Gefäßsystems über¬ 
haupt in Parallele setzen. 

Von den Organen, die bei der Chlorose in anatomischer 
and funktioneller Hinsicht Abweichungen von der Norm auf- 
seien hier noch die Milz und die Schilddrüse er¬ 
wähnt. Daß bei Chlorosen die Milz nicht selten vergrößert 
^■gefunden wird, ist eine bekannte klinische Tatsache 
'Chvostek, v. Noorden). Diese Milzvergrößerung kann 
ja gewissen Fällen sicherlich auf einen gleichzeitig bestehen¬ 
den Status thymicolymphaticus bezogen werden und wäre 
dann zur Lymphocytose im Blut in gewissem Sinn in 
Parallele zu setzen. Bezüglich des relativ häufigen Zu¬ 
sammentreffens von Chlorose und Struma verweise ich auf 
töe zusammenfassende Darstellung in der Monographie 
!• Nordens. Wir finden hier wiederholt Angaben über 
das Verhalten der Schilddrüse und die eventuellen Be¬ 
ziehungen derselben zur Ovarialfunktion. Erwähnenswert 
sind hier auch solche Fälle, die Störungen im Gebiete der 
* exualorgane kombiniert mit Allgemeinsymptomen und Zeichen 
? on Hypothyreoidismus aufweisen (Kocher, Sehrt). Neben 
subjektiven Allgemeinsymptomen, wie Mattigkeit und Müdig¬ 


keit, sowie den Menstruationsstörungen und dem Befund 
eines infantilen Uterus, ist der Hämoglobingehalt des Bluts 
in solchen Fällen nicht selten erniedrigt, sodaß bei ober¬ 
flächlicher Betrachtung die Annahme einer Chlorose als mög¬ 
lich hingestellt werden muß. Kocher erwähnt die Erfolg¬ 
losigkeit der Eisentherapie und die günstigen Resultate bei 
Verabreichung von Jodothyrin in solchen Fällen. Die Er¬ 
kennung solcher Fälle ist auch in therapeutischer Beziehung 
von Wichtigkeit. Anderseits könnte die Jodotliyrinanwen- 
dung dabei auch einen diagnostischen Wert haben. 

Die verschiedenen Formen des sogenannten Infan¬ 
tilismus, Habitus asthenicus und der hypoplasti¬ 
schen Konstitution bieten nicht selten im klinischen Bild 
eine Anämie von hypochromem Typus. Zu den weiteren 
häufig gemeinsam oder auch einzeln in verschiedener Grup¬ 
pierung nachweisbaren degenerativen Stigmen solcher hypo¬ 
plastischen Individuen gehört auch unregelmäßige Men¬ 
struation, Costa decima fluctuans, Struma, Hochstand des 
Zwerchfells, Enge der Gefäße, Splanchnoptose, Corjuvenum, 
orthostatische Albuminurie. Alle diese Einzelbefunde können 
nun auch bei einer typischen Chlorose, jeder für sich allein 
oder mehrere vereinigt zu einer Variation des Krankheits¬ 
bildes führen, wenn das erkrankte Individuum der Kon¬ 
stitution nach als hypoplastisch angesehen werden muß. Die 
Diagnose Chlorose wird sich aber auch in solchen Fällen 
auf den charakteristischen Symptomenkomplex und nicht auf 
den chlorotischen Blutbefund allein zu stützen haben. Ich 
brauche auch nicht noch einmal hervorzubeben, daß ja auch 
voll entwickelte weibliche Individuen ohne Zeichen 
einer Hypoplasie an Chlorose erkranken können. Es 
kommen aber auch Grenzfälle vor, bei denen die Symptome 
der Chlorose mit denen der hypoplastischen Konstitution 
derart konfluieren, daß eine scharfe Trennung kaum mög¬ 
lich ist. Der Nachweis von Monstruationsstörungen und der 
Blutbefund sind in solchen Fällen für die Diagnose Chlorose 
in erster Linie ausschlaggebend, namentlich wenn bei voll¬ 
kommenem Ausbleiben der Menses oder auffallender Spär¬ 
lichkeit derselben eine höhergradige Hämoglobin Ver¬ 
armung nachweisbar ist. Im Gegensätze zu solchen Fällen 
möchte ich folgenden erwähnen (eigne Beobachtung): 17 Jahre 
altes Mädchen, ausgesprochen hypoplastisch, 4 2U0Q00 Ery- 
throcyten, Hämoglobingehalt 75%, demnach etwas vermin¬ 
derter Färbeindex, seit sieben Monaten Amenorrhöe. Diesen 
Fall dürften wir wohl am richtigsten als Amenorrhöe bei 
hypoplastischer Konstitution mit leichter Anämie 
bezeichnen. Wir müssen annehmen, daß bei bypoplastischen 
Mädchen die blutbildenden Organe in verschiedenem Maße 
mitbeteiligt sind und daß eine mäßige Hämoglobin Verarmung 
dabei Vorkommen kann, ohne daß das klinische Bild der 
Chlorose in den charakteristischen Zügen erkennbar ist. Ich 
glaube nicht, daß wir das Recht haben, solche Fälle der 
Chlorose zuzurechnen. 

Ebenso sind von der Chlorose die sogenannten Er¬ 
müdungsanämien abzutrennen. Eine große Zahl junger 
Mädchen, namentlich in der Großstadt, die in Fabriken und 
Geschäftshäusern Tag für Tag ihrem Berufe nachgehen 
müssen und dabei unter äußerst ungünstigen hygienischen 
Verhältnissen ihr Dasein fristen, sehen blaß aus und klagen 
über Mattigkeit und rasche Ermüdbarkeit. Die Blutunter- 
snehung ergibt die Zeichen einer mäßigen Anämie mit Hämo¬ 
globinverarmung. In solchen Fällen fehlen aber immer 
wieder einzelne charakteristische Züge der Chlo¬ 
rose. Ungünstige Wohnungs- und Ernährungsverhältniase 
spielen bei der Entstehung der Chlorose sicherlich eine ge¬ 
wisse Rolle, doch scheinen diese Faktoren nicht allzuviel 
ins Gewicht zu fallen. Immer wieder kommen Fälle 
schwerer Chlorose bei Mädchen aus den wohlhabenden Fa¬ 
milien zur Beobachtung, wo alle Mittel angewendet werden, 
die Kinder gesund zu erhalten. Anderseits ist, wenigstens 
nach meiner Erfahrung, die typische Chlorose bei arbeiten- 


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beschränkt bleiben. Dann haben wir es mit einem lokalen Prozeß 
zu tun, z. B. einer einfachen Endometritis; in ungünstigeren 
Fällen aber verbreitet sich die Infektion über die Eingangspforte 
der Keime hinauß, und zwaT entweder auf dem Wege der Blutbahn, 
dann haben wir es mit Thrombophlebitis und Pyämie zu tun, oder 
auf dem Wege der Lymphbahnen, und es entstehen die bekannten 
Krankheitsbilder einer Parametritis, Perimetritis oder gar Peri¬ 
tonitis. Da diese Bahnen aber am abortierenden Uterus noch nicht in 
dem Maße entwickelt sind, wie beim puerperalen, so pflegen diese 
Erkrankungen nach einem Abort in der Regel nicht so Bchwer zu 
verlaufen wie nach einem Partus. Die häufigste der obenerwähn¬ 
ten Erkrankung im Anschluß an einen Abort ist wohl die Para¬ 
metritis, die bei unserem Material in 29 Fällen als Komplikation 
hinzutrat, und zwar 9 mal noch mit einer andern Erkrankung 
wie einer Peritonitis, Thrombophlebitis, Sepsis und Lungenaffektion 
vergesellschaftet, was natürlich besonders ungünstig ist. Hierunter 
fallen denn auch B letal endende Fälle, wobei allerdings die eigent¬ 
liche Todesursache nicht in der Parametritis zu suchen ist. Die 
übrigen 26 Patientinnen konnten alle geheilt entlassen werden, B da¬ 
von hatten nur ganz geringes Fieber. In der Regel erfolgte nach 3 
bis 8 Tagen mit der Abnahme des Entzündungsprozesses die Ent- | 
fieberung. Nur in wenigen Fällen hielt das Fieber über diese Zeit 
hinaus an, wie bei dem einschlägigen Falle, den ich als Beispiel 
anführen möchte. 

Fall II. 1911. Nr. 208. 

Therese K., Tapezierersfrau, 27 Jahre. L. M. Anfang Mai. Zwei 
fieberfreie Gebarten. Am 28. Juni wurde Patientin von einem Arzt in 
der Sprechstunde wegen einer Fehlgehart chloroformiert and aasgekratzt, 
daraaf wurde sie nach Hause geschickt. Noch am gleichen Tage 
traten Schmerzen nnd Fieber auf, die bis zur Aufnahme am 4. Juli 
anhielten. 

Status: Vulva geschlossen, Vagina weich, aufgelockert, Portio 
seitlich von der Mittellinie, Muttermund offen, Uterus anteflektiert, kaum 
vergrößert, glatt, wenig beweglich, auf Druck schmerzhaft. Links neben 
dem Uterus eine undeutliche Resistenz, sehr schmerzhaft. Rechte Adnexe 
anscheinend frei. Rechter hinterer Douglas sehr resistent nnd äußerst 
druckempfindlich, links bedeutend weniger. Ans der Vagina blutiger Ab¬ 
gang, nicht übelriechend. 

4. Juli. Aufnahme. Nach Untersuchung eine Lysolspülung, Eis¬ 
blase, Opium. 

6. Juli. Immer noch Temperaturen um 38°; etwas stärkere Blutung. 

7. Juli. Schüttelfrost und Temperatur 89,8°. 

11. Juli. Temperaturen seit zwei Tagen annähernd normal. Keine 
Schmerzen. Dauernd geringer Blut&bg&ng, daher Spritze Secakornin, 
Douglas resistent, derb, uneben, wenig schmerzhaft. 

15. Juli. Temperaturen ganz normal. Blutung sistiert vollkommen. 
Allgemeinbefinden ganz gnt. 

21. Juli. Der hintere Douglas noch etwas derb, aber nicht mehr 
druckempfindlich. 

24. Juli. Patientin wird als geheilt entlassen. Befund wie zuletzt. 

Einen spontanen Durchbruch des Eiters nach außen nach 
dem Rectum der Scheide oder nach der Blase konnten wir in 
keinem Falle konstatieren, dreimal aber wurde eine vagiuale Punktion 
gemacht, wobei sich stets reichlich Eiter entleerte; danach stellte 
sich baldige Entfieberung ein, und das subjektive Befinden der 
Patientin ^besserte sich auffallend. 

Gelangen die infektiösen Keime vom Endometrium aus auf 
dem Lymphwege bis zum Bauchfelle, so entsteht, je nachdem die 
Entzündung durch Serosaverklebung auf die Umgebung des kleinen 
Beckens beschränkt bleibt oder nicht, die Pelveoperitonitis oder die 
Peritonitis universalis puerperalis. 

Wir haben sieben Fälle von Pelveoperitonitis und acht Fälle von 
Peritonitis universalis zu verzeichnen. Während bei der ersteren die 
Prognose qnoad vitam verhältnismäßig günstig ist und meist auch quoad 
restitutionem wie auch unsere Fälle zeigen, ist die Peritonitis universalis 
mit die gefährlichste Komplikation nach einem Aborte. Von unsern acht 
Fällen endeten nicht weniger als sechs letal, meist schon in den ersten 
zwei bis drei Tagen. Die beiden andern fieberten schwer, 17 nnd 28 Tage, 
konnten aber später als geheilt entlassen werden. In sechs Fällen konnte 
hier als Ursache der PeritonitiB sicher ein Krimen festgestellt werden, 
während bei den andern beiden die Vermutung nur nahe lag, die Patien¬ 
tinnen einen kriminellen Eingriff aber nicht Zugaben. 

Die Patientinnen wurden alle schon mit den Symptomen der 
allgemeinen Peritonitis eingeliefert, und zwar hohe Temperatur 
(respektive Kollapstemperatur), äußeret frequenten Puls, größte 
Druckempfindlichkeit des Abdomens, meist auch schon mit ver¬ 
fallenen Gesichtszügen. 

Ich will nun einen letal endenden Fall als Beispiel anführen. 


Fall in. 1911. Nr. 206. 

Anna S., Hutarbeitersfrau, verheiratet, IV para, im dritten Monate 
schwanger. 

Am 15. August Fehlgeburt, Curettement wegen starker Blutung, 
dabei schon aufgetriebener Leib und Schmerzen, besonders rechts. 

16. August. Leib höher, Aufstoßen, NaCl-Eingaß. 

17. August Aufnahme. Vaginal nicht untersucht. Certe crimen 
conceditur. Alsbald nach Einlieferung Operation. Eröffnung des Peri¬ 
toneums, Entfernung von Eiter, Vioformgazedrainage, steriler Verband, 
bald Erwachen aus der Narkose. Puls leidlich. 

17. August abends. Befinden mäßig» Puls ist schlechter geworden, 
Kochsalzein gösse; Excitantien. 

18. August. Während der Nacht deliriert Patientin ständig und 
war nur schwer im Bette zu halten. 12 Uhr Verbandwechsel. Die Sekretion 
war sehr stark. Puls schlecht. Excitantien werden dauernd verabreicht 
Winde sollen abgegangen sein. Patientin läßt Urin unter sich. Dauernd 
delirierend. Sechs Uhr p. m. stark delirierend, Pals sehr schlecht. Zunge 
stark belegt. Atmung oberflächlich, sehr beschleunigt. Unter allmählicher 
Zunahme des Verfalls gegen nenn Uhr ExitUB. 

Sektionsprotokoll (Auszug): Die Bauchhöhle enthält zirka 
800 ccm Eiter, in dem zahlreiche Fibrinflocken zu sehen sind, letztere 
findet man auch an der Oberfläche der Darmschlingen, die miteinander 
vielfach verklebt sind. Die so gebildeten Taschen enthalten massenhaft 
Eiter. Die Darmserosa ist Btark injiziert. Milz um das Doppelte ver¬ 
größert, auffallend weich, ihre Pulpa deutlich vorquellend. Leber von 
normaler Größe, Schnittfläche sehr blaß und trüb. Uterus etwas vergrößert, 
sehr weich, seine Innenfläche von schmutziggranem Anssehen. Bei Auf¬ 
schneiden der breiten Seitenbänder quillt ans den Lymphgefäßen Eiter 
hervor, Ovarien etwas vergrößert, hier nnd da eitrig infiltriert, aber ohne 
deutliche Abscesse — Peritonitis puerperalis purulenta, Endometritis 
septica post abortum. 

Eine ebenso schlechte Prognose wie die Peritonitis universalis 
hat die Sepsis post abortum. Von den zehn bei uns im Anschluß 
an einen Abort mit Sepsis erkrankten Patientinnen kamen sechs 
ad exitum, während die übrigen vier ein schwer febriles Kranken¬ 
lager durchmachten. In dem einen Fall erfolgte die Sepsis von 
einem Decubitus aus. 

Die Thrombophlebitis post abortum, die sich ja gleichfalls 
auf dem Wege der Blutbahn von der Infektionsstelle aus verbreitet, 
ist prognostisch quoad vitam viel günstiger; alle drei Patientinnen, 
die bei uns daran erkrankten, konnten später als geheilt ent¬ 
lassen werden. 

Eine relativ recht häufige Erkrankung nach einem Aborte 
sind neben der Parametritis die Adnextumoren. Hier nehmen die 
infektiösen Keime ihren Weg vom Endometrium aus durch das 
Ostium uterinum der Tuben und rufen eine Salpingitis hervor. 
Ein Weiterschreiten des Prozesses wird durch frühzeitige, weit¬ 
gehende Verwachsungen der abdominalen Tubenenden meist ver¬ 
hindert. Bei uns kamen 16 derartige Fälle zur Beobachtung, dar¬ 
unter ein großer Prozentsatz auf gonorrhoischer Basis. 

Als weitere Komplikation wären die übermäßigen Blutungen 
zu nennen; die leichteren sind ja geradezu eines der Symptome 
des Abortus, aber man muß sich wundern, wie indolent manche 
Frauen in dieser Hinsicht sind und wie lange es oft dauert, ehe 
sie wegen einer Blutung zum Arzt gehen. Wiederholt haben uns 
Patientinnen angegeben, daß sie schon drei, vier, fünf, ja sogar 
acht und zehn Wochen bluten. Einige wurden uns unter den Er¬ 
scheinungen einer schweren akuten Anämie eingeliefert, zum Ver¬ 
blutungstode kam es aber auch bei unsern Fällen nie. 

Zum Schlüsse möchte ich noch auf die Uterusperforationen 
eingehen, wie sie im Anschluß an verbrecherische Manipulationen 
und therapeutische Eingriffe post abortum gelegentlich Vorkommen. 
Es kamen drei derartige Fälle bei uns zur Behandlung. Bei zwei 
kam es im Anschluß an die Perforation, die durch zu tiefes Ein¬ 
führen eines Irrigatorrohrs entstanden war, zur Peritonitis, die 
letal endete. 

Den einen Fall habe ich bereits ausführlich bei Besprechung des 
kriminellen Aborts angeführt, bei dem andern fand man bei der Sektion 
gleichfalls im Uterus ein 1 */a cm weites, rundes Loch mit schmierigen, 
fetzigen Wänden; es führte in eine weiche, mit dickem Eiter und jauchigen 
Gewebsfetzen gefüllte Höhle. Den dritten Fall von Uternsperforation 
| mit Darmprolaps, der nicht kriminell ist, will ich wegen des Interesses, 
das er beansprucht, ausführlich schildern; er wurde seinerzeit von Her« 
Primärarzt Asch in der medizinischen Sektion der Schlesischen Gesell¬ 
schaft für vaterländische Kultur zu Breslau vorgestellt f 

Fall IV. 1911. Nr. 408. 

Eli Be S., ledig, 20 Jahre 0 para, im fünften Monate schwanger. 
Die Patientin wurde von ihrem Arzt in die Klinik gebracht der folgen 
Angaben machte: Die Patientin sei im fünften Monat schwanger und dju 
seit 3 Monaten; er habe versucht, den geschlossenen Muttermund 


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erwutftn und das Foetus herausznholen. Dabei Bei plötzlich Darm vor* 
gefallen, den er nicht mehr reponieren konnte. Um für die Reposition 
sehr Platz za gewinnen, habe er die Versuche, den Foetus zu entfernen, 
nicht aafgegeben, der Kopf desselben sei wohl zertrümmert; schließlich 
lube er. als er nicht mehr weiter konnte, die vorgefallenen Därme in 
Jodoformgaze gepackt and die Fran ins Krankenhaus gebracht. 

Die Patientin hatte bei der Einlieferung 35,7° Temperatur und 
140 Puls, regelmäßig, aber sehr klein. Die vorgef&llenen Darmschlingen 
iraren ztun großen Teil mit dem Hemd nnd der Kleidung in Berührung 
gekommen, sie waren von ihrem Mesenterium abgelOst nnd hatten ein- 
«ine obeiflichliche Serosaverietzungen. Die vaginale Untersuchung 
ergab, daß die Darmschlingen durch den linksseitig aufgeriBsenen Mutter¬ 
mund hervortraten; außerdem fühlte man Rippenteile nnd Därme des 
Foetai. Der Fundus uteri stand noch zwei Querfinger breit unter dem 
Habel- Es wurde alsbald in Aethernarkose die Laparotomie gemacht. 
In der Bauchhöhle fand man reichlich Blut und am Fundus nteri ein 
Loch, aus dem das linke Bein des Foetas bis über das Knie in die Bauch¬ 
höhle hineiuragte. Durch dieses Loch war hinter dem Beine der Dünn¬ 
darm in die Uterushohle gezogen. Der prolabierte Darm wurde mit dem 
Piqnelin durchtrennt, die beiden Dannenden getrennt blind vernäht and 
eme seitliche Auastomose der beiden blind vernähten Dünndarm schlingen 
angelegt Das resezierte Darmstück maß frisch 3,10 m. Der Schlnßteil 
des abgerissenen Mesenteriums konnte durch Naht vereinigt werden, so- 
d&fi der notierende Dünndarm in seiner Ernährung gesichert war. Der 
stark zerstückelte Foetus wurde vorsichtig entfernt und der Uterus nach 
einer Cornutininjektion von oben genäht. Vor Schluß der Bauchwunde 
wurden einige Centimeter sterilen 10%igen Campheröls eingegossen. 
Während der Narkose war der Pals kaum palpabel, die Patientin erhielt 
daher einen halben Liter Kochsalzlösung unter die Mamma. In den 
nächsten zwei Tagen stieg die Temperatur noch bis 39,8, fiel dann auf 
37,8, um sich vom fünften Tage nach der Operation unter 88 zu halten. 
Ent vom 16. Tag ab blieb sie bis zur Entlassung normal. Am Tage 
DAch der Operation war das Abdomen aufgetrieben, es gingen keine Winde 
ab, der Puls setzte zeitweilig ans, Delirien und Erbrechen ließen den 
Zustand recht bedenklich erscheinen. Nach einer MagenausspQlnng, die 
am nächsten Tage wiederholt wurde, besserte sich das Allgemeinbefinden 
and am vierten Tage nach der Operation erfolgte auf eine Glycerinein- 
»pritzung Stuhlgang. Der erste spontane Stuhl kam am fünften Tage. 
Die Ernährung erfolgte aber noch weiter im wesentlichen per Klysma. 
Am zweiten Tage kamen reichliche Durchfälle von der Konsistenz des 
Dönndaun nbalts. Erst von da ab täglich ein bis zwei breiige Stühle. 
Die Lsparotomiewunde heilte primär. In der vierten Woche nach der 
Operation verließ die Frau völlig munter das Krankenhaus. 

Von einem ganz ähnlichen Falle von Uterusperforation mit 
Dtnnvorfall berichtet übrigens auch Zacharias; die Perforation 
war mit der Eihautzange gesetzt worden. Es wurden 42 cm Darm 
reseziert. Auch diese Patientin blieb am Leben. Die Gefahr für 
die Entstehung einer Peritonitis war den Umständen nach in beiden 
Fällen groß, es scheint nicht unmöglich, daß das Campheröl, das 
beide Male verwendet wurde, einen günstigen Einfluß ausgeübt hat. 

Therapie. Wie ich schon im Anfänge dieser Abhandlung aus- 
ftjhrte, konnte bis auf den heutigen Tag bei der Abortbehandlung 
hinsichtlich der Indikationsstellung und der Technik des Eingriffs 
keine Einigkeit erzielt werden. Ich will darum im folgenden 
onsern Standpunkt mitteilen und die Ergebnisse unserer Therapie 
mit denen anderer Kliniken vergleichen. Ich beschränke mich 
hierbei hauptsächlich auf den Abortus incompletus, nicht nur weil 
er die überwiegende Mehrzahl aller zur Behandlung kommenden 
Aborte darstellt, sondern auch deswegen, weil man sich hinsicht¬ 
lich der Therapie des drohenden und im Gange befindlichen Aborts 
im allgemeinen bereits geeinigt hat, während dies bei dem Abortus 
incompletus noch nicht der Fall ist. 

Bei dem nicht durch Fieber komplizierten Abortus in¬ 
completus pflegen wir in der Regel aktiv vorzugehen, mit 
dem Erfolge, daß die Blutung meist unmittelbar danach 
«stiert Bei den fieberhaften Fällen machen wir von dem 
konservativen Verfahren öfter Gebrauch, allerdings im Gegensatz 
2 jj Winter und seinen Anhängern, ohne jede Rücksicht darauf, 
f® * twa i® Cavum uteri hämolytische oder anhämolytische Strepto¬ 
kokken vorhanden sind oder nicht. Primärarzt Asch legt dagegen 
J ?7 größeres Gewicht auf die Art der Entstehung der Infektion. 
Bei den kriminellen Fällen werden die Infektionserreger, da ja 

jede Asepsis außer acht gelassen wird, von außen direkt in 
48 mütterliche Gewebe bei den Verletzungen, die fast regelmäßig 
gesetzt werden, eingeimpft. Diese Aborte, das beweisen auch un¬ 
sere Fälle, verlaufen oft besonders schwer und lassen eine aktive 
ijerapie nur im Notfälle zu. Anders ist es bei den spontanen 
Aborten. Hier wandern die Keime an den Lochien hinauf ins 
*riun nteri und gedeihen üppig auf den zurückgebliebenen Ei- 
Di 080 Fälle müssen darum sofort aktiv behandelt werden, 
? Patienten vor größerem Schaden zu bewahren, und in der 
a P“®gt damit das Fieber in kürzester Zeit zu verschwinden. 


Welche Bakterien das Fieber erzeugt haben, scheint von ganz 
untergeordneter Bedeutung zu sein. Konservativ dagegen pflegen 
wir auch noch die Fälle von Abort zu behandeln, bei denen gleich¬ 
zeitig eine Entzündung der Adnoxe und des Parametriums besteht, 
es sei denn, daß eine besonders starke Blutung uns zum aktiven 
Eingreifen zwingt. Bevor wir zum Eingriffe selbst schreiten, wird 
das äußere Genitale und die Vagina der Patientin, die in eine ent¬ 
sprechende Lage gebracht worden ist, gründlich desinfiziert und mit 
sterilen Tüchern versehen. Hierauf wird die Portio mittels eines 
Speculums eingestellt und die vordere Muttermundlippe mit einer 
Kugelzange gefaßt. Nachdem man sich vorher vorsichtig mit einer 
Uterussonde über die Lage und Größe des Uterus orientiert und 
alle größeren Gewebsfetzen mit dem Finger oder Zange entfernt 
hat, wird das Cavum uteri mit einer möglichst großen, stumpfen 
Curette ausgeräumt. Die Curette wird hierbei vorsichtig unter 
Vermeidung jeglichen starken Druckes systematisch in bogenför¬ 
migen Zügen vom Fundus uteri zum Muttermunde geführt. Darauf 
wird der Uterus mit konzentrierter Carbolsäure aus¬ 
gewischt und mit Vioformgaze austamponiert, die meist 
nach zweimal 24 Stunden wieder gezogen wird. 

Vor dem Eingriff erhält die Patientin noch meist eine Spritze 
Secale. Dieses Vorgehen ist für die Patientin das denkbar *cho- 
nendste und der digitalen Ausräumung entschieden vorzuziehen. 
Eine Narkose einzuleiten, hatten wir in keinem einzigen Falle 
nötig, und ich habe mich auch als Student in der Klinik davon 
wiederholt persönlich überzeugen können, daß kaum je eine 
Schmerzensäußerung von einer Patientin dabei getan wurde. Einen 
guten Einfluß auf die Heilung scheint auch die Carbolsftureätzung 
zu haben, die die noch vorhandenen Keime abtötet, dabei aber 
weder resorbiert wird, noch in konzentrierter Form die zum Wieder¬ 
aufbau der Schleimhaut nötigen Drüsenelemente vernichtet, da sie 
nur einen ganz oberflächlichen Schorf bildet. Hervorheben möchte 
ich auch noch, daß wir keinen einzigen Fall von Uterusperforation 
mit der Curette zu verzeichnen haben und daß auch Patek aus 
dem großen Material des Krankenhauses Wieden in Wien dieselbe 
Mitteilung macht. Es liegt also kein Grund vor, die Curette wegen 
der Perforationsgefahr zu meiden, um so mehr noch, da, wie Patek 
meint, „eine rechtzeitig erkannte und dann richtig behandelte Per¬ 
foration bei dem heutigen Stande der Operationstechnik kein allzu 
tragisch aufzufassendes Ereignis ist, vorausgesetzt, daß es sich 
nicht um septische Fälle handelt“. 

Ich habe nun zunächst einmal die sämtlichen 675 Fälle nach 
ihrem Verlauf in einer Tabelle nach denselben Gesichtspunkten 
wie Bondy zusammengestellt, um daraus einen Schluß auf die Er¬ 
folge unserer Therapie ziehen zu können. 


Tabelle I. 
675 Aborte. 


Verlauf 

Gruppe I | Gruppe II 

fieberfrei eingeliefert fiebernd eingeliefert 

I. Afebril. 

IL Reaktionsfebril .... 

III. Leichtfebril. 

IV. Schwerfebril. 

V. Gestorben. 

417 = 82,7% 
47= 9,3% 
38* 7,5% 
0* 

2 = 0,5% 

76 = 44,4% 
12= 7,0% 

51 = 29,8% 
17= 9,9% 
15= 8,7% 

Summe . . . 

! 504 = 74,7 o/o 

171 = 25,8% 


Bei genauer Durchsicht der einzelnen Fälle ergibt sich nun, 
daß zunächst einmal die beiden Todesfälle bei den afebril ein¬ 
gelieferten Fällen auf eine extragenitale Ursache zurückzu führen 
sind (einmal Sepsis, ausgehend von Decubitusstellen infolge gleich¬ 
zeitiger multipler Sklerose, und einmal Phthisis pulm.), sodaß 
hier die eigentliche Mortalität an behandelten afebrilen Aborten 
gleich 0 ist. Von den 15 andern Todesfällen wurden vier mori¬ 
bund eingeliefert und galten von vornherein als hoffnungslos, und 
eine Patientin starb infolge Myodegeneratio cordis. Betonen möchte 
ich auch hier noch, daß unter den 17 Todesfällen sich nicht we¬ 
niger als 8 sicher festgestellte kriminelle Aborte befinden, in 
manchem andern Falle lag diese Vermutung sehr nahe. Unter 
den Fällen mit leichtfebrilem Verlaufe der Gruppe I war das 
Fieber in 18 Fällen auf eine extragenitale Erkrankung zurückzu¬ 
führen, bei der Gruppe II mit leichtfebrilem Verruf in 6, mit 
schwerfebrilem Verlauf in 5 Fällen. Auch hierbei kann* also 
unsere Therapie nicht für den Verlauf verantwortlich gemacht 
werden. Nach Abzug dieser Fälle läßt sich nun folgende Tabelle 
zusammenstellen: 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 







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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17. Januar. 


Tabelle II. 


Verlauf 

Gruppe I 
afebril eingeliefert 

Gruppe 11 
febril eingeliefert 

I. Afebril. 

i 417 = 86,1 % 

76 = 49,0% 

II. ReaktionBfebril . . . . 1 

47= 9,8 % 

12= 7,8% 

Hl. Leichtfebrü. 

20= 4,1% 

45 = 29,0% 

IV. Schwerfebril. 

0 

12= 7,8% 

V. Gestorben. 

0 

10= 6,4% 

Summe . . . 

| 484 

| 155 


Vergleichen wir nun einmal unsere Ergebnisse mit denen Winters. 
Bei uns kamen 171 fieberhafte Aborte zur Behandlung. Da (wie wir ge¬ 
sehen haben) nach Winters bakteriologischen Untersuchungen in 26% 
davon hämolytische Streptokokken im Spiele Bind, so hätte er bei einer 
Mortalität von 36 %, die von ihm angenommen wird, 16 Todesfälle, wäh¬ 
rend wir im ganzen 14 zu beklagen haben, bei Abzug des einen Falles 
von Myodegeneratio cordis, der ja von vornherein für diese Frage aus- 
scheidet, und bei Berücksichtigung der vier moribund eingelieferten Fälle 
sogar nur 10. Das Ergebnis anderer Autoren bei aktiver Therapie ist: 
Krömer 7,3 % Schottmüller 10%, Stock 23%, Bondy 11,1% 
und Patek 2,6% Mortaliät. 

Bei Berücksichtigung des gerade hier in Breslau Äußerst 
ungünstigen Materials mit dem hohen Prozentsätze durch krimi¬ 
nelle Eingriffe schwer geschädigter Fälle haben wir somit ganz 
zufriedenstellende Resultate. Es ist auch selbstverständlich, daß 
der Prozentsatz an Todesfällen nicht allein maßgebend sein kann 
für die Beurteilung der Resultate einer bestimmten Therapie, da 
hier auch viele Zufälligkeiten im Spiele sind. Wir hatten aber in 
keinem einzigen Falle den Eindruck, als ob durch unsere Therapie 
eine Verschlimmerung des Zustandes eingetreten wäre. Wir 
kommen daher zu dem Schlüsse, daß zum mindesten vor der Hand 
der bakteriologische Befund des Uterussekrets nicht ausschlag¬ 
gebend sein kann für die einzuschlagende Therapie, ja, daß im 
Gegenteil dadurch unter Umständen kostbare Zeit verloren gehen 
kann und der geeignete Zeitpunkt zum Eingriff verpaßt wird. 
Auch liegt nach den bei uns gemachten Erfahrungen kein Grund 
vor, die von uns geübte Technik zu verlassen. 

Künstlich eingeleiteter Abort. 

Zum Schlüsse möchte ich noch ganz kurz auf die bei uns 
künstlich eingeleiteten Aborte, im ganzen 38, zu sprechen kommen. 
Die Indikation zur künstlichen Einleitung eines Aborts lag zwei¬ 
mal in einem inkompensierten Vitium cordis, einmal in dem Be¬ 
stehen einer multiplen Sklerose, und in allen Übrigen Fällen in 
der Verschlechterung eines bereits bestehenden Lungenleidens. In 
31 Fällen hatten wir einen vollkommen glatten Verlauf ohne Auf¬ 
treten von Fieber, viermal trat nach dem Eingriff ganz leichtes 
Fieber auf, wohl infolge des Lungenbefundes. Drei Patientinnen 
kamen ad exitum. Die Sektion ergab als Todesursache: einmal 
Tbc. miliar, pulm., einmal Anaemia gravis infolge Atonia 
uteri und Myodegeneratio cordis. In diesem Falle konnten 
die starken Blutungen, die im Anschluß an den Eingriff auftraten, 
trotz Anwendung aller Mittel (heiße Spülung, Massage usw.) nicht 
zum Stehen gebracht werden. Einmal Peritonitis, hier war beim 
Einleiten des Aborts eine Sch eidenverletz ung gemacht worden. 
In den meisten Fällen wurde der Muttermund mit Laminariastifton 
dilatiert, worauf häufig der Foetus spontan geboren wurde, 
Testierende Eiteile wurden mit der Curette entfernt und der Uterus 
mit konzentrierter Carboisäure ausgewischt. Bei Graviditäten 
höherer Monate wurden auch Bougies zur Erzeugung von Wehen 
angewendet. Siebenmal entschloß man sich zur Colpohysterotomia 
anterior mit daran anschließender Curettage und Tuben Sterilisation 
nach dem von Asch zuerst angegebenen Verfahren. Die Einleitung 
eines künstlichen Aborts mit Röntgenstrahlen wurde einmal ver¬ 
sucht bei einer Schwangerschaft im dritten Monat; allerdings 
ohne den gewünschten Erfolg. Die Patientin wurde im ganzen 
elfmal bestrahlt, aber die Schwangerschaft nahm trotz des Auf¬ 
tretens von ziehenden Schmerzen im Leib und ziemlich starken 
Blutungen doch ihren Fortgang. Pituitrin wirkte bei im Gange 
befindlichen Aborten in einzelnen Fällen ganz prompt, während es 
zur Einleitung von Aborten aber gänzlich versagte, und da wir 
es bis jetzt nur vereinzelt angewandt haben, so läßt sich nach 
unserm Material über die Brauchbarkeit dieses Mittels beim künst¬ 
lich einzuleitenden Aborte kein maßgebendes Urteil bilden. 

An dieser Stelle erlaube ich mir noch Herrn Primärarzt 
Asch för die gütige Ueberlassung des Materials, sowie Herrn 
Dr. Moos für die freundliche Unterstützung bei dieser Arbeit 


meinen ergebensten Dank auszusprechen, ebenso Herrn Prof. Dr. 
Doederlein für die Uebern&hme des Referats. 

Literatur: 1. Asch, Darmprolaps bei inkomplettem Abort. (B kl. W. 
1911.) — 2. Berliner, Uebor septischen Abort. (Inaug.-Diss., Breslau 1912.) 
— 8. Björkenheim, Bakteriologie und Therapie des fieberhaften Aborts. 
(Arch. f. Gynäk. Bd. 98.) — 4. Bondy, Klinische und bakteriologische Beiträge 
zur Lehre vom Abort. (Zschr. f. Geburtsh. Bd. 70.) — 5. Bumm, Lehrbuch der 
Geburtshilfe. — 6. Fleischhauer, Das kriminelle Abortmaterial der Kieler 
Frauenklinik. (M. in. W. 1912.) — 7. Häberle, Zur Behandlung des infizierten 
Abort«. (Ebenda 1912.) — 8. Hamm, Können wir bei der Behandlung des in¬ 
fizierten Aborts eine bakteriologische Indikation anerkennen? (Ebenda 1912.) — 
9. Holzbach, Darf dem praktischen Arzt eine Behandlung des fiebernden 
Aborts nach bakteriologischen Gesichtspunkten heute schon zugemutet werden? 
(Ebenda 1912.) — 10. Lab and, Zur Frequenz, Aetiologie und Pathologie der 
Fehlgeburten. (Inaug.-Diss., Breslau 1912.) — 11. v. Lingen, Der kriminelle 
Abort. (B. kl. W. 1911.) — 12. Moos, lieber septischen Abort. (Inaug.-Diss., 
Freiburg i. Br. 1909) — 12a. Derselbe, Diskussion zum Vortrage Bondy: 
Bakteriologio und Klinik des Aborts. — 13. Patek, Zur Behandlung der Fehl¬ 
geburten. (Arch. f. Gynäk. Bd. 98.) — 14. Schottmüller, Uebor bakterio¬ 
logische Untersuchungen und ihre Methoden bei Febris puerperalis. (M. m. W. 
1911, Nr. 15.) — 15.^Traugott, Zur Technik und Bedeutung der bakteriologi¬ 
schen Untersuchung des Üterussekrets in der Praxis. (Ebenda 1912.) — 
16. Warnekros, Zur Frage der Behandlung des fieberhaften Aborts. (Arch. f. 
Gynäk. Bd. 98.) — 16a. Derselbe, Bakteriologische Untersuchungen bei Fieber 
im Wochenbette, bei Aborten und während der Geburt. (Zbl. f. Gyn. 1911, 
Nr. 28 ) - 17. Winter, Ueber Prophylaxe und Behandlung deB septischen 
Aborts. (M. Kl. 1911, Nr. 16.) — 18. Zacharias, Ueber Uterusperforation mit 
Darmvorfall. (M. m. W. 1912.) 


Haustrinkkuren. 

Eine Antwort &nf den Aufsatz in Nr. 25, 1914*). 

Haben die natürlichen Mineralquellen eine specifische 
Heilwirkung auf den erkrankten Organismus? 

Von 

Stadtbezirksarzt Dr. Schubart, Plauen i. V. 

Geheimrat Dr. Lennä schreibt in Nr. 25,1914, dieser Zeitschrift mit 
Bezug auf eine beanstandete Ankündigung von Haustrinkkuren mit 
Neuen&hrer Sprudel: „Die Ankündigung eines anerkannten Beilbades 
wurde mit denen des Kurpfuschertums in einen Topf geworfen, weil der 
Sachverständige der Meinung war, die Angabe „bei einfachem Katarrh 
und leicht entzündlichen Prozessen der Gallenwege bringt eine Trinkkur 
mit Neuen&hrer Sprudel unbedingt Genesung“ sei wahrheitswidrig. 

Diese Darstellung trifft die Sachlage durchaus nicht. Es könnte 
so scheinen, als ob der Sachverständige, der ich in dieser Sache sowohl 
dem Dresdner Wohlfahrtspolizeiamt als auch dem Kgl. Amtsgerichte 
gegenüber war, dem Nenenahrer Sprudel bei Leberaffektionen jedwede 
Heilwirkung abgesprochen hätte. Das ist durchaus unrichtig. Mein Gut¬ 
achten begann: „Der Neuenahrer Sprudel ist znm Kurgebrauche bei Leber¬ 
leiden und Zuckerkrankheiten gewiß ein anerkannt gutes Mineralwasser.“ 

Das Gutachten hatte aber die Fragen zu beantworten, ob in der 
vorliegenden Ankündigung der Haustrinkkur mit Neuenahrer Sprudel 
über ihren wahren Wert hinausgehende Wirkungen beigelegt werden 
and die Ankündigung geeignet ist, das Publikum irre za führen. 

Um das zu beurteilen, maß man die Ankündigung in ihren wesent- 
ichen Zügen kennen. 

Diese erschien in der scheinbaren Form einer redaktionellen Notiz 
und lautete: „Leberleiden Schon im Altertume schrieb man traurige, 
verdrießliche, leicht verärgerte Gemütsstimmung den Erkrankungen der 
Leber zu, und bis auf den heutigen Tag heißt es von unzufriedenen, 
stets nörgelnden Menschen gewissermaßen zu ihrer Entschuldigung: „Er 
hat’s an der Leber!“ .... Das ist auch leicht erklärlich . . . „wirklich 
schwarz könnte er sich ärgern“,.wenn er Beinen «Teint wie Milch and 
Blut“ auf einmal in allen Schattierungen von „ zitronengelb * bis „kastanien¬ 
braun“ schillern sieht. Aber bei der vordorbenen Stimmung und Farbe 
bleibt es nicht, bald machen sich auch schwere Nachteile der Gesundheit 
fühlbar: Der Kranke merkt, „wie ihm das Fleisch vom Leibe fällt“, ob¬ 
gleich oft sein Appetit nicht einmal vermindert ist. Das ist aber nicht 
wunderbar, wenn die Leber, eine HanptverdaunngBdrüse, nicht regelrecht 
arbeitet. Dazu ein ständiges Mttdigkeits- und Mattigkeitsgefühl, die 
Unfähigkeit zur geringsten regelrechten Körper- und Geistesarbeit; kurt, 
der Mensch fühlt sich ganz elend and krank. Werden diese Erschei¬ 
nungen von Gelbsucht begleitet, kann man fast noch von Glück sagen, 
denn man erkennt alsbald den Grund and geht mit allem Eifer daran, 
das Uebel zu heben, schon des lieben äußeren Menschen wegen. Liegen 
ein einfacher Katarrh oder leicht entzündliche Prozesse der Gallenwege 
diesen Erscheinungen zugrunde, dann ist dem Leiden bald abgeholfen. 

Der Gebrauch des Nenenahrer Sprudel wassere (Großer 
und Willibrordns Sprudel) bringt in kürzerer oder l Än $ er ®J 
Frist unbedingt Genesung 1 ). Aber die Gelbsucht kann auch auj 
schweren entzündlichen Veränderungen im Lebergewebe zarflekzufünre 

•) Anmerk, der Redaktion: Das Erscheinen dieser Antwort ist 
durch die äußeren Verhältnisse verzögert worden. 

’) Auch im Original gesperrt gedruckt. 


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Original frnrri 

UMIVERSITY OF IOWA 








17. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


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leis, dann ist das Leiden natürlich hartnäckiger. Aber auch hier bringt 
Neuenahrer Sprudel stets den erreichbaren Erfolg! Schlimmer 
ist, daß es eine Reihe von Lebererkranknngen gibt, welche nicht oder 
kaum mit Gelbsucht vergesellschaftet sind, und leider zählen hierzu die 
Khlimmsten: Entsandung des Lebergewebes, Hepatitis, beginnende Leber* 
verhkrtung, Cirrhose (Trinkerleber), bei welchen man nicht energisch 
genug Einschreiten kann. Hier zeigt sich die Heilkraft der Nenenahrer 
Quellen auf das augenfälligste, man kann rnhig sagen, wo za hoffen 
ist, da hilft Neuenahr. Aber der Mensch achte auch auf sein Be¬ 
finden, and bei Öfterem Druck und Spannungsgefllhl in der rechten Seite 
mit Mutigeren Verstimmungen des Verdanungsapparats ziehe man sofort 
den Arit zu Rate, damit dem Uebel sobald als möglich entgegengetreten 
«erden kann. Dann bleiben anch die einfachen Leberschwellungen, 
Stannnnleher, ohne weitere üble Folgen, denn Neuenahrer Sprudel bringt 
diese Zuttä de bald znm Schwinden. Bei allen diesen Leber- 
iffektionen wird Neuenahr von keinem andern Mittel an Wirk¬ 
samkeit übertroffen. Selbstverständlich müssen in diesen Fällen 
keine zu geringen Mengen getrunken werden, sondern eine bis zwei 
Flaschen täglich, je nach Alter and Konstitution. Die Kordirektion 
Bad Neaenabr, N. W. Rheinland, versendet gratis nnd franko eine 
kleine Schrift * Hauskuren“, auf die Leberleidenae hiermit hingewiesen 
werden.“ 

Geheimrat Dr. Lennd hat non, am die von ihm verfaßte An¬ 
kündigung zu rechtfertigen, in seinem Aufsätze nachzuweisen versucht, 
dal Neuenahrer Sprudel bei leichten Katarrhen und entzündlichen Pro¬ 
zessen der Gallenwege ohne Diätvorschriften gelegentlich Genesang 
bringen kann. Das ist nie bestritten worden. Er hat aber nicht nach¬ 
gewiesen, dafi der Sprudel unbedingt Genesung bringt. Das ist doch 
etwas ganz anderes. Es fehlt weiter der Nachweis, daß Neuenahrer 
Sprndel bei schweren entzündlichen Veränderungen stets den erreich¬ 
baren Erfolg bringt, daß sich bei den schlimmsten Lebererkrankungen, 
Hepatitis, Cirrhose und anderes die Heilkraft auf das augenfälligste zeigt, 
and endlich, dafi Nenenahrer Sprudel bei Leberaffektionen von keinem 
andern Mittel an Wirksamkeit übertroffen wird. 

Solange aber nicht nachgewiesen werden kann, daß der Nenenahrer 
Sprudel „unbedingt“ Genesung oder „stets“ den erreichbaren Erfolg 
bringt, and in allen Fällen, „wo noch zu hoffen ist, hilft“, solange wird 
leider die Frage, ob dem Heilmittel über seinen wahren Wert hinaus- 
gehende Wirkungen beigelegt worden sind, mit „ja“ beantwortet werden 
mfluen. 

Weit bedenklicher ist aber, daß die Ankündigung zunächst eine 
kurze Anleitung gibt, wie man Leberkrankheiten erkennen kann, am dann 
als alleiniges Mittel bei allen Leberkrankheiten den Nenenahrer 
Sprudel zu empfehlen, und zwar als Hanstrinkknr. Darauf kommt es 
an. Das beifit mit kurzen Worten: „Jeder Leberkranke kann sich selbst 
zu H &086 mit Neuenahrer Sprndel behandeln, der Erfolg wird nicht aus- 
bleiben, wenn nur „keine zn geringen Mengen getrunken werden!“ Nnr 
io kann and maß der Zeitnngsleser, für den doch die Annonce bestimmt 
ist, diese auffassen. 

Wenn man nun schon mit einer Trinkbar im Hanse ohne andere 
Maßnahmen bei Krankheiten der Leber und der Gallenwege, bei leichten 
und schwereren, stets den nnr Überhaupt erreichbaren Erfolg erzielt, wie 
küaaen as dann praktizierende Aerzte noch verantworten, ihre Kranken 


zu einer Kur nach Bad Neuenahr zu schicken? Oder sollten doch gerade 
in diesem Punkte die Ansichten der Neuenahrer Badeärzte den in der 
Ankündigung vertretenen widersprechen? 

Und weiter: Wozu werden von den Aerzten in Neuenahr noch 
Diätvorschriften, Bäder, Massagen usw. verordnet, wenn man schon mit 
einer einfachen Trinkkur im Hanse den größtmöglichen Erfolg erreicht? 
Aber darüber, daß man im allgemeinen neben den Mineralwässern bei 
Leberleiden noch andere therapeutische Maßnahmen je nach Lage des 
Falles ergreifen muß, besteht doch nicht der geringste wissenschaftliche 
Zweifel. Geheimr&t Dr. Lennd begnügt sich Bicher in der eignen Praxis 
nicht mit der Verordnung einer bloßen Trinkkur, denn er kann ans seiner 
langjährigen, reichen Erfahrung heraus nur über ganz „spärliche“ Fälle 
berichten, wo ausschließlich Neuenahrer Sprndel angewandt worden ist, 
und zwar geschah dies, weil die Anwendung anderer Methoden aus äußeren 
Gründen nicht möglich war. 

Es dreht sich also bei der Beurteilung der Ankündigung gar nicht 
um die Frage, ob man die specifische Heilwirkung der natürlichen Mineral¬ 
quellen auf den erkrankten Organismus höher oder niedriger bewerten 
will, sondern darum, ob es irgendeinen gewissenhaften Arzt gibt, der 
nnterschiedlos bei allen Leber- nnd Gallenkrankheiten nur ein alkalisches 
Mineralwasser zur Trinkkur im Hanse verordnen und auf andere Be¬ 
handlungsmethoden verzichten will. Das tat aber die Ankündigung sogar 
Kranken gegenüber, die dem Anktlndiger natürlich gar nicht bekannt 
sind, nnd noch dazu unter Verheißung des denkbar besten Erfolges. Es 
ist danach gerade für Jeden Unbefangenen“ wohl ganz außer allem 
Zweifel, daß die Ankündigung geeignet war, das Publikum irre zu führen. 

Diese an sich recht unerquickliche Angelegenheit beansprucht leider 
allgemeineres ärztliches Interesse. Denn eine immer größere Anzahl von 
Ankündigungen der Mineralwässer in den T&geszeitnngen beschränkt sich 
nicht mehr darauf, die Quellen als diätetische Getränke für den Haus¬ 
gebrauch zn empfehlen, sondern preist sie in mehr oder weniger über¬ 
triebener Weise &1b Heilmittel gegen bestimmte Krankheiten an. Das 
muß dazu führen, daß die Quellen ohne richtige Diagnosen- nnd Indi* 
kationssteUung, ohne nähere Anweisung und sachgemäße Kontrolle an¬ 
gewandt werden. Und es muß dazu führen, daß die Heilquellen zum 
Massenartikel herabsinken, bei dem es gar nicht mehr auf die richtige 
Anwendung, sondern nur noch auf den möglichst großen Umsatz an¬ 
kommt. Das ist tief bedauerlich gerade bei den Quellen, deren Heilkraft 
ärztlicherseits allgemein anerkannt wird. Denn die auf diese Weise un¬ 
ausbleiblichen Mißerfolge werden nicht nnr den Kranken schadeD, 
sondern auch das Vertrauen in das Wissen der Aerzte im Publikum 
erschüttern. 

Die Aerzte können dem vielleicht auf zweierlei Weise entgegen¬ 
treten; einmal indem sie Mineralwässer, für die derartige Reklame ge¬ 
macht wird, grundsätzlich nicht mehr verordnen; und zweitens, indem 
sie diesen Pseudoanfklärungen des Publikams wirklich aufklärende Ar¬ 
tikel in den Tageszeitungen entgegenstellen. In diesen Artikeln müßte 
immer wieder betont werden, daß der Schwerpunkt jeder wahren ärzt¬ 
lichen Behandlung im Individualisieren liegt and daß alle Heilmittel¬ 
reklamen in Tageszeitungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, 
gegen diesen ehernen Grundsatz ärztlicher Kunst verstoßen. 


Ans der Praxis für die Praxis. 


Behandlung der Erfrierungen. 

von 

Oberarzt Dr. 0. Nord mann, Berlin. 

Bei Menschen mit erfrorenen Gliedmaßen wird durch. Ein- 
reiben mit Schnee oder durch Einhüllen in Decken für eine lang¬ 
same Erwärmung und für eine allmähliche Wiederkehr 
«er Circulation Sorge getragen. 

. Oberflächliche Erfrierungen werden ebenso behandelt 
irie die Verbrennungen. Bei schwerer Schädigung tieferer Ge- 
jebeßchichten, z. B. ganzer Finger oder Zehen, der Füße oder der 
««wie, wird das ganze betroffene Gebiet schonend mit Benzin ab- 
gemben und mit Jodoform eingepudert und ein dickgepolsterter 
«band mit Watte angelegt, der nirgends absohnüren kann. Das 
^ e Mittel zur Besserung der Blutzufuhr ist ein senkrechtes 
"spendieren der verletzten Extremität, indem eine dick- 
s polsterte Schiene angewickelt und an dieser ein Bindenzügel 
"gebracht wird, der an einem eingeschl&genen Nagel oder einem 
[nf!t!- 8l0ö f apparat au % eh ängt wird. In erster Linie muß eine 
mit um? des Werbenden Gewebes verhindert werden, welches 
tl ,n me l rockner Puderverbände niit antiseptischen Mitteln 
m Demarkation gebracht wird. 


Feuchte Verbände würden auch bei Erfrierungen stets 
zum Auskeimen von Bakterien und zu einer Eiterung führen und 
sind deshalb zu verwerfen. 

Trotz aller Vorsicht können Fiebersteigerungen und 
Symptome einer Wundinfektion auf treten, ohne daß an dem 
schwarz verfärbten, eingetrockneten Gewebe Entzündungserschei¬ 
nungen nachweisbar sind. Dann wird die mumifizierte Haut 
mit einer gekochten chirurgischen Pinzette und einer Schere an 
einer Stelle abgelöst. Bemerkt man unter ihr einen eitrigen 
Belag oder entleert sich Sekret, so wird die ganze abgestorbene 
Haut abgetragen und die entstehende Wunde nach den früher ge¬ 
gebenen Regeln trocken weiter behandelt. 

Eine Amputation eines erfrorenen Glieds soll erst dann 
ausgeführt werden, wenn eine scharfe Grenze zwischen 
lebensfähigem und abgestorbenem Gewebe sichtbar geworden 
ist. Ich habe einige Fälle von Erfrierung der Füße gesehen, 
in denen sich nach mehrtägigem Abwarten die Circulation 
soweit wieder herstellte, daß man mit einer Amputation der 
schwarzverfärbten Zehen auskam, während der Befund bei der 
Aufnahme befürchten ließ, daß die Füße bis zu den Knöcheln 
absterben würden. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK 


Nr. 3. 


17. Januar, 


Referatenteil. 


Redigiert von Oberarzt 

Sammelreferat. 

Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen 
von Dozent Dr. Leopold Freund, Wien. 

Bei zwei Fällen von congenitaler Fingercontractur fand 
L. Freund radiologisch verschiedene Knochenveränderungen. In 
dem einen Falle ist eine Abschrägung des Capitalums der zweiten 
Phalanx, in dem zweiten Falle hingegen komplette knöcherne 
Ankylose zwischen zweiten und Endphalanx, letztere verschmäch- 
tigt und kondensiert (XXII, 8). 

Bei einem Hirntumor der Hypophysisgegend konstatierte 
Strubell radiologiseh eine beträchtliche Vertiefung der Selia 
turcica. Die basale Schattenstufe zerfiel in zwei Teile, zwischen 
welche sich die Keilbeinhöhle nach rückwärts drängte. Die Keil¬ 
beinhöhle erwies sich bei der Obduktion ihres Knochendaches be¬ 
raubt und nur durch die Dura vom Hypophysentumor getrennt 
(XXII, 4). 

Für ganz kleine Fremdkörper gibt Löffler die Regel, daß 
man sie nicht im Gewebe suchen, sondern samt der Umgebung 
exstirpieren solle. Die Wunde ist durch Naht erst dann zu 
schließen, bis die Röntgenaufnahme in dem exstirpierten Stücke 
den Fremdkörper sicher naohgewiesen hat (XXII, 3). 

Ueber einen Fall von vielfachen osteogenetischen Knochen¬ 
auswüchsen berichtet P. A. Delfino (Genua). 

Kienböck faßt das als Ellbogenscheibe oder als Patella 
cubiti beschriebene, nicht selten zu beobachtende, Knochenstück 
nicht als abnormes Sesambein, sondern als alte nicht geheilte Ole- 
cranonfraktur auf (XXII, 1). 

Fritz Weiler verfertigte von Knochen (Femur, Cuboideum 
Wirbelkörper, in denen er künstlich erbsen- bis walnußgroße Höhlun¬ 
gen anlegte, Röntgenbilder und konstatierte die Tatsache, daß letztere 
unter gewissen Bedingungen keine Spur jener Verletzungen zeigten. 
Die Röntgendiagnose von Knochenerkrankungen wird erst auf 
Grund der sekundären Veränderungen der Knochen (Atrophie, 
Sklerose usw.) möglich (XXII, 2). 

Otto Nieber liefert eine röntgenologische Studie über 
einige Epiphysennebenkerne des Becken- und Schultergürtels 
(XXH, 2). 

Für Trichobezoar ist nach Burchard radiologisch cha¬ 
rakteristisch das langsame Eindringen der Kontrastmahlzeit; der 
Brei macht erst an der Kardia halt, zeigt sich dann als dunkler 
Streifen an der großen und der kleinen Kurvatur. Ein beweglicher 
Tumor läßt sich während der Durchleuchtung verschieben. Der 
helle, den Magen ausfüllende Tumor ist von dunklen Wismut¬ 
streifen begrenzt, eventuell sind auch Querstreifen sichtbar, wenn 
der Tumor aus mehreren Ballen besteht. Außerdem zeigt der 
ganze Magenschatten ein fleckiges, gesprenkeltes, wabenförmiges 
Aussehen (XXII, 3). 

Sorantin gelang es, durch Einführung sehr elastischer und 
biegsamer Nickelspiralen in die Harnröhre und nachfolgende 
Röntgenaufnahme ein Harnröhrendivertikel zur Darstellung zu 
bringen, in welchem sich die Sonde aufrollte (XXII, 2). 

Den Nutzen des Röntgen verfahrene für die Geburtshilfe illu¬ 
strieren die Befunde K. Kaysers bei abdomineller Gravidität, 
Acephalus, abnormen Kindslagen und Mehrlingsschwangerschaften. 
Nach Kays er gelingt es in den letzten Monaten der Schwanger¬ 
schaft stets, den Kopf sichtbar zu machen. Einer der mitgeteilten 
Fälle beweist, daß die Früchte im letzten Monate der Schwanger¬ 
schaft noch ihre Lage zu ändern vermögen (XXn, 1). 

Bei drei Fällen von Oesophaguscarcinom Weingärtners 
fand sich Bariumsulfat respektive Wismut im Bronchialbaume. 
Die genaueste Bronchoskopie und bei einem Fall auch die Ob¬ 
duktion konnten niemals eine Fistel nachweisen, doch bestand in 
allen drei Fällen schwere Lähmung der Kehlkopfmuskeln. Hier¬ 
durch kam der beim Berühren der Larynxschleimhaut normaler¬ 
weise eintretende reflektorische LarynxVerschluß nicht zustande 

(^Hßei einem serologisch und therapeutisch festgestellten Falle 
von gummöser Lungensyphilis ergab das Röntgenbild eine starke 
Infiltration des ganzen rechten Mittellappens mit intensiven, sich 
bis zum Oberlappen hin erstreckenden Verdichtungen (XXII, 2). 

Quiring, Lippmann und E. Müller betrachten die ver¬ 
mehrte Schattendichtigkeit und die zahlenmäßig nachweisbare 
Verbreiterung der Aorta als pathognomonisch für die Aortitis 


Dr. Walter Wolff, Berlin. 

luetica. Die Verbreiterung ist mehr auf Kosten einer schwieligen 
Verdickung der Gefäßwand als auf eine Erweiterung des Lumens 
zu setzen (XXII, 3). 

Die nach Aufblähung mit Kohlensäure und nach Einführung 
der. Bariummahlzeit gewonnenen Magenformen zeigen große Ver¬ 
schiedenheiten. Die nach Einführung der Bariummahlzeit ge¬ 
wonnene Magenform entspricht den natürlichen Verhältnissen. 
Die nach Aufblähung gewonnene Magenfora stellt ein Kunst¬ 
produkt dar. Die untere Grenze des aufgeblähten Magens steht im 
Liegen und Stehen beträchtlich höher als die des mit Bariummahl¬ 
zeit gefüllten Magens (nach Schneider XXII, 3). 

Bei der Prüfung der Magenmotilität, der Acidität und der 
Pylorusfunktion kommt auch die Frage nach einem wirksamen 
Neutralisationsmittel der Salzsäure in Betracht. Urano zeigt, 
daß als solches die Magnesia usta dem Natriumbicarbonat vorzu¬ 
ziehen ist (XXH, 3). 

Freud berichtet Über einen Fall von Gastrospasmus bei 
Urämie. Es bestand hierbei Achlorhydrie (XXII, 4). 

Aus der Röntgenuntersuchung von drei wegen Magencarcinom 
gastrostomierten Fällen ergab sich M. Cohn, daß durch die An¬ 
legung einer Kanalfistel im Magen das radiologische Bild eines 
Sanduhrmagens hervorgerufen wird. Der gastrostomierte weist peri¬ 
staltische Bewegungen nicht auf. Das schnelle Entweichen der In¬ 
gesten aus dem Magen läßt auf Offenstehen des Pylorus und auf 
Herabsetzung der Säureabsonderung schließen. Cohn meint, da8 
als Nahrung für solche Kranke nicht Milch, sondern eher Schleim¬ 
suppen mit den üblichen Zutaten zu empfehlen wären (XXII, 4). 

Das Charakteristische aus Röntgenbildem von Erweiterungen 
des Duodenums ist weniger die geringe Verengerung als die sekun¬ 
däre Erweiterung, die bei der vollen Füllung des Duodenums deut¬ 
lich zur Ansicht kommt. Bei Erweiterungen des Bulbus findet 
sich im Scheitel desselben stets eine große Luftblase (XXH, 2). 

Die Insuffizienz der Valvula Baubini, welche man bei Kon¬ 
trasteinlauf in den Dickd&rm auf dem Röntgenschirme nicht selten 
sieht, ist nach P. Lohfeldt kein eindeutig zu verwertendes Sym¬ 
ptom von Darmerkrankung, sondern nur geeignet, in Verbindung 
mit auftretender Schmerzhaftigkeit beim Füllen des Coecums mit 
Kontrasteinlauf die klinische Diagnose „Perityphlitis chronica zu 
stützen (XXII, 2). 

Auf Grund dreier Beobachtungen meint Franz M. Groedel, 
daß eine Darminvagination sehr verschiedene Röntgenerscheinungen 
machen kann, unter denen die der Darmstenose wohl die wich¬ 
tigsten seien (XXII, 2). 

J. Witte gelang bei einer sehr mageren Frau, die gleich¬ 
zeitig an abdomineller Ptosis ohne Senkung der Leber litt, der 
deutliche Nachweis von Gallensteinen (XXII, 2). 

Pagenstecher erzielte bei Bieben Fällen von Lupus vul¬ 
garis mit gefilterten harten Röntgenstrahlen Besserungen und Hei¬ 
lungen (XXII, 1). 

Nach Hör der üben die Röntgenstrahlen auf den Organismus 
der weißen Maus eine Wirkung aus, die Bich in einem eigenartigen 
Verhalten der Haare (Gesträubtsein), Haarausfall, starkem Durch¬ 
fall, Gewichtsabnahme und schließlich sich einstellenden Exitus 
äußert. Eine Erythemdosis wird von den Mäusen ohne nachweis¬ 
bare Störungen vertragen. Die Höhe der auf das Gramm Körper¬ 
gewicht bezogenen Dosis, die von der Maus vertragen wird, be¬ 
trägt ungefähr 1,4 X. Durch das Dazwischenhalten von Filtern 
werden bestimmte den Organismus der Maus besonders schädigende 
Strahlen zurückgehalten und hierdurch das Leben der Mäuse um 
einige Tage verlängert. Unter Filtern gleicher Stärke gewährten 
die Metalle Kupfer, Silber und Eisen einen größeren Schutz ata 
das Aluminium. Durch die Verstärkung eines 0,5 mm Alumi¬ 
niumfilters um V* auf 0,75 mm werden im Vergleiche mehr 
Strahlen zurückgehalten als durch die Verstärkung eines 0,75 mm 
Aluminium Alters auf 1 mm, ungefähr im Verhältnisse 10:4 
(XXH, 1). e .. 

Kienböck beschäftigt sich in einer ausführlichen Studie 
mit dem Früherythem, welches er als eine durch die Röntgen¬ 
strahlen selbst hervorgerufene harmlose initiale Reizwirkung aul¬ 
faßt, welche nur ganz oberflächlich ist, sich nie in die Time er¬ 
streckt und nie hohe Grade erreicht. Auf eine solche initiale 
Reizwirkung ist auch der bisweilen beobachtete verstärkte Haar¬ 
wuchs nach Röntgenbestrahlung zurückzuführen: diesem folge aber 
Hemmung desselben. Als tiefe Frühreaktionen sind Schwellung, 


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17. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


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Schmerzen und Funktionsstörungen an DrOsen und Tumoren bis¬ 
weilen zu beobachten. Hierher gehört auch die Leukocytose, 
welche zu Beginn der Bestrahlung leukämischer Milztumoren auf- 
tritt. Dieselbe ist blos ein Vorbote der LeukocytenVerminderung. 
Der »Röntgenkater“, das Röntgenfieber Bind Erscheinungen der 
Allgemeinintoxikation, welche eine Folge der Verstärkung der 
inneren Sekretion der Tumoren ist (XXII, 1). 

Ans den Versuchen Edens und Paulis geht hervor, daß 
Blut, welches mit Röntgenstrahlen oder radioaktiven Substanzen 
bestrahlt wurde, nicht etwa deswegen auf photographische Platten 
wirkt, weil es selbst eine neue Art von Strahlen aussendet, sondern 
infolge chemischer Einflüsse. Dies geht aus den elektrometrischen 
Messungen der Autoren hervor (XXII, 4). 

Nach den Untersuchungen Großmanns über Sekundär- 
strahlen und Sekundärstrahlentherapie liefern Elemente, deren 
Atomgewichte zwischen 50 bis 85 liegen, wie Kupfer, Zink, ferner 
die schweren Elemente, deren Atomgewicht größer als 180 sind, 
wie Wolfram, Iridium, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Wismut 
sehr weiche Sekundärstrahlen. Eisen und Nickel geben so schwache 
Wirkungen, daß sie für die Sekundärstrahlentherapie kaum in Be¬ 
tracht kommen. Größere Reichweiten und stärkere Wirkungen, 
besonders bei harter Primärstrahlung, erzielt man bei Verwendung 
mittelschwerer Elemente (Molybdän, Palladium, Silber, Cadmium, 
Zinn, Antimon, Jod, Tellur, Barium und Ca) als Sekundärstrahlen- 
sender. Strahlen der größten Reichweite erzielt man bei Verwen¬ 
dung der schweren Elemente Wolfram, Platin, Gold und harter 
Primärstrahlung. Bei Verwendung der kolloidalen Stoffe besteht 
lediglich in einer solchen der von ihnen ausgehenden Betastrahlung. 
Nennenswerte Wirkungen lassen sich damit vermutlich nicht er¬ 
zielen. Will man mit Sekundärstrahlen in den Körper injizierter 
Stoffe therapeutische Wirkungen hervorbringen, so muß man sie 
in Form von Suspensionen anwenden, deren Teilchen einen Durch¬ 
messer tob ewigen n haben (XXII, 4). 

Dieterich berichtet über 76 Fälle von Lymphdrüsentuber- i 
kuiose, welche mit Röntgenstrahlen behandelt wurden. 44 wurden 
geheilt, 22 gebessert, 8 sind noch in Behandlung und 2 blieben 
unbeeinflußt (XXII, 2). 

Bei einem myelogenen Sarkom des HumeruskopfeB erzielte 
B. Rieder mit fraktionierter Dosierung kleiner Dosen und pro¬ 
phylaktischen Nachbestrahlungen nicht nur eine Zelleinschmelzung, 
sondern auch eine deutlich nachweisbare Knochenregeneration. 
Nach Aussetzen der Bestrahlung trat ein bösartiges progredientes 
Rezidi? auf, welches auch durch intensive Tiefenbehandlung nicht 
modifiziert werden konnte und bald zum Tode führte. Ein Fall von 
Magencarcinom zeigte nach Applikation einer sehr großen Strahlen¬ 
dosis (1800 X) Heilungstendenz (XXU, 4). 

R. Sielmann behandelte 32 Myome, 10 Metropathien, 9 Dys¬ 
menorrhöen, 16 maligne Affektionen der weiblichen Genitalien und 
25 Fälle Ton Erkrankungen der Mamma mit Röntgenstrahlen. Die 
Myome, Metropathien, klimakterischen Blutungen und Dysmenor¬ 
rhöen konnten zumeist schon durch kleine und mittlere Dosen 
Röntgenlichts geheilt werden. Bei malignen Neoplasmen eignet 
äch diese Therapie zur Nachbehandlung nach Operationen. 

Znr Behandlung der Vulvaaffektionen mit Röntgenstrahlen 
empfiehlt L. Freund eine Spreizzange, welche alle in Betracht körn¬ 
enden Teile freilegt (XXII, 3). 

Winkler hat bei Vulvacarcinom von der Anwendung des 
Mesothoriums bessere Erfolge gesehen als von jener der Röntgen- 
•trahlen (XXII, 2). 

Aub einer interessanten Berechnung kommt F. Locher zu 
dem wichtigen Schlüsse, daß man bei Tiefenbestrahlungen die Blende I 


| nie kleiner nehmen solle als den zu bestrahlenden Herd 
(XXII, 1). 

Für den Röhrenbetrieb in der Gynäkologie bewährten sich 
I K. Kayser in der Heidelberger Frauenklinik hauptsächlich die 
Müllerschen Wasserkühlröhren, speziell die Rapidröhren. Als 
Durchschnittsalter ergab sich für die Rohre 109 Stunden 53 Minuten 
(XXII, 1). 

Der verschiedene Gehalt von Gasen in den Röntgenröhren 
ist die Ursache der verschiedenen Leistungen, welche wir mit 
diesen erzielen; er gibt auch die Grenzen, welche der Benutzung 
der Röntgenröhren gezogen sind. Eine neue Gruppe von Röntgen¬ 
röhren arbeitet mit Röntgenröhren, welche ein viel höheres Va¬ 
kuum besitzen als die bisher verwendeten. In diesen hoch eva¬ 
kuierten, fast luftleeren Röntgenröhren werden von einer heißen 
Wolframkathode dauernd Elektronen abgegeben, und zwar in 
Mengen, die von der Temperatur der ersteren abhängen. Positive 
Ionen sind in solchen Röhren nicht vorhanden. Ein interessanter 
Typus dieser Konstruktionen, bei denen der Entladungsstrom rein 
thermoioniscber Natur ist, ist die Röntgenröhre mit reiner Elek¬ 
tronenentladung von W. D. Coolidge. Bei derselben werden so¬ 
wohl Rohre als auch Elektroden gründlich von eingeschlossenem 
Gase befreit. Als Kathode wird ein durch eine 8 bis 5 Ampere 
liefernde Akkumulatorenbatterie elektrisch geheizter Wolfram- oder 
Tantaldraht als Elektronenquelle verwendet; derselbe ist von einem 
elektrisch leitenden Ring oder Cylinder aus Molybdän oder Wol¬ 
fram, der mit der Kathode oder einer äußeren Stromquelle, die 
seine Spannung auf eine beliebige Höhe bringen kann, leitend ver¬ 
bunden und hat die Aufgabe, das elektrische Feld in der Nachbar¬ 
schaft der Kathode so zu gestalten, daß der gewünschte Fokus¬ 
grad des Kathodenstrahlenstroms in bezug auf die Antikathode 
herauskommt. Außerdem besitzt die Röhre eine massige Antikathode 
aus Wolfram, welche gleichzeitig als Anode dient. Sie ist an einem 
Molybdänstreifen befestigt, welchem zur Ableitung der in der Anti¬ 
kathode erzeugten Wärme noch mehrere Molybdänflügelpaare ange¬ 
schmolzen sind. Der Penetrationsgrad der von dieser Röhre ge¬ 
lieferten Strahlen nimmt mit höheren Spannungen der Röhrenklemmeu 
zu. Die Röhre hält die größten Belastungen stundenlang ohne Aende- 
rung der Intensität oder des Penetrationsvermögens aus. Während 
des Betriebs fluoresciert sie nicht, auch zeigt sie keine Erwärmung. 

Hi da empfiehlt, zum Erreichen einer dauernden Röhrenhärte 
das Gla9 während der Funktion mittels eines Ventilators abzu¬ 
kühlen (XXII, 3). 

Christen wendet sich gegen die Konfusion, die bezüglich 
der Angaben von Härtegraden der Röntgen strahlen nach den ver¬ 
schiedenen Härteskalen besteht, und empfiehlt die allgemeine Be¬ 
wertung dieser wichtigen Eigenschaft der Röntgenstrahlen nach 
Halbwertschichten, welche allein Anspruch auf Zuverlässigkeit er¬ 
heben kann (XXII, 2). 

Nach den Untersuchungen H. E. Schmidts gibt das Kien¬ 
böck sehe Quantimeter sehr ungenaue Angaben der Röntgenstrahlen¬ 
dosis. Zuverlässiger ist das Sabouraud-Noirösche Instrument 
(XXH, 4). 

In seinem Artikel „Grundprinzipien der Dosimetrie“ be¬ 
schreibt G. Großmann ein „Ionometer“ benanntes Instrument, bei 
welchem die Röntgen Strahlenintensität nach der Ionisierungsstärke 
beurteilt wird, welche die Strahlen auf die Luft und einen elek¬ 
trisch geladenen Körper in einer Gaskammer ausüben und sie da¬ 
durch mehr oder weniger leitend machen. Die Stärke des Stroms 
in der Gaskammer und der in der Zeiteinheit eintretende Ladungs¬ 
verlust des Körpers geben ein Maß der von der Luft in der Kammer 
pro Zeiteinheit aufgefangenen Röntgendosis (XXII, 1). 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1914 , Nr. 46. 

. Melchior: Zur Kasuistik der Verwundungen durch in- 
Jürerte Projektile« Verfasser warnt davor, im Gefechte die Uhr am 
mtn Handgelenke za tragen, da SchnßVerletzungen viel häufiger die 
°^ere Extremität betreffen als die rechte, und die von einem Ge- 
getroffene Uhr als indirektes Projektil wirkend außerordentlich 
•cätere Verletznngen hervorruft. 

G. Finder twd L. Rabinowitsch: Experimentelle Versuche 
d*Ti Efrfittß behinderter Nasenatmnng anf das Zustandekommen 
. ‘“ 4 ^ü°Mtttberknloge« Als Versuchstiere dienten Meerschwein- 
> Bei einem Teile der Tiere wurde die Nasenatmung durch Watte- 
wache and Collodiam ausgeschaltet, bei dem andern Teile blieb die 


Nasenatmung unbehindert Nach Inhalation von Taberkelbacillen zeigte 
sich, daß durch Ausschaltung der Nasenatmung das Zustandekommen 
einer Inh&lationstuberkulose nicht erleichtert wird, im Gegenteil kam bei 
den Versuchstieren eine Inhalationstuberkulose leichter zustande, wenn 
die Nasenatmnng frei war. 

A. Münzer (Berlin-Charlottenburg): Die Grenzen der Organ¬ 
therapie. Die Organtherapie kann nnr bei Quantitätverändernn- 
gen der Blutdrösensekretion, das heißt bei Hyper- beziehungsweise 
Hypofonktion (z. B. bei Myxödem) von Bedeutung sein. Bei Hypofonk- 
tion handelt es sich um Ersatz des fehlenden Sekrets, bei Hyperfunktion 
um Zufuhr des entsprechenden Antagonisten. Bei Dysfunktion einer 
Blutdrflge wird die Zufuhr des betreffenden Organersatzprfiparats nur 
dauu Nutzen bringen, wenn es sich um eine primäre Erkrankung der 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17. Januar. 


Drüse handelt, nicht aber, wenn die Dysfunktion der Blutdrflse nur der 
erste sichtbare Ausdruck einer Organismusstörung ist. 

M. Hesse: Beeinflussung der Wassermannschen Reaktion 
durch Embarin und Merlusan. Verfasser kommt zu dem Schlüsse, 
daß Embarin und Merlusan imstande sind, die Wassermannsche Re¬ 
aktion in einer großen Anzahl von Fällen im günstigen Sinne zu be¬ 
einflussen. 

P. Scharff (Stettin): Zur Prophylaxe und Therapie der Ge¬ 
schlechtskrankheiten im Felde. Die Abortivkur der Gonorrhoe soll 
nur dann vorgenommen werden, wenn 1. der richtige Zeitpunkt abgepaßt 
werden kann; 2. schleimiger gouokokkenhaltiger Ausfluß vorhanden ist; 
3. Schmerzhaftigkeit der Prostata fehlt und endlich, wenn die erste 
Harnportion klar ist. Für die Abortivkur und gewöhnliche Behandlung 
der Gonorrhöe, des Ulcus molle und der Lues gibt Verfasser genaue 
Vorschriften. 

E. Fuld: Ueber die Behandlung der Durchfälle im Felde. 
Eb gelingt ohne diätetische Einschränkungen (ausgenommen kalte Ge¬ 
tränke), Durchfälle durch Verabreichung von Cocain in fester Form zu 
beseitigen. Es wird in einer Dosis von Vs cg dreimal täglich V* Stande 
vor den Mahlzeiten gegeben (je drei Stück „Gelonida neurenterica“)* 
Die Wirkung tritt oft schon nach der ersten Dosis ein. Sicherheits¬ 
halber soll man mit der Medikation drei bis vier Tage fortfahren. 

M. Neuhaus. 

Deut sche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. f. 

Grober (Jena): Ueber die Behandlung von Leibschmerzen. 
Betont wird namentlich die ursächliche Behandlung der bei den mannig¬ 
fachsten Krankheiten auftretenden Leibschmerzen. 

E. Meyer (Königsberg i. Pr.): Zur Frage der Conceptions- 
beförderung und der EheschlieBung bei Nerven- und Geisteskrank¬ 
heiten. Sowohl im Interesse des kranken Individuums selbst wie der 
Eugenik ist hierbei die größte Vorsicht geboten. Die von Laien aber, 
auch noch von Aerzten oft geäußerte Ansicht, wenn nur Kinder vor¬ 
handen wären oder kämen, würde die Hysterie schwinden, ist ganz un¬ 
bewiesen. Natürlich darf man die Hysterie nicht verwechseln mit einer 
gewissen physiologischen Depression kinderloser Frauen. Bei gesunden 
Frauen werden die mit der Kinderlosigkeit verbundenen depressiven Vor¬ 
stellungen in nicht zu langer Zeit überwunden, und ob wird das psychi¬ 
sche Gleichgewicht wiedergewonnen. Anderseits kann bei psycho¬ 
pathischen Verheirateten auch die Generations tätigt eit recht ungünstig 
wirken. 

Hans Barasch (Berlin): Zehn Jahre Scharlachstattstlk. Die 
in diesen zehn Jahren nachgeprüften Mittel wurden allo nach kurzer Zeit 
wieder verlassen. Uebrig blieb nur eine Therapie, die in Bädern, Diät 
und sorgsamster Pflege besteht Im allgemeinen wird der Patient am 
42. Tage, das heißt also genau nach sechs Wochen, aus dem Kranken, 
hause oDtlassen. Meist ist dann die Schuppung auch völlig beendet. 

W. Wolff (Bad Neuenahr): Ueber Blutzuckerbestlmmuugen In 
kleinsten Blutmengen. Die Bangsche Methode ist der Kowarsky- 
schen vorzuziehen, weil sie mit geringeren Blutmengen arbeitet und weil 
die Bestimmung dieser Blutmengen rascher und exakter erfolgt. Diese 
Mikromethode kann aber nur in den Händen von Personen etwas leisten, 
dio im chemischen Arbeiten gut geschult sind. 

Karl Zieler (Würzburg): Zur Behandlung von Geschlechts¬ 
krankheiten hei den lm Felde stehenden Truppen. Im Gegensatz 
zu Neisser bestreitet der Verfasser ganz entschieden, daß sich eine 
Allgemeinbehandlung der Syphilis bei marschierenden und Felddienst 
tuenden Soldaten durchführen lasse. Syphiliskranke mit anstcckungs- 
fahigon Erscheinungen gehören unter allen Umständen ins Lazarett, 
ebenso auch der weiche Schanker und der Tripper. Die Feldlazarette 
müssen nun die Kranken bekanntlich gewöhnlich möglichst bald der 
Etappe übergeben (Kriegslazarette usw.). Ist aber ein Feldlazarett 
längere Zeit eingerichtet, so ist selbstverständlich auch die sachgemäße 
Behandlung Geschlechtskranker möglich. Aber auch unter solchen 
Umständen ist dio Uebemahme einer länger dauernden Behandlung nicht 
zweckmäßig Daher sind Geschlechtskranke möglichst schnell der Etappe 
zu überweisen und von hierin große Spezialabteilungen zu leiten. 

A. Blaschko (Berlin): Zur Prophylaxe des Flecktyphus. Diese ist 
identisch mit der Prophylaxe der Pediculoßis. Das gilt noch mehr für 
die Kleiderläuse als für die Kopfläuse. Gegen Kleiderläuse ist außer¬ 
ordentlich wirksam das Naphthalin. Der Verfasser pflegt es bei 
Pediculosis des Körpers als 6%iges Naphthalin-Vaselin einreiben zu 
lassen, rät aber für den Feldzug, jedem Soldaten 30 bis 50 g Naphthalin, 
pulver mitzugeben, von dem dieser, sobald er Juckreiz am Körper ver¬ 
spürt, etwa einen halben Teelöffel am Hals und Genick unter den Hemd¬ 
kragen schüttet. Auch könnte es, in ein paar Mullsäckchen eingenflht, 
au einem Band um den Hals getragen werden. Beim Schlafengehen ge¬ 


nügen kleine Mengen des Pulvers, ins Bett oder unter das Hemd gestreut. 
Die Armee Verwaltung sollte die vorhandenen Vorräte von Naphthalin für 
sich mit Beschlag belegen. Zur Verhütung der Kopfläuse genügt es, 
die Haare kurz zu scheeren, am besten mit der Maschine, eine Maßregel, 
die in der Armee eingeführt werden sollte. 

Erich Martini (Birkenhof b. Greiffenberg i. Schl.). Maßregeln 
gegen Lungenpest. Die Ratten- und Flohbekämpfung bleibt hier die¬ 
selbe wie bei der Bekämpfung der Bubonenpest, da die Lungenpestkeime 
auf dem Wege durch Floh und Nager auch die Lungenpest bewirken und 
verbreiten können. Alle die mit den Kranken in Berührung kommen, 
müssen zunächst passiv immunisiert werden durch möglichst hohe Dosen 
Pestimmunsernm. Gleichzeitig empfiehlt sich für die Aerzte und Pfleger, 
das heißt für alle, die längere Zeit mit den Kranken Zusammenkommen, 
die aktive Schutzimpfung mit abgetöteter Pestagarkultur nach 
R. Pfeiffer. Da ferner die UebertraguDg der Lungenpest im wesent¬ 
lichen durch die Luft auf dem Wege der Atemwerkzeuge ge¬ 
schieht (die Pestbakterien gelangen beim Husten oder Sprechen aus den 
kranken Lungen in die Luft), so müssen Aerzte und Pfleger sich da¬ 
durch schützen, daß sie z. B. Verbandmull in vier- bis achtfacher Lage 
mit einer Einlage von entfetteter Watte vor Mund und Nase legen und 
im Nacken knüpfen. Man kann außerdem noch dem Kranken eine Mull- 
maske vorbinden und seinen Kopf mit einem Mallnetz bedecken, oder bei 
der Unterhaltung mit den LuDgeDpestkranken hinter sie treten. Wichtig 
ist die Beseitigung oder Unschädlichmachung der sich anhäufenden Leichen 
von Lungenpestkranken, zumal, da verhindert werden muß, daß Ratten 
an sie herankommen. Sie müssen deshalb verbrannt werden. In der 
Lnr genpestepidemie der Mandschurei verwandten dazu die Chinesen 
empfehlenswerte Ziegelöfen, die Verfasser genauer beschreibt 

Feichtmayer: Die Hygiene ln den Deckungen im Stellungs¬ 
kriege. Wichtig ist es, für die Wasserdichtigkeit der Unterkunft durch 
Wellblech, Dachziegel und Regenrohre Sorge zu tragen. Sind genügend 
Bretter vorhanden, lassen sich die Wände und Fußböden täfeln. Zur 
Beseitigung von Feuchtigkeit dienen eiserne Oefen mit langen Abzugs¬ 
rohren, die über Dach geführt sind. Besprochen werden die Lager¬ 
stätten, die Beseitigung einer Ansammlung von Wasser infolge zu hohen 
Grundwasserstandes, die Verhütung der Verunreinigung des Fußbodens, 
die Anlegung von Latrinen, ferner die Fußbekleidung der Mannschaft, 
die Zahnpflege, die richtige Kost. (Da die Verletzung des mit Kot ge¬ 
füllten Dickdarms gefährlicher ist als die des mehr oder weniger leeren, 
so ist die Darmentleerung des Morgens und Verabreichnng des Mittag¬ 
essens am späten Nachmittage von Bedeutung für die Prognose der Ver¬ 
letzung). Erörtert wird ferner die Trinkwasserfrage, die körperliche 
Reinigung, die Reinigung der Wäsche (wollene Sachen hüte man sich, in 
heißem Wasser zu reinigen, da Wolle dann schrumpft). Häufige Ge- 
sundheitBbesiehtigungen sind notwendig (auch wegen der Geschlechts¬ 
krankheiten). 

Noehte (Halle a. S.): Ueber die operative Behandlung der 
Rflckenmarkverletznngen im Feldlazarett. Von 20 Wirbel Verletzungen 
besserten sich zwei ohne Operation, neun starben au verschiedenen Kom¬ 
plikationen ohne Operation und neun wurden operiert; davon besserten 
sich vier. Der Verfasser tritt für die prinzipielle Frühoperation der 
RückenmarkverletzuDgen ein und hält die Laminektomie für eine Ope- 
1 ration, die am dritten Tage nach der Verletzung im Feldlazarett aus¬ 
geführt werden sollte. 

H. Kraasa (Ansbach): Eine Feldtrage. Der Verfasser empfiehlt 
eine von ihm veranlaßto Vereinfachung der Rehschen Trage, die von der 
Firma Schmetzer & Co. horgestellt wird. Die ausführliche Beschreibung 
wird durch Abbildungen erläutert. F. Bruck. 

Münchener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. L 

Moritz (Köln a. Rh.): Ueber klinische Zeichen beginnender 
Herzschwäche. Vortrag, gehalten im Allgemeinen ärztlichen Verein 
zu Köln. 

Artur v. Konschegg (Wien): Komplementbindong bei Variola# 
Im Serum Variolakranker sind speciflsche Antikörper enthalten. Das 
Variolaantigen (Borkenextrakt), in dem der Erreger der Variola wohl.mit 
Sicherheit zu vermuten ist, wirkt komplementabienkend. beim Variola- 
seram, aber nicht beim Varicellenserum, was differentialdiagnostisch von 
Wichtigkeit ist. Bei einer letal endenden Variolaerkrankung J 1 ® 1 
vor dem Tode ein deutliches Absinken des Antikörpergehalts im B‘ ute 
DEchwoisoD 

Georg Hirsch ei (Heidelberg): Die Heilung hartnäckiger 
Trfgeminusneuralglen durch Injektion von Alkohol Ins Gangl* 011 
Gasserl. Nach einem Vortrag auf dem Aerztetage der mittelrheinischen 
Chirurgen zu Heidelberg am 25. Juni 1914. 

| Mehl iss (Magdeburg): Ein Fall von cironlftror Arteriennah 

I Bei Durchschneidung von Blutgefäßen soll man statt der Unterbindung 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


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fenathds, durch Naht normale Verhältnisse an schaffen. Dabei braucht 
m&a lieh nicht za acheueD, Nahte durch die ganze Dicke des Gefäßes zu 
legen, dt in sonst gesunden Gefäßen diese Nähte keinen Schaden zu ver¬ 
arschen scheinen, also keinen Anlaß zur Thrombenbildung geben. Wichtig 
ist natürlich, das Lumen der Gefäße nicht oder doch nnr gering zu ver¬ 
engern. Ausführlich beschrieben wird die Technik an der Hand eines 
Falles, der die Naht der Arteria brachialis erforderte. Als Nahtmaterial 
diente feinste Seide (Turnerseide Nr. 1). 

Baumbach (Langensalza): Ein Fall von Heran aht mit glück¬ 
lichen Ausgange« Der operative Eingriff war erforderlich, da die Ge- 
f<hr der Kompression des Gerzens durch die Tamponade des Bluts im 
Herzbeutel bestand. 

Fr. Crlmer: Der Mologisehe Unterricht an den bayerischen 
Gjmitsien und die neue Schulordnung. Nach einem im ärztlichen 
Verein München am 28. Jani 1914 gehaltenen Vorträge. 

Feldärztliche Beilage 1 Vr. 1. 

Walther Straub (Freiburg i. Br.): Experimentelle Untersuchun¬ 
gen Aber Wesen und Aussicht der Tetanustherapie mit Magneslum- 
sulfit. Die subcutane oder intramuskuläre Injektion einer unvermeidlich 
hochkonzentrierten Losung von Magnesiumsulfat ist die ansicherste Art 
der Einverleibung dieser Substanz. Die intravenöse Infusion ermög¬ 
licht dagegen eine Dauerwirkung auf die motorischen Nervenenden in den 
Muskeln. Dadmrch könnte der Patient vor dem Erschöpfangstode durch 
die Krämpfe geschützt werden. (Damit wird Zeit gewonnen für den 
natürlichen Heilaugsprozeß durch Gifibindung oder Antitoxinbildnng) 
Denn es ist möglich, daß der Herztod des Tetanikers mit den ungehenren 
MuskelleUtangen beim Krampf in Beziehung steht. 

Emil Starkenatein (Prag): Ueber die therapeutische Ver¬ 
meidung der Tierkohle« Das beste bisher bekannte Adsorbens ist 
die Tierkohle (ganz besonders die Mercksche). Sie wirkt ausgezeichnet 
bei Darmkoliken mit Diarrhöen, bei Brechdurchfällen kleiner Kinder, bei 
Botulismus, bei Cholera nnd Dysenterie. Pflanzenkohle (Carbo ligni) 
und anch Bolus albu lind weit weniger wirksam als gute Tierkob Je. (Die 
Tierkohle hat irreversible Adsorptionskraft, das heißt die daran gebun¬ 
denen Gifte können nicht wieder frei, also nicht resorbiert werden; das 
in der Tierkohle adsorbierte Gift bleibt daran unlöslich gebunden. Durch 
dieie Adsorption kommt ea zur Entgiftung im Darmkanale.) Da wir es 
hier mit keiner chemischen, sondern mit einer physikalisch-chemischen 
Wiiknng zn tun haben, so ist die Dosis möglichst groß zu wählen (einem 
Cliolerakranken wurden 80 g pro die gegeben). 

Hermann Kronheimer (Nürnberg): Serumlnjektlonen hei 
septischen Blatangen. In zwei Fällen von wiederkehrenden abundanten, 
l&renchymatösen Blutungen, besonders ans der Muskulatur, war die 
Semmbehindlung von entscheidendem Erfolg begleitet. Man entnimmt 
einem organisch ganz gesunden Menschen, der besonders keine Syphilis 
(negativer Wassermann!) gehabt haben darf, mittels Venaesectio etwa 
die vierfache Blutmenge des Serumquantams, das man einspritzen will. 
In welcher Weise zur Injektion brauchbares Serum hierbei zu gewinnen 
üt, wird vom Verfasser genau angegeben. Zur Einspritzung kam eine 
Dosis von 2 Vs oder 5 ccm Sernm. 

M. zur Verth: Typische Bruehllnlen hei Qaetschangsbrttchen 
der großen Zelte and des zugehörigen Mlttelfoßknochens, nachge¬ 
wiesen an Frledensverletzongen and Seekriegsanfüllen der Marine. 

Beim Qaetschangsbruche des vorderen Fußes bricht fast stets das Köpf¬ 
chen des ersten Mittelfußknochens oder das Köpfchen des Grundglied- 
knochens der großen Zehe ab, and zwar in typischen Brachlinien, die 
der Verfasser durch Abbildungen anschaulich macht. Es handelt sich in 
der weitaus größten Anzahl der Fälle um Brüche durch direkte Gewalt. 
Bei weitem die häufigste Veranlassung ist das Hinfallen von Granaten 
eder Kartuschen beim Munitionstransport oder beim Geschützdienst. Die 
zw&ite, weniger häufige, aber für die Seefahrt besonders charakteristische 
Veranlassung ist die Quetschung des Fußes zwischen Boot and 
Schifliwand. 

Walther Kanpe (Bonn): Die Epithelisierung der Wunden. Aus¬ 
gezeichnet wirkt hierbei Pellidol (Kalle & Co. in Biebrich). Die Narben- 
bildung setzt fast stets prompt von der Peripherie ans eiD, um rasch 
htoteotrisch weiterzuwandern. Zu üppige Granulationen werden durch 
w Ueberhäutung zurückgedrängt und es entstehen Narben, die fest und 
trolzdem weich sind. Das Präparat wird benutzt als 2°/oiger Pellidol- 
TOrijosilbe, als 2 % ige Pellidolzinkpaste oder als 5 % iger Pellidol-Bolus- 
«»•Pader. Die Salbe oder Paate wird auf eine sterile MoJlplatte dünn 
wfgetragen nnd so auf die Wunde gelegt. Der Puder muß in recht 
®kker Schicht aufgetragen werden. 

Paal Bürger (Straßburg i. E.): Zar Klappschen Drahtextension 
a ® Caleaneos. Das Verfahren empfiehlt sich bei Scbußfrakluren der 


unteren Extremitäten mit so großen oder bo stark secernierenden Weich¬ 
teilsverletzungen, daß weder Heftpflasterextension noch gefensterter Gips- 
vorband möglich ist. Der Verfasser hat es in 14 Fällen mit großem Er¬ 
folg angewandt. Es ist, wie die ausführliche Beschreibung zeigt, einfach 
nnd kann im Aetherrausch ausgeführt werden. 

R. Schneider: Kriegsbriefe ans der Krlegslazarettabtellnng 
dss I. bayerischen Armeekorps. Zur Frage der Tetannsbehandlong. 
Betont wird namentlich die prophylaktische Tetanusserum an Wendung. 
Seit ihrer Einführung ist dem Verfasser bei einem Gesamtzagange von 
fast 500 Verwundeten bis jetzt kein neuer Fall von Wundstarrkrampf 
vorgekommen. Auch die frühzeitige und konsequente intravenöse Anti- 
toxinirjektion an Stelle der subentanen ist dringend anzue mp fehlen. 

Rudolf Hoffmann (München): Verletzung des Nervus recur¬ 
rens.. Eine Schrapnellkugel hatte den rechten Jochbogen durchschlagen 
und war, die Fossa pterygopalatina durcheilend, seitlich parrpharyngeal 
an der Halswirbelsäule vorgedrungen and hatte den rechten Nervus 
recurrens zerrissen. Es trat plötzlich Heiserkeit auf. Die rechte 
Stimmlippe stand unbeweglich in der sogenannten Kadaverstellung. Der 
Patient zeigte das Phänomen der Besserung der R- currensparalyse- 
stimme durch gewisse Kopfstellung (Drehung des Kopfes über die linke 
Schulter). Derselbe Effekt ließ sich konstatieren, wenn man die rechte 
Thyreoidhftlffce hob. Es dürfte sich vielleicht das Tragen einer geeigneten 
Pelotte empfehlen. 

Kahieyss (Dessau): Zur Frage des gefensterten Glpsverbaudes 
and der Reinhaltung desselben. Empfohlen wird die Befestigung eines 
wasserdichten Beutels über der stark secernierenden Wunde. Um diesen 
Beatei legt man dann den Gipsverband. Die Technik wird genau be¬ 
schrieben. Zum Verbandwechsel wird der Beutel aufgebunden, mit neuen 
Verbandstoffen gefüllt nnd wieder zngeschnürt. Man kann dabei such 
Verbandstoffe ersparen. 

G. Besold (Badenweiler): Aas der Gutacht er tütlgkelt des Arztes 
bei Ersatztruppenteilen* Hingewiesen wird auf die anscheinend ganz 
leichten WeichteiUchnßverletzungeD, insbesondere am Ober- und Unter¬ 
arm. Häufig bandelt es sich dabei am eine Leitangsanterbrechang 
in einem oder mehreren Nerven, sei es, daß der Nerv überhaupt durch¬ 
trennt ist, sei es, daß er in eine derbe Narbe eingewachaen ist Dann 
kommt es zu einer auffälligen Schwäche und schnellen Abmagerung ge¬ 
wisser Muskelgruppen und einer stärkeren Herabsetzung des Empfindungs¬ 
vermögens innerhalb einzelner Nerv engebiete. Eine rechtzeitige chir¬ 
urgische Behandlung könnte hier wieder die Felddienstfähigkeit herbei¬ 
führen. Dann kommt der Verfasser auf die akuten Herzdilatationen zu 
sprechen. Dabei dürften häufiger Herzmittel in Anwendung zu ziehen sein. 

Robert Fürstenau (Berlin): Zur Methode der Fremdkörper- 
lokalteation. Polemik gegen Wachtel. F. Bruck. 

Wiener medizinische Wochenschrift 1915 Nr. /. 

N. Ortner: Ueber Morbas Basedow!!. Aeußerst lesenswerter 
klinischer Vortrag! Aus seinem reichen Inhalto nur einige Andeutungen: 
Es kann jedes Augensymptom, auch dor Exophthalmus beim Basedow 
fehlen, niemals das Glanzauge! 4% aller Basedowfälle lassen eine 
tastbare Schilddrüsenschwellnng vermissen. Dislozierte Schilddrüsen! 
Substernale Schilddrüse! Der Morbus Basedowii ist vielfach eine „poly- 
glandnläre“ Affektion. Neben dem „Thymus-Basedow“ (besonders die 
Basedowsche Myasthenie beruht auf Erkrankung der Thymus) sind auch 
die Nebennieren und das Ovariura als endokrine Drüsen ursächlich 
wirkend. — Herzklopfen und Tachykardie — oft aber anch Bradykardie! 
— sind oft lange das einzige Symptom der Basedowschen Erkrankung, 
können initial aber auch fehlen; diagnostisch von Bedeutung ist die 
Labilität und Irritabilität der Herzaktion. Es gibt nicht nur 
subfebrile Temperaturen beim Morbus Basedowii, wo dann oft die irrige 
Diagnose einer initialen Lungentuberkulose gestellt wird, sondern anch 
einen akuten respektive akut gewordenen Morbas Basedowii mit 
kontinuierlichem hohen Fieber. Lungentuberkulose ist bei Base¬ 
dow äußerst selten; wenn sie vorkommt, bemerkenswert benigen. — Wo 
immer einem das Bild einer kardialen Insuffizienz entgegentritt, vergesse 
man nicht, daß sie die Endphase eines Morbas Basedowii Bein kann. 

Riedel (Jena): Kein Tampon in eiternde Schaß wunden. 
Tamponade bei infizierten Wunden ist nur nötig, wenn Blutung verhin¬ 
dert werden soll. Das Einführen nnd der Wechsel der Tampons ist über¬ 
dies sehr schmerzhaft. „Aber die Neigung, zu tamponieren, ist so groß, 
daß man sogar friscbgespaltene Furunkel tamponiert nnd diese Tampons 
dann nach einigen Tagen herauszerrt. Diese antiseptische Seiltänzerei 
sollte endlich unterbleiben! Ein gespaltener Furunkel braucht Rahe unter 
Salbenverband.“ 

C. Parhon: Ueber dos Vorkommen von verworrener Manie 
bei einer Kranken mit Sebllddrflsenbypertropliie. Schnell erzielter 
Heilerfolg durch Thyreoidektoinle. Das Vorkommen solcher Krank- 


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82 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3. 


17 Januar. 


heitsfälle stellt einen neuen Stützpunkt für die thyreogene Theorie der 
affektiven Psychosen. Der bemerkenswerte therapeutische Einfluß der 
Thyreoidektomie steht im Zusammenhänge mit der für die psychische 
Konstitution überaus wichtigen Rolle der endokrinen Drüsen. 

Karl Urban: Ueber isolierte snboutane P^nkreasverletsnngen* 
Beim Fehlen eines sonstigen Meteorismus ist der Blähung des Quer- 
kolons pathognomonische Bedeutung beizulegen. — Man denke in der 
Bauchchirurgie immer an die Mahnung KOrtes, daß tief hinter dem 
Magen verborgen eine Drüse sich befindet, deren Erkrankung viel 
häufiger ist als mau bisher geglaubt hat. 

Hugo Neumann: Ueber Cholera asiatlca, Erfahrungen an über 
100 Kranken aus einem galizischen Reservespital. Die Cholera erschien 
hier trotz ihrer fürchterlichen Schwere bedeutend milder, als man nach 
den Literaturschilderungen erwarten mußte. a /s der Fälle waren der 
Therapie zugäoglich, und auch an den Nichtgeretteten sah der Autor 
nach den therapeutischen Eingriffen deutliches Aufflackem des glimmen¬ 
den Lebens und hatte wiederholt den Eindruck, daß nur ein weniges dem 
Org&nismuB zur Ueberwindung des Anfalls gefehlt habe. Die Cholera 
asiatica ist eine „stille“ Krankheit; das agonale Atmen ist fast der ein¬ 
zige Lärm, den der schwer Cholerakranke verursacht. Beginnt er sich 
wieder bemerkbar zu machen, verlangt er spontan zu trinken, so schlägt 
die infauste Prognose rapid in eine bona um, und äußert er Hunger, so 
ist er gerettet. Was die Therapie betrifft, so wird neben den flblichen 
Analepticis das heiße Senfbad ganz besonders empfohlen, von internen 
Medikationen besonders die Bolus alba in großen Dosen. — Die Konta- 
giosität der Cholera erscheint dem Autor so gering, daß er, die Des¬ 
infektion der Stühle vorausgesetzt, weitergehende Absperrung der Kranken 
als z. B. beim Typhus für völlig überflüssig hält. Misch. 

Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 1. 

von Jaksch: Decubitus und Dauerbad. Jaksch macht auf 
den Nutzen der Pflege im Dauerbade bei Querschnittverletzungen des 
Rückenmarks und auch bei jauchenden Weichteil wunden aufmerksam. 
Er empfiehlt die von ihm angegebene Anordnung, wobei der Kranke auf 
ein Segeltuchgestell gelagert wird und das im Mischapparat auf die kon¬ 
stante Temperatur gebrachte Wasser gleichmäßig durchwärmt wird. Not¬ 
wendig ist eine Warmwasserleitung. Der Preis der ganzen Einrichtung 
beträgt 850 M., die Vorrichtung läßt sich auch an vorhandenen Wannen 
für billigeren Preis anbringen. (Firma Waldeck und Wagner, Prag.) 

K. Bg. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 1. 

Albert Narath: Die arterlo-venöse Anastomosls an der Pfort¬ 
ader als Mittel zur Verhütung der Lebernekrose nach Unterbindung 
der Arterla hepatlca. Die Leber kann ohne arterielle Blutzufuhr nicht 
bestehen. Der Gefahr der Lebernekrose ist besonders groß bei Unter¬ 
bindung der Arteria hepatica propria nach Abgang der Arteria gastrica 
dextra, weil hier die Möglichkeit einer kollateralen Versorgung nicht 
mehr besteht. Narath hatte daher den Gedanken, das arterielle Blut 
auf dem Wege der Pfortader in die Leber zu schicken. Tierversuche 
von Alfred Narath, dem Neffen, haben nun in der Tat gezeigt, daß 
dadurch Lebernekrose trotz Ausfall der Arteria hepat ; ca verbötet werden 
kann. Zur Blutzufuhr und Einpflanzung in die Pfortader oder eine ihrer 
Wurzeln können dienen die Leber-, Magen-, Milz-, Netz- nsw. Arterien. 
Anzeigen für die Anastomose sind: operative oder traumatische Ver¬ 
letzungen der Leberarterie oder des Aneurysma der Arteria hepatica. 

K. Bg. 

New York medical Journal , 24. Oktober , 7. u. 14. November 1914. 

24. Okt. F. Lydston (Chicago): Implantation generativer Drüsen« 
Aus dieser hochinteressanten, schon früher erwähnten Arbeit ist noch nach¬ 
zutragen, daß der Verfasser als Resultat der experimentellen Implantation 
eines Hodens bei sich selbst beobachtete, daß ein jahrelang bestehendes, 
aller äußerlichen Behandlung trotzendes Ekzem an den Fußsohlen ver¬ 
schwand, ebenso das abends erscheinende Oedem eines Beins. Die Heilung 
einer Psoriasis bei einem andern Falle bestärkten Lyds ton in der Auffassung, 
daß manche Hautkrankheiten auf einer Perversion der inneren Sekretion 
der Keimdrfisen beruhen. 

7. Nov. D. Robinson (Philadelphia): Pilocarpin bei hohem Blut¬ 
druck* In sorgfältig ausgewählten Fällen erzielte Robinson ansgeprägte 
Linderung der Folgen des erhöhten Blutdrucks durch monatelang fort¬ 
gesetzte Verabreichung von ganz kleinen Dosen von Pilocarpin. Es ist 
nötig, die richtige Dosis durch Probieren herauszubringen. In einem Falle, 
wo 0,002 profuse Schweiße hervorgerufen hatten, fahr er weiter mit 0,0006, 
dreimal täglich, und blieb mon&telaug dabei, mit gutem Erfolge. 

14. Nov. F. Proescher (Pittsburgh): Künstliche KnlllvlernDg 
des Rabies- Vlras. Auf Grund seiner Experimente an Hasen, Ratten and 


Affen and Färbung mit Methylenaznr glaubt Proescher den Erreger der 
Wulkrankheit sicher herausgefunden zu haben. 

G. R. Elliott (New York): Die operative Behandlung contrac- 
tnrlerter und deformierter HSnde bei multipler Arthritis. Elliott 
hat schöne Erfolge erzielt durch forciertes Redressement allein oder 
Redressement nach vorhergegangener blutiger DarchtrennuDg der Sehnen 
und Bänder, natürlich in tiefer Narkose. Die ersten drei bis vier Tage 
ist der Schmerz enorm, namentlich auch die Btraffen Verbände in Hyper¬ 
extension. Schwellung darf nicht anftreten, sonst ist das Resultat ver¬ 
eitelt. Drei Fälle mit Abbildungen vor und nach der Operation erläutern 
den Text _________ Gisler. 

Bücherbesprechungen. 

€. v. Monakow» Die Lokalisation im Großhirn und der Abbau 
der Funktion durch corticale Herde. Mit 268 Abbildungen im 
Text und zwei Tafeln. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 1033 S. 
M 48.-. 

Das neueste Bach des am die Erforschung der Nervencentren so 
hochverdienten Verfassers gibt eine Zusammenfassung der zahlreichen 
Arbeiten, die er während des letzten Jahrzehnts dem Problem der Ge¬ 
hirnlokalisationen gewidmet hat Die corticale Repräsentation der 
Motilität, der Sensibilitäten, des Gesichtssinns, der Agnosie, Apraxie 
und Aphasie, auch die Frage nach der Lokalisation geistiger Vor¬ 
gänge werden in einer durchaus originellen und großenteils den herr¬ 
schenden Anschauungen widersprechenden Weise diskutiert. Zwei Theorien 
sind es vor allem, welche den Ausführungen v. Monakows ihr persön¬ 
liches Gepräge verliehen: die Lehre von der „Diaschisis“ und das 
„chronogeue Prinzip.“ Erstere besagt, daß bei Ausschaltung irgend¬ 
eines corticalen Territoriums nicht nor dieses selbst in seiner Funktion 
sistiert, sondern auch auf andere mit ihm verbundene Rindeogebiete eine 
shockartige Hemmung aasgeübt wird. Es handelt sich um eine ihrem 
Wesen nach transitorische, passive Lahmlegung derjenigen Rindenteile, 
die sich in ihrer Tätigkeit auf Erregungen aus der zerstörten Partie ein¬ 
gestellt hatten. Der Verfasser stellt sich nun überall die Aufgabe, zwischen 
den echten Ausfallserscheinungen und den bloßen Diaschisispbänomenen 
die Grenze zu ziehen, was ihn zu vielen neuen topisch-diagnostischen 
Fragestellungen führt. Das „chronogene Prinzip“ besagt, daß phylo- und 
ontogenetisch „alte“ Funktionen eine subcorticale, „neue“ Akquisitionen 
aber eine corticale Lokalisation haben; auch diese Arbeitshypothese 
bietet dem Verfasser die Gelegenheit zur Aufrollung einer Menge inter* 
essanter Probleme. Kein an der Lokalisationsfrage interessierter Neuro¬ 
loge oder Physiologe wird das eingehende Studium des v. Monakow- 
schen Werkes unterlassen dürfen, mag er nun dessen theoretische An¬ 
schauungen akzeptieren oder ablehnen; belebt vom Geiste einer gro߬ 
zügigen und weitblickenden Forschung, auf reiche persönliche Erfahrungen 
gestützt, von stupender Literaturkenntnis zeugend, vorzüglich ausgestattet 
und illustriert, wird das inhaltschwere Buch gewiß eine weite Verbrei¬ 
tung finden. Rob. Bing (Basel). 

F. Tun gl, Energie, Loben und Tod. Berlin 1914, J. Springer. 68 S. 
M 1,60. 

Kurzgefaßtes Kompendium Ostwald scher Energien-Dogmatik in 
ihren Beziehungen auf die Elementarvorgänge organischen Werdens und 
Vergehens; nicht ohne strafende Seitonhiebe gegen Andersgläubige, 
namentlich vitalistischer Ketzereien Verdächtige. Dagegen in der recht¬ 
gläubigen Lehre ist alles in schönster Ordnung; selbst von den hypotha- 
tischen Notbehelfen der „Nervenenergie* und der „psychischen 
Energie“ meint Verfasser, es gelte auch für Ost walds „Tat“ das Wort 
Goethes: „Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll“ und es fehle 
übrigens auch nicht an Stimmen, die dieseB Wagnis Ostwalds als „ko- 
pernikanische Tat“ bezeichneten! A. Eulenburg (Berlin)* 

Max Kassowltz, Die Gesundheit des Kindes. Zur Belehrung für 
junge Eltern. Wien 1914, Moritz Perles. Preis 1,50 Kr. 

Von dem verstorbenen Wiener Kinderarzt gehaltene Vorträge sind 
in einem kleinen belehrenden Bflchlein zusammengefaßt. Das große 
didaktische und dialektische Geschick des Verfassers kommt auch in 
dieser kurz gefaßten Hygiene zum Ausdrucke, die unter den Müttern und 
Pflegerinnen weiteste Verbreitung verdient Langsfcein. 

H. v. Mettenhelmer, F. Götzky nnd F. Weihe, Klinische Beobach¬ 
tungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik (Anniestif* 
tung) in Frankfurt a. M. Mit 12 Abbildungen im Text und auf 
einer Tafel. Berlin 1914, J. Springer. 120 Seiten. M 4,—. 

Erweiterter Bericht über die Krankheitsfälle zweier Jahre; sie sind 
stellenweise leider zu oberflächlich mitgeteilt, als daß der klinische 
Forscher viel damit aufaugen könnte. Eine Beschränkung auf ein kleineres 
Gebiet und dafür tieferes Eindringen hätte dem Büchlein einen größeren 
Wert gegeben. Langstein. 


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IT. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr.il 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Seue Fol 9 e <fer »Wiener Medizinischen Presse". Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wim. 


K. k. Gesellschaft der Aerste in Wien. 

Sitzung vom 8. Januar 1915. 

H. Spitzy demonstriert einen Apparat zur Besserung 
der Funktionen der Hand bei der Badialislähtnung. Der 

Kadialis ist infolge seiner exponierten Lage und seiner größeren 
Vulnerabilität öfter Verletzungen ausgesetzt. Wenn die quanti¬ 
tative direkte Erregbarkeit der gelähmten Muskeln unter die Hälfte 
des normalen Wertes sinkt, ist eine spontane Leitungswieder- 
herstellung kaum zu erhoffen; wenn sie auf der Hälfte stehen 
bleibt kann eine Operation unterlassen werden. In jedem Falle 
verstreicht aber eine längere Zeit bis zur operativen Herstellung 
der Muskelfunktion, besonders da man mit der Neurolysis oder 
der Nerven naht solange warten muß, bis die Wunde vollständig 
rein ist. Während dieser Zeit besteht das Symptom der hängenden 
Hand, da die Strecker der Hand, der Finger und der Metakarpo- 
phalangealgelenke, die Abduktoren und Strecker des Daumens ge¬ 
lähmt sind. Die Hand hat keine Kraft zum Fassen und der Faust- 
schluß ist nicht möglich, weil die für ihn notwendige Streckung 
im Handgelenk nicht ausgeführt werden kann. Während der langen 
Dauer der Lähmung werden die Strecker überdehnt. S. hat einen 
Apparat konstruiert, welcher die Funktion der gelähmten Hand 
hochgradig verbessert. Er besteht aus einer Lederinanschotte, welche 
an der Handwurzel angelegt wird und an der Innenseite der Hand 
eine Feder trägt. Letztere hat an ihrem Ende eine querverlaufende 
Feder, welche die Phalangen an der Fingerwurzel stützt. Es werden 
dabei die vom Ulnaris versorgten Lumbrikales und lnterossei, 
welche das erste Fingerglied beugen und dabei das zweite und 
dritte strecken, zur Fingerstreckung benützt. Durch den Apparat 
wird die Beugung der ersten Phalanx verhindert und dabei können 
die 2. und 3. Phalanx gestreckt werden Vortr. stellt zwei Pat. 
vor, bei welchen dieser Apparat zur Verwendung kam. Der eine 
Pat. ist an der rechten Hand gelähmt; er kann mit diesem Apparat 
alle Verrichtungen vornehmen und sogar sehr gut schreiben. Hei 
der Ulnarislähmung wird auch der Daumen eingeschlagen gehalten, 
da die Abduktoren desselben gelähmt sind. Zur Behebung dieser 
Funktionsstörung des Daumens benützt Vortr. einen mit Leuko¬ 
plast umgebenen Draht, welcher um den Daumen spiralenförmig 
gewunden wird und in eine Feder ausgeht, die wiederum an einer 
Handwurzelmanscbette fixiert ist. Durch diesen Apparat wird der 
Daumen in Abduktion gehalten. Ein großer Vorteil der Apparate 
ist, daß sie fast gar nicht sichtbar sind. 

M. Jerusalem bestätigt die gute Wirkung des Apparates 
Jon Spitzy. Die Stützapparate sollen möglichst frühzeitig äugt- 
i [f wer ^ n - Hie operative Herstellung der Nervenfunktion sollte eben- 
MD möglichst frühzeitig vorgenommen werden; meist handelt es sich 
wwi um Einwachsung des Nerven in einen Kallus. In 10 vom Redner 
wuchteten Fällen war nur einmal eine Kontinnitätstrennung vor- 
handen. J. macht die Neurolyais und bildet für den Nerven eine Scheide 
m '^ r bascia lata; in einem Palle wurde für den Plexus brachial!# 
ln, i^ e ^ e aus ^ enfl Heetoralis major verwendet. Als provisorischen 
||ehelf >tatt des von Spitzy angegebenen Apparates kann man auch 
nuijklmhe mit abgeklappten Fingern benützen, welche durch Bänder 
1,111 Handrücken die Streckung der Finger ermöglichen. 

E. Hedlich stellt einen 24jäbrigen Mann mit einer Brown« 
wpwrdschen vorübergehenden Lähmung nach Schußver« 
etzwg vor. Pat. bekam am 18. Dezember einen Gewehrschuß 
unterhalb der Vertebra prominens, die Kugel kam beim Kehlkopf 
^ e * ne Lähmung aller vier Extremitäten und 
^blackbeschwerden, die linken Extremitäten sind wieder funktions- 
aiug geworden, die rechten sind gebessert. Außerdem bestehen 
ereogerung der rechten Lidspalte und der rechten Pupille, 
geringer rechtsseitiger Enophthalmus, Pat. schwitzt nur auf der 
'Men Gesichtshälfte. Rechts sind die Muskeln gelähmt, welche 
is Handgelenk und die Finger bewegen, der Thenar ist atrophisch. 
h . Bere, ^ e der Hand ist eine leichte Sensibilitätsstörung vor- 
• 1gD ; ret hte Bein ist paretisch, seine Reflexe sind ge- 
iin/ k 65 l* a kinskischer Reflex vorhanden, die Hautreflexo 
Gan er ! osc Hco. Pat. hat einen leicht spastisch-paretischen 
Se/ ■ q P. orsa l s egment nach abwärts ist auf der linken 
Em ei .“ e . Seasib nitätsstörung vorhanden, die ganze rechte untere 
alresLF ein k e £ re if en d, auf der rechten Seite besteht Hyper- 
jL . I bestehen also Zeichen einer Brown-Sequardschen 
2 , In “ er Böhe des ersten Dorsalsegmentes, welche zum Teil 
gegangen sind. Das spricht dafür, daß das Rückenmark 


selbst nicht verletzt ist, dagegen scheinen die 8. Zervikal- und 
die 1. Dorsal wurzel rechts schwerer betroffen, vielleicht durch- 
trennt zu sein. Es ist eine weitere Besserung zu erwarten. 

It. Paltauf hat einen Fall seziert, welcher nach Schußveilefzung 
eine tluerschnittsläsion des Rückenmarkes darbot, wobei die linke Seite 
leichter lädiert war. An der Wirbelsäule und am Rückenmark fand sieh 
jedoch keine Verletzung, keine Verwachsung und kein Extravasat im 
Spinalkanal, makroskopisch war das Rückenmark unverändert. Vielleicht 
wurde hier die Lähmung nur durch die Erschütterung hervorgerufen. 

E. Redlich weist darauf hin, daß spinale Lähmungen nach Schu߬ 
verletzungen auch ohne Läsion des Rückenmarkes oder der Wirbelsäule 
zustande kommen können, und zwar durch Erschütterung. Die Erschei¬ 
nungen gehen dabei zurück und bei der Obduktion findet mau höchstens 
hämorrhagische Veränderungen, aber auch Erweichungen sind schon 
konstatiert worden. Manchmal spielt eine durch die Schußverletzung 
hervorgerufene Meningitis serosa-eircumscripta in der Nähe des Rücken¬ 
markes eine große Rolle, ln einem Fallt* mit kompletter Lähmung des 
linken Beines fand Redner bei der Operation eine Meningitis serosa unter 
starkem Drucke. Im Röntgeubildc war im vorgestellten Falle eine Ver¬ 
letzung der Wirbelsäule nicht zu konstatieren. Aus der Verlaufsrichtung 
des Schußkanales ist zu schließen, daß der Rückgratskanal von der Kugel 
passiert wurde, die isolierte Affektion der beiden Wurzeln scheint für 
eine Verletzung derselben zu sprechen. 

J. Wagner v. .lauregg hat mehrere Fälle von Rückenmarks¬ 
affektion nach Schußverletzung Imobachtet, wo sicher keine Verletzung 
des Rückenmarkes vorhanden war. Derartige Affektionen sieht man in 
Friedenszoiten äußerst selten, ln einem Falle sah er nach einer Schu߬ 
verletzung all i üblich einen der Pachymeningitis cervicalis ähnlichem 
Symptomenkomplex entstehen. Diese Erscheinungen schlossen sich nicht 
unmittelbar an die Schnßverletzung an. ln anderen Fällen bildete sich 
dieser Symptomenkomplex nach einer oberflächlichen Verletzung eines 
Dornfortsatzes aus. sie gingen in Genesung aus. In dem von Redlich 
demonstrierten Falle könnte es sich auch um einen entzündlichen Prozeß 
an den Rückenmarkshäuten mit Ansammlung von Liquor und Druck auf 
das Rückenmark handeln. Einen solchen Befund konnte Redner in einem 
Falle erheben, bei welchem wegen der Vermutung eines Rückenmarks 1 
tumors operiert wurde. Auch durch hohen Luftdruck bei Explosionen 
können spinale Lähmungen hervorgerufen werden, vielleicht handelt es 
sich dabei um Blutergüsse. 11. 

Gesellschaft für Innere Medizin and Kinderheilkunde 
in Wien. 

Sitzung vom 17. Dezember 1914. 

H. Neu mann (Krems): Heber Cholera asiatica. Vortr. hat 
Gelegenheit gehabt, in Krems a. D. einen Ausläufer der auf dem 
nördlichen Kriegsschauplatz aufgetretenen Cholera asiatica zu beob¬ 
achten und BG Fälle im Stadium algidum zu sehen. Er beschreibt 
das klinische Bild. Das Stadium algidum setzte bei allen mit dem 
gleichen Gesamtbild ein, es ließen sich von vornherein prognostisch 
günstige von den prognostisch ungünstigen Fällen kaum sondern. 
Erst der Verlauf und der Effekt der Therapie ermöglichten eine 
prognostische Vorhersage. Keineswegs konnte diese auf Grund der 
bakteriologischen Untersuchung gestellt werden, da der bakterio¬ 
logische Befund nicht immer mit dem klinischen Bild parallel ging. 
Ein negativ Befundener starb unter den schwersten Erscheinungen, 
mehrere positiv Befundene genasen. Als Früh- und Vorsyraptom 
treten Blutdrucksenkung und Schwankung der Pulszahl Stunden 
und Tage vor Ausbruch des Stadium algidum auf. In diesem 
Stadium treten Erbrechen und Diarrhöen zurück, Allgemeinintoxi¬ 
kation, sich unter anderem in der auffallenden Stille und Apathie 
des Kranken äußernd, in den Vordergrund. Unter den Einzel¬ 
symptomen sind die relative Seltenheit typischer Reiswasserstühle, 
die Häufigkeit blutig-schleimiger Diarrhöen erwähnenswert. In 
B Fällen kamen Exantheme zur Beobachtung. Das Exanthem trat 
in großer Ausbreitung auf, erinnerte an Morbillen, blieb B bis 
4 Tage in Blüte und schuppte kleienförmig ab. Es entwickelte 
sich aus hyperämischen Flecken um die Schweißdrüsen. Pro¬ 
gnostisch war sein Auftreten unverwertbar. Ein sicheres Zeichen 
beginnender Rekonvaleszenz war das Auftreten von Hungergefühl 
und gleichzeitig das Sinken der Pulszahl weit unter die Norm, 
bis 42. Therapeutisch am wirksamsten war das heiße Senfbad, 
ferner die Zufuhr von heißen, auch alkoholischen Flüssigkeiten! 
In Anwendung kamen auch Bolus alba, welche sich vorteilhafter 
erwies als Tierkohlo, Opium, intravenöse und subkutane Kochsalz- 
in/usionen, Tanninklysmen, Kampferinjektionen und sonstige Herz¬ 
mittel. Die Rekonvaleszenz muß sorgfältig überwacht werden. Die 
Kontagiosität der Cholera ist vom klinischen Standpunkt aus 


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gering, die Desinfektion der Stühle vorausgesetzt, ist weiter 
gehende Absperrung der Kranken als beim Typhus überflüssig. 

In Choleraspitälern müssen reichlich Aerzte und Pflegemannschaft 
sein. Das als Vergiftungsanfall imponierende Stadium algidum 
kann erfolgreich nur durch intensivste Beschäftigung mit dem 
Einzelindividuum bekämpft werden. 

G. Gärtner bemerkt, daß die Cholera im Hinterlande eine kleinere 
Mortalität zu haben scheint als die Cholera am Orte der Entstehung, 
da die ins Hinterland transportierten Fälle leichter sind, wogegen die 
schweren schon meist durch den Tod ausgeschieden wurden. Die größte 
Mortalität herrscht in den ersten Erkrankungstagen. Prasehek hat bei 
der ersten Belagerung von Przemysl eine Choleramortalität von 55—60% 
gesehen. Eines der wichtigsten Symptome der Cholera ist die Anurie, 
welche Vortr. nach seiner Angabe selten gesehen hat: sie setzt mit dem 
Stadium algidum ein und dauert ungefähr eine Woche, diese Fälle können 
aber noch geheilt werden. Die Wirkung der Senfbäder beruht wohl auf 
einer starken Hautreizung. Wintornifcz hat für diesen Zweck kalte 
Bäder und Abreibungen empfohlen. Die intravenösen Injektionen von 
Kochsalzlösungen wurden schon im Jahre 1832 ausgeführt. Die Injektion 
von physiologischer Kochsalzlösung hat einen sichtbar belebenden Erfolg, 
dieser geht aber bald vorüber, dagegen hält der Effekt der Injektion 
einer hypertonischen (bis zu 10%) Kochsalzlösung längere Zeit an. Durch 
letztere wird ein Flüssigkeitsstrom aus dem Darm in die Blutbahn ange¬ 
regt. Die Injektion von l%iger Lösung hat keinen dauernden Erfolg, 
durch die Injektion von 5%iflrer Lösung hat Prnsehek die Mortalität 
bei 50 schweren Fällen auf 18° herunterdrücken können. 

Ebstein hat als Bakteriologe im Franz Joseph-Spital bei zirka 
600 Fällen bakteriologische Untersuchungen vorgenommen, welche hei 
der Hälfte der Fälle positiv waren. Die verdächtigen Fälle wurden durch¬ 
schnittlich zweimal untersucht. Die Mortalität betrug ungefähr 20%. In 
einem Viertel der Fälle fiel die Heilung mit dem Negativwerden des 
bakteriologischen Befundes zusammen, in der Hälfte der Fälle über¬ 
dauerte der positive bakteriologische Befund die klinische Genesung. 
Die Beschaffenheit des Stuhles ließ keinen Schluß auf den Ausfall der 
bakteriologischen Untersuchung zu. Bei der Diagnose und der Behand¬ 
lung der Cholera sind der bakteriologische und der klinische Befund 
von gleicher Wichtigkeit. 

A. v. Müller bemerkt, daß ein anderes Mortalitätsprozent 
resultiert, je nachdem man nur die bakteriologisch sichergestellten Fälle 
oder auch solche Fälle berücksichtigt, bei denen wohl die klinischen 
Symptome auf Cholera verdächtig sind, der bakteriologische Befund aber 
negativ ist. Er hat im Reservespital Nr. 7 18 schwere Fälle beobachtet, 
bei diesen kam Anurie vor, diese hängt aber auch von der Therapie ab. 
Im Mittelpunkte der Choleradiagnose stellt die Erniedrigung des Blut¬ 
druckes. Von seinen Fällen sind fast keine im akuten Kollaps zugrunde 
gegangen, dagegen kamen Todesfälle nach einer vorübergehenden Besse¬ 
rung vor. Die Cholera kann sich mit anderen Infektionskrankheiten 
kombinieren, darunter auch mit Typhus. Redner hatte keinen Fall mit 
negativem bakteriologischem Befund bei einem ausgesprochen klini¬ 
schen Bilde. Eine besondere Neigung zu Eiterungen hat er nicht beob¬ 
achtet. Im Vordergründe der Therapie steht die Behandlung der Horz- 
und Gefäßerscheinungen. Redner hat die Injektion von physiologischer 
oder hypertonischer Kochsalzlösung auch mit Zusatz von Adrenalin 
angewendet, ferner wurde auch manchmal Ring er sehe Lösung injiziert. 
Er möchte nicht glauben, daß durch die Injektion von hypertonischer 
Kochsalzlösung der Flüssigkeitsstrom aus dem Darm in die Blutbahn 
gelenkt wird, da auch in diesem Falle die Diarrhöen fortdauern können. 
Redner hat auch intravenös Digitalispräparate angewendet, besonders 
Strophantin. Die Tierkohle steht an Wirksamkeit der Bolus alba nach. 

E. Stoerk weist darauf hin, daß Cholerafälle, welche frühzeitig 
und rationell gepflegt werden, ein anderes Bild darbieten als nicht be¬ 
handelte Fälle, da durch die Therapie sehr oft das Eintreten des Stadium 
algidum verhütet wird. Zur Behandlung der Zirkulationserscheinungen 
hat sich ihm Adrenalin bewährt. Er gab nicht so hohe Kochsalzdosen 
wie Gärtner. 

H. Weise bemerkt, daß Havem als erster die hypertonische 
Kochsalzlösung injiziert hat; diese und die Senfbäder sind hautreizende 
Mittel, welche auch sonst häufig angewendet werden, z. B. hei (Mndura 
infantum; das Auftreten einer liotfärbung der Haut ist dabei ein pro¬ 
gnostisch günstiges Symptom. Die Kochsalzinfusionen sind ein wichtiges 
Mittel der Therapie, besonders im Stadium algidum. In den vom Vortr. 
besprochenen Fällen dürfte es sich um nicht besonders schwere Fälle 
gehandelt haben. 

H. Neuraann erwidert, daß die Fälle nach Krems als Diarrhoiker 
gekommen sind; erst dort kam es zum Choleraanfall. Im allgemeinen 
war aber der Charakter der Erkrankung sehr milde. Nach seiner Sta¬ 
tistik betrug die Mortalität 33%. Nach Kos war die Mortalität der 
Cholera am nördlichen Kampfplatze auch nicht höher. Vielleicht hat 
überhaupt die Epidemie einen leichten Charakter. Der schwerste Fall, 
welchen er gesehen hat und welcher am raschesten zugrunde gegangen 
ist bot bei wiederholter bakteriologischer Untersuchung einen negativen 
Befund. Als Zeichen der Rekonvaleszenz ist die Herabsetzung der Puls¬ 
zahl anzusehen, auch in diesem Stadium können Fiehersteigerungen auf- 
treten, so z. B. bei einer Diätänderung. Unter den vom Vortr. beob¬ 
achteten 36 schweren Fällen traten in zwei Fällen Nekrosen auf. Die 


hypertonische Kochsalzlösung ist wortvoll in der Behandlung der Cholera; 
Vortr. hat sie subkutan angewendet. Der Effekt war gut, hielt aber 
weniger lang an als derjenige der heißen Senfbäder. Bei der Therapie 
der Cholera ist es wichtig, Reize zu setzen. H. 


Kriegschirurgischer Abend in Budapest. 

Sitzung vom 12. November 1914. 

A. v. Koväcs: Rettungsgesellschaft und Krieg. Er ent¬ 
wickelte in seinem instruktiven Vortrag, daß das Rettungswesen 
mit den Vorkommnissen des Kriegsschauplatzes in engem Zu¬ 
sammenhang steht. Namentlich gilt dies für den Transport der 
Verwundeten und Kranken. Das Rettungswesen im Frieden, ins¬ 
besondere bei Massen Unfällen, ist eine Vorschule für den Krieg. 

In Budapest ereigneten sich während der Mobilisierung in 2 Wo¬ 
chen 954 Unfälle und 708 Transporte. Die Unfallsziffer nimmt hier¬ 
bei progressiv zu. Vortr. zeigt die von der Rettungsgesellschaft 
benützten Verbandpäckchen, wobei je nach Bedarf Jodtinktur, Hy¬ 
drogensuperoxyd und Perubalsam benützt wird. Die schwierigste 
Arbeit ist die Auswaggonierung der Verwundeten. Es existieren ver¬ 
schiedene Krankentransportzüge. Für das Heer verkehren Spi¬ 
talszüge, stationäre und improvisierte Krankentransportzüge. ! 

Beim Transport entsprechen besonders die gut geschulten Militär¬ 
züge, die, den Anforderungen des Verwundetentransportes angepaßt, 
zweckmäßig eingerichtet sind. Aus den Schlafkabinen der Waggonlits 
kann man die Blessierten nur sehr schwer auswaggonieren, oft über¬ 
haupt nur durch das Fenster. Zweckentsprechender sind die Last¬ 
wagen mit Seitentüren, in welchen 8 bis 10 liegende oder ca. 30 sitzende 
Kranke bequem Platz haben. Eine Reihe von Tragen wird auf den 
Boden des Waggons gelegt, die zweite Reihe wird über diesen 
aufgehängt oder auf einem Gerüst placiert. Am besten ist 
es, die obere Reihe der Tragbahren mittelst Gurten aufzu¬ 
hängen. Die W aggons sollen gut gefedert sein und sollen 
die Verwundeten während des Transportes nicht über den Wagen¬ 
achsen liegen. Die Einführung einer Einheitstrage würde den 
Krankentransport sehr erleichtern. Schiffe sind sehr gut für den 
Krankentransport. In der jüngsten Zeit werden vom Kriegsmini¬ 
sterium auch Transportwagen für Infektionskranke eingerichtet. 

Vortr. berichtet schließlich über die Auswaggonierung eines Ver¬ 
wundetenzuges. 

J. Dollinger: lieber Prothesen der Extremitäten. Bei 
der großen Menge der einander gegeniiberstebenden Heeresmassen 
und der Vollkommenheit der Schußwaffen gibt es bereits mehr 
Amputierte als jemals in der Welt, obwohl die Chirurgie heut¬ 
zutage sich von konservativen Prinzipien leiten läßt. Jahrelang 
studierte I)., auf welche Weise je einfacher, leichter und billiger 
Prothesen zusammenzustellen resp. konstruierbar wären; besonders 
wichtig ist bei künstlichen Extremitäten ihre sichere Befestigung, 
bei Prothesen der unteren Extremitäten ferner die Entlastung des 
Amputationsstumpfes und die Befreiung desselben von der Last 
des Körpers. Wohl ist es richtig, daß wir heutzutage einen solchen 
Stumpf bilden können, welcher die Körperlast besser erträgt, als 
die Stümpfe der alten Amputationsmethoden; doch kann das Gehen 
noch mehr an Sicherheit gewinnen, wenn das Ende des Ampu- 
tationsstumpfes von der größeren Schwere des Körpers und den 
mit dem Gange verbundenen Erschütterungen verschont bleibt, 
weil hierdurch die Haut des Stumpfes, selbst bei Mangel der 
Empfindlichkeit des letzteren, nicht gereizt wird. Die von ihm 
konstruierten Prothesen entsprechen diesem Zweck vollkommen. 

Bei den Prothesen der oberen Extremitäten muß man Rücksicht 
darauf nehmen, ob sie nur kosmetischen Zwecken dienen sollen 
oder ob sie auch zur Vollbringung gewisser Arbeiten den Ampu¬ 
tierten befähigen müssen. Die Befestigung des künstlichen Armes 
ist bei im oberen Drittel des Oberarmes Amputierten so umständ¬ 
lich, daß diese Prothese nur ungerne von den Pat. getragen wird. 
Selbst intelligente Leute, denen aus kosmetischen Gründen em 
solcher Kunstarm gute Dienste leisten würde, entraten lieber des¬ 
selben und ersetzen durch Steigerung der Fertigkeit der unverletzt 
gebliebenen Hand dio in Verlust geratene Extremität, wie dies 
das Beispiel der weltberühmten. Virtuosen Grafen Geyza Zichy zeigt, 
der mit einer Hand nicht nur mit seltener Kunstfertigkeit Klavier 
spielt, sondern sich selbst bedient, einen Apfel schälen, seine 
Nägel schneiden kann, ein selten geschickter Nimrod und bravouröser 
Reiter ist. Der Graf ist gerne bereit, die infolge ihrer Verletzung 
im Kriege einer Amputation unterzogenen Soldaten zur Erlangung 
dieser Fingerfertigkeit abzurichteu. 

E. Basch: Fall yon Gangraena cutis und Erythema hu • 
losum. Letzteres Leiden war das primär entstandene entweder 


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als Teilerscheinung eines Erythema exsud. multiforme oder Symptom 
einer Erfrierung. Die Gangrän ging vom Ellbogen aus, okkupierte 
in einer Länge von 30 cm und Breite von 18 cm den linken Ober- 
inn und den größten Teil des Unterarmes, demarkierte sich durch 
antiseptische Behandlung; durch Anwendung von Mikulicz scher 
Salbe verflachten sich die Granulationen, so daß durch Haut¬ 
transplantationen der Substanzverlust und die nach so großen 
Vernarbungen rfickbleibende beschränkte Beweglichkeit geheilt 
resp. behoben werden soll. Aus dem Sekrete der Gangrän konnte 
man einen gramnegativen dünnen Bazillus, einen grampositiven 
dicken Bazillus, ferner eine Diplokokkusabart und sehr spärlich 
eine Spirochaeta refringens finden; doch war kein Bacillus fusi- 
formis und keine andere Spirochätenab&rt zu konstatieren, weder 
durch Giemsatinktion, noch mittelst anderer Färbemethode. S. 


Kriegsirztliche Abende der MUlt&r&rzta von Lille und 
Umgebung. 

Sitzung vom 9. Dezember 1914. 

Benz er (Bochum): Ueber Erfahrungen im Seuchen- 
laurett. Während der Sommerfeldzug fast ohne Infektionskrank¬ 
heiten verlief, traten Anfang Oktober die ersten Darmerkrankungen 
auf, die alsbald eine Zunahme erkennen ließen. Es wurde darum 
die Einrichtung sogenannter Seuchenlazarette erforderlich. Das 
Lazarett für Lille (500—600) war in einer Schale der Stadt unter¬ 
gebracht. Die erste Einrichtung dieses Lazaretts bot die größten 
Schwierigkeiten. Das Gebäude hatte durch die Kanonade stark 
gelitten, die Klosetts waren zerstört, Handwerker nicht aufzu- 
treiben. Der Zugang von Pat., wuchs sehr rasch. Am 1, November 
betrug die Anzahl 194, am 6. November 250, am 12. November 400. 
Das Personal war anfangs französisch; erst später kamen deutsche 
Schwestern. Die Darmkranken lagen mit Verwundeten zusammen. 
Die Desinfektionsverhältnisse waren ebenfalls recht schwierig. Die 
städtische Desinfektionsanstalt wurde von andern Lazaretten be¬ 
nutzt; für das Seuchenlazarett stand eine andere nicht zur Ver¬ 
fügung, deshalb wurde die Wäsche an Ort und Stelle in Lysol 
desinfiziert. Aus allen diesen Schwierigkeiten ergibt sich die Not¬ 
wendigkeit, Seuchenlazarette möglichst in einem gut eingerichteten 
Krankenhaus unterzubringen. Zur Behandlung kamen Ruhr und 
Typhus. Vortr. besprach dann seine Ansichten über das Wesen 
der Ruhrerkrankungen. Nach seiner Meinung spielt eine Infektion 
mit Ruhrbazillen nur eine untergeordnete Rolle. Allgemeine Schäd¬ 
lichkeiten der Lebensweise und der Ernährung, wie sie bei den 
heutigen Kämpfen im Schützengraben häufig Vorkommen, sind von 
ursächlicher Bedeutung. Einen spezifischen Erreger der Ruhr gibt 
^ nach seiner Meinung nicht, vielmehr glaubt M., daß es sich um 
Streptokokkeninfektion handelt, bei der die Form und Funktion 
der Bakterien sich im Körper verändert hat. Diese Auffassung 
wird nach seiner Meinung gestützt durch die Beobachtung, daß 
Dannkranke mit Fieber und Durchfällen in dem Augenblick ihre 
Erscheinungen verlieren, wenn unter akuter Fiebersteigerung noch 
eine Angina hinzukommt, die dann die Genesung einleitet. Ans 
diesen Ansichten M.s über das Wesen der Ruhrerkrankungen würde 
ohne weiteres folgen, daß die Ruhr keine übertragbare Krankheit 
darstellt, ln der Tat warnt Vortr. vor der großen Bazillenfurcht; 
alles komme vielmehr darauf an, für günstige allgemein-hygienische 
Maßnahmen (Wärme, Decken, Kost, Alkohol in kleinen Mengen) 
zu sorgen. Als therapeutische Maßnahmen empfiehlt er: Bolus 
alba, heißen Tee, heiße Sitzbäder, indes keine Opiate. Ebenso 
sind Kalomel und Rizinus im Anfang absolut zu verwerfen. — 
Auch die Auffassung des Vortr. über die Typhuserkrankungen 
weicht von der gewöhnlichen ab. Er glaubt zwar, daß gelegentlich 
schlechtes Wasser die Infektion hervorruft, nimmt andrerseits aber 
an, daß es sich meistens um eine Mischinfektion handelt, die sich 
im Anschluß an Erkältungskrankheiten entwickelt. Allgemeine 
hygienische Maßnahmen zur Verhinderung spielen eine größere 
Rolle als die Isolierung der Bazillenträger. Von 497 Typhusfällen 
starben ;>7 = ll f l°/ 0 . Die Behandlung des Typhus soll sich be¬ 
schränken auf Anregung und Verbesserung der Zirkulation. Kalomel 
und Rizinus verwirft M. auch hier für die Anfangsstadien der 
Krankheit. Meteorismen bekämpft er mit Einläufen. Herabsetzung 
der hohen Temperaturen durch Salizylpräparate verwirft er voll¬ 
ständig. Von dem Nutzen der Typhusschutzimpfung ist er nicht 
uberzeugt; es sollen bei der Vakzination im Anfänge Todesfälle 
Torgekommen sein. 

Hahn (Freiburg i. B.) schließt sich in bezug auf die Einrichtung 
V0D ^uchenlazaretten im Kriege im wesentlichen den Ansichten Men- 


zers an, dagegen kritisiert er scharf die allgemeinen Ausführungen über 
das Wesen der Infektionen, speziell der Ruhr. Die Streptokokken als 
Haupterreger der Ruhr anzusehen, lehnt Redner ab. Bei leichteren Ruhr¬ 
epidemien, wie im Anfänge des Krieges, ist eine Isolierung der Er¬ 
krankten unnötig. „Bazillenträger“ bei Bäckerei- und Fleischkolonnen 
kann man dadurch unschädlich machen, daß man sie versetzt. H. ist 
Anhänger der Typhusschutzimpfung. 

Henke (Königsberg) macht auf Grund seiner Sektionsbefunde 
darauf aufmerksam, daß das pathologisch-anatomische Bild der Typhus- 
erkrankungen spezifisch und mit anderen Darmentzündungen nicht zu 
verwechseln ist. Er hat im Felde Gelegenheit gehabt, die Schutzimpfung 
praktisch kennen zu lernen und glaubt, daß sie zwar nicht immer eine 
Erkrankung ausscbließe, aber doch sicherlich die Schwere der Erkran¬ 
kung herabmindert. 

Sperling (Chefarzt des Typhuslazaretts Douai) hat trotz großer 
Schwierigkeiten in bezug auf die Versorgung seiner Typhuskranken gute 
Erfolge. Seine Mortalität betrug nur 11%. Auch er betont die Notwendig¬ 
keit, in möglichst gut eingerichteten Spitälern die Typhuskranken unter¬ 
zubringen. 

Gerhard (Würzburg) glaubt auch, daß die Ruhrerkrankungen 
unserer Soldaten meist sehr leichter Art waren, betont aber auch die 
Spezifität der Erkrankungen. Sehr wichtig ist es, daß auch er auf Grund 
seiner großen klinischen Erfahrungen die L'ebcrtragung des Typhus 
von einem zum andern praktisch für ausgeschlossen hält. Die Feldlaza¬ 
rette sollten daher auch ruhig den Typhus behandeln, oder eins davon 
sollte als solches eingerichtet werden. Dabei soll man aber nicht die 
Bestrebung besserer Unterbringung vernachlässigen. Um so wichtiger ist 
aber die Hygiene in den Schützengräben (Beseitigung der Fäkalien). 

Nähter hat im Manöver ähnliche Ruhrerkrankungen beobachtet 
wie jetzt im Felde. Auch er glaubt, daß Erkältung und schlechte Er¬ 
nährung ursächlich eine große Rolle spielen. An einem sehr charakte¬ 
ristischen Beispiel zeigt er, wohin unvorsichtige Behandlung der Typhus- 
wfische führen kann. 

Jakob (Würzburg) empfiehlt für die Behandlung des Fiebers hei 
Typhus kleine Pyramidondosen. 

Siegel warnt auch davor, die Zahl der „Bazillenträger“ zu groß 
werden zu lassen. 

Möllers (Straßburg) tritt sehr warm für die Spezifität der Ruhr¬ 
erkrankungen ein. Bei den zu Beginn des Feldzugs wiederholt beob¬ 
achteten Durchfallerkrankungen handelte es sich meistens um die Y-Ruhr, 
die uns von den Friedensepidemien auf den Truppenübungsplätzen wohl- 
bekannt ist. Die Erkrankung verlief durchweg sehr leicht; besondere 
Isolierungsmaßuahmen waren nicht erforderlich. Nur die wenigen mit 
Fieber und blutigem Stuhl erkrankten Mannschaften wurden in Darm¬ 
krankensammelstellen isoliert. Die von den Typhusbazilleuträgern aus¬ 
gehende Infektionsgefahr darf auch im Felde nicht vernachlässigt werden. 
Eine möglichst vollständige Durch impf ung aller Mannschaften gegen 
Typhus kann bei der großen Bedeutung dieser Seuche für. die Durch¬ 
führbarkeit der militärischen Operationen nur aufs wärmste empfohlen 
werden. 

FloBch betont, daß in diesem Feldzüge Typhus viel später als 
im Feldzug 1870/71 auftrat, weil die Desinfektionsmöglichkeiten jetzt 
bessere geworden sind. B. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den off. Verlustlisten. 

1. Tot: 

A.-A. Dr. Josef Vangel, u. L.-I.-R. Nr. 30, Bnistscliuß, gestorben 
im Truppenspital Avtovac (Liste vom 4. Januar). 

2. Verwundet: 

St.-A. Dr. Josef Bermann, I.-R. Nr. 65 (Liste vom 4. Januar). 

O.-A. Dr. Neuwirth, I.-R. Nr. 65 (Liste vom 4. Januar). 

A.-A. d. R. Dr. Maximilian Csillag, I.-R. Nr. 19, Fußschuß, liegt 
Spital „Gondviseles“, Budapest (Liste vom 5. .Januar), 

A.-A. Dr. Bernhard Hahn, I.-R. Nr. 10 (Liste vom 6. Januar). 

3. Kriegsgefangen: 

A.-A. d. Res. Dr. Guido Knapp, I.-R. Nr. 36 (Liste vom 4. Januar). 

St.-A. Dr. Julius Vymyslicky, I.-R. Nr. 36 (Liste vom 4. Januar). 

A.-A. d. Res. Dr. Johann Stockinger, l.-R. Nr. 44 (Liste vom 
5. Januar). 

« • 

• 

Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Ausstellung für 
Verwundeten- und Krankenfürsorge im Kriege, die seit 
einiger Zeit in den Haupträumen des Reichstagsgebäudes zu sehen 
ist, erfreut sich von Tag zu Tag steigenden Besuches und fesselt 
auch die Aufmerksamkeit der Aeskulapjünger in höchstem Maße, 
der Militärärzte wie der Zivilärzte. Gerade den Arzt, der immer 
nur die Sorgen und Beschwerden, die Schmerzen und Leiden der 
Zivilbevölkerung in Friedenszeiten kennt, muß es begreiflicher¬ 
weise interessieren, wie die Staatsbehörden — in diesem Falle die 
Medizinalverwaltung des Kriegsministeriums und dasReichs- 


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st; 


marineamt — und die großen Vereinsorganisationen den 
Sanitätsdienst im allgemeinen und im einzelnen besorgen. In zahl¬ 
reichen Ausrüstungsstücken, baulichen Einrichtungen und Beförde¬ 
rungsmitteln, in Apparaten und Instrumenten, in kartographischen 
Uebersichten, in Photographien, Tabellen und Kurven ist der 
riesige Mechanismus, der den verwundeten oder erkrankten Krieger 
vom Schützengraben bis zum Genesungsheim begleitet, zur An¬ 
schauung gebracht — eine Fundgrube für den Wissensdurstigen, 
anregend, belehrend, aufklärend und beruhigend. Auch das Kino 
ist von der rührigen Ausstellungsleitung in den Dienst, der Be¬ 
lehrung gestellt worden; eine Reihe von „Sanitätsfilms“, der 
nackten Wirklichkeit abgerungen, zeigt unsere Aerzte, unsere 
Sanitäter an der West- und Ostfront, auf dem Truppenverband¬ 
platz und in den Lazaretten bei der Arbeit. Besonders instruktiv 
sind die Abteilungen für Röntgentechnik im Kriege und für 
Kriegskrüppelfürsorge. Gerade die letztere dürfte durch diesen 
zahllose Wunden schlagenden Krieg in vielleicht vorher nicht ge¬ 
ahntem Umfange befruchtet und ausgebaut werden. Beratungen 
über diese ungeheuer wichtige Frage haben an den zuständigen 
Stellen in letzter Zeit mehrfach stattgefunden. — Auch der 
Kampf gegen die Kriegsseuchen spielt gegenwärtig wiederum 
eine wichtige Rolle. Anlaß zu Besorgnissen liegt nach den Ver¬ 
sicherungen von maßgebender Seite nicht vor. Bis jetzt haben 
sich unsere Behörden wenigstens mit den finsteren Gespenstern, 
die in früheren Kriegen verheerend genug wirkten, ganz vorzüg¬ 
lich abgefunden. Erst kürzlich betonte Ministerialdirektor Kirchner, 
der Leiter unserer Medizinalabteilung im preußischen Ministerium 
des Innern, anläßlich eines in der Ausstellung gehaltenen Vortrages, 
daß wir dank unserer vorzüglichen sanitären Einrichtungen nicht mit 
einer wirklichen Epidemie zu rechnen haben werden. Das ist um 
so höher zu veranschlagen, weil wir bekanntlich bereits mehr als 
eine halbe Million von Gefangenen in unseren Heimatslagern unter- 
gebracht haben. _ 

(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. II. Kl. 
Dr. A. Lusenberger, Sanitätschef der 28. I.-Div., den St.-Ae. 
DDr. J. Janaöek, Kommandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 82, 
M. Feder, Kommandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 35, dem lt.-A. 
Dr. G. Maly des I.-R. Nr. 78 und St.-A. Dr. A. Popper des 
L.-I.-R. Nr. 8 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande 
des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A. d. Res. Dr. F. Vanek und 
O.-A. d. Res. Dr. G. Krön des F.-J.-B. Nr. 29, den A.-A.-St. 
d. Res. DDr. K. Hoffmanu des I.-R. Nr. 85, G. Sinnesberger 
des 4. Kaiserjäger-R., dem R.-A. Dr. H. Titus des F.-K.-R. Nr. 0, 
O.-A. d. Res. Dr. J. Fabritius und A.-A. d. Res. Dr. G. Hofer 
des I.-Div.-San.-A. Nr. 85, den A.-Ae. d. Res. DDr. L. Lichten¬ 
stein, J. Klopper und F. Primsar des I.-R. Nr. 89, K.Nort¬ 
hoff des I.-R. Nr. 88, W. Blanke des I.-R. Nr. 7, R. Ebner, 

K. Urban und J. Leisser des 4. T.-I.-R., F. Seligmann des 

I. -R. Nr. 52 und dem O.-A. d. Ev. Dr. P. Skrowaczewski des 

L. -I.-R. Nr. 35 das Goldene Verdionstkreuz mit der Krone am 
Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, den R.-Ae. DDr. G. Szöny i 
des I.-R. Nr. 7b, J. Molnär des I.-R. Nr. 49, G. Krecsak des 
l.-R. Nr. 87, den R.-Ae. d. Res. DDr. K. Grawatsch des L.-I.-R. 
Nr. 8, II. Ninaus der L.-F.-K.-Div. Nr. 22 die a. h. belobende An¬ 
erkennung ausgesprochen worden. Aus demselben Anlasse sind die 
R.-Ae. DDr.: F. Uspani des Garn.-Sp. Nr. 2, F. Tintner, Kom¬ 
mandant der I.-Div.-San.-A. Nr. 25, zu Stabsärzten ernannt worden. 
— In Anerkennung hervorragender Dienstleistung vor dem Feinde 
ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. H. Rittigstein der Orden der Eisernen 
Krone III. Kl. mit der Kriegsdekoration, dem O.-St.-A. I. Kl. 
Dr. K. Pavl ecka des 2. Korpskommando die Kriegsdekoration zum 
Orden der Eisernen Krone III. Kl. und dem O.-St.-A. II. Kl. Doktor 
G. Kauder des 1. Armeekmdo. das Ritterkreuz des Franz Josef- 
Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes verliehen worden. — 
Ernannt wurden zu Regimentsärzten der Res. die Oberärzte d. Res. 
DDr.: N. Szontagh der Train-Div. Nr. 5, D. Bekös des I.-R. 
Nr. 0, E. Schönberger des I.-R. Nr. 82, Z. Tomaszewski des 
Garn.-Sp. Nr. 14; zu Oberärzten d. R. die Assistenzärzte d. Res. 
DDr.: H. Kemmetmüller des F.-K.-R. Nr. 29, J. Kernmayer 
des I.-R. Nr. 7, W. Schiller des Gebirgsartillerie-R. Nr. 10, 

J. V v käs des l.-R. Nr. 2, A. Scholz des F.-K.-R. Nr. 28, E. Toth- 
salussy des F.-J.-B. Nr. 24, R. Schleyen des F.-K.-R. Nr. 38, 
E. Hoffmann des I.-R. Nr. 48, E. Fischer und J. Weisz des 
I.-R. Nr. 23, 0. Podzahradsk^ des I.-R. Nr. 24, A. Balog der 
Train-Div. Nr. 12, G. Wildmann des l.-R. Nr. 26, G. Cracium 
des I.-R. Nr. 64, A. Eisenstädter des I.-R. Nr. 83, A. Mitter 


des I.-R. Nr. 97, V. Olaak des Feldhaubitzen-R. Nr. 1, L. Feld- 
kircher des l.-R. Nr.84, A. Dlubaö des I.-R. Nr. 36, A. Baron 
des I.-R. Nr. 30, J. Dczer des H.-R. Nr. 3, E. Ott des I.-R. 
Nr. 97, J. Schönfeld des I.-R. Nr. 20, H. Kellner der Train-Div. 
Nr. 5, F. Sehr auf des I.-R. Nr. 76, E. Rövcsz des I.-R. Nr. 90, 
O. Anton des F.-J.-B. Nr. 30, J. Strunz des I.-R. Nr. 32, 
A. Rcvösz des U.-R. Nr. 12, L. Wachulski des F.-K.-R. Nr. 3, 
J. Molnär des Garn.-Sp. Nr. 17, L. Gattinger des Eisenbahn-K. 

(K. k. Gesellschaft der Aerzte.) In der vor wöchentlichen 
Sitzung dieser Gesellschaft ist ein Beschluß gefaßt worden, der 
lebhaft begrüßt zu werden verdient. Diese erste ärztlich-wissen¬ 
schaftliche Vereinigung der Monarchie zählt bekanntlich zu ihren 
ordentlichen Mitgliedern nicht nur den gesamten Lehrkörper der 
Fakultät, die Hofräte, Professoren, Privatdozenten, Assistenten 
derselben, sondern auch mehr minder betitelte praktische Aerzte, 
unter welchen es neben Primarärzten, Direktoren, Regierungs-, 
Obermedizinal-, Medizinal- und kaiserlichen Räten noch immer 
zahlreiche, wissenschaftlich hochstehende, eifrig und erfolgreich 
wirkende Aerzte gibt, die lediglich den — Ehrentitel führen, 
den ihnen die Universität seinerzeit verliehen hat. Es hat 
nicht eben angemutet, wenn nach dem Herrn Professor in 
der Diskussion oder zur Demonstration der Herr — Doktor auf¬ 
gerufen wurde, oder wenn der Vortragende in seinen Ausfüh¬ 
rungen bald den oder jenen Herrn Hofrat, bald den „Herrn 
Kollegen“ zitierte, dessen angezogene Arbeit für die berührte 
wissenschaftliche Frage zuweilen von nicht minderer Bedeutung 
war als jene des ersteren. Das wird, falls die Gesellschaft an 
ihrem Beschlüsse festhält, nunmehr anders werden. Die Autorität 
des Forschers wird in Zukunft nicht mehr durch einen mehr 
minder glänzenden Titel erhöht werden, da sie der Erhöhung ganz 
und gar nicht bedarf. Es wird in der Folge erfreulicherweise nur 
von den Forschungen der Herren X und Y die Rede sein und 
die Debatte nicht mehr zwischen dem Herrn Hofrate A und dem 
Doktor B, sondern von den Herren A und B geführt werden. In 
den weißen Saal der „Gesellschaft“, den die Büsten der Heroen 
der Wiener Schule schmücken, ist ein demokratischer Lichtstrahl 
gefallen, der Saal und Bildnisse vergoldet. Der Beschluß der 
Gleichheit ist dem der Brüderlichkeit analog und gereicht dem 
Antragsteller, Professor — pardon Herrn Schütz, wie der Ge¬ 
sellschaft zur Ehre. 

(Tierkohle zu internem Gebrauche.) Das österreichische 
Ministerium des Innern hat in einer Verordnung, betreffend den 
Apothekervertrieb von zu innerlichem Gebrauche bestimmter Tier¬ 
kohle, Prüfungsvorschriften herausgegeben, in deren Text sich, wie 
uns Prof. Wie ho wski (Prag) mitteilt, zwei Druckfehler einge¬ 
schlichen haben. Wiewohl ihre Ausmerzung bei der Behörde 
bereits angeregt worden ist, soll hier darauf aufmerksam gemacht 
werden, daß die Feststellung der Adsorptionskraft der Kohle fol¬ 
gendermaßen vorgenommen wird: a) 0,1g fein gesiebte und bei 
120° getrocknete Tierkohle muß mindestens 20 ccm einer 1,5 pro- 
milligen (nicht 1,5%) Lösung von Methylenblau-Chlorhydrat medi- 
cinale (Merck) beim Schütteln in verschlossenem Gefäß innerhalb 
einer Minute vollständig entfärben (keine Filtration), b) Wird eine 
Aufschüttelung von 3 g (nicht 2,3) Kohle in 65 ccm der unter a) 
beschriebenen Methylenblaulösung getrunken, darf der innerhalb 
der nächsten 24 Stunden ausgeschiedene Harn keine Grünfärbung 
zeigen. 

(Statistik.) Vom 3. bis inklusive 9. Januar 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 14.012 Personen behandelt. Hiervon wurden 
2342 entlassen, 241 sind gestorben (9 3°/ 0 des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- lind außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 40, Scharlach 112, Masern —, Röteln—, Varizellen—, 
theritis79, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza — , AbdomiDaltypbusJ, 
Dysenterie 1, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand —, 
Wochenbettfieber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬ 
nickstarre —. In der Woche vom 27. Dezember 1914 bis 2 . Januar 191 *> 
sind in Wien 819 Personen gestorben (— 72 gegen die Vorwoche). 


Sitzungs-Kalendarium. 

Donnerstag, 21. Januar, 7 Ohr. desellschaft für innere Medizin und 

Kinderheilkunde. Hörsaal v. Pirq uet (IX., Lazarettgasse 14). 1- 
monstrationen. 2. Doz. Zappert: Ueber ein gehäuftes Auftreten ge * 
artiger Fazialislähmungen bei Kindern. 

Freitag, 22. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank¬ 
gasse 8.) 


Herausgeber, Eigentümer und-Verleger: Urban * Schwareenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur für Österreieh-Ungarn: Karl Urban, Wie n. 

Drnck Ton Gottlieb Gistel ACie., Wien, m., MQnzguse 6. 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 




Wien, 24. Januar 1915. 


XI. Jahrgang. 


Nr. 4. 

Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert von B Verlag von 

Professor Dr. Kurt Brandenburg » Urban A Schwarzenberg 

Berlin j Wien 


INHALT: Die Versorgung der Verwendeten und Erkrankten im Krieges Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Th. Rumpf. Ueber einige Schußverletzungen 
des Rürkenmarks und Gehirns. (Mit 5 Abbildungen.) Prof. Dr. Rotter, Ueber Brustschüsse. — Abhandlungen: Prof. Dr. G. Nobl. Vorstufen und Haft- 
Sitten primärer multipler Epitheliome. (Mit 10 Abbildungen.) — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlnngsverfahren: Dr. H. Ditthorn und 
Dr. W.Schultz, Zur Antigenbehandlung des Typhus. (Mit 3 Kurven.) Dr. E. B reiger, Die körperlichen Frülisymptome der Dementia praecox. — 
Am der Praxis für die Praxis: Dr. Krummacher, Röntgenologische Ortsbestimmung hei Fremdkörpern. — Aus den neuesten Zeitschriften. — 
Es Böchfrbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Wiener Lnrvngo- 
rhinologische Gesellschaft. Kriegschirurgische Abende in Lille (Frankreich). Aerztlicher Verein in Hamburg. — Kleine Mitteilungen. 

Der Vtrlaj bthäll sich das aussehließlieht Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift «um Erscheinen gelangenden Originalbeiträge vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


lieber einige Schußverletzungeti des Rücken¬ 
marks nnd Gehirns 1 ) 

von 

Th. Rumpf, Bonn. 

M. H.! Gestatten Sie mir, Ihnen heute abend einige 
Röntgenbilder und Photographien von Schußverletzungen des 
Rückenmarks und Gehirns zu zeigen und einige Patienten 
voreustellen. 

Das erste Bild stammt von einem 30jährigen Reservisten, der am 
15. September bei Epernay durch drei Schüsse verwundet wurde, von 


gelegt. Hier wurde nach einigen Tagen konstatiert, daß die Beweglich¬ 
keit der Beine zum Teil wiedergekehrt, und das Gefühl in diesen vor¬ 
handen war. Die Patellarnllexe waren schwach vorhanden. Aber es 
fanden sich gleichzeitig Anschwellungen des Gesichts. Das Röntgenbild 
zeigt die Kugel links seitwärts vom zehnten Brustwirbel. Eine stärkere 
Wirbelverletzung ließ sich nicht nachweisen. 

Die Frage einer Operation wurde naturgemäß erwogen, aber in 
Rücksicht auf die nicht verletzte, normal erscheinende Wirbelsäule sowie 
das Erhaltenseio des Gefühls und leichter Bewegungen verneint. Trotz 
der anfänglich nicht ungünstig erscheinenden Prognose ging Patient unter 
Fieber und Entwicklung septischer Prozesse zugrunde. 

Die Obduktion ergab keine stärkere Verletzung der Wirbelsäule, 
trotzdem aber entzündliche Veränderungen der Rückenmarkshänte und 



Abb. 1. 

SoDtosion des zehnten Brustwirbels ohne wesentliche Verletzung der 
Wirbelsäule. * 

»riehen einer den Rücken getroffen batte. Am 10. Oktober sah ich den- 
jjib?n zuerst mit einer völligen Lähmung der Beine, der Blase, des 
wwirme nnd mit Decubitus. Er wurde zunächst in das Wasserbett 

, ) Vortrag, gehalten am 16. November in der Sitzung der nieder- 
to&Jichen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn. 


Abb. 2. 

Kugel Im zwölften Brust- und ersten Lendenwirbel. 

des Rückenmarks selbst, über die mein Oberarzt, Herr Dr. Horn, später 
ausführlich berichten wird. Sie dürften ähnlich denjenigen seio, welche 
Herr Finkelnburg in der vorigen Sitzung an mikroskopischen Präparaten 
gezeigt bat. 

Das zweite Bild stammt von einem 32jährigen Wehrmann, der 
am 16. September von zwei Schüssen getroffen wurde und kurze Zeit 


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90 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


darauf gelähmt war. Ich sah den Patienten zuerst am 26. Oktober und 
konstatierte Erhaltensein des Gefühls an den unteren Extremitäten, Be* 
weglichkeit der Oberschenkel und Beckenmusknlatnr. Die Füße waren 
nur eine Spur beweglich. Die Sehnenreflexe an den Beinen, der Cre* 
masterreflex und Plantarreflex fehlten, vom Abdominalreflex an nach oben 
waren die Reflexe erhalten. Neben Blasen- und Mastdarmlähmung fand 
sich starker Decubitus. Das Röntgenbild zeigt die Kugel in den Körpern 
des zwölften Breul» und ersten Lendenwirbels je zur Hälfte, aber so, daß 
otwa ein Viertel der Kugel in das Lumen des Rücken mark k&nals her¬ 
einragt. 

In diesem Falle hätte eine Laminektomie in Frago kommen können, 
woil d.e Kugel möglicherweise im heftigen Anprall das Rückenmark ge¬ 
troffen haben konnte, aber nicht die Kraft hatte, ganz in den Wirbel- 
katial einzudringen; indessen waren das Fieber und der Decubitus so 
stark, daß ich eine Operation nicht mehr za empfehlen wagte. 

Am 4. November erfolgte der Exitus. Die Obduktion ergab, daß 
die Kugel mit etwa ein Viertel ihrer Oberfläche in den Wirbelkanal her- 
einragte und vermutlich das Rückenmark lädiert hatte. Im Conus fand 
sich ein Erweichnngsherd. 

Der dritte Fall betrifft einen 19jährigen Kriegsfreiwilligen, der am 
25. Oktober 1914 von einem Schüsse getroffen und sofort gelähmt wurde. 
Die Kugel war in der rechten hinteren Achsellinie zwischen der 6. und 
7. Rippe eingedrungen und links drei Finger breit seitwärts von der 
Wirbelsäule zwischen der 10. und 11. Rippe ausgetreten. Als ich ihn am 
5. Norember untersuchte, klagte er über rasende Schmerzen, die sich vom 
Rücken znm Nabel zogen, und Über geringere Schmerzen in der Blasen¬ 
gegend. Blase und Mastdarm waren gelähmt; weiter bestand sensible 
(bis zum 03 pnbis) und motorische Lähmung der Beine, völliges Er- 
loscLeLsein der Reflexe, DecnbitUB. 

Das Röntgenbild ergab einen völlig negativen Befund. Trotz dieses 
negativen Röntgenbefundes nahm ich auf Grund dos klinischen Bildes 
und alter Erfahrungen an, daß das Rückenmark durchschossen sei, und 
Knochensplitter oberhalb der Schußstelle in den Rückenmarkshäuten und 
eventuell im Rückenmark selbst saßen, nnd voranlaßte Herrn Kollegen 
Brinck, die Laminektomie zn machen. 

Die Operation ergab, daß die Kugel den Bogen des elften Brust¬ 
wirbels durchschossen und das Rückenmark glatt durchtrennt hatte. 
Ferner fand sich, wie erwartet, ein größorer nnd kleinerer Knochen¬ 
splitter, die etwas oberhalb der Durchtrennungsstelle tief in die Dura 
eingedrungen waren, nnd als Ursache der Schmerzen von mir betrachtet 
wurden. Nach der Operation hörten die rasenden Schmerzen vom Rücken 
zum Nabel sofort anf und Patient erklärte mir am Abend des Operations- 
t»ges, nun hoffe er doch wieder auf die Beine zu kommen. Aber der 
Decubitus wurde trotz des Wassorbetts nicht geringer. Zur Blasenläh¬ 
mung trat stärkerer Blasenkatarrh hinzu. Das Fieber nahm zu und unter 
stark-n Schmerzen in den unteren Bauchparlien erfolgte der Tod. 

Die Obduktion ergab, daß der Decubitus in die Bauchhöhle durch¬ 
gebrochen war, eino septische Peritonitis und eine schwere Erkrankung 
der B!a*e ausgelöst hatte. 

Ueber Einzelheiten und den mikroskopischen Befund in den ge¬ 
schilderten drei Fällen wird Herr Oberarzt Dr. Horn berichten. 

Diese Resultate der Behandlung von Verletzungen der 
Wirbelsäule und des Rückenmarks durch Geschosse können 
nicht als erfreulich bezeichnet werden. Sie sind bisher un¬ 
günstiger gewesen, als meine Erfahrungen bei ähnlichen 
Läsionen, welche durch Verschüttung im Bergwerke durch 
herabfallendes Gestein hervorgerufen wurden. Kollege 
Witzei hat sechs Fälle dieser Art, die ich untersucht habe, 
operiert. Es handelte sich in allen Fällen um nachweisbare 
Läsionen der Wirbelsäule mit mehr oder weniger ausge¬ 
prägten Erscheinungen von Myelitis transversa. Ein Fall 
war durch besonders rasende Schmerzen ausgezeichnet, so- 
daß ich außer der Querverletzung des Rückenmarks an¬ 
nahm, daß oberhalb der Abtrennung ein oder mehrere ab- 
gesprengto Splitter in die Dura oder das Rückenmark selbst 
cingedrungon seien. Die Operation bestätigte diese An¬ 
nahme und hatte den Erfolg, daß die rasenden Schmerzen 
schwanden. Die Myelitis transversa erfuhr keine Besserung, 
aber der an den Beinen völlig gelähmte Patient konnte 
später im Rollstuhl umhergefahren werden. Blase und Mast¬ 
darm erfuhren nur eine geringe Besserung ihrer Funktion. 
In einem zweiten Falle wurde durch die Operation von der 
durch Wirbelbruch seitlich eingeknickten Wirbelsäule ein 
Knochenvorsprung, welcher das Rückenmark nur auf der 
einen Seite getroffen und verletzt hatte, entfernt, und das 
Rückenmark völlig vom Drucke befreit. Der motorisch und 
sensible völlig gelähmte Patient, bei welchem die Blasen- 
und Mastdarmfunktion nur wenig beeinträchtigt waren und 
Decubitus fehlte, erfuhr eine wesentliche Besserung. Das 


Bein der nicht lädierten Seite war nach zwei Monaten nahezu 
normal, das Bein der betroffenen Seite bot in der Folge das 
Bild einer leichten spastischen Parese. Patient konnte mit 
einem Stocke verhältnismäßig gut gehen, wurde so entlassen 
und noch längere Zeit in dem gleichen Zustande von mir 
beobachtet. Vier Fälle schweren Wirbelbruchs mit 
Zerquetschung des Rückenmarks, den schwersten Er¬ 
scheinungen transversaler Myelitis gingen trotz Lamin¬ 
ektomie an den Folgen des Decubitus zugrunde. 

Diese prozentualen Resultate der Laminektomie in 
Friedenszeiten stimmen mit den Erfahrungen der meisten 
Autoren an Prozen tzahi der Erfolge überein. 

Daß in Kriegszeiten die Behandlungsresultate dieser 
Fälle noch ungünstiger sind, liegt vermutlich an dem weiten 
Transport bis zum Krankenhause mit der Schwierigkeit 
sorgfältigster Behandlung des meist vorhandenen Decubitus, 
Vielleicht kommt auch in einzelnen Fällen eine besonders 
starke Commotionswirkung in Betracht. 

Nichtsdestoweniger werden wir in jedem Fall ein 
chirurgisches Eingreifen zu erwägen haben. Fälle, in welchen 
das Projektil ganz oder teilweise im Rückenmarkkanale 
sitzt, dürften eine wichtige Indikation darstellen, wenn 
nicht das Allgemeinbefinden jede Aussicht auf Heilung oder 
Besserung ausschließt. Weiterhin werden .Fälle, in welchen 
Knochensplitter in die Dura mater, die Wurzeln oder in 
das Rückenmark eingedrungen sind, die Operation wünschens- 
wert machen, besonders wenn erstere durch ihren Sitz ober¬ 
halb der Querläsion zu starken Schmerzen Veranlassung 
geben. Daß in derartigen Fällen das Röntgenbild zur Diagnose 
völlig versagen kann, zeigt der Fall 3. Auch bei starken 
Konfigurationsveränderungen der Wirbelsäule mit 
der regelmäßig vorhandenen Wirbelfraktur halte ich die 
Operation für indiziert. Ob man besser früh oder spät 
operiert, hängt von dem individuellen Fall ab. Im ganzen 
bin ich bei gutem Allgemeinzustande mehr für die frühe 
Operation, einmal, um eine Konsolidation der Knochen in 
schlechter Stellung zu vermeiden, und dann, um bezüglich des 
Rüchenmarks eine schleunige Entlastung eintreten zu 
lassen. In dieser Beziehung erscheint mir der Fall 5 be¬ 
achtenswert. Ob man in Fällen von Streifschuß der Wirbel¬ 
säule mit Commotio spinalis (Fall 1) gut tut zu operieren, 
ist mir zweifelhaft. Man könnte ja denken, daß eine Spaltung 
der entzündlich veränderten Rückenmarkhäute eine raschere 
Restitution im Gefolge haben werde. Aber vor dem chir¬ 
urgischen Eingreifen wird das pro und contra im Einzel¬ 
falle sehr sorgfältig erwogen werden müssen. 

Wesentlich günstigere Verhältnisse zeigten unter unsern 
Beobachtungen die Gehirnschüsse. 

Ich möchte Ihnen zunächst einen 25jfihrigen Offizier vors teilen, 
der in der Schlacht am Semois einen Schaß durch den Kopf erhielt, w 
war sofort gelähmt und die Sprache war stark beeinträchtigt Am 
31. August wurde er auf meine Abteilung aufgenommen. Ich fand neben 
einer Erschwerung der Sprache eine rechtsseitige Hemiplegie mit 
leichter Beteiligung des Facialis, Steigerung der Reflexe, Ver¬ 
lust dos Lagegefühls für Arm, Hand, Finger, geringere Störung 
der Hautsensibilität, leichte vasomotorische Störungen am Arme. 

Die Untersuchung des Kopfes ergab einen Einschuß *of dem 
rechten Scheitelbeine seitwärts der Mittellinie und etwas hinter den 
Centralwindungen und einen Ausschuß am linken Seitenwand¬ 
bein Über dem Ohr in der Gegend der linksseitigen Central Windungen 
(Abb. 4). 

Das Röntgenbild ließ keine Reste von Kugel oder Knochensplitter 
im Gehirne nachweisen. Der Fall verlief überraschend günstig. Fieber 
und Erscheinungen von seiten des Gehirns traten nicht auf. Die Sprache 
wurde langsam besser; unter Anwendung von Elektrizität und Gymnastix 
besserte sich die Gebrauchsfähigkeit der Extremitäten so, 
zunächst im Zimmer sich bewegen, dann Spazierengehen konnte. Es bu« D 
aber eine starke Parese des rechten ArmB, die Sie heute, noch sehen, 
bestehen, die aber durch folgendes charakterisiert ist. Patient kann alle 
Beweguhgen des Armes, allerdings langsam und unter leichten spastischen 
Erscheinungen, aasführen. Nur die Iaterossei folgen dem WiUensimpd» 
nicht, der Daamen und kleine Finger nur mäßig; die Sehnenreflexe am 
rechten Arme sind etwas gesteigert. Die Haut der Hand ist etwas 
rötlich-cyanotisch und leicht kalt. Das Gefühl der Haut ist für emneae 
Berührungen, für spitz und stumpf, kalt und warm, rauh und glatt an 


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2Um 2t Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. L 


91 


beiden Binden and Oberarm gleich gut. Die Untersuchung der elektro- 
nunen Empfindung ergibt: 

Rechts Links 


Zeigefiogerrtcken 


Vorderarm dora. 


erste 


erste 


Empfin¬ 

Schmerz 

Empfin¬ 

Schmerz 

dung 

67 

dung 


. 85 

80 

60 

. 95 

82 

82 

72 

. 86 

62 

85 

60 1 

. 100 

90 

95 

85 | 

. 102 

88 

100 

85 i 

. 97 

90 

98 

85 | 

. 98 

85 

98 

85 I 


Eine Herabsetzung der elektrocntanen Empfindung rechts ist 
also nicht vorhanden. 

Sehr dentlich ist das Gefühl für die Lage und Stellung der 
Hand and der Finger herabgesetzt. Leichte Bewegungen des 
Daumens, des Zeigefingers, Mittelfingers, Goldfingers, kleinen FiDgers, 
Dich aufwärts, abwärts, Beugung, Streckung werden teils unvollkommen, 
teils nicht empfunden. Das gleiche ist bezüglich der Hand der Fall 
Em Sch.Dssel oder ein Messer in die rechte Hand gelegt werden nicht 
differeniiert. Auch auf d:e Haut geschriebene Zahlen werden bei ge¬ 
schlossenen Angen rechts weniger sicher erkannt als links. 

Es muß also nach dem Befund am Schädel eine Störung in dem 
Centrom för die Bewegungsempfindungen angenommen werden. Es 
ist d an sehr interessant, wenn man nach dem Schema von Chipault, 
dessen ich mich seit Jahren bediene, die einzelnen Gehirnpartien auf der 
Scbädeloberfliche zu fixieren sucht Es zeigt sich dann, daß die Kugel 
direkt über der hinteren Central wind ung ausgetreten ist. Die 
Centralfarche ergibt eine Länge von 15 cm. Die Austrittsstello erstreckt 
sich ron 5 1 /» bis 7 ‘/j cm von oben, 1 cm hinter der Centralfurche. Alan 
maß also annehmen. daß die hintere Centralwindung fast genau in 
ihrer Mitte von der Kugel durchbohrt ist, während die Kugel auf dem 
_ rechten Scheitelbein hinter don 

I Central Windungen eingedrungon 
ist (Abb. 3). 



Abh. 3. 

£i?fkhuß durch die Milte der linken 
hinteren Central Windung. 


Abb. 4. 

Verletzung der oberen Partie der rechten 
vorderen Central Windung. 


Einen Gegensatz zu diesem Falle stellt ein zweiter dar, den ich 
tmen heute nur im Bilde zoige, aber bald persönlich vorstellen zu 
kConen hoffe. 

Es handelt sich um einen 24 jährigen Reservisten H., der am 
A August anscheinend einen Streifschuß des Kopfes etwa in der Höhe 
?• Scheitels erlitten hatte. Die Untersuchung ergab eine eigentümliche 
erletzung des Schädels mit geringer Impression (Abb. 4). 

Patient zeigte eine völlige Lähmung des linken Armes und 
^ ken Beins, sowieeino geringere Lähmung des rechten Beins. 
Dr rechte Ara, das Gesicht, die Sprache, das Gehör und alle Gehirn¬ 
en waren intakt. Die Lähmung war eine spastische mit Steige- 
| D0 £ der Reflexe ohne jede Gefühlsstörung. Auch das Gefühl für 
UD< ^ Stellung der Glieder war an dem Arme, den Beinen und Zehen 
erhalten. 

Nach der Aufnahme in Bonn wurde die Wunde zunächst gereinigt 
Knochensplitter entfernt. Der Zustand besserte 
®ch bezüglich des rechten Armes und Beins; dagegen nahmen im linken 
ö€uie neben Fortbestehen der Lähmungen die spastischen Erscheinungen 
fiK n?^ 88 ^ en Streckkrämpfe in der Oberschenkelmuskulatur und 
«Tr iZuckungen auch in der Wade auf. Die Sehnenrefl'xo waren 
nnJ ii ^ a8 in jeder Qualität erhalten, das Gefühl für Lage 
fl otelloag des linken Beins und der einzelnen Zehen war ausge- 
Patient konnte nicht nur Zahlen, welche auf die Haut des 


, eD ,. ei ^ 8 .ff^cbrieben wurden, bei geschlossenen Augen differenzieren; 
p - 4le feiste passive Bewegung jedes einzelnen Zehen des linken 
und des Fußes selbst wurde mit geschlossenen Augen sicher 


- ! Bei den zunehmenden krampfhaften Erscheinungen nahm ich au, 

daß eine Reizung des motorischen Rindenfeldes des linken Beins vorliege 
und veranlaßte Herrn Dr. Brinck zur Trepanation. Vorher stellte ich 
nach dem erwähnten Schema die Lage der Knochenimpression fest und kon- 
z statierte, daß die Impression des Schädels vor der Centralfurche lag 
und auf beiden Seiten, besonders aber auf der rechten, die oberen Par¬ 
tien der vorderen Centralwindung betroffen haben konnte. Nach Frei¬ 
legung der oberen Partie der vorderen rechten Centralwindung, die 
sich vor der Centr&lfurcho durch entzündliche Veränderungen scharf ab¬ 
hob, entfernte Herr Dr. Brinck über 20 kleine Knochensplitter, die 
teilweise in der Tiefe von l 1 /* cm saßen. Die linke obere Central¬ 
windung schien nicht lädiert. 

Am folgenden Tage hatten die Roizerscheinungen dos linken Beins 
L etwas nachgelassen, am zweiten Tage konnte Patient das Bern im Hüft¬ 
gelenke von der Unterlage etwas erheben. Dann wurden Bewegungen 
im Fuße möglich. (Ara 7. Dezember konnte Patient gestützt von zwei 
i Führern die ersten Gehbewegungen machen, wobei sich zeigte, daß auch 
das rechte Bein noch recht schwach war.) 

Diese beiden Fälle zeigen zunächst, daß Fälle von 
Schußverletzungen der Rindencentren bei dem Fehlen 
von Komplikationen zu einer teilweisen Ausheilung ge¬ 
langen können. 

Weiterhin ist bei den beiden Fällen der Gegensatz der 
Symptome interessant. In dem einen Fall geringe 
spastische Parese mit wesentlicher Störung des 
Gefühls für Lage und Stellung des betreffenden Glieds, 
in dem andern Fall starke spastische Lähmung des 
Beins ohne jede Störung des Lage- und Stellungs¬ 
gefühls, in dem ersten Fall wesentlich Verletzung der 
| hinteren Centralwindung in ihren mittelsten Teilen, 
in dem zweiten Fall Läsion der vorderen Central- 
I windung in ihrer obersten Partie. 

Außer diesen beiden Fällen befinden sich noch 
drei Fälle mit Gehirnschüssen auf meiner Abteilung, 
einer, bei dem ein Gehirnabsceß mit Kugelfragmentcn 
und Knochensplittern entleert ist, zwei mit Hemiplegie. 
Sobald ein gewisser Abschluß der Kranklieitsbilder 
erzielt ist, hoffe ich sie vorstellen zu können. 

Die ersten beiden haben die Erinnerung an einen 
Fall wachgerufen, der schon 1888 druck fertig be¬ 
schrieben vorlag, aber infolge meiner damaligen Berufung 
nach Marburg liegen geblieben ist. Damals waren die 
Erörterungen über die Stellung der Hitzigschen Rinden¬ 
felder zur Fühlsphäre Muncks noch häufiger. Ich 
habe auf Grund einzelner Beobachtungen von syphi¬ 
litischer Hemiplegie und Menoplegie 1885 l ) mich dahin 
ausgesprochen, daß es neben rein motorischen Mono¬ 
plegien von seiten der Hirnrinde auch solche der 

Fühlsphäre mit geringeren Lähmungserscheinungen 
:l,tea gibt. Brieger hat sich auf Grund eigener Beobach¬ 
tungen dieser Auffassung angeschlossen. Die spätere 
Literatur sowie eigene Beobachtungen in demselben Sinne 
finden sich bei F. Müller 2 ). Da der Fall aber eine gewisse 
Aehnlicbkeit mit dem Fall H. hat, glaube ich denselben 
hier schildern zu dürfen. 

Anamnese: Patient war bis zu dem jetz : gen Leiden völlig ge¬ 
sund. Vater und Aiutter starben beide im 8L Jahre. Drei Brüder leben 
and sind gesund. 

Am 22. Juni dieses Jahres erhielt Patient einen Schlag mit einer 
Mistgabel auf den Kopf. Er brtfeh direkt bewußtlos zusammen und wurde 
zu Bette gebracht. Die völlige Bewußtlosigkeit dauerte l’/a Tag, doch 
schloß sich an diese ein Zustand von Benommenheit an, der noch sechs 
bis acht Wochen andauerte. Dabei soll wesentliches Fieber nicht vorhanden 
gewesen sein, dagegen eine Unfähigkeit die Gedanken zusammenzuhalten. 
Damit war eine große Gedächtnisschwäche verknüpft. 

Mit dem Aufhören des Komas und der Benommenheit wurde eine 
völlige Lähmung beider unteren Extremitäten sowie des rechten 
Armes bemerkt. Anfangs sollen die Beine bis zum Knie auch etwas 
gefühllos gewesen sein, doch sei diese Störung gewichen. 

Anfangs besserte sich der Zustand etwas. Seit zwei Monaten ist 
indessen oine weitere Veränderung nicht eingetreten. Alle übrigen Funk¬ 
tionen sind angeblich normal. Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack sollen 
ganz intakt sein. Stuhl- und Urinentleernng gut. 

*) D. m. W., Nr. 44. 

») Sml. kiin. Vortr. 394/395. 


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Original fro-m 

UNIVER5ITY OF IOWA 












92 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


Status: Mittelgroßer Mann von gut entwickelter Muskulatur, der 
mit völlig steifen unteren Extremitäten zu Bette liegt und beim 
Entkleiden nur mühsam mitbehilflich sein kann. Die Knie sind völlig ge¬ 
streckt, die Füße stehen in Spitzfußstellung. 

Der rechte Arm ist im Ellbogengelenke leicht contractu- 
riert, die Hand leicht gebeugt, die Fioger. insbesondere der 
kleine, ebenfalls gebeugt, der letztere nahezu in Beugecontractur. 
Die Muskeln des Armes sind gut entwickelt. 

Bei der Aufforderung den Arm zu bewegen, erfolgt nur eine un¬ 
sichere hin- und herzuckende Hebung in der Schulter und Beugung und 
Streckung im EUbogengelenke. Die Hand selbst kann nicht dorsalfluk- 
tuiert werden. Alle Bewegungen erfolgen unsicher und unkoordiniert. 


Die Beine können von ihrer Unterlage durch Willensanstrengung 
nur eine Spur erhoben werden. Dabei tritt ein intensives klonisches 
Schütteln derselben ein. Eine Bewegung im Fuß- oder Knie¬ 
gelenk ist aktiv nicht möglich. Eine Beugung im Hüftgelenk 
ist nur bis zu einer geringen Erhebung von der Unterlage möglich. 
Emporgezogen kann das Bein in keiner Weise werden. Die Muskeln des 
Rumpfes, Rückens und linken Armes funktionieren . völlig normal. Eia 
Aufsetzen und Niederlegen im Bett ist dem Patienten aktiv leidlich 
möglich. 

Der passiven Bewegung im rechten Arme stellen sich deutiicne 
und nicht unbeträchtliche Muskelspannungen entgegen. Am be¬ 
trächtlichsten sind diese im Handgelenk und im kleinen Finger. 

Die Beine setzen jeder versuchten p assiven Bewegung hoch¬ 
gradige Contractur entgegen. Gliichzeitig tritt ein intensives klo¬ 
nisches Zittern im ganzen Beine, hauptsächlich am Quadriceps und den 
Wadenmuskeln deutlich, auf. Diese Zuckungen halten lange Zeit an und 
sind nur mit Mühe zu sistieren. Dieselben treten auch bei den meisten 
Berührungen der Fußsohle auf und geben das schönste Bild von jenem 
Zustande, welchen französische Forscher als Epilepsie spinale bezeichnet 
haben. Beklopft man mit der Hand und dem Perkussionshammer 
die Sehne des Quadriceps, so tritt dasselbe klonische Zittern ein, an 
welchem sich zunächst nur der M. M. quadriceps, dann auch die Waden¬ 
muskeln beteiligen. Versucht man mit Ueberwinduog der Contractur das 
Kniegelenk sehr langsam zu beugen; so gelingt es. 

Bei Dorealflexion des Fußes tritt nunmehr der intensivste KIo- 
nus auf, an welchem sich auch nach wenigen Sekonden beide M. M. qua¬ 
driceps beteiligen. Und dann haben wir dasselbe Bild wie oben ge¬ 
schildert^ g ehnenreflexe im rec hten Arme vom Handende des Radius 
und der Ulna sind sehr stark, ebenso bei Beklopfen der Tricepssehne. 
Daneben tritt bei beabsichtigtem oder unbeabsichtigtem Beklopfen der 
Vorderarmsehnen noch eine Reihe weiterer Reflexe auf. . 

Die Sehnenreflexe am linken Arme sind deutlich, in keiner Weise 

^ a fi tifli rfc 

Läßt man den Patienten sich vom Bett erheben und sich auf den 
Rand setzen, so erfolgt dieses unter Schütteln und Zittern. 

Wird Patient mit starker Nachhilfe gestellt, so erfolgt ein kloni¬ 
sches Schütteln der unteren Extremitäten, das jede Fortbewegung unmög¬ 
lich macht Beim Sitzen auf einem Stuhl erfolgt ebenso fast ständiges 
klonisches Zittern. Die rechte Hand kann in keiner Weise benutzt werden. 

Patient ißt mit der linken. . , . , 

Von sonstigen Störungen gibt Patient nur an, daß er nicht mehr 
so gut pfeifen kann wie früher. Doch läßt sich objektiv nichts eruieren. 

Kopf und Kopfnerven im übrigen völlig normal, keine Störung im 
Facialis in der Znngenmuskulatur, in den Augenbewegungen. Gesicht, 

Gehör und die übrigen Funktionen 
normal. 

Anf dem Kopfe zeigt 
Patient eine die beiden Scheitel¬ 
beine betreffende, in ihrem Haupt¬ 
umfange jedoch das linke um¬ 
fassende Impression. Dieselbe um¬ 
faßt in der Mittellinie 5,5 cm 
und ist von der Nasenwurzel 
13,6 cm, von der Spina des Hin¬ 
terhauptbeins 16,4 cm entfernt 
(Abb. 6 ). 

Die Impression hat ihre 
größte Breite in der Mittellinie 
und nimmt von hier nach beiden 
Seiten gleichmäßig ab, sodaß 
dieselbe an dem unteren Ende 
rechts 2 , 6 , an dem linken 
unteren Ende einen Durchmesser 
von 2,9 cm hat (Abb. 5). 

Die Gesamtlänge der Im¬ 
pression beträgt 9 cm, von diesen 
fallen auf das rechte Seiten¬ 
wandbein 2,5 cm, auf das 
linke 6,5 cm, sodaß von der 
33 cm betragenden Entfernung zwischen den beiden äußeren Gehör¬ 
gängen (über die Impression gemessen) 14 auf die Entfernung des 
rechten Gehörgangs von dem unteren Ende der Impression, 9'/i auf die 
Entfernung zwischen den beiden Punkten der linken Seite entfallen. 



Abb. 5. 

Verletzung der vorderen Centralwindungen 
beiderseits, rechts das Beincentrinn, links 
Bein- und Armcentrum umfassend. 


Die Ränder der Impression sind meist ziemlich scharf, nnr am 
linken Scheitelbein etwas zackig. 

Die Tiefe des Eindrucks ist in dem ganzen Bereiche der Verletzung 
gleichmäßig und beträgt etwa 1 cm. 

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß in diesem 
Falle die Störung auf eine Läsion der motorischen 
Rindencentren zurückzuführen ist. Das Trauma des 
Schädels entspricht ziemlich genau derjenigen Stelle, unter 
welcher wir die oberen Enden der Centralwindungen zu 
suchen haben. Aber auch die Richtung der Impression nach 
vorn und unten entspricht völlig dem Verlaufe. Um mich 
aber weiterhin von der Lage der impressionierten Schädei- 
partie zu dem Gehirne zu überzeugen, habe ich das ent¬ 
sprechende Schädelstück bei einer an Alter gleichen Leiche 
entfernt und nach Entfernung der Dura die Gehirnoberfläche 
mit Teer angestrichen. Dabei zeigt das Trauma folgenden 
Umfang: 

Es betrifft die Läsion. Die vordere Centralwindung 
rechts in ihren oberen Partien und die vordere Cen¬ 
tralwindung links bis über die Mitte. Nach vorn er¬ 
streckt sich allerdings die Impressionsstelle beiderseits, be¬ 
sonders links noch auf die angrenzenden Stirnhirn¬ 
partien. 

Jedenfalls müssen wir danach eine wesentlich auf die 
vorderen Centralwindungen beschränkte Läsion annehmen. 

Naturgemäß drängte sich die Frage auf: Wie ver¬ 
hält sich in diesem Falle die Sensibilität der gelähmten 
Teile? 

Unter den Empfindungen, welche von der Haut ver¬ 
mittelt werden, lassen sich mindestens sechs Formen unter¬ 
scheiden. Zunächst das Vermögen der Haut, Körper in 
bezug auf die Größe der von ihnen berührten Fläche zu 
unterscheiden. An einer feineren Methode zu dieser Prüfung 
fehlt es seither noch; aber wir wissen, daß in der Norm 
Spitze und Knopf einer Stecknadel gut unterschieden werden 
können, während der Knopf der Nadel und der Finger schon 
schwieriger eine Differenzierung gestatten. 

Diese Prüfung ergibt non bei unseren Patienten völlig normale 
Verhältnisse. Ueberall im Bereiche der gelähmten sowohl wie der ge¬ 
sunden Körperteilen werden Spitze und Knopf der Nadel unterschieden, 
an den meisten Stellen auch Nadelknopf und Finger, sodaß nach dieser 
Seite hin eine Herabsetzung der Sensibilität nicht nachweisbar ist. 

Wie gestaltet sich nun das Vermögen, zwei gleichzeitige Eindrücke 
zu differenzieren, die Untersuchung mit dem Tasturzirkel? 


Es ergaben sich folgende Werte: 

Vorderarm: 

Dorsum.rechts 4,0 links 4.0 

Vola. ,2,8 . 2 

Fingerspitzen. „ 0,25 „ 0 ,^o 

Oberschenkel: 

Quadricepsgegend .... „3,6 "07 

Peronäusgcgend .... „3.6 « 

Wade. 3,6 * 3,7 

Fußsohle. „ 2,6(?) „ 2,4^.) 

Später. «1,6 > L 3 

Stellen wir diesem Ergebnisse die Normalwerte gegenüber, 
Vorderarm: ,. 

32 
03 

4.3 
4,0 
4.0 
1,7 

so ergibt sich nicht die mindobto Abweichung von der Norm. 

Als weitere Prüfungsmethode ist in neuerer Zeit von 
mir in die Pathologie die Untersuchung der Empfindung 
rauh und glatt eingeführt worden. , ]f 

Wie an anderer Stelle ausgeführt worden ist, hao ® 
es sich dabei um das Vermögen, discontinuierliche Emdru » 
die mit bestimmter Zeitintermittens eine Hautstelle tre , 
zu unterscheiden. Wir prüften auch hier raitdemHeri g 
sehen Aesthesinmeter. 


Dorsum. 

von 

2.4 

bis 

Vola.• 

. „ 

28 

ff 

Fingerspitzen . . . • 

Oberschenkel: 

• 

0,15 

" 

Quadricepsgegend . . . . 

„ 

4.0 

fl 

Peronäusgegend . . . . 

„ 

3,0 

n 

Wade. 

„ 

3,0 

* 

Fußsohle. 


1,3 

f» 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


93 


24. Januar. 


Die Untersuchung ergab: - 
Vorderarm: 

Dortom.rechts 

Volt . 4 . 

Fingerspitzen. * 

Oberschenkel: 


links 5 
* 3 


Peronl mgegend 
Wade . 

Fnßsoble 
Faßröcken 

Demgegenüber schwanken die Normalwerte am 
Vorderarm: 

Dorsnm.von 3 bis 6 

Vola. * 3 „ 6 

Fingerspitzen. „ 1 M 2 

Oberschenkel: 

Quadricepsgegend. „ b n 7 

Peronäusgegend. „ 4 „ 6 

Wade. „4*6 

Foßröcken. M 2 „ 3 

Fußsohle. » 1 * 2 

Es ergibt sich also auch hier keine Abweichung von der Norm. 
Weiterhin wurde die Zeitdauer der Leitung zu dem 
Centralorgan geprüft. Aber ob eine Nadelspitze die rechte 
oder die linke Hand, das rechte oder linke Bein berührte, 
immer erfolgte die äußere Benachrichtigung von dem emp¬ 
fangenen Eindruck in ganz der gleichen Zeit, sodaß von 
einer Verlangsamung der Empfindungsleitung nicht die Rede 
sein kann. 

Die Pröfang der Allgemeingeflhle ergab, daß Patient ziemlich 
Khmerzempßndlich war. Leichte Einstiche mit der Nadelspitze wurden 
schon unangenehm empfunden und das Durchstechen einer Hautfalte war 
nicht ohne deutlichen Schmerz zu bewerkstelligen. Auch das Kitzel- 
gefQhl hatte keine Beeinträchtigung erlitten. Die reflektorischen Be¬ 
wegungen des Patienten waren natürlich dabei viel starker als in der 
Norm. 

Den AllgemeingefQhlen reiht sich wohl am zweckmäßigsten die 
elektrocntane Empfindung an. 

Ihre Untersuchung ergab: 

rechts links 



Vorderarm: 

E. E. 

E. S. 

E E. 

E S. 

i - - 

Dorsum. 

. . 143 

115 

134 

117 

i. 1 ' 

Vola. ..... 

. 136 

113 

13 t 

122 

iv- 

Vola m&nui . . . 

. 146 

124 

142 

123 

Fingerspitzen. . . 
Oberschenkel: 

. 167 

141 

160 

139 

lij- 

Qaadricepsgegend . 

. 13t 

113 

133 

113 


Peronäusgegend. . 

. 137 

115 

137 

115 


Wade. 

. 135 

112 

138 

114 


Fußrflcken. 

. 134 

112 

137 

117 

; r 

Faßsohle. 

. 154 

109 

150 

111 


Die Normalzahlen meines damaligen Apparats lauten: 



Vorderarm: 

E. E. 

E 

S. 


Dorsom. 

. 135 

112 

107 

84 


Vola. 

. 134 

114 

112 

86 


Vola manns . . . 

. 139 

115 

118 

78 


Fingerspitzen . . . 
Oberschenkel: 

. 171 

156 

140 

98 


Qaadricepsgegend 

. 146 

112 

124 

88 


Peronäu?gegend . . 

. 132 

102 

118 

75 


Wade. ..... 

. 127 

116 

105 

80 


Foßrflcken .... 

. 146 

120 

122 

85 

! 1 

Fußsohle. 

. 137 

121 

118 

76 


Weiterhin wnrde der Teroperatursinn einer Prüfung unterworfen. 

In Verbindung mit meinem Schüler Kessler hatte ich kurz zuvor 
gefondeo, daß innerhalb der Grade 27 bis 33 die empfundene Differenz 
MJ ganzen Körper 0.2 beträgt, falls gewisse Bedingungen in der Wärme 
des Zimmers und der Bedeckung des Patienten vorhanden sind. Auch 
hei dem Vc rletzten ließ sich an den gelähmten Teilen ganz die gleiche 
Empfiodongsschärfe für Temperaturschwankungen nachweisen wie in 
der Norm. 

Ei ergibt sonach die Untersuchung der sämtlichen Empflndungs- 
qaaiitfttea der flaut völlig normale Verhältnisse. 

Geben wir nunmehr zu derjenigen Sensibilitäts- 
qualität jie als die Empfindung für die Lage und 
Stellung der Glieder im Raum in der Pathologie eine 
große Rolle spielt und die von Munck bei seinen weitgreifen¬ 
den Rindenexstirpationen mit der Paralyse gleichzeitig ge¬ 
lähmt gefunden wurde. 


Zunächst wurde die linke Hand in der Weise geprüft, 
daß die einzelnen Finger, dann das Handgelenk und Ell¬ 
bogengelenk in teils rascher, teils, was zur feineren Unter¬ 
suchung noch zweckmäßiger, in ganz langsamer Exkursion 
nach den verschiedensten Seiten bewegt wurden. Dabei 
werden rechts dieselben feinen Bewegungen als solche an¬ 
gegeben wie links, sodaß sich auch hier eine Anomalität 
nicht ergibt. Nunmehr wurden den einzelnen Fingern ver¬ 
schiedene Stellungen gegeben und Patient aufgefordert, mit 
der andern Hand die gleiche Stellung einzunehmen. Auch 
hier ließ sich nicht die mindeste Abweichung von der Norm 
erkennen. 

Etwas schwieriger war die Untersuchung der unteren 
Extremitäten in bezug auf Muskel- und Stellungsgefühl. Hier 
erschwerten die Muskelspannungen jede Exkursion. Aber 
auch hier gab Patient bei allen passiven Bewegungen auls 
genauste die Richtung der Bewegung an. 

Nach alledem ist ein anderer Schluß nicht gestattet, 
als daß auch trotz der Lähmung das Gefühl für Lage 
und Stellung der Glieder und für die Muskelanspannung 
völlig normal ist. 

Damit hätten wir jede überhaupt bekannte Art von 
Sensibilitätsstörung bei einer zweifellosen Läsion der Hirn¬ 
rinde mit Paralyse ausgeschlossen und wir müssen daraus 
für die Physiologie des Menschen, mit welcher wir uns 
ja zu beschäftigen haben, den Schluß ziehen, daß die so¬ 
genannten motorischen Centren mit der Fühlsphäre 
nicht identisch sind. 

Der weitere Verlauf der Erkrankung gestaltete sich 
wie folgt: 

Es trat die Frage heran, ob für den Patienten durch 
eine Behandlung noch etwas zu erreichen sei. 

Die Ursache der Lähmung mußte zunächst in der Im¬ 
pression, dann aber auch in eventuellen sekundären Ver¬ 
änderungen der Rinde und der Hirnhaut gesucht werden. 

Sechs Monate waren seit dem Trauma verschwunden. 
Es fragte sich nun, ob durch Entfernung des eingedrückten 
Schädelstücks noch ein Erfolg erzielt werden konnte. Eine 
sekundäre Degeneration der Pyramidenbahnen hatte sich dem 
Befunde nach schon an das Trauma angeschlossen und 
konnte für das Symptomenbild zum Teil in Anspruch ge¬ 
nommen werden. 

Aber es lag doch die Möglichkeit vor, daß unter dem 
Drucke der Schädeldeeke einzelne RindeDpartien mit zuge¬ 
hörigen Bahnen daran verhindert wurden, für die verlorenen 
einzutreten. Und so schlug ich Herrn Geheimrat Rühle, 
welcher mir den Fall zur Untersuchung Überwiesen hatte, 
vor, eine Exstirpation des dislocierten Schädelknochens vor¬ 
nehmen zu lassen. 

Es wurde diese von Herrn Prof. Trendelenburg ausgeführt, und 
dabei fand sich die Dura im ganzen normal mit Ausnahme einer 
strahlenförmigen Narbe, die ihren Sitz hatte oberhalb der linken Cen- 
tralwindungen, und zwar in den untersten Partien der lädierten Stelle. 
Doch ging die Narbe nicht weiter als der Bereich der frei gelegten Dura. 
Eine Ursache für die Narbe, wie Knochensplitter oder eine andere Ver¬ 
anlassung, ließ sich nicht nachweisen. 

Ein weiterer Eingriff wurde nicht vorgenommen und nach Ent¬ 
fernung des ganzen eingedrückten Knochenstücks wurde die Haut sorg¬ 
fältig vernäht. 

Nach der bald erfolgten Heilung wurde Patient auf die innere 
Klinik transferiert und mir von Herrn Geheimrat Rühle zur Behandlung 
überwiesen. 

Diese beBtand in der Anwendung schwacher galvanischer Ströme 
von langer Dauer, vor allem aber in Gymnastik. 

Und das Resultat dieser und der Operation ist entschieden 
günstiger, als es nach manchen Anschauungen zu erwarten war. 

Als ich den Patienten drei Wochen nach der Operation 
wieder untersuchte, konnte Patient die Hand über die 
Mittelstellung dorsalfluctuieren, der kleine Finger war nicht 
mehr contracturiert. Ferner konnte Patient beide Beine von 
der Unterlage erheben, ohne daß Zittern eintrat. Ebenso 
vermochte Patient mit Nachhilfe zu stehen und einige kleine 


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94 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK 


Nr. 4. 


24. Januar. 


Schritte zu machen. Auch die Zehen des linken Beins 
konnte Patient wieder bewegen. 

Natürlich waren die Muskelspannungen und die hoch¬ 
gradigen Sehnenreflexe in keiner Weise verändert. Die Sen¬ 
sibilität verhielt sich geradeso wie früher. 

Patient hat dann in der Folge noch weitere Fort¬ 
schritte gemacht, sodaß er jetzt mit einem Stock im Zimmer 
umhergeht. Der Gang ist allerdings langsam und spastisch, 
aber da noch ständige langsame Fortschritte vorhanden sind, 
so ist der Erfolg der Operation ein guter. 

Jedenfalls ist dem Patienten dadurch die Möglichkeit 
der Fortbewegung aus eigner Kraft gegeben, während die 
gelähmte Hand kaum noch eine leichte Parese zeigt und 
Patienten wieder mit der rechten Hand zu essen und zu 
schreiben gestattet. _ 


Aus den Feldlazaretten SB, 34, 35, 36 des VH. Reservekorps. 

Ueber Brustschüsse 

von 

Prof. Dr. Hotter, Berlin, 

Beratender Chirurg des VII. Reservekorps. 

In der Zeit von Ende August bis Anfang Oktober 1914 
sind in den vier Feldlazaretten (33, 34, 35 und 36) des 
VII. Reservekorps während der Belagerung von Maubeuge 
und zumeist während der Schlacht an der Aisne 225 Brust¬ 
schüsse behandelt worden, von welchen 

I. 110 Fälle nicht perforierende, also Brust¬ 
wandschüsse gewesen sind. Bei 62 derselben war die 
Verletzung durch Artilleriegeschosse (Granat en und Schrapnell), 
bei 43 Fällen durch Gewehrkugeln und bei drei Fällen durch 
Bajonett, Verschüttung und üeberfahren und bei zwei Fällen 
durch unbestimmte Ursache entstanden. Obwohl die Ver¬ 
wundungen in der Majorität der Fälle durch großkalibrige 
Geschosse erzeugt waren, ist doch die Mortalität eine über¬ 
aus günstige, denn nicht einer ist der Verletzung erlegen. 
Es muß dabei allerdings betont werden, daß viele von den 
Verletzten sehr früh, oft schon nach 24 Stunden aus den 
Feldlazaretten zur Etappe abtransportiert wurden und daß 
es sehr wahrscheinlich ist, daß der eine oder andere Ver¬ 
letzte noch einer Infektion erlegen ist. 

Den 110 oben besprochenen Brustwandschüssen stehen 

II. 115 perforierende Brustschüsse gegenüber, von 
welchen 14 = 12 °/ 0 gestorben sind. 

A. Bezüglich Art der Geschosse überwiegen auch bei dieser 
Gruppe die Artillerieverletzungen, welche mit 67 Fällen den 
48 Gewehrschußverletzungen gegenüberstehen. Merkwürdiger¬ 
weise ist entgegen sonstigen Erfahrungen die Mortalität bei 
den Verletzungen mit großkalibrigen Geschossen nicht höher 
als bei denjenigen mit kleinkalibrigen Geschossen, nämlich 
10 °/ 0 bei Artillerie- respektive 11 °/ 0 hei Gewehrschüssen. 
Diese Erscheinung wird bei unserm Material dadurch be¬ 
dingt, daß beim Feldlazarett 36 unter acht Fällen von 
Infanterieverletzungen drei Todesfälle = 38 °/o Mortalität 
sich befinden, während bei den drei andern Lazaretten 
bei Gewehrschüssen nur eine Mortalität von 8 °/ 0 vorhanden 
ist. Von den drei Todesfällen wurde der letale Ausgang 
einmal durch innere Blutung und zweimal durch Infektion 
des Hämothorax bedingt. Es kann diese hohe Mortalität 
bei der kleinen Zahl (von acht Fällen tot drei) durch einen 
Zufall bedingt sein, indes scheint mir der Gedanke nicht 
ungerechtfertigt, daß vielleicht Dum-Dum-Verletzungen Vor¬ 
gelegen haben, da das Feldlazarett 36 aus den Stellungen 
gegenüber den Engländern sein Material erhielt. 

B. Bezüglich der Lokalisation der perforierenden 
Brustschüsse können wir schon a priori erwarten, daß 
jene Fälle, bei welchen das Geschoß die lateralen Teile der 
Brust durchdringt, die besten Aussichten auf einen glück¬ 
lichen Ausgang besitzen, während die SchÜBse in der me¬ 


dialen Gegend der Brust, wo die großen Gefäße und der 
Lungenhilus sich befinden, weit gefährlicher sein müssen. 
Meine Tabelle hat nach dieser Richtung folgendes ergeben: 
Unter 71 l ) Fällen hatte das Geschoß 30mal die Brust in 
der lateralen Region getroffen und nur in einem Fall einen 
letalen Ausgang (3V 2 °/o Mortalität) nach sich gezogen. Dieser 
Fall erlag einem Schrapnell-Steckschüsse, der in den unteren 
Teil der rechten Scapula eingedrungen war und kurz nach 
der Aufnahme in das Feldlazarett infolge innerer Blutung 
starb. 

Verhältnismäßig recht häufig ist die Schltisselbein- 
gegend von Geschossen getroffen worden, nämlich in 
26 Fällen mit nur zwei Todesfällen = 8 % Mortalität, und 
zwar in elf Fällen in der Regio surpa- und in 13 Fällen in 
der Regio infraclavicularis. Die Ciavicula war anscheinend 
in keinem Falle zerschmettert. Der Schußkanal verlief meist 
zur Scapula oder der Axillargegend oder zum unteren Brust¬ 
raume. Die beiden gestorbenen Fälle erlagen unter schwerster 
Dyspnöe einer inneren Blutung. 

Eine dritte Gruppe von Fällen umfaßt die Schüsse, 
welche in der medianen Zone, also in das Sternum oder 
nahe neben demselben eingedrungen sind. 

Bei zwei Fällen riß das Geschoß eine tiefe quere 
Rinne in das Manubrium sterni und drang — quer verlaufend — 
in die Lunge ein, was durch Bluthusten bewiesen wurde. 
Unter Tamponade trat glatte Heilung ein. 

Bei fünf Fällen drang das Geschoß dicht neben dem 
Sternum in die Tiefe, und zwar viermal rechts mit einem 
Todesfall und einmal auf der linken Seite mit Genesung. 

Bei zwei Fällen durchschlug die Kugel das Manu¬ 
brium sterni, von denen der eine Fall, bei welchem das Ge¬ 
schoß hinten im Bereiche der Scapula den Körper verließ, 
durchkam, während der andere sieben Tage nach der Ver¬ 
letzung starb. Bei letzterem war ein offener Pneumothorax 
erzeugt, zu welchem noch eine Pneumonie und innere Blutung 
hinzukam. Demnach sind von den neun Schüssen der me¬ 
dialen Region zwei gestorben. 

Gehört schon ein überaus glücklicher Zufall dazu, daß 
eine Kugel, die in den Brustkorb in der Mittelregion ein¬ 
dringt, den Menschen nicht tötet, noch mehr muß man ver¬ 
wundert sein, wenn ein glücklicher Ausgang bei einem Schuß- 
kanal eintritt, welcher von der einen Seite der Brust 
hinein und zur andern Seite heraus verläuft. 

Bei Fall 33/101 lag der Einschuß links im untern Teil 
der Scapula und der Ausschuß rechts vorn in der Axillarlinie, 
und bei Fall 34/231 lag der Einschuß eines Granatsplitters 
links vorn im zweiten Intercostalraum und der Ausschuß 
rechts in der vorderen Axillarlinie in Höhe der vierten 
Rippe. Obwohl der Ein- und Ausschuß drei- bis fünfmark¬ 
stückgroß war, erfolgte doch ein guter Verlauf. 

Zum Schlüsse sei noch ein Fall erwähnt, hei welchem 
drei Granatsplitter in die Brust eindrangen: einer dicht 
unter der Mammilla, ein zweiter durch den Processus 
xiphoideus und ein dritter in der Axillarlinie in Höhe der 
zwölften Rippe, und der trotzdem eine gute Rekonvaleszenz 
durchmachte. 

C. Am meisten interessieren uns bei den perforieren¬ 
den Brustschüssen die Symptome, Komplikationen des 
Verlaufs und die Mortalität. 

1. Blutiger Auswurf ist unter 69 Fällen 2 ) 22mal 
verzeichnet. Es kann sein, daß derselbe häufiger yorge- 
kommen ist und nicht notiert wurde. Indessen fand ich in 
den Krankengeschichten recht häufig den besonderen ver¬ 
merk, daß blutiger Auswurf bei Fällen, bei welchen nacn 
der Richtung des Schußkanals das Geschoß bestimmt dio 

! ) Fflr diesen Gesichtspunkt der Lokalisation der Lungenschttsse 
konnten nur 71 Fälle verwertet werden, weil die Krankengeschichten o 
36. Feldlazaretts bereits an die Etappen abgeschickt waren. 

5 ) Für die Besprechung der Symptome von 1., 2., 3 . konnten n 
die 69 Fälle der Feldlazarette 33, 34 und 35 verwertet werden. 


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Gck igle 


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Luiure durchquert hatte, gefehlt hat. ,Das Auswerfen von 
Hiiit 8 *dauerte in der Regel nur wenige Tage bis eine Woche, 
selieu länger. Große Mengen von Blut sind anscheinend 
niemals ausgeliustet worden. 

2. Ueber das Vorhandensein von Hautemphysem 
,:nd nur in 8 Fällen [unter 69 Fällen 1 )] Aufzeichnungen 
vorhanden. Es war auf die Thoraxwand beschränkt, hat 
in keinem Falle größere Dimensionen angenommen und ist 
in kurzer Zeit — nach einer Reihe von Tagen — wieder 
verschwunden. Nur bei einem Fall (Dr. Petermann), wo 
die Kugel in der Gegend des Lungenhilus eingedrungen war, 
hat sich das Emphysem vom Halse bis zu den Oberschenkeln 
ausgedehnt, ohne indes den glücklichen Ausgang zu vereiteln. 

3. Leber die Körpertemperatur ist in 12 Fällen 
[unter DH 1 ]) angegeben, daß sie nicht gesteigert war. In 
einer ganzen Reihe von Fällen war bemerkt, daß ein Hämo- 
ihorax nicht vorhanden war, also eine Gelegenheit zu Blut¬ 
resorption und der durch sie bedingten Temperatursteige- 
ruag fehlte. — Bei 31 Fällen ist das Vorhandensein von 
Fieber notiert, und zwar bei 20 Fällen leichten Grades bis 

und wenig darüber, das nach ein bis zwei Wochen 
verschwunden ist und wohl meist durch Blutresorption aus 
dem Iliimothorax bedingt war. — Bei den Testierenden 
11 Fällen erklärte sich die Temperatursteigerung durch In¬ 
jektion, sei es infolge von Eiterung der Brustwandwunden, 
oder des Hämothorax oder eines offenen Pneumo-pyo-Thorax. 

4. Der einfache geschlossene Hämothorax ist in 
den Krankengeschichten von 115 Fällen 2 ) 43 mal erwähnt. 
M 5 derselben erreichte er einen solchen Umfang, daß in¬ 
folge der Behinderung der Atmungs- und Herztätigkeit der 
Tod eintrat. (Feldlazarett 38, Fall Nr. 589 und 20, Feld¬ 
lazarett 34, Fall Nr. 32 und 69 und Feldlazarett 36, Fall 
Nr. 22.) 

5. Ein geschlossener Hämo-Pneumo-Thorax ist 
5mal verzeichnet. Die dadurch bedingten Kompressions- 
erscheinungen verursachten bei 2 Fällen keine schwereren 
Störungen —, führten indes bei 3 Fällen zum Tode. Unter 
der, letzteren befindet sich aus Feldlazarett 35 der Fall 156, 
bei welchem rechts ein großer Hämo- und links ein großer 
Pneumothorax vorlag. Ueber die beiden andern defuncten 
Fälle fehlen genauere Angaben. 

Anscheinend ist das in den Pleuraraum ergossene 
Blut in keinem Falle von der eingedrungenen Luft infiziert 
worden. 

6. Bei 3 Fällen, von denen 2 gestorben sind, ist ein 
geschlossener Hämothorax durch eine Infektion zu einem 
Hämo-pvo-Thorax verwandelt worden. 

Bei dem durchgekommenen Falle (Feldlazarett 34) 
batte der Schuß im linken Pleuraraum einen Hämothorax 
erzeugt, welcher bis zur Mitte der Scapula reichte. Außer¬ 
dem hatte ein in der linken Unterbauchgegend eingedrun¬ 
gener Steckschuß eine Darmschlinge verletzt. Im Anschlüsse 
daran bildete sich bei konservativer Behandlung ein Douglas- 
absceß, der per rectum entleert wurde, und eine Eiteruüg 
auf der linken Beckenschaufel, nach deren Entleerung durch 
Incision sich eine Darmfistel bildete. Wenige Tage später 
wurde, nachdem wegen des fortbestehenden Fiebers der 
Hämothorax zur Probe punktiert worden war, der vereiterte 
Bluterguß durch Rippenresektion entleert, worauf eine gute 
Monvalescenz folgte. 

W ährend bei dem eben besprochenen Falle die Infektion 
wohl durch das Geschoß in den Bluterguß getragen worden 
f gelangte bei einem zweiten Falle (Feldlazarett 36, Nr. 23) 
durch eine doppelseitige Pneumonie die Entzündung in den 
Pleuraraum und führte zum Tode. — Ueber den dritten 
Ml (Feldlazarett 36, Nr. 24), welcher gestorben ist, fehlen 
genauere Angaben. 

j- die Besprechung der Symptome von 1 ., 2., 3. konnten nur 

y , 7 ® der Feldlaurette 33, 34 and 35 verwertet werden. 

) Also inklusive Feldlazarett 36. 


7. Ein offener Pneumo-pyo-Thorax wurde iu 
9 Fällen, von welchen 4 starben, durch das Geschoß er¬ 
zeugt, indem unter Zerschmetterung einer oder mehrerer 
Rippen die Pleurahöhle in offene Uommuni cation mit der 
admosphärischen Luft gesetzt wurde. Diese großen Defekte 
wurden bis auf 2 Fälle durch Artilleriegeschosse in der 
Brustwand erzeugt. Wie schon erwähnt, sind 5 Fälle durch¬ 
gekommen, und zwar ein Fall vom Feldlazarett 35, bei 
welchem Fenner einfach ein Drainrohr in den Brustwand¬ 
defekt steckte und damit eine genügende Entleerung der 
Pleurahöhle erreichte. 

Bei dem zweiten Falle (Feldlazarett 33, Nr. 113, 
Petermann) wurden eine Reihe von Fragmenten der zer¬ 
trümmerten Rippen entfernt und dann Drainage hergestellt. 

Beim dritten Falle lag die für zwei Finger durchgän¬ 
gige Schußöffnung auf der Vorderseite der rechten Brust¬ 
wand nach innen und unten von der Brustwarze. Da bei 
dieser Lage der Oeffnung der Abfluß des Eiters ungenügend 
war, hat Butz (Feldlazarett 34) an der typischen Stelle der 
hinteren Brustwand die Rippenresektion vorgenommen und 
einen guten Verlauf erzielt. 

Ueber den vierten und fünften durchgekommenen Fall 
(Feldlazarett 36, Nr. 7 und 21) fehlen genauere Angaben. 

Unter den vier letal geendeten Fällen handelte es sich 
einmal um einen Fall (Petermann, Feldlazarett 33, Nr. 66), 
bei welchem das Geschoß im oberen Teil des Sternums einen 
größeren Defekt gesetzt hatte, aus welchem die Luft brodelnd 
aus- und einstrich. Eine hinzutretende Pneumonie machte 
am siebenten Tage dem Leben ein Ende. — Die Testieren¬ 
den 3 Fälle, welche dem Feldlazarette 36 entstammen, 
starben an den Folgen der Infektion, an Störungen des 
Kreislaufs und der Atmung. Es sei noch erwähnt, daß 
bei einem dieser Fälle noch der Ductus thoracicus ver¬ 
letzt war. 

8. Der Abtransport zur Etappe erfolgte nach den 
Aufzeichnungen der Feldlazarette 33 und 34 ungemein 
früh, nämlich: 

bei 10 Fällen (20°/o) nach 2 bis 3 Tagen 

. 17 * (35 o o) „ 4 „ 7 „ 

* 13 * (30%) „ 8 „ 9 „ 

. 5 . U5%) * 12 „23 „ 

Da die Patienten bei dem frühzeitigen Abtransport 
schnell unserer Beobachtung entgangen sind, so ist es wohl 
denkbar, daß der eine oder andere Fall noch nachträglich 
Komplikationen durchzumaclien hatte oder gar gestorben ist. 

Werfen wir am Schluß einen Blick auf unser vorlie¬ 
gendes Material von Lungenschüssen, so interessieren uns 
speziell die Gefahren, welche das Leben der Verwundeten 
bedrohten. 

Unter denselben steht an erster Stelle die Blutung, 
welche beim geschlossenen Hämo- respektive Hämopneumo- 
thorax in acht Fällen durch zu reichliche Blutansammlung 
und die dadurch bedingte Kompression in der Brusthöhle so 
große Kreislauf- respektive Atmungsstörungen verursachte, 
daß der Tod eintrat. Man wird hier die Frage stellen, ob 
es nicht möglich gewesen wäre, durch Entleerung des Bluts 
mittels Punktion eine Entspannung, eine Druckentlastung 
in der Brusthöhle herbeizuführen. Diese Frage ist verschie¬ 
den zu beantworten, je nachdem wir einem Falle kurze Zeit 
nach der Verletzung, in den ersten Stunden und Tagen oder 
erst später gegenüberstehen. Bei frischen Fällen, wenn 
die Dyspnöe sehr groß, der Puls klein und der Hämothorax 
umfangreich ist, sollen wir da punktieren und Blut ablassen 
oder abwarten? Die Erfahrung lehrt, daß sehr oft der an¬ 
fangs sehr beängstigende Zustand unter Morphium sich 
bessert und dann ein Eingriff zur Herabsetzung des intra- 
thorakischen Druckes überflüssig wird. Bei andern Fällen 
ist der Kräfteverfall von vornherein so hochgradig, daß man 
jede Hoffnung, durch eine Punktion helfen zu können, auf¬ 
gibt, zumal die vielleicht zum Stehen gekommene Blutung 


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durch eine Druckherabsetzung im Hämothorax — wie die 
Literatur sagt — sich wiederholen könnte. Unter diesen 
Verhältnissen ist, wie ich glaube, bei uns in frischen Fällen 
überhaupt nicht punktiert worden. —■ Bei älteren Fällen, 
einige Tage nach der Verletzung, oder noch später ist die 
Punktion zur Beseitigung der Dyspnöe nicht mehr in Frage 
gekommen. Sie ist aber mehrfach ausgeführt worden — aus 
einem andern Grund, um die langsam fortschreitende Re¬ 
sorption der Blutergüsse abzukürzen — und dann mit gutem 
Erfolge. — 

Ein sogenannter Spannungspneumothorax hat nur 
in einem Falle zum Exitus letalis beigetragen, wo auf der 
einen Brustseite ein Hämo-, auf der andern ein großer Pneumo¬ 
thorax festgestellt wurde —; er stellt also eine seltene Kom¬ 
plikation dar. 

Als dritte und wichtigste Komplikation des Wundver¬ 
laufs der Lungenschüsse ist die Infektion zu nennen. Sie 
stellt hier, im Vergleiche zu den Extremitätenschüssen, ein 
relativ seltenes Ereignis dar. Denn unter den 115 Fällen finden 
sich nur 12 (Gruppe 6 und 7), in welchen die Brusthöhle 
infiziert worden ist, sei es, daß beim geschlossenen Hämo¬ 
thorax (drei Fälle) durch das Geschoß oder durch eine Pneu¬ 
monie die Infektion hineingetragen —, sei es, daß durch die 
Schußverletzung selbst ein offener Pneumothorax hergestellt 
wurde. An diesen zwölf infizierten Fällen wurden vier ope¬ 
rative Eingriffe ausgeführt, die wenigen, welche bei den 


115 Fällen von Lungenschüssen überhaupt notwendig wur¬ 
den — nämlich zwei oder drei Rippenresektionen, um 
dem Eiter Abfluß zu verschaffen (bei geschlossenem Hämo- 
pyothorax ein Fall Busch geheilt und Fall 3 fraglich wegen 
Empyem, und bei offnem Pneumothorax Fall Butz Resectio 
costae hinten, weil das Loch in der Vorderwand keinen ge¬ 
nügenden Abfluß gewährte). Bei einem Falle wurden Frag¬ 
mente der zerschmetterten Rippe (Petermann) entfernt. 

Von diesen zwölf infizierten Fällen sind sechs gestorben, 
nicht alle an den Folgen der Infektion allein. Bei den Fällen 
mit offenem Pneumothorax haben auch die Störungen der 
Circulation und Atmung mitgewirkt. 

Von den 14 Todesfällen unter der Gesamtzahl von 115 
Lungenschüssen sind 8 Fälle der Blutung und 6 Fälle 
der Infektion im Verein mit den Störungen der Atmung und 
des Kreislaufs erlegen. 

Betrachten wir noch die 9 Fälle von offenem Pneumo¬ 
thorax für sich allein, bei denen das „mechanische Gleich¬ 
gewicht des Brustinhalts“ plötzlich — (weil keine Verwach¬ 
sungen des Brust-Rippenfells vorher bestanden haben) 
durch eine weite Eröffnung des Pleuraraums gestört wurde, 
so müssen wir gestehen, daß die vier Todesfälle eine relativ 
geringe Mortalität (etwa 40 °/ 0 ) darstellen. 

Alles in allem können wir also die in der Literatur 
niedergelegte gute Prognose der Lungenschüsse durchaus 
bestätigen. 


Abhandlungen« 


Aus d. Abteil, f. Hautkrankheiten u. Syphilis d. allg. Poliklinik Wien 

(Vorstand: Prof. G. Nobl). 

Vorstufen und Haftstätten primärer multipler 
Epitheliome 

von 

Prof. Dr. G. Nobl, Wien. 

Das selbständige simultane Auftreten mehrsitziger epithe¬ 
lialer Neubildungen in den einzelnen Organsystemen ist lange Zeit 
hindurch angezweifelt worden. Kamen ähnliche Vorkommnisse 
zum Ausweise, so wurden sie im Sinn einer Versetzung von Zellen 
und Zellkomplexen gedeutet, wobei die aus der Continuität der 
primären Geschwulst gelösten Epithelien auf dem Wege desLympb- 
stroms oder durch Vermittlung des Blutgefäßsystems verschleppt, 
an entfernten Standorten als Ansatz neuer Tumoren dienen sollten. 
Ueberdies war für die Erklärung doppelter Geschwulstanlagen an 
benachbarten Flächen die Annahme sehr naheliegend, daß es sich 
hierbei um eine Kontaktimplantation oder richtiger gesagt Ab¬ 
klatscherscheinung handelt. Das doppelte Hautcarcinom an der 
Ober- und Unterlippe, am Hodensack, an Ohr und Retrovesicular- 
gegend, an den Brüsten, das Zusammenfällen von Krebsflächen an 
den Handrücken, ferner die scheinbaren Kontaktformen des Car- 
cinoms an den Stimmbändern, an den Gebilden der Mundhöhle 
(Zunge und Wange), im Verdauungstrakt (Oesophagus, Magen) 
und Urogenitalapparat (Blase, Ureteren, Ovarien, Tuben, Uterus) 
boten hierfür genügende verlockende Anhaltspunkte. Daß es von 
einem primären, oft okkultstrotzenden Carcinom aus zu singulären 
und multiplen hämatogenen und gelegentlich auehlymphogenen Meta¬ 
stasen kommen kann, gehört zu den fundamentalen Feststellungen 
der Krebshistogenese und liegt es nicht im Rahmen meiner Aus¬ 
führungen, auf diese allgemein bekannten Zusammenhänge näher 
einzugehen. Gestattet sei mir, anzuführen, daß gerade die Haut 
zu jenen Organen zählt, welche am allerseltensten den Sitz mul¬ 
tipler Krebsmetastasen abzugeben pflegt; so konnte Gurlt bei Zu¬ 
sammenstellung von 16 687 Fällen kein einziges Mal Angaben 
finden, die für eine Einbeziehung der allgemeinen Decke in die 
hämatogene Aussaat gesprochen hätten. Die zur Beobachtung ge- j 
langonden multiplen Einstreuungen sekundären Hautkrebses nehmen | 
meist von Primärläsionen des Magens (Daus, Kreibich, Fasal, 
Reitmann) und der weiblichen Genitalien (Offergeld) den Aus- | 
gang (Clairmont, Roesseler, Lippmann). | 

Plattenepithelkrese im Unterhautbindegewebe bei primärem i 
Pankreascareinom beobachtete L. Preti (1900). S. A. Azua 


(1909) berichtet über Metastasen der Brust-, Bauch- und Kopf¬ 
haut bei einem Blasenkrebse. Häufiger als die Neubildungen 
innerer Organe steuert das Mamacarcinom zu cutanen Ein¬ 
streuungen bei, doch handelt es sich hierbei mehr um die conti- 
nuierliche Fortleitung der Aftermassen in die Umgebung durch 
Einstrich in die Lymphbahnen, um den sogenannten „carcinoma- 
tösen Lymphinfarkt“ im Sinne Unnas. In diese Gruppe fallen 
Beobachtungen von Eitner und Reitmann 1 ), Azua 2 ), D.Müller 5 ), 
Kreibich (1907), Pollitzer 4 ), O’Brien, Daus 5 ) und Andern. 
Als ganz eigenartige blasenbildende Kontinuitätsmetastasen zu 
deuten wären auch sklerodermatisch beschaffene, von rasch ver¬ 
krustenden Blasen eingenommenePlaques, welche R. Goldschmidt 6 ) 
bei einer 55 jährigen Kranken im Anschluß an einen Unterschenkel¬ 
krebs entstehen sah, der auf gummös verändertem Boden zur Pro¬ 
liferation gelangte. 

Sieht man von den metastatischen Bildungen ab, so muß 
nach dem heutigen Wissensstände die Haut, gleich den inneren Or¬ 
ganen (Verdauungstrakt, Uterus, Ovarien, Harnblase) als ein 
Terrain betrachtet werden, auf welchem voneinander völlig unab¬ 
hängige doppelte und vielfache carcinomatöse Anlagen zur Ent¬ 
wicklung gelangen können, die entweder unter dem Einflüsse ge¬ 
meinsamer ätiologischer Momente stehen oder aber ohne nachweis¬ 
bare äußere Veranlassung miteinander in scheinbar zufällige Kom¬ 
bination treten. 

Hierzu kommt noch die Möglichkeit eines simultanen Auf¬ 
tretens von Hautkrebsen mit den gleichen Veränderungen in ver¬ 
schiedenen andern Organen, wio Gesichtskrebs neben Magenkrebs 
(Beseler), Lippenkrebs neben Rectumkrebs, Lebercarcinom und 
Wangen krebs (Herxheimer), Krebs des Fußes neben Magen- 
carcinom (Cordes), Aufsaaten an den Lidern, des Gesäßes, der 
Gesichtshaut in Gemeinschaft neben Carcinomen des Mastdarms, 
der Mamma, Vaginalportion (Volkmann, Kaufmann,Lubarscn, 
Bryant, Miehelson, Williams, Hutchinson, Graviller, 
Tsugi) usw. 

Die multiplen primären Hautcarcinome mit getrennter Ent¬ 
stehung und gemeinsamen provokatorischen Bedingungen sind teils 
als Produkte der mechanischen, chemischen oder aktinischen Ge¬ 
websschädigung aufzufasBen, teils können sie mit präparatorischen 


’) Arch. f. Derm. Bd. 99. 

Mh. f. prakt. Derm. Bd. 49. 
s ) Derm. Zschr. 1908. 

4 ) J. of cut. dis. 1909. 

6 ) Virch. Arch. Bd. 190. 
r ) Z«chr. f. Krebsforsch. 1909. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


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pathologischen Hautzust&nden in ursächliche Beziehung gebracht 
worden. 

Die Beziehungen der krebsigen Hautdegeneration zu trau¬ 
matischen Einwirkungen hat prompt noch W. Röpke zura Gegen¬ 
stand eingehender Untersuchungen 1 ) gemacht und die Entstehung 
der Neubüdung bei 1748 Fällen des Lippen-, Gesichts- und Kopf- 
hautcarcinoms der Jenaer Klinik 141 mal (11,8 %) auf ein ein¬ 
maliges Trauma zurückführen können. Von diesem Gesichtspunkt 
aus köanen die allerdings sehr seltenen Impf- und Impiantations- 
carcinome an die epitheliale Oberfläche nach Stichverletzungen 
(Punktionskanälen, OperationBnarben) ausgelegt werden. Für die Er¬ 
klärung der wiederholt nachgewiesenen Disposition der Teer- und 
Paraffinarbeiter (Ruß-, Steinkohlenteerkrebs, Aßphaltkrebs, multiple 
Scrotalepitheliome der Schornsteinfeger) zu multipler, warziger 
Bildung, die dann der krebsigen Entartung anheimfallen, haben 
die prägnanten experimentellen Versuche von B. Fischer (1906, 
1909), Stoehr und Wächter (1910), Fricke, Borst und Andern 
einiges beigetragen, indem sie den Beweis erbringen, daß sich 
mittels Paraffinölinjektionen dem Plattenepithelkrebse der Haut 
durchaus ähnliche Wucherformen des Epithels hervorrufen lassen, 
ln gleicher einwandfreier ätiologischer Anerkennung als diese 
äußeren chemischen Instrumente stehen von innerlich oder sub- 
cutan verabreichten Medikamenten die Arsen Verbindungen (XJII- 
mann, Weidenfeld), welche geradezu exanthematisebe Krebs¬ 
aussaaten zu provozieren vermögen. 

Schwerer ergibt sich die Gelegenheit für die verläßliche Ver¬ 
folgung der genetischen Spuren jener mehrseitigen Epitheliome, 
welche von krankhaften Veränderungen der Oberhaut oder ent- 
jöndlich-infiltrativen und atrophischen Zustandsformen des Coriums 
ihren Ausgang nehmen. Die multiple krebsige Degeneration von 
Verbrennunganarhen, das Auftreten mehrerer isolierter Carcinome 
am Grund invebrierter Ulcera cruris, das Verhältnis von Krebs- 
knoten zu den atrophischen Herden des Lupus erythematosus, die 
Darchstreuung cicatrisierter Lupusvulgarisflächen des Gesichts von 
mi bis drei fungösen Krebsgeschwülsten, habe ich als verein¬ 
zeltes Vorkommnis, gleich wie Lang 2 ), Bargues 3 ), Dubreuilh 
undPetges, Eckermann, L. Zweig 4 ), v. Sequeira und Andere 
beobachtet. Doch handelt es sich bei diesen Lupus- und Narben- 
carcinomen doch meist nur um multizentrische, das heißt von 
mehreren nachbarlichen frei ausgehenden Proliferationsformen, die 
schließlich zu einer gemeinsamen Geschwulst zusammenfließen. 

Ein genaueres Augenmerk möchte ich an dieser Stelle nur 
jenen multiplen primären voneinander entfernt sitzenden 
Epitheliomen zuwenden, als deren Vorstufen senile 
Wamnaussaaten und durch Einwirkung aktinischer Po¬ 
tenzen hervorgerufene Keratome anzusprechen sind. In 
mehrjähriger Verfolgung der genetischen Beziehungen konnte ich 
die Wahrnehmungen machen, daß gerade die Formen es sind, 
welche am häufigsten zum Bilde der generalisierten Epithelioma¬ 
tose beisteuern und hiermit gleichzeitig die Möglichkeit zu einer 
frühzeitigen Feststellung der einsetzenden malignen Umwandlung 

Bei dieser Gelegenheit scheint es nicht überflüssig zu sein, 
auf den Begriff der senilen Warzen etwas eingehender hinzu- 
weisen, zumal nicht nur über den Ablauf der zugehörigen degene- 
rauven Gewebsveränderung, Bondern auch bezüglich der Auffassung 
«er klinischen Form keine volle Uebereinstimraung der Anschau- 
JJgen zu bestehen scheint. Obwohl die senilen Keratome und 
•urzenbildungen eine ungemein häufige Veränderung darstellen, 
so werden sie doch meist übersehen oder unrichtig beurteilt. So 
werden diese Wucherformen des Epithels selbst in der dermatologi- 
80 oob Literatur vielfach mit seborrhoischen Zuständen in Zu¬ 
sammenhang gebracht und als seborrhoische Warzen gedeutet, 
Wh] eie mit einer gestörten Talgdrüsenfunktion nichts zu tun 
oben und auch topographisch nicht ausschließlich an das Gebiet 
größten Drüsenreichtums gebunden sind. Immerhin muß zu- 
gmanden werden, daß die dichteste Entwicklung und das häufigste 
«treten dieser Altersatribute im Bereich deB Gesichts, an der 
d' ,r tw 1( k < * er . Schweißrinne anzutreffen sind. Hier sieht man 
«typisch entwickelten Verrucae seniles als linsen- bis bohnen- 
S h Ielc ^ Über das Hautniveau erhöhte, an der Oberfläche 
in 'h p ln zahlreichen Exemplaren eingestreut, die 

mrer Far be bald ganz an die Umgebung angepaßt erscheinen, 

Arch. t klin. Chir. B<L 78. 

J Ana. de denn. 1910. 

2 fr- J. of Denn. 1908. 

) Arch. t Denn. Bd. 108. 


bald gelb bis dunkelbraun und schwärzlich verfärbt sind, sie 
gehen mit keinerlei entzündlicher Veränderung einher. Exeessivero 
Formen, die nicht zu selten an der Stirn, in der Schläfengegend 
oder über den Schulterblättern anzutreffen sind, gehen mit einer 
stärkeren, starren, verhorn ton Auflagerung einher, die durch einen 
gewissen Fettgehalt durchstetzt erscheint und dem scharfen Löffel 
leicht weicht. Unter den entfernten Massen tritt eine glatte, 
glänzende in Spuren feuchtende Coriumfläche zutage, die noch von 
Anem dünnen Epithelbelag überschichtet ist. Neben diesen Formen 
xommen noch gelb- bis schwarzbraune, einzelsteheude und zu 
großen Flächen zusammenfließende Flecke vor, die in der Flucht 
der Umgebung liegen und vielfach mit Pigmentationen verwechselt 
werden. 

Diese fleckige, senile Epitheldegeneration, der man am 
häufigsten an den Wangen, der Stirn, an den Handrücken be¬ 
gegnet, wird mit den verschiedensten Namen belegt und gleich 
den lenticulären Formen von zahlreichen Autoren als fettige Epi¬ 
theldegeneration und dem Carcinom voraneilende Proliferations¬ 
erscheinung der Hornschicht gedeutet. 

Treten ähnliche falchwarzige Gebilde und fleckige Einstreu¬ 
ungen mit den derberen, mehr unregelmäßig geformten und auch 
viel massiger aufgebauten Keratomen an Standorten auf, in wel¬ 
chen sich die Erscheinungen der senilen Atrophie summieren, so 
führen sie zu dem bunt schattierten Bilde, das sowohl dem soge¬ 
nannten idiopathischen Hautschwund als auch den sekundären 
entzündlichen Atrophodermie» eigen ist. So steuern sie im Be¬ 
reich des Gesichts und an den Handrücken nebst den weißglänzen- 
den atrophischen und t-eilweise auch narbigen Stellen, den Capillar- 
ektasien und Pigmentanhäufungen wesentlich zu den Folgeerschei¬ 
nungen bei, welche schon in früher Jugend durch Einwirkung der 
Sonnenstrahlen bei sensibilisierter Haut den greisenhaften xero¬ 
dermatischen Zustand bedingen. Die gleiche Kombination degene- 
rativer und proliferativer Veränderungen sehen wir dann wieder¬ 
kehren, wenn die tiefreichenden ^-Strahlen und sekundären 
Strahlen der Röntgenröhre die Haut in Entzündung versetzen 
und die mit den berüchtigten und entstellenden Gefäßerweiterungen 
einsetzende Späterscheinung der Röntgenatrophie einzusetzen pflegt. 

Anatomisch stellt die senile Warze im gewissen Sinn ein 
gutartiges Epitheliom dar, d. h. eine starke Epithelwucherung aus¬ 
einandergedrängter Deekzellverbände gegen die Oberfläche zu. Hier¬ 
mit geht eine Verlängerung der Epithelzapfen gegen den Papillar¬ 
körper und eine nie zu missende leichte entzündliche Infiltration 
in den obersten Lagen der Cutis einher. Die Hornschicht ist ver¬ 
breitert, lamellös aufgeblättert, kernlos. 

Der Papillarkörper verschieden dicht, entzündlich infiltriert. 
Die gesteigerte Verhornung findet weiterhin in Ausfüllung der 
Follikel mit keratinisierten Massen und Einschichtung von Horn¬ 
cysten in die Haarbälge ihren Ausdruck. Diese gesteigerte Acan- 
those und entzündliche Einbeziehung des Papillarkörpers kommt 
auch bei den quantitativ geringer angedeuteten, fleckigen Wucher¬ 
formen vor, welche seinerzeit Handford als Stearrhoea nigricans 
beschrieb und neuerdings von Debreuilh als präcarceröse Melano¬ 
dermie hervorgehoben wurde. Ausdrücklich muß hier noch be¬ 
merkt werden, daß die senilen Warzen mit den congenitalen Mi߬ 
bildungen aus der Gruppe der Naevi gar nichts gemein haben und 
für sie, die seinerseit von Pollitzer 1 ) gegebene Definition eines 
dem „Lymphangiofibroma“ v. Recklinghausen nahestehenden 
Gewebsprodukts sicherlich nicht zutreffend ist. Aber auch für die 
Definition der Verrucae seniles als weiche Naevie (Unna) oder 
als Seborrhöe concrete ou mieux Croutes graisseuses des parties 
glabres (Brocq) liegt keinerlei Berechtigung vor. Wir sehen die 
verhornenden Auflagerungen, abgesehen von den erwähnten patho¬ 
logischen Umständen, als eine exquisite, entzündlich degenerative 
Alterserscheinung auftreten, Hand in Hand mit andern Störungen 
im Bereiche der Gefäße, des Pigments und des Bindegewebes. 
Hierbei kann gelegentlich auch ein präcipitiertes Auftreten bei 
jüngeren Individuen zwischen den 80er und 40er Jahren zu ver¬ 
folgen sein. 

In diesen senilen Warzen spielt sich nun unter Einwirkung 
besonderer Irritarnente, von welchen uns vorläufig nur die trauma¬ 
tischen Reize genauer geläufig sind, mitunter eine epithelio- 
matöse Umwandlung ab, die sich in einer vorgeschobenen 
basalen Epithelsprossung, selbständiger Wucherung aus dem Zu¬ 
sammenhänge getretener Zellballen im Corium und intensiveren 
Rundzellinfiltration des Papillarkörpers kundgibt. Platten epithel¬ 
krebse dieser Herkunft ergänzen nicht zu selten den Rahmen der 

>) Mb. f. prakt Derm., Bd. 2. 


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Abb. I. Abb. 2. 

kronenstückgroßes, von erylhematösen Säumen umgrenztes Epitheliom. 
An der Oberlippe links und in der rechten Prfiauriculargegend haben sich 
im Bereiche fingerkuppengroßer, seniler Warzen seichte, von Blutkrusten 
bedeckte Substanzverluste etabliert, denen an der Hand der klinischen 
Anzeichen und des Gewebsbefundes die gleichfalls epitheliomatöse 
Natur zuerkannt werden mußte. In Sektoren dieser Gebilde war das 
in die Cutis versenkte, selbständige Proliferieren von Epithelialzell¬ 
verbänden, neben dem strukturellen Verhalten der senilen Warzen zu 
verfolgen. Die präparatorische Bedeutung der dem Alter zukommenden 
diffusen, epithelialen Wucherung läßt sich weiterhin mit einer Beob¬ 
achtung erhärten, über welche die zweite Aufnahme (Abb. 2) eine Vor- 


AIs ganz eigenartige, wohl nur ganz ausnahms¬ 
weise zur Beobachtung gelangende Erscheinung ist die 
simultane Massenentwicklung lentikulärer und mimu- 
lärer Epitheliome auf dem Boden seniler Warzen 
anzusprechen. Eine ähnliche geradezu ex anthematische 
Aussaat ist mir bisher nur zweimal untergekommen. 
Obwohl die auslösenden Veränderungen sich dem Wesen 
nach in weiten Grenzen deckten, boten die klinischen Er¬ 
scheinungen doch ein recht abweichendes Aussehen. 

So hatten bei einer 68jährigen Frau die Nasenspitze, 
IVangen, Oberlippe, unteren Augenlider Aggregate erbsen¬ 
großer, leicht vortretender Knötchen und zerstreute bis 
bohnengroße derbe Effloreszenzen besetzt, die an den elfenbein¬ 
farbenen derben Wällen und den leicht excavierten, hämorrha- 
gisch-krustösen Centren leicht als Carcinomknötchen zu erkennen waren. 
Daneben schoben sich zwischen die Cancroidbcständo noch zahlreiche 
flachcrlmbene, schmutzigbraune Keratome (Abb. 4). 

Der zweite Fall betrifft einen 63jährigen Beamten, bei dem ich 
seit zwei Jahren die von der Norm völlig abweichende cxcessive 
Wucherung stets sich mehr mehrender und nach Abtragung in kürzester 
Frist rezidivierender flacher und erhabener seniler Warzen verfolge. 
Die Schläfen, die schlecht behaarte Kopfhaut, die Ohren, Wangen, die 
Retroauriculargegend sind dicht besät mit festhaftenden, schwielig-grau- 
schwarzen, fingernagel- bis talergroßen, unregelmäßig begrenzten Auf¬ 
lagerungen, die mit dem scharfen Löffel leicht als zusammenhängende 


multiplen Epitheliome und möchte ich im folgenden mit einigen 
eignen Beobachtungen auf diese Kombinationsformen hinweisen. 

Gleich der erstabgebildete Fall (Abb. 1) bietet Gelegenheit zur 
Verfolgung der nachbarlichen Beziehungen umschriebener seniler Ober¬ 
hautveränderungen zu mehrfach eingestreuten, nicht zu tief reichenden, 
krustenbedeckten Epitheliomen. Es handelte sich um eine 70jährige 
Frau, deren Gesicht und Hals nebst den geläufigen Anzeichen der senilen 
Degeneration (Pigmentstauung, Atrophie, Gefäßektasien) eine dichtgestellte 
Aussaat dunkelkaffeebrauner, kaum erhabener, rauher, ungleichmäßig 
begrenzter Auflagerungen und mehr vortretender, erbsen- bis bohnen¬ 
großer, warziger Bildungen auf¬ 
wies. An der Nasenwurzel links ein 


monatigen Beobachtung wurden fortschreitende Zerfallserscheinungen an 
den Säumen der entzündlich infiltrierten Epitheliome verfolgt. 

Abb. 3 zeigt die verwitterte Gesichtshaut einer 80jährigen Greisin, 
zu deren buntscheckigem Aussehen eine Reihe prominenter, von Blut- 
krusten bedeckter Geschwüre, braunschwarz warziger Erhabenheiten und 
gelbbrauner, unregelmäßig eingestreuter, vielfach miteinanderkonfluierender 
Verfärbungen beisteuern. An der Mitte des Nasenrückens, an der Nasen¬ 
wurzel und der rechten Schläfengegend hatten sich im Bereiche flacher, 
gleichsam fleckiger seniler Warzen über hellerstückgroße, von elevierten, 
weißglänzenden Hornwalzen und Knötchen umsäumte, im Centrum ober¬ 
flächlich zerfallene Cancroide festgesetzt. Ucberdies war es in 
linker Jochbeinhöhe, am Kinn und der Retroauriculargegend 
rechts zu maligner Umwandlung bohnengroßer, seniler 
Warzen gekommen, ln der Umgebung all dieser Entartungs¬ 
formen war das Bild der Stearrhoea nigricans in Form 
der schwarzbraunen, warzigen Gebilde und der fleckigen Ober¬ 
hautdegeneration gegeben. Die Epitheliome sollen nach mehr¬ 
jährigem Wachstume zu dem verfolgten Umfange gediehen 
sein, während die schwarzbraunen Verfärbungen der Umgebung 
der Kranken schon seit 20 Jahren auffielen. 



Abb. 3. Abb. 4. Abb. 6. 


Stellung gewährt. Hier war bei einer 72jährigen Kranken in sehr aus¬ 
gebreiteten Herden die sogenannte präcanceröse Melanodermie in 
seltenem Umfange zur Entwicklung gelangt. Ueber handtellergroße, das 
Hautniveau kaum überragende, schwarzbraune Flecke hatten die Wangen, 
die Stirn und den Nasenrücken überdeckt. Am oberen Pole des rechten 
und in der Mitte des linksseitigen Wangenherdes war es an kronenstück- 
großen Stellen zur Exfoliation und Bloßlegung rotbrauner, rasch ver¬ 
krustender Infiltrate gekommen, in deren Bereich sich die sonst rare- 
ficierte, stark gerunzelte Haut verdichtet anfühlte. Während einer mehr¬ 


fettige Massen abzuheben sind. Darunter treten lebhaft rote, von 
grubigen Einsenkungen durchfurchte, in Spuren nässende Flächen zutage, 
die schon nach ein bis zwei Wochen von den gleichen Epithelwuc 
rungen überschichtet werden. An der Brust, am Rücken und m ® 
Lendengegend treten diese schwarzgrauen, meist hellerstückgro 
hornigen Auflagerungen zu vielen Hunderten auf und bedingen durch i 
dichte Einstellung und vielfache flächenhafte Confluens ein ganz ung 
wohnliches Aussehen. Während der Kranke früher keinerlei Beschwer 
hatte und nur ab lind zu behufs Entfernung der entstellenden Gesicn 


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herde erschien, bemerkt er seit etwa einem Jahre, daß von Zeit zu Zeit 
die Plaques am Rücken über den Schulterblättern, unterhalb des Rippen¬ 
bogens und in der Lendengegend schmerzhaft werden. Schon vor 
mehreren Monaten konnten in den angegebenen Regionen an 15 von 
tthmalen Entzündungshöfen umgebende, über hellerstückgroße Warzen 
gezählt werden, welche sich von den übrigen Blütchen durch leicht 
blutende exfoliierte Centren und blutdurchsetzten Borkenbesatz unter¬ 
schieden. Leider ist die Zahl der auch histologisch verificierten flachen 
Epitheliome auf 20 gestiegen. Die von Zeit zu Zeit exstirpierten über 
bohnengroßen Epitheliome der Lendengegend zeigten in den Schnitt folgen 
das verschobene Verhältnis zwischen Deckbelag und Cutis, wie es dem 
Plattenepithelkrebs eigen ist. Die zu Netzen verflochtenen Krebs- 
stiinge und auch walzenförmigen Zcllverbände werden in jähem Ueber- 
trange von kernlosen Hornlamellen überschichtet, die am Querschnitt al¬ 
veolärer© Herde, den Kern der rundlichen Zellkomplexe bilden. Die Ver¬ 
hornung ist weiterhin iu den proliferierenden, tief ins Bindegewebe 
dringenden Epithelzapfen in Form axialer homogener Streifen zu ver¬ 
folgen. In älteren Exemplaren fallen überdies Epithelperlen in die Durch¬ 
trennungsebene, die gleich den noch mit dem Deckepithel zusammen¬ 
hängenden Hornzellverbänden, den Nachweis des abgeplatteten chromatin- 
armen Kernes gestatten. Das bindegewebige Stroma zeigt reichliche klein¬ 
zellige Infiltration und reduzierten Faserbestand. Vielfach ist ein Vordringen 
von Lympbocyten und Leukocyteu in die gewucherten Epithelmassen zu 
verfolgen. In den angrenzenden Hautbezirken setzt sich die oberfläch¬ 
liche Bindegewebsinfiltration fort und ist ein mächtiges Einsprossen der 
Epithelzapfen in dasselbe angedeutet. Den bunten Wechsel der senilen 
voTgewölbten Warzen, schmierlichen Flächenauflagerungen, roten vom 
Belage befreiten Flecken und den zahlreich eingestreuten krustenbedeckten 
Epitheliomen kann die Reproduktion einer Moulage in Abb. 5 nur mangel¬ 
haft Rechnung tragen. 



Abb. fl. Abb. 7. 


Auf dem vorbereitenden Boden der Altersmelanodermie 
können aber nicht nur die bisher in überzeugenden Belegen vor- 
geführten flachen Hautkrebse zur Sprossung gelangen, sondern 
auch jene epithelialen Neoplasien in generalisierter Weise auf- 
toten, welche dem knolligen Carcinom angehören. 

verhältnismäßig rasch fortschreitende Wucherung von vier 
Krebsgeschwülsten ist. mir bei einer 70jährigen Matrone an weit vonein¬ 
ander gelegenen Standorten zu Gesicht gekommen, wobei die Tumoren 
noch in engnachbarlicher Beziehung zu senilen Keratomen und Warzen 
»ul ihren Ausgangspunkt hinwiesen. 

Zwei nußgroße, im Antnim zerklüftete, an der Basis noch haut- 
’MgTenzte Neoplasmen sieht man im Bilde der Krankenfigur 6 den 
rechten Handrücken und die Oberlippe einnehmen. Zwei weitere pilz- 
wig aufgeworfene ulceröse Knoten nehmen den Nasenrücken und rechte 
ochiaJe ein. Die gleichen Verhältnisse wiederholen sich bei einem 
Jungen Manne (Abb. 6), dessen linke Nasenhälfte, Wange und Stirn- 
“Wgrenze drei über haselnußgroße, halbkuglig vorgewölbte, blaurote, 
Li n i i ri an ^ er ® a . 8 * 8 derbe, i n der Mitte erweichte und drüsig zer- 
V j rate Baneben multiple, an die Neubildungen heran¬ 

ende, dunkelgraue, hornige Auflagerung von Erbsen- bis Kirscbengröße. 
p •, .. 1Der & ai ?z exceptioneUen Kombinationsform des mehrsitzigen 
Inn«.!* » 8 ’ ae * ?' e ^ em das Ensemble der verschiedensten Entwick- 
gsstiüen vom einfachen erytheraatösen, kaum schilfernden Fleck bis 
(New vt*! ^ esc k w ülsten zu beobachten war, erwähnte Prof. Fordyce 
*,.• W am internationalen Kongreß in London. Seiner Liebens- 
Er J f yerdanke ich die in Abb. 8 feBtgehaltene Abbildung des Falles. 
Aussaat, j™ 8 jährige Frau, bei der es am Rücken zur multiplen 
röwn w r auc ^ anatomisch in ihrer Natur bestimmten, von präcance- 
wanzen ausgehenden Epitheliomen k kam. Von diesen nahmen 


mehrere (Lenden- und Gesäßgegend) den aufgetriebenen fungösen 
Charakter an. 

In all diesen Fällen handelt es sich um Kranke der vorge¬ 
schritteneren Altersstufen, bei welchen die Epitheliome auf dem 
Boden seniler Warzen fußten und nur in solchen, meist entfernt 
voneinanderliegenden Beständen in mehrfachen Exemplaren zur 
Entwicklung kamen, welche schon 
ihrer Lage nach der wiederholten 
Reizung durch Waschen, Reiben, 

Scheuern, vielleicht auch dem ab¬ 
sichtlichen Kratzen seitens der 
Patienten ausgesetzt waren. Dies 
trifft für die multiplen Epitheliome 
des Gesichts in den Fällen 1, 2, 

3, 4 zu, aber auch für die Beob¬ 
achtungen 5, 6, 7, 8, wo mehr¬ 
fache Gesichtsepitheliome mit fnn- 
gösen Carcinomen der Handrücken 
(Abb. 6), teils Massenaussaaten der 
Rücken- und Lendengegend (5, 8) 
mit stärkeren, entzündlichen Reiz¬ 
erscheinungen einhergingen. Es 
ist verständlich, daß an Stellen, 
wo das Epithel sich gleichsam 
selbst schon den Boden vorbereitet 
hat, von welchem aus seine ge¬ 
lockerten Zellbestände in das ge¬ 
eignete Terrain der entzündlich in¬ 
filtrierten Cutis Vordringen können, 
die abnorme Wachstumstendenz, 
besonders in den Momenten eine 
Unterstützung finden muß, welche 
den Widerstand des Bindegewebes 
herabsetzen. Solche sind ja in der 
senilen Haut von Haus aus im Elastinschwund und der mangelhaften 
Vascularisation gegeben und werden aufs wirksamste durch entzünd¬ 
lich infiltrative Veränderungen unterstützt. Die Gutartigkeit mehr¬ 
sitziger Epitheliome dieser Abstammung weicht in keiner Weise von 
dem Charakter jener Neubildungen ab, bei welchen der Verlust der 
Struktur nicht durch die Vorstufe der benignen Anaplasie im 
Sinne v. Hansemanns angebahnt wird. Aber auch bei diesen 
Vorgängen der Enddifferenzierung des Epithels wird das Ein¬ 
dringen in das Bindegewebe der wucherungsfähig gewordenen 
Epithelien mächtig durch die gesteigerte Entzündung der Cutis 
gefördert. 

Die gleiche Gutartig¬ 
keit kann jenen mehrsitzi¬ 
gen Epitheliomen nicht zu¬ 
erkannt werden, welche auf 
der Basis der durch Licht¬ 
strahlen geschädigten ent¬ 
zündlich atrophischen Decke 
zur Entwicklung gelangen, 
wenn auch eine Einbeziehung 
der tieferen Texturen und 
die Metastasenbildung auch 
bei diesen zu den seltneren 
Komplikationen zählen. Die 
multiplen Carcinome, die ich 
auf der Röntgenhaut ent¬ 
stehen sah, waren fast 
stets durch Vermittlung von 
Keratomen zur Bildung 
gelangt. In einer vor Jahres¬ 
frist erschienenen Arbeit bin 
ich auf diese Wechselbezie¬ 
hungen des nähern einge¬ 
gangen, die ich an sieben 
Fällen von Röntgenkrebs 
und Keratomen erhärten konnte 1 ). Durch die vorangegangene 
intensive Gefäßschädigung (balonierende und vacuolisierende Inti¬ 
madegeneration), der Consuraption des elastischen Stützgerüstes 
und des fortglimmenden, fleckigen nnd diffusen Infiltrations¬ 
zustands der Cutis wird aufs beste die atypische Epithelwuche- 


4 ) Fore-Runners of X-Ray Cancer. The Urol. and cut. Review 
July 1913. 




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100 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar, 


nmg gefördert, die sich zunächst derart äußert, daß der normale 
Ablauf der Verhornung und die Abstoßung der Hornschicht¬ 
lamellen verhindert wird. Die gestörte Differenzierung bringt es 
dann mit sich (Ribbert), daß sich die epithelialen Zellverbände 
in festhaftenden Massen auftürmen und Keratome formieren. Für 
die Erklärung dieser Röntgenkeratome reichen die lokalen Gewebs¬ 
schädigungen vollständig aus, tritt dann überdies noch ungenü¬ 
gende Hautpflege und mangelhafte Entfernung der reizenden 
Drüsenprodukte (Seborrhöe) sowie die Einwirkung von Wind und 
Wetter hinzu, so kann der weitere Anstoß der Wucherung und , 
Tiefenwachstum des Epithels gegeben werden. 

In Abb. 10 Bieht man | 
den Typus der entstellenden 
Röntgenatrophie bei einer 
verhältnismäßig jungen Frau 
(25 Jahre), die im Anfänge 
der Röntgenära der schwung¬ 
haft betriebenen kosmeti¬ 
schen Epilation zum Opfer 
fiel, nach mehrjährigem Be¬ 
stände der alabasterweißen, 
sklerodermatischen Areale am 
Hals und den unteren Wangen- 
partien, den nävusähnlichen 
Pigmentstauungen, der fein- 
runzligen, das Greisenaus- 
sehen bedingenden perioralon 
Faltenbildung und den Gefä߬ 
ektasien waren, an der Nasen- ( 
spitze, am Kinne, der Ober¬ 
lippe sowie der vorderen 
Halsgegend in dichte Ein¬ 
streuung wenig das Hant- 
niveau überlagernde, schmnt- 
ziggrau verfärbte, hornige j 
Gebilde entstanden. Diese 
begannen an der Nasenspitze, 
am Kinn und dem linken Mond- I 
winkel.nachdem sie schonzwei ] 
Jahre vorhanden waren, nach vorheriger Zerklüftung abzufallen und rasch 
verkrustenden Stellen Platz zu machen. Das Bild zeigt in der Mitte des 
Kinnes und die Nasenspitze gegen den rechten Flügel zu von bohnen¬ 
großen, Beichten, von eingetrocknetem Blutschorfe bedeckten Defekten 
eingenommen, die von erhöhten, wallartig vortretenden, derben, gelb¬ 
lichen, leicht transparenten and glänzenden Hornleisten umgeben werden. 
Excidierte Randsegmente liefern das Substrat des verhornenden Platten¬ 
epithelkrebses. 

Die Carcinomgenese ist hier wie fast in allen von mir 
beobachteten und auch von einer großen Zahl der Kenner des 
Röntgenkrebses beschriebenen Fällen auf die, auf den Boden der 
atrophischen und zum Teil noch entzündeten Haut wuchernden 
Keratome zurückzuführen. Es ist mir nicht bekannt, ob auch die 
einfach atrophischen Stellen der reduzierten Decke hierzu die 
Fähigkeit besitzen; dies glaube ich schon deshalb bezweifeln zu 
dürfen, weil ich im Rahmen der sogenannten idiopathischen Haut¬ 
atrophie, das heißt im Bilde der Akrodermatitis atrophicans der 
Arme und Beine niemals Carcinome auftreten sah. Auch bei den 
sekundären, zur Atrophie führenden Entzündungen, wie solche 
namentlich den varicösen Symptomenkomplex begleiten, ist es 


nicht die oft zigarettenpapierdünne Haut, von der die Krebs¬ 
bildung ihren Ausgang nimmt, sondern die verdickten, kallös ge¬ 
wucherten Narbensäume der jahrzehntelang bestehenden atonischen 
Unterschenkelgeschwüre. Die in meiner Monographie des ^vari¬ 
cösen Symptomenkomplex“ 1 ) beschriebenen und abgebildeten Fälle 
des Ulcuscarcinoms boten alle die Variante des zerfallenden Papillar- 
krebses in unicentrischer Ausbildung. 

Daß die Röntgencarcinome multiplen Standorts trotz ihrer 
harmlosen Vorstufen mitunter sehr ernste Prozesse darstellen und 
durch ihr infiltrierendes Fortschreiten das Absetzen der befallenen 
Glieder erfordern, ist seit langem bekannt und muß als ein übler 
Ausgang der diagnostischen und curativen Bestrahlung bezeichnet 
werden, der um so beklagenswerter ist, als er nicht nur ver¬ 
stümmelnde Eingriffe notwendig macht, sondern auch zur Er¬ 
höhung der Mortalitätsstatistik des Krebses beisteuert. 

In analoger Weise wird auf Grund chronisch entzündlicher 
und degenerativer Vorgänge im subepithelialen Bindegewebe auch 
die Wucherung des Deckepithels ausgelöst, welche zu den Vor¬ 
stadien des Xerodermakrebses zählen. Ander relativ geringen 
Zahl von Carcinomen des Kindesaltors ist in hervorragender Weise 
das Xeroderma pigmentosum beteiligt, auch hier tritt die ätiolo¬ 
gische Bedeutung des Reizes, das heißt die pathogenetische Rolle 
des ultravioletten Lichtes und seine entzündungserregende Ein¬ 
wirkung auf die Haut gewisser sensibilisierter Individuen in den 
Vordergrund. Die zur Xerose führende Dermatitis der lichtexpo¬ 
nierten Körperstellen des Gesichts, Nackens und der Hände er¬ 
leiden die rasch fortschreitenden degenerativen Veränderungen, in 
deren Teilerscheinungen die Keratose nie zu fehlen pflegen. Die 
Umwandlung ähnlicher Keratome in typische Epitheliome wird oft 
schon in den ersten Lebensjahren beobachtet, aber auch in spä¬ 
teren Jahren zur Entwicklung gelangende xerotische Zustände 
gipfeln mitunter in multipler Epitheliomatose. 

Abb. 10 bezieht sich auf eine 22 jährige Feldarbeiterin, die seit 
zwei Jahren auf meiner Abteilung in Behandlung steht. Seit ihrem 
15. Lebensjahre sind das Gesicht, die Handrücken und Streckflächen der 
Vorderarme dicht von schwarzbraunen, ephelidenähnlichen Pigmentflecken 
feinschilfernden, sehnig weißen, zerknitterten, atrophischen Stellen violett 
verfärbten, von erweiterten Gefäßen durchzogenen Flecken und flachen 
warzigen Erhöhungen eingenommen. Schon vor vier Jahren hatten eine 
Reihe von Keratomen des rechten Nasenflügels, der Stirnhaargrenze und 
rechten Supraorbitalgegend die Auskratzung wachsender Keratome er¬ 
fordert. Späterhin war es in der Umgebung der excochleierten Herde im 
Bereich aggregierter, hanfkorngroßer Keratome zu teilweiser Exfoliation 
gekommen, die teils mit Kohlonsäureschneevereisung, teils mit Radium 
zur Abstoßung beziehungsweise Benarbung gebracht wurden. Auch jetzt 
beginnt an dispersen keratotischen, beiderseitigen warzigen Wangen¬ 
gebilden die epitbeliomatöse Entartung. 

Zum Schlüsse muß ich nochmals bemerken, daß mit den 
von mir beobachteten und hier gestreiften Formen der mehr¬ 
sitzigen Neubildungen nur die Genese jener Epitheliome beleuchtet 
erscheint, welche den gesteigerten Uebergang eines vorgebildeten, 
erworbenen pathologischen Zustandes bilden. Mit diesen, dem 
Plattenepithelkrebs angehörenden Formen haben die an den gleichen 
Standorten auftretenden, von congenitalen Anlagen (Naevie) und 
versprengten Keimen abgeleiteten sogenannten adenogenen Haut- 
carcinome, die eine gewisse Unabhängigkeit vom Deckepithel be¬ 
kunden, nichts zu tun. 



Abt). 10. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus der II. Inneren Abteilung des Krankenhauses Charlottenburg- 
Westend (Oberarzt: Dr. Wern er Schultz) und der Bakteriologisch- 
hygienischen Abteilung des UntersuchuDgsamts der Stadt Berlin 
(Direktor: Geh. Reg.-Rat Prof. Proskauer). 

Zur Antigenbehandlung des Typhus 

von 

F. Ditthorn, 

Bt. Bakteriologen am UntersuchungBamt der Stadt Berlin 
and 

W. Schultz. 

Die Behandlung des Typhus mit specifischem Antigen 
ist in Deutschland schon im Jahre 1893 von E. Frankel 1 ) 

*) E. Fränkel, Ueber »pez. Behandlung des Abdominaltyphus. 
(D. m. W. 1893, S. 985.) 


eingehender bearbeitet worden. Indessen sind die Fort¬ 
schritte auf diesem Gebiete bis jetzt so geringfügig, daß 
Jochmann‘<9 bei der allgemeinen Besprechung der specifi- 
schen Behandlung des Abdominaltyphus diese als noch im 
Versuchsstadium befindlich und bisher unbefriedigend be¬ 
zeichnet. 

Einen mehr oder weniger ablehnenden Standpunkt 
nimmt nach einer neuesten Notiz auch F. Neufeld 3 ) ein. 
Nach ihm ist es „theoretisch schwer verständlich, wie man 
bei einem Typhuskranken, in dessen Körper die Bacillen 
dauernd wuchern und daneben dauernd durch die Abwehr- 

*) Urban & Schwarzenberg. Wien 1914, 2. Aufl. 

“1 G. Jochmann, Lehrbuch der Infektionskrankheiten. (Berlin 1914.) 
W' 1914 a ^ ^ eac ^ enen ^Btehung und Seuchenbekämpfung. (Berlin* 


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21 Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


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Stoffe des Organismus aufgelöst 'werden, eine Umstimmung 
dadurch bewirken will, daß man noch weitere Bacillenstoffe 
unter die Haut einspritzt“. In ähnlichen Anschauungen be¬ 
wegen sich weitere frühere Notizen verschiedener Autoren. 

Was die erwlhnten Untersuchungen von E. Fränkel betrifft, so 
wurden in denselben 3 Tage alte Typhusbouillonkulturen benutzt, welche 
in Wauerbade von 63 0 abgetötet waren. Die Applikation geschah intra¬ 
muskulär, nachdem man sich Überzeugt hatte, daß die subcut&nen Injek¬ 
tionen stärkere lokale Reizerscbeinnngen verursachten. Es wurden nach 
E. Fränkel als erste Dosis 0,5 ccm, dann am nächsten Tage 1,0 ccm 
verwandt. Zunächst wurde ein Ansteigen der Temperatur mit leichterem 
oder stärkerem Frösteln beobachtet. Am dritten und vierten Tage fand 
ein Absinken der Temperatur nm einen halben bis ganzen Grad unter der 
Anfangstemperator statt. Pausierte man jetzt mit der Behandlnng, dann 
stieg die Temperatur wieder an und man fand es als gesetzmäßig heraus, 
dafi damit der Zeitpunkt für eine abermalige Wiederholung der Injektion 
und eine weitere Steigerung der Dosis gekommen war. Es wurden nun¬ 
mehr 2 ccm eingespritzt, worauf sich in dem Verhalten der Temperatur 
die gleichen Phasen bemerkbar machten, wie nach Einverleibung von 
1 ccm. nur mit dem Unterschiede, daß die ihre größte Tiefe wiederum 
nach swei Tagen erreichenden Remissionen noch weiter abwärts lagen 
wie vorher. Die Febris continua wurde abgeschnitten, es kam von An¬ 
fang an zu einem ausgesprochen remittierenden Charakter des Fiebers 
und es erfolgte in unverhältnismäßig kurzer Zeit Fieberlosigkeit. Selbst 
dag letzte Stadium des Prozesses konnte in vorteilhaftester Weise beein¬ 
flußt werden. In einem Falle wurde durch einmalige Einverleibung von 
1 ccm an Stelle der lytischen eine kritische Entfieberung herbeigefflhrt. 
Die bei der Mehrzahl der Patienten beobachteten typhösen Diarrhöen 
hörten mit dem definitiven Abfalle der Temperatur auf und die Kranken 
machten den Eindruck in vollster Rekonvatescenz befindlicher Individuen 
zu einer Zeit, wo die objektive Untersuchung häufig noch das Bestehen 
von Roseolen und eines palpablen Milztumors erkennen ließ. E. Fränkel 
fügt seinem Berichte an, daß Rezidive allerdings nicht vermieden wurden. 

Zweifellos ist dem weiteren Ausbau dieser Therapie 
dadurch Abbruch gescheheu, daß Rumpf 1 ) bei der Behand¬ 
lung des Typhus mit abgetöteten Pyoceaneuskulturen zu 
Resultaten kam, welche denjenigen Fränkels mit abge¬ 
töteten Typhuskulturen fast glichen, jedoch bezüglich der 
Größe des anfänglichen Temperaturanstiegs und des nach¬ 
folgenden Abfalls vielleicht etwas geringer waren. Immer¬ 
hin konnten sie die Specifität der Beobachtung Fränkels 
als fraglich erscheinen lassen. 

In der Folgezeit erschien als weiteres retardierendes 
Moment eine Arbeit von Presser 2 ), welcher die von Fränkel 
und Rumpf mitgeteilten klinischen Ergebnisse auf der 
v. Jak sch’sehen Klinik nachprüfte. 

Es worden sieben Typhusfälle mit Kolturflüssigkeit, steigend von 
0,5 bis 6 ccm, behandelt. Von einer eigentlichen Beeinflussung des Krank- 
heitsprozesses konnte nor in zwei Fällen gesprochen werden. Im ersten 
der Fälle trat nachdem, 21,5 ccm Typhusbacillenkultur injiziert wurden, 
eine Herabsetzung der Temperatur ein, später folgte allerdings ein Typhus- 
rezidiv. Im zweiten Falle war der Patient bereits nach Injektion von 
6,5 ccm fieberfrei. In den übrigen Fällen wurde kein Effekt oder ein un¬ 
günstiger beobachtet. Die lokale Reaktion war meist stark, bisweilen kam 
*s zur Abaceßbildung. Bezüglich der Injektionen mit dem BaciUus pyo- 
ceanns worde in analoger Weise mit Injektionen von 0,5 bis 6 ccm Vor¬ 
gängen. ebenso wie in den vorgehenden Fällen in meist aufeinander¬ 
folgenden Tagen. In der Mehrzahl der Fälle war die Injektion von gar 
keinem Einfluß. In einzelnen gelang, es die Febris continua in eine Fe¬ 
bril? remittens za verwandeln. Presser nimmt an, daß bei den Injek¬ 
tionen mit Bacillus pyoceanus von einer direkten Beeinflussung des Kraok- 
heitsprozeaaes nicht die Rede sein kann. Er fügt hinzu, daß infolge der 
Injektionen Eiterungen im Körper entstehen können, welche geeignet 
sind, das Leben des Patienten zu gefährden. 

Erneute Versuche wurden im Jahre 1902 von Pe- 
fruschky 3 ) durch Einführung eines als„Typhoin“ bezeich¬ 
nten Präparats inauguriert. 

Dts in 1 ccm 100 Millionen suspendierte Keime enthaltende Prfi- 

18 1 mit k' ar b°l versetzt, ferner mit normalem Tiersernm. Letzteres 
nt der Angabe nach geschehen, um den die Wirksamkeit des Präparats 
beeinträchtigenden Einfluß des Carbola abzuschwftchen. In einer ausführ- 

*) Rumpf, Die Behandlung des Typhus abdominalis mit abge- 
«te^Knltnren des Bacillus pyoceaneus. (D. m. W. 1893, Nr. 41, 

’) Louis Presser, Ueber die Behandlung des Typhus abdominalis 
®)t Injektionen von Kulturflüssigkeiten von Bacillus typhi und Bacillus 
Pyoceinug. (Zichr. f. Heilk. 1895, Bd. 16, S. 113.) 
m /PMrnsehky', Specifische Behandlung des Abdominaltyphns. 
< D - ■■ W. 1902, Nr. 12.) 


lieben Veröffentlichung 1 ) werden klinische Ergebnisse mitgeteilt, die sich 
mit den fröher angeführten Fränkels berühren. 

Zu ebenfalls ihrer Ansicht nach praktisch brauchbaren 
Resultaten mit aktiver Immunisation bei Typhuskranken ge¬ 
langten Pesearolo und Quadrone 2 ). 

Die Autoren verwandten 15 bis 20 Tage alte Agarkultnren, welche 
für einige Standen im Thermostaten bei 45 bis 50° gehalten wurden. 
Nach Feststellung der Virnlenz und der Vitalität der Keime wurden ho¬ 
mogene Suspensionen in sterilisierter 0,75%iger physiologischer Koch¬ 
salzlösung hergestellt, sodaß 5 ccm der Flüssigkeit eine oder mehrere 
Oesen, jede von etwa V» mg Gewicht, der betreffenden Kultur enthielten. 
Von dieser Suspension wurden Dosen von V» bis 1 ccm und mehr sub- 
eutan, eventuell wiederholt, injiziert. 

Nach den subcutanen Injektionen trat im allgemeinen nach Schüttel¬ 
frost eine FiebersteigeruDg auf, die wenige Stunden anhielt. Dann ging 
das Fieber auf seinen Ausgangspunkt zurück. An der Infektionsstelle 
entwickelte sich eine schmerzhafte Schwellung und Rötung der Haut und 
der benachbarten Drüsenregionen, die nach zwei bis drei Tagen wieder 
verschwand. Zn dieser Zeit trat meistenteils eine Abnahme des Fiebers 
auf, die bisweilen sehr ausgesprochen und jäh einsetzte, ferner eine Bes¬ 
serung des Allgemeinbefindens verbunden mit profusen SchweißeD, reich¬ 
licher Urinau88cheidung und Nachlassen aller einzelnen Symptome der 
momentanen Infektion. Gleichzeitig erschien oder verstärkte sich im Blut¬ 
serum das AgglutinierungBverniögen gegenüber dem Eberthschen Bacillus. 
In einigen Fällen wurde die Injektion mit der doppelten oder dreifachen 
Dosis wiederholt. Die Autoren sind überzeugt, daß man mit dieser Art 
von Bakteriotherapie eine echte Heilwirkung auszuüben vermag. 

Ueber gemeinsam mit N6gre und Raynaud unter¬ 
nommene Untersuchungen berichtet M. Ardin-DclteiD). 
Die Autoren behandelten Typhuskranke mit polyvalentem car- 
bolisiertem,sowie mit lebenden sensibilisiertem Vaccin. 

20 Kranke wurden mit polyvalentem carbolisierten Vaccin behan¬ 
delt, welches aus Typhus- und Paratyphusstftmmen gewonnen war. Das 
Vaccin wurde in steigenden Dosen von 5 bis 100 Millionen abgetüloter 
Bacillen in Intervallen von drei bis sieben Tagen appliziert. Diese Art 
der Behandlung scheint nach Angabe der Autoren die Dauer der Krank¬ 
heit gekürzt zu haben, und zwar um so mehr, je näher der Injektions- 
beginn dem Anfänge der Krankheit lag. Die Zahl der Rezidive blieb 
hoch, desgleichen die Mortalität. 

Bei 37 Kranken wurde lebendes sensibilisiertes Vaccin Besredkas 
angewandt. Die Injektionen geschahen in dreitägigen Intervallen (1 bis3ccm). 
Hier waren die Resultate günstiger, es wurden nur zwei Rezidive und 
kein Todesfall beobachtet. Die Lokalreaktionen waren gering, ebenso¬ 
wenig traten beunruhigende Allgemeinreaktionen auf, nicht einmal vor¬ 
übergehend wurde der Zustand der Patienten verschlimmert. Die ersten 
zehn Tage sind die günstigste Periode für die iDjektionsbehandlung. 

Sie halten die Behandlung mit Besredkas lebendem 
sensibilisierten Vaccin für wirksam und unschädlich. 

Zahlreiche in englischer Sprache publizierte therapeutische Versuche 
scheinen keine neuen Gesichtspunkte zu enthalten. Hinweise hierüber 
finden sich in Kolle-Wassermanns Handbuch der pathogenen Mikro¬ 
organismen. 

Mit interessanten Ergebnissen ist die Vaccinetherapie 
des Typhus von Ichikawa 4 ) neuerdings aufgenommen 
worden. Dieser Autor weist nach, daß man durch intra¬ 
venöse Einspritzung bessere Resultate erreichen kann, als 
durch subcutane. 

Er arbeitete mit Typhusvaccin, welches mit menschlichem 
Sernm sensibilisiert war und gibt an, bei 87 typhösen Kranken über 
die Hälfte der Fälle durch ein- oder zweimalige intravenöse Applikation 
des Vaccins abortiv geheilt zu haben, bei den übrigen fiel das Fieber nach 
der 'Einspritzung ab und die Krankheitsdauer wurde außerordentlich ge¬ 
kürzt. Die Herstellung des Vaccins geschah wie folgt: 

„Zehn Oesen junger Typhuskultar werden in 10 ccm Serum, die 
von einigen Typhusrekonvaleszenten stammen, aufgeschwemmt und fünf 
bis sechs Stunden lang im Brutschränke gelassen. Nach dem Zentri¬ 
fugieren werden die Bacillen dreimal mit physiologischer Kochsalzlösung 
gewaschen, dann in 100 ccm physiologischer Kochsalzlösung, die 0,3 ü /u 
Phenol enthält, gebracht und eine Stunde lang stark geschüttelt. ' Er¬ 
hitzung ist zu vermeiden. Vor der Anwendung wird das Vaccin mit 
der Hand geschüttelt, etwa 0,5 ccm werden mit warmer physiologischer 
Kochsalzlösung in der Spritze verdünnt und ganz langsam in zwei Minuten 
in die Vena mediana basilica eingespritzt.* 


l ) Zschr. f. Hyg. 1902, Bd. 40, S. 567. 

*) Pesearolo und Quadrone, Aktive Immunisation durch sub- 
cutane Injektionen lebender Typhusbacillen bei Eberthscher Infektion 
(Zbl. f. inn. M. 1908, Jahrg. 29, Nr. 40. 

s ) M. Ardin-Delteil, La Semaine mddicale 1912, Jahrg. 32 
8.525 (siehe ferner Besredka, ibid. S 524). 

4 ) Sadakichi Ichikawa, Abortivbehandlung von typhösen Krank¬ 
heiten. (Zscbr. f. Imman. Forsch. 1914, Bd. 23, 1. H., S. 32.) 


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102 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


Aua den mitgeteilten Krankengeschichten ergibt sich, daß bei 
hochfieberhaften Fällen von Typhus sowie auch von Paratyphus durch 
Injektion von Typhusvaccin zunächst nach etwa einer halben bis drei¬ 
viertel Stunde Schüttelfrost und Temperaturanstieg erzeugt wurden T denen 
alsbald Rückkehr der Temperatur zur Norm, und zwar vielfach dauernde 
Entfieberung folgte. Die angewandten Dosen liegen nach den Angaben 
der mitgeteilten Krankengeschichten zwischen 0,8 und 0,6 des oben be¬ 
schriebenen Vaccine. Nach Ichikawa betrug die Mortalität etwa 11%. 
Dieses scheinbar nicht gute Resultat erklärt Ichikawa mit der Schwere 
seines Materials, dessen Mortalität sonst etwa 30% betragen soll. Ueber 
Nebenerscheinungen wird angegeben, daß Darmblutungen als Reiz¬ 
erscheinung bei einigen Fällen ein bis drei Tage nach der Injektion beob¬ 
achtet wurden, aber die Häufigkeit der Darmblutung war geringer als bei 
den nichtinjizierten Fällen und die Blutung war meist eine sehr leichte. 
Selbst bei zwei Patienten, die vorher Blut entleert hatten, war keine er¬ 
sichtliche Blutung nach der Injektion zu beobachten. Außer der Darm¬ 
blutung wurden zweimal Hämoptöe, einmal Nasen- und zweimal Haut¬ 
blutung beobachtet. Das unter Schüttelfrost ansteigende Reaktionsfieber 
dauerte ganz kurz, manchmal nur ein paar Stunden, höchstens 24 Standen. 
* Dem entsprechend wird der PuIb hochfrequent, manchmal tritt leichte 
Atemnot und Durst, selten Brechneigung auf, aber diese Erscheinungen 
verschwinden schnell.“ Bei subcutaner Anwendung des Vaccins waren 
die Resultate unregelmäßig und unsicher, zum Teil wurde gar kein Ein¬ 
fluß beobachtet, selten ein solcher wie bei intravenöser Applikation. 

Unsere eignen Untersuchungen, betreffend eine 
kleine Anzahl von Fällen, die mit einem in Antiformin 
gelösten Antigen behandelt sind, welches nach den Vor¬ 
schriften von Altmann und Schultz 1 ) hergestellt wurde. 
Nach Angabe der Autoren enthält das auf diesem Wege 
gewonnene Präparat sämtlich wirksames Antigen, das nur 
in Verbindung mit dem homologen Antikörper, das heißt 
Typhusimmunserum, Komplementbindung gibt, dagegen bei 
Verwendung nichthomologer Antikörper, z. B. Coliimmun- 
serum, die Hämolyse nicht beeinflußt. 

Wenn man einen Vergleich der Antiforminextrakte mit 
quantitativ gleich angesetzten wäßrigen Schüttelextrakten 
anstellte, so zeigte sich, daß im Komplementbindungs¬ 
versuche die mit dem Schüttelextrakt erzielte Ab¬ 
lenkung hinter der des Antiforminextrakts erheb¬ 
lich zurückblieb.' 

Die Herstellung eines Präparats geschah für unsere Versnche 
wie folgt: 

Vier Petrischalen wurden mit dem Stamm Ty. A. 113 beimpft 
und nach 24stündiger Bebrütung bei 37° C mit je 3 ccm physio¬ 
logischer Kochsalzlösung abgeschwemmt. Die erhaltenen 12 ccm wurden 
mit 1,2 ccm Antiformin versetzt und kurze Zeit bis zur völligen 
Lösung im Brutschränke bei 47° C gehalten. Die Lösung wurde nun 
mit 10°/oiger Schwefelsäure neutralisiert und mit Natriumsnlfit zur Ent¬ 
fernung des freien Chlors versetzt. Als Indikator dienten Lakmus- und 
Jodkaliumstärkepapier. Die Prüfung auf Sterilität erfolgte durch Ver¬ 
impfung auf Agar, Drigalski-Agar und Bouillon. Zur Konservierung 
wurde ein Zusatz von 0,5 % Carbolsänre gemacht. Die Keimzählang 
der Aufschwemmasg ergab für einen Kubikzentimeter 774900000 Keime. 
Der mit dem Präparat angestellte Komplementbindangsversuch fiel 
positiv aas. 

Wir teilen die klinischen Ergebnisse trotz ihres 
beschränkten Umfangs deshalb mit, weil ihre Resultate von 
praktischem Interesse sind und an einem größeren Krank¬ 
heitsmaterial wohl noch erfolgreichere Anwendung ver¬ 
sprechen. 

Die Erfahrungen über die subcutane Anwendung 
des Antigens, in der Dosierung bis zu 700 bis 800 Millionen 
Bacilienausgangsmaterial entsprechend, bedürfen nur einer 
kurzen Skizzierung, da sie von den eingangs geschilderten 
der früheren Autoren nur wenig abweichen. Hervorzuheben 
ist die fast völlige Reizlosigkeit und geringe Schmerz¬ 
haftigkeit der hypodermatischen Injektion. Zu eigentlichen 
Infiltrationen der Haut ist es nie gekommen, ebensowenig zu 
Schwellungen der regionären Drüsen oder zur Entstehung 
lympbangoitischer Streifen. Das Allgemeinbefinden wurde 
überhaupt nicht sichtbar beeinflußt. Die Temperaturkurve 
blieb entweder unverändert, oder es trat eine unbedeutende 
Erhebung derselben ein, mit der man möglicherweise einen I 


J ) K. Altmann und I. H. Schnitz. Verwendung von Bakterien¬ 
antiforminextrakten als Antigene bei der Komplementbindung. (Zschr. f 
Immun. Forsch. 1909, Bd 3, H. 1, S 98.) 


geringen Tieferstand der Kurve im Bereiche der nächsten 
Tage in Zusammenhang setzen konnte, oder es schien die 
Herbeiführung eines stärker remittierenden Charakters der 
Kurve als Injektionsfolge angesehen werden zu können. 
Alles in allem unterschied sich jedoch der Kurven verlauf 
nicht genügend überzeugend von demjenigen unbehandelter 
Fälle, um an sich als beweiskräftig angesehen zu werdon. 

Die intravenöse Injektion ergab, wie dies nach dem 
Vorhergehenden zu erhoffen war, ein besseres Resultat. 

Nach anfänglichen tastenden Versuchen mit kleineren 
Mengen resultierte eine Dosierung zwischen 70 bis 100 bis 
I 300 bis 700 Millionen Bacillen, wobei jedoch die letzt¬ 
erwähnte Dosis voraussichtlich wegen zu starker, wenn auch 
vorübergehender Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens 
und eventueller Nachwirkung auf das Herz fallen gelassen 
werden muß. Als Anfangsdosen haben die kleineren zu 
gelten. Die Injektionen waren schmerzlos. Es folgte 
in der Regel nach 20 Minuten bis V/ 2 Stunden ein 
Schüttelfrost von Vr bis VaßtümRger Dauer mit raschem 
Fieberanstieg, an den sich ein ebenfalls meist rasch ver¬ 
laufender Abstieg unter Schweißausbruch zu normalen 
oder subnormalen Temperaturen anschloß mit consecutiver 
wesentlicher Tiefereinstellung der Fieberkurve 
eventuell zur Norm. Bei Dosen bis 300 Millionen verlief 
diese Reaktion ohne stärkere Belästigung im Allgemein¬ 
befinden des Kranken. Hand in Hand mit dem günstigeren 
Weiterverlauf der Fieberkurve, die wie durch eine Cüsur 
abgeteilt erschien, lief die Besserung der klinischen 
Aligemeinsymptome. Die Bewegungen der in größeren 
Abständen verfolgten Agglutinationstiter weichen dabei 
in unsern Fällen von den sonst bei Typhus beobachteten 
nicht wesentlich ab. An Komplikationen und Nacb- 
krankheiten sind je einmal Otitis media während der 
Fieberperiode und vorübergehende Herzarhythmie in der 
Rekonvaleszenz unter neun behandelten Fällen beobachtet, 
ferner Gelenkscbmerzen bei einem Patienten, der seiner An¬ 
gabe nach vor zwei Jahren einen Gelenkrheumatismus über¬ 
standen haben will. Um die Wirkung der intravenösen 
Injektionen zu demonstrieren, seien einige Fieberkurven 
und kurze klinische Daten der behandelten Fälle, 
die übrigens sämtlich in Genesung übergingen, angeführt: 

Max K., 26 Jahre alt, aufgenommen am 26. Oktober. Patient er¬ 
krankte am 15. Oktober mit Schwüchegefühl, Schwindel&nflLllen, Kopf¬ 
schmerzen, Appetitmangel. Seit dem §1. Oktober bestehen Diarrhoen. 

Status: Mittelgroßer Patient von ziemlich reduziertem Ernährungs¬ 
zustand. Auf der Haut des Bauches einzelne roseolaverdächtige Flecke. 
Temperatur bis 40,4°. Zunge trocken, belegt. Puls 100, von mittlerer 
Fülle und Spannong, Dikrotie angedeutet. Gor ohne Besonderheiten. 
Lungen: Überall Giemen und Schnurren. Rechts hinten, in der Mitte 
der Scapula einzelnes klangloses Rasseln. Leib etwis aufgetrieben, etwas 
gespannt. Milz vergrößert Urin: Diazo —, Albamen —. Im Stahle 
werden Typhusbacillen nachgewiesen. 

6 . November: Intravenöse Injektion von Typhusantigen (ent¬ 
sprechend 70 Millionen Typhusbacillen) 11 Uhr vormittags, um 12,30 
tritt ein Schüttelfrost auf, der eine halbe Stunde währt. Einmaliges 
Erbrechen, sonst keine Beschwerden. Puls dauernd gut Temperatur 
anstieg bis 41,1°. Danach Abfaü bis 36,2 o 4 Ohr nachmittags. 

In den folgenden Tagen stellt sich die Temperatur wesentlich tiefer 
ein gegenüber der vorhergehenden Kurve. Vom 12. November ab liegen 
die Gipfel unter 38 vom 20. ab unter 37 o. Der Agglutinationstiter 
betrug am 26. November 1/3000 -f-, 1/4000 ±, vorher am 15. November 
1/800 -f, 1/1000 =fc, 1/2000 ±. Später geheilt entlassen. 

Marie K., 25 Jahre, aufgenommen am 28. September. Patientin 
erkrankte mit Mattigkeit, Gliederschmerzen und Fieber, sowie Appetit¬ 
verlust Aus ihren Angaben geht hervor, daß sie sich sur Zeit der Auf¬ 
nahme etwa am 12. Tage der Erkrankung befindet. 

Status: Kräftiges Mädchen, fiebernd (39,4°), nicht benonunsn, 
Zunge belegt. Herztöne rein, Puls 84, voll, nicht dikrot, Leib weich, 
nicht aufgetrieben, keine Roseolen, kein Ileocoecalgurreu. Müz nicht 
fühlbar, perkutorisch vergröüeit. Urin: Diazo +, Albumen Spur. Blut- 
leucocyten 4500. Wi da Ische Reaktion mit Blutserum 1/640 + 
(Typhus), 1/320 -f (Paratyphus B). 

30. Oktober, l 1 '* Uhr mittags: Injektion von Typhusantigen 
(entsprechend 700 Millionen BacilleD). Von 1 Uhr 50 Minuten bis 2 Uhr 
^B nu * en P- ro. stellt sich Schüttelfrost ein, die Temperatur steigt bis 
40,6«. Dabei kräftiger Puls. Am Nachmittage treten mehrere Durch- 


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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


falle iiif, ferner Cyanose, Kleinheit und gesteigerte Frequenz des Pulses, 
sowie Beschleunigung der AtmuDg. Bis zum nächsten Morgen bessert 
lieh der Zustand, jedoch bestehen auch am 31. noch vermehrte Durch- 
fille and wiederholtes galliges Erbrechen. 

Im Laufe des 31. linkt die Temperatur langsam bis auf 36,4 o. 

Bis zum 2. November sind die Nebenerscheinungen geschwunden. 
Guter Schlaf. Pnls von guter Fülle und Spannung. Herpes nasalis et 
labialis. 

5. November: Der Agglutinationstiter, der am 30. Oktober vor der 
Injektion 50 + betrug, ist jetzt anf 200 ± gestiegen. 

Die Fieberkurve, die vom 31. Oktober bis zum 2. November normal 
lag. steigt am 3. und 4. vorübergehend bis 38,4 0 und 38,5 0 an, um dann 
wieder abzusinken. Am 9. November tritt noch einmal eine Erhebung 
bis 38.6 0 auf, worauf die Kurve ohne Unterbrechung langsam bis zur 
definitiven Entfieberung absinkt, unter stetem Wohlbefinden der Patientin. 

Walter B., 17 Jahre, aufgenommen am 3. Dezember. 


300 Millionen entsprechende Dosis 
der günstige Umschwung herbei¬ 
geführt. 

Zum Schlüsse sei darauf 
hingewiesen, daß die Behand¬ 
lung mit dem durch Auflösen 
von Bacillen in Antiformin 
hergestellten Antigen vor 
derjenigen mit sensibilisier¬ 
tem Vaccin bezüglich der tech¬ 
nischen Herstellung den Vor¬ 
zug der größeren Einfachheit 
besitzt In Rücksicht auf die 
bei Anwendung stärkerer Do¬ 
sen eintretende Reaktion mag 


Walter 3., 17 Jahre, aufgenommen am 3. Dezember. Patient er¬ 
krankte vor fünf Wochen mit allgemeinem Mattigkeitsgefühl, Frösteln 
Herzklopfen und DurchflUlen sowie Appetitlosigkeit. 

Status: Grazil gebauter Patient in reduziertem Ernährungs¬ 
zustände. Hautfarbe etwas blaß. Sensorium leicht benommen. Zunge 
belegt, ziemlich trocken. Leib aafgetrieben, auf der Haut des Bauches 
mehrere Roseolen. Milz perkutorisch vergrößert, nicht fühlbar. Urin- 
Diazo-K Temperatur 40,2°. 

Puls 100 bis 120, nicht 

dikrot. Widalsche Reak- fcf.,, 1f VJ'T 1 . L: IV 1 " I' 1 1 ' I' 

tion: Ym (Typhus). v Ttfr ffff 4 4 1 r 4t£P Tn I ■ • * \ 1 

5. Dezember, 11 Uhr 1f fff4m-ffft TOT {juT TI 

20Minaten vormittags: In- £ * • — • • • ;' ' 

travenöse Injektion von * • - * * 

Typhasantim (ent- * t?T"T Li i! T!\ ! 

sprechend 100 Millionen g fff f ffff ffff ffff i-Hf ^ 

Reaktionserscheinungen, i^LLLL4+tfff] 1 ffff f ffl 

kein Schüttelfrost, kein w - - • - . —... 

Temperaturabfall. ^ r* '££ - TOT'^ : 

6. Dezember: Tem- S | -—- TT~ f Z J ZZ ': . Z: 

peratar noch hoch, bis • TOT TT lT lÜl i 1 iT Mi »y i 

10,2°. Sensoriam noch be- * 11 TTm TiTTTT y* - * U-u 

7. Dezember: In der I ffff ffff fff-*- 4 ni V • - - - * - ■ 

Nacht wieder benommen * ' I 'mIT j . 

gewesen._ Frische Roseolen Z ffff ffff+H2! ftt ! 

auf der Haut des Abdomen •* j 1 f f~H' < TTY l • • 

sichtbar. Um 10 Uhr vor- 5l“TTTT ffff TTr fffr ^44 . 

mittags intravenöse In- i3Wffl++4f4+H ' y " : ’ 

jektion von Typhusantigen 2 . -ZZ', y n H • • • 

(entsprechend 300 Millionen i - y - t- r ~T~ 

Typhusbacillen). Von 11 Uhr * Ifttt ffff T|~T f py tty tm 
5 Minuten bis 11 Uhr ffff ffff iftf jfjy 1 ff 4fr *■ 

JP Minuten vormittags g S-ffffffff44-! j 4TT* Ny, ftn 
Schflttelfrost unter Tempe- ' 1 ffff ffff fff- ffff ffTT irrt ' i 

raturanstieg bis 40,9 • dann • -ffff TfU- ffff fUf - tfff ++?£ f J 

■ Laufe des Tages Tem- Tffffftffffff int Tuf ij5T* - 
peraturabfall bis 36,0° nnter S ffff ffff ffr^ ffff —- ffff - • 

starkem Schwitzen. Puls 1 ffff ffff fff - f U} flfl tut US 

danernd gut. c ä ff]|~fffj; ^ 

« ?• Dezember: Heute 1 9 : 4 Ö? ^ J U JJ £ : ZJt 5 

bensorium vollkommen klar, % l • : 14 f fgf -UU4- 

nachdem gestern nachmittag ? f if±t ffff tat ^fff: rbt TOT ' 

ooch etwas Benommenheit ^ I r i | 1 1 f ITr fff 

h«Und. Zunge reinigt sich. 7 Ti ffl ? tttt = ar ffff -~ 

Noch eine neue Roseola auf E □ o t Ife Tff' fff - -LS* KZ '' 

h* Leib. Etwas Nasen- iHfSr jf ;.t - - • • * 


bluten. 

U. Dezember: Be- 
DDden gut. Die Morgen- 
feonssionen liegen jetzt 
unter 37,0 °. 

12 . Dezember; Wi“ 
(Ul 1/700 +, 1/800,1,- 
15 Dezember: Voll- 
»Undige Entfieberung, gutes 
Allgemeinbefinden, keine 
Koaeolen, kein Meteoris- 
““*• ^ lz '»eder perkuto- 
noch palpatorisch ver- 
f Bert Weiterer Verlauf 
fieberfrei 

Im letzteren Falle 
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,Ä n entsprechend 
, Millionen Bacillen sich 
J« nngenflgend erwiesen 
d urch die höhere 


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Kurve III. 






























































104 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


os ratsam erscheinen, jeder Behandlungsserie einige 
tastende Dosierungsversuche vorausgehen zu lassen, da 
möglicherweise mit gewissen Differenzen zwischen den ein¬ 
zelnen Antigenen zu rechnen ist. 


Aus der Heilstätte für Nervenkranke Haus Schönow in Zehlendorf 
(Wsb). (Direktor: Prof. Dr. Max La ehr.) 

Die körperlichen Friihsyinptome der 
Dementia praecox 

von 

Dr. E. Breiger, 

Oberarzt im Inf.-Rgt. 85, kommandiert zur Heilstätte. 

Die körperlichen Symptome der Dementia praecox sind in 
den letzten Jahren häufig Gegenstand wissenschaftlicher Bearbei¬ 
tung gewesen. Ihre Initialerscheinungen bieten keine scharf um¬ 
schriebenen Krankheitsbilder. Fließende Uebergänge gibt es viel¬ 
mehr zu den verschiedensten Pßychosen. Ich möchte nur auf die 
nahen Beziehungen zum manisch-depressiven Irresein und zu den 
psychopathischen Konstitutionen hinweisen. Bei der Schwierigkeit, 
das Krankheitsbild abzugrenzen, war es verführerisch, nach körper¬ 
lichen Symptomen zu fahnden, welche als für Dementia praecox 
charakteristisch zur Frühdiagnose verhelfen könnten. Sie würden 
vielleicht auch zur Entscheidung der Frage, organische oder funk¬ 
tionelle Psychose, beitragen können. In den Arbeiten der letzten 
Jahre ist die Aufmerksamkeit auf verschiedene Zeichen gelenkt 
worden, deren Vorhandensein auf das Vorliegen eines in diese 
große Gruppe gehörenden Krankheitsprozesses schließen läßt. 
Während die Mehrzahl der Beobachter sich auf objektive Unter¬ 
suchungsbefunde beschränkt, zieht Tomaschny auch rein subjek¬ 
tive Beschwerden in den Kreis seiner Beobachtungen. Diese sind 
ihm schon deshalb wichtig, weil sie das Substrat zu paranoiden 
Aeußerungen bilden können. Die Mitteilungen über charakteristische 
Befunde bei der körperlichen Untersuchung Dementia-praecox- 
Kranker stammen aus Irrenanstalten und psychiatrischen Uni¬ 
versitätskliniken. In ersteren sind sie wohl größtenteils an alten 
Fällen gewonnen. Aber auch in letzteren haben sich die Unter¬ 
suchungen auf Kranke erstreckt, welche schon stärkere psychotische 
Zustandsbilder aufwiesen und deshalb sofort in eine geschlossene 
Abteilung aufgenommen waren. Es fehlen, soweit ich die Literatur 
überschaue, dagegen eingehende Berichte über Untersuchungen von 
Kranken, welche die ersten leichten Erscheinungen einer schizo¬ 
phrenen Erkrankung bieten. Aber gerade bei diesen Kranken wäre 
ein positives Ergebnis am wichtigsten. Finden sich charakte¬ 
ristische körperliche Symptome schon im ersten Beginn der Er¬ 
krankung? Die bejahende Beantwortung dieser Frage würde die 
Bedeutung dieser Befunde für die Differentialdiagnose erst in das 
rechte Licht stellen. Die Fälle von Dementia praecox, welche in 
Haus Schönow beobachtet werden, stehen zum größten Teil im 
Beginn der Erkrankung. Sie sind zumeist unter der Diagnose 
eines nervösen, neurasthenischen oder psychopathischen Krankheits¬ 
prozesses der Heilstätte überwiesen. Die eingehendere Aufnahme- 
Untersuchung ergab aber in einer Reihe von Fällen sogleich, daß 
eine Schizophrenie vorlag, was dann weitere Beobachtung be¬ 
stätigte. Bei andern Kranken war nach dem Aufnahmebefund die 
Einordnung in diese Krankheitsgruppe nicht gleich möglich, konnte 
vielmehr erst nach einiger Zeit als gesichert gelten. Es wurden 
aber anderseits auch Kranke beobachtet, wo der anfängliche Ver¬ 
dacht auf eine sich entwickelnde Dementia praecox auf Grund des 
Verhaltens während einer längeren Kur aufgegeben werden mußte. 
Es ist meines Erachtens daher von Interesse, an der Hand der 
Krankenblätter an diesen Kranken festzustellen, inwieweit bei 
ihnen körperliche Symptome feststellbar waren, und zwar Sym¬ 
ptome, welche — da von anderer Seite als pathognomonisch be¬ 
schrieben — die Diagnose erleichtern konnten. Berücksichtigt 
habe ich im ganzen 100 Kranke, welche seit 1911 hier behandelt 
wurden. 

1. Pupillenstörungen. 

Alle Untersucher dieser Frage stellen diese an erste Stelle. 
Beobachtet sind eigenartige Formveränderungen wie exzen¬ 
trische Lage, querovale Gestalt, abnorme Weite der Pupillen 
(Meyer in 10% seiner Fälle), Differenzen in der Weite und vor 
allen Dingen Störungen der Psychoreflexe an den Pupillen. Die 
Erweiterung der Pupillen bei sensiblen und psychischen Reizen, i 


der fortwährende Wechsel in der Weite der Pupillen bei Konzen¬ 
tration der Aufmerksamkeit und bei lebhafter psychischer Arbeit 
— die sogenannte Pupillenunruhe — werden bei Gesunden wohl 
fast nie vermißt. Bei Kranken mit organischen Psychosen fehlen 
dagegen diese Psychoreflexe mitunter. Nach fast einstimmigem 
Urteil aller Beobachter kommt dieses Symptom aber auflallend häufig 
bei Dementia-praecox-Kranken vor und scheint für diese in ge¬ 
wisser Hinsicht pathognomonisch zu sein. Die Häufigkeit des 
Vorkommens wird verschieden angegeben. Diese Unterschiede 
sind durch die Verschiedenheit des Beobachtungsmaterials bedingt. 
Folgende kleine Tabelle möge zur Uebersicht dienen. 


Tabelle I. 



Weller 
(126 Fälle) 

Hflbner 
(236 Fälle) 

Bumke 
(200 Fälle) 

Sioli 

(40 Fälle) 

Pförtner 

Wassermejer 
(39 Fälle; 

Pnpillon- 

40%; in 

i 

75 °'o, gering 

60% (bei 

37 mal 


15% 

anruhe 

weiteren 

in 17% 

verblödeten 

= 92,5% 



fehlend 

34*o 


Kranken 


1 



fraglich 


100%) 




vorhanden 

26% 

8% 

40% 

7,5% 

60% 



Je weiter vorgeschritten die Krankheit ist, um so häufiger 
kann man die fehlende Pupillenunruhe feststellen. Nach Burnke 
verschwindet zuerst die Unruhe der Pupillen, welche von der nie 
ruhenden psychischen Tätigkeit des Gehirns abhängig ist. Erst 
in späteren Stadien fehlt auch die Erweiterung der Pupillen 
auf psychische und sensible Reize. Die effektive Verblödung 
der Kranken soll für die Auslösung dieser Erscheinungen 
in manchen Fällen von ursächlicher Bedeutung sein. Andere 
Beobachter sehen wieder in eigenartigen Spannungszuständen der 
Irismuskulatur, welche den katatonischen Erscheinungen in der 
willkürlichen Muskulatur gleichzusetzen sind, die Erklärung. 
Neuerdings wird auch darauf aufmerksam gemacht, daß eine 
Schwäche des Vasomotoreneentrums für diese Erscheinungen 
verantwortlich gemacht werden könnte. Vasoconstriction und da¬ 
durch bedingte schlechte Ernährung oder Vasodilatation und da¬ 
durch bedingte Kompression des Okulomotoriusastes würden durch 
diese Schwäche hervorgerufen (Westphal, Reichmann). Jeden¬ 
falls seien diese Symptome, so sagen die meisten Autoren, Zeichen 
einer organischen Erkrankung. Das in den letzten Sätzen Ge¬ 
sagte gilt auch für die Erklärung der von Westphal zuerst be¬ 
schriebenen katatonischen Pupillenstarre. Westphal beobachtete 
an 18 fortgeschrittenen, meist stuporösen Kranken eine Starre der 
Pupillen, welche nicht konstant war und mit katatonischen Er¬ 
scheinungen in der willkürlichen Muskulatur kam und ging. Seine 
Befunde wurden unter andern auch von Winter bestätigt, 
welcher von 40 Kranken diese Starre oder wenigstens eine Träg¬ 
heit feststellen konnte. Sie trat mitunter erst nach einer ersten 
prompten Reaktion auf, war auffallender weise in andern Fällen ein¬ 
seitig. An die Westphal sehen Beobachtungen anknüpfend, konnte 
dann Meyer über ähnliche Störungen berichten, welche aber erst 
beim Druck auf den Uiacalpunkt auftraten, Uebt man beim ge¬ 
sunden Menschen auf die rechte Unterbauchgegend, entsprechend 
dem sogenannten Iliacalpunkt, einen Druck aus, so tritt eine 
Pupillenerweiterung ein. Prüft man bei Beibehalten des Druckes 
den Lichtreflex, so erfolgt dieser prompt. Bei Kranken mit De¬ 
mentia praecox tritt wohl auch die Erweiterung auf, in einer An¬ 
zahl von Fällen zeigen diese erweiterten Pupillen aber eine Starre 
oder Trägheit, wenn man während des Druckes den Lichtreflex 
prüft. Die bisherigen Beobachtungen der Königsberger Klinik sind 
vor kurzem in einer Arbeit von Reichmann zuBamniengefaßt. 
Die Untersuchungen erstrecken sich jetzt auf 215 Fälle, von denen 
70% Störungen der Lichtreaktion zeigten. Achtmal war die 
Westphal sehe katatonische Pupillenstarre nachweisbar. In H 
Fällen trat diese erst beim Druck auf den Uiacalpunkt auf. Der 
Konvergenzreflex war nur dreimal nicht in Ordnung. Von den 
215 Kranken trat bei 113 auf Iiiacaldruck Pupillenerweitorung 
ein. Der Lichtreflex war während des Druckes, wie schon er¬ 
wähnt, bei 14 Kranken aufgehoben, bei weiteren 25 träge. Bei 
den zur Kontrolle untersuchten Hysterischen trat in 76,9% Pu* 
pillenerweiterung auf. Der Lichtreflex war aber immer prompt. 
Von 79 Kranken mit gestörter Lichtroaktion waren 53,4% Hebe* 
phrenien, 77,71% Katatonien und 19,23% Paranoide. Eine Pu- 
pillenerWeiterung wurde in 23 Fällen auch bei starkem Hände¬ 
druck beobachtet. Während dieser Erweiterung war elfmal 
wiederum der Lichtreflex träge. Verfasserin macht wohl mit 
Recht auf die große differentialdiagnostische Bedeutung dieser Be¬ 
funde aufmerksam. 


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21 Januar. 


105 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


Diesen etwas eingehenderen Bericht über die in der Lite¬ 
ratur veröffentlichten Befunde glaubte ich bei der Bedeutung der 
Erscheinungen nicht umgehen zu können. Nur so ist ein Ver¬ 
gleich mit meinen Berechnungen möglich. Bei der Prüfung der 
Pupillenunruhe hat sich die Mehrzahl der Untersucher eines be¬ 
sonderen Apparats bedient — der Westienschen Lupe. Nur 
Pförtner meint, daß die Prüfung mit dem unbewaffneten Auge 
genüge. In Haus Schönow wurden alle Kranken im Anschluß an 
die Augenspiegeluntersuchung untersucht bei seitlicher Beleuch¬ 
tung. Die Beobachtung erfolgte ohne besonderen Apparat, da 
praktischen Wert nur solohe Befunde haben, welche ohne beson¬ 
dere Hilfsmittel erhoben werden können. Die Patienten wurden 
aufgefordert, nichts zu fixieren. Während der Untersuchung wurde 
mit ihnen über Dinge geredet, welche sie interessierten und leb¬ 
hafte Qedankentfttigkeit hervorriefen, z. B. über ihre Sorgen, ihre 
Phobien. Diese einfache Untersuchung bedingt entschieden Fehler¬ 
quellen. Bei Beobachtung mit der Westienschen Lupe wäre bei 
manchem Kranken, bei welchem geringe Unruhe notiert wurde, 
genügende oder gar lebhafte gefunden worden. Es würde also 
im gamen die Zahl der prompt reagierenden Kranken noch mehr 
gestiegen sein. Es wurde im allgemeinen nur die Pupillenunruhe 
geprüft, die Erweiterung bei den verschiedenen Reizen (z. B. 
sohmerxhaften) nur ausnahmsweise. Hierin sehe ich keinen Mangel, 
da ja die Pupillenunruhe die empfindlichste Reaktion ist, welche 
nach Bumke zuerst verloren geht. Bei 65 Kranken fanden sich 
Angaben über die Pupillenunruhe. Die Reaktion war eine leb¬ 
hafte in 34 Fällen =52,3°/ 0 , mittelstark 23 mal = 35,4%, genüg 
respektive fehlend 8 mal = 12,3%. Wurde bei Kranken mit leb¬ 
hafter oder wenigstens deutlich nachweisbarer Pupillenunruhe zur 
Kontrolle die Schmerzreaktion geprüft, so erfolgte jedesmal prompte 
Papillenerweiterung. Auf die von Meyer beschriebenen, bei 
Iliacaldruck auftretenden Pupillenstörungen wurde erst bei den 
Kranken des letzten Jahres geachtet. Die Pupillenerweiterung 
trat jedesmal ein. Aber nur ein einziges Mal konnte während 
des Druckes eine Pupillenstarre beobachtet werden. Gerade bei 
fiesem Kranken schwankte die Diagnose zwischen Schizophrenie 
und degenerativer Psychopathie. Sein psychisches Verhalten sprach 
mehr für die erster«. Der weitere Verlauf muß lehren, ob dieses 
richtig und, ob dennoch in diesem körperlichen Zeichen ein Früh¬ 
symptom der Erkrankung zu erblicken war. Von Anomalien der 
Popillen seien außerdem erwähnt: auffallende Weite 8 mal, quer¬ 
ovale Gestalt 3 mal, exzentrische Lage 1 mal, Differenz 3 mal, ver¬ 
logene Papillen ebenfalls 3 mal. Eine paradoxe Konvergenzreaktion 
worde einmal erwähnt. Der Lichtreflex erwies sich in vier Fällen 
bei gewöhnlicher Prüfung als träge. Von den Kranken mit einer 
Anomalie der Pupillenform scheint mir einer besonders er¬ 
wähnenswert. 

Es handelte «ich nm einen 26 jährigen Kranken, der schon in seiner 
Scbnlieit nervöse, vorwiegend depressive Symptome gezeigt hatte. Später 
KMjterte er infolge stärkerer „nervöser“ Erscheinungen im Studium, 
JJ™ schließlich Photograph. Auch in diesem Berufe leistete er wenig, 
Maß sein Chef ihn häufiger tadeln mußte. Kurz vor seiner Aufnahme 
aatw ff eisen Dämmerzustand durch gemacht, war in diesem von Genua 
weh Helgoland und dann nach Berlin gefahren. Er wurde in seiner 
wotmung m Berlin nach einigen Tagen wieder klar und zeigte für die 
«n des Umherreiiens — zirka 14 Tage — fast völlige Amnesie. In 
Jim* ochönow war Patient fast ein Jahr. Sein psychisches Verhalten 
•wn an der Diagnose keine Zweifel Aufkommen 1 )- Dieser Kranke bot nun 
Sit .^voehenweise eine Ungleichheit der Pupillen, und zwar war 
Sf ha« größer als die rechte. Mitunter verschwand die Ungleich- 
w wiürend der Beobachtung. Dabei zeigte das Auftreten dieses Sym- 
(wni Mine Abhängigkeit von einem verstärkten Hervortreten der fibrigen 
^e^rschemungen. Es wurde vielmehr gegen Schluß der Beband- 
mg, au das Befinden des Kranken ein bedeutend besseres war, kon- 
in *nw «p ? r ÄDI ff e Prilgt gefunden. Katatonische Erscheinungen 

j lc ^ en ^ M ÄuIatur waren auch nicht nachzu weisen. Es 
du Zau. 8100 . f*?K en um einen starken Vasomotoriker. Einmal schien 
- „JT“ ch Anschluß an eine Aufregung — Tod der Großmutter 
«»wickelt zq haben. 

begnü r ^‘ U ^ Z ^ U11 £ ^ er Befunde möchte ich mich an dieser 


2. Sehnen- nnd Hautreflexe. 
u._ J^ 9 Bedeutung kommt den Reflexstörungen nicht zu. 

ggj j k fÖ%i Pförtner bei % seiner Kranken eine Stei- 
j’rcsg der P atellarreflexe. An den Übrigen Sehnenreflexen war 

sind jetzt fast zwei Jahre verflossen. Die 
richhmg in dsuVoide^Sd. anrzeit eine paranoide Gedanken- 


diese schon nicht so häufig. Mitunter konnten gesteigerte Re¬ 
flexe an den Sehnen neben schwachen Hautreflexen von Meyer 
beobachtet werden. Nach Pförtner ist von letzteren der Bauch¬ 
reflex noch am meisten gesteigert, und zwar in 50%. Auch 
Gaumen- und Rachenreflexe können lebhaft sein. Gelegentlich ist 
eine einseitige Steigerung zu konstatieren (Pförtner). Eine Her¬ 
absetzung der Sehnenreflexe ist nach Meyer selten. Knapp hat 
dagegen Bogar ein Fehlen des Patellarreflexes häufiger beobachtet. 
Das Babinskische Phänomen fehlte stets. Nachstehende Tabelle 
orientiert am schnellsten über meine Befunde. 

_ Tabelle IL _ 

| gesteigert j mittel I Gering 

Pror.ent i Prozent Prozent 

Haut- und Schleimhnutreflexe.I 47 1 4 H 6 

Reflexe an den Armen. 4 5 50 5 

Reflexe an den Beinen .| 48 | 43 5 

Diese Tabelle ergibt ein im allgemeinen gleiehos Verhalten 
der Haut- und Sehnenreflexe. 


8. Verhalten der Sensibilität. 

Auch hier fehlen charakteristische Befunde. Tomaschny 
erwähnt von rein subjektiven Symptomen das Auftreten von 
mannigfachen Parästhesien und das Vorkommen von Schmerz¬ 
anfällen, z. B. eines neuralgischen Schmerzes im Quintus. Auch 
Kopfschmerzen wechselnden Charakters sind häufig. Meyer, 
Knapp und Ziehen machen auf hypästhetische und hypalgische 
Erscheinungen aufmerksam, welche oft einen transitorischen Cha¬ 
rakter haben. Pförtner konnte diese Angaben an seinem Ma¬ 
terial dagegen nicht bestätigen. Bei meinen Kranken habe ich 
vor allen Dingen nachgeforscht, ob sich in den Krankengeschichten 
Angaben über die psychische Reaktion auf Berührungen und vor 
allen Dingen auf schmerzhafte Reize wie Stiche vorfanden. Bei 
83 Fällen waren dementsprechende Notizen vorhanden. Von diesen 
83 Kranken war die Reaktion bei 7,2% gering, bei 43,5°/ 0 mittel, 
bei 49,3 % lebhaft und von diesen 49,3% wieder bei 27,7% auf¬ 
fallend lebhaft. 

4. Vasomotorische Störungen. 

Vasomotorische Störungen der verschiedensten Art sind be¬ 
schrieben worden, so unter andern von Tomaschny, Meyer, 
Knapp, Pförtner, Baller, Herzog. Ihnen kommt nach allem 
eine große Bedeutung zu. Unter Umständen können sie difleren- 
tialdiagnostischen Wert erlangen. So fand Baller unter 93 Kranken 
mit Oedemen und cyanotischen Erscheinungen, bei denen eine 
körperliche Erkrankung, wie Herzfehler, Varicen, ausgeschaltet 
werden konnte, 90 Hebephreniker. Man könne deshalb beinahe 
beim Gange durch eine psychiatrische Station am Vorhandensein 
ausgeprägter derartiger Symptome eine Vermutungsdiagnose stellen. 
Auch Knapp weist auf die differentialdiagnostische Bedeutung 
hin. Die Ursache dieser Störungen wird in zwei Momenten ge¬ 
sehen. Einmal soll es sich um Spannungserscheinungen in der 
glatten Muskulatur der Gefäße handeln, ähnlich denjenigen, welche 
an der willkürlichen Muskulatur beobachtet werden (Baller). 
Anderseits wird eine Störung des vasomotorischen Centralapparats, 
eine Gefäßlähmung inneren Ursprungs, angenommen (Pförtner)! 
In beiden Fällen wird also eine ähnliche Erklärung wie für die 
Störungen an den Pupillen gesucht. Herzog macht noch darauf 
aufmerksam, daß nicht immer ein speciüscher Krankheitsprozeß 
vorliegen muß, daß vielmehr in einer Reihe von Fällen rein psy¬ 
chische Faktoren als ursächliches Moment in Frage kommen. 
Auffallend ist immerhin, daß bei Kranken mit ausgesprochenen 
katatonischen Erscheinungen vasomotorische Symptome am häufigsten 
und am ausgeprägtesten zu konstatieren sind. 

Im einzelnen wurden beobachtet: starke Dermographie, Cya- 
nose, Erytheme, kalte, feuchte Extremitäten, Oedeme. Namentlich 
die Erytheme hatten oft einen transitorischen Charakter. Bei 
dem innigen Zusammenhänge zwischen vasomotorischem System 
und Drüsentätigkeit ist es erklärlich, daß auch diese bei den hier 
in Erörterung stehenden Krankheitsprozessen mitunter pathologi¬ 
schen Charakter trägt. So erwähnt Tomaschny reichliche 
Schweißabsonderung bei katatonischen Haltungen und sieht in ihr 
eine Folge der großen Muskelanstrengung. Auch Pförtner beob¬ 
achtete lebhaftes Schwitzen, aber nur bei ängstlich erregten 
Kranken. Es sei eine Folge des psychischen Zustandes. Ferner 
wird berichtet von übermäßiger Speichel- und Tränensekretion. 
Auch in den mir zur Verfügung stehenden Krankengeschichten fand 


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sich eine Reihe subjektiver Beschwerden, welche ihre Entstehung 
vasomotorischen Störungen verdankten. Die Patienten hatten über 
Brennen im Körper, Kälteschauer im Rücken, über Frösteln, Über 
Blutandrang zum Kopfe mit Schwindelgefühl, über kalte Hände 
uud Füße, über leichtes und starkes Schwitzen geklagt. Ent¬ 
sprechend diesen Angaben fanden sich auch bei der objektiven 
Untersuchung dementsprechende Erscheinungen. Ich möchte einige 
erwähnen: schnell eintretendes, stark ausgeprägtes und lange an¬ 
haltendes Hautnachröten bei mechanischer Reizung, Blutandrang 
zum Kopfe, kühle, feuchte Extremitäten, Schweißabsonderung aus 
den Achselhöhlen während der Untersuchung. Bei einer Kranken 
trat bei jeder Untersuchung neben einem Erythema pudoris im 
Gesicht auf der Brust eine scharf umschriebene, unregelmäßig ge¬ 


formte Rötung auf, und zwar jedesmal an derselben Stelle. Eine 
andere Patientin mit starken subjektiven und objektiven vasomo¬ 
torischen Erscheinungen bekam, sobald sie aufgeregt war, im Ge¬ 
sichte, namentlich in der Ohrgegend, aber auch an der Brust, 
scharf umschriebene, abgezirkelte, bis fünfmarkstückgroße, inten¬ 
siv gerötete Flecken. In den befallenen Stellen trat starkes Hitze¬ 
gefühl auf. Mit Nachlassen der Erregung verschwinden auch die 
Flecken. 

Im ganzen fand ich bei 88 Kranken einwandfreie Angaben 
über die eben beschriebenen Störungen. Die vasomotorische Er¬ 
regbarkeit war in diesen 88 Fällen: 1. in 68,7% lebhaft aus¬ 
geprägt, und zwar in 44.6% ganz auffallend stark ausgebildet, 
2. in 25,3 % mittelstark und 3. in 6,0% gering. (Schluß folgt.) 


Aus der Praxis für die Praxis. 


Röntgenologische Ortsbestimmung bei Fremdkörpern 
im Knochen 
von 

Dr. Krnmmacher, Ibbenbüen. 

Zu den brennenden Tagesfragen der Aerzte, insbesondere der¬ 
jenigen, die infolge der vielen Reservelazarette „Kriegschirurgen“ ge¬ 
worden sind, gehört unzweifelhaft die Frage nach der sichersten Methode, 
Fremdkörper za finden und za entfernen. Sehr vielen Kollegen wird es 
gegangen sein wie mir auch, daß sie glaubten, eine Röntgenaufnahme 
genüge, und daß sie ihren Zweck doch nicht erreicht haben. Inzwischen 
hat Dr. Nordmann in seinem „Praktikum der Chirurgie“ eine Methode 
angegeben, die wohl selten im Stiche lassen wird. Ueber einen ähnlichen 


Vorschlag des Dr. Hartert (Tübingen) bringt die Nummer der M. El 
ein Referat ans der M. m. W. Aber wie soll man verfahren, wenn der 
Fremdkörper im Knochen sitzt? Vor einigen Wochen bekam ich einen 
Fall in Behandlung, wo die Kugel in der Tibia dicht unter dem knorp- 
lichen Ueberzuge des Kniegelenks saß. Anderweitig war bereits ein ver¬ 
geblicher Versuch gemacht worden. Da das Einstechen von Insekten¬ 
nadeln von vornherein anssichtslos war, so habe ich mich eines Stein¬ 
mann sehen Nagels („beidseitig perforierender Nagel“) bedient, den ich 
leicht, ohne Hantschnitt, mit dem von ihm konstruierten Handgriffe vor 
dem Röntgenschirme bis an den Fremdkörper heranbringen konnte. 
Meines Erachtens ist die Methode sicher, wenn es möglich ist, den 
betreffenden Körperteil in passender Stellung vor den Schirm zu 
bringen. 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr, 1 and 2 . 

Nr. 1. Kirchner (Berlin): Der Krieg und die Aerzte. Von den 
Errungenschaften der jüngsten Zeit, die dem Arzt im Kriege zugute 
kommen, verdienen besonders die Verbesserung der Wundbehandlung 
nnd das Röntgenverfahren hervorgehoben zn werden. Während die 
Wundbehandlung in nnsern früheren großen Kriegen noch viel zn 
wünschen übrig ließ, kann der Arzt von heute die großen Errungen¬ 
schaften der modernen Wundbehandlung als etwas Selbstverständliches 
ansehen and sich zur Diagnostik des wertvollen Hilfsmittels der Röntgen- 
dnrchleuchtung bedienen. Neben der Chirurgie ist besonders die Hygiene 
für den Feldarzt wichtig. Die Schutzimpfung gegen Cholera und Typhus 
hat die Morbidität dieser Krankheiten wesentlich erniedrigt. Vor edlem 
aber ist die Leistungsfähigkeit auf militärärztlichem Gebiet dnreh die 
glänzende Organisation des Heeressanitätswesens wesentlich gefördert 
worden. Die Fürsorge für unsere verwundeten and kranken Soldaten ist 
von der Front bis in die heimischen Lazarette ausgezeichnet geregelt 
Nicht nnr die Leistungsfähigkeit des Feldarztes ist größer geworden, 
sondern seine Tätigkeit ist anch erheblich gefährlicher geworden, beson¬ 
ders da unsere Gegner bedauerlicherweise die Genfer Konvention vielfach 
unbeachtet lassen. Als Mangel neben diesen Vorzügen ist die allzngroße 
Spezialisierung eines Teils der Aerzteschaft nnd die anzureichende 
militärärztliche Ausbildung der Aerzte des Beurlanbtenstandes zn nennen. 
Wie der Offizier, so dürfte auch der Sanitätsoffizier des Benrlanbten- 
standes künftig wiederholt zu Uebungen einzuziehen sein. 

Tonton (Wiesbaden): Geschlechtsleben nnd Geschlechtskranke 
beiten ln den Heeren, im Kriege and Frieden. Die sorgfältige Arbeit 
gibt einen historischen Ueberblick über diesen Stoff Mb zur Neuzeit, aus 
welchem hervorgeht, daß man die Trennung von Prostitution nnd Heeren 
im Frieden wie im Kriege als aussichtslos aufgeben soll, nnd daß es 
sich nur darum handeln kann, durch planmäßige hygienische Maßregeln 
ihren drohenden Gefahren zn begegnen. (Fortsetzung folgt.) 

Krüger-Franke (Kottbns): Ueber troppenftrztliche Erfahrun¬ 
gen ln der Schlacht. Bericht über sanitätstaktische und ärztliche Ma߬ 
nahmen, über die Anlage von Trnppenverbandsplätzen und die ärztliche 
Tätigkeit des Truppenarztes, welcher sich aller chirurgischen Eingriffe 
nach Möglichkeit enthalten soll. Es werden die Grundsätze der Des¬ 
infektion und der ersten ärztlichen Versorgung sowie des Abtransports 
der Verwundeten erörtert 

Hirschfeld and Dünner (Berlin): Znr Differentialdiagnose 
zwischen Sepsis und akuter Leukämie. Das Wesen des leukämischen 
Prozesses beruht nicht auf der meist vorhandenen starken Vermehrung 
der Leukocyten nnd dem Auftreten mehr oder weniger zahlreicher patholo¬ 
gischer Leukocyten, sondern auf den krankhaften Wucheruogsvorgängen 


in den blutbildenden Organen. Bericht über einen Fall aknter Leukämie, 
welcher dauernd mit Leukopenie einherging, und bei welchem die Diffe¬ 
rentialdiagnose gegen Sepsis Schwierigkeiten machte. Die richtige 
Diagnose war möglich wegen einer nekrotisch-nlcerösen Mundschleimhaut- 
affektion. Die Blutkultur fiel negativ aus. 

Westenhofer (Berlin): Ueber dyspnolsche Kontssions- 

pneumonle. Der Verfasser tritt in seinem Gutachten dafür ein, daß 
die Kontusion des Brustkorbs, besonders wenn sie mit Rippenbrnch 
einhergeht, dnreh die dadurch bedingte Funktionsstörung disponierend 
für eine Lungenentzündung auf der gleichen Seite wirken kann. Wir 
dürfen in solchen Fällen nicht nnr in den kleinen Blutungen des Langen- 
gewebes, sondern auch in den gleichzeitigen Atmuugsstörungen du 
prädisponierende Moment zum Zustandekommen der Lungenentsündang 
erblicken. 

Kling (Stockholm): Technik der Sehutstmpfiing gegen Ysri- 
cellen. Die Impfung mit Varicellenlymphe wird mit einer gewöhnlichen 
Impflanzette ausgeführt, die nicht zu scharf sein darf. Die Spitze wird 
in das Windpockenbläschen eingeführt, wobei die klare Lymphe heraus- 
fließt nnd die Spitze benetzt. Die Haut auf dem Impffelde wird ge¬ 
spannt and man macht non einige leichte Einstiche in die Haut, wobei 
man es vermeidet, die Lanzette so tief einzuführen, daß es zu ein« 
Blutung kommt. 

Kafka (Hamburg): Ueber Noguchis Lnettnreaktton mit beson¬ 
derer Berücksichtigung der Spätlues des Centralnervensystems. 
Die Arbeit zeigt, wie die Luetinreaktion uns nicht nur diagnostische 
Anhaltspunkte bietet, sondern auch geeignet sein kann, wegweisend in 
die viel verschlungenen Pfade der menschlichen Lnes einzngreifen. Die 
progressive Paralyse nimmt auch hier eine Sonderstellung ein. Die 
Luetinreaktion wird ans für ihre frühzeitige Erkennung gute Dienste 
leisten, denn wenn wir sie in den verschiedenen Stadien der Lnes 
parallel mit der Wassermannschen Reaktion verwenden, wird sie uns 
zeigen könneD, wann bei noch bestehender serologischer Reaktion die 
durch die Luetinreaktion charakterisierte cellnläre Immunität des Körpers 
zn schwinden beginnt. 

Nr. 2. Oppenheimer (Berlin-Gronewald): Die Anpassung 4®* 
deutschenTolkscrnlhrung an die Kriegslage. Einer der wichtigsten Pläne 
unserer Gegner im gegenwärtigen Krieg ist der, uns durch Sperrung 
unserer Grenzen and überseeischen Verbindungen die Nahrangszufuhr abzn- 
schneiden, ein Plan, der auf den ersten Blick außerordentlich bedrohlich 
su sein scheint. Die Gefahr einer Aushungerung ist indessen tatsächlich 
{ gegenstandslos, wenn jeder einzelne im dentschen Volke soviel Ver¬ 
antwortungsgefühl beweist, daß er sich für seine Person und seine Um- 
I gebung den notwendigen Anpassungsmaßnahmen fügt, und wenn 


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Idm Aber sparsames Wirtschaften befolgt werden. Wenn men den 
berechneten physiologischen Bedarf als Maßstab nimmt, so würde die 
Somme der zukünftig erzeugten Nährwerte den Gesamtbedarf immer 
noch um 19% übertreffen, während allerdings die Eiweißprodnktion am 
3°/i hinter unierm bisherigen Bedürfe zurückbleibt Die wichtigste aller 
gjniehr&nkungsmaßregeln ist ohne jeden Zweifel die Einschränkung der 
Yiehmlitung and das vorzeitige Abschlachten von Vieh, um Futtermittel 
io ersparen. (Schloß folgt) 

Magnas-Levy (Berlin): Ueber leidste Hcrzveränderungeu bei 
Eriegiteiliehinern. Vielfach finden wir bei Feldzngsteilnehmem die 
Encheinongen einer leichten Mitralklappeninsuffizienz, zuweilen verbunden 
mit einem geringen Grade von Stenose. Wenn man von den Fällen ab- 
seht, bei denen diese Veränderungen schon vor dem Feldzuge bestanden 
hsben, konnte man als Erklärung an infektiöse Momente oder an physi¬ 
kalische Vorgänge am Herzmuskel und seinem Klappenapparat als Folge 
der dauernden Ueberanstrengung denken, eine Anschauung, welche Ver¬ 
fasser für die meisten dieser Fälle für zutreffend hält 

Kleinschmidt (Berlin): Ueber die Calcariurie der Kinder. 
Ali Calcsriorie (Phosphaturie) bezeichnet man die daroh längere Zeit 
hindurch mit einiger Konstanz bestehende Ausscheidung eines trüben, oft 
milchig getrübten Harns, der beim Sedimentieren einen weißen, aus 
kohlenssarem und phosphorsaurem Kalke zusammengesetzten Niederschlag 
erkennen läßt Dieses Symptom ist so auffallend, daß es dem Laien 
selbst nicht zn entgehen pflegt und es wird daher oft genug zur direkten 
Veranlassung einer ärztlichen Konsultation. Dabei zeigt sich nun, daß 
dis Leiden in ärztlichen Kreisen nicht genügend bekannt ist, zum min¬ 
derten aber in der Beurteilung und Behandlung Schwierigkeiten bereitet. 
Die Calcsriorie besteht wie eine Reihe von Stoflwechseluntersuchungen 
gelehrt haben, in einer Vermehrung der Kalkausscheidung durch den 
Hirn, während sich die Phosphorsäaremenge in normalen Grenzen hält. 
Zar Erklärung der Sedimentbildung hat man die gleichzeitige Vermin¬ 
derung der Acidität mit verantwortlich gemacht. Es ist aber, da die 
Bildung des Sediments auch im schwach sauren Harne beobachtet wird, 
eine Kolloidentziehung des Harnes, wie sie die Bildung des Oberflächen- 
hlutchens darstellt notwendig, um ein Ausfallen der Kalksalze zn be¬ 
wirken. Die C&lcariurie ist von gewissen allgemeinen Erscheinungen 
neurogener Natur begleitet Auch nach den Beobachtungen des Ver¬ 
fallen zeigten solche Kinder von frühester Jugend au die charakteristi- 
ichen Züge des Neuropathen. Die nervösen Symptome sind die Mani¬ 
festationen einer konstitutionellen Anomalie und bleiben bestehen, gleich¬ 
gültig, ob die Calcariurie verschwindnt oder nicht Höchstens in der 
Form oder Lokalisation der Symptome ist ein Wechsel möglich. Als 
wirksamstes Mittel zur Beseitigung der Calcariurie bewährte sich der 
Wechsel der Umgebung des Kindes. Die Calcariurie würde nicht allein 
stehen als Stoffwechsel- und Sekretionsanomalie, die in Abhängigkeit 
Tom Nervensystem zu deukeu ist. Wir kennen mancherlei Störungen, 
insbesondere der Drüsen mit innerer und äußerer Sekretion, die sieb 
unter nervösem Einfluß entwickeln. Ihr Zustandekommen im einzelnen 
tu erklären, sind wir jedoch vorläufig außerstande. 

fiothmann (Berlin): Ueber familiäres Vorkommen von Fried- 
rekkseker Ataxie, Myxödem und Zwergwuchs. Die Frage der inneren 
Sekretion spielt besonders auf dem Gebiete der Neurologie eine Rolle, 
di wir wissen, daß innige Beziehungen der Funktion des Centralnerven- 
lyrtems, vor allem des Gehirns, zu den Funktionen der Schilddrüse, der 
Nebennieren, des Pankreas, der Leber, vor allem aber auch der beiden 
.Himdrüsen“, Epiphyse und Hypophyse bestehen. Verfasser teilt drei 
Fälle von familiärem Vorkommen von Friedreich scher Ataxie, Myx- 
üdem and Zwergwuchs mit, aus denen hervorgeht, daß von dem Stadium 
der Störungen der Drüsen mit innerer Sekretion ans allmählich Licht 
uf die bisher so dunkle Aetiologie einer Reihe von chronischen Nerven- 
kraakheiten, vor allem auch auf dem Gebiete der Heredodegenerationen, 
Men dürfte. 

Ton ton (Wiesbaden): Geschlechtsleben und Geschleehtskrank- 
beltes ln den Heeren im Kriege und Frieden. Verfasser gibt einen 

nur rein ärztlich, gondera auch psychologisch interessanten Ueber- 
bück über den Geschlechtstrieb und das Geschlechtsleben im Kriege, so¬ 
wohl was die kämpfenden Trappen als auch die Zurück bleib enden be¬ 
kifft, und betont, daß in den Anstrengnngen, Entbehrungen und starken 
Affekten, welche der Krieg mit sich bringt, eine der wesentlichsten 
Hemmungen des Geschlechtslebens zu erblicken ist, während die Trappen 
m eroberten Städten ganz besonders den Gefahren der Infektion aus- 
ffrwfcrt sind. Er bespricht ferner die Entstehung und Bedeutung 
sadistischer und masochistischer Neigungen. (Fortsetzung folgt.) 

Wolff (Berlin): Ein Beitrag zur Beurteilung von HarzlÖsnngen 
1« Verbände. Wenn auch über die Verwendbarkeit von Harzlösnngen 
? ' ?ef bbrien nur der Erfolg am Kranken entscheidet, so hat doch der 
taeiniker die Grundlage für die Entscheidung der Frage nach der Nütz¬ 


lichkeit der Harzlösnngen zu liefern. Die Arbeit bringt auf Grund einer 
objektiven und brauchbaren VergleichBmethode einen wertvollen Beitrag 
zur Beurteilung von Harzlösungen für Verbände. Die Vermehrung der 
anfgestrichenen Harzmengen bedingt durchaus nicht eine Erhöhung der 
Festigkeit. Vielmehr ist — bis za einer gewissen Grenze ^natürlich — 
das Gegenteil der Fall. Bei dünnen Aufstrichen wird das Benzol so 
rasch verdunsten, daß es zn einer Hautreizung nicht kommen kann. 
Geringe Anteile des Benzols werden auch in der Harzschicht so fest- 
gehalten, daß sie nicht in die Haut eindringen können und daher nicht 
bo >ta k wirken wie reines Benzol für sich. Ob es zweckmäßig erscheint, 
das Mastisol, welches sich praktisch in längerer Anwendungszeit und 
auch im jetzigen Kriege bewährt hat, durch weniger gut erprobte Mittel 
zu ersetzen, ist sehr zweifelhaft Ersatzmittel sollten aber nur dann 
vorgeschlagen werden, wenn objektive Klebkraftprüfungen and lang« 
Beobachtungsdaner in der Praxis einen Vorzug zu ergeben scheinen. 

Reckzeh 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 2. 

P. Schmidt (Gießen): Ueber eine Modifikation der Gallen- 
vorkultur zur Züchtung von Typhusbacillen aus Blut. Sie dient znr 
innigen Vermischung des Bluts mit der Galle, worauf es sehr ankommt, 
wenn die Galle ihre gerinnongshemmende, blutlos ende und kom- 
plementbindende Wirkung voll entfalten soll. 

Ernst von der Porten (Hamburg): Zur Behandlung des De¬ 
lirium tremens mit Yeronäl. Auf Grund einer Statistik Über 382 Fälle 
mit einer Mortalität von 5,49% hält der Verfasser zu obigem Zwecke 
das Veronal für das geeignetste Mittel, Morphin und Skopolamin (Hyoscin) 
aber für angeeignet. Denn Veronal greift, ebenso wie Chloroform und 
Aether, zunächst das Großhirn, dann das Rückenmark und erst zuletzt 
die Medulla oblongata an (das Morphium aber greift die Medulla oblon- 
gata bereits an, ehe eine Wirkung auf das Rückenmark st&ttfindet. Auch 
das Hyoscin greift nacheinander die Centren der Hirnrinde, der Mednlla 
oblongata und erst in dritter Linie das Rückenmark an). Gleich nach 
der Auf nähme bekommt nun der Patient 1 g Veronalnatrium, in warmem 
Tee gelöst, ein oder zwei Stunden später bereits das zweite Gramm. 
Wird das Veronal nicht per os genommen, so gibt man es als Medin&l 
in Zäpfchen. Diese Methode ist besonders gegenüber den Dauerbädern 
zu empfehlen, die bei Deliranten zur Abkühlung der Haut (Blutdrack- 
senkung! Pneumonien!) führen müssen. 

Leonhard Voigt (Hamburg): Die Brauchbarkeit des mit Aether 
behandelten Kubpockenlmpfstoffs. Eine solche Vaccine an Stelle der 
bisher überall gebräuchlichen Glycerinlymphe ist nach Versuchen des Ver¬ 
fassers unbrauchbar, da sie weder einen ausreichend haftsicheren, noch 
einen dauerhaft auf bewahrbaren, noch bequem verimpfbaren, noch auch 
erträglich billigen Impfstoff bietet. 

W. Weintrand (Wiesbaden): Ueber Fonabislt, nebst Bemer¬ 
kungen über die Wirkung von Suggestivmitteln. Scharfe Kritik des 
Fonabisits (10°/ o ige Lösung von Formaldehyd-Natrium bisulfit), das als 
durchaus wertlos bezeichnet wird und nur als Snggestivmittel wirkt. Bei 
dieser Gelegenheit weist der Verfasser auf die von Martins vorge¬ 
schlagene Bezeichnung der legitimen und illegitimen Schmerzen hin. 
Wird die Schmerzempfindnng durch einen abnormen Reizvorgang von 
genügender Stärke in der Peripherie aasgelöst, so liegt ein legitimer 
(wirklicher, echter) Schmerz vor. Sonst sind die Schmerzen illegitim 
(neurasthenisch, psychogen). 

H. Töpfer: Der transportable Streck verband. Er enthält Zag 
and Gegenzng in sich selbst, wobei der Zug nicht erst durch ein außer¬ 
halb gelegenes Gewicht hervorgerufen wird. Der Verfasser erreicht die 
entgegengesetzt gerichteten Züge dadnreh, daß er Streifen oder Zügel 
von Köper binden (sehr haltbar) ober- und unterhalb der Bruchstelle mit 
Mastisol auf die Haut klebt, die proximalen Streifen an das eine Ende 
einer Cramerschiene anknüpft and den distalen Steigbügel mittels einer 
Flügelschraube, die beliebig zu verstellen ist und durch die Sprossen 
des andern umgebogenen Endes der Schiene gelegt wird, fest anzieht. 
Die für die verschiedenen Brüche genau beschriebene Technik dieses 
Streckverbandes kann sich jeder Arzt aneignen. Der Verband kann auch 
schon anf dem Hauptverbandplatz angelegt werden. Der Material¬ 
verbrauch, besonders der an Watte, ist geringer als der beim Schienen¬ 
verband. Ein Hauptvorzug besteht darin, daß die Wunden so oft wie 
nötig verbanden werden können, ohne daß die Rnhigstellung des Glieds 
gestört wird. Durch die Flügelschraube, die öfter angezogen werden 
muß, kann ein kräftiger Zug ansgeübt und dadurch die Verschiebung der 
gebrochenen Knochenenden wieder ausgeglichen werden. Wird die 
Flügelschraube aufmerksam verstellt, so sind Zug und Gegenzog gleich¬ 
mäßig und es kann die Zugkraft durch unruhige oder schlechte Lage 
des Patienten nicht aufgehoben werden. Mit Heftpflaster, dessen Klebe¬ 
kraft besonders unter den Witterungseinfiossen im Felde sehr ver- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


schieden ist, lassen sich so starke Gegenzüge wie mit Hilfe des Mastisols 
nicht erreichen. 

Engen Schnitze (Berlin): Asepsis and Imputation Im Kriege* 
Bei decrepiden Verwundeten macht der Verfasser die line&re Amputation. 
Bei jeder Operation stets ausgiebige Drainage, höchstens drei Nähte. Es 
war auffallend, wie gut dabei die Wundränder aneinanderkamen. Das 
Glied wurde rasiert 'und gejodet (bisher kein Ekzem 1). Bei infizierten 
Wunden ist ein genügend fixierender Verband dringend erforderlich. Die 
Indikationen zur Amputation werden angegeben. Zur Tetanusinfektion be¬ 
merkt der Verfasser, d&fi bei feuchtem Wetter, wenn die Verwundeten 
mit Lehm und Schmutz bedeckt ankamen, häufiger Tetanus beobachtet 
wurde, bei trockenem Wetter aber kein Fall mehr. 

Fritz Colley (Insterburg): Leichte Epityphlltis als Folge 
eines Streifschusses. Ein gesunder Mann bekam einen rechtsseitigen 
Bauchschuß und danach eine eitrige Peritonitis, die zum Tode führte. 
Rechts waren zwei erbsengroße Wundöffnungen, und zwar eine im 
sechsten, eine im siebenten Intercostalraume nachweisbar. Sie wurden 
für Einschüsse gehalten (Ausschüsse fehlten). Die Sektion ergab aber: 
Die beiden Schuß Verletzungen hatten die Baach wand gar nicht durch¬ 
schlagen, es handelte sich nur um oberflächliche Streifschüsse. Daher 
lag keine Verletzung innerer Organe vor. Die diffuse eitrige Peritonitis 
hatte ihren Ursprung in einer brandigen Epityphlitis. Der Wurmfort¬ 
satz lag gangränös im kleinen Becken, war perforiert. Eine Gerlach- 
sche Klappe war auch nicht andeutungsweise zu konstatieren. Die 
Dünndarmschlingen in der rechten Unterbauchgegend waren organisch 
und mittels fester Bänder miteinander verwachsen. Es hatte also seit 
Jahren eine chronische Epityphlitis bestanden. Wahrscheinlich hatte der 
gewaltige Stoß bei der Schußverletzung die schon im Wurme vorhandene 
brandige Stelle zum Platzen gebracht. 

C. S. Engel (Berlin): Chlortorfkissen als antUepttsohe Ver- 
bandstoffisparer. Mit Chlor imprägnierter Torfmull wird in dichtporige, 
aus Nessel bestehende Säckchen gefüllt. Chlortorf ist bactericid und 
saugt etwa das Zehnfache seines Eigengewichts an Flüssigkeit aut. Da 
engmaschige Leinwand als Umhüllung dient, macht man sich frei von 
der Importbaumwolle. Chlortorf wirkt auch desodorierend. 

Fr. Croner (Berlin): Die Beseitigung und .Desinfektion der 
Abfallstoffe im Felde. Betont wird unter anderm: Eine Desinfektion 
des abgesetzten Kots ist im allgemeinen nicht erforderlich. Sollte dies 
infolge zahlreicher Darmerkrankungen doch nötig sein, so empfiehlt Bich 
in erster Linie die Anwendung von Kalkmilch (ein Drittel Kalkmilch auf 
den Gesamtinhalt der Grube). Neben jeder Latrine ist ein Gefäß mit 
3%prozentiger Kresolseifenlösung zur Reimgang der Hände aufzustellen. 
Sind die Latrinengräben zu drei Vierteln mit Kot angefüllt, so sollen sie 
mit Erde zugeschüttet werden. Bei BelagerungBheeren, wo die Mann¬ 
schaften wochen- und monatelang in ihren Stellungen liegen, ist die Ab* 
fuhr der Fäkalien in geregelte Bahnen zu leiten, und zwar durch eine 
Art Tonnensystem (z. B. Eimer, Kisten mit Blecheinsatz). Die Abort¬ 
sitze müssen mit Deckeln verschließbar sein. Vor Ingebrauchnahme wird 
jede Tonne mit 10%iger Kresolseifenlösung gefüllt. Auf die Ab¬ 
gänge ist zweckmäßig von jedem Mann eine Schaufel Chlorkalk zu 
werfen. Die Abfälle von Küchen und Schlachtplätzen werden vergraben 
oder verbrannt. Auch der Pferdedung, der leicht verweht wird, ist zu 
verbrennen. Bei der Beerdigung der Toten soll die Sohle des Grabs 
über dem Grundwasserspiegel liegen. Die Tiefe der Grube soll ungefähr 
2 m betragen. Es sollen höchstens sechs Leichen nebeneinander in eine 
Grube gebettet werden (Massengrab). Werden die Vorschriften, beson¬ 
ders über die Tiefe der Grube, nicht sorgfältig beachtet, so können unter 
Umständen im nächsten Frühjahre, wenn durch die Schneeschmelze der 
Boden aufgewühlt ist, die Leichen wieder an die Oberfläche gelangen. Für 
die Beseitigung der gefallenen Tiere gelten ähnliche Bestimmungen wie 
für die Bestattung der menschlichen Leichen. Die Kadaver sollen 1 m 
hoch mit Erde bedeckt werden, nachdem sie vorher mit gebranntem Kalke 
bestreut worden sind. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915 * Nr. 2 . 

R. Emmerich und 0. Loew: Weitere Mitteilungen über er¬ 
folgreiche Behandlungen des Heuflebers. Kalksalze (Chlorcalcium) 
erhöhen die Funktionen des kalkbedürftigen Zellkerns (der Drüsen, 
Muskeln, Ganglienzellen, Leukocyten) und damit die Widerstandsfähigkeit 
gegen krankmachende Einflüsse. Kalksalze setzen ferner die gesteigerte 
Erregbarkeit der Nerven, die die Ni es an fälle usw. auslösen, herab. 
Die Verfasser berichten zunächst über fünf Fälle, die nach längerer 
Chlorcalciumbehandlung auch im zweiten Sommer frei von Heufieber- 
erscheinungen geblieben waren, ferner über einige neue Beobachtungen. 
Die Dosis des Mittels ist folgende: Von einer Lösung von 100 g kiystalli- 
siertem Chlorcalcium in einem halben Liter destillierten Wassers werden 


drei Teelöffel im Laufe des Tags stets zum Essen genommen, ent¬ 
sprechend 3 g krystallisiertem Chlorcalcium oder 1,6 g wasserfreiem, 
(Diese täglich gereichte Kalkmenge ist nicht größer als die in einem 
viertel- bis halben Liter Milch.) Daneben soll der Heufieberkranke viel 
Gemüse und Obst genießen. (Gemüse sind nach der Kuhmilch die kalk¬ 
reichsten Speisen.) 

Walter Linhart (Graz): Ueber '„Hyperol*. Es handelt sich 
um eine feste, kiystallimerte Verbindung von^HsOt and Carhamid, die 
35% Wasserstoffsuperoxyd enthält Das Präparat ist das konzentrierteste 
unter den bisherigen H a Oa*Präparaten. Auch in Substanz als Streupulver 
bewährt es sich außerordentlich. 

C. Kraemer (Böblingen-Stuttgart): Ceber Wert und Technik 
der subcutanen Taberkullndiagnose* (Schluß.) Auch deutliche per¬ 
kutorische Veränderungen anf den Lungenspitzen oder zwischen Spina 
und Angnlus scapulae brauchen nicht mehr tuberkulös zu sein (ani- 
geheilte, abgelaufene Tuberkulose). Dämpfungen und ResistenzgefQhl 
können auch durch Verwachsungen, plenritische, interlobuläre, peri¬ 
bronchiale Verdickungen usw. Zustandekommen. Wichtig ist die Tuber¬ 
kulinprobe (richtig angewandt und richtig gedeutet). Denn das Tuberku¬ 
lin, vorzüglich das Alttuberkulin, kann — bei der gewöhnlichen klinischen 
Anwendungsweise — nur wirken, wenn es durch vorher schon vorhandene 
specifische Antikörper biologisch aufgeschlossen wird; diese Antikörper 
kommen aber unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens immer 
nur mit der Tuberkulose. Das Tuberkulin ist daher auch anzuwenden, 
wenn man wissen will, ob und von wann ab ein Tuberkulöser geheilt 
ist. Geheilt ist jeder (nicht kachektische) Patient, der auf Tuberkulin 
in einwandfreier Dosierung nicht reagiert; er steht dann wieder unter 
den Verhältnissen des Tuberkulosefreien, das heißt er ist nicht mehr immun 
(biologisch immun) gegen die Tuberkulose, eben deshalb aber immun 
(natürlich immun) gegen das Tuberkulin. Denn der gesunde, tuber- 
knlosefreie Organismus, ob er nie Tuberkulose in sich barg oder sie 
erst verloren hat, ist nicht fähig, anf Tuberkulin zu reagieren. 
Man beginne die Tuberknlindiagnose wie die Therapie mit kleinen Dosen 
und treibe mit der Tuberkulintherapie zugleich Diagnose. Der Verfasser 
betont ferner, daß ein Bronchialdrüsentuberknlosefieber am raschesten 
und sichersten durch die Tuberkulintherapie beseitigt werde. 

reldärxtUche Beilage Nr. 3. 

E. Payr (Leipzig): Ueber Gasphlegmonen im Kriege. Der Ver¬ 
fasser unterscheidet zwei Formen: Die „benigne“ (epifasciale) und die 
„maligne“ (subfasciale). Bei der epifascialenibreitet sich der Prozeß vor¬ 
wiegend im subcutanen Zellgewebe aus. Hier sind keine verstümmelnden 
Eingriffe erforderlich; man lege vielmehr sehr zahlreiche, 2 bis 3 cm 
lange, nur bis auf. die Fascien geführte Iucisionen an, die je zwei bis 
drei Finger breit von einander liegen, und zwar, wenn möglich, in der 
Spaltrichtnng der Haut; hei großen, zerfetzten Hautmuskel wunden muß 
aber eine Excision der Wunde vorgenommen werden. Diagnostisch ist 
bei dieser Form zn beachten: Die Hant zeigt frühzeitig eine teigige, öde* 
matöse Schwellung. Nach kurzer Zeit entwickelt sich eine VerfÄrbnng 
(gelblich mit einzelnen kupferroten Flecken und Streifen). Die subfas¬ 
ciale Form dagegen breitet sich in den intermuskulären Gewebsspslten 
mit unheimlicher Schnelligkeit ans and verwandelt die Muskulatur in 
einen mürben, schokoladebraunen, stark durchfeuchteten Brei. Die Hant 
darüber ist mehr düster gefärbt. Fieber ist meist über 40°, nicht selten 
sieht man profuse Durchfälle. Rasch auftretender Ikterus läßt den Fall 
als aussichtslos erscheinen. Durch^fortschreitende Gefäßthrombose ent¬ 
wickelt sich meist rasch Gangrän der Extremität. Kommt diese Form 
frühzeitig zur Beobachtung, so mache man ausgedehnteste Spaltungen 
bis tief in die intersmuskulären Septen, lege alle diese und die perivascu- 
lären Lymphräume frei und spüle die großen, oft stark blutenden Wau¬ 
den mit HiOa-Lösung aus. Bei Schußfrakturen ist die Bruchstelle breitest 
freizulegen. Ist der Fall schon älter, bestehen Zeichen von allgemeiner 
Sepsis, so ist sofort die Amputation oder Exartikulation in anatomisch 
gesundem Gebiete mit völlig offenerW undnachbehandlung erforderlich. 

J. G. Mönckeberg (Düsseldorf): Pathologisch-anatomische Be¬ 
obachtungen aus Beservelazaretten. Nach einem am 7. Dezember 191t 
gehaltenen Vortrag im Verein der Aerzte Düsseldorfs. 

Martin Mayer (Hamburg): Die Möglichkeit des Auftretens 
exotischer (besonders tropischer) Krankheiten während des Kriegs. 
Sie ist gegeben durch die folgenden fremden Truppen unserer Feinde, 
nämlich die algerischen und tunesischen und besonders die sogenannten 
Senegalschützen der Franzosen, die indischen Hilfstruppen der Eng¬ 
länder, zum Teil auch die ostsibirischen und kaukasischen Truppen der 
Russen. Kurz besprochen werden die einzelnen wichtigen Seuchen, 
nämlich: Lepra; Pest (PeBtratten können durch die Transportdampfei’, 
besonders auch aus Indien eingeschleppt werden and zwar in erster Linie 
nach Marseille); die menschliche Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), deren 


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i?4. Januar. 


1015 — MEDIZINISCHE KD1NIK 


Nr. 4. 


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Uebertragung normalerweise durch bestimmte Stechfliegen (Tsetsefliegen, 
Gla&sinen) erfolgt, die aber nur in Afrika cot kommen; die Warmkrank¬ 
heiten, besonders die Ankylostomiasis (zahlreiche farbige Soldaten sind 
Wirte rou Akylostomen. Die Eier der Würmer werden mit dem Kot 
abgesetzt); di© Bilharziakrankheit; Filariosis (Elephantiasis usw.); Kala- 
Atar (tropische Splenomegalie); Rückfallfieber; Flecktyphus; Maltaiieber 
ihaupti&chlich verbreitet dorcb den Genuß von Ziegen- und Schafmilch); 
Trachom; Ruhr (Bacillenruhr und Amöbenruhrl); gegen die letzte emp¬ 
fiehlt sich sehr Emetinum hydrochloricum 0.1 subcutan); Malaria. (Eine 
Uebertragnngsgefihr besteht zurzeit nicht, da die Stechmücken bereits 
in der Winterruhe sind; wohl aber könnten im Frühjahr in Gefangenen¬ 
lagern solche Uebertragungen Vorkommen, da ja die Anophelesarten auch 
bei uns sich finden. Aber auch bei europäischen früheren Tropen- 
bewohnern haben wir mit Malariarück fällen zu rechnen unter den 
Strapazen und schlechten klimatischen Verhältnissen). 

Scbloessmann (Tübingen): lieber TransportverüändebMSchuB- 
fraktnres. Nach einer im Medizinisch naturwissenschaftlichen Verein zu 
Tübingen gehaltenen Demonstration. 

S. v. Prowazek (Hamburg): Bemerkungen über die Biologie 
Md Bekämpfung der Kleiderlaus. Die Vernichtung der Läuse und 
ihrer Brut (Nisse) geschieht am besten durch Einreibnngen von 30 oder 
41' Teilen reinen Anisöls (oder Fenchelöl) und 70 oder 60 Teilen Alkohol 
(96®-,,) (Reines Anisöl liefert die Firma Schimmel & Go., Miltitz bei 
Leipzig.) Die resisteuteren Nissen vernichtet mau am besten durch Aus- 
schwefeln oder in Dampfiesmfektionsapparaten; falls diese nicht zur 
Verfügung stehen, legt man die Kleider usw. in ein sorgfältig abgedich- 
tetei Faß, adf dessen Boden Benzin ausgeschüttet ist. Die starken 
Benzindämpfe vernichten nach 21 Stunden die Brut. 

G. Seiffert (Lager Lechfeldt): Hygienische Erfahrungen bol 
Kriegsgefangenen. (Schluß.) Gefordert wird die Anstellung eigens für 
di« Gefangenenlager bestimmter Aerzte. Ein solcher „Lagerhygieniker“ 
muß hygienisch and bakteriologisch gut geschult sein. Der Verfasser gibt 
dann 2ur Belehrung der Kriegsgefangenen über die Seuchengefahron ein 
Merkblatt bekannt, das in den verschiedenen Landessprachen an den Türen 
der Baracken, Köchen und Aborte im Lager anzuschlagen ist. Er bespricht 
ferner ausführlich die Sanitätspolizei im Gefangenenlager und empfiehlt 
eine Sanitätspolizei, dio aus dem Kreis ausgewählter Gefangener heran¬ 
gebildet wird. Zum Schluß wird dio Quarantäne der Kriegsgefangenen 
eingehend erörtert. Es ist nötig, in don Kriegsgefangenendepofcs Vorrich¬ 
tungen zu treffen, die die erste Amsiebnng verdächtiger Gef ingener noch 
ergänzen. Der Verfasser gibt dazu Grundsätze bekannt, die unter keino r 
Bedingung durchbrochen werden dürfen. Er teilt ferner das Muster eineg 
^Aufnahmezettels M mit, das nach Eintreffen und Einreihen der Gefan¬ 
genen durch den der betreffenden Abteilung zugoteilten Sanitätspolizisten 
»MznfDlIen ist Wichtig ist die sofortige Durchimpfung aller Gefangenen 
Nor Leute mit oflenen und eiternden Wunden sind vorläufig znrück- 
xnstfllen. Ueber die Ergebnisse der Quarantäne ist ein Q mrantänezettel 
za führen, dem ein vom Verfasser mitgeteiltes Schema beigefügt ist. 

F. Bruck. 

Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 2. 

J. Verslnys, Ueber die Verbreitung von Seuchen durch In- 
wktei ln Kriege. Für die Verbreitung der Infektionen darch die 
Nahrung (Typhus, Paratyphns, Dysenterie, Cholera) sind die Haus- 
fliegen von Bedeutnng, deren Entwicklung bei warmer Jahreszeit 
10bi« 14 Tage dauert. Aus einem Pfunde Pferdekot können 1200 Fliegen 
hervorgehen. Daher Bedeckung des Kots mit Erde, Torfmull, die 
Latrinen in der Nordostecko des L«gers (wegen der vorherrschenden 
Westwinde) und in zirka J00 m Entfernung anlegen, Fliegenfenster, 
Fliegenpapier. Die Kleiderlaus (2 mm länger als die Kopflaus) ist 
<li« Überträgerin des Fleckßebers und des Rückfallfiebers, wobei die 
Infektion durch den Stich nnd durch Zerreiben dor zerquetschten Laus 
rnf der Haut, sogar auf der gesunden, zu Stande kommt. Ihre Vernich- 
kaig verhindert mit Sicherheit die Verbreitung der Seuche, ist aber im 
Krieg« nicht leicht. Heiße Luft und Dampfdesinfektion der Kleider und 
Decken. Schutz gewährt rohseidenes Unterzeug und 15 °/o Bergamottöl- 
spiritus. Die Rattenflohe Bind die Ueberträger der ßeulenp?st. 

K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 1915 , Nr. /. 

M. Hofmeier: Zur Fra$e der ausschließlichen Strahlen- 
kehudlsng operierbarer Uteruscarcinome. Bei einer 29 jährigen 
ft« wurde ein beginnendes, leicht nlceriertes Drüsenearcinom der 
interen Lippe mit 50 mg Radiumbromid, im ganzen mit 2000 mg- 
landen Radium and 250 X-Röntgenstrahlen im Laufe von 17 Tagen bchan- 
et- Nach drei Wochen hinter dem äußeron Muttermund eine Zerfalls¬ 


höhle im Cerviealkanal; daher vaginale Totalexstirpation und Radium- 
behandlnng nach der Operation. Nach vier Wochen im linken Narben- 
winkel walnußgroßer, mit dem Becken verschmolzener Knoten. Darauf 
2650 mg-Stunden Radium und nach 14 Tagen 2400 mg-Stunden. Trotz¬ 
dem Fortschreiten der Infiltration. Die histologische Untersuchung ergab 
im oberflächlichen Granulationsgewebe zerfallende Krebszellen, in der 
Tiefe in starker Wucherung begriffene Zellen. Hofmeier zieht den 
Schloß, daß durch die Radiumbestrahlung ein Fortschreiten in der Tiefe 
und ein ungewöhnlich rasches Beckenbindegewebesrezidiv erfolgt ist und 
daß operable Fälle so ausgiebig wie möglich schleunigst vaginal zu ope¬ 
rieren sind. 

H. Sellheim: Tolkskraft and Frauenkraft. Seil he im stellt 
den Anteil des Mannes und des Weibes an dem Kampf nro das Dasein 
des Volkes einander gegenüber. Die Frau hat die Verluste des Volks¬ 
körpers zu ergänzen nnd ist durch die Geschlechts unterschiede für diese 
Aufgabe vorbereitet; diese Unterschiede zeigen sich in dem „Kom¬ 
plementärraum“ im weiblichen Bauche, Becken und Brustkorb und der 
Anpassungsfähigkeit ihrer Organe an das Zeugungsgeschäft. Auf die 
Erhaltung dieser Eigenschaften ist im Sinne einer Gesundung des 
Stammes hinzuwirken, ebenso wie auf den rechtzeitigen Fortpflanzungs¬ 
beginn, da damit erst die Gesamtentwicklung der Frau als Mensch voll¬ 
endet sei. Zu der Hygiene der Fortpflanzung gehört die Erleichterung 
der Ansprüche an die Frau im Erwerbsleben, wie anderseits die Ent¬ 
sagungen und Gefahren, die der Frau als Mutter auferlegt sind, den 
Leistungen der Männer bei der Landesverteidigung entsprechen. 

K. Bg. 

Die Therapie der Gegenwart , Januar 1915. 

Fränkel (Berlin): Optocbin bei Pneumonie. Nachdem Morgen- 
roth zuerst das Optochin als wirksam zur Bekämpfung der Pneumonie 
erkannt halte, wurde das Mittel vielfach bei Lungenentzündungen mit Er¬ 
folg angewandt. Verfa9Ber konnte in zahlreichen Fällen eine günstige 
Wirkung, namentlich eine Abkürzung der Krankheitsdauer feststellen. 
Auch das subjektive Befinden wurde gebessert. Es trat eine Abnahme 
der Kurzatmigkeit ein. Da gerade jetzt während des Kriegs viele Lungen¬ 
entzündungen zur Behandlung kommen, rechtfertigt sich die Aufforde¬ 
rung, das Mittel in jedem Falle von fiebrinöser Lungenentzündung früh¬ 
zeitig zu geben. Man läßt drei Tage lang dreimal täglich 0,5 g ein¬ 
nehmen. 

Ewald (Berlin): Versuche mit Sekretogen. Versuche mit der 
Darreichung von Sekretogen beim Fehlen von freier Salzsäure im Magen¬ 
inhalte führten za keinem subjektiven oder objektiven Erfolge. Ver¬ 
fasser möchte aber noch kein abschließendes Urteil abgeben und rät zu 
weiteren Versuchen mit dem in interessanter Weise begründeten Präparat. 

Lauritzen (Kopenhagen): Blutzuckerbestimmungen (IvarBangs 
Mikromethode) bei Diabetikern und Ihre klinische Bedeutung. 
Während die früher angewandten Methoden zur Bestimmung deB Zucker, 
gehalts des Bluts einen Aderlaß von mindestens 5 bis 50 ccm Blut er¬ 
forderten, ist es das große Verdienst Ivar Bangs aus Lund, eine neue 
Mikromethode angegeben zu haben, zu der nur zirka 100 mg auf ein 
kleines Stück Fließpapier aufgesaugten Bluts benötigt werden. Die sehr 
sorgfältigen BlutznckerbestimmuDgen des Verfassers bei Zuckerkranken 
ergeben, daß man sich auf den Standpunkt stellen muß, daß man bei 
Glykosurie mit gleichzeitig normalem Blutzuckerprozentsatze, bis sich 
eine andere Erklärung findet, die Glykosurie als renalen Ursgrungs an- 
sehen muß. Man muß sich dabei denken, daß die kleinen ZuckexmengeDi 
die sich in den NieTenzellen finden, in den Urin übergehen, ohne daß 
sich Hyperglykämie findet. Nichts steht der Auffassung im Wege, daß 
es sich beim Diabetes um eine Kombination beider ursächlicher Momente 
der Glykosurie handeln kann, sowohl der Hyperglykämie als auch des 
renalen Moments, das sich erBt zeigt, nachdem die Behandlung dio 
Hjp?rglykämie beseitigt hat. Das ist dann kein reiner Nierendiabetes. 
In bezug auf die Prognose und Behandlung muß man mit der Stellung 
der Diagaose „Nierendiabetes“ vorsichtig sein, denn im Anfangsstadium 
ist in der Regel die Hyperglykämie in den leichten Fällen sehr gering, 
und eine anscheinend unschuldige Glykosurie überrascht ab und zu da¬ 
durch, daß sie plötzlich nach einer akuten Infektionskrankheit oder einer 
andern Gelegenheitsursache eine andere W T endung nimmt und sich zu 
einem malignen Diabetes entwickelt, der nach ein paar Jahren mit Coma 
diabetienm endet. (Schloß folgt.) 

Baginsky (Berlin): Zur Kenntnis der Therapie der hereditären 
Syphilis. Die Arbeit gibt eine allgemeine Charakteristik der hereditären 
Syphilis und der Grundzüge ihrer Behandlung. Die für den syphilitischen 
Slugfing am besten passende Anwendungsweise des Qiecksilbers ist das 
Subümatbad. Es genügt, einem Bade von etwa 10 1 Wasser 0,6 big 1 g 
Sublimat beizumischen, um bei der gehörigen Zahl der Bäder und der 
geeigneten Dauer des Einzelbads die volle Heilung der Syphilis h<*rbe : 


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24. Januar. 


1 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


zuführen. Als Minderzahl der Bäder durfte man 30 betrachten nnd 
zwar sollen dieselben täglich, nacheinander, vielleicht mit der jedes¬ 
maligen Unterbrechung eines einzelnen Tags in der Woche, verabreicht 
werden. Die Däner des Bads von 37° C (Körperwärme) ist auf etwa 
acht bis zehn Minuten anszudehnen. Begreiflicherweise ist Sorge zn 
tragen, daß dem Kinde nichts von dem Badewasser in den Mund gelangt. 
Als Kontraindikation des Sublimatbads würden aasgebreiteter Pemphigus, 
ansgebreitete Intertrigo oder mnltiple Furunkel und Ulcera zu betrachten 
sein. (Schluß folgt.) 

Linck (Königsberg i. Pr.): Das Wesen und die Grundlagen des 
Ohrenkopfsehmerzes und seine Feststellung durch die ärztliche 
Untersuchung. Die Arbeit enthält einen Ueberblick Über die Erkran¬ 
kungen, welche im Ohrgebiete Kopfschmerzen zn verursachen pflegen, 
Über die pathologisch-anatomischen nnd pathologisch-physiologischen 
Vorgänge dabei und über die diagnostischen Anhaltspunkte dieser 
Ohrenerkrankungen. (Schluß folgt) 

JacobBohn (Charlottenburg): Krieg und Nervensystem. Kriegs¬ 
psychosen im Sinne einer nosologisch einheitlichen, für den Krieg spe- 
ciflschen psychischen Erkrankung existieren nicht. Die psychischen 
Störungen der Kriegsteilnehmer entstehen meist auf dem Boden einer 
endogenen Anlage. Von den exogenen Schädlichkeiten ist der körper¬ 
lichen Erschöpfung eine gewisse Bedeutung beizumessen. Die konserva¬ 
tive Richtung der modernen Kriegschirurgie findet auf den Schädel keine 
Anwendung. Diametralschüsse des Schädels können spontan heilen, ohne 
irgendwelche Folgen zn hinterl&ssen. Rückenmarkverletzungen beruhen 
meist anf indirekter Gewalteinwirknng. Querschnittlähmungen geben in 
der Mehrzahl eine infauste Prognose. Gegenüber operativen Eingriffen 
am Rückenmark ist äußerste Zurückhaltung am Platze. Bei den Schuß- 
verletzungen der peripheren Nerven bleibt die Continuität der Nerven 
meist erhalten. Die Frage, ob ein Nerv total durchgeschosBen oder nnr 
leitnngsunfähg geworden ist, läßt sich nur in einem kleinen Teil der 
Fälle entscheiden. Die elektrische Entartnngsreaktion ist für die chir¬ 
urgische Indikationsstellnng von untergeordneter Bedeutung. Die Nerven¬ 
naht beziehungsweise Neorolyse ist indiziert, wenn nach drei Monaten 
keine Besserung erzielt ist. 

von Hirsch-Gereuth (Berlin): Verglftungsversuche mit Adalln. 
Mitteilang eines Falles, in welchem die Einnahme von 17 bis 18 g Adalin 
außer einem dreitägigen Schlaf and folgender Schwäche keine schädlichen 
Nachwirkungen mit sich brachte. 

Kleinberger (Agram, Kroatien): Ueber die Verwendung des 
Narkopblns als schmerzstillendes Mittel ln der Geburtshilfe. Im 
Narkophin haben wir ein hervorragendes Mittel zur Verminderung, ja 
fast gänzlichen Ausschaltung der Wehenschmerzen gewonnen. Zumeist 
wird es genügen, mit einer einmaligen Injektion von 1 ccm = 0,03 Nar- 
kophin die Austreibnngsperiode, bekanntlich schmerzhafteste der drei 
Geburtsphasen, durch rechtzeitige Einverleibung des Mittels zu einem 
n&hezn ganz schmerzlosen Vorgang umzuwandeln. Im Bedarfsfälle 
können wir schon früher zn dem Mittel greifen, indem wir ruhig bis zu 
dreimal 0,03 g in drei- bis vierstündigen Intervallen, ohne irgendwelche 
nachteiligen Folgen für Mutter und Kind befürchten zu müssen, ver¬ 
wenden können. Reckzeh. 

Fermentforschung. Bd, I, H. /. 

Das Ziel der neuen Zeitschrift, die im Verlage von Hirzel (Leipzig) 
erscheint (12 Hefte im Jahre 20 M), ist nach des Herausgebers einfüh¬ 
renden Worten, alle Arbeiten zn vereinigen, die sich ganz allgemein mit 
Fermenten und ihren Wirkungen beschäftigen. Abderhalden wägt die 
Bedenken, die dem Erscheinen einer neuen Zeitschrift neben den unzäh¬ 
ligen andern im Wege stehen, selbst in seiner lesenswerten Einführung 
gegen die Vorteile einer weiteren Centralisierung der wissenschaftlichen 
Literatur vorsichtig ab. Das Vorliegen der ersten Nummer der neuen 
Zeitschrift, die in monatlichen Heften herauskommen soll, zeigt, daß die 
Vorzüge nach des Herausgebers Ansicht überwiegen. 

Der Inhalt der Nr. 1 beschäftigt sich ausschließlich mit Forschungen 
aus dem von Abderhalden erschlossenen Gebiete der specifischen Ab¬ 
wehrfermente nnd enthält folgende Arbeiten: 

Pregl: Beiträge zur Methodik des DialyslerverfahrenB von 
E. Abderhalden. 

Beschreibung der Herstellung von Dialysatoren aus Kollodiumsäck¬ 
chen. An 300 Serumreaktionen wurde eine Uebereinstimmung mit Ab¬ 
derhaldens Lehre von den specifischen Abwehrfermenten festgestellt. 

De Crinis: Dlalysterversnche mit der von Pregl vereinfachten 
und modifizierten Methode von Abderhalden and die klinischen Be¬ 
fände. 

Sämtliche Fälle von Dementia praecox bauen Hodengowebe ab. Von 
15 Abbauversucben unter Verwendung von Hirnrinde waren bei Dementia 


praecox 14 Abbauversuehe positiv. Von 49 Abbau versuchen unter Ver¬ 
wendung normaler Lunge waren die Reaktionen in 29 Fällen positiv und 
in 25 Fällen von diesen 29 waren klinisch sicher nachweisbare Symptome 
einer Lnngenerkrankung gefunden worden. Von den 20 negativen Fällen 
konnte bei keinem einzigen Falle ein klinisches Symptom einer Lungen¬ 
erkrankung festgestellt werden. Von 30 Leberuntersuchungen gaben 17 
Abbanversuche positive Reaktion, von denen in 14 psychische Erkran¬ 
kungen im Sinne von depressiv-melancholischen Zuständen klinisch fest¬ 
stellbar waren, und in drei Fällen eine Lebererkrankuug konstatiert wer¬ 
den konnte. In den 13 negativen Resultaten lag in keinem einzigen 
Fall eine psychische Erkrankung im Sinn eines Repressiven melancho¬ 
lischen Zustandes oder eine organische Lebererkrankang vor. Von vier 
Untersuchungen des Abbaues von normaler Schilddrüse waren zwei po¬ 
sitiv, in denen auch klinisch eine Erkrankung der Schilddrüse nachweis¬ 
bar war. 

Abderhalden: Ergebnisse der Fahndung auf Abwehrfermente 
bei gleichzeitiger Anwendung verschiedener Methoden. Ninhydric- 
probe, Mikrostickstoff bestimmung, Aminostickstoffbestimmung, optische 
und intcrferometrische Methode ergeben mit einander übereinstimmende 
Resultate, die gleichzeitig mit den klinischen Diagnosen in Einklang 
stehen und weiteres Material für die Specifität der blntfremden Fermente 
liefern. 

Hirsch: Die „luterferometrische Methode“ zum Studium der 
Abwehrfermente. Die durch den Abbau herbeigeführten Konzentrations¬ 
änderungen der Peptone im Serum werden mittels des Interferometers 
gemessen, dessen Einrichtung und Verwendungsart der Verfasser genau 
beschreibt. 

Abderhalden: Versuche über die Synthese von Polypeptiden, 
Peptonen nnd Proteinen mittels Fermenten. Der Umstand, daß nur 
bei solchen Versuchen eine Synthese wahrnehmbar war, in denen Mace- 
rafcionssaft ans dem Organ eingewirkt hatte, ans dem das für die Synthese 
angewandte Aminosäuregemisch entstammte, weist darauf hin, daß auch 
die synthesische Tätigkeit der Zellfermente eine ganz specifische je nach 
der Zellart ist. 

Stranss: Untersuchungen über die Wirkung von Abwehrfer- 
menten mittels der van Siykeschen Mikromethode der Aminostlck- 
stoffbestimmnng. Die Aminostickstoffmenge steigt deutlich bei An¬ 
wesenheit von Abwehrfermenten. 

Paquin: Nachweis der Wirkung von Abwehrfermenten durch 
Enteiweißung mittels Hitzekoagulation and Mikrostickstoff bestim- 
mang im Filtrat. Bestätigung der mittels anderer Methoden gewonnenen 
Resultate. 

Abderhalden und Wildermuth: Eine selbsttätige Re- 
gistrierrorrichtung für polarimetrische Untersuchungen optisch- 
aktiver Substrate oder solcher, die im Laufe der Umwandlung 
optisch-aktive Eigenschaften annehmen. Genaue Beschreibung der 
Einrichtung. 

Kohl har dt: Ueber die Wirkung des Abderhaldenschen Krebs- 
Serums. I. Klinischer Teil. Beschreibung von vier Fällen, in denen durch 
die Behandlung mit dem Serum keine Schädigung, sondern sogar eine 
Befreiung von einer Reihe sehr lästiger Symptome beobachtet ist Der 
Anlaß zur Mitteilung ist aber weniger der Einfluß der Serumbehandlung 
in therapeutischer Hinsicht, als vielmehr die Einwirkung des Serums auf 
den lebenden Tumor, wie sie pathologisch-anatomisch und histologisch 
festzustellen war. Die Befände hierüber sind einer späteren Mitteilung 
von Beneke Vorbehalten. Walther Löb. 

Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie , Bd. 36, H. 3—4^ 

Heft3—4. Singer: Atypische Schlaf-Drucklähmungen. Ver¬ 
fasser beschreibt acht Fälle von Schlaflähmung, die nicht der typischen 
SchlafJähmung, das heißt der Radialislähmung, entsprechen. In zwei 
Fällen waren sämtliche Armnerven mehr oder weniger an der Lähmung be¬ 
teiligt. Zweimal war der Ulnaris allein, einmal der Medianns allein, ein¬ 
mal Ulnaris und Medianus zusammen betroffen. In zwei Fällen bandelte 
es sich am Peroneuslähmung. In den weitaus meisten Fällen spielt 
Alkoholismus einen prädisponierenden Faktor. Dies gilt auch von den 
Fällen von Peroneuslähmung. In dem einen dieser Fälle wurde der Nerv 
durch eine Bankkante, in dem andern durch eine Fußstütze gedrückt 

Grzywo-Dybrowski: Die Wirkung des Luminals bei epllop* 
tischer Demenz. Verfasser berichtet über die Erfolge der Lumina!- 
medikation bei Epilepsie. Das Luminal wurde in Pulverform per ob m 
Dosen von 0,1 bis 0,2 zwei- bis dreimal täglich gegeben. Die Anzahl der 
Anfälle nahm auch in veralteten Fällen wesentlich ab. In keinem Falle 
trat beim Aassetzen der voraufgeg&ngenen Brombehandlung ein Status 
epilepticus auf. Der psychische Zustand der Patienten blieb unbeein¬ 
flußt. Besonders günstig war die Wirkung in Fällen von Epilepsie 


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21 Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


111 


'!•' % i C gei>or«nem oder erworbenem Schwachsinn. Komplikationen würden 

* r: u Dicht beobachtet, 

?2Si Fatzinslri and Marx; Hlrnabceß als Folge peripherischer 

:.v ikpmltersng nach einem Unfälle« Bei einem 59jährigen Manne 
Lfc ifitw M ch einer Fingereiternng nervöse Symptome auf. Im Vorder¬ 
er gründe standen psychische Symptome: Schwerfälligkeit in der Unter¬ 
art hiltung, Gedächtsnisschwfiche, dazu kam Kopfschmerz und Schwindel. 

•; Suosngepapilie and Fieber bestanden nicht. Ein anfbretender Anfall 

r< af Arteriosklerose bezogen , ein Zusammenhang des nervösen 

ie Leidens mit dem Unfälle wurde nicht angenommen. Die Sektion ergab 
eines großen Absceß des Unken SÜmhirns. Hirnabscesse nach Eite« 
nagen in der KOrperperipberie sind sehr selten. Ein ursächlicher Zu- 
ummbing mit der Fingereiterung muß in dem vorliegenden Fall an- 
!■ graonzmen werden. 

Schnitz; Ueber Psychoanalyse in gerichtsfirztllcher Be- 
ilehug. Verfasser gibt einen sehr übersichtlichen and klaren Bericht 
dbar die Entwicklung and die Grundbegriffe der Psychoanalyse. Er er¬ 
örtert sodann die Beziehung der Psychoanalyse zu den gerichtsärztlichen 
Fugen. Fine forensische Begutachtung der psychoanalytischen Tätigkeit 
ipjclt keine wesentliche Kolle. Von der kriminalistischen Anwendung 
dir Ps/chokatharsis und des Associationsversuchs ist noch manche Auf- 
kUnrng zn erwarten. Verfasser ist frei von jeder UeberBChätzung der 
ftychoanalyse und flbt an den zahllosen Entgleisungen und Uebertrei- 
bongen der Anhänger Freuds sachliche Kritik. 1 

Scholomowitsch; Heredität und psychische Entartung bei 1 
Geisteskranken und geistig Gesunden. Verfasser wendet sich gegen J 
die Vorstellung, daß bei der Entstehung der Geistesstörungen der Here- f 

ditit eine sehr wesentliche Bedeutung zukomme. Seine an Gesunden ( 

und Geisteskranken vorgenommenen Untersuchungen führten zu folgenden * 
Ergebnissen; 60% der gesunden Bevölkerung sind hereditär belastet and F 
twar 45% in der direkten Linie. Bei den Geisteskranken beträgt die £ 
Belastung 69,1 %, in der direkten Linie 53,8 %• Heredität bei Geistes- ' * 

kranken ist somit nur zirka 12% häufiger als bei Gesunden. Die Häufig- ^ 

keit organischer Ne rvenJoiden ist in der direkten Linie Geisteskranker w 

nn 5,7% geringer als bei Gesunden. Epilepsie kommt bei Geistes- aI 

kranken um 1,2 % häufiger als bei Gesunden vor. Verfasser befaßte sich 
ferner mit der Statistik der Degenerationszeichen. Er untersuchte darauf- iic 
hin 1000 Franke und 1000 Gesunde. Das Resultat war, daß die Häufig- le 

keit und die Qaalität bei Kranken und Gesunden ungefähr die gleiche de 

ist. Den Degenerationszeichen kommt somit in der Psychiatrie keine Be- (E 


I Fällen von Pseudologia phant&stlca. Verfasser zeigt, daß io manchen 
Fällen von Pseudologia phantastica auch bei einem indifferenten Material 
deutliche Reproduktiosstörungen Vorkommen. Bei der Wiedergabe der 
benutzten Geschichten wurden ganz neue Sätze hinzugefügt und starke 
Umwandlungen des Gegebenen in an sich sinnvoller Weise vorgenommen. 
Durch Kontrollversuche an Normalen konnte Verfasser feststellen, daß 
das gleiche Material unter denselben Bedingungen vom Normalen im 
wesentlichen richtig reproduziert wurde. Henneberg. 

Korrespondenz-Blatt für Schweizer Äerzte 1914 , Nr. 43 bis 45 . 


Seelert: Paranoische Erkrankung auf manisch-depressiver 
GjrudJage. Ausführliche Mitteilung eines Falles, in dem auf maniseb- 
depressirer Grundlage ein paranoisches Krankheitsbild in Erscheinung 
trat ln demselben ließen sich die manischen und depressiven Grund- 
symptome deutlich nachweisen. Der Fall bietet ein Beispiel dafür, daß 
die Entwicklung' eines paranoischen Wahnsystems nur rein sekundäre 
Bedeutung haben kann. 

Kothmann; Ueber die Grenzen der Extremitätenregion der 
Großhirnrinde. Die Arbeit bringt die Ergebnisse zahlreicher Tier- 
fiporimente. Von besonderem Interesse sind die Ausführungen über die 
Fonktion der Central Windungen. Beim Affen führt Ausschaltung der 
hinteren Central Windung zu Schwäche, Ataxie und Richtungsstörung des 
Äozten Armes. Ist der G. centralis post, und der G. supramarginalis I 
ansgeschaltet, so findet sich schwere Richtungsstörung in Verbiudung 
®it starken Störungen des Haut- und Mnskelsinns. In der hinteren 
Centralwiadung lassen sich nach Ansschaltnng der vorderen elek¬ 
trische Keizfoci nachweisen, derartige Foci finden sich ferner an dem 
hinteren Walle der hinteren Centralwindung am Fandus der Interparietal- 
fjrrhe. Sowohl die Inaktivität des gekreuzten Armes nach Ausschaltung 
lieg G. centralis post, als auch die Restitution isolierter Bewegungen des 
• 4 nnei nach Ausschaltung des G. centralis ant. beweisen das Vorhanden- 
uin motorischer Elemente in der Rinde des G. centralis post. 

Sthönfeld; Ueber das Vorkommen und die Bedentung.der 
«rasigen Bildungen (SpfiaerotrJchle) ln der Hirnrinde. Eingehende 
^ttriie über die sogenannten senilen Plaques oder Drusen der Hirnrinde 
"phaerotrichia cerebri multiplex). Bezüglich der Natur dieser zuerst 
T0 ? 0 Fischer eingehend beschriebenen Gebilde kommt Verfasser zn 
"‘icem bestimmten Urteil, er neigt der Annahme zu, daß es sich um 
^:?nerationsprodukte V0D Axencylindern handelt. Verfasser fand die 
jnjien nur in senilen Hirnen, das beißt bei Individuen im Alter von ; 
!. . 1S Jahren. Vor dem 50. Lebensjahre kommen sie nicht vor. ] 

/ruier vermißte sie in keinem Falle von Presbyophrenie. Er konnte i 

■ :e ern . er konstatieren j n zwei Fällen von einfacher seniler Demenz und i 
r ^ fallen von Choreaspsychose. Die Sphaerotrichie ist somit für 1 
8 rwyophrenie keineswegs pathognomoniseb. s 

Liebenthal; Ueber die Wiedergabe kleiner Gescliichten ln e 


* Zn- Nr. 43. Emil BürgiJ: Das Oplamproblem. Opium und Mor- 

an- phium wirken verschieden, nicht etwa nur deshalb, weil das Opium infolge 

seiner kolloidalen Beschaffenheit erst weiter abwärts im Darme resorbiert 
Be- wird. Die Morphiumwirkungen bestehen einmal ans der centrallähmenden, 
rieht vom Großhirn zur Mednlla ihren Ablanf nehmenden, nnd dann aus der 

* er- peripherischen, die die Darmperistaltik lähmt. Die ans dem Opium ge¬ 
lben wonnenen Alkaloide zeigen allerdings jedes in verschiedenem Grad eine 
keit das Großhirn lähmende und die Medulla erregende Wirkung. Das von 
ung Hoffmann-La Roche & Co. heransgebrachte Pantopon enthält alle Opium- 
luf- alkaloide an HCl. gebunden ohne die Ballaststoffe und gestattet so die 
der I Frage, welche Wirkung den Nebenalkaloiden im Opium zukommt, zn 
rei- entscheiden. So setzt das Opium beziehungsweise Pantopon im Verhält¬ 
nis zn seiner narkotischen Kraft die Erregbarkeit des AtmungBcentrnms 

b c j weniger herab als das Morphium. Man kann dies vielleicht auf die An- 
^en Wesenheit der Nebenalkaloide mit stärker erregender Komponente zurück- 
re _ führen. Im umgekehrten Verhältnis wird das Brechcentrum beeinflußt 
l en (Faust). Multiplikation der Wirkung tritt durch die Anwesenheit der 
en Nebenalkaloide nicht auf. Im Prinzip dem Pantopon ähnlich sind das 

n( j Fan st sehe Landanon I und H, doch erscheinen diese noch nicht ge- 

jj e nügend aasgeprobt. Die peripherische Wirkung auf den Darm ist nach 

!S _ Pal abhängig von der Zugehörigkeit des betreffenden Alkaloids zu der 

g. Isochinolin- oder der Phenantkrengruppe. Pantopan und Opium wirken 

er wohl erschlaffend auf die Darmmusknlatnr, ohne indessen eine so lange 

g . anhaltende Obstipation hervorzurnfen wie das Morphium. 

;b Nr. 44. Br. Bloch: Kritisches zur Vaccinetherapie der Go- 

f- uorrhoe, zugleich experimenteller Beitrag zur Begründung der ab- 
r- leitenden Therapie. Das Gonokokkenvaccin Arthigon zeigt nach Bruck 
e deutliche Heilwirkung nur bei abgekapselten gonorrhoischen Herden 
i- (Epididymitis, Prostatitis, Arthritis), bei den Schleimhauterkrankungen und 
den Adnexerkrankungen der Frauen nicht. Nach dem Verfasser ist auf jeden 
r Fall die Prognose der Arthritis gonorrhoica viel besser geworden, doch 
muß von seiten der Nichtspezialisten mehr Gewicht auf die Behandlung 
^ der primären Urethrnerkrankang gelegt werden. Die Fälle von Epidi¬ 
dymitis, bei denen ein Infiltrat des Nebenhodens mit seinen fatalen 
i Folgen (Sterilisation) zurückbleibt, sind etwas seltener geworden. Die 
i Krankheitsdauer ist verkürzt. Die intramuskuläre und subentane An¬ 
wendung des Arthigon ist ziemlich harmlos. Sehr hoch eiugeschätzt 
wird von Bruck und Andern der Wert der intravenösen Applikation. 
Doch tritt dabei viel stärkere Herd- und Allgemeinreaktion auf. Ver¬ 
fasser führt die bessere therapeutische Wirkung auf die ganz unspeci- 
fische heftige Allgemeinreaktion zurück, die sich z. B. auch durch das 
Pfeiffer -Kolle sehe Typhusvaccin erreichen läßt. In drei schweren 
Fällen von Gonorrhoe hat er damit sehr gute Erfolge erzielt. 

Fernand Chat i Hon: Non veile algaille ponr la pratiqne da 
„Pneumothorax artlflciel“. Verfasser gibt einen Trokart für die Aus¬ 
führung des künstlichen Pneumothorax an, der gestattet, während der 
Injektion des Stickstoffs den Druck im Pleuraraum zu messen. 

Nr. 45. Arnold Schwyzer: Chirurgisches zur Behandlung des 
Puerperalfiebers. Aus der amerikanischen Landpraxis berichtet Verfasser 
über nenn Fälle puerperaler Infektion (Thrombophlebitis der V. femoralis; 
abgekapselte Abdominalabscesse; Uteruswandabsceß; beginnende diffuse 
Peritonitis; Thrombophlebitis der V. ovarica und V. uterina). Durch 
frühzeitiges chirurgisches Eingreifen gelang es ihm, acht davon zu 
heilen. Er warnt vor der Anwendang von Abführmitteln, auch wenn 
peritonitische Symptome, noch nicht nachweisbar sind. Die Trendelen- 
burgsche Operation verdiente, öfter gemacht zu werden. 

E. Schwarzenbach: Technische Neuernngen in der geburts¬ 
hilflichen Hauspraxis. Die Frage, ob der Kopf mit dem größten Durch¬ 
messer ins Becken eingetreten ist, läßt sich durch einen vom Verfasser 
angegebenen Handgriff entscheiden. Man legt die Hand auf das Kreuz¬ 
bein der auf der linken Seite liegenden Frau und drückt mit den Finger¬ 
spitzen zwischen Steißbeinspitze und Anus nach dem Beckeneingange zu, 
wo man den Kopf fühlt, wenn er ins Becken eingetreten ist. Zur Becken¬ 
hochlagerung bei geburtshilflichen Eingriffen benutzt Verfasser ein von ihm 
angegebenes Luftkissen, ohne das Qnerbett zu benötigen. Weiter gibt er 
oine Kugelzange für die Ausräumung an, die am Specnlum befestigt 


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1915 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. L 


24. Januar. 


wird, und ein die Kugelzange ersetzendes schonenderes Instrument, haupt¬ 
sächlich für die geburtshilfliche Tamponade. Als Ersatz des Metreu¬ 
rynters dient ein aus vier Löffeln bestehendes Instrument, das Verfasser nach 
der Form „Tulpe“ nennt. Die durch die Keime der Vulva und Vagina 
drohende Infektionsgefahr bei der manuellen Lösung vermeidet er durch 
Verwendung eines mit einer Oeffnung versehenen Stuckes Mosetig, das 
er über die einzuführende Hand streift. Hat diese den Muttermund er¬ 
reicht, so gelangt sie durch das Loch im Mosetig in den Uterus, ohne 
mit Vaginalwand und Vulva in Berührung gekommen zu sein. Eine 
Ueberdehnung der Bauchwand während der Preßwehen verhindert die 
von Werboff angegebene Binde. Sterile, fertig käufliche Wochenbett¬ 
vorlagen lassen eine nachträgliche Infektion vermeiden. Zur Pflege der 
Bauchdecken der Wöchnerinnen empfiehlt Verfasser die Hol zapf e Ische 
Binde. 

L. Bossart: lieber eine Ekzem -Hausendemie nach Yaccl- 
natlon. In einer Kinderkrippe in St. Gallen traten im Anschlaß an die 
allgemeine Impfung Hautausschläge auf, die nach der Zeit des Auftretens 
und der Art als Autoinfektion aufzufassen waren. Durch Deckverbände, 
Kurzschneiden der Fingernägel lassen sich solche Vorkommnisse, die 
geeignet sind, den Ruf der Vaccination bei den Laien zu schädigen, 
vermeiden. _ Kn. 

Bücherbesprechungen* 

L* Langstein und L. F. Meyer, Säuglingsernährung und Säug¬ 
lingsstoffwechsel. Mit 46 Abbildungen im Text. Zweite und 
dritte amgearbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden 1914. J. F. 
Bergmann. 408 S. M 11,—. 

Das Bach, das schon bei seiner ersten Auflage sich überall unbe¬ 
dingten Anerkennens erfreute, liegt jetzt in zweiter und dritter Auflage 
vor. Von 214 Seiten ist das Buch auf 408 Seiten gewachsen, ein 
Zeichen, mit welcher Sorgfalt die Autoren jedes einzelne Kapitel durch¬ 
gearbeitet haben. Das Buch gibt in der Tat einen mustergültigen Ueber- 
blick über all die vielen Fragestellungen und Probleme wieder, die in 
der Säuglingsernährung vorhanden sind, und mancher Nichtpädiater wird 
erstaunt sein über die Fülle von Arbeit, die hier von der Pädiatrie ge¬ 
leistet worden ist. Mit Stolz dürfen wir besonders heute aussprechen, 
daß es vorzugsweise deutsche Arbeit ist, die auch in diesem Fache 
führend ist, während früher die französische Schule, besonders in der 
Ernährnngsfrage an der Brust, unsere Lehrerin gewesen ist. Das Buch 
Langsteins und Meyers zeichneteins aus, das ist eine besonders gewollte 
Objektivität. Diese Objektivität tritt manchmal sogar etwas störend auf, 
man möchte manchmal etwas mehr den Standpunkt der Verfasser kennen 
lernen. Mit einem bewundernswerten Fleiße haben die Autoren alles zu¬ 
sammengetragen und so verarbeitet, daß wir wohl sagen dürfen, es gibt 
heute kein zweites Buch, daß die schwierige Frage, die Ernährungs¬ 
störungen des Säuglings gemeinverständlich abzuhandelD, so glänzend 
gelöst hat, wie das der Verfasser. Dabei liest sich das Buch nicht 
schwer, es ist überall klar und einfach geschrieben. Freilich sehen sich 
manche Dinge beim Leser einfacher an als sie in Wirklichkeit sind, aber 
für den Arzt, an den sich das Buch in erster Linie wendet, ist dies nnr 
gut. Dabei soll es das Lob dieses Buches nicht im geringsten schmälern, 
wenn man als Referent hier und da anderer Meinung ist. So erscheint 
Referent die Aufzucht des jungen Kindes mit Zucker-Fettmischungen 
leichter, besser und vor allem richtiger zu sein als mit gewöhnlichen 
Zuckermischungen, wir glauben nicht, daß etwa nur „gut veranlagte 
Kinder“ bei Fettgemischen ein gutes Gedeihen und Wachstum zeigen. 
Am wenigsten hat Referent das Kapitel „Abnorme Konstitutionen“ 
befriedigt. Es bleibe ein Nonsens, auf der einen Seite das Wort Diathese 
gleichbedeutend mit Disposition (Martius, Pfaundler) zn bezeichnen — 
meines Erachtens die einzig richtige Ausdrucks weise — und anderseits 
das Wort Diathese zur Bezeichnung eines bestimmten Krankheitsbildes, 
z. B. exsudative oder gar rachitische Diathese,""zu verwenden. So etwas 
muß Verwirrung stiften; denn tatsächlich ist der Begriff Diathese bei der 
exsudativen Diathese im Sinne Czernys ein völlig anderer als bei 
Pfaundler, der Diathese-Disposition setzt. Hierüber wäre noch manches 
zu sogen. 

Den Ernährungsstörungen ist die Finkei stein sehe Einteilung 
7,ngrunde gelegt. Sie scheint auch dem Referenten für die klinischen 
Bedürfnisse am besten geeignet. Im Kapitel Erbrechen wird beim 
Pylorospasmus auf die Operation nach Rammstedt hingewiesen. Tat¬ 
sächlich hat die Operation (Durchtrennung des Pylorus bis zur Sub- 
mucosa) nicht zuorst Rammstedt, Bondorn Woher angeführt und 


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publiziert. Rammstedt hat dann die Operation vereinfacht. Man spricht 
daher besser von Weber-Rammstedtscher Operation. 

Alles in allem ist es aber eine Freude, ein solches Buch zu be¬ 
sitzen und zn lesen; wir sind sicher, daß das Bach großen Erfolg 
haben wird. Rietschel (Dresden). 

A. Skufcetzky nnd E. Starkenstein, Die neneren Arzneimittel und 
die pharmakologischen Grandlagen ihrer Anwendung in 
der ärztlichen Praxis. Zweite gänzlich umgearbeitete Auflage. 
Berlin 1914. Julias Springer. 475 S. M 12,—. 

Gegenüber dem unverkennbaren Bestreben der chemischen In¬ 
dustrie, ihren Präparaten ein möglichst weites Indikationsgebiet znzu- 
weisen, haben die Verfasser in anzuerkennender Weise bei der Be¬ 
sprechung der Heilanzeigen den tatsächlichen klinischen Erfahrungen 
Rechnung getragen. Als Einteilungsprinzip bei der Schilderung der 
neueren Arzneimittel wurden in der Hauptsache die Krankheitsindika- 
tionen gewählt. 

Da es sich um kein Lehrbuch der Therapie bandelt, sondern am 
einen therapeutischen Behelf unter besonderer Berücksichtigung der 
neueren Arzneimittel, macht das Werk keinen Anspruch auf Vollständig¬ 
keit in der Besprechung der Indikationen, teilt aber alle wissenswerten 
therapeutischen und praktischen Erfahrungen mit, welche die spezielle 
Anwendung eines neuen Mittels begründen, und stellt für diesen Zweck 
ein praktisches nnd brauchbares Nachschlagewerk dar. Reckzeh. 

0. Bergmann und R. Fischer, Die Bekämpfung der Milzbrand¬ 
gefahr in gewerblichen Betrieben. Berlin 1914, Julius Springer. 
47 S. M. 1,80. 

Das vorliegende Heft der vom Institut für Gowerbehygiene in 
Frankfurt &. M. herausgegebenen Schriften aus dem Gesamtgebiete dor 
Gewerbebvgiene enthält zwei Aufsätze. Borgmanu behandelt die Be¬ 
kämpfung der Milzbraudgefahr in den Gerbereien, Fischer die in deu 
Roßhaarspinnereien, Haar- und Borstenzurichtereien, Bürsten- und Pinsel* 
machereien. Es sind dies diejenigen Industrien, die das Hauptkontingent 
der in den gewerblichen Betrieben vorkommenden Milzbrandfälle (jährlich 
etwas über 100 Fälle) stellen. Während in den Haare und Borsten ver¬ 
arbeitenden Betrieben durch die gesetzlich vorgeschriebene Desinfektion 
wenigstens des aus dem Ausland eingeführten Rohmaterials die In'ektions- 
gefahr erheblich eingedämmt ist, hat sich ein für die Praxis brauchbares, 
das heißt das Material nicht schädigendes und nicht zu kostspieliges 
Desinfektionsverfahren für die in den Gerbereien zur Verarbeitung kom¬ 
menden Rohhäute noch nicht auffinden lassen. Immerhin sind Ansätze 
dazu schon gemacht, und es ist zu hoffen, daß in nicht zu ferner Zeit 
diese Hauptquelle der gewerblichen Milzbrandinfektionen ausgeschaltet 
wird. Natürlich kommt auch auf diesem Gebiete der persönlichen Pro¬ 
phylaxe des Arbeiters große Bedeutung zu, und auch von den Fort¬ 
schritten der Therapie (Serum- und Salvars&nbehandlung) sind weitere 
Erfolge zu erwarten. Kurt Meyer (Berlin). 

Ergebnisse der Inimnnitätsforscbong, experimentellen Therapie, 
Bakteriologie nnd Hygiene. (Fortsetzung des Jahresberichts über 
die Ergebnisse der Immunitätsforschung.) Unter Mitwirkung hervor¬ 
ragender Fachleute herausgegeben von W. Weichardt. I. Bsnd. 
Berlin 1914, Julius Springer. 470 S. M. 20,—. 

Der bisher in andern Verlag erschienene Weichardtsche Jahres¬ 
bericht hat wegen des zunehmenden Umfangs anf den Referatenteil ver¬ 
zichtet, and zwar mit gutem Rechte, da ja die Immunitätsliterator ander¬ 
weitig in Centralblättern und Jahresberichten ausreichend referiert wird. 
Es werden in Zukunft also nur die „Ergebnisse“ weiter erscheinen, das 
heißt „Ueberrichten über die im Vordergründe des Interesses stehenden 
Kapitel der ImmuQitätslehre aus der Feder berufener Spezialforscher“. 
Der vorliegende Band enthält wieder eine sehr geschickte Answahl 
solcher Sammelberichte. Besonders hervorgehoben seien die Aufsätze 
von Eisenberg, Ueber Mutationen bei Bakterien und andern Mikro¬ 
organismen, von Doerr, Neuere Ergebnisse der Ansphylaxieforschung, 
von Petruschky, Ueber Tuberkuloseimmunität, und von Süpfle, Das 
Wesen des Impfschutzes im Lichte der neueren Forschungen. So wert¬ 
voll und unentbehrlich diese „Ergebnisse“ für jeden auf dem Immunitäts- 
gebiet Arbeitenden oder auch nur Interessierten sind, so sei doch 
gelegentlich des Uebergangs iu den neuen Verlag der Wunsch aus¬ 
gesprochen, daß ein allzu schnelles Erscheinen neaer Bände vermieden 
j werde und daß, was bei manchen „Ergebnissen“ nicht immer der Fall ist, 
| auch in Zukunft nur solche Au fr ätze zum Abdrucke gelangen, die einem 
1 wirklichen Bedürfnis entgegeukummen. Kurt Meyer (Berlin). 


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24 Jan nar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 4 


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Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Heue Folge dar „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien. 

K. k. Gesellschaft der Aente in Wien. 


■«1 'ftaiä Sitzung vom 15. Januar 1915. 

MainiKe'- L. Kuncli (Krems) stellt einen 35jübrigen Soldaten aus 

in»«:»,. Bosnien mit universellem Lichen ruber planus vor. Der ganze 
rteM{ Körper ist mit Effloreszeozen des Lichen bedeckt, welche eine 
dunkle Pigmentierung zeigen. Stellenweise findet sich ein chagrin- 
cfiesssc artiges Aussehen der Haut, welche ebenfalls dunkel pigmentiert ist. 

äir-fec Q. Riehl bemerkt, daß eine derartig dunkle Pigmentierung der 

m i: k Kaut gewöhnlich nur nach intensiven Arsenkuren vorkommt. Da Pat. 

j, ö kein Arsen bekommen hat, steht die Pigmentierung vielleicht mit der 

. 'f Kasse io Beziehung. 

r, Katschera (Keunkirchen) führt einen Soldaten vor, 
welcher nach einer Schuß Verletzung Gasphlegmone and Te- 
jkägjp; (UM bekommen hat Ans der angeschossenen rechten oberen 
hx 2 ;:: Extremität wurden mehrere Geschoßteile entfernt, um jedes der- 

lc f i *, selben war eine nekrotische Zone mit Gasbildung. Pat. wurde ins 

I Wasserbad gelegt. Nach 6 Tagen bekam er Tetanus, welcher mit I 

Antitoxin and Chloralbjdrat behandelt wurde. Gegenwärtig ist 
j; fe. ftt als geheilt anzusehen. Vortr. bat unter 220 Schußverletzungen 
4Fälle von Gasphlegmonen gesehen, von denen 3 starben. — 
Ferner demonstriert K. einen Knaben, welchem vom Zahnrad 
erffl einer Göpelmaschine die Haut des Penis und des Skrotums 
J..,:;läferissen worden ist Der Defekt wurde aus der Bauchhaut 
und ans der Oberschenkelhaut gedeckt. 

Ter:*:;;-- E. Sn chane k stellt einen 37jfihrigen Mann vor, bei welchem 

er die Naht einer Schnittwunde der Carotis communis vor- 
iii: genommen hat. Pat. hat sich in selbstmörderischer Absicht in 

:er Geistesstörung einen Stich in die linke Halsseite beigebracht, 

w : welcher die Carotis communis an der TeilungsstelJe in die Carotis 

interna und externa aufschlitzte. Die Arterie wurde nach Frei- 
::i. legüDg genäht. Der Wuadverlauf war afcbril. 

Herrn. Schlesinger führt einen 32jährigen Mann vor, bei 
welchem ein extradurales Fibrosarkom des Rückenmarkes 
operativ entfernt worden ist. Vor 2 I /-j Jahren bekam Pat. heftige 
Schmerzen in der Ritte der Brustwirbelsäule, einige Monate später 
Pnrästhesien und Motilitätsstörung an der rechten unteren Ex¬ 
tremität, hierauf an der linken unteren Extremität. Nach voriiber- 
h\'. gehender Remission verbreitete sich die Sensibilitöts- und Motili- 
tifsstönmg nach oben, so daß die ganze untere Körperhälfte 
gelähmt war. Von der Mitte zwischen dem Processus xiphoideus 
and dem Nabel nach abwärts war die Sensibilität am Rumpfe für 
Berührung und Schmerz, an den unteren Extremitäten für alle 
Empfindangsqualifäfen erloschen. Die unteren Extremitäten waren 
spastisch geiähmf, die Reflexe daselbst gesteigert, der Unterbauch- 
r - deckenreflex war herabgesetzt. An der Wirbelsäule war nichts zu 
linden, Tuberkulose nnd Lues konnten ausgeschlossen werden. Die 
diirch Spinalpunktion gewonnene Zerebrospinalflüssigkeit bot An¬ 
zeichen für einen Hückenmarkstumor, nämlich Gelbfärbung, hohen 
Eiweißge/ialt und Fehlen zelliger Elemente. In der Höhe des Dorn- 
/ortsatzes des 6'. Brustwirbels war der Perkussionsschal! der Wirbel¬ 
st etwas dumpfer. Bei der Operation wurde ein extradural 
gelegener Tumor gefunden, welcher sich histologisch als ein hartes 
Fibrosarkom erwies. Pat. bekam hierauf Scharlach, er fieberte 
etwa 6 Wochen Jang und die Wunde eitorto. Seit 2 Monaten 
bessert sich die Lähmung allmählich, so daß Pat. jetzt schon 
gfhen kann. In einem zweiten Fall, bei welchem es sich um ein 
■ingiosarkom der Cauda equina bandelte, ergab die Operation 
^in so günstiges Resultat, weil der Tumor mit den Rückenmarks* 
wurzeln vielfach verwachsen war, wahrscheinlich ist es auch zu 
eiDer Rezidive gekommen. 

Kfiaozi berichtet über die an der Klinik Eiseisberg 
«Parierten Fälle von Rückenmarkstantoren* Es waren zu* 
s *® meD Fälle, darunter waren auch 4 Fälle tuberkulöser Natur und 
pralle von Wirbeltumoren (Sarkom, metastatisebes Karzinom), von 
aie>en 8 Fällen sind 4 gestorben. Von den eigentlichen Itiicken- 
fflvkstumoren wurden 11 entfernt, 2 waren intramedullär, 8 gingen 
wfchen Hirnhäuten aus; in dem von H. Schlesinger 
emonstrierten Fall lag der Tumor extradural und die Dura wurde 
* ® Fällen wurde kein Tumor gefunden, es fand 

* IC Ä ? er e,fl 0 Meningitis serosa circumscripta. Das unmittelbare 
peratjvo Resultat war in den letzten 19 Fällen günstig, 2 von 
ea starben nach einigen Monaten an einer anderen Affektion. 


I Die Indikation zur Laminektomie bei Rückenmarkstumoren sollte 
öfter als bisher gestellt werden. 

H. Schlesinger bemerkt, daß man auch in denjenigen Fällen 
die Operation wagen sollte, in welchen die Diagnose eines Rückenmarks- 
fcumors nicht vollkommen sicher steht. Er hat durch Zuwarten einen Fall 
verloren, bei welchem im Bereich der unteren Körperhälfte nur Thermo- 
anästhesie vorhanden war. Bevor Pat. operiert wurde, bekam er einen 
akuten Dekubitus und starb. Die Obduktion ergab einen operablen Rtieken- 
markstumor. Selbst bei intramedullären Tumoren kann man durch Ope¬ 
ration eine Besserung erzielen. Bei einem Fall von Tumor des Hals¬ 
markes wurdo dieses freigelegt, es war infolge eines intramedullären 
Tumors an einer Stelle verdickt. Trotzdem der Tumor nicht entfernt 
werden konnte, erholte sich der Kranke, so daß er die rechte obere 
Extremität bewegen und gehen konnte, während er früher gelähmt war. 
Er starb nach 11 a Jahre. 

Flor demonstriert einen Mann mit einem Aneurysma der 
A. subclavia nach Schuß Verletzung. Die Einschußöffnung liegt 
I unterhalb der rechten Klavikula, die Ausschußöffnung im unteren 
Drittel der rechten Skapula. Unterhalb des Schlüsselbeines ist 
eine VorvvÖlbung, über welcher starkes Schwirren zu spüren und 
ein dröhnendes Sausen zu hören ist. Es liegt ein Aneurysma der 
A. subclavia, wahrscheinlich ein Aneurysma spurium, vor. 

J. Heyrovsky: Ueber infizierte Gefäßschüsse. Vortr. 
berichtet über die Erfahrungen, welche auf der Klinik Hochen- 
egg bei der Behandlung infizierter Gefäßschüsse gewonnen worden 
sind. Schußverletzungen der großen Arterien kommen seit der Ein¬ 
führung des kleinkalibrigen Geschosses häufiger vor als früher. Das 
Gefäß wird entweder durch das Geschoß oder durch einen Kno¬ 
chensplitter verletzt. In die Lazarette kommen meist nur Fälle 
mit Verletzungen der Extremitätenarterien, Fälle von Verletzung 
der anderen großen Arterien sterben meist auf dom Schlachtfeld^. 
Die Arterienverletzung wird manchmal übersehen, wenn sie koinc 
Blutung nach außen zur Folge hat, nach \\ Manteuffol soll ein 
Geräusch an der Verletzungsstello zu hören sein. Verwundeten mit 
Gefäßverletzungen drohen als Gefahren: Nachblutung, Gangrän und 
Infektion. Dio Nachblutung kann den Kraukon schon am Trans¬ 
port befallen oder durch die Infektion hervorgerufon werden. Der 
Ausgang der Gefäß Verletzung ist vom Wundverlauf und von der 
Ausbildung des Koilateralkreislaufes abhängig. Bei aseptischem 
Wund verlauf kann die Schußverlctzung spontan au*dicilen oder es 
entwickelt sich ein Aneurysma, meist ein Aneurj T sma spurium. 
Unter 1710 Verwundeten, die bis Ende Dezember auf der Klinik 
Hochenegg aufgenommen wmrden, fanden sich 30 Fälle (l,7°/ 0 ) 
mit Verletzungen größerer Arterien. Von diesen waren 9 Fälle rein 
und 21 infiziert, 17 waren durch Frakturen kompliziert. In einem 
Fall wurde eine Spontanheilung einer Verletzung der A. brachi- 
alis gefunden. Das Gefäß war obliteriert. In 15 Fällen wurde ein 
Aneurysma spurium konstatiert, und zwar bei 9 reinen und ti in¬ 
fizierten Fällen. Omal kam es zu einer sekundären Blutung. Von 
den Aneurysmen wurden 8 operiert. Eine sekundäre Gangrän 
wurde nur an den Fingern beobachtet, weil die Gangrän infolge 
Verletzung größerer Gefäße schon in den Feldspitälern zur Am¬ 
putation zwingt. Am häufigsten tritt die Gangrän nach Verletzung 
der A. poplitea auf. Es entsteht meist eine feuchte Gangrän. Eine 
infizierte Gefäßverletzung kann zur Sepsis, Gasgangrän und zum 
Tetanus führen, letzterer kann auch nach der Amputation auf- 
treten. Sekundäre Blutungen wurden in 21 Fällen beobachtet, in 
15 davon war sie das ersto sichere Zeichen einer Gefäß Verletzung, 
Die Blutung erfolgte bei Gefäßschüssen mit Aneurysmen durch¬ 
schnittlich in der 3., ohne Aneurysma in der 2. und bei Phlegmonen 
am Ende der ersten Woche. Prodromale kleine Blutungen kamen 
in 4 Fällen vor. Die sekundäre Blutung ereignete sich in 14 Fällen 
bei Tag, in 7 bei Nacht, infolgo Aufmerksamkeit des Warteper¬ 
sonals kam es in keinem Fall zu einer Verblutung. Heute gilt die Un¬ 
terbindung des verletzten Gefäßes am Ort der Verletzung als das beste 
Verfahren, die Unterbindung am Ort der Wahl ist nur ein Notbehelf. 
Auch bei infizierten Gefäßen soll man am Ort der Blutung, aber 
im Gesunden unterbinden. Bei Unterbindung des kranken Gefäßes 
könnte die Ligatur durchschneiden oder zu einer zentripetal fort¬ 
schreitenden infizierten Thrombose führen. Die bis ins Gesunde 
freigelegte Arterie soll zweimal unterbunden und das dazwischen 
liegende Stück abgetragen werden, die Wunde ist offen zu lassen, 
Tamponade und Naht der Wunde sind kontraindiziert. Von nicht 
blutenden Aneurysmen (9 Fälle) wurden 7 in der 3. bis 7. Woche 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


nach der Verletzung operiert, meist wegen heftiger neuralgischer 
Schmerzen, es wurde die Ligatur im Saekinnern ausgeführt. In 
keinem Fall kam es zur Gangrän oder zur Nachblutung. Von 
sechs blutenden Aneurysmen wurden 5 Fälle durch Ligatur ge¬ 
stillt und die Extremität erhalten, in einem Fall mußte infolge 
Sepsis bei einem Aneurysma der A. ulnaris amputiert werden. 
Von den 15 Gefäßschüssen ohne Aneurysmabildung waren alle 
schwer infiziert, in 13 Fällen wurde die Ligatur am Ort der 
Verletzung ausgeführt. Nach sekundären Blutungen war der Ver¬ 
lauf schwer, in 6 Fällen kam es zur Gangrän, von denen drei 
starben (Unterbindung der Femoralis, der Tibialis); der Tod er¬ 
folgte infolge aszeüdierender Thrombose des unterbundenen Ge¬ 
fäßes, in den Thrombi und im Herzblut fanden sich Streptokokken. 
Von den nicht infizierten Gefäßschüssen wurde kein Fall amputiert 
und auch nicht verloren, von den infizierten starben drei und fünf 
konnten nur durch die Amputation gerettet werden. Die Mortalität 
bei allen sekundären Blutungen betrug 14,2%- H. 


Wiener Laryngo-rhinologische Gesellschaft. 

Sitzung vom 6. Mai 1914. 

0. Chiari: Rhinolith. Extraktion. Heilung. C. stellt eine 
Pat. vor, weiche seit 10 Jahren an äußerst üblem Geruch aus der 
rechten Nase, seit 6 Jahren an Verstopfung derselben litt. Das 
rechte Vestibulum war entzündlich infiltriert und wies eine tiefe 
Rhagade auf. Am Nasenboden rechts waren viele Granulationen 
zu sehen, welche den Einblick in die weiter hinten gelegenen 
Nasenpartien verwehrten. Nach Adrenalisierung sah man daselbst 
einen schweren Gegenstand und konnte mit der Sonde einen rauhen, 
harten, etwas beweglichen Körper fühlen. Das Röntgenbild zeigte 
deutlich einen durch einen harten Körper bedingten Schatten am 
Nasenboden rechts. Man konnte nun vor einigen Tagen einen 
typischen Rhinolithen aus der rechten Nase entfernen. Pat. selbst 
schneuzte die folgenden 3 Tage noch einige sehr kleine Stückchen 
desselben aus. Jetzt ist die Nase für die Atmung frei und auch 
schon die hintere Wand des Epipharynx von vorne gut zu sehen. 

J. Pöllhofer: Ballon tarn pon ade des Epipharynx. In zwei 
Fällen, in denen nach Entfernung adenoider Vegetationen starke 
Blutungen auftraten, hat P. die Ballontamponade des Nasenrachen¬ 
raumes vorgenommen. Der Tamponator besteht aus einem Gummi¬ 
rohr von der Dicke und Qualität eines dünnen Nelaton, der in einem 
kleinen Sack aus sehr dünnem und elastischem Gummi endet, welcher 
sich mittelst jeder größeren gut funktionierenden Spritze 2 ur Orangen¬ 
größe aufblasen läßt. Zur Konservierung wird er in Glyzerin auf¬ 
gehoben, dem etwas l 0 / 00 ? ge Sublimatlösung hinzugefügt ist. P. 
glaubt, daß dieser Tamponator auch bei Entfernung stark bluten¬ 
der Sarkome des Epipharynx sich bewähren werde. 

K. Kotier bemerkt, daß Blutungen mitunter erst eine Woche 

nach Entfernung der adenoiden Vegetationen auftreten und es daher rat¬ 
sam sei, so operierte Kinder wenigstens 10 Tage lang in ärztlicher Ueber- 
wachung zu lassen. U. 


Kriegschirargische Abende za Lille (Frankreich). 

Sitzung vom 16. Dezember 1914. 

Heinicke (Leipzig): Die chirurgische Behandlung der 
Kopfschüsse. Die auf Grund der letzten Kriege zustande¬ 
gekommenen Ansichten über die Behandlung der Bauchverletzungon 
haben sich als unrichtig erwiesen. Im Gegensätze dazu haben sich 
die Grundsätze für die operative Behandlung der meisten Schädel¬ 
schüsse als richtig bewährt. Es kommen in Betracht: Prellschüsse, 
Durchschüsse, Steckschüsse, Furchungs- oder Tangentialschüsse. 
Bei den Prellschüssen handelt es sich um eine Kontusion des 
Schädels, bei der meistens eine Depression der Lamina interna 
zustande kommt, ln ungünstigen Fällen kommt es zu Zersplitte¬ 
rungen oder Eindringen der Kugel in die Hirnsubstanz. Die Be¬ 
handlung ist klar vorgezeichnet: Freilegung des Verletzungs¬ 
gebiets mit Hebung und Entfernung des eingedrungenen Stücks, 
der Splitter und eventuell der Kugel. Bei Durchschüssen ist 
chirurgisch wenig zu tun. Der größte Teil der Verletzten bleibt 
auf dem Schlachtfeld, ein anderer ist so schwer verwundet, daß 
Hilfe umsonst ist. Ganz wenige heilen aus. Grund zu einem 
chirurgischen Eingreifen geben nur diejenigen Fälle, wo allge¬ 
meiner Hirndruck auf Grund intrakranieller Blutung oder Zer¬ 
trümmerung der Hirnsubstanz besteht. Steckschüsse sind in ihrer 
Wirkung verschieden, je nachdem, ob sie durch Infanteriegeschosse 


oder Schrapnells hervorgerufen sind. Das Infanteriegeschoß dringt 
viel tiefer als die Schrapnellkugel in die Gehirnsubstanz ein. Daraus 
folgt, daß auch nur bei Schrapnellverletzungen in einigen Fällen 
der Versuch gerechtfertigt ist, die Kugel zu entfernen. In alles 
andern Fällen kommt eine chirurgische Therapie nur dann in Frage, 
wenn die Erscheinungen allgemeinen oder lokalen Hirndrncks be¬ 
stehen. Die Tangentialschüsse sind für eine chirurgische Be¬ 
handlung am aussichtsvollsten, namentlich, wenn man bedenkt, 
daß bei einer konservativen Behandlung ein großer Prozentsatz 
an der Gehirnverletzung zugrunde geht. Diese Tatsache wird da¬ 
durch verständlich, daß eine Unzahl scharfer Splitter in die 
Gehirnsubstanz eindringt und sie in großer Ausdehnung zerfetzen 
kann. Hinzu kommt, daß wohl niemals die Infektion bei solchen 
Verletzungen ausbleibt. Ueber die dringende Indikation zur Frei¬ 
legung der Wunde, Entfernung der Splitter und offener Wund¬ 
behandlung sind denn wohl auch alle Chirurgen einig. Es gelingt, 
so einen guten Teil der Verletzten zur Heilung zu bringen. 
Wichtig für die Behandlung ist aber, daß man nicht auf Grand 
des klinischen Befundes in dem einen Fall operiert und in dem 
andern nicht, sondern daß man prinzipioll freiiegt; selbst in den 
scheinbar harmlosen Verletzungen ist meistens doch eine Splitte¬ 
rung des Knochens in das Gehirn nachweisbar. Die Operation muß 
so schnell wie möglich vorgenommen werden. Diesem Gebot kann 
man um so leichter nachkommen, als die Operation an und für 
sich einfach ist: Breite Freilegung des Verletzungsbezirks, Er¬ 
weiterung der Knochenlücke mit der Knabberzange, Entfernung 
eventueller Splitter, Revision der Dura, Erweiterung ihrer Oeff- 
nungen, Entfernung aller in das Gehirn eingedmngener Fremd¬ 
körper, lockere Tamponade. Bei einem solchen Vorgehen ist die 
Prognose der Verletzung relativ günstig. Nur ein kleiner Teil stirbt 
an Enkephalitis, selten an Meningitis. Ueber die Spätresultate ist 
heute noch nichts zu berichten; doch ist anzunehmen, daß eine 
Reihe von Spätstörungen bei den Verletzten sich einstellen. 

Ehrhardt (München) hat etwas übertriebene Vorstellungen von 
den Schwierigkeiten der Operation bei Schädelverletzungen. Er hält seine 
Resultate für sehr gut, trotzdem er sehr spät operiert hat. 

Laven (Leipzig) fiel es auf, wie selten das klinische Bild der 
Commotio cerebri beobachtet wurde. Nur Prellschüsse und Knochenstreif¬ 
schüsse können nach seiner Meinung das echte Bild der Commotio cerebri 
hervorrufen. Das Studium der Schußrichtung bei Durchschössen hat 
gewisse Typen gezeigt. Häufig geht der Schuß quer durch den Schädel, 
in andern Fällen quer durch das Stirnhirn in das Hinterhaupt, in noch 
andern schräg von der einen Seite hinten zur andern Schädelseite vorn, 
oder umgekehrt. L. hat auch diese Durchschüsse operiert, namentlich 
den Einschuß sehr genau revidiert. Für die Nachbehandlung hält er das 
Anlegen eines fixierenden Verbandes für sehr wichtig. 

Schmieden (Halle) bestätigt im wesentlichen die Ausführungen 
der Referenten. Er erinnert dann daran, daß in den letzten Kriegen die 
SchädelverletzuDgen viel zu leicht dargestellt wurden. Die Indikation 
zur operativen Inangriffnahme der Schädeloperation ist viel weiter zu 
nehmen; denn wir operieren die Schädelschüsse aus vitaler Indikation, 
nicht zunächst aus neurologischer. Man gehe recht radikal vor. Bei 
Sinusblutungen läßt die Tamponade manchmal im Stich. Notwendig ist 
in allen Fällen, daß der Tampon lange Zeit liegen bleibt. Bei eilige- 
tretener Meningitis ist die Lumbalpunktion zu empfehlen. 

Leonbacher glaubt, daß bei vernachlässigten Schftdelyerletzongen 
eine Operation schaden könne durch Ausbreitung der Infektion. 

Stich (Göttingen) berichtet über einen Prellschuß, bei dem es 
durch ein subdurales Hämatom zu Druckerscheinungen gekonpen war. 
Bei Steckschüssen hält er das Suchen nach der Kugel für unriohtig. Io 
übrigen schließt er sich den Ausführungen des Ref. an. 

Klineberger befürwortet vom Standpunkte des Neurologen die 
chirurgische Behandlung der Kopfschüsse. Er hebt hervor, daß auch 
deswegen die Operation angezeigt sei, weil man häufig die Art des 
Schusses ohne sie nicht feststellen könne. Selbst bei ganz verzweifelten 
Fällen hält er die Operation noch für angezeigt. 

Burk har dt weist auf die häufig eintretenden Himprolapse hin. 
Es bestehe ein Unterschied zwischen Tangentialschüssen mit einfacher 
Eröffnung des Schädels und solchen mit breiter Zertrümmerung un 
Verfall von Hirnsubstanz. 

Hei nicke (Schlußwort) hebt nochmals hervor, daß er inb®^ 
auf die Spätresultate sich vorsichtig ausdrücken müsse, während m 
mit den Früherlolgen durchaus zufrieden sein könne. 


Aerztlicher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 3. November 1914. 

J enckel (Altona) berichtet über einnn Soldaten, 4er 
Herzbeutel eine Kugel trug. Die Kugel wurde durch Opera 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 




24 Jaunar. 


19f5 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4. 


115 


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Mt/prat: Resektion des fünften Rippenknorpels unter Infiltrations- 
*k M$*thesie, Anschlingen und Vorziehen des Perikards, Eröffnung 
ftr desselben. Id Rücken- und Bauchlage des Pat. wurde das Geschoß 
l ' siebt gefunden, dagegen fiel es bei sitzender Stellung auf den ein- 
* geführten Finger and konnte nun entfernt werden. Der Herzbeutel 
- J an j e mit physiologischer Kochsalzlösung ausgespölt. Um eine 
Verklebung der Blätter zu verhindern, ließ man einen Teil der 
Lösung zurück, Herzbeutel und Weichteile wurden genäht. Der 
1 Pat konnte sofort nach der Operation in sein Zimmer gehen. 
tfeiJoi#per primam. - Derselbe: (Jeher Dmn-Dum- Verletzungen. 
M seiner Ansicht können sie in einzelnen Fällen mit größter I 
TTahrscbeinHchkeit aus dem kleinen Einschuß und der Größe und 
'lertrtimmemg des Ausschusses diagnostiziert werden. Besonders 
jrer als Jäger gewöhnt ist, Diagnosen zu stellen, kann sagen, daß 
st sich wahrscheinlich um eine Dum-Dum-Verletzung handle. Nit 
Sicherheit kann man allerdings nar von ihr sprechen, wenn man 
das Geschoß findet. Unter den von J. behandelten Verwundeten 
hatten sechs mit Zuaven nnd Engländern gefoebten, bei denen 
Don-Dnm-Geschosse gefunden worden waren. Diese Leute zeigten 
schwere Ausschußzerreißungen mit und ohne Knochenzertrümmc- 
mgi Diese Wunden können weder als durch Querschläger hervor- 
gerofene noch als in der Explosionszone entstandene Verletzungen 
in/ge/aßt werden. 

Sudeck glaubt, daß an der Hand die anatomischen Verhältnisse 
an der dumdumartigen Verwundung schuld sind. ^ ( 

Leier rät zur Vorsicht bei der Diagnose. Sobald ein Geschoß 
den Knochen berührt, kann es sich drehen und einen großen Ausschuß 
Jierrorrafen, 

Drei/nss berichtet, daß man in Longwy viele Dum-Dum-Kugeln 1 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aue den off. Verlustlisten. 

1. Verwundet: 

O.-A. Dr. Max Kaiser, u. L.-I.-R. N T r. 28 (Liste Nr. 97). 

A.-A. Dr. Dimitrije Konjevic, u. L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 97). 
A.-A.-St. Dr. Rudolf Wonisch, J.-R. Nr. 7 (Liste Nr. 99). 

O.-A. Dr. Hugo Wiliner, F.-K.-R. Nr. 27 (Liste Nr. 100). 

A.-A. d. Res. Dr. Edmund Maliva I.-R. Nr. 47 (Liste Nr. 103). 

2. Kriegsgefangen: 

R.-A. Dr. Veit Brabetz, F.-J.-B. Nr. 26 (Tscheskaase bei Kiew — 
Liste Nr. 97). 

A.-A.d. Res. Dr. Josef Wanka, Div.-San.-A. Nr. 9 (1. Res.-Militär- 
Spital in Skoplje, Serbien — Liste Nr. 99). 

R.-A. Dr. Johann Braua, I.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 100). 

A.-A. d. Res. Dr. Loosdorfer, I.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 100). 

O.-A. d. Res. Dr. Leo Taussig, l.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 101)). 
A.-A.-St. Dr. Franz The ml, I.-R. Nr. 92 (Liste Nr. 100). 

* * 

• 

Auf dem südlichen Kriegsschauplatz ist der O.-A. d. Res. 
Dr. Felix Seligmann gefallen. — In Wien ist am 15. d. M. der 
praktische Arzt Dr. Rudolf Landesberg, ehemaliger Arzt der 
Heilanstalt Allaud, schwerem, in Ausübung seiner Fahnenpflicht 
erworbenem Leiden erlegen. — Ehre ihrem Andenken! 


yf ' Drei/nss berichtet, daß man in Longwv viele Dum-Dum-Kugeln 

; e ; r hni aber keine sichere Dum-Dum-Wirkung sah. 

‘ r . Calvary verband nach der Schlacht bei Mons einen Engländer, 

der eingestand, durch stundenlanges Reiben die Geschoßspitze freigelegfc 
■’ ilr "’ su haben. 

Rumpel ist der Ansicht, daß man an einer Wunde nicht mit 
' : völliger Sicherheit feststellen könne, ob sie von einem Dum-Dum-Geschoß 

i: iieirühre oder nicht. Er gibt Jen ekel recht, daß man bei der Jagd die 

i- Diagnose leichter stellen kann. Nach seiner Jagderfahrung und nach dem 

•_ . Crteil eines erfahrenen Jägers, der die im Barmbecker Krankenhaus 
behandelten Fähe mitgesehen hat, hält er es für sehr wohl möglich, daß 
es sieb bei ihnen um Dum-Dum-Wirkungen gehandelt hat. R. findet es 
richtig, das hier zu betonen, weil sonst nach den Ausführungen der 
Uebrzahl der Redner das Publikum schließen könnte, daß bei den Ham- i 
hurger Verwundeten überhaupt keine Dum-Dum-Verletzungen vorge- 
kommen seien und daß die Annahme von der Anwendung dieser Ge¬ 
schosse unwahr sei. 

Sudeck: Heber Tetanus. Kleine Statistiken nützen bei der 
Beurteilung des Tetanus nichts. Die Fälle sind zu verschieden. Es 
gibt virulente and weniger viralente Erkrankungen. Die Bakterien 
überschwemmen den Körper nicht. Das Hauptdepot bildet die 
Wunde. Das Wirksamste beim Tetanus ist das Toxin. Der Trans¬ 
port des Giftes erfolgt auf dem Wege der Nervenstämme zu den 
Vorderhömern des Rückenmarks. Das Toxin kann auch ins Blut 
M/groommen werden und von dort erst in die Nervenstämme und 
ins Zentralnervensystem gelangen. Die Verankerung des Giftes im 
Zentralnervensystem ist außerordentlich stark. Man kann sie nicht 
rückgängig machen. Aufgabe einer kausalen Therapie ist es, mög¬ 
lichst viel von den Bakterien und Toxinen aus dem Körper heraus- 
fltsebaffen. Bei großen Zertrümmerungen der Extremitäten wird 
®&n sich leichter zur Amputation entschließen. Sonst heißt es 
möglichst viel aus der Wunde zu exzidieren. Das Tetanusserum 1 
wd nicht nur intravenös usw. angewandt, sondern auch lokal. 

1hfl kann aber nur das noch nicht verankerte Toxin bekämpfen. 

& ist also wichtig, so früh und so energisch wie möglich zu 
fitzen. Die Wirkung der kausalen Therapie ist nicht eklatant. 1 
trotzdem muß man an die Wirkung des Antitoxins glauben. Bei B 
Jifreß kann man tatsächlich mit Antitoxin den Ausbruch des 
ptanus aufbaifen. Der Tod beim Tetanus erfolgt in der Regel 
mh Erschöpfung des Herzens und Erstickung (Krampf des 
T^erchfeils und der Thor&xmnskulatur). Für die symptomatische 11 

herapie kommt daher in Betracht: Tracheotomie und Insufflation * 

! 0D ^owstoff zur Ersetzung der Atmung, im übrigen Milderung ^ 
,5 ^Erregbarkeit. Die Magnesiumsalze wirken auf die Nerven 
^ ®end, sind also ein gutes Gegenmittel. Da sie aber leicht Ver- ^ 
erzeugen, sind sie nicht ungefährlich. Immerhin erreicht st 
®rt ihnen mehr als mit Narkotizis (Morphium u. a.). R. w 


Das Militärkommando beabsichtigt im Einvernehmen mit dem 
Militär-Sanitäts-Komitee, eine Anzahl von Aerzten der Militär¬ 
spitäler durch einige Wochen in bakteriologischen Unter¬ 
suchungen ausbilden zu lassen. 


Das Ministerium des Innern hat an die politischen Landes¬ 
behörden folgenden Erlaß gerichtet: Es ist wiederholt vorgekommen, 
daß die politischen Behörden beim Auftreten von Cholerafällen bei 
Militärpersonen bzw. in Militäranstalten auf die Durchführung der 
erforderlichen Schutz- und Tilgungsmaßnahmen entweder gar keinen 
oder verspäteten Einfluß genommen haben. Nach gepflogenem Ein¬ 
vernehmen mit dem Kriegsministerium wird die Statthalterei 
(Landesregierung) eingeladen, die Unterbehörden darauf aufmerksam 
zu machen, daß auch bei allen Fällen von Infektionskrank¬ 
heiten, in welchen es sich um Militärpersonen oder um das Auf¬ 
treten in Milifärspitälern handelt, bei Einleitung der notwendigen 
Erhebungen sowie bei Durchführung der gebotenen Epidemie- 
l maßnahmen das Einvernehmen der politischen Behörden und ihrer 
Fachorgane (Amtsärzte) mit den militärischen Sanitätsorganen 
unerläßlich ist. Das Kriegsministerium, das bei dem vorliegenden 
Anlaß ersucht wurde, entsprechende Weisungen an die in Betracht 
kommenden Militärbehörden zu erteilen, bat die Militärkommanden 
angewiesen, die unterstehenden Militärärzte auf die strengste 
Einhaltung der Bestimmungen des Punktes 55 des Dienstbuches 
Nr 25 (Vorschriften über die Verhütung und Bekämpfung der 
Infektionskrankheiten im Heer) aufmerksam zu machen. Nach 
diesen Bestimmungen haben sich die Militärärzte hinsichtlich der 
Seuchenbekämpfung mit den Sanitätsorganen des Zivils ins Ein¬ 
vernehmen zu setzen, damit ein einheitliches Vorgehen bei der 
Bekämpfung der Seuche gewährleistet uni jede Verschleppung 
von Infektionen aus den Truppen in die Zivilbevölkerung und 
umgekehrt vermieden werde. 


(Militärärztliches.) Ernannt wurden zu Oberärzten d. 

| Res. die Assistenzärzte d. Res. DDr.: A. Stark des Gebirgs- 
artillerie-R. Nr. 13, J. Raisp des I.-R. Nr. 87, S. Spitzer 
des F.-K.-R. Nr. 32, E. Klaschka des I.-R. Nr. 35, J. Michl 
des I.-R. Nr. 75, 0. Lederer des F.-K.-R. Nr. 25, B. Dedek 

des I.-R. Nr. 75, W. Kaiser des D.-R. Nr. 5 und H. Heins- 

heimer des I.-R. Nr. 90.; zu Assistenzärzten d. R. die Assistenz¬ 
arzt-Stellvertreter DDr.: L. Ferkas des I.-R. Nr. 46, F. Stoiber 

des I.-R. Nr. 24, J. Visintin des I.-R. Nr. 19, R. Haas des 

Garn.-Sp. Nr. 15, E. Gr über des Festungsartillerie-R. Nr. 3 und 
V. Proszowski des Garn.-Sp. Nr. 14; zu Oberärzten im Aktiv¬ 
stand die Assistenzarzt-Stellvertreter DDr.: F. Schmuttermeyer, 
H. Pokorny, O. Steiner, J. Haiszer, E. Schiander, J. Ga¬ 
lambos, A. Herczey, R. Angst, W. Fabini, L. Horväth, 
R. Klaubauf, F. Knobloch, A. Piller, S. Nyiri und L. Fi li¬ 
po vics der Militärärztlichen Applikationsschule; zu Oberärzten im 


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UNiVERSITY OF IOWA 






116 


1915 - MEOTZTNIRCHE KLINIK — Nr. 4. 


24. Januar. 


Aktivstand der Landwehr die Assistenzarzt-Stellvertreter Doktoren : 

K. Wieltschnig, J. Pall und P. Prikarrsky der Militärärzt¬ 
lichen Applikationsschule, E. Schubert und H. Steinberg des 

L. -I.-R. Nr. 24. — Verliehen wurde die früher bekleidete Regiments- 
arztes-Charge d. Res. den ehemaligen R.-Ae. DDr. G. Hay und 
A. Hold; die früher bekleidete Oberarztes-Charge d. Res. den ehe¬ 
maligen O.-Ae. DDr. J. Galfi und G. Fürpass; die früher be¬ 
kleidete Regimentsarztes-Charge . a. D. dem ehemaligen II .-A. 
Dr. 0. Päncztfl. — Ernannt wurden zu Landsturm-Regimenls- 
ärzten die Landsturm-Oberärzte DDr.: 0. Adler, H. Barbay, 

J. Buh, M. Casper, N. Chinati, E. Cmunt, K. Fiala, R. Fondi, 

G. Hass), E. Herrmann, M. Jedlißka, O. Kafka, J. Klepl, 
Ph. Lazarevi£, A. Maciay, E. Romanowsky, G. Röthel, 

M. Rus, E. Rychlik, M. Schramek, B. Schweinburg, P. Selem, 

J. Snajdr, A. Viänak, R. Vogel, V. Vranjican, A. Zeman, 

J. Zeman; zu Landsturm-Oberärzten 131 Landsturm-Assistenz¬ 
ärzte. — ln Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen Ver¬ 
haltens vor dem Feinde ist dem St.-A. Prof. Dr. K. Biehl des 
Armee-Oberkmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der 
Kriegsdekoration, den 0.-St.-Ae. II. Kl. DDr.: Ph. Riwczes, Sani¬ 
tätschef der 43. L.-I.-Div., K. Radimesser, Sanitätschef der 
45. L.-L-Div., den St.-Ae. DDr.: K. Steier, Kommandanten der 
Div.-San.-A. Nr. 30, G. David des I.-R. Nr. 27, A. Raschkes, 
Kommandanten der Div.-San.-A. Nr. 46 und A. Ir man des I.-R. 
Nr. 60, den R.-Ae. DDr.: L. Herz und 0. Florea des I.-R. Nr. 51, 

R. Srb des I.-R. Nr. 17 und J. Komarek des L.-I.-R. Nr. 23 
das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des Militär¬ 
verdienstkreuzes, den A.-Ae. d. Res. DDr.: J. Greif und A. Marx 
des l.-R. Nr. 28, K. Kupec beim L.-I.-R. Nr. 30, dem A.-A. d. Ev. 
Dr. J. Weiss beim I.-R. Nr. 18, dem R.-A. Dr. J. Golicz des 
L.-I.-R. Nr. 32, R.-A. d. Res. Dr. S. v. Msciwujewski und O.-A. 
d. Ev. Dr. M. Kulka des L.-I.-R. Nr. 32 das Goldene Verdienst¬ 
kreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem 
Lst.-A.-A. Dr. H. Streit des Lst.-I.-R. Nr. 15 das Goldene Ver¬ 
dienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen und den 
St.-Ae. DDr. F. Schmidl des I.-R. Nr. 11, E. Stengel des 3. Tiroler 

K. -I.-R., den R.-Ae. DDr. M. Rieder des Feldhaubitz-R. Nr. 13, 

F. Matejka beim 2. Armee-Etappenkmdo., J. Streng des F.-K.-R. 
Nr. 8, O.-A. d. Res. Dr. J. Hyden des I.-R. Nr. 97, den A.-Ae. 
d. Res. DDr.: A. Baron des l.-R. Nr. 30, A. Heiss und M. Gruss 
des I.-R. Nr. 97, J. &irek des I.-R. Nr. 28 und H. Jenny der 
Reitenden A.-Div. Nr. 9 die a. h. belobende Anerkennung ausge¬ 
sprochen worden. — In Anerkennung hervorragender Dienstleistung 
vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. II. Kl. Dr. E. Stehlik des 

3. op. Armeekmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der 
Kriegsdekoration, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr.: F. Kroath beim 

4. op. Armeekmdo., G. Weissenstein, Sanitätschef der 4.1.-Div., 
den St.-Ae. DDr.: E. Roediger, Kommandanten des Feld-Sp. | 
Nr. 7/12, E. Andauer, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 3/4, den 
R.-Ae. DDr.: E. Anynszt, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 2/12, 
J. Christian des Feld-Sp. Nr. 2/12, den St.-Ae. DDr. W. Rudner, 
Kommandanten des Reservespitals Nr. 2/11, J. Richter des 
I.-R. Nr. 17 und dem R.-A. Dr. J. Moldovan des 2. Armee- 
Etappenkmdo. das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande 
des Militärverdienstkreuzes, den O.-Ae. d. Res. DDr.: M. Gold¬ 
zieher des I.-R. Nr. 82, T. Pöterfi des H.-R. Nr. 2 das Goldene 
Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille 
und dem A.-A.-St. Dr. E. Sitta des Feld-Sp. Nr. 2/12 das Goldene 
Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden. 
— Ernannt wurden der R.-A. d. Res. Dr. J. v. Kasparek zum 
Stabsarzt d. Res.; auf Kriegsdauer zu Oberstabsärzten I. Kl. die 
o. ö. Professoren DDr. H. v. Hab er er, Vorstand der chir. Klinik 
Innsbruck, L. Merk, Vorstand der derm. Klinik Innsbruck, 0. Ku- 
kula, Vorstand der tschechischen chir. Klinik Prag; zu Ober¬ 
stabsärzten II. Kl. die a. o. Professoren DDr.: A. Posselt der 
Universität Innsbruck, A. Wittek, G. Possck und F. Trauner 
der Universität Graz, P. Alb recht, G. v. Wunschheim, A. Pilcz, 

L. Harmer, K. v. Steyskal, H. Neumann, H. Spitzy, G. Singer 
und G. Alexander der Universität Wien, K. Walko und L. Knapp 
der deutschen Universität Prag, S. Dobrowolski der Universität 
Krakau und Dr. A. v. Hochstetter, Chefarzt des allgemeinen 
Krankenhauses Wr.-Neustadt; zu Stabsärzten die Dozenten DDr.: 
W. Schlesinger, S. Grosz, H. Lauber, K. Springer, A. Schiff, 
L. v. Dittel, S. Jellinek, L. Freund, J. Salzer, W. Zweig, 
0. Sachs und H. Lorenz der Universität Wien, 0. Bozsnick 
der Universität Graz, J.Latkowski der Universität Krakau, 
Dr. E. Endlicher und Dr. 0. Kautz in Wien. — Gen.-St.-A. Dr. 
G. Knödt ist auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden. 


(Vorrückung der Militärärzte.) Die „Prag. med. 
Wochschr.“ bringt nach „Bohemia“ folgende Mitteilung: Voraus¬ 
sichtlich werden im Februar d. J. auch im militärärztlichen Offi¬ 
zierskorps Beförderungen stattfinden. Wie verlautet, gelangen zur 
Beförderung: zum Generalstabsarzt der Oberstabsarzt I. Kl. Doktor 
Siegmund Dyn es (Rang 1. Mai 1909); zu Oberstabsärzten I. Kl. 
die Oberstabsärzte II. Kl. bis zum Rang vom 1. Mai 1910, und 
zwar bis einschließlich Oberstabsarzt I. Kl. Dr. Heinrich Rumpf; 
zu Oberstabsärzten II. Kl. die Stabsärzte einschließlich des Ranges 
vom 1. November 1909; zu Stabsärzten die Regimentsärzte des 
Ranges vom 1. Mai 1900, dann des Ranges vom 1. November 1900 
bis einschließlich Regimentsarzt Dr. Friedrich Koukal; zu Regi¬ 
mentsärzten die Oberärzte des Ranges vom 1. August 1913 bis 
einschließlich Oberarzt Dr. Laurenz Nocar. Auch in der Reserve 
wird voraussichtlich eine Vorrückung der Militärärzte erfolgen, 
und zwar gelangen zur Beförderung zu Stabsärzten in der Reserve 
die Regimentsärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Mai 1900, 
falls sie mindestens 10 Jahre aktiv gedient haben; ferner kommen 
zur Beförderung in die nächsthöhere Charge an die Reihe: die 
Oberärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Februar 1911, die 
Assistenzärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Januar 1913, 
dann alle beförderungfähigen Assistenzarzt-Stellvertreter, die den 
gesetzlichen Präsenzdienst als Einjährig-Freiwillige oder als Ersatz¬ 
reservisten abgeleistet haben. 

(Hochschulnachrichten.) Berlin. Priv.-Doz. Doktor 
D. v. Hansemann und a. o. Prof. Dr. F. Krause zu o. Professoren 
ernannt. — Budapest. Dem Privatdozenten für chirurgische Ana¬ 
tomie und Chirurgie der Bauchorgane Dr. E. Po ly a der Titel eines 
a. o. Professors verliehen. — Greifswald. Der a. o. Prof. Dr. 
0. Beumer zum o. Professor ernannt. — Prag. Dr. J. Lang an 
der tschechischen Fakultät für Oto-Rhino-Pbaryngologie habili¬ 
tiert. — Wien. Doktor E. Urbantschitsch für Ohrenheilkunde, 
Dr. E. Mayerhofer für Kinderheilkunde habilitiert. 

(Kriegschirurgischer Tritschtratsch.) Die Tages¬ 
blätter brachten jüngst die Mitteilung eines Wiener — Historikers 
und ehemaligen Reichsratsabgeordneten, der sich berufen fühlte, 
den Chirurgen allzu häufige Vornahme von Amputationen zu 
widerraten. Ein in einem Spital e beschäftigter Arzt hatte ihm er¬ 
zählt, er habe heute noch fünf Gliedabsetzungen wegen Erfrierungen 
vorzunehmen. Wir kennen den Namen des kriegschirurgischen Bra¬ 
marbas nicht, dessen angebliche Aeußerung den besorgten Histo¬ 
riker zu seiner so autoritativen Warnung veranlaßt hat — be¬ 
kanntlich ist die Zahl der Amputationen in diesem Kriege sowohl 
in Oesterreich-Ungarn wie in Deutschland eine gegenüber den 
Kriegen des vorigen Jahrhunderts minimale —, verzeichnen aber 
mit Befriedigung, daß das Präsidium der Wiener Aerztekammer 
in den betreffenden Tageszeitungen eine offiziöse Erklärung ver¬ 
öffentlicht, welche die Mitteilung des besorgten Historikers als „über¬ 
flüssig“ bezeichnet, da die Indikationen für Gliedabsetzungen jedem 
Studierenden der Medizin, geschweige donn jedem Arzte wohlbekannt 
sind. Wir verzeichnen, wie gesagt, di eso Erklärung mitBefriedigung, 
wenn wir auch einer schärferen Diktion derselben den Vorzug ge* 
geben hätten. Denn die Mitteilung des besorgten Historikers war 
nicht nur eine überflüssige und unberufene Einmengung, sie war 
leider auch geeignet , das große Publikum zu alarmieren und zu 
beunruhigen. Und das darf besonders dann nicht geschehen, wenn 
— wie hier — hierzu auch nicht die Spur eines Anlasses vorliegt. 

(Statistik.) Vom 10. bis inklusivo 16. Januar 1915 wurden in 
den Zivilspitälorn Wiens 14.406 Personen behandelt. Hiervon wurden 
2454 entlassen, 234 sind gestorben (B'7% des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö Statthalteroi als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 141, Scharlach 91, Masern —, Röteln—, Varizellen—, Oip 
theritis(>9, Keuchhusten —, Mumps—, Influenza—, Abdominaltvphus * 
Dysenterie 4, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand 
Wochcnbettficber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, ypidemisene 
nickstarrc —. In der Woche vom 3. bis 9. Januar 1915 sind in 1 
832 Personen gestorben (-+• 13 gegen die Vorwoche). 

Sitzungs-Kalendarium. 

Montag, 25. Januar, 6 Uhr. Oesterr. otolog. Gesellschaft. Hörsanl r 

bau tschitsch (IX., Alserstraßc 4). Demonstrationen. . 

Donnerstag, 28. Januar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Iw®“ 

Kinderheilkunde. Ilörsaal Chvostek (IX., Alserstraße y* * ^ 
monstrationen (Anzahl beschränkt). 2. Diskussion über tu { 
Therapie der Dysenterie. Einleitende Bemerkungen vo ^ 
A. v. Müller. (Zur Diskussion gern.: Prof. Singer, Doz. 
singer, Prof. H. Schlesinger.) _ /TV 

Freitag, 29. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzle. (IX> __ 


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban 4 Schwarzenberg, Wien nnd Berlin. — Verantwortlicher Red ak teur für Österreich-Ungarn: Karl Urbaa, Wi«n- 

Druck ron Göttlich Oistel ACie., Wien, IH., Münzgaaee «. 


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XI. Jahrgang. 



Wien, 31. Januar 1915. 


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Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

Pr&fmmw Br. Kurt Brandenbw* 
Berlin 


Verlag von 

Urban & Schwargeuherf 


Im Irl,»; Prof. Dr. Ed. Stadler, Erfahrungen eines Truppenarztes. Prof. Dr. 
ir^r R.^UoXpidisches in der Verwundetenbehandlung. Stabsarzt d. R. Dr. Petermann und OberarztDr.Hancken UeberExtreraitäten- 
'r 1, l^rrBerteksichti^ng der Infektion. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. A. Ewald, Fleischlose Tage. - Abhandlungen-. Dr. Albert 
rertaiojw _ Berichte Bber Krankheitsfälle und BehandlungSTerfahren: Dr. E. Breiger, Die körperlichen Fnthsymptome derDe- 

Serhf. Irter Hamatune. Berichte prof Dr h Langstein und Dr. W. Usener, Aus dem Gebiete der Pädiatrie. Die Erkrankungen 

""" pn,CCl>1 ' den neuesten Zeitschriften. Wissenschaftliche Verhandlungen. - Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der 

^'“XJÖtsellsLt für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegschirurgischer Abend im Garnisonssp.tal Nr. 16 in Budapest, 

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Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


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m Erfahrungen eines Trappenarztes 

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, r,. M Dr. M Stadler, Stabsarzt und Bataillonsarzt im Felde. 

' Wenn man von kriegsärztlichen Erfahrungen redet, so 

!r: denkt jeder zunächst an Erfahrungen bei Verletzungen durch 

J ! Hieb- oder Schußwaffen und bei gewissen epidemischen Krank¬ 
heiten, den sogenannten Kriegsseucben. Sie bieten ja zweifel- 
:: los das größte Interesse, da sie nur zu Kriegszeiten in 

Misse beobachtet werden. Bei den ersteren steht die Frage 
der Behandlung, bei den andern die Frage ihrer Verhütung 
m Vordergründe. lieber beides ist eine ausgiebige Literatur 
vorhanden, die sich zu Kriegszeiten schnell zu vermehren 
pflegt. Neben diesen zwei inneren Feinden des Heeres, die 
es zumeist in Massen dahinrafft, gibt es einen langsam aber 
beständig arbeitenden Blutsauger an der Kraft der Truppe, 
das ist die Zahl der inneren und äußeren Krankheiten aller 
Art, wie sie auch sonst im täglichen Leben auftreten und 
den besonderen dienstlichen Anforderungen entspringen. Sie 
spielen eine größere Rolle nur bei der Infanterie, während 
die berittenen Truppen weit weniger unter ihnen zu leiden 
haben. Ihre Beobachtung und Behandlung ist das besondere 
Arbeitsfeld des Truppenarztes. Neben den hygienischen 
Mafinabmen bei der Unterbringung und Verpflegung der 
Trappe ist die Beurteilung und Behandlung leichter Erkran¬ 
kungen seine wichtigste Aufgabe. Ihre gewissenhafte Durch- 
fShrung ist für die Leistungsfähigkeit der Truppe von nicht 
in unterschätzender Bedeutung. 

Ohne Kenntnis der Verhältnisse, wie sie der Krieg mit 
ach bringt, könnte man die rein ärztliche Tätigkeit des 
Trappenarztes für leicht und einfach halten. Ein Vergleich 
mit den Erfahrungen im Friedensmanöver ist nicht stich¬ 
haltig. Die Transport- und Verpflegungsverhältnisse sind 
flort weit einfacher und meist günstiger; die Zahl der wegen 
Krankheit abzuschiebenden Mannschaften mehr oder weniger 
gleichgültig. Im Kriege liegen die Dinge anders: vor dem 
feind ist jedes Gewehr wichtig. Jede Ueberweisung in 
Uzarettbehandluog belastet zunächst das Transportwesen 
und weiterhin die Lazarette selbst. Es heißt also, Leicht¬ 
kranke nach Möglichkeit bei der Truppe behandeln, ohne 
deren BeweguDgsfähigkeit und Gefechtskraft zu stören. Das 
freitet oft nicht geringe Schwierigkeiten, zumal als oberste 
lordenwg den Arzt stets dasNil nocere gegenüber seinen Kran¬ 


ken leiten soll. Die schleunigste und völlige Wiederher¬ 
stellung des Kranken ist die wichtigste Aufgabe. Wie läßt 
sich eine rationelle Behandlung aber mit den hygienischen 
Verhältnissen bei der marschierenden und fechtenden Truppe 
vereinbaren? 

Aus diesem Dilemma einen Ausweg zu finden, bedarf 
es der Erfahrung. Jeder Truppenarzt hat sie gemacht, und 
manche Aenderung in seinem Verhalten Leichtkranken 
gegenüber wird im Laufe der Kriegszeit die Folge gewesen 
sein. Aber nicht nur in die ungewohnten Kriegsverhältnisse 
hieß es sich einzuleben, mancher Arzt machte Bekanntschaft 
mit ihm nicht geläufigen Krankheiten: der Chirurg mit 
inneren Krankheiten, der innere Mediziner mit Wunden, der 
Spezialarzt kleinerer Gebiete mit den Leiden des ganzen 
Körpers. Man sieht, der Truppenarzt hat es nicht leicht, 
wenn er seinen Pflichten als Arzt und als Sanitätsoffizier 
voll genügen will. Dabei ist er den allgemeinen Strapazen 
des Feldzugs kaum weniger ausgesetzt als die fechtende 
Truppe selbst, namentlich auf Märschen und im Bewegungs¬ 
kriege teilt er voll alle ihre Leiden und Freuden. 

Je nach Gegend, Klima und dienstlichen Anforderungen 
überwiegen bald diese, bald j*ne Erkrankungsformen. Große 
Märsche, Hitze, Kälte und Nässe, Wasser- und Nahrungs¬ 
verhältnisse des Landes prägen sich in dem Kranken- 
bestande der Truppe deutlich aus. Die Truppenärzte des 
.. Armeekorps, die in Belgien, Ostpreußen und Polen unter 
den wechselndsten Umständen tätig waren, hatten wohl am 
besten Gelegenheit, das zu beobachten. 

In Anbetracht der starken Marschleistungen spielten 
die sogenannten Marschkrankheiten bei den Fußtruppen 
dieses Armeekorps die Hauptrolle. Wundgelaufene Füße, 
oberflächliche Zellgewebsentzündungen, Entzündungen der 
Sehnenscheiden und Schleimbeutel der Füße, Knochenhaut¬ 
entzündung an den Schienbeinen, Verstauchungen des Sprung¬ 
gelenks gehörten zum täglichen Brot beim Revierdienste. 
Sie machten sich naturgemäß vor allem während der ersten 
Marschtage bei den Reservemannschaften geltend und 
kehrten im Bilde des Krankenhestandes stets wieder bei 
Einstellung von Ersatzmannschaften, die an große Märsche 
nicht gewohnt waren. Die aktive Truppe stellte nur ganz 
vereinzelt Fußkranke, und diese waren meist während ihrer 
Dienstzeit bereits fußkrank gewesen. Besonders gern traten 
Verschlimmerungen einer früheren „Fußgeschwulst“ auf, den 


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UMIVERSITY OF IOWA 




122 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


bekannten kallösen Veränderungen an den Mittelfußknochen 
nach Knochenbruch. Eine frische Fußgeschwulst als Folge 
eines Mittelfußknochenbruchs ist mir während des Feldzugs 
bisher nicht zu Gesicht gekommen. Verhältnismäßig selten 
waren chronische Plattfußbeschwerden, ein gutes Zeichen J 
für die Rekrutierung einer Fußtruppe. 

Der Truppenarzt allein weiß von der Wichtigkeit einer 
guten Fußpflege ein Lied zu singen. Im allgemeinen ist 
es Brauch, daß nach dem Einrücken in die Quartiere der 
Sanitätsunteroffizier jeder Kompagnie einen „Fußappell“ ab¬ 
hält und kleine Schäden, wie oberflächliche Hautabschür¬ 
fungen, Blasenbildung und dergleichen selbst behandelt, 
schwerere Veränderungen aber dem Arzte zeigt. Ein fleißi¬ 
ger, gewissenhafter und energischer Sanitätsunteroffizier 
kann durch richtige Beurteilung und sachgemäße Behand¬ 
lung kleiner Schäden für die Leistungsfähigkeit seiner Kom¬ 
pagnie im Marschieren viel tun. Es ist ferner Sache der 
Vorgesetzten, namentlich der Korporalschaftsführer, ihre 
Mannschaft immer und immer wieder zur ausgiebigen Fu߬ 
pflege durch möglichst häufige Fußbäder und -Waschungen 
anzuhalten. Das ist leichter gesagt wie getan. Kommen 
die Leute spät abends erschöpft ins Quartier oder ins Biwak, 
so ist die Ruhebedtirftigkeit gewöhnlich so groß, daß nach 
Empfang der Mahlzeit sofort sich alles schlafen legt. In der 
Nähe des Feindes, bei Gefechtsbereitschaft im Alarmquartier 
und im Wachtdienste bleibt der Mann in seinen Kleidern. 
Ungünstige Verhältnisse können dazu führen, daß manche 
Leute 10 bis 14 Tage lang nicht die Stiefel von den Füßen 
ziehen, weil sie keine Zeit und Gelegenheit dazu finden. 

Es war ganz auffallend, wieviel geringer die Zahl der 
Fußkranken sich stellte, wenn die Truppe mittags oder nach¬ 
mittags vor dem Dunkelwerden ins Quartier kam und Ge¬ 
legenheit zur Fußpflege hatte. Oft ist auch nur bei Tages¬ 
licht die Besorgung von Waschwasser möglich. Die Wasser¬ 
verhältnisse im Süden von Polen waren allerdings mehrfach 
so schlecht, daß brauchbares Wasser am Unterkunftsorte 
selbst überhaupt nicht vorhanden war. Das Trinkwasser 
für die Pferde mußte manchmal halbstundenweit aus Nach¬ 
bardörfern geholt werden. Was helfen unter solchen Um¬ 
ständen strenge Befehle zur Reinigung des Körpers, speziell 
zur regelmäßigen Fußwaschung? Man konnte in der Tat 
Niemandem zumuten, sich in dem Schmutz- und Schlamm¬ 
wasser der polnischen Brunnen zwecks „Reinigung“ zu baden. 
Eine gleichmäßige Braungelbfärbung der Haut, vereint mit 
einem unbeschreiblichen Moderduft, war der Erfolg solchen 
Beginnens. Da ließ man das Waschen oft schon lieber ganz 
sein und beschränkte die Körperreinigung aufs Putzen der 
Brillengläser. Zum Anlegen artesischer Brunnen fehlte es 
meist an Zeit. 

Die Wasserfrage spielte naturgemäß auch in anderer 
Beziehung eine gewichtige Rolle. Die Schlammbrunnen 
waren als Trinkwasser schlechterdings unbenutzbar. Große 
Filter zur Klärung der braunen Brühe standen nicht zur 
Verfügung. Zur Bereitung von Suppen und Getränken 
mußten die Feldküchen oft weite Fahrten über Land unter¬ 
nehmen, bis sie eine einigermaßen brauchbare Flüssigkeit 
in genügender Menge fanden. Im deutschen Vaterlande 
hätte sich jeder gesträubt, solches Schmutzwasser selbst im 
abgekochten Zustande zu genießen. Der eingeborene Pole 
trank es kaltlächelnd, wie es war, — und lühlte sich sehr 
wohl dabei. Er war durch den Genuß dieses mit organi¬ 
schen Bestandteilen aller Art durchsetzten Getränks von 
Jugend auf immun geworden gegen seine giftigen Wirkungen. 
Denn alle Beobachtungen sprachen dafür, daß der Genuß 
des Brunnenwassers in Polen, vielleicht auch des abge¬ 
kochten, nicht ganz unschädlich war. Bereits während der 
Märsche in Ostpreußen, wo vielfach das Brunnenwasser eben¬ 
falls stark verschmutzt und als Trinkwasser ungenießbar 
war, traten bei der Truppe Durchfälle auf, die ihrem 
Charakter nach auf Störung der Dickdarmfunktion zurück¬ 


geführt werden mußten. Die Leute hatten häufige flüssige 
Entleerungen mit mäßiger Schleimbeimengung, mehrfach 
auch mit kleinen Mengen hellroten Bluts in Streifen oder 
zusammenhängenden Schleimfetzen; manche klagten über 
Tenesmus, fast alle zeigten eine mehr oder weniger deut¬ 
liche, umschriebene Auftreibung des Dickdarms, oft so stark, 
daß sich die Dickdarmschlingen unter den Bauchdecken sichb 
bar abhoben. Schmerzen wurden verschieden lebhaft ge¬ 
klagt, meist von kolikartiger Natur. Im allgemeinen war 
das Allgemeinbefinden nur wenig gestört, der Appetit gut. 
Nur anfangs machte sich wohl leichtes Frostgefühl und 
Abgeschlagensein bemerkbar. Auf den ersten Blick hätte 
man manche Fälle unmittelbar als „Dysenterie“ ansprechen 
können. Eine bakteriologische Untersuchung der Stuhlgänge 
fand bei meinem Truppenteil nicht statt. Gegen die An¬ 
wesenheit der bekannten Erreger der „Ruhr“ sprach aber 
von vornhein der schnelle und günstige Ablauf der Erkran¬ 
kung in weitaus der Mehrzahl der Fälle. Beim rechtzeitigen 
Einsetzen der ärztlichen Behandlung verschwanden die Er¬ 
scheinungen gewöhnlich innerhalb weniger Tage und auch 
„verschleppte“ Fälle, die drei bis vier Wochen lang dnrch- 
fälligen Stuhl hatten und dadurch in ihrem Kräftezustande 
zu leiden anfingen, besserten sich dann vielfach schnell. 
Eine wesentliche Einbuße an Gefechtskraft hat die Truppe 
durch diese Darmkatarrhe nicht erfahren. 

Ich wies schon vorhin auf die miserablen Wasserver¬ 
hältnisse in Polen als vermutliche Ursache dieser Dickdarm¬ 
katarrhe hin, ohne daß ich damit eine sichere Behauptung 
aussprechen könnte. Aber die übrige Ernährung der Truppe 
war dieselbe geblieben wie in den Wochen vorher. Rohes 
Obst hatte es in Belgien und Ostpreußen schon genügend 
gegeben und war meist ohne großen Schaden vertragen 
worden. Die kühlere und feuchtere Witterung während des 
polnischen Feldzugs mag als auslösender und unterhaltender 
Faktor für den Darmkatarrh in Rechnung gestellt werden, 
als Entstehungsursache kommt sie nicht in Frage. Daß es 
sich um einen infektiösen Prozeß handelte, bedarf kaum der 
Diskussion, und daß ein allgemein verwendetes Nahrungs¬ 
mittel die Ursache sein mußte, dafür sprach die Ausbreitung 
des Katarrhs bei fast der gesamten Truppe, Offiziere wie 
Mannschaften. Es ist kaum einer verschont geblieben. 
Daß bei dem einen die Erscheinungen gleich anfangs, bei 
dem andern erst nach Verlauf mehrerer Wochen eintraten, 
spricht nioht gegen die gemeinsame Ursache. Die Gift¬ 
wirkung war augenscheinlich gering und es bedurfte wohl 
eines weiteren zufälligen Faktors, um die krankhaften Er¬ 
scheinungen zum Ausbruche kommen zu lassen. So mehrte 
sich die Zahl der Krankheitsfälle wesentlich während der 
feuchten und kalten Tage, die das Regiment an der Weichsel 
in Schützengräben und Erdlöchern verbrachte. 

Die Behandlung der Magendarmkrankheiten ist in 
erster Linie Sache der Diätetik. Bei richtig gewählter 
Diät sind Arzneimittel überflüssig. Was war mit diesem 
Friedensgrundsatz im Feld anzufangen, wo alles auf eine 
„kräftige“ Kost angewiesen ist, die sich gewöhnlich aus einer 
Fleischbrühe mit Zutat von Kraut, Kartoffeln, Reis, Graupen 
oder einer Gemüsekonserve, ferner frischgebackenem Schwarz¬ 
brot, Speck, Schmalz oder Käse zus&mmensetzU — Alles in 
allem eine Calorienreihe, aus stark fetthaltiger Kost, deren 
Zubereitung in manchen Feldküchen auch den verwöhntesten 
Gaumen befriedigen konnte. Dazu wurde ein dünner Kaffee¬ 
oder Teeaufguß, selten Kakao verabreicht. — Die völlige 
Unzweckmäßigkeit dieser Kost zur Behandlung eines Dick* 
darmkatarrhs leuchtet ein. Auf der andern Seite konnte 
man die Darmkranken, die den schweren Kriegsdienst ohne 
Unterbrechung weiter taten, nicht hungern lassen. Ein bis 
zwei Tage lang absolute Diät zu verordnen, wäre ja für 
den Arzt leicht gewesen, nur hätte er kaum einen folg¬ 
samen Patienten gefunden. Da fand sich nun ein Ausweg 
aus den Schwierigkeiten, der zwar nicht ganz gesetzlich 


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UNIVERSUM OF IOWA 


3L J&naar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


123 



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war aber den die Verhältnisse ausnahmsweise ge¬ 
statteten. 

Die eiserne Portion jedes Soldaten setzt sich aus einer 
Büchse Konsermfletech und einem Beutelchen voll Eier- 
iwieback zusammen. Dieser Eierzwieback stellt eine kohle- 
hydrat- und eiweißreiche, aber fettarme, also leicht verdau¬ 
liche Nahrung dar, die von der Mannschaft gern genommen 
wird. Da in der fraglichen Zeit solche Zwiebackportionen 
im Ueberflusse vorhanden und leicht aus den Kolonnen zu 
ersetzen waren, ließ ich sie auf ärztliche Verordnung hin 
als Krankenkost abgeben. Dazu wurde von den Sanitäts- 
uoteroffizieren Jeder Kompagnie Tee gebraut. Mit dieser 
Krankenkost waren die Leute meist zufrieden und erfuhren 
in der Regel nach ein bis zwei Tagen eine völlige Wieder¬ 
herstellung. Das Verfahren bewährte Bich, solange die 
Krankenzahl gering war. Mit ihrer Steigerung ließ es sich 
aber nicht durchführen aus Mangel an verfügbarem Zwieback. 
Es blieb nur eine Aenderung der gesamten Mannschaftskost 
übrig, die in der Weise bewerkstelligt wurde, daß statt Kaffee 
nnr Tee oder Kakao, ferner morgens oder abends eine dicke, 
sehr wohlschmeckende Mehlsuppe bereitet wurde und die 
Mittagskost durch möglichst ausgiebige Entfettung des 
Suppenfleisches für Magen und Darm leichter verträglich 
gemacht wurde. Das so gewonnene Schmalz war für die 
gesunden Leute ein höchst willkommener Ersatz für Butter. 
Zwar mußten die Kranken alsdann auf Brot verzichten, aber 
dafür boten die dicken Mehlsuppen vorübergehend einen ge¬ 
nügenden Ersatz. 

Die Erfahrung lehrte, daß man auch bei der Truppe 
unter den schwierigen Verhältnissen eines Feldzugs im frem¬ 
den Lande mit gutem Willen eine diätetische Behandlung 
von Magen-Darmkranken durchführen kann. Allerdings trifft 
das nur für akute, leichtere Fälle zu. Denn für verschleppte 
Katarrhe mit starker Reduktion des allgemeinen Kräfte- 
lust&ndes und für einzelne von vornherein sich als schwerere 
Form charakterisierende Erkrankungen genügte die Kost doch 
nicht, um eine Heilung zu erreichen. Es kommen eben 
dauernd infolge mangelhafter Unterkunft, fehlender Ruhe 
und kalter und feuchter Witterung allerhand Faktoren zu- 
ttmmen, welche an sich bereits vom weniger widerstands¬ 
fähigen Körper nicht auf die Dauer ertragen werden. Nach 
Möglichkeit wurde versucht, auch sie auszuschalten durch 
Tragen warmer Unterkleidung, Leibbinden und durch Unter¬ 
bringung der Kranken im Quartier in heizbaren Räumen. 
Mit welchen Schwierigkeiten man besonders bei der Unter¬ 
bringung zu kämpfen hat, kann nur der beurteilen, der den 
Feldzug im Süden von Russisch-Polen mitgemacht hat. Mehr¬ 
mals habe ich für die Kranken als wärmsten Raum einen 
mit Tieren stark belegten Pferdestall beansprucht — ein 
nicht gerade hygienisches aber wenigstens warmes Nacht¬ 
quartier nach dem einzig richtigen Grundsätze: „Lieber 
«Blickt als erfroren“. An alles gewöhnt man sich in diesen 
Behausungen halbwilder Völker, an Gerüche, Schmutz und 
Unn schreiender Kinder und keifender oder heulender 
Weiber, nnr niemals an die Kälte. 

Gegenüber den diätetischen Maßnahmen spielte die Be¬ 
handlung der Darmkatarrhe mit Arzeimitteln eine neben- 
sächliche Rolle. Eine Dosis Kalomel oder Ricinusöl zu Be- 
pöß gegeben, genügte gewöhnlich zur Beseitigung der Krank- 
aeitserscheinungen. Bei länger bestehender Neigung zum 
Durchfalle waren Tannalbin oder Bismut. subgallic. von 
günstiger Wirkung. Weniger schien mir Opium — natttr- 
uch nur im späteren Verlaufe gegeben — den Durchfall zu 
beseitigen. Ich möchte aber auf die Beurteilung der arz¬ 
neilichen Behandlung nicht zu viel Wert legen, da die 
Krankenbeobachtung, namentlich das Einhalten der vorge¬ 
gebenen Diät, nicht immer einwandfrei zu kontrollieren 
^mehrtägigem Aufenthalte der Truppen am selben 
v*. — beim... Armeekorps bisher freilich ein seltenes Er- 
e W — wurden die Kranken möglichst in einem Kaum, 


einer Ortskrankenstube, untergebracht und hier der Aufsicht 
eines Sanitätsunteroffiziers unterstellt. Die Einrichtung einer 
Ortskrankenstube hat sich mir zu Zeiten größeren Kranken¬ 
bestandes durchaus bewährt, ja als das einzige Mittel zur 
Durchführung einer rationellen Leichtkrankenbehandlung bei 
der Truppe erwiesen. 

Im Vergleiche zu den akuten Darmerkrankungen traten 
alle übrigen Erkrankungen der inneren Organe weit in den 
Hintergrund. Die kalten und gleichzeitig nassen Wochen, 
die wir im südlichen Polen auf anstrengenden Märschen, in 
Schützengräben und Unterständen ander Weichsel bei höchst 
mangelhafter Unterkunft verlebten, schienen ja für das Auf¬ 
treten der sogenannten Erkältungskrankheiten wie ge¬ 
schaffen. Aber nichts erfolgte. Die Zahl der Fälle von 
Luftröhrenkatarrh, Schnupfen, Mandelentzündung und rheu¬ 
matischen Erkrankungen stieg kaum an. Eine Pneumonie 
habe ich bei meinem Truppenteil überhaupt nicht beobachtet. 
Die Ursache für das Gesundbleiben der Atmungsorgane ist 
wohl in der Bakterienarmut der Luft zu suchen. Das süd¬ 
liche Polen ist sehr dünn bevölkert, Staub fehlt — die Land¬ 
straßen sind dort fast ausnahmslos fußtiefe Sandwege —, 
weit und breit sieht man bebaute Felder mit Waldstücken 
dazwischen. Der dauernde Aufenthalt in staubfreier Luft 
ist bekanntlich die beste Prophylaxe für alle Erkältungs¬ 
zustände —, und für reichliche Bewegung im Freien wurde 
bei uns genügend gesorgt. Die Marschleistungen des ... . 
Armeekorps werden in der Kriegsgeschichte noch einmal eine 
Rolle spielen. Nässe und Kälte allein bedingen eben nicht 
oder nur bei besonderer Prädisposition Einzelner stärkere 
katarrhalische Veränderungen der Luftwege. Auf hoher See, 
in einsamer Berggegend, im Gletschergebiete gibt es keine 
„Erkältung“. Es fehlt eben an Bakterien, den eigentlichen 
Erregern des krankhaften Zustandes, wie sie sich auf stau¬ 
biger Landstraße, in bevölkerten Städten und eng bewohnten 
Behausungen in Massen finden. 

Und der Mangel an Katarrhen der Schleimhäute der 
oberen Luftwege war Vorbedingung für das seltene Auftreten 
rheumatischer Erkrankungen. Gewiß machten sich bei 
älteren Mannschaften Rezidive eines früheren chronischen 
Rheumatismus hin und wieder geltend, wie er bei diesen 
Leuten fast regelmäßig bei Kälte und Feuchtigkeit sich ein¬ 
zustellen pflegt. Der akute Gelenkrheumatismus aber ge¬ 
hörte zu den großen Seltenheiten, ebenso der typische 
Muskelrheumatismus und Störungen im Nervengebiete, die 
man gern als „rheumatischer“ Natur anspricht, wie Fälle von 
Ischias. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich gerade 
die starken Marschleistungen als bestes Mittel gegen das 
Auftreten dieser Art von Krankheiten bezeichne, namentlich 
bei einer Mannschaft, die ans Marschieren gewöhnt ist. 

Die Gewöhnung an die besonderen Anforderungen des 
Kriegsdienstes, besonders ans Marschieren, an das Leben 
in Wind und Wetter und an die Kost fand bei den Mann¬ 
schaften des Beurlaubtenstandes meist sehr schnell statt, 
trotzdem zu Beginn des Feldzugs bei beträchtlicher Hitze 
starke Märsche zu machen waren. Bedrohliche Fälle von 
Hitzschlag kamen nur ganz vereinzelt vor, sämtlich mit gün¬ 
stigem Verlaufe, Zustände von Herzschwäche oder allge¬ 
meinem Zusammenbruche der Körperkräfte sah ich bei meinem 
Bataillon überhaupt nicht, obgleich unter den Reservisten 
manche mangelhaft ernährte und wirtschaftlich schlecht 
stehende Arbeiter, wie Glasbläser, Weber u. s. w., waren. 
Rezidive früherer chronischer Krankheiten, in erster Linie 
der Lungentuberkulose, weiterhin chronischer Magenleiden, 
wie Ulcus, von Unterleibs- und Bauchwandbrüchen in alten 
Narben, Krampfaderbeschwerden, chronischem Rheumatismus, 
führten in einer Anzahl von Fällen zur Ueberweisung in 
Lazarettbehandlung. Das größte Kontingent zu diesen Kran¬ 
ken stellten wohl die Kriegsfreiwilligen, bei denen die Be¬ 
geisterung für die Sache des Vaterlandes manchmal die eigenen 
Körperkräfte überschätzen ließ. Das soll kein Tadel sein. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



124 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. \ 


31. Januar. 


Denn weitaus die Mehrzahl gewöhnte sich durch die stän¬ 
dige Uebung bald an die Ertragung der Kriegsstrapazen und 
wetteiferte mit den alten Mannschaften um den Ruhm, das 
beste zu leisten. Im ganzen genommen war der Verlust 
der Truppe durch die ebengenannten Krankheitszustände 
gering, ein gutes Zeichen für die richtige Aussiebung der 
Ersatzmannscbaften in der Heimat während der Zeit ihrer 
militärischen Ausbildung. 

Die Tätigkeit des Truppenarztes wäre leicht und be¬ 
friedigend, wenn es sich bei allen Mannschaften, die sich 
krank melden, um objektiv nachweisbare Krankheitserschei¬ 
nungen handelte. Das ist aber keineswegs der Fall. Der 
Kassenarzt kennt aus seiner Praxis zur Genüge daß große 
Heer Leichtkranker, die wegen unkontrollierbarer Schmerzen 
für einige Zeit auf Kassenkosten privatisieren wollen. Bei 
der Truppe ist das nicht viel anders. Täglich, namentlich 
nach oder vor großen Märschen, auch wohl — wenn auch 
weniger — bei bevorstehenden Gefechten, melden sich mehr 
oder weniger Leute mit allerhand Beschwerden, Ziehen und 
Stechen in Brust und Rücken, Schmerzen in Beinen und 
Füßen, für die eine Grundlage sich nicht ermitteln läßt. 
Zweifellos spielen ja recht oft Empfindungen in der Musku¬ 
latur — besonders nach angestrengten Märschen — eine 
Rolle; auch das Tragen des durchschnittlich 30 bis 40 Pfund 
schweren Tornisters mag oft genug unangenehm empfunden 
werden. Aber bei manch einem tapferen Vaterlandsvertei¬ 
diger mag auch der Wunsch, für einen Marschtag von 
seinem Tornister befreit oder gar selbst auf einen Wagen 
gesetzt zu werden, die Veranlassung zur Krankmeldung sein. 
Das ist in Anbetracht der fortgesetzten großen Anstrengungen 
psychologisch wohl zu verstehen. Und als Arzt ist man ja 
aus Gewohnheit gar zu leicht geneigt, den Klagen seiner 
Mitmenschen zunächst mehr Glauben zu schenken als den 
Tatsachen entspricht. Nichts ist schwerer zu beurteilen als 
Simulation und Cumulation anatomisch undefinierbarer 
Schmerzen. Es gehört dazu außer der Sicherheit in der 
physikalischen Diagnostik eine große ärztliche Erfahrung 
und Menschenkenntnis. Es ist nicht immer leicht, die 
„faulen Köpfe“ von den wirklich Kranken zu sondern. Und 
es ist die selbstverständliche Pflicht jedes Arztes, nach 
bestem Wissen durch gründliche Untersuchung nach einer 
Unterlage für die Klagen eines jeden sich krank meldenden 
Soldaten zu fahnden. Nur so sichert man sich vor unlieb¬ 
samen Ueberraschungen, und nur so gewinnt man das Ver¬ 
trauen seiner Truppe. Je mehr man das letztere besitzt, um 
so geringer wird die Zahl der Simulanten sein. Ebensowenig 
wie unberechtigte Härte ist natürlich übergroße Weitherzig- I 
keit am Platze. Sorge für die Kranken ohne unnötige Schä¬ 
digung der Gefechtskraft der Truppe ist unsere Aufgabe. 

Es ist Sache des Temperaments und der gesamten 
Auffassung von der Stellung zu seinen Mitmenschen, wie 
sich der Arzt gegenüber Simulanten oder Simulationsverdäch¬ 
tigen verhält. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, 
daß man mit Ruhe und ganz bestimmten Weißungen am 
weitesten kommt. Mit dem von jüngeren Herren oft be¬ 
liebten Unteroffizierston erreicht man wenig oder gar nichts 
oder das Gegenteil des gewünschten. Auch dem kranken 
Soldaten gegenüber sind wir Sanitätsoffiziere in erster Linie 
Aerzte und sollen uns zu ihm verhalten wie zu jedem leiden¬ 
den Menschen, dem wir Hilfe bringen wollen. Es liegt 
durchaus nicht im Wesen der ärztlichen Tätigkeit, dem 
Kranken gegenüber den militärischen Vorgesetzten zu spielen. 
Ein richtiges Verhalten des Soldaten ergibt sich von selbst, 
wenn er zu seinem Arzt Vertrauen hat. Der Simulant 
weicht sofort der intellektuellen Ueberlegenheit, aber niemals 
einem unbegründeten militärischen Befehlstone des Sanitäts¬ 
offiziers. 

Je größer seine allgemeine praktische Erfahrung in der 
ärztlichen Tätigkeit überhaupt ist, um so leichter wird dem 
Truppenarzt die Ausübung seines ärztlichen Dienstes sein. 


Einer besonderen „militärärztlichen“ Ausbildung bedarf es 
dazu nicht. Das Verhalten beim Gefecht, auf das ich hier 
nicht weiter eingehen möchte, regelt sich nach den Vor¬ 
schriften der Kriegssanitätsordnung und nach weiteren be¬ 
sonderen Anordnungen. Es ist deshalb von unserer Heeres¬ 
verwaltung sehr richtig gehandelt, daß sie als Truppenärzte 
in erster Linie die Praktiker aus dem Beurlaubtenstand ein¬ 
gestellt hat. Sie sind durch ihre ärztliche Erfahrung am 
besten zur Ausfüllung dieses nicht immer ganz leichten, 
jedenfalls aber entbehrungsreichsten Amtes geeignet. 


Orthopädisches in der Yerwnndeten- 
behandlnng 1 ) 

von 

Dr. Alexander Kitschi, 

a. o. Professor der orthopädischen Chirurgie an der Universität Freibarg i. B., 
zurzeit ordinierendem Arzt der chirurgischen Abteilang des König!. Garnison- 
lazaretts, Stabsarzt der Reserve a. D. 

Aus seinem Etappenlazarett I Zweibrücken schreibt Dr. Klar 
(München 3 ) nach seiner dortigen ersten sechs wöchentlichen Tätig¬ 
keit: „In die Kriegs- und Etappenlazarette ganz vornhin gehören 
tüchtige Orthopäden! Nur so können viele Extremitäten gerettet 
werden, die sonst der Amputation verfallen und viele Leben dazu.“ 
Und unser bekannter orthopädischer Kollege Lange in München 3 ) 
schreibt: „Sehr wichtig wird auch die orthopädische Nachbehand¬ 
lung. Wenn die Sanitätsbehörde auf meinen Vorschlag eingeht 
und alle Gelenkschüsse nach München zur Nachbehandlung in die 
orthopädische Klinik überweist, so werden wir bei vielen Gelenken 
eine Beweglichkeit erzielen können, die sonst sicher versteifen.“ 
ln diesen beiden Aeußerungen erfahrener Aerzte haben Sie, 
m. H., in Kürze das, was seitens der modernen Orthopädie in be¬ 
sonderer Weise für unsere verwundeten Krieger geleistet werden 
kann. Zunächst die bis ins Künstlerische verfeinerte Verbands¬ 
technik, die es gestattet, Glieder zu erhalten, die ehedem notwen¬ 
digerweise geopfert werden mußten, ferner die Maßnahmen zur 
möglichsten Wiederherstellung der Tätigkeit der Bewegungsorgane. 
Und doch ist hierin nicht erschöpft, was auf orthopädischem Ge¬ 
biete für unsere Verwundeten geschehen kann, ja das Wichtigste 
ist hierbei nicht einmal berührt. 

In Langes Artikel tritt der Ausdruck „Nachbehandlung“ 
auf. Dieses Wort bringt Gefahren mit sich und hat schon viel 
Unheil angerichtet. Es erweckt bei dem den Dingen Ferner¬ 
stehenden den Eindruck, als wenn es sich bei der Behandlung von 
Verletzungen um zwei gesonderte Behandlungs&bschnitte handelte, 
die womöglich scharf gegeneinander abgegrenzt werden können, bei 
denen es Aufgabe des ersten Abschnitts sei, die Gewebstrennungen 
zur Verheilung zu bringen, während die zweite, die man dem 
Orthopäden gerne zuweist, nämlich die Nachbehandlung, der Wieder¬ 
herstellung der Leistungsfähigkeit zu gelten habe. Der den ersten 
Behandlungsabschnitt besorgende Arzt kommt so zu leicht zu der 
stillschweigenden Ansicht, daß er sich nun überhaupt nicht um 
Aufgaben nach der Seite der Leistungsfähigkeit zu kümmern 
brauche; diese liege seinem Nachfolger im Amt ob, eben dem die 
Nachbehandlung besorgenden. Auf diese Weise werden jene un¬ 
geheuer hartnäckigen Schwächezustände und Gelenksteifigkeiten 
förmlich gezüchtet, die dem nachbehandelnden Orthopäden nicht 
nur, sondern auch dem Verletzten in so hohem Grade das Dasein 
erschweren; ersterem sofern er eine ungeheure, saure, dazu wenig 
dankbare Aufgabe zu erfüllen hat; letzterem, sofern er unter steten 
Schmerzen eine Unmenge Mühe aufwenden muß, um Schrittchen 
für Schrittchen im Laufe nicht selten von vielen Monaten we¬ 
nigstens einen Teil seiner verloren gegangenen Beweglichkeit und 
Kraft wiederzugewinnen. Die verspätete Nachbehandlung aber 
wird bekanntlich so oft von den Verletzten als eine Anordnung 
angesehen, die nur zur Herabsetzung einer bereits bewilligten 
Rente — zur „Rentenquetsche“ — dienen soll und dementsprechend 
gewürdigt. 

Das, was wir fordern und immer wieder fordern 
müssen, ist, daß bei der Behandlung jeglicher Ver¬ 
letzung der orthopädische Geist womöglich vom ersten 
Tage an die chirurgische Tätigkeit durchsetze. 

') Vortrag, gehalten am 1. Dezember 1914 in der Freiborger medi¬ 
zinischen Gesellschaft. 

*) M m. W. 1914, Nr. 40. 

3 ) M. m. W. 1914, Nr. 37. 


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5i Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


125 


Wenn man der Orthopädie desjenigen Teil der Heilkunde 
ud Heilkonst zuweist, der der Ausbildung, der Erhaltung und, 
wenn nie verloren gegangen ist, der möglichsten Wiederherstellung 
der Bewegungsmöglichkeiten des Körpers dient, so soll damit ge¬ 
sagt «ein, daß eine vollkommene Behandlung vom ersten Tag an 
das Endresultat nach der Seite der Bewegungsmöglichkeiten zum 
mindesten der gleichen Berücksichtigung würdigt, wie etwa die 
Gefahren, die dem Körper durch die Verunreinigung einer Wunde 
mit krankheiterregenden Keimen oder die Beweglichkeit eines ge¬ 
brochenen Knochens drohen. Die praktischen Aufgaben, die dem 
Arzt, der Verletzte und Verwundete behandelt, obliegen, sind kurz 
die, neben der zuverlässigen Heilung der Gewebstrennungen zu¬ 
gleich das an Gelenkbeweglichkeit und Muskelkraft zu erhalten, 
was unter den besondern Umstanden des Falles nur erhalten wer¬ 
den kann. Dann ist unter Umständen eine Nachbehandlung im 
landläufigen Sinne überhaupt nicht mehr nötig, jedenfalls aber 
wird sie ganz bedeutend abgekürzt. 

Was das für unsere Kriegsverletzten bedeutet, Hegt ohne 
weiteres auf der Hand. Es bedeutet aber nicht nur fir diese 
eine schnellere Wiederkehr ihrer Gesundheit und Leistungsfähig¬ 
keit and damit ihrer Dienst- und Kampffähigkeit, sondern ent¬ 
lastet den ärztlichen Dienst sowie die Lazarette und spart dem 
Staate — dem Volke in seiner Gesamtheit — unendlich 
fiel Geld. Denn jeder Verwundete kostet dem Staate, solange 
er Luarettpflege bedarf, täglich drei Mark. Verzögert sich die 
endgültige Heilung, weil der behandelnde Arzt es in der ersten 
Periode an orthopädischem Können fehlen ließ, so erhöht sich die 
Summe des staatlichen Aufwandes entsprechend. Für die Folge¬ 
zeit aber bleiben dem Verwundeten vielleicht noch Störungen, die 
durch rechtzeitige Anwendung orthopädischer Maßnahmen hätten 
verhindert werden können —, dann muß der Staat noch eine 
Rente drauflegen, die er hätte sparen können. 

Nicht ganz ohne Grund wird von gewissen Seiten darüber 
Klage geführt, daß auf diesem Gebiete von Seiten der Aerzte 
mehr geleistet werden könnte: die Berufsgenossenschaften wissen 
z. B. ganz genau, daß ihre Kosten für Heilverfahren und Renten 
für ihre Verletzten jährlich um Summen, die in die Millionen 
gehen, verringert werden könnten, wenn die modernen Prinzipien 
der Verletzung8bebandlung allgemein befolgt und durchgeführt 
würden. Nach einem mir kürzlich zugegangenen Rundschreiben 
n schließen, scheinen auch die Badischen Berufsgenossenschaften 
ihre Absicht jetzt ausgiebig zur Durchführung bringen zu wollen, 
ihre Verletzten frühzeitig besondern Heilanstalten zu überweisen, 
die in der Lage sind, nach allen Richtungen, das heißt auch nach 
der orthopädischen Seite, für die Heilung zu sorgen. Unsern 
topfern Kriegern aber möchte man wünschen, daß ihnen alle Er¬ 
rungenschaften der Wissenschaft und Technik ausgiebigst zugute 
kommen möchten, wenn sie verwundet ins Heimatland zurück- 
gobracht worden sind. Jeder von uns wird aber sicherlich sein 
Beetee zu geben bereit aein. 

Mir ist es daher eine Ehre, wenn ich Sie, m. H., in dieser 
Stande mit den Grundsätzen bekanntmachen darf, die sich mir förm¬ 
lich anfgedrängt haben durch eine große Zahl von Verletzungen, die 
oir im Laufe der letzten zwanzig Jahre durch die Hände ge¬ 
gangen sind. Es waren das selten frische Fälle, in der überwie¬ 
genden Zahl handelte es sich um veraltete Fälle. Selten war 
weniger als ein Vierteljahr seit der Verletzung verstrichen. Die 
Schäden an den Bewegungsorganen aber waren oft genug 
erschreckend. Da drängte sich Frage auf Frage auf: Wie kann 
diesen Schäden begegnet werden, wie kann diesem Krüppeltum 
abgeholfen werden? Bei hin und wieder sich auch zu mir ver¬ 
wenden Fällen frischer Verletzungen habe ich meine Gedanken 
dann zur Ausführung bringen können und ich konnte die Ueber- 
ttügung gewinnen, durchaus zum Vorteil der Sache. Der Krieg 
bringt nun auf einmal ein überreiches Material. An ihm können 

alle lernen und den Wert der einzelnen Behandlungsarten er¬ 
proben. 

Die besondern Aufgaben der Verletzungschirurgie in ortho¬ 
pädischem Sinne, das heißt im Sinn einer möglichst baldigen und 
vollkommenen Herstellung der Beweglichkeit und Kraft, gliedern 
sich in die vorbeugenden Maßnahmen und in die, wenn wir 
aa Ausdruck beibehalten wollen, Nachbehandlung. Die 
crsteren Bind Sache des Arztes, der während des eisten Behand- 
lungsabBchnlt ts mit der Heilung der Gewebstrennungen beschäftigt 

er bleibt für etwaige vermeidbare Schäden, die die 

^ en f Öelenken und den übrigen Bewegungsorganen 
luiügt, aich, dem Kranken und etwaigen Fürsorgestollen 

»«tttworttieh. 


Der erstbehandelnde Arzt hat sich vor allem bewußt zu 
sein, daß die Maßnahmen zur Ruhigstellung, die die Heilung der 
Gewebstrennung in so vielen Fällen zunächst bedarf, dem Be¬ 
wegungsapparat um so größeren Schaden bringen, je länger sie 
ausgedehnt werden, ferner daß entzündliche Vorgänge 
aller Art in den ruhiggestellten Körperabschnitten die 
Schäden der Ruhigstellung um ein Vielfaches vermehren. 

Die entzündlichen Vorgänge brauchen gar nicht etwa mit 
den augenfälligen Erscheinungen hochgradiger Röte, Schwellung 
oder gar Eiterung einherzugehen; es genügt vollkommen die durch 
die Verletzung und Blutung erzeugte, von Gewebsbildung gefolgte 
Entzündung, die wir zur Heilung der getrennten Gewebe, ja als 
etwas durchaus Segensreiches begrüßen müssen. Den Bewegungs¬ 
organen bringen die entzündlichen Vorgänge bekanntlich un¬ 
berechenbaren Schaden, da sie Verwachsungen schaßen, die die 
Bewegungen der Gelenke, das Gleiten der Weichteile in Scheiden 
und Schleimbeuteln, die Verschiebungen von Sesambeinen und 
Muskeln gegen benachbarte Knochen beeinträchtigen oder ganz 
aufheben. 

Aufgabe des Arztes ist es daher, frühzeitig die im Ueber- 
schuß auftretenden entzündlichen Vorgänge zu bekämpfen und die 
Bewegungsorgane durch möglichst frühzeitige Aenderungen 
ihrer Lageheziohungen beweglich zu erhalten. 

Die Mittel, die wir für die erstgenannte Aufgabe anzuwenden 
haben, sind im allgemeinen aufsaugungbefördernder Art: so die 
Hochlagerung, der Druck, die Anwendung von Wärme in ihren 
verschiedenen Formen, vor allem aber die Massage. Um die 
Gewebe von dem entzünduugerregenden Blute zu reinigen, müssen 
diese Mittel jedoch beizeiten angewandt werden, ehe die alsbald 
zu erwartende Umwandlung geronnener Blutmassen im Biude- 
gewebe begonnen hat. Sie sollen aber auch nicht zu früh an¬ 
gewandt werden, weil sie sonst die Blutung vermehren oder 
wieder anregen könnten; also nicht vor Ablauf von etwa zwei 
bis drei Tagen. 

Die Massage, die es uns ermöglicht, in kräftigster Weise 
den Blutumlauf zu fördern, ist nur in den seltensten Fällen bei 
diesen Aufgaben zu entbehren. Sie nicht anzuwenden an Körper¬ 
teilen, die durch die Schwäche der Blutbewegung für die natür¬ 
liche Aufsaugung ungünstig beschaffen sind, wie die äußeren Ab¬ 
schnitte unserer Gliedmaßen, ist als ein schwerer Kunstfehler an¬ 
zusehen. Derjenige aber wird die Massage um so wirksamer an¬ 
wenden, der die besondern Verhältnisse des Falles am gründ¬ 
lichsten durchschaut, der ein klares Bild der krankhaften Ver¬ 
änderungen vor Augen hat — der Arzt. 

Der Arzt kann daher nicht umhin, die Massage 
selbst zu erlernen und gegebenenfalls selbst zu üben, 
wenn er frische Verletzungen in vollkommener Weise behan¬ 
deln will. Ein Gehilfe ist in den frühen Zeitabschnitten, wo wir 
von der Massage Gebrauch machen können und sollen, vielfach 
eine Gefahr, weil ihm die erforderlichen ärztlichen Kenntnisse ab¬ 
gehen und er durch zu grobe Einwirkungen leicht schaden kann. 
Es kommt auf die Berücksichtigung aller Besonderheiten des 
Krankheitsfalls und bei den gewöhnlich schnellen Aenderungen 
im Befund auf eine stete Anpassung in den Einwirkungen an 
Anforderungen, denen nur ärztliches Denken gewachsen ist. 

Da wir einmal von Massage sprechen, so möchte ich einer 
durchaus unbegründeten Ausländerei, zu der sich selbst Aerzte 
hergeben, entgegentreten. Man hört nicht selten von schwedi¬ 
scher Massage als einer besonders vorteilhaften Methode sprechen. 
Die Massage ist jedoch nicht von den Schweden, sondern 
von den Bonner Chirurgen Metzger und von Mosengeil 
wissenschaftlich und technisch auf ihre heutige Höhe 
gebracht worden (auch „made in Germany“). Jeder Masseur 
bat außerdem seine persönliche Art, wie jeder Mensch seine be¬ 
sondere Handschrift oder jeder Klavierspieler seinen ihm eigentüm¬ 
lichen Anschlag hat. Worauf es ankommt, ist, daß die Ein¬ 
wirkungen jederzeit in Einklang gebracht werden mit den beson¬ 
dern Aufgaben des Falles, daß der Massierende stets die ganze 
Stufenleiter der einzelnen zur Erfüllung eines bestimmten Zweckes 
notwendigen Handgriffe und alle Stärkegrade zur Verfügung hat. 
Nicht eine vom Auslande bezogene Methode macht da¬ 
her den Massagekünstler, sondern persönliches Geschick, 
ein feines Muskelgefühl, eine sogenannte weiche Hand, 
dabei oin kräftiger, geschmeidiger Körper. Aber über 
allem steht als Leiter der Geist des die krankhaften 
Veränderungen durchschauenden denkenden Arztes. 
Nor diese Art der Massago hat Anspruch darauf, ernst genommen 
zu werden. 


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126 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


81. Januar. 


Die Massage ist in allen den Fallen leider unausführbar, 
wo Wunden den verletzten Körperteil durchsetzen. Im allgemeinen 
ist sie hier deshalb auch eher entbehrlich, weil die Wunde dem 
austretenden Blute vielfach Raum läßt, sich nach außen, statt in 
die Gewebe zu ergießen. Bei den Schußverletzungen kann man 
allerdings wegen der Enge der Ein- und Ausschußöffnung ganz 
bedeutende Blutergüsse in den Geweben beobachten, auf deren 
frühzeitige Aufsaugung man aus den oben genannten Gründen nicht 
frühzeitig genug Bedacht nehmen kann. Hier muß Druck, Hoch¬ 
lagerung, Erregung des Blutumlaufs durch Wärme an die Stelle 
der Massage treten, wenn nicht etwa die Verhältnisse gestatten, 
die sogenannte Einleitungsmassage vorzunehmen. Unter Ein- 
leitungsmassage versteht man bekanntlich die geregelte Aus¬ 
streichung des großen Blut-, vor allem aber der großen Saug¬ 
gefäßbahnen oberhalb des Erkrankungs- beziehungsweise Ver¬ 
letzungsgebiets, die man am besten am hochgelagerten Gliede vor¬ 
nimmt. Die Methode wirkt stark absaugend und gestattet, die 
Aufsaugung kräftigst zu erregen, auch in Körperteilen, die man 
selbst bei dem Eingriffe nicht berührt. (Setius folgt) 


Aus den vier Feldlazaretten des VH. Reservekorps. 

Ueber Extremitätenverletzungen mit besonderer 
Berücksichtigung der Infektion 


von 


Stabsarzt d. R. Dr. Petermann, Bielefeld, 

Reserve - Sanitätskompagnie 21 (früher R.-F.-L. 88 ) 
and 

Oberarzt Dr. Haneken, 

beim beratenden Chirurgen des VII. Res.-Korps, Geheimrat Prof. Dr. Rotter. 

Wohl jedem, der als Arzt in diesen Krieg gezogen ist, sind 
im Anfänge schwere Enttäuschungen nicht erspart geblieben. 
Hatten wir uns doch allgemein aus der Literatur die Ansicht zu 
eigen gomacht, daß die Kriegschirurgie fast rein konservativ sei. 
Aber schon bald wurden wir gewahr, daß eine sehr große Zahl 
von Verletzungen, wohl meist primär, infiziert ist. Wir sahen 
nicht nur die Infektionen mit den banalen Eitererregern (Staphylo¬ 
kokken, Streptokokken), sondern Gasphlegmonen, malignes Oedem 
und Tetanus konnten leider nicht allzu selten beobachtet werden. 
Wie das ja von vornherein zu erwarten ist, sind natürlich in 
erster Linie die Artillerieverletzungen oft schwer infiziert und wir 
haben wohl in diesem Kriege, wo die schwere Artillerie so aus¬ 
gedehnte Verwendung findet, die furchtbarsten Verletzungen, die 
nur denkbar sind, zu sehen bekommen. Sie drücken sogar der 
ganzen ärztlichen Tätigkeit ihren Stempel auf. Aber auch die 
Wunden mit dem Vollmantelgeschoß sind quoad infectionem nicht 
so harmlos, wie allgemein ihr Ruf ist. 

Als nun hier der Kampf an der Aisne zum Stellungskriege 
wurde, ein ruhigeres, fast stationäres Arbeiten in den Feldlaza¬ 
retten Platz griff, veranlaßte Herr Geheimrat Prof. Dr. Rotter 
die vier Feldlazarette des VII. Reservekorps, ihr Material aus dem 
August und September einmal zahlenmäßig zusammenzustellen, 
um in exakter Weise zu den Hauptfragen der Chirurgie dieses 
Kriegs Stellung nehmen zu können. 

Einzelne Kapitel wurden bereits a. a. 0. besprochen. Herr 
Gebeimrat Prof. Dr. Rotter bearbeitete die Bauch- 1 ) und Brust- 
sohüsse 2 ), Dr. Haneken die Schädelschüsse®). 


Tabelle I. 

Statistische Uebersicht des Materials: August-September: 1218 Fälle der 
4 Feldlazarette, f 87 «= 6 %. 


Zahl 


gestorben 


% 


1. SchMelschflsse = 8% . . • - - • • • 

2 Verletzungen des Gesichts und Halses = 6% 

a) Oberflächliche Verletzungen...... 

b) Schwere Cesichtaverletzungen. 

c) Augenverletzungen. 

d) Kleferverietzungen. 

8. Brustschüsse = 18®/,. 

a) Brustwand. 

b) Perforierend. 

4, Bauchschüsse = 5%. 

a) Baachwand. 

b) Perforierend. 

5. Große Gefäße = 0.75% • ■ • ■ ■ • ■ 

0. Wirbelsäule and Rückenmark = i,2o / 0 . ■ 
7. Extremitätenschüsse = 61%. 


106 

74 

80 

12 

12 

11 

226 

110 

116 

69 

19 

40 

8 

14 

733 


42 

0 

1 

0 

1 

0 

14 

2 

28 

6 

2 

37 


40 

0 

R 

0 

8 

0 

13 

10 

70 

80 

6 


n ft m 1914 , Nr. 49 und diese Wochenschrift 1915, Nr. 1 . 
*) Diese Wochenschrift 1915, Nr. 4. 

*) M. m. W. 1914, Nr. 51. 


Zweck dieser Zeilen ist es, speziell zur Frage der Infektion 
Stellung zu nehmen, dabei sollen besonders die Extremitätenver- 
letzungen berücksichtigt werden. Sie bilden einerseits 61% des Ge¬ 
samtmaterial s, anderseits geben Bie die beste Grundlage für die 
Besprechung der Infektion. 

Ueber das Gesamtmaterial von 1218 Fällen gibt die Tabelle I 
Auskunft. 


Bezüglich der Schädel-, Brust- und Bauchschüsse verweisen 
wir auf die obengenannten Veröffentlichungen und wenden uns zu¬ 
nächst gleich den Extremitätenverletzungen zu. Wie ja schon 
erwähnt, bilden sie 61 % unseres Gesamtmaterials. Dies stimmt 
annähernd zu der Angabe Köttners, daß zwei Drittel bis drei Viertel 
aller Verletzungen Extremitätenverletzungen sind. Rechnen wir 
aber die bisher nicht berücksichtigten Todesfälle auf dem Haupt¬ 
verbandplätze, die in folgender Tabelle zusammengestellt sind, 
hinzu, so kommen wir nur auf 55 %, und wir sind überzeugt, daß 
der Prozentsatz noch mehr sinkt, wenn wir noch näher an die 
Front herangehen. 

Zusammenstellung der Todesfälle hei den 
Sanitätskompagnien. 

1 . Kopfschüsse. 60 = 80 % 

2. Halsschuß.I = 0,5 n 

8 . Brustschüsse.81 = 15,5» 

4. Bauchschüsse. 78 = 37 „ 

6 . Oberextremitäten.10 = 5 » 

6 . Unterextremitäten .... . . . 24= 12.5 „ 

Summa . . 199 Fälle. 


Im Belagerungskriege soll die Oberextremität mehr betroffen 
sein als die Unterextremität. Unser Material entstammt nun der 
Belagerung von Maubeuge und dem Stellungskampf an der Aisne. 
Allerdings ist das Hauptmaterial in der Zeit der Feldschlacht an 
der Aisne vom 14. bis 18. September, wo unser Korps enorme 
Verluste hatte, gewonnen. Das Verhältnis zwischen Ober- und 
Unterextremität unter Mitrechnung der Todesfälle bei den Sanitäts¬ 
kompagnien stellt sich nun folgendermaßen: 


Oberextremität. 224 Fälle —29% 

Unterextremität.681 „ = 69 „ 

Beide. 12 , = 2 , 


Summa . . 767 Fälle. 


Was die Geschosse anbelangt, so lagen vor: 


Gewehrkugeln . . 
Scbrapnellkugeln . 
Granatsprengstüek e 
Revolver .... 
Fliegerbombe . . 
Bajonett .... 
Sturz mit Pferd . 


323 Fälle = 44% 

138 " « 18 ” } & 5 ArtillerieverletzuDgen. 

\ ; 

i „ 


Man sieht die unverhältnismäßig hohe Zahl von Artillerie¬ 
verletzungen. 

Die Gesamtmortalität beträgt 37 = 5 %. 

Selbstverständlich ist diese Zahl nur eine Mindestzahl wie 
alle unsere Mortalitätsziffern. Die Beobachtungszeit schwank 
zwischen einem Tag und einem bis zwei Monaten, beträgt in 
der Regel acht bis zehn Tage. Doch ist im allgemeinen zu sagen, 
daß die verhältnismäßig unkomplizierten Fälle evakuiert wurden, 
während die schweren Fälle naturgemäß nicht transportiert wer¬ 
den konnten. Nur im Anfänge während der Schlacht an der Aisne 
mußten mehr Fälle weitergescbickt werden. 

Reine Weichteilschüsse wurden insgesamt 480 Fälle mit acht 
Todesfällen beobachtet, also etwa 2%. 


Gewehr . . , 210, t 5= 2 % (1 Verblutung, 1 Sepsis, 8 Tetanus), 

Schrapnell . . 174, + 1 = 0,5 % (1 Verblutung, pulsl. eingel.), 

Granate . . . 84, f 2 = 2,6 % (1 Gasphlegmone, 1 malignes Oedem). 

Sonst. 8 , f 0. 


Die Weichteilverletzungen kommen gewöhnlich mit gut¬ 
sitzendem Verband an. Die Durchschüsse mit kleinem Ein* und 

Ausschüsse passierten meist die Leichtverwundetensammelplätze. 

Es handelt sich um etwa 1500 Fälle, von denen in dieser Statistik 
nur zirka zehn Fälle enthalten sind, die bemerkenswertere Befunde 
boten. Infolgedessen handelt es sich bei vorliegendem Material 
meist um ausgedehntere Verletzungen. 

Nur die kleinere Hälfte des Materials ist aseptisch ver¬ 
laufen. Von 880 Fällen haben wir in dieser Beziehung genauere 
Notizen. 


181 = 48° o verliefen fieberfrei, 

19(5 - r,l o / 0 verliefen gestört (Eiterung, Fieber a. dgl.), 
3 = 1 % mußten amputiert werden. 


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31 . Jiuflir. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


127 


Bei einÄfluben Windverhältnissen, besonders Gewehrschuß- 
rerietzuogen mit kleinem Ein- und Ausschüsse genügte in der Regel 
eis aseptischer Wund verband. Bei größeren Wunden, meist durch 
Artilleriegeschoß hervorgerufen, stellte es sich mit der Zeit als 
notwendig heraus, möglichst in Narkose die Wundränder mit 
pcharfen Haken auseinander zu halten, alle Ecken und Buchten 
eventuell durch Erweiterungsschnitte frei zugänglich zu machen 
and dann die ganze Wunde nach sorgfältiger Blutstillung zu tam¬ 
ponieren. Auf diese Weise wird fast immer ein guter Verlauf er¬ 
lieft. In einzelnen Fällen wurde bei grober Verschmutzung die 
ganze Wunde zum Schlüsse mit Jodtinktur ausgepinselt, in andern 
ein Gemisch von Jod und Perub&lsam eingegossen. Unser Ein¬ 
druck war günstig, doch fehlt uns noch ein zahlenmäßig ausreichendes 
Vergleichsmaterial. Jedenfalls halten wir für das Allerwichtigste 
breite Eröffnung und sehr sorgfältige Tamponade. Wichtig er- 
icheint es uns, daß Glieder mit ausgedehnten Weich teilwunden 
wie Frakturen ruhig gestellt werden. 

Die acht Todesffille bei reinen Weichteilschüssen erfolgten in 
zwei Fällen an Verblutung aus großen Gefäßen. 

Io einem Falle war das Geschoß vom Oberschenkel in die Bauch¬ 
höhle eingedrungen und hatte wohl eines der großen Bauchgefäße ge¬ 
troffen, der Verwundete wurde pulslos, ans dem After blutend in d&B 
Beeerve* Feldlazarett 84 eingeliefert. Der zweite Fall kam schwer aus- 
gehliitet an infolge Verletzung der A. tibialis. 

Ein Patient starb an fortschreitender septischer Pflegmone, 
einer au Gagphlegmone, einer an malignem Oedem, drei Fälle an 
Tetanus. 

Es ist daraus zu entnehmen, mit wie ernsten Infektionen 
schon bei Weichteilschüssen zu rechnen ist. Unser Verhalten 
diesen Verletzungen gegenüber ist daher immer aktiver geworden. 

Die Zahl der beobachteten Schußfrakturen beträgt 213 
mit 27 Todesfällen, entsprechend einer Mortalität von 13 ü /u. Sie 
vorteilen sich folgendermaßen auf die einzelnen Geschoßarten: 

Gewehr ... 83, t 6= 7%, 

SehrappneU . . 79, + 11 = 14°/o, 

Granate ... 49, f 10 = 20%, 

Sonitiges... 2, f ö (Revolver, Sturz mit Pferd). 

Diese Zusammenstellung zeigt recht instruktiv die Gefahr 
der verschiedenen Geschosse. 

Folgende Zusammenstellung gibt uns die Häufigkeit der Stö- 
nugen im Wund verlauf an. 

115 — &ö°/o verliefen ohne wesentliche Störung, 

87 = 31°/o hatten eitrige Sekretion, Fieber und dergleichen, 
19 starben, 

81 = 14% worden amputiert, 8 starben. 

Die nächste TabeUe zeigt, wie sich der Verlauf bei den ein¬ 
zelnen Geschossen verhält: 

t Gewehnchnßfraktoren 82 Fälle: 

a) aseptisch verlaufen 49 Fälle, 

b) gestört 25, t 3, 

c) amputiert 8, f 2. 

2. Schrapnellscbußfrakturen 79: 

s) aseptisch verlaufen 50, 

b) gestört verlaufen 19, f 7, 

c) amputiert . . . 10, f 2, 

8 . GranaUchußfrakturen 57: 

a) aseptisch verlaufen 20, t & (primäre Blutung), 

b) gestört verlaufen 16, t 8, 

c) amputiert . . . 18, t 3. 

Während sich der Unterschied zwischen Gewehr und Schrapnell 
mw nicht so deutlich zeigt, sind in unsem Fällen die Granatver- 
latiuQgen zu zwei Drittel infiziert. Fünf erlagen der primären 
Blutung, von den übrigen hatte der weitaus größere Teil mehr 
oder weniger schwere Störungen des Wundverlaufs. Wir begegnen 
diesen Fällen zum Teil später wieder bei der Besprechung der Gas- 
pMagmoae und des Tetanus. 

Was nun die Behandlung der Schußfrakturen angeht, so 
wigt ein Teü so schwere Zertrümmerungen, daß eine Erhaltung 
jj® Gliedes ausgeschlossen erscheint, besonders wenn größere Ge¬ 
ll» verletzt sind. Hier sind natürlich die primären Amputa¬ 
tionen, die vielfach nur eine Wundtoilette bedeuten, nicht zu um¬ 
gaben. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß bei diesen Not- 
wiputaüonen bisweilen in den ersten Tagen Reamputationen not- 
1 weil sich in den gequetschten, buchten- und nischen- 

?' c y ,r ‘ Geweben schwere septische Prozesse, die sich durch Schüttel- 
fitete fündigen, etablieren. 

Erst die Amputation im Gesunden sichert dann den Erfolg. 

JGelegenheit erwähnen wir, daß prinzipiell keine Naht 

Rwegi wird. irr 


Bei den übrigen Schußbrüchen muß nach der Wundversor¬ 
gung ein gut feststellender Verband angelegt werden. Es scheint 
uns im Prinzip verhältnismäßig gleichgültig zu sein, auf welchem 
Wege das erreicht wird. Jede Methode hat ihre Anhänger, Uebung 
und Erfahrung, sowie die Lage des einzelnen Falles und die 
äußeren Verhältnisse werden hier den Ausschlag geben. An den 
Oberextremitäten wurden mit Vorliebe Schienen verbände, besonders 
mit Pappe und Cramerschienen angewandt, an den Beinen kam der 
Gips verband mehr zu seinem Rechte. Herr Flörcken, Busch 
und Petermann verwandten oft primär angelegte Fenstergips¬ 
verbände. Die Anlegung muß in Narkose bei genügender Ab- 
duction und Extension geschehen, für die Wundversorgung wird 
ein großes Fenster geschaffen, eventuell durch Eingipsung großer 
Metallbiigel, die den Gipsverband vollständig unterbrechen. Die 
Metallbügel gestatten zugleich, ähnlich wie die Hackenbruch- 
schen Klammern, eine gute Extension der Bruchenden. Die Ver¬ 
bandwechsel lassen sich für den Patienten infolge der guten Fest¬ 
stellung ziemlich schmerzfrei gestalten. 

In andern Fällen wurden Zugverbände besonders von Herrn 
Flörcken angelegt, durch spiralige Heftpflastertouren konnte er 
die Wunden gut freilassen. 

Herr Fenner sah vier Fälle von Gewehrsohußbrüchen am 
Oberschenkel mit kleinem Ein- und Ausschüsse durch Nagel¬ 
extension ohne Zwischenfall verlaufen. Für einen inzwischen not¬ 
wendigen Transport wurde bei liegenden Nägeln ein provisorischer 
Schienenverband angelegt. Zur Nagelung benutzt Fenner ge¬ 
wöhnliche Drahtstifte*). 

Nach unserer Ansicht ist die Nagelextension für die Feld¬ 
lazarette wenig geeignet. Nur unter durchaus stationären Ver¬ 
hältnissen und bei absolut sicherer Technik wird sie möglich sein. 
Das Normal verfahren im Felde werden feststellende Verbände (in 
erster Linie der gefensterte beziehungsweise der oben beschriebene 
„unterbrochene“ Gips verband), gelegentlich der Bardenheuersche 
Heftpflasterextensionsverband sein. 

Unser Standpunkt der Wunde gegenüber ist jetzt folgender: 
Bei kleinem Ein- und Ausschüsse wird die Umgebung mit Jod¬ 
tinktur gepinselt, ein Deckverband angelegt, die Fraktur ruhig- 
gestellt. Zerrissene Wunden, speziell Artilleriewunden, werden 
sofort in Narkose revidiert, alle Taschen und Buchten freigelegt, 
eventuell ein Gegenschnitt gemacht, die losen Knochensplitter ent¬ 
fernt, dann tamponiert. 

Der gleiche Eingriff wird gemacht, sowie bei kleinem Ein- 
und Ausschüsse Zeichen einer ernsten Infektion auftreten. Die 
Kleinheit des Ein- und Ausschusses ist nicht immer analog mit 
der Verletzung der tieferen Teile. Wir konnten die Erfahrungen 
von Di lg er und Meyer aus dem Balkankriege nur bestätigen 2 ). 
Auch diese Umstände zwangen uns zu immer aktiverem Vorgehen. 

Gelenkschüsse wurden im ganzen 40 beobachtet mit nur 
zwei Todesfällen. Bei den Verletzungen der Gelenke ist meist 
einer, oft mehrere, der am Aufbau des Gelenks beteiligten Knochen 
mit verletzt. Bei Gelenkschüssen mit kleinem Ein- und Aus¬ 
schüsse kommt es vor, daß keine Knochenverletzung besteht, es 
bildet sioh ein Hämarthros. Bei einfacher konservativer Therapie — 
ruhigstellender aseptischer, etwas komprimierender Verband — bildet 
sich der Erguß zurück. Dabei bewährte sich uns in einzelnen 
Fällen die Gummibindenkompression, zu der man gut die vor¬ 
handenen elastischen Binden verwendet. Die Punktion führten 
wir natürlich diagnostisch bei Verdacht auf Iufektion, therapeu¬ 
tisch nur bei besonders prallen Ergüssen aus, und dann nicht vor 
dem siebenten Tage. Eventuell kommt des weiteren zur Beförde¬ 
rung der Resorption die Heißluftbehandlung in Frage. Die Improvi¬ 
sation ist nicht schwierig, doch erfordert die Durchführung sehr 
viel Pflegepersonal, das zu manchen Zeiten starken Andrangs nicht 
zur Verfügung steht. Aus ähnlichen Gründen wurde die Stauungs- 
methode nicht angewandt. 

Bei größeren Weichteilzerreißungen waren auch fast stets 
schwere Knochenverletzungen vorhanden. Die Behandlung muß 
in diesen Fällen aktiv Vorgehen, denn diese Wunden verlaufen fast 
niemals reaktionslos. Es gilt hier das für die offenen Knochen¬ 
brüche angeführte. Der notwendige Eingriff stellt fast immer 
eine atypische Resektion dar. Die Wunde wird erweitert, Knochen- 
trümmer werden entfernt, es wird in alle Buchten und Nischen 
hineintamponiert. Auch dieser Eingriff genügt, besonders wenn 
die Verletzung schon älter war, nicht in allen Fällen. Es muß 

l ) Vgl. Vortrag Versammlung der Sanitätsoffiziere VII. Reserve- 
| korps 22. November 1914. (Ref. M. Kl.) 

| *) D. Zschr. f. Chir., Bd. 127. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


dann noch die breite, rücksichtslose Aufklappung der Gelenke, 
unter Durchtrennung der Kapsel und Bänder, vorgenommen werden. 
Das ganze Gelenk wird tamponiert. Dieser Eingriff kommt be¬ 
sonders beim Knie- und Fußgelenk in Frage. 

Als letztes Mittel kommt dann die Amputation. Bei unsern 
40 Fällen war sie nur einmal nötig bei einer Zertrümmerung des 
Fußgelenks mit putrider Infektion und Tetanus (Busch). 

Von allen Gelenken ist am häufigsten betroffen das Knie¬ 
gelenk. Von unsern 40 Gelenkverletzungen betrafen der Häufig¬ 
keit nach geordnet: 

Kniegelenk.28 Fälle 

Fußgelenk.7 „ 

Ellbogengelenk.... 4 „ 

Schultergelenk .... 3 , 

Handgelenk . . . . . 3 „ 

Summa 40 #ftUe mit 2 Todeifällen. 

Nach dem Geschosse geordnet: 

Gewehr.21 + 1 an Verblutung, 

Schrapnell . ... 14 f 1 an Tetanus, 

Granat,-.5 |0. 

Von vornherein verliefen bei zuwartender Behandlung 19 
gleich 48% glatt, bei 52%, also in der größeren Hälfte mußten 
Incisionen, atypische Resektionen, Aufklappungen gemacht werden. 
Wir verloren nur zwei Fälle, einen Fall infolge Blutung aus der 
Perouaea, der schwer ausgeblutet eingeliefert wurde, einen Fall 
verloren wir an Tetanus (siehe uuten). 

Wir erwähnten schon eben einen Fall von Verletzung der 
Peronaea. Im ganzen stehen uns acht Fälle zur Verfügung, bei 
denen das Bild der Verletzung der großen Gefäße die Scene be¬ 
herrscht. Betroffen war: 

A. fern, beziehungsweise iliac. 4 mal 


„ brachial.2 „ 

„ poplifcaea.1 „ 

„ tibi&l. post.1 „ 


Von diesen acht starben sechs. Sie kamen schwer ausge¬ 
blutet, zum Teil mit elastischer Binde an, einige Male wurde noch 
eine Gefäßunterbindung gemacht, doch starben die Patienten 
an dem schweren Blutverlust, ein Patient mit an sich gelungener 
Brachialisunterbindung an gleichzeitiger Hirnverletzung (R.F.L. 86). 

In einem Falle von Schrapnellschußfraktur der Fußwurzel 
mit Verletzung der A. tib. post, erzielte Herr Flörcken nach 
Unterbindung der Arterie und entsprechender Wundbehandlung 
einen günstigen Verlauf. 

In dem zweiten günstig verlaufenen Falle handelt es sich 
um ein Aneurysma traumat. 

Bei einem Gewehreinschusse 10 cm medial von der Sp. ant. sup. 
dextr. hatte sich eine pulsierende Geschwulst am Lig. Poup. gebildet. 

Der Patient klagte über Taubsein des ganzen rechten Beins, man 
sah einen Tumor in der Gegend des rechten Lig. Poup. nach innen bis 
zum Pect. om. put. nach außen bis 3 bis 4 cm von der Spina ant snp., 
Tumor etwa gänseeigroß. Ueber der Geschwulst fühlte und hörte man 
ein systolisches Schwirren, das bis in den Adductorenschlitz fortgeleitet 
wurde. 

Die Fußpulse waren rechts kaum fühlbar, links gut. Operation 
acht Tage nach der Verletzung (Geheimrat Prof. Dr. Rotter). 

Durch Laparotomie wird die A. iliac. dextr. provisorisch unter¬ 
bunden. Man geht an ihr entlang unter Spaltung des Leistenbandea und 
findet einen kleinen Riß in der A. profunda fern, und dann innerhalb der 
Anenrysmahöble am obersten Ende der Femoralis ein seitliches Loch mit 
zerfetzten Rändern, 1,5 cm lang. Ligatur mit Catgnt drüber und drunter, 
Durcbschneidung der Arteria, Blutung steht komplett. Durchschneidung 
der provisorischen Ligatur, BaucbDaht, unten alles tamponiert. Rechter 
Faß zunächst kühl und blaß. 

Am zehnten Tag starke Nachblutung, erneute Unterbindung (Ober¬ 
stabsarzt Dr. Fischer). , , . 

Von da ab zunächst leichte Temperatur, Pyocyaneus-Infektion der 
Wunde, wird 14 Tage später in befriedigendem Zustande abtransportiert, die 
rechte große Zehe war etwas cyanotisch, doch ist es nicht zur Gangrän 
gekommen. 

Sodann möchten wir noch mit einigen zusammenfassenden 
Worten auf die schweren Kriegsinfektionen eingehen. 

Erysipel konnten wir bei unserm Material nicht beobachten, 
ein Zeichen, daß auch in den Feldlazaretten mit guter Asepsis ge¬ 
arbeitet wird. , 

Einwandfrei als malignes Oedem kann m unserem Material 
nur ein Fall angeeprochen werden. 

Es handelt sich um einen Patienten von Stabsarzt Busch (R. F. L. 34) 
mit multiplen kleinen Granateplitterverletzungen. Von einer Wunde vom 
linken Vorderarm aus, entwickelte sich am zweiten Tag eine prall- , 
elastische Schwellung des Unterarms. Dabei bestand keine Spur von 
Rötung, vielmehr war die Haut blaß, Emphysemknistern war nicht vor- | 


banden. Die Temperatur war nur am einige Zehntelgrade gesteigert 
Das Bild war ganz eigenartig and glich weder einer Phlegmone noch 
einer Thrombose. Wegen unklarer Diagnose wurde zunächst noch einen 
Tag zugewartet. Am dritten Tage wurden, da die Schwellung anf den 
Oberarm weiter fortschritt, ausgedehnte Incisionen gemacht, es fand sich 
in der Wnnde ein Granatsplitter and ein Kleiderknopf. 

Am vierten Tage hatte die Infiltration auf die Brustmuskulator 
übergegriffen, der Vorderarm wurde total nekrotisch. Unter zunehmendem 
Kollaps starb der Verwundete in der Nacht vom sechsten auf den siebenten 
Tag. Herr Stabsarzt Dr. Fromme war so liebenswürdig, die bakterio¬ 
logische Untersuchung zu übernehmen und folgenden Bericht abzugeben: 

„In der am 6. Oktober entnommenen Probe von Muskelsaft (linker 
I Unterarm) von V. sind mikroskopisch nnd kulturell als alleiniger Befand 
I Bacillen des malignen Oedems gefunden worden. Desgleichen fanden sich 
I in einer am 7. Oktober post mortem untersuchten Probe von Muskelsaft 
des linken Pectoralis major ausschließlich Stäbchen vom Aussehen des 
Oedembacillus. Im Herzblute, sowie im Gewebssafte vom rechten Ober¬ 
schenkel, rechten Unterarme ließen sich keine Stäbchen nachweisen. Die 
i Probe vom rechten Unterarm enthielt dagegen zahlreiche Streptokokken. 

Demnach handelt es sich bei V. wohl zweifellos um eine Entzün¬ 
dung, die durch den Bac. ödem, malign. hervorgerufen ist; die Strepto¬ 
kokken sind als zufälliger Befund aufzufassen.“ 

Die Gasphlegmone, oder wie Fraenkel 1 ) vorschlägt, das 
maligne Emphysem konnten wir im ganzen in neun Fällen beob¬ 
achten. Bis auf zwei Gewehrschüsse handelt es sich wie bei dem 
Falle von malignem Oedem nur um Artillerieverletzungen. Fünf 
Fälle starben, alle innerhalb der ersten Tage nach der Einliefe- 
rung. In allen Fällen waren die Beine betroffen. Von den fünf 
Gestorbenen wurden drei mit großen Einschnitten, zwei mit Ampu¬ 
tation behandelt. 

Von den vier günstig verlaufenen Fällen ging eine Gas¬ 
phlegmone der Wade durch breite Incisionen zurück. In drei Fällen 
wurde mit gutem Erfolge primär hoch amputiert. 

Busch 1 ) machte gelegentlich einer Demonstration bei uns 
darauf aufmerksam, daß man die ersten Emphysembläschen sehr 
leicht durch das eigenartige Schabegeräusch beim Trockenrasieren 
feststellen könne. In einem noch nicht in der Statistik ent¬ 
haltenen Falle konnte er bei einem Granatsteckschuß im Ober¬ 
schenkel schon 14 Stunden post trauma das maligne Emphysem 
mit dieser Untersuchungsmethode nachweisen. In diesem Falle 
konnte er durch Excision der erkrankten Haut das Bein retten. 

Auf Grund der genannten und anderer in der Statistik noch 
nicht aufgeführten Fälle haben wir uns die Ansicht gebildet, daß 
bei sehr frühem Einschreiten die Ausschneidung Erfolg haben 
kann, daß sonst aber bei der so sehr schlechten Prognose nur 
frühzeitige Amputation im Gesunden das Leben rettet. 

Jetzt noch einige Bemerkungen zu den Tetanusinfektionen, 
Nachfolgende Tabelle gibt über die wesentlichen Punkte Auskunft. 

Die Zusammenstellung der Fälle nach der Inkubationszeit 
zeigt, daß die Fälle mit kurzer Inkubation alle gestorben sind, 
abgesehen von dem an zweiter Stelle aufgeführten Fall 8. Hier 
ist es unklar, wann und wo die Infektion stattgefunden hat. 
Dieser Fall, der wegen entzündlicher Hämorrhoidalknoten auf¬ 
genommen wurde, überstand den Tetanus. Die beiden andern 
günstig verlaufenen Fälle haben eine Inkubation von 11 be¬ 
ziehungsweise 16 Tagen. 

Der zweite Punkt, den wir für bemerkenswert halten, ist die 
häufige Bemerkung in den Krankenblättern, daß Geschoßteile und 
Kleiderfetzen in den Wunden gefunden wurden. Wer die ver¬ 
wundeten gesehen hat, wie sie eiügeliefert werden, weiß, daß sich 
meist eine Erdkruste auf den Kleidern befindet, die natürlich mit 
den Kleiderfetzen in die Wunde gerissen wird. Nun muß der 
hiesige Boden als stark mit Tetanussporen verseucht angesehen 
werden. Als Beweis möge dienen, daß bei den Sanitätsformationen 
des Korps drei Pferde in letzter Zeit an Tetanus gefallen mnd. 
Ferner teilte mir ein hiesiger sehr beschäftigter Arzt, Herr 
Dr. Devauchelle mit, daß er früher in seiner Praxis alljährlich 
Tetanusfälle zu behandeln gehabt habe, gelegentlich in einem Orte 
hier in der Nähe, Parfondru, sogar gehäuft, drei bis vier Fälle au 
einmal. Seit Bekanntwerden des Bering sehen Serums habe er 
von prophylaktischen Injektionen in weitestem Maße Gebrauch 
gemacht, seitdem scheine ihm die Zahl abgenommen zu haben. 

Ein Punkt, auf den uns bisher nicht mit genügendem Nac - 
drucke hingewiesen zu sein scheint, ist die Mischinfektion. Es 18 
seit langer Zeit bekannt, daß die gewöhnlichen Eitererreger oft ers 
den Boden für die Auskeimung der Tetanussporen vorbereiten. 16 


*) M. m. W. 1914, Nr. 45. „ . v] 

] ) Militärärztliche Sitzung des VII. R.-K. 22. November. Bericht M-»* 
Vgl. D. M. W. 1914, Nr. öl. 


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Verwundung 

Inku- 
i bation 

, Verlauf! Bemerkungen 

: Außerhalb wegen Zer- 
i trümmerung des lin- 
| ken Oberarms Eiart. 

hum- Genäht bis auf 
1 Gazestreifen, Eiter¬ 
höhle, Tetanus 

i ? 

1 

1 

Tod 

1 Zugleich septisch. 

AufgeDommen wegen 
entzilndlirherBämor- 
rboidalknoten 17. Ok¬ 
tober, 19 OktoberUm- 
schneidung, 24. Okto¬ 
ber Mnndsperre 

J ? 

Heilung 

1 

Infektionsquelle un¬ 
sicher, daher Inku¬ 
bationszeit unbe¬ 

stimmt. 

Verletzung rechtesFuß- 
geleik und Ober¬ 
schenkel. Oberschen- 
kelwunde: Oeschoß- 
i teile und Kleider- 
| fetzen 

6 Tage 

1 

i 

, Tod am 

1 l.Tope 

I Mischinfektion. Am 

1 3. Tage Postraum. 

Amput. fern, dextr. 
wegen Infektion. 

Weicbteilschiisse linker 
Oberarm und Ober¬ 
schenkel, Granat¬ 
splitter und Kleider¬ 
fetten ln der Wunde 

8 " 

Tod am 
2. Tage 

Mischinfektion. 

! Weiebteilschüsse linker 
j Oberarm and Ober¬ 
schenkel, bei Eröff¬ 
nung: Waffenrock- 
| fetzen 

! 6 „ 

Tod am 
3. Tage 

Mischinfektion. 

| Weichtellschuß rechter 
Oberarm, rechte Ge- 
I säßhälfte 

6 „ 

Tod am 

3 Tage 


Komplizierte linkeOber- 
schenkelfraktur, drei 
Scbußverletznngen 
des linken Fußes 

7> 

Tod am 
7. Tage 

Wadenabsceß, darin 
SchrapnelJkugeln, 
Oberschenkelphleg¬ 
mone. 

Zerrissene Wunde am 
ÜDken Fuße 

7 „ 

1 

Tod am 
2. Tage 

Mischinfektion. 

Steckschuß linkes Knie 

j 7 „ 

| | 

Tod am 
2. Tage 

Misehinfektion, breite 
Eröffnung des Knie¬ 
gelenks, Entfernung 
der Kchrnpnellkmrel. 

Multiple Verletzungen,' 
linksseitiger offener 1 
Pneumothorax 

! 8 . | 

i 1 

1 

| 

Tod am 

3. Tage j 

l 

Prophylaktische Injek¬ 
tion von 20 A -E am 
Tage der Verwun¬ 
dung Hohe An pu- 
taüon des linken 
Oberarms am 2 Tage 
der Tetanuserschei- 
nungen. 

Schußbruch rechter 
Unterschel 

8 » 

t 

1 

1 

Tod am 

2. Tage 

Prophylaktische Injek¬ 
tion von 20 A.-E am 
Tage der Verletzung, 
Amputation des rech¬ 
ten Oberschenkels am 

1. Tage der Erschei¬ 
nungen 

Große Wunde, Olutaeal- 
gegend, linker Trocb. 
m#j. und Nervus 
ischlad zertrümmert. 
In d**r Wunde Gra¬ 
natsplitter und Tnch- 
fetzen 

10 * 

Tod am 
8. Tage 

Misehinfektion. 

Zertrümmerung des 
rechten Fußgelenks 

11 * 

geheilt 

Schwere Mischinfek¬ 
tion, am 3- Tag« der 
Erscheinungen Am¬ 
putation dos Ober¬ 
schenkels. Serum- 

injektionen in den 
ischiad. Stamm. 

Fraktur linker Ober¬ 
arm 

16 • 

i 

geheilt 

Am G. Tage nach der 
Verletzung Amputa¬ 
tion wegen septischer 
Nachblutungen. 


h’r. Geschoß 


15 

Hosp. i 
Yiell 
Brüche 


R-F.-L, 


11 

R-F.-L 

33 


5 

R-F.-L 

35 


SchiapD. 


Gewehr , 


6 

R-F.-L 

35 


R-F.-L 

34 

3 . 

R-F.-L ' 

34 

12 

R-F.-L. 

33 

13 

R-F.-L. 

33 

9 

R-F.-L. 

36 


Schrspn. 


R-F.-L 

36 I 


2 ' 
R-F.-L 
34 , 


R-F.-L. 

34 


R-f,li 


r. Tod 4,11 3* tww. Tage heißt an dem soundsovielten Tage 

^ detD Auftreten der ersten Tetanus Symptome. 

schaffen erst die nötige Anaerobiose. Man denkt dabei meist 
*^Dthch an lokale Infektionen. Unsere zum Teil so außer- 
ordentlich stürmisch verlaufenden Fälle batten bei schmierig be¬ 
sten Wunden wohl meist eine schwerste, an sich schon das 
wben bedrohende Wundinfektion. 

Wir lassen es mangels bakteriologischer Blut Untersuchungen 
dahingestellt, ob nur Toxinämien oder Bakteriämien bestanden, 
itüenfalls machte ein großer Teil dieser Fälle einen „septischen“ 
undruck. glauben, daß die Idealkonkurrenz zwischen Sepsis 
jad Tetanus zu den überstürzten Verläufen führt. Eine gegen den 
ietanus gerichtete specifische Therapie kann daher unter so un- 
dunstigen Umständen nur die eino Komponente des Krankheits- 
ddes fassen. Erkrankungen von ein bis zwei Tagen Dauer, von 
**pnn der ersten Tetanuserscheinungen gerechnet, sind keine 
«ltenheit. Das erste Zeichen war meist der Trismus, der aller- 
kWw ron den Patienten zunächst oft nicht beachtet und 
wi der \ isite zur Sprache gebracht wird. Es ist durchaus ein- 
euchtend, daß derartige Fälle in den weiter rückwärts liegenden 
-azaretteu nur ausnahmsweise bei sehr überstürztem Abtrauspoi te 


beobachtet werden. Auch Kranke mit schweren Wund¬ 
infektionen werden möglichst Dicht abtransportiert. Man kann 
daher wobl vermuten, daß, je weiter zurück die Lazarette liegen, 
desto länger die Inkubationszeiten der dort beobachteten Tetanus¬ 
fälle sind und daß die Mortalität des Tetanus im Feldlazarette 
höher ist als in den weiter rückwärts liegenden Lazaretten. Die 
Betonung dieses Umstandes ließ uns vor allem das Eingehen auf 
die Tetanusfrage geboten erscheinen. Nehmen wir unsere Zahl 
von 14 Fällen mit drei günstig verlaufenen, so haben wir eine 
Mortalität von 79%. 

Zur Behandlung wurde Morphin 6—8 cg, Gbloral 6,0—10,0 
pro die gegeben, Serum subcutan und intravenös in Dosen von 
100-200 A.-E. fast täglich. In Fall 1 gab Herr Busch das 
Serum gelegentlich der Verbandwechsel in die im Stumpfe frei¬ 
liegende Ischiadicusscheide hinein, anscheinend mit gutem Erfolge. 
Jedoch war die Infektionsquelle durch die Amputation ausgeschaltet 
und auch in diesem Falle nicht mit Narkoticis gespart unter 
dauernder Ueberwachung der Uebererregbarkeitssymptome. 

Ueber die Magnes. sulfat-Behandlung konnten wir bisher 
keine Erfahrungen sammeln, da die Fälle einen zu kurzen Verlauf 
hatten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Fenner bei 
Fall 6 einen Versuch mit der Bace 11 isehen Karbolsäuretherapie 
ohne Erfolg machte. 

Es herrscht fast Einstimmigkeit über den Wert der prophylak¬ 
tischen Serumbehandlung. 

Fall 9 und 10 bekamen am Tage der Verwundung und zugleich der 
Einlieforung in das Reserve - Feldlazarett 36 je 20 A.-E. Tetanusserum. 
Nach acht- beziehungsweise neuntägiger Inkubation gingen beide an 
einem schweren, schnell verlaufenden Tetanus zugrunde. Allerdings setzte 
im ersten Falle die Schwere der Verwundung (offener Pneumotorax) die 
Widerstandsfähigkeit aufs äußerste herab, der Tetanus war jedoch durchaus 
typisch und konnte auch durch die Amputation des besonders befallet en 
linken Armes nicht mehr hintangehalten werden. 

Die große Zahl der in diesem Kriege gemachten prophylakti¬ 
schen Seruminjektiouen wird wohl erlauben, die eventuelle Aende- 
rung der Tetanusmorbidität durch die prophylaktischen Injektionen 
festzustellen. Ein annähernd absoluter Schutz besteht jeden¬ 
falls nicht. 

Anhangsweise möchten wir noch mit einigen Worten auf dio 
noch nicht berücksichtigten Gesichts-, Hals- und Wirbelsäulen¬ 
verletzungen eingehen. Den Angaben der Gesamtstatistik ist nur 
wenig hinzuzulügen. Es handelt sich bei den Gesichtsschüssen 
zum Teil um schwere Zerreißungen und Zertrümmerungen der 
Kiefer. In einzelnen Fällen konnten die Bruchenden mit Draht 
befestigt werden. Wiederholt mußte bei eintretendem Fieber die 
Frakturstelle breit eröffnet werden, Knochensplitter wurden ent¬ 
fernt, die entstandene Höhle tamponiert. In audern Fällen waren 
große Defekte im Ober- oder Unterkiefer vorhanden mit ausge¬ 
dehnter Weichteilverletzung. Tracheotomiert wurde einmal wegen 
Gefahr des Glottisödems bei einem Mundbodenschusse mit Kiefer¬ 
zertrümmerung, ein andermal wegen Fraktur des Kehlkopfes 
(Herr Flöreken). Beide Fälle verliefen günstig. Weiterbehandlung 
mit Plastiken und Prothesen ist natürlich Sache der Reserve¬ 
lazarette. 

Von 14 Verletzungen der Wirbelsäule war zweimal das Rücken¬ 
mark unbeteiligt. 

Ein etwas unklarer Fall bei einem Offizier ist hiermit eingerechnet. 
Der Einschuß war in der linken Lendengegend unterhalb des Rippen¬ 
bogens, der Ausschuß fand sich in der rechten Lendongegend gut hand¬ 
breit rechts von der Wirbelsäule. Am fünften Tage nach der Ver¬ 
letzung wurde der Kranke nach Laon abtransportiert und starb dort nach 
einigen Tagen. Dieser Fall dürfte eine volle Aufklärung nicht mehr 
finden. 

Die übrigen elf Fälle stellen alle komplette Qucrschnitt- 
läsionen in den verschiedensten Segmenten dar. Einer starb am 
dritten Tage nach der Verletzung ziemlich unerwartet, die andern 
wurden bald ins Kriegslazarett zur Operation respektive weiteren 
Behandlung überführt, weil sie wegen enormen Zustroms von Ver¬ 
wundeten eine zu große Belastung der Feldlazarette bildeten. Wir 
können daher zur Frage der Laminektomie auf Grund dieses Materials 
nicht Stellung nehmen. Aber wir haben später auf Grund neuer 
Fälle mehr und mehr auch hier einen operativen Standpunkt ein¬ 
genommen, worüber später noch berichtet wird. 

Die unerwartet häufigen Wundinfektionen, welche man an 
der Front erlebte, haben sich natürlich auch zu Hause bemerkbar 
gemacht. Nach den ersten großen Schlachten mußten sehr vip]o 
Verwundete schnell evakuiert werden. Zum Teil mit den ersten 
Verbänden mußte man sie längeren Bahntransporten unterwerfen. 


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31. Januar. 


Man kann sich ohne weiteres denken, daß die Mehrzahl dieser 
Wunden bei der Ankunft nicht gut aussahen, ein einfacher Ver¬ 
gleich mit unserm Material muß das erwarten lassen. Damit einen 
Vorwurf gegen irgend jemand zu begründen, wäre natürlich durch¬ 
aus unrichtig. Wer die schwierigen Verhältnisse eines großen 
Kampfes kennt, sie an Ort und Stelle miterlebte, wird rückhaltlos 
anerkennen, wie intensiv und sachgemäß gearbeitet, was erreicht 
wurde. An Hand unserer ersten Erfahrungen haben wir alle ge¬ 
lernt, mehr oder weniger unsern bisherigen Standpunkt modifiziert. 
Wir sind im Gegensatz zu dem in der Literatur vertretenen 
konservativen zu einem im allgemeinen sehr radikalen operativen 
Standpunkte gekommen, der ungefähr dem der Friedenszeiten ent¬ 
spricht. 

Wir danken Herrn Geheimrat Prof. Dr. Kotter, der uns zu 
dieser Arbeit anregto, und den Herren der Feldlazarette, besonders 
Herrn Stabsarzt der Reserve Dr. Busch und Oberärzten der Reserve 
Dr. Flörcken und Fenner, die uns ihr Material in liebenswürdigster 
Weis© zur Verfügung stellten. 

Fleischlose Tage. 

Ein Mahnwort und ein Vorschlag 

von 

C. A. Ewald. 

Die kriegsgemäße Veränderung unserer Ernährung ist jetzt 
in aller Munde. In der Tagespresse, in Flugschriften, in öffent¬ 
lichen Vorträgen werden wir über das, was uns not tut, woran 
wir sparen sollen und müssen, wenn wir die Aushungerungs¬ 
absichten unserer Gegner vereiteln wollen, in ausgiebiger Weise 
belehrt. In einer ausgezeichneten und überzeugenden Denkschrift 
haben eine Anzahl namhafter Gelehrter, Volkswirte und anderer 
Fachmänner, unter Führung von P. Eltzbacher den jetzigen Be¬ 
stand unseres Besitzes an Nahrungsmitteln, die zu erwartenden 
Erträge, sowie den Fehlbedarf, der bei bisheriger Lebensweise ein- 
treten muß, dargelegt und die Mittel zur Abhilfe angegeben 1 ). 
Danach würde allein das, was uns an Eiweiß bei Fortsetzung der 
üblichen Wirtschaftsweise während des Kriegs noch zur Verfügung 
steht, um 33% hinter unserm bisherigen Verbrauche, die Menge 
der Nährwerte (nicht Brennwerte) im ganzen um 25 % Zurück¬ 
bleiben. Würden wir aber, nachdem unsere jetzt noch vorhandenen 
Vorräte aufgebraucht sind, weitere sechs Monate so fortleben, als 
ob kein Krieg wäre, so würden uns in diesen zweiten sechs Mo¬ 
naten 21% unseres Gesamtbedarfs an Nährwerten und 50% 
unseres Eiweißbedarfs fehlen. 

Aber trotz dieser eindringlichen Mahnungen, die nicht oft 
genug wiederholt und in die breiten Massen hinausgetragen werden 
können, läßt die Befolgung derselben noch recht viel zu wünschen 
übrig. Zahlreiche Familien, ja, wie behauptet wird, die größere 
Mehrzahl, haben eine nachhaltige Aenderung ihrer gewohnten 
Lebensweise bisher noch nicht eintreten lassen. Man hört mit 
Aufmerksamkeit und sensationeller Anteilnahme etwaigen Vor¬ 
trägen über Ern&hrungsfragen zu und liest in seiner Zeitung mit 
behaglichem Verständnis die betreffenden Besprechungen, aber 
— von da bis zum Umsatz in die Tat ist noch ein weiter Weg, 
der nur sehr langsam und zögernd beschritten wird. 

Gewissen und recht breiten Kreisen unsererBevölkerung, nament¬ 
lich denen, die durch die Arbeiten und Lieferungen für das Mi¬ 
litär im Augenblick mehr Geld in die Hand bekommen wie früher, 
fällt es gar nicht ein, sich „etwas abgehen zu lassen“. Kriegs¬ 
brot ißt man und Weißbrot ißt man nicht unter dem Zwange der 
behördlichen Maßnahmen aber z. B. in Kuchen tut man sich nach 
wie vor gütlich. Dafür könnte ich recht drastische Beispiele bei- 
bringen, wie auch manche Leute glauben, daß „das Sparen“ nur 
für die „Reichen* in Betracht käme. Aehnlich sieht es um den 
Fleischverbrauch, die Fettsparung und die Verwertung der Speise¬ 
reste aus, die so vielfach gedankenlos vergeudet werden. So 
manche Hausfrau weiß über den mehr weniger wirkungsvollen 
Widerstand, dem ihre bezüglichen Anordnungen in der Küche be¬ 
gegnen, ein Lied zu singen. Das alles zeigt, wie schwer es ist, 

~~~ i) Die deutsche Volksernährung und der englische Aus- 
huntrerungsplan. Eine Denkschrift von F. Aereboe, K. Ballod, 
F Bcvschlag, W. Caspari, P. Eltzbacher, H. Heyl, P. Krusch, 
R Kuczinowski, K. Lehmann, 0. Lemmermanii, K. Oppen¬ 
heimer, M. Rubnor, K. v. Rümker, B. Tacke, H. Warmbold und 
N Zuntz. Braunschweig. F. Vieweg & Sohn. l ( J(j S. gr. 8°. — Diese 
zn dem äußerst billigen Preise von 1 M erhältliche Schrift sollte die 
weiteste Verbreitung finden. 


den Stumpfsinn aufzurütteln, eingewurzelte Gewohnheiten abzu- 
stelleu und sich den gebieterischen Forderungen des Tags au- 
zupassen. Gewiß, die bessere Einsicht bricht sich mit der Zeit 
Bahn, aber — und das ist die Gefahr, die uns droht — erst wenn 
es zu spät ist. Daher geht es vielfach nicht ohne Zwangsma߬ 
regeln ab, von denen die Regierung wohl oder übel bereits Ge¬ 
brauch gemacht hat und aller Voraussicht nach noch weiterhin 
machen wird. Aber vorgreifend kann auch der Privatmann, ab¬ 
gesehen von der häuslichen Wirtschaftsführung, in größeren Be¬ 
trieben manches tun, was in .diesem Sinne wirksam und ohne 
weiteres, d. h. freiwillig nicht zu erlangen ist. Hierher gehört, 
als speziell dem ärztlichen Bereich angehörig, die Beschrän¬ 
kung des Fleischverbrauchs iu den Krankenhäusern, Irren¬ 
anstalten, Lazaretten, Siechenh&nsern u. a. m. durch Ein¬ 
führung eines fleischlosen Tages in der Woche oder 
fleischloser Mahlzeiten, wie es ja ähnlich in den katho¬ 
lischen Landstrichen Deutschlands seit Jahrhunderten, ohne jeden 
Schaden, vielmehr, wie ich meine, mit gesundheitlichem Vorteil, 
kirchliche Vorschrift ist. Durch die Einführung eines solchen 
„Fasttags“, der aber durchaus nicht ein Hungertag zu sein 
braucht, können sehr große Mengen von Fleisch erspart 
werden, ohne daß dadurch der Ernährung unserer Kranken 
oder des Personals (Schwestern, Wärter und Aerzte ein¬ 
begriffen) irgendein Abbruch geschieht. (Gewisse Aus¬ 
nahmen, wie zum Beispiel die Diabetikerkost, die Diät mancher 
Magen- und Darmkrankheiten lassen sich leicht festlegen.) Da¬ 
gegen wäre es nur zu begrüßen, wenn durch eine solche Ma߬ 
nahme der vorgefaßten Meinung unserer Bevölkerung, daß es aus¬ 
nahmslos täglich Fleisch auf dem Tisch geben müsse, von oben 
herab ein tatkräftiger Widerspruch und die praktische Belehrung 
zum besseren entgegengesetzt würde. Die Sucht nach Fleisch und 
unser seit dem Jahre 1813 um das 3,5fache gewachsener Fleisch¬ 
verbrauch beruht bekanntlich nicht auf einem stofflich gerecht¬ 
fertigten Bedarf, sondern auf sozialen Momenten, die hier nicht 
weiter auseinanderzusetzen sind. Die Ersparnis summt sich aber 
schon in kleineren Betrieben sehr erheblich auf, um wieviel mehr 
in größeren und großen Anstalten. Im Vereinslazarett Augusta- 
hospital erhalten die Mannschaften zurzeit rund 50 bis 55 g 
Eiweiß in Form von Fleisch pro Tag. Fällt dieser Posten wöchent¬ 
lich einmal aus, so macht das im Monat wenigstens 200 g Eiweiß 
oder 0,9 kg Fleisch, das heißt für rund 240 Portionen täglich, im 
Monat 216 kg Fleisch. Rechnet man das Kilogramm Fleisch 
durchschnittlich zu 1,8 M., so ergibt dies eine Ersparnis von 
388,8 M. f wovon allerdings die Ausgaben für den Ersatz durch die 
fleischlose Nahrung abgehen. Aber auf eine solche Kalkulation 
ist überhaupt kein Gewicht zu legen. Es kommt bei den in Rede 
stehenden wirtschaftlichen Maßnahmen ganz generell nicht so¬ 
wohl aufden Kostenpunkt als auf die Materialersparnis an. 
Das wird vielfach übersehen und die Frage fälschlich unter dem 
Gesichtswinkel der etwaigen Geldausgabe anstatt der Ersparnis 
an Nährwerten betrachtet. Der fleischlose Tag wird vielleicht 
zunächst, und zwar weniger bei den Kranken respektive 
Verwundeten wie bei dem niederen Hauspersonal, Wärtern, 
Hausdienern, Heizern, Wächtern u. a. Mißstimmung und Wider¬ 
stand hervorrrufen. Durch ernsten Hinweis auf unsere wirtschaft¬ 
liche Lage und die Pflicht eines jeden Patrioten, hier Hilfe zu 
leisten, mehr noch durch die Tatsache einer allgemein Durchführung 
dieser Maßregel in allen Krankenhäusern wird dem ohne besondere 
Schwierigkeiten zu begegnen sein. Im Augustahospital ist ein 
wöchentlicher fleischfreier Tag vor einiger Zeit auf meinen Antrag 
angeordnet; in den städtischen Krankenhäusern Berlins war schon 
vor Ausbruch des Kriegs aus Ersparungsrücksichten eine Ver¬ 
fügung, an einem Tage der Woche das Fleisch durch Eier zu er¬ 
setzen. Letzteres verbietet sich zurzeit wegen des Eierraangels 
von selbst — der fleischlose Tag ist geblieben. 

Von außerordentlicher Bedeutung würde es sein, 
wenn für alle Garnison-, Reserve- und Vereinslazarette 
innerhalb des deutschen Gebiets eine entsprechende Ver¬ 
ordnung durch die Höchststelle beziehungsweise die vor¬ 
geordneten Sanitätsämter ergehen würde. Ebenso wichtig 
wäre es, wenn im ganzen Reich die Leiter von Kranken¬ 
häusern, Irrenanstalten, Privatkliniken und andere mehr, 
soweit dies noch nicht geschehen, dementsprechende Anordnungen 
treffen wollten. Daß damit nur Nutzen gestiftet wird und absolu 
keine Schädigung der Ernährung zu befürchten ist, braucht nie 
nochmals wiederholt zu werden. 

Was die Technik der fleischfreien Tage angeht, so kommen 
dafür zunächst die billigeu frischen Gemüse, wie Kohlarten, Ku e 


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dann Dörrgemüse, ferner Kartoffeln, Kartoffelklöße, Hefeklöße, Hölsen¬ 
früchte und Reis, Graupen, Hafergrütze, Buchweizen, Grieß, Nudeln, 
Makkaroni, geschmortes Obst, Obstmus in verschiedener Zubereitung 
und Kftse in Betracht. An Stelle von Vollmilch ist meist Mager¬ 
milch zu verwenden. Süße Speisen (auch als Fettersatz) sind sehr 
geeignet, denn mit Zucker braucht nicht gespaart zu werden. Es 
ist aber nicht möglich, eine derartige reizlose Kost ohne gewisse 
Zutaten so schmackhaft zu machen, daß sie gern und in genügender 
Menge genossen wird. Man muß ihr also Reizmittel und anregende 
Zulagen beigeben. Dahin gehören außer dem Zucker: Herings-, 
Speck-, Kümmel-, Senfsaucen, rote Rüben in Essig, saure Gurken, 
Pfeffergurken, Meerrettig, auch Kohl- und Gemüsesalate, Bratkar¬ 


toffeln und dergleichen mehr, wobei der Findigkeit und Geschick¬ 
lichkeit des Küchenvorstandes freie Hand gegeben ist. Mit Hilfe 
von Kalorientabellen läßt sich für ausreichenden Kaloriengehalt 
mit Leichtigkeit sorgen. Man wird auch in der Weise eine Ab¬ 
wechslung bringen können, daß auf ein fleischloses Mittagbrot 
ein Abendbrot mit kalter Fleisch wäre, Hering oder anderem folgt, 
und auf diese Weise anstatt der fleischfreien Tage fleischlose Mahl¬ 
zeiten mit fleischhaltigen abwechseln. Hier ist also ein gewisser 
Spielraum gegeben. Wesentliches Erfordernis ist aber die Be¬ 
schränkung des Fleischverbrauchs. Dazu können die Kranken¬ 
anstalten in ganz gewaltigem Maße beitragen und sich auf diese Weise 
mit Erfolg im Dienste unserer wirtschaftlichen Aufgaben betätigen. 


Abhandlungen. 


lieber Hämaturie 

von 

Dr. Albert Seelig, Königsberg i. Pr. 

Hämaturie ist eins der wichtigsten und vieldeutigsten 
Symptome bei Harnleiden. Sie kann ihren Ursprung an allen 
Punkten des Urogenitalapparats haben und der Ausdruck der ver¬ 
schiedenartigsten pathologischen Zustände sein. Die diagnostische 
Beurteilung der Blutung bereitet häufig außerordentliche Schwierig¬ 
keiten und ist auch heute noch, trotzdem durch die Einführung ■ 
der Cystoskopie und des Ureterenkatheterismus ihre Deutung I 
erheblich erleichtert ist, zuweilen nicht mit voller Sicherheit i 
möglich. 

Zwei Fragen sind bei einer Hämaturie zu beantworten: Von ! 
wo geht die Blutung aus, welcher pathologische Prozeß liegt ihr [ 
zugrunde. Die Hämaturie wird häufig von Symptomen begleitet, j 
die so charakteristisch sein können, daß die diagnostische Klärung 
sehr leicht scheint, jedoch ist es nicht ganz selten, daß scheinbar 
lehr charakteristischen, typischen Symptomen ganz andere patho¬ 
logische Prozesse zugrunde liegen, als erstere vermuten ließen. 

Wir wollen nun kursorisch die Blutungen aus den einzelnen 
Abschnitten des Urogenitalapparats betrachten und besonders auf 
das Atypische unser Augenmerk richten: 

Harnröhrenblutungen: Es ist praktisch, sich an das alte 
Schema der Einteilung in eine vordere und hintere Harnröhre zu 
halten. Die Blutungen aus der vorderen Harnröhre, wenn sie er¬ 
heblich sind, zeichnen sich dadurch aus, daß das Blut unabhängig 
tob der Miction aus dem Orificium abtropft. Ist die Blutung sehr 
gering, so bleibt das Blut in dem Kanal liegen und wird nur mit 
dem Harnstrahle herausgeschleudert. Die Sicherstellung der Her¬ 
kunft dieses Bluts erfordert, daß nach der Jadaßohnschen Me¬ 
thode die Harnröhre gespült wird. So sicher eine stärkere Blu¬ 
tung der Harnröhre sich nach außen unabhängig von der Miction 
entleert, so braucht anderseits nicht jede derartige Hämaturie aus 
der vorderen Harnröhre zu stammen. Es kommt nämlich vor, daß 
bei stärkeren Blutungen aus der hinteren Harnröhre beziehungs¬ 
weise Prostata, insbesondere, wenn der Sphincter externus ure- 
tbrae nicht sehr kräftig ist, das Blut nicht — wie gewöhnlich — 
nach der Blase zu, sondern nach vorn fließt und so dasselbe Sym- 
ptomenbild wie bei einer Hämaturie aus der Pars arterior bietet. 
Kin sehr eigentümliches Bild habe ich bei einem leichten Trauma 
der vorderen Harnröhre beobachtet; hier entleerte sich erst klarer 
Crin, dann erst ein wenig blutig tingierter und schließlich wieder 
klarer. Es erklärt sich das Phänomen so, daß durch den Urin¬ 
strahl erst allmählich das junge Deckepithel oder ein Thrombus 
aufgerissen wurde und dann in geringer Menge Blut abfloß, das 
sich dem vorbeifließenden Harne beimischte. 

Nicht leicht zu beurteilen sind häufig die Blutungen aus der 
hinteren Harnröhre und Prostata beziehungsweise des der Harn¬ 
röhre anliegenden Teils der Blase. Sie sind oft vieldeutig, 
lan unterscheidet am besten zwischen geringen und starken Blu¬ 
tungen, da die Art der Hämaturie durch die Menge des Bluts er- 
neblich beeinflußt werden kann. Bei schwachen Blutungen der 
hinteren Harnröhre findet man meist die erste Harnportion klar 
und erst am Schluß entleeren sich einzelne Blutstropfen. Diese 
terminale Hämaturie sieht man außerordentlich häufig bei Gonor¬ 
rhoe posterior, oft auch als Symptom der Tuberkulose, ausnahms¬ 
weise bei kleinen Tumoren, die am Blasenein gange sitzen; hier 
»lemmt der Schließmuskel am Schlüsse der Miction die kleine 
«schwülst ein und bewirkt dadurch eine terminale Blutung; ein 

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Gleiches beobachtete ich bei einem kleinen, beweglichen Steine. 
Eine kurze Bemerkung erfordert noch die terminale Blutung bei 
Tuberkulose; sie kann natürlich der Ausdruck einer tuberkulösen 
Erkrankung der Prostata oder der hinteren Harnröhre sein, aber 
was wohl häufiger und von hohem Interesse ist: auch tuberkulöse 
Prozesse der Niere können, ohne daß die Blase miterkrankt ist, 
das gleiche Bild geben. 

So beobachtete ich einen Fall mit terminaler Hämaturie; Gonor¬ 
rhöe anszuschließen. Außer der Blutung bestanden nur Klagen über ver¬ 
mehrte Miction. Die weitere Untersuchung stellte, wie vermutet wurde, 
eine einseitige Nierentuberkulose fest. Die Urethra und Blase erwiesen 
sich völlig intakt. Somit blieb nur die erkraukte Niere als Ursache der 
Blutung übrig. 

Israel, der einen ähnlichen Fall beschreibt, glaubt auch an 
den Zusammenhang von Hämaturie mit Nierenerkrankung und 
meint ihn durch „eine reflektorische Hyperämie der Blasenschleim¬ 
haut von der primär erkrankten Niere“ deuten zu können. Diese 
Erklärung scheint plausibel: besonders spricht für diese Auffassung, 
daß nach Entfernung der Niere die Miction und der Urin normal 
wurde. Eine terminale Hämaturie ohne vorausgegangene Gonor¬ 
rhöe muß, falls nicht lokale Erkrankungen (Prostata usw.) vor- 
liegen, stets den Verdacht auf Tuberkulose lenken. 

Bei stärkeren Blutungen der hinteren Harnröhre kann es 
sich auch um eine Kombination von initialer und terminaler handeln; 
sie gleicht dann völlig den sofort zu beschreibenden Prostatablu¬ 
tungen. — Bei Prostataerkrankungen findet man meist die Kom¬ 
bination von initialer und terminaler Blutung, selten die terminale 
allein. Der Mechanismus ist leicht verständlich; durch den Urin¬ 
strahl wird das in der Pars prostatica liegende Blut heraus* 
geschleudert, dann kommt der klare Blasenurin und zum Schlüsse 
wird durch die Contractionen der Muskulatur Blut aus der Prostata 
herausgepreßt, das sich dann der letzten Urinmenge beimischt. 
Ganz anders kann sich das Bild gestalten, wenn die Prostata er¬ 
heblich blutet; in diesem Falle regurgitiert gewöhnlich das Blut 
in die Blase und es kommt dann zu totaler Hämaturie, das heißt 
alle Urinportionen sind blutig. Auf die Möglichkeit eines gleich¬ 
zeitigen Blutabflusses aus der Uretbra unabhängig von der Miction 
in diesen Fällen ist bereits oben hingewiesen worden. — Die 
sichere Diagnose einer erheblichen Prostatablutung scheint mir in 
vielen Fällen auch mit unsern neuesten Untersuchungsmethoden 
außerordentlich schwierig. Die Wichtigkeit der Frage erfordert 
eine etwas ausführlichere Besprechung. Die starke Prostatablu- 
tung hat als solche nichts Charakteristisches, sie kann genau so 
wie eine Blasen- beziehungsweise Nierenblutung verlaufen, sie kann 
ebenso plötzlich erscheinen und verschwinden wie eine Tumorblu- 
tung, sie kann einmal völlig unabhängig von äußeren Einflüssen, 
z. B. Bewegung, sein, ein andres Mal scheint sie sich an lebhafte 
Bewegungen anzuschließen und täuscht so das Bild einer Steinblu¬ 
tung vor, um so mehr, als zuweilen die Blutung bei Ruhelage 
schwindet. — Wie diagnostiziert man nun eine Prostatablutung? 
Einen gewissen Anhalt gibt das Verhalten beim Katheterismus: 
Fließt zuerst reines Blut durch den Katheter ab und klärt sich 
der Urin durch Spülungen sehr schnell, so spricht dies für Prostata¬ 
blutung; absolut sicher ist dieses Phänomen nicht, da man das 
gleiche auch bei Blasentumoren, die in der Nähe des Orificiums 
vesicae sitzen, beobachten kann. — Sehr charakteristisch ist der 
Einfluß der Therapie: Prostatablutungen pflegen im allgemeinen 
prompt auf die Einlegung eines Dauerkatheters zu stehen. Bringt 
uns nun die Cystoskopie zum sichern Ziele? Eigentlich kann man 
eine Prostatablutung nur per exclusionem diagnostizieren, denn die 
cystoskopisch sichtbare Blutung aus der Prostata ist bei älteren 

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Männern etwas außerordentlich häufiges, ohne daß sie darum die 
Ursache der vorliegenden Hämaturie zu sein braucht, sie kann 
eben einfach traumatischen, das heißt durch dieCjstoskopie bedingten 
Ursprungs sein, während die eigentliche Ursache der Blutung ganz 
wo anders zu suchen ist. Es kann sehr leicht passieren, daß als 
Quelle der Hämaturie die Prostata angenommen wird, während sie 
tatsächlich z. B. aus der Niere stammt, die während der Cysto- 
skopie kein Blut entleerte. Das ist kein konstruierter Fall, son¬ 
dern es ist nicht so selten, daß sich Prostatahypertrophie mit 
einem beginnenden Nierentumor kombiniert, dessen Nachweis weder 
durch die Palpation noch die funktionelle Diagnostik gelingt — 
da kann dann anfangs leicht die durch die Untersuchung bedingte 
traumatische Prostatablutung als Quelle der Blutung angesehen 
werden. Nur ein sehr sorgfältiges Abwägen der einzelnen Sym¬ 
ptome und eine wiederholte instrumenteile Untersuchung schützt 
hier vor Irrtümern. — Aus diesen kurzen Bemerkungen geht wohl 
zur Genüge die Schwierigkeit der Diagnose: ProstatablutuDg her¬ 
vor. — 

Mannigfach sind auch die Ursachen der Blasenblutungen. 
Die wichtigsten sind diejenigen bei Steinen, Tumoren, Geschwüren, 
Tuberkulose, entzündlichen Prozessen und Varicenbildung in der 
Blase. Die Art der Blutung ist, je nachdem sie schwach oder 
stark ist, verschieden, es besteht entweder terminale oder totalo 
Hämaturie. Erstere findet sich besonders bei Erkrankungen in 
der Nähe des Blaeenhalses, die letztere bei allen anders lokali¬ 
sierten Erkrankungen der Blase. — Die vesicalen Erkrankungen 
sind in ihren Erscheinungen häufig von äußeren Einflüssen ab¬ 
hängig, so haben alle Prozesse, die Kongestionen herbeiführen, 
zweifellos eine Steigerung der Entzündung und somit der Blutung 
im Gefolge, heftige Bewegungen provozieren respektive vermehren 
Steinblutungen; bei Tumorblutungen dagegen scheinen äußere Be¬ 
einflussungen wirkungslos zu sein. Jedoch gelten diese Regeln 
nur im allgemeinen und dem erfahrenen Diagnosten wird es nicht 
entgehen, daß diese allgemeinen Regeln oft durchbrochen werden. 
Wie oben bereits bemerkt, sind die Steinblutungen in der über¬ 
großen Zahl der Fälle abhängig von Bewegungen und sind daher 
hauptsächlich Tagesblutuugen, die durch die Nachtruhe zum Still¬ 
stände kommen. Daß dies nicht immer zu sein braucht, dafür 
diene der folgende Fall als Beispiel: 

Patient klagte über Beschwerden, die auf eine Prostatahypertrophie 
hinweisen; nichts sprach für Steine. Da tritt plötzlich nachts eine Blutung 
auf, die bei Tage cessierte; auch diese Blutung ließ den Verdacht auf 
Steine nicht auf kommen; erst das CystoBkop stellte einen kleinen be¬ 
weglichen Stein hinter der Prostata fest. Hier war es das Hin- und 
Herwerfen des Körpers von einer Seite zur andern während des Schlafs, 
welche die Hämaturie hervorrief, während andere Bewegungen, z. B. 
Wagenfahrten, merkwürdigerweise offenbar ohne Einfluß blieben. 

Diagnostisch große Schwierigkeiten, falls eine Cystoskopie 
respektive Sondierung nicht möglich ist, machten die profusen 
Steinblutungen, die Tag und Nacht, durch äußere Umstände un¬ 
beeinflußt, anhalten; freilich sind sie meist renalen Urspruugs. — 
Die Tumorblutungen haben insofern etwas typisches, als sie plötz¬ 
lich ohne erkennbaren Grund auftreten, um ebenso plötzlich auf¬ 
zuhören. Die Mengo des ausgeschiedenen Bluts kann sehr ver¬ 
schieden sein, im allgemeinen scheinen — wie erwähnt die 
Blutungen unabhängig von äußeren Umständen zu sein, jedoch 
kann ich nach eignen Beobachtungen in manchen Fällen eine Ab¬ 
hängigkeit der Blutung von starkem Alkohoigenuß und forcierten 
Bewegungen nicht leugnen. — Differentialdiagnostisch kommen am 
häufigsten renale prostatische und die nicht häufigen profusen Stein¬ 
blutungen in Betracht. 

In diesem Sinne wertvoll soll die Art der Blutung in¬ 
sofern sein können, als Hämaturien vesicalen Ursprungs gleich¬ 
mäßig sind, während es bei renalen häufig vorkommt, daß an dem¬ 
selben Tage abwechselnd klarer und blutiger Urin entleert wird. 
So zutreffend diese Beobachtung für die Mehrzahl der Fälle ist, 
so ist sie jedenfalls nicht immer von ausschlaggebender Bedeu¬ 
tung; verfüge ich doch selbst über zwei Fälle von Blasenpapillomen, 
die ganz den Typus der soeben beschriebenen renalen Hämaturie 
aufwiesen. 

Ganz wie diese Blasenblutungen verlaufen — worauf auch be¬ 
reits früher hingewiesen — Prostatablutungen, deren Diagnose wir 
ebenfalls schon besprochen. Daß Blasensteinblutungen die gleichen 
klinischen Bilder in bezug auf Hämaturie geben, ist selten; die 
Entscheidung gibt hier Sonde beziehungsweise das Cystoskop. — Sehr 
wenig charakteristisch sind die Blutungen bei entzündlichen und 
ulceröBen Prozessen der Blase. Sie sind meist gering; die Be¬ 
gleiterscheinungen der Dysurie; die Veränderungen des Urins, 


insbesondere die Eiterung, weisen im allgemeinen auf den richtigen 
Weg hin. Die Diagnose des Ulcus freilich ist nur durch direkte 
Besichtigung zu stellen. Sehr kompliziert werden die Verhält¬ 
nisse, wenn sich zu Lithiasis oder Tumorbildung entzündliche Pro¬ 
zesse hinzugesellen. Die Diagnose der Hämaturie kann dann um 
so schwieriger sein, als hier die Cystoskopie wegen der Reizbar¬ 
keit der Blase unmöglich ist. — Sehr wichtige Fingerzeige gibt 
hier die genaue Anamnese und Verlauf der Krankheit. 

Von ulcerösen Prozessen kommen hauptsächlich diejenigen 
tuberkulöser Natur in Betracht; hier sind die Blutungen im all¬ 
gemeinen sehr gering; die Diagnose kann nur durch das Cystoskop 
und den Nachweis des specifischen Erregers gestellt werden. Sehr 
selten sind die nicht tuberkulösen Ulcera — auch hier ist die 
Blutung fast immer eine mäßige —, auch ihre Diagnose gelingt 
nur durch das Cystoskop. 

Schließlich müssen noch die Blasenblutungen varicösen Ur¬ 
sprungs erwähnt werden. Sie sind offenbar sehr selten. Sie 
können recht erheblich und von langer Dauer sein. Etwas 
Charakteristisches haben sie nicht. Ihre Diagnose — mit der man 
früher sehr freigiebig war — ist nur durch den Blasenspiegel zu 
stellen; aber das Bild muß schon sehr ausgeprägt sein, um eine 
entscheidende Diagnose zuzulassen. 

Ein diagnostisch sehr schwieriges Gebiet sind die Nieren¬ 
blutungen. Erst seit Einführung der Cystoskopie und des Ureteren- 
katheterismus ist eine einwandfreie Diagnose möglich; aber es gibt 
auch heute noch eine Reihe von Fällen, wo wir nur zu einer Ver- 
mutungsdiagnose über den der Blutung zugrunde liegenden Prozeß 
gelangen können. 

Die klinischen Symptome sind außerordentlich vieldeutig. 
Die Art der Blutung gibt im allgemeinen wenig Aufschluß, wenn 
es freilich auch für die meisten Fälle wichtig ist, daß eine gleich¬ 
mäßige frische Blutung auf die Niereu als Ursprungsort hinweist; 
in gleichem Sinne sind lange wurmförmige Gerinnsel zu deuten. 
Die mikroskopische Untersuchung des blutigen Urins hat an den 
Blutkörperchen nicht so charakteristische Veränderungen ergeben, 
daß man aus ihnen allein eine Lokaldiagnose stellen kann; be¬ 
achtenswert ist immerhin das gehäufte Vorkommen von Zerfalle- 
ersclieinungen der roten Blutkörperchen (Fragmentation); sie 
kamen hauptsächlich bei Nierenblutungen vor. — Charakteristisch 
sind natürlich Blutcylinder. — Einen gewissen lokaldiagnostischen 
Anhalt kann man bei Ausspülung der Blase zuweilen erhalten: 
Eine rasche Klärung des Blaseninhalts spricht für renalen Ur¬ 
sprung; freilich gilt dieses nur für mäßig starke Nierenblutungen; 
sehr profuse Hämaturien verhindern ebenso wie diejenigen vesi¬ 
calen Ursprungs eine rasche Klarspülung des Blaseninhalts. — Es 
kamen hauptsächlich in Betracht: Blutungen bei Nephritiden, 
solche aus unbekannten Ursachen (angioneurotische), bei Lithiasis, 
Tumoren und Tuberkulose. 

Die nephritischen Blutungen sind außerordentlich schwierig 
zu beurteilen. Ich spreche hier nicht von der akuten oder chro¬ 
nisch hämorrhagischen Nephritis, die ja im allgemeinen leicht zu 
erkennen sind, sondern von den Massenblutungen bei Nephritis 
chronica. Die Kenntnis dieses Krankheitsbildes ist neueren Da¬ 
tums. Die klinischen Erscheinungen sind sehr wechselnd. Manche 
Fälle verlaufen mit langdauerndon starken Hämaturien ohne jeden 
Schmerz, sodaß eine große Aehnlichkeit mit einem Nierentumor 
besteht, andere wiederum präsentieren sich ganz unter dem Bild 
einer Lithiasis. Es treten heftige einseitige Nierenkoliken ein, die 
bei Ruhe schwinden. Die differentielle Diagnose ist hier fast un¬ 
möglich, wenn nicht die röntgenologische Untersuchung Klarheit 
schafft, — Auch längere Beobachtung, besonders in der anfalls¬ 
freien Zeit führt nicht immer zu einem Resultat, da es nicht 
selten vorkommt, daß jedes auf Nephritis hinweisonde Symptom 
(Eiweiß, Cylinder usw.) fehlen kann; findet man aber derartige 
Veränderungen im Urin, so kann man wohl zur richtigen Diagnose ge¬ 
langen; freilich ist dann immer noch mit der Möglichkeit zu rechnen, 
daß die Blutung gar nicht auf das Konto derNephritis zu schreiben ist, 
sondern, daß sie in einer andern pathologischen Veränderung ihre Ur¬ 
sache haben kann. Jedenfalls ist in allen derartigen Fällen — 
wenn auch kein Eiweiß nachweisbar ist — auf Cylinder zu 
da es gerade bei diesen an sich gewiß nur sehr seltenen Fällen 
von Nephritiden vorkommt, daß eine reine Cylindrurie ohne Albu¬ 
minurie besteht. Außerordentlich bemerkenswert ist der Umstand, 
daß das Symptomenbild auf eine einseitige Affektion bin weis, 
während der Prozeß tatsächlich fast immer doppelseitig ist, } 
Blutungen und Koliken auch bei absolut normalen Nieren 
Ireten können, steht noch zur Diskussion; während ein leil de 


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Autoren es behauptet und für diese Fälle angioneurotische Ein¬ 
flüsse annimmt, glauben andere diese Aetiologie verneinen zu 
müssen. Jedenfalls ist häutig bei derartigen Fällen eine differen¬ 
tielle Diagnose gegenüber Steintumor oder Tuberkulose der Niere 
nicht möglich, da, wie bereits betont und noch weiter ausgeführt 
werden soll, diese Erkrankungen ganz dieselben Symptome machen 
können. 

Die Blutungen bei Lithiasis renis haben in gewissen Grenzen 
etwas Charakteristisches, indem sie abhängig vonkörperlichen Bewe¬ 
gungen oderErschütterungen sind; die Koliken unterscheiden sich von 
denjenigen anderer renaler Hämaturien im allgemeinen dadurch, daß 
sie den Blutungen vorausgehen, während sie bei andern Erkrankungen 
(Nephritis, Tumor, Tuberkulose) erst nach den Blutungen aufzutreten 
pflegen, bedingt durch Verstopfung der Ureteren mit Blutcoaguliß 
- aber, wie gesagt, finden sich die beschriebenen charakteristischen 
Zeichen nur in der Mehrzahl der Fälle, in andern scheint die Blu¬ 
tung unabhängig von äußeren Einflüssen zu sein, sie tritt plötz¬ 
lich in der Ruhe, besonders nachts auf; ein ander Mal verläuft 
sie völlig schmerzlos, und während sie bei Steinleiden meist all¬ 
mählich einsetzt und allmählich verschwindet, kann sie auch ein¬ 
mal ganz plötzlich in voller Stärke auftreten, um ebenso plötzlich 
zu verschwinden. Diese zuletzt beschriebene Form der Blutung 
gleicht völlig derjenigen, wie man sie bei Nierentumoren findet. 
Das plötzliche — ohne jede nachweisbare Ursache — Erscheinen 
der Blutung und das ebenso rasche Verschwinden findet sich am 
häufigsten bei Tumoren. Sehr bemerkenswert ist bei Geschwülsten 
der Niere das Abwechseln zwischen völlig klarem und blutigem 
Urin an demselben Tage. Dies Phänomen dürfte, abgesehen 
von den sehr seltonen Fällen von Blasentumoren und sehr ver¬ 
einzelten Beobachtungen bei Hämaturien auf Grund von 
chronischer Nephritis als sehr wichtiges diagnostisches Merkmal 
für NiereDgeschwulst anzusehen sein; jedenfalls ist es gegenüber 
den atypischen Steinblutungen und auch deu Massenblutungen bei 
Nierentuberkulose differentiell diagnostisch zugunsten der Tumor- 
di&gnose zu verwerten. Ein Punkt wäre noch erwähnenswert, daß 
nämlich in den blutfreien Zeiten bei Tumoren sich auch mikro¬ 
skopisch kein Blut zu finden pflegt, während solches bei Lithiasis 
nach Bewegungen eigentlich stets, wenn auch nur mikroskopisch, 
»anweisbar ist. 

Die letzte differential - diagnostisch in Betracht kommende 
Erkrankung ist die Nierentuberkulose. Die Hämaturien treten hier 
sehr verschiedenartig auf. Eine seltene und sehr eigentümliche 
Form - auf die wir schon früher hingewiesen haben — ist die 
terminale Hämaturie; diflerential - diagnostisch kommt sie bei 
Nierenerkrankungen insofern nicht in Betracht, als sie, falls es sich 
überhaupt um eine Nierenaffektion handelt, nur bei Tuberkulose 
vorkommt. Dagegen gibt es hierher gehörige Nierenblutungen, 
die völlig denjenigen bei Tumoren gleichen. Sie können ebenso 
plötzlich auftreten und schwinden und von gleicher Heftigkeit sein. 
Sie finden sich — und das macht die Differentialdiagnose beson¬ 
ders schwierig — häufig bei beginnenden tuberkulösen Prozessen, 
ohne daß sonst charakteristische Merkmale für Tuberkulose vor¬ 
handen sind. Die anatomische Grundlage pflegen kleine Ulcera- 
tionen an der Papillenspitze zu sein. Manche Blutungen zeigen 
oft völlige üebereinstimmung mit Steinblutungen, und dies um so 
mehr, als sie mit heftigen Koliken verbunden zu sein pflegen. Wenn 
hier nichtder Nachweis von Tuberkelbacillen oder die Röntgen- 
platte die Diagnose stützt, so kann sie lange Zeit hindurch zweifel¬ 
haft bleiben. Beiläufig können auch die Röntgcnbilder hier zu 
Täuschungen führen, indem verkalkte Tuberkel ganz ähnliche Bilder 
*ie Steine geben; daß der negative Röntgenbefund nicht ent¬ 
scheidend ist, ist ja genügend bekannt. Gerade bei beginnender 
Tuberkulose ist die Unterscheidung von Lithiasis fast unmöglich, 
»erschiedeo pflegen die Koliken zu verlaufen, indem sie bei Tuber¬ 
kulose der Blutung nachfolgen, während es bei Steinnieren meist 
umgekehrt ist; ferner ist bemerkenswert, daß fast ausnabms- 
'•s selbst in sehr frühen Stadien bei Tuberkulose sich außer Blut- 
orperchen auch Leukoeyten finden, während solche bei der asep- 
tl »chen Steinniere fehlen. 


Geben somit in vielen Fällen die klinischen Symptome keinen 
sicheren Aufschluß über Ursprung und Wesen der Hämaturien, 
so kommt man zweifellos durch die Cystoskopie den Ureteren- 
katheterismus und die funktionolle Diagnostik häufiger zum Ziele 
— freilich auch nicht immer. Die Feststellung der Herkunft der 
Blutung gelingt — falls eine Cystoskopie möglich ist—fast stets, 
wenu während der Untersuchung eine Blutabscheidung statttindet. 
Ist dies aber nicht der Fall, so kann man nur, falls man die Ur¬ 
sache nicht in der Blase findet, per exelusionera auf eine Nieren¬ 
blutung schließen. Welche Niere blutet, ist nicht zu entscheiden, 
es sei denn, daß charakteristische Veränderungen an den Ureteren- 
öflnungen auf den Krankheitsherd hinw r eisen, z. B. Ulcerationen, 
Gestaltveränderungen des Ureterensehlitzes, Öedem in denselben 
und anderes. — Bringt uns nun in deu Fällen, wo zur Zeit der 
Untersuchung keine Blutung erfolgt, der Ureterenkatheterismus 
beziehungsweise die funktionelle Diagnostik in der Lokaldiagnose 
weiter? Eine geringe Blutung durch den Ureterenkatheterismus 
als aus der Niere stammend festzustellen, macht große Schwierig¬ 
keiten, da der Eingriff als solcher sehr oft zu geringer Hämaturie 
führt. Manches Mal kann man sich durch den von Casper an¬ 
gegebenen Kunstgriff, daß man nämlich den Katheter höher hinauf, 
das heißt über die lädierte Ureterstelle herausschiebt, Klarheit 
verschaffen; tritt dann kein Blut mehr auf, so war die Hämaturie 
arteficiell, jedoch nutzt dieses Verfahren nicht in allen Fällen. 
Es ist also auf diesem Wege, falls die Blutung zur Zeit der 
Untersuchung sehr gering ist beziehungsweise sistiert, kein 
sicheres Ergebnis zu erhalten. Hier tritt nun die funktionelle 
Diagnostik in ihr Recht. Ueber die Methoden der funktionellen 
Prüfung ist hier um so weniger der Ort zu sprechen, als über 
ihre Wertigkeit die Meinungen der Autoren noch sehr weit aus- 
einaudergehen. Die am meisten geübten sind die Bestimmung des 
Gefrierpunkts des Urins, die Zuckerbestimmung nach Phloridzininjek- 
tion, die Blauausscheidung nach IndigearminiDjektion und schließlich 
diejenige der experimentellen Polyurie. Alle Methoden haben den 
Zw'eck, die Funktion der Niere zu prüfen. Absolute Maße geben 
sie alle nicht. Durch Kombination der verschiedenen Methoden 
kann man sich freilich ein ziemlich maßgebendes Bild der funktio¬ 
nellen Tüchtigkeit der Niere machen. Eine funktionelle Prüfung 
erfordert stets den doppelseitigen Ureterenkatheterismus, da das 
Hauptgewicht auf den Vergleich der beiden Seiten zu legen ist. 
Für die uns hier beschäftigende Hämaturie steht die Frage zur 
Diskussion, ob die funktionelle Diagnostik uns — im Falle keine 
klinischen Zeichen über Art und Ursprung der Blutung Auskunft 
geben — in der Diagnose fördern kann. Die Antwort lautet: 
Nur falls die Funktion der erkrankten Niere erheblich gestört 
ist, führt die funktionelle Diagnostik uns zum Ziele. Ueborblicken 
wir noch einmal die hauptsächlich differential diagnostisch in 
Frage kommenden Krankheiten: Steine, Tumoren, Tuberkulose, 
so müssen wir sagen, daß bei beginnenden Leiden, selbst wenn 
schon erhebliche Hämaturien sich gezeigt haben, in einer Reihe 
von Fällen die Funktion der Niere so wenig gestört sein kann, 
daß dies durch die uns zur Verfügung stehenden funktionellen 
Methoden nicht nachweisbar ist, aber, wie gesagt, ist zuzugeben, 
daß die krankhaften Prozesse, besonders die Tuberkulose, sich 
dann eben noch in einem sehr frühen Stadium befinden. In vor¬ 
geschrittenen Fällen pflegt die Kombination der verschiedenen 
Methoden zu brauchbaren, einwandfreien Befundon zu führen. Be¬ 
sondere Schwierigkeiten machen die Hämaturien auf nephritischer 
Basis, da hier die funktionellen Ausfälle nieist auf beiden Seiten 
ziemlich gleichartig zu sein pflegen und daher die Feststellung des 
Ursprungs der stattgehabten Blutung - falls eindeutige klinische 
Symptome nicht vorhanden sind — auf unüberwindliche Schwierig¬ 
keiten — auch in vorgeschrittenen Fällen — stoßen kann. Ueber 
den den funktionellen Ausfall bedingenden pathologischen Prozeß 
gibt natürlich die bosprocheue UutersuchuDgsmethode keinen 
Aufschluß, nur die klinische Beobachtung beziehungsweise die 
mikroskopische und chemische Untersuchung des Urins vermögen, 
wenn überhaupt, den Charakter des die Hämaturie bedingenden 
Grundleidens zu enthüllen. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren, 


Aus der Heilstätte für Nervenkranke Haus Sohönow in Zehlendorf 
(Wsb). (Direktor: Prof. Dr. Max Laehr.) 

Die körperlichen Frühsymptome der 
Dementia praecox 

von 

Dr. E. Breiger, 

Oberarzt im Inf.-Rgt. 85, kommandiert zur Heilstätte. 

(Schluß aus Nr. 4.) 

5. Motorische Störungen. 

Rechnet man zu dieser Gruppe die katatonischen Spannungs¬ 
zustände in der willkürlichen Muskulatur, die Haltungsanomalien, 
die Stereotypien, kurz alle die Störungen, welche wohl am moto¬ 
rischen System wahrgenommen werden, aber nicht somatischen, 
sondern psychischen Ursprungs sind, so ist die Zahl der zu beob¬ 
achtenden Symptome eine große. Dann ist auch über Befunde zu 
berichten, deren diflerentialdiagnostische Bedeutung nicht mehr 
von der Hand zu weisen ist. Ausgesprochene katatonische Er¬ 
scheinungen stehen ja in manchen Fällen so im Vordergründe, 
daß sie zur Abgrenzung einer großen Gruppe — der Katatonie — 
geführt haben. Aber auch bei andern Kranken bestehen eigen¬ 
tümliche Spannungszustände in der Muskulatur, welche auf den 
ersten Blick den Eindruck einer Hypertonie erwecken könnten. 
Hiermit soll nicht gesagt sein, daß eine Hypotonie zu den Selten¬ 
heiten gehört. Pförtner konnte an seinen Kranken mitunter 
einen Wechsel zwischen Hyper- und Hypotonie beobachten. Diese 
Spannungszustände führen dazu, daß die Kranken aktiven Be¬ 
wegungen einen Widerstand entgegensetzen und gegebene Stellungen 
beibehalten. Ich fand in allen Krankengeschichten Notizen über 
den Ausfall dementsprechender Untersuchungen. In 60% aller 
Fälle wurden beigebrachte Stellungen nicht beibehalten. Bei den 
übrigen 40% war dieses der Fall. Bei acht Kranken war dieses 
Symptom sogar ausgesprochen stark wahrnehmbar. Dabei bandelte 
es sich nicht um Krankheitsbildor, welche in das Gebiet der Ka¬ 
tatonie gehörten, sondern auch diese Kranken boten ein Krank¬ 
heitsstadium da, in welchem eine Einordnung in eine der großen 
Hauptgruppen noch nicht möglich war. Interessant ist die Beob¬ 
achtung, daß einem Kranken diese Steifheit in den Muskeln sub¬ 
jektiv zur Empfindung kam. Er klagte darüber. 

Von nicht geringerer Bedeutung scheinen auch andersartige 
Störungen der Motilität zu sein, welche in der Literatur mehrfach 
Erwähnung finden. Ich meine unwillkürliche Muskelbewegungen, 
Zuckungen, welche von der Beobachtung unabhängig sind, aber 
dennoch eine Abhängigkeit von psychischen Momenten zeigen. 
Sie werden beschrieben als choreatiforme Bewegungen, als Tics 
oder als allgemeine motorische Unruhe. Entweder sind Bio auf 
ein bestimmtes Muskelgebiet beschränkt, oder sie greifen auf 
mehrere Muskelgruppen, auf eine ganze Extremität, ja auf den 
ganzen Körper über. Auch um einfache Mitbewegungen kann es 
sich handeln. In 82 Krankengeschichten fand ich Angaben über 
dieses Symptom. Es waren einerseits einfache Mitbewegungen, 
welche z. B. bei der Aufforderung zu kräftigem Händedruck auf¬ 
traten. Sie führten zu einer allgemeinen motorischen Unruhe oder 
traten z. B. nur in den Fingern auf. Die Kranken spielten mit 
den Fingern oder zupften sich am Rocke. Derartiges beobachtet 
man ja auch bei rein nervösen Kranken. Auffallend war aber in 
diesen Fällen die eintönige, stereotype Wiederkehr bei wieder¬ 
holter Untersuchung. Viel zahlreicher fanden sich schriftliche 
Niederlegungen über das Vorkommen von Tics. Diese Zuckungen 
befielen vor allen Dingen die vom Facialis versorgte Muskulatur. 
Stirnrunzeln, Augenblinzeln, Augenzukneifen, Schnüffeln mit der 
Nase, Schnalzen mit der Zuüge, lautes Räuspern, schmatzende 
und leckende Lippenbewegungen, allgemeines Grimassieren seien 
zur Charakterisierung dieser Tics erwähnt. In einem Falle waren 
die Zuckungen einseitig, und zwar stets rechtsseitig, ohne daß eine 
halbseitige Parese nachweisbar war. 

Meyer und Knapp erwähnen weiter unter ihren körper¬ 
lichen Symptomen leichte Paresen, namentlich Facialisparesen. 
Letzterer konnte sogar eine wiederholte schlaffe Lähmung des 
rechten Armes beobachten. 

Pförtner konnte diese Befunde an seinem Krankenmaterial 
wieder nicht erheben. Auch bei meinen Patienten war eine aus¬ 
gesprochene Lähmung nicht beobachtet worden. Wohl war in 


fünf Krankengeschichten eine leichte Facialisparese angegeben. Bei 
dem häufigen Vorkommen derartiger Paresen und bei dem gelegent¬ 
lichen Vorhandensein einer ungleichen Facialisinnervation bei ganz 
gesunden Menschen kommt diesen Beobachtungen eine Bedeutung 
wohl kaum zu. Die Schwäche kam einem Kranken subjektiv zum 
Bewußtsein. Er klagte, daß ihm sein oberes Augenlid auf der 
einen Seite „oft herabfiele“. 

6. Sprachstörungen. 

Sprachstörungen wurden selten beobachtet. Schwerere krank¬ 
hafte Erscheinungen, z. B. Wortneubildungen, wie sie von Zingerle 
geschildert werden, konnten überhaupt nicht festgestellt werden. 
Zeigte sich eine Veränderung der Sprache, so glich diese im 
großen und ganzen einer der von Lange in seiner Dissertation 
geschilderten Eigentümlichkeiten. Die Sprechweise war in manchen 
Fällen eine eigentümlich monotone. Es fehlte jegliche Betonung, 
jeglicher Rhythmus. Namentlich der Schluß der Sätze verlor sich 
in ein undeutliches Gemurmel. Auch ein Abbrechen mitten im 
Satz, ein unmotiviertes Abschweifen, vielleicht durch eine reine 
Klangassociation bedingt, kam zur Beobachtung. Weiter werden 
stereotype Wiederholungen ein und desselben Worts in einigen 
Befunden erwähnt. Einmal kam es zur Echolalie. Die Ausdrucks¬ 
weise war in manchen Fällen eine verschrobene. Bei einem andern 
Kranken war ein manisches Geplauder auffallend. Wie schon er¬ 
wähnt, fehle aber bei den meisten Kranken jegliche Störung. 

7. Störungen der Herztätigkeit. 

Ueber charakteristische Veränderungen des Pulses berichtet 
Meyer. Er fand eine auffallende Pulsverlangsamung (bis auf 
46 Schläge in der Minute). In einigen seiner Fälle zeigte sich 
eine ausgesprochene Abhängigkeit der Pulsfrequenz von der Körper¬ 
lage, ob liegende, sitzende und stehende. Ob vasomotorische Mo¬ 
mente hierbei eine Rolle spielen oder ob eine Hirnschwellung im 
Sinne Reichardts das ursächliche Moment abgibt, könne man 
nicht entscheiden. An meinen Kranken waren diese Symptome 
nicht wahrnehmbar, trotzdem beim Aufnabmestatus auf derartige 
Pulsdifferenzen geachtet wird. 

Pförtner berichtet ferner über das gelegentliche Vorkommen 
von systolischen Unreinheiten, respiratorischen Arhythmien. Es 
sind dieses wohl accidentelle Befunde, welche mit der psychischen 
Erkrankung nichts zu tun haben. So fand ich ebenfalls ab und 
zu erwähnt eine Unreinheit der Töne, leise systolische Geräusche 
oder auch einmal eine Accentuation aller Töne. Bei einem Kranken 
zeigte der Puls eine Abhängigkeit von der Atmung. 

8 . Sonstige Störungen, 

Klagen über Verdauungsstörungen werden bei unsern Kranken 
nicht vermißt. Sie sind nicht typisch. Im allgemeinen überwiegen 
Klagen über Verstopfung. Eine gewisse Bedeutung gewinnen sie 
dadurch, daß sie Ursache oder Folge bestehender paranoider Vor¬ 
stellungen sein können. 

Zahlreicher sind schon Beschwerden, welche sich auf den 
Genitalapparat beziehen. Wie bei andern Psychosen und Neurosen 
führt auch die Dementia praecox zu einem unregelmäßigen Auf¬ 
treten der Menses. Pförtner konnte dieses bei zwei Drittel 
seiner Kranken beobachten. Bei meinen 35 weiblichen Kranken 
fanden sich 26 mal dementsprechende Notizen. Wie bei rein ner¬ 
vösen Patientinnen wird auch bei diesen Krankheitsformen ein 
stärkeres Hervortreten der Symptome vor Beginn oder während 
des Unwohlseins beobachtet. Irgendwelche Bedeutung für die 
Diagnose kommt aber diesen Befunden nicht zu. Bei männlichen 
Kranken findet man Klagen Über Pollutionen, seltener über Im¬ 
potenz. Die Onanie ist meistens schon ein Zeichen vorgeschrittener 
Erkrankung. 

In neuerer Zeit, besonders nach dem Ausfälle der Abder- 
haldenschen Untersuchungsmethoden bei Psychosen, gewinnt die 
Schilddrüse eine immer größer werdende ätiologische Bedeutung 
für die Dementia praecox. Beobachtungen über die objektiv wahr¬ 
nehmbaren Veränderungen von dieser sind deshalb interessant. 
Meyer, Pförtner, Kraopelin beobachteten, freilich in einem 
nicht großen Prozentsatz, eine Struma. In meinen Krankenblättern 
.war dreimal eine Struma notiert. Bei zwei andern Kranken ® 
standen Erscheinungen, welche als Basedowoid aufgefaßt weiden 
mußten. Eine sechste Patientin hatte vor der Erkrankung e^e 
Strumektomie durchgemaehf. 


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31. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


135 


Beobachtungen über subnormale Temperaturen (Kraepelin, 
Pförtner) fehlen ganz, doch sind die Kranken in den meisten 
Fallen nicht regelmäßig gemessen. 

9. Ergebnisse. 

Was lehren die erhobenen Befunde? Ein kurzer Ueberbliok 
genügt, am eine Reihe auszuschließen. Sie sind zu allgemein oder 
in selten beobachtet, um beim Erkennen unserer Erkrankung von 
differentialdiagnostischer Bedeutung zu sein. Einer näheren Be¬ 
trachtung wert sind eigentlich nur die Pupillenstörungen, das Ver¬ 
halten der Reflexe, der Sensibilität sowie die vasomotorischen Stö¬ 
rungen (Algesie) auf der einen und die motorischen Störungen auf 
der andern Seite. Die Tabelle mag eine Uebersicht Über die zu¬ 
erst angeführten Beobachtungen geben. 

Tabelle HI. 



Lebhaft 

% 

Mittel 

% ! 

Oering 

% 

PnpilleDonrube.. 

j 52,3 

35,4 

12.3 

j Haut-. 

47 

48 

r> 

Beäue Arm-. 

46 

60 

5 

\ Bein-. 

1 48 

4M 

6 

AJgeaie... 

1 49,3 

43,5 

7,2 

Yuomotorfeche Störungen. 

! 6H,7 

25,3 

6 


Diese Tabelle zeigt, daß die Befunde bei den einzelnen Funk- 
tionsprüfungen eine gewisse Uebereinstimmung erkennen lassen. 
Am auffallendsten ist diese für die Beobachtungen an den Reflexen 
und für die „Algesie“. Die Zahlen für die Pupillenunruhe welchen 
etwas mehr ab und die für die vasomotorischen Störungen eben¬ 
falls. Die Unterschiede sind aber nicht so große, um den Ver¬ 
such. für alle Befunde eine gemeinsame Ursache zu finden, von 
Tornherein von der Hand zu weisen. Beim Studium der Kranken¬ 
blätter glaube ich eine solche gefunden zu haben. War der Kranke 
affektiv erregt, zeigte er eine rege psychische Tätigkeit, so waren 
auch Reflexe, Pupillenunruhe, Algesie usw. lebhaft. War er ver¬ 
stimmt, in seinem Vorstellungsablauf gehemmt, so trat das Gegen¬ 
teil zutage. Einige Beispiele mögen das Gesagte erklären und 
beweisen, 

1. R.P., in Haus Schönow vom 26. Januar bis 2. November 1911. 

Psychisch: Manisches Verhalten, Euphorie, Rededraug, moto¬ 
rische Unruhe. 

Körperlich: Lebhafte Pupillenanruhe, Conjunctivalreflex 4- -f+; 
Würgreflex 4-44; Baachreflex H-++; Armreflex 4-+; Patellarreflex 4s 
Achillessehnenreflex 4; Nachröte + ; Algesie -f. 

2. Frau B. geh. P., in Haus Schönow vom 6. Juni bis 24. Juni 1911. 

Psychisch: Leere, inhaltlose Gesichtszüge. Kein Zeichen von 

Affekt Langsame monotone Sprache. Druckhommung. Müsse sich zu- 
wuuneDDehmen, daß sie die vom Arzt gestellten Fragen auffasse. Wäh¬ 
rend der ganzen Beobachtung dieses apathische Verhalten. 

Körperlich: Schwache Haat- und Sehnenreflexe. Kein Haut- 
Mchröten. Geringe Schmerzfiußernngen. 

3. H. Brn. 12. Juni bis 29. Juli 1911. 

Psychisch: Aeußerlich ruhig, nicht gehemmt. Klagt aber viel 
über Aflgat, Erregung, mache sich um die geringste Kleinigkeit Sorgen. 
So eine unheimliche Angst. 

Körperlich: Lebhaftes Zusammenzucken beim Conjunctivalreflex. 
Lebhafte Haut- und Sehnenreflexe, letztere mit allgemeinem Nachzucken. 
Lebhafte Sehmerzänßerungen. Kalte, feuchte Hände, leichtes Haut- 
Mchröten. 

L 15. K. 4. September bis 9. Oktober 1912. 

Psychisch: Trotz typischen Defekts Zeiten, wo sehr erregt, sehr 
«npandlich. Frißt alles in sich hinein, wirkt lange nach. Starke ge- 
«ctuechtliche Erregung, unruhige Träume. 

Körperlich: Lebhafte Pupillenunruhe. Starkes Lidflattern, starker 
ftwnor mairnum. Augenzusammenkneifen beim Conjunctivalreflex. Leb- 
Mhe Haut- und Sehnenreflexe. Lebhafte Schmerzäußerungen. Starke 
»objektive und objektive vasomotorische Störungen. (Schwindelanfälle.) 

5. H. CI. 23. Februar bis 11. April 1912. 

«., Psychisch: Vor der Aufnahme sehr erregt, getobt. Hier stumpf, 
Verhalten. Aber Klagen Ober Erregung, Stimmungswechsel; 

119 Menschen hatten etwas gegen ihn, lachten Om aus. Traurig über 

Schüchternheit Mädchen gegenüber. Dabei starke geschlechtliche 
Err *W Masturbation. 

Körperlich: Lebhafte Pupillenunruhe; starkes Lidflattern. Tre- 
+44+; Haut- und Selmenreflexe ++ + +; Algesie -f 4-4-; 
rQQ ^ n aQ, S e P r ägte vasomotorische — subjektive und objektive — Stö- 

6 - A. Pr. 14. M«ra bis 19. April 1913. 

V c ^ 0c h: Verfolgungsideen, fühlt sich von jedermann beobachtet, 
daueroder Ängstlicher Erregung. Aeußerlich stumpf, ohne 

Miekt. Endigt kurze Zeit nach der Entlassung durch Suicid. 
reiht ^ r P® r Dch: Lebhafte Pupillenunruhe. Schwacher Conjunctival- 
m 4- 4 .x!*’ Söhnenreflexe +444-; Algesie, vasomotorische Störun- 


Bei allen diesen Kranken lieft das Krankheitsbild keinen 
Zweifel an der Diagnose Dementia praecox bochkommen. Mit der 
Ansicht, daß die Lebhaftigkeit und Reichhaltigkeit der psychischen 
Prozesse sich an gewissen rein körperlichen Befunden abspiegelt, 
bringe ich nichts Neues. Auf die nahe Verwandtschaft zwischen 
Psychischem und Körperlichem ist wiederholt aufmerksam ge¬ 
macht. Ich verweise nur auf die Bedeutung, welche dem 
psychischen Verhalten z. B. bei der Beurteilung der Herz- und 
Magendarmkr&nkheiten zugeschrieben werden muß. Die neueren 
experimentell-psychologischen Untersuchungsmethoden — die Ple¬ 
thysmographie, das psychogalvanische Reflexphänomen — lassen 
erkennen, wie fein körperliche Funktionen auf das Auftauchen 
affektiver und intellektueller Prozesse reagieren und scheinbar auf 
ganz bestimmte gesetzmäßige Art und Weise. Gingen doch einige 
Psychologen so weit, in dem körperlichen Zustand nicht eine Folge¬ 
erscheinung des Affekts zu sehen, sondern umgekehrt. Die ge¬ 
ringe Schmerzänßerung des Melancholikers steht in auffälligem 
Gegensatz zu dem lebhaften Abwehrbewegungen des ängstlich er¬ 
regten Menschen, den schmerzhafte Reize beigebracht sind. Ich 
habe bei den hiesigen Kranken darauf geachtet, ob dieser Zu¬ 
sammenhang wirklich nachweisbar ist und ich glaube, daß im all¬ 
gemeinen diese Behauptung stimmt. Ganz einwandfrei waren die 
Kontrolluntersuchungen über die psychischen Pupillenreflexe. Bei 
allen rein „nervösen“ Kranken, welche gesteigerte affektive und 
intellektuelle Erregbarkeit zeigten, war die Pupillenerweiterung 
auf schmerzhafte Reize eine lebhafte und ebenso die Pupillen¬ 
unruhe. Gerade die letztere zeigte die leichte Anspruchsfähigkeit 
der Kranken in dieser Hinsicht. Das Hineindenken in einen be¬ 
stimmten Vorstellungskomplex, die ideelle Vorstellung einer schönen 
Landschaft genügte, um die schon an und für sich lebhafte 
Pupillenunruhe noch mehr zu steigern. Anders der Verstimmte. 
Bei ihm wurde Erweiterung und Unruhe vermißt oder nur in ge¬ 
ringem Grade beobachtet. Auch das Verhalten beim Prüfen der 
Schmerzempfindungen und ferner die vasomotorischen Erscheinungen, 
bei welchen auf die Schnelligkeit des Auftretens, die Stärke und 
die Dauer geachtet werden muß, ließen im großen und ganzen 
den geschilderten Zusammenhang erkennen. Schwieriger ist die 
Beurteilung der Sehnenreflexe. Es spielen hierbei zu viele subjektive 
Momente eine Rolle. Die Bezeichnung „lebhaft“ schwankt in den 
weitesten Grenzen. Aber auch in diesem Punkte glaubte ich mich 
bei Kontrolluntersuchungen von der Richtigkeit meiner Behauptung 
überzeugt zu haben. 

Ich nehme also an, daß die bei meinen Kranken be¬ 
obachteten körperlichen Begleiterscheinungen bedingt 
sind durch rein psychische Ursachen intellektueller, 
vor allen Dingen aber affektiver Natur. Mit andern Worten, 
das bestehende psychische Zustandsbild bestimmt den 
körperlichen Befund. Hiermit stelle ich mich auf den Stand¬ 
punkt von Meyer. Ich denke mir, daß in einer Reihe von Fällen 
die Dementia praecox im Anfangsstadium das Bild einer einfachen 
funktionellen Nervosität vortäuscht. Sei es, daß die Krankheit 
unter dem Bild eines neurasthenischen, psychasthenischen oder 
rein emotionellen Zustandes, sei es, daß sie unter dem Bild einer 
Depression beginnt. Bei einigen Kranken setzt dieses Krankheits¬ 
bild ein, ohne daß vorher eine Nervosität bestanden hat, bei andern 
war eine konstitutionelle Grundlage nachweisbar. In meinen 
Krankengeschichten fand ich jedenfalls auffallend häufig die An¬ 
gabe, daß der betreffende Kranke schon in der Kindheit einwand¬ 
freie Zeichen einer Nervosität geboten hatte. Auch die Ange¬ 
hörigen sagten aus, der Patient sei schon als Kind nervös ge¬ 
wesen. Bei vielen dieser Kranken verläuft die Krankheit leicht. 
Es ist möglich, sie in einer offnen Anstalt unterzubringen. 
Auch kommen weitgehende Besserungen vor, welche eine Wieder¬ 
aufnahme der Berufstätigkeit gestatten. Dabei handelte es sich 
nicht um Fehldiagnosen. So relativ leicht die Erkrankung auch 
an und für sich war, das bestehende Krankheitsbild wich 
doch von dem anderer Nervöser ab. Bei dem einen war es die 
affektive Gleichgültigkeit bei sonst regem Intellekt, bei dem 
andern waren es eigentümliche paranoide Gedanken und 
negativistische Aeußerungen. welche auf die richtige Dia¬ 
gnose lenkten. Am auffallendsten schien mir aber bei — ich 
möchte sagen — allen Kranken die Unmöglichkeit für den Arzt, 
sich in das Vorstellungsleben seines Patienten hineinzudenken, 
seine Gedanken, sein Tun und Treiben zu verstehen (Autismus 
von Bleuler). Es war dieses um so offenkundiger, als „der 
psychische Konnex“ zwischen Arzt und Patient bei den übrigen 
Kranken bald hergestellt war und dadurch jene ärztliche Beein¬ 
flussung des Kranken möglich wurde, welche al c Grundlage der 


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1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


ganzen Behandlung anzusehen ist. Dieses eigentümliche psychische 
Verhalten beeinflußte das Krankheitsbild so, daß eine Diagnose 
möglich war. Der psychische Defekt, nicht bestimmte körperliche 
Symptome, gestattet eine Frühdiagnose. Eine Einschränkung 
möchte ich machen. Fehlende Psychoreflexe an den Pupillen sollen 
vor allen Dingen für Dementia praecox charakteristisch sein. Sie 
werden um so häufiger beobachtet, je vorgeschrittener die Er¬ 
krankung ist Bei dem einen Kranken sind sie früher, bei dem 
andern sind sie später nachweisbar. Sie können also auch einmal 
im Beginn der Erkrankung Vorkommen. Dann bat dieses Symptom 
auch eine diagnostische Bedeutung. In Fall 5 habe ich einen 
dementsprechenden Befund geschildert — geringe Pupillenunruhe 
bei sonst lebhaften Reaktionserscheinungen. 

Vielleicht ist auch die Beobachtung auf Tabelle III — auf¬ 
fallend hohe Prozentzahl (68,7) für lebhafte Reaktion bei den vaso¬ 
motorischen Störungen — keine zufällige. Sie braucht nicht, sie 
könnte aber darauf schließen lassen, daß in einem Teil meiner 
Fälle bei den vasomotorischen Störungen nicht nur das psychische 
Verhalten, sondern auch der Krankheitsprozeß an sich von Einfluß 
gewesen ist. 

Zum Schluß noch einige Worte über die motorischen 
Störungen. Tics, stereotype Bewegungen, Beibehalten gegebener 
Stellungen sind verhältnismäßig häufig beobachtet worden. Die 
Feststellung dieser Erscheinungen ist also schon im Frühstadium 


bei einer Anzahl Kranker möglich, bat also eine gewisse Bedeutung. 
Der differentialdiagnostische Wert dieses Befundes wird aber da¬ 
durch herabgesetzt, daß bei andern Krankheitszuständen ähnliche 
Beobachtungen gemacht sind. Auch hier ist nicht ein Symptom 
ausschlaggebend, sondern erst das Zusammentreffen mehrerer führt 
auf den richtigen Weg. 

Zusammenfassung. 

1. Meine Beobachtungen beziehen sich auf Kranke, welche 
sich im Frühstadium der Erkrankung befanden. 

2. Die Diagnose ermöglichte in allen Fällen eigentlich einzig 
und allein der charakteristische psychische Defekt. 

8 . Die beobachteten körperlichen Symptome sind Begleit¬ 
erscheinungen des jeweilig bestehenden psychischen Zustandes. 
Bei einer Lebhaftigkeit der associativen Tätigkeit und bei einer 
Reichhaltigkeit an Affekten und Vorstellungen waren auch auf 
körperlichem Gebiete gesteigerte Reaktionen wahrnehmbar. Das 
umgekehrte Verhalten war bei einer Armut des affektiven und 
intellektuellen Geschehens nachweisbar. 

4. Eine Verringerung respektive ein Fehlen der Psychoreflexe 
an den Pupillen scheint im Frühstadium der Erkrankung sehr selten 
beobachtet zu werden. Dann hat dieses Symptom differential- 
diagnostische Bedeutung. 


Referatenteil« 


Redigiert to® Oberarzt 

Sammelreferat. 

Aus dem Gebiete der Pädiatrie. 

Die Erkrankungen der Atmungsorgane 

(Literatur 1913, 1914) 

von Prof. Dr. L Langstein und Dr. W. Usener, Berlin. 

I. Die Erkrankungen der oberen Luftwege. 

Die neuerschienene Monographie der Nasen-, Rachen- und Ohr¬ 
erkrankungen des Kindes von F. Göppert (1) bietet Anlaß, die 
Bedeutung des Gesundheitszustandes der oberen Luftwege für die 
Atmungsorgane sowie für das Allgemeinbefinden zu besprechen. 
Besteht doch der besondere Vorzug des vorliegenden Buches in 
der Vereinigung einer ganz auf die Verhältnisse und Besonder¬ 
heiten des Kindes eingestellten Darstellung der lokalen Patho¬ 
genese nnd Symptomatologie mit der erschöpfenden klinischen 
Entwicklung aller der Momente, welche auf Entstehung, Verlauf 
und Folgezustände dieser überaus häufigen, vielfach unterschätzten 
Erkrankungen Einfluß haben und in der Darlegung der gerade 
hieraus sich ergebenden therapeutischen Gesichtspunkte. 

In einem ersten Teil sind die Erkrankungen, die sich an 
Nase, Rachen und Gaumen manifestieren, unter der Bezeichnung 
Nasopharyngitis, als einheitliche Erkrankung zusammengefaßt, ab¬ 
gehandelt. Pathogenetisch hervorgehoben wird die Bedeutung der 
Konstitution, der exsudativen Diathese, für die Schwere des Ver¬ 
laufs und die Folgezustände, die Bedeutung der Domestication, 
das heißt aller der Schädigungen, welche durch den Verlust der 
Anpassungsfähigkeit der Haut- und Schleimhautreaktion in ihren 
Wechselbeziehungen hervorgerufen werden, und endlich die Tat¬ 
sache, daß dieser Mangel der lokalen sowie allgemeinen Reaktions¬ 
fähigkeit der Blutcirculation in Zusammenhang steht mit einem 
Mindermaß an Muskeltfttigkeit und der damit verbundenen Herab¬ 
setzung des Stoffwechsels. Staub, Ruß und schlechte Wohnungs¬ 
verhältnisse, dabei auch das Wohnen kinderreicher Familien im 
engen Raume wegen der erhöhten Ansteckungsmöglichkeit bilden 
weitere Domesticationsschäden. Als auslösende Ursachen müssen 
bakterielle Infektionen gelten. Die Neuinfektionen scheinen die 
möglichen Fälle einer Virulenzsteigerung vorhandener Keime durch 
Erkältungsschäden bei weitem zu überwiegen. Ohne daß einzelne 
der verschiedenen in Betracht kommenden Bakterienarten zu be¬ 
stimmten Krankheitsbildern in Beziehung ständen, ist die große 
Variation im Verlauf einzelner Epidemien auffallend, derart, daß 
sich einzelne Epidemien durch gesondertes Befallensein bestimmter 
Teile (bald der vorderen oder hinteren Nase, bald der Seitenstränge 
der Tonsillen oder der Zungenspitze und Zungenränder) ebenso 
wie oft durch gleiche typische Begleiterscheinungen (etwa von 
seiten des Ohres oder des Magendarmkanals oder der tieferen 
Luftwege) auszeichnen. Trotzdem ergibt die genauere Unter¬ 
suchung stets ein zusammenhängendes Befallensein des ganzen 


ir. Walter Wolff, Berlin. 

Systems. Diese Erfahrung rechtfertigt die Zusammenfassung der 
Krankheitsbilder als Nasopharyngitis. 

Die Besonderheiten der anatomischen Verhältnisse, so die 
Kleinheit des Mundteils des Pharynx, die Kürze und Enge der 
Canales choanales (der späteren Choanen), der schräge Verlauf des 
Gaumens, der die Zungenrichtung gewissermaßen schneidet, sod&ß 
die Gaumentonsillen unter Zungenniveau liegen und erst durch 
Abwärts- und Vorwärtsdrücken der Zunge sichtbar gemacht 
werden können, ferner das besondere Hervortreten des konstitutio¬ 
nellen Moments bedingen eine eigne Besprechung der Nasopharyn¬ 
gitis des Säuglings. In dem Gesamtbilde der klinischen Erschei¬ 
nungen sind für den Säugling bezeichnend: einmal hervorgehend 
aus den anatomischen Verhältnissen die Neigung zu schwerer Be¬ 
hinderung der Atmung, besonders beim Trinkakte, zu Opisthotonus, 
zu Aspiration der Zunge, zu Luftschlucken, des weiteren aus den 
Besonderheiten des Säuglingsorganismus die Neigung zu toxischen 
Begleiterkrankungen, so des Nervensystems (Meningitis serosa, 
Auslösung spasmophiler Krämpfe), der Nieren (Häufigkeit der 
Albuminurie) und des Magendarmkanals. Letztere Störungen 
können den Verlauf in seiner Schwere beherrschen. Die Appetit¬ 
losigkeit kann zu Schwierigkeiten der Ernährung führen, nament¬ 
lich die Brusternährung kann in ihrem Bestände gefährdet sein 
und ist in unerkannten Fällen der akute oder chronische Schnupfen 
der häufigste, wohl vermeidbare Anlaß zum Abstillen; es kann 
besonders bei jungen Säuglingen durch Verdursten zum schwersten 
Krankheitsbilde kommen; auch die Pharyngitis granulosa pflegt 
infolge ihrer Schmerzhaftigkeit das Schlucken sehr zu erschweren; 
das Fortschreiten der Gewichtskurve ist häufig unterbrochen, beim 
debilen und in seiner Ernährungsfunktion gestörten Säuglinge 
kann es zu Katastrophen kommen. Die Häufigkeit und der ge* 
wöhnliche Verlauf parenteral bedingter Durchfälle wird durch 
Kurven von Hausepidemien veranschaulicht. Nach Analogie der 
Darmerscheinungen bei akuten Infektionskrankheiten, namentlich 
der foudroyant verlaufenden Genickstarre, hat es Göppert (2) 
höchstwahrscheinlich gemacht, daß diese die Durchfälle bedingen¬ 
den Darmerkrankungen auf toxische Ursachen und auf eine lokale 
Capillarvergiftung zurückzuführen sind. Das konstitutionelle Mo¬ 
ment äußert sich in einer frühen Neigung zu Drüsenschwellungen 
(Cerviealdrüsen; seltener und später Retropharyngeal- und Jugnlar- 
drüsen), zu häufigen leichteren und daher Übersehenen und zu 
schwereren Rezidiven, in einer Neigung zu excessiver Steigerung 
der Symptome, wie Appetitlosigkeit, durch neuropathische Anlage 
abnorm vermehrt, Durchfälle, Mittelohrerkrankung, Nieren- jum 
Lungenkomplikationen, so auch der spastischen Bronchitis. Der 
Fiebertypus wechselt; häufig ist das eintägige Fieber, der flueö* 
tige Charakter solchen Verlaufs verleitet noch allzu oft den Lswjb 
an Fehler der „Zahnung“ oder der „Milch“, vor allem der Brust- 
milch, zu glauben; oder das Fieber dauert ein bis drei Tage. .JJ 
Schwere der Erkrankung und die Fieberkurve Btehen oft mobt 


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31. Jwroar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


137 


Einklänge. Wichtig ißt der Hinweis auf das Vorkommen eines 
protrahierten, über Wochen (zwei bis drei bis sechs Wochen) 
gehenden Fieberverlaufs, oft ohne schwere Allgemeinstörung im 
weiteren Verlaufe, meist mit unverhältnismäßig geringem Lokal- 
befände. Diese Krankheitsform zu kennen und gegebenenfalls zu 
erkennen, ist differentialdiagnostisch gegenüber septischen und 
tuberkulösen Prozessen notwendig. 

Unter den verschiedenen und wechselnden Krankheitsbildern 
sei das von Göppert zuerst in seiner Bedeutung für den Säug¬ 
ling erkannte und beschriebene Bild der Rhinitis posterior (siehe 
aach 3) hervorgehobon. Unter wiederholten Schnupfenattacken 
kommt es dabei zu einer chronischen Schwellung der Schleimhaut, 
besondere der Canales choanales, und durch deren Verlegung zu 
völliger Behinderung der Nasenatmung. Die einzelne frische 
Schnupfenattacke ist schließlich nur noch eine Steigerung dieses 
chronischen Krankbeitszustandes. Das Gesicht der kranken Säug¬ 
linge ist unverkennbar: gedunsen, blaß, mit weitgeblühten Nasen¬ 
löchern, ängstlichem Gesichtsausdrucke, der Kopf steif opisotonisch 
Oberstreckt. Daß hier eine Hyperplasie der Rachenmandel nicht 
vorliegt, wird während der akuten Attacke durch die Therapie 
(Abschwellung der Schleimhaut mittels Adrenalintropfen) wahr¬ 
scheinlich gemacht und mit Sicherheit aus dor Weiterentwicklung 
dieser Rinder im zweiten Lebensjahre, das heißt aus der erwarteten 
Heilung erwiesen, die zu der Zeit eintreten muß, wo aus dem 
anatomisch engen Kauale die weitere Choane sich bildet. Gegen¬ 
über diesem Verlauf ist eine Komplikation mit chronischer Hyper¬ 
plasie der Rachenmandel möglich, aber selten. Mit einem halben 
bä dreiviertel Jahre stellt sich dagegen schon bei chronischer 
Nwopharyngitis eine Hyperplasie der Gaumenmandeln häufiger ein. 

Wie die Therapie sich ganz individualisierend den Besonder¬ 
heiten des Einzelfalls, den Komplikationen, insbesondere den An¬ 
teilen der Konstitution und dos Milieus anpassen kann, behandelt 
der Verfasser in ausgezeichneter und anschaulicher Weise. Außer 
den verschiedensten in eigner praktischer und kritischer Beobach¬ 
tang bewährten Maßnahmen zur lokalen Therapie werden beson¬ 
ders die Gesichtspunkte der Ernährungstherapie, der Verhütung 
der Verdurstung, der Abhärtung durch Freiluftbehandlung und 
.tagung der Muskeltätigkeit und endlich die Möglichkeit klima¬ 
tischer Behandlung gewürdigt. Zur Abhärtung der Haut und zur 
Anregung der Girculation sind neben andern Maßnahmen tägliche 
Abreibungen mit Spiritus und Glycerin (aa) zu empfehlen, da sie, 
ohne die Haut auzugreifen, eine schnelle und kräftige Reaktion 
ausiulösen gestatten. Für die nicht wiederzugebenden Einzelheiten 
muß auf die anregende Darstellung des Originals verwiesen 
werden. 

Die Nwopharyngitis des Kindes jenseits des ersten Lebens¬ 
jahrs nimmt entsprechend der anatomischen Entwicklung einen 
allmählich veränderten Charakter an. Die Pars oralis gewinnt an 
Ausdehnung und Bedeutung, die Erkrankung der Tonsille tritt 
innerhalb des auch jetzt einheitlichen Gesamtbildes oft stärker 
hervor. Häufiger ist die schmerzhafte Pharyngitis adenoidalis 
(-granulöse), die Tonsillitis, die Erkrankung der Krypten, der 
Zungenbelag und Mundgeruch, dessen Entstehung aus diesem Zu- 
stmmenhange (nicht aus einer Erkrankung des Magens nach 
früherer Auffassung) Czerny erwiesen hat. Auch jetzt sind Mit- 
erkrankungen des Magendarmkanals häufig; Erbrechen kann sich 
wi disponierten (vagotonischen) Kindern zu Acetonerbrechen 
steigern. Indessen handelt es sich nach Ansicht des Verfassers 
fab« nicht um ein selbständiges Krankheitsbild, vielmehr ist die 
besondere Schwere der Erscheinungen durch Verdursten bedingt 
and durch Wasserzufubr zu beheben. Die Fiebortypen verhalten 
«ch im wesentlichen wie beim Säugling. Ebenso die Begleit- und 
folgeerkrankungen. Die asthmatischen Zustände haben keine di- 
|. te Beziehung zur Erkrankung der Nase; stets ist eine be¬ 
reitende Bronchitis bei besonders Disponierten als auslösendes 
oment nachweisbar. Eine nasale Therapie ist daher für das 
junge Kind^ abzulehnen. Verfasser unterscheidet eine spastische 
ronchitjs in den ersten zwei bis drei Jahren, bestehend in akuten, 
8 ktoiiscb von Reizen der erkrankten Bronchialschleimhaut auf 
r.K • j ^ mus ^ u ^ atur ausgelösten, leicht durch Urethangaben 
erwmdbaren Anfällen (siehe auch Sa) von dem eigentlichen Asthma, 
erst später vom dritten bis vierten Jahr ab auf Grund einer 
d °5, lsc J em physematösen Bronchitis auftritt. Die Miterkrankung 
erdauungsorgane kann auch einmal zu Appendicitis führen; 
D \ni ^ analog der Entstehung des parenteral bedingten 
K J . a ! 8 kenn Säugling als eine durch die anatomische Be- 
br !' eit ' T J ,e ^ D &t 0 lokale starke Bakterienreaktion auf den allge- 
Darm treffenden toxischen Reiz zu erklären. 


Für die Therapie ist auch hier, besonders für das konstitu¬ 
tionell disponierte Kind, die klinische Erfahrung maßgebend, daß 
die für den Erwachsenen rein lokalisierte Infektion für das Kind 
eine häufig tiefgreifende und oft folgenschwere Allgemeinerkrankung 
bedeutet. Die auf die Wirkung des Kalkes auf Schwellungszustände 
der Schleim- und serösen Haut gesetzten therapeutischen Hoff¬ 
nungen haben sich für die Behandlung der Nasopharyngitis nicht 
bestätigt (siehe auch 4). Einer individualisierenden Therapie stehen 
mannigfache Wege offen: Das Ziel ist immer, aus diesen blassen, 
müden, appetitlosen, muskelschwachen, ewigkränklichen Kindern 
widerstandsfähigere, frohe, beweglichere, den kleinen Schäden des 
Krankseins und dem tätigen Leben besser angepaßte Menschen 
zu machen. Auch hier spielt die Fortsetzung der Angewöhnung 
an wechselnde Luftreize und Anregung zu besserer Reaktions¬ 
fähigkeit der Haut, motorische und psychische Anregung eine 
wichtige Rolle; der verdiente Wert diätetischer Maßnahmen wird 
anerkannt, wenn auch weder wahrscheinlich noch bisher bewiesen 
ist, daß solche allein einen entscheidenden Einfluß haben. Be¬ 
sondere Bedeutung hat eine strenge, wenn auch aus psychischen 
Gründen nicht zu übertreibende Behandlung während jeder akuten 
Attacke. Im ganzen eine der lokalen Polypragmasie ab- und dem 
wesentlichen des Gesamtzustandes zugewandte Therapie, einerseits 
höchst aktiv, wie anderseits in ihren Grundzügen schonend, weil 
sie die Prophylaxe zu beherrschen sucht. 

In einem zweiten Teil werden die selbständigen Lokalerkran¬ 
kungen im Gebiete der Nase und des Pharynx behandelt: die Er¬ 
krankungen der regionären Drüsen, des lymphatischen Gewebes 
und der Nebenhöhlen. Die frühzeitige und chronische Schwellung 
der Cervicaldrüsen deutet auf die abnorme Reaktionsfähigkeit bei 
exsudativer Diathese und auf chronische Zustände. Die chro¬ 
nische Schwellung der JugulardrÜsen ist beim Säuglinge vordäehtig 
auf tuberkulöse Infektion. Bei akuter Erkrankung erfolgt Rück¬ 
bildung oder Abscedierung. Im letzteren Falle reichen kleine In- 
cisionen, unter Umständen schon Aspirationen, aus, die zweck¬ 
mäßig mit den die Haut schonenden feuchten Spiritus-G ly cerin(aa)- 
Umschlägen unterstützt werden. Nach sorgfältigen Untersuchungen 
konnte der Verfasser feststellen, daß Hyperplasie der retropharyn¬ 
gealen Drüsen in den ersten zwei Jahren häufiger ist als bekannt, 
und demzufolge, daß sie auch häufiger Rückbildung erfährt, als 
daß sie zu dem bekannten Retropharyngealabsceß führt. Dem¬ 
gemäß ist dort, wo die Hyperplasie erkannt wird, eine abwartende 
Therapie geboten und erst bei nachweisbarer Fluktuation zu 
operieren. 

In der Auffassung der lymphatischen Hyperplasien geht der 
Verfasser außerhalb des derzeitigen Meinungsstreits seinen eignen 
Weg. Er sieht in den lymphatischen Organen Karapforgane, deren 
entzündliche Hyperplasie primär eine Begleiterkrankung der wieder¬ 
holten und chronischen Nasopharyngitis ist, sekundär aber durch 
ihre chronische Hyperplasie auf dem Wege mechanischer örtlicher 
Störung und der Retention bakteriellen und eitrigen Materials eine 
nosologische Selbständigkeit erreicht. Die exsudative Diathese ist 
für die chronische Hyperplasie ätiologisch mitbestimmend, die Auf¬ 
stellung eines gesonderten Status lymphaticus oder gar thymico- 
lymphaticus ist verfehlt. 

Für die Größe der Hyperplasie der Rachenmandel gibt es 
keinen direkten klinischen Maßstab; bestimmend für Diagnose und 
Therapie ist vielmehr der Grad der durch sie gesetzten Schädi¬ 
gungen. Unter diesen 6teht in erster Linie die Intensität der 
wirklichen, abgesehen von der durch schlechte Gewohnheit be¬ 
dingten Behinderung der Nasenatmung, wohl auch ihre Steigerung 
in der akuten Attacke, in zweiter Linie die Folgen für Unter¬ 
haltung chronischer Nasenrachenkatarrhe, die um so geringer sind, 
je jünger das Kind ist, für Erkrankungen des Mittelohrs, der 
Blutbildung (Herabsetzung des Hämoglobingehalts und Vermehrung 
der Lymphocyten), der Sprache (geschlossenes Näseln), für Stö¬ 
rungen des Schlafs (Pavor nocturnus), sofern sie in sicherer Be¬ 
ziehung zur Hyperplasie stehen und nicht psychogen sind. Nicht 
in direktem Zusammenhänge mit der Hyperplasie stehen und durch 
nebenlaufende andere Erkrankungen bedingt sind der sogenannte 
adenoide Gesichtsausdruck, die Aproxetia nasalis, die von manchen 
angenommene Steigerung der Empfänglichkeit für Infektions¬ 
krankheiten oder gar Mastdarmprolaps und Enuresis nocturna. 
Alle diese Symptome werden also auch durch Entfernung der 
Rachenmandel nicht beeinflußt. Demgemäß ist die Entfernung der 
Rachenmandel vor dem zwölften Jahre nur auf absolute Indikation 
erheblicher mechanischer Störung, das heißt ausschließlicher Mund¬ 
atmung bei Tag und Nacht, zu gründen und mit Erfolg vorzu¬ 
nehmen. Jenseits dieser Zeit treten die nahen Beziehungen 


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3i. Januar, 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


zwischen Schleimhauterkrankung und Hyperplasie zurück und die 
Operation wird auch bei geringeren Beschwerden guten Dauer¬ 
erfolg haben. Die Gefahren der Operation (besonders Blutung 
durch Gewebsreste, Allgemeininfektion) werden eingehend be¬ 
sprochen, ebenso die Frage der Narkose, die für das neuropathische 
Kind zu bejahen ist und am besten mittels Methylchlorid nach 
Cannes ausgeführt wird. Streng verboten ist die Operation zur 
Zeit lokaler entzündlicher Affektion oder von Scharlach-, Di¬ 
phtherie- und schweren Grippeepidemien. 

Eine selbständige Erkrankung der Gaumentonsille ist einmal 
in einer erheblichen mechanisch behindernden Vergrößerung und 
zweitens in den chronisch entzündlichen Veränderungen in den 
Lacunen und Krypten Zusehen. Die letzteren sind von E. Beck, 
Kofler, Pössler und Andern neuerdings als wichtigster oder je 
nach dem Maße des therapeutischen Bekenntnisses einziger Aus¬ 
gangspunkt toxischer und infektiöser Erkrankungen, wie Sepsis, I 
Gelenkrheumatismus, Endokarditis, Chorea, chronischer, hämor¬ 
rhagischer Nephritis und rheumatischer Dermatosen angesprochen 
worden. Diese Anschauungen sind trotz vieler Stützen generell 
nicht sichergestellt, wichtiger aber ist für das Kindesalter, daß | 
diese supponierten Folgeerkrankungen hier von der gesamten 
Schleimhaut einschließlich der lymphatischen Organe und nicht 
von diesen allein ausgehen. Therapeutisch ist daher die Tonsill¬ 
ektomie als eingreifende Operation nur dort erlaubt, wo die 
Tonsillotomie eine Neigung zu rezidivierenden peritonsillären 
Abscessen nicht zur Ruhe gebracht hat oder wo kryptogenetische 
Sepsis Gelenkrheumatismus und hämorrhagische Nephritis bereits 
vorliegen und die Gesundheit des Kindes nachweisbar chronisch 
schädigen. Die Tonsillotomie ist bei gleicher Indikation und bei 
grobmechanisch behindernder Hyperplasie zunächst die gegebene 
Methode. 

Die Erkrankungen der Nebenhöhlen sind (abgesehen bei 
Scharlach) beim Kinde noch seltener. Siebbein und Kieferhöhlen 
sind bei Neugeborenen und Säuglingen, die Stirnhöhle vom fünften 
bis sechsten Jahr ab regelmäßig vorhanden. 

Ein dritter Teil befaßt sich mit den Erkrankungen des 
Mifctelohrs, von denen ein großer Prozentsatz als Teilerscheinung 
der Nasopharyngitis aufgefaßt werden muß, in leichteren Formen 
häufig ist und auch von dem Praktiker mehr Beachtung verdient. 
Auch hier ist die Entwicklung selbständig imponierender Erkran¬ 
kungen bei der Bedeutung deß Organs bekannt und aus den 
anatomischen Verhältnissen erklärlich, wie auch hier die Neigung 
zu chronischen Katarrhen (außer bei den Katarrhen nach Schar¬ 
lach, Diphtherie und M,asern) und zu Rezidiven auf konstitutioneller 
Basis beruht. Es würde in diesem Zusammenhänge zu weit führen, 
auf alle Details referierend einzugehen. Die den kindlichen Ver¬ 
hältnissen entsprechende Untersuchungstechnik, die Pathogenese 
im Zusammenhänge mit der Nasopharyngitis und die selbständi¬ 
geren tiefgreifenderen Erkrankungsformen, die fortschreitenden 
klinischen Symptome und Befunde werden entwickelt unter Hin¬ 
weis auf die für die tägliche Praxis wichtigen Momente und 
Grenzen, die Befunde sind durch schöne, farbige Abbildungen ver¬ 
deutlicht; alle Komplikationen, die an der Grenze praktischer und 
spezialistischer Uebung liegen, ebenso auch die Erkrankungen des 
Gehörgangs werden besprochen. Die gesamte Therapie, einschlie߬ 
lich der Paracentese, ist ausführlich behandelt, die Therapie der 
Komplikationen ist im wesentlichen Sache des Spezialisten, für 
leichtere Formen der Mastoiditis ist auch nach Ansicht der Ohren¬ 
spezialisten die Wildesche Schnittmethode berechtigt. Auf die 
Eigentümlichkeiten der Mittelohrentzündung im Säuglingsalter wird 
in einem besonderen Kapitel zusammenhängend verwiesen, wenn 
auch pathologisch-anatomisch eine Sonderstellung dem Säuglings- 
alter nicht zukommt. Besonders häufig ist die sogenannte Otitis 
media concomitans. Göppert fand sie bei einem Material aller¬ 
dings elender Säuglinge (73 Untersuchte) an 75 °/ 0 der Ohren, am 
häufigsten (90%) im zweiten bis vierten Monate. Für das Zu¬ 
standekommen spielt die Häufung der Nasopharyngitis, die Mög- 
lichkeit des Eindringens von Erbrochenem in den Nasenrachen¬ 
raum und die Tube, endlich auch die Kachexie eine besondere 
Rolle; schwere Formen sind selten, wenn auch die Verzögerung 
der Resorption im Mittelohre zu plötzlichen schweren Krankheits¬ 
bildern führen kann. Allgemeinbehandlung gewinnt hier ihre be¬ 
sondere Bedeutung, die Diäthetik nicht minder als die Rezidiv¬ 
verhütung. Dann kann und soll man bei der nötigen Wachsam¬ 
keit auf Paracentese verzichten. Der Einfluß, den die Mittelohr¬ 
entzündung auf das Allgemeinbefinden des Säuglings hat, entspricht 
im allgemeinen dem der akuten Nasopharyngitis: So lange diese 
die Krankheit beherrscht, muß sie als die eigentliche Ursache von 


Störungen angesehen werden; je selbständiger und akuter im 
weiteren Verlaufe die Mittelohrentzündung sich geltend macht, um 
so eher ruft sie nochmals die Begleiterscheinungen akut entzünd¬ 
licher Erkrankung hervor; Unruhe, Appetitlosigkeit, Erbrechen 
deuten dann auf eine akute Steigerung der lokalen Infektion, 
während in zahlreicheren anderen Fällen der Zeitpunkt der not¬ 
wendig werdenden Paracentese oder die Spontanperforation unter 
unbedeutenden Symptomen verläuft. Im Kindesalter spielen Schmerz 
und nervöse Komponente eine größere Rolle; es ist in manchen 
Fällen nicht leicht zu entscheiden, ob die bei chronischem Mittel¬ 
ohrkatarrh vorhandene Blässe und Mattigkeit eine Folge des 
Ohrenlaufens oder vielmehr dessen konstitutionelle Ursache ist. 
Solche besonders asthenische schlaffe Kinder haben auch bei Ein¬ 
tritt von Schwerhörigkeit durch diese in ihrem Fortkommen in der 
Schule stärker zu leiden, da sie nicht wie frische, gesunde Kinder 
den erforderlichen Grad von Konzentration im Unterricht aufzu¬ 
bringen vermögen. Hier kommt den Eitern die besondere Auf¬ 
gabe der UebuDg der Kinder in der Aufmerksamkeit auf Hörreize 
zu ebenso wie dem Schularzt die Verpflichtung, die Eltern ent¬ 
sprechend zu beraten und Berücksichtigung im Unterricht anzu- 
ordnen. 

Ein letzter vierter Teil enthält die Erkrankungsformen am 
Nasenrachenraum und Mittelohr bei den akuten Infektionskrank¬ 
heiten. Die große persönliche Erfahrung des Verfassers nicht nur 
über den klinischen Verlauf der örtlichen Affektionon, Bondern 
auch über die Beziehungen zum Gesamtverlaufe machen diesen 
Teil besonders wertvoll. 

Bei der Diphtherie ist die Häufigkeit und der Verlauf der 
Nasendiphtherie beim Säuglinge zu beachten. In gewissen, die 
Ausbreitung der Diphtherie auch sonst begünstigenden Zeiten sind 
sehr zahlreiche Säuglinge Diphtheriebacillenträger. Seligmann 
und Schloß fanden im Anschluß an den feuchten Sommer 1911 
vom 1. Oktober 1911 bis 1. Januar 1912 unter 139 Aufnahmen 
45 Bacillenträger, also Vs» allerdings nicht nur Säuglinge. Die 
primäre Nasendiphtherie (blutiger Schnupfen weist auf die Diagnose) 
kann in jeder Altersstufe, so auch beim Säuglinge, harmlos ver¬ 
laufen, die lokale Erkennung der Beläge am Septum ist leicht, 
wichtig ist, daß ohne Tonsillenaöektion beim Säugling unerwartet 
Larynxdiphtherie von der Nase aus entstehen kann. Bei Diphtherie¬ 
bacillenträgern hat sich eine 10%ige Protargolsalbe gut bewährt. 
Als Ohrkomplikation tritt am häufigsten einfacher sekundärer 
Mittelohrkatarrh auf, viel seltener ist sekundäre oder primäre 
Mittelohrdiphtherie, deren Sekret spärlich wäßrig, dann mit Flocken 
und Fetzen diphtherischer Membrane vermischt ist. Auch Diphtherie 
der Ohrmuschel und des Gehörgangs kommt bei vorhandenem 
Ekzem vor und gibt zu Uebertragungen leicht Anlaß. 

Die Erkrankung dor Nasenschleimhaut bei Scharlach kann 
im schweren Fall ebenso intensiv und destruierend wie die Angina 
sein, beim Säuglinge kommt es nicht zum Scharlachbilde, dem Exan¬ 
them, wohl aber zu ähnlichen schwereren Bildern von Nasopharyn- 
gitis. Leichtere Erkrankungen der Nebenhöhlen sind beim Kinde 
nachzuweisen, schwerere sehr selten. Die Erkrankung des Mittel* 
ohrs ist nicht häufig (Nager fand in mittel schwerer Epidemie 15,8% 
mit 7,5 % Perforationen), aber schwererer Natur. Neben leichterem 
Verlaufe sind Miterkrankung der Gehörknöchelchen, des Warzen¬ 
fortsatzes, des Labyrinths nicht selten; auf verschiedene Weise 
kann es so zu Ertaubung kommen. Sorgfältigste Behandlung 
und rechtzeitige Paracentese werden empfohlen. 

Bei Masern ist die Erkrankung des Nasopharynx pathogno* 
monisch, blutiger Schnupfen muß immer an Diphtherie denken 
lassen; das Mittelohr erkrankt fast regelmäßig, in 50% lasseu 
sich erheblichere Mittelohrerkrankungen nachweisen, meist sind 
sie weniger tiefgreifend wie die bei Scharlach, doch bildet die 
Masernerkrankung die zweithäufigste Ursache zu schwereren Stö¬ 
rungen. Der Wert prophylaktischer Nasenbehandlung wird über¬ 
schätzt. Die Grundsätze der Behandlung entsprechen denen bei 
Scharlach. 

Betreffs der epidemischen Oerebrospinalmeningitis ist die 
Häufigkeit der Meningokokkenträger erwiesen, am besten ge¬ 
deihen die Meningokokken hinten im Nasemachenraum. Einfacher 
Meningokokkenkatarrh ohne Meningitis ist nicht selten, indessen 
ist für diese Diagnose (analog der Diphtherie) nicht der Bacillen - 
nachweis, sondern der besondere lokale Befund (scharfabgesetz 
strichförmige Rötung parallel den Gaumenbögen, Rötung des oberen 
Tonsillenpols, häufig intensiv entzündliche Reaktion an der hin¬ 
teren Rachenwand) maßgebend. Erkrankung des Mittelohrs in dei 
orsten Woche (vom dritten Tag ab) sind seltener, doch öfter 
schwerer Natur, von der zweiten Woche ab häufiger und leichter 


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HE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 1915 — MEblZINLSL 


Wichtig wäre die prophylaktische Behandlung der Bakterienträger: 
Protargolsalbe, 3 °/o Jodglycerin und Wassersfcoffsuperoxydgurgelii 
zugleich mit Inhalation alkoholischer Lösungen von Jod, Guajakol 
und Thymol sind empfohlen. 

Die Tuberkulose der Nase ist beim Kinde erst jenseit des 
xehnten Jahres und auch dann selten beobachtet. Primäre Infek¬ 
tionen mit dem Fingernagel im vordersten Nasenteil oder Lupus 
kommen in Betracht. In der Rachenmandel sollen bei 4 bis 5 % 
Tuberkulose nachgewiesen sein. Etwas häufiger ist die Tuberku¬ 
lose des Mittelohrs, nicht selten im ersten Halbjahr und ersten 
Lebensjahr ist eine progressive Mittelohr- und Knochentuberkulose. 
Neben der zunächst uncharakteristischen Mittelohrentzündung fällt 
die Vergrößerung aller regionären Drüsen auf; allmählich wird der 
Knochen fortschreitend befallen. Für die tuberkulöse Mittelohr¬ 
erkrankung ist die primäre Warzenfortsatztuberkulose als ursäch¬ 
lich von Henrici wahrscheinlich gemacht. Die Erfolge der The¬ 
rapie sind wenigstens lokal oft unerwartet günstig. 

Bei Lues coDgenita ist die Erkrankung der Nase eines der 
wichtigsten Frühsymptome, das selten fehlt, und auch eines der 
folgenschwersten. Nicht selten ist sie die Eingangspforte für Sepsis 
and Meningitis und Überaus häufig, wie der chronische Schnupfen 
ein Hindernis zum Trinken und der Anlaß zum Absetzen von der 
Brost. Das erste Stadium der Erkrankung in den ersten Wochen 
ist ein trockener Katarrh mit starker Schleimhautschwellung, 
das zweite Stadium bildet einen eitrigen Katarrh, an deu sich 
später destruktive Prozesse am Knochenknorpelgerüst anschließen 
können. Außer diesem Frühprozeß gibt es eine Spätform analog 
der tertiären Lues des Erwachsenen. Die Erkrankungen des Mittel- 
ohrs sind noch nicht hinreichend geklärt. Beim Säuglinge sind 
Mittelohraffektionen, nicht immer luetischer Art, häufig. Für das 
Kind sind doppelseitige Ertaubung zwischen dem siebenten bis 
zwölften Jahre (bei schwerer Form hereditärer Lues) bekannt, die 
nach Mayer durch fortschreitende Neuritis acustica von latent 
meningitischen Prozessen aus bedingt ist. 

Anschließend an die Besprechung des Buches von Göppert 
mag eine kurze Besprechung der gegenwärtigen Auffassung des 
Hospitalismus folgen. Die Arbeiten von L. F. Meyer sind erst 
im vorigen Jahre hier (diese Z. 1913. S. 1303) entsprechend ge¬ 
würdigt worden. Nicht lange vorher glaubte Schloß mann einen 
Hospitalismus als nicht mehr bestehend ablehnenzu müssen. Wir 
können uns vorerst diesem stolzen Bekenntnisse nicht anschließen. 
Infektionen und Mängel der Pflege bleiben heute als wichtigste 
Ursachen. Von den früher zahlreicheren epidemischen Infektionen 
sind als wesentlich die Grippe, die Erkrankungen der oberen und 
tieferen Luftwege, geblieben. Die Hospitalschäden, die von ihr aus¬ 
gehen, zu überwinden, gibt es zwei Wege, der eine die Verhütung 
der Infektionsübertragung, der andere die Erhöhung der Wider¬ 
standsfähigkeit gerade des am meisten gefährdeten exsudativen 
Kindes. Den einen Weg hat L. F. Meyer mit einem wohl aus¬ 
gedachten Boxensystem unter besonderer Berücksichtigung der 
Vantilationsfragen begangen, für den zweiten Weg sind in den 
therapeutischen Gesichtspunkten, wie sie Göppert gibt, bedeut¬ 
same Anregungen und Anleitung gegeben. Mit ihnen decken sich 
gerade auch die Forderungen, die wir an eine gesonderte aktivere 
Pflege des anfälligen Säuglings stellen müssen, um innerhalb der 
gegebenen Verhältnisse den Rest von Hospitalismus zu überwinden. 
Die diätetischen Fragen sind befriedigend geklärt. Für die akute 
parenteral bedingte Störung, die in schleimigen, vermehrten Stühlen 
besteht, leisten Nabrungsreduktion, Fett- und Zuckerreduktion, 
besonders auch die Molketherapie (Göppert-Frank) (5), voraus¬ 
gesetzt, daß sie zielbewußt durchgeführt wird, gutes. Für die 
Prophylaxe und die chronischen Störungen leisten die Eiweißtherapie, 
die Eiweißmilch nächst der Frauenmilch beim Säugling und die 
LF. Meyer sehe Eiweißtherapie beim älteren Kinde das beste. Den 
günstigen Einfluß der Eiweißfütterung bei experimenteller Fütte- 

im Tierversuche haben speziell für Tuberkulose Thomas (6) 
uw Hornemann (7) erwiesen. In besonderm Zusammenhänge 
jd Langstein (8) einerseits die Bedeutung der Frauenmilch, als 

Ersatz in erster Linie der Eiweißmilch gegenüber allen 
otlehydratreichen Milchgemischen für die Therapie der Grippe 
j der Tuberkulose hervorgehoben und anderseits die Gefahr der 
,J? nitl0D klargelegt, zu deren konsequenter Ueberwindung im 
“ Fall er Sondenernährung befürwortet. Die gleichen thera¬ 
peutischen Gesichtspunkte vertreten für die Diätetik Lang stein 
Meyer in der zweiten Auflagen ihres Grundrisses (9) (siehe 
Kapitel Infektion und Ernährung). 

W ^ (M) glaubt annehmen zu dürfen, daß die adenoiden 

^oerungeu (%P®rplasie der Rachentonsille) angeboren seien. 


Seiner Ansicht ist Czerny (11) entgegengetreten mit dem Hinweis 
auf das Fehlen des pathologisch-anatomischen Beweises, der für 
den Neugeborenen von Bartenstein im verneinenden Sinne er¬ 
bracht sei und auf die exsudative Diathese. Die Frage hat durch 
die Darstellung der Rinitis posterior von Göppert und durch 
dessen Auffassung des lymphathischen Apparats eine wesentliche 
Klärung erfahren. 

Dieser oben besprochenen Auffassung entsprechend erübrigt 
es sich, auf die lebhaft diskutierte Frage der Berechtigung der 
Tonsillektomie einzugehen. Die radikale Operation ist mit Recht 
für das Kindesalter auf die schwersten Fälle beschränkt. Radi¬ 
kaler haben sich noch Pässler (12), Glas (13) und Oertel (14) 
ausgesprochen. Entschieden konservativ sind Görke (15), 
Kuttner (16), Riedei (17), Goldmann (18), Tenzer (19), 
Lay ton (20) und Senator (21). Die Radikalen sehen ihre Be¬ 
gründung in der Infektionstheorie, sie beschuldigen die Gaumen¬ 
mandeln als Herd und Ausgangspunkt rheumatischer, septischer 
und nephritischer Prozesse. Die Beweise hierfür sind nur zum 
Teil erbracht. Senator (21) konnte zeigen, daß auch von der 
Rachentonsille aus bei einem lOV^jährigen Mädchen multiple 
rheumatische Erkrankungen ausgehen können. Die Konservativen 
fassen die Tonsillen als Wächter (Abwehrtheorie) auf: Görke (15) 
hat diese Auffassung am plausibelsten zu machen versucht, indem 
er die Tonsille für das Kindesalter als eine Schutzwehr gegen die 
vielfachen von ihr ausgehenden, an ihr sich zuerst manifestieren¬ 
den Infektionskrankheiten annimmt und indem er eine erhebliche 
Störung der normalerweise vom zwölften Jahr einsetzenden Invo¬ 
lution als einzige Indikation für eine radikale Entfernung der 
Tonsille anspricht. Die oben mitgeteilte Auffassung von Göppert 
scheint uns indessen den klinischen Verhältnissen am besten zu 
entsprechen. 

Interesse verdienen die günstigen Erfahrungen, die Gerber(22), 
Gutmann (23), Citron (24), Assmy und Kyritz (25) und 
Flandin (26) mit der Salvarsantberapie der Angina Vincenti auch 
bei Kindern mitteilen. Oertliehe Anwendung empfehlen Citron 
(Salvarsan 0,1, suspendiert in Glycerin 5,0, an drei Tagen je ein¬ 
mal pinseln) und Flaudin. Für besonders schwere Fälle sind 
subcutane Injektionen mit Erfolg verwendet worden. Nach Gut¬ 
mann halten sich trotzdem die Spirillen in den schlecht mit Blut 
durchspülten Membranen noch lange! 

Schlemmer (27) bespricht die relative Häufigkeit der 
Nasennebenhöhlenerkrankungen im Kindesalter. Außer 33 Fällen 
der Literatur berichtet er Über 24 eigne (nicht ausschließlich des 
Kindesalters). Meist ist die Kieferhöhle, demnächst die Siebbein¬ 
höhle erkrankt. Scharlach war in 42 °/o der Fälle ätiologisch 
festzustellen, sonst Diphtherie, Erysipel, Parotitis epidemica, 
Tonsillitis. 

Literatur: 1. F. Göppert, Die Nasen-, Rachen- und Ohrerkrankungen des 
Kindes in der täglichen Praxis. (Springer, 1914.) — 2. Derselbe, Der Darm bei 
foudroyant verlaufender Genickstarre. (Zschr. f. Kindhlk. 1913. Bd. 7.) — 

3. Derselbe, Die Rinitis posterior im Säuglingsalter. (B. kl. W. 1913) — 3a. Der¬ 
selbe, Zur Behandlung der akuten spatischen Bronchitis im Anfall. (B. k. W. 1912.) 

4. Derselbe, Bedeutung der Kalksalze in der Therapie. (M. Kl. 1914.) — 

5. E. Frank, Die Anwendung der Molketherapie. (Jb f. Kindhlk. 1913, Bd. 77.) 

— G. E. Thomas, Experimentello Beiträge zur Frage der Beziehungen von In¬ 
fektion und Ernährung. (Biochem. Zschr. 1913, Bd. 57, nnd D. m. W. 1913.) — 

7. 0. Hornemann, Eyperimentelle Beiträge zur Frage deT Beziehung von Infek¬ 
tion und Ernährung. II. Mitteilung. (Biochem. Zschr. 1913, Bd. 57.) — 

8. L. Langstein, Welche Aufgaben stellen die Infektionen im Sauglingsalter der 
Diätetik. (Zschr. f. Kindhlk. 1913, Bd. 7.) — 9. L. Langstein und L. F. Meyer, 
Säuglinsrsernahrung und Sänglingsstoffwechsel. (2. Aull. Bergmann, 1914.) — 
10. Erdely, Siud die adenoiden Wucherungen angeborenV (Jb. f. Kindhlk. Bd. 73.) 

— 11. Ciemy, Sind die adenoiden Wucherungen angeboren? (Mscbr. f. Kindhlk. 

1912, Bd. 10.) — 12. Pässler, Radikale Tonsillektomie oder konservative Be¬ 
handlung der chronischen Tonsillitis. (Ther. Mh. 1913.) — 13. E. Glas, Die Aus¬ 
schälung der Gaumenmandel und ihre Bedeutung. (M. Kl. 1914, Nr. 24.) — 
14. Oertel, Die chronische Mandelgrubeninfektion und ihre Behandlung durch 
Tonsillektomie. (Passows Beitr. 1913, Bd. 6.) — 15. Gflrke, Zur Tonsillektomie¬ 
frage. (B. kl. W. 1913.) — 16. Kuttner, Tonsillotomie oder Tonsillektomie. 
(M. Kl. 1913.) — 17. Riedel, IJeber die Tonsillektomie bei Kindern. (M. m. W. 

1913. ) — 18. Goldmann, Behandlung der Gaumenmandeln. (Mscbr. f. Ohrhlk. 
1913.) — 19. Tenzer, Einiges zur TonsiUektomiefrage. (W. m. W. 1913.) — 
20. Layton, Tonsile and adenoids in children. A plea for fewer Operation!. 
(I,anc. 1914, Bd. 186.) — 21. Senator, Weiteres über ätiologische Beziehungen 
zwischon rheumatischen und nasalen Erkrankungen. (D. m. W. 1913.) — 
22. Gerber, Die bisherigen Erfahrungen mit Salvarsan und Neosalvarsan. (M. 
m. W. 1913.) — 23. Gutmann, Das Verhalten der nicht syphilitischen Spiro- 
chätenerkrankungen der Mund- und Rachenhöhle gegenüber dem Salvarsan. 
(Derm. Zbl. 1913.) — 24. Citron, Zur Therapie der Angina Plaut Vincenti. 
(B. kl. W. 1913.) — 25. Assmy und Kyritz, Ueber Salvarsanbehandlung ge- 
sebwüriger Prozesse, welche durch dio Vincentsche Symbiose veranlaßt sind. 
(Areb. f. Schiffs u. Trop. Ilyg. 1913 z Bd. 17.) — 26. Flandin, Traitement local 
de l’angino et de la sfromatifo de Vincent par le 606. (Boll. et mem de la aoc. 
m6d. des hup. de Paris. 1914, Jg. 30.) — 27. Schlemmer, Die Nebeuhöhleu- 
erkraukungon des Kindosalters. (Arch. f. LaTyng. 1913, Bd. 28.) 


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81. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 . Nr. 3. 

Zinn und Mühsam (Berlin): Ueber extrapleurale Thorako- 
plastik bei Lungentuberkulose und Bronchiektasen. Die fünf Kranken 
mit Lungentuberkulose, bei denen thorakoplastisc-he Operationen zu r 
Ausführung gebracht wurden, stellen verschiedene Formen und Stadien 
der Phthise dar. Dreimal handelte es sich um eine kavernöse Phthise, 
einmal um eine vorwiegend infiltrative mit nur kleineren Destruktions¬ 
herden, einmal um eine bronchiektatische Lungentuberkulose. Die Er¬ 
folge zeigen an vier Fällen, daß der extrapleuralen Thorakoplastik in der 
Behandlung der Lungentuberkulose ein wuchtiger Platz gesichert ist- 
Im wesentlichen kommt die Thorakoplastik in Betracht da, wo die 
Kollapstherapie der kranken Lunge indiziert, die Pneumothoraxbehandlung 
aber wegen Verwachsungen der Pleura nicht durchführbar ist. Die 
Größe des Eingriffs und die im Gegensatz zur Pneumothoraxbelumdlung 
dauernde Fimktionsausschaltung der kranken Seite rechtfertigen die 
Operation nur in schweren Fällen, bei denen durch eine genügende Be¬ 
obachtung einerseits die Aussichtslosigkeit des Falles bei fehlender oder 
geringer stationärer Erkrankung der andern Lunge, anderseits aber auch 
eine nicht zu geringe Widerstandskraft des Kranken festgestellt ist. Bei 
den wegen Bronchiektasen operierten Fällen wurde die partielle Thorako“ 
plastik ausgeführt, welche durch die Retraktion der Lunge das Einsinken 
und Veröden der Bronchiektasen und bindegewebige Induration ermög¬ 
lichen soll. Die Fälle bestätigten die bekannten Schwierigkeiten, die der 
wirksaman Behandlung der Bronchiektasen auch auf operativem Weg 
entgegenstehen und in der anatomischen Natur des Leidens (ungenügendes 
Zusammenfallen der Hohlräume wegen zu großer Starre des Gewebes) 
begründet sind. (Schluß folgt.) 

Honig mann (Breslau): Ueber Schußverletzungen der Blut¬ 
gefäße. Schußverletzungen der Blutgefäße können zu primären Blutungen, 
Nachblutungen lind zur Aneurysmenbildung führen. Die Arbeit berichtet 
über neun Fülle, von denen einer eine schwere Nachblutung, die übrigen 
Aneurysmenbildungen betreffen. Wenn auch theoretisch die Gefäßnaht 
die ideale Operation darstellt, so scheinen doch in der Praxis die mit 
den älteren Methoden erzielten Erfolge recht günstig zu sein und gerade 
beim „Kriegsaneurysma“ die Anzeigen der Gefäßnaht selten vorzu¬ 
kommen. 

Oppenheimer (Berlin-Grunewald): Die Anpassung der deutschen 
Volksernährung an die Kriegslage. (Schluß.) Neben die wichtigste 
Maßregel, die Ersparung von menschlichen Nahrungsmitteln durch Ein¬ 
schränkung der Viehhaltung, müssen natürlich alle Möglichkeiten treten, 
unsere Produktion an landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu steigern. 
Eine sehr wichtige Frage der landwirtschaftlichen Produktion ist der 
Ersatz für die zahllosen zum Militärdienst eingezogenen Arbeiter und 
Pferde, von denen letzteren uns etwa 14% fehlen. Eine recht große 
Sorge bereitet uns die Beschaffung der notwendigen Düngemittel. Alle 
diese Maßnahmen zur Steigerung unserer Produktion sind aber hinfällig, 
wenn nicht gleichzeitig eine Anpassung sowohl der Verwertung der 
landwirtschaftlichen Erzeugnisse an die gebotene Lage als auch eine 
Anpassung der Lebenshaltung jedes einzelnen tritt. Außerordentliche 
Ersparnisse in unserer Produktion können wir machen, wenn wir unsere 
Gemüse- und Obst Vorräte in verständigerer Weise behandeln, als das 
bisher der Fall gewesen ist. Sehr wichtige Anpassungen bei der Pro¬ 
duktion sind auch bei der Milch notwendig. Alle bisher erwähnten Ma߬ 
nahmen zur Hebung der Produktion können aber den gewünschten Effekt 
der Sicherung der Volksernährung nicht erfüllen, wenn sich nicht als 
allerwichtigste Maßnahme eine Anpassung der Konsumption an die 
Kriegslage dazu gesellt. Es ist eine absolute und dringende Notwendig¬ 
keit, daß jeder einzelne Konsument sich völlig bewußt ist, daß er seine 
Lebensgewohnheiten in bestimmter Richtung ändern muß. Die aller, 
wichtigste Anpassung, neben der alle übrigen Kleinigkeiten sind, ist eine 
ganz erhebliche Annäherung an die vegetarische Lebensweise. 

Touton (Wiesbaden): Geschlechtsleben und Geschlechtskrank¬ 
heiten in den Heeren, im Krieg nnd Frieden. i Fortsetzung) 
Die Arbeit bespricht die Verbreitung der venerischen Krankheiten in 
unserm Heer und in der Marine im Krieg und im Frieden, sowie ihn* 
Prophylaxe, bei welcher die Belehrung der Mannschaften, die Schilderung 
der Gefahren und die Erziehung zur Sauberkeit eine große Rolle spielen. 
(Schluß folgt.) 

Dünner (Berlin): Die Bedeutung der Widalschen Reaktion hei 

typhusgeimpften Soldaten. Der Nachweis der WidaIschen A-ulmi. 
nation ist im Einzelfalle nicht absolut beweisend: denn sie kann einmal 
von einem vor vielen Jahren überstaudenen Typhim herriilimi. und 
zweitens findet sie sich gar nicht so selten Lei soue-nannimi Baeillen- 
trägern. Beobachtungen an einem großen Ivraiikenumierial zeigten 
bemerkensweiterweise, wie außerordentlich häufig sich bei mchliyplius- 


kranken Soldaten heute eine positive Widalreaktion findet, und wie also 
diese sonst so hoch zu schätzende Reaktion heute allen Wert bei Feld- 
zugateilnehmern verloren hat. Der weitaus größte Teil der mit Schutz» 
sfoff gegen Typhus geimpften Soldaten hat die specifischen Agglutininc er¬ 
zeugt. Diese Feststellung prüjudiziert freilich nichts für den wirklichen 
Schutz wert der Impfung. 

Posuer: Zur Pathologie und Therapie der Pyelitis. Bezüglich 
der Frage, ob die Pyelitiden cystogenen oder hämato- beziehungsweise 
lymphogenen Ursprungs sind, stellt sich der Verfasser auf die Seite 
derer, die beide Wege für möglich halten, die nietastatische Entstehung 
aber für häufiger ansehen. Reckzeh. 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 3 . 

A. Neisser (Breslau): Krieg, Prostitution und Geschlecht** 
krankhaften. Die Mannschaften sind darüber aufzuklären, daß jede 
Prostituierte krank ist. Die Verheirateten besonders sind hinzuweisen 
auf die spätere Gefahr für Frau und Kinder. Enthaltsamkeit schadet 
nicht. Auch ist es leichter, enthaltsam zu sein, wenn man erst wochen¬ 
lang keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat, als wenn man ihn häufig 
ausübt. „Die Pause stumpft den Libido ab.“ Alle Prostituierten (in den 
besetzte» Städten), deren man habhaft werden kann, sollten durch Kiu- 
^perren unschädlich gemacht werden. Man könnte auch sehr wohl die 
Infektiosität aller Puellae, soweit die Syphilis in Betracht kommt, gewaltig 
herabdrücken, wenn man jede (1) einzelne (mit Verzicht auf eine spezielle 
Diagnose) einer energischen Salvarsan- eventuell in Kombination mit 
einer Queeksilberknr, unterwirft. „Sollte sich wirklich eine noch nicht 
Syphilitische darunter befinden, so würde ihr die Behandlung sicher nicht 
schaden.“ ü Referent ) Sonst bleibt nur übrig, den Truppen Kordons 
zur Verfügung zu st«*lL*n. Der Verfasser ist ferner nach wie vor der 
Ueherzpugung, daß sich in der Mehrzahl dm* Fälle eine ambulante 
Syphilisbeliantllung selbst bei der marschierenden Truppe, erst recht bei 
der in fester Stellung befindlichen durchführen lasse. Wird nämlich bei 
den Truppen, die dem Verkehre mit Prostituierten ausgesntzt war, die 
regelmäßige Untersuchung einigermaßen durchgeführt, so können fast alle 
Syphilisfidle in noch primärem Stadium entdeckt werden. Mitzuführen 
wären allerdings die kleinen Ampullen Neosalvarsan und die kleinen 
Fläschchen Meroinol und eventuell ein Liter destillierten Wassers, das 
für mindestens 50 intravenöse Neosalvarsaninjektionen reicht, sodaß man 
die für die Einzelcinspritzuug notwendige Portion nur noch einmal aufzu- 
kochen braucht. Alle Woche' einmal ist die in wenigen Minuten zu 
erledigende Neosalvarsan- und Oleum cinereum-Injektion vorzunehmen, 
Solche Injektionen sind allcrhöchstens sechs notwendig. Allerdings 
müßten die im Heere vorhandenen gut ausgebildeten Spezialarzte, die 
j»*tzt an inneren und chirurgischen Lazaretten verwendet werden, für diese 
Aufgaben und Behandlung der Geschlechtskrankheiten ausgenutzt werden- 

Sold in (Berlin-Wilmersdorf): Zur Klinik der Kriegsrnhr. Per 
Charakter der meisten zur Beobachtung gekommenen Fälle wird gut¬ 
artig. Nur eine kleine Zahl war schon bei ihrer Aufnahme deutlich 
vom Tode gezeichnet. Boi ihr war das Unterhautzellgewebe stark ausge- 
trocknet: denn die vor dem Unterbautfettgewebe iti Falten abgehobene 
Haut glich sich beim Nachlassen des Druckes nicht wieder aus. Hier 
ließen die profusen, mit Schleim und Blut, stark durchsetzten Diar¬ 
rhöen auch auf große Opiumdosen nicht nach. Dabei war das 
Sensorium bis zum Tode klar. Tn diesen Fällen scheint die 
Krankheit von Anfang an diesen überaus schweren Charakter zu 
Indien. Aber der Verfasser sah niemals einen leichteren Fall von Dys¬ 
enterie in die schwöre Form übergehen. Er erwähnt dann die lauge 
Zeit chronisch verblutender Fälle, hei denen trotz des Körperverfalls die 
Herzkraft gut bleibt. Die Prognose ist hier im allgemeinen gut. Diese 
Falle sind aber verhältnismäßig seltener. Bei ihnen dürften die ge- 
Schwüngen Veränderungen des- Dickdarms ziemlich tiefgreifen und kerne 
besonden* Tendenz zur Heilung haben. Wahrscheinlich dürften sie auch 
mit einof stärkeren Na rlnui bildung des Dickdarms heilen (daher spä¬ 
tere Enisi‘hädigunL'»ansprih-he!i. Da wo sich lu*i starkem Hungergefüb 
eine Besserung des Allgemeinbefindens schon am zweiten Tage bemerkbar 
macht, ist der weiße Käst* (auf Rüstzwieback gestrichen) empfehlens¬ 
wert. Er kann in große Mengen leicht gewonnen werden, iidem mau 
ihn entweder mit Lahos>en:: aus frischer Milch ausfällt. oder durch ein 
fache«. Erwärmen (bis zu -10°) aus zweitüger saurer Milch. 

11. Ferner (Blankenfelde bei Berlin): Störungen der inncreu Se¬ 
kretion hei Rohr. Sehr häufig trat das Auge lebhaft hervor, sodaß uian 
geradezu von einem Glnnzauge sprechen konnte, wenn es nicht sogar 
zum echten Exophthalmus kam. Dabei bestand oft das Kochel'» l0 
Zeichen: Druckempfiudliclikeit der Schilddrüse. Der beim '1 hyrcoidSmjj^ 
häufige Tremor der Augenlider wurde bei einem großen Teil der •> 


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31. Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


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fcstgestellt. Bei fast allen bestand deutliche Dermographie. Neben 
diesen Erscheinungen einer gesteigerten Tätigkeit der Schilddrüse 
war anch deren Gegenspiel, die Ab Schwächung der Tätigkeit des 
Pankreas, nachweisbar (Erweiterung der Pupille nach Einträufelung 
eines Tropfens Adrenalin). Oft ist ein erhöhter Sympathikotonus 
vorhanden: (ilvkusurie schon nach 100 g Traubenzucker oder 150 g Wei߬ 
brot oder nach subcutaner Injektion von 1 mg Adrenalin, 'was alles der 
Gesunde vertragen muß, ohne eine Spur Zucker auszuscheiden. Da häufig 
auch daneben eine gesteigerte Reizung des N. vagus besteht, so sind 
Belladonnapräparate, die den Tonus und Vagus herabsetzen, ango- 
gliedert. So z. B. bei krampfartigen Zusammenziehungen der Ringmusku- 
iatur des Dünndarms nach längst abgelaufener Ruhe. (Oberhalb der 
Contraction befindet sich dann der Dünndarm in geblähtem Zustand.) 
In einigen Fällen noch bestehender Ruhe mit Speichelfluß, Hypersekre¬ 
tion der Magenschleimhaut, häufigen Darmentleerungcn, wo Opiumprüpa- 
rate versagten, verschwanden alle diese Erscheinungen sofort nach mäßigen 
Dosen von Belladoimaprüparatea. 

Ernst Fraenkel (Berlin): Ueber die Verwendung des Wasser¬ 
stoffsuperoxyds bei der Wundbehandlung. Empfehlung besonders der 
hochprozentigen Präparate, und zwar namentlich bei infizierten Wunden. 

V Hufnagel (Namur): Wnndenbehandlung mit Ultravlolettllclit. 
Die „künstliche Höhensonno“, die Quarzquecksilberdanipflampe hat bei 
110 Volt 1200, hei 220 Volt 1500 Kerzenlichtstärke. Sie leistet Her- 
vorracendes. Man wechselt mit lokaler und allgemeiner (Besserung des 
Allgemeinbefindens I) Bestrahlung ab. 

Hoffraann (Berlin): Einiges uns dem Marinesanitfitswesen. 

Schluß Besprochen wird der Gesundheitsdienst in der Marine, der das 
Ziel hat, den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen zu verhüten. Am 
Land sind die Kasernen, Lazarette sowie das ganze Garnison- oder 
das ganze Stationsbereich zu überwachen. Im Kriegsfälle ist die Verhütung 
von Seuchen in deu ausgedehnten Fcstungsbezirken der Marine von erhöhter 
Bedeutung. Wichtig ist daß Marinetrappen auch zu militärischen Ak¬ 
tionen an Land außerhalb der Marinefestungsbezirke herangezogen wer¬ 
den können (im gegenwärtigen Kriege nimmt eine Marinedivision an den 
Kämpfen in Belgien teil). Eingehend wird dann die Marinehygiene an 
Bord der Schiffe erörtert. Betont wurde unter anderem die Möglichkeit 
der Destillation von Trinkwasser aus dem Meerwasser, ferner die Durch¬ 
lüftung selbst in den Tiefen der Schiffe durch die Ventilationsmaschinen 
mit ihrem weitverzweigten Luftschachtsystem. Bemerkenswert sind die 
periodischen Wägungen der gesamten Mannschaft an Bord. Eine 
nicht zu beseitigende Schattenseite aber der heutigen Kriegsschiffe ist 
der stetige nervenzerstörende Lärm daselbst. Ausführlich besprochen 
wurden dann die besonderen hygienischen Aufgaben, die den Scbiffsärzten 
in den Tropen erwachsen. Denn auch die Besatzungen unserer tro¬ 
pische Gegenden befahrenden Auslandskreuzer sind den schädlichen Ein¬ 
flüssen dieses Klimas ausgesetzt. Der Besatzung drohen aber auch hier 
dietropischen Krankheiten. Zu deren Studium werden die für ein Aus- 
laadsschiff designierten Marine-Sanitätsoffiziere zum Institut für Schiffs- und 
Tropenhjgiene in Hamburg kommandiert. Dann erfährt eine sehr eingehende 
Besprechung das Musterungs- und Aiisliebungsgeschüft und dasMannschufts- 
versorpngswesen. Die Unterlage für die Beurteilung der Dienstbescliädi- 
gungdragen liefern die Eintragungen in dieRevier- und die Land- undSchiffs- 
lazarettkrankenbücher, sowie vor allem die Krankenblätter. Das bei 
der Entlassung aus dem Marinedienste bestehende Krankheitsbild muß 
so ausführlich dargestellt sein, daß auch nach Jahren an dem früheren 
Befunde kein Zweifel entstehen kann. Am letzten Tage der aktiven 
Dienstzeit werden die Zurücklassenden (Reservisten) einer letzten ärzt¬ 
lichen Untersuchung unterzogen, wobei sie ausdrücklich zu erklären 
haben, ob Ansprüche aus Dienstbeschädigung erhoben werden. Weiter 
bespricht der Verfasser die Verwaltung**- und organisatorische Tätigkeit 
ies Marinearztes. Zum Schlüsse bekämpft er das Vorurteil von der Ein¬ 
zigkeit der marineärztlichen Laufbahn. Der Sanitätsoffizier muß den 
Spezialisten zugerechnet werden, und er ist ebenso wie diese wegen der 
Einseitigkeit seiner Tätigkeit nur zu bedauern, wenn er den Zusammen- 
tang mit der Gesamtmedizin verloren hat. Freilich — Sanitätsoffizier 
*»'d nur derjenige werden, der neben Liebe zur Medizin auch Ver- 
'“■•ndnis für Verwaltungsfragen und Neigung zum „Militarismus“ in 
'ich trügt. 

Hans Hammerl (Graz): Die Desinfektion der Eisenbahn- 
Personenwagen. Zu diesem Zwecke empfiehlt sich die Formolvernebe- 
tug mittels des Kalkschwefelsäureverfahrens. Das Verfahren ist leicht 
urebführbar und für die Praxis durchaus wirksam. Es beruht auf der 
envenduüg der beim Löschen des Kalkes entstehenden Wiirme zur Yer- 
nng von Wasser und Formol. Dabei ist ein sorgfältiges Verkleben 
*r Fernster und Türen, das bei der Desinfektion zahlreicher Wagen 
P tisch undurchführbar ist, auch gar nicht notwendig. Die Anwendung 
68 *erfalixena wird genau beschrieben. Wichtig ist, daß nur gut dureh- 


gebrannter (doppelt gebrannter), frischer Kalk, der nicht lange Zeit an 
der Luft gelegen hat, verwendet wird. Vorsicht ist nötig bei Verwen¬ 
dung der konzentrierten Schwefelsäure wegen ihrer stark ätzenden Eigen¬ 
schaft. (Der Verfasser weist bei dieser Gelegenheit auf den Vorschlag 
hin, frische Brand- oder Aetzwunden mit einem mit wäßriger, gesättigter 
Pikrinsäurelösung getränkten Wattebausch so lange zu betupfen, bis jeder 
Schmerz verschwunden ist.) Das Verfahren eignet sich auch dazu, in 
einem Kasten Kleider jeglicher Art, und zwar auch soleho aus dicken 
Stoffen, ohne jede Beschädigung sicher zu desinfizieren. 

J. Huäfcek (Prag): Der syphilitische Kopfschmerz. Im Sekundär¬ 
stadium tritt der Kopfschmerz mitunter als einziges Symptom auf; er kann 
auch eine Gesichtsneuralgie Vortäuschen. Es kann ferner eine syphilitische 
Osteoperiostitis den Nervus occipitalis major komprimieren. Hinter den 
Symptomen eines Gehirntumors kann sich ein intrakranielles Gumma ver¬ 
stecken oder es erzeugt eine circumscripte gummöse Meningitis, eine 
ophthalmoplegische Migräne. Auch die syphilitischen Veränderungen der 
Hirngefäße verursachen Symptome, die den sklerotischen ähnlich sind. 
Wichtig ist, daß unter der antisyphilitischen Behandlung, speziell bei 
Anwendung der grauen Salbe, ein Kopfschmerz entstehen kann, der 
bald als neurasthenisch auf toxischer Basis, bald als rein toxisch auf¬ 
zufassen ist. 

Döhring (Königsberg i. Pr.): Ueber Wirkung und Resorption 
von Qaecksllberpräparaten, insbesondere des Kontraluesins. Vor¬ 
trag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg 
am 4. Mai 1914. 

O. Köhler (Greifswald): Zum Tuborkelbacillennachweis im 

Blute. Der Meersclnveinchenvcrsuch ist das feinste Reagens auf lebende, 
virulente Saugetiertuberkelbacillen. Er ist für den Nachweis von Tu¬ 
berkelbacillen dem mikroskopischen Präparat qualitativ und (plantitativ 
bedeutend überlegen. Qualitativ erlaubt er sogar allein mit Sicherheit 
die Diagnose „Tuberkelbacillus“. 

W. Lütli (Thorn): Die Behandlung des Erysipels mit Ichthyol. 

Die erkrankte Haut wird mit warmem, ungemischtem Ichthyol mittels 
eines Holzspatels dicht bestrichen, und zwar gut einen Zentimeter auf 
die gesunde Haut übergreifend. Darauf wird eine nicht zu dicke Schiebt 
Watte gelegt, ln der Regel braucht der Anstrich nicht erneuert zu 
werden. üebersch reitet der Prozeß die Grenzen des Ichthyols, so müssen 
diese Stellen sofort bestrichen werden. Das Ichthyol muß beim Gebrauche 
leicht aus der Flasche fließen. Der Verband läßt sich sehr leicht mit 
Wasser abwaschen. 

F. Gold mann (Berlin): Die Zusammensetzung der arsenhaltigen 

Mineralwässer. Am meisten arsenige Säure enthält die Dürklieimer 
Maxquelle (Bayern), dann folgen der Reihe nach Konicgno (Tirol), Levico- 
Starkwasser (Tirol) oder Guberquelle (Bosnien). F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915* Nr. 3. 

Decker und H. v. Bernhard (München): Die Röntgenbestrah¬ 
lung bei Magen- und Darincarclnomen. Nur größere Mengen harter 
Röntgenstrahlen, in kürzeren Zeiträumen gegeben, haben auf tiefliegende 
(inoperable) Carcinome zerstörende Wirkung. Daher besteht die Pflicht, 
bei jedem inoperablen Magen- und Darmcarcinom die intensivste Strahlen¬ 
therapie zu versuchen, um so mehr, als diese unter allen Kautelen vor- 
genoramen, die Haut nicht zu schädigen scheint. 

Bernoulli (Stuttgart): Zur ambulanten Behandlung äußerer 
Augenkranbheiten. Angelegentlichste Empfelilung des Noviforms 
(Heyden) bei Blepharitis und bei Affektionen der Hornhaut. Bei Blepha¬ 
ritis verordnet man 5- bis 10%ige Noviformvaseline (zwei- bis dreimal 
täglich), die gleiche Salbe streicht mim ein nach jeder Entfernung eines 
Fremdkörpers aus der Cornea zwecks Verminderung der Infektionsgefahr; 
es erfolgt dann meist schnelle Epithelisierung und Reizverminderung. 
Bei Erosionen und Epithelverlusten sowie bei Ulcus der Hornhaut ver¬ 
ordne man 1 % Atropin mit 5 bis 10 ü /o Noviformvaseline, weil hierbei 
eine schnellere, schmerzfreie Heilung erzielt wird, indem, ohne Verband, 
Lichtscheue und Trüneuträufeln nachlassen und das Auge unter Schutz¬ 
brillen gut offen gehalten wird. 

FeldärztHche Beilage Nr» 3. 

Erich Toenniessen (Erlangen): Ueber Lnngenschttsse. Zur 
Beobachtung kamen 56 Fälle, die — wenigstens was die Erhaltung des 
Lebens betrifft — durchweg günstig verliefen, was sich damit erklärt, 
daß nur die leichteren Fälle, die zu einem Transport in die Heimat 
fähig waren, in die Behandlung der Verfasser gelangten. Es handelte 
sich um Fälle ohne Erguß in die Pleura und ohne entzündliche Erschei¬ 
nungen der Lunge, ferner um solche, wobei sich erst später Empyem 
der Pleura oder Pneumonie entwickelte, dann ein Fall mit serösem Erguß 
oder mit Bluterguß in die Pleura und schließlich von Fällen von Pneumo¬ 
thorax mit hämorrhagischem und eitrigem Erguß in die Pleurahöhle. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


Nach den Erfahrungen des Verfassers hatte es keinen Einfluß auf den 
klinischen Verlauf, ob das Geschoß im Thorax stecken blieb oder nicht- 

A. Böttner (Marburg): Ueber LungenschÜsse. Hingewiesen wird 
unter anderem auf die Bauchdeckenspanming als eine Komplikation 
bei Lungenschüssen. Liegen Ein- und Ausschuß im Bereich des Thorax, 
so werden die hierbei in dem korrespondierenden Teil der Bauchwand auf¬ 
tretenden Schmerzen bekanntlich durch Reizung der sensiblen Fasern des 
Intercostalnerven erklärt, und die Bauchdeckenspannung durch reflek¬ 
torische Contraction des Muskels, der von dem zugehörigen motorischen 
Teil dieses Nerven versorgt wird. Diese Bauchdeckenspannung ist nicht 
bedrohlich und erfordert, keinen Eingriff. Anders, wenn der ganze 
Schußkanal nicht mit Sicherheit auf die Bauchhöhle zu isolieren ist. wenn 
also die Möglichkeit besteht, daß die Kugel das Zwerchfell durchschlagen 
hat, wodurch eine peritonitische Reizung entstanden ist. In ersterem 
Falle wird man im allgemeinen mit dem operativen Eingriff nicht zögern. 
Die Pleuraergüsse resorbierten sich von selbst oder erst nach erfolgter 
Probepunktion. Den Resorptionsübergang' kann man dadurch beschleu¬ 
nigen, daß man den Patienten zeitweise nach Hofbauer auf der andern 
Seite liegen und aktive Bauchatmung treiben läßt. Eine Schwartenbil¬ 
dung ist mitimter nicht zu vermeiden. Als beste Atemgymnastik be¬ 
währten sich dem Verfasser Wechselduschen, die Hautrötung und sehr 
ausgiebige Inspiration erzeugen, und das Feststellen der gesunden 
Lungenseite. Dies geschieht folgendermaßen: In tiefstem Exspirium und 
bei leichter Neigung nach der gesunden Seite werden zwei breite Heft¬ 
pflasterstreifen nach vorhergeltender Ahätherung dachziegelformig über¬ 
einander vom Sternum bis zur Wirbelsäule angelegt, und ferner zwei in 
derselben Weise vom Rippenbogen über die Schulter bis unter die untere 
Lungengrenze hinaus. Der Verband wird alle Tage erneuert. 

Carl Ritter (Posen): Zar Prognose und Therapie der Lungen¬ 
schüsse. Die Therapie soll im Krieg im allgemeinen rein konservativ sein. 
Auch bei schwerster Infektion der Weichteile an den Schußöffnungen ist in 
der Regel die Bauchhöhle nicht infiziert. Wiederholte Punktion der Pleura 
sichert vor einem Uebersehen einer solchen Infektion. Gewöhnlich ge¬ 
nügt schon der Geruch zur Entscheidung. Das Hauptaugenmerk ist auf 
die septische Phlegmone zu richten, die von der äußeren Weich¬ 
teilwunde ausgeht. An ihr und nicht an der Schwere der Lungenver¬ 
letzung, die in der Regel auch bei der Phlegmone der Weichteilwunde 
aseptisch verläuft, gehen so viele Verletzte in den ersten Tagen zugrunde. 
Sobald dagegen der Bluterguß in der Pleura infiziert ist, muß man ihn 
sofort völlig ablassen und drainieren. Bei Gasbrand der Lunge ist nur 
ein radikales Vorgehen von Nutzen. 

Paul Reiche: Ueber die Resistenz der Bauchhöhle gegen 
septische Infektion. Zwei Falle werden mitgeteilt, in denen nicht die 
leiseste Infektion in der Lunge, der Pleura und im Bluterguß daselbst 
nachweisbar war, obwohl beide Male die äußere Einschußöffnung — und 
in dem einen Falle auch der Herzbeutel — Erscheinungen einer schweren 
eitrig-septischen Infektion aufwies. 

R. van den Velden: Beobachtungen bei Schußverletzungen 
des Brustkorbs. Recht häufig kam es zu einem Hämothorax, in zweiter 
Linie wurde die sekundäre Pneumonie beobachtet und erst an letzter 
Stelle kamen Fälle von Emphysembildung und Pneumothorax. Weit 
häufiger wurden Brust.wandschüsse untersucht und beobachtet, bei 
denen allen das Geschoß seinen Weg um den Brustkorb herum genommen 
hatte, also durch die Rippen vom Thoraxinnern abgelenkt worden war. 
Hier war aber die Unterscheidung von einem Lungonschuß oft recht 
schwierig. 

Hans Li pp (Stuttgart): Ueber basophile Granulation fm Blute 
von Schrapnellkugelträgern. Verfasser hat die Frage zu beantworten 
unternommen, ob das längere Verweilen einer Schrapnellkugcl im Körper 
im Laufe der Zeit nicht eine Bleivergiftung nach sich zöge. Dazu 
hat er das Blut auf basophile Granulation untersucht, die die Diagnose 
„Bleivergiftung“ mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit 
ermöglichen soll. Aber es können auch andere Einflüsse basophile Granu¬ 
lation im Gefolge haben, so z. B. innere Blutungen und vor allem die 
Resorption von Blut, z. B. nach dem Genüsse von Blutwürsten. Es ist 
daher in der Verwertung des Blutbcfundes die größte Vorsicht am Platz 
und nur wirklich ausgesprochene Befunde dürften als beweiskräftig 
für die Diagnose „Bleivergiftung“ anzusehen sein. Von diesem Stand¬ 
punkt ausgehend ist der Verfasser bei seinen Blutuntersuchungen zu 
einem negativen Ergebnisse gelangt. Es dürfte also Schrapnellblei 
vom Blute nicht absorbiert werden und nachgewiesenermaßen haben auch 
unsere alten Veteranen von 1866 und 1870/71, die bis zur Stunde noch 
Träger von Schrapnellkugeln sind, keinen Saturnismus aufzuweißen. 

Bruno Fleischer (Tübingen): Ueber die bisher beobachteten 
Kriegsverletzungen der Augen. Ueber zwei Drittel der zur Beob¬ 
achtung gekommenen Fälle waren schwere Verletzungen. In einem Falle 
L r ab der Verletzte an, daß er einen plötzlichen Schlag an den Kopf ge¬ 
spürt hätte, daß ihm dabei der Helm nach vorn heruntergefallen sei und 


daß zu seinem Erstaunen in dem Helme der unverletzte rechte Augapfel 
gelegen habe (!): Der Schuß war an dem linken Ohrläppchen eingedrungen 
und aus dem rechten äußeren Lidwinkel ausgetreten. Die Conjunctival- 
schleimhaut war ähnlich wie bei einer rite ausgeführten Enucleation 
vollkommen erhalten. Besondere Rücksicht bedarf auch die Behandlung 
der begleitenden Lidverletzungen: Baldige Naht oder hei der Nach¬ 
behandlung möglichste Richtigstellung der Lider, um schwere narbige 
Verziehungen möglichst zu vermeiden, die später schwer zu be¬ 
seitigen sind. 

M. Kirschner (Königsberg i. Pr.): Bemerkungen Über die Wir¬ 
kung der regelrechten Infanteriegeschosse nnd der Dumdumgeschosse 

auf den menschlichen Körper. In diesem Nachtrage zu seiner früheren 
Arbeit beschäftigt sich Verfasser zunächst mit den Publikationen von 
Friedrich und Riedel. Er erwähnt dann weiter, daß außer zu Jagd¬ 
zwecken auch für Militärzwecke von den meisten Staaten typische Dum¬ 
dumgeschosse fabrikmäßig hergestellt wurden. Es ist das die sogenannte 
Zerschellmunition für ungünstig gelegene Schießplätze. Diese Mu¬ 
nition soll beim Auftreffen auf die Scheibe zerspritzen und nicht durch 
Abprallen die weitere Umgebung gefährden. Derartige aus deu alten 
französischen Geschossen hergestellten Projektile hat der Verfasser recht 
häufig bei Franzosen gesehen. Anscheinend hat die französische Militär¬ 
behörde aus Mangel an regulären Geschossen die für den Kriegsgebrauch 
verbotene Zerschellmunition bewußt an die Truppen ausgegeben. 

W. Spielmeyer (München): Zar Frage der Nervennaht. Schluß. 
Verfasser betont die außerordentliche Häufigkeit der Verletzungen peri¬ 
pherischer Nerven in diesem Kriege und erörtert eingehend die PVage 
der Indikation der Nervennaht. Denn meist zeigt der chirurgische Be¬ 
fund nicht an. ob und in welchem Maß ein Nerv lädiert ist. Auch haben 
wir neurologisch keine bestimmten Kriterien dafür, daß tatsächlich die 
völlige Continuitätstronnung vorliegt. Daraus ergibt sich die Forderung, 
zunächst ab zu warten, wie sich der weitere Verlauf gestaltet. Häufig 
erfolgt auch die Wiederherstellung der Funktion von selbst, und zwar 
auch dort, wo komplette Entartungsreaktion und völliger Funktionsausfall 
bestand. Der Verfasser bespricht dann eingehend die anatomischen 
Bilder, die sich dem Chirurgen, der sich zur Operation entschließt, beim 
Freilegen des Nerven bieten, und erörtert das verschiedenartige operative 
Vorgehen. * F. Bruck. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 3. 

BL Riedl: Yerrenkungsbruch des oberen Schtenbeinendes mit 
Erhaltung des Wadenbeins — eine typische Verletzung. In den mit 

geteilten sechs Fällen handelt es sich um eine typische, als solche bisher 
noch nicht beschriebene Form von Verrenkungsbruchim Kniegelenke, die 
von den gewöhnlichen Kompressionsbrüchen des oberen Schienbeinendes 
abweicht. Die Verletzung besteht in einer Spaltung des oberen 
Schienbeinen des, dadarch, daß sich das Schienbein mitsamt dem er¬ 
haltenen Wadenbein nach außen verrenkt nnd zugleich der laßere Obsr* 
Schenkelknorren wie ein Keil nach abwärts drückt und den inneren 
Gondylas der Tibia absprengt. Der änßere Befund zeigt den Unter¬ 
schenkel in Valgusstellung, die Möglichkeit seitlicher Wackelbewegnngen, 
starke Druckschmerzhaftigkeit des Knies nnd aufgehobene aktive Beweg¬ 
lichkeit — Behandlung: Bardenheuerscher Streckverband oder un* 
blutige oder blutige Einrichtung in Narkose, danach Fixation in Gips 
oder Pflastenugverband. — Ergebnisse gut K Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 19IS , Nr, 2. 

A. Sippel, Zur Asepsis. Sippel macht auf verschiedene, nicht 
immer genügend beachtete Infektionsmöglichkeiten aufmerksam: Bei Ope¬ 
rationen gibt ein steriles, gewebtes Tnch, das auf die Umgebung des 
Operationsgebiets aufgedeckt oder untergelegt wird, keinen Sehnt* gegen 
die unter ihm gelegenen nichtsterilen Körperteile oder Gegenstände. 
Unter die abdeckenden Tücher muß undurchlässiges steriles 
Gummituch gelegt werden. 

Ein Infektionsverbreiter ist ferner der gegen Ende der Geburt im 
Scheidenausgange stehende Kopf, der beim Vor- und Zurücktreten 
mit jeder Wehe Keime von Introitus nach oben zu den inneren Geni¬ 
talien verschleppt. Bei Coliinfektion der Blase kommt dazu der aus der 
Urethra träufelnde infektiöse Urin. Sippel läßt daher den heraus* 
tretenden Kopfteil mit l%oiger Snblimatlösnng jedesmal ab¬ 
wischen and fordert die Behandlung einer Infektion der Harn* 
wege während der Schwangerschaft. 

Aach bei stehender Blase kann eine Keimverschleppungans 

der Scheide in die Uterushöhle durch das Vor- und Zurücktreten hs» 
den Wehen erfolgen, was bedenklich ist wegen der möglichen An¬ 
wesenheit krankmachender Keime auch in der unberührten Vagina- Sippe* 
j schlägt daher rechtzeitige Sprengung der Blase in solchen Fällen ror. 


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31 Januar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 5. 


143 


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Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von JPriv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien. 


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K. k. GeMUzehaft der Aerite in Wies. 

Sitzung Tom 22. Januar 1915. 


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0. Zackerkandl stellt einen Mann vor, bei welchem er 
me Gewehrkugel aus der Pars prostatica nrethrae entfernt 

bat Pat. erhielt eine Schußverletzung in den rechten Glutaeus 
nad bekam hierauf Hämaturie durch mehrere Tage, seither hatte 
er Hanibeschwerden und Schmerzen beim Gehen. Es wurde ein 
Fremdkörper im hinteren Teil der Urethra festgestellt und durch 
die Sectio alta entfernt. Das Geschoß lag frei beweglich im pro- 
statischen Teil der Urethra. Da keine Knochenverletzung vor¬ 
liegt, dürfte das Geschoß durch das Foramen obturatum in das 
Becken gelangt sein. 

Alters demonstriert einen Fall von Hemiparese, Heini« 
isopflie ond Fazialisparese nach Schuß Verletzung. Das Ge¬ 
schoß drang unterhalb des rechten Jochbeines ein. Pat. hatte 
darauf Schwäche des rechten Armes und rechtsseitige Fazialis¬ 
parese sowie eine leichte rechtsseitige Hemiparese mit chorea- 
artigen Bewegungen, namentlich der oberen Extremität rechts. 
Der rechte Proc. alveolaris war gebrochen und der weiche Gaumen 
auf der rechten Seite abgerissen. Das Geschoß lag vor dem Quer¬ 
fortsatz des zweiten Halswirbels links. Binnen kurzem traten totale 
Hemiparese und rechtsseitige homonyme Hemianopsie auf. Da Pat. 
infolge Blutung im Pharynx Erstickungsanfälle bekam, wurde ein 
die Blutung verursachendes Knochenstück entfernt. Die totale 
Hemianopsie verwandelte sich in eine solche mit Makulaaussparung, 
dann in eine Hemichromatopsie, schließlich in eine Hemianopsie 
in den oberen Quadranten. Die Hemiparese ist weitgehend ge¬ 
bessert, eine Sensibilitätsstörung hat niemals bestanden. Der 
Schoßkanal muß die Pedunculi cerebri und den Tractus opticus, 
ferner die Thalamusregion (wegen der Hemichorea) in Mitleiden¬ 
schaft gezogen haben. 

E. Redlich sah eine Hemianopsie in den unteren Quadranten 
weh einer Schußverletzung durch das Hinterhaupt. Pat. war zuerst 
kurze Zeit blind. Das Geschoß muß die linke Fissura calcarina betroffen 

üben. 

E. Spitzer stellt einen Mann mit einem Ausschlag am 
ganzen Körper vor, von welchem noch nicht zu entscheiden ist, 
ob es sich um Pemphigus oder Impetigo circinata handelt. 

Die Effloreszenzen bilden subepidermoidal gelegene Blasen, deren 
Inhalt sich trübt 

M. Kraus zeigt mehrere Fälle mit geheilten Kieferschuß- 
fraktnren. Bei der modernen Art der Kriegführung in Schützen¬ 
gräben kommen Verletzungen des Gesichtes häufiger vor als in 
fröheren Kriegen. Bei den vorgestellten Fällen lagen einfache oder 
vielfache Frakturen der Kiefer vor, welche unter Anwendung von 
Schienen fixiert und so einer definitiven Heilung zugeführt 
worden sind. 


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G.v-Wunschheim bemerkt, daß Unterkiefer, welche in zahl" 
^«Fragmente zerbrochen sind, unter entsprechender konservativer 
»undJung vollkommen verwachsen können. Von den 104 FäHen von 
^“Verletzungen des Unterkiefers, welche er im zahnärztlichen Uni- 
»titut sah, kamen sehr viel erst spät in die zahnärztliche 
Behandlung, durchschnittlich am 42. Tage nach der Schuß Verletzung, 
j. ein ® m so späten Beginn der Behandlung kann für ein gutes funktio- 
Dfues Resultat nicht garantiert werden. Redner mahnt daher, Kiefer- 
ttKiuen möglichst schnell der zahnärztlichen Behandlung zuzulühren. 

0. Marburg und E. Ranzi: lieber Rückenmarksschüsse. 
Jutui demonstriert mehrere Fälle und viele Röntgenbilder aus der 
p“ Eiseisberg. Auf dieser kamen 35 Fälle von Schußver- 
letzungen des Rückenmarkes zur Beobachtung, von welchen 
k- operiert wurden. Von diesen sind 2 nach der Operation ge- 
wen, und zwar ein Fall am 12. Tag an aufsteigender Pyelitis, 
er zweite, welcher einen schweren Hämatothorax und außerdem 
^eichangsherde im RüekenmarkB hatte, am 16. Tage an Pneu- 
? 0Me * Erweichungsherde oder Zertrümmerungen des Rückenmarkes 
j?. en e ^ e Restitutio ad integrum nicht erhoffen. Bei mehreren 
«len fanden sich als Ursache der Lähmung nach der Schußver- 
e zung Kompression des Rückenmarkes infolge Stauung des 
upute and Adhäsionen. Wenn eine solche zystenartige Ansamm- 
Dm Liquor inzidiert wird, so spritzt letzterer unter stärkerem 
« hervor. Diese Affektion war schon in der Zivilpraxis als 
«amgrtis serosa circumscripta bekannt. Bei Steckschüssen im 
^alsack kommt es auch za Verklebungen und zu Liquor¬ 


stauungen, sogar manchmal ohne Verletzung des Durasackes. 
Praktisch wichtig ist es, daß die Höhe des Einschusses mit der 
Höhe der Querschnittsläsion nicht übereinstimmt, die meningiti- 
schen Veränderungen reichen manchmal höher als die Schußöffnung 
liegt. In 3 Fällen war neben den Veränderungen an den Rücken¬ 
markshäuten auch eine pachymeningitische Schwiele vorhanden. 
In einem Fall war die Liquorstauung durch Knickung der Hals¬ 
wirbelsäule infolge Schußfraktur des 6. Halswirbels bedingt. Es 
wurde stets getrachtet, auch die Wand der Arachnoidalzysten zu 
entfernen. Die Kompressionserscheinungen gehen in verschieden 
langer Zeit nach der Operation zurück, in einem der vorgestellten 
Fälle geschah dies in 3 Wochen. Mit der Operation wurde unge¬ 
fähr einen Monat nach der Schußverletzung zugewartet, da sich 
während dieser Zeit der Befund spontan bessern kann. Die vor¬ 
gestellten Fälle betreffen einen Steckschuß am 6. Brustwirbel 
(10. Dorsalsegment), einen Steckschuß im 4. Lumbal Wirbel mit 
Meningitis serosa, einen Steckschuß zwischen den Wurzeln der 
Cauda equina mit Verwachsungen und Liquorstauung und einen 
queren Durchschuß mit Kaudaläsion. Alle Fälle sind weitgehend 
gebessert. — Ferner bespricht M. die Indikationen zum chirurgi¬ 
schen Eingreifen und das neurologische Bild der Schußverletzungen 

1 des Rückenmarkes. Bei diesen ist die Differentialdiagnose zwischen 
extraduraler und intraduraler Läsion und Kompression nicht immer 
möglich. Vortr. stellt mehrere Fälle vor und erörtert aa diesen 
die nervösen Symptome im Zusammenhang mit der Verletzung: 

1. Durchschuß durch den Hals mit Fraktur des 6. Halswirbels, 
Sensibilitätsstörung, schlaffe Lähmung der oberen Extremitäten, 
spastische Paraplegie der Beine, Steigerung der Sehnenreflexe an 
den unteren Extremitäten, Retentio urinae et alvi, Dekubitus. 

2. Läsion im Brustmark, schlaffe Parese der unteren Extremitäten, 
Verlust der Sehnenreflexe, Sensibilitätsstörung. 3. Schußverletzung 
des 6. Dorsal Wirbels, Sensibilitätsstörung vom 10. Dorsalsegment 
nach abwärts, Parese der anderen Seite. 4. Verletzung der Kauda, 
einseitige Sensibilitätsstörung, schlaffe Lähmung der Beine mit 
Verlust der Achillessehnenreflexe. Alle diese Fälle sind weitgehend 
gebessert. Allgemeine Symptome sind bei Schuß Verletzungen des 
Rückenmarkes eine hyperalgetische Zone in der Höhe von 1 bis 

2 Segmenten oberhalb der Sensibilitätsstörung, ferner Retentio 
urinae et alvi und Dekubitus. Druckschmerzhaftigkeit der Wirbel¬ 
säule hat in den meisten Fällen gefehlt. Die operierten Fälle 
zeigen alle eine weitgehende Besserung, manche sogar eine Heilung; 
von den nicht operierten 17 Fällen ist nur einer gebessert, die 
anderen sind stationär geblieben. In der Mehrzahl der Fälle lag 
eine Meningitis serosa circumscripta vor, die Zyste erstreckte sich 
durch mehrere Segmente hindurch, außerdem fanden sich Ver¬ 
klebungen. Radikuläre spontane Schmerzen fehlten in der Mehrzahl 
der Fälle. Kontraindikationen gegen die Operation sind pulmonale 
oder abdominale Komplikationen, Eiterungsprozesse und Dekubitus 
in der Nähe der Operationsstelle; ein von der Operationsstelle 
entfernter Dekubitus bildet keine Kontraindikation. Der operative 
Eingriff ist dann durchzuführen, wenn binnen einigen Wochen 
nach der Schuß Verletzung keine Besserung eintritt. Zu lange darf 
man auch nicht zögern, da die Verletzten kachektisch und depri¬ 
miert werden. 

A. Fuchs stellt mehrere Fälle von Rückenmarks Ver¬ 
letzungen aus der Verwundetenstation der psychiatrischen Klinik 
vor. Auf dieser kamen 27 Fälle von Rückenmarksverletzungen zur 
Beobachtung, von welchen ungefähr die Hälfte zur Behandlung 
übernommen wurde. Bei drei waren totale Durchschüsse des 
Rückenmarkes vorhanden, diese endeten letal. Die intramedullären 
und extramedullären Verletzungen sind schwer voneinander zu diffe¬ 
renzieren. Wenn angenommen werden kann, daß ein Projektil oder ein 
Knochensplitter im Marke steckt, hält Vortr. die Entfernung des Fremd¬ 
körpers für indiziert, ebenso wenn eine Progression der Symptome 
nachweisbar ist. Eine temporäre Kontraindikation gegen die Opera¬ 
tion bildet die Rückbildung der Symptome (Nachweis einer Besse¬ 
rung der Leitfähigkeit des Rückenmarkes); wenn dann durch 
längere Zeit ein Stillstand in der Besserung eintritt, wäre zu 
operieren. Die Besserung der Leitfähigkeit kann nur durch eine 
wiederholte neurologische Untersuchung konstatiert werden. Vortr. 
stellt mehrere Fälle vor, welche nicht operiert wurden und welche 
weitgehend gebessert sind: i. Fraktur des 5. und Luxation 
des 2. Halswirbels, Lähmung; keine Operation, weil schon am 
nächsten Tag die Leitfähigkeit zurückgekehrt ist. 2. Absprengung 


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19 1 5 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5 


31. Januar. 


von Teilen der Halswirbelsäule, schlaffe Lähmung der oberen Ex¬ 
tremitäten, Blasen- und Mastdarmstörung, heftige Schmerzen und 
Atrophien; keine Operation, die Beweglichkeit der oberen Extre¬ 
mitäten ist weitgehend gebessert und die Atrophien haben sich 
zurückgebildet. 3. Absprengung von Halswirbelbestandteilen, Läh¬ 
mung der Unken oberen Extremität, funktionelle Parese der unteren 
Extremitäten; weitgehende Besserung, jetzt sind Hyperalgesie und 
Hyperästhesie im Bereiche der Okzipitalnerven eingetreten. 
4. Nackendurchscbuß mit Paraplegie der oberen Extremitäten von 
radikulärem Charakter; der Zustand ist gebessert, Pat. hat noch 
Beste der Parese. 5. Steckschuß mit Brown-S^quardscher Läh¬ 
mung; die Symptome sind fast vollständig zurückgegangen, das 
Projektil steckt noch in der Wirbelsäule. 6. Steckschuß in der 
Brustwirbelsäule, Brown-Söquardscher Symptomenkomplex; die 
Sensibilitätsstörung nimmt ab, die Parese des Beines ist noch 
deutlich, es besteht beim Pat. der okulopupilläre Symptomen- 
komplex. Die Kugel steckt noch in der Wirbelsäule. 7. Rücken¬ 
marksverletzung durch ein Fragment der zertrümmerten Skapula 
mit Brown*S6quardscher Lähmung; weitgehende Besserung. 
8. Steckschuß in der Wirbelsäule, nach Extraktion des Projektils 
Besserung der Symptome. Jetzt haben sich oberhalb der Läsions¬ 
stelle eine Versteifung und Schmerzhaftigkeit der Lendenwirbel¬ 
säule ausgebildet, in dieser finden sich osteomyelitische Herde. 
Pat. hat einen hyperästhetischen und hyperalgetischen Streifen 
über der Wirbelsäule. Eine totale Läsion des Rückenmarkes ist 
nicht zu operieren, da hier keine Aussicht auf Besserung der 
Symptome ist. Bei Steckschüssen kann man meist zu warten, da 
dadurch ein Schaden nicht angerichtet wird. Die meningealen 
Schmerzen sind manchmal sehr groß, auf der Klinik wird gegen 
dieselben die Erzeugung einer oberflächlichen Eiterung durch 
Kantharidenpflaster verwendet, gegen die neurotischen Schmerzen 
haben sich große Akonitindosen bewährt. H. 


Gesellschaft für Innere Medizin and Kinderheilkunde 
in Wien. 

Sitzung vom 14. Januar 1915. 

Fr. Wechsberg und Edelmann berichten über Fälle von 
Typhus recurrens. Ein Mann wurde mit der Angabe eingeliefert, 
daß er hohes Fieber, Benommenheit und Milztumor gezeigt habe. 
Bei der Untersuchung ergab sich jedoch, daß er kein Fieber und 
keinen Milztumor hatte. Dagegen klagte er über Schmerzen in der 
Magengegend und über allgemeine Mattigkeit, die Gallenblasen¬ 
gegend war druckschmerzhaft, die Leber etwas vergrößert. Pat. 
war sehr anämisch. Plötzlich stellte sich unter Schüttelfrost wieder 
Fieber bis auf 40° ein und blieb au! dieser Höhe mit geringen 
Remissionen durch 4 Tage. Dann erfolgte plötzlich ein Temperatur¬ 
abfall. Die Vidalsehe Reaktion war negativ, im Blute fanden sich 
während des Fiebers massenhaft Rekurrensspirillen. Nach einigen 
Tagen folgte wieder neues Fieber und am 4. Tage Fieberabfall, 
nach 8 Tagen wieder ein 3 Tage dauerndes hohes Fieber. Pat. ist seit¬ 
her dauernd fieberfrei. In anderen Fällen zeigten sich manchmal im 
fieberfreien Intervall einzelne kleine Temperatursteigerungen, immer 
war der kritische Temperaturabfall charakteristisch. Die Pat. haben 
alle ein blasses, subikterisches Aussehen, die ganze Zunge ist be¬ 
legt, manchmal wird leicht blutiges oder rostfarbenes Sputum ex- 
pektoriert, ohne daß eine pneumonische Erkrankung nachweisbar 
wäre. Die Leber oder die Milzgegend ist schmerzhaft, die Leber 
und Milz sind vergrößert, letztere ist derb. Im Fieberanfalle sind 
stets Ueblichkeiten, manchmal auch Erbrechen vorhanden. In einigen 
Fällen klagen die Kranken über große Schmerzen in der Mus¬ 
kulatur. Im fieberfreien Intervall waren die Spirillen im Blute nicht 
nachzuweisen. Die Infektion mit den Spirillen erfolgt durch Para¬ 
siten, in Europa meist durch Wanzen, in fremden Ländern gibt 
es ähnliche Krankheiten, welche durch Spirillen hervorgerufen 
werden. Chinin hat auf das Rückfallfieber keinen Einfluß, Salvar- 
san wirkt dagegen spezifisch; in einem Fall fiel nach der Injek¬ 
tion von 0,15g Neosalvarsan die Temperatur bis auf 35°, Pat. ist 
seit 9 Tagen fieberfrei und macht den Eindruck eines Genesenen. 
Vortr. haben bisher 7 Fälle beobachtet, die alle gut verliefen; in 
manchen Epidemien wurden 2—5%, in Bosnien von Hödlmoser 
sogar 10% Mortalität angegeben. In Irland, Rußland und auf dem 
Balkan kommt die Krankheit endemisch vor. Vortr. haben die 
Uebertragung der Krankheit auf eine Wärterin beobachtet, welche 
einem ankommenden Kranken beim Ausziehen behilflich war; in 
diesem Fall ließ sich eine Inkubationszeit von 5—8 Tagen an- 
nebmen. In letzter Zeit mehren sich Berichte darüber, daß die In¬ 
fektion auch durch die unverletzte Haut hindurch erfolgen kann, 


daher ist Vorsicht bei Blutuntersuchungen notwendig. Die Blut¬ 
untersuchung ergibt beim Rückfallfieber sekundäre Anämie mit 
einer Erythrozytenzahl um 2% Millionen herum und einen Hämo¬ 
globingehalt von 55 bis 40% nach Sahli. Die Zahl der Erythro¬ 
zyten sinkt besonders im Anfall stark ab, die Zahl der weißen 
Blutkörperchen beträgtjlO- bis 15.000. Das Blutbild zeigt eine poly¬ 
morphkernige neutrophile Leukozytose, im Relaps eine geringe re¬ 
lative Lymphozytose. Charakteristisch ist das Auftreten von Blut¬ 
plättchen, Spirillen sind am ersten Tag des Anfalles spärlich, im 
fieberfreien Intervall konnten keine Spirillen nachgewiesen werden. 

. R. Kolisch stellt einen Soldaten mit Typhus recurrens 
vor. Pat. ist aus dem Süden eingeliefert worden, er erkrankte unter 
Schüttelfrost, hohem Fieber und leichter Bronchitis und hatte starke 
Gliederschmerzen sowie eine Druckempfindlichkeit der Muskulatur. 
Die Milz war sehr groß und ziemlich weich, jetzt im fieberfreien 
Stadium ist sie kleiner und etwas härter; die erhöhte Konsistenz 
der Milz ist wahrscheinlich auf eine überstandene Malaria zurück- 
zufübren. Die Fieberkurve verläuft in typischer Weise: plötzlicher 
Anstieg auf 40°, durch 4 Tage hohes Fieber mit Remissionen bis 
auf 38 5°, am 6. Tage plötzlich Abfall auf 36° ohne Kollapser¬ 
scheinungen bei vollständigem Wohlbefinden. Nach einem fieber¬ 
freien Intervall von 8 Tagen plötzlich wieder Fieber bis 40 5° und 
dann wieder Abfall. Im Blute finden sich Spirillen. 

G. Ko hier berichtet, daß in den an Serbien angrenzenden Ge¬ 
bieten Bosniens vor einigen Jahren zirka 12.000 Fälle von Rückfallfieber 
beobachtet wurden, welche mit hochgradigen Glieder- und Muskelschmerzen 
einhergingen. In vielen Fällen kam es zu ausgedehnten Eiterungen der 
Haut und tieferer Gebilde sowie der Schleimhäute, so daß sogar anfäng¬ 
lich Verdacht auf Rotz bestand. Die Blutuntersuchung ergab immer 
Spirillen. Es kamen auch Fälle mit Pneumonie vor. Die Mortalität be¬ 
trug zwischen 12 und 20%, der Tod erfolgte meist an sekundären In¬ 
fektionen. Bei der Obduktion fanden sich schwere Eiterungen in den 
inneren Organen, insbesondere in der Leber und in der Milz. Schaudinn 
hat im Jahre 1904 während dieser Epidemie Versuche über die Übertrag¬ 
barkeit des Rückfallfiebers angestellt; es gelang ihm nicht, die Krankheit 
durch Wanzen zu übertragen, ebensowenig Provazek. Es ist aber nicht 
daran zu zweifeln, daß das Rüekfallfieber durch Parasiten übertragen 
wird. Es gelang nachzuweisen, daß die Epidemie durch Kleider an Rück¬ 
fallfieber verstorbener Personen übertragen wurde; sobald diese Kleider 
vernichtet wurden, flaute die Epidemie sofort ab. 

M. Engländer hat im Reservespital Nr. 7 in Kagran mehrere aus 
Serbien eingelangte Rekurrensfälie beobachtet. Wichtig ist die Reinigung 
der Pat. von Ungeziefer. Die Diagnose ist im ersten Fall nicht leicht 
zu stellen. In seinen Fällen wurde Schmerzhaftigkeit der Muskulatur, 
der Milz und Leber beobachtet, besonders schmerzhaft waren die M. recti. 
Hervorzuheben ist, daß die Herztöne im Anfall sehr leise waren und 
daß in einer Reihe von Fällen das Auftreten von Miliaria crystallina be¬ 
obachtet wurde. 

M. Weinberger fragt, wieviel Anfälle bei einem Patienten im 
ganzen beobachtet wurden. 

X. Ortner fragt, ob eine Untersuchung über die Erreger der Eite¬ 
rung angestellt wurde. 

Fr. Wechsberg erwiderte, daß es ihnen nicht möglich war, alle 
Anfälle zu beobachten; aus der Anamnese und der Krankengeschichte 
ergibt sich, daß höchstens 6 Anfälle vorkamen. Die Art der Uebertragung 
steht noch nicht absolut fest; einem russischen Arzte gelang jedoch die 
Uebertragung des Rückfallfiebers auf Affen durch Wanzen. Koch hat 
nachgewiesen, daß die amerikanische Form der Rekurrensspirillen durch 
Zecken übertragen wird, welche in trockenem Erdboden leben. Die Spi¬ 
rillen bleiben in den Ovarien der Zecken bis l 1 /, Jahre lang lebend, die 
aus den gelegten Eiern ausschlüpfenden Jungen werden von den Spirillen, 
die mit den Eiern nach außen entleert wurden, infiziert und man kann 
so die Spirillen durch mehrere Generationen fortzüchten. 

Fr. Bass stellt aus der Abteilung Schlesinger einen 
23jährigen Soldaten mit einer Lähmung des linken Hals* 
Sympathikus und mit Schuß Verletzung des Larynx vor. Pat- 
erlitt eine Schuß Verletzung der linken Halsseite, im Auswarf fand 
sich etwas Blut und der Kranke hatte Schmerzen beim Schlucken. 
Nach 3 Wochen stellte sich Heiserkeit ein, welche in vollständige 
Aphonie überging; diese ist auf eine Verletzung des Larynx 
zurückzuführen, welche zu hochgradiger Stenose und zum respira¬ 
torischen Stridor geführt hat; vom Aryknorpei und vom Schild¬ 
knorpel wuchern Granulationen, welche die Stimmbänder zum größten 
Teil überlagern. Pat. zeigt eine Lähmung des linken Halssym¬ 
pathikus: die linke Lidspalte und die Unke Pupille sind eng, 
letztere reagiert und erweitert sich auf Adrenalin. 

H. Schlesinger stellt einen Offizier vor, bei welchem zwei 
Monate nach einer Schußverletzung des linken Plexus brs* 
chialis mit nachfolgender totaler motorischer und sensibler 
Lähmung eine spontane Abstoßung der Nägel im Ausbrei* 
tungsgebiete des M. medianus sich entwickelt hat. Da die Ab- 


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31. Januar. 


1915 - ME Ol ZINISCHK KLINIK — Nr. 5. 


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stoßnDg zu derselben Zeit begann, zu welcher die sensible Funk¬ 
tion wiederkehrte, spricht dieses Verhalten für die Ansicht Cas- 
sieres, daß die trophischen Impulse durch die gleichen Nerven 
geleitet werden wie die sensiblen Empfindungen, aber in umge¬ 
kehrter Richtung. Der Fall zeigt, daß auch an vollständig ge¬ 
lähmten Extremitäten das Nagelwachstum weiterhin stattfindet. 

E. Freund bemerkt, daß bei Nervenlähmungen oft nur eine Braun- 
flrbung der Nägel vorkommt. In einem Fall kam eine solche Braun- 
färbung &uch an den nicht verletzten Fingern vor, es lag also wahr¬ 
scheinlich eine Reflexwirkung vor. In einem Fall von Plexuslähmung 
hm es zu einer Hypertrichosis. die Nägel waren braun gefärbt und 
etwas länger gewachsen, aber nicht abgestoßen. 

Bauer hat Nageldeformitäten bei einem schweren Fall von Ba¬ 
sedow beobachtet. 

Beck fuhrt einen lOjIhrigen Knaben vor, bei welchem er 
vor 3 Jahren einen Schläfelappenabszeß eröffnet hat. Pat. hatte 
im Jahre 1911 eine linksseitige Otitis media suppurativa, nach 
3 Wochen mußte die Ausräumung des vereiterten Warzenfortsatzes 
durchgeführt werden. Der Verlauf war fieberlos und das Gehör 
kehrte wieder, Auffallenderweise heilte die Wunde schlecht und es 
entleerte sich aus ihr ein schleimig-eitriges Sekret. Nach 7 Wochen 
bekam Pat, starke Kopfschmerzen und der Gesichtsausdruck war 
stupid. Die Untersuchung ergab, daß das Tegmen tympani normal 
war, an der Wurzel des Processus zygomaticus saßen Granula¬ 
tionen, ebenso an einer Stelle der Dura in der mittleren Schädel- 
grobe. Es wurde die Dura gespalten und ein Schläfelappenabszeß 
eröffnet, in welchem sich zwei Kaffeelöffel Eiter befanden. Es 
wurde ein Drain eingelegt. Merkwürdig ist es, daß der Weg der 
Infektion nicht durch das Tegmen tympani, sondern um den Proc. 
zygomaticus herum ging. Es bestand keine Sprachstörung. Drei 
Wochen nach der Operation zeigte Pat. auf der kontralateralen 
Seite ein positives Babinskisches Phänomen, welches laDge be¬ 
stehen blieb. 

Gerstmann zeigt aus der Abteilung Schlesinger drei 
Biekenmarksverletznngen mit günstigem Ausgang. 1. Para¬ 
plegie der unteren Extremitäten nach Schußverletzung der Wirbel¬ 
säule. Die Reflexe waren erhöht, das Babinskische Phänomen 
vorhanden. Die Eiuschußöffnung saß in der rechten hinteren Axillar¬ 
linie in der Höhe der achten Kippe. Unterhalb der Spina scapulae 
war die Kugel zu tasten, sie wurde entfernt. Pat. hatte einen 
Hämatothorax und spontane Schmerzen in der Höhe des 5. bis 
6. Brustwirbel-Dornfortsatzes. Der Bauchdeckenreflex fehlte. Röntge¬ 
nologisch war die Wirbelsäule normal, obwohl die Andeutung von 
Brown-Söquardscher Lähmung für eine Läsion des 4. und 
*>. Dorsalsegmentes sprach. Die Lähmung besserte sich langsam, 
es mußte sich um eine Kompression des Rückenmarkes handeln. 
Auch im zweiten Fall handelte es sich um eiue Kompression des 
Rückenmarkes nach Schußverletzung. Der Einschuß war auf der 
rechten Seite unterhalb der Spina scapulae. Die unteren Extremi¬ 
sten waren schlaff gelähmt, die Sehnenreflexe nicht auslösbar, es 
bestand Retentio urinae et alvi, später Inkontinenz. Es war eine 
Sensibilitätsstörung von Brown-Söquardschem Typus nachweis¬ 
bar, auf der rechten Seite Hyperästhesie, auf der linken Hyp- 
ästhesie. Der untere Bauchdeckenreflex war nicht auslösbar. Der 
Symptomenkomplex wies auf eine Läsion im Bereiche des 11. und 
12. Brustsegmentes hin. Die Röntgenuntersuchung ergab eine 
Schrapnellkugel, die zwischen dem 10. und 11. Brustwirbel zur 
Hälfte in den Wirbelkanal hineinragte; sie wurde von Föderl 
extrahiert. Die rechte Rückenmarkshälfte war von dem Geschoß 
komprimiert und in der Dura war ein kleiner Schlitz. Pat. hatte 
auch einen Pneumothorax, welcher später vereiterte. Nach 3 Wochen 
trat eine Besserung ein, zuerst kehrten die Patellarsehnenreflexe 
zurück, dann verwandelte sich die schlaffe Lähmung in eine 
spastische, die Reflexe waren hochgradig gesteigert und dann 
w urde die Motilität gebessert, so daß Pafc. jetzt mit Krücken gehen 
kann. Die Retentio urinae et alvi ist geschwunden. 3. Rechts¬ 
seitige Lähmung und Hämothorax nach Verletzung in der Gegend 
dfö 7. Halswirbels. Die Motilität des rechten Beines hat sich ge- 
b^ert, an der rechten oberen Extremität bestand sie länger. 
Außerdem waren auf der linken Seite Hyperästhesie, Hypalgesie 
und Thermobypästhesie von den Zehen bis zum 3. Dorsalsegment, 
fechts Hyperästhesie vorhanden. Bei der Röntgenuntersuchung er¬ 
wies sich die Wirbelsäule als unverletzt. Man könnte annehmen, 
daß ein Knochenfragment im Wirbelkanal das Rückenmark kom¬ 
primiert. H. 


Kriegschirurgischer Abend im Garnisonspital Nr. IG 
in Budapest. 

Sitzungen vom 28. November und 12. Dezember 1914. 

St.-A. K. v. Feistmantel: Typhus und Heilserum. Die 
Frequenz der Typhusfälle nimmt in unserer Armee progressiv zu. 
Während im deutschen und französischen Heer Schutzimpfungen 
vorgenommen worden sind, haben wir diesbezüglich erst jetzt eine 
dringliche Vorstellung an das Kriegsministerium gerichtet, deren 
Erledigung noch aushaftet. Vortr. stellt die Typhusvakzine irn Labo¬ 
ratorium des unter Kommando des O.-St.A. Dr. L. Gerstl stehenden 
Garnisonspitales nach eigener Methode her, die er zwecks Er¬ 
probung der Größe der Reaktion an sich selbst ausprobiert hat. 
Er nimmt einen Stamm mit schwacher Virulenz und wäscht die 
24stündige Agarkultur in physiologischer Kochsalzlösung ab, in¬ 
aktiviert IV 2 Stunden in 60° Wasserbad und fügt V 2 °/oigö Karbol- 
lösung hinzu, ln 1 ccm sind beiläufig 2 Milliarden Bazillen enthalten. 
Sein Verfahren bildet eine Modifikation der Kolleschen Vakzine¬ 
bereitung, mit der er die Größe der Reaktion herabzusetzen 
bestrebt ist. Zur ersten Impfung verwendet er V 2 ccm, zur zweiten 
nach einer Woche 1 ccm Material. 

E. Frey: Hysterische Ataxie der Extremitäten. Ein 
29 Jahre alter Soldat, vor 2 Tagen vom nördlichen Kriegsschau¬ 
platz rückgekehrt. Ataxie der oberen und unteren Extremitäten 
mit inselförmiger Anästhesie, sonst normaler Befund. Lues, Alko- 
holabusus fehlt. Für die hysterische Genese spricht das rasche 
Auftreten und das Intaktsein der Patellarreflexe. — Derselbe: 
Nervensystem und Krieg. Hirnverletzungen gleichen denen in 
Frieden; Kleinhirn- und Rückenmarkverletzungen sind seltener zu 
beobachten. Bei Verletzung peripherer Nerven dominieren jedoch 
stets Symptome der sensiblen Sphäre, wie dies die häufigen und 
ständigen Gefühlsstörungen zeigen. Die funktionellen Neurosen 
gruppiert er: 1. in neurasthenische, 2. eigentlich traumatische 
Neurosen, 3. in verschiedene Formen der traumatischen Hysterie, 
4. sogenannte katatonische Stuporfäile. Als ständiges Symptom 
fand er bei allen Formen die sklerale Anästhesie, kardiovaskuläre 
Erscheinungen, Tremor universalis und gestörten Schlaf. Die 
wüsten Träume des letzteren stehen stets in Beziehung zu den 
überlebten Kriegsereignissen. Alle funktionellen Nervenstörungen 
des Krieges sind gutartig. 

St.-A. L. Gadänyi: Ueber Brüche und Verletzungen 
des Unterkiefers. Sie sind sehr häufig — betragen 3—4°/ 0 der 
GesamtverletzuDgen — und verlaufen schwer, weil, von ständigem 
Eiterspeichelfluß abgesehen, die Ernährung der Pat. leidet. Nach 
2—3tägiger Mundtoilette macht er einen Gipsabguß, wendet an 
Stelle des Bruches eine Distraktionsschiene an, fixiert das Os 
mandibulae mit entsprechender Artikulation, wodurch die Möglich¬ 
keit der Ernährung gesichert ist. Der chirurgische Eingriff besteht 
in Entfernung der nekrotischen Trümmer und der Granulationen, 
andrerseits werden durch osteoperiostale Plastik die Bedingungen 
der Knochenregeneration geschaffen. Vorstellung von 5 geheilten 
Fällen. 

G. Frank: Ueber G&sphlegmone. Neben Tetanus die 
schwerste Infektion. In einem auf der Abteilung des Chirurgen. 
M. Schächter beobachteten Fall schwoll der Unterarm auf das 
Vierfache an, es bestand hohes Fieber, Gelbsucht, kleiner Puls, 
ausgebreitete Gangrän. Gegen letztere wandten sie ein Dauerbad 
in Kalibypermanganlösung an, worauf Radius und Ulna entblößt 
freilagen, Granulationen üppig emporsprossen; nach 2 Monaten 
war der Arm gebrauchsfähig geheilt. Einen ähnlichen Triumph der 
gleichen konservativen Behandlung sahen sie bei Gasphlegmone 
einer durch eine serbische Komitatschi-Kugel verletzten Extremität. 

E. Neuber: Gangraena penis. Es schloß sich allgemeine 
Sepsis an. Neben lokal-aseptischer Behandlung dreimal in wöchent¬ 
lichen Intervallen 0,3 g Salvarsan,. worauf binnen 2—8 Wochen 
Heilung. 

J. K epp ich: Operierter Fall von Lebereehinokokkns. 
Die interne Diagnose stellte B. Molnär. Das Leberparenchym war 
nur an den Rändern als kaum —1 cm dicke Schichte vorhanden, 
im übrigen zerstört. Exstirpation fast des ganzen linken Leber¬ 
lappens samt der Gallenblase. Glatter Verlauf. — Derselbe: 
Fall von Sprachstörung nach Schädelverletznng. Nach vier¬ 
tägiger Bewußtlosigkeit entstanden. Außer Sprachstörung keine 
motorische oder sensible Ausfallserscheinung. Röntgen zeigt Kno¬ 
chenimpression in der Schläfengegend entsprechend der außen sicht¬ 
baren Narbe. Bei der Trepanation worden zwei einzelne 1 cm lange 
Knochensplitter in der Hirnrinde und mehrere kleinere Splitter 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



146 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5. 


31. Januar. 


entfernt, allmähliche Einstellung der Sprache. — Derselbe: 
BlasenpapHlom. Seit 5 Jahren Urinbeschwerden, im Kriegslager 
schwere Blasenblutungen. Bei Spiegeluntersuchung ein neben der 
linken Ureteröffnung sitzendes Papillom. Sectio alta; nach Stiel¬ 
unterbindung mit KatgutExstirpation. — Derselbe: Aneurysmen. 
3 brachiale, 1 hypogastrisches, 2 femorale, 3 tibiale Aneurysmen. 
Er kommt zu dem Schluß, daß nach außen blutende, mit Hämatom 
verbundene Fälle, namentlich boi Fiebereintritt, je früher zu ope¬ 
rieren sind. Konservative Behandlung gibt nur temporären Erfolg, 
ja die später meist in die Erscheinung tretenden neuerlichen 
Blutungen lassen den operativen Eingriff nicht umgehen. 

M. Schächter: Von ihm beobachtete und von seinem Assistenten 
F. Wonnesch vorgestellte 12 Fälle repräsentieren eine so große Zahl, 
daß die Aneurysmen zu den wichtigsten Kriegsverletzungen zählen, ln 
Spitälern gelangen während Jahrzehnten nicht so viele traumatische Aneu¬ 
rysmen zur Beobachtung. Stets betaste man die verletzten Teile, denn ein 
Uebersehen des Aneurysmas kann verhängnisvolle Folgen haben. S. 

Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den off. Verlustlisten. 

1. Tot: 

O.-A. d. R. Dr. Felix Seligmann, I.-R. Nr. 52 (Liste Nr. 106). 

2 . Verwundet: 

A.-A. Dr. Karl Greif. I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 106). 

A.-A. d. Res. Dr. Zoltan Nagel. I.-R. Nr. 93 (Liste Nr. 110). 

A.-A. Dr. Josef Lengyel, I.-R. Nr. 80 (Liste Nr. 111). 

3. Kriegsgefangen: 

R.-A. Dr. Emmerich Török, H.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 106). 

R.-A. Dr. Franz Scheuchet*, Lst.-I.-R. Nr. 3 (Liste Nr. 107). 

A.-A. Dr. Jenö Kallos, u. Lst.-I.-R. Nr. 6 (Liste Nr. 109). 

Arzt Dr. Sokrates Alexandrides aus Wien (Rußland — Liste 
Nr. 112). 

Arzt Dr. Gustav Dinolt aus Wien (Rußland — Liste Nr. 112). 

R.-A. Dr. Eugen Gänger, U.-R. Nr. 5 (Rußland — Liste Nr. 112). 

Arzt Dr. Ernst Gross mann aus Wien (Rußland — Liste Nr. 112). 

A.-A.-St. Dr. Lothar v. Ilofmann, I.-R. Nr. 59 (Rußland — Liste 
Nr. 112). 

Arzt Dr. Stefan v. Kalicki aus Galizien (Rußland — Liste Nr.112). 

A.-A. Dr. Je. Kar dos, I.-R. Nr. 45 (Rußland — Liste Nr. 112). 

* * 

* 

Aus Berlin wird uns geschrieben: Der Ernst des Krieges 
tritt jetzt mehr und mehr auch in den allenthalben sich regenden 
Bestrebungen zutage, die Ernährung den veränderten Verhält¬ 
nissen anzupassen, und auch die Aerzte treten geschlossen als 
Apostel dieser veränderten Lebensführung auf, von der richtigen 
Erkenntnis ausgehend, daß der Arzt in erster Linie berufen ist, 
Fragen der Ernährung — auch solche, die der Krieg geschaffen 
hat — dem Verständnis des großen Publikums näherzubringen. 
Unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Prof. Dr. Kirchner 
hat sich ein Kriegsausschuß für Volksernährung gebildet, 
in welchem der Aerzteausschuß von Groß-Berlin, ferner der Natio¬ 
nale Frauendienst, die Zentralkommission der Krankenkassen und 
andere Organisationen vertreten sind. In Aussicht genommen sind 
belehrende, aufklärende Vorträge und praktische Kochdemonstra¬ 
tionen. Der bekannte Physiologe Geheimrat Rubner, der in dieser 
national-ökonomisch wichtigen Frage bereits mehrfach das Wort 
genommen und weiten Kreisen, die von Kriegskost und anderen 
notwendigen Dingen noch immer nichts wissen wollen, das Ge¬ 
wissen geschärft hat, ist auf Ersuchen des Ausschusses daran ge¬ 
gangen, die Aerzte und die bei den praktischen Demonstrationen 
tätigen Damen mit der Materie vertraut zu machen. Geplant ist 
ferner die Verteilung von populär gehaltenen Merkblättern und 
von Kochrezepten mit Angabe der Preise. — Die Honorierung 
der im Militärdienst stehenden Zivilärzte ist von der Vor¬ 
gesetzten Behörde nunmehr fest geregelt, nachdem man sich dazu 
verstanden hat, gewisse im Anfang zutage getretene Härten zu 
beseitigen. Es erhalten die Zivilärzte bei mobilen Formationen 
neben Naturalquartier und Feldkost eine entsprechende Geld¬ 
entschädigung und Fuhrkostenentschädigung für die Reisen nach 
und von ihren Verwendungsorten in Höhe der wirklich entstan¬ 
denen Kosten, einer Einkleidungsbeihilfe von 300 Mk. bei unbe¬ 
rittenen, von 500 Mk. bei berittenen Truppen, allgemein ein monat¬ 
liches Gehalt von 655 Mk. Bei immobilen Truppenteilen neben 
einer Einkleidungsbeihilfe von 200 Mk. Taggelder in Höhe von 
15 Mk. bei Verwendung im Heimatsorte, von 18 Mk. bei Verwen¬ 
dung außerhalb desselben. _ 

(Milit&rärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor 
dem Feinde ist dem F Gen.-St-A, T Dr. R. v. Töply, Sanitätschef des 


3. Armee-Etappenkomdo., das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens 
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. B. 
D rast ich, Sanitätschef des 17. Korps, der Orden der Eisernen 
Krone IH. Kl. mit der Kriegsdekoration, dem 0.-St.-A. n. Kl. 
Dr. K. Hawelka, Sanitätschef der 6.1.-Div., den St.-Ae. Doktoren 
G. Altschul des I.-R. Nr. 97, A. Beigel, Kommandanten der 
Landsturmbrigade San. - A. Nr. 35, A.-A. Dr. M. Jelaöa der 
13. Gebirgsbrigade das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am 
Bande des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A.a.D.Dr. V. HolleSek, 
dem O.-A. Dr. M. Fuchs des I.-R. Nr. 22, A.-A. Dr. F. Dohnal des 
51. Lst.-B., denA.-Ae. d. Res. DDr. E. Szepesi des I.-R. Nr. 16, 
E. Sandor, L. Schmidt und M. Szigeti des I.-R. Nr. 38, dem 
A.-A.-St. d. R. Dr. A. Szekely des I.-R. Nr. 85 das Goldene Ver¬ 
dienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem 
A.-A. d. Res. Dr. R. Lang des Div.-Trainkmdo. Nr. 14 das Goldene 
Verdienstkreuz mit der Krone verliehen, den R.-Ae. DDr. F. Popn 
des I.-R. Nr. 5, R. Bilas und Nr. Goldstein des L.-I.-R. Nr. 20 
die a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. 

(Kriegschirurgischer Tritschtratsch.) In Nr.4 unseres 
Blattes haben wir den Zwischenfall gekennzeichnet, der auf die be¬ 
sorgte Polypragmasie eines Wiener Historikers zurückzuführen war. 
Die k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien hat nun in ihrer vor¬ 
wöchentlichen Sitzung eine Resolution einstimmig gefaßt, die den¬ 
selben Standpunkt vertritt, dem wir Ausdruck zu geben uns be¬ 
rufen fühlten. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: 

„Die k. k. Gesellschaft der Aerzte gibt ihrem lebhaften Be¬ 
dauern Ausdruck, daß in einer vielgelesenen Wiener Tageszeitung 
unter dem Titel ..Notwendige und überflüssige Operationen“ eine 
Kundgebung eines dem Lehrkörper der philosophischen Fakultät an¬ 
gehörenden l'niversitntsprofessors Aufnahme finden konnte, durch 
welche im Publikum die durch nichts begründete Meinung auf- 
kommen konnte, daß die zurzeit in der Friedens- und Kriegs¬ 
chirurgie mit so großem Erfolge befolgten Grundsätze des konser- 
vativen Verfahrens von seiten der österreichischen Aerzte in 
geringerem Maße befolgt würden als dies anderwärts der Fall ist. 
Ganz abgesehen davon, daß an der Entwicklung und dem Ausbau 
dieser Praxis gerade österreichische Chirurgen in Wort und Schrift 
seit jeher richtunggebend und besonders verdienstlich mitgewirkt 
haben, liegt in einer derartigen, wenn auch unter gewissem Vorbe¬ 
halte erhobenen Anschuldigung eine nicht genug zu ver¬ 
dammende Beunruhigung des Publikums, für die gerade der 
gegenwärtige Zeitpunkt besonders schlecht gewählt ist, durch welche 
aber zugleich den Aerzten ihre ohnehin so schwere und verantwor¬ 
tungsvolle Arbeit in durch nichts zu rechtfertigender Weise erschwert 
wird. Die k. k. Gesellschaft der Aerzte ist überzeugt, daß die öster¬ 
reichische Aerzteschaft. unbeirrt durch derartige, zum mindesten 
höchst überflüssige, laienhafte Acußerungen sich wie bisher auch 
künftig lediglich die bewährten Grundsätze der Wissen¬ 
schaft, und Erfahrung bei der Behandlung der ihnen anver- 
trauten Verwundeten zur Richtschnur ihres praktischen Handelns 
dienen lassen wird.“ 

(Mängel des französischen Sanitätswesens.) Seit 
einiger Zeit werden von verschiedenen Seiten — trotz der streng 
gehandhabten Zensur nicht zuletzt von den französischen Blättern 
selbst — lebhafte Vorwürfe gegen die Handhabung des Sanitäts¬ 
dienstes im französischen Heer erhoben. Danach muß es um die 
Pflege und Behandlung der Verwundeten und Erkrankten recht 
übel bestellt sein. Der Pariser „Eclair“ veröffentlicht einen Teil 
eines umfangreichen Berichts, den der bekannte Chirurg Doyen 
den Mitgliedern des Parlaments zugesandt hat, um die schweren 
Mängel des französischen Sanitätsdienstes nachzuweisen und die 
Möglichkeit der Abhilfe zu zeigen. Der „Eclair“ erklärt, er müsse 
auf die Wiedergabe des angeklagten Teiles der Denkschrift 
Doyens verzichten und könne nur den Reformplan wiedergeben, 
da die Zensur die Veröffentlichung der beklagenswerten 
lösen Irrtiimer nicht gestatten würde. Die „Guerre sociale“ be¬ 
zeichnet Doyens Bericht als wichtige Enthüllung. Dieses Biat 
führt aus dem anklagenden Teil der Denkschrift eine Stelle an, 
wonach die große Sterblichkeit unter den französischen Ver¬ 
wundeten in den ersten Kriegsmonaten auf einen monumentalen 
Irrtum zurückzuführen sei, den ein Rundschreiben an die französi¬ 
schen Aerzte vom 10. August verursacht habe. Nach diesem Knmi- 
schreiben seien die Kriegswunden als aseptisch zu behände n, 
während nach Doyen die meisten infiziert seien. Das Unterlass 
rechtzeitiger Reinigung der Wunden habe viele Todesfälle verursac 

Sitzungs-Kalendarium. 

Mittwoch, 3. Februar, 7 Uhr. 'Wiener Laryngelogische 

Höreaal Chiari (IX., Lazarettgasse 14). 1. Administrative Sitzmt- 
2. Demonstrationen. A FpaIlk . 

Freitag, 5. Februar, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-, *raux 
gasse 8.) 


Urban k Schwaraenborg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redaktenr fQr Gstcrralch-Ungarn: Karl Urban, Wien, 
j Druck von Qottlieb QUtel & Cie., Wien, ITT-, HttuguM 8. "7,1 T 





Wien, 7. Februar 1915 


XI. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 


Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

FroflMMr Dr. Kurt Brandenburg 
Berlin 


Verlag von 

(Jrbun dt Schwarzenberg 
Wien 


INHALT: Die Yersorging der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Oberstabsarzt Prof. Dr. Uhlenhuth, Dr. Olbrich und Assistenzarzt 
Dr.Messerschmidt, Tvpliusverbreitung und Typhusbekämpfung im Felde (mit 4 Abbildungen). Dr. Franz Dedekind. Choleraimpfphlogmonen. Prof. 
Dr.Aleiander Ritsch 1, Orthopädisches in der Verwnndetenbehandlung (Schluß aus Nr. 5). Prof. Dr. Alexander Ritschl, Zwölf Gebote zur Verhütung 
>ie* Kriippeltums bei unseren Kriegsverwundeten. — Berichte Über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Reg.-Rat Prof. Dr. E. Heinrich 
Kin'h, Der Diabetes der Alternden. Dr. Disque. Die Milch in dev ärztlichen Praxis. — Aus der Praxis für die Praxis: Dr. K rummacher, Voll¬ 
kommener Ersatz des Benzins durch Carbonum tetrachloratum in der Chirurgie. — Referatenteil : Sam melreferat: Dr. Paul Re ck z eh, Neuere Arbeiten aus dem 
Gebiete der Versicherungsmedizin. — Aus den nenesten Zeitschriften. — Bächerbesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Bernfs- 
md StiBfafragea: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Deutsch-belgische Aerztevereinigung in Namur (Belgien). Aerztlicher Verein in Köln. — 

Klebte Mitteilungen. 

Dr VtrUf hkdU tkik im» tnutehü^ßUeh» Rsdä der VtrcUi/UHfu*f vmd V*rbr»it%m§ <Ur im dt «nt Zeit 'mehrift mm m Br m Mmm ff*ian f nd*n OrigimalbcUr&f vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Aas dom Laboratorium des beratenden Hygienikers bei der 

VIL Armee (Oberstabsarzt Prof. Dr. Uhlenhuth). 

Tfphnsrerbreltang und Typhusbekämpfung im 
Felde 1 ) 

von 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Ufalenhiith, Dr. Olbrich 
und Assistenzarzt Dr. Messersehmidt. 

»Der Krieg ist eine traumatische Epidemie.“ Ihre Erreger 
sind die Geschosse aus Stahl und Eisen, aus Kupfer und Blei. Mit 
illen Sinnen wahrnehmbar — sichtbar, hörbar und fühlbar — 
reißen sie mit unwiderstehlicher Gewalt in wenigen Augenblicken 
wahllos ihre Opfer zu Boden und richten grausame Zerstörungen 
m. Diese zu heilen, ist zunächst die wichtigste und vornehmste 
Aufgabe des Feldarztes. Aber noch in einer andern Richtung hat 
tor Arzt im Kriege Gelegenheit und die Pflicht, sich epidemio¬ 
logisch zu betätigen. 

Ganz eigenartige, kleink&librige Geschosse gibt es noch, die 
tod* und verderbenbringend im Lager der Feinde und Freunde 
ihre reiche, grausame Ernte zu halten pflegen. Klein und winzig 
io ihrer Erscheinung, dem bloßen Auge verborgen, durch keine 
Warfmaschinen geschleudert, aber dafür mit lebendiger Kraft 
begabt, dringen sie unmerklich und schleichend aus dem Hinter¬ 
halte heraus in den Körper ein und, indem sie sich hier mit un¬ 
heimlicher Schnelligkeit vermehren und vielfach deletäre Gifte 
absondern, rufen sie schwere Schädigungen im Organismus hervor 
oder richten ihn völlig zugrunde. Wenn auch die kleinsten, so 
sind sie doch die größten Feinde des Menschengeschlechts — und 
besonders der kämpfenden Truppen. Das lehrt uns die Kriegs¬ 
geschichte. Die durch diese Mikroorganismen hervorgerufenen 
Seöehen — Typhus und Cholera, Ruhr und Flecktyphus — sind 
die steten Begleiter der kämpfenden Heere gewesen und haben in 
der Regel mehr Opfer gefordert, als die Geschosse der Feinde. 

Noch im Jahre 1870 standen wir diesen Seuchen machtlos 
Pgwüber, da man ihre Ursachen nicht kannte. Besonders waren 
* Röhr und Typhus, die uns damals zu schaffen machten. 

Im Kriege 1870/71 wurden im deutschen Heere 74205 Typhus- 
arkrankungen gleich 91 pro Mille der Iststärke und 8904 Todes- 
,a " gleich 11 pro Mille der Iststärke beobachtet. Den 8904 Typhus- 
todesfällen gegenüber wurden nur 6000 Todesfälle an andern Krank¬ 
heiten beobachtet; 60 °/o der Verluste an Krankheiten sind also 
o2fl-^ en ^Phu8 zurückzuführen. An Ruhr erkrankten 1870/71 

M&nn (gleich 49 pro Mille) mit 2850 Todesfällen. 

Auch im jetzigen Kriege haben wir wieder mit diesen 
wachen zu rechnen. Aber dank den gewaltigen Fortschritten der 
Hygiene und Bakteriologie, die wir in erster Linie unserm Meister 
habert Koch verdanken, können wir diesen Feind mit Erfolg 

l ) Nach einem am 1. November 1914 In L. von Prof. Uhlenhuth 

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bekämpfen, wenn es auch nicht immer möglich ist, unter den un¬ 
günstigen hygienischen Verhältnissen, die der Krieg nun einmal 
schafft, diese Seuchen gänzlich zu verhüten und gänzlich aus¬ 
zurotten. 

In den Sommermonaten hatten wir zahlreiche Ruhr¬ 
erkrankungen, die aber fast ausnahmslos sehr leicht verliefen. 
Es handelte sich, wie wir feststellten, fast ausschließlich um die 
giftarme Y-Flexner-Ruhr. Wir selbst haben nur einen Fall der 
giftigen Shiga-Kruse-Ruhr beobachtet. Die Erkrankung war in der 
Regel so harmlos, daß die meisten Kranken dicht hinter der Front 
behandelt und nach acht bis zehn Tagen zur Truppe entlassen 
werden konnten. Nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl be¬ 
durfte der Aufnahme und längeren Pflege in den Seuchenlazaretten. 
Wegen der Harmlosigkeit der Krankheit konnte auf etwaige 
Bacillenträger, denen man im Frieden bisher eine besondere Auf¬ 
merksamkeit zuwendete, keine Rücksicht genommen werden. Die 
Ruhr erlosch denn auch verhältnismäßig schnell. 

Ganz anders mußte die systematische Bekämpfung des 
Typhus betrieben werden, der seit Anfang Oktober sich unter 
den Truppen, aber durchaus nicht in beunruhigender 
Weise, bemerkbar machte und jetzt dank den getroffenen Ma߬ 
nahmen fast völlig erloschen ist. 

Im folgenden wollen wir die Bekämpfung des Typhus in 
unserer Armee in großen Zügen auseinandersetzen, vorher aber 
über die Epidemiologie und Ausbreitung einige Angaben machen. 


I. Epidemiologie und Verbreitung. 

Wenn man sich ein klares Urteil bilden will über die Ent¬ 
stehung des Typhus unter unsem Truppen, so muß man zunächst 
den Zeitpunkt feststellen, wann die Infektion erfolgt ist. Berück¬ 
sichtigt man dabei, daß der Tag der Ansteckung zwei bis drei 
Wochen vor dem Erkranknngstage liegt und hat die Erkrankungs¬ 
daten aus den Truppenkrankenbüchern zur Hand, so sieht man, 
daß der Typhus in unserm Heere auf Infektion in Belgien und 
Nordfrankreich zurückzuführen ist. Mit Genugtuung konnten wir 
wahrnehmen, daß Fälle von Typhusinfektionen im Aufmarsch¬ 
gebiete kaum bekannt geworden sind. Der organisierten Typhus- 
bekämpfung im Südwesten des Reichs, die seit 1903 im Auf¬ 
marschgebiet eingerichtet und mit großer Energie durohgeführt 
wurde, ist es zu danken, daß hier der früher endemisch auf¬ 
tretende Typhus eine außerordentliche Abnahme zu verzeichnen 
hat. Um 56 °/ 0 ist die Typhusmorbidität trotz Anwendung ver¬ 
feinerter diagnostischer Methoden gesunken. Jede Ortschaft steht 
unter Kontrolle der (hygienisch-)bakteriologischen Untersuchungs¬ 
anstalten in Straßburg und Metz, in Saarbrücken und Trier, in 
Idar und Landau. Sie überwachen in steter Fühlung mit dem 
wissenschaftlichen Oberleiter dieser Anstalten, sowie dem Reichs¬ 
kommissar und dem zuständigen Kreisärzte die allgemeinen hygie¬ 
nischen Verhältnisse der Ortschaften, besonders auch die Wasser- 
Versorgung und Beseitigung der Abfallstoffe. Jedem Typhusfall, 
gehen sie nach und stellen an Ort und Stelle eingehende Br- 
B Original from 


UNIVERSITY OF IOWA 








150 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


mitilungen über seine Ursache an. Kranke, Verdächtige und ihre 
Umgebung werden bakteriologisch untersucht und alle Bacillen¬ 
ausscheider sorgfältig bis zur bakteriologischen Genesung isoliert. 
Die Wohnungen der Kranken werden desinfiziert und die Bacillen- 
träger instruiert und überwacht. Letztere sind besonders ge¬ 
fährlich. Es gibt im Frieden keine gesetzliche Handhabe, um sie 
zu isolieren, auch gibt es noch kein Mittel sie zu heilen, man 
kann sie nur zur Sauberkeit und Desinfektion ihrer Hände und 
Abgänge anhalten. Sie alle waren uns im Aufmarschgebiete 
genau bekannt; über jeden wird Buch geführt. In richtiger Er¬ 
kenntnis ihrer Gefahr für unsere Truppen haben wir durch An¬ 
trag bei der Vorgesetzten Behörde dafür Sorge getragen, daß sie 
beim Beginne der Mobilmachung sofort in geeigneten Anstalten 
interniert und so für unsere Soldaten im Aufmarschgebiet un¬ 
schädlich gemacht wurden. Wir stehen nicht an zu behaupten, 
daß gerade diese Maßnahme und die mühevollen Arbeiten der 
organisierten Typhusbekämpfung wesentlich dazu beigetragen haben, 
daß nicht schon im Beginne des Feldzugs unsere Truppen mit 
Typhus durchseucht worden sind. 

Anders als bei uns lagen die Verhältnisse in Feindesland. 
In Belgien und Frankreich ist der Typhus endemisch weit ver¬ 
breitet. Eine derartige systematische Bekämpfung, wie wir sie 
bei uns durchführen, besteht dort nicht, und die hygienischen 
Verhältnisse, die Beseitigung der Abfallstoffe, die Versorgung mit 
einwandfreiem Trinkwasser, sind in diesen Ländprn entschieden 
viel schlechter als bei uns. Unsauberkeit ist an der Tagesordnung, 
Aborte fehlen oder sind in verwahrlostem Zustande, Badeeinrich¬ 
tungen gehören zu den größten Seltenheiten, selbst in den Städten. 
Auf dem Lande werden die Fäkalien im besten Fall an oder auf 
dem Misthaufen entleert; gewöhnlich wird aber jede sich bietende 
Gelegenheit benutzt. Der Brunnen liegt vielfach unmittelbar neben 
dem Misthaufen, von der Beschaffenheit der Brunnen ganz zu 
schweigen. Die Straßen und Plätze sind ungepflegt und schmutzig. 
Selbst in den Schulgebäuden begüterter Gemeinden herrscht eine 
weitgehende hygienische Nachlässigkeit. 

Es ist daher gar nicht wunderbar, daß sich der Typhus 
nach Ueberschreiten der Grenze unter unsern Truppen verbreitete. 
Wie gesagt, schon auf dem Wege durch Belgien (mit der Bahn 
wie durch Marsch) sind Infektionen mit Typhus vielfach beobachtet 
worden. Bei der Schnelligkeit des Vorgehens war es nicht immer 
möglich, jedem einzelnen Falle methodisch nachzugehen. Nachdem 
dann aber unsere Operationen die Form eines Belagerungskriegs 
angenommen hatten, vermochten wir ausgedehnte systematische 
Nachforschungen anzustellen. Zunächst war es wichtig, über die 
Verbreitung des Typhus unter der Landbevölkerung Erhebungen 
vorzunehmen. Wir gingen in der Weise vor, daß wir im Gebiet 
unserer Armee nach und nach sämtliche Ortschaften im Ope¬ 
rationsgebiete und in der Etappe einer genauen Durchsuchung 
unterzogen. Um darin eine gewisse Einheitlichkeit und Gleich¬ 
mäßigkeit zu gewährleisten, hielten wir uns an ein bestimmtes, 
von uns entworfenes Schema: 

Leitsätze 

für die örtlichen Ermittlungen nach Typhus und die Ausfindigmachung 
von Bacillen trägem. 

1. Der französische Laie unterscheidet je nach der Dauer der 
Erkrankung, ihrer Schwere nnd den vorherrschenden Symptomen; 

a) le typhus, 

b) le petit typhus, 

c) Ia fievre typhoide, 

d) la fievre muqueuse, 

e) la fievre gastrique, 

f) la fievre mauvaise, 

g) la congestion cerebrale, 

h) la meningite (= unaerra Meningotyphus). 

2. Alle diese Erkrankungen gelten nach unsern Begriffen als 
Typhus beziehungsweise in hohem Grade typhus verdächtige Erkran¬ 
kungen. 

3. Eine Ortskarte findet sich für gewöhnlich auf dem Bürger- 
ineisteramte. Dieselbe durchpausen, gegebenenfalls verkleinern. Nur die 
Wohnhäuser einzeichnen, die Kirche, die Schule, die öffentlichen 
Wasserläufe, die öffentlichen Brunnen, die öffentlichen Waschstellen, 
gegebenenfalls noch Fabriken und dergleichen. 

° 4. Da die öffentlichen Straßenbezeichnungen und die Haus¬ 

nummern gewöhnlich fehlen, die Straßenbezeichnungen an den Ecken 
mit Kreide oder dergleichen anbringen und die Häuser mit Kreide 
oder dergleichen nummerieren, Links ungerade Nummern, rechts 
»erade Nummern. Bei Querstraßen von der Hauptstraße anfangen, 
bei PnralJelstraßen zur Hauptstraße in derselben Kichtung wie die 
Hauptstraße. 

5. Ein Heft (Schulheft, Kollegheft) mitnehmen. 


6. Jedes einzelne Haus betreten. 

7. In das Heft die Straße und Hausnummer eintragen. 

8. Danach den Haushaltungsvorstand (Familienvater) mit Name, 
Vorname, Alter und Beruf eintragen. 

9. Weitherhin die Anzahl der Erwachsenen und die Anzahl der 
Kinder angeben (als Kinder rechnen alle bis zum vollendeten 
15. Lebensjahre). Dienstboten, im Hause wohnende Lehrjnngen, 
Gesellen, Großeltern und dergleichen nicht vergessen. 

10. Danach fragen, ob in dem betreffenden Hause Typhus oder 
eine typhusähnliche Erkrankung vorgekommen ist (vergl. Ziffer 1). 
feststeilen, ob zurzeit jemand krank ist oder vor kurzem krauk war. 
Dann zurückgehen auf den verflossenen Teil von 1914, auf das Jahr 
1913, das Jahr 1912 usf. bis soweit, wie die Erinnerung der 
Leute reicht. 

11. Todesfälle genau angeben: Jahr, Monat, Tag, Alter des 
Verstorbenen, Dauer der Krankheit. 

12. Alles das ins Heft eintragen, auch allgemeine Angaben (bei 
uns sterben jedes Jahr soundso viel Leute an Typhus. — Beim 
Nachbar so und so w r aren auch so und so viele Idente damals 
krank. — In derselben Straße waren damals der und der gleich¬ 
zeitig, vorher, nachher auch so krank). 

13. Alle auf Typhus beziehungsweise Typhusverdacht (dabei 
sehr weitgehend) passenden Angaben ira Hefte rot unterstreichen. 

14. Sobald dieser lückenlose Rundgang beendet ist und die er¬ 
forderlichen Eintragungen gemacht sind, die Häuser mit den rot 
unterstrichenen Angaben nochmals ganz genau vornehmen. 

15. Eine namentliche Liste aller Mitglieder des Hausstandes 
beziehungweise des Hauses anlegen (dafür am besten ein zweites 
Heft nehmen), Name, Vorname, Alter, Beruf eintragen, bei jedem ein¬ 
zelnen fragen, ob und wann und wie lange krank gewesen, wenn auch 
nur leicht oder ganz leicht krank. 

16. Die Namen der Erkrankten oder Krankgewesenen blau 
unterstreichen. 

17. Nach Erkrankungen in der Verwandtschaft, Freundschaft, 
Nachbarschaft, in derselben Straße, derselben Arbeitsstätte forschen. 

18. Ueber alles genaue Vermerke machen. 

19. Erst danach Blutentnahme vornehmen, und zwar nur bei Er¬ 
krankten, Krankgewesenen und Krankheitsverdächtigen aus den Jahren 
1914,1913 und 1912. Den Leuten sagen, daß die Sache nicht schmerzhaft, 
nicht gefährlich ist und daß es sich um eine „Blutanalyse“ lmndelt. 

20. Blutentnahme am besten in folgender einfachen und objektiv 
ganz harmlosen Form. Man reibt zunächst die Spitze eines kleinen 
spitzen Skalpells mit Spiritus gründlich ab und legt sich das Messer, 
mit der Spitze frei, zum Eingreifen bequem zurecht. Mit demselben 
Spirituswattebiiusch reibt man das linke Ohrläppchen vorn, unten und 
hinten gründlich ab. Alsdann trocknet man das Ohrläppchen mit 
reiner (steriler) Watte ab und zwängt dabei das Ohrläppchen gut 
zwischen die reibende Watte, um eine gewisse Hyperämie desselben 
zu erzeugen. Danach faßt man das Ohrläppchen mit linker Zeige¬ 
fingerspitze von vorn, mit linker Daumenspitze von hinten, drückt 
die Fingerspitzen etwas gegeneinander und macht am Rande des Ohr¬ 
läppchens schnell den kleinen Einstich. — An Stelle eines spitzen 
Skalpells kann man auch den sogenannten Frank eschen Schnepper 
benutzen oder eine Stahlfeder mit halber Spitze. Nunmehr fängt inan, 
mit der linken Zeigefinger- und linken Daumenspitze etwas melken:!, 
Tropfen um Tropfen das austretende Blut in dem kleinen sterilen 
Spitzgläschen auf, bis dieses zu dreiviertel voll ist. Stockt das Aus¬ 
tropfen einmal, so genügt es, das Ohrläppchen nochmals mit reiner 
(steriler) Watte etwas abzureiben, es dabei mit der Watte leicht ein¬ 
zwängend. Auf diese Weise gelingt es, ohne Gekreisch und ohne 
Geschrei, selbst kleinen Kindern genügend Blut zu entnehmen. Dabei 
weniger reden, mehr rasch und kurz handeln. Die Blutprobe gut 
verschließen und gut bezeichnen (vergl. Anweisung für Entnahme und 
Versand von Untersuchungsmaterial). 

2t. Genau in derselben Weise jedes einzelne Typhus- oder 
typhusverdächtige Haus bearbeiten, von Straße zu Straße. Immer 
möglichst genaue Angaben eintragen. . 

22. Den Bürgermeister, den Ortsgeisllichen, die Lehrer und 
I^ehrerinnen nach Krankheitsfällen, Todesfällen usw. ausforschen. 

23. Die Schulversäumliste durchsehen, Auszüge machen und 

den betreffenden Fällen nachgehen. , 

24. Die amtliche Sterbeliste durchsehen, Auszüge machen und 

den betreffenden Fällen nachgehen. . . 

25. Beim Bürgermeister feststellen: Einwohnerzahl (im Frieden, 

Zahl der Zurückgebliebenen), Zahl der Schulkinder, Zahl und Art der 
Gewerbebetriebe, Milchversorgung, Fleischversorgung, Zahl und A 
der öffentlichen und Privatbrunnen. T ... 

26. Feststellung der Einquartierung. Namentliches Verzeichnis 

der jetzigen für jedes Typhushaus beziehungsweise jedes typhusver- 
düchtige Haus. Nachforschungen nach der früheren Einquartierung, 
genaueste Berücksichtigung etwaiger Erkrankungen bei Militärpersonen, 
Beachtung der Inkubationszeit (zwei bis drei Wochen). . 

27. Eintragung der angegebenen Typhuserkrankungen mi 
kleinen roten Kreisen, der noch ermittelten Erkrankungen mit kleine 
blauen Kreisen in dem Wohnhausrahmen auf der Ortskarte. 

28. Ueberweisung aller frischen oder eben abgelaufenen hmn 
heitsfülle an das Absonderungshaus für französische Zivilpersonen. 


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1 . Febnar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


151 


29. Regelung des Versandes der Stuhl- und Harnproben an das 
Laboratorium des zuständigen beratenden Hygienikers (vergl. An¬ 
weisung für Entnahme und Versand von Untersuchungsmaterial). 

30. Stuhl- und Harnproben sind notwendig: 

a) von allen Personen, welche kürzlich Typhus überstanden 
haben und umhergehen (subakute Bacülenträger), 

b) von allen Personen, welche auch vor längerer Zeit, 
selbst vor Jahren Typhus überstanden haben (chronische 
Bacülenträger), 

c) von sämtlichen Mitgliedern desselben Hausstandes be¬ 
ziehungsweise desselben Hauses (gesunde Typhustrfiger). 


36. Laufende Desinfektionen, Schlußdesinfektionen anordnen und 
überwachen. 

37. Den gesamten Rundgang allwöchentlich wieder¬ 
holen. 


Auf diese Weise stellten wir fest, daß in zahlreichen Ort¬ 
schaften seit Jahrzehnten Jahr aus Jahr ein eine große Anzahl 
von Einwohnern an Typhus erkrankt, eine beträchtliche ihm zum 
Opfer gefallen war. Besonders waren die Kinder und die Zugezogenen 
betroffen, sodaß wir das bekannte Bild der Durchseuchung und 
lokalen Immunität vor uns hatten. Sogenannte „Typhushäuser“ 



31. Die Proben nach Ziffer 30 a und b sind allwöchentlich zu 
wiederholen, die Proben nach 30 c auf Erfordern des beratenden 
Hygienikers. 


32. Als Typhuserkrankungen rechnen alle von den Leuten 
.st als solche angegebenen Erkrankungen, alle noch ermittelten 
irgendwie verdächtigen Erkrankungen ohne Rücksicht auf den noch 
^gestellten Blutbefund. 

33. Bei der Einforderung der Stuhl- und Harnproben in den 
rammen darauf achten, daß an einem Tage nur je eine Stuhl- und 
Haruprobe, höchstens deren zwei verlangt werden, da sonst zu leicht 

«Wechslungen und Unterschiebungen entstehen. 

34. Holzhülsen vorher genau bezeichnen (vergl. Anweisung für 
Mitnahme und Versand von Untersuchungsmaterial). 

35. Die sogenannte Uebersichtsliste anlegen und peinlichst 
tfnw veiterführem 


fanden sich sehr häufig. Zu welchen Ergebnissen im einzelnen 
derartig exakt ausgeführte systematische Erhebungen führen, erhellt 
aus der beigefflgten Ortsskizze von D. (vgl. Plan Abb. 1). Als wir hin¬ 
kamen, waren auf Grund der einfachen Befragung des Bürger¬ 
meisters und beim bloßen Abgehen des Ortes vier verdächtige 
Kranke herausgefunden worden. Nach einwöchiger Arbeit 
unserseits stand bereits fest, daß unter den Häusern dieser Ort¬ 
schaft 75 als typhusverseucht anzusehen sind und daß der 
Typhus mindestens «eit dem Jahre 1858 in diesem Ort endemisch 
gehaust hatte. (Jodes Jahr sieben bis acht, bisweilen elf bis 
z*Ölf, in einem Jahre sogar 40 Todesfälle an Typhus.) Aehnlich 
verhielten sich andere Orte, z. B. B. mit 26 Typhushflusern, wo 
gleich bei der ersten Serie von Stuhl- und Harnproben zwei 
Bacillenträger festgestellt wurden. In A. f einem kleinen 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


J294 Einwohner im Frieden), aber stark belegten Orte wurde uns 
angegeben, daß der Typhus dort gänzlich unbekannt sei und daß 
alle Leute an Altersschwäche mit 80 Jahren und älter sterben; 
und doch fanden wir sofort unter den wenigen zurückgebliebenen 
Einheimischen zehn im höchsten Grade typhusverdächtige Fälle. 
So gelang es, einerseits ein untrügliches epidemiologisches Bild 
über den Ort zu gewinnen, anderseits häufig genug das Haus, 
die Familie zu ermitteln, in denen sich unsere Soldaten infiziert 
hatten. Die mühselige Arbeit der systematischen Stuhl- und 
Harnuntersuchungen brachte außer Typhuskranken vielfach Ba - 
cillenträger zum Vorschein. Unter andern wurde der 71jährige 
M. aus L., einem stark belegten Orte, der seinen Typhus 
im Jahre 1888 gehabt hat, und seine Ehefrau, die im Jahre 
1870 daran erkrankt war, als Dauerausscheider erkannt; 
ebenso wurde die 54 Jahre alte Nonne und Gemeindekranken¬ 
schwester Lucie B. aus W. als gesunde Typhusträgerin ermittelt. 
Je mehr Ortschaften in den Kreis dieser Ermittlungen gezogen 
wurden, um so öfter konnte festgestellt werden, daß auch Orte 
von Typhus betroffen waren, die niemals mit deutscher Ein¬ 
quartierung bedacht worden sind. Daraus geht akten¬ 
mäßig hervor, daß der Typhus in Nordfrankreich in der 
Tat endemisch herrscht und nicht etwa primär durch 
unsere Soldaten dort eingeschleppt ist. Es soll nicht ge¬ 
leugnet werden, daß auch hie und da vereinzelte Mannschaften 
als Bacillenträger ins Feld mitausgerückt sein können. Für die 
allgemeine Verbreituag und Entstehung des Typhus kommen sie 
nicht in Betracht. Die Ausbreitung des Typhus unter 
unsern Truppen fällt örtlich und zeitlich zusammen mit 
dem Betreten des endemisch verseuchten Gebiets. Müssen 
nun aber die Ortschaften solchen Gebiets mit Truppen belegt 
werden, so müssen sich naturgemäß unsere Soldaten infizieren, 
und zwar um so häufiger und eher, je mehr diese Orte in der 
Front liegen und unsern Leuten als Ruhequartier nach den Tagen 
im Schützengraben dienen. Die von Ort zu Ort ziehenden Ko¬ 
lonnen werden oft genug der Kriegslage entsprechend auch_ 

in solchen Typhusnestern verweilen müssen. Der Ansteckungs¬ 
stoff wird von ihnen hier aufgenommen und weiter ver-_ 

schleppt. Da und dort wird es notwendig, daß die Zivil- 

bevölkerung einer verseuchten Ortschaft, die unter^Feuer_ 

liegt, ihre Häuser verläßt und mit Kind und Kegel weiter- 
zieht; dann schleppen die Flüchtlinge das Typhusgift Überall hin, 
wo sie wieder festen Fuß fassen. Solche Wege konnten wir 
mehrfach genau verfolgen. 

Aus dem zerschossenen C. bei R., das die Bewohner selbst als 
typbusverseucht bezeichneten, kamen 85 männliche Personen nach T. bei 
M. Von diesen erkrankten bald nach ihrer Ankunft in T. acht mit zwei 
Todesfällen. Der Ort T., für sich typhusfrei und von den großen Heer¬ 
straßen ziemlich abgelegen, würde bald mit Typbuserkrankungen libersät 
worden sein, wenn wir nicht sofort alle Erkrankten nach unserm Ab¬ 
sonderungshause in D. (siehe unten) verlegt hätten. Die zu diesen 85 
männlichen Personen gehörigen etwa 200 Frauen und Kinder waren unter¬ 
wegs in V. zurückgeblieben und haben uns auch dorthin den Typhus 
gebracht. In einem Falle ließ sich nachweisen, daß sechs Erkrankungs¬ 
fälle mit einem Todesfall in einer Familie (Posthaus in dem sonst typhus- 
freien S.) darauf zurückzuführen waren, daß die Familie am 29. und 
30. August in dem bekannten Typhusorte J. übernachtet hatte. 

Zweifellos haben auch die französischen Soldaten, die im 
August in solchen Ortschaften lagen, auf ihrem Vormarsche nach 
Belgien das Typhuskontagium aus ihnen weiter verschleppt, wie 
es jetzt bei unsern Truppen und besonders bei den Kolonnen der 
Fall ist. Wir haben z. B. ein Husarenregiment von dem Tag an, 
der nach dem Ausbruche deB ersten Typhusfalles als Infektionstag 
dafür zu gelten hat, durch alle Quartiere verfolgt und akten¬ 
mäßige Feststellungen über die Verschleppung des Typhus in diesem 
Fall und ähnlichen gemacht. Am meisten schwebt in ständiger 
Typhusgsgefabr unsere Infanterie. In den engen Ruhequartieren 
nimmt sie leicht immer neuen Anstecklingsstoff auf und bringt 
ihn in die Schützengräben und in die Unterstände, wo der Kontakt 
noch inniger ist. 

Die Hauptgefahr für die Typhusverbreitung ist immer der 
bacillenausscheidende kranke, krank gewesene oder 
gesunde Mensch, der sogenannte Bacillenträger im weitesten 
Sinne. Auch nach den im Kriege gemachten Beobachtungen 
steht die Kontaktinfektion im Mittelpunkte des Interesses. 
Maßgebend ist die Art, wie mit den Fäkalien umgegangen wird. 
Hat sich der Mann nun in einer Ortschaft infiziert, so schleppt 
er seinerseits die Typhuskeime weiter, von Ort zu Ort, und steckt 
in erster Linie seine Kameraden, vielfach aber auch die noch typhus- 
f re i e Zivilbevölkerung an. Diese selbst wird wieder eine ernst¬ 


hafte Gefahr für die neuankommenden Truppen, die an- und ab¬ 
marschierenden zahllosen Kolonnen und so fort, sodaß ein echter 
Circulus vitiosus entsteht. 

Bei schnellem Vorrüoken der Trappen ist die Gefahr der 
Typhusverbreitung nicht so groß; es findet bald eine „Selbstreini¬ 
gung“ statt, insofern die Kranken und Kränklichen Zurückbleiben 
und die infizierten Quartiere verlassen werden. Anders bei län¬ 
gerem Liegen an einer Stelle. In den ständig belegten Ortschaften 
und in den Schützengräben wird die an sich schon größere Infek¬ 
tionsgefahr hauptsächlich durch Unsauberkeit erhöht. Einwand¬ 
freie Latrinen sind hier von größter Bedeutung. Die Forderung 
nach derartigen Latrinen ist im Beginne eines Belagerungskriegs 
nicht immer leicht zu erfüllen. Es ist verständlich, daß in den 
ersten Tagen jede Arbeit darauf verwandt wird, die Schützen¬ 
gräben auszuheben und zu befestigen. Es dienen dann draußen 
Granatlöcher meist als Latrinen. Da diese „Latrinen* wegen des 
feindlichen Feuers kaum anders als nachts zugänglich sind, kommt 
es leicht zur Absetzung der Fäkalien an nicht dazu bestimmten Orten, 
infolgedessen zur Beschmutzung des Schuhzeugs und, bei der häufig 
bestehenden Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, sich zu waschen, 
auch der Hände. Die Infektionsmöglichkeit steigert sich damit 
von Tag zu Tag und wird erst geringer, sobald die ausgehobenen 
Befestigungen Schutz genug bieten, an den Bau von Latrinen in 
den Schützengräben selbst herangehen zu können. In den Schützen¬ 
gräben und in den Unterständen ist natürlich die Gefahr der Ver¬ 
breitung wieder eine recht erhebliche, besonders dann, wenn nicht 
auf strengste Sauberkeit gehalten und für sachgemäße Anlage von 
Latrinen gesorgt wird. Wird z. B. nicht in einem Seitengaog 
eine Grube für die Fäkalien angelegt (siehe Skizze Abb. 2), sondern 
werden nur abgelegene Stellen für die Defäkation regellos benutzt, 
so werden begreiflicherweise durch Hineintreten in die Exkre¬ 
mente, besonders bei Dunkelheit, etwa vorhandene Typhuserreger 
mit den Schuhen in die Schützengräben selbst hineingetragen. 
Dort, in den Unterständen, liegen die Leute meist ganz dichtge- 



ferbinduogsjaflg 


Graben derLatrioe 


Abb. 2. 


drängt nebeneinander, und die direkte oder indirekte Uebertragung 
durch die infizierten Stiefel ist unvermeidlich. An Waschwasser 
ist, wie gesagt, kaum zu denken, und so werden die Bacillen von 
den Stiefeln an die Hände gelangen, damit wieder an die Nah¬ 
rungsmittel und so in den Mund — und die Infektion ist fertig. 
Bekanntlich ist der Typhus eine Krankheit, deren erste Symptome 
ganz unbestimmt sind, und doch sind die Kranken vielfach schon 
ansteckungsfäbig, selbst im Inkubationsstadium (Frühkontakte!) 
Dasselbe trifft zu für die ganz leichten Erkrankungen, die unter 
Umständen gar nicht zur ärztlichen Kenntnis gelangen. Im Frieden 
ist es schon nicht leicht, diese gefährlichen Personen rechtzeitig 
ausfindig zu machen; im Kriege wird die Aufmerksamkeit auf 
solche noch mehr abgelenkt, besonders beim offensiven Vorgehen 
und dem Bestreben unserer braven Soldaten, so lange wie mög¬ 
lich ein bestehendes Unwohlsein zu unterdrücken. Haben wir 
doch erlebt, daß unsere Leute mit den Zeichen des klassischen 
Typhus der dritten und vierten Woche direkt aus den Schützen¬ 
gräben ins Typhuslazarett kamen und schon am nächsten Tage 
der Krankheit erlagen! — Alle diese Infektionen erfolgen also durch 
Kontakt, durch die mit den Ausleerungen beschmutzten Finger, 
seltener auch durch beschmutzte Wäsche und andere Gebrauchs- 
gegenstände. Wie gefährlich gerade dieser Infektionsmodus für 
die Verbreitung des Typhus ist, beweisen auch die leider nicü 
selten beobachteten Fälle von Infektionen des Krankenpflege? 01 ’ 80 ' 
nals in den Typhuslazaretten. . n , 

Gegenüber der direkten Kontaktinfektion spielt die Ueber- 
tragung durch indirekten Kontakt: durch Wasser und Nahrungs¬ 
mittel, eine untergeordnete Rolle. Derartige Fälle, die ja an sie 
zu mehr explosionsartigen Massenepidemien führen, haben wir n 
sehr selten verzeichnen können. Immerhin ist die Gefahr 
Brunneninfektion bei dem schlechten Zustande derselben und 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


153 


Uorauberkeit ihrer Umgebung eine ziemlich erhebliche; auch ißt 
eine gelegentliche Infektion der Quellen bei dem kalkhaltigen, zer- 
klfifteten Gestein des französischen Bodens nicht auszuschließen. 
— Auch die bei der Typhusbekämpfung im Södwesten des Reiches 
im Frieden gemachten Beobachtungen sprechen für die ausschlag¬ 
gebende Bedeutung der Kontaktinfektion. 

Bei 5889 Typhusfällen, bei denen der Ursprung festgestellt werden 
konnte, erfolgte die Uebertragung durch: 


1. Kontakt in 

2. Wasser in ... . 

3. Milch in ... . . 

4. andere Nahrungsmittel 

5. Wäsche in ... . 


4202 Fällen 
899 „ 

309 „ 

141 „ 


6. Krankenpflege in. 108 „ 

7. Jauche und Abortgrubeninhalt 26 „ 

8. Laboratoriumsinfektion in ... . 14 „ 

9. verschiedene andere Uebertragim- 

gen in. 40 „ 

10. von außerhalb des Untersuchungs¬ 
gebiets eingeschleppte Fälle in . . 614 „ 


Diese Erkenntnis, daß die Kontaktinfektion von Mensch 
ia Mensch bei weitem an der Spitze der verschiedenen Ueber- 
tragUBgBmÖglichkeifcen steht, ist immer noch allzuwenig bekannt 
und noch nicht Gemeingut aller Aerzte geworden. 

Wieweit in Frankreich mit einer Verseuchung der Fluß- 
llufe und Kanäle gerechnet werden kann, können wir auf Grund 
eigner Erfahrungen nicht entscheiden. Nach unsern Beobachtungen 
in Elsaß-Lothringen steht soviel fest, daß die Kanalschifler und 
Flößer, die zu einem großen Teil aus Frankreich kommen und 
Kanalwasser zu Trink- und Gebrauchszwecken in ausgiebiger Weise 
verwenden, kein erhebliches Kontingent der Typhusfälle ausmachen. 

Das sind im wesentlichen die mannigfachen Wege, auf denen 
die Infektion unserer Truppen, der durchmarschierenden sowohl, 
wie der mehr oder weniger stilliegenden zustande kommt. Selbst 
die peinlichste Fürsorge, das Verbot des Belegens von Häusern 
und Ortschaften, in denen Typhusfälle bekannt sind, vermag die 
Infektion nicht sicher zu verhindern, schon im Frieden nicht. Im 
Kriege, wo die rein militärischen Gesichtspunkte durch sanitäre 
Erwägungen noch viel weniger beeinflußt werden können, ist 
das oft ganz unmöglich; da kann man an solchen Orten nicht 
Vorbeigehen, solche Ortschaften nicht aus dem Operationsgebiete 
ausscbalten. Um so mebr kann aber eine rationelle Typhus- 
bokämpfung zeigen, was sie zu leisten vermag. 


II. Bekämpfung. 

Unerläßliche Voraussetzung fflr die wirksame Bekämpfung 
einer Kriegsseuche ist, daß man den Gegner selbst und seine 
Stärke, Art und Umfang seiner Stellungen, Charakter und Me¬ 
thodik seiner Bewegungen rechtzeitig und bis ins einzelste und 
genaueste kennt. Das ist, wie ausgeführt wurde, beim Typhus 
oft recht schwierig, aber doch, wie ebenfalls gezeigt werden konnte, 
Dicht unerreichbar. Ueber den Typhus selbst ist Neues kaum zu 
»gen. Interessant ist vielleicht, daß der Franzose noch zahl¬ 
reichere Umschreibungen für ihn bat, als das bei uns der Fall ist. 
Neben le typhus marschiert le petit typhus und la flävre ty¬ 
phoide, dazwischen aber la fi&vre muqueuse, la fi&vre gastrique, 
la ftövre nerveuse, la fihvre contagieuse, la fi^vre dangdreuse und 
la congestion cebrale einerseits, la mdningite anderseits. Bei 
unsern Mannschaften fiel wiederum auf, daß ziemlich häufig zu 
Anfang außer unbestimmten, influenzaähnlichen Erscheinungen die 
einer regelrechten Polyarthritis rheumatica bestanden und bis¬ 
weilen 1 bis 2 rolle Wochen anhielten. Mit Hilfe der bakterio¬ 
logischen Untersuchung, insbesondere der Blutkultur mit der 
Gallenröhre, wurde bald auch diese Polyarthritis als Typhus er¬ 
kannt. Diese klinisch indifferenten Erkrankungen, welche bei bak¬ 
teriologischer Untersuchung sich als Typhus erwiesen, gaben unter 
andern Veranlassung, für die Truppenärzte „Leitsätze für die 
Typhusbek&mpfung bei der Truppe“ aufzustellen und an die 
Truppenärzte hinauszugeben, die das vom epidemiologischen Stand¬ 
punkte Wissenswerte enthielten, vor allem aber eindringlich be¬ 
tonten, wie die zu Beginn tatsächlich nicht ganz leichte Diagnose 
ffld Hilfe des bakteriologischen Laboratoriums gewonnen werden 
“nn und wie der Truppenarzt sich den mannigfachen Erscheinungs¬ 
formen des Typhus gegenüber zu verhalten hat. 

Leitsätze für die Typhusbekämpfung bei der Truppe. 

V • ^ e ^breitung des Typhus bei der Truppe ist in erster 

• ® dadurch bedingt, daß die Diagnose zu spät gestellt wird, die 
nn beginne ja auch nicht ganz leicht ist. 


B. Fälle von Kopfschmerz mit und ohne Fieber, hartnäckiger 
Verstopfung, Bronchialkatarrh, Halsentzündung, Muskel- und Gelenk¬ 
rheumatismus und all den mannigfachen „Influenza“-Symptomen, sowie 
manche als Lungen-, Rippenfell-, Gallenblasen-, Blinddarm-, Harn¬ 
blasenentzündung beziehungsweise „Reizung“ allgesprochenen Krank¬ 
heitserscheinungen erweisen sich bei bakteriologischer Unter¬ 
suchung vielfach als Typhus. 

C. Bei klinisch sicherem Typhus werden ja gewöhnlich sofort 
alle Vorsichtsmaßregeln (Isolierung, Desinfektion usw.) getroffen. Bei 
den unter B genannten Formen hingegen überhaupt nicht oder erst 
nach 14 Tagen und länger, wenn entweder der weitere Verlauf 
Typhusverdacht erweckt (neue, deutlichere Fälle 1) oder durch bak¬ 
teriologische Untersuchung Typhus festgestellt wird. — So 
kommt es zu einer schnellen Verbreitung des Typhus 
unter der Truppe, zumal die Kranken schon in der Inkubations¬ 
zeit (zwei bis drei Wochen) und dem ersten Beginne der Er¬ 
krankung Typhusbacillen ausscheiden und ihre gesunden Kame¬ 
raden infizieren können. 

D. Die klinisch unsicheren und auch die leichten Fälle (Typhus 
ambulatorius sive levissimus) erweisen sich nicht minder infektiös 
als die schweren Fälle; die leichteste Typhusinfektion kann bei der 
Uebertragung auf andere Personen schwerste Erkrankung und Tod 
herbeiführen. 

E. Es ergibt sich daher für den Truppenarzt folgende V er- 
pflichtung: 

1. Jeder auch nur irgendwie typhus verdächtige Er¬ 
krankungsfall ist sofort der nächsten Beobachtungsstelle 
(Darmkranken8tube, Typhuslazarett) zu überweisen. 

2. Die Angehörigen des Truppenteils sind so oft als an¬ 
gängig und durchführbar ärztlich durchzumustern (Temperatur- 
messungen!), besonders wichtig ist diese Durchmusterung vor Ab¬ 
rücken in die Schützengräben und beim Einrücken in die Quartiere. 

3. Lieber einen Fall, der sich nachher nicht bestätigt, als 
tvphusverdächtig behandeln, als einen Fall, der unerkannt als 
Typhus verbreit er wirkt, inmitten der Truppen lassen. 

F. Die Leiter der Darmkrankenstuben (siehe unten) und der 
Typhuslazarette sind angewiesen, jeden Fall, der sich als Typhus be¬ 
stätigt hat, sofort dem zuständigen Korpsarzte zu melden, von dem 
aus wiederum der Truppenarzt die Typhusfeststellung mitgeteilt 
erhält. Daraufhin hat der Truppenarzt, in der Regel gemeinsam mit 
dem Korpshygieniker: 

1. nach dem Erkrankungstage (zum Beispiel 22. Dezember) 
die Infektionswoche (1. Dezember bis 8. Dezember) festzustellen; 

2. zu ermitteln, wo und mit welchen Mannschaften zu¬ 
sammen sich der Erkrankte in der Infektionswoche aufgehalten hat; 

3. diese Mannschaften besonders zu überwachen und von 
ihnen Stuhl- und Hamproben in das Laboratorium des beratenden 
Hygienikers einzusenden. — Das erste Zeichen von beginnender 
Typhusinfektion ist die erhöhte Temperatur: Temperatur¬ 
messungen sind daher für Umgebungsuntersuchungen von ganz 
besonderer Wichtigkeit. 

G. Die hygienischen Zustände in den Schützengräben und 
Unterständen, sowie in den Quartierorten und den einzelnen Quartieren 
seines Truppenteils müssen Gegenstand ständiger eigner Kon¬ 
trolle des Truppenarztes sein. Insbesondere hat er zu achten auf: 

1. Zweckmäßige und hinreichende Latrinenanlagen und fort¬ 
laufende Desinfektion derselben in Schützengräben und Quartier. 

2. Auf Reinlichkeit dieser Anlagen (Papier!) und der Zu¬ 
gänge zu ihnen. 

3. Auf Aufstellung von Waßchgelegenheiten an den 
Latrinen und in den Räumen, wo die Mannschaften speisen. (Auf¬ 
schriften wie: 

„Nach dem Stuhlgang, 

Vor dem Essen 

Hände waschen nicht vergessen! 11 
erwiesen sich als zweckmäßig.) 

4. Auf ordnungsmäßige Beseitigung der Abfallstoffe (be¬ 
sonders an den Schlachtungsstellen!), der Abfälle (Konserven¬ 
büchsen und dergleichen) und der Nahrungsreste. 

5. Auf regelmäßiges Erneuern der Strohlager in den Unter¬ 
kunftsräumen der Mannschaften, auf häufiges Ausmisten der Vieh- 
ställe, auf rechtzeitiges Abfahren der Misthaufen. 

6. Auf Säuberung der Stuben, Höfe und Straßen. 

7. Auf besondere Reinlichkeit der Bediensteten bei Feld¬ 
küchen und ähnlichem und Ausgabestellen von Nahrungsmitteln. 

8. Auf Einrichtung von Badeanstalten mit gleichzeitiger 
Kontrolle auf Vorhandensein von Ungeziefer und zutreffendenfalls 
auf energische Beseitigung desselben (improvisierte Dampfdesinfek¬ 
tionsapparate). 

9. Auf die Trinkwasserversorgung. — Bei Brunnen 
jeglicher Art ist die hygienische Bewertung an Ort und 
Stelle (Art des Brunnens, ungenügend oder gar nicht gedeckt, Zu¬ 
stand der Verwahrlosung, Entfernung vom Misthaufen, von Abort¬ 
gruben, Geruch und Geschmack des Wassers usw.), meist ma߬ 
geblicher als die chemische und bakteriologische Wasserunter¬ 
suchung. 


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1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


Reinhaltung der Entnahmege fiiße, der Bruunen- 
umgebung. nötigenfalls Verbot des Trinkens von unge¬ 
kochtem Wasser (Anforderung von fahrbaren Triukwasserbe- 
reitern!). 

H. Empfehlenswert erweisen sich kurze belehrende Vorträge 
für Offiziere und Mannschaften über Wesen und Bekämpfung des 
Tvphus: zweckmäßig ist auch die Verbreitung von Typhusmerk¬ 
blättern Iherausgegeben vom Kaiserlichen Gesundheitsamt). 

I. Schließlich hat der Truppenarzt eine Liste anzulegen und 
dauernd zu führen über: 

1. alle Fälle seines Truppenteils, die jemals Typhus ge¬ 
habt haben; 

2. alle wieder zum Truppenteil zurückgekehrten Typhus- 
rekonvaleszenten: 

3. alle von ihm an eine Darm kranken st ubc beziehungsweise 
ein Typhusinzarett überwiesenen festgestellten Typhnsfülle. 

K. Bei Einrücken in eine neue Ortschaft ist die epidemio¬ 
logische Aufklärung derselben vorzunehmen unter Zugrunde¬ 
legung der ..Leitsätze für die örtlichen Ermittlungen 
nach Typhus und die Ausfindigmachung von Bacillen- 
tragern“, erhältlich beim beratenden Armeehvgieniker und dem zu¬ 
ständigen Korpshygieniker. die ihrerseits auch Auskunft über die be¬ 
reits erfolgten epidemiologischen Ortsanfnahmen geben. 

L. Alle diese Maßnahmen sind im Verein mit dem Korps¬ 
hygieniker durchzuführen, der zu diesem Zwecke mit dem Truppen¬ 
arzt unmittelbar in Verbindung tritt. 

Den Typhusverdächtigen so früh wie möglich aus der Ge¬ 
meinschaft des Truppenkörpers herausholen und absebieben, muß 
für den Truppenarzt oberster Grundsatz sein. Daher ist zu achten 
auf die geringste Veränderung in dem Befinden der Mannschaften 
unter ausgiebigster Vornahme von Temperaturmessungen, auch 
in der Umgebung von Krankheitsverdftchtigen. Bei diesen 
klinischen Ermittelungen hat der Beratende Innere Mediziner 
in ersprießlichster Weise mitgewirkt. Gleichzeitig wurden einige 
Winke für Verbesserung der hygienischen Zustände, namentlich in 
den Quartieren, gegeben und besonders auf die Notwendigkeit der 
Einrichtung von Badeanstalten hingewiesen. Auf Veranlassung der 
Korpsärzte und des Etappenarztes sind dann überall unmittelbar hinter 
der Front, im Operations- und im Etappengebiete beachtenswerte 
Badeeinrichtungen (Wannen- und Brausebäder) improvisiert worden, 
sodaß für die Reinlichkeit des Körpers in gründlichster Weise ge¬ 
sorgt ist. Als die Typhusfälle sich zu mehren anfingen, wurde 
die Anordnung getroffen, daß die zunächst generell in den Orts¬ 
krankenstuben und Feldlazaretten untergebrachten Typhusverdäeh- 
tigen bald direkt von der Truppe aus in besondere, dicht hinter der 
Front liegende Typhusheobachtungsstationen (Darmkranken¬ 
stuben) kamen (vergleiche Skizze Abb. 3). Diesen Beobachtungs- 



* 


Typhusbcobachtungsstationen 
(Dar inkran kenstubeo, Filter¬ 
stationen) 

Feldlazarette 


$ 

** 

■ 4 “ 

Abb. 3. 


Absonderungslazarette für 
Einwohner 

Typhusverseuchte Ortschaft. 


Stationen, die gewissermaßen als „Filter“ dienen und mit klinischer 
Beobachtung und mit Ausnutzung der bakteriologischen Hilfsmittel 
des Laboratoriums des beratenden Hygienikers (respektive Korps- 
bygienikers) die ihnen zugehenden Fälle bichten sollen, wurden 
wiederum unsere anfangs mündlich gegebenen Vorschläge als 
gedruckte „Grundsätze für die Klarstellung typhusver¬ 
dächtiger” Erkrankungen in den Typhusbeobachtungs¬ 
stationen“ an die Hand gegeben. In diesen wird speziell auf 
den Wert und die Art der bakteriologischen diagnostischen Hilfs¬ 


mittel und die Technik der Probenentnahmen kurz hingewiesea. 
Diese „Grundsätze“ gelten in gewisser Werne auch für die Feld¬ 
lazarette. Es hat sich anfangs bei dem starken Zustrom von 
Verwundeten begreiflicherweise nicht mit Sicherheit vermeiden 
lassen, daß auch gelegentlich einmal ein latenter Typhuskranker 
unter anderen Verwundeten in die Feldlazarette geriet, zumal wenn 
auch der Verwundete selbst sich im ersten Stadium des Typhus 
befand. Es liegt auf der Hand, daß hier zur Vermeidung weiterer 
Infektionen besonders aufgepaßt werden muß. 

Das Meldewesen, das als integrierender Bestandteil einer 
goordneten Typhusbekämpfung anzusehen ist, wurde durch An¬ 
regungen beim Armeearzt nach Möglichkeit vervollkommnet. 
Wichtig erscheint, vor allem den Korpsarzt und seinen Korps¬ 
hygieniker durch tägliche Rapporte seitens der Darmkrankenstuben 
(Typhusbeobachtungsstationen) und Seuchenlazarette über Zahl, Art 
und Zugehörigkeit aller Verdachtsfälle einerseits und über die 
dort erfolgten Typhusfeststellungen anderseits sofort in 
Kenntnis zu setzen. Aufgabe des Korpsarztes (Korpshygienikers) 
wird es sein, unverzüglich dem Truppenärzte (am besten durch 
den Divisionsarzt) die Typhusfest stell ungen mitzuteilen. Ge¬ 
meinsam mit ihm muß der Korpshygieniker örtliche Ermittlungen 
vornehmen und alle erforderlichen Bekämpfungsmaßnahmen ein¬ 
leiten und kontrollieren. Daß der Korpshygieniker wiederum in 
ständiger Verbindung mit dem beratenden Armeehygieniker stehen 
muß, ergibt sich von selbst. Seine weiteren Aufgaben bei der 
Handhabung des Meldewesens und die direkte Berichterstattung 
der Seuchenlazarette an den Etappenarzt und damit an deu be¬ 
ratenden Hygieniker ergeben sich aus nachstehendem Schema. 

Schema für ein gut und schnell funktionierendes 
M e Dl e w e s e n. 

Darmkrankenstube Seuchenlazarett 

(Typhusbeobachtun ysstation) (Beobachtungsstal ton) 



Y :0 

A 

Divisionsarzt 

r 

Regimentsarzt 



T 

Etappenarzt 

V 

Beratender Hygieniker 


Y 

Truppenarzt 

Das Laboratorium des beratenden Hygienikers teilt das Er¬ 
gebnis der bakteriologisch-serologischen Untersuchung der Blut¬ 
proben sowie der gleichzeitig eiogesandten Stuhl- und Harnproben, 
die auf dem schnellsten Wege befördert werden müssen, in allen 
eiligen Fällen der einsendenden Stelle telegraphisch mit. 

Sobald unter Anwendung klinischer oder bakteriologischer 
Methoden der Verdacht auf Typhus sich bestätigt hat, werden die 
Kranken mittels geeigneter Kraftwagen in besondere „Absonde¬ 
rungslazarette“ (Typhuslazarette) gebracht. Auch in diesen ist 
eine Abteilung als Beobachtungsstation eingerichtet, in der etwaige 
direkt aus der Front kommende, noch unklare Fälle zurüokgehalten 
werden. 

Bei der Auswahl der Plätze für die Seuchenlazarette (Typhus¬ 
lazarette) sollte man sich durchgohends an folgende Regel halten: 

1. Die Seuchenlazarette sollten uicht allzuweit hinter der rron 
liegen, um die Kranken vor einem längeren Transport zu bewahren. 

2. Eine größere Anhäufung als höchstens 300 an einer Melle j* 

unserer Ansicht nach zu vermeiden, weil sonst die unbedingt notwendig 
Uebersicht und die Ausführung und Kontrolle der Desinfektionsmallrege 
empfindlich leidet. .. .. , 

3. Die hierzulande ziemlich reichlich vorhandenen französisci 
Schlösser, höheren Schulen mit Internaten, Volksschulen. Eraieimng-* 
anstalten für Waisen und Hospize für Grei-e und ähnliche Gebäude w 
sich, in Seuchenlazarette umgewandelt und um die erforderlichen p -‘ 
deren Einrichtungen für die laufende und Scblußdesinfektion und ^ 
gleichen mehr ergänzt, entschieden viel mehr bewährt, als die 8 ® n f 8 . 
brauchbaren Doeckerschen Baracken, die unseres Erachtens für np' 
lazarette besonders auch wegen Fehlens der Nebenräunie nur ultima 
sein sollten. 

In den Absonderungslazaretten — wir haben deren fünf 
machen die klinisch und bakteriologisch (entsprechend der von u 


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7. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK.— Nr. 6. 


155 


^gearbeiteten „Anweisung für Entnahme und Versand von 
Untersüchungsmaterial bei Typhusverdächtigen, Typhus¬ 
kranken und Typhusrekonvaleszenten“) oder in Ermangelung 
eines eindeutigen klinischen Befundes nur bakteriologisch fest- 
gestellten Fälle ihre Krankheit und klinische sowie bakteriologische 
Genesung durch. Besondere, an bestimmten Tagen verkehrende 
Kraftwagen besorgen die Entleerung der Beobach tu ngsst&tionen in 
die Typhuslaaarette und notwendige Verschiebungen der Kranken. 

Die auch in Friedenszeiten beim Militär geforderte Fest¬ 
stellung der bakteriologischen Genesung — drei bacillen¬ 
freie Stuhl- und Hamproben aus der Rekonvaleszenz, erste zehn 
Tage nach Eintreten dauernder Entfieberung, zweite eine Woche 
später, dritte nochmals eine Woche später — wird zum aus¬ 
nahmslosen Gesetz erhoben und mit Hilfe einer vorgeschriebenen 
Uebersichtsliste für jedes Typhuslazarett streng und rücksichts¬ 
los durchgeführt. 

Da aber nicht alle als bakteriologisch genesen, d. h. bacillen¬ 
frei angesehenen Rekonvaleszenten körperlich soweit wieder¬ 
hergestellt sind, daß sie sofort zur Front zurückkehren können, 
mußte man noch einen Schritt weitergehen. Auf Veranlassung unseres 
Etappenarztes, Generalarzt Dr. Schmidt, wurde ein eignes Ge¬ 
nesungsheim für bacillenfreie Typhusrekonvaleszenten in Feindes¬ 
land geschaffen. Die Mannschaften werden hier durch systematische 
Hebungen, Turnen und dergleichen wieder an den Dienst in der 
Truppe gewöhnt. Etwaige Dauerausscheider werden wiederum 
zweckmäßig in besonderen Anstalten untergebracht. Auf diese 
Weise wird erreicht, daß kein Bacillenträger in die Heimat 
kommt und dort Veranlassung zur Einschleppung des 
Typhus geben kann. Auch von den wieder zur Truppe zurück- 
gekehrten Typhusrekonvaleszenten werden von uns weiterhin regel¬ 
mäßig alle vier Wochen Stuhl- und Harnproben bakteriologisch 
untersucht, um eventuell noch vorübergehende Ausscheider 
herauszufinden. Das gleiche geschieht bei allen Regimentern, in 
denen ein irgendwie gehäuftes Auftreten von Typhus zu verzeichnen 
war; Mann für Mann werden dreimal nacheinander in wöchent¬ 
lichen Intervallen bakteriologisch untersucht, um eventuell noch 
Dauerac'Scheider nach leichtem, unbemerkt gebliebenem Typhus 
ausfindig zu machen. Ebenso werden alle Mannschaften, die vor 
ihrem Dienstantritt Typhus durchgemacht haben, bakteriologisch 
durchuntersucht. Es ist fast unmöglich, daß uns noch ein Bacillen- 
ausscheider entgehen kann. 

Auf die Ausstattung der erwähnten Typhuslazarette mit 
allen unter Feldverhältnissen nur denkbaren hygienischen Einrich¬ 
tungen wurde von uns der größte Wert gelegt. An Improvisations- 
arbeiten auf dem Gebiete der Krankenpflege nnd des Gesundheits¬ 
schatzeg wurde Hervorragendes geleistet: Dampf- und Formalin- 
Desiofektionsapparate, Kammern für desinfizierte und nichtdesinfi- 
zierte Sachen, Musteranlagen für Wäsche-, Stuhl- und Harn-Des- 
mfektioD, Badeeinriohtungen, Waschanstalten, besondere Küchen 
mr Personal und Kranke sind überall vorhanden (siehe auch 
die unten folgende Beschreibung von D.). Den Seuchenlazaretten 
wurden auf Antrag beim Kriegsministerium vier in dem mir 
unterstellten hygienischen Institut in Straßburg ausgebildete und 
bewährte Desinfektoren zur Verfügung gestellt. Der Ausübung pein¬ 
lichster Desinfektion wurde nächst der Behandlung der Kranken 
die größte Sorgfalt gewidmet. Durch Belehrung und Beispiel 
fa ™ 0n di® ht dem vom Kaiserlichen Gesundheitsamt herausge- 
peoenen Typhusmerkblatt angegebenen und durch eingehende 
pondervorschriften noch ergänzten Desinfektionsanweisungen 
immer wieder eingeübt und in den Lazaretten ausgehängt. Ander¬ 
seits gingen wir bald daran, das zur Typhuspflege bestimmte 
ersonal besonders dafür auszubilden. Das geschah zuerst im 
Mappenhauptort in von uns abgehaltenen Kursen mit Frage- und 
ntwortepiel, verbunden mit praktischen Uebungen und Besich- 
pngen. Nunmehr wird das mit Rücksicht auf Lehrzwecke be- 
jTf? ^gerichtete Typhuslazarett für typhuskranke Zivilisten 
u ; in der Nähe von M. dafür benutzt; dort werden unter der 
'/nV 68 k 0rateD( i en Hygienikers und unter der Anleitung eines 
j ‘^gebildeten Stammpersonals Desinfektoren, Schwestern und Pfleger 
n n e80Q deren vierzehntägigen Kursen unterrichtet, bis ihnen die 
der Typhuskranken sowie die laufende und Schluß- 
esiniektion in Fleisch und Blut übergegangen sind. Erst 
151 werden sie den militärischen Seuchenlazaretten überwiesen. 

t ji>, ^ k D- getroffenen Einrichtungen, die, wie gesagt, auch einen 
u iscnen Zweck verfolgen, erheischen eine etwas genauere Beschreibung. 
e - ! e notwendige räumliche Trennung von Beobachtungsstation und 
Privith ^ Uphuslazarett ist insofern durchgeführt, als ein verlassenes 
a der Grande rue, rechts am Dorfeingange von M., zur Aufnahme 

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der Krankheitsverdächtigen bestimmt wurde, während die ge¬ 
räumige Mädchenschule in der Straße nach L.-S.-St. E. in ein Seuchen- 
haus umgewandelt wurde. Das Privathaus mit seinen neun mehr oder 
weniger großen Zimmern und darum zur Aufnahme von Krankheitsver¬ 
dächtigen, gegebenenfalls kleinen Gruppen von solchen (Familien, Leute ans 
demselben Orte) besonders geeignet, vermag etwa 25 Personen Unterkunft 
zu bieten. Hier werden, abgesehen von einer exakten klinischen Beob¬ 
achtung (zweistündliche Temperaturmessungen, häufige allgemeine 
körperliche Untersuchungen usf.), bald nach der Einlieferung und 
nötigenfalls öfter die Entnahmen des Untersuchungsmaterials (Blut in 
Gallenröhre.Blut zur Serumreaktion. Stuhl- und Harnproben) vurgetiommen; 
hinsichtlich Isolierung mul Desinfektion wird wie bei Typhuskranken ver¬ 
fahren. Das Personal (ein Arzt, fünf Schwestern, vier Pfleger) ist vor allem 
angewiesen, die Isolierung der einzelnen Kranken beziehungsweise Gruppen 
dermaßen zu regeln und zu überwachen, daß nicht etwa Ansteckung mit 
Typhus im Beobachtungshause selbst erfolgt. Ist bei einem Falle Typhus 
festgestellt, erfolgt sofort die Ueberführung nach dem eigentlichen Seuchen¬ 
haus in der Schule. Selbstverständlich wird dann eine exakte Schlu߬ 
desinfektion in dem bisherigen Unterkunftszimmer vorgenommen, und 
zwar die mechanisch-chemische in Verbindung mit der Formalin-Zimmer- 
desinfektion und Dampfdesinfektion der dafür geeigneten Gegenstände. 
Diese werden in Säcke beziehungsweise große Beutel, die mit 5%iger Kresol- 
seifenlösung getränkt und wieder gut ausgerungen worden sind, gebracht 
und auf einem schwarz gestrichenen Wagen nach der unreinen Abteilung 
der Dampfdesinfektionsanstalt im Hauptlazarett (Mädchenschule) gefaliren. 
Ergeben die unter Umständen wiederholt vorgenommenen bakteriologi¬ 
schen Untersuchungen, die klinische Beobachtung und der eindeutig ge¬ 
wordene Befund überhaupt keine Krankheit oder eine anderweitige Dia¬ 
gnose, so findet die unmittelbare Entlassung aus der Beobachtungsstation 
statt. Die zur Enthissung Bestimmten erhalten noch ein Bad und nach 
diesem ihre im Dampf desinfizierten Kleider. Der Transport erfolgt von 
der reinen Abteilung der Desinfektionsanstalt auf einem weiß gestriche¬ 
nen Wagen. Was das Seuchenhaus betrifft, so sind die Vorgefunde¬ 
nen Schulräume und Wohnräume der Lehrerinnen geeignet, 60 bis 65 Pa¬ 
tienten aufzunehmen. Die Verteilung der Räume ist ersichtlich aus dem 
beigefügten schematischen Grundriß (s. Abb. 4). Lieber den Klassen¬ 
räumen (Nr. 1 und 2, sowie 8 und 12) befinden sich lediglich mehr weniger 
schlechte Speicher. Nur über den Wohnräumen (Nr, 18, 25, 31, 32) findet 
sich ein weiteres Stockwerk mit Einzelzimmern, in denen der Arzt, 
zwölf Schwestern und drei Pfleger sowie die sechs Französinnen untergebracht 
sind. Ueber diesem Stockwerk liegt ein größerer trockener Speicher, 
in dem die desinfizierten Kleidungsstücke in reinen, mit dem Namen des 
Besitzers bezeichneten Säcken frei aufgehängt werden. Unter jedem 
Sacke stehen die desinfizierten Schuhe des Patienten, ebenfalls mit Namen 
bezeichnet. Eine besondere Kammer für die noch nicht desinfizierten 
Gegenstände erübrigt sich, insofern die Desinfektion der mitgebrachten 
Kleidung usw. stets sofort erfolgen kann; sie wird in einem großen 
Deckelkorbe nach der Desinfektionsanstalt gebracht. 

Wie aus dem schematischen Grundriß hervorgeht, hat jeder 
Krankensaal innen in der Nähe der Tür eine Gelegenheit zur Hände¬ 
desinfektion, außen direkt an der Tür einen größeren, auf einem Schemel 
stehenden Bottich mit 5% iger Kresolseifenlösung für die Wäsche¬ 
desinfektion. Lieber der völlig untergetauchten Wäsche schwimmt ein 
passender Deckel mit Griff; der Deckel wird noch mit einem größeren 
Gewichte beschwert. 

Am Krankenbette selbst kommt die Wäsche in bereituteheiule 
große Blechkübel mit Deckel und Henkel, die ebenfalls mit o %iger 
Kresolseifenlösung angefüllt sind. Diese Kübel werden außen in die er¬ 
wähnten Bottiche entleert, in denen sie die eigentliche Desinfektion dureli- 
machen. Diese doppelten Behälter für die Wäsche wurden deswegen 
beschafft, um nicht in den Krankenräumen allzu intensiven Kresolgeruch 
aufkommen zu lassen. & 

Links vom Hauseingang hängt die Bestandstafel, aus der ersichtlich 
ist, wie viele Männer, Frauen und Kinder einerseits, wie viele Kranke, 
Rekonvaleszenten und Bacillenträger anderseits jeden Tag verpflegt 
werden. Betritt man den Hausflur, so hat man gleich zur Linken den 
Raum, den wir zum Badezimmer umgewandelt haben. Zwischen den 
beiden außen und innen weißemaillierten Badewannen stellt der 1251 
fassende Heißwasserbereiter, einer der hierzulande überall unzutreffenden 
Waschkessel. Das desinfizierte Badewasser wird mittels einer Schwengel¬ 
pumpe mit langem Schlauch durch den Hausflur und den halben Hinter¬ 
garten in große Sickergruben binnen weniger Minuten und ohne jede Vor¬ 
spritzung entleert. Hinter dem improvisierten Badezimmer (18) befindet 
sich der Raum, in dem in einem Kessel das Eß- und Trinkgeschirr der 
Kranken ausgekocht wird. “Im Hausflur selbst stehen genügend Becken 
für die Händedesinfektion. Alles ist so angeordnet, daß es fast unmöglich 
ist, das Haus zu verlassen oder das Speisezimmer des Personals zif be¬ 
treten. ohne sich vorschriftsmäßig desinfiziert zu haben. Ueberdies 
weisen Aufschriften über den Desinfektionsschüsseln, die außerdem noch 
in sämtlichen Krankenzimmern aufgostellt sind, und an den Türen noch 
besonders darauf hin, zum Beispiel: „Nach dem Stuhlgang, vor dem 
Essen Händewaschen nicht vergessen.“ Das Essen der Kranken und des 
gesamten Personals wird nicht im Seuchenlazarett, sondern in der 
Beobachtungsstation gekocht, mit einem Transport wagen herbefördert und 
hier lediglich gewärmt und angerichtet. 

Die wichtigsten Neuanla^en betreffen die beiden Desinfektions¬ 
anstalten, die eineu für die laufende Stuhl- und Hnrndesinfektiun 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 




l. 2. Krankensäle fiir Frauen nnd Kinder. 3. 4. BleGiküüel zur Aufnahme der Wüsihe am 
Krankenbett. 5. Schüssel für Iländedesinfektion 6 Bottich für Wrisrhedesintvkttun. 7. Bottich 
fiir infizierte Aerzte-, Schwestern- und Pllegermüntel 8. Krankensaal fiir M.'inm-r. 9. Blech- 
kiihel zur Aufnahme der Wäsche am Krankenbett. 10. Schüssel für Il.itideibn-dnlrktii'ü. n. Bottich 
fiir Wäscbedesinfektion. 12. Krankensaal für Männer 13. Bleehküh-1 zur Aufnahme der Wüsche 
atu Krankenbett 14. Sc hfl-sei fftr Händedesinfektion. 15. Bottich für \V;< -rhedesin (Vkt i«m. 
16. Saal fiir Bacillentriiger. 17. Schüssel für Händedesinfektion ix. Badezimmer, 19. 20 Bade¬ 
wannen. 21. Kess(d zur Bereitung des Badewussrrs. 22. Schlauch zur Ableitung des Bade¬ 
wassers. 23. 24. Sickergrube für desinfiziertes Bade.wasser. 25. Raum zum Auskorhen des in- 
lizierten hiß-und Trinkgeschirrs. 26. Kochkessel. 27. Ablanfgestell für das Geschirr. 23. KGmssud 
fiir Händedesinfektion. 29 Kleiderablage. 30. Schüsseln liir Hambuiesiniekiioti. :;i. Jäü/immer 
für das Personal. 32. Anrichte für die Krankenkost. 33. Mullgrube. Aboit dir das Plb'tre- 
nersnnal. 35. Schüssel fiir Händedesinfektion. 36. Anlage für die laufende Itesmfekti.m von 
Stuhl und Ham 37. Qestell zum Aufstellen der Nachtgeschirre, BGrpfanrmn, llarniUsdan, 
Si.eiintrde (unrein). 38. Gestell znm Aufstellen der Nachtgeschirre, BeUpfanmu. I'arntUsGx-n. 
Speinänfe (rein). 39. Bottich mit Kalkmilch. 40- Bottich mit Kresolseiienb'.siMtg 41. UriVke 
zum Ausgießen 42 FÄkaUongrube. 43. Schüssel für Händedesinfektion. 44. IUmpfdesinlektlons- 
anstalt, 45. Damplkästen. 46 . Dampfkessel- 47. Hingang zur unreinen Seit^ 43 Hingang 
zur reinen Seite. 49. Abstelltisch. 50. Schüsse^ für Ilandedosmtcktion. <M, Unterstand für 
die Desinfektionskarren. 52. Heiner (weißer) Karren. Äf nreiner -'schwarzer) Karren. 
54 Schuppen für Holz und Kohlen. 65. Gerätekammer. 06 . Be«taud.xtalel. 57, Pumpe fiir 
Gebrauchswaaser 68. Waschanstalt. 59. Unterstand fiir die üdirhan* rorrnalinkammer. 

60. Fahrbare Formalinkammer. 


fNr. 36 bis 43), die andere für die Dampfdesinfektion <44 bis ,">(>». Mit 
Rücksicht auf die oft gemachte Erfahrung, daß selbst alt gedient^ Personal 
bei der Stuhl- und Harndesinfektion Nachlässigkeit zeigt, wurde die 
Anstalt für die Fäkaliendesin fektion in die breite Oeffent- 
1 i c hkeit verlegt, und zwar in den Schulhof links vom Eingang iu 
denselben so, daß von sämtlichen Krankensüle». vom Badezimmer, vom 
IV rsonabspe isezim m er, von der Dampfdesinfektionsrmstalt und von den 
Schlafzimmern des Arztes und der Oberschwester der Blick darauf ge¬ 
richtet ist, sodaß der dort arbeitende Desinfektor niemals unbeobachtet 


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bleibt. Die Anlage ist von allen Krankenzimmern, die sämt¬ 
lich zur ebenen Erde liegen, schnell und leicht zugänglich. Ln 
einzelnen ist die Anlage folgendermaßen. Die betreffenden Nacht¬ 
geschirre. Harn flaschen und Speinäpfe kommen auf das zwei¬ 
reihige Gestell (37), das mit Blechbelag versehen isi und 
fortlaufende Numerierung zeigt. Es kann daher Bettpfanne, 
Harnflasche und .Speinapf des Patienten A. znm Beispiel auf 
die Nummern 1, 2 und 3 der unteren Etage gestidlt werden, 
das gleiche vom Patienten B. auf die Nummern 16. 17 und 18 
der oberen Etage. Alsdann werden die AuHeenmgen aus dem 
Kalkmilchhoitich 33 mit Kalkmilch beschickt und die übliche 
Einwirkimgszeit stehen gelassen. Nach Ablauf derselben werden 
die desinfizierten Abgänge von der mit Barriere versehenen 
Brücke 41 in die tiefe Fäkaliengruppe 42 ausgeschüttet. Auf 
der Brücke werden die Geschirre innen und außen mit Kresol- 
seifenlösung aus dem Bottich 40 gründlich gereinigt, dann in 
diesem Bottich 40 so untergetaucht, daß die (drille direkt 
nach unten kommen. Nach einiger Zeit werden sie aus dem 
Bottich 40 herausgeholt und auf das ebenso wiedas Gestell 37 
eingerichtete und numerierte Gestell 38 zum Abtropfe! um) 
Trocknen hingestellt (sogenannte reine Seite). Die ganze 
Anlage ist mit einem Regendach gegen schlechtes Wetter 
gesellüt 7 .t und mit einem Schutzgitter abgegrenzt. An der 
Tür desselben steht die Schüssel für die Händedesinfektion. 
Bei eintretender Dunkelheit wird die ganze Anlage durch zwei 
starke Hängelampen taghell erleuchtet und bleibt so die Nacht 
über, damit der Nachtdienst ebenso verfahren kann wie der 
Tagdienst, Die ausgeworfene Erdmasse umgibt die Fäkalien- 
grübe von drei Seiten als Wall; in dem Wall wurden Taiiuen- 
bäunie eiugcpi];,nzt, sodaß die ganze Anlage einen außerordent¬ 
lich freundlichen und ungemein ästhetischen Eindruck macht. 
Die Vorgefundenen zwei Schulaborte wurden gänzlich dein \ er- 
kehr entzogen: es wurde zwar eine Neuanlage geschaffen, 
aber nur lediglich für das Personal bestimmt und darum 
unter Verschluß gehalten. Kranke, Rekonvaleszenten und die 
gesunden Bacillenträger müssen grundsätzlich ihre Ausschei¬ 
dungen in di<* dazu bestimmten Gefäße entleeren. Umhergellende 
in XarntMühlo hinter einem Bettschirm. 

Im Schulhofe rechts vorn wurde in einem zu diesem 
Zweck errichteten geschlossenen Schuppen die Dampfdesiu- 
f ekt i 0 nsa n st alt improvisiert. Dampf wird in dem Kessel 40 
erzeugt, durch den Kesseldeckel narb oben und von oben her 
in den TLdzknsten 43 geleitet. Der Holzkasten 45 hat eine 
Tür nach der unreinen Abteilung 47 des Schuppens und nach der 
reinen Abteilung 4N desselben. Beide Abteilungen werden durch 
Drahtgitter voneinander getrennt. Die zu desinfizierenden Gegen¬ 
stände werden von der unreinen Seite an einen Schieberahinen 
des Di.mptbeb ilters gehängt und von demselben auf der reinen 
Seite abgenommen. I )er Dampfkasten hat unten einen Abla߬ 
hahn für Kondenswasser. oben ein eingestecktes Dampftbermo- 
mefer. Die Unterhaltung des Feuers geschieht auf der reinen 
Seite, während die unreine Seite Gelegenheit zur Hände- und 
Gesiebtsdesif]fektion aufweist. Für ein Wechseln der Ueher- 
kleidung vor dem Betreten der reinen Seit«* ist Sorge ge¬ 
tragen Der Transport der zu desinfizierenden Gegenstände von 
außerhalb des 1 Lomes geschieht durch den erwähnten schwar¬ 
ze* m Karren 53. der Abtransport durch den erwähnten weißen 
Karren 52 Der Desinfektionskasten findet zweckmäßig auch 
als Formaliukammpr Verwendung. 

Gegimühpr dem Seucfienlazarett wurde in einer .ver¬ 
lassenen Gastwirtschaft die Waschanstalt für die desinfizierte 
Wäsch** eingeriebt et. Die Beseitigung des \\asehwnssers ge¬ 
schieht uui leis einer Schwongelpmnpo mit Schlauchleitung 
(alles IViierlösehgorät 1 nach dem Hof in eine Spülgnibe. Neben 
der Waschanstalt stellt iu einem überdachten Torweg eine fahr-*, 
bare französische Formal i n kam m er, die wir aus ein** 111 
Nachbarorte nach D. überführt hatten, um sie bei Scnlnb* 
degtnlektioneit außerhalb zu verwenden. 

Es sei erwähnt, daß wir auch sonst alle Einrichtungen fiir 
Ordnung und Sauberkeit schufen und unterhalten (Abort mit 
Waschgeh-geiilieit, Müllgrube. Holz- und Kohlen sclmp|Gk 
Kärntner für Keinigungsgeräto); Hof- mul Gartenwege 
mit gestampfter Schlacke trocken gelegt. Selbst verstände 1 
wurde auch auf die klinische Behandlung *b‘J 
Wert gelegt: von intravenösen IMgaleninjektionen. Kocht-aJ*. 
Trauhi'n/uek'Tiiifiisionen u>w. wird ausgiebiger (icbrtuich £<• 
macht, die Mundpflege im weitesten Umfange betrieben. 
Wasser. Waschwas-er. Umschlagwasser und dergleichen werden 
natürlich ebenso behandelt wie die anderen Absonderungen der Krankem 
Bei d«-n Einrichtungen wurde Wert darauf gelegt, alles zu 
provisiereu und mit den (legenstünden auszukommeu, die wir in ''Er¬ 
lassenen Häusern vorhin«len. Auß«*r Arbeit, die allerdinux ausgiebig gi* 
leistet wurde, hat das Kraiik«*nhaus nichts gekostet. Wie erwälmt. ilici 
uns dieses Tvpliushospital außer der Isolierung und Behandlung DP ^ 
verseuchter Zivilpersonen gleichzeitig als Krankenpflege' 

Des in f ek t io uss cb 11 1 e für das Ersatzpersonal unserer Seucheniazare 
Dem Delegierten für die freiwillige Krankenpflege, Freiherrn Kodct ' 


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7. Februar. 


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Diersburg, der sich mit beispiellosem Eifer und großer Aufopferung an 
der Einrichtung dieses Lazaretts beteiligt hat, sei auch an dieser Stelle 
für seine wertvollen Bemühungen gedankt. 

Es erübrigt noch, darauf hinzuweisen, daß durch häufige 
Autofahrten Gelegenheit genommen wurde, die hygienischen Zu- 
gt&ade in den Schützengräben, im Operations- und Etappengebiete 
mit eignen Augen kennen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit 
wurde, unter Zuziehung des Korpshygienikers, mit den Korps-, 
Dirisions- nnd Truppenärzten die Typhusbekämpfung besprochen. 
Es wurden Anregungen zur Verbesserung der hygienischen Zu¬ 
stande daselbst gegeben und auch angenommen; an einor Stelle 
Geschaffenes und Bewährtes wurde mit Freuden anderen Stellen 
übermittelt. ImVerein mit dem Etappenarzte, den Kriegslazarett- 
direktoren und den Chefärzten wurden regelmäßige Besichtigungen 
der Seuchenlazarette Torgenommen und gemeinsam immer auf neue 
Verbesserungen gesonnen. 

In dem vorangegangenen Abschnitt haben wir die ver¬ 
schlungenen Pfade der verschiedenen Infektionsmöglichkeiten kennen 
gelernt, wir haben gesehen, daß von Anfang an, aber auch jetzt 
noch immer wieder die französische Zivilbevölkerung es ist, 
die, seßhaft oder flüchtig, als Verbreiter des Typhus unter sich, 
aber auch unter unsern Soldaten wirksam ist. Unsere Massnahmen, 
so zweckmäßig und vollkommen sie sein mögen und noch zu 
werden versprechen, würden halbe Maßregeln sein, wenn wir uns 
darauf beschränken wollten, nur innerhalb unserer Truppen mit 
dem Typhus aufzuräumen. Wir müssen das gleiche auch bei der 
französischen Zivilbevölkerung erstreben, mindestens solange, als 
es uns in dem jetzigen Stellungskriege möglich ist. Nachdem wir, wie 
oben aoseinandergesetzt (Abschnitt I, Epidemiologie nnd Verbrei¬ 
tung),durch Absuchen aller Ortschaften die starke endemische Verbrei¬ 
tung des Typhus unter der Zivilbevölkerung kennen gelernt hatten, 
gingen wir von Anfang an auch ihm energisch zuleibe. Die Vor¬ 
gefundenen Kranken und eben Genesenen aus allen, bisher 60 ver¬ 
schiedenen Ortschaften hinter der Front wurden in das oben er¬ 
wähnte, für Zivilpersonen ad hoc eingerichtete Absonderungshaus 
D. überführt und dort so lange zurückgehalten, bis ihre bakterio¬ 
logische Genesung festgestellt war. Dann kamen sie in diesem 
Orte, der von militärischer Belegung frei gehalten wurde, in Bürger- 
qu&rtiere und werden noch weiterhin beobachtet. Bei den selte¬ 
neren und alten, von den Leuten selbst zugestandenen oder von 
uns selbst ermittelten Fällen wurden Stuhl- und Harnproben 
untersucht und auf diese Weise die gemeingefährlichen Bacillen- 
trfiger meist auf Anhieb herausgefunden. Wir haben seit Mitte 
November bis jetzt (7 Wochen) 150 Typhuskranke und -verdächtige 
im Operationsgebiet ausfindig gemacht und in D. interniert. Dar¬ 
unter finden sich zwölf chronische Bacillenträger. Auch 
diese kamen samt und sonders in unser Absonderungshaus, und 
zwar in eine besondere Abteilung. Dort wurden sie, und zwar in 
der dafür eingerichteten Desinfektionsschule, angehalten, unter 
Aufsicht ihre Ausscheidungen selbst zu desinfizieren. Um ihnen 
ihren Zustand und seine Gemeingefährlichkeit klarzumachen, 
wurden unsere „Verhaltungsmaßregeln für Typhusbacillen- 
träger“ ins Französische übersetzt und jeder an der Hand seines 
Exemplars und angesichts seiner Entleerungen unterwiesen („Preserip- 
tions pour les porteurs de germes de la fiövre typhoide“). Das 
Krankenpflegepersonal dieses Absonderungshauses wurde noch er¬ 
gänzt durch sechs junge Französinnen, die daselbst gleichfalls in der 
Typhuspflege und Desinfektion ausgebildet wurden. Diese Franzö¬ 
sinnen werden gegebenenfalls in diejenigen Familien geschickt, in 
jenen ein Kranker vorgefunden wurde, der zurzeit nicht transport¬ 
fähig ist. Bei transportfähigen Kranken dienen sie als Begleite¬ 
rinnen. Auch für dieses französische Pflegepersonal ist eine be¬ 
sondere Desinfektionsvorschrift in französischer Sprache ausgear- 
Mitet worden — „Instructions pour la desinfection pendant la fiövre 
typhoide“ —, die, auf Pappdeckel aufgezogen, der soeur — infirmiere 
7 ^gegeben wird. Als Desinfektionsmittel wird in den Familien 
,^f en Franzosen bekanntere 5%igeCarbolwasser(de l’eau de phönol 
Ut/x ^ e,a880D - Di® Aufsicht führt der behandelnde deutsche 
a k u rZt ' ^ er TJeberweisung in die Ortschaft K. bewirkt, 
k j* 8 ^ er ^ U8 knd des Kranken zuläßt. Schließlich wurden 
[wh die bei uns üblichen Vorsichtsmaßregeln bei Todesfall an 
Tphus^ zusammengestellt und den in Betracht kommenden Stellen 
oganglich gemacht („Verhalten bei Todesfall an Typhus“). — 
d diese Weise glaubten wir für rechtzeitige Erkennung 
w f euc8e i/i ihrem vollen Umfange, für den davon betroffenen 
unT?- i 7 sei . er deutscher Soldat, sei er französische Zivilperson, 
lir Verhinderung ihrer Ausbreitung bei Militär und Zivil hin¬ 


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länglich gesorgt zu haben. Da französische Aerzte zurzeit fast 
durchgehenda fehlen, wodurch die Gefahr, daß der Typhus unter 
der Zivilbevölkerung um sich greift, zweifellos erhöht ist, wurde 
die gesamte ärztliche Behandlung der Eingeborenen von unsern 
Aerzten unentgeltlich übernommen; es würde sogar den Bürger¬ 
meistern zur Pflicht gemacht, jeden Krankheitsfall dem Orts¬ 
kommandanten zu melden. Auf diese Weise hoffte man, auch 
aller Typhusfälle habhaft werden zu können. Diese Hoffnung hat 
sich allerdings meist nicht erfüllt; der Franzose hat anscheinend 
noch mehr wie der Elsaß-Lothringer das Bedürfnis, diese Krankheit 
zu verheimlichen. Um so mehr war es notwendig, entsprechend 
unsern „Leitsätzen für die örtlichen Ermittlungen nach 
Typhus und die Ausfindigmachung von Bacillenträgern“ 
zu verfahren, den Ort und seine Bewohner von Grund aus sanitäts¬ 
polizeilich zu durchsuchen und dies allwöchentlich zu wiederholen. 
Dafür reichten allerdings die Kräfte, über die die Formation des 
beratenden Hygienikers verfügt, nicht aus, obwohl er bald einen 
Stab von vier geschulten Bakteriologen und das nötige Hilfs¬ 
personal zur Verfügung hatte. Es wurde deshalb im Benehmen 
mit den Korpsärzten und dem Etappenarzt an jedem irgendwie 
wichtigen Punkt ein geeigneter Sanitätsoffizier am Ort oder in 
der Nähe gewissermaßen* als lokaler Typhuskommissar bestellt, 
dem die Aufgabe zufiel, das von uns begonnene Werk mit unserer 
Unterstützung fortzusetzen. Zwei Assistenten waren fast täglich 
mit Kraftwagen unterwegs, um ihr Dezernatgebiet abzufahren und 
einerseits organisatorisch, anderseits belehrend, aufklärend und hilf¬ 
reich zu wirken. Die Zahl der Ortschaften, für die einer zuständig 
ist, stieg nach und nach auf 44 und vergrößert sich immer mehr. 

Die von uns vorgenommeneu beziehungsweise veranlaßten 
epidemiologischen Ortsaufnahmen (Karte mit Eiuzeieh- 
nungen und die angelegte Uebersichtsliste) gaben uns nicht nur 
das früher erwähnte genaue Bild über die tatsächliche Ausbreitung 
des Typhus, sie erwiesen sich vielmehr noch als unmittelbares 
Bekämpfungsmittel, wie aus folgenden Beispielen hervorgeht. 

Der Ort S., an sich tvphusfrei. zeigt nur ein einziges Typhus¬ 
haus ( das Post Irans), in dem infolge Einschleppung von außerhalb nach¬ 
einander fast sämtliche Familmntnitirlieder an Typhus erkrankt waren. 
Per Sicherheit halber war die Ortschaft, solange es ging, von Truppen- 
belegung frei gehalten worden. Als aber später die Absicht bekannt wurde, 
nach dort ein größeres h’ekrutendepot zu legen, wurde nach einer neuer¬ 
lichen eingehenden Absuchung nach Typhus, die nichts ergeben hatte, 
die gesamte Posthal t ersfam i 1 i e nach dem Orte !>., in dem unser 
Ahsouderungshaus liegt, verpflanzt und nur deren abgeschlossenes Haus 
von der Belegung ausgeschaltet. — Am 14. Januar wurde uns gemeldet, 
daß beim Armeekorps M. die Sanität.sknnipagnie y gegen die Sanitats- 
kompagnie x, die in dem tvphusverseuclit gewesenen Dorf A. und in der 
Nachbarschaft der Typhusnester J. und P. (sämtlich dicht hinter der 
Front) gelegen halte, am 15. Januar umgewechselt werden sollte Noch 
am 14. Januar begab sich der Assistent, dem das Korps M. zu besonderer 
Bearbeitung zugeteilt ist, zur Sanitatskompagnie y, überreichte dem Chef¬ 
arzt und dem sogenannten Typliuskommissar das gesamte über die Dörfer 
A., J. und P. vorliegende Material (Karte, Liste usw.) und machte die« 
Herren an der Hand desselben auf alle in Betracht kommenden Dinge 
aufmerksam. Die Sanitiitskompagnie v war danach in der Lace. noch 
vor ihrer Hinkunft nach A bis ins einzelste unterrichtet zu sein Das 
gleiche gilt für die Sanitiitskompagnie x in ihrem neuen Enlerkimftsurte (!. 

Ebenso im großen zu verfahren, würden wir Vorschlägen, wenn 
einmal das ganze Korps M aus seiner Stellung gezogen und durch 
ein anderes Korps N ersetzt werden sollte. 

In welchem Umfang, abgesehen von kranken, krank gewesenen 
und typhusbacillenausscheidenden Menschen selbst, die mit diesen 
unmittelbar und mittelbar in Berührung gekommenen Dinge 
(Nahrungsmittel, Ablagerungsstätten von Fäkalien, Abfallstoffen 
usw.) bei der Typhusverbreitung mitwirken, ist in dem Abschnitt 
„Epidemiologie und Verbreitung“ auseinandergesetzt. Die Typhus- 
bekämpfung würde einseitig sein, wenn sie es sich nicht zur Auf¬ 
gabe machen würde, vorhandene hygienische Mißstände mit allen 
Mitteln zu beseitigen. Sie im einzelnen kennen zu lernen, 
gaben unsere eingehenden Ermittlungen ausreichend Gelegenheit! 
Die Besichtigung mit eignen Augen wies uns aber auch zugleich 
den Weg, wie zumal unter Feldverhältnissen Besserung der 
hygienischen Zustände zu erzielen war. Die Zeit des Stillstandes 
der eigentlichen Kriegsoperationen war von den Kommandobehörden 
und den Sanitätsstellen eifrig benutzt worden, um deutsche Sauber¬ 
keit mit deutscher Gründlichkeit, so gut es ging, allenthalben ein¬ 
zuführen und zu erhalten. Diese mehr und mehr in den Dienst 
des allgemeinen und speziellen Gesundheitsschutzes zu stellen, 
betrachten wir als eine wichtige Aufgabe. Eine besondere regel¬ 
mäßige Kontrolle der hygienischen Verhältnisse wird vorgenommen 
bei: Bahnhöfen, Schlächtereien, Bäckereien, Feldküchen, Kriegs- 


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Verpflegungsanstalten, Quartieren usw. mit Berücksichtigung etwa 
vorhandener Bacillenträger. Personen, die Typhus überstanden 
haben, werden aus solchen Betrieben auageschaltet beziehungs¬ 
weise zu ihnen gar nicht erst zugelassen. 

Wenn es auch, wie wir gesehen haben, bei einem Belage¬ 
rungskriege wohl möglich ist, eine systematische Typhus¬ 
bekämpfung genau so energisch, ja mit Hilfe von mili¬ 
tärischen Zwangsmaßregeln noch exakter durcjzuführen 
wie im Frieden, so ist das doch ganz anders, wenn die kämpfenden 
Truppen unaufhaltsam vorwärtsgehen. Da kann man diese Ma߬ 
nahmen zur Verhütung und Bekämpfung des Typhus nur schwer 
durchführen. Dann ist die Typhusschutzimpfung eine weitere 
Waffe im Kampfe gegen diese Seuche. Die Impfung ist in unserer 
Armee überall durchgeführt. Ueber die Erfolge läßt sich ein 
Urteil noch nicht abgeben; wir werden später darüber ausführlich 
berichten. Soviel läßt sich aber sagen, daß die Reaktionen im 
allgemeinen gering waren und Schädigungen, die auf die Impfung 
zurückzuführen wären, nicht beobachtet wurden. Unter allen 
Umständen muß sie daher im Kriege mit aller Energie betrieben 
und gegebenenfalls bei längerer Dauer des Krieges wiederholt werden. 

Die Durchführung aller dieser, die Seuchenbekämpfung be¬ 
treffenden verschärften Maßnahmen stieß nicht auf die geringsten 
Schwierigkeiten. Bei dem weitgehenden Entgegenkommen aller 
militärischen (Etappeninspektion usw.) und militärärztlichen (Armee¬ 
arzt, Korpsärzte, Etappenarzt usw.) Dienststellen, bei dem Dienst¬ 
eifer und dem Pflichtbewußtsein aller unserer Sanitätsoffiziere, 
besonders auch bei der wertvollen Mitarbeit der Korpsärzte und 
Korpshygieniker, war das nicht anders zu erwarten. In erster Linie 
verdanken wir das aber der unerreichten Organisation unseres Militär¬ 
sanitätswesens, das von seinem Chef, Sr. Exzellenz dem Generalstabs¬ 
arzt der Armee Prof.Dr.v.Scbjerning, auf eine Höhe der Vollkommen¬ 
heit gebracht worden ist, um die uns alle unsere Feinde beneiden. 

Zum Schlüsse noch einige Worte über den bakteriologi¬ 
schen Betrieb im Felde. 

In dem Kapitel „Bekämpfung“ wurde ausgeführt, daß wir 
nicht allein kranke und krankheitsverdächtige Soldaten unter¬ 
suchen, sondern daß wir die systematische Durchsuchung der 
Zivilbevölkerung als eine ebenso unerläßliche wie wichtige Ma߬ 
nahme in der Typhusbekämpfung im Felde betrachten. Zurzeit 
werden in unserem Laboratorium täglich etwa 500 bis 600 Ein¬ 
gänge (Stuhl, Urin, Widal, Blutgalle) untersucht, zumal da mehr- 
facheRekonvaleszentenuntersuchungen auf Bacillenfreiheitausgeführt 
werden müssen. Es ist bei einer solchen Zahl ohne weiteres ver¬ 
ständlich, daß Buchführung und Untersuchungstechnik bei unver¬ 
minderter Genauigkeit möglichst vereinfacht werden mußten. 

Die erste Schwierigkeit, die sich uns bot, war die Be¬ 
schaffung ausreichender Mengen eines billigen Nährbodens. Die 
im Handel befindliche Trockennährböden, die uns nicht immer 
befriedigende Resultate leisteten, sind zu teuer (1 1 12 bis 15 M). 
Der Versuch, die Nährböden selbst herzustellen, Bcheiterte, dar uns 
Gas nur während weniger Abendstunden zur Verfügung steht. 
Seit einigen Wochen bedienen wir uns mit Erfolg fertiger Nähr¬ 
böden (Nähragar, Galle, Endo, Drigalski, Malachitgrünagar usw.), 
die nach unsern Angaben in der Elsässischen Konserven¬ 
fabrik von Ungemach (Straßburg-Schiltigheim) herge¬ 
stellt und, in Blechbüchsen gebrauchsfertig konserviert, in den 
Handel gebracht werden. In unserm Laboratorium wird der Inhalt 
der Büchsen lediglich durch Kochen verflüssigt und dann sofort zu 
Petrischalen ausgegossen. Mit dem „Büchsenagar“ dürfte die anfäng¬ 
lich schwierigeNährbodenfrage eine glückliche Lösung gefundenhaben. 

Tn der Hauptsache werden zur Untersuchung eingeeandt: 
Blutgalle, Blut zur Widalschen Reaktion, Stuhl und Urin. Die 
Verarbeitung des Bluts erfolgt im Laboratorium in der üblichen 
Weise; bezüglich des Ausfalls der Serumreaktion ist zu beachten, 
daß bei Typhusscbutzgeimpften der Widal schon infolge der 
Impfung sehr häufig positiv ist, sodaß dadurch die diagnostische 
Bedeutung dieser Reaktion sehr wesentlich eingeschränkt wird. 

Für die Frühdiagnose des Typhus eignet sich am besten die 
Blutgallekultur. Wir haben im Beginne der Erkrankung etwa 
90% positiv© Ergebnisse gehabt. Stuhl und Urin eines Patienten 
lassen wir uns nicht mehr getrennt einsenden, sondern der Verein¬ 
fachung halber gemischt in demselben Versandgefäß. Im Labora¬ 
torium wird ein Tropfen dieser Mischung auf Malachitgrünagar 
ausgestrichen; nach 20stündiger Bebrütung werden diese An¬ 
reicherungsplatten abgoschwemmt und zu Endoplatten, die wir 
fast ausschließlich verwenden, in der üblichen Weise verarbeitet. 

Für Massenuntersuchungen geben wir den Lazaretten ein 
Sammelbegleitschreiben. Das bakteriologische Untersuchungs¬ 


ergebnis wird vom Laboratorium hinter den Namen des Kranken 
beziehungsweise Verdächtigen geschrieben und dann dem Einsender 
wieder zurückgesandt. Auf diese Weise wurden unliebsame Ver¬ 
wechslungen, die bei telegraphischer Beantwortung sich nicht ver¬ 
meiden ließen, verhütet. In eiligen Fällen wird natürlich auch 
von der telegraphischen Mitteilung Gebrauch gemacht. 

Durch diese Ausführungen hoffen wir gezeigt zu haben, daß 
wir auch unter den jetzigen Verhältnissen des Kriegs eine 
systematische Bekämpfung des Typhus durchführen können. Die 
Erfolge sind auch nicht ausgeblieben. Ain die Einzelheiten 
(Zahlenangaben, Tabellen und Pläne) werden wir in einem aus¬ 
führlichen Bericht an anderer Stelle zurückkommen. 

(Abgeschlossen: 15. Januar 1915.) 


Choleraimpfphlegmonen 

von 

Dr. Franz Dedekind, 

Assistenten der deutschen chirurgischen Klinik (Prof. Schloffer) in Prag, 
Landst arm-Assistenzarzt. 

ZuBeginn des Monats Dezember trafen in der Quarantänestation 
für Verwundete in Leipnik (Mähren) größere Transporte verwundeter 
und kranker Soldaten vom russischen Kriegsschauplatz ein, von denen 
eine kleine Gruppe deswegen mein Interesse in Anspruch nahm, 
weil ihre Erkrankung eine Folge der Choleraschutzimpfung war. 
Ueber diese Fälle kurz zu berichten, halte ich mich vor allem aus 
dem Grunde für verpflichtet, weil man, einmal darauf aufmerksam 
gemacht, ähnliche Komplikationen für die Zukunft wird verhindern 
können. 

Mit welcher Energie die Schutzimpfung gegen Cholera bei 
unserer Armee betrieben wird, dafür zeugt in erster Linie die be¬ 
kannte Tatsache, daß sogar in den Schützengräben die Impfung 
an unsern Soldaten vorgenommen wird. Daß hier der Militärarzt 
unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen zu arbeiten ge¬ 
zwungen ist, bedarf keiner weiteren Erörterung. Die bereits in 
großer Zahl vorliegenden Schilderungen der Kämpfenden von dem 
Aussehen und der Beschaffenheit der Schützengräben, insbesondere 
vou solchen, in denen vorher russische Truppen gelegen hatten, 
machen es verständlich, daß bei derartigen Massenimpfungen ein 
nur einigermaßen aseptisches Hantieren auf große Schwierigkeiten 
stoßen muß. Es wäre also a priori keineswegs zu verwundern, 
wenn hin und wieder als Ergebnis solcher Impfungen Phlegmonen 
sich einstellen würden. Mir ist über solche Phlegmonen aber 
nichts bekannt. Allerdings habe ich mich derzeit über die ein¬ 
schlägige Literatur nicht orientieren können. 

Eine mehr oder weniger starke entzündliche Reaktion an 
der Stelle der Impfung gehört ja zur Regel, doch schwindet die¬ 
selbe zumeist schon nach 48 Stunden und sie beeinträchtigt den 
Mann nicht oder kaum in seinem Felddienste. 

Phlegmonöse Entzündungen jedoch, wie ich sie in diesem 
Monate zu sehen Gelegenheit hatte, können schwere Allgemein¬ 
symptome verursachen und erheischen dann in jedem Falle den 
Abtransport des geimpften Soldaten. 

Die Zahl der von mir behandelten CholeraimpfphlegmoBen, 
die mit einem Schub in die Leipniker Verwundetenstation einge¬ 
liefert wurden, beträgt 18. Es handelte sich durchweg um sonst 
gesunde, kräftige Leute, die alle demselben Regiment ange- 
hörten. Ein Läheres Eingehen auf die Kasuistik ist überflüssig, 
denn alle boten anamnestiscb und symptomatologisch nahezu 
dasselbe. 

Von ihnen war einer zum erstenmal, zwölf waren zwei¬ 
mal, fünf schon zum drittenmal geimpft. Die Intervalle zwischen 
den einzelnen Impfungen betrugen 10 bis 14 Tage. Abgesehen 
von den bekannten lokalen Symptomen waren die ersten am linken 
Oberarme, vereinzelt auch an der Brust ausgeführten Injektionen 
stets gut vertragen worden und die Soldaten gaben auf Befragen 
ausdrücklich an, daß reine Nadeln verwendet und die Impfstellen 
gesäubert und mit Jodtinktur bestrichen worden waren. Anders war 

dies bei den letzten Impfungen, die der Arzt kompagnieweise in der 

letzten Novemberwocho ausführte Das in Betracht kommende Reg 1 ' 
ment war in den Kämpfon in Russisch Polen beteiligt, doch wur¬ 
den zum Impfen Kampfpausen gewählt, während welcher in der 
Hütte eines Dorfes die Soldaten der Reihe nach an treten mußten. 
Geimpft wurde jeder Mann in den linken Vorderarm. Die Haut 
wurde dabei angeblich nicht gereinigt, dieselbe Nadel ohne vor- 


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hfrige Säuberung von Mann zu Mann verwendet. Der Impfstoff 
sei nicht aus einer großen Flasche, sondern aus kleineren Fläsch¬ 
chen aspiriert worden. 

Der größte Teil der so Geimpften scheint keine nachteiligen 
Folgeu gezeigt zu haben, bei unsern 18 Patienten jedoch stellte 
sich schon am zweiten Tag eine schmerzhafte Schwellung des 
litlen Vorderarme ein, der oh seiner Schmerzhaftigkeit bald selbst 
für die einfachsten Handgriffe untauglich wurde. 10 bis 12 Tage 
nach der letzten Impfung trafen die Krankenbei uns ein und boten, 
zwei Fälle ausgenommen, die bereits incidiert und (trainiert waren, 
aber immerhin eine noch floride Eiterung zeigten, folgendes Bild; 

Spindelförmige, sehr schmerzhafte Anschwellung des linken 
Vorderarms mit flammiger RötuDg der Haut. Oedem der Ell¬ 
bogengegend und des Handrückens. An der Dorsalseite des 
Vorderarms in gToßem Umfange sehr deutliche Fluktuation. 
Lymphangoitis der betroffenen Extremität und Schmerzhaftigkeit 
der nicht oder kaum vergrößerten axillären Drüsen. Es bestand 
bei allen Fieber, dessen höchster Grad bei einem Manne 39,4 be¬ 
trug. Von Allgemewsymptomen wären nur Schlaflosigkeit infolge 
dwSchmerzes und große Mattigkeit zu erwähnen. Gastrointesti¬ 
nale Erscheinungen fehlten. 

Die Therapie dieser subcutanen respektive subfascialen Arm¬ 
phlegmonen bestand in sofortiger breiter Incision, wobei sich im 
Schwalle ziemlich dickflüssiger, gelber, mit gangränösen Gewebs- 
fetzen untermischter, geruchloser Eiter in beträchtlicher Menge 
entleerte. Eine bakteriologische Untersuchung gestatteten die 
derzeit hier noch herrschenden primitiven Verhältnisse nicht. 
Doch bewiesen uns das sofortige Abfallen der Temperatur zur 
Vorm und die rasche Reinigung der Wunden in allernächster Zeit 
die Gutartigkeit dieser Phlegmonen, die aber immerhin sonst gesunde 
Mannschaft temporär kriegsuntauglich machten. 

Daß die Infektion in diesen Fällen mit dem Impfstoff als 
solchem zusammenhing, erscheint mir durchaus unwahrscheinlich. 
Die ungünstigen äußeren Verhältnisse, unter denen die Impfung 
vorgc-nommen wurde, lassen uns die Infektionsquelle vielmehr in 
diesen suchen. So ist denn diese kleine Phlegmonenendemie eine 
Mahnung, totz aller äußeren Schwierigkeiten doch die Desinfektion 
der Impfstelle und die Verwendung einer reinen Nadel und Spritze 
nicht außer acht zu lassen. Für erstere garantiert im Felde, wie 
die Erfahrung schon zur Genüge gelehrt hat, der einfache Jod¬ 
tinkturanstrich. Um das Instrumentarium, Spritze und Nadel, un¬ 
gefährlich zu machen’ dürfte es wohl genügen, beide vor Beginn 
der Impfung auszukochen und, wenn ein wiederholtes Kochen der 
Nadel aus äußeren Gründen nicht möglich ist, sie mit einer 
desinfizierenden Lösung durchzuspritzen. Vorzuziehen wäre dem¬ 
gegenüber das jedesmalige Ausglühen der Nadeln, was freilich die 
Verwendung von Platin-Iridiumnadeln zur Voraussetzung hat. 

Das wirksamste Mittel zur Verhütung ähnlicher Impfinfek¬ 
tionen wird es aber natürlich sein, wenn man, wie dies ja jetzt 
bereite geschieht, die Mannschaft nicht erst während des Kampfes 
im Felde, sondern schon in ihrer Ausrüstungsstation unter Ver¬ 
hältnissen impft, wo allen Anforderungen der Asepsis entsprochen 
werden kann. _______ 

Zusatz: Auch hier in Böhmen hat es, wie mir Herr Ober- 
fabsarzt Dr. PeÖirka mitteilt, eine ähnliche Phlegmonenepidemie 
*on etwa 20 Fällen gegeben. Die Impfung war dabei von einem 
anshelfenden Zivilarzte vorgenommen worden, der gleichzeitig mit 
Impfstoff derselben Provenienz noch viele Hundert andere Sol¬ 
daten impfte, bei denen keinerlei ungewöhnliche Nebenerscheinungen 
,aftrate »- Sohloffer. 


Orthopädisches in der Verwondeten- 
behandlnng 

von 

Dr. Alexander Ritschl, 

orthopädischen Chirurgie an der Universität Freiburg i. B., 
ordinierendem Arzt der chirurgischen Abteilung des König!. Garnison« 
lazaretta, Stabsarat der Reserve a. D. 

_ (Schluß ans Nr. 6.) 

einhar t r j We i t0 ^ jeder Verletzung des Bewegungsapparats 
0 ^ C ^ aden ist die Muskel ab mager ung. Sie ist die 
webst* ^ er Euhighaltung beziehungsweise der der Ge- 

Md gt ^ nu 5p n , we S en erforderlichen Ruhigstellung durch Schienen 
Fällen d* D^ äö( * e * ^ er Schmerz zwingt den Kranken in vielen 
dauflm^ d " ewe £ u ®gen selbst dann einzustellen, wenn eine an- 
““w>de Ruh, uioht einmal vonnöten wäre. 


Unsere Aufgabe geht dahin, den Schmerz als Ursache ver¬ 
meidbarer Ruhe zu bekämpfen und fällt in vielen Fällen mit dem 
zusammen, was ich soeben über aufsaugende Maßnahmen ausgefübrt 
habe. Beseitigen wir frühzeitig das entzündungerregende Blut aus 
den Geweben, so verschwindet auch die Empfindlichkeit, der Kranke 
hat dann auch kein Bedürfnis mehr, sich schädlicher Ruhe zu be¬ 
fleißigen. 

In vielen Fällen können wir bekanntlich der Rubigstellung 
der Gelenke und damit auch der übrigen Bewegungsorgane, der 
Muskeln, der Sehnen in ihren Scheiden, der Sesambeine usw. nicht 
entraten. Bei den Knochenbrüchen sind wir in vielen Fällen ge¬ 
zwungen, zunächst mehrere Gelenke der Untätigkeit zu Überant¬ 
worten. Auch bei den jetzt im Kriege so häufigen Muskel- und 
Sehnen Verletzungen bedarf es oft längerer Ruhigstellung, um die 
klaffenden Lücken zu schließen. In diesen schweren und schwersten 
Fällen lassen sich selbst höhere Grade von Schäden der Beweg¬ 
lichkeit nicht vermeiden. In jedem Fall aber müssen wir darauf 
bedacht sein, die Ruhigstellung auf ein Mindestmaß zu be¬ 
schränken und sobald es die Heilung der getrennten Ge¬ 
webe zuläßt, allerdings zunächst in der vorsichtigsten 
und schonendsten Weise, die Ruhigstellung zu unter¬ 
brechen. Bei jedem Verbandwechsel sollen, sobald es möglich 
ist, entweder künstliche, besser noch Eigenbewegungen ausgeführt 
werden, während der Arzt zugegen ist und überwacht, damit kein 
Schaden aufkommt. Durch diese Maßnahmen kaun man die Be¬ 
weglichkeit, aber auch noch einen Teil der kostbaren Muskelkraft 
erhalten, die sonst verloren gehen würde. Auch die Faradisation 
ist ein Mittel, Muskeln schon zu einer Zeit zu Zusammenziehungen 
anzuregen, wo der Gewebsverletzungen wegen Eigenbewegungen 
noch gänzlich verboten sind. Es sollte daher in jedem Lazarett 
einer der handlichen Spam er-Apparate zur Verfügung stehen. 

Von sämtlichen Muskeln unsers Körpers aber erfordern zwei 
unserer ganz besonderen Fürsorge: der Deltamuskel und der 
vierköpfige Streckmuskel des Oberschenkels. Es ist eine 
bekannte Tatsache, daß die Strecker, die in der tierischen Ent¬ 
wicklungsreihe erst bei den Kieltortieren und beim Menschen zu 
voller Bedeutung gelangten, schneller schwach werden und 
schwinden als die Beuger. Von den Streckern aber stehen in 
dieser Beziehung weit voran die genannten Muskeln, der Strecker 
und Erheber unserer oberen Gliedmaße und der Strecker unsers 
Kniegelenks. 

Die Ursachen dieses Verhaltens sind den Beugern gegen¬ 
über, die dem Schwunde längBt nicht in dem Maß und niemals 
so schnell anheimfallen, in verschiedenen Umständen zu suchen. 
Nach Fischer sind die Blutumlaufs Verhältnisse in den Beugern 
weit günstiger als in den Streckern. Die letzteren liegen von 
den großen Gefäßen verhältnismäßig weit entfernt, empfangen da¬ 
her ihr Blut aus längeren und im allgemeinen auch dünneren Ge¬ 
fäßen. Sie sind mit stärkeren sehnigen Blättern oder Fascien 
ausgestattet und reicher an eingelagertem Bindegewebe. Da sich 
in der Ruhe, auch bei schmerzhaften Gelenkerkrankungen die Ge¬ 
lenke alsbald in Beugelage einstellen, so steigt der Muskelinnen- 
druck und damit auch der Druck auf die Gefäßwände. Die Folge 
ist eine Verengerung der Muskeigefäße und eine gewisse, der Er¬ 
nährung schädliche Blutarmut. Sie betrifft den Deltamuskel des¬ 
halb in bedeutendem Grade, weil er in der Ruhelage der Armes, 
wobei dieser die seitliche Brustwand berührt, sich fast in äußerster 
Anspannung befindet. Die Beziehungen der Strecker zu den Ge¬ 
lenken, die sie mit ihren Enden oder Sehnen Überdecken, führen 
zu innigen Zusammenhängen zwischen den Sauggefäßen der Ge¬ 
lenkweichteile und der Strecker. Entzündliche Vorgänge in den 
Gelenken gehen daher leicht auch auf die Streckmuskeln über. 
Die Strecker sind ferner meist sogenannte „eingelenkige“ 
Muskeln, das heißt überbrücken nur ein Gelenk und werden mit 
dessen Ruhigstellung zu völliger Untätigkeit verurteilt. Die Beuger 
überbrücken meist mehrere Gelenke und können dementsprechend, 
auch wenn eines dieser Gelenke der Ruhe überantwortet wird, an 
einem andern Gelenke sich noch betätigen. Deshalb bleibt’von 
den Bäuchen des vierköpfigen Oberschenkelstreckmuskels gewöhn¬ 
lich bei Kniegelenkserkrankungen der noch das Hüftgelenk beugendo 
gerade Bauch (Rectus) von der Schwäche mehr oder weniger ver¬ 
schont, während seine eingelenkigen kurzen Bäuche (Mm. vasti) 
besonders schnell schwinden. Auch die innigen Beziehungen 
zwischen den Nerven der Gelenkkapseln und der Strecker werden 
von Schüller für die schnelle Abmagerung verantwortlich ge¬ 
macht. So entspringen die Nerven des Schultergelenks aus dem 
Sohulternerven (Nervus axillaris), die des Kniegelenks aus dem 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


großen vorderen Oberschenkelnerven (Nervus eruralis). Reize, 
welche die Emptindungsnerven der Gelenkkapsel treffen, pflanzen 
sich zu den Nerven(Ganglien)zellen der Vorderhörner des Rücken¬ 
marks fort, das heißt auf die Rückemnarkscentren der die schwinden¬ 
den Muskeln versorgenden Bewegungsnerven und erzeugen in diesen 
nach Paget und Vulpian Veränderungen, die sich nicht nur in 
stofflicher, sondern auch in der Richtung ihrer Kraftäußerung be¬ 
merkbar machen (Reflexatrophie oder arthritischo Muskelatrophio). 

Aus all diesen Gründen müssen die Strecker, vornehmlich 
aber der Deltamuskel und der vierköpfigo Oberschenkelstrock¬ 
muskel, sobald es die Verhältnisse irgend zulassen, geübt, elek¬ 
trisiert und massiert werden. 

Seitliche Erhebungen des Armes, möglichst vom Kranken 
selbst ausgeführt, sogar mit Einschaltung von Widerstünden — 
ein mit einer gewissen Menge Wassers gefüllter Eimer steht 
an jedem Orte zur Verfügung —, oder wenigstens unter Nachhilfe 
— der Patient bedient sich dabei unter Zuhilfenahme eines Besen¬ 
stiels selber — erhalten die Beweglichkeit und die Kraft des 
Schultermechanismus. Der Oberschenkelstreckmuskcl wird im Bett 
in Rückenlage durch Heben und Senken des gestreckt gehaltenen 
Kniegelenks geübt, am besten stündlich eine vorgeschriebene Zeit. 
Selbst wenn das Kniegelenk im Verbände ruht, sind diese gänz¬ 
lich unschädlichen Anregungen für den Muskel eine für seine 
Erhaltung dringend gebotene Maßregel, die zu unterlassen sich 
immer schwer rächt. 

Denn die Wiederherstellung eines geschwundenen 
Muskels ist — ich weiß das aus hundertfältiger Erfahrung — 
eine unendlich langwierige Arbeit, die grenzenlose Geduld 
von seiten des Kranken und des Arztes verlangt und vielfach 
scheitert, weil der Kranke die Geduld verliert. Vorbeugen ist 
daher hier oberstes Gebot! Um die vorbeugenden Maßnahmen, 
also die Massage, Elektrisierungen, die nachhelfenden und Eigen¬ 
bewegungen vornehmen zu können, müssen die Verbände möglichst 
so eingerichtet werden, daß sie von den Gliedern entfernt werden 
können. 

Außerdem aber sollten die Feststellungen niemals auf Ge¬ 
lenke ausgedehnt werden, die der Ruhigstellung nicht 
dringend bedürfen. So möchte ich vor allem warnen vor jeder 
unnötigen Einwicklung der Fiüger. Pflicht des Arztes ist es 
im Gegenteil, der Hand ihre Beweglichkeit zu erhalten 
auch dadurch, daß er den Verletzten fortgesetzt ermahnt und 
überwacht, die Finger ergiebigst zu bewegen, damit die Greif¬ 
fähigkeit der Hand nicht leide. Eine Hand, deren Finger 
nicht ausgiebig und mit Kraft gebeugt werden können, 
sinkt mehr oder weniger zu einem wertlosen Schau¬ 
stücke herab. 

Ich habe auf diesem Gebiet aus verschiedenen Lazaretten 
wiederholt wenig Erfreuliches erlebt. Es waren Finger amputiert 
worden, die Nachbarfinger aber waren fast total versteift, nur 
weil man sich ihrer nicht angenommen hatte. Einige nachhelfendo 
und Eigenbewegungen gelegentlich der Verbandwechsel hätten die 
Beweglichkeit erhalten 1 ). Aber nicht nur in dieser Beziehung war 
gefehlt worden, sondern es waren auch viel zu umfangreiche 
Verbände angelegt worden. Die stehengebliebenen Finger 
waren dadurch so fest in den Verband miteingekeilt, daß sie sieh 
nicht rühren konnten. 

Der zu erhaltenden Beweglichkeit wegen sollte 
der Verband stets auf das geringste Maß beschränkt 
werden. In dieser Beziehung wäre auch der Sparsamkeit wegen 
in diesen Kriegszeiten noch mancherlei zu wünschen. Ich habe 
wahre Ungetüme von Verbänden gesehen. Es waren Haufen von 
Watte zur Polsterung von Schienen in Anwendung gekommen, 
daß man hätte meinen können, Deutschland litte am größten 
Ueberfluß. Es war eine ordentliche Arbeit, die Glieder aus diesen 
umfangreichen Umhüllungen herauszuschälen, und unwillkürlich 
wurde man an den alten lateinischen Vers erinnert: Parturiunt 
montes, nascetur ridiculus mus (Eis kreißen die Berge, aber es 
wird geboren nur ein lächerliches Mäuslein). 

i) Es sei auch darauf hingewiesen, daß den Fingern die Bewegung 
nicht selten erschwert wird durch zu reichliche Anhäufung von verhorn¬ 
ten Oberhantzellen, eingetrocknetes Blut, Schwielenbildungen, wie sie bei 
der mangelnden Gelegenheit zum gründlichen Waschen, beim häufigen 
Gebrauche von Hacke und Spaten in den Schützengräben sich zu bilden 
Gelegenheit haben. Die harten Krusten sind baldigst zu entfernen. Man 
erweicht sie, indem man für eine Nacht einen mit Salicyllüsung befeuch¬ 
teten Verband anlegt. Am nächsten Morgen lassen sich die aufgequolle¬ 
nen Hornzellen dann leicht nnter Wasserspülung mit einem stumpfen 
Instrument entfernen. 


Bis zu einem gewissen Grade verleiten zu diesen Verband- 
stofl'verschwendungen eine Art von Schienen, die in diesem Kriege, 
wie es scheint, sich der größten Verbreitung erfreuen — die so¬ 
genannte Kram er sehe Schiene. Ich lasse mir die Kramersche 
Schiene draußen im Felde gern gefallen, weil sie stets gebrauchs¬ 
fähig zur Hand ist, sich dem Gliede auch teilweise anbiegen 
läßt. Was ich aber auszusetzen habe, ist, daß man sich scheut, 
die Schiene so w r oit zu kürzen, wie es der Fall und die freizulassen¬ 
den Gelenke verlangen. 

So sah ich aus einem Lazarett an einem Tage zwei Verwundete 
mit sogar schon fest gewordenen Brüchen an der oberen Gliedmaße, 
beide mit Kr am er sehen Schienen versehen, die vom Halsansatz Ober 
sämtlicho Gelenke des Arme* hinweg noch über die Fingerspitzen hinans- 
reichten. Pie Finger waren dementsprechend in Strecklage auf die 
Schienen angebunden. 

Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn der im Felde 
arbeitende Arzt, dom es an Zeit und Material gebricht, zu irgend¬ 
einer Schiene greift und den Verwundeten zur Beförderung in die 
Heimat herrichtet, indem er auch einige Gelenke mit in den Ver¬ 
band einschließt, die eigentlich freigela$«en werden sollten. Han¬ 
delt es sich doch nur um einige Tage, die nicht viel verschlagen; 
aber in den Heimatlazaretten, wo die Kranken dann mit 
aller Sorgfalt behandelt werden können, sollten alle unzweck¬ 
mäßigen Schienen beseitigt und durch Besseres ersetzt 
werden. 

Was ich meinen Schülern gegenüber stets betoneund indenzahl¬ 
reichen Verbandkurson, die ich während meiner Lehrtätigkeit an 
hiesiger Hochschule gehalten, stets gelehrt habe, ist, daß diese Seite 
der ärztlichen Tätigkeit der Tätigkeit des Ingenieurs gleichen sollte, 
oder der bauenden Wirksamkeit der Natur, die bei geringstem 
Stoffauf wände größte Frostigkeit erzielen, zugleich aber auch 
die Gesotze dor Schönheit befolgen. Warum sollen wir nicht 
auch auf diesem Gebiet ärztlicher Tätigkeit uns bemühen, unsere 
Werke mit den Gesetzen der Schönheitslehre in Einklang zu 
bringen, soweit es eben geht? Feingearteto Naturen dürften jeden¬ 
falls die Eindrücke eines nach diesen Grundsätzen geschaffenen 
Verbandes ebenso als eine Wohltat empfinden, wie sie umgekehrt 
von einem unförmigen Verbände peinlich berührt, womöglich 
seelisch noch mehr herabgestimmt werden, wie schon durch ibr 
Leiden oder ihre Verletzung. 

Den sichersten Halt liefern zweifelsohne Verbände, die sich 
der KörperoberlJäche mit ihren Unregelmäßigkeiten innig an¬ 
schmiegen, die als Ganz- oder Teilhülsen das Glied umschließen. 
Mao handelt, nach diesem Grundsatz, indem man für Aufgaben 
größten Haltes den Gipsverband verwendet. Schienen sollten, 
wenn irgend möglich, nach dem gleichen Grundsatz gebaut sein. 
Wir verwenden dafür fast nur noch die sogenannten „plastischen** 
Schienen, die man sich in verschiedener Weise leicht hersteilen 
kann, die vor allem, woil sie sich dem Gliede, für jeden Fall beson¬ 
ders hergestellt, innig anschmiegen, keiner oder nur leichter Polste¬ 
rung bedüifen. Sie verbinden somit die Erfordernisse des Haltes 
mit einem verhältnismäßig geringen Umfang, wirken daher im Ver¬ 
bände nicht aufdringlich und unschön, beschweren das Glied nicht 
und hemmen so auch nicht durch ihr Gewicht die zur Erhaltung 
der Gelenkbeweglichkeit erforderlichen Bewegungen. 

Besondere Einrichtungen zur Streckung, elastische Federn 
und dergleichen lassen sich unschwer mit den Schienen in Ver¬ 
bindung bringen. Sie bilden für uns in Gestalt der Gipsschiene 
mit und ohne Mctallsehienen- oder Metalldrahtverstärkung oder 
in Gestalt der Pappdeckelmetallschiene 1 ) die Grundlage für alle 
jederzeit vom Gliede zu entfernenden Haltevorrichtungen und ge* 
statten alle besonderen technischen Erfordernisse anzubringen, die 
der Fall erheischt. 

Die Gipsverbände, die uns bei den Knochenbrüchen so un¬ 
endlich wertvoll sind und es uns durch die vollkommene Ruhe* 
die wir don Gliedern mit ihrer Hilfe gewähren können, ermög¬ 
lichen, selbst eiternde Verletzungen der Knochen und Gelenke mit 
Erfolg unter Erhaltung des Gliedes zu behandeln, bringen den 
Bewegungsorganen, zumal wenn sie geschlossen und unabnehmbar 
sind, größte Gefahren. Wenn mail aber mit den Verhältnissen 
und der Technik vertraut ist, so geht dem Gipsverbande von seinen 
segensreichen Eigenschaften nicht das geringste verloren. 

In Form des Gehverbandes gestattet er uns, die Verletzten 
unter Umständen schon im Laufe der ersten Woche wieder au 

*1 Die Schienen, bestehend aus Aluminium, verzinntem Eisenblech, 
verzinntem Eisendraht usw. t werden durch grobe Nähte mit den le 
hülsen in \ erbindung gebracht, bei den Gipsschieuen auch mit flingeaiE • 
(Siehe Näheres bei Lowy: Die ärztliche Gipstecbnik. Stuttgart 1* 


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I Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


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iie Beine zu bringen. Machen wir den Gehverband gleichzeitig 
ibnehmb&r, so können wir bei zu Verstellungen nicht neigenden 
inochenbrüchen schon frühzeitig Bäder, Massage, Elektrisierungen 
jnd Bewegungsübungen mit heranziehen und in kürzester Zeit 
Heilung erzielen, ohne daß Schwäche und Versteifung eine beson¬ 
dere Nachkur erforderten. Bei schwereren Brüchen geben wir 
lern Gliede so lange Ruhe, bis wir annehmen können, daß die 
intvicklung des die getrennten Stücke verbindenden Knochen- 
ijewebes genügend vorgeschritten ist, um bei vorsichtiger Behandlung 
wnSchst die mit festgestellten Gelenke freigeben zu können. Der 
diese miteinschließende Verband wird zu diesem Zwecke zunächst 
in den Enden gekürzt, bei einem Unterschenkelbruche beispiels¬ 
weise Knie- und Fußgelenk freigegeben. Schließlich wird die ge¬ 
schlossene Hülse, sobald es die Verhältnisse gestatten, abnehmbar 
jemacht, um die orthopädische Behandlung in allen ihren ver¬ 
schiedenen Anwendungen, sobald es nur irgend geht, durchführen 
tu können. 

Die nicht im Verband eingeschlossenen Gelenke, nicht nur 
die nach dem Ende des Glieds, sondern auch die nach dem 
Rumpfe hin gelegenen, werden nach Möglichkeit schon wäh- 
•end der nicht zu umgehenden Bettruhe betätigt. Die 
Zusammenziehungen der großen Muskelmassen, die um Schulter¬ 
nd Hüftgelenk angehäuft sind, üben einen nicht zu unterschätzen¬ 
den Einfluß auf den Umlauf des Bluts und des Inhalts der Saug- 
idern im verletzten Glied und dadurch auf dessen allgemeine Er- 
aährung aus, beugen teigigen Schwellungen vor und geben auch 
Herz und Lunge sowie den Verdauungsorganen wohltuende An¬ 
regungen. Der Heilung der Gewebstrennungen erwachsen hieraus 
Vorteile, die die Heilungsdauer sicherlich nicht unerheblich her- 
ibsetzen. 

Dem behandelnden Arzt aber stellt es ein wenig günstiges 
Zeugnis aus, wenn, was ich oft genug bei Verletzten gesehen 
habe, z. B. eine Schulterversteifung eintritt bei einem Patienten, 
der nur eine Verletzung im Hand-, Vorderarm- oder Ellbogen- 
Gebiete hatte, deshalb, weil der Arm Wochen- und monatelang in 
der Schlinge getragen war und der Verletzte von sich aus nicht 
gewagt hatte, den Arm rechtzeitig im Schultergelenke wieder aus¬ 
giebig genug zu bewegen. 

Von besonderer Wichtigkeit ist endlich die Stellung, die 
wir den Gelenken bei den notwendigen Feststellungen 
anweisen. Wenn auch Ausnahmen Vorkommen können, so sollen 
wir im allgemeinen eine Stellung wählen, die im Falle, 
daß aus irgendwelchen Gründen eine schwerere Be¬ 
wegungsstörung oder gar völlige Aufhebung der Be¬ 
wegung eintreten sollte, dem Gliede noch die verhält¬ 
nismäßig größte Betätigungsmöglichkeit bleibt. 

Wir müssen auch damit vertraut sein, was an den einzelnen 
Gelenken im Sinne der Betätigung und Nichtbetätigung das 
Wünschenswerte ist, wenn wir zwischen einem völlig versteiften 
Gelenk und einem wohl noch beweglichen, aber durch Erschlaffung 
der Bänder und Abmagerung der Muskeln bis zu einem gewissen 
Grade haltlosen, vom Kranken nicht mehr zu beherrschenden Ge¬ 
lenke zu wählen haben. So ist völlige Starre an den großen Ge¬ 
lenken der unteren Gliedmaße, wenn sie in guter Stellung erfolgt 
ist, unter allen Umständen vorzuziehen. Der Gebrauch ist., einige 
Gewöhnung vorausgesetzt, verhältnismäßig wenig beeinträchtigt, 
wenn die Fußgelenke im rechten Winkel und in Mittellage 
irischen Ein* und Auswärtsdrehung versteifen, wenn das Knie¬ 
gelenk in leichter Beugestellung, das Hüftgelenk mäßig gespreizt 
und gebeugt starr wird. Im Schultergelenk erleben wir gewöhn¬ 
lich eine Versteifung in der üblichen Ruhelage mit an die seit¬ 
liche Rumpfwand angelegtem Oberarm. Bleibt das Schulterblatt 
beweglich, so bedeutet das, genügende Muskelkraft vorausgesetzt, 
unmer noch die Fähigkeit, den Arm bis zur Wagerechten zu 
erheben. 

Am Ellenbogen stört am wenigsten die rechtwinklige 
Stellung. Schlimm ist es, wenn das Gelenk in Strecklage 
jwsteift Der Arm wird dadurch zu einer starren Stange, die 
die Verrichtungen der Hand, besonders am eignen Körper, im 
Wehsten Grade stört. Auch stumpfwinklige Beugestellungen sind 
noch in dieser Beziehung recht hinderlich. 

DieDrehstellungen des Vorderarms bedürfen sehr unserer 
Aufmerksamkeit, wenn eine Versteifung droht. Wir sind gewohnt, 
den Brüchen der Speiche aus bestimmten, hier nicht näher zu er¬ 
örternden Gründen dem Knochen eine stark auswärtsgedrehte 
„»weisen. Tritt nun in auswärts gedrehter Stellung eine 
ersteifung ein, so ist die Hand so gelagert, daß der Verletzte 
"ohl noch Geld damit in Empfang nehmen kann, aber all die Ver¬ 


richtungen unausführbar werden, bei denen wir die Hand mehr in 
Einwärtsdrehung einzustellen pflegen. Und diese sind die bei 
weitem überwiegenden. Wir fassen, um in der Turnersprache zu 
reden, viel häufiger mit Aufgriff zu, das heißt in Einwärtsdrehung, 
als mit Untergriff — in Auswärtsdrehung. 

Der Arzt hat demnach aus den Besonderheiten des Falles 
seine Schlüsse zu ziehen. Handelt es sich um einen glatten Bruch 
der Speiche, der voraussichtlich nicht zur knöchernen Verwach¬ 
sung von Speiche und Elle führen wird, so ist drohender Be¬ 
hinderungen der Auswärtsdrehung wegen die auswärts gedrehte 
Stellung am Platze; handelt es sich aber, wie jetzt im Kriege so 
oft, um Zerschmetterungen und schwere Weichteilschäden, die die 
Drehfähigkeit des Vorderarms und damit der Hand voraussicht¬ 
lich aufheben werden, so werden wir der Hand eher eine einwärts- 
gedrebte Stellung im Verband© anweisen. 

Für das Handgelenk ist eine über den geraden 
Winkel gestreckte Lage jeder andern Stellung vorzu¬ 
ziehen. Denn diese ist für eine kraftvolle Betätigung der Finger 
sozusagen Voraussetzung. Beachten Sie, daß diese Stellung so¬ 
fort unwillkürlich eingenommen wird, wenn man einen Gegenstand 
fest umfassen oder auch nur die Faust fest schließen will. Denn 
die Beugemuskeln unserer Finger können sich um so kraftvoller 
betätigen, je mehr sie schon durch die überstreckte Lage des 
Handgelenks angespannt wurden. Beachten Sie diesen Umstand, 
bitte, um so mehr, weil die der Schwere überlassene Hand 
eines in der Schlinge ruhenden Armes durch ihr Ge¬ 
wicht sofort in die Beugelage herabsinkt und dement¬ 
sprechend die weit überwiegende Mehrzahl der Handgelenkver- 
steifungen in dieser, der Betätigung der Finger so ungünstigen 
Stellung zustande kommt. 

Gesellt sich zu den Wirkungen der Schwere und dem Ueber- 
wiegon der Beugemuskeln über die Streckmuskeln noch eine Auf¬ 
hebung der Streckertätigkeit wie bei der Lähmung der Speichen¬ 
nerven, so kommt es iu kürzester Zeit zu den höchsten Graden der 
Versteifung. Bei unheilbaren Speichennervenlähmungen. wie sie 
uns der Krieg nicht so selten bringt, wäre daher zu überlegen, ob 
man nicht bei Zeiten das Handgelenk in leicht überstreckter Lage 
künstlich versteifen — die Arthrodese (Gelenkendenvereinigung) — 
aus!ühren soll. An der gebeugten Hand werden die Streckmuskeln 
der Finger in Anspannung versetzt und so unterstützt diese Hand- 
stcllung eine Fingerstellung, die der Hand ihr Greifvermögen, 
ihr 11 aupttätigkeitsgebiet, raubt — die Strecklage. 

Wenn schon Finger versteifen müssen, sollte man 
immer zu verhindern suchen, daß sie in Strecksteilung 
bewegungslos werden. Sie werden sonst, wenn sie vereinzelt 
sind, zu Hemmungen für die übrigen und nützen nicht nur nicht, 
sondern schaden; außerdem sind sie fortgesetzt, da sie bei jeder 
Gelegenheit anstoßen, ein Anlaß von ( x bialcn für den Kranken, von 
denen dieser nur durch die nachträgliche Absetzung befreit werden 
kann. Einen verletzten Finger zu erhalten, der voraussichtlich in 
dieser ungünstigen Stellung steif werden muß, hat somit dann um 
so weniger Zweck, wenn es sich um einen der entbehrlichen — also 
den Mittel-, Ring- oder kleinen Finger — handelt. Beim Zeige¬ 
finger kann man in Zweifel geraten. Entscheidend wird sein: 
die soziale Stellung, der Beruf und dergleichen. Bei Renten¬ 
empfängern sollte mau die Amputation frühzeitig machen, da diese 
Leute, wenn die Verletzung erst geheilt ist, meist zu einem blutigen 
F. ingriff ihre Genehmigung nicht mehr erteilen, obwohl ihre Arbeits¬ 
fähigkeit durch die Entfernung eines unnützen und hinderlichen 
Glieds nur gewinnen könnte. Der Schaden fällt dann auch noch 
der die Rente zahlenden Fürsorgestelle zur Last. 

Den Daumen müssen wir, seiner vereinzelten Stellung wegen, 
möglichst zu erhalten suchen: selbst wenn er steif und verkürzt 
ist, hat er noch die Bedeutung als Widerlager für die andern Finger. 
Bei schweren Hand Verletzungen sollten wir stets danach 
trachten, dem Verletzten noch eine bewegbare Zange zu 
erhalten, auch wenn sie vielleicht nur dazu dienen kann, leichte 
Gegenstände aufzunehmen und festzuhalten. Wir können dann um 
eine Kunsthand herumkommen, die, selbst wenn sie noch so voll¬ 
kommen ist, an Wert deshalb zurückstehen muß, weil sie gefühllos 
und dem Willen des Trägers nicht unterworfen ist. Zur Ab¬ 
setzung der ganzen Hand sollte man sich daher nur 
im äußersten Notfall entschließen. 

M. H.! Wenn nach diesen Grundsätzen vom erst¬ 
behandelnden Arzt vorgearbeitet würde, so ließen sich 
die sogenannten Nachbehandlungen jedenfalls auf eine 
weit geringere Zahl herabsetzen. Auch könnten sie er¬ 
heblich gekürzt werden und die Endergebnisse würden 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


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noch ganz anders sein, als es zurzeit vielfach noch der 
Fall ist. 

Ich gebe zu, daß die Aufgaben, die ich in meinem heutigen 
Vortrag angedeutet habe, keineswegs immer zu den leichten ge¬ 
hören. Die besonderen Verhältnisse jederzeit richtig zu deuten 
und die einzelnen Behandlungsarten und Unterarten zur rechten 
Zeit anzuwenden, dazu gehört eine Summe von Erfahrungen, tech¬ 
nischem Können und mechanischem Sinn, die nur durch fortge¬ 
setztes Beobachten und Ueben gewonnen werden kann. Die ortho»» 
pädischen Aufgaben schon vor der eigentlichen Nach¬ 
behandlung zu erfüllen, wird sich auf die Dauer kein 
Arzt entziehen können, Bofern er nicht ins Hintertreffen 
geraten will. Diese Mahnung kann besonders dem jungen 
medizinischen Nachwuchse nicht eindringlich genug er¬ 
teilt werden 1 ). Selbst wenn in der geschilderten Weise vorge¬ 
arbeitet wurde, bleibt der Nachbehandlung nach vollkommener Hei¬ 
lung der Gewebstrennungen häufig noch genug Vorbehalten. Nachdem 
die Wanden geheilt, können die mechanischen Einwirkungen natur¬ 
gemäß viel beherzter, es können die Massage in Verbindung mit 
Bädern aller Art und die gymnastischen Einwirkungen mit aller 
wünschenswerten Stärke vorgenommen werden. Die Apparat¬ 
behandlung erleichtert die Aufgaben der Gymnastik wesentlich 
und es wäre zu wünschen, daß unsern Verwundeten die in ihrer 
Vollkommenheit besondere für die „duplizierten“ oder Widerstands¬ 
bewegungen bewundernswerten und heute noch nicht übertroffenen 
Konstruktionen eines Zander in ausgiebigstem Maße zugute 
kämen. Für die passiven und die sogenannten Förderungsbewe¬ 
gungen ist den Pendelapparaten, die wir Krukenberg verdanken, 
der Vorzug zu geben, weil sie es demUebenden gestatten, den Aus¬ 
schlag des Pendels und damit des bewegten Gliedabschnitts nach 
Bedürfnis in jedem Augenblick zu ändern. 

Besondere Maßnahmen erheischen bei vielen geheilten Ver¬ 
wundeten die zurückbleibenden Narben, die uns das ganze Heer 
der dermatogenen, desmogenen, myogenen und arthrogenen Con- 
tracturen — Schrumpfungszustände in Haut, Zellgewebe, Muskeln 
und Gelenkweicbteilen — je nach ihrem Sitz oder ihrer Ausdeh¬ 
nung schaffen. In manchen Fällen werden alle unsere auf 
die Betätiguogsmöglichkeiten gerichteten Heilbestrebungen an 
ihnen zu Schanden. In anderen werden wir durch Nach¬ 
operationen zur Lösung und Wiedervereinigung von Nerven, 
Sehnen, vielleicht auch Muskeln der Wiederherstellung der Bewe¬ 
gungsmöglichkeiten vorzuarbeiten haben. Die strangförmigen 
Narben an Stelle eines glatten Schußkanals werden unter Um¬ 
ständen durchschnitten oder mit dem Messer ganz entfernt werden 
müssen, wenn sie den Ablauf der Bewegungen in höherem Grade 
erschweren. Die Endergebnisse dieser erst nach Abklingen aller ent¬ 
zündlichen Nebenerscheinungen vorzunehmenden Eingriffe werden 
zurzeit noch kaum zu Übersehen sein und es muß einer späteren 
Zeit daher Vorbehalten bleiben, die gewonnenen Heilergebnisse zu 
sichten und vorzuführen. 

Auf ein Mittel aber möchte ich zum Schlüsse noch Ihre Auf¬ 
merksamkeit lenken — das Thiosinamin. Wir haben von ihm 
zur Erweichung der Narben in Gestalt von Einspritzungen in die 
Lendenmuskeln, neuerdings auch in Blutadern, seltener wegen ihrer 
Schmerzhaftigkeit in oder um das Narbengewebe selbst schon seit 
vielen Jahren Gebrauch gemacht, meist in der Form des hand- 
ichen, von der Firma Merck in Darmstadt hergestellten Fibro- 
lysins. Die von einzelnen Seiten angezweifelte Wirkung dieses 


i) Bedauerlicherweise und nicht gerade zum Vorteile des Ansehens 
des ärztlichen Standes ist es zurzeit noch den Studierenden der Medizin 
selbst überlassen, zu entscheiden, ob Bie Vorlesungen und Kurse über 
Orthopädie, Massage, Heilgymnastik, Unfallheilkunde belegen sollen. Man 
begegnet daher selbst in Aerztekreisen auf diesem Gebiet öfter noch 
einer überrasehenden Unkenntnis. Berücksichtigung dieser auch in so¬ 
zialer Beziehung so wichtigen Gegenstände im Staatsexamen würde dem 
Mangel leicht abhelfen. Der jetzt weite Kreise in so hohem Grade inter¬ 
essierenden Krüppelfürsorge würde hierdurch sicherlich auch ein bedeu¬ 
tender Dienst erwiesen werden. Nach den Erfahrungen der Orthopäden 
gelangen die znr Verkrüpplung führenden Leiden im allgemeinen viel zu 
Bpät in die Hände auf dem Gebiet erfahrener Aerzte, weil selbst von 
Aerzten die Tragweite der beginnenden krankhaften Veränderungen noch 
vielfach falsch eingeschätzt wird. Bezeichnend ist, was mir vor einiger 
Zeit von den Eltern eines an Wirbelsäulenverkrümmung leidenden Kindes 
berichtet wurde: Ein sogar beamteter Arzt, der selbst nicht imstande 
war, für das Kind einen dem Stande der Wissenschaft entsprechenden 
Rat zn geben, erklärte den Eitern, als sie zu verstehen gaben, sie möchten 
das Kind doch einmal einem Spezialisten zuführen, „er hielte nichts 
von den orthopädischen Aerzten“. 


Mittels auf Narbengewebe ist unzweifelhaft; das Mittel hat uns 
neben der gleichzeitigen mechanischen Behandlung in zahlreichen 
Fällen schon sehr wertvolle Dienste geleistet. Es verdient daher 
auch bei unsern Verwundeten ausgiebigst mitherangezogen zu 
werden. Die Firma Merck haben wir bald nach Eintreffen der 
ersten Verwundeten gebeten, ihrer Vaterlandsliebe dadurch Aus¬ 
druck zu verleihen, daß sie uns für die Verwundetenbehandlung 
eine größere Menge Fibrolysin, keimfrei in Glasröhrchen, zur Ver¬ 
fügung stellen möchte. Dem hat Merck in ausgiebigem Maße 
durch zweimalige Sendung von mehreren 100 Röhren freundlichst 
entsprochen, wofür ihm warmer Dank gebührt. 

Alles noch einmal kurz zusammengefaßt, betrifft der Kern 
der orthopädischen Behandlung die Gelenke, die Organe, an denen 
sich die Bewegungen wie an Zeigern sichtbarliehst abspielen; aber 
nicht betrachtet in dem früheren beschränkten, anatomischen Sinne, 
wonach ein Gelenk aus zwei oder mehreren überknorpelten Knochen¬ 
enden besteht, die durch eine bindegewebige, durch Bänder ver¬ 
stärkte Kapsel verbunden sind. Der Orthopäde sieht vielmehr im 
Gelenk einen lebendigen Bewegungsmechanismus, von dom die 
bewegungsauslösenden Organe, die Muskeln mit ihren Sehnen, die 
in letztere eingelagerten Sesambeine, die Sehnenscheiden und 
Schleimbeutel, schließlich die den Willen vermittelnden Nerven¬ 
bahnen und Nervencentren nicht getrennt werden können. 

Nur wer in diesem allumfassenden Sinne Gelenkkrankheiten 
beurteilt und Gelenkchirurgie (das heißt orthopädische Chirurgie) 
treibt, kann von sich sagen, daß er auf der Höhe der Zeit steht 

Manche Begehungssünde, aber noch viel mehr Unterlassungs¬ 
sünden auf dem Gebiete der Krankheiten und Verletzungen des 
Bewegungsapparats würden zu vermeiden gewesen sein, wenn man 
gelernt hätte, das Mechanische im menschlichen Körper, den so 
bewunderungswürdig von der Natur geschaffenen Bewegungs¬ 
mechanismus, von dieser hohen Warte aus zu betrachten. 


Zwölf Gebote znr Verhütung des Krnppeltnms 
bei unseren Kriegsverwnndeten 

von 

Prof. Dr. Ritßchl, Freiburg i. Br. 

Der Orthopäde, Professor Dr. Ritschl in Freiburg i. Br. hat 
nachstehende zwölf Gebote der Kriegskrüppelverhütung ausgearbeitet 
und als Plakat drucken lassen. Dies Plakat ist dazu bestimmt, 
in Lazaretten und auf der Etappe aufgehäogt zu werden. Die 
Grundsätze, denen unter den jetzigen Kriegs Verhältnissen die weiteste 
Verbreitung zu wünschen wäre, sind im Verlage der „Freiburger 
Zeitung“ in Freiburg i. Br. in beliebiger Zahl zu erhalten. 

1. Sei eingedenk, daß Ruhe den Gelenken (Steifigkeit) und 
Muskeln (Abmagerung und Schwäche) schädlich ist. 

2. Verlaß dich nicht darauf, daß, nachdem die Gewebs¬ 
trennungen geheilt sind, die Bewegungsstörungen durch eine ortho¬ 
pädische oder medico-mechanische Nachbehandlung bekämpft werden 
können, sondern suche sie mit allen Mitteln vom Kranken fernzu¬ 
halten. Weise aber in schweren Fällen die Kranken der Nach¬ 
behandlung sobald als möglich zu, damit Zeit, Mühe und Geld 
gespart werden. 

3. Beschränke die Ruhigstellung der Gelenke auf das geringste 
Maß und suche sie häufig, sobald es die Heilung der Wunden und 
Knochenbrüche zuläßt, zu unterbrechen (veränderte Winkelstellung, 
Bewegungen). 

4. Erhalte die kostbare Kraft in den durch Ruhe gefährdeten 
Muskeln nach Möglichkeit durch frühzeitig einsetzende regelmäßige 
Massage, Elektrisierung und unter deiner Aufsicht vom Krankeu 
auszuführende Eigen- (aktive) Bewegungen ohne und mit äußeren 
Widerständen. 

5. Gedenke, daß die Streckmuskeln dem Schwunde weit 
schneller anheimfallen als die Beugemuskeln. Suche vor allem dem 
Arm seinen Heber (Deltamuskel) und dem Knie seinen Strecker 
(Quadricepsfemoris) leistungsfähig zu erhalten, denn ihre Schwächung 
macht daB betreffende Glied in hohem Grade minderwertig. 

6. Stelle die Gelenke auf längere Zeit, falls dieses der Gewebs¬ 

trennungen wegen nicht zu vermeiden ist, in solchen Stellungen 
fest, daß deren Versteifung gegebenenfalls dem Gliede es mögliche 
wenig erschwert, sich zu betätigen, und zwar: , 

Das Schultergelenk — in der üblichen durch ein Tragtuc 
(Miteila) gesicherten Ruhelage. 

Das Ellbogengelenk — rechtwinklig. 


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7. Februar, 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


lbfi 


Das Vorderaradrehgelenk — in Einwärtsdrehung (Pronation). 

Das Handgelenk — Überstreckt in der beim Schreiben und 
der beim festen Schließen der Faust sich von selbst ergebenden 
Stellung. 

Die Fingergelenke — leicht gebeugt. 

Das Hüftgelenk — leicht gebeugt und abgespreizt (abduziert). 

Das Kniegelenk leicht gebeugt. 

Das Fußgelenk — etwa rechtwinklig und leicht einwärts 
gedreht (supiniert). 

7. Verhüte, daß die Hand eineB in der Schlinge ruhenden 
Annes durch ihre Schwere in Beugcstellung sinke, denn diese 
Lage begünstigt Versteifungen der Finger in Strecklage und beein- 
trfchtigt den Faustschluß. 

8. Erhalte den Fingern ihre Beweglichkeit. Schließe sie 
nicht unnütig in Verbände mit ein und vergiß nie, den Kranken 
xn ermahnen, seine Finger durch fortgesetztes ausgiebiges Bewegen 
Tor Versteifung zu bewahren. 

Erhalte dem Verwundeten nach Möglichkeit eine natürliche 
Greifzange, denn eine künstliche Hand ist gefühllos und dadurch 
einem lebenden Handrest gegenüber minderwertig. 

9. Rege den Blutumlauf besonders bei bettlägerigen Kranken 
durch Bewegungsübungen der Glieder, auch Tiefatmungen an, denn 


eine gesteigerte Blutbewegung verleiht den inneren Organen wohl¬ 
tuende Anregungen und steigert die Ernährung und Regenerations¬ 
kraft der Geweb8. 

10. Beseitige frühzeitig in die Gewebe ergossenes Blut durch auf¬ 
saugungbefördernde Mittel (Hochlagerung, Massage, Wärme, Wechsel¬ 
duschen usw.), denn das geronnene Blut übt Dauerreizungen aus, 
die zu Verklebungen der Bewegungsorgane und bei reichlicher 
Anwesenheit zur Bildung schwartiger Bindegewebsm&ssen führen. 
Die letzteren aber können gewöhnlich nachträglich vollständig nicht 
mehr entfernt werden. Erinnere dich, daß die Blut- und Lymph- 
bewegung in den äußeren Abschnitten der Glieder mehr erlahmt 
und demgemäß die spontane Aufsaugung hier unter allen Umständen 
durch Kunsthilfe gesteigert werden muß. 

11. Halte es nicht deiner für unwürdig, in zweifelhaften 
Fällen, und falls deine eigenen technischen Fähigkeiten dir nicht 
genügend erscheinen, den Rat und die Hilfe eines erfahrenen Fach- 
kollegen frühzeitig nachzusuchen, denn du lernst dabei, dem Ver¬ 
letzten aber gereicht es zum Vorteil. 

12. Verachte nicht das Mechanische, denn unser Bewegungs¬ 
apparat ist ein mechanisches Wunderwerk. Nur der aber ist im¬ 
stande eine komplizierte Maschine wieder in Gang zu bringen, der 
deren Mechanismus kennt und selbst ein guter Mechaniker ist. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Der Diabetes der Alternden 

von 

Reg.-Rat Prof, Dr. E. Heinrich Kisch, Wien-Marienbad. 

In der klimakterischen Lebensperiode, bei Personen im Alter 
zwischen 55 und 62 Jahren, vorwiegend bei Männern, aber auch 
bei Frauen im Klimakterium, sieht man recht häufig die Sym¬ 
ptome des Diabetes auftreten, bei Personen, die sich bis dahin 
vollkommenen Wohlbefindens erfreuen, ein scheinbar sehr gesundes 
Aussehen bieten, in bevorzugten äußeren Verhältnissen leben, den 
Genössen der Tafelfreuden huldigen und auch dem Alkohol nicht 
abhold sind, dabei eine gewisse Wohlbeleibtheit besitzen. 
Diese Personen haben nur recht geringe Beschwerden; sie klagen 
nur hier und da über Unbehagen nach reichlicher Mahlzeit, etwas 
Kurzatmigkeit beim Treppensteigen, mancher auch über Herz¬ 
klopfen nach körperlichen Anstrengungen. Auffällig ist ihnen nur 
ein in der letzten Zeit merkliches Abnehmen des Körpergewichts, 
manchmal auch ein rasches Ausfallen der Zähne. 

Wird der Arzt zur Beratung herangezogen, was gewöhnlich 
recht spät stattfindet, so konstatiert dieser zumeist keine wesent¬ 
lichen Veränderungen in den inneren Organen. Die Herzdämpfung 
vielleicht etwas verbreitert, die Herztöne dumpfer, der Puls von 
stärkerer Spannung, der Blutdruck erhöht — aber die Harnunter¬ 
suchung ergibt Vorhandensein von Zucker. Diese Glykosurie, 
gewöhnlich in mäßigen Grenzen gehalten, ist zuweilen nur vor¬ 
übergebend, gestaltet sich aber bald zu einer dauernden und 
macht auf die Betroffenen einen tief deprimierenden Eindruck, da 
sie sich ja bisher als vollkommen gesund betrachteten und nun 
mit einem Schlage den Schrecken, zuckerkrank zu sein, empfinden. 

Dieser Diabetes der Alternden ist, wie schon aus den obigen 
Andeutungen zu entnehmen, vorwiegend lipo gen, auf der Basis 
einer viele Jahre bestehenden alimentären Mastfettleibigkeit 
erworben. Das heißt: Bei Personen, bei denen durch lange Zeit 
® Mißverhältnis zwischen reichlicher Zufuhr von Nährmaterial 
und geringem Verbrauche desselben stattflndet, welche gewohnt 
and. eine Übermäßige Kost zu genießen, deren Quantität und 
Qualität (üeberm&ß von Eiweiß wie stickstofffreier Nahrung) einen 
Ären Galorienwert einschließt, als der Organismus für seine 
Arbeitsleistungen und für seinen Wärmehaushalt bedarf — bei 
wichen Personen kommt es zu einer Fettanspeicherung, welche 
um so bedeutender wird, wenn dabei ein ungenügender Gebrauch 
der Muskelbewegung stattfindet, welch letztere zur Zersetzung 
dos Glykogens und Fettes im Organismus notwendig ist, oder 
joun auch noch Alkoholgenuß das angespeicherte Fett vor dem 
verfalle schützt. Auf diesem Wege kommt die alimentäre Lipo- 
Fettmast zustande, deren Höhepunkt nach meinen 
jsnaorungen beim männlichen Geschlecht im Alter zwischen 40 und 
’ ;'^hren, beim weiblichen Geschlecht etwas früher erreicht wird 
Ff® wobei dann, nach dem Bestände dieser Lipomatose durch ein 
“ *wei Dezennien und auch länger im Alter von Über 50 Jahren, 


zumeist zwischen 55 und 62 Jahren, sich in einer sehr beträcht¬ 
lichen Anzahl der Fälle die Neigung zum Auftreten des Diabetes 
kundgibt. Nach meinen Beobachtungen möchte ich annehmen, 
daß dieser Diabetes der Alternden bei den alimentär Lipomatösen 
in etwa 15% der Fälle eintritt (während nach meinen Ziffern 
bei den hochgradig konstitutionell Lipomatösen sich mehr als 
in der Hälfte der Fälle Diabetes entwickelt, und zwar in einer 
früheren Lebensepoche, und bei den juvenil-hereditär degene¬ 
rierten, angeborenen „Fettkindern“ nahezu stetig, früher oder später, 
Diabetes mellitus eintritt). 

Aus den statistischen Angaben mehrerer Autoren über das 
Vorkommen des Diabetes überhaupt (alimentärer und hereditärer 
Formen zusammen) in den verschiedenen Lebensaltern berechnete 
ich, daß auf das fünfte Lebensdezennium ungefähr 31%, auf das 
sochste Lebensdezennium gegen 35 % aller Fälle kommen. 
Beachtenswert ist diesbezüglich die Aeußerung von Noordens: 
„Ich habe den Eindruck, daß gerade der Diabetes der späteren 
Lebensjahre in den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung 
bei weitem über wiegt.“ Hierher gehört auch der Ausspruch 
Naunyns: „Unter den Diabetischen, die dem höheren Lebens¬ 
alter angehören, fiQdet man auffallend ungewöhnlich gut 
genährte Leute; unter meinen Fällen waren zehn, die über 
110 kg wogen.“ 

Für den vorwiegend lipogenen Diabetes der Alternden ist 
nach dem Gesagten wohl das ätiologische Moment Bohon in der 
Erfahrungstatsache gegeben, daß die Fettleibigen zum Diabetes 
disponieren und daß die Anlage zur Lipomatosis mit der zur 
Glykosurie verwandt ist. Aber es lassen sich noch andere 
Erklärungsgründe dafür heranziehen, daß sich bei klimakterischen 
Personen, bei denen die allgemeine Fettzunahme im Körper lange 
Jahre dauert, allmählich, wenn auch plötzlich in Erscheinung 
tretend, die diabetische Erkrankung entwickelt. So habe ich dies¬ 
bezüglich besonderes Gewicht auf die pathologischen Veränderungen 
der Muskulatur der Fettleibigen, auf die Durchwachsung der 
Muskeln vom Fettgewebe, die Auseinanderreißung der Muskel¬ 
fibrillen, die fettige Degeneration der letzteren, auf die, von mir 
experimentell nachgewiesene, wesentliche Beeinträchtigung der 
Muskelarbeit der Lipomatösen gelegt, welche Glykosurie zur Folge 
haben kann. Auch ist die bei den Mastfettsüchtigen häufig vor¬ 
kommende Veränderung der Leber zellen mit Fettablagerung in 
denselben als ein für die Entstehung von Diabetes akzessorisch 
begünstigendes Moment hervorzuheben. Hanse mann und 
A. Weichselbaum haben als ätiologisch besonders die lipoma- 
töse Durchwachsung des PankreaB und die hierdurch veranlaßte 
Druckatrophie des specifisohen Gewebes dieses Organs betont. 
Weich sei bäum erwähnt, daß bei der Form des Diabetes der 
Personen im höheren Alter über fünfzig Jahren sehr häufig Skle¬ 
rose der Arterien des Pankreas vorhanden ist und sehr oft damit 
eine mehr minder starke Fettinfiltration des interstitiellen Binde¬ 
gewebes: „Da in den Fällen von starker Lipomatose des Pankreas 
fast immer eine allgemeine Fettsucht vorhanden war, wird erstere 


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wohl als Teilerscheinung der letzteren aufzufassen sein. Hierher 
können jene Fälle von Diabetes gerechnet werden, welche Kisch 
unter der Bezeichnung lipogener Diabetes zusammenfaßt“ *). 

Der Verlauf des Diabetes der Alternden ist zumeist ein 
milder und langsamer, die Beschwerden gering, die Toleranz der 
Kohlehydrate in genügendem Maße und häufig sieb allmählich 
8 ^® , *& e f n d, der Gesamternährungszustand hält sich bei geeignetem 
diätetischen und hygienischen Verhalten, nachdem der plötzlichen 
Abmagerung ein Ziel gesetzt ist, durch längere Zeit auf aus¬ 
reichender Höhe. Der Zuckergehalt bewegte sich in meinen dies¬ 
bezüglichen Fällen zwischen 0,11 und 6,76 %, häufig waren 
Spuren von Albumen im Harne nachweisbar, nur vereinzelt war 
dieser Eiweißgehalt 0,11 bis 0,51 %, iu wenigen Fällen (zwei von 
elf quantitativen Bestimmungen) fand ich Ausscheidung von 
größeren Oxalsäureraengen im Harne. Die Prognose gestaltet sich 
bei dieser Diabetesform günstig, schwerer Verlauf ist selten, und 
ich habe dabei hohes Alter, in einem Falle 90 Jahre, erreichen 
gesehen. Natürlich dürfen keine besonderen Komplikationen ein- 
treten, welche den Verlauf ungünstig beeinflussen. Häufige 
Begleiterscheinungen des Diabetes der Alternden sind harnsaure 
Diathese, Gicht, Symptome allgemeiner Arteriosklerose. 
Der Exitus wird verhältnismäßig oft durch Hirnhämorrhagie, 
zuweilen durch Herzschwäche herbeigeffihrt. Eintreten von akuten 
Infektionskrankheiten, traumatischen Schädigungen und psychischen 
Insulten gaben gleichfalls den Anlaß zu raschem tödlichen Aus¬ 
gange. Es bleibt eben immer wahr der Ausspruch Frerichs: 
„Jeder Diabetiker gleicht dem Wanderer in finsterer Nacht auf 
schmalem Steg, ein Fehlschritt von diesem kann ihn rettungslos 
in den Abgrund werfen.“ 

Was die Behandlung des Diabetes der Alternden betrifft, 
so will ich nur kurz hervorheben, daß im allgemeinen und unter 
steter Kontrolle der Toleranz des Patienten gerade bei dieser 
Form eine allzu strenge Diät, eine übermäßige Einschränkung des 
Genusses der Kohlehydrate, aber auch der Eiweißsubstanzen 
vermieden werden muß. Daß vielmehr alle diätetischen und 
hygienischen Maßnahmen die unerläßliche Voraussetzung haben 
sollen, daß diesen senilen Personen der Kräftezustand gewahrt 
und das Körpergewicht nicht zu sehr herabgedrückt, vielmehr 
beide gehoben und verbessert werden. Dabei muß der Arzt die 
Gewohnheiten dieser älteren Wohlleber sorgfältig berücksichtigen 
und namentlich für eine appetiterhaltende und anregende Zu¬ 
bereitung und Zusammenstellung der Kost Sorge tragen. 
Schwächende Methoden, wie Milchtage, Einschaltung von vor¬ 
wiegend vegetarischer Kost, sind, auch nur generell gesagt, lieber 
zu meiden. Die Wichtigkeit der psychischen Behandlung ist bei 
den zur Hypochondrie, pessimistischer Auffassung und Melancholie 
geneigten Alten zu beachten. Gerade bei diesen Diabetikern ist 
darum mehr als bei andern das Belassen in ihier angenehmen 
Häuslichkeit, in der sorgsamen Pflege der Hausfrau und einer be¬ 
währten Köchin angezeigt, nur hier und da, auf kurze Zeit unter¬ 
brochen durch einen angenehmen und bequemen Aufenthalt in 
schöner Landschaft, nicht zu hoher Gebirgsgegend oder an der 
See, oder durch eine kurörtliche Behandlung, Trinkkur mit alka¬ 
lischen, alkalisch-mineralischen, alkalisck-salinischen und erdigen 
Quellen, sowie Badekur, ganz besonders mit natürlichen kohlen¬ 
säurereichen Mineralwässern. Beim Eintreten von Komplikationen, 
welche die Durchführung einer strengen Diät und Behandlung 
notwendig machen, erfolgt diese am besten, mindestens zeitweise, 
in einer diätetischen Anstalt unter bewährter Leitung. 


l)ie Milcli in der ärztlichen Praxis 

von 

Dr. Disquä, Kreisarzt a. D., Potsdam. 

Die Milch ist bei der Krankenbeb andlung von großer Be¬ 
deutung. Sie ist reizlos, da sie nicht die reizenden Extraktiv¬ 
stoffe des Fleisches besitzt. Sie enthält die einzelnen Nährstoffe 
Eiweiß Fett und Kohlehydrate im richtigeren Verhältnis als im 
Fleische. Diese Nährstoffe Bind nicht im Bindegewebe oder in 
Cellulose eingebettet. Die Verdauungssäfto können leicht an die 
einzelnen Nährstoffe herankommen. Sie verläßt nach Penzoldt 
den Magen sehr rasch, schon nach ein bis zwei Stunden. 

q A. Weichselbaum, Ueber die Veränderungen des Pankreas 
bei Diabetes mellitus. 


Und doch ist sie nicht in allen Fällen und in unverdünnter 
Weise immer so leicht verdaulich. Von manchen Patienten wird 
sie überhaupt nicht, manchmal auch nicht im vermischten Zu¬ 
stande vertragen und macht allerlei Beschwerden, sehr häufig 
Stuhl Verstopfung, manchmal Diarrhöe, oft Gasbildungen und Auf¬ 
stoßen. Sie ist auch nicht so leicht resorbierbar, wie Fleisch und 
Eier und verläßt nicht so leicht den Magen, wie Pflanzeneiweiß 1 ), 
da das Casein in größeren Flocken gerinnt. Die einzelnen Nähr¬ 
stoffe sind nur in großer Verdünnung vorhanden, besonders Ei¬ 
weiß, Fett und Kohlehydrate. — Da der Liter Milch 670 Calorien 
enthält, müssen wir, wenn wir nur von Milch leben wollten, je 
nach unserm Körpergewicht 4 bis 6 1 täglich zu uns nehmen, was 
doch auf die Dauer nicht möglich wäre. Dazu kommt noch, daß 
zirka 10% nicht ausgenutzt wird. Eine reine Milchkur muß 
darum zur Unterernährung führen. 

Die Milch wird darum jetzt häufig zu Entfettungskuren an¬ 
gewandt. Ein bis zwei Milchtage wöchentlich (2 1 Magermilch, 
sonst nichts genossen, oder nur grüne Gemüse, ohne Mehl und 
Fett, nur mit Fleischbrühe zubereitet, setzen die täglich nötige 
Calorienmenge auf unter die Hälfte herab und es ist oft ein täg¬ 
licher Gewichtsverlust von einigen Pfunden zu konstatieren. Ein 
bis zwei Milch- oder Gemüsetage wöchentlich werden nicht nur 
bei Korpulenz, sondern auch bei Gicht und Diabetes oft mit Er¬ 
folg angewandt 2 ). Eine reine Milchkur wirkt nicht nur durch 
Unterernährung, sondern auch durch Flüssigkeitsbeschränkung und 
durch den geringen Kochsalzgehalt der Milch. 

Bei Herzverfettung mit Oedemen wird die Karelische Milch¬ 
kur (fünf Tage lang bei Bettruhe nur 800 g Milch täglich in fünf 
Portionen, später etwas Fleisch und Zwioback dazu) verordnet. 
Ebenso empfiehlt His 3 ) die Karelische Milchkur bei Emphysem 
und chronischer Bronchitis (besonders, wenn die Kraft des Herzens 
nachläßt), außerdem bei Myokarditis, in manchen Fällen von An¬ 
gina pe< toris, bei serösen Exsudaten und zur Unterstützung der 
Digitaliskur. Bei Klappenfehlern ist die Karelische Milchdiät nur 
dann angezeigt, wenn es sich um hochgradige Insuffizienz und 
Hydrops handelt. — Bei Ascites infolge von Lebercirrhose ist sie 
noch eine am meisten Erfolg versprechende Behandlung 4 ). 

Früher gab man bei der Weir- Mitschell sehen Mastkur 
am Anfänge nur Milch. Die Patienten bekamen zuerst zwei¬ 
stündig 100 g Milch, später bis 3 1 täglich. Von dieser alten 
Methode ist man abgekommen, da die reine Milch zu wenig Nähr¬ 
wert hat und auch den Appetit beeinträchtigt. Man gibt jetzt 
außer wenig Milch, Sahne, Butter, die fettreichen Gelbeier in 
irgendeiner schmackhaften Form, und besonders auch die calorien- 
reichen Kohlehydrate, Breie, Flammeris usw. 

Bei Anämie und Chlorose ist die reine Milchdiät nicht an¬ 
gezeigt, da die Milch zu wenig Eisen enthält, kaum 1 mg in 1 1. 
Sie kann aber neben reichlich grünen Gemüsen, Fleisch und Eiern 
verabreicht werden. — Bei Neurasthenie lind Epilepsie ist sie wegen 
ihrer Reizlosigkeit und der nicht vorhandenen erregenden Ex¬ 
traktivstoffe dos Fleischs zu empfehlen 5 ), ebenso bei Gicht wegen 
ihrer vollständigen Pnrinfreiheit. 

Kinder sollen nach Pfaundler im ersten Lebensjahr ein 
Zehntel ihres Körpergewichts Milch erhalten. Dazu kommen in 
den ersten drei Lebensnionaten Zusatz von Schleim (Reis-, 
Graupen-, Hafergrütze) und Rohrzucker, bei öfteren Stühlen Soxhlets 
Nährzuckor oder Loeflunds Nährmaltose, bei Stuhlverstopfung 
Milcluucker. In den späteren Monaten gibt man statt der Schleim¬ 
abkochungen Mehlabkochungen (Mondamin-, Weizen-, Hafermehl 
20 Minuten gekocht. 

i Schema der künstlichen Ernährung eines gesunden Säuglings 

nach Langstein und Meyer 6 ). 

H Tage 1 Milch, 2 Wasser 2 bis 20 g Zucker täglich. Ge- 
samtmenge täglich 60 bis 600 g. 

:i. und 4. Woche. 1 Milch, 2 Schleim, 30 g Zucker. Ge- 
samtmenge täglich 800 g. 

’) Bickel, Ueber die Grundlagen der Diätetik bei Verdauung 8 
kränklichen (M. Kl. 1910, Nr. 12.) 

2 ) Disque, Ther. d. Gegenw., Okt. 1912. w. 

3 ) His, Karelische Milchkur bei Herzkrankheiten. (Ther. Jä • 
19 12. H. 1.) 

4 ) Ohly, Milchdiät. Speyer und Körner, Freiburg 191o. 

5 ) Ebstein, lieber Milchkuren. (M. Kl. 1908, Nr. 38.) ^ .. 

') UangBtein und Meyer, Säuglingsernährung und 8 ugi 

Stoffwechsel. Wiesbaden 1914. 


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2. und 3. Monat. 1 Milch, 1 Schleim, 30 bis 40 g Zucker. 
Gesamtmenge täglich 800 bis 1000 g. 

4., 5. und 6. Monat. 2 Milch, 1 Mehlabkochung, 50 g 
Zucker.' Gesamtmenge täglich 1000 g. 

7. und 8. Monat. Allmählicher Uebergang zur Vollmilch 
|,ei Darreichung von Bouillon und vegetabiler Diät, wie bei Ent¬ 
wöhnung von der Brußt. Das Quantum von 11 Milch täglich soll 
niemals überschritten werden. 

Im zweiten Lebensjahre sind nur höchstens Z U 1, im dritten 
Lebensjahre nur l h 1 Milch täglich zu geben. Bei reichlichem 
Milcbgenusse werden die Kinder häufig blaß, leiden an Appetit¬ 
losigkeit und Stuhlverstopfung und haben eine sehr schlaffe | 
Muskulatur. Salat und grüne Gemüse sind hier von der günstigsten 
Wirkung, ebenso bei der Rachitis, wo neuerdings die Milch auch 
sehr eingeschränkt wird. 

Man gibt jetzt, um den geringen Eisengehalt der Milch zu 
erhöhen, und reichlich Nährsalze zuzuführen, schon vom vierten 
Monat an Fruchtsäfte, vom fünften bis siebenten Monat an durch¬ 
geschlagene grüne Gemüse (Spinat, gekochten Salat, Möhren), einen 
Teelöffel, langsam steigend bis zu einem Eßlöfiel am Ende des 
ersten Lebensjahrs, bei Kindern, welche auf Gemüse leicht Diarrhöe 
bekommen, das leicht verdauliche Dr. Friedenthalsche Gemüse- 
palw (M. Töpfer, Böhlen b. Roetha i. S.), W. Sternberg 1 ) ist 
gegen diese Gemüsepulver, weil sie nicht frisch, nicht so appetit¬ 
lich und schmackhaft seien, wie das frische Gemüse. Frieden- 
thal 2 ), Langstein, v. Bergmann und Strauch und ich 3 ) 
haben' auf die leichte Verdaulichkeit und gute Ausnutzung des 
Gemüsepuivers aufmerksam gemacht. Man wird selbstverständ¬ 
lich immer frische Gemüse anwenden, sobald sie zu haben 
sind und vertragen werden. Ist dies aber nicht der Fall, so 
wird man immer froh 6ein, Gemüsepulver mit Erfolg verordnen 
zu können. 

Ekzem, besonders solches mit Seborrhöe kommt besonders 
bei überfütterten Kindern vor. Feer 4 ) reduziert bei solchen 
Kindern die Milch auf 4 / 4 1 täglich und entzieht sie im zweiten 
Halbjahr. Er gibt dafür Mehl-, Schleim-, Grießsuppen, Frucht¬ 
säfte und gekochte Gemüse schon nach dem ersten Viertel¬ 
jahre. Das Fett der Milch wird bei überfütterten ekzematösen 
Kindern besonders angeschuldigt. Man gibt deshalb lieber 
Buttermilch. 

Die Buttermilch ist besonders durch Untersuchungen 
Salges als Diätetikum wissenschaftlich anerkannt. Sie ist als 
Dauerpräparat in den Apotheken in zwei Formen zu haben. 1. Als 
reine Buttermilch ohne Zusatz (HA) nach Prof. Dr. Riet- 
sohel mit grünem Verschlußatreifen, 2. als Buttermilch mit 
Zusatz von Weizenmehl und 5% Zucker nach Prof. 
Dr. Koppe. (Holländische Säuglingsnahrung [HS] mit rotem 
Verschlußstreifen.) 

Die reine Buttermilch (HA) stellt eine fettarme, reizlose, 
im Salzgehalt etwas verminderte Kost dar. Sie ißt vorübergehend 
angezeigt bei leichter Dyspepsie, insbesondere auch als Ueber- 
gangsnahrung zur zuckerreicben Buttermilch (HS). Man gibt in 
den ersten Tagen 200 bis 300 g täglich mit Saccharin gesüßt. 
Nach Eintreten festen Stuhls wird die Menge vermehrt. 

Die Buttermilch mit Zusätzen (von Mehl und Zucker) 
-Holländische Säuglingsnahrung (HS) — ist eine vorzüg¬ 
liche Beinahrung zur Mutterbrust und bei Atrophie der 
Kinder, wenn die Kinder nicht zunehmen, ohne dabei zu häufige 
^tuhfentleerung zu haben. Bei zu häufigem sauren Gärungsstuhle 
rird besser die Eiweißmilch angewandt. Die Buttermilch ist, da 
sie aus saurer Sahne (durch Buttern derselben) bereitet wird, 
leicht säuerlich und besonders wegen der sehr feinen Gewinnung 
de« Casein leicht verdaulich. 

Ein ganz vorzügliches Mittel gegen Stuhl Verstopfung 
und besonders auch gegen Fettseifenstühle, die trocken, 
bröcklig, hell, lehmgrau bis weiß sind, und bei Milchnähr- 
s<hädcn ist die Kellersche Malzsuppe. Sie wird in folgender 
einfacher Weise hergestellt: 1. In */:; 1 Milch werden 30 g Weizen¬ 
mehl verrührt. 2. In 2 / 3 1 erwärmten Wassers werden 100 g 

*.) Die Techuik der Diätküche und die industrielle Technik der 
Fabrikation der Gemüsepulver. (Zbl. f. inn. M., 1914, Nr. 48.) 

*) M. KJ. 1912, Kr. 5. 

J ) Ther. Mh. 1912, H. 12, 1913 H. 1 und H. 12. 

*) Feer, Das Ekzem mit besonderer Berücksichtigung des Kindes- 
“ te * % d. Inn. M. 1912, B. 8.) 


Loeflunds Malzsuppenextrakt unter beständigem Rühren aufgelöst. 
Mischung 1 und 2 werden zusammengegossen und unter beständigem 
Rühren aufgekocht. Die Kellersche Malzsuppe (eine V:! Milch, 
angereichert mit Mehl und Malzextrakt) soll nur einige Wochen 
genommen werden. Bei Kindern unter drei Monaten führt sie 
manchmal zu stark ab, bei Kindern über sechs Monaten wird Halb- 
milch genommen, um sie eiweißreicher zu machen. 

Bei Nieren- und Blasenleiden ist die Milch wegen ihrer 
Reizlosigkeit besonders zweckmäßig. Es wäre aber ganz falsch, 
eine reine Milchdiät dabei längere Zeit anzuwenden. Es würde 
der Appetit darunter leiden, und durch die calorienarme Ernährung 
nach und nach eine Entkräftung des Patienten ein treten. Bei 
chronischem Nierenleiden ist eine nahrhaftere Kost (Fleisch, Eier, 
leichte Mehlspeisen usw.) zu verordnen, auch leichte Reizmittel, 
Fleischbrühe, Kaffee, Tee, alkoholische Getränke, leichtgesalzene 
gewürzte Speisen sind oft nicht zu entbehren 1 ). 

Dies ist ebenso bei chronischem Magenkatarrh bei 
fehlender Salzsäure der Fall. * Auch hier müssen Anregungs¬ 
mittel gegeben werden wie die eben erwähnten leichten Reiz¬ 
mittel. Die Magermilch und der Quark sind nach Bickel-) 
starke Sekretionserreger. Ebenso der Kefir, welcher nach meiner 
Erfahrung durch seinen Kohlensäure- und geringen Alkoholgehalt 
die Magenschleimhaut zur Salzsäureproduktion anregt und durch 
seine feinflockige Gerinnung des Caseins bei Gastritis leichter 
verdaulich ist als Yoghurt. 

Bei Ulcus und Hyperacidität wird der Milch Sahne zu¬ 
gesetzt, welche auf die Sekretion hemmend wirkt. Es wäre beim 
Ulcus ein großer Fehler, die reine Milchdiät längere Zeit fortzu¬ 
setzen, weil dadurch die schon vorhandene Anämie immer größer 
werden müßte. Das große Volumen von 1 1 und mehr Milch pro 
Tag würde den Magen belasten und wäre außerdem gewiß nicht 
geeignet, ein Ulcus rasch zur Heilung zu bringen. Nur in den 
nächsten Tagen nach einer Magenblutung halte ich eine reine 
Milchdiät, Milch mit Zusatz von etwas Sahne, für zweckmäßig. 
Es sind aber schon nach zwei bis drei Tagen Eier, nach und 
nach bis sechs pro Tag, nach einer Woche auch zartes, junges, 
geschabtes, im Mörser verriebenes, durch ein Haarsieb getriebenes, 
gekochtes Fleisch hinzuzugeben. Zur Milch kann dann Sahne oder 
Larosan oder vegetabile Milch (Mandel- und Paranußmilch) zu¬ 
gesetzt werden. Die vegetabile Milch ist auch eine Emulsion 
wie die Kuhmilch, sie enthält nur eine geringere Menge von 
Kohlehydraten und Salzen, besonders von Kochsalz. Sie ist nahr¬ 
hafter als Kuhmilch (hat nach Fischer 90 bis 115 Calorien, 
während die Kuhmilch nur 67 Calorien besitzt); sie ist leichter 
verdaulich, da sie feintlockiger gerinnt und nach den Versuchen 
von A. Fischer 3 ) eine kürzere Verweildauer im Magen hat. Sie 
dürfte deshalb bei Atonie und motorischer Insuffizienz des 
Magens, wegen ihrer höheren Calorienmenge bei Mastkuren und 
wegen ihres geringeren Koch Salzgehalts bei Nierenleiden und 
Herzleiden der Milch vorzuziehen sein. Bei Gicht ist sie wegen 
ihrer Purinfreiheit zu empfehlen. 

Bei Dünndarmkatarrhen mit chronischer Diarrhöe wird 
die Milch gewöhnlich nicht vertragen; man gibt bei Erwachsenen 
besser weiche Eier, junges, mageres Fleisch, durch ein Haarsieb 
getrieben. Bei Kindern verordnet man besonders bei Diarrhöe 
mit saurem Stuhl schon längere Zeit Eiweißwasser oder Plas¬ 
mon oder Nutrose oder Larosan 15 g auf 50 g Wasser und 50 g 
Emser Wasser, verteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten, oder neuer¬ 
dings die Eiweißmilch. 

Die Eiweißmilch nach Prof. Finkeistein und Dr. L. Meyer 
hat sich als Dauerpräparat (Töpfer, Boehlen b. Rötha i. S.), 
konzentriert in Flaschen von 125 g, vorzüglich bei allen Zu¬ 
ständen, die mit Durchfällen einhergehen und bei Mehl- 
nährschäden bewährt. Beim saueren Gärungsstuhl tritt nach 
Anwendung der Eiweißmilch durch Verminderung des 
Milchzuckers und der Molkensalze und durch Anreiche¬ 
rung mit Eiweiß und Kalk eine Beschränkung der Gärung 
durch Förderung der Fäulnis im Darm auf. Der Inhalt einer 
Flasche ist mit dem gleichen Quantum warmen (vorher ab¬ 
gekochten) Wassers zu verdünnen und auf Körpertemperatur zu 
erwärmen (zu starke Erhitzung kann nachteilig sein). Es wird 
eine Messerspitze, später ein gestrichener biß gehäufter Teelöffel 

0 v. Noorden, Nepbritisbehandlung. (M. Kl. 1913, Nr. 1.) 

0 Bickel, M. Kl. 1910, Nr. 12. 

3 ) A. Fischer, Arch. f. Verdauungskr. 1914, Bd. 20, H. 1 u. 2. 


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ooxhlets Nährzucker oder Loeflunds Nährmaltose zu 100 g 
sugesetzt. Die Dauer der Eiweißmilchbebandlung soll vier bis 
iechs Wochen betragen. Die Diarrhöen verschwinden dadurch 
rft sehr rasch. 

Um das in der Kuhmilch dreimal soviel als in der Mutter¬ 
milch enthaltene und früher als schädlich betrachtete Casein zu 
vermindern und die Milch noch mit Fett und Zucker anzureichorn, 
nat Biedert das Rahmgemenge (Ramogen) angegeben. „Die 
Herabsetzung des Eiweißgehalts kommt nach dem heutigen Stand 
unseres Wissens nicht in Frage. Bei konstitutionell schwächer 
veranlagten Kindern führen die mit Fett und Zucker angereicherten 
Nährmischungen leichter zu Verdauungs- und Ernährungsstörungen 
als die Mischungen, bei denen ausschließlich der Kohlehydratgehalt 
erhöht ist“ 1 ). 

Die Magermilch und der Quark, welche in den Molke¬ 
reien zum großen Teil den Tieren gefüttert werden, müßten nicht 
nur in der Praxis, sondern gerade jetzt in der Kriegszeit als 
billige Nahrungsmittel (der Quark ist calorienreieher als das 
Fleisch) mehr Verwendung finden 2 ). Quark auf Brot oder mit 
geriebener Brotrinde oder mit Kartoffeln, Quarkkuchen, Quark¬ 
keulchen sind leicht verdauliche, nahrhafte, reizlose und doch 
wohlschmeckende Speisen. 

Bei Dickdarmkatarrhen und dysenterischen Zuständen 
ist die Verordnung von Milch, besonders auch von saurer Milch 
und von Yoghurt, sehr zweckmäßig. Das Milcheiweiß ist gegen 
die Fäulnisbakterien viel widerstandsfähiger als Fleisch und Eier- 
aiweiß. Die Milchs&urebacillen sind außerdem Antagonisten der 
im Dickdarminhalt enthaltenen Fäulnisbakterien. Bei Dickdarm - 
erkrankungen mit nach Fäulnis riechendem Stuhle sind saure 
Milch und Yoghurt ein souveränes Mittel. 

Wie verhält es sich nun mit der Anwendung der Milch bei 
chronischer Stuhlverstopfung? Sie übt auf den Darm nicht den 
mechanischen Reiz aus wie das Gemüse und das Obst. Bei 
manchen tritt nach Milch Verstopfung oder Meteorismus ein. 
Aber doch ist sie durch ihren Milctyzuckergehalt besonders als 
saure Milch und Buttermilch ein ausgezeichnetes Mittel gegen 
chronische Obstipation, sowohl atonischen als spatischen Ursprungs. 
Eventuell kann man durch Zusatz von Milchzucker, dreimal täglich 
einen Eßlöffel, oder durch Genuß von Malzzucker oder der Ke 11 er¬ 
sehen Malzsuppe (siehe oben) die stuhlanregende Wirkung der 
Milch noch vermehren. 

Führt die Milch ab, so kocht man einen Viertelliter mit 
10 g Gummi arabicum oder setzt zu einem Viertelliter zwei bis 
drei Eßlöffel Kalkwasser hinzu. 

Um sie nahrhafter zu machen, besonders bei Mastkuren, bei 
Anämie und Neurasthenie, kann Sahne, Eigelb, Nutrose, Plasmon, 
Larosan, Sanatogen, vegetabile Milch usw. zugesetzt werden. 

Bei chronischer Obstipation klagen die Patienten manchmal 
über Schmerzen. Es ist oft Indikan im Urin vorhanden [entero- 
toxischo Neuritis 3 )]. Jegliche Fleischnahrung muß hier vermieden, 
aber Milch, besonders saure Milch, Buttermilch, Yoghurt, ebenso 
wie grünes Gemüse und Obst verabreicht werden. Nach meiner 
Erfahrung ist auch die Coliea mucosa nichts anderes als eine 
enterogene Neuritis. Gerade bei nervösen Patienten werden die 


Darmnerven leicht toxisch bcoinflußt. Auch hier sind reichliche 
Mengen von Milch neben einer Gemüsekost die einzig richtige 
Diät. Auch bei fieberhaften Krankheiten, bei Morbus Basedowii, 
bei manchen Hautkrankheiten, die auf enterotoxischer Ursache 
beruhen, wie Urticaria usw., ebenso bei schweren Fällen von 
Diabetes, bei Gicht, ber Nieren- und Blasenleiden ist eine lacto- 
vegetabilische Kost angezeigt. 

Beim Kochen der Milch für kleine Kinder wird jetzt ganz 
i anders, viel kürzer, verfahren als früher. Man kocht dieselbe nur 
I ein bis zwei Minuten oder mischt die Milch mit kochendem Wasser 
! und ‘kocht nur eine Minute. Durch das zu lange Kochen werden 
die Kalksalze fester an das Casein gebunden, die feine Verteilung 
des Milchfetts wird beeinträchtigt, und es bilden sich weiter Ver¬ 
änderungen in der Milch, sodaß manchmal ein skorbutähnliches 
Leiden, die Barlowsche Krankheit, entsteht. Wie der Skorbut 
ja auch zustande kommt bei Leuten, welche längere Zeit frisches 
I Gemüse entbehren, so ist es gewiß auch denkbar, daß eine nicht 
I frische, sondern durch langes Kochen veränderte Milch durch Zer- 
I stören der Vitamine ein ähnliches Leiden zustande bringt, worauf 
auch W. Sternberg 1 ) und Langstein und Meyer (siebe oben) 
j aufmerksam gemacht haben. 

Die Milch soll von dem Patienten nur langsam, nur schluck¬ 
weise oder löffelweise genommen werden, damit der Käsestoff in 
kleineren Klümpchen gerinnt, Wird sie in reinem Zustande nicht 
vertragen, so macht man Zusätze von kohlensaurem Wasser, 
Kaffee, Tee, Kakao, Mondaminwasser, einem Eßlöffel Kognak, 
einem Eßlöffel Portwein, einem Eßlöffel Kalkwasser usw.; dadurch 
gerinnt die Milch in kleineren Flocken und ist leichter ver¬ 
daulich. 

Fassen wir kurz die Hauptindikationen der Anwondung der 
Milch in Form von reiner Milchkur oder kombiniert mit andern 
1 Nahrungsmitteln zusammen, so wird dieselbe in der Praxis an- 
j gewendet vor allem zu Entfettungskuren, bei Herz-, Leber-, 
I Nieren-, Blasenleiden, bei Gicht, bei Anämie, Neur- 
| asthenie und Epilepsie, bei Autointoxikationen, infolge 
| von reichlichem Fleischgenusse, bei Morbus Basedowii uud 
! manchen Hautkrankheiten, als Magermilch, Quark und 
| Kefir bei Gastritis, als Fettmilch mit Sahnezusatz bei Ulcus, 
Hyperacidität, als Yoghurt bei Dickdarmerkrankungen 
in einer Mischung mit Schleim und Mehlabkochungen mit 
Zucker bei der künstlichen Ernährung der Säuglinge, 
als Buttermilch ohne Zusätze (HA), bei leichten Dyspepsien 
der Kinder, und zur Uebergangsnahrung zu der zucker- und 
mohlhaltigen Buttermilch (HS), als Buttermilch (HS) (hollän¬ 
dische Säuglingsnahrung), zur Beinahrung der Mutterbrust 
und bei Atrophie (Biianzstörungen der Kinder), wenn dieselben 
nicht zunehmen, ohne zu häufige Stuhlentleerungen und ohne über¬ 
mäßige Gewichtsabnahme zu haben, als Eiweißmilch bei allen 
Zuständen, die mit Durchfällen einhergehen, besonders beim 
sauren Gärungstuhl, und als Kellersche Malzsuppe bei 
Fettseifenstühlen und Stuhlverstopfung der Kinder. 

Die vegetabile Milch (Mandel-, Paranußmilch) ist indiziert 
bei Ulcus, Hyperacidität, Atonie und motorischer In¬ 
suffizienz des Magens, zu Mastkuren, besonders bei Enteroptose, 
bei Gicht, Nieren- und Herzleiden. 


Ans der Praxis 

Vollkommener Ersatz des Benzins durch Carbonum tetra- 
chloratum in der Chirurgie 

VOll 

Dr. Kruuuuacher, Ibbenbüren. 

Da, wie auch aus der Mitteilung des Vorstandes der Berlin- 
Brandenburgischen Aerztekammer hervorgeht, Benzin in reiner 
und bester Sorte fast gar nicht mehr zu haben ist — ein Apo¬ 
theker hiesiger Gegend versichert mir, daß er seit U Tagen 
keinen Tropfen mehr besitze —, so empfehle ich als in jeder Bezie¬ 
hung vollkommenen Ersatz: Carbonum tetrachloratum. C. t. : CC1 4 
ist eine Flüssigkeit von 1,630 specifischem Gewicht! und wurde 

1) Langstein und Meyer, Säuglingsernfihrung und SäuglingB- 

stoffwechsel. Wiesbaden 1914. . . 

2 ) K. Brandenburg, Ernährung in der Kriegszeit. (M. Kl. 

3) v. Noorden, Ther. Mh. 1913, H. 1. 


für di© Praxis. 

ursprünglich hergestellt durch Ueberieitung von Chlor über glü¬ 
hende Holzkohlen, und dient in der Industrie hauptsächlich MJ 
Lösung von Harzen, Kautschuk usw. Das Kilo —• 6 /io Liter koste 
etwa 1,50 M. (Bezugsquelle: B. Hadra, Apotheke zum weißen 
Schwan, Berlin, Spandauer Straße 40.) 

Seit langer Zeit verwende ich Benzin nicht mehr, haupt¬ 
sächlich wegen seiner Feuergefäbrlichkeit. Carbonum tetracn o- 
ratum reinigt die Haut von Schmutz, Borken, Salbenresten (Mas * 

sol) usw. ebenso leicht und rasch wie Benzin und ist ebei* a 
durchaus „reizlos“. Auch in Gemischen von Jodbenzin ersetze 
letzteres durch Carbonum tetrachloratum. Das einzige, was sei 
allgemeinen Verbreitung hinderlich sein könnte, ist der etwas.. 
gelenke Name. Aber es gibt ja heutigentags so new M B 
Köpfe für wohlklingende Namen, daß sich auch hierfür bald 
finden dürfte. 

*) Arch. f. Verdauungskr. 1914, Bd. 20, H. 2. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



?. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


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Sammelrefer&t 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin. 


Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der Versicherungsmedizin 
lesprochea von Dr. Paul Reefefeh, Chefarzt des Verbandes öffentlicher 
Lebensversichernngsanstalten in Deutschland. 

Die versicherungsmudizinische Literatur hat in den letzten 
Jahrcu stärker als froher an Umfang zugenommen, da mit dem 
Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung, der Einführung der 
Angestelltenversieherung und der Zunahme der privaten Ver¬ 
sicherung teils neue Gebiete der versichernngsmedizinischen Be¬ 
trachtung erschlossen wurden, teils ältere eine Erläuterung und 
Vertiefung erfuhren. 

Im folgenden möchte ich kurz die Arbeiten aus dem Jahrel914 
besprechen, deren Kenntnis mir für den auf dem Gebiete des Ver¬ 
sicherungswesens (namentlich der Lebensversicherungsmedizin) 
tätigen Arzt von besonderem Interesse erscheint. Insbesondere ist 
k die Pflicht des ärztlichen Oborgutachters oder Revisionearztes, 
sich nicht nur über allgememärztliehe Fragen, sondern auch über 
die speziellen Fragen der Versicherungsmedizin auf dem laufenden 
zu erhalten, da ja die Betrachtung und Entscheidung ärztlicher 
Fragen im Versicherungswesen zuweilen von der in der Klinik 
und am Krankenbette gewonnenen Erfahrung abweichen muß. 

Berufe. 

Ueber die „Berufskrankheiten der Arbeiter“ gibt Schultze 
nach dem Berichte der K. K. Gewerbeinspektion eine Uebersicht, 
in welcher besonders die Vergiftungen durch Gase und Metalle 
berücksichtigt sind. Holtzmann bespricht die „Fortschritte in 
der Lehre von den Gewerbekrankheiten“ unter besonderer Her¬ 
vorhebung der Bleigefahr. 

Mit der Bleivergiftung beschäftigen sich auch die Arbeiten 
von Schwenckenbecher, Abelsdorf, Holtzmann und Skram- 
lick, Hirsch und Nägeli. Aus ihnen geht hervor, daß der 
diagnostisch oft entscheidende Metallsaum am Zahnfleische der 
Kinder sich laugst nicht so häufig und so deutlich wie am Zahn¬ 
fleisch Erwachsener entwickelt. Kinder erkranken überhaupt bei 
der Tätigkeit im Bleigewerbe häufiger und schwerer als Er¬ 
wachsene, da sie ja auch meist weniger vorsichtig sind. Rezidive 
der Bleikrankheit können noch monatelang und jahrelang nach 
vollständigem Auf hören der Bleiaufnabmo zur Beobachtung kommen. 
Im Malergewerbe wird die Hälfte aller Erkrankungen durch Er¬ 
kältungskrankheiten und Bleivergiftungen bedingt. Unter den 
Symptomen der Bleivergiftung ist am häufigsten die Kolik. Boi 
Tulaarbeitern (Tula nennt die Goldschmiedekunst eine schwarze 
Metallegierung auf Edelmotallgrund) finden sich die Erscheinungen 
der Metallvergiftung ebenfalls sehr häufig. Ein Mittel, derselben 
entgegenzuarbeiten, wäre vor allem der Ersatz des Bleies in der 
Tnlamasse durch ein anderos Metall. Unter den verschiedenen 
Aeußerungen der chronischen Bleivergiftung spielen central-nervöse 
Affektionen häufig eine Rolle. Zuweilen beobachtet man eine 
Psychose im Beginne der primären Bleiintoxikation. Die Neur- 
asthenia saturnina ist ein außerordentlich häufiges Symptom dor 
chronischen Bleivergiftung und ähnelt der ersten Phase der Eu- 
cepbalopathia saturnina. Nägeli macht darauf aufmerksam (Be¬ 
richt über 200 beobachtete Fälle von Bleivergiftung), daß sehr oft 
nicht die bekannte Tria 9 (Bleisaum, Zittern, Blutbefund), son¬ 
dern nur ein charakteristisches Symptom vorhanden ist. Die Ver¬ 
stopfung ist dabei das hauptsächlichste Symptom der Bleivergiftung 
7t.), ebensooft sind Koliken vorhanden. Auch der Bleisaum 
Jnd das feinschlägige Zittern gehören zu den häufigsten Krank- 
heitszeichen, während die Blutdrucksteigerung einen inkonstanten 
Befund darstellt. 

Schu 11zo liefert einen Beitrag zur Kenntni.% und Statistik 
der Gesundheitsverhältnisse in den Akkumulatorenfabriken. Die 
Zahl der Krankheitsfälle in diesen (wobei wiederum die Blei- 
erkr&nkungen kervortreten), ist im Abnehmen begriffen. 

Pickenbach bespricht die Möglichkeit der Infektion mit 
Milzbrand bei Lederarbeitern. Besonders häufig ist diese Infektion 
511 Schleswig Holstein und den angrenzenden Bezirken beobachtet 
jorden. Die Entwicklungsdauer der Krankheit beträgt nur 
Stunden, die Dauer einen Monat und darüber. 

Hanauer bespricht die Gesundheitsverhältnisse der Wein- 
^rlner, welche mannigfachen Gefahren ausgesetzt sind. Die Stoii- 
‘Ht der Weinberge bedingt eine erhöhte Unfallgofahr, das Berg- 
11 lra o cn schwerer Lasten eine erhebliche körperliche Anstrengung, 


wobei die Ernährung zuweilen nicht zureichend ist. Kartoffeln, 
Wein und Most machen oft den Hauptbestandteil der Ernährung 
aus. Eine Erweiterung des Herzens, welche zuweilen mit Arterio¬ 
sklerose und Lungenerweiterung einhergeht, und Wirbelsäulen¬ 
verkrümmung sind häufige Berufskrankheiten der Weingärtner. 
Unter 50 Obduktionen wurden 48mal krankhafte Befunde am 
Herzen festgestellt. Von besonderem Interesse sind diese Mit¬ 
teilungen für die immer mehr an Ausdehnung gewinnende Lebens¬ 
versicherung, namentlich auch für die Volksversicherung. 

Von mehr allgemeinem Interesse ist ein Aufsatz von Elsner 
über LehrliDgsskoliosc. Charakteristisch ist allen Fällen Beginn 
der Skoliose oder akute Verschlimmerung einer bisher nur geringen 
Deformität nach Abschluß des Schulbesuchs kurze Zeit nach dem 
Eintritt in einen körperlich anstrengenden Beruf. Die Skoliose 
entsteht als Bolastungsdeformität aus einem Belastungsmißver¬ 
hältnisse der Wirbelsäule. 

Lebensgewohnheiten. 

Zahlreich sind die Arbeiten über den Alkoholmißbrauch. Da 
dieses Gebiet ein besonderes Kapitel darstellt und mehr dem Be¬ 
reiche der sozialen Hygiene zugehört, möchte ich hier nicht näher 
darauf eingehen und nur betooen, daß der Alkohol nach einer 
sorgfältigen Statistik über die Selbstmorde in Preußen einer der 
wichtigsten Beweggründe des Selbstmords beim männlichen Ge¬ 
schlecht ist und in der Häufigkeit unter diesen Gründen nur von 
den Geisteskrankheiten übertroffen wird. Wenn man die Stati¬ 
stiken der letzten Jahro betrachtet, so ergibt sich erfreulicher¬ 
weise, daß die Zahlen für die Selbstmorde infolge Alkoholmi߬ 
brauchs im Abnehmen begriffen sind. 

Frankl-Hoch wart schildert die nervösen Erkrankungen 
der Tabakraucher. Er führt als relativ häufige Störungen bei 
Rauchern Herzklopfen und allgemeine nervöse Beschwerden 
(Schwindel, Betäubungsgefübl) an. Seltener sind Schlaflosigkeit, 
Zittern, Augenflimmern und Magendarmstörungen. Nicht selten 
findet man Stimmungsanomalien. Gelegentlich beobachtet man auch 
Sprachstörungen, Störungen des Empfindungs- und BeweguDgs- 
vermögens, Störungen von seiten der Hirnnerven, Neuralgien und 
Neuritiden. Von besonderm Interesse ist es, daß auch zuweilen 
im Anschluß an Tabakmißbrauch vorübergehende Ausscheidung von 
Eiweiß oder Zucker beobachtet wird. 

Allgemeine Pathologie. 

In einer sehr beachtenswerten Studie zu den unter dem 
Namen „Modico-Acturial Mortality Investigation“ unternommenen 
amerikanischen Sterblichkeitsunlersuchungen behandelt Bohl- 
mann dio Beziehungen der Anthropomotrie zur Lebensversiche¬ 
rung. Er bespricht die Bedeutung der allgemeinen Anthro- 
pometrie für die Versicherungsmedizin, die Beziehungen der Körper- 
iängen und Körpergewichte von Versicherten und dio Bedeutung 
des Uober- und Untergewichts unter Zugrundelegung eines großen 
und wertvollen Versichertenmaterials. Der Verfasser dieser Ueber¬ 
sicht hat auf die Bedeutung solcher Untersuchungen in seiner 
Studie: „Die sozial-medizinische Bedeutung konstitutioneller Ano¬ 
malien und Krankheiten“ (Berlin, S. Karger) und in seinem „Lehr¬ 
buche der sozialen Medizin“ (Berlin, S. Karger) ebenfalls nach¬ 
drücklich bingowiesen. 

Auch Schwiening bespricht in einer sorgfältigen Studie 
die Beziehungen zwischen Körpergröße und Körpergewicht des 
Menschen. Es ist von Interesse, daß in einigen Gebieton des 
Deutschen Reiches, vor allem im Königreiche Sachsen, in Schlesien 
und Bayern, das Körpergewicht durchweg geringer ist als in andern 
Reichsgebieten, besonders im Norden. Das gleiche findet sich in 
bezug auf die Körpergröße. Die instruktive Arbeit enthält auch 
Angaben über die Beziehungen des Körpergewichts zu bestimmten 
Berufsgruppen. 

Einige Arbeiten beschäftigen sich mit der Bewertung der 
Eiweißausscheidung. Frik kommt auf Grund seiner Untersuchungen 
zu dem Ergebnisse, daß in der Lebensversicherung ein Verdacht 
auf chronische Nierenentzündung ein unbedingter Ablehnungs¬ 
grund ist, daß aber unter erschwerenden Bedingungen gesunde 
Menschen mit orthotischer oder lordotischer Albuminurie ver¬ 
sichert werden dürfen, während die durch bestimmte Anlässe 
(körperliche und geistige Anstrengungen, kaltes Bad. reich 1kho 
Eiweißnahrung) entstehende und rasch vorübergehende Albuminurie 
die Aufnahme als normales Risiko nicht hindert. Claudius gibt 
eine neue Methode der calorimetrischen Eiweißbestimmung an. 


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7. Februar. 


Glaserfeld bespricht die für den praktischen Arzt brauch¬ 
baren Methoden zur Zuckeruntersuchung des Urins und empfiehlt 
die altbewährte Tromm ersehe und die Nyl an der sehe Probe. 
Bei positivem Trommer und negativem Nylander ist gewöhnlich 
kein Zucker, sondern eine andere reduzierende Substanz im Urin 
vorhanden; negativer Trommer und positiver Nylander machen es 
wahrscheinlich, daß Zucker unter Vs'Vo vorhanden ist. 

Autenrieth und Funk besprechen die Methoden zur Be¬ 
stimmung der Harnsäure im Blut und Harne. Diese Unter¬ 
suchungen sind auch für die Versicherungsmedizin wegen der oft 
unklar angewandten Begriffe Gicht und Rheumatismus von einigem 
Werte. Untersuchungen über die Blutharnsäure sind auch in einer 
lesenswerten Arbeit von Steinitz enthalten, deren wesentliches 
praktisches Ergebnis die Feststellung des diagnostischen Wertes 
der quantitativen Blutharnsäurebestimmung ist. Man darf aus ihr 
nicht allein die Diagnose der Gicht oder gichtischen Diathese 
stellen, sie ist aber ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel. 

Roepke bespricht die Bedeutung der Begriffe latent, mani¬ 
fest, aktiv und inaktiv in der Beurteilung der Lungentuberkulose, 
deren Unterscheidung besonders für den auf dem Gebiete der Ver¬ 
sicherungsmedizin tätigen Arzt von Bedeutung ist. 

Spezielle Pathologie. 

Ueber einen sechs Monato nach dem Abschluß einer Lebens¬ 
versicherung tödlich verlaufenen bemerkenswerten Fall von Bron¬ 
chialasthma berichtet Eschenburg. Vielleicht handelte cs sich 
im vorliegenden Fall um eine schädliche Wirkung von Adrenalin 
und Morphium. 

Ueber eine Methode der Funktionsprüfling des Herzens be¬ 
richtet Katzenstein. Seine Untersuchungen wurden zum Zwecke 
der Beurteilung der Herzkraft für Narkosen angestellt. Das 
schwierige und umfangreiche Kapitel der IJerzstörungen nach Un¬ 
fällen behandelt Horn und unterscheidet dabei zwischen primär und 
sekundär sich entwickelnden Herzstörungcn. Er stellt den be¬ 
merkenswerten Satz auf, daß die Prognose funktioneller Herz- 
störungen nach Unfällen günstig ist, falls die Entschädigungs¬ 
ansprüche durch einmalige Abfindung befriedigend und definitiv 
erledigt worden, und betont zum Schlüsse die Wichtigkeit der 
sogenannten Brückensymptome für die Frage des kausalen Zu¬ 
sammenhangs zwischen Unfall und organischem Herzleiden. 

Pongs behandelt die Atmungsreaktionen bei gesunden und 
kranken Herzen, Rinderspacher die periodische Unrogclmäßig- 
keit des Pulses und Horner bringt eine eingehende Zusammen¬ 
stellung und Beurteilung der umfangreichen, den Blutdnn k be¬ 
treffenden Literatur unter Beifügung zahlreicher eigner Beiträge. 

Goliner bespricht die perkutorische Empfindlichkeit der 
Bauchorgane und ihre Bedeutung für die Versicherung.-praxis. 
Seine Ansicht, daß eine sorgfältige Prüfung der perkutorischen 
Empfindlichkeit aller Bauehorgane den Versicherungsarzt d» n 
sichersten Weg zur Beurteilung des Risikos finden lassen werde, 
schießt w’ohl etwas über das Ziel hinaus. 

Garra berichtet einige Fälle von Simulation der Gelbsucht 
durch Einnahme von Pikrinsäure. 

Schubart behandelt in einer ausführlichen Studie an der 
Hand verschiedener Beispiele die Diagnose der Nervenschwäche im 
ärztlichen Zeugnis und betont die Bedeutung der körperlichen 
Untersuchung für die Diagnose. Reflexanomalien sind keine 
sicheren Zeichen fiir Neurosen. Bei Sensibilitätsstörungen kommt 
es auf die subjektiven Angaben an. Wichtiger sind leichtere Motili¬ 
tätsstörungen, vor allem das Zittern, vasomotorische Störungen 
(Demographie) und Veränderungen des Pulses. 

Gold sch ei der bespricht in seiner bekannten gründlichen 
und geistvollen Art die atypische Gicht und hebt das Gelenk¬ 
knirschen als ein charakteristisches Symptom derselben hervor. 

Eine große Anzahl von Arbeiten beschäftigt sich mit der 
Bedeutung der Syphilis und dem Werte der Wassermann sehen 
Reaktion für die Verricherungsmedizin. 

Schottländer tritt für eine obligatorische Einführung der 
Wassermannschen Reaktion in der Lebensversicherung ein, schon 
aus dem Grunde, weil dadurch viele Leute zu einer Behandlung 
ihrer Krankheit veranlaßt werden. Müller bespricht die Frage, 
inwieweit das Verschweigen einer syphilitischen Erkrankung die 
Versicherungsanstalt berechtigt, die Versicherung für kraftlos zu 
erklären. Fritz Lesser hebt hervor, daß die Frage, ob es eine 
paterne Vererbung der Syphilis gibt, zurzeit unentschieden ist, 
und bespricht die praktische Bedeutung der quantitativen Wasser¬ 
mannschen Reaktion für die Behandlung der Syphilis. Auch 


Jacobsthal bespricht die Beziehungen zwischen Lebensversicherung 
und Wassermannscher Reaktion und warnt mit Recht davor, 
aus einer einmaligen Blutuntersuchung einen Schluß auf die Pro¬ 
gnose zu ziehen, zumal da heutzutage jeder Syphilitiker weiß, daß 
er durch energische Behandlung einen negativen Ausfall der Re¬ 
aktion erreichen kann. Der Verfasser hält es für am zweck¬ 
mäßigsten, alle Lebensversicherungen von einer bestimmten Höhe 
der Versicherungssumme ab der Wassermannschen Reaktion zu 
unterziehen. 

In einer sehr lesenswerten Arbeit behandeln Junius und 
Arndt die Descendenz der Paralytiker. Sowohl die Zahl der 
Aborte als auch der Totgeburten ist in den Familien der Para¬ 
lytiker weit höher als in der Gesamtbevölkerung, und aus einem 
erheblichen Teil der Paralytikerehen gehen nerven- oder geistes¬ 
kranke Kinder hervor. Am häufigsten tiaden sich allerlei orga¬ 
nische Affektionon des Gehirns, öfter auch Taubstummheit und fast 
alle der bekannten funktionellen Nervenkrankheiten. Geissler 
erörtert die Frage, unter wolchen Voraussetzungen man die Nioht- 
orkennung der progressiven Paralyse als einen ärztlichen Kunst¬ 
fehler bezeichnen darf. 

Eine Reihe von Arbeiten sind den Schiffs- und Tropeu- 
krankheiten gewidmet, welche ja in der Versicherungsmedizin und 
namentlich in der Lebensversicherung mit der immer zunehmenden 
Ausbreitung des Verkehrs an Bedeutung gewinnen. Mühlen® 
behandelt die Dysentorie, Cholera, Pest, Beri-Beri, Gelbfieber, 
Flecktyphus, Aussatz und einige hier weniger in Betracht kommende 
und seltenere tropische Erkrankungen, Grurnann und Bontemps 
die larvierte Malaria. Baerniann und Eggersdorf bringen einen 
Aufsatz der wichtigsten tropischen Darmkrankheiten, Plehn 
liefert einen Betrag zur Kenntnis der akuten hämolytischen 
Malaria. Endlich berichtet Sch«orer über die Entstehung und 
den Verlauf des Skorbut, über Dengue und andere endemische 
Küstenfieber. 

Ueber dio Begutachtung der traumatischen Neurosen be¬ 
richtet Kommorell. Um die Frage der Abhilfe gegen die großen 
Schäden der traumatischen Neurosen den maßgebenden Kreisen 
wieder einmal nahezulegen, veröfi’nt lieht er die Erfahrungen am 
Material der Tübinger medizinischen Klinik und Nervenklinik, 
ohne jedoch die fast unmögliche Lösung dieser schwierigen Frage 
zu versuchen. Er tritt datür ein, daß gesetzliche Bestimmungen 
geschaffen werden, welche es dem Vorletzten nicht mehr so leicht 
wie bisher machen, eine Rente zu bekommen, wenn nicht wirklich 
greifbare Veränderungen naebgowiesen werden können. 

Endlich möge liier eine wertvolle Arbeit angeführt werden, 
welche dom Gebiete der Versicberungsmedizin etwas ferner liegt, 
nämlich eine Monographie von Geigel über den Blitzschlag, in 
welcher er die Theorie der Ursache und des Hergangs des Todes 
an Blitzschlag, die Hypersensildlität bezüglich der atmosphärischen 
Elektrizität bei Gesunden und Nervösen, eigne Erfahrungen und 
dio Behandlung und Prophylaxe bespricht. 


Literatur: Abelsdorf, Erhebungen über das Ma’ergewerbe in Bayern. 
(Aorztl. S;u h\ ei M Ztg. 1014. Nr. 0. S. 101.) — Aer Etlicher Verein, Bedeutung 
der Hr.iklioiici n.u )i Wassermann und Abderhalden. (M. Kl. 1914. Nr. ^4, 
S. :Tr» t - Alkohol und Selbstmorde. (Zsrhr. I. Versicherg6ni. 1914, 11. ci 
- Autenrieth und Funk, l'e'ner kolorituetn-che Bestiimiuiugsmetlmden: Dj' 1 
Bestimmung der i! irr s.,nn* im B nt und Harn. (M. m. \V. 1914. Nr. 9, S. 45c' 
Baerniann un i Lckersdorff, Atlas typischer Dnrnikrankhciten. ( M. m. A\. 
19t I Nr. H>, S. v ‘*d i — Boas, Die Wassermannst ho Reaktion mit besonderer Bc- 
rO-ek'ii'litcci'n» ihrer kl'nEchen Verwrilb-irkeit. M. m. W. 1914. Nr. tk S. 4J- 1 
— Bohlmann, Anthropometiie. und LebErtyversicherung. (Zsrbr !. d. ges- ) e ^j 
Wisseiiscli. 1914, II (>,) — Brugsch und Kristeller, Kino einfache und -ennen 
ausbihibare Met'.i de zur nwn:.ii’,,civon Schätzung der Harnsaure im nhit au> 
0.1 eeni Hlutsoium. (D. m. W. 1914, Nr. lö. Leipzig, Thieiue ) — Dr. M. Claudios* 
Kopenhagen. Hie kaloiimelrische Kivmilbostinnuung äli exakte analyii-iM 
Methode und ihre Verwendung für Auteimetlis Kalorimeter. (M. m. \L, Ni- 
-- Elsner, Dr. Johannes, Dre-don. Lö her Ltdirlinc-'-koliose. (Aerztl. Saclivcr. 
Ztg 191.4. Nr. 21 j — Eschenhurg, Dr. Th., Lübeck. Bronchialasthma y> - • 
Vei trainui'.- ,rzu? d. Leb. uv. urs. 1914, II. N.) Fischer, Ko/t^dintte ; ‘ llf ,ic . 
(iebtet« der MnEorsdia>t:>vemehcriing. f.M. m. W. 1914, Nr. 14, S T7‘2d — yiw c • 

Aufgaben und Ziele dci modernen LobmsversicherungsnicdLm. (M. **• y > 
Nr. 17. S. TiVü -- Frankl-Hochwart, Die norvöson Erkrankungen der 
Taucher. (Aerzf! Sache erst. Ztg. 1914. Nr. 9. S. 192) — Dr Frik, Berlin, l 
die Bewertung der Albuminurie durch den Lebensversicbernngsarzt. (A ■ ■ 
Bachverst. Ztg. 1914, Nr. Li.) — Frik, Leber die Bewertung der Albuin 1 1 
durch den Lehcnsversichorungsarzt. (Ztschr. f. d. gcs. Verd. \\ issenscli. n ■ • 
11.1, S. 6(j, Berlin, Mittler.) - Garm, Epidemie von falscher (JrlbMicht. L j 
Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 19.) — Geissler, Enter welcher Voraussetzung dr ‘ hler 
die Nichterkeninmg der progressiv eil Paralyse als einen ärztlichen * NUns 
ln 1 zeichnen.-' Zugleich ein Beitrag zur Kasuistik sozialjnodizjmscher lr por]i)) ‘ 


(Aerztl. Bachverst-Ztg. 1914, Nr. 5, S. 108.)“ - Bruno Glaserfeld, 
Schüneberg, W elches sind fiir den praktischen Arzt die brauchbarsten .J . 

zur Zuckeruntersuchung des UrinsV (M. Kl. 1914. Nr 33.) f rl< 

Leber atypische Dicht. (M. Kl. Nr. 20, S. 1123.) - Qoliner, Dr. me » ' . fl 

Die perkutorische Empfindlichkeit der Abdnminalorgane und ihre \ er 
der Versicherungspraxis. (Bl. f. Vertrauensärzte d. Lobensvers. 1944, 


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UMIVERSITY OF IOWA 






7. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6 


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tkotiibn uoij Kricfel, Jahresbericht über soziale Hygiene, Demographie, Modi- 
*iiul*utUlik. sowie alle Zweige des sozialen Versicherungswesens (M. iu. W. 
1914, Nr. 2, S. 86 > — Dr. Grumann, Altona-BahrenfeM uiul Dr. Bontemps, Altona, 
Linierte Fern« einer Malaria in raalariafreier Gegend. (D. m. W. 1914, Nr. 22.) 
L Hahn und Saphra, Eine einfache für die Praxis geeignete Methode zur quau- 
titativea Bestimmung des Harnstoffs im Uriu. (D. m. W. 1914, Nr. 9, S. 480, 
Leipzig. Tliieme.) - Hirsch, ücber die Neurasthenie der Bleikranken. (D. in. W. 
ll» 14 . S T r. 8, S. 3S2, Leipzig, Thieme ) — Boltzmann, Fortschritte in der Lehre 
von ihn Gewerbekrankhciten. (D. m W, 1914, Nr. 2, S. 81, Leipzig, Thieme.) -- 
Horn, Leber Herzstörungen nach Unfall. (I). m. W. 1914, Nr 2, S. 68, Leipzig, 
Thieme v Horner, Der Blutdruck des Menschen. (M. m AV. 1914, Nr. 2, S. 85.) 

- Jacobsthal, Dr. E., Ueber LebensversicheKirigen und Wassormamische 
Reaktion (Hl. f. Vertrauensärzte d. Lebensvers. 1914, H. 4.) — Katzenstein, M., 
Ueber Funktinnsprflfuiig des Herzens. (M. Kl 1914, Nr. 22.) — Klut, Ului- 
rergiftungen durch Wasserleitungen. (M. Kl. 1914, Nr. 13, S, 587.) — Krauss, 
Fräse des ursächlichen Zusammenhangs einer syphilitischen Erkrankuug mit 
einem Unfall (Zschr. f. Versichergsm, Februar 1914, H. 2, S. 61.) — Aus der 
.Pr«i$* der Kurpfuscher. (M. Kl 1914, Nr. 4, S. 181.) — Lampe uud Fuchs, 
Ueber das Verhalten des Blutserums Gesunder und Kranker gegenüber Plazerna- 
eiweili. (D. m. W. 1914, Nr. 15, S. 747, Leipzig, Thieme.) — Lester, Dr. Fritz, 
Berlin, Gibt es eine pateme Vererbung der Syphilis? (D. m. W. 1914. Nr. 29) 

- Lesser, Die praktische Bedeutung der quantitativen Wassennanuschen Reaktion 
für die Behandlung der Syphilis (M. in. W. 1914, Nr. 2, S. 70.) — Malisch, Die 
Malaria im Südosten Deutschlands. (D. m. W. 1914, Nr. 15, S. 763, Leipzig, 
Thieme) — Mohr, Trauma und Lungentuberkulose. (Zschr. f. Versichergsm., 
Februar 1914, II 2. S. 61.) - Derselbe, Trauma und Lungentuberkulose, erläutert 
in einem ärztlichen Obergutachten mit Entscheidung d. R. V. A. (Aerztl. 
Swhverst. Ztg. 1914, Nr. 2, S. 42) — Miihlens, Prof. Dr. P., in Hamburg. Institut 
für Scbifls- uod Troponkrankh^iten Die tropische Dysenterie, Dysonteria tropica. 
(D. m W. 1914, Nr. 25) — Möller, Verschweigen einer durchgemachten syphili¬ 
tischen Erkrankung im Antragsformular berechtigt, die Versicherung für kraftlos 
xo erklären. (Zschr- f. Versichergsm., April 1914, II. 4, S. 111.) — Nägeli, Bei¬ 
trice zur Kenntnis der Bleivergiftung mit besonderer Berücksichtigung des 
Wertes der Symptome. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 9, S. 191.) — Oeder, 
Körpergröße nnd Körpergewicht deR Monschen. (D. in. W. 1914, Nr. 18, S. 917, 
Leipzig Tliieme.) - Pagenstecher, Ernst, Ueber das Vorkommen des endemischen 
Kropfes und der Schildilrüsenvergrößeruug am Mittelrhein und in Nassau. (M. 
m. W. Nr. 37.) - Pickenbach, Beitrag zur Milzbranderkrankung in der Leder¬ 


branche. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 18.) — Plehn, Prof. Dr. Berlin, Km 
Beitrag zur Kenntnis der ukuten hämolytischen Malaria (Schwarz\vasserfieber|. 

, (D. m. W, Nr. 28.) — Pongs, Dr. Alfred, Altona, Atmungsrcaktioncn hei gesunden 
und kranken Herzen. (M. Kl. 1914, Nr. 24) — Rlnderspacher, Dr. Kail, Dort¬ 
mund, Zur Kasuistik der periodischen Unregelmäßigkeit des Pulses. (1) in. W. 
1914, Nr. fit) — Roepke, Die Begriffe „manifest", „latent", .aktiv“, „inaktiv“ in 
der Beurteilung der Lungentuberkulose uud ihres Zusammenhangs mit Lungen- 
bluton als Unfallfolge. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 9, 8. 170.) - Roth, Eine 
Modifikation der Baugschen qualitativen BÜutzuckcrprobc zur Erkennung der 
Hypoglykämie. (D. m. \\\ 1914, Nr. 9, S. 429, Leipzig, Thieme.) - Ruediger, 
Zur Schweigepflicht des Arztes. (M. Kl. 1914, Nr. 9, S.399) -- Selbstmorde in 
Preu-Uen. (Bl f. Vertrauensärzte d. Lebensvers. 1914, H. 4.) — Scherer, G., Dr., 
in Thumcb, Entstellung und Verlauf des Skorbuts in Deutsch-Südwesfc-Afrika. 
(M. m. W. 1914, Nr. 2.1) — Schottin «Iler, Prof. Dr., Hamburg-Eppendorf, Noch 
einmal über die Bedeutung der Syphilis und den Wert der Wassermannschon 
Reaktion für das Lebensversicherungswesen. (Bl. f. Vertrauensärzte d. Lebensvers 
1914, H. 4.) — Schubart, Die Diagnose der „Nervenschwäche“ im ärztlichen 
Zeugnis (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 4. S. 78.) — Schultze, Kgl. Gewerbe- 
iuspektor zu Fulda, Ein Beitrag zur Kenntnis und Statistik der Gesundheits- 
verhältnisse in den Akkumulatorenfabriken. (Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, Nr. 13.) 
— Schultze, Die Berufskrankheiten der Arbeiter nach den Berichten der k. k. 
(iawTrbeInspektoren über ihre Amtstätigkeit im Jahre 1912. (Aerztl. Sachverst. 
Ztg. 1914. Nr. 7, S. 145 ) — Schwenkenbecher, Bleivergiftungen durch die Wasser¬ 
leitung. (M. m. W. 1914. Nr. 7, S. 352.) — Schwiening, Körpergröße und Körper¬ 
gewicht des Menschen. (D in. W. 1914, Nr. 10, S. 498 : Nr. 11, S.556.) — Seeger, Der 
Arzt als Zeuge und Sachverständiger. (D.m. W. 1914, Nr. 16, S. 813, Leipzig, Tliieme.) 

Steinitz, Untersuchungen über BlutharnsäuTe. (D. rn. W. 1914, Nr. 19. S. 953. 
Leipzig, Thieme.) — Sticker, Prof. Dr, Georg, Dengue und andere endemische 
Küstenfieber. (M. m. W. 1914. Nr. 22.) - v. Wassermann, Woltprobleme und 
medizinische Forschung.--«. (M. KI. 1914, Nr. 8, S 352) — Weber, Ueber die 
traumatische Thrombose der Vena cava inferior in bezug auf Lebensversicherung. 
(Aerztl. Sachverst. Ztg 1914, Nr. 6, S. 127.) — Die Gesundheitsverhältnisse der 
Weingärtnoi. (Zschr. f. Versichergsm 1914, II. 7) — Ziemendorff, Ueber trau¬ 
matische Tuberkulose mit besonderer Berücksichtigung neuerer Obergutachten 
und Entscheidungen des Reichsversichorurigsamts. (Zschr. f. Versichergsm., 
Februar 1914, H. 2, S. 61.) — Geigel, R. t Der Blitzschlag. (Wdrzburg 1914, 
Kurt Kabitzsch, 42 S.) Kommereil, Ernst, Ueber vlic Begutachtung von trau¬ 
matischen Neurosen. (Leipzig 1914, J. A. Barth, 25 S.) 


Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr . 4. 


Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 4. 


Landau (Berlin-Schöneberg): Uholaskos nach Schuß durch die 
Leber, Wh einem Schüsse durch die Leber sammelten sich zirka 3 1 
Liberal!** nufer Bauchhöhle an, ohne zu Reizung*- oder Entziinduiigs- 
«'iwkrimingen zu führen. Für die Diagnose des Dholaskos sprechen 
scliliiimies Allgemeinbefinden, trotz fieberfreien Verlaufs rascher Krirfle- 
V'-riall und rapide Abmagerung, entzündlicht peritoneale Erscheinungen: 
hn ni> und a*-Indische Stühle könnet! gänzlich fehlen. Ferner finden sieh 
mifgetriehener Leih, dumpfe Schmerzen im ganzen Abdomen. Dämpfung 
Fluktuation wie heim Ascites. Die Behandlung bei durchsetzenden 
N-litt&vunded j|t Leber bestellt in einem ^septischen Verbände. Der 
L.illmvrguli wird am besten durch Schnitt entleert. 

Zinn und Mühsam (Berlin): Ueber extrapleurale Thoruko- 
plwtili bei Lungentuberkulose und Bronchiektasen. (Schluß.) Die Tho- 
lakoplasiik stellt einen, die Kranken sein- angreifemlen chirurgischen Ein- 
.':d( dar. E> müssen sehr große Rippenstücke entfernt werden, auch 
lD>,t und Zwischenmuskulatur im Bereiche des Kippcndefekts reseziert 
•'venJen Die Haiipigefahr der Operation nächst dem Shoek ist das Auf- 
tMf-n eines postoperativen Empyems. Eine weitere Gefahr ist die eitrige 
LnsHuiiflziing der Lungen, 

H *. s e n t h ;l I und Klee mann (Breslau): Ueber die Einwirkung 
von rnutterlichem nnd fötalem Menschenserum auf Trypanosomen. 

l’iV I nlersuelmngen beschäftigen sieh mit dem Einflüsse von miitter- 
helieni und kindlichem Serum auf den Verlauf der experimentellen Try- 
j».o<< nien!nfekti 11 *i. Aus denselben geht liervor, daß der trvpanocide Ge- 
! 'd r d»*s föfalt-n Serums deutlich hinter dem des mütterlichen Serums 
zurilrkvt*lit. und daß somit der Organismus des Neugeborenen auch in 
bezig auf seinen „Blutkanon“ wie Ehrlich die Summe der Serumfunk- 
"fi'-n bezeichnet, gegenüber dem des Erwachsenen als nicht völlig ent- 
v, Aelt iiimnelien ist. In der Milch ließen sich trvpanocide Substanzen 
ßi'lit öfidiwetsen. ««laß die Annahme berechtigt ist. daß nach der Ge* 
dnrrh 'E*n Saugakt tiypanoeide Substanzen von der Mutter in das 
Kind nicht gelangen. 


ILigmann (Chemnitzi: Kavernöse Lungentuberkulose beim 
• auglinge. Bei einem Säuglinge fand sich ausgebreitete und weit vor- 
-••'ohritt.-n** Lungentuberkulose. Für die Annahme, die Bewegung sei 
-'iihliciUmend mit der lokalen Disposition zur Tuberkulose, besonders 
11 >>l]l ' Lungentuberkulose, wird eine Reihe von Tatsachen angeführt. 

LoUou (Wiesbaden): Geschlechtsleben und öcschlechtskrnnk- 
,e «b in den Heeren in Krieg und Frieden. Besprechung der Pro- 
un( ^ rherapie der Geschlechtskrankheiten für den Krieg in der 
-•n-Jarinee und der Verbreitung und Prophylaxe der Geschleelitskrank- 


S*it. 


11 in unserer Marine. 


Rcckzch iBerlin). 


H. Strauss (Berlin): Kriegsernährung und Krankeudiät. Auch 
| die Krankenerniilirung lmt sich den jetzigen geänderten Lebensverliäll- 
nissen anziipassen. So ist bei der Wald der Suppeumcble von llafer- 
llmebl. 1 laferfloeken. Koggenmehl. ICartoflelmehl mehr als von Weizen- 
1 meid Gebrauch zu machen. Inlls nicht vuii seiten der \b*rdnimüg : ""Tnane 
j »‘ine Kontraindikation vorliegen sollte. Bei der Knappheit der IRilsen- 
| fruchte sind auch die pflanzlichen „ Bmilet len“ oder ..Kotelettes-, du* 

! früher größtenteils aus Leguminosen bergest eilt wurden, jetzt aus Grieß 
| oder Grün keim zu fertigen. Bei der Herstellung von Mehlspeisen ist zur 
j Ersparnis von Eiern reichlich Milch — auch nur als Magermilch — zu 
empfehlen. In einzelnen Fällen — jedoch nicht bei der Durchführung 
einer purinarmen Nahrung — mag man zur „Nährhefe” oder Troekenliefe 
| greifen, die zur Ergänzung der Eiwoißreaktion auch sonst herangezogen 
: werden kann. Das letzte gilt auch für die Gelatine. Für die Anteil i- 
j gong zarter Breie und Mehlspeisen dürfte das behördlich erlaubte Mehl 
I (eine Mischung eines zu SO °/ 0 aiisgemaldenen Weizenmehls mit Bo % 
| Roggenmelili — wenigstens in der Mehrzahl der Fälle — geeignet sein. 
Bei mangelnder Toleranz haben wir aber in Reismehl. Mondamin (Mais¬ 
mehl) und für manche Fälle auch in feinster Kartoffelstärke (Kartoffel- 
; puder) einen brauchbaren Ersatz. Bei Fällen von saurer intestinaler 
j Gänmgsdyspesic ist allerdings mit der Darreichung von Kartoffelmehl 
I Zurückhaltung geboten. Auch Grieß läßt sich für mancherlei Mehlspeisen 
lind Breie verwenden. 

Walther Garl (Königsberg i. Pr.i: Ueber Bauchschüsse. Nach 
einem Vortrage im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königsberg 
am 23. November 1914. 

Hermann Silbergleit und Adolf Veith (Ingolstadt): Pylorus¬ 
stenose und Magen Verlagerung darch perigastritische Verwachsungen 
als Folge eines Schusses. In dem durch Röntgenbilder erläuterten 
Falle hatten vermutlich Narben den Magen mit dem Zwerchfell verlötet 
und dieses, als sie schrumpften, in die Höhe gezogen und den Pförtner 
sowie auch den Magen selbst ungefähr in der Mitte sanduhrförmig :d>- 
geschniirt. Bei der Operation wurden die außerordentlich starken peri- 
gastritischen Stränge und Verwachsungen nach Möglichkeit gelöst. Dann 
wurde eine Gastroenterostomia anterior und eine Brau nsrhe Entero- 
anastomosc angelegt. Das Befinden des Patienten 14 'Lage nach der 
Operation war gut. 

Paul Grawitz (Greifswald): Die Blndegewebsrerfinderungcn 
in Plasmakulturen. Vortrag im Greifswalder medizinischen Verein am 
10. Juli 1914. 

M. v. Lcnhossek (Budapest): Zur Behandlung der Hämor¬ 
rhoiden. Bei den Shililentlrenmgo» streifen sich stels kleine Pai tikelchen 


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UMIVERSITY OF IOWA 




170 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


von der Oberfläche der Kotmasse ab, die in den Furchen der untersten 
Abteilung des Mastdarms liegen bleiben. Diese Rückstände können mit 
der Zeit einen Reizzustand der von geschichtetem Epithel bedeckten 
Analschloimhaut und durch Uebergreifen der Entzündung auf die Sub- 
mucosa und ihre Venengefleehte das Bild der Hümorrhoidalerkran* 
kung hervorrufon. Auch in der Aetiologie der Proctitis, der Fissuren 
und des Pruritus ani dürften die Kotresiduen eine Rolle spielen. Es ist 
daher eine systematische Ausspülung der untersten Mastdarmpartie nach 
jedem Stuhlgänge zu fordern. Nicht nur der ausgesprochene Hämor¬ 
rhoidarier, sondern jeder, der einen Hang zu diesem Hebel an sich wahr¬ 
nimmt oder der davon verschont bleiben mochte, soll diesen Reinigungs¬ 
akt („Anikure") täglich vornehmen. Pie Menge des einmal einge- 
gespritzten lauwannen Wassers soll 100 bis 120 ccm nicht übersteigen, 
damit sich nicht mit der Zeit eine Ausdehnung und Erschlaffung des 
Mastilanns einstellt. Bei Neigung zu Vorfall des Mastdnrms nach der 
Pcläkation darf die „Anikure“ nicht nach dem Stuhlgänge, sondern 
höchstens vor diesem angewendet werden. Per Ansatz der Spritze soll 
nicht, über 4 cm lang sein. Bei dieser Länge füllt er vollkommen den 
Afterkanal uns und steht frei im Lumen des sich oberhalb dieses 
Kanals zur Ampulle erweiternden Mastdarms. Ist der Ansatz aber 
länger, so kann er leicht an die vordere W and der Flexura perinealis 
recti anstoßen. Pie vom Verfasser konstruierte Anikurespritze wird 
tu;i ihrer Anwendung genau beschrieben. (Zu beziehen durch B. B. 
Cassel, Frankfurt a, M. .Jeder Spritze ist eine Gebrauchsanweisung 
helgegeben.) 

Kurt Mendel (zurzeit in C-hauny): Zur Prophylaxe der Ge¬ 
schlechtskrankheiten im Felde. Per Verfasser fordert völlige ge¬ 
schlechtliche Enthaltsamkeit der im Felde Stehenden. Er empfiehlt da¬ 
her, den Soldaten am Orte den Geschlechtsverkehr zu verbieten unter 
Hinweis auf die starke Verbreitung und die Gefahren der Geschlechts¬ 
krankheiten und unter Strafandrohung im Falle des Nachweises einer 
Geschlechtskrankheit bei den wöchentlich vorzunehmenden ärztlichen 
Untersuchungen. 

A. Buschke: Erwiderung zu obigen Bemerkungen. Verfasser 
erklärt sich ganz entschieden gegen die Auffassung, daß den Soldaten 
unter Strafandrohung der Geschlechtsverkehr verboten werden soll. 
Selbst im Lazarett gelingt es nur schwer, durch Strafen die gesehleehts- 
kranken Soldaten davon abzusehreeken, auf verbotenen Wegen, nachts usw. 
ihre Abteilungen zu verlassen, um mit dem Publikum zu verkehren. 
Strafen machen fast gar keinen Eindruck, man muß vielmehr die Klausur 
dieser Lazarette so gestalten, daß den Soldaten das Entweichen unmög¬ 
lich wird. 

Wienert (Münster i. Westfalen): Zur Therapie des Tetanns. 
Pie Kranken erhielten gleich nach der Aufnahme eine einmalige sub¬ 
kutane Injektion von 100 Antitoxineinheiten Tetanusserum und nach Ver¬ 
lauf einiger Stunden ein heißes Bad (40 bis 42° Ci 25 Minuten lang. 
Fiir die Nacht zwei Eßlöffel Chloralhydrat 16,0:250,0 per Klysma und 
0.02 Morphium subcutan. Gründliche Reinigung der Wunden von 
etwaigen Fremdkörpern sowie Ausspülung der Wunden mit Wasserstoff¬ 
superoxyd. Pas heiße Bad wird allmorgentlich verabreicht, solange die 
Krämpfe bestehen. Bei sehr heftigen Krampfanfällen werden 10 ccm 
einer 40°/oigen Magnesiumsulfatlösung subcutan injiziert. 

M. Strauss (Nürnberg): Die Vorzüge des Zellstoffs als Ersatz 
fiir Mull und Watte. Pen Zellstoff, der analog dem Holzpapier aus 
Nadelholz in großen Mengen gewonnen wird, nimmt man am einfachsten 
in Form von großen Tafeln (1 kg zu 60 bis 80 Pf.). Aus den Tafeln 
lassen sich Rollen, Kompressen und Kissen schneiden. Durch sein 
geradezu ideales Aufsaugungsvermögen macht der Zellstoff im Gegen¬ 
satz zur Watte die Sekretionsstauung unmöglich. Um das Fest¬ 
kleben der einzelnen Fasern zu vermeiden, umhülle man jede Zell- 
stoffkompresse mit grobem Tupfermull. Zur Tamponade eignet sich der 
Zellstoff aber nicht. 

Dedolph (Aachen): Jodtinktur, Perubalsam und Wasserstoff¬ 
superoxyd mittels Zerstäubers angewandt. Bei der Jodtinktur wird 
durch den Spray Jod gespart (gießt man die Tinktur aber aus der Flasche 
auf ein Stück Gaze, so wird sicher mehr als die Hälfte von der Tinktur 
mit der Gaze fortgeworfen). Ferner bleiben die Finger rein. Auch ge¬ 
langt das Jod so in alle Fugen und Höhlen der Wunden. Daher 
reinigen sich die mit dem Spray behandelten verjauchten Wunden viel 
schneller als die mit dem Jodgazetupfer behandelten. Da der gewöhn¬ 
liche Spray aber versagt beim Scbiefbalten, wenn man Körperstellen 
treffen will, die nach unten liegen, so ließ sich der Verfasser einen 
diesen Uebelsland vermeidenden Apparat anfertigen (Firma Com. Heinz, 
Aachen. Vincenzstraße 15). In welcher Weise man dabei ein spontanes 
Ausfließen der Tinktur verhütet, wird vom Verfasser angegeben. Der 
Zerstäuber eignet sich natürlich ebensogut auch für die andern Medi¬ 
kamente. F. Bruck. 


Münchener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 4. 

V. Kafka (Friedrichsberg-Hamburg): Ueber den heutigen Stand 
der Liquordiagnostik. Kritische Besprechung der wichtigsten Liquor- 
reaktionen, als da sind: die Zählung der Liquorzellen, die Globulin- 
bestimmungsmethoden, die Gesamteiweißbestimmung, die Wassermann¬ 
reaktion im Liquor und die Hämolysinreaktion. 

B. Lewinsohn (Altheide i. Sehles.): Val am in bei Herzkranken. 
Es handelt sich um den Valerianester des Amylenbydrats. Alle Herz¬ 
kranken haben zum guten Teil als Neurastheniker zu gelten. Eine 
Begleiterscheinung fast aller Herzkrankheiten ist daher die Schlaflosig¬ 
keit, die Aengstlichkeit, die natürlich mit der eigentlichen Herzangst 
nicht zu verwechseln ist. Aber schon die Angst vor Angstanfiillen 
ist ein äußerst quälender Zustand. In allen diesen Fällen empfiehlt sich 
Valamin (meist zwei, in einigen Fällen drei Perlen). 

Erwin Wetzel (Straßburg): Ueber einen Fall von Peritonitis 
pnenmococcica extragenitalen Ursprings bei einer Puerpera. Im vor¬ 
liegenden, ausführlich beschriebenen Falle fehlte eine Erkrankung der 
Uteruswandung und der Adnexe vollkommen, eine Ascendenz der 
Pneumokokken vom Genitale aus auf das Peritoneum kam also nicht in 
Frage (auch nicht durch die Tube). Pa aber eine primäre, durch Pneumo¬ 
kokken hervorgerufene bilaterale Pneumonie nebst Pleuritis bestand und 
Diplokokken nur in den obersten Schichten des Endometriums vorhanden 
waren, so muß die Peritonitis von der Pneumonie ausgegangen sein. 
Höchst wahrscheinlich waren die Pneumokokken auf dem Wege der 
Lymphspalten von der erkrankten Pleura durch das Zwerchfell gewandert. 

von Linden (Bonn): Die Wirkung der Kupferbehandlnng auf 
das tuberkulöse Meerschwein. Im Gegensatz zu Moewes undJauer 
hält die Verfasserin daran fest, daß das Kupfer, wenn es in die ßlutbaha 
eines mit Tuberkolbacillen infizierten Meerschweinchens kommt, ganz 
allmählich zum Absterben der Krankheitserreger und zur Reaktion von 
seiten der Gewebe, das heißt zur Ausheilung der Herde führe. 

R. Wollenberg (Straßburg i. E.): Rumination als angebliche 
Unfallfolge. (Schluß.) In dem vorliegenden, ausführlich beschriebenen 
Falle wurde als einzige Ursache einer Rumination bei einem bis daliin 
angeblich gesunden Manne das Ekelgefühl beim Genüsse verdorbenen 
Wassers angenommen. Es handelte sich aber mit größter Wahrschein¬ 
lichkeit nicht um die echte, sondern um eine Pseudorumination. Her 
Patient hat willkürlich einen erheblichen Einfluß auf die Magenentleerung. 
Er ist eigentlich fortwährend mit Regurgitieren beschäftigt, kann aber 
seinen Magen nach Belieben auch auf einmal entleeren. In Betracht 
kommt aber bei ihm auch ganz wesentlich das Vorliandensein von Be- 
gehrungsvorstellungen, die auf die Erlangung einer Rente gerichtet sind. 
Der Allgemeinzustand des Mannes weist durchaus keine Schädigung auf. 
Nach dem Verfasser muß die Rumination im vorliegenden Falle zwar als 
Unfallfolge anerkannt werden, sie kann aber nicht als ein die Erwerbs- 
fähigkeit des Patienten schädigendes Moment angesehen werden. 

Walther Fischer: Die deutsche Medlzinschule für Clnnescu 
in Schanghai. (Schluß.) Sie dient dem medizinischen Unterricht und 
der medizinischen Forschung und findet in dem Artikel eine ausführliche 
Besprechung. Zum Schluß betont der Verfasser, daß unsere Mittel 
leider immer noch bescheiden seien und daß es immer schwerer werde, 
gleichen Schritt zu halten mit den Amerikanern z. B., denen durch 
riesige Stiftungen eben wieder ungeheure Summen für gedachte Zwecke 
in China zugeflossen seien. 

Feldärztliche Beilage Nr. 4 . 

P. L. Friedrich: Praktische Erfahrungen zur Verhütung und 
Behandlung der Erfrierungen Im Felde. Die blaue Verfärbung der 
Gliedmaßen mit vollständigem Kältegefühl bei der Untersuchung, die 
aufgehobene Schmerzempfindlichkeit, selbst der Mangel an kapillarer 
Blutung bei oberflächlichem Anritzen der Haut sind kein ausschlag¬ 
gebendes Kriterium für die die Amputation erfordernde Gangrän. Man 
muß die scharfe Demarkation, die Abgrenzung des abgestorbenen Ge¬ 
webes abwarten, wenn nicht septische Resorption aus Gebieten 
„feuchten“ Brandes rascheres Vorgeben erfordert. Ist die Operation 
nicht indiziert, so muß man auf jeden Fall die Kapillartätigkeit neu¬ 
beleben (mäßige Hochlagerung des Glieds, drei- bis viermaliges Abreiben 
der Extremität im Laufe des Tags mit einem Hautexitnnz, warme Ein¬ 
packung unter Zuhilfenahme heißgemachter Steine, Teller oder der- 
gleichen, nach Möglichkeit viel aktive Bewegungen der Zehen, Huger, 
des ganzen Fußes, drei- bis viermalige Massage, zart und schonend aus- 
geführt). Wichtig sind die insularen Zonen der Haut, bei denen e* 
auf schalenförmige. Nekrosen hinauskommt. Nach Abstoßung dieser 
Schalen kommt es durch Granulntionshildung zur Heilung. Von aller¬ 
größter Bedeutung ist die Verhütung der durch Circulatmns*' 
Schädigung entstehenden Frostgnngrän. Alles was komprimierend 
und schnürend auf die Hautcirculation wirkt, muß dabei in Krwlfpf 


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UNIVERSUM OF IOWA 



7. Febraar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


171 


worden. Durch die Truppenärzte, in Verbindung mit den 
Truppenoffizieren, muß daher jeder Soldat gezwungen werden, täglich ein- 
ci.ü ..der wenigstens alle zwei bis drei Tage einmal das Schuhzeug zu 
wechseln. wenigstens einmal für kurze Zeit Strümpfe oder Fußlappen 
inisziizit'hon. Die Einwicklung des Fußes darf nicht zu fest erfolgen, 
nicht zu dick im Verhältnis zum Räume, den der Stiefel bietet. E 9 ist 
,nf eine locker sitzende, warme Fußbekleidung das größte Gewicht zu 
l-gen. Das Schuhzeug muß daher weit genug sein. Schädlich ist 
;,uch das zu lange Hocken oder Knien des Mannes, weil hierbei durch 
die Knickung der Gefäße in der Kniebeuge circulatorische Störungen 
dichter entstehen. 


E. Payr (Leipzig): Operative mobilisierte Kniegelenke be¬ 
fuhren sich nach im Kriege. In zwei Fällen hat der Verfasser wegen 
knöcherner Ankylose das Kniegelenk durch Faseien-(Fett-)Z\vischen- 
lagemng mit vollem Erfolge wieder beweglich und dadurch die Träger 
der W.mhrosen wieder felddiensttauglich gemacht. 

Harry Königsfeld tFreiburg i. Br.): Eine neue einfache 
Methode zani beschleunigten Typhusbacillennachweis in kleinen 
leigen Blzt. Die „Anreicherung - der Typhusbacillen in Galle, das 
Wachstum auf festem Nährboden und die Differenzierung werden in 
■iiietn Akt vereinigt. Drei bis fünf Tropfen Blut für jedes Röhrchen 
sind ausreichend. Man knun sich also den ganzen umständlichen Apparat 
’W Venenpunktion ersparen. Der Nachweis der Typhim er reger ist der 
serologischen Reaktion nach Gruber-Widal überlegen. Denn deren 
positiver Ausfall beweist nur, daß einmal, vielleicht vor Jahren. Anti¬ 
körper gegen die Typhusbacillen gebildet wurden. Dazu korumt, daß 
«1: Typbusschutzgeimpfte einen positiven Ausfall haben können. 

K. Feist und Friedrich Bonhoff: Vorschlag eines Ersatzes 
toi Jodtinktur durch Bromchloroform in der Chirurgie auf Grund 
experimenteller Versuche. Es liegt die Gefahr vor, daß es eines Tages 
mi dml mangelt, da wir dieses fast nur aus dem Auslande beziehen 
brnnt-n. Die Verfasser haben daher nach einem Jodcrsatzc gesucht, der 
:mi Inlande gewonnen werden kann. Einen solchen fanden sie in dem 
••Vc'en Bromchloroform, das die Haut auch in den tiefen Schichten 
•.« iidiri macht. Es soll jedoch nicht die in ihrer vorzüglichen Wirkung 
wiD'iritiene Jodtinktur, so lange Vorrat da ist, verdrängen. 

Kühert Bärany: Die Drainage der Ilimahscesse mit Gutta¬ 
percha nebst einigen statistischen Bemerkungen zur operativen 
Behandlung der Hirn- und Ohrsch&sse. Mit der Auffindung eines 
!!inuhii\s-e& ist der Patient noch nicht gerettet, da die Drainaee der 
il'ruUrcsse auf große Schwierigkeiten stößt. Während ukui nämlich 
mau draimere den Absceß. kann die Eiterung nach irgendeiner 
ÜuVami; fortschreiten und nun plötzlich ein Durchbruch in den Ventrikel 
in die Mciiingcn erfolgen. Der Verfasser empfiehlt nun zunächst, 
Patienten zur Revision der Absceßhölile aufzusetzen. Im Liegen 
"■■n-rlii nämlich ein weit höherer hydrostatischer Druck im Gehirn als 
!t " ^'izcn. und daher muß inan im Sitzen bedeutend besser in die 
ll'ii!" Imimsi'hen können, da das tiebirn, wenn es nicht geschwollen ist. | 
1 eiAl. U darf aber kein stärkerer Hinidruek herrschen. Fobald cs 
’iir NlnvfUunsf des Gehirns gekommen ist, verschwindet dieses Phänomen 
("ilLnunen. An der Hirnschwellung trügt aber lediglich die bisher 
L rlu* Drainage schuld. Au Stelle dieser empfiehlt nun Verfasser 
^ weiter als ein Strcifchen Guttapercha, das er in die Höhle 
' Fs hält die Wunde offen, gleitet leicht hinein und der Fiter 
ij ' lU '‘ntUng diesem St-reifchen frei abfließen. Man muß nur darauf 
1 •'ci'-. daß es glatt in der Höhle liegt und sich uicht zusammenknüllt, 

" 1 h dann drailiiert es nicht. Handelt, es sich um eng aneinanderliegende 
Waieh des Abscesses, so legt man das Streifchen mehrfach zusammen 
'der bildet eine Zigarette lediglich aus Guttapercha. 

V Baeyer fMünchen): Orthopädische Behandlung der Spasmen 
»vh Kopfschüssen. Man schlingt ein etwa 3 cm breites unelastisches, 
^'mimtes Taillenhand, das mit einer Schnalle versehen ist, um die Ex- 
u, ‘ UllU Fs soll auf keinen Fall so fest anliegen, daß es irgendwie 
M.int Iw Verfasser erklärt die günstige Wirkung des Bandes in 
: huder Weise: Pie Spasmen beruhen auf einem Fortfall eines 
■üfetSra Teils der Hemmungen. Es gilt nuu, die uocli vorhandenen 
Hemmungen stärker zu erregen. Da die Hemmungen nun von sen- 
'idrri Eindrücken ausgelöst werden, so muß man diese bei den Muskel- 
das heißt das Contractionsgefühl, steigern. Dies geschieht 
zm wesentlich durch Umschnürung mit einem Bande. Auch bei man- 
r ';’' a Störungen des Gleichgewichtssinns (mich Verletzungen des Klein- 
bei multipler Sklerose) wirkt ein Band um das Becken zwischen 
Ihrmbeiakamm und Trochanter oft sehr günstig auf das Gehen und 
• SU'h(*n, 


Julius Schütz (zurzeit in Kkgenfurt): Bemerkungen zur Magne- 
dinnilfatbehandlang des Tetanus. Der Verfasser konnte beim Stu- 
der Magnesiumuarkosc bei Kaninchen eine weitgehende Senkung 


der Körpertemperatur feststellen. Fortlaufende Teinperaturmessungcn 
sind daher bei der Magnesiumbehaudlung des Tetanus notwendig, um 
schädliche Folgen einer Ueberdosierung zu vermeiden. 

Carl Bruck (Altona): Zur Bekämpfung der Geschlechtskrank¬ 
heiten im Felde. Zagleich ein Beitrag zur Pathogenese desülcus molle. 
Bei klinisch svmptoinlosen chronischen weiblichen Gonorrhöen, die 
erwiesenermaßen soeben männliche Infektionen gesetzt hatten, zeigte die 
sorgfältige Untersuchung des Cervicalsekrets mittels Methylenblauaiis- 
strichs in allen Fällen, die des Urethralsekrets nur selten, die Anwesen¬ 
heit von Gonokokken. Ferner ergab in zwei Füllen, bei denen sich der 
männliche Teil mit typischen Ulcera mollia infiziert hatte», die genaueste 
klinische Untersuchung des weiblichen Teils das Fehlen jeglicher Er¬ 
scheinungen. Dagegen fanden sich bei beiden Fraueuspersonen in Ab¬ 
strichen von der Urethral- und Vulvarschleimhaut massenhafte Ducrey- 
sche Streptobacillen. 

Karl Potpeschnigg: Vom galizischeu Kriegsschauplatz. In 
dem ausführlichen Bericht betont der Verfasser unter auderm, daß er es 
nur der ausgedehnten Anwendung von Gipsverbänden zuzuschreiben habe, 
daß die Zahl seiner Amputationen eine geringe war. Was dauernd ge¬ 
nügend ernährt war, wurde nicht amputiert, auch bei noch so großen 
Zerreißungen und Substanzverlusten. Verkürzte und verstümmelte Ex¬ 
tremitäten sind noch immer besser als fehlende. 

Arthur Mueller (München): Ueber Hämatome und Aneurysmen. 
Vortrag, gehalten im Aerztliclien Verein München. 

Georg Hohmann (München): Schienen oder Gipsverbände bei 
den komplizierten Frakturen der Knochen und Gelenke! Nach 
einem Vortrage, gehalten im Aerztlichen Verein München am 28. Ok¬ 
tober 1914. 

M. Fischer (Bingen): Herzbefunde bei Verwundeten. Ein sehr 
hoher Prozentsatz der Verwundeten wies Herzanomalien auf, und zwar 
Herzgeräusche. Da aber bei einem großen Teile dieser Fülle Weder 
1 olgeerscheinungen eines Klappenfehlers noch Kompensatioiisstörungen zu 
konstatieren waren, dürften viele dieser Geräusche nicht der Ausdruck 
eines dauernden Herzfehlern sein, sondern vielmehr auf übergroßen An¬ 
strengungen beruhen (vorübergehend« Schwäche des Herzmuskels). 

M. Dierkowski (Berlin): Zellstoffwatte als Ersatz. Die viel 
billigere Zellstoffwatte sollte sich zum wenigsten in den bakteriologiseli- 
hygieniseben Arbeitsstätten, wo sie für die vielen sich dort bietenden 
Möglichkeiten an Stelle der Watte unbeschadet verwendet worden kann, 
schon heute einbiirgem und auf diese Weise einen Weg verstopfen, auf 
dein beträchtliche Mengen Verbandwalte ihrer besseren Zweckerfüllung 
entzogen werden. F. Bruck. 

Zentralblatt für Herz - und Gefäßkrankheiten 1914, Nr. 24. 

C. J. Rothherger und H. Winterberg: Ueber die Entstehung 
und die Ursache des Herzfliminerns. (Schluß aus NT\ 23.) Der als 
„Flattern“ der Vorhöfe bezeiehnete Zustand zeigt grobschlägige* regel¬ 
mäßige oder unregelmäßige Zusammenziehungon, die langsamer einander 
folgen als bei dem als „Flimmern - bezcichneten Zustande, wo schwache 
Zuckungen einander rasch und unregelmäßig folgen. Beide aber sind 
nicht ihrer Eutslehungsart nach verschieden, sind nur verschiedene Grade 
einer Tachvsystolie der Vorkammern. — Beim Kammerflimmeru nach 
Famdisation sind nur Frequenzen bis zu 8(X) bis 900 in der Minute, also 
geringere als hei den Vorhöfen beobachtet worden. Neben überwiegend 
unregelmäßigen und ungleichmäßigen Zacken finden sich auf den Kurven 
aber auch rhythmische und fonngleiche. Die Vielgestaltigkeit weist :mf 
eine größere Zahl von Reizbilduugscentren hin, und die Frequenz der 
regelmäßigen Reizbildung in diesen Ceutren bestimmt die Stärke des 
Flimmern«. — Die Kammer nimmt die in raschem Tempo von den Yur- 
liofcu gelieferten Bewegungsreize ihrer wechselnden Anspruclisfiihiirkeit 
entsprechend unregelmäßig auf, daher der unregelmäßige und ungleich¬ 
mäßige Kammerpuls, — Die Ausgangspunkte für das Vorhofflimmern 
sind nicht in den normalen ReizMUlungxstätton, im Sinus- und Vorhof¬ 
knoten zu suchen, denn in diesem Falle müßte Vagusreizung, die an 
jenen Knoten angreift, das Flimmern auch beeinflussen, was nicht der 
Fall ist; Vagusreizung verzögert in diesen Zuständen nur die Uebrr- 
leitung von den Vorhöfen zur Kammer. — Als wesentliche Entstehungs¬ 
ursache des Flimmern« gilt die hochfrequente Aktion des einzelnen reiz- 
bildenden Gentrums. K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 191 5 , Nr. 3. 

M. Hoff mann: Zur Bestimmung des Gesamtcholesterins im 
] Blut an geburtshilflichen und gynäkologischen Fällen. Mit der 

kalorimetrischen Methode von Autenrieth und Funk wurde gefunden: 

I der Cholesteringehalt des Hluts steigt während der Schwangerschaft von 
! seinem normalen Werte von 0,lö°/o um durchschnittlich 0,06 u /o. Nach 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


der Geburt sinkt er in acht bis sehn Tagen zur Norm, gleichgültig, ob 
Patientin stillt oder nicht Hohe Werte bei Eklampsie. Ansteigen in 
der Narkose, Sinken bei Anämie und Kachexie. Das Cholesterin stammt 
ans der Nahrung. Bei Schwangeren scheint die Ausscheidung durch die 
Galle durch cholesterinreiche Nahrung nicht erhöht au werden. 

K. Bg. 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 1. 

K. Bonhoeffer (Berlin): Psychiatrisches ium Kriege. Der 
Krieg hat nicht das große Anwachsen der Psychosen gebracht, das die 
laienhafte Auffassung Uber die Ursachen der Geistesstörungen glaubte 
erwarten zu mttssen. Es wurden beobachtet 53,3% psychopathischer 
Konstitutionen, 16% Alkoholismus, 10% Dementia praecox, 9,3% Epi* 
lep^ie, 5,3 o/ 0 progressiver Paralyse, 2,6 o/ 0 symptomatische Psychosen und 
2,6 % organische Hirntraumen mit nervösen Folgeerscheinungen in etwas 
über 150 Fällen. Die große Zahl der psychopathischen Konstitutionen 
ist so aufzufassen, daß der Krieg die im Zivilleben oder Friedensdienst 
eben noch darchkommenden Minderwertigen aus dem Gleichgewichte 
briDgt, pathognomonisch für den Krieg sind sie aber nicht. Laut früheren 
Erfahrungen nehmen die Zahlen nach der Mobilmachung ab, um gegen 
Ende des Kriegs und namentlich nach dem Kriege wieder in die Hohe 
zu gehen. 

Jochmann (Berlin): Fleckfleber und Rückfalltleber als Kriegs* 
Seuchen. 

Neu fei d (Berlin): Die Pest als Krlegsseuehe. Beschreibungen 
der einzelnen Krankheitstypen. Von der Pest sei erwähnt, daß auf 
Grund neuer Untersuchungen die Wanderratten die ersten Träger der 
Beulenpestbacillen sind, von ihnen gelangen sie durch die Flöhe auf die 
Hausratten und von diesen wieder durch Flöhe auf den Menschen. Die 
Beulenpest wurde durch Tarbagane, murmeltierähnliche Nagetiere, auf 
Menschen übertragen, und diese geben die Infektion durch bacillenhaltige 
Tröpfchen beim Husten und Sprechen weiter. Gisler. 


Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 2. 

Bail: Ueber die hygienische Bedeutung der Luftozonlslerug. 
Die Ozonisierung vermag die Ventilation nicht au ersetzen, ist aber sicher 
imstande, Riechstoffe zu zerstören und daher bei an sich unzureichender 
Ventilation eine brauchbare Methode. Die bakterientotende Eigenschaft 
des Ozons kommt bei den erträglichen Konzentrationen für die praktische 
Anwendung nicht in Betracht; als Luftdesinfizienz ist daher das Ozon 
nicht zu betrachten. 

Jo 11 es: Ueber die Bedeutung der anorganischen Bestandteile 
für den pflanzlichen und tierischen Organismus. Die verschiedenen 
Metalle und Halogene werden einzeln erörtert und daran descendenztheo- 
retische Betrachtungen geknüpft. Da alle jene Elemente sich als not¬ 
wendig für den Lebensprozeß erweisen, die im Meerwasser Vorkommen, 
anderseits Elemente, die auf dem Festland in großen Mengen Vor¬ 
kommen, für die Lebewesen von geringer Bedeutung sind, kann man 
daraus den Schluß ziehen, daß die Vorfahren unserer sämtlichen Pflanzen 
und Tiere im Meere gelebt haben. 

Bar ach: Ein Fall von symmetrischer Contraetur der Gelenke 
der oberen nnd unteren Extremitäten. Im wesentlichen Klumpfuß- 
und Klumphandbildung. Es handelt sich offenbar am bindegewebige 
Schrumpfungen als das Primäre; die Synostose ist erst das Sekundär- 
Stadium. Misch. 

Hygienische Rundschatiy Nr. 23. 

Walter Türk: Ueber einen Fall von Verseuchung dar nick 
dureh Coceidlum oviforme und Bacterlum coli varletas dyseiterl» 
cum. In einer Gemeinde Südungams wurden in gewässerter Milch 
Coccidium oviforme nnd Bacterinm coli varietas dysentericum, ferner ge¬ 
wöhnliche Colib&cillen gefunden. In dem zur Verdünnung benutzten 
Wasser, das aus einem mit einem Düngerhaufen kommunizierenden 
Brunnen stammte, worden ebenfalls Coccidien nachgewiesen. K. M. 





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Wiener klinische Wochenschrift 1915, Nr, 1 u. 2. 

Nr. 1 und 2. H. v. Haberer: Kasuistisches zur Frage thera¬ 
peutischer Mißerfolge bei Morbus Basedow!!. Tödlicher Verlauf trotz 
sehr ausgiebiger gleichzeitiger Thymusreduktion. Die Sektion ergab eine 
übergroße Thymus, von der ein überwiegender Rest zurückgelassen war. 

Es wird empfohlen, in jedem Falle das erOffoete Cavnm medi&stini genau 
zu inspizieren und anszntasten; bei Symptomen von Delirium cordis nach 
der Thymusreduktion neuerdings anfzumachen und den Thymusrest weiter 
zu verkleinern. 

Nr. 1. H. Salomon: Pathologie uud Therapie der Ruhr. 

Klinischer Vortrag. 

H. Riedl: Koaguleu bei unstillbarer Lungenblutuug. Bei 
einem tuberkulösen Hämophilen bringt eine einmalige intravenöse Ein¬ 
spritzung von lg Koagnlen (Hoffm&nn-La Roche) die Blutung sofort 
dauernd zum Stehen. — Es war vorher allerhand, aber keine Serum¬ 
injektion versucht worden. Das Koagulen wird ans tierischen Blut¬ 
plättchen dargestellt. 

J. Kollaris: Zur Schätzung der verflossenen Zelt nnd Aber 
ihre Rolle bei der Aufnahme von Krankengeschichten. Es ist außer¬ 
ordentlich schwierig, die verflossene Zeit ohne Anhaltspunkte zu schätzen; 
sie wird regelmäßig zu kurz geschätzt. So wird auch die Zeitdauer 
der Krankheit, besonders bei chronischen Leiden, vielfach unrichtig an¬ 
gegeben. Die Verschwommenheit der ersten Symptome vergrößert die 
Fehler. 

Nr. 2. R. Kraus: Ueber Bakterlotheraple akuter Infektions¬ 
krankheiten. Hcterobakteriotherapie. II. Mitteilung. Nicht nur bei 
Typhus konnte durch Vaccinetherapie mittels Colibacillen, sondern auch 
bei andern fieberhaften Prozessen rasche Entfieberung erzielt werden. 
So wurden acht Fälle von puerperaler Infektion schon nach einmaliger 
intravenöser Injektion von 25 bis 50 Millionen abgetoteter Bacillus coli 
entfiebert. Es wird Sache weiterer Versuche sein, die Heterobakterio- 
therapie auch bei andern Infektionskrankheiten zu versuchen. 

E. Suchanek: Zur Behandlung der Sehußfrakturen des Ober¬ 
schenkels. In der Front kommen für die Versorgung der Oberschenkel¬ 
frakturen nur Draht- oder andere Schienen oder Improvisationen, Gips¬ 
verbände nur für den Transport aus den Spitälern des Etappenbereichs 
in Betracht. — Beschreibung der ExtenBionsbehandlung, wie sie auf der 
I. chirurgischen Klinik in Wien geübt wird. 

E. Pribram: Zur Prophylaxe nnd Therapie der Erfrierungen. 
Empfehlung einer Leimglycerinsalbe — Glycerin 500, Aqua fontis 350, 
Leim 150 — für die Fußlappen, die durch den Glycerinzusatz dauernd 
weich nnd schmiegsam bleiben, während der gewöhnliche Leimlappen mit 
der Zeit hart wird. Misch. 


Journal of the American medical association 19 14, 

Bd. 63, Nr. 17 n. 18. 

Nr. 17. Malas, Rad.: Erprobung der Wirksamkeit des koll* 
teralen Blutkreislaufs vor Verschluß einer der großen Arterie». 

Bei der großen Wichtigkeit der Gefäßchirurgie, besonders im Kriege, 
dürfte die Mahnung des Verfassers, vor irgendwelchen Verschlüssen m 
großen Arterien die Leistung der Kollateralen zu erproben, sehr an¬ 
gebracht und der Artikel, der eingehend die entsprechenden Proben an! die 
Wirksamkeit der Kollateralen bringt, von speziell aktuellem Interesse sein. 

Alexius Mc Glannan: Aneurysma der Art. tlb. post. Ge¬ 
schichte zweier Fälle mit Abbildungen und Operationstechuik. 

Brooks, Harlow und Carroll John: Die Behandlung der 
Herzleiden bei Syphilis. Eingehende, anf dreihundert Fälle basierende 
Studie, die nichts wesentlich Neues bringt. Verfasser spricht der kom¬ 
binierten Behandlung von Salvarsan, Quecksilber und Jod das Wort, be¬ 
sonders für Spätfälle. 

Cabot, Richard C.: Die vier gewöhnlichen Typen der Herz- 
erkranknngen. Verfasser wünscht eine Einteilung der HerzerkTanknngen 
I nach der Pathogenese und bildet auf dieser Grundlage vier Typen: 
Rheumatische, syphilitische, arteriosklerotische, nephritische Herzerkran- 
kungen. Er findet, daß sich die vorkommenden Herzerkrankungen leicht 
unter diese Gesichtspunkte bringen und daß sich auch bestimmte Gesichts¬ 
punkte für die einzelnen Gruppen aufstellen lassen. Die Resultate ba¬ 
sieren anf 600 derartig gruppierten Fällen. 

Nr. 18. Gushing, Harvey: Chirurgische Erfahrungen bei 
Störungen durch die Hypophysis. Resultate der an 95 Patienten mm 
Zwecke der Behebung von HypophysisstOrnngen ausgehenden Beschwerden 
unternommenen Operationen. Schilderung der operativen Verfahren mit 
Abbildungen. 

Strauß, Alfred A.: Zwei neue Methoden inm Pylorw 
Verschlüsse bei Geschwür am Pylorus oder im Duodenum. Vertaner 
gibt zwei neue an Hunden ausgeführte Verfahren mit guten Abbildungen. 

Küttner (Breslau): Die Resultate von 100 hei Gehlrntumer 
ausgeftthrten Operationen. Im ganzen bezeichnet Verfasser die er¬ 
langten Resultate im Verhältnisse zu der Lebensgefahr, der ein Patient 
mit einem Gehirntumor läuft, nicht als schlecht. Er verlangt aber einen 
W eiterauBbau der Technik und erhofft sich viel von frühzeitiger Diagnose 
der Tumoren. 

Chesney, A. M., Mar»hali, E. K., Rowntree, L. G.: Stsdl« 
über die Leberfuuktlon. Die Verfasser machen sich zur Aufgabe, die 
Leberfunktion genau zu studieren. Ihre Studien gelten zunächst der 
Nachforschung über Art und Häufigkeit der Funktionsläsion bei anato¬ 
misch veränderter Leber, dann der Forschung, hei welch klinischen Typen 
von Leberläsion die funktionellen Störungen am stärksten sind, und end* 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


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IiM Hinek, Unfall and Innere Medizin. Mit einem Vorwort Ton 
Oti.Med.-Rst Prof. Dr.Fr.Krana. Berlin 1914, J.Springer. 106S. M2,80. 
Die Verfasserin gebt in der Art ?or, dafi eie an der Hand prak¬ 
tischer Beispiele io die Lehre yoü den inneren Unfallerkrankungen ein- 
lUrt Leider sind die angeführten Fällt, wie ja eo oft in der Unfall- 
pnxii, nicht immer genügend klar and ein sicheres Urteil erlaubend. 
t E kann man hei dem „klassischen Falle" Fraentzels geteilter 
Msinang sein, ob hiermit wirklich eine „Herzvergrößerung infolge Ueber- 
loitreogimg des Herzens" bewiesen ist. Es handelte sich hier doch um 
eise Herzerkraokung bei einem Säufer. 

Immerhin illustrieren viele, meist aus eigner Erfahrung hergeholte 
Bciipiele, welche Probleme in die Praxis der Unfallbegutachtong hinein* 
spielen. Ei hat ja auch seine Schwierigkeit, in einem Büchlein die für 
die Beurteilung meist so wichtigen Nebenamstände, unter denen der 
Unfall verlief, genügend za würdigen. Besprochen sind wohl alle in Be¬ 
triebt kommenden inneren Erkrankungen, und es wird sicherlich dem 
praktischen Arzt, der mit Unfallerkrankungen zu tun hat, angenehm sein, 
u der Hand der kleinen Schrift sich schnell über die allgemeinen Ge- 
Rcbtipookte bei der Begutachtung seines Falles, über die wenigen bisher 
forbindeaeo experimentellen Unterlagen, die Kasuistik und die Literatur 
unterrichten zu können. Gerhartz. 

Er. Jfessser, Ueber Anämien. Drei Vorträge aus dem Jahre 1890. 

1 Chlorose und Verdauungstrakt II. Herz und Chlorose. III. Per- 
oixiOie Anlmie. Wien u. Leipzig 1914. Wilhelm Braumüller. 79 S. M 1,80. 
Drei historisch interessante Vorträge über hämatologische 
Themata, die, in umfassender Art ans dem vollen klinischen Gesamtbilde 
schöpfend, an die Untrennbarkeit hämatologischer Betrachtungen von 
allgemein klinischen mahnen. Die Vorträge der Vergessenheit entrissen 
m haben, ist Tflrks Verdienst. 

Werner Schultz (Charlottenborg-Westend). 

LLeewealeld, Ueber den National-Charakter der Franzosen 
and dessen krankhafte Auswüchse (die Psjchopathia gal- 
lies) in ihren Beziehungen zum Weltkrieg. Wiesbaden, J. F. 
BeFgmtan, 1914. 42 S. M1,—. 

Der Verfasser gibt eine Schilderung der Rassenmischnngen, die 
mH dem Altertume mit der Bewohnerschaft des alten Galliens, des heu¬ 
tigen Frankreichs, vor sich gegangen sind und der damit zusammenhän¬ 
genden Aenderangen des Nationalcharakters. Es ergibt sich, daß dieser 
in manchen Beziehungen noch dem altkeltischen aus Caesars Zeit gleicht, 
ä andern sich dagegen allmählich weit davon entfernt hat. Geblieben 
und nach des Verfassers Meinung ganz besonders die Eitelkeit and 
PtihJsacht, der Hang zur Grausamkeit, namentlich aber die abnorme 
Emotirität and Suggestibilität, die sich auch im politischen Leben der 
Xation durch die ungeheuerliche Wirksamkeit gewisser überwertiger 
Ideen (SchlagwOrter) auf die Massenpsjche fortdauernd bekundet. Za 
•oifibeo aaf die Verstanditätigkeit and das Gefühlsleben in entschiedenster 
Veiie einwirkenden Schlagworten gehörten in der napoleonischen Zeit 
* & ßfoireidee, die anch in der Wiederaufstachelung des Ruhmbedürfnisses 

anter dem zweiten Kaiserreiche von neuem auf lebte —, später, nach 1870/71, 
jü die ßevancheidee, die sich allmählich zu einer nicht bloß überwertigen, 

«adern geradezu pathologischen Intensität entwickelte. In welcher Weiae 
der geistige Horizont und das sittliche Niveau des Volkes dadurch beein- 
flnit worden, das lehrte in schlagender Weise die berüchtigte Dreyfnßaffäre 
flflM—1899); die Ausartung dieser Idee führte auch zu der krankhaften 
Spioflophobie and endlich zu dem allen natürlichen Volksinstinkten and 
»Öen Traditionen widerstrebenden russischen Bündnisse. Für die in den 
gebildeten Kreisen des Mittelstandes noch herrschende intellektuelle and 
Bfliiiiche Minderwertigkeit, die das Ueberhandnehmen der Racheidee 
nd «hlieflJich den Rachekrieg entfesselte, führt Loewenfeld die 
ladwmgen des Philosophen Bergson, des Irrenarztes Toulouse und 
«* Senaten, früheren Ministers Pelle tan als redende Zeugnisse an. 

«fl iaaa danach wohl von einem krankhaften nationalen Seelenznstand, 

■Mf tfychopathia galiica“ reden; deren Besserang und endliche Aus- 
“ftof ist rieJiricht ent von einer für ans siegreichen Beendigung des 
aötß and demgemäß erfolgtem Friedensseblosse za erwarten. 

A. Enlenbnrg (Berlin). 

"• Mttsifeld, Jahresbericht über die Fortschritte der Laryn- 
goiogie, Bhinoiogie und ihrer Grenzgebiete. I. Band. Würz- 
*«* WH, Kort Kabitssch. 854 S. M 5,—. 
km ?* fr *^ umfaßt die Literatur vom I. April 1912 bis 1. April 
ir a u ÄW ^ ÄD Hefte dieses Bandes wird die Literatnr über Kehlkopf, 

MaMhle, Sprache und Stimme bei den einzelnen Nationen behandelt 
» aentschen Veröffentlichungen überragen. Die wichtigen Arbeiten 
mailr eingehend ihrem Inhalte nach wiedergegeben. Für 
J««uchafUiche Arbeiten sind die Jahresberichte eine wertvolle Hilfe, 

Farcff Praktiker einen raschen Ueberblick über alles 

Haenlein. 


lieh der Diagnostik and Prognostik dieser Veränderungen. Die Arbeit 
gewährt einen zusammenfasaenden interessanten Ueberblick über das 
Thema, ohne wesentlich Neues za bringen. 

Saevyer, Wilbur A.: Infektion von 98 Personen bei einem 
öffentlichen Essen durch eine Typhusbaelllenträgerin. Bei einem 
öffentlichen Essen warden 93 Personen mit Typhus infiziert, der eine 
sehr kurze, nur achttägige Inkubation zeigte. Als Infektionsträgerin 
wurde die eine Speisebereitorin, die keine Ahnung von irgendwelcher 
dorchgemachter Typhuserkrankung hatte, eruiert. Als Vehikel der In¬ 
fektion diente ein Gericht Spaghetti, das, trotzdem es nach Zubereitung 
durch die Typhusträgerin gebacken worden war, die Bacillen über¬ 
tragen hatte. 

St oll, Henry Farn um: Spätmanifestationen der ererbten 
SyphillB mit besonderer Berücksichtigung der Arterienerkrankung* 

Die Arbeit bringt die mit Noguchis Luetin in Verbindung mit der 
Wassermannreaktion angestellten Untersuchungen an 82 Familien zur 
Eruierung ererbter Syphilis. Verfasser meint, man müsse sich daran 
gewöhnen, bei Syphilis an eine Familienerkrankung zu denken. Mehr 
als die Hälfte der überlebenden Kinder syphilitischer Eltern geben eine 
positive Luetinreaktion, wenngleich häufig nichts Lues vorauBsetzen läßt. 
In allen dunklen Fällen könne infolgedessen nicht genug die Familien¬ 
geschichte betont werden. Es erscheine wahrscheinlich, daß Syphilis 
bis zur dritten Generation übertragen werde. Auch Fälle von Neurasthenie 
seien Folgen congenitaler Lues und reagierten gut auf specifische Be* 
handlang. _ 

Btteherbesprechungeik. 


W. Gnttmaiin, Lexikon der gesamten Therapie des prakti¬ 
schen Arztes mit Einschluß der therapeutischen Technik. Unter 
Mitarbeit hervorragender Facbgenossen herausgegeben. I. Band. A—L. 
Mit 516 Textabbildungen. Berlin und Wien 1915. Urban & Schwar¬ 
zenberg. 7S6 S. 25 M. 

Ein vorzügliches, sorgsam vorbereitetes, ausgezeichnet durchge¬ 
führtes, therapeutisches Nachschlagewerk zur raschen und gründlichen 
Orientierung des Praktikers. Dieses Programm jedes medizinischen 
Lexikons ist hier durchaus mustergültig eingehalten worden. Nur der¬ 
jenige, der die Schwierigkeiten kennt, welche der Anlage eines lexi¬ 
kalischen therapeutischen Werkes, der Verteilung des Stoffes, seiner 
gleichmäßigen Bearbeitung, der Einhaltung der Besprechung der Therapie 
allein gezogenen Grenzen, der Sichtung von Wichtigem vor Nebensäch¬ 
lichem etc. entgegenstehen, kann die Fülle von Arbeit, Sorgfalt und 
Organisation voll ermessen, die der Herausgeber aufzuwenden hatte. — 
Der vorliegende erste Band zeigt, daß dieser ernsten Arbeit voller Erfolg 
geworden ist. Wir wollen der Versuchung widerstehen, aus der Unzahl 
trefflicher Artikel einzelne, besonders hervorragende hervorzuheben, da 
alle — ausnahmslos — der wissenschaftlichen Bedeutung und großen 
Erfahrung der Autoren entsprechen, die der Herausgeber mit Kenner¬ 
blick ausgewählt hat. Die prächtige, das beim Verlage Urban & 
Schwarzenberg Gewohnte noch überbietende Ausstattung, von welcher 
die prächtigen, außerordentlich instruktiven Illustrationen ganz besondere 
Hervorhebung verdienen, erhöhen den Wert eines Buches, das bald in 
keiner ärztlichen Bibliothek fehlen dürfte. Sehr willkommen wird dem 
nachsehlagenden Arzte der Arzneimittelanhang sein, der die deutsche, 
österreichische und Schweizer Pharmakopoe berücksichtigt, wie das 
genaue, alle wichtigen Synonyma berücksichtigende Sachregister. B. 

E. v. Tovölgyi, Ueber den diagnostischen and prognostischen 
Wert der lokalen Tnberknlinreaktionen auf Grundlage 
neuerer Forschungen. Leipzig 1914, J. A. Barth. 18 S. MO,75. 
In der Monographie des Verfassers wird über eigne Erfahrungen 
mit der Opbthalmo-, Rhino- and Cutanreaktion berichtet. Am zu- 
Yerlässigsten erwies sich ihm die an der Brnsthaut Angestellte Lokal¬ 
reaktion. Infolge der engen Beziehungen zwischen Bindehaut und Nase 
beeinflussen die Rhino- and Conjunctivalreaktion einander. Eine akute 
oder snbaknte Entzündung der N&senschleimhant fördert das Auftreten 
einer positiven Conjunctivalreaktion. Der diagnostische und prognostische 
Wert der Nasen- und Bindehautreaktion ist verhältnismäßig gering. 

Gerhartz. 

Fr* Haoptmeyer, Ueber die erfolgreiche Verwendung von 
Kieferschienenverbftnden bei Frakturen and Resektionen 
mit besonderer Berücksichtigung der Zinnscharnierschiene. 
Mit 81 Textabbildungen und 3 Tafeln. Zweite unveränderte Auflage. 
Deutsche Zahn heilkuD de. Herausgegeben von Ja lins Witzei. Heft 3 
Leipzig 1914. G. Thieme. 36 S. M 1,50. 

Eine Neuauflage der verdienstvollen, vor sechs Jahren geschaffenen 
Arbeit Hauptmeyers ist gerade in dieser Kriegezeit freudig za be¬ 
grüßen. Aas dem mit vorzüglichen Abbildungen versehenen Vorträge 
kann jeder ergiebigste Belehrungen über das schwierige Gebiet der Kiefer- 
schienenYerbftnde and der Resektionsprothetik schöpfen. Hoffendahl. 


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174 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“, Redigiert von Priv.-Doe. Dr. Anton Bum, Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aerste in Wien. 

Sitzung vom 29. Januar 1915. 

E. Ranzi stellt eine 39jährige Frau vor, bei welcher eine 
Operation wegen Hypophysentumors vorgenommen worden ist. 
Seit 37*2 Jahren hatte die Frau Kopfschmerzen und eine stetig 
zunehmende Sehstörung, so daß sie schließlich am linken Auge 
amaurotisch war und am rechten nur Finger zählen konnte. Die 
Untersuchung ergab Stauungspapille und rechts temporale Hemi¬ 
anopsie, ferner Zeichen von Akromegalie und von Hypophysen¬ 
tumor. Letzterer wurde nach Schloffer operiert, das Sehen hat 
sich gebessert und die Akromegaliesymptome sind zurückgegangen. 

W. Neutra führt aus dem Nervenambulatorium des Militär- 
spitals in Baden einen Fall von Fraktur des 2. Halswirbels 
mit Rückenmarkskompression vor. Pat. erhielt vor 5 Monaten 
einen Schuß durch den Hals, darauf waren alle 4 Extremitäten 
gelähmt. Dies hat sich gebessert, so daß jetzt Pat. etwas gehen 
kann, die Parese ist links stärker als rechts. Der Kranke hat 
starke Schmerzen im Hinterhaupt und im Nacken, Schwindel¬ 
anfälle und Kribbeln in den Extremitäten. Druck auf das Hinter¬ 
haupt und die Halswirbelsäule ist schmerzhaft, Bewegungen des 
Kopfes sind fast unmöglich. Pat. kann nicht frei stehen und hat 
die Tendenz, nach rückwärts zu fallen. Die Sprache ist verlang¬ 
samt und erschwert. Der linke Arm zeigt einen leichten Rigor, 
die Reflexe sind erhöht, rechts schwächer als links. Wenn man 
am Thenar des Pat. von der Handwurzel 2um Daumen oder entlang 
des Radius nach abwärts streicht, so erfolgt eine Extension 
des Daumens; dieser Reflex entspricht dem Babinskisehen an 
den unteren Extremitäten, letzterer ist beim Pat. nicht nach¬ 
weisbar. Die ganze linke Körperhälfte ist hypästhetisch, die 
Tiefensensibilität ist links bedeutend gestört. Die Röntgenunter¬ 
suchung ergab eine Fraktur des zweiten Halswirbels, welche in 
Ausheilung begriffen ist, mit Kompression des Rückenmarkes. 
Durch eine Gipskrawatte wurden die Schmerzen und der Schwindel 
gebessert. 

A. Weichselbaum demonstriert anatomische Präparate von 
Organen mit Schufiverletzungen. 1. Schußverletzungen des 
Kopfes und Gehirnes. Die Ursache des Todes war eine Lepto- 
meningitis, welche immer primär auf der Basis lokalisiert war und 
von da auf die Hemisphären Übergriff, wobei die verletzte Hirn¬ 
hälfte sogar von der Entzündung frei sein konnte. Es waren 
Schußverletzungen mit Prolaps des Gehirnes, welche der Infektion 
ausgesetzt waren. Diese setzte sich auf die Ventrikel, von da auf 
die Basis und von hier erst auf die Konvexität des Gehirnes fort. 

2. Bei den Schußverletzungen des Rückenmarkes und der Wirbel¬ 
säule gibt es zwei Typen, je nachdem das Rückenmark direkt vom 
Projektil getroffen oder erst von einer Verletzung der Wirbelsäule 
sekundär affiziert wird. Vortr. zeigt unter anderem das Präparat 
einer ausgeheilten Wirbel Verletzung, bei welcher die Dura mit 
den weichen Rückenmarkshäuten verwachsen ist. Es kam nicht 
zu einer ausgedehnten Entzündung des Rückenmarkes, weil keine 
Infektion dazu kam, der Exitus wurde durch Urosepsis herbei¬ 
geführt. 3. Lungenschüsse waren mit Hämatothorax kompliziert. 

4. Bei Leberverletzungen sieht man den Schußkanal von nekroti- 
schem Gewebe und weiter von einer Entzündungszone umgeben, 
in welcher eine starke Wucherung von Gallengängen nachweisbar 
ist. Vortr. zeigt eine Leber mit einer ausgeheilten Schußverletzung. 

5. Mehrfache Verletzung des Darmes durch einen Schrapnell schuß 
mit Peritonitis. 0. Verletzung der A. femoralis. Die ganze Arterie 
ist durch ein Knochenfragment durchtrennt, oberhalb sieht man 
zwei Aneurysmen, welche infolge der phlegmonösen Entzündung 
um das Gefäß herum entstanden sind. Im Gebiet eines dieser 
Aneurysmen ist die Unterbindung ausgeführt worden und über 
dieser Stelle befindet sich auch ein Thrombus. Wegen der schlechten 
Beschaffenheit der Gefäßwand folgte eine Nachblutung. 7. Schu߬ 
verletzung der Weicbteile des rechten Fußes mit Wollfasern von 
der Montur im Schußkanal, der Fremdkörper hatte zur Tetanus¬ 
infektion geführt. — Seit September hat Vortr. im allgemeinen 
Krankenhaus 24 Tetanusfälle seziert und hierbei immer, seitdem 
er darauf achtet, einen Status lymphaticus gefunden, außerdem 
nicht selten noch andere Anomalien, darunter manchmal Thymus 
persistens. Der Status lymphaticus ist ein Zeichen von Minder¬ 
wertigkeit des Organismus, welche den Verlauf des Tetanus un¬ 
günstig beeinflussen dürfte. 


M. Benedikt zeigt EmanationsphotogrAphien. Diese 
wurden so gewonnen, daß in einem dunklen, aus Holz verfertigten 
Raum photographische Platten der Wirkung der dunklen Strah¬ 
lung verschiedener Körper ausgesetzt wurden. Auf die photo¬ 
graphische Platte wurde eine für solche Strahlen undurchgäogige 
Platte mit Ausschnitten aufgelegt, unterhalb der letzteren zeigte 
die lichtempfindliche Substaoz eine Veränderung. In einer Dunkel¬ 
kammer, deren Wände mit Kalk getüncht sind oder in welcher 
ein Metall vorhanden ist, gelingen die Versuche nicht. Als ema- 
nationsspendende Körper erwiesen sich Kalkspat, welcher durch 
Monate vorher in einer Dunkelkammer war, Barytkristalle, Magnete, 
Antimon, Fluoreszin und andere Farbstoffe, Aluminium, Messing, 
Zink und anderes. Wenn die emanierten Strahlen auf die photo¬ 
graphische Platte schief auftreffen, so üben sie auch eino Wirkung 
unter der Deckplatte aus. 

L. Freund wei9t darauf hin, daß schon im Jahre 1896 nachge¬ 
wiesen wurde, daß Metalle auf photographische Platten einwirken, und 
zwar geht diese Einwirkung auch durch Guttapercha und Holzpapier 
durch und wird durch Glimmer aufgehoben. Auch organische Substanzen 
(Harze, Holz) wirken auf die photographische Platte. Die Erklärung 
dieser sonderbaren Tatsache ist bisher nicht gelungen, nach einer Theorie 
soll von organischen Substanzen eine fortwährende Ausströmung von 
Wasserstoffsuperoxyd stattfinden und dies auf die photographische 
Platte wirken, von Metallen sollen Ionen ausgesendet werden, welche 
die photographische Platte beeinflussen. Daß von Metallen minimale ma¬ 
terielle Partikelchen ausgesendet werden, spricht dafür, daß diese Ema¬ 
nation den Gesetzen der Schwere folgt. Blut, Lymphe und andere Kör¬ 
perstoffe. welche man Radi umstrahlen ausgesetzt hat, wirken ebenfalls 
emanierend; nach den Untersuchungen des Redners wirken solche Ge¬ 
webe nicht auf das Elektroskop. 

M. Benedikt bemerkt, daß er in seiner Demonstration nur Tat¬ 
sachen bringen wollte; er werde in einer ausführlicheren Mitteüung auf 
die Fragen näher eingehen. 

Diskussion zur Demonstration von A. Fuchs: Rücken- 
mar ks Verletzungen« 

E. Ranzi weist darauf hin, daß die vom Vortr. und von ihm 
demonstrierten Fälle einen verschiedenen Charakter haben und sich 
gegenseitig ergänzen: die einen sind leichte, die chirurgischen sind schwere 
Fälle. Er habe in seine Statistik nicht diejenigen Fälle aufgenommen, 
welche Bich in den ersten Tagen so gebessert haben, daß an eine Ope¬ 
ration nicht gedacht werden mußte. Bei Zivilfällen wurden auf der Klinik 
Ei sei 8 berg innerhalb 12 Jahren nur 5mal wegen Wirbelfrakturen und 
lmal wegen Schußverletzung Laminektomien ausgeführt. Bei Rücken- 
marksverletzungen ist Vortr. im Gegensatz zu den Schädelschüssen nicht 
für eine frühzeitige Operation, sondern für ein Zuwarten, bis sich die 
Erscheinungen stabilisiert haben. Die Operation wird anger&ten, wenn die 
Symptome sich binnen 4—6 Wochen nicht gebessert haben; diese Indi¬ 
kation hat sich bisher als richtig erwiesen. Bei der Operation wurde 
immer ein diese rechtfertigender pathologischer Befund erhoben. Die 
früheste Operation wurde 3 Wochen nach der Verletzung ausgeführt, 
andere erst nach 3 Monaten und noch später. Redner gibt zu, daß auch 
nach einer so langen Zeit eine spontane Besserung eintreten kann, das 
sind jedoch Ausnahmen, wegen welcher der richtige Zeitpunkt bei den 
anderen Fällen nicht versäumt werden darf. Mit der symptomatischen The¬ 
rapie mittelst Blasenpflasters ist er als Chirurg nicht einverstanden, da, 
wenn operiert werden muß, die Haut des Operationsfeldes nicht rein ist 
und mit der Operation deshalb zugewartet werden muß, bis die Haut ab¬ 
geheilt ist. 

0. Marburg bemerkt, daß bei Rückenmarksverletzungen folgende 
Läsionen zu finden sind: 1. Durchschuß mit absoluter Querschnitts¬ 
läsion; 2. eine indirekte Läsion des Rückenmarkes mit nachfolgender 
Malazie, welche nicht den ganzen Querschnitt betrifft; 3 . Kompression 
mit Arachnitis circumscripta. Es ist nicht immer möglich, die Ver¬ 
letzung und die Kompression in der klinischen Diagnose von einander 
zu scheiden. Das Röntgenbild, welches ein Projektil im Rückgrats- 
kanal zeigt, muß noch nicht für eine Rüekenmarksläsion sprechen, da 
die Kugel auch außerhalb der Dura liegen kann. Aus dem Verlauf des 
Schußkanals kann man auch nicht auf eine Rückenmarksläsion schüeöen, 
da letztere außerhalb desselben liegen kann. Die Diagnose einer Durc- 
trennung des Rückenmarks ergibt sich aus der kompletten schlaffen b - 
mung, aus der Areflexie und Sensibilitätsstörung. Auch solche rau 
können durch eine Arachnitis hervorgerufen werden. Die Laim netto ^ 
ist in gewissem Sinn ein Analogon der Probelaparotomie. Ein »ul 
Klinik Eiseisberg befindlicher Soldat mit einem Halsschuß . 

typische Querläsion des Rückenmarkes, die Symptome haben sicn . 

5 Monate nicht gebessert und Pat. selbst verlangt einen operativen . 
griff. Auch an der Klinik wird konservative Therapie y -- 0 . 

ner glaubt als richtigen Standpunkt empfehlen zu können, s0 

chen zugewartet werden soll; wenn sich der Zustand nicht hes8e , 
kann man die L&minektomie empfehlen. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 




T. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6 


175 


J. v. Wagner-Janregg bemerkt, daß die symptomatische The¬ 
rapie mit Blasenpflastern gegen die Schmerzen bei Rücken marksver- 
letiUDg gute Dienste geleistet hat und auch bei anderen Affektionen an- 
geweadet wird. Wenn man das Pilaster nicht mehr auf legt, so heilt die 
Hautentzündung rasch. Die von Fuchs vorgestellten Fälle waren nicht in 
wenigen Tagen gebessert, bei einem Fall trat die Besserung sogar erst 8 Mo¬ 
nate nach der Verletzung ein. Auch Redner ist mit der Operation ein¬ 
verstanden, wenn sich keine Besserung zeigt; er möchte nur einen län¬ 
geren Termin als 6 Wochen festsetzen. 

A. Fuchs weist auf die Erfahrungen bezüglich der Meningitis sc- 
ruaa im Frieden hin. Letztere findet sich öfter bei Operationen, wo man 
einen Tumor vermutet hat. 

M.Benedikt betont die gute Wirkung der ableitonden Therapie 
bei Neuritiden, besonders bei Wurzelneuritiden und bei Kephalalgie. Er be¬ 
nützt zu diesem Zweck Points de feu, wobei durch Auflegen von Ung. 
Meierei eine Eiterung unterhalten wird. Wenn diese Therapie einen Er- 
iolir hat, so haben wir kein Recht, sie aufzugeben. Redner hat daboi 
nie einen Rotlauf auftreten gesehen. Die entstandenen Wunden können 
in wenigen Tagen geheilt werden. Die Hautreize werden vielfach zur 
Ableitung angewendet, so z. B. werden Hautreize auf die W aden gegen 
Kopfschmerz appliziert. Die Wirkung der Points de feu ist eine Shock- 
wirkung. 

E. Ranzi bemerkt, daß für die Chirurgen die Diagnose einer 
Meningitis serosa circumscripta ebenso gut eine Indikation zur Opera¬ 
lion bildet wie ein Tumor; je öfter sie zur Operation gelangt, desto 
mehr dürfte ihr Charakter als selbständige Krankheit hervortreten. Im 
jetzigen Krieg wurde sio besonders oft beobachtet. Der Zustand der 
Haut muß vor jeder Operation genau untersucht werden und letzten» 
wird erst vorgenommen, bis die Haut ganz einwandfrei ist; ein über¬ 
sehenes Abneknötchen kann zu schweren Wundkomplikationen führen. 


Destseh-belgisehe Aerzte Vereinigung in Namur (Belgien). 
Sitzung vom 28. Dezember 1914. 


lieber Dysenterie and Typhus. 

Haibe (Namur) demonstriert eine große Anzahl vorzüglicher 
Kulturen von Dysenterie- und Typhusbazillen. Er erging sich 
dabei des genaueren über die verschiedenen Stämme und zeigte 
das verschiedenartige Wachstum auf den Kulturen. Auch das 
Agglutin&tionsverfahren sowie der diagnostische Nachweis aus den 
Stuhlentleerungen erfuhr eine eingehende Würdigung. 

van Bouclen (Namur) gibt eine Darstellung über den Ver¬ 
lad und die Besonderheiten der hier behandelten Typhus- und 
Dysenteriefälle. Vom 1. September bis 28. Dezember 1914 wurden 
51 Fälle von Typhus abdominalis und 7 Fälle von Bazillonrubr be¬ 
handelt, 7 Typhuskranke = 13°/o und ein Ruhrkranker sind ge¬ 
storben. Die Behandlung des Typhus bestand in der üblichen 
flüssigen Diät und kühlen Bädern. War der Kranke 5—10 Tage 
fieberfrei, so erhielt er feste Nahrung. Die Ruhrkranken wurden 
folgendermaßen behandelt: Am ersten Tagen 1 g Kalomel in vier 
D«en, am zweiten Tage lg Ipecacuanba in zehn Dosen, am 
dritten und vierten Tage 5 g Bismut. subnitr. und 2 g Tinct. opii, 
w den folgenden Tagen 2—3g Tannalbin oder lg Bismut. sub- 
gallicnm. — Bei den Typbusfäilen kamen folgende Komplika¬ 
tionen vor: drei Darmblutungen, eine Perforation mit anschließen¬ 
der Peritonitis, zwei Pleuritis, eine akute Mittelohrentzündung, ein 
Kehlkopftyphus, eine Phlegmasia alba dolens, eine Furunkulose 
wd eine Melancholie. Die Beobachtung der Fieberkurve ist das 
beste Mittel, um eintretende Komplikationen zu erkennen. Schon 
die geringste Aenderung der Nahrung beeinflußt ebenfalls die 
Fieberkurve. Da keine spezifische Behandlung des Typbus exi¬ 
stiert und die Fälle im Krieg besonders schwer und häufig sind, 
so empfiehlt Vortr. als das beste Mittel die prophylaktische Impfung. 

Richter stellt einen Fall von geheilter Oberarmfraktur 
!°f* Pat - batte bei der Einlieferung eineu totalen Knochen- 
üeiekt von ca. 12 cm. Trotzdem bildeten sich neue Knochenpartien, 
Ji® von beiden Seiten entgegenwuchsen und mit den noch vorhan¬ 


den Anochensphttern zu einer festen, einheitlichen Masse ver- 
JMbsen. An der Hand des Röntgenbildes ließen sich die einzelnen 
gab ? e ^ an G d eut lich verfolgen. Der Arm ist fast völlig 


Aerztlicher Verein zu Köln. 

Krieg8ärztlicher Abend vom 18. Dezember 1914. 

verschiedenen Arten der Kopf- 

schhttA ' Pr0 Mschüsse, 2. Tangentialschüsse, 3. Segmental- 
8Se ’ *• Diametralschüsse, 5. Steckschüsse. Prognostisch am 


günstigsten sind die Prellschüsse. Das Prinzip bei der Behand¬ 
lung der Kopfschüsse ist, möglichst konservativ vorzugehen. M. 
operiert immer in Lokalanästhesie, um auf diese Weise die Blutung 
aus der Kopfschwarte besser beherrschen zu können. Sodann macht 
er möglichst kleine Löcher in den Schädel. Er schlägt vor, diese 
Operationen am Schädel nicht „Trepanation“ zu nennen, sondern 
einfach Wundtoilette, da es sich ja nicht um eine eigentliche 
Trepanation handelt, sondern in der Hauptsache nur um Reinigung 
schmutziger Wunden mit Entfernung von Knochensplittern, eventuell 
auch Geschoßsplittern. Auch M. ist der Ansicht, daß die Nach¬ 
behandlung oft mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordert als 
die Operation selbst . Von dem reichhaltigen Gefangenen material 
(Franzosen, Belgier, Engländer, Inder, Neger) führt er einschlägige 
Fälle vor, die mit gutem Erfolg behandelt wurden. 

Cahn erwähnt, daß er die Beobachtung gemacht habe, daß Ver¬ 
letzungen des Stirnhirns weniger schwere Folgezustände zeitigen als 
die Verletzung anderer Gehirnpartien. Bedingt ist dies dadurch, daß 
hier weniger wichtige funktionelle Zentren sind. Es sei denn, daß eine 
Meningitis hinzukomme, die ja bei allen Gehirnverletzungen letzten 
Endes die Ursache des letalen Ausgangs ist. 

Mohr teilt seine Erfahrungen über Schuftverletzungen des 
Kiefers, besonders der Unterkiefer, mit. Es handelt sich zum 
Teil um Weichteil- und Knochenverluste schwerster Art. M. ver¬ 
tritt ebenfalls den Standpunkt, so konservativ wie nur möglich 
vorzugehen. Auch die kleinsten Knochen- und Perioststückchen 
sowie Zähne sollen nach Möglichkeit erhalten werden. Ein Fall 
wird gezeigt, bei dem fast der ganze Kinnteil des Unterkiefers 
weggeschossen war. Noch eine kleine Periostbriicke war erhalten 
und von hier aus ging eine neue Verknöcherung vor sich, so daß 
heute schon eine ziemlich starke Brücke am Kinn festgestellt 
werden kann. Auch M. zeigt eine Reihe von Gefangenen, die er 
teils mit Schienen, teils durch sonstige operative Eingriffe wieder 
zum Essen und Sprechen gebracht hat, was ihnen infolge der 
Verletzungen nicht mehr möglich war. D. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Namens des Reichsverbandes österr. Aerzteorganisationen und 
des Geschäftsausschusses der österr. Aerztekammern haben Doktor 
Gruss und Prof. Dr. Finger dem Minister des Innern eine Ein¬ 
gabe übermittelt, in der um die Einführung des allgemeinen 
Impfzwanges im Wege einer Kaiserlichen Verordnung auf Grund 
des § 14 des Staatsgrundgesetzes gebeten wird. 


Eine Oesterreichisehe Gesellschaft für Seuchenbekämpfung 
hat sich in Wien konstituiert, die vor allem diu Bekämpfung der 
akuten Seuchen, gegenwärtig namentlich der Kriegsepidemien, 
bezweckt. Das Programm der Gesellschaft umschließt unter anderem: 
Aufklärung der Bevölkerung über Volks- und Kriegsseucheu, Pro¬ 
pagierung der modernen wissenschaftlichen Methoden über Seuchen¬ 
verhütung und Seuchenbekämpfung (Schutzimpfung usw.), Aus¬ 
bildung von bakteriologischen Hilfskräften zur Vornahme von 
typischen bakteriologischen Untersuchungen, Ausbildung von 
Desinfektoren, Entsendung einer Expedition in die befreundete 
Türkei, die an der Organisierung der Seuchenbekämpfung teil¬ 
nehmen soll und zu diesem Zweck Epidemielaboratorien für die 
einzelnen türkischen Kriegsschauplätze ausrüsten wird. Die Ge¬ 
sellschaft wird ihre Tätigkeit mit einer Propagandaaktion für die 
Blatternimpfung beginnen. Dem Verein gehören namhafte medi¬ 
zinische Autoritäten und zahlreiche Persönlichkeiten der Gesellschaft 
an. Die Adresse der Oesterreichischen Gesellschaft für Seuchen¬ 
bekämpfung ist IX., Lackierergasse 5 (Telephon 21 198), wohin 
Anfragen und Beitrittserklärungen zu richten sind. 

* * 

* 

Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß man von groben Ver¬ 
stößen unserer Gegner gegen die Bestimmungen der Genfer 
Konvention hört. Einmal sind es die Franzosen, die sich vor den 
Augen der Mitwelt so gern als Hüter der „humanitö“ und „fraternitö“ 
aufspielen, ein anderesmal die Engländer oder die Russen, deren 
Kultur allerdings nicht immer auf einem hohen Niveau gestanden 
hat. Dieser Tage haben Berliner Familien Mitteilungen von ihren 
im Felde gewesenen Angehörigen erhalten, die bisher im Sanitäts¬ 
dienst tätig waren. Im November vorigen Jahres wurde in Brzeziny 
hei Lodz eine Sanitätskolonne, bestehend aus 45 Mann unter 
Führung eines Chefarztes, überfallen und gefangengenommen. Die 


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UNIVERSUM OF IOWA 



176 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6. 


7. Februar. 


drei Oberärzte konnten, da beritten, sich retten, die übrigen ge¬ 
rieten in Gefangenschaft und wurden schlankweg nach Sibirien 
verschickt. Die Franzosen haben — wie eine Zusammenstellung 
der deutschen Regierung ergibt — bei den verschiedensten Ge¬ 
legenheiten deutsches Sanitätspersonal in einer allen völkerrecht¬ 
lichen Vorschriften hohnsprechenden Weise behandelt. Und dabei 
erdreistet sich die französische Regierung in einem amtlichen 
Bericht, den sie unter andern auch den Neutralen zugestellt hat, 
eine ganze Reihe von „Verletzungen der Menschenrechte durch 
die Deutschen“ nach den Feststellungen einer besonderen Unter¬ 
suchungskommission zusammenzustellen. Dieser Bericht stellt, wie 
von offiziöser Seite geschrieben wird, eine einzige Kette niedrigster, 
haltloser Verleumdungen dar, durch die nur Haß erzeugt und das 
Volk gegen die deutsche Invasion aufgepeitscht werden soll. 


(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens vor dem Feinde ist dem 0.-St.-A. 

H. Kl. Dr. J. Scholcz, Kommandanten des Feldspitals Nr. 1/6, 
und St.-A. Dr. F. Lewicki des I.-R. Nr. 9 das Ritterkreuz des 
Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem 
R.-A. Dr. E. Curta des F.-J.-B. Nr. 23, A.-A. Dr. W. Kuthan 
des l.-R. Nr. 11, den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Rotter des U.-R. 

Nr. 1, T. Kern des I.-R. Nr. 23, G. Öech des I.-R. Nr. 28, den 
A.-A. d. Res. DDr. L. Scheiber des I.-R. Nr. 23, J. Aleksie- 
wicz der I.-Div.-San.-A. Nr. 43, H. Nettei und W. Uttl des 

I. -R. Nr. 18, dem Lst.-A.-A. Dr. A. Gnändinger des Lst.-I.-R. 

Nr. 31 und A.-A. d. Ev. Dr. J. Weiss beim I.-R. Nr. 18 das 
Goldene Verdienstkreuz mit der Kröne am Bande der Tapfer¬ 
keitsmedaille, dem A.-A.-St. Dr. A. Gmachl des I.-R. Nr. 59 das 
Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille ver¬ 
liehen, dem R.-A. Dr. W. Winkler des U.-R. Nr. 3, A.-A. Dr. L. 
Revescz des I.-R. Nr. 15 und den O.-Ae. d. Res. DDr. H. Elias 
des I.-R. Nr. 56, M. Weiss des I.-R. Nr. 69 die a. h. belobende 
Anerkennung ausgesprochen worden. Aus demselben Anlasse ist 
R.-A. Dr. F. Urpani des Garn.-Sp. Nr. 2 zum Stabsarzt ernannt 
worden. — In Anerkennung hervorragenden und aufopferungsvollen 
Verhaltens vor dem Feinde ist dem St.-A. Dr. F. Hahn, Kom¬ 
mandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 43, den R.-Ae. Dr. R. Frank, 
Kommandanten des Feldspitals Nr. 3/6, J. Neugebauer, Kom¬ 
mandanten des Feldspitals Nr. 9/6 und N. Butean, Kommandanten 
des Feldspitals Nr. 2/6, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens 
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem O.-A. d. Res. Dr. R. 
Bachrach der I.-Div.-San.-A. Nr. 43 das Goldene Verdienstkreuz 
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden. 

— Ernannt wurden zu Regimentsärzten d. Ev. die O.-Ae. d. Ev. 
DDr. 0. Kose, J. Popper, K. Gross, E. Batik, R. Ullmann, 

M. Silber, F. Heschl, M. Weiss; zu Oberärzten d. E. die 
A.-Ae. d. E. DDr. E. Podrouzek, K. Hirsch, J. Rubinstein, 

R. Chmelar, L. Brunelik, K. Golebiowski, J. Lusicky, 

J. Popper, D. Hacker, E. Halbmayr, H. Bodo, 0. Simon, 

R. Aufricht, J. Weiss, J. Planansky, K. Protmann, 

R. Steiner, H. Breuer, A. Silbermann, G. Bernau, K. Lion; 
zu Landsturm-Regimentsärzten die DDr. K. Ni cklas, A. Schwarz; 
zu Landsturm-Oberärzten die DDr. A. Hörberth, W. Roic, 

L. Scheuer, K. Seidl, F. Tereba; zu Landsturm-Assistenzärzten 
146 Aerzte. 

(Hochschulnachrichten.) Berlin. Zum Nachfolger Joch¬ 
manns als Leiter der Infektionsabteilung am Virchow-Krankenhaus 
ist Prof. Dr. U. Friedmann gewählt worden. — Innsbruck. 
Priv.-Doz. Dr. P. Math es (Graz) zum o. Professor der Geburts¬ 
hilfe und Gynäkologie ernannt. — Prag. Priv.-Doz. Dr. R. Kahn 
zum a. o. Professor der Physiologie an der deutschen Fakultät 
ernannt. — Wien. Dr. E. Fröschels für Ohrenheilkunde, Doktor 
J. Richter für Geburtshilfe und Gynäkologie habilitiert. — 
Zürich. Dr. Stäubli für innere Medizin, Dr. Anderes für Ge 
burtshilfe und Gynäkologie habilitiert. 

(Die niederösterreichische Aerztekammer) hat am 

II. d. M. ihre konstituierende Sitzung abgehalten und sind nahezu 
einstimmig gewählt worden: Zum Präsidenten Dr. M. Wimmer 
(Rodaun), zum Vizepräsidenten Dr. Plenk (Tulln), zum Kassier 
Dr. Tschada (Ebenfurth), zum Schriftführer Dr. Schatzl (Melk), 
zu Vorstandsmitgliedern die DDr.: Sauer, v.Kiessling, M.Klaus, 
Schredt und Koralewsky. 

(Die neuen Arzneitaxen.) Die Neuausgaben der Arznei¬ 
taxen sind mit Beginn des Jahres in Kraft getreten, und zwar die 


„Fünfte Ausgabe der Arzneitaxe zu der österreichischen Pharma¬ 
kopoe Ed. VIII“ und die „Zweite Ausgabe der Arzneitaxe zu der 
österreichischen Pharmakopöe Ed. VIII für begünstigte Parteien 
(Krankenkassentaxe)“. Die durch den Kriegszustand bedingten 
außergewöhnlichen wirtschaftlichen Verhältnisse kommen auch in 
den Arzneitaxen zum Ausdrucke, welche zahlreiche und zum Teil 
sehr namhafte Erhöhungen in den Taxansätzen auf weisen. Die 
Preissteigerungen hängen zum Teil mit dem erschwerten oder 
ganz unterbundenen Bezug überseeischer Drogen und Rohstoffe 
zusammen, was die Beschränkung auf den im Inland vorhandenen 
Vorrat nötig macht, oder werden durch Ausfuhrverbote oder Ver- 
'seinschränkungen der Bezugsländer verursacht; zum Teil 
wirkt auch der durch den Krieg bedingte größere Verbrauch ge¬ 
wisser Arzneimittel auf die Wertbemessung ein. Selbst bei Hilfs¬ 
stoffen, die in großer Menge im Inland erzeugt werden, wie bei 
Fetten, Oelen, Spiritus, macht sich die allgemeine Teuerung be¬ 
merkbar. Bei letzterem wird der durch die Stillegung der zahl¬ 
reichen Brennereien Galiziens verursachte Ausfall an Produktions¬ 
menge und die Einschränkung des Verbrauches von Kartoffeln zur 
Spirituserzeugung als Grund angegeben. Bei dem aus dem Aus¬ 
land bezogenen Arzneimitteln kommt als Teuerungsgrund noch 
die Steigerung der Valuta für ausländische Geldsorten hinzu. — 

In der Arzneitaxe (fünfte Ausgabe) erfuhren 346 Taxansätze für 
Materialien der Pharmakopöe eine Erhöhung, denen eine Erniedri¬ 
gung bei 12 Taxansätzen gegenübersteht. Von den im Elenchus 
der Pharmakopöe angeführten Arzneizubereitungen wurden 22 Tax¬ 
ansätze erhöht. Bei den meisten Preisen für Verbandartikel 
war eine Erhöhung nicht notwendig, da die von einzelnen Firmen 
vorgenommene Erhöhung der Einkaufspreise sich in so geringen 
Grenzen bewegt, daß dadurch eine Beeinflussung des Taxansatzes 
noch nicht eintritt. Das Verzeichnis der Taxpreise von Serum¬ 
präparaten aus dem k. k. serotherapeutischen Institut in Wien er¬ 
fuhr eine Erweiterung durch Aufnahme diagnostischer Sera. Neu 
aufgenommen wurden Preise für eine Reihe bakteriologischer Prä¬ 
parate des serotherapeutischen Institutes. — Die Steigerung der 
Einkaufspreise kommt in der Krankenkassentaxe im Vergleiche 
zur allgemein geltenden Taxe schärfer zum Ausdrucke, da ent¬ 
sprechend den Berechnungsgrundsätzen die Erhöhung des Ein¬ 
kaufspreises den Taxpreis im doppelten Ausmaß beeinflußt. Auch 
sind die Krankenkassen durch den Krieg in eine Lage versetzt 
worden, welche sie einer erhöhten Rücksichtnahme bedürftig er¬ 
scheinen läßt. Die beiden genannten Umstände ließen es geboten 
erscheinen, bei einigen Arzneimitteln, die in größerer Menge ver¬ 
braucht werden, die Steigerung des Taxpreises gewissen Einschrän¬ 
kungen zu unterwerfen. Im gesamten erfuhren 211 Ansätze der 
Materialtaxe der Pharmakopöe eine Erhöhung, denen eine Erniedri¬ 
gung bei 27 Ansätzen gegenübersteht. Von den im Elenchus der 
Pharmakopöe angeführten Arzneizubereitungen wurden im Preise 
11 Taxansätze erhöht, hingegen einer im Preise erniedrigt. 

(Statistik.) Vom 24. bis inklusive 30. Januar 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 14.467 Personen behandelt. Hiervon wurden 
2405 entlassen, 221 sind gestorben (8-4 0 / 0 des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 07, Scharlach 96, Masern —, Röteln —, Varizellen —, Diph- 
theritisGJ, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza—, Abdominaltyphus 6. 
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand 
Wochenbettfieber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, epidemiscbeöe* 
nickstarre —. In der Woche vom 17. bis 25. Januar 1915 sind in Wien 
814 Personen gestorben (+ 50 gegen die Vorwoche). 


Sitzungs-Kalendarium. 

Dienstag, 9. Februar, 7 Ubr. Verein für Psychiatrie and Kearolo?^* 

Hörsaal v. Wagner (IX., Lazarettgasse 14). 1. Demonstrationen. 
Pötzl. 2. A. Fuchs: Ueber Kriegsverletzungen. , 

— 9. Februar. 7 Uhr. Oesterr. Gesellschaft für Schulhygiene. 

v. Pirquet (IX., Lazarettgasse 14). Ass. Dr. H. Januschke: hin^ 
physiologische Gesichtspunkte in der körperlichen und geistig 
Erziehung. 

Donnerstag, 11. Februar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Medizin w 
Kinderheilkunde. Hörsaal W e n c k e b a c h (IX., Lazar _j 

1. Demonstrationen. 2. Diskussion über den Vortrag von u 
A. v. Müller: Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie 
Singer, W. Schlesinger, H. Schlesinger, Salomon, 
berger, Porges, Falta, E. Freund, Spieler, Edelmanij. 
Freitag, 12. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aercte. (IX-, wn 
gasse 8.) __ 


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban4 Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: K»rl Urban, Wien. 

Druck von Gottlieb Gietel 4 Cie., Wien, 111 , Münngasse 6. 


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Original fro-m 

UNiVERSUY OF IOWA 





Nr. 7. 


Wien, 14. Februar 1915. 


XI. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 


Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert von J Verlag von 

Proftnor Dr. Kort Brandenburg | Urban A Schwarsenberg 

Berlin 8 Wien 


INHALT: We Yereergeng der YerwundeteH ud Erkrankten Im Kriege: Prof. Dr. H. v. Haberer. Zur Behandlung und Beurteilung infizierter 
lideuk- und Knochenschüsse (mit 13 Abbildungen). Priv.-Doz. med. ot pbil. Heinrich Gerhartz, Lungenselnisse. Prof. Dr. F. Umber. Flecktyphusartiger 
VrrW von Genickstarre. San.-Rat Dr. Breiger, Die Behandlung von Wunden unter besonderer Berücksichtigung von Kriegsverletzungen mit künst¬ 
lichem Licht und die hierfür in Betracht kommenden Apparate. Prof. 0. Yulpitis, Anmerkung zu den zwölf Geboten von Professor Ritschl-Frei- 
fiy. - Klinische Vorträge: Privatdozent Dr. R. Franz, Ueber die Nierenbeckonentzündung der Schwangeren. Prof. Dr. V. Ellermann. Ueber Schwel- 
: 5 ;ns der (’ubitaldriisen bei Polyarthritis chronica. Dr. H. Peiser, Zur familiären Häufung des Carcinoms. Oberarzt Dr. med. Hilfrich, Lenicet beider 
Wtmdtebandlung. — Aerztlfche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens: San.-Rat Dr. KaeBs, Bilaterale nueleäre Hypoglossuslähmung 
und Parese beider Arme durch Unfall. — Referatenteil: Samiuelreferat: Dr. Peter Misch, Soziale Hygiene und Demographie. — Aus den neuesten 
- ZdtMkrifta, — B&cherbesprechungen. — 'Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. 
(L>ellschaft fiir innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegsehirurgischer Abend im k. k. Garnisonsspital Nr. 16 in Budapest. Berliner Medi- 
liris-he Gesellschaft. Medizinische Gesellschaft in Freiburg i. Br. Kriegsehirurgischer Abend der Sanitätsoffiziere des VII. Res.-Korps zu Braveres 

(Frankreich). — Kleine Mitteilungen. 

Dm Viril ** BsoM dtr VtrvisJf*i*ip*M und VtrbrtitMnf der in iUtmr ZtUttortfl »um BrscMn** ftlanfmdtn OrifinalMirty vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Aus der chirurgischen Klinik in Innsbruck. 

(Vorstand Prof. Dr. v. Haberer.) 

Zar Behandlung nnd Benrtcilnng infizierter 
Gelenk- und Knochonschiisse 1 ) 

von 

Professor Dr. H. v. Haberer. 


M, H.! Bei der Beurteilung der Gelenk- und Knochen¬ 
schüsse müssen wir die nichtinfizicrten von den infizierten 
Verletzungen scharf trennen. Speziell die glatten Durch¬ 
schösse durch Gelenke können, wenn sie ohne Zerstörung 
der das Gelenk konstituierenden Teile erfolgt sind und 
Leine Infektion dabei eingetreten ist, in der klirzesten Zeit 
ausheilen, nnd dem Arzte obliegt dabei nur die Sorge, daß 
er diese Heilung nicht durch unzweckmäßige Maßnahmen 

V stdre, daß er die Verletzung im wahrsten Sinne des Wortes 
in Ruhe lasse. Bei den nichtinfizierten Knochenschüssen 
interessiert uns auch nur die dabei gewöhnlich vorhandene 
Fraktur, die dann nach den allgemein üblichen Gesichts¬ 
punkten zu behandeln ist. 

Anders bei den infizierten Gelenk- und Knochenschüssen. 
Da es sich in jedem Falle von Knochen- beziehungsweise 
Gelenkschnß um eine komplizierte Verletzung von Knochen 
beziehungsweise Gelenk handelt, so mag es auf den ersten 
Blick überraschen, daß die infizierten Verletzungen hinter 
den nichtinfizierten an Zahl weit zurückstehen. Gelegenheit 
IDr Infektion wäre ja im Moment der Verletzung in allen 
Fallen reichlich gegeben, Kleidung und Haut des Verwun¬ 
deten beherbergen wohl Keime genug. Und da fällt wieder 
)p' r besonders auf, daß gerade eine große Zahl der Gelenk¬ 
busse uninfiziert bleibt, wiewohl wir aus der Friedens¬ 
praxis wissen, daß kaum ein Organ des menschlichen Körpers 
• gegen Keime empfindlicher ist als das Gelenk. Jeder von 
ons fürchtet doch mit Recht jede ein Gelenk penetrierende 
crletzung, und weiß Fälle, in welchen nicht nur die be- 

Y renende Extremität, sondern auch das Leben des Patienten 
Küfer gefährdet war oder sogar verloren ging. 

ai ^rächten wir uns einmal die Schuß Verletzungen der 
&oß 7 j. a * m gegöR^ärtigen Krieg in nur allzu 

111 Gesicht bekommen, genauer, so kann es gar 

tack inuul e ' n0m ^ er wissenschaftlichen AerzteKesellscbaft in Inns- 
^ «« i Dezember 1914 gehsltonen Demonstrationsvortrag. 

(■ 


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keinem Zweifel unterliegen, daß die Gefahr der Infektion 
um so geringer ist, je kleiner die sichtbare Verletzung, je 
kleiner also Ein- und Ausschuß sind. Je größer die Ver¬ 
letzung, das gilt namentlich für den oft breit klaffenden, 
zerfetzten Ausschuß, desto öfter kommt der Verwundete in 
infiziertem Zustande in unsere Hand. 

Wenn wir auch im Hinterlande diese Verwundungen 
alle erst nach Tagen, und alle bereits in mindest provisorisch 
versorgtem Zustande sehen, so läßt doch die eben besprochene 
Beobachtung einen Rückschluß auf die beste erste Versor¬ 
gung von Gelenkwunden hinter der Feuerlinie zu. Ein asep¬ 
tischer Deckverband und absolute Ruhigstellung des Gelenks 
müssen unter allen Umständen das zweckmäßigste Verfahren 
sein. Aus meiner Erfahrung muß ich sagen, daß so ver¬ 
sorgte Gelenkschüsse nahezu ausnahmslos in vorzüglichem 
Zustand in meine Hand gekommen sind, daß Ergüsse ent¬ 
weder fehlten, oder sich rasch resorbierten, und daß die Be¬ 
weglichkeit des Gelenks sehr bald eine gute war. 

Aber auch von den, mitschwererenWeichteil Verletzungen, 
gelegentlich sogar mit sichtbar breiter Eröffnung des Ge¬ 
lenks einhergegangenen Schußwunden heilten viele ohne jede 
Infektion, wenn sie in der oben beschriebenen Weise erste 
Versorgung gefunden hatten, wiewohl die Kranken zumeist 
viele Tage auf dem Transport unterwegs waren. 

Was aber für die erste Versorgung eines Gelenk¬ 
schusses gilt, das gilt ganz besonders auch für die weitere 
Behandlung desselben. Je weniger wir an einer solchen 
Verletzung rühren müssen, desto bessere Aussichten für die 
Heilung sind vorhanden. 

Von den uns in infiziertem Zustande zugegangenen 
Golenkverlctzungen war der weitaus größte Teil schon primär 
anders, als durch Deckverband und Ruhigstellung behandelt 
worden. Vor allem, und das kann nicht genügend scharf 
hervorgehoben werden, fehlte zumeist die genügende Fixation 
zwcoks Ruhigstellung des Gelenks. Damit ist aber nicht 
bloß gegen das eine wichtige Postulat in der ersten Ver¬ 
sorgung der Gelenkwunde verstoßen, sondern zumeist auch 
zugleich gegen das zweite, nämlich gegen die sterile Deckung 
dqr Wunde; denn fehlt die Fixation dos Gelenks, so fehlt 
auch die des sterilen Deckverbandes, der namentlich bei län¬ 
gerem Transport dann nahezu regelmäßig verrutscht, sodaß, 
wie ich es vielfach sab, Kranke mit vollkommen zutage 
liegenden Wunden in ihrem Bestimmungsort einliefen. Daß 

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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


von diesen Fällen viele infiziert waren, kann nach dem Ge¬ 
sagten wohl nicht wundernehmen. Noch schlimmer aber 
sieht es aus, wenn eine Golenkwunde primär drainiert oder 
gar tamponiert wurde. Diese Fälle waren alle als schwer 
infizierte zu bezeichnen. 

Eines dürfen wir aus diesen Erfahrungen mit absoluter 
Bestimmtheit sagen, daß die primäre Drainage eines Gelenk¬ 
schusses unter allen Umständen ein sehr schwerer Fehler 
ist. Durch die Drainage wird der Weichteilwunde die Mög¬ 
lichkeit benommen, rasch zu verkleben, wodurch dem Ge¬ 
lenke der beste Schuti vor dem weiteren Eindringen von 
Bakterien gewährleistet wird. Die primäre Drainage besorgt 
aber auch das nicht, was ihr offenbar von denen, welche 
sie leider noch immer anwenden, zugeschrieben wird, näm¬ 
lich dio Herausbeförderung der gelegentlich der Verletzung 
in das Gelenk eingedrungenen Bakterien und ihrer Produkte. 
Bei dem komplizierten anatomischen Bau aller Gelenke wäre 
das nicht einmal von einer zweckmäßig, das heißt mit d<m 
Drainrohr ausgeführten Drainage zu erwarten, geschweige 
denn von der Drainage, wie ich sie regelmäßig fand, die 
mit Jodoformgazestreifen oder andern Gazestreifen vor- 
gonommen worden war. Es ist eigentlich falsch, dieses 
Vorgehen überhaupt als Drainage zu bezeichnen, denn schon 
nach kürzester Zeit ist ein derartiger Streifen in jenem 
Teil, der innerhalb der Wunde liegt, vollgesogen, und tam¬ 
poniert dann in der Regel, oder besorgt die Drainage in 
umgekehrter Richtung, nämlich von außen nach innen, führt 
also der Gelenkwunde von der Haut aus erst recht Keime 
zu. Aber auch schon das Einfuhren solcher Streifen ist, ab¬ 
gesehen von den damit verbundenen Schmerzen, immer höchst 
gefährlich, weil schon dabei die Umgebung der Wunde ge¬ 
scheuert wird, wobei allerlei am Streifen haften bleibt, was 
dann in die Wunde hineingeführt wird. 

Mit den zweckmäßig versorgten, nichtinfizierten Ge¬ 
lenkschüssen will ich mich, da sie kaum eine Behandlung er¬ 
fordern und prognostisch günstig sind, nicht beschäftigen, 
sondern ausschließlich den infizierten Gelenkschüssen meine 
Aufmerksamkeit zuwenden. 

Schmerzen, Schwellung des Gelenks, sehr häufig auch 
der regionären und entfernteren Drüsen, zumeist sehr hohes 
Fieber bis gegen 40 charakterisieren den infizierten Gelenk¬ 
schuß, und diese Symptome sind namentlich unmittelbar 
nach einem länger dauernden Transport sehr ausgesprochen. 
Viele der Kranken machten nicht nur einen schwer leidenden, 
sondern direkt septischen Eindruck, boten kleinen, fliegenden 
Puls und strohtrockne Zunge dar. Dieses oft direkt er¬ 
schreckende Bild unmittelbar nach der Auswago- 
nierung, das so manchen unerfahrenen Arzt ver¬ 
leiten könnte, sofort eine Amputation auszuführen, 
ändert sich in einem großen Teil der Fälle, wenn 
die Kranken erst einige Stunden im Bette bei zweck¬ 
mäßiger Lagerung des kranken Gelenks ausgeruht 
haben. Es ist,erstaunlich, wie oft schon nach wenigen 
Stunden trotz Anhaltens des hohen Fiebers die Kranken 
wesentlich besser aussehen, wie sich Puls und Zunge bessern, 
ja in manchen Fällen sinkt sogar im Verlaufe von 24 Stun¬ 
den das Fieber, und die zuerst außerordentlich bedrohlich 
aussehende Verletzung beginnt einen viel friedlicheren Ein¬ 
druck anzunehmen. 

Daraus geht hervor, daß man in keinem Falle 
von infizierter Gelenkverletzung unmittelbar nach 
der Einlieferung einen größeren Eingriff ausführen, 
sondern dem Patienten Gelegenheit zu entsprechender 
Ruhe geben soll. Dadurch werden gewiß unsern verwun¬ 
deten Soldaten viele unnötige Amputationen erspart. Es ist 
auch klar, daß bei einem Kranken, der schon tagelang unter¬ 
wegs war, eine Amputation nie so dringend sein kann, daß 
man nicht einige Stunden unter genauer Beobachtung des 
Patienten zuwarten könnte. Und in dieser Zeit ändert sich, 
wie gesagt, das Bild oft sehr wesentlich. Eine Ausnahme 


von dieser Regel machen allerdings die Gasphleg- 
monen, die rasches Handeln erfordern, die einen stunden¬ 
langen Aufschub wohl nicht erlauben. 

Ich befinde mich bezüglich meines Verhaltens infizierten 
Gelenkschüssen unmittelbar nach dem Transport gegenüber 
in voller Ucbereinstimmung mit dem Verhalten der v. Eisels- 
bergschen Klinik bei phlegmonösen Prozessen nach Kriegs¬ 
verletzungen, über welches Thema Suchanek in Nr. 47 der 
W. kl. W. 1914 ausführlich berichtet hat Ich habe dabei 
in einer großen Zahl von Fällen die entzündlichen Erschei¬ 
nungen vollständig zurückgehen gesehen, wir konnten dem 
Patienten jedweden Eingriff ersparen, in andern Fällen ge¬ 
nügte es, nach 24 Stunden vom erweiterten Schußkanal aus 
mit Gummidrains zu drainieren, einige Fälle machten eine 
einmalige oder öftere Punktion des Gelenks notwendig. Nur 
wenige Fälle im Vergleiche zur großen Zahl unserer Gesamt¬ 
beobachtung erforderten energischeres Eingreifen. 

Wenn das Fieber und die Schmerzen bestehen 
bleiben, die Schwellung unter Ruhigstellung und 
feuchten Verbänden nicht schwindet, dann müssen 
wir ein greifen. Aber auch bei diesen Eingriffen obwaltet 
das konservative Prinzip. Am besten bewährt hat sich mir 
dabei folgender Vorgang: Im Aetherrausche wird das be¬ 
treffende Gelenk an mehreren Stellen punktiert und überall 
dort, wo ich auf Eiter oder eitriges Exsudat stoße, wird ent¬ 
sprechend der liegen gelassenen Punktionsnadel eine kleine 
Incision in das Gelenk gemacht. So kommen manchmal 
mehrere kleine Gelenkincisioncn zustande, bei deren Aus¬ 
führung natürlich dem anatomischen Aufbau des Gelenks 
Rechnung zu tragen ist, zumal er auch Art und Ausdehnung 
der Eiteransammlung bis -zu einem gewissen Grade bestimmt. 
Durch diese Incisionen werden Gummidrains in das Gelenk 
geführt. In vielen Fällen habe ich Durchspülungen des Ge¬ 
lenks mit 1 bis 4°/ 0 Formalin vorgonommen, namentlich 
dann, wenn es sich um dickes Sekret handelte, dessen Ab¬ 
fluß durch die Drainröhren gelegentlich nicht ohne weiteres 
von selbst erfolgt. Ich halte multiple kleine Incisionen des 
Gelenks für besser als breite Aufklappungen, habe jedenfalls 
mit den kleinen Incisionen dasselbe Resultat quoad Heilung 
des Prozesses erzielt, und das funktionelle Resultat ist unter 
allen Umständen besser, als wenn man eine völlige Auf¬ 
klappung des Gelenks ausgeführt hat. Selbstverständlich ist 
das Gelenk sofort nach dem Eingriffe wieder zu fixieren, was 
entweder durch Schienen- oder gefensterte Gipsverbände er¬ 
reicht wird. 

Was die weitere Behandlung anlangt, so ist der Ver¬ 
band nur nach Notwendigkeit zu erneuern, das heißt nur 
dann, weün er durch das Sekret seiner Aufgabe, aufzusaugen, 
nicht mehr genügen kann. Feuchte Verbände haben, sobald 
einmal genügend incidiert ist, keinen Zweck, sie sind im 
Gegenteil unzweckmäßig, weil sie den Abfluß des Sekrets 
eher hindern. Dickt das Sekret in der Folge ein, so sind 
Spülungen mit Wasserstoffsuperoxyd sehr am Platze, un¬ 
zweckmäßig ist es, die Drainröhren zwecks Durchspülung 
aus der Wunde herauszunehmen. Ich lasse die ersten Drains 
in der Regel als Dauerdrains liegen, und kürze nur, was 
langsam von selbst aus der Wunde herausgeschoben wird. 

Bei dieser Form der Behandlung sehen wir, wenn über¬ 
haupt die Extremität zu erhalten ist, und das trifft glück¬ 
licherweise für die Mehrzahl der Fälle zu, das Fieber all¬ 
mählich, nie plötzlich schwinden, auch die Schmerzen nehmen 
, ab, der Appetit stellt sich ein, und allmählich heilen auch 
die Wunden. Einige Fälle behalten von vornherein einige 
Bewegungsmöglichkeit des Gelenks, bei ihnen ist cs eine 
dankbare Aufgabe, durch vorsichtige, ja nicht zu früh 
einsetzende Bewegungstherapie die erhaltene Be* 
wegungsmöglichkeit zu vermehren. Die meisten Ge¬ 
lenke werden allerdings in der Stellung, die wir ihnen durc 
unsere dauernde Fixation geben, steif, doch dürfen wir nie i 
vergessen, daß eine derartige Versteifung kein dauernder /u- 


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11 Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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stand zu sein braucht, da wir ja die Wege kennen, solche 
Gelenke wieder beweglich zu machen. Ich erinnere nur 
daran, daß wir nach Jahr und Tag noch, durch Einlegen 
sei es gestielter, sei es ungestielter Fascienlappen in das 
operativ eröffnete Gelenk vorzügliche Resultate erzielen 
können. 

Je geringer unsere Manipulationen auch wäh¬ 
rend der Nachbehandlung an einem eitrigen Ge¬ 
lenke sind, desto weniger trüben wir uns auch die 
Beobachtungsmöglichkeit des Verlaufs. Wer bei jedem 
Verbandwechsel die Drainröhren wechselt, wird nahezu im 
Anschluß an jeden Verbandwechsel Temperatursteigerungen, 
die gelegentlich sehr hoch sein können, beobachten, und 
wenn dieselben auch an sich vielleicht ganz bedeutungslos 
bleiben, so trüben sie doch unser Urteil über den Verlauf 
des Falles. Es kommen nämlich während der Nachbehandlung 
vereiterter Gelenke oft spät noch Temperatursteigerungen 
vor, die eine Bedeutung haben, auch dann, wenn das All¬ 
gemeinbefinden des Patienten gar nicht gestört ist, und das 
betretende Gelenk schon völlig unempfindlich geworden ist. 
ln diesen Fällen wird der Verbandwechsel am Gelenk selbst 
oft gar nichts erkennen lassen, was die Fiebererscheinung 
erklären könnte, wohl aber finden wir dann gelegentlich in 
der Umgebung des Gelenks eine empfindliche Schwellung, die 
auf Eitersenkung zurückzuführen ist und eine neuerliche 
Incision nötig macht. Diese Eitersenkung vollzieht 
sich in der Regel dem Gesetze der Schwere nach 
längs Muskelinterstitien, sodaß wir genau wissen, 
welche Partien wir danach abzusuchen haben. Bei Eite¬ 
rungen des Kniegelenks ist es die Wade, bei Hochlagerung 
des Beins oft auch die Innenseite des Oberschenkels, beim 
Ellbogen die Hinterseito des Unterarms, beim Schulter¬ 
gelenke der Oberarm, beim Hüftgelenke die Gesäßbacke, in 
der wir dann in der Regel einen Senkungsabsceß finden 
werden. Solche Senkungsabscesse können mehrfach 
bei ein und demselben Falle während der Behand¬ 
lung auftreten, sie sind jedesmal natürlich am tiefsten 
Punkte zu incidieren, fast immer kommt man mit ganz 
kleinen Incisionen aus, in deren Gefolge das Fieber rasch 
zu verschwinden pflegt, indem es entweder lytisch oder 
gelegentlich auch kritisch abfällt. 

Sehr wichtig erscheint mir, darauf hinzuweisen, 
daß uns bei der Behandlung infizierter Gelenke 
Zertrümmerung der das Gelenk konstituierenden 
Knochen primär gar nicht zu interessieren braucht. 
Die Feststellung, inwieweit die knöchernen Gelenkenden 
durch einen Gelenkscbuß in Mitleidenschaft gezogen sind, 
darf ausschließlich durch das Röntgenverfahren erfolgen. 
Eine etwaige Sondierung, wie man sie leider immer 
noch gelegentlich sieht, ist als ein schwerer Fehler 
za bezeichnen. Desgleichen wird durch den Versuch, 
Frakturen des Gelenkbereichs durch passive Bewegungen 
festzustellen, oft ungeheurer Schaden angerichtet, ganz ab¬ 
gesehen davon, daß bei der enormen Schmerzhaftigkeit 
eines verletzten Gelenks ein solches Vorgehen direkt als 
grausam zu bezeichnen ist. 

Wenn auch zuzugeben ist, daß bei schweren Zer¬ 
trümmerungen im Gelenkbereiche die Behandlung des in¬ 
fizierten Gelenks besonders schwierig wird und weit längere 
Zeit beansprucht, so habe ich doch Fälle genug gesehen, 
die schließlich ein überraschend gutes Resultat gaben, 
frotz der Eiterung braucht es nicht zur Nekrose des 
Knochens zu kommen, er kann heilen, sodaß ich gelegent¬ 
lich bei stärkerer Verschiebung der Fragmente den Versuch 
für absolut gerechtfertigt halte, die oben geschilderte Be- 
nandlung des vereiterten Gelenks mit emer vorsichtigen Exten- 
sjonsbebandlung schon primär zu verbinden. Kommt es zur 
Knochennekrose, so stößt sich der Knochen meist von selbst 
*os der Wunde ab, und nur, wenn wir aus irgendeinem 
runde gezwungen sind, im Bereiche des Gelenks eine 


neuerliche Incision auszuführen, halte ich es für indiziert, 
lose, nekrotische Knochenteile dabei zu entfernen. 

Natürlich ist es uns nicht möglich, auf diese Weise 
alle Extremitäten zu erhalten, gelegentlich müssen wir zur 
Amputation schreiten. Sie ist glücklicherweise selten nötig. 
JJnter ungefähr 50 schweren, eiternden Gelenkschüssen 
dieses Kriegs, die ich entweder an meiner Klinik zu be¬ 
handeln oder als Konsiliarchirurg in den hiesigen Reserve¬ 
spitälern zu begutachten hatte, hat nur ein einziger zur 
Amputation Veranlassung gegeben, ohne daß dadurch der 
letale Ausgang aufzuhalten gewesen wäre. 

Es ist nur zu begreiflich, daß wir uns nicht leicht zu 
verstümmelnden Operationen bei Gelenkeiterungen ent¬ 
schließen werden. Anderseits liegt gerade in dieser Hem¬ 
mung eine besondere ärztliche Verantwortung bei der Indi¬ 
kationsstellung. In der Tat ist die Frage, wie lange 
dürfen wir zuwarten, wann müssen wir amputieren, 
am schwierigsten zu beantworten, lückenlos läßt sie 
sich überhaupt nicht beantworten. 

Daß bei rasch über das Gelenk, trotz dessen zweck¬ 
mäßiger Incision, hinaus fortschreitender Phlegmone und 
unaufhaltsamer Drüseninfektion, hohem Fieber, etwa gar 
Schüttelfrösten und anderweitigen Erscheinungen eines sep¬ 
tischen Zustandes die Amputation auszuführen ist, wird nicht 
viel Ueberlegung bedürfen, denn es ist in einem solchen 
Falle klar, daß es uns nicht gelang, den lokalen Herd zu 
beherrschen, der weiter sein giftiges Material an die Um¬ 
gebung abgibt, das Drüsenfilter überschwemmt und schlie߬ 
lich die Keime ins Blut gelangen lassen wird. Dem können 
wir durch radikale Entfernung des Primärherds um diese 
Zeit gewöhnlich noch Vorbeugen, sodaß alle andern Inter¬ 
essen zu schweigen haben und die Amputation aus vitaler 
Indikation auszuführen sein wird. 

Diese Fälle sind aber nach meiner Erfahrung selten. 
Viel häufiger ist ein anderer Typus, den ich Ihnen schildern 
will. Nach der richtig ausgefübrten Incision sinkt das 
Fieber nicht oder nur wenig, nimmt seinen septischen Ver¬ 
lauf weiter, ohne daß es zu einer Lymphangitis oder 
Lymphadenitis kommt. Senkungsabscesse treten nicht auf, 
die Gelenkeiterung nimmt ab. Läßt man sich zu einer 
vollkommenen Aufklappung verleiten, so ist man über den 
guten Zustand des Gelenks erstaunt. Man findet keine Re¬ 
tention, oft genug ganz gesunde Granulationen. Dabei handelt 
es sich doch um einen allgemein-septischen Zustand dieser 
Kranken, die meistens schon sehr anämisch in unsere Be¬ 
handlung gekommen sind. Kann man in diesen Fällen den 
letalen Ausgang durch Amputation aufhalten? Die Frage 
läßt sich natürlich nur für die Zeit stellen, in welcher die 
Kranken in unsere Behandlung kommen. Wenn wir den 
lokalen Herd wirklich in einwandfreier Weise beherrschen 
konnten und daher die Annahme berechtigt ist, daß von 
ihm aus eine weitere Infektion des Organismus nicht zu 
befürchten ist, dann, glaube ich, ist auch von einer Ampu¬ 
tation nichts zu hoffen, und der oben angeführte einzige 
Fall, der amputiert wurde und trotzdem gestorben ist, be¬ 
kräftigt in mir diese Auffassung. Die Obduktion ergab das 
Bild einer schwersten allgemeinen Sepsis. Als Septhämie 
sind eben offenbar diese Fälle aufzufassen. So fraglos es 
ist, daß von diesen ein Prozentsatz durch früheste Ampu¬ 
tation unmittelbar hinter der Feuerlinie gerettet werden 
kann, eine rein theoretische Ueberlegung, weil man zu 
dieser Zeit die Schwere des Falles noch gar nicht beurteilen 
kann, so wenig wird eine späte Amputation Erfolg ver¬ 
sprechen. Ergibt die Blutuntersuchung etwa obendrein eine 
ausgesprochene Bakteriämie, dann scheint mir die Ampu¬ 
tation, wohlgemerkt, wenn wir sicher sind, daß die Gelenk¬ 
eiterung lokal beherrscht ist, aussichtslos zu sein. Besteht 
der geringste Zweifel darüber, ob vom Gelenke selbst aus 
noch immer neues septisches Material dem Blute zugeffihrt 
werden kann, dann ist natürlich die Amputation zu ver- 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7 


geliefert wurden. Der erste Fall, den ich besprechen will, 
kam in einem dicken, vollkommen durchtränkten Brust¬ 
rumpfverband in Innsbruck an und wurde mir ob des 
aashaften Geruchs, den er verbreitete, vom Arzte des 
Malteserzuges mit dem Bemerken übergeben, daß es sich 
offenbar um eine Kotfistel handeln müsse! 

1. J. B., 34 Jahre alt, verwundet am 9. September 1914, langte 
am 21. September in Innsbruck ein. Verheilter Einschuß an der vorderen 
Deltoideusgrenze am linken Oberarme, Zertrümmerung des Humeruskopfs, 
kronenstückgroßer, jauchender Ausschuß am medialen Scapularrand in 
der Höhe des fünften Brustwirbels. Von hier gelangt ein Drain in etwa 
20 cm Tiefe bis an das 

Schultergelenk heran, viel- r- —--- 

leicht in dasselbe hinein. Da [ 
daraufhin die Temperatur auf , 

38 sinkt und sich in dieser | 

Höhe hält, wird zunächst 
unter absoluter Ruhigstellung 
des Gelenks zugewartet. 

Wegen eines Temperatur¬ 
anstiegs bis 39 wird am 
23. September nochmals 
genau Nachschau gehalten, 
und da die Schwellung des 
Schultergelenks trotz reich¬ 
lichster Sekretion nach rück¬ 
wärts beträchtlich zuge- 
nommen hat, wird das 
Schultergelenk vorn punk¬ 
tiert, wobei eine größere 
Menge eitriger Flüssigkeit 
entleert wird. Da hierauf 


suchen. In allen andern Fällen haben wir die Bekämpfung 
des septischen Zustandes in erster Linie im Auge zu be¬ 
halten und werden uns hüten, einem so schwer geschädigten 
Organismus noch einen größeren Eingriff zuzumuten. 

Durchaus nicht alle Fälle des geschilderten 
ganz schweren Verlaufs gehen zugrunde, ein großer 
Prozentsatz wird dank der Jugend und der sonst 
kräftigen Konstitution mit dem Prozesse fertig. 
Ich halte zur Unterstützung des Organismus im Kampfe 
gegen das eingedrungene Gift die systematische Anwendung 
von Elektrargol subcutan oder auch intravenös für ein sehr 
geeignetes Mittel. Trotz aller Skepsis, die bei der Verwen¬ 
dung aller derartigen Mittel am Platz ist, kann ich mich 
nach meiner Erfahrung doch des Eindrucks nicht erwehren, 
daß das Elektrargol mehr leistet, als daß es bloß das Fieber 
herabsetzt, welche Eigenschaft ihm ja ganz bestimmt zu¬ 
kommt. Neben dem Elektrargol gebe ich innerlich Chinin, 
ob erfolgreich, lasse ich dahingestellt, Schaden habe ich 
jedenfalls nie davon gesehen. 

Ich möchte Ihnen aus der großen Zahl der zur Beob¬ 
achtung gekommenen Fälle natürlich nur einige Repräsen¬ 
tanten vorstellen, die Ihnen zeigen sollen, was wir bei Ein¬ 
haltung der bisher im allgemeinen skizzierten Grundsätze 
erreichen können. Zunächst einmal einige Kniegelenkschüsse 
mit schwerer Gelenkeiterung. 

1. A. R., 23 Jahre alt, Schuß in das linke Knie, Steckschuß. Der 
chirurgischen Klinik in infiziertem Zustand überstellt am 21. November 
1914. Schrapnellsteckschuß mit Fraktur der Kniescheibe. Pyarthros. Am 
23. November lncision des Gelenks beiderseits oberhalb der Patella, 
gleichzeitige Entfernung des Projektils von dem verjauchten Einschuß 
aus, wobei sich in sehr großer Menge Eiter entleert, dessen bakterio¬ 
logische Untersuchung Staphylokokken feststellt. Wegen Temperatur- 
Steigerungen bis 39° am 3. Oktober lncision in der Kniekehle, woselbst 
ein Senkungsabsceß naebgewiesen wurde. Am 2. November sind die 
Wunden per granulationem geheilt, Patient konnte mit etwas beweg¬ 
lichem Kniegelenk am 9. Dezember die Klinik verlassen. Er kann sehr 
gut sein Bein gebrauchen (Abb. 1). 

2. J. B., 23 Jahre 'alt, vereiterter Durchschuß durch das linke 
Kniegelenk, mit Stückfraktur oberhalb der Femurcondylen. Schwerer 

^ Pyarthros. Hierbei genügte es zu- 

I nächst, durch die Schußöffnungen, 

welche rechts und links von der 
Patella lagen. Drains einzuführen. 


Abb. 1 . ADD. i. 

worauf das Fieber infolge Entleerung reichlicher Mengen Eiters prompt 
sank Diese Prozedur wurde am 1. Oktober vorgenommen, und da Patient 
sich rasch erholte, konnten wir schon am 4. Oktober zur Anlegung 
einer Extension wegen der Fraktur schreiten. \ erlauf in der Folgezeit 
schwankend doch stets mit der Tendenz zu Besserung. Am 5. Dezember 
mußte wegen Temperatursteigerung im Aetherrausche Nachschau gehalten 
werden wobei es sich zeigte, daß der Eiterabfluß aus der medialen 
Wunde’ungenügend war, weil sich nekrotische Knochensplitter vorgelegt 
hatten Nach Entfernung derselben konnte wieder ausgiebig drainiert 
urorüpn Am 21. Dezember mußte noch ein Senkungsabsceß gespalten 
werden’, von da ab ungestörter Heilungsverlauf (Abb. 2). 

Weiter zeige ich Ihnen zwei schwere Verletzungen 
rips Schultergelenks, die in direkt verjauchtem Zustand ein- 


Qrigircal from 

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14. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


183 


6. G„ 27 Jahre alt, kam mit einem stark eiternden Durchschüsse 
durch das linke Ellbogengelenk am 16. September 1914 abends in die 
chirurgische Klinik. Bei einer Temperatur von 39 bestanden enorme 
Schmerzen des stumpfwinklig gehaltenen Gelenks bei erysipelatöser 
Rötung der Haut weit Ober den Gelenkbereich hinaus. Hier bestand 
Indikation tum sofortigen Eingriffe, da der Patient schon tagelang in 
Innsbruck war und wegen Verschlechterung Beines Zustandes aus einem 
Reaervespilal der Klinik fiberwiesen worden war. Durch zwei seitliche 
Incisionen wurde das Gelenk eröffnet, wobei sich der Eiter im Strom 
entleerte. Drainage. Im Verlauf einer Woche fiel das Fieber lytisch 
ib, und damit gingen auch die Schwellungen der Acbseldrfisen, die vor 
der Operation bestanden hatten, völlig zurück. Es trat völlige Heilung 
ein. Mifiige Bewegung im Gelenke bereits ausführbar, Finger und Hand¬ 
gelenk vollkommen frei, als Patient Anfang Januar 1915 auf Urlaub 
geht. Ein am 4. November 1914 

angenommenes Röntgenbild zeigt r ■ — —- 

einen gut erhaltenen Gelenkspalt | 

Abb.5). 




Mb 5. 


Der schwerste Fall, den ich zu behandeln Gelegenheit 
hatte, betraf einen Schuß in die Hüfte. 


J. M. 30 Jahre alt, hatte einen Steckschuß erhalten, Einschuß iu 
der Mitte des linken Poupartschen Bandes. Es war ihm bald nach der 
Verletzung wegen unerträglicher Schmerzen in der linken Hüfte ein 
Gipsveib&nd angelegt worden, der aber wegen profuser Eiterung sehr 
bild wieder abgenommen werden maßte. Der Patient fieberte durch 
Wochen zwischen 39 und 40, wobei dem Temperaturanstieg wiederholt 
ein Schüttelfrost voraufging. Der Puls wurde klein und jagend, der 
Appetit versagte, die Zunge wurde trocken. Leiseste Bewegungen riefen 
entsetzliche Schmerzen hervor, sodaß Patient schließlich einen tief¬ 
greifenden Decubitus davongetragen hatte. Ein dnreh den Einschuß an 
der Hüftsch&ufel vorbei etwa 15 cm tief eingeführtes Drain hatte die 
Eiterentleerung gewiß nicht genügend besorgt, denn bei dem bloßen Ver¬ 
lache, den Patienten etwas zur Seite zu drehen, entleerte sich Eiter 
buchstäblich im Strom. In diesem Zustande kam der Patient an 
meine Klinik. 

Ein Röntgenbild zeigte die deformierte russische Kugel im Bereiche 
der hinteren Umrandung des Hüftgelenks, letzteres selbst imponierte auf 
den ersten Blick wie ein Röntgenbild bei Coxitis mit Pfannenwanderung. 
uenaueres Zusehen ließ aber in einwandfreier Weise sicherstellen, daß 
wer nicht die Pfanne gewandert war, sondern daß eine von oben her 
erfolgte Absumption des Femnrkopfs vorlag. Mithin eine schwere Eite- 
JJJJ» die zur Einschmelzung im Bereiche der knöchernen Anteile des 
üflftgelenki geführt hatte. Die enorme Eiterung aus dem Einschüsse 
«gte sofort auch den Gedanken nahe, daß bereits im kleinen Becken ein 
polier Absceß vorhanden sein müsse (Abb. 6). 

Bei dem schwer septischen Zustande des Patienten konnte ein 
tDgnff nur als letzter Versuch, das schwindende Leben zu erhalten, auf- 
gefaßt werden. 


.. Operation am 30. Oktober. Eröffnung des Hüftgelenks durch den 
7 . r ® n ° e s®ktionsschnitt, wobei sich enorme Mengen Eiter entleeren, 
»neben der Muskulatur ebenfalls vielfach abgesackte Eiterherde, die 
i® r öffnet werden. Kugel liegt in einem dieser Abscesse und kann 
entfernt werden. Die Pfanne erweist sich ebenfalls durch 
j r*™ a>u riert, wodurch sich der große intrapelvine Absceß erklärt, 
..l- j Ecision längs des Poupartschen Bandes unter Ab- 
11 ^ ^ e8 Peritoneums eröffnet und drainiert wird, 
tin* um!? Tagen geht die Temperatur zurück, wir können 

t. 11 ♦ ^ x ^ Q rion anlegen. Von Mitte Dezember ab völlig normale 
PuiJntlr* 1 m B ez eichnetes Befinden. Anfangs Januar 1915 macht 
aiit u er8 ^ n ' erfolgreichen Gehversuche. Eude Januar geht Patient 
W.ten Wunden Behr gut umher. 


Ich glaube, die Ihnen vorgeführten Fälle beweisen, daß 
man selbst in sehr verzweifelten Fällen noch voll befriedi¬ 
gende Resultate erzielen kann. Freilich geben diese Kranken 
viele Mühe und Arbeit, fast jeder Verbandwechsel erfordert 
eine Vorbereitung wie zu einer Operation. Vielen könnte 
ein schmerzvolles und lebensgefährliches Krankenlager er¬ 
spart bleiben, wenn sie von vornherein eine richtige erste 
Versorgung und zweckentsprechende Weiterbehandlung ihrer 
Wunden gefunden hätten! 

Bezüglich der eiternden Knochenschüsse kann ich mich 
kürzer fassen, zumal vieles von dem für die Gelenk¬ 
verletzungen Gesagten auch hier volle Gültigkeit hat. Das 
gilt gleich für die erste Wundversorgung, die da wie dort 
in steriler Deckung der Wunde und entsprechender Fixation 
der Fraktur bestehen soll. Dadurch wird in den meisten 
Fällen eine Infektion von vornherein zu verhindern sein. 
Tritt sie dennoch ein, so ist sie ebenso zu behandeln wie 
die Infektion des Gelenkschusses. Gerade bei den mit Frak¬ 
turen komplizierten Knochenschüssen trifft man immer wieder 
Wissensdurstige, die mit der Sonde abgestorbene Knochen¬ 
slücke suchen und auf diese Weise, statt dem Patienten einen 
Dienst zu erweisen, schaden! Wenn ein Knochenschuß stark 
eitert, so haben wir auch nichts anderes zu tun, als ent¬ 
sprechende, meist kleine Incisionen auszuführen, um dem 
Eiter Abfluß zu verschaffen. Nekrotischer Knochen stößt 
sich von selbst ab, und wenn sich eine Osteomyelitis einmal 
entwickelt, so müssen wir ja doch auf die Ausbildung der 
Totenlade warten, ehe der Sequester entfernt werden kann. 
Entsprechende Schienung der Fraktur und Ruhe! 
sind die Faktoren, mit welchen wir ausschließlich 
zu arbeiten haben. Wir können damit selbst in Fällen, 
bei welchen das den Knochen treffende Geschoß geradezu 
eine Explosivwirkung entfaltet hat, noch ausgezeichnete 
Heilung erzielen. Es sind das die Fälle, bei welchen der 
Knochen so zersplittert ist, daß er ira Röntgenbilde fast 
den Eindruck hervorruft, wie wenn man eine Schachtel 
mit Zündhölzchen ausschüttet, wobei letztere ganz wahl¬ 
los durcheinander fallen. Trotz der damit meist ver¬ 
bundenen großen äußeren Wunden hat man sich um 
diese Knochensplitter gar nicht zu kümmern, sondern den 
Fall nach den üblichen Grundsätzen der Frakturbehandlung 
zu versorgen. 

Durch die Kontrolle im Röntgenbilde kann man dann 
zumeist feststellen, wie sich diese vielen Knochensplitter 
wieder zurechtfinden und sich gruppieren, sodaß der Knochen 
an solchen Stellen oft nach erfolgter Heilung einen beson¬ 
deren Grad an Festigkeit und Stärke aufweist. 

Bei der Behandlung der eiternden und nichteiternden 
Schußfrakturen an der oberen Extremität machen wir aus¬ 
giebig Gebrauch von dem Middeldorpfschen Triangel in 
der sehr zweckmäßigen Modifikation nach v. Hacker, 
können wärmstens die Kram ersehen Drahtschienen emp¬ 
fehlen, sind auch mit der Extension nach Borchgrevink, 
die wir entweder in Originalform oder in der von meinem 
Assistenten v. Saar vereinfachten Weise angewendet haben, 
recht zufrieden gewesen. Für sehr viele Frakturen, nament¬ 
lich für die stark eiternden eignet sich, da sie oft verbunden 
werden müssen, die meines Erachtens nach noch immer 
viel zu wenig angewendete Gipshanfschiene, welche den 
Vorteil hat, daß sie der verletzten Extremität anmodelliert 
wurde, sodaß die Extremität jedesmal, wenn man die 
Schiene neu anlegt, wieder in die Stellung gezwungen wird, 
welche man ihr primär gegeben hat. Zudem kann man 
gerade das für diese Schienen nötige Material so leicht vor¬ 
rätig halten: Gips, Hanf und einen Trikotstrumpf! Für 
Vorderarmbrüche eignet sich die Extension nach Borch¬ 
grevink in vorzüglicher Weise. 

An der unteren Extremität verwenden wir mit bestem 
Erfolge die Extension des schwebenden Beins in Semi- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


flexion 1 ). Also Suspension und Semiflexion in der von Flor¬ 
schütz angegebenen Weise, welche am besten dem von Zup- 
pinger mit soviel Fleiß und Erfolg ausgearbeiteten Prinzip 
der Extensionsbehandlung gerecht wird. Die Extension in 
Semiflexion und Suspension hat den ganz besondern 
Vorteil, daß sie kein Extensionsbett erfordert, also 
wirklich mit ganz einfachen Mitteln in jedem Bett 
ausgeführt werden kann. Im Gegensatz zu andern habe 
ich auch starke seitliche Verschiebungen der Fragmente 
mit dieser einfachen Extensionsmethode bekämpfen können. 

Ist die richtige Stellung einmal erzielt, so wird die 
Extension in üblicher Weise durch den Gipsverband ersetzt. 
Vorsicht ist dabei bloß in den Fällen der oben angezogenen 
Splitterfrakturen notwendig. Hierbei kann sich die Ex¬ 
tremität, wenn noch keine genügende Callusbildung vor¬ 
handen ist — im Röntgenbilde sind darüber Täuschungen 
möglich — immer noch verkürzen. Ich rate daher, in diesen 
Fällen die Extension für 24 Stunden auszuhängen und sich 
dann mit dem Meßbande zu überzeugen, ob der mit der 
Extension erzielte Erfolg beibehalten wurde. Hat sich nach 
24 Stunden wieder eine Verkürzung eingestellt, so muß 
eben die Extension nochmals angewendet werden. Manch¬ 
mal genügt aber um diese Zeit schon die Extension im 
Gipsgehverbande. 

Ich möchte Ihnen zum Schlüsse noch ganz kurz einige 
Beispiele von infizierten Frakturen zeigen, damit Sie an der 
Hand konkreter Beispiele ermessen können, wieweit der an 
meiner Klinik eingehaltene Behandlungsgang zu befriedigen¬ 
den Resultaten führt. 

Zunächst zwei Frakturen im Bereiche des Humerusschafts. 


| holt gewechselt werden mnß. Nicht ein Knochensplitter stößt Bich ab, 
wiewohl die Drains bis auf die Frakturstelie reichen und fast sechs 
Wochen liegen gelassen werden müssen. Am 24. November ist voll- 
kommene knöcherne Heilung in guter Stellung eingetreten, die Beweg* 
lichkeit in allen Gelenken frei. Das nach der Frakturheilung an¬ 
genommene Röntgenbild zeigt reichlich Callas, der die einzelnen Stöcke 
der Fraktur gut verkittet bat (Abb. 7). 

2. A. H , 33 Jahre alt, ebenfalls Russe, am 27. August verwundet. 
Durchschuß durch die Mitte des rechten Oberarms, mit Fraktur an der 
Stelle des Durchschusses. Patient kommt schwer fiebernd, im Zustande 
der akuten, sehr ausgedehnten Oberarmphlegmone am 16. September an 
meine Klinik. Septischer Allgemeinzustand. Es müssen sofort mehrere 
kleine Incisionen ausgefflbrt werden, worauf das Fieber absinkt. Triangel- 
| verband. Patient bleibt bis zum 28. September afebril, an welchem Tag 
I ein Temperaturanstieg bis 39° einsetzt. Dabei außerordentlich starke Se¬ 
kretion aus den Incisionswunden und dem Schußkanal. Es entwickelt 
Bich im Verlauf einiger Tage eine sehr ausgedehnte Phlegmone am 
Rücken über der Scapula der kranken Seite, welche am 2. Oktober da¬ 
selbst eine ausgiebige Incision notwendig macht. Von da ab afebriler 
Verlauf. Der TriaDgelverband kann alsbald durch eine Extension nach 
Borchgrevink ersetzt werden. Ein am 2. Dezember aufgenommenes 
Röntgenbild zeigt die vorzügliche Stellung und durch gute Callusmassen 
vereinigte Fraktur. Alle Gelenkbewegungen frei. Auch bei diesem Falle 
hatten wir trotz der besonders intensiven Eiterung nichts am Knochen 
vorzunehmen, der eiterumspülte Knochen heilte glatt (Abb. 8). 

Einen sehr bösen Bruch, Schußfraktur mit ausgedehnter 
Splitterung, zeige ich Ihnen bei einem Oberleutnant. Die 
Fraktur betrifft das untere Humerusende, knapp oberhalb 
des Ellbogengelenks. Der Patient kam mit einem in Bielitz 
sehr gut angelegten Gipsverband in meine Behandlung, die 
Wunde eiterte noch stark. Da der Patient bereits längere 
Zeit afebril war, konnte ich gleich mit vorsichtigen Be¬ 
wegungen beginnen lassen, die gerade bei einer Fraktur an 
dieser Stelle von größter Bedeutung sind. Heute kann der 
Patient, der kaum einen Finger bewegen konnte als er in 



Abb. 7. Abb. 8. Abb. 9. 


1. A. K., 34 Jahre alt, hat einen Schuß in den linken Oberarm 
am 15. August 1914 erhalten. Wurde als kriegsgefangener Russe nach 
Innsbruck transportiert, kam an meine Klinik in schwer fieberhaftem Zu¬ 
stand am 9. September. Sehr stark eiternder Durchschuß durch die 
Mitte des Armes mit Fraktur, die winklig geknickt steht. Draicage 
durch den Schußkanal, worauf die Schwellung und das Fieber zurück¬ 
gehen. Triangelverband, der wegen der enorm starkon Eiterung wieder- 

») In dieser Auffassung werde ich auch durch einen während der 
Drucklegung dieser Arbeit erschienenen Aufsatz aus der v. Eiselb erg- 
schen Klinik bekräftigt, in dem Suchane k (W. kl. W. 1915, Nr. 2) die Be¬ 
handlung der Schußfrakturen des Oberschenkels abhandelt. Dieser Auf¬ 
satz verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil er in durchaus 
sachgemäßer Weise den Ausführungen Werndorffs und Hass (W. kl. W. 
1914, Nr. 47 und 49), welche bei den Schußfrakturen des Oberschenkels 
gewaltsame Reposition und Gipsverband fordern, entgegentritt. Ich ver¬ 
urteile ein solches Vorgehen, das wenig gründliche Erfahrung verrät, 
aus denselben Grüuden wie Suchanek. 


meine Klinik kam, Finger und Handgelenk vollständig in 
normalem Umfange gebrauchen, den Ellbogen in ganzem Um¬ 
fange strecken, und bis Uber 45 Grad beugen. Pro- und Su¬ 
pination sind frei. Wenn Sie damit das nach beendeter Behand¬ 
lung aufgenommene Röntgenbild vergleichen, das Ihnen noch 
immer genügend zeigt, welche Zertrümmerung Vorgelegen 
hat, so müssen Sie das Resultat als ausgezeichnet bezeichnen. 
Der oberhalb des Ellbogengelenks auf der Beugeseite des 
Oberarms vorspringende Knochenzacken dürfte auch für die 
weitere Zunahme der Keugefäbigkeit des Ellbogens kein 
Hindernis abgeben, weil er relativ hoch liegt. Sollte er 
aber, was möglich ist, bei der Beugung Schmerzen auslösen, 
so kann er noch immer sekundär in höchst einfacher Weise 
durch einen Meißelsclilag abgetragen werden. Lange /eit 


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14. Februar. 


1915 - MEHTZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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befürchteten wir bei diesem Kranken das Auftreten einer 
Myositis ossificans, da anfänglich die Schwellung eine sehl- 
ausgedehnte und knochenharte war Da es sich um einen 
Splitterbmch gehandelt hatte, lag ja die Gefahr einer Myos¬ 
itis ossificans sehr nahe. Unter konsequenter Anwendung 
von Heißluft ist alles zurückgegangen und konnten wir ein 
so gut bewegliches Gelenk erzielen. (Abb. 9.) 

Nun zum Schlüsse noch zwei Fälle von Oberschenkel¬ 
schuß mit Zertrümmerungsfraktur, beide im oberen Drittel, 
die Ihnen zeigen sollen, wieviel wir mit der Extension in 
Suspension und Semiflexion selbst dann noch erreichen, 
wenn die Fälle spät in unsere Behandlung kommen und die 
Verkürzung eine hochgradige ist. Beide Fälle lagen schon 
über eine Woche in Gips in ganz schlechter Stellung, der 
eine hatte eine Verkürzung des Beins um 12'/ 2 , der andere 


bilde sichtbarer Gallus noch durchaus die Festigkeit nicht zu 
besitzen braucht, die man ihm nach dem Knochenschatten 
zuschreiben würde. 

Auch in diesem Falle zeigte sich sehr schön, wie unter 
dem Einflüsse einer guten Extension die ursprünglich ganz 
regellos in den Weichteilen gelagerten Knochensplitter und 
Knochentrümmer sich so anordnen, daß sie den durch die 
Fraktur gesetzten Defekt ausgleichen. (Abb. 12) bei der 
Einlieferung, (Abb. 13) nach der Extension. 

Daß wir sowohl hei Gelenk- als Knochenschüssen das 
Projektil, falls es sich um einen Steckschuß handelt, nur 
dann entfernen, falls es direkt unter der Haut liegt oder 
aber durch seinen Sitz Störungen hervorrufen muß, deckt 
sich mit der heute wohl allgemein üblichen Auffassung über 
Fremdkörpcrentfernung überhaupt. 



Abb. 10. Abb. 11. Abb. 12 f 


eine solche von 7 1 /, cm. Die vor dem Anlegen der Ex¬ 
tension aufgenommenen Röntgenogramme zeigen Ihnen so 
recht das Bild einer Explosionswirkung des Geschosses. Die 
Fülle, einen Hauptmann und einen Major betreffend, sind im 
übrigen ganz gleich. Beim Hauptmanne war der rechte Ober¬ 
schenkel im oberen Drittel durchschossen, es findet sich an 
der Frakturstelle ein Gemisch von Projektil- und Knochen- 
fragraenten. Er hatte die Verkürzung von 12*/, ein, die 
abnorme Beweglichkeit an der Frakturstelle war so hoch- 
sradig, wie wenn ein Stück des Knochens überhaupt fehlte. 
In einer Extension, die neun Wochen liegen gelassen werden 
mußte, kam es schließlich zur Heilung. Bis dahin trat, so 
uft wir den Versuch unternahmen, die Extension bis zu 
24Stunden auszuschalten, immer wieder zunehmende Ver¬ 
kürzung ein. Wir haben die Verkürzung von 12 1 /* bis auf 
2'tcm ausgeglichen, was in diesem Falle besonders viel 
heißen will, als wir in den ersten drei Wochen nur ganz wenig 
belasten konnten, da außerordentlich heftige Neuralgien in 
den Beinnerven bestanden haben. Das nach neun Wochen 
wfeenommene Rüntgenbild zeigt Ihnen, wie sich unter dem 
Einflüsse der Extension die Knochensplitter, wenn ich so 
^en darf, zurecht gefunden haben, wie sie sich richtig an- 
ordneten, um den Defekt auszugleichen. (Abb. 10) zu Beginn 
der Extension, (Abb. 11) nach der Extension. 

Beim Major hatten wir bereits nacli sieben Wochen 
mne sehr schöne Callusbildung, die Verkürzung von primär 
cm war bis auf 1cm ausgeglichen. Da sich trotzdem 
bei Weglassen der Extension im Verlaufe von 24 Stunden 
we Verkürzung auf 3cm ausdehnte, so haben wir neuer¬ 
dings extendiert. Der Fall beweist, daß ein im Röntgen- 


Fasse ich das Gesagte nochmals zusammen | so kann 
ich folgende Sätze formulieren: 

1. Jeder Knochen- und Gelenkschuß ist primär einfach 
mit einem sterilen Deckverbande zu versehen und die be¬ 
treffende Extremität ist durch zweckmäßige Schienung ruhig 
zu stellen. 

2. Bei infizierten Schüssen 
der Knochen und Gelenke ist 
durch mehrfache, aber kleine 
Incisionen für guten Abfluß 
des Eiters zu sorgen, bei der 
Drainage sind Gazestreifen zu 
vermeiden und ausschließlich 
Gummidrains anzuwenden. 

3. Als Spülflüssigkeiten 
bei dickem Sekret eignen sich 
Wasserstoffsuperoxyd und For¬ 
malin, letzteres in 1- bis 4°/ 0 iger 
Lösung. 

4. Gleichzeitige Knochen¬ 
verletzungen sind zunächst ein 
noli me tangere! Jede Sondie¬ 
rung ist zu unterlassen, weil 
sie nur schaden kann! Eine 
Kontrolle darf ausschließlich 
durch das Röntgenverfahren geübt werden. 

o. Boi Brüchen mit starker Verschiebung ist die Ex¬ 
tension das beste Verfahren, welche an der untern Extre¬ 
mität als Extension in Semiflexion und Suspension angelegt 
werden soll. 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


6. Au! die Entwicklung sekundärer Senkungsabscesse, 
die sich durch Fieber und Schmerzhaftigkeit ankündigen, 
ist genauestens zu achten, sie sind am tiefsten Punkte zu 
incidieren. 

7. Auf diese Weise erhalten wir viele Extremitäten 
und können die Amputationen auf ein Minimum einschränken. 

8. Gelenkversteifungen sind sekundär zu behandeln. 
Dabei kommen die gewöhnlichen orthopädischen Maßnahmen, 
gelegentlich die Mobilisierung der Gelenke durch Interposi¬ 
tion von Fascie in Betracht. 

9. Es ist selbstverständlich, daß Geschosse nur zu ent¬ 
fernen sind, wenn sie ihrer Lage nach Störungen hervor- 
rufen. 


Lungenschiisse 

von 

Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, Bonn a. Rh. 

Ueber das klinische Krankheitsbild nach Lungenschuß 
findet sich in der Literatur noch wenig. Die Erfahrungen, 
die ich während meiner Tätigkeit als Stationsarzt eines 
Reservelazaretts sammeln konnte, mögen dazu beitragen, 
die Symptomatologie zu beschreiben. 

Die Verwundeten gaben meist an, sie hätten bei 
der Verwundung das Gefühl plötzlichen Schmerzes gehabt, 
„als wenn sie geworfen worden wären“. Einer sagte, er 
habe die Empfindung gehabt, „als wenn er das Geschoß 
umarmt hätte“. Fast alle fühlten sich schwer verwundet. 
Einige konnten noch ein paar Schritte nach ihrer Verletzung 
gehen, wurden dann aber schlapp und empfanden plötzlich 
Luftmangel. Etwa ein Viertel der Leute wurde ohnmächtig. 
Es kam also recht oft zum Shock. 

Drei Viertel der Verletzten klagten noch nach mehreren 
Tagen über Kurzatmigkeit; nur wenige litten unter Brust¬ 
beklemmung. Die meisten ermüdeten seitdem schneller und 
bekamen leichter Herzklopfen. Bei einem Viertel der 
Kranken war eine vorher nicht vorhandene Neigung zu 
Nasenbluten aufgetreten, von dem ja bekannt ist, daß es 
nach Lungenvenenkompression sich einzustellen pflegt, bei 
einigen wenigen starkes Schwitzen. 

Die Schmerzen, die einige Zeit nach der Verwundung bei 
den meisten noch vorhanden waren, mußten auf die Schu߬ 
wunden bezogen werden. Sehr selten strahlten die Schmerzen 
nach der Schulter der 
betroffenen Seite hin 
aus. Schmerzen ent¬ 
standen besonders beim 
Ucberbiegen des Ober¬ 
körpers nach der ge¬ 
sunden Seite. Das ist 
auf die Zerrung der 
Gewebe an der Stelle 
der Verletzung, even¬ 
tuell auch, bei den 
Steckschüssen, auf den 
Druck des Geschosses 
gegen die Pleura zu¬ 
rückzuführen. Nur in 
einem Falle, bei dem 
kein Zeichen einer Re¬ 
aktion der getroffenen 
Gewebe vorhanden war, 
fehlte der Biegungs¬ 
schmerz. 

Die Kranken schonten natürlich die Stelle der Ver¬ 
wundung. Sie schliefen deshalb bei seitlicher Verwundung 
nicht auf der betreffenden Seite. Die meisten legten sich 
auf den Rücken. Hinderte ein Erguß die Entfaltung der 
einen Lunge, so schliefen die Verwundeten auf dieser Seite, 
um die gesunde für die Ventilation ausreichend zur Ver¬ 


fügung zu haben, so wie das ja auch sonst bei Ergüssen 
der Fall ist. 

In fast der Hälfte der Fälle standen Schlüsselbein 
und Schulterblatt auf der Seite der Verwundung tiefer. 
Das betreffende Akromion wies bei mäßig tiefem Atmen 
eine Verminderung seiner Beweglichkeit auf. Die verwun¬ 
dete Seite schleppte bei der Atmung nach, ja in den meisten 
Fällen war die Atembewegung in der Umgebung der Ver¬ 
letzung aufgehoben. Es handelte sich hier um Fälle, bei 
denen die Wunde schmerzte oder ein Erguß vorhanden 
war. Hier war die Betastung der entsprechenden Inter- 
costalräume schmerzhaft. Rigidität der Thoraxmuskeln, die 
doch hätte erwartet werden können, fand sich nur sehr 
selten, und zwar nur dort, wo ein großer entzündlicher Heid 
auf der betreffenden Seite vorhanden war, beziehungsweise 
in der Nähe eines Geschosses. Beteiligt waren hauptsäch¬ 
lich der Musculus pectoralis, seltener der trapezius. 

Deutliche linksseitige Bauchdeckenspannung mit bald 
vorübergehenden peritonitischen Reizerscheinungen fand sich 
nur in einem Falle, in dem das Zwerchfell der betreffenden 
Seite entzündlich mitbeteiligt war. Die Kugel saß im linken 
Unterlappen. 

Sowohl bei Durchschüssen wie bei Steckschüssen war 
in der Hälfte der Fälle eine ziemlich starke Hämoptyse 
aufgetreten. Meist wurde sofort Blut ausgespuckt, selten 
erst nach einer Viertelstunde oder — bei nur sehr spär¬ 
lichem Blutgehalte des Auswurfs — einige Stunden später. 
Nur da, wo eine sehr geringe Verletzung der Lunge statt¬ 
gefunden hatte, immerhin aber doch zu nachfolgender ge¬ 
ringer pleuritischer Exsudation geführt hatte, fehlte die 
Blutung. 

In einem Falle bestand zwei Monate lang allmählich 
abnehmender und freie Intervalle aufweisender Bluthusten. 

War das Blut aus dem Sputum verschwunden (gewöhnlich 
nach ein bis zehn Tagen), so war noch einige Zeit hindurch 
weißlich-schleimiger Auswurf vorhanden, der leicht heraus¬ 
befördert werden konnte und den Tag über gleichmäßig 
verteilt war. In einem Falle waren im Auswurfe zahlreiche 
Asthmakrystalle und Pigmentzellen vorhanden. Nie jedoch 
war durch die Verwundung Asthma ausgelöst worden. 

Bei drei Viertel der Fälle trat sofort, einmal nach 
31/2 Stunden, einmal erst am fünften Tage nach der Ver¬ 
letzung, Husten auf. Gehustet wurde immer tagsüber, nur 


selten auch nachts. Der Husten war nie so stark, daß er 
mit Erbrechen einherging, aber fast stets mit stechenden 
Schmerzen verbunden. 

Die Atemzahl hielt sich in normalen Grenzen. l m 
Fieber war sie der Temperatur entsprechend vergrößert. 
Herztätigkeit und Puls wiesen keine Besonderheit 



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14. Februar, 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


au/ Der zweite Pulmonalton wurde in keinem Falle ver¬ 
stärkt gefunden. Auch wurde kein Pulmonalisgeräusch ge¬ 
hört. Wo ein großer Erguß bestand, kam es natürlich zu 
Verschiebung des Herzens. 

Stärkere Füllung der Brustvenen (Kompression der 
Thorakalvenen) fand sich bei einem Viertel der Fälle, meist 
auf der kranken Seite, einmal auch bei einem großen 
Pleuraerguß auf der gesunden Seite. In den betreffenden 
Fällen war der Schuß in der Höhe der zweiten Rippe vorn 
durchgegangen. In einem Falle waren die Schläfenvenen 
miterweitert. 

Zu Fieber kam es nur bei Steckschüssen und auch 
hier selten. Die Ursache war teüs eine entzündliche In¬ 
filtration der Lunge in der Nähe des Geschosses mit großem 
Blutergüsse (Kurve 1), teils eine Pleuritis. Es wurde, 
auch bei günstigem Verlaufe, Temperatursteigerung bis zu 
39,7 0 C beobachtet. 

In der Hälfte der Fälle war ein Pleuraerguß in den 
ersten Tagen entstanden, einmal trat eine seröse Pleuritis 
37 Tage nach der Verwundung unter plötzlichem Tempe¬ 
raturanstiege [bis 38,8o C (Kurve 2)], aber mit negativem 

A- P. W. 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 48 44 45 46 47 48 49 60 61 Krank- kakteriolO- 






io I i 1 I i 1-t-i" Mi I FH 

Kurve 2. 

Temperatur, Puls und Atmung bei einem Kranken 
mit seröser Spatpleuritis nach Lungenschuß 
(Steckschuß). 

-- Warme. ----- Puls. 

- AtmuDg. 


to im 40,0 r i n i i i i f i i i i ~ i i i i i i -i Mts- gischen ße- 
| — tag fund auf. 

Nur zweimal 

ai» s9,o _izp— JJ | | j _j—jZjwurde bei den 

irr—Ergüssen 
50 iio 88,0 4- I f| rk ft tf -fllfj .ij d r m~ Schwellung und 
ZZZZZfl: JpPp Schmerzhaft ig- 

keit von Inter- 

40 90 , 0 costaldriisen, 

y'f*P p ~ einmalzwischen 

ao to 36 ,o | 1 I prf ri--)- fünfter und 

Il4rp~ ^ T-i j I sechster Rippe 

~ 4 ! 1 ~~~~- in der mittleren 

20 so 3^ - ‘“ H r — j ' - > | Axillarlinie,ein- 

-^44— PTf ma ^ fünften 

—- 4 T tzrr' Intercostalraum 

10 30 34,1) L-L-L. 1 l I I I I - LlI LT] T I _LJ_J . , 

Kurve 2 . in . de r . Mam ‘ 

Temperat'ir, Puls und Atmung bei einem Kranken millarliniö, ge- 
mlt seröser SP^P^rltis n ß ach Lungenschuß funden. Die Hl- 

-- wiinne. - — - puls. tercostaldrüsen- 

muDg ' Schwellung ging 

nach der Pleuritis zurück. Etwas öfter waren die Achseldrüsen 
auf der Seite derVerletzung geschwollen, gewöhnlich bei lokaler 
Interhautzellgewebsentzündung in der Nähe des noch vor¬ 
handenen Geschosses, aber auch bei fieberlosem Ergüsse. 

Pneumothorax habe ich nicht beobachtet, vielleicht 
weil ich die Verwundeten frühestens am vierten Tage, ge¬ 
wöhnlich später, sah. 

Alle Fälle, die meist nicht so beschwerdefrei waren, 
wie es häufig geschildert wird, heilten bei lediglich kon¬ 
servativer Behandlung. 

Allerdings war die Krankheitsdauer in einem Fall, in 
dem immer wieder pneumonische Prozesse auftraten und 
em großer Bluterguß bestand (siehe Kurve 1), sehr lang¬ 
wierig. Nach drei Monaten war jedoch der Prozeß soweit j 
abgeheilt, daß der Kranke ohne Beschwerden war und auch 
weh Anstrengung nicht mehr fieberte, ln solchen Fällen 
ist anfänglich strengste Bettruhe mit Fixation der betreffen¬ 
den Brustseite indiziert. 

Die Komplikationen, Pleuritis, Husten, Blutung, wurden 
nach den üblichen Regeln behandelt. 

Auch die Fälle mit relativ großen blutigen und serösen 
Ergüssen verliefen bei konservativer Behandlung günstig. 
Komplikationsloser weiterer Verlauf konnte bei Steckschüssen 
in den ersten Tagen nicht bestimmt vorausgesagt werden, 
da fieberhafte Pleuritiden noch spät auftraten. 

^ erjauchte und eitrige Ergüsse habe ich nicht gesehen. 


Aue dem Lazarett des Städtischen Krankenhauses Westend. 

Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre ) 

von 

Prof. Dr. F. Umber. 

M. H.! Gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit für 
einen kurzen Bericht einer Beobachtung in Anspruch zu 
nehmen, die wir in den letzten Tagen an einem jungen 
Rekruten aus dem Elisabethregiment im Krankenhause West¬ 
end machen konnten, eine Beobachtung, die, wie Sie mir 
zugeben werden, unbedingt zur Diagnose Flecktyphus führen 
mußte, bei der aber die Obduktion eine unerwartete Ueber- 
[ raschung brachte. 

Der Rekrut war vier Wochen vor seiner Erkrankung in der 
Schloßkaserne eingestellt. Am 2. Januar 1915 Pockenimpfung, am 8. Ja¬ 
nuar Typhusimpfung, am 15. Januar Choleraimpfung. Am 6. Januar 
zwei Tage revierkrank wegen leichter Influenzaerscheinungen. 

Vom 3. Januar bis 17. Januar die Kaserne nicht verlassen. Am 
17. Januar, Sonntag, Urlaub bis 12 Uhr nachts, aber keinerlei Berührung 
mit Mannschaften, die im Osten gestanden. 

Montag, den 18. Januar, leichtes Krankheitsgefühl, Leibschmerzen. 
In der Nacht von Montag zu Dienstag Nasenbluten. Am Dienstag, den 
19. Januar, vormittags, Teilnahme an der Instruktionsstunde bei schein¬ 
bar gutem Befinden. Unmittelbar danach starkes Krankheitsgefühl, Durch¬ 
fall, Erbrechen. 38,4 o Temperatur. Mittags Schüttelfrost, 41.4° Tem¬ 
peratur, heftigste Gliederschmerzen. Wegen Pneumonie verdacht im 
Krankenhause Westend abends eingeliefert. 

Befund an diesem Abende: Temperatur 40,6o. Sensorium frei, 
schneller, fast unfühlbarer Kollapspuls. Schnupfen, Conjunctivitis, Schwel¬ 
lung von Rachengebilden und Zunge, diffuse Bronchitis, gelbliche Durch¬ 
fälle, in denen Streptokokken nachgewiesen wurden. Einzelne 
Roseolen, ganz vereinzelte kleinste Petechien am Stamme! 

Nacht von Dienstag zu Mittwoch Kollapsneigung, Delirien. 
Mittwoch, den 20. Januar, vormittags, hohe Continua, Benommenheit, 
Apathie, Status typhosus, heftige Schmerzen in Gliedern und Muskeln] 
keine Spur von Nackensteifigkeit, MUzdäinpfung vergrößert, ln der 
Oberbauchgegend einzelne blaßrote, kaum erhabene Roseolen, 
zahlreiche Petechien am Bauche, vor allem am Rücken, den oberen 
und unteren Extremitäten. Die Flecke waren blaurot, bis linsengroß 
zum Teil konfluierend. 

Angesichts dieser klinischen Erscheinungen: plötzlich 
mit Schüttelfrost einsetzende Continua nach eintägigen Pro¬ 
dromalerscheinungen, Pulsbeschleunigung, Status typhosus, 
heftige Glieder- und Muskelschmerzen, katarrhalische Er¬ 
scheinungen der Schleimhäute, Bronchitis, Milzschwellung, 
Roseolen und Petechien in typischer Verbreitung, stellten 
wir die Diagnose auf Flecktyphus, die insofern atypisch 
war, als die Petechien schon am ersten und nicht erst am 
dritten Tage nach dem Schüttelfrost aufgetreten waren. 
Wir glaubten dies jedoch mit der Annahme einer besonders 
foudroyanten Infektion erklären zu müssen: Typhus exanthe- 
maticus siderans. 

Wir verlegten den Kranken in die Isolierbaracke der Infektions¬ 
abteilung (Oberarzt Dr. Schultz), woselbst weiterhin eine negative 
Wi dal sehe Reaktion im Blute festgestellt werden konnte, und das kul¬ 
turell in Blutagarplatten und Gallenkulturen verarbeitete Blut sich als 
keimfrei erwies. Die morphologische Blutuntersuchung ergab: 26 000 
Leukocyten im Kubikmillimeter, im gefärbten Ausstrichpräparat über¬ 
wiegen die polynucleären Leukocyten mit starker Linksverschiebung ira 
Arnethsehen Sinne, zahlreiche Myelocyten, einzelne Plasmazellen; in 
vielen Leukocyten zahlreiche Vacuolen. Keine eosinophilen Leukocyten, 
keine Prowazekschen Einschlüsse. 

Im Katheterharne (200 ccm) 6 0/^ Albumen, zahlreiche hyaline 
und granulierte Cylinder, Epithelien der höheren Harnwege, Erythrocyten 
und Leukocyten. 

Im Laufe des Nachmittags wurden die Petechien noch zahlreicher 
und erreichten zum Teil Pfennigstückgröße. Am linken äußeren Fu߬ 
knöchel eine kleinpQaumengroße Blase mit klarem, sterilem, serösem 
Inhalte. 

Am selben Tage, Mittwoch, den 20. Januar, 7 Uhr abends, 
Exitus. 

Eine Stunde vor dem Tode des Kranken hatte Herr 
Oberstabsarzt Prof. Dr. Hübner, der größere persönliche 
Erfahrung auf dem Gebiete des Flecktyphus besitzt, die 
Freundlichkeit, den Kranken zu untersuchen: Auch er war 

*) Mitgeteilt in der Sitzung der Berliner kriegsärztlichen Abende. 
26. Januar 1915. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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der Meinung, daß an der Diagnose Flecktyphus kein Zweifel 
sein könne, wenn bei dem Kranken irgendwie ein Kontakt 
mit dom östlichen Kriegsschauplätze nachweisbar wäre. 
Dieser Nachweis war freilich auch mittels sorgfältigster Er¬ 
hebungen nicht zu erbringen. Indessen erinnere man sich, 
daß z. B. ein so ausgezeichneter Kliniker wie Trousseau, 
der über eigne Erfahrungen verfügte, in seiner Clinique 
m^dicale vom Jahre 1868 die Uebertragung des Flecktyphus 
durch gesunde Zwischenträger „als unbestreitbare Tatsache“ 
darstellt. Da in der letzten Zeit in Berlin ganz vereinzelte 
Flecktyphuserkrankungen und in größerem Umfang in den 
Gefangenenlagern in der weiteren Umgebung Berlins vor- 
gekommen sind, gehört also eine eventuelle Uebertragung 
durch gesunde Zwischenträger, sofern man überhaupt diesen 
Uebertragungsmodus anerkennen will, nicht zu den Unmög¬ 
lichkeiten. 

Die Obduktion am nächsten Tage, die Herr Kollege 
Benda an Stelle unseres im Felde stehenden Prosektors 
Prof. Löhlein freundlicherweise ausführte, ergab nun das 
überraschende Resultat, daß eine Leptomeningitis purulenta 
der Konvexität sowie seröse Meningitis spinalis vorlag. In dem 
Abstrichpräparat fanden sich gramnegative, zum Teil intra¬ 
cellulär gelegene Meningokokken; Blut, Spinalsaft sowie Milz¬ 
saft erwies sich dagegen völlig steril sowohl in aeroben wie 
anaeroben Kulturen verschiedenster Art (Dr. Langer). So¬ 
mit lag also zweifellos ein sporadischer Fall von Ge¬ 
nickstarre vor. 

Das klinische Bild der Genickstarre ist mir aus meinem 
früheren Hamburg-Altonaer Wirkungskreise wohlbekannt, 
weil ich in meiner damaligen Abteilung des Altonaer Kran¬ 
kenhauses in den Jahren 1906 bis 1908 mehrfach Epidemien 
zu beobachten Gelegenheit hatte. Niemals habe ich aber, 
weder bei Erwachsenen noch bei Kindern, einen derartigen 
Verlauf unter stürmischem initialen Petechialfieber gesehen. 
Und doch ist dies in der Geschichte der Genickstarre nichts 
Unerhörtes. Gottstein hat im Jahre 1905 ausdrücklich 
darauf aufmerksam gemacht 1 ) im Anschluß an eine Mit¬ 
teilung von Rad mann, der bei der oberschlesischen Ge¬ 
nickstarreepidemie vereinzelte Fälle mit initialem roseolären 
— nicht petechialem! — Exanthem beobachtet hatte. Gott¬ 
stein weist bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß die Ge¬ 
nickstarre erst vom Jahre 1805 an als selbständiges klini¬ 
sches Bild in der Literatur auftauchte und bis dahin offen¬ 
bar unter den typhusartigen Petechialfiebern figuriert habe. 
Das kann doch wohl nur darin seinen Grund hauen, daß 
der petechiale Charakter der Erkrankung früher das klini¬ 
sche Bild beherrscht haben muß. Und wenn im vergangenen 
Jahrhundert Eichhorst in seiner Monographie über Genick¬ 
starre das Vorkommen von' Petechialfieber überhaupt nicht 
erwähnt und Strümpell, Leube, Jochmann in ihren 
neueren Schilderungen der Genickstarre das Vorkommen von 
Exanthemen nur ganz flüchtig streifen, so ist dieErklärunghier- 
für doch offenbar die, daß Petechialfieber heute nicht mehr zu 
dem klinischen Bilde der Genickstarre gehört. Nur Knöpfel- 
m ach er räumt den Exanthemen bei der Genickstarre etwas 
breiteren Raum ein. Er zitiert hierbei eine Beobachtung 
von Marcovich aus dem Triester Seuchenspital (1906), in 
welcher ein flecktyphusartiger Verlauf bei einem gleichfalls 
foudroyant und ohne Nackenstarre verlaufenen Falle von 
Genickstarre geschildert wird. In diesem Falle fanden sich 
aber im Gegensatz zu unserm Falle Meningokokken im 
kreisenden Blute, sodaß dort mit Recht von Meningokokken¬ 
sepsis gesprochen wird. 

Angesichts der erhöhten Seuchengefahr, die uns zurzeit 
allerorts droht infolge der zahlreichen Berührungspunkte mit 
dem östlichen Kriegsschauplatz, auf dem. wie mir Herr 
Generalarzt Körting kürzlich sagte, augenblicklich alle nur 


») D. m. W. 1905, Nr. 23. 


vorkommenden Infektionskrankheiten mit Ausnahme der Pest 
vertreten sind, halte ich mich aber für verpflichtet, Ihre 
Aufmerksamkeit auf das Vorkommen eines echten initialen 
Petechialfiebers bei stürmisch verlaufender Genickstarre ohne 
Nackensteifigkeit hinzulenken. 


Die Behandlung von Wunden unter besonderer 
Berücksichtigung von Kriegsverletzungen mit 
künstlichem Licht nnd die hierfür in Betracht 
kommenden Apparate 

(Vorläufiger Bericht) 
von 

San.-Rat Dr. Breiger, Berlin. 

Wunden mit Licht zu behandeln, wurde von den Chirurgen 
bis vor einigen Jahren noch allgemein für ein Unding gehalten, 
darüber auch nur zu diskutieren für ZeitverschWendung. Erst 
seitdem Bernhard und Rollier die Sonnenbehandlung chir¬ 
urgischer Fälle im Hochgebirge erprobt hatten und besonders der 
letztere durch seine ausgezeichneten Erfolge bei der Behandlung 
chirurgischer Tuberkulose die Aufmerksamkeit auf diese neue Be¬ 
handlung zog, hat sich diese auch in chirurgischen Kreisen einer 
größeren Beachtung erfreut. Aber immerhin waren es in erster 
Linie nur tuberkulöse Erkrankungen, bei denen man eine Be¬ 
handlung mit Sonnenlicht oder einem künstlichen Licht als Ersatz 
der Höhensonne in Erwägung zog. 

Die Lichtbehandlung auch auf andere Wunden und Ver¬ 
letzungen allgemein auszudehnen, stieß auf fast unüberwindbaren 
Widerspruch, trotzdem schon seit Jahren überall dort, wo diese 
Behandlung nur versucht wurde, 8tet9 gleich gute Resultate 
erzielt wurden. Hier waren es vor allem schlecht granulierende, 
stark secernierende Wunden, Furunkel und Karbunkel, Blutergüsse, 
Quetschungen, bei denen die große Heil- und Resorptionsfähigkeit 
des Lichtes sich deutlich zeigte; ebenso waren Lichtbestrahlungen 
ein treffliches Mittel, selbst große Hautdefekte schnell und tadellos 
zu vernarben. 

Gerade diese schnelle Vernarbung großer Wundflächen trat 
von Anfang an so auffallend in den Vordergrund, daß sie nicht 
zu übersehen war. Schon im Kattenbrackerschen Leitfaden 
„Das Lichtheilverfahren“ 1 ) finden wir sie besonders hervorgehoben 
und auch ich halt« schon 1900 Gelegenheit, in dem unter meiner 
Leitung stehenden Städtischen Krankenbause zu Osterode a. H. diese 
Eigenschaft in zwei Fällen von ausgedehnten Haut Verlusten zu 
beobachten 2 ). 

Es war deswegen von großem Interesse, die Lichtwirtomg 
auch bei Kriegsverletzungen zu erproben, um zu sehen, ob sich 
hier dieselben Erfolge ergaben, wie sie seit 15 Jahren bei der 
Wundbehandlung mit Licht sich stets zeigten. Auf meine Bitte 
wurden mir von der Medizinalabteilung des Königlichen Kriegs- 
miniateriums diese Versuche gestattet und mir vom SaDitätsamte 
des Gardekorps hierzu das Reservelazarett I angewiesen, um Ver¬ 
wundete mit meinen dort aufgestellten Apparaten zu behandeln. 
Nach viermonatlicher Beobachtung hei einer Reihe der verschiedensten 
Verletzungen kann heute schon mit Bestimmtheit gesagt werden, 
daß Kriegsverletzungen unter Lichtbehandlung dieselben guten 
Erfolge zeigen wie andere Wunden. Nach Abschluß der Behandlung 
werde ich eingehender darüber berichten. Heute möchte ich meine 
bisherigen Beobachtungen provisorisch kurz zusammenfasson und 
daran einige Worte über die Behandlung selbst knüpfen. Behandelt 
wurden bis jetzt 65 Fälle. 

Der Vorteil der Lichtbehandlung besteht wesentlich in fol¬ 
genden Punkten. Die Lichtbehandlung erzielt: 

1. schnelle Vernarbung und gute und widerstandsfähige Narbe; 

2. rasche Einschränkung profuser Eiterabsonderung; 

3. schnelle Reinigung der Wundflächen durch promptes Ab¬ 
stößen nekrotisierender Gewebe (auch Knochennekrosen scheinen 
sich schneller und schmerzloser zu lösen und abzustoßen); 

4. gutes Anlegen der Schußkanäle und Höhlenwunden; 

5. rasche Resorption blutiger und seröser Infiltrate in der 
Umgebung der Verletzungen; 

h Verlag V/. Berndt. Berlin 1899. J H „ 

a ) Einige chirurgische Fälle ans der Lichtheilaastftlt Osterode, Hs 
(Arch. f. Lichttherapie 1902/4). 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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6. fast ausnahmslos Herabsetzung der Schmerzen, ja bis 
mm völligen Verschwinden derselben. 

Um auf die Behandlungsweise zu kommen, so werden vier ver¬ 
schiedene Apparate zur Lichtbehandlung verwendet. Die einfachsten 
Apparate für diese Behandlung sind die Elektrosole, gewölbte 
üeberlegapparate, an deren Wölbung sechs bis zwölf Glühlampen 
montiert sind. Diese primitiven Lichtapparate, die sich wohl in 
allen großen und kleinen Krankenhäusern finden und dort für alle 
möglichen Zwecke als Schwitz- und Heißluftapparate angewandt 
werden, können sehr gut auch zur Wundbehandlung verwandt werden, 
wenn man sie nur richtig zu benutzen versteht. Man benötigt nur, 
die für gewöhnlich in den Vordergrund tretende Wärmewirkung zu 
mildern, indem man die Apparate vorn und hinten nicht verdeckt, 
sondern offen läßt, sodaß immer frische Luft hindurchstreichen kann. 
Sofort tritt die Wirkung der Lichtstrahlen mehr zutage. Mit diesen 
primitiven Apparaten kann man bei der Wundheilung schon ganz 
hübsche Heilresultate erzielen; meine beiden obenerwähnten Fälle sind 
mit solchen Apparaten behandelt, da mir damals andere Apparate im 
Krankenhause nicht zur Verfügung standen; freilich waren die 
Apparate mit blauen Glühlampen montiert. Auch die Goldscheider- 
Mininsche Bestrahlungslampe ist ein ähnlicher Apparat und in 
Ermangelung eines besseren für Behandlung kleiner Wunden sehr 
gut brauchbar. 

Größere Apparate für die Lichtbehandlung von Wunden sind 
die Kohlenbogenlichtscheinwerfer. Sie sind die gebräuchlichsten 
Apparate für diese Behandlung und werden auch von mir seit 
15 Jahren zu diesem Zwecke verwandt. Sie liefern ein durch einen 
Parabolreflektor mäßig konzentriertes Licht, welches auf die in 
Entfernung von 1V 2 bis 2 m sich befindende Wunde so konzentriert 
gerichtet wird, daß dasselbe auf der Haut nur angenehm warm — 
jedenfalls nicht heiß — empfunden wird. Die Bestrahlung wird 
bis za einer halben Stunde und länger ausgedehnt; Vorgesetzte 
blaue und rote Scheiben ermöglichen, farbige Lichtstrahlen aus dem 
weißen Licht auszuscheiden und diese allein zur Behandlung zu 
verwenden. 

Neuerdings wird die künstliche Höhensonne (ultraviolette 
Bestrahlung mit der Quecksilberdampflampe) von verschiedenen 
Seiten zur Wundbehandlung mit Erfolg benutzt. Das stark ultra- 
Tioletthaltige Licht erlaubt wegen seines starken Hautreizes nur 
kurze Bestrahlung von 5 bis 10 Minuten Dauer. 

Endlich hat König (Marburg), welcher den Mangel an roten 
Strahlen in der künstlichen Höhensonne (Quecksilberdampflampe) 
unangenehm empfand, da er diese Strahlen zur Wundbehandlung 
nicht entbehren mochte, diese Lampe mit einem Kranze von 
Glühbirnen umgeben (Königsche Lampe). Auch hier kann die 
Behandlung nur kurze Zeit vorgenommen werden, da die Glüh¬ 
lampen die reizende Wirkung deB Ultravioletts nicht fortschaflfen 
können. 

Da ich die künstliche Höhensonne auch seit 1908 zur Wund¬ 
behandlung benutze und augenblicklich im Reservelazarett neben 
meinen zwei Kohlenbogenlichtscheinwerfern auch eine Königsche 
Lampe, die ja nach Ausschaltung des Glühbirnenkranzes auch als 
Höhensonne verwandt werden kann, im Gebrauche habe, so war es 
mir möglich, vergleichende Versuche über die Zweckmäßigkeit der 
^erechiedenen Lichtapparate zur Wundbehandlung anzustellen, zu¬ 
mal meine langjährige Erfahrung auf diesem Spezialgebiete mir 
eiae richtige Beurteilung erleichtert. 

Wie die guten Erfolge mit den verschiedenen Lichtkompo- 
siUonen in den zur Behandlung benutzten Apparaten zeigen, haben 
<iie Lichtbestrahlungen, welche ja bekanntlich auch sonst auf Stoff¬ 
wechsel und Blutbildung anregend wirken, insbesondere auch auf 
wundheiluog einen hervorragenden Einfluß. Man möchte daher 
v on vornherein anzunehmen geneigt sein, daß es ziemlich gleich¬ 
gültig ist, ob man Glüh- oder Bogenlicht, ob weiße, ob rote, blaue 
oder ultraviolette Lichtstrahlen wählt. Das ist jedoch durchaus 
nicht der Fall. Wohl hat jede Lichtbestrahlung wundheilende 
lendenz und doch haben wieder die verschiedenen Lichtstrahlen 
'«sondere Eigen Wirkungen, die man kennen und benutzen, respektive 
ausschalten muß, wenn man schnell zum Ziele kommen will, zumal 
nach die individuelle Empfindlichkeit der Haut oft eine Modifikation 
der Strahlung verlangt. 

In jedem Lichte pflegen wir eine rotgelbe und eine blau- 
Spektiumseite zu unterscheiden, deren verschieden- 
Nge Wirkungen bei der Wundheilung deutlich hervortreten. Die 
f’ l! e [ ins Gewebe eindringenden Lichtstrahlen erzielen in 
pin 1 , * ! e ^ era ll, wohin sie dringen, also auch in der Tiefe, 
6 * r äfoge arterielle Hyporämie, eine Blutdurchtränkung der 


verletzten Teile und ihrer Umgebung. Dadurch regen sie die 
Granulationsbildung an und füllen Weichteildefekte, Höhlen usw. 
schnell mit neuem Gewebe. Daneben wirken rote Lichtstrahlen 
entzündungshemmend und austrocknend. Die blau-ultravioletten 
Strahlen sind bekanntlich stark bactericid. Hierauf legte man 
früher allein Gewicht und hielt deswegen eine Tiefenwirkung dieser 
Strahlen für ausgeschlossen, da sie ja schon in den oberflächlichen 
Gewebesehichten zugründe gehen. In der Tat kommt aber die 
bactericide Wirkung der blauvioletten Strahlen bei der Wund¬ 
heilung nur wenig in Betracht. Dagegen ist die mehr oder weniger 
reizende Wirkung dieser Strahlen, die um so stärker ist, je reicher 
ihr Gehalt an Ultraviolett ist, zur Wundheilung von wesentlichem 
Nutzen, da sie auch indirekt auf die tieferliegenden Teile und den 
ganzen Heilungsprozess ihren Einfluß ausübt. Im gemischten 
weißen Lichte treten beide Wirkungen gleichmäßig in Kraft. Wir 
werden also im weißen Lichte die beste Aussicht auf schnelle 
Heilung haben und uns desselben in erster Linie bedienen, während 
wir von den roten resp. blau-ultravioletten Strahlen allein nur dann 
Anwendung machen, wenn wir bei bestimmten, an der Wunde in 
Erscheinung tretenden, anormalen Veränderungen für kurzo Zeit 
die eine oder die andere Wirkung des Lichtes mehr in den Vorder¬ 
grund treten lassen wollen. 

Auch die Wundheilung im Sonnenlichte zeigt uns, daß eine 
Lichtmischung rascher wirkt als die andere. So sind mit der 
Sonne des Mittelgebirges und vor allem mit der Sonne der Tief¬ 
ebene nie die gleichen Resultate in derselben Zeit zu erzielen, wie 
mit der Sonne des Hochgebirges. Es fehlt der Sonne der Ebene 
die genügende Menge Ultraviolett; daher heilt sie langsamer. 
Dasselbe gilt von der Glühlampe. Deswegen sind die Ueberleg- 
apparate und die Goldscheider-Mininsche Handlampe auch lang¬ 
samer heilend. 

Am ähnlichsten der Hochgebirgssonne in der Zusammen¬ 
setzung der Lichtstrahlen, ist das Licht des Kohlenbogonlicht- 
scheinwerfers. Es sind deswegen auch die Resultate der Wund¬ 
behandlung mit diesem Scheinwerfer denen der Hochgebirgssonne 
am gleichwertigsten. 

Die künstliche Höhensonne (Quarzlampe) hat überhaupt keine 
roten Strahlen, dagegen hat sie einen viel stärkeren Gehalt an 
Ultraviolett als die Hochgebirgssonne. Sie ist daher zu stark 
reizend und deswegen für eine dauernde Lichtbehandlung von 
Wunden weniger zweckmäßig. Dasselbe gilt von der Königschen 
Lampe. Will man nämlich das Licht ihres Glühbirnenkranzes 
zur vollen Wirkung bringen, so muß man den zu behan¬ 
delnden Körperteil ziemlich nahe an die Lampe heranbringen, da 
sonst die Lichtintensität der Glühlampen zu gering ist; hierdurch 
wird aber die Wirkung der ultravioletten Strahlen der Quarzlampe 
so stark, daß die Bestrahlung nur kurze Zeit erfolgen kann, wenn 
man zu starke Reizzustände der Wundumgebung vermeiden will. 
Diesem Uebelstande will die Quarzlampen-Gesellschaft durch Vor¬ 
schalten eines Uviolglases vor die Quarzlampe abhelfen, da dieses 
Glas viel Ultraviolett absorbiert. Theoretisch ist dies wohl aus¬ 
führbar; inwieweit dies aber bei der Königschen Lampe praktischen 
Wert besitzt, konnte ich leider bis jetzt nicht feststellen, da mir 
diese Vorschaltung nicht zu Gebote stand. Jedenfalls wird die 
komplizierte und unhandliche, die Behandlung erschwerende Kon¬ 
struktion dieser Lampe noch komplizierter, besonders wenn man 
diese Lampe noch zu den vielseitigen andern therapeutischen 
Zwecken (Dermatologie und Allgemeinbehandlung), für welche sie 
ausgezeichnete und nicht zu ersetzende Dienste leistet, verwenden 
will, da das ständige Ab- und Anmontieren große Zeitverluste 
verursacht. 

Soll aber eine Wundbehandlung mit Licht auch in größeren 
Krankenhäusern durchgeführt werden, so kommt es in erster Linie 
auch auf Zeitersparnis an. Auch aus diesem Grund ißt die Be¬ 
handlung mit dem Kohlenbogenlichtscheinwerfer vorzuziehen, da es 
möglich ist, mit einem Apparat, wenn man die Verletzten nur richtig 
aussucht und gruppiert, zwei bis drei Verletzte gleichzeitig zu 
behandeln. Hierdurch wird nicht allein viel Zeit gespart, 
sondern die Behandlung selbst wird so wesentlich verbilligt, daß 
der Kostenpunkt keine Rolle mehr spielt. Auch kann die Behandlung 
sehr wohl von einem geschulten Wartepersonai ausgeführt werden, 
sofern nur der Arzt jedesmal die richtige Anweisung gibt und die 
Behandlung ab und zu kontrolliert. 

Gestützt auf meine langjährigen Erfahrungen pflege ich heute 
die Wundbehandlung iu folgender Weise zu handhaben: Stets be¬ 
ginne ich mit einer Weißlichtbestrahlung von 10 bis 15 Minuten, 
die ich täglich um 5 bis 10 Minuten je nach dem Aussehen der Wunde 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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verlängere, bis ich auf 30 Minuten gekommen bin. Treten im Laufe 
der Behandlung zu üppige Granulationen auf, so schalte ich einige 
Tage eine Blaulichtbestrahlung ein, oder ich gebe eine einmalige, 
kurze Bestrahlung mit der Quarzlampe. Bei schlaffen Granulationen 
verwende ich für gewöhnlich ein- oder mehrmals Rotlicht, ebenso 
verwende ich das Rotlicht, wenn auf irgendeine Weise einmal eine 
zu starke Entzündung (Licht- oder anderes Erythem) eingetreten 
ist. Hat dagegen eine Wunde durchaus keine Heilungstendenz, so 
ist meistens das Rotlicht zu schwach und es ist vorübergehend ein 
starker Reiz, wie ihn das Blaulicht oder das Ultraviolett der Quarz¬ 
lampe biotet, notwendig. Sobald aber eine gute Heilungstendenz 
sich zeigt, tritt sofort das Weißlicht des Kohlenbogenlichtschein¬ 
werfers wieder in Tätigkeit. Endlich möchte ich noch auf einen 
wichtigen Punkt aufmerksam machen, den man bei der Lichtbehand¬ 
lung von Wunden nicht übersehen soll. Antiseptische Mittel und 
Lichtbehandlung vertragen sich für gewöhnlich schlecht. Ich ver¬ 
wende daher zum Verband ausschließlich sterilen Verbandstoff und 
nur, wenn ich ein Ankleben desselben an die Wunde vermeiden will, 
reines Vaselin oder leichtes Borvaselin; nur wenn die Wunde einen 
feuchten Verband erfordert, benutze ich essigsaure Tonerde oder 
lieber Alsollösung hierzu. 

Zum Schlüsse möchte ich nicht unerwähnt lasseü, daß unter 
den im Reservelazarett behandelten Fällen sich auch ein Fall mit 
einem großen luetischen Hautulcus (zirka 5 cm im Durchmesser), ein 
Fall schwerer Acne der Brust, Rücken und Nackens und ein Fall 
von Furunkulose des Gesäßes (Kavallerist), alles typische Fälle für 
die Ultraviolettbestrahlung, befanden; sämtliche drei Fälle waren 
zum Teil recht lange mit den sonst üblichen Mitteln erfolglos be¬ 
handelt und heilten unter Höhensonnenbehandlung in der bekannten, 
kurzen Zeit. 


Anmerkung zu den „zwölf Geboten“ 
von Professor Uitschl-Freiburg 

von 

Prof. Dr. 0. Vulpius, Heidelberg. 

Wo immer die Überall in Deutschland sich jetzt entfaltende Für¬ 
sorge für Kriegskrüppel erörtert wird, betont man mit Recht in erster 
Linie die Wichtigkeit der Prophylaxe. Und darum bilden die „Zwölf 
Gebote“, für deren Aufstellung und weiteste Verbreitung Herr Kollege 
Ritschl in Freiburg besorgt war, gewiß eine dankenswerte Anleitung 
für Aerzte, denen Grundregeln der Orthopädie nicht ganz geläufig sind. 

Gegen das „sechste Gebot“ aber schleunigst Stellung zu nehmen, 
halte ich mich für verpflichtet, weil dessen Befolgung mit Notwendigkeit 
viel Unheil Dach sich ziehen wird. 

Es wird darin empfohlen, das Schultergelenk, wenn die Möglich* 
keit seiner Versteifung vorliegt, zu fixieren „in der üblichen durch ein 
Tragtuch (Mitella) gesicherten Ruhelage“. Das heißt, es soll der Arm 
in Adductionsstellung versteifen. Die schweren funktionellen Störungen 
gerade dieser Stellung haben wir alltäglich zu beklagen und zu be¬ 
kämpfen überreichlich Gelegenheit. Auf der andern Seite aber wissen 
wir, wie erstaunlich leistungsfähig ein gelähmter Arm wird, wenn er 
durch die Schulterarthrodese in Abduction fixiert wird. 

Das zur Versteifung neigende oder verurteilte Schultergelenk muß 
also durch geeignete Schienenverbändo (Triangelschienon, Gipshohlschienen 
usw.) unbedingt einer Abductionsstellung beziehungsweise -Ankylosierung 
zugeführt werden, indem wir den Arm in annähernd horizontale Lage bringen. 

Die Mitella ist ein gefährlicher Feind des Schalter- 
gelenks. Dies zur Warnung, deren möglichst schnelle und weitgehende 
Verbreitung mir dringend angezeigt erscheint. 


Klinische 


Aus der K. K. Universitätsfrauenklinik zu" Graz 
(Vorstand: Prof. E. Knauer). 

lieber die Nierenbeckenentzündimg der 
Schwangeren 1 ) 

von 

Privatdozent Dr. R. Franz, 

zurzeit K. K. Regimentsarzt im Landwehrinfanterieregiment Nr. 4. 

M. H ! Während sich die Urologie als selbständiges 
Fach von der allgemeinen Medizin abgespalten und weiter- 
entwickelt hat, steht die Frauenheilkunde im Begriff, ihre 
Interessensphäre immer mehr auf das urologische Gebiet 
auszudehnen. Das Recht zu dieser Besitzergreifung leitet 
sich aus dem Umstand ab, daß infolge der topographischen 
Nachbarschaft und der funktionellen Abhängigkeit zwischen 
Harnapparat und Geschlechtswerkzeugen die engsten Wechsel¬ 
beziehungen bestehen. Wenn in der letzten Zeit auf die Bedeu¬ 
tung der Erkrankung der Harnorgane für die Schwangerschaft 
hingewiesen wird, so ist besonders jene Komplikation gemeint, 
die mit dem Namen Pyelitis gravidarum bezeichnet wird. 
Wir verstehen unter diesem Leiden eine durch bakterielle 
Infektion bedingte entzündliche Erkrankung des Nieren¬ 
beckens, die in der Schwangerschaft manifest wird. 

Die Nierenbeckenentzündung der Schwangeren wurde 
im Jahre 1871 zuerst von Kaltenbach beschrieben und 
weiterhin besonders von den Franzosen beobachtet. In der 
deutschen Literatur wurde erst in den letzten Jahren auf 
diese wichtige Schwangerschaftskomplikation von Stoeckel, 
Mirabeau, Zangemeister und Andern mit Nachdruck 
hingewiesen. 

Die Pyelitis wird ohne Zweifel häufig erst durch die 
Schwangerschaft veranlaßt. Wir sprechen daher berech¬ 
tigterweise von Pyelitis gravidarum. Nach der Statistik 
von Albeck entfallen 0,67 o/o der Schwangeren auf Pyelitis. 
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle erkrankt die 


’) Probevorlesung, gehalten am 8. Juni 1914 zur Erlangung der 
Venia legendi. 


Vorträge. 


rechte Niere, sodaß sich die Zahl der Erkrankungen der 
rechten Niere zu denen der linken ungefähr wie 3:1 ver¬ 
hält. Nur selten kommt es zur beiderseitigen Nierenbecken¬ 
entzündung. 

Sehr charakteristisch für das Leiden ist das Auftreten 
in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft, besonders im 
fünften bis achten Monate. Wenn wir uns die Frage 
stellen, warum die Erkrankung gerade in der zweiten Hälfte 
der Schwangerschaft zur Beobachtung kommt, so müssen 
wir uns erst über die Aetiologie des Leidens ein Bild 
machen. 

Ursache und Bedingungen für das Auftreten der 
Pyelitis sind noch keineswegs vollständig geklärt. Als Tatr 
Sache steht nur fest, daß ein Infektionsprozeß vor sich 
geht und daß eine Harnstauung vorhanden sein muß. 
Letzterer Umstand ist vielleicht sogar das Wesentliche. 

Jolly fand bei 13,6% der Schwangeren eine Ureterdilatation, die 
in 10,3 °/o den rechten, in 0,8 % den Unken und in 2,5 °/o beide Ureteren 
betriflt. Nach Weibel zeigten sich sogar bei 47% der normalen 
Schwangeren Stauungserscheinungen im Ureter. 

Aus diesen Zahlen geht hervor, daß Stauung im 
Harnleiter und im Nierenbecken bei Schwangeren häufig zu 
beobachten ist. Daß nun die Pyelitis mit dieser Harnstau* 
ung und Ureterdilatation im Zusammenhänge stebt, beweist 
mit einiger Wahrscheinlichkeit der Parallelismus zwischen 
der Häufigkeit der Dilatation des rechten Ureters und der 
Erkrankung des rechten Nierenbeckens. Zangemeister 
und Andere konnten ferner zeigen, daß manchmal die Pyelitis 
nur dadurch geheilt wurde, daß durch einen Ureteren- 
katheteri8mus die Harnstauung behoben wurde. 

Wodurch und an welcher Stelle diese Stauung 
zustande kommt, wird von den verschiedenen 
Autoren verschieden erklärt. 

Zu einer Stauung im Harnleiter oder im Nierenbecken 
kann es einerseits infolge Rückstauung von in der 
Blase angesammeltem Harne kommen. Diese An¬ 
nahme trifft wohl nur in seltenen Fällen zu, da dio Ureter- 
i papillen einen relativen Verschluß der Blase gegen die 


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1016 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


191 


14. Februar. 


Ureteren darstellen. Anderseits jedoch kann die Stauung 
in den oberen Harnwegen durch Stenosierung infolge 
Druck, Zug oder Schwellung der Ureterenwandung 
bedingt’werden. Man hat gemeint, daß der wachsende 
Uterus oder der vorangehende Kindesteil durch direkte 
Kompression den Harnabfluß im Ureter hemme. Diese An¬ 
nahmen sind wohl möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, 
da die Kompression durch den vergrößerten Uterus sich 
hauptsächlich im vierten bis fünften Monate bemerkbar 
machen müßte, indem er auf den intrapelvinen Teil des 
Ureters drückt. Die Pyelitis tritt jedoch fast stets im 
fünften bis achten Monate der Schwangerschaft anf. Wenn 
anderseits der Druck des vorangehenden Kindesteils zu be¬ 
schuldigen wäre, müßte das Auftreten der Erkrankung in 
das Ende der Schwangerschaft fallen. Viel häufiger dürfte 
es rar Ureterstenosierung infolge Zugwirkung an dem¬ 
selben durch den wachsenden Uterus kommen, der außer¬ 
dem in den überwiegenden Fällen eine Dextroversio 
und Dextrotorsio erfährt. Wenn wir annehmen, daß 
diese Zugwirkung zu einer Längsstreckung oder stär¬ 
keren Biegung des im kleinen Becken liegenden 
Ureterteils führt, so läßt sich auch das häufigere Auf¬ 
treten der Harnstauung im rechten Harnleiter ungezwungen 
erklären. Schließlich haben Mirabeau, Hartmann und 
Andere gemeint, daß Ureter- und Blasenschleimhaut an der 
allgemeinen Hyperämie der Organe des kleinen Beckens 
teilnehme und daß durch eine Schwellung der Ureter¬ 
oder Blasen Schleimhaut der Ureter verengt oder verlegt 
werde. Diese Schwellung der Schleimhaut besteht sicher zu 
Recht, dürfte aber nur als ein Nebenbefund zu deuten sein. 
Stoeckel ist der Ansicht, daß die Stauung im Harn¬ 
leiter nicht an einer beliebigen SteUe vorkomme, sondern 
daß die schon physiologisch engen Stellen des Harnleiters 
infolge der eben erwähnten Momente sich in der Schwanger¬ 
schaft zu pathologischen Verengerungen herausbilden können. 
Von den drei physiologischen Verengerungen liegt die erste 
dicht am Nierenbecken, die zweite dicht unterhalb der Linea 
innominata und die dritte kurz vor der Einmündung in die 
Blasenwand. Stoeckel vermutet, daß die Harnstauung an 
der mittleren oder unteren Verengerung erfolge. 

Der zweite ätiologische Faktor bei dem Zu¬ 
standekommen der Pyelitis ist die Infektion. Die 
Frage, ob die Stauung vor oder nach der Infektion 
raftritt, ist heute noch nicht entschieden. Die Mebr- 
aahl der Autoren stimmt darin überein, daß die Stau- 
ong meist das Primäre ist. Das geht zum Teil aus der 
Anamnese der Fälle, zum Teil aus der Häufigkeit der Ureter- 
düatation ohne Pyelitis hervor. Alb eck dagegen sucht aus 
seinen Krankengeschichten zu beweisen, daß in manchen 
Fällen schon vor der Gravidität eine Infektion vorhanden 
gewesen sein könnte; dann wäre die Stauung sekundär. In 
letzter Zeit hat K ermann er zu beweisen versucht, daß die 
Nierenbeckenentzündung in der Schwangerschaft überhaupt 
tticht als eine Neuerkrankung der Frau aufzufassen sei, 
sondern als Rückfall einer meist in der Kindheit erworbenen 
Pyelocystitk Wenn diese noch nicht gestützte Vermutung 
richtig ist, so wäre die in der Schwangerschaft auftretende 
Hamstauung als sekundär aufzufassen. 

Unter den Infektionserregern Überwiegt vor allen 
andern das Bacterium coli, demgegenüber die andern 
Keime Streptokokken, Staphylokokken, Gonokokken, 
Tnberkulosebacillen, Fraenkelscher Pneumokokkus 
andFriedlaenderscher Bacillus an Häufigkeit weit zurück¬ 
treten. 

Woher und auf welchem Wege gelangen nun 
diese Keime in das Nierenbecken? 

Obwohl auch diese Frage heute noch umstritten ist, so 
können wir doch im allgemeinen sagen, daß der Infektions- 

io nach der Art und Herkunft der Keime ein ascen- 


dierender und descendierender sein kann. Wir ziehen von 
allen die Colibakterien als die häufigsten Pyelitiserreger in 
Betracht. 

Stoeckel, Opitz stellen die ascendierende Infek¬ 
tion von der Blase aus nach einer oft unbedeutenden 
Cystitis als wahrscheinlich hin. Der Infektionsweg wäre 
also: Urethra, Blase, Ureter, Nierenbecken. Die Bakterien¬ 
invasion in die Blase muß dabei in der Weise vor sich 
gehen, daß die Colibakterien die regelmäßigen Bewohner der 
Vulva und des Orificium urethrae externum sind, bei der 
Cohabitation — man spricht auch von einer Deflorations¬ 
pyelitis — in die Harnröhre gelangen und sich infolge der 
Hyperämie der Blasenschleimhaut ansiedeln. Wenn auch in 
der Schwangerschaft eine erhöhte Disposition für eine Cystitis 
zu Recht bestehen mag, so ist damit noch keineswegs be¬ 
wiesen, daß die Keime den Verschluß der Harnleitermündungen 
überwinden und gegen den Harnstrom zum Nierenbecken 
emporwandern können. 

Bauereisen bat neuerdings gezeigt, daß eine Ascendenz patho¬ 
gener Keime aus der Blase in das Nierenbecken durch die Lymphbahnen 
des Ureters stattfinden kann. Dieser Infektionsmodos dflrfte jedoch für 
die Schwangerschaft kanm in Betracht kommen. Das gleiche gilt von 
den Tierversuchen F. H. Thiele s, die ergaben, daß auch die Schleim¬ 
haut der Harnröhre für Keime leicht durchgängig sei und daß 
die Keime auf dem Wege der periureteralen und perirenalen Lymph¬ 
bahnen in den Ductus thoracicus und von da ins Blut kamen, von 
wo aus sie dann in den Harn gelangen können, dabei geschieht hier 
die Infektion des Harns nicht direkt von der Lymphb&hn, sondern von 
der Biutbahn aus. 

Den descendierenden Infektionsweg bei der Pyelitis 
gravidarum haben die französischen Autoren angenommen, 
denen sich in letzter Zeit auch die deutschen größtenteils 
anzuschließen scheinen. Für die Auffassung des descen¬ 
dierenden Infektionsmodus spricht vor allem die Tatsache, 
daß die meisten Pyelitiden ohne Erkrankung der Blase 
verlaufen. 

Für die Descendenz der Infektion liegen zwei Wege 
vor: einerseits die Blutbahn und anderseits die Lymphbahn. 
In beiden Fällen stammen die Infektionserreger vom Darm. 
Eine sehr wesentliche Stütze erfährt diese Annahme durch 
die Tatsache, daß fast alle typisch verlaufenden Pyelitiden 
durch Bacterium coli bedingt sind, die ständige Bewohner 
des Darmes sind. Während die gesunde Darmwand unter 
normalen Verhältnissen nach Meyer-Betz den Durchtritt 
von Keimen nicht gestattet, können bei chronischen Darm¬ 
erkrankungen, bei chronischer Obstipation, im Hunger¬ 
zustande Bakterien die Darmwand durchwandern. Unter 
jenen Umständen nun kann das Bacterium coli entweder 
indirekt auf dem Blutwege durch die Glomeruli in das Nieren¬ 
becken gelangen oder die Infektion kann auf den Lymph¬ 
bahnen, die das Colon ascendens und descendens mit der 
Niere verbinden, zustande kommen. Letzterer Weg ist der 
häufigere. 

Wenn nun außer dem Uebertritte von Keimen in 
das Nierenbecken noch eine Stauung im Harnleiter vor¬ 
handen ist oder dazukommt, so entsteht eine Nierenbecken¬ 
entzündung. 

Nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse müssen 
wir annehmen, daß Coli, Staphylokokken und Streptokokken 
ascendierend und descendierend in die oberen Harnwege ge¬ 
langen können, daß die Tuberkelbacillen stets descendierend, 
die Gonokokken stets ascendierend zur Infektion des Nieren¬ 
beckens führen. 

Durch welche Symptome werden wir auf das Be¬ 
stehen einer Pyelitis aufmerksam? Die Erkrankung 
setzt meist plötzlich ein, manchmal sind vor dem Beginne 
der eigentlichen Erkrankung Stuhlverstopfung oder Koliken 
im Unterbauche zu beobachten. Nur sehr selten gehen 
cystitische Erscheinungen voraus. Die Krankheit tritt fast 
stets unter dem Bilde einer schweren ADgemeinerkrankung 
auf: Hohes Fieber, Schüttelfröste, Erbrechen, manchmal 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


Diarrhöen, Leib- und Kreuzschmerzen, Pulsbeschleunigung, 
Druckschmerzhaftigkeit des Mac Barwaysehen Punktes. 
Manchmal ist die Niere druckschmerzhaft und vergrößert 
zu tasten, manchmal ist der Ureter als schmerzhafter 
Strang vor der Kreuzhüftfugo nachweisbar, wenn durch 
die Bauchdecken palpiert wird oder an der Steile, wo 
der Ureter die vordere Vaginal wand kreuzt, wenn vaginal 
untersucht wird. Nicht selten ist auch ein Ikterus nach¬ 
weisbar. 

In allen jenen Fällen, die derartige Symptome zeigen, i 
muß der Harn untersucht werden. Der Harn kann im Be- J 
ginn oder auch im Verlaufe der Erkrankung vorübergehend 
bakterienfrei sein, meist jedoch enthält er reichlich Keime, 
ferner Eiterzellen, manchmal auch rote Blutkörperchen und 
geschwänzte Epithelien der oberen Harnwege. 

Chemisch ist fast stets Eiweiß nachweisbar, besonders 
stark bei Miterkrankung des Nierenparenchyms, bei Pyelo¬ 
nephritis, wo wir auch Cylinder im Sediment finden. Die 
Reaktion des Harnes ist meist sauer. 

Die Harnmenge ist häufig infolge der Störung der 
Nierensekretion vermindert. Das specifische Gewicht des 

Harnes ist erhöht. Zur sicheren Identifizierung des Infek¬ 
tionserregers gehört das Kulturverfahren, das meist Bac- 
terium coli in Reinkultur ergibt. 

Zur Sicherstellung der Diagnose gehört weiterhin 
die Cy stoskopie und der Ureterenkatheterismus. Bei 
der Cystoskopie zeigt die Blase meist nur eine stärkere 

Injektion und Schwellung der Schleimhaut, die für die 
Schwangerschaft charakteristisch sind. Häufig ist die 

Papille des kranken Harnleiters geschwellt, manchmal ge¬ 
rötet. Pathognomonisch für die Pyelitis ist, daß der Ureter j 
der kranken Seite meist trüben Harn in unregelmäßigen 
Pausen ausstößt oder überhaupt nicht funktioniert. 

Durch den Ureterenkatheterismus läßt sich feststellen, 
ob und wo eine Harnstauung besteht. Nach Stoeekel sind 
die beiden unteren physiologischen Verengerungen des Harn¬ 
leiters an der Linea inominata und kurz vor der Ein¬ 

mündung in Blase die Ursachen der Passagestörung. Häufig 
geht nach Ueberwindung des Passagehindernisses durch den 
Katheterismus reichlich trüber Harn ab. Der Ureterenkathe¬ 
terismus allein ermöglicht weiterhin, den Harn einer Niere 
isoliert aufzufangen, um eine exakte bakteriologische Dia¬ 
gnose zu stellen. 

Wenn diese Untersuchungsmethoden allein eine über 
allen Zweifel erhabene Diagnose auf Pyelitis ermöglichen, 
so sind wir doch auch imstande, aus den klinischen Sym¬ 
ptomen die Diagnose auf Pyelitis zu stellen; nur müssen 
wir dabei berücksichtigen, daß Verwechslungen mit Appen- 
dicitis, Gallenblasenaffektionen, Adnextumoren, Pneumonie, 
Pleuritis Vorkommen können. 

Und nun zur Behandlung der Pyelitis gravidarum. 
Da heute noch ein Teil der Aerzte auf dem Standpunkte 
steht, daß die Nierenbeckenentzündung keiner besondern 
Behandlung bedarf, so muß mit Nachdruck darauf hin¬ 
gewiesen werden, daß das Leiden keinesfalls gleichgültig ist. 
Die leichtesten Fälle machen allerdings auch ohne aktivere 
Behandlung häufig keine Symptome mehr. Ob sie aber des¬ 
halb als geheilt zu betrachten sind, ist auch für die leichten 
Fälle zweifelhaft. Alle schweren Nierenbeckenentzündungen 
in der Schwangerschaft bedeuten jedoch eine Gefahr für 
Mutter und Kind. Opitz fand, daß in ungefähr 40 °/ 0 der 
pyelitiskranken Schwangeren eine Frühgeburt eintritt. Ander¬ 
seits kann es im Wochenbette zu einer puerperalen Infek¬ 
tion kommen, die vom Infektionsherd im Nierenbecken 
stammt. Schließlich kann es durch Vernachlässigung einer 
Pyelitis zu einer Entzündung und weiterhin zur Vereiterung 
des Nierenparenchyms, also zu einer echten Pyonephrose 
mit oder ohne Steinbildung kommen. 


Da nach diesen Erwägungen die Schwangerschafts¬ 
pyelitis als ein ernstes Leiden aufzufassen ist, muß die Be¬ 
handlung auf das sorgfältigste durchgeführt werden. 

In leichteren Fällen soll zuerst der Versuch gemacht 
werden, durch interne Medikation von Harnantiseptica den 
Infektionsprozeß zu beeinflussen, und zwar bei saurem Harne 
durch Salol, Methylenblau, bei alkalischem Harne durch 
Urotropin, Myrmalyd, Borsäure, Helmithol, Natrium benzoi- 
cum, ferner soll für reichliche Flüssigkeitszufuhr durch 
Trinken von Mineralwässern, Preblauer, Vichy, Fachinger, 
Wildunger gesorgt werden. Diese Behandlung soll durch 
Blaseninjektionen mit 5 bis 10 ccm einer 1 °/ 0 igen Kollar- 
gol- oder einer 1 °/ 0 igen Argentum nitricum-Lösung, oder 
durch Blasenspülungen mit l°/ooigen Argentum nitricum, 
oder 2°/ 0 iger Borsäurelösung unterstützt werden, besonders 
wenn wir annehmen können, daß der Infektionsprozeß ein 
ascendierender ist. Um dem infizierten Stauungsharn aus 
dem Ureter Abfluß zu verschaffen, empfahl Sippel Lage¬ 
rung auf die gesunde Seite, Mirabeau die Beckenhoch¬ 
lagerung. 

Wenn auf diese Maßnahmen die klinischen Erschei¬ 
nungen nicht bald zurückgehen, so soll eine aktivere The¬ 
rapie in Kraft treten. Hierzu stehen uns einerseits der 
Dauerkatheterismus der Ureteren und die von Caspar 
eingeführte Nierenbeckenspülung, anderseits als radikale 
Mittel die Unterbrechung der Schwangerschaft oder 
die Nephrotomie mit Anlegung einer Nierenfistel zu 
Gebote. 

Die radikalen Behandlungsmethoden sind nach dem 
heutigen Stande der Frage im allgemeinen zu verwerfen 
und ihre Anwendung kommt nur in verschleppten schweren 
Fällen als letzte Zuflucht in Betracht. Wenn auch nach 
Unterbrechung der Schwangerschaft die Pyelitissymptome 
meist ohne jede weitere Nachhilfe verschwinden und das 
Vorgehen ätiologisch richtig ist, so ist es doch zu ver¬ 
werfen , da die konservativen Methoden des Ureteren¬ 
katheterismus und der Nierenbeckenspülnng bei richtiger 
Technik ebenfalls zum Ziele führen, wobei ohne Schädi¬ 
gung der Mutter das Leben des Kindes erhalten werden 
kann. Die von Pozzi empfohlene Nephrotomie darf nur 
in verschleppten Fällen, also bei einer ausgesprochenen 
Pyonephrose zur Anwendung kommen. Aber auch dann 
stellt die Nierenbeckendrainage eine Gefahr für die Schwan¬ 
gere dar; denn es kann bei einer derartigen Fisteleiterung 
leicht zu einer puerperalen Infektion im Wochenbette kommen. 

Seitdem wir gelernt haben, durch Cystoskopie und 
Ureterenkatheterismus die Pyelitis mit größter Sicherheit 
zu diagnostizieren, sind diese beiden Methoden immer mehr 
und mehr auch Hilfsmittel zur Behandlung des Leidens ge¬ 
worden. Nach den bisher vorliegenden Erfahrungen sind 
wir verpflichtet, jeden Fall von Schwangerschaftspyelitis, 
der auf interne Medikation, Blasenspülungen und Bettruhe 
nicht zurückgeht, lokal zu behandeln. 

Die lokale Therapie besteht einerseits in der Be¬ 
seitigung der Harnstauung durch den Harnleiterkathe- 
terismus und anderseits in der Bekämpfung der Infektion 
des Nierenbeckens durch Spülung desselben mit Argentum 
nitricum und Kollargollösungen; sie entspricht also durch¬ 
aus einer ursächlichen Behandlung. Wenn auch die Erfah¬ 
rungen mit der Lokalbehandlung heute noch nicht groß sind, 
so sind die Erfolge derart günstige, daß wir Ureterenkathe¬ 
terismus und Nierenbeckeuspülung als die Methoden der 
Wahl bezeichnen müssen. Denn wenn auf interne und diu* 
reti8che Maßnahmen auch die klinischen Erscheinungen nach- 
lassen mögen, so besteht häufig Bakteriurie und Pyurie noch 
weiter. Von einer Heilung der Pyelitis kann jedoch nw 
dann gesprochen werden, wenn auch diese Symptome schwin¬ 
den. Dies ist in den meisten Fällen durch die lokale The¬ 
rapie erreichbar. 


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14. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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Berichte über Krankheitsfälle and Behandlungsverfahren. 


Au du Abteilung A des Rigshospitals in Kopenhagen. 

Veber Schwellung der Cnbitaldrüsen bei 
Polyarthritis chronica 

VOtt 

Prof. Dr. T. Elleriuann. 

Durch Pollitzers Abhandlung (Ueber chronischen Gelenk¬ 
rheumatismus mit DrüBenschwellungen und Milztumor) in Nr. 39 
dieser Wochenschrift bin ich veranlaßt worden, in aller Kürze ein 
kleine* Material zu veröffentlichen, das ich seinerzeit während 
neuer Assistenzzeit in der Abteilung A des ehemaligen Kgl. 
Frederikhospitals zu sammeln Gelegenheit hatte. Für die Er¬ 
laubnis der Veröffentlichung bin ich dem Herrn Prof. C. Gram 
dankbar verpflichtet. 

ln einem Falle subakuter Polyarthritis bei einem Kinde fand 
ich außer Gelenkaffektionen auch Milz- und Lymphdrüsenschwellung. 
Dr. Adolf Meyer, dem ich von diesem Fall erzählte, machte 
mich auf die Arbeit Stills aufmerksam. Dies gab mir die Ver¬ 
anlassung, während des Jahres 1909 alle Fälle von Polyarthritis 
chronica mit Bezug auf LymphdrüsenschWellungen zu unter¬ 
suchen. Insbesondere lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf die 
Cnbitaldrüsen, weil dieselben normalerweise nicht fühlbar sind und 
anderseits unter sonstigen pathologischen Umständen selten ver¬ 
größert sind. 

Was die Abgrenzung der Krankheit betrifft, so habe ich 
nur ganz typische Fälle mitgenommen, und zwar solche, die mit 
Tuberkulose, Gonorrhöe, Syphilis und Arthritis urica nichts zu tun 
hatten. Nach Ausschaltung einiger sehr leichter, zweifelhafter 
Fälle umfaßte das Material 28 Fälle, die in jeder Beziehung ty¬ 
pisch waren. Es handelte sich um Erwachsene von allen Altern; 
sowohl Männer wie Frauen waren darin vertreten. In keinem 
Falle handelte es sich um frische Fälle, vielmehr betrug die 
Dauer der Krankheit von % bis 7 Jahre. Die Untersuchung 
des Herzens ergab bei allen Kranken völlig normale Ver¬ 
hältnisse. 

In 13 Fällen — also zirka 50% — konnte ich nun eine 
Vergrößerung der Cubitaldrüsen nach weisen. In 3 Fällen waren 
die Drüsen zirka haselnußgroß (zirka 1,5 cm Diameter), in 4 Fällen 
waren die Drüsen zirka nußkerngroß (zirka 0,8 cm Diameter), in 
6 Fällen waren die Drüsen zirka erbsengroß (zirka 0,5 cm Dia- 
meter). 

Während die rechte Drüse dicht oberhalb des Condylus in¬ 
ternus liegt, findet man nicht selten die linke zirka 3 cm höher 
gelegen. In zwei Fällen wurde nicht eine einzelne, sondern 
eine ganze Reibe von Drüsen gefunden, die in abnehmender 
Größe sich vom Gelenke bis nach der Mitte des Oberarms er¬ 
streckten. 

Mehrmals fand ich in den Krankengeschichten aufgezeichnet, 
daß die Krankheit mit Fieber und Drüsensch wellung an gefangen 
hatte. Diese initiale Drüsenschwellung wird auch zuweilen in den 
Handbüchern erwähnt. Im späteren Verlaufe wird Drüsen- 
ichweHung gewöhnlich nicht verzeichnet und scheint überhaupt 
nach meinen Erfahrungen so ziemlich unbekannt zu sein. Dies¬ 
bezügliche Beobachtungen liegen nur von Chauffard und Ramon 
*>r (1696). 

Der Nachweis dieser Drüsenscbwellungen hat sowohl theo¬ 
retisches wie praktisches Interesse. In der Frage der Aetiologie, 
die noch ziemlich dunkel ist, muß jedes neue Moment willkommen 
begrüßt werden, und ich will es nicht unerwähnt lassen, daß ich 
Chauffard und Ramon zustimmen kann, wenn sie die Drüsen¬ 
schwellung als Argument der infektiösen Natur der Krankheit auf- 
Jwsen. Hierfür spricht auch der nicht seltene ganz akute An- 
«flg. Jedenfalls sollte die Krankheit nicht (auch nicht, wenn sie 
uut tinaetzt) mit dem akuten febrilen Gelenkrheumatismus 
(lebris rheumatica) zusammengeworfen werden. In dieser Be¬ 
ziehung muß speziell darauf aufmerksam gemacht werden, daß die 
Endokarditis fast Regel bei der letztgenannten Krankheit ist, 
während sie bei der Polyarthritis chronica gewöhnlich fehlt. 
Praktische Bedeutung wird die Drüsenschwellung vielleicht da- 
n reh erreichen, daß sie in zweifelhaften Fällen die Diagnose ähn- 
ICien Affektionen anderer Natur gegenüber sichern kann. 


Aus dem Festungslazarett St. Nikolas in Metz. 

Zur familiären Häufung des Carcinoms 

von 

Dr. H. Peiser, Blankenfelde bei Berlin, 

zurzeit im Festungslazarett St. Nikolas in Metz. 

Eine außergewöhnliche Häufung von Krebserkrankungen in 
einer Familie durch mehrere Geschlechter, und zwar mit besonderer 
Bevorzugung eines und desselben Körperteils muß als eine Besonder¬ 
heit angesehen werden, die eine kurze Darstellung rechtfertigt. 

Der 33jährige Wehrmann Sch., der wegen einer andern Erkran¬ 
kung hier behandelt wnrde, wies in der rechten Brustdrüse eine ganz 
kleine Geschwulst auf, die nach wenigen Tagen Erbs'uigröße erreichte. 
Die Geschwulst wurde entfernt: Sie saß in der Subcutis und wurde zum 
Zwecke genauer Untersuchung mit einem Stücke der darunter befind¬ 
lichen Pectoralisfascie, mit der sie verwachsen war, herausgeschnitfcen. 
Die pathologisch-anatomische Untersuchung ergab, daß es sich nicht um 
Carcinom handelte, sondern um eine stark hyperplastische LymphdrUse, bei 
der sich die normale Lympbdrüsenstrnktur größtenteils verwischt hatte. 
Anzeichen für c&rcinomatöse oder sarkomatöse Erkrankung der Lymph* 
drüse waren nicht vorhanden. 

Der Kranke selbst befürchtete, es könne sich um Krebs han¬ 
deln, weil eine krebsige Erkrankung der Brustdrüse mehrfach in 
seiner Familie vorgekommen sei. Er machte darüber genaue An¬ 
gaben, die in dem Stammbaume (Abb. 1) aufgezoichnet sind. 
Wichtig ist auch die Ahnentafeldarstellung (Abb. 2) dieser Ver¬ 
erbung, aus der hervorgeht, daß es sich um eine ausschließlich in 
der weiblichen Linie durch wahrscheinlich drei Generationen fort¬ 
gesetzte, gleichartige Erkrankung der Brustdrüse handelt, die in 
Form der jetzt entfernten Lymphdrüse bei unserm Kranken auf¬ 
getreten ist. Ferner ist das häufige Vorkommen anderer Krebse 
in der Familie bemerkenswert (siehe den Stammbaum). 

I. 

Mutter gestorben an Brustkrebs. (?) 

/- ^ -\ 


Tochter gestorben an Brustkrebs. 

_ A. _ 

r 

1 

1 


~ A 

Tochter 

gestorben 

an 

Brust¬ 
krebs, 
63 Jahre. 

Sohn 

gestorben 

an 

Magen¬ 

krebs, 

65 Jahre. 

Tochter 

gestorben 

an 

B rust¬ 
krebs, 
70 Jahre. 

A 

Sohn 

gestorben 

an 

Zungen¬ 

krebs. 

Sohn 

gestorben 

an 

Lungen¬ 

schwind¬ 

sucht. 

Tochter 

gestorben 

an 

Brust¬ 
krebs, 
38 Jahre. 

r 


i 


Tochter 
eine Ge¬ 
schwulst 
an der 
Haud 

(Operation). 

Sohn eineGesch wulst 
an den Mandeln 
(Operation), jetzt eine 
Resistenz in der 
rechten Mamma, 

33 Jahre. 

und sieben 
bisher 
gesunde 
Kinder. 

□ 

O □ ( 

H. 

D □ 

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Gestorben 
an Brust¬ 
krebs. (?) 

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i i 

Gestorben an Gestorben 

Alters- Longen 

schwäche. tuber¬ 

kulöse. 

□ O 

\_ J 

an Gestorben an Gestorben an 

Alters- Brust¬ 
schwäche. krebs, 

45 Jahre. 

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v._ > 


V 


v— 

1 



| 

Gestorben an 
Alters¬ 
schwäche , 

89 Jahre. 

□ 

V 


Gestorben an 
Brustkrebs, 

70 Jahre, 

o 

. -J 


□ 

Resistenz in der rechten Mamma. 


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14. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


Lenicet bei der Wundbehandlung 

von 

Oberarzt Dr. med. Hiifrich am Kgl. Invalidenhaus, Berlin. 

Boi der Behandlung sowohl frischer als alter verunreinigter Wun¬ 
den spielt die essigsaure Tonerde seit alters her eine ganz hervorragende 
Holle; und in der Tat gibt es wohl kaum eine andere chemische Sub¬ 
stanz, die in gleicher Weise antiseptisch, eiterungsbeschränkend, dabei 
schmerzstillend und kühlend wirkt. Es ist daher nicht verwunderlich, 
daß die bekannte »Essigsäure Tonerde“ (Liquor alum. acet.) kaum in 
einem Haushalt fehlt und gern als erstes Hausmittel bei allen Ver¬ 
letzungen und Unglücksfällen angewandt wird, bis der Arzt etwa andere 
Anordnungen trifft. 

In allen denjenigen Fällen, in denen aus verschiedenen Gründen, 
deren Aufzählung hier zu weit führen würde, eine trockene Wundbehand¬ 
lung der Anwendung feuchter Umschläge mit essigsaurer Tonerde vor¬ 
zuziehen ist, findet das vor Jahren in den Arzneischatz eingeführte Leni¬ 
cet eine ausgedehnte Anwendung. 

Alexander 1 ) berichtet Über die Lenicetpnlparate: „Lenicet unter¬ 
scheidet sich vom gewöhnlichen Aluminium acet. sicc. und Imitationen 
des Lenicets durch seine außerordentliche Feinheit, seine Schwerlöslich¬ 
keit und seine chemische Zusammensetzung. Der eigentümliche thera¬ 
peutische Wert des Lenicets beruht darauf, daß es im Kontakt mit Ge¬ 
weben und Sekreten langsam und daher nachhaltig essigsaure Tonerde 
abspaltet, die unmittelbar zur Wirkung gelangt. Lenicet ist ein ungif¬ 
tiges Antisepticum, es wirkt adstringierend and sekretionsbeBChränkend, 
schmerzstillend und kühlend“. 

Vergleicht man unter dem Mikroskop bei 350facher Vergrößerung 
ein wenig Lenicet mit dem üblichen Alum. acet.-Pulver, so fällt der große 
Unterschied und die staubfeinste Beschaffenheit des Lenicets deutlich in 
die Augen. 

Wie schon oben erwähnt, kommt die Anwendung des Lenicets in 
der Wundbehandlung vorwiegend bei solchen Wunden in Betracht, 
die schon vereitert sind oder bei denen infolge der Ver¬ 
schmutzung eine Eiterung mit großer Wahrscheinlichkeit 
zu erwarten ist. Hier leistet das Lenicet Gutes und ist meiner Er¬ 
fahrung nach in den meisten Fällen der Auwendung der gewöhnlichen 
flüssigen essigsauren Tonerde vorzuziehen. Mit besonderer Vorliebe ver¬ 
wende ich auch das Perulenicetpulver, da durch den Perubalsam¬ 
zusatz die Heilungstendenz angeregt wird. Ich bin der Ansicht, daß bei 
unserer Wundbehandlung der Perubalsam noch nicht die gebührende Ver¬ 
breitung gefunden hat. Seitdem ich vor Jahren einmal in einem Fabrik¬ 
betrieb eine bis auf die Knochen zerfetzte Hand, bei der man schon an 
eine Amputation denken mußte, unter Anwendung einfacher Perubalsam- 
salbenverbfinde in ganz Überraschend kurzer Zeit heilen sah, pflege ich 
insbesondere bei unregelmäßigen nnd schlecht heilenden Wunden mit 
Vorliebe Perab&ls&mprftparate anzuwenden. Die Kombination von Leni¬ 
cet und Perubalsam hat sich mir bewährt, und zwar sowohl in der Form 
des Perulenicetpulvers als auch in der Form der Pernlenicetsalbe. Wel¬ 


ches von diesen beiden Präparaten im gegebenen Falle den Vorzug ver¬ 
dient, richtet sich nach den Anzeigen für trockene oder Salben- 
behandlung. 

Aus der großen Zahl der von mir mit den Lenicetpräpar&ten be¬ 
handelten Fälle möchte ich im folgenden nnr einige wenige kurz be¬ 
schreiben: 

Ernst T., 21 Jahre, Unteroffizier. Verwundung am linken Unter¬ 
arme dnrch Streifschuß. Wunde schien anfangs gut zu heilen, jedoch 
begann nach sechs Tagen ziemlich starke Eiterung, die zwischen der 
Muskulatur in die Tiefe ging. Feuchte Behandlung wurde schlecht ver¬ 
tragen; ich ging daher zu trockener Behandlung mit Perulenicetpulver 
über. Erfolg überraschend; die Eiterung ließ schon nach wenigen Tagen 
nach, es bildeten sich gute Granulationen. Ich ging sodann zur Salben¬ 
behandlung mit Perulenicetsalbe über und hatte den Erfolg, daß der Pa¬ 
tient nach insgesamt 20 tägiger Behandlung als geheilt entlassen werden 
konnte. 

Fritz K., Gefreiter. Ziemlich schwere Verletzung der Weichteile 
des rechten Oberschenkels durch Schrapnell. Hier trat trotz sofortiger 
antiseptischer Behandlung eine starke Eiterung der stark zerfetzten 
Wunde ein. Ich ließ in diesem Falle sofort Perulenicetpulver anwenden 
und konnte schon nach fünf Tagen ein merkliches Nachlassen der starken 
Eiternng konstatieren. Ungestörter Wund verlauf, gute Granulation, so- 
daß der Patient nach fünf Wochen als dienstfähig entlassen werden 
konnte. 

Erich S., 23 Jahre alt Rißwunde von etwa 20 cm Länge nnd 
beträchtlicher Tiefe am rechten Oberschenkel, durch Fall in ein rostiges, 
spitzes Eisen. Muskulatur ziemlich Btark zerrissen. In diesem Falle wir 
zunächst von anderer Seite ein trockener Verband mit Jodoform ange¬ 
legt worden und ich erhielt den Patienten erst drei Tage später in Be¬ 
handlung. Starke Eiternng und zahlreiche abgestorbene Gewebs fetzen, 
die nach Möglichkeit entfernt wurden, Reinigen der Wunde mit Wasser¬ 
stoffsuperoxyd. Sodann Perulenicetpulver. Ziemlich rasches Nachlassen 
der Eiterung innerhalb einiger weniger Tage, gute Granulationsbiidnng. 
Allmählich ging ich zu Salbenverbänden mit Perulenicetsalbe über. Nach 
insgesamt sechs Wochen als dienstfähig entlassen. 

Hauptmann a. D. Albert v. K„ 52 Jahre alt, leidet Beit einer Reihe 
von Jahren an Untergchenkelgeschwüren, die trotz der bisherigen Be¬ 
handlung nicht heilen wollten. Auch in diesem Falle war die Behand¬ 
lung mit Perulenicetsalbe von recht günstigem Erfolge. Die vorherige 
starke Eiterung ließ schon nach acht Tagen erheblich nach, auf dem 
schlaffen Grande des Geschwürs zeigten sich frische Granulationen und 
nach etwa sechs Wochen war die Wunde völlig verheilt. 

Feldwebel F. R., 43 Jahre alt, chronisches Ekzem an den Geni¬ 
talien, welches bisher mit Jodoform, Dermatol, Airol vergeblich behan¬ 
delt wurde. In diesem Falle machte ich erst einen Versuch mit Peru¬ 
lenicetpulver, ging dann zu Perulenicetsalbe über und konnte konsta¬ 
tieren, daß die letztere bei weitem güustiger wirkte. Die aasgebreiteten 
Ekzeme, welche bereits seit etwa sechs Monaten bestanden und allmäh¬ 
lich sich weiter verbreitet hatten, heilten in etwa sieben Wochen ab. 

Sergeant R. G., 25 Jahre alt, litt im Auschluß an eine Schu߬ 
wunde im linken Unterarme, die in anderweitiger Behandlung recht gut 
verheilt war, an einem chronischen Ekzem in der Umgebung der ziem¬ 
lich langen Narbe (es hatte infolge der Eiterung der Wunde eine ziem¬ 
lich ausgedehnte Incision gemacht werden müssen). Auch in diesem 
Falle bewährte sich die Perulenicetsalbe recht gut. 


Aerztiiche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche nnd Privat-YersicheruBÖ. 

Redigiert von Dr Hermann Kugel. Berlin W 30. 


Bilaterale nucleäre Hypoglossuslähmung und Parese 
beider Arme durch Unfall 

von 

S&n.-Rat Dr. Kaess, Gießen, 

Vertrauensarzt der Kgl. Elsenbahndirektion Frankfurt &. M. 

Am 13. November 1913 kam der Schaffner L. Fr., als er 
auf den von der Station K. bereits ausfahrenden Zug aufspringen 
wollte, zu Fall. Als Art der Verletzung ist in der Unfallanzeige 
einfach Schlaganfall notiert. Die Kgl. Eisenbahndirektion forderte 
von mir ein Gutachten über die Wahrscheinlichkeit des Zusammen¬ 
hangs des Schlaganfalls mit dem erlittenen Unfälle. 

Bei der Ankunft in seinem Stationsorte gab Fr. den Vor¬ 
gang in der obigen kurzen Weise zu Protokoll und berichtete als 
Folgen über Schmerzen in der rechten Schulter, der Herzgegend 
und im linken Beine. Der Fahrdienstleiter Cr., welcher den Vor¬ 
gang beobachtete, ssgte aus, daß Fr. beim Einsteigen in den fah¬ 
renden Zug vom Trittbrette herabfiel und dann „versuchte, noch¬ 
mals aufzuspringen, wobei es ihm nioht gelang, einen Handgriff 
zu erreichen. Das Ganze machte den Eindruck, als ob der Ver¬ 
unglückte nicht Herr über seine Kräfte war“. 

l ) Zbl. f. d. ges. Ther. 1918, H. 7. 


Nachdem Fr. zum zweiten Male herabgefallen war, wurde 
der Zug zum Halten gebracht, Cr. trat zu Fr., der ihm auf seine 
Frage, ob er sich verletzt habe, gar keine Antwort geben konnte, 
und war ihm beim Aufstehen behilflich. Der behandelnde Bahn¬ 
arzt Dr. S. benennt in der Krankmeldung am 14. November 1913 
die Krankheit als Schlaganfall und unterläßt eine Bemerkung, ob 
die Erkrankung infolge einer Verletzung im Dienst erfolgt sei. 
In dem später geforderten Gutachten hält es Dr. S. für wahr¬ 
scheinlich, daß der Unfall den Schlaganfall ausgelöst hat, indem 
Fr. vermutlich eine Schädelbasisverletzung erlitt, welche bei der 
Brüchigkeit der Blutgefäße (Aderverkalkung) eine Blutung ms 
Gehirn bewirkte. Dr. S. hält Fr. dauernd untauglich für den Dienst 
als Schaffner. 

Zur Untersuchung erschien der 50 Jahre alte Schaffner Fr. 
am 2. Mai 1914 bei mir in Begleitung seiner Frau, deren Hute 
bei der Unterhaltung erforderlich war, da die Sprache des Ur. 
jetzt fast unverständlich ist. Immerhin kann durch Fragen fos * 
gestellt werden, daß Fr. entsprechend der Schilderung in den Akten 
| am 13. November 1913 zweimal vom Trittbrett eines ausfabrenden 
Zuges herabfiel, da er durch Dan obengreifen den Handgriff mc 
erreichte. Fr. fiel auf die linke Brustseite zu Boden. An seinem 
Stationsort angelangt, suchte Fr. wegen der Schmerzen in d 0r 
linken Brust und am Beino den Arzt auf, dem seine Sprache so- 


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UNIVERSUM OF IOWA 




14. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


195 


gleich auffiel. Der Gang zum Arzt sei ihm nicht gut bekommen, 
sodafi er am folgenden Tag um dessen Besuch bitten mußte. 

Die Ehefrau schildert nun den weiteren Verlauf so, daß die 
anfangs noch wenig auffallende Sprachstörung allmählich zuge- 
noinmen habe, bis nach etwa zwei Monaten die Sprache schon 
undeutlich gewesen sei. In dieser Zeit habe sich auch eine 
Schwäche zuerst im linken Arm eingestellt, die dann später auch 
den rechten Arm ergriffen habe. Darauf sei die Sprache fast un¬ 
verständlich geworden, sodaß Fr. wohl einzelne Worte hervor- 
bringen konnte, die man jedoch häufig mehr dem Laute nach er¬ 
raten mußte, von dem Aussprechen eines Satzes sei schon lange 
keine Rede mehr. 

An diese Sprachstörung hätte sich dann eine Erschwerung 
des Essens etwa seit Februar dieses Jahres angeschlossen. Jetzt 
vermöge Fr. sehr schlecht zu schlucken, feste Speisen könne er 
gar nicht genießen, auch Flüssigkeiten kommen leicht zurück, am 
besten würden noch breiige Speisen hinabbefördort. 

Ueber Schmerzen klage Fr. nie; der Schlaf sei gut und fest, 
der Appetit wäre wohl vorhanden, der Stuhlgang neige zur Ver¬ 
stopfung. Sonst ist Fr. geistig frisch, hat Interesse für die Vor¬ 
gänge, liest die Zeitung und nimmt Anteil an allem. Die Stim¬ 
mung ist im allgemeinen gut, wenn Fr. auch zuweilen gereizt 
oder weinerlich wird, wenn er sich schlecht verständlich machen 
kann. Fr. soll früher nie ernstlich krank, im Genüsse von alko¬ 
holischen Getränken stets sehr mäßig gewesen sein, geraucht habe 
er zu Hause pro Tag zwei bis drei Pfeifen, unterwegs zuweilen 
eine oder wenige Zigarren. Seit 1889 verheiratet, besitzt Fr. 
drei gesunde Kinder, eins sei mit neun Monaten an Durchfall, 
eins an den Folgen einer Verbrennung gestorben. Nach diesen 
Kindern habe seine Frau eine Fehlgeburt im dritten Monat gehabt. 

Befund: Das Gesicht des leidlich gut genährten Mannes 
macht einen freundlichen, keineswegs verstimmten Eindruck. Fr. 
wischt sich häufig mit dem Taschentuch den ausfließenden Speichel vom 
Mund ab. Die Intelligenz ist nicht gestört, das Gedächtnis ist gut. 

Der Kopf ist nirgends auf Klopfen, die Orbitalnerven sind nicht 
auf Druck besonders empfindlich. Bewegungen des Halses werden 
leicht ausgeführt, sie erzeugen ebenso wie starkes Sehen in die 
flöhe keine Schwindelerscheinungen. Die Pupillen sind gleich, 
mittelweit und ziehen sich auf Lichteinfall gut zusammen. Die 
Augenbewegungen sind frei. Das Gebiet des oberen Gesic'nts- 
nerrenteils ist in seinen Funktionen nicht gestört (Stirnrunzeln, 
Naserümpfen, Augenschließen). Das Aufblasen der Backen gelingt 
nicht wegen mangelhaften Lippenschlusses. Fr. kann den Mund 
nicht zum Pfeifen spitzen. Der Speichel fließt zeitweise aus dem 
Munde. Die Zunge kann nicht hervorgestreckt werden, sie liegt 
auf dem Boden der Mundhöhle schwer und unbeweglich, zuweilen 
macht sich an ihrer Oberfläche ein leichtes Muskelzittern bemerk¬ 
bar. Die Zunge erscheint in ihrem Umfang und in ihrer Gestalt 
nicht wesentlich verändert-, scheinbar ist die rechte Hälfte etwas 
besser wie die linke gewölbt. Das Gaumensegel ist nicht gelähmt. 

Die Sensibilität ist an der Haut des Kopfes, Gesichts, des 
Halses, am Rumpf und an den Extremitäten unverändert. Die 
Wirbelsäule ist frei beweglich und nirgends schmerzhaft. Die 
Lungen lassen krankhafte Veränderungen nicht erkennen. Das Herz 
ist nicht vergrößert, die Herztöne sind rein. Der Puls ist regel¬ 
mäßig, weist 84 Schläge in der Minute auf. Die Schlagader¬ 
wandung fühlt sich härter an, die Schläfenarterien zeigen deut¬ 
liche Schlängelung. Der Blutdruck entspricht nach Riva-Rocci 
l^mm Hg, ist also abnorm gesteigert. An den Unterleibs- 
jrganen sind Krankheitserscheinungen nicht nachweisbar. Der 
Lrin hat specifisches Gewicht = 1012, ist frei von Eiweiß und 
Zucker. 

Die Muskulatur beider Arme ist schlaff. Der rechte Arm 
kann, wenn auch langsam, aktiv bis etwas über die Horizontale 
seitwärts erhoben werden, während der linke Arm nur bis zu 
einem Winkel von höchstens 45 o vom Körper nach vorn und 
außen weg- und aufwärtsbewegt werden kann. Die Drehbewegung 
'f- 1® rechten Schultergelenk aktiv noch leidlich gut, links kann 
•kr Arm entsprechend der Bewegungsbeschränkung an sich nur 
Mge Kreisbewegungen ausfübren. Die Arme können im Eli- 
bogengeienbe beiderseits gebeugt werden, doch namentlich links 
Vilich langsam und ohne Kraft. 

, den Muskeln des Vorderarms, insbesondere den Muskeln 
JJ.*™ kt eißa Abmagerung nicht zu erkennen. Der Hand- 
, y der rechten Hand geht gut vor sich, beim Oeffnen bleibt 
er Zeigefinger etwas zurück, der jedoch allmählich gestreckt 
er en kann. Der Handschluß der linken Hand vollzieht sich 
beim Strecken der Finger bleiben anfangs der Zeige-, 


Ring- und kleine Finger zurück. Auch mit der rechten Hand 
kann Fr. nur mit Mühe einen Knopf öffnen, links überhaupt nicht. 
Die ausgespreizten Hände zittern nicht. Bei Entgegen führen der 
Zeigefingerspitzen tritt kein Zittern auf. Der Gang läßt Verände¬ 
rungen nicht erkennen, er ist sicher und gibt Fr. an, größere 
Strecken gut gehen zu können. Die Bewegungen der Beine voll¬ 
ziehen sich auch bei geschlossenen Augen geordnet. Stehen mit 
Fuß- und Augenschluß ruft kein Schwanken hervor. Die Knie¬ 
scheibenbandreflexe sind beiderseits gleich, deutlich, doch nicht 
verstärkt auslösbar. Babinskiphänomen nicht vorhanden. 

Beurteilung: Als Ergebnis der Untersuchung ist zunächst 
die Lähmung der Zunge mit der auffälligen Sprach- und Schluck¬ 
störung, die Lippenparese, die Schwäche beider Arme, am aus¬ 
gesprochensten linkB, sowie die Schlagaderwandverhärtung (Arterio¬ 
sklerose) zu verzeichnen. 

Abgesehen von der sicher schon lange vorher bestehenden 
Arteriosklerose ist die Sprachstörung plötzlich aufgetreten und im 
Anschluß an den Unfall von dem behandelnden Arzt sogleich 
beobachtet worden. 

Diese Sprachstörung, welche auf der Lähmung der Muskula¬ 
tur beider Zungenhälften beruht, die auch die Schluckstörung be¬ 
dingt, hat sich allmählich bis zu dem heutigen Zustande ver¬ 
schlimmert. Daneben hat sich noch die Schwäche zuerst des 
linken und später des rechten Armes entwickelt. Das Krankheits¬ 
bild hat sich plötzlich und zeitlich anschließend an den Unfall 
eingestellt und bestand zunächst in einer erkennbaren Funktions¬ 
störung der Zungenmuskelnerven. Als Ursache wird eine Blutung 
anzuschuldigen sein, welche durch Platzen eines durch die Arterio¬ 
sklerose veränderten Blutgefäßes entstanden ist und eine Stelle 
betroffen hat, an der es möglich war, entweder sogleich oder im 
späteren Verlaufe beide Zungenmuskelnerven zugleich zu schädigen. 
Diese Möglichkeit ist an einer bestimmt umschriebenen Stelle in 
dem verlängerten Marke gegeben, wo ein verhältnismäßig sehr 
kleiner Bluterguß die nahe beieinander gelegenen Nervonkerne der 
Zungenmuskelnerven (Nervus bypoglossus) zu treffen vermag. 
Doppelseitige Lähmung der Zungenmuskulatur ist die Folge, und 
auch die isolierte Lippenparese wird durch die Mitbeteiligung des 
Hypoglossuskerns an der Innervation des Lippenanteils des unteren 
Facialis bedingt. 

An dieser Stelle kann dann auch die gleiche Ursache eine 
Leitungsstörung der motorischen Nervenbahnen für die Extremi¬ 
täten durch Einwirkung auf die nahegelegenen Pyramidenbahnen 
veranlassen. 

Es ist nun in hohem Grade wahrscheinlich, daß durch die 
immerhin nicht unerhebliche Erschütterung des Körpers und des 
Kopfes bei dem Sturze des Fr. von dem bereits fahrenden Zug ein 
kleines brüchiges Blutgefäß in dem verlängerten Marke zum 
Platzen gebracht wurde. Diese so entstandene kleine Blutung hat 
zunächst eine Schädigung wohl gleichzeitig in dem Gebiete der 
beiden Hypoglossuskerne verursacht und später Veränderungen in 
der umgebenden Substanz geschaffen, welche auch die an dieser 
Stelle nahegelegenen Nervenbahnen für die Bewegung der Ex¬ 
tremitäten (Pyramidenbahnen) wenigstens teilweiso in Mitleiden¬ 
schaft gezogen haben. Es ist wohl anzunehmen, daß in dem Ge¬ 
biete der Blutung ein Erweichungsherd sich entwickelt hat. So 
entstand die jetzt vollständige Zuugenlähmung, welche die Sprach- 
und Schluckstörung bedingt, sowie in der weiteren Entwicklung 
des Krankheitsherds die lähmungsartige Schwäche des linken ynd 
später des rechten Armes. 

Es ist also als Ursache für diese durch einen Bluterguß mit 
nachfolgendem Zerfalle des geschädigten Gewebes in dem Gebiete 
der Hypoglossuskerne sowie der Pyramidenbahnen bedingte doppel¬ 
seitige Zungenlähmung Bowie der lähmungsartigen Schwäche der 
Arme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Unfall 
zu beschuldigen. 

Die Annahme, daß diese Blutung bereits vor dem Unfall 
eingetreten sei, worauf die Angabe des Fahrdienstleiters hin- 
deuten könnte, „daß es den Eindruck machte, als ob der Ver¬ 
unglückte nicht Herr seiner Kräfte war“, ist nicht berechtigt. 
Denn erstens bezog sich diese Angabe wohl auf den zweiten Ver¬ 
such, beim Aufspringen auf das Trittbrett mit der Hand den 
Handgriff zu erreichen, nachdem Fr. bereits das erstemal abge¬ 
stürzt war. Sodann hat die kleine Blutung eine Stelle getroffen, 
welche das Bewußtsein zu stören nicht geeignet war, und haben 
Schädigungen der Armfunktionen sicher in diesem Momente wie 
auch in den nächsten Tagen nicht bestanden. Fr. ist durch seinen 
jetzigen Zustand für alle Dienstzweige, und zwar, da eine Wieder¬ 
herstellung nicht zu erwarten ist, duuernd untauglich. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 





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1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberant Dr. Walter Wolff, Berlin. 


Sammelreferat 

Soziale Hygiene und Demographie 

von Dr. Peter Misch, Charlottenburg. 

Es ist ein agrar-konservativer politischer Glaubenssatz, daß 
die Landwirtschaft von größter Bedeutung auch für die Rekrutie¬ 
rung und Wehrkraft der Nation ist. Doch hat der Satz nur be¬ 
dingte Geltung, wie die Untersuchungen über Militärtaug¬ 
lichkeit und Berufstätigkeit (1) zeigen, die von 
Noack in Oesterreich-Ungarn, insbesondere in Wien, angestellt 
hat. Die Kardinal frage dieser Untersuchungen ist nämlich, ob und 
wie die Wehrkraft Oesterreich-Ungarns davon betroffen wird, wenn 
die Mehrheit der Staatsbürgerschaft in Industrie, Handel und Ver¬ 
kehr oder in der Landwirtschaft berufstätig ist. Nun läßt sich der 
Grad der Militärtauglichkeit ganz gewiß nicht durch ein einziges 
Moment erklären, sondern nur durch ein Zusammenwirken man¬ 
cherlei und zum großen Teil imponderabler Umstände; auch wird 
mau die vielfach „ungleiche sanitäre Elle“ und die Privilegien be¬ 
rücksichtigen müssen, die die österreichischen Wehrgesetze den 
Landwirten, den Wehrpflichtigen kirchlichen Standes, den Lehrern, 
den Familienerhaltern usw. einräumen; aber das alles berück¬ 
sichtigt, bleiben die Ergebnisse der Untersuchungen, daß der Grad 
der Militärdiensttaugliclikeit einer Bevölkerungssehicht nicht, durch 
die Berufstätigkeit, nicht durch den „landwirtschaftlichen“ oder 
„industriellen“ Charakter derselben bedingt ist, daß er vielmehr 
insbesondere bei städtischer Bevölkerung wesentlich abhängt von 
dem Verhältnis, in dem Bevölkerungszahl, Gesamtgrundfläche und 
unbebaute Fläche zueinander stehen und daß mit der zahlen' 
mäßigen Zunahme der wirtschaftlich Selbständigen auch die Zahl 
der Rekruten steigt. Also nicht die landwirtschaftliche Berufs¬ 
tätigkeit ist es, die mehr als jede andere das Individuum militär¬ 


diensttauglich hält, sondern diese Wirkung beruht auf dem Land¬ 
aufenthalt, auf dem Wohnen in freier, ländlicher Umgebung, im 
Gegensatz zur engen, luft- und lichtarmen Stadt. Da Oesterreich 
bis jetzt vorzugsweise Agrarstaat, sich neuerdings stark zum Indu¬ 
striestaat entwickelt, sind diese Ergebnisse von noch besonderer 
Bedeutung. Denn wenn der industriellen Entwicklung Oesterreichs 
eine großzügige und intensive soziale Reformarbeit, insbesondere 
auf den Gebieten des Arbeiterschutzes, der öffentlichen Wohlfahrts¬ 
pflege, des Städtebaues und der Wobnungspolitik vorangeht, wird 
sie nicht eine Schwächung, sondern eine eminente Steigerung der 
Wehrkraft der in der Doppelmonarchie vereinigten Nationen zur 
Folge haben. 

Die Frage des Geburtenrückgangs wird von Dr. phil. Herrn- 
b e r g (2), Kiel, in einer Arbeit „Zur Schwankung der Geburten¬ 
ziffer“ behandelt, für die er die Geburten eines kleinen Kirchspiels 
in Holstein, das von seinen umliegenden Marschen ganz isoliert ist, 
für über 200 Jahre, von 1647 bis 1912, zugrunde gelegt hat. Kr 
findet bei diesen Untersuchungen eine regelmäßige Schwan¬ 
kung der Geburtenziffer, periodische Schwankungen von 25 bis 
30 Jahren, die natürlich durch die vielseitigsten Umstände, denen 
die Geburtenziffer ausgesetzt ist, beeinflußt werden, sodaß der 
Autor den Geburtenrückgang unserer Tage beinahe als 
eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen ansehen 
möchte. Eine Regelmäßigkeit des jahreszeitlichen Geburten ver¬ 
lauf», der Schwankungen der Eheschließungsziffer usw. zugegeben, 
und selbst zugegeben, daß für 1700 und 1800 sich die Verhältnisse 
des holsteinischen Kirchspiels rein erkennen lassen, für unsere Zeit 
dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß die Geburtenziffer im 
weitesten Maße künstlich heruntergedrückt wird. 

Literatur: 1. Viktor Noack, Militärdieusttauglichkeit und Berufstätig¬ 
keit. soziale Stellung und Wohnweise in Oesterreich-Ungarn, insbesondere in 
Wien. (Arch. f. Hyg. Bd. 10, H. 1 u. 2.) — 2. P. Herntberg, Kiel, Zur Schwan¬ 
kung der Geburtenziffer. Ibid. 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 5. 

Melchior (Breslau): Ueber den Begriff der ruhenden Infektion 
lu seiner Bedeutung für die Chlrnrgie. Die in das Gewebe einge- 
dnmgomm Bakterien werden im Fall einer primären Wundhrilung ent¬ 
weder sofort infolge der äußeren Blutung herausgeschwemmt oder durch 
die eiiisetzenden immunisatorischen Schutzvorrichtungen des Gewebes 
frühzeitig vernichtet. Der letztere Vorgang kann aber gelegentlich mich 
du hei stehen bleiben, daß nur eine Einkapslung, eine zeitweise Se¬ 
questrierung der Bakterien erfolgt, und so die Möglichkeit offen bleibt, 
daß diese eventuell später noch ihre schädigende, nunmehr auch klinisch 
ls Infektion imponierende Wirksamkeit entfalten können. In manchen 
P;ilb*n bildet sich diese zeitweilige Latenz erst nach einem auch klinisch 
;iks infektiös charakterisierten Initialstadium aus. Ganz ähnliche Verhält¬ 
nisse finden sich auch bei den auf dem Blutwege vermittelten bakteri¬ 
ellen Prozessen. Ein Beispiel bilden die posttyphösen Eiterungen. Wenn 
wir also bei dem in Frage kommenden Zustande von Heilung sprechen, 
sobald die klinischen Symptome verschwunden sind, so muß man sieh 
kianiiaehen, daß dies noch keineswegs immer einer Heilung im bak¬ 
teriologischen Sinne gleichzukommen braucht, sondern auch nur eine La¬ 
tenz, eine Ualbimmunität, die den Keim des Rezidivs oder der Metastase 
schon in sich trägt, bedeuten kann. 

Richter (Berlin): Die Kartoffel als Yolksnahrungsmittel. Ein 
Mangel an Kartoffeln ist so gut wie ausgeschlossen. Ihr Nährstoffgehalt, 
schwankt innerhalb weiter Grenzen. Die Kartoffel stellt ein eiweißarmes 
und fast fettfreies Nahrungsmittel dar. Sie erleidet beim Schälen einen 
Verlust von 22,5%. Die Frage nach dem Nährwerte der Kartoffel steht 
in einem engen Zusammenhänge mit der Frage des Eiweißbedarfs. Unter 
allen Vciretabilien steht die Kartoffel am günstigsten da. Ihr Hauptwort 
liegt in ihrer Bedeutung als Beikost respektive als Ersatz für andere 

Veectahilien. 

Aufrecht (Magdeburg): Chinin oder Optochin gegen Pneu¬ 
monie. Die jahrelange Anwendung von Chinineinspritzungen bei Lungen¬ 
entzündungen hat gezeigt, daß die frühere Sterblichkeit auf fast die 
Hälfte durch die Cbininanweudung herabgesetzt werden konnte. Sic*betrug 
bei dem großen Material des Verfassers 8.4%. Er gibt daher, da das Optochin 
unangenehme Nebenwirkungen zeigen kaum dem Chinin den Vorzug. 

Skulle v (Berlin-Charlottenb i i rg i : Die U ntersuchungen des Magens 
miRels Sekretionskurven. Durch die Anl^uUg von Afheitskiirven des 


Magens, eine Methode, welche sich an die bewährten Pawlowschen an¬ 
lehnt und die in der Praxis ohne wesentliche Schwierigkeiten auszuhiliren 
ist, gewinnen wir einen zuverlässigen Einblick in die Tätigkeit des Magens. 

Oed er (Dresden): Bemerkungen zur Frage der „konstitutio* 
nellen* Fettsucht. Im Interesse der Gleichmäßigkeit wissenschaftlichst 
Arbeiten über die Frage der Fettsucht empfiehlt es sich dringend, nur 
den Grundumsatz des „Normalgenahrten“, und zwar mindestens des 
gleichgroßen, gleichgeschlechtigen und gleichaltrigen Normalen zum 
Vergleiche heranzu/ichen und dabei nur erhebliche, das heißt über 20% 
herabgelmnde Umsatzzahlen als für Herabminderung des Stoffwechsels 
beweiskräftig gelten zu lassen, nicht, aber schon kleine Differenzen. 

Scliaefer (Buch): Beitrag zur Technik der gefensterten Gips- 
verbände. Verfahren zur schnellen und sicheren Anlegung von ge¬ 
fensterten Gips verbänden. Ueber die Einzelheiten der Technik muß auf 
das Original verwiesen werden. Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5. 

August Bier: Heber Kriegsaneurysmen. Vortrag, gehalten im 
„Kriegsärztlichen Abend“ in Berlin am 1. Dezember 1914. (Siehe Nr. 50. 
1914 d. W.. S. 1809.) 

Madelung (Straßburg): Einige Kriegsverletzungen des Oeso¬ 
phagus. Bei einem mit Halswuude Behafteten kann die Erkennung einer 
(tcsnpliuitiisvrrbdzung zu einer Zeit, wo ärztlich zu helfen noch n^lii \ 
ist, sehr schwierig sein. Auf jeden Fall muß man bei sofort nach der 
Venvumlung auftretenden Schlingbeschwerden immer an eine Oeso¬ 
phagus Verletzung denken und dementsprechend ärztlich behandeln, a er 
die Einführung eines Oosuplmgoskops ist nicht statthaft. Auf Grund einer 
Wahrsehoinliehkeitsdiagnose ist oft eine tiefe Oesophagusernährungs 
fiste] oder hei tieferem Sitz der Oesophagusverwundung, im besonderen, 
wenn diese im Brustteile liegt, eine Magen ernährungsfistel anzuksren. 
Fast alle vom Verfasser beobachteten ScluißverlctZungen des Oesopiagus 
emiiulcn mit dem Tode. Wahrscheinlich wird lud frühzeitiger Erkennung 
der frühzeitig vorgenommenen Halswundenerweiterung, der Eröffnung von 
modiastinalen Abscessen und vor allem die gänzliche Ausschaltung e- 
verletzten Speiserührenteils es ermöglichen, mehr Verletzte dieser * 
zu rotten. 

Riedel ideuai: Erfahrungen über Furunkelmetastasen. 11 ' 

Es starben mehr Manschen an Furunkelmetastasen als an direkt oi t 


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UMIVERSITY OF IOWA 




H. Februar, 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7, 


197 


setzter Thrombophlebitis purulenta. Es kommen nicht nur Metastasen 
in ihn Weichteilen, sondern auch in den Knochen vor. Weich teil- 
raetastusen lokalisieren sich oft im Gehirn, in den Muskeln, besonders 
aber im perinephrilischen Gewebe. Der oberflächlich gelegene Furunkel 
kann zunächst mit Abtragung des obersten Deckhüutchens und mit Salben- 
verband behandelt werden. Bei rasch sich entwickelndem Infiltrat ist 
ein derber Kreuzschnitt angezeigt, und zwar unter Aethersprav (dessen 
Wirkung ist nur dann genügend, wenn die Gewebe blutleer oder wenig¬ 
stens blutarm gemacht sind). Tiefsitzende Furunkel sind sofort zu spalten, 
Karbunkel in tote zu exstirpieren. 

Wiewiorowski: Zur Behandlung der krlegschfmrglsche» 
Blutung. In der vordersten Linie, das heißt auf den Truppenverband¬ 
plätzen. ist mit Unterbindungen großer Gefäßstärame nicht zu rechnen; 
es ist ein Felder, wenn der Truppenarzt in der Wunde herumsucht und 
knimzeiTt. Zur Unterbindung gelangen nur eben die spritzenden Neben¬ 
äste. die der Klemme von außen her ohne eingreifendes Herumsuchen in 
der Wunde zugänglich sind. Der Verfasser wendet sich scharf gegen 
die von Krankenträgern vorgenommene Abschnürung der verletzten 
Glieder mit einer elastischen Binde. Man findet bei deren Anwendung 
durch Laien fast durchweg eine unvollständige Abschnürung, eine 
richtige Stauung, wodurch erst eine venöse Blutung entsteht und außer¬ 
dem dem Verletzten noch unsägliche Schmerzen bereitet werden, ganz 
abgesehen von so mancher Gangrän. Mit dem Umschnüren durch 
Kameraden wird aber geradezu ein Unfug getrieben. Bei jeder, auch 
der geringsten Blutung werden Hosenträger, Riemen und dergleichen 
angelegt, ."ehr zum Nachteil der Verwundeten. Soll das Anlegen der 
elastischen Binde wirklich zweckmäßig sein, so darf das eben nur der 
Arzt tun. 

Manfred Fritz (Arolsen): Zur Schienenfrage. Verfasser ver¬ 
wendet hei allen Knochenverletzungen Gipsschienen, die ohne jede* Pol¬ 
sterung naß direkt auf die Haut angelegt werden. Ihre Technik wird 
eingehend beschrieben. Die Vorteile dieser naß aufgelegten Gipshaut- 
schienen sind*. Rasches Fertigstellen ohne Zeitverlust und ohne schwierige 
Vi.rkreknnir. sichere Fixierung, erleichterte Revision der Wunden, Ver¬ 
hütung von Gelenkversteifungen, einfache Herstellung selbst für Unge¬ 
übte. Ersparung des Polstermaterials und der gewöhnlich raitgeführten 
Schienen. 

R it.se hl fFreiburg i. B): 12 Gebote zur Verhütung des 

Irfippeltums bei onsern Kriegs verwundeten. Sie sind dazu be¬ 
stimmt. als Plakate in den Lazaretten aufgehängt zu werden, und 
zwar zur ständigen Erinnerung für den Verwundeten und das Sanitäts- 
P'wmI. (Zu beziehen vom Verleger der Freiburger Zeitung in Frei- 
hiirg i. B.) 

Ludwig Pincussohn (Berlin): Ueber Oxalnrie. Vortrag, ge¬ 
halten im Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde in Berlin am 
15. Juni 1914. 

A. Hahn (Berlin): Eine einfache Methode der quantitativen 
HarnMoffbestimmnng in kleinen Blutmengen für die Zwecke der 

Nierendiognoirtik. Sie beruht auf der Verwendung der Soja-Urease, 
mittels der bekanntlich der Harnstoff im Urin exakt und einfach nach- 
znwoi-en ist, imd auf der Bestimmung der Alkalinität der serösen Flüssig¬ 
keit mittels der Jodometrie. 

Alter (Lindenliaus): Bohrähnliche Darmerkrankungen. Sie 

wurden vom Verfasser in ausgedehnten Epidemien beobachtet und waren 
‘lürch Streptokokken erzeugt worden. Diese epidemische, septische 
IWloruhr verläuft aber nicht immer harmlos, sondern kann eine sehr 

Wendung nehmen und auch zum Tode führen. Es dürften bei 
'l ^er Erkrankung Beziehungen zum lymphatischen Halsapparnt bestehen. 

Schatz (Rostock): Pseudoappendicltis ultraforinis an sich 
selbst beobachtet. Sie trat bei dem Verfasser zweimal auf nach dem 
'" luß unwkleinerter, unverdaulicher Speisen. Beide Male fand sich an 
| ,Vr typischen Stelle in der Ileocoecalgcgend ein schmerzhafter, harter 
Lraer von Apfelgröße. Das eine Mal waren im nächsten Stuhlgänge 
,n,, ‘ l ‘L m Anfalle die Scvbala alle einzeln lind sehr hart, von über 
KifsdiengniUe. und zwei davon durch eine längs rabenfederkieldick zu- 
-ainm**nuredreI»te Fascie (von einer am Abende vorher genossenen 
rohen Schinkens) hantelartig so verbunden, daß die gelblich 

iüM’ie als llantelgriff 3 cm lang war. Es dürfte sicli wahrscheiu- 
'rii lim einen Krumpf aller die Valonta Banhuri umgehenden Darm teile 
,|ß 'I riadurch erzeugten schmerzhaften Tumor gehandelt haben. Nach 
s 'lifiell und ohne Fieber verlaufenden Anfällen von „Appendicitis“ sollte 
‘'l'"' '' ;l ' ier *dets im Stuhlgänge nacli den Ursachen suchen, da viele 
‘"n-<hen die Gewohnheit haben, unvollständig zu kauen. Manche 
*<melle Heilung nacli „Appendicitis" wird so leicht erklärlich; des- 
11 lu-n mancher Fall mit häufigeren, aber nicht fieberhaften Anfällen. 
,t “ w - r ist schließlich allein durch Achtsamkeit beim Essen heilbar. 

F. Bruck. 


Münchener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5. 

Petruschky (Danzig): Zur weiteren Nutzbarmachung der per- 
cutanen Immunisierung. Der Verfasser hebt noch einmal hervor, daß 
es gelungen sei, Heia, eine Gemeinde von etwa 500 Seelen auf der 
gleichnamigen Halbinsel, tuberkulosefrei zu machen, und zwar auf dein 
Wege der Inunction durch ein von der Handelsgesellschaft deutscher 
Apotheker (Hageda) in Berlin zu beziehendes Präparat. Die unverletzte 
Haut kann nicht nur lebende, sondern auch abgetölete Tuberkelbacillen, 
die auf die Hautoberfläche gestrichen werden, innerhalb weniger Stunden 
aufnehmen. Dieses prophylaktische Inunctionsvcrfahren hat der Verfasser 
nun auch für andere bakterielle Krankheiten ausgearbeitet, und zwar für 
die gefährlichsten Komplikationen der Tuberkulose, die „akuten Sekundär¬ 
infektionen“. Er hat die wesentlichsten der hierbei in Betracht kom¬ 
menden Antigene in einer einzigen Emulsion vereinigt. („Linimentum 
anticatarrhale“; davon werden zwei- bis dreimal wöchentlich zxvei bis 
vier Tropfen eingerieben, etwa drei bis vier Wochen hindurch.) Ferner 
hat er die Inunctionsprophylaxe auf die Kriegsseuchen: Ruhr, Typhus, 
Cholera auszudehnen versucht und empfiehlt, dieses überaus einfache und 
bequeme Verfahren anzuwenden. Zu berücksichtigen ist. daß durch alle 
„Schutzbehandlumrsverfahren“, mögen sie in einer Verimpfung lebenden 
Materials —- wie bei den Pocken — oder in der Injektion oder Inunction 
totcu Materials bestehen, das spätere Eindringen virulenter Infektions¬ 
erreger in den Körper nicht verhütet werden kann. Was zu erreichen 
ist, ist immer nur eine erhöhte Widerstandskraft gegenüber den In¬ 
fektionserregern (Fockenerkrankungen sind bei Geimpften nicht völlig 
ausgeschlossen: sie werden aber leicht Überstunden und die epidemische 
Ausbreitung ist so gut wie ausgeschaltet). 

A. Levinson (Chicago): Das Auskaltationsphünomen des Kehl¬ 
kopfes beim Kropp und Pseodokmpp. Damit gelingt die Differential¬ 
diagnose zwischen beiden Affektionen. Man auskultiert über dem Thyrenid- 
knorpel, der bei Kindern in der Höhe des dritten Halswirbels liegt, und 
in der Fossa suprusternalis. I)en Gehöveindruck durch Beschreibung des 
Auskiiltationspliänomens wiederzugeben, ist sehr schwierig. Nur durch 
Uebung läßt sich dieses Phänomen vermuten. 

Joh. Fabry und Johanna Selig (Dortmund): Ueber die Be¬ 
handlung der Syphilis mit Knpfersalvarsan. Das neue von Ehrlich 
zur Verfügung gestellte Präparat hat vor den übrigen Salvarsanpräpa- 
raten den Vorzug, daß es einen wesentlich geringeren Arsengebalt hat. 
Man kommt daher mit erheblich kleineren Dosen von Aether aus und 
kann die Einzelinjektionen in kurzen Zwischenräumen folgen lassen, so¬ 
mit die Behandlung bis zur Beseitigung der sichtbaren Symptome ab¬ 
kürzen. Dagegen hat das Präparat deu Nachteil, daß die Lösung des 
Kupfersalvarsans sehr kompliziert und eigentlich nur vom Krankenhaus 
auszuführen ist. Besonders die Neosalvarsaninjektion mit der Rekord¬ 
spritze und in konzentrierter Lösung ist unvergleichlich leichter. Mit dem 
neuen Mittel lassen sich alle Stadien der Lucs schnell und sicher beein¬ 
flussen. 

Joh. Fabry (Dortmund): Heber intravenöse Behandlung des 
Lupus mit Knpfersalvarsan. Das Resultat war ein absolut nega¬ 
tives, ebenso wie bekanntlich auch bei andern Kupferpräparaten. Daß 
eine Kupfersalbe Örtlich angewendet ähnlich wirken kann, wie z. B. 
Pyrogullol, ist möglich. Wenn aber die Autoren, die ursprünglich so 
warm für die Chemotherapie der Kupfersalze eintraten, jetzt den Schwer¬ 
punkt auf die örtliche Behandlung legen, so heiße das, den ursprüng¬ 
lichen Standpunkt in der ganzen Frage auf geben. 

R. Weiß (Freiburg i. Br.): Universaluntersuchnngsapp&rat für 
quantitative Bestimmungen. Der genau beschriebene Apparat dient 
zur Bestimmung des Harnzuckers, des Harnstoffs, der Harnsäure, der 
Chloride und der Gesamtaciditai des Urins. Auch die Gesamtsäure so¬ 
wie die freie Salzsäure des Magensafts läßt sich damit bestimmen. 

Weber (Kassel): Elu eigentümlicher Fall von Anaphylaxie 
gegen Fliegenstiche. Ein vorher ganz gesunder Mann wurde durch 
eine Stechfliege (Tabanide^am Finger gestochen und war danach schwind¬ 
lig, cyanotisch, dyspnoisc-li und nahezu pulslos geworden. Die Kon¬ 
junktiven der Bulbi waren stark infiziert, die Pupillen ziemlich eng. das 
Sensorium benommen. Langsam erholte sich der Kranke. Vor sechs 
Jahren hatte er einen ähnlichen Zustand infolge eines Fliegenstichs, der 
durch den Handschuh hindurch die Hand verletzt hatte. 

Fritz König (Marburg a. L.): Universalschtone für den prakti¬ 
schen Arzt. Sie soll den Arzt in den Stand setzen, wenn er zu einer 
Verletzung — oder einer andern schmerzhaften Erkrankung an deu Ex¬ 
tremitäten — gerufen wird, allemal den richtig feststellemlen Verband 
anzulegen. Man kann sie bei einem Krankenbesuche zu Fuß in einem 
oder zwei Exemplaren bequem mitnehmen. Die metallische, aus drei in¬ 
einander zu schiebenden Gliedern bestehende Schiene ist zusammen¬ 
gezogen nur 30 cm lang. Das Längenmaß der völlig ausgezogenen 
Schiene betrag! 75 cm. Diese Länge genügt aber nicht für die Schienmig 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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eines Oberschenkelbruchs beim Erwachsenen. Hier tut man tun besten, 
zwei solcher Schienen zu kombinieren. Der Preis einer Schiene, die von 
Wilh. Holzhauer in Marburg, Steinweg, zu beziehen ist, beträgt 4,50 M. 

A. Ritschl (Freiburg i. B.): lieber die mechanische Behand¬ 
lung wirklicher Formabweichnngen des Skeletts. Man schließt den 
betreffenden Körperteil in eine sich gut anschmiegende Hülse ein. Diese 
Hülse wird dann sowohl an der Seite der Winkelöffnung als auch an der 
des Winkelscheitels durch Fenster unterbrochen. Die dazwischen 
stehenbleibenden Spangen der Hülse müssen verstärkt werden, da sie 
als Stützpfeiler dienen sollen für einen Brückenzug, der schließlich den 
korrigierenden Druck auszuüben hat. Das Prinzip dieser mechanischen 
Vorrichtung ist ein solches, daß man von zwei festen Säulen aus, die 
die stehengebliebenen seitlichen Teile des Verbandes darstellen, durch 
ein angespanntes Band einen außerhalb gelegenen Skeletteil zwingt, sich 
einer zwischen diesen Säulen errichteten Ebene zu nähern. 

R. Klapp: Ueber Rückenmarkschfisse und Behandlung der 
im befolge der Laminektomie auftretenden Meningitis. Für die Be¬ 
handlung dieser Meningitis empfiehlt sich die Kombination von Hals¬ 
stauung und von häufigen, täglich vorgenommenen großen Lumbal¬ 
punktionen. Der Wert der Stauung bei dieser aufsteigenden Meningitis 
liegt vorwiegend in der Erhöhung des Liquordrucks. Die Stauungs¬ 
hyperämie des Gehirns drückt den Liquor in den Wirbelkanal abwärts, 
sodaß ein der aufsteigenden Infektion entgegengesetzter Liquordruck 
stattfindet. 

Heinrich Schun (Berlin): Zur Behandlung der Rtickenmark- 
verletzungen im Felde. Sehr häufig kommt es bei diesen Verletzungen 
zu tödlicher aufsteigender Infektion infolge von Blasenlähmung. Daher 
empfiehlt der Verfasser sofort nach der Verletzung prinzipiell die 
Cystostomie, die Anlegung einer suprapubischen Fistel mit Hilfe eines 
gebogenen Troikards und Einführung eines Pezzersehen Katheters, der 
liegen bleibt. Die Wunde soll möglichst dicht verschlossen werden, das 
Mundstück des Katheters ist so sauber wie möglich zu halten (Instruk¬ 
tion des Zugbegleiters!). 

Relli Axter-Haberfeld (Bello Horizonte, Brasilien):' Ueber 
einen Fall von Emetinbehandlung bei Balantidiose. Eine 60 jährige 
Frau litt seit vier Monaten an schweren Diarrhöen (bis zwölf wäßrige 
Entleerungen täglich, immer Eiter und oft auch größere Mengen von 
Blut enthaltend). Sie war mit den verschiedensten Mitteln erfolglos be. 
handelt worden. Die mikroskopische Untersuchung des Stuhls ergab 
die Anwesenheit von Balantidium coli, bis zu zehn Balantidien von ver¬ 
schiedener Größe pro Gesichtsfeld, alle in lebhafter Bewegung. Nach 
einer subcutanen Injektion von 0,03 Emetin hatte die Patientin innerhalb 
der nächsten 24Stunden nur eine Stuhlentleerung (gegen acht am Tage 
vorher). Diese Injektion wird nun täglich mit gleichbleibendem Erfolge 
wiederholt, sodaß schon nach der dritten Einspritzung keine Balantidien 
mehr im Stuhle zu finden waren. Dieser wurde konsistenter, der Eiter 
verschwand. 

Ru pp recht (München): Die Alkoholkriminalität ln Bayern im 
Jahre 1913. In erster Linie stehen selbstverständlich die Roheitsakte. 
Relativ häufig waren die Trunkenheitsdelikte Jugendlicher (das heißt 
zwischen 12 und 18 Jahren). Dabei ist bemerkenswert, daß sich die 
Mehrzahl dieser jugendlichen Trunkenbolde nicht in der großen Stadt, 
sondern auf dem Lande finden. (Von Kirchweih- und Tanzunterhaltungen 
ist auf dem Lande die jugendliche Bevölkerung meist schwieriger fern¬ 
zuhalten als in der Stadt). 

FeldärztUche Beilage Nr, 5. 

H. Eis (Bonn): Ueber Schußfrakturen langer Röhrenknochen 
nnd ihre Behandlung in den Heimatlazaretten. Nach einem Vorträge, 
gehalten vor den Aerzten der Reserve- und Vereinslazarette von Bonn 
und Umgebung. 

Fritz Lange: Papphttlsenschienen. Das Prinzip, an Stelle der 
bisherigen Schienen, deren Anlegen mit Binden einen großen Aufwand 
an Zeit und Verbandmaterial erforderte, einen einfachen orthopädischen 
Apparat zu setzen, hat sich durchaus bewährt. Sollen die Schienen aber 
in Feindesland hergestellt werden, so erfordert das bisher verwandte 
Material eine Aenderung. Bandeisen ist allerdings überall zu haben. 
Statt des Sattelfilzes aber kann man die überall erhältliche Pappe be¬ 
nutzen. In die Pappe können Fenster geschnitten werden, um die 
Wunden zu verbinden, ohne die Schienen abzunehmen. Wenn von jeder 
Schienen form ein Stück als Muster beim Etappensanitätsdepot vorhanden 
ist so können unter der Oberaufsicht eines orthopädisch erfahrenen 
Arztes die Schienen von den Handwerkern der feindlichen Stadt oder 
den Sanitätskolonnen hergestellt werden. 

Karl Kolb (Schwenningen a. N.): Ueber Schußverletzungen der 
Harnwege nnd Verlegung derselben durch das Geschoß. Besprochen 
werden eine Schußverletzung der Harnröhre im Bereiche der Pars mem¬ 


branen und zwei Ureterverletzungen. Wichtig ist die Darreichung eines 
Harnantisepticums, wie Urotropin Da dies aber bei längerem Gebrauche 
seine Wirkung verliert, schiebt der Verfasser nach drei Urotropintagen 
drei Saloltage ein und fährt in diesem Zyklus dann fort. 

Arthur Müller (München): Dreifache Harnröhrenverletznng. 
Es handelte sich um eine alleinige Verletzung des Penis. Dieser war 
durch ein Infanteriegeschoß von oben nach unten im mittleren Drittel 
glatt durchbohrt worden. Der Fall und seine operative Behandlung wird 
eingehend beschrieben. 

A. Käppis (Hagen i. Westf.): Ein bemerkenswerter Fall von 
Blasenschuß. Ein Maschinengewehrgeschoß war durch das Kreuzbein ins 
kleine Becken und in die Blase gedrungen, dort ziemlich beschwerdelos 
liegen geblieben und schließlich durch die Harnröhre mit dem Urinstrahl 
entleert worden. Erst ganz allmählich bildete sich ein abgekapselter Urin- 
absceß vor der Blase. Der Schuß hatte die Blase intraperitoneal getroffen. 
Jedenfalls war die Blase beim Schlisse leer, sonst wäre es heim Auftreffen 
auf die Blasenflüssigkeit zur Sprengwirkung gekommen. Eine intra¬ 
peritoneale Blasenverletzung hätte auch wenigstens eine Reizung des 
Bauchfells machen müssen. 

G. Lennhoff (Berlin): Anweisung an Aerzte and Kranken¬ 
pfleger bei Transporten von Verwundeten. Sie besteht aus 14 Leit¬ 
sätzen. 

August Dobisch (Auscha, Deutschböhme): Der gefensterte 
Gipsverband. Nach Festkleben des Verbandes mit Mastisol wird ein 
Kegelstutz aus Kork oder Holz mit der kleineren Fläche genau über der 
Wunde mit einer Kalikobinde befestigt. Dann kommt der Gipsverband, 
den Kegelstutz rings umgebend. Dieser wird schließlich nach Fertig¬ 
stellung: des Verbandes herausgehoben. Der nun vorliegende Gipstrichter 
wird mit Mastisol bestrichen. F. Bruck. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr . 4. 

Ferd. Schultze: Zur Mitteilung von Dozent Dr. Lothar 
Dreyer: Neues Symptom be! der Patellarfräktnr, zugleich ein Bei¬ 
trag zu ihrer Behandlung. Nach Dreyer wurde durch Extension des 
Oberschenkels in einem Falle von Patellarfraktur die Hebung des Beins 
durch den Patienten möglich, also war die Annahme einer Zerreißung 
des Reservestreckapparats nur vorgetäuscht. Da sich aber in diesem 
Fall eine Diastase im Patellarbruche röntgenologisch fand, so meint 
Schultze, daß der Streckapparat in der Höhe der Patella doch zerrissen 
gewesen ist, denn die Kniescheibe zeigt niemals eine Diastase, 
auch nicht bei starker Beugung des Knies, solange der Quadriceps 
unversehrt ist. — Es ist also zu unterscheiden zwischen a) wahrer 
Fraktur der Patella, b) Zerreißungen des Streckapparats 
mit Fraktur. Die erstere bedarf keines chirurgischen Eingriffs, die 
zweite bedarf der Naht und zunächst der Ueberkorrektur durch Ueber- 
dehnung des Quadriceps. (Vergl. D. Zschr. f. orthop. Chir. Bd. 31.) 

K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie rot 5. Nr. 4, 

W. Gessner: Zur Behandlung der Schwangerschaftsniere nnd 
Eklampsie. Die Nierenstörungen in diesen Zuständen sind primär und 
die Folge von Kreislaufstörungen. Der vom Blasenhals aus¬ 
gehende Zug ist die Ursache. Aus dieser mechanischen Theorie wird 
die Behandlung abgeleitet: Entspannung der Harnorgane durch sofortige 
Entleerung der Gebärmutter. Wo schonende, sofortige Entbindung auf 

natürlichem Wege nicht möglich, ist der extraperitoneale Kaiserschnitt 

nach 0. Küstner das normale Verfahren, wobei neben der Trennung 
von Blase und Cervix noch die beiden Luschkaschen Muskelbündel 
durchschnitten werden. — Bei der Schwangerschaftsniere ist die rechte 
Niere der Spannung dadurch zu entziehen, daß der Ureter durchschnitten 
und der renale Stumpf in das Kolon eingepflanzt wird. K. Bg. 

Dermatologisches Zentralblatt , I8.Jahrg1915, Nr. 3* 

Schauer: Ueber Combnstin (Winter). Das Combustin, dessen 
wirksame Bestandteile Alum.-, Bismuth.-, Zinkverbindungen sind, stellt 
eine gute Heilsalbe für Verbrennungen und Entzündungen der Haut dar. 
Rhagaden nach Kälteeinwirkung und Unterschenkelgeschwüre wurden 
besonders günstig beeinflußt. 

Nr. 4. Willy Cohn: Ueber vier Fälle von Pityriasis liche¬ 
noides chronica. Drei dieser Fälle bestanden erst wenige Wochen, er 
vierte bereits drei Jahre lang. Beschwerden waren in keinem raue 
vorhanden. 

Rezepte: Ekzem der Nasenlöcher: Ungt. zinc., Ungt. Hydrarg. 
praecip. alb. aa 5,0 (Veiel). 

Urticaria: Chinin, muriat. 2,0, Secal. comuti 1,0, Ferri sulfur. , 
Extract. gentian. 9,0 ad pilul. Nr. 100 , dreimal täglich 2 Pillen. Pinhus. 


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Neurologisches Zentralblatt 1914, Nr. 24. 

Charles K. Mills (Pennsylvania): Maskeltonus, Gemütsbewe¬ 
gung wtd cerebraler Tonngapparat. Kasuistische Mitteilung. Die 
Hauptsvmptome bei diesem Fall, in welchem die Erkrankung drei Jahre 
nach einer syphilitischen Infektion sich entwickelte und unter allmählicher 
Verschlimmerung im Laufe von sieben Jahren zum Tode führte, waren 
schmerzhafte Zwangsbewegungen bei Gemütserregungen und Hypertonie 
der gesamten Körpermuskulatur, welche sich besonders beim Gehen und 
Stehen, später auch beim Kauen und Schlucken zeigte. Im Hintergründe 
standen Symptome von seiten der Pyramidenbahnen. Die Sektion ergab 
ausgedehnte Degenerationen im Nucleus caudatus und im Nucleus lenti¬ 
cularis beider Hemisphären. Die theoretischen Erörterungen über die 
cerebrale Beeinflussung des Mnskeltonus sind für ein kurzes Referat 
ungeeignet. 

Dubois (Bern): Die Psychotherapie der Schlaflosigkeit. Der 

Schlaf ist eine automatische Funktion des Großhirns, welche, wie jede 
andere Funktion, durch mannigfache Erregungen innerer oder äußerer Pro¬ 
venienz gestört werden kann. Diese sind teils physischer, teils psychi¬ 
scher Art, Die ersteren sind übermäßig starke Erregungen einzelner 
Sinnesorgane oder verschiedene Vergiftungen, welche analog dem Coffein 
auf das Gehirn einwirken, oder Autointoxikationen, welche unmittelbar 
oder mittelbar durch Kreislaufschädigung die cerebralen Funktionen be¬ 
einflussen. Nur in solchen Fällen wird eine kausale Therapie von Erfolg 
begleitet sein, in allen andern Fällen handelt es sich um psychogene 
Schlafstörungen, und in diesen ist eine rationelle Psychotherapie 
am Platze. J. P. 

Wiener klinische Wochenschrift 19 J 5, Nr. 3. 

Heigel: Zn den Infektionen mit Bakterien der Paratyphus- 
grappe. Nachweis eines paratyphusähnlichen Bacteriuras im Dünndarm 
eines Säuglings, das zu dessen Enteritis in ursächlicher Beziehung stand; 
desgleichen als alleinigen Erregers von Leberabscessen. 

Chiari: Beitrag zur Prognose und Therapie des Wundstarr¬ 
krampfs. Empfehlung der lumbalen Anwendung möglichst großer Anti¬ 
tommengen. — Die Bewertung des therapeutischen Nutzens der Serum- 
therapie nach Ausbruch der Krankheit ist bekanntlich noch schwankend. 

Hesse: Positirer Ausfall der Wassennannschen Reaktion bei 
Pemphigus. Von elf Fällen neun positive Reaktionen. 

Marcovici: Ein Fall von Elephantiasis nach Lymphangitis 
posMjsenterica. 

Mazza: Die Bacteriotherapie des Typhus abdominalis. Emp- 
lehlung der Vaccinetherapie. Misch. 

Wiener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 3 u. 4. 

Nr. 3. H. Spitzy: Die Nachbehandlung der Kriegsverwundeten. 

Es werden die orthopädischen Behandlungsmethoden und die Invaliden- 
-diulen besprochen, die inzwischen in Oesterreich errichtet sind. 

H. Januschke: Eiweißfettfreie Kost zur Behandlung inkom¬ 
pensierter Herzen. Rasche Beseitigung von Stauungserscheinungen bei 
Kindern in Fällen, wo die Karelische Milchkur versagt hatte, durch 
Dextrosedität: 100 bis 140 g Dextrose in Tee und Limonade und eine 
^mmek bei großem Hunger geringe Eiweiß- und Fettrnengen; drei 
Ammeln pro Tag und einige Cakes; etwa zweimal 300 g Gemüse, fett- 
frei zubereitet, 300 g Rindsuppe oder Schleimsuppe und Obst. Im Be¬ 
ginne der Kur zwei bis drei solcher Zuckertage nacheinander, dann ein 
oder zwei Eßtage; später ein oder zwei Zuckertage in der Woche. Da¬ 
neben Digitalis. 

R. Rleissel: Die Erkrankungen des Magens bei Lues. 

Referat siehe nach Abschluß der Veröffentlichung. 

H. Noum&nn: Zur Cholerafrage. Polemik. 

Nr. 4, G. Gärtner: Bemerkungen zur Pathologie und The- 
rtj«* 4er Cholera asiatica. Die in der vorletzten Nummer hier 
referierte Auffassung Neumanns von der größeren Gutartigkeit der in 
b&lizien jetzt zur Beobachtung kommenden Cholerafälle wird von 
jartner recht überzeugend darauf zurückgeführt, daß ein großer Teil 
fr Erkrankten bis zur Einlieferung ins Krankenhaus stirbt, daß die 

zum Tode führenden Erkrankungen für die Beobachtung im Hinter- 
Md ausscheiden; auch daß im Neumannschen Material keine Anurie 
beobachtet wurde, spricht für das Fehlen der schwersten Fälle. Thera¬ 
peutisch werden die hypertonischen Kochsalzinfusionen — 10% — be- 
soadera empfohlen. 

Guszmann: Polyarthrltls syphilitica acuta. Im Frühstadium 
'jphiiis auftretend, ist die Erkrankung durch die auffällige Steige- 
? ™ Schmerzen während der Nacht und, im Gegensatz zum Gelenk- 
camatismus, durch die Unempfindlichkeit gegenüber aktiven und 


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passiven Bewegungen charakterisiert; auf große Jodkalidosen sofortige 
Entfieberung und Schmerzlosigkeit. 

R. Kleissei: Die Erkrankungen des Magens bei Lues- 

Krankengeschichten zu W. m. W. Nr. 3. Misch. 

Journal of the American medical association 1914 , 

Bd. 63, Nr . 19 , 20 u. 22. 

Nr. 19. Frederic Bass: Untersuchungen Über Teutilatlons- 
systeme. 

Win slow: Wichtigkeit des Studiums des Zustandes der Kranken« 
hausluft. 

James Alexander Miller: Kraukenhansventilation vom Stand¬ 
punkte des Klinikers. 

S. Frederic Lee: Experimente im Laboratorium mit Luft. 

A. K. Ohmes: Krankenhausventllation vom Standpunkte des 
Ingenieurs. 

Van der Bent: Ein Vergleich zwischen dem alten und modernen 
Krankenhause. Hygieniker, Kliniker und Techniker vereinigen sich in 
vorliegenden Artikeln zur Erörterung der wichtigen Gesundheitsfrage, der 
Frage der neuen Luftzufuhr. Bass legt fest, daß die wichtigste Probe 
auf die Tüchtigkeit eines Ventilationssystems die Reaktion der Organismen 
sei und fordert Untersuchungen der Räume auf Temperatur, Feuchtig¬ 
keit, Luftströmungen, Gerüche, Kohlensäure- und Staubgehalt, nicht 
kritiklos und vereinzelt, sondern unter verschiedenen nicht extremsten 
Bedingungen. Win slow bringt ims Versuchsreihen aus New Yorker 
Schulen, Geschäfts- und Krankenhäusern. Als Resultat seiner Unter¬ 
suchungen stellt er eine von Fall zu Fall festzulegende Anordnung der 
Art der Ventilation auf und vereinigt sicli in dieser Förderung mit dem 
Techniker, der der Fenster Ventilation bei geeigneter Umgebung, Parks usw., 
der künstlichen Ventilation unter andern Umständen das Wort spricht 
und am Schlüsse seiner Ausführungen freilich auf amerikanischen Ver¬ 
hältnissen basierende Kostenberechnungen für Ventilationssysteme gibt. 
Der Kliniker bringt uns Untersuchungen über den Einfluß der Luft, 
respektive der Ventilation auf Temperatur, Blutdruck und Pulszahl der 
Individuen, Frederic S. Lee Untersuchungen an Katzen unter ver¬ 
schiedenen Versuchsanordnungen, endlich van der Bent einen Ueber- 
blick über das, was das moderne Krankenhaus im Verhältnis zum alten 
erreicht hat und was es noch erreichen muß. 

Die Artikel, die uns außer den verschiedenen Versuchsreihen nichts 
wesentlich Neues zu sagen wissen, bringen indes in zusammenfassender, 
anregender Weise das wichtige Thema Ventilation zu guter Anschauung 
und erleichtern speziell dem Praktiker die Orientierung. 

Norton L. Wilson: Die Tonsillen als Eingangspforte für 
Allgemeininfektionen. Verfassei gibt acht Fälle von Infektionen, 
Nephritis, Rheumatismus, Keratitis, die nach seiner Meinung von den 
Tonsillen ausgingen, und spricht in entsprechenden Fällen der Tonsillotomie 
das Wort. 

Charles Remsen: Operativer Eingriff bei Cyste der linken 
Großhirnhälfte. Fallgeschichte. Die Operation brachte bedeutende 
Besserung und Erleichterung. 

Nr. 20. S. Adolphus Knopf: Die Tuberkulose als Ursache und 
Resultat der Armut. Hauptsächlich auf statistischen Resultaten ba¬ 
sierend, bestätigt Verfasser die Ansicht, daß die Tuberkulose eine Armuts¬ 
krankheit ist, daß aber anderseits sie auch durch die hohen Kosten, die 
sie verursacht, Mittelbegüterte verarmt. Er betont, daß häufig nur die 
später geborenen Kinder von der Tuberkulose befallen werden, da erst 
bei der größeren Kinderzahl Not eintritt. Er verlangt, daß die Masse 
vor allem lerne, daß es auf die Art, nicht auf die Menge des Nach¬ 
wuchses ankomme, daß die schwangere Frau geschont werden müsse usw. 
An sich alte Wahrheiten, die aber nicht oft genug betont werden können 
und hauptsächlich im Verein mit Vorschlägen zur Verbesserung der Lage 
der Armen, Volksküche, Heilstätten usw. gut in vorliegendem Artikel 
behandelt werden. 

Wilfred Harris: Einige Erfahrungen mit Alkoholin jektionen 
bei Trigeminus- und andern Neuralgien. Verfasser gibt seine Er¬ 
fahrungen mit Alkoholinjektionen an 200 Fällen chronischer Trigeminus¬ 
neuralgie, ferner bei einigen Fällen von Neuralgia postherpetica sowie 
bei fibrosifcis. 

C. Hermann Bucholz: Erfahrungen ans der medlcomechani- 
schen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses zu Massachuseti 
während sechs Jahren. Gibt einen Ueberblick über das Resultat und die 
Art der behandelten Fälle und betont den Nutzen der mcdicomechanischen 
Abteilung im Krankenhause, freilich unter Hinblick auf die Tatsache, daß 
gut® Resultate nur in einer gut und gleichmäßig ausgestatteten Abtei¬ 
lung und nur unter gründlich ausgebildeter Leitung, speziell bei genauer 
Kenntnis aller physiologischen und pathologischen Gesetze möglich sind. 


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Nr. 7. 


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Ferner auch verlangt Verfasser, daß alle Aerzte des Hauses einmütig und j 
willig Zusammenarbeiten und betont, daß die Einrichtung nur den 
Patienten Nutzen bringen kann, die geeignet und nicht von vornherein 
hoffnungslos sind. 

Edward B. Yedder: Ein Vergleich der Wassermann- und 
Lnetfnreaktion bei 744 Individuen. Pie Untersuchungen ergaben keine 
übereinstimmenden Resultate. In vielen Fällen zeigte sich die Luetin- 
reaktion wirkungsvoller. 

II. M. McClnnakan: Die Behandlung des zarten und zu früh 
geborenen Kindes zu Hause. Betont, daß das Kind vor allem vor dem 
Zurückfließen der Nahrung in den Kehlkopf geschützt werden müsse, daß 
ein Schutz vor zu starker Erhitzung der Umgehung nötig ist und daß 
deshalb immer das Thermometer in dem Körbchen sein müsse. Als günstiges 
Zeichen ist eine Gewichtszunahme und normaler gelber Stuhl anzuseheu. 

Nr. 22. Gregg Donald: Die Entstehungsursache bei 100 Fälle« 
von Psychoneurosen. In der Entstehung der vorliegenden 100 Fülle' spielt 
in der Mehrzahl als wesentlicher Faktor psychopathische Veranlagung 
und Heredität eine Rolle. Harte Arbeit, Lucs, alkoholische, nervöse und 
sonstige Gesuudlieitsschüdigungen sind ausschlaggebend für das Alter, in 
dem die Erkrankung auftritt. Verfasser fand indes, daß körperliche Be¬ 
schwerden mehr zu fürchten sind als Schwierigkeiten in der Umgebung, 
auch daß sich die Symptome der Psyehoneurosen mit der Dauer der Er¬ 
krankung mehren. AU diesen Schädigungen kann im wesentlichen die 
Prophylaxe, besonders hei durch Veranlagung und Heredität gefährdeten 
Individuen, Vorbeugen. Ihre Wichtigkeit kann deshalb nicht genug betont 
werden. 

H. Loevenburg: Wirksamkeit des Natriumchlorids in der 
Therapie der Nierenentzündung. Verfasser fand, daß die Anwendung 
physiologischer Kochsalzlösung, sei es als Infusion, sei es als Tropf¬ 
klysma hei Oedem irgendwelcher Ursache, falls die Nieren nicht zu 
schwer geschädigt sind, von heilsamem Einfluß ist und auch in \ erhindtjpg 
mit Alkalien und reichlich Wasser auf alle Symptome der Nephritis günstig 
wirkt. Die beste Amvendungsmcthode ist per rectum oder intravenös. 

B. A. Thomas: Die Bolle der Nierenfnnktionsprüfungeu, sowie 
vor- und nachoperative Behandlung zur Herabsetzung der Sterblich¬ 
keit nach der Prostatektomie. Betont unter Darstellung der Funktion# 
Prüfungen die Wichtigkeit der gutfunktionierenden Nieren für den Erfolg 
der Operation und sieht in der geringen Ft erblich keit seiner an der 
Prostata Operierten nur einen Erfolg der sorgfältigen Anwendung des 
Cystoskops und der Nierenuntersuchung. Mit Abbildungen. 

V. D. Lespinasse: Die Beseitigung der Sterilität durch Fer¬ 
mente. Epididymostoinie. Operationstechnik. 

Sackson Chevalier: Direkte Methode für intralaryngeale 
Operationen. Verfasser beschreibt die Operation mit Abbildungen und 
betont den Wert derselben besonders bei Kindern. 

S. Ogilvie Hanson: Intraspinale Behandlung der Syphilis 
des CentralnervensysteiHS mit Salvarsanserum von bekannter Stärke. 
Verfasser macht Mitteilung über die Herstellung eines menschlichen 
Serums mit bekanntem Mengeninhnlte von Salvarsan und gibt im An¬ 
schlüsse daran 15 mit diesem Serum behandelte Fälle. Verfasser sah von | 
der Methode gute Erfolge. ___ Cordes. 

Bücherbesprechungeii. 

Franz M. Grocdel, Grundriß und Atlas der Röntgendiagnostik 
in der inneren Medizin. Zweite, vollkommen unigoarbeitete und 
wesentlich erweiterte Auflage. Mit 100 photographischen und 524 auto- 
tepischen Abbildungen auf 121 Tafeln und mit 285 Textabbildungen. 
München 1914, J. F. Lehmanns Verlag. M 5«,—. 

Nach reichlich fünf Jahren ist die zweite Auflage erschienen. Von 
der Flüchtigkeit in der Darstellung, welche viele nach Knegsbeginn 
publizierte Schriften aufweisen, ist diesem ausgezeichneten Werke nichts 
anzumerken. 

Hie zweite Auflage weist entsprechend der enormen Vertiefung, 
dem ständigen Aus- und Weiterbau der Rönlgenwissensrhaft wesentliche 
Aenderungen gegenüber der ersten Auflage auf: Der Umfang des Werkes 
bat sich fast verdoppelt, mehrere neue Kapitel sind hinzugrkommen, die 
Zahl der autotvpisehen und photographischen Abbildungen ist um zahlreit die 
instruktive Bilder vermehrt. 

Von Grödel selbst ist das Kapitel über spezielle Röntgentechnik, 
in welchem, durch zahlreiche Abbildungen erläutert, die meisten modernen 
Apparate kritisch besprochen sind. Ferner luitGrödel die Kapitel über 
das normale Thoraxbild und über die Erkrankungen des Herzens und des 
Magendannkanals bearbeitet. Tn diesen sind all« praktisch wichtigen 
Tatsachen durch zahlreiche Abbildungen. Schemata und Ort hpdia gram ine 
erläutert. 

Pas Kapitel über Erkrankungen de* Gehirns stammt von Titten: 
uher die Erkrankungen der Augen von Sc li nun d igel: über die Erkran¬ 


kungen des Gehörorgans von Pfeiffer: über Kiefer- und Zahnkrank* 
beiten von Finckh; über Erkrankungen der oberen Luftwege von 
Spiess und Pfeiffer: über Zwerchfell und Atmung von Jamin. 

Die Darstellung der Erkrankungen der Trachea und Bronchien, so¬ 
wie der Geschwülste und Tuberkulose der Lungen stammt aus der Feder 
von Krause. Besonders verdienstvoll ist das Kapitel über die Röntgeii- 
diagnose der Frülituberkulose durch die ausführliche Erörterung der 
Fehlerquellen. In dem Kapitel über Speiseröhrenerkrankungen gibt 
Steyrer ausführlich die Differentialdiagnose zwischen spastischer und 
organischer Oesopliagusstenose auf Grund der kinematographischen Auf¬ 
nahmen von Kraus. Außer diesem Kapitel hat Steyrer das Kapitel 
über Lungenerkraukungen mit Ausschluß der Tuberkulose bearbeitet. I>ie 
Kapitel über Erkrankungen der Pleura und des Perikards stammen von 
Brauer, der auch ausführlich die Bedeutung der Röntgenstrahlen für 
die operative Behandlung der Lungentub -rkiilo.se hinsichtlich Auswahl 
der Fälle und Kontrolle des Operationserfolges bespricht. 

Imineimann weist in einem kurzge halte neu Abschnitt über die 
Röntgenuntersuchung der Leber und der Gallenblase auf die Schwierig¬ 
keiten der Röntgendiagnose der Gallensteine und die Möglichkeit der 
Verwechslungen mit andern Steinen hin. 

llaeniseli gibt in dem Kapitel über die Röiitgenuiitcisuclmngdes 
uropoctisehen Systems vor allem die Darstellung der Technik und Praxis 
des Steiimacliweisos. Bei den Erkrankungen des Skeletts bespricht 
Köhler genauer nur diejenigen Affektionen, welche unbestritten der 
inneren Medizin angeboren* Pringsheim (Breslau). 

Taschenbuch des Feldarztes. II. Teil. München 1014, J. F. Lehmanns 
Verlag. 258 Seiten. M 4,—. 

Während der erste Teil dieses „Taschenbuches", das „Vademecuin 
des Fehlarztes" von A. Schönwerth, ein Ratgeber in chirurgischen 
Fingen für den Niehtchirurgen sein soll, enthält dieser zweite Teil eine 
ganze Reihe von vorzüglichen Arbeiten über die ansteckenden und über 
andere innere Krankheiten, über Erkrankungen des Gehirns, Rückenmarks 
und der Nerven, über Geisteskrankheiten. Augen-, Ohren-, Nasen-. Hals-. 
Haut-, Harn- und Geschlechtskrankheiten. Dazu kommt noch ein Bciinii' 
von Gruber über Geschlechtskrankheiten und Kassenhygiene sowie über 
die Bekämpfung des Alkoliolmißbraucbs. Den Schluß bildet ein Ver¬ 
zeichnis. der Arzneimittel der K. S. O. und eiu bei der Reichhaltigkeit 
des Inhalts besonders wertvolles alphabetisches Schlagwörterverzeiclmh 
Das Ganze ist auf 25S Seiten zusainmengedrängt und kann dem Truppen¬ 
arzt als Nachschlagewerk wohl empfohlen werden. Hier und da finden 
sich allerdings auch Dinge besprochen, mit denen der Feldarzt kaum je 
zu tun hat, weil sie erst in Kriegslazaretten oder in den Reservelazaretten 
der Heimat berücksichtigt werden müssen. A. Köhler. 

G, Liebe, Die Schwindsucht und ihre Bekämpfung. Leipzig 
1914, Tunnverlag. 59 S. M 0,50. 

Das kleine Heft Li (»lies in der Turmbücherei über Wesen, Ver¬ 
hütung und Heilung der Tuberkulose wird seinem Zwecke, den Laien zu 
unterrichten, durchaus gerecht. Es ist sachlich richtig, reichhaltig, leicht 
verständlich und recht interessant geschrieben. 

Sicherlich, gehört es zu den besten Schriftchen, die man in der 
Hand des Gesunden und Kranken sehen möchte. Gerhartz. 

Hans Much, Die Im inunitiitswissonschaft. Eine kurzgefaßte 1 . eber¬ 
sicht über die biologische Therapie und Diagnostik für Aerzte und 
Studierende. Zweite, völlig umgearbeitete Auflage. Mit sechs Tdeln 
und sieben Abbildungen im Text. Würzburg 1914, Curt Kabitzsch. 
280 S. M. 8.—. 

Das bereits in zweiter Auflage vorliegende Buch bringt Eune 
lohrhuchartige, gleichmäßige Darstellung der Immunitätswissenscludt. L> 
trägt vielmehr (»inen subjektiven Oharakter und läßt in der Auswahl 
des Tatsachenmaterials die eignen Forschungsergebnisse des Verfasser 
stark hervortreten. 'Trotzdem ist alles Wesentliche berücksichtigt, die 
Beziehungen zur praktischen Medizin werden besonders betont, und auili 
die Methodik ist kurz beschrieben. Einen Vorzug des Buches bildet ^ 
lebendige, stets den Kernpunkt der Probleme hervorhebende Darstellung. 
Ihr hat das Werk wohl auch in erster Linie seinen berechtigten Erfolg 
zu verdanken, der ohne Zweifel auch der neuen Auflage zuteil weukn 
wird. Kurt Meyer (Berlin). 

G. Heber, Elektrizität für zahnärztliche Zwecke. Leipzig 191b 
Schulze &. Go, 59 S. M —.40. 

In dem vorliegenden Büchelohen beschreibt der Verfasser in kurztu 
Worten die in der zahnärztlichen Praxis gebräuchlichen elektiisf uD 
Apparate. Er «gibt, zuerst einen allgemeinen Ueberblick über Zahnarzt 
liehe Elektrizitätsverwertung und erklärt dann den zalinärztliclieii Lb ir '^ 
motnr. die Anwendung der elektrischen Wärmowirkiingen, das elcktny 11 
Licht in der Zahnheilkunde, die Verwendung therapeutischer Stioinarten 
und das zahnärztliche Röntgeninstruuientarium. lL'Mt'in-ii. 


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14 Februar. 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7 


201 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen P resse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum , Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aernte in Wien. 

Sitzung vom 5. Februar 1915. 

V. Prantner demonstriert aus der I. chirurgischen Klinik 
mehrere Soldaten, bei welchen Erfrierungen behandelt worden 
sind. Zur Beobachtung kamen 105 Erkrankungsfälle, bei welchen 
in der Mehrzahl die unteren Extremitäten, in einem Fall 7 Finger, 
in einem anderen das Skrotum und Gesäß betroffen waren. Er¬ 
frierungen 1. Grades gehen mit diffuser Rötung, Parästhesien, 
spontaner Schmerzhaftigkeit und Oedem, diejenigen des 2. Grades 
mit Perniones, Blasenbildung und Abgang von Nägeln, die des 
3. Grades mit Hautnekrose und Gangrän einher. In 7 Fällen wurden 
Amputationen im Lisfraneschen Gelenk notwendig. Die Ent¬ 
scheidung, wie weit die Erfrierung geht, ist in den ersten Tagen 
schwer zu fällen, da eine Restitutio ad integrum sich einstellen 
kann, nachdem die paretischen Gefäße sich wieder erholt haben, 
andrerseits aber wieder anfänglich geringfügig erscheinende Er¬ 
frierungen zu schweren Nekrosen führen können. Vortr. ist für 
die möglichst konservative Behandlung der Erfrierungen und 
widerrat, die Amputationen zu früh vorzunehmen, da man ent¬ 
weder im geschädigten Gewebe operieren oder zu viel vom Gesunden 
wegnebmen kann. Die notwendigen Operationen sind demnach auf 
einen möglichst späten Zeitpunkt zu verlegen. Die erste Aufgabe 
der Behandlung ist, die stockende Zirkulation durch physikalische 
Maßnahmen zu heben: Kohlensäurebäder, wechselwarme Bäder, 
wechselwarme Luftdusche (durch einige Minuten 3—4mal im Tag, 
je eine Minute warme und kalte Luft); die ausschließliche Troeken- 
bebandlung durch Heißluftapparate, durch welche Mumifikation 
herbeigeführt wird, ist weniger zu empfehlen. Die kranke Extre¬ 
mität wird hochgelagert und die erfrorene Stelle mit Paraffinsalbe 
Dfld steriler Watte bedeckt. Stellt sich Demarkation ein, dann 
wird das abgestorbene Gewebe abgetragen. Als Desodorans wurden 
Spülungen mit schwachen Lösungen von Kalium hypermanganicum 
angewendet. Zur Reinigung der Wunden und zur Beförderung der 
Abstoßung von nekrotischen Fetzen wurde Pepsinsalzlösung an¬ 
gewendet, Permanente Bäder kamen ebenfalls zur Anweudung. Bei 
dieser Behandlung kam es nicht zu schweren Resorptionsersehei- 
nengen, auch nicht zur Sepsis oder zum Weiterschreiten der 
Eiterung längs der Sehnenscheiden. Das Resorptionsfieber geht 
rasch zurück. Die granulierenden Flächen wurden mit Kollargol- 
Perubalsam oder einer Argentum nitricum - Salbe verbunden, 
wuchernde Granulationen wurden mit Lapisstift oder mit Jodtinktur 
behandelt. Als Nachoperationen kommen Autoplastiken an dem 
Stumpf in Betracht. 

P. Eichenwald demonstriert aus der Abteilung v. Frisch 
zahlreiche Abbildungen von Erfrierungsfällen. In der Mehrzahl 
der Fälle waren die Pat. nur einem geringen Grad von Kälte 
ausgesetzt. Als monatelang dauernde Nachfolgen der Erfrierung 
wurden häufig Neuritiden oder neuritische Schmerzen und Par- 
äsUsesien beobachtet, die Therapie war konservativ; bei schwer 
infizieiten Fällen muß man jedoch radikal Vorgehen, da die In¬ 
fektion in den Sehnenscheiden hinaufkriechen kann. Die demar¬ 
kierten Teile werden abgetragen, bei Amputationen, die am Vorder- 
foße notwendig sind, werden sie in geeigneten Fällen am besten 
1DI Eisfraneschen Gelenk vorgenommen, da bei spontaner Ab¬ 
stoßung das funktionelle Resultat schlechter sein kann als dasjenige 
nach der Amputation. Die Unterscheidung zwischen trockener und 
feuchter Gangrän hat für praktische Zwecke wenig Bedeutung. 

G. Riehl weist auf die Unterschiede zwischen der Erfrierung und 
w 'erbrennung hin. Bei der Verbrennung wirkt der Temperaturreiz 
r T D J r ^ anz ^ urze er erz ® l, Kt eine typische Entzündung mit 

€r ^udenz zur Exsudation, erst bei intensiver Hitzeeinwirkung kommt 
? Iur ^krose. Bei der Erfrierung verläuft der Effekt des Insultes viel 
_ nparner, das Erythem dauert Wochen- und monatelang. Die anatomische 
d rw-*^. er S‘ht> bei Erfrierungen 1. und 2. Grades eine Erweiterung 
/ r mit Thrombenbildung verschiedener Art und Durchtränkung 
««Bindegewebes mit Serum; die Gefäße haben ihren Tonus eingebüßt, 
ia zwar auch die Kapillaren. Bei der Erfrierung 2. Grades bilden sich 
? mI Transsudation des Serums. Bei Erfrierungen 3. Grades 

t die Gangrän nicht sofort, sondern erst Tage und Wochen später, 
enn man mittelst Spray die Haut zur Erfrierung bringt, so wird sie 
Awn eines Tages wieder normal; bei Erfrierung einer Hautatelle durch 
P^^eschneo, wobei die Haut bis auf — 00° abgekühlt und in einen 
iJu* wird, taut letzterer binnen einiger Minuten auf lind 

e Haut stirbt nicht ab. Erst nach 1—2 Tagen kommt es zu lebhafter 
B l,ln “ung und Blasenbildung und später zur Restitution. Die Ein¬ 


wirkung von Hitze und Kälte ist hinsichtlich ihres Effektes von dem 
Grad der Temperaturänderung und von ihrer Dauer abhängig. Man 
sieht z. B. nach Verbrennung mit heißer Suppe, welche vielleicht 60 u 
hat. bei Kindern den Tod eintreten, weil dio heiße Flüssigkeit einige 
Zeit einwirkt, bevor die begossenen Kleider abgestreift wei den. Dagegen 
entsteht bei einer Gasexplosion eine Hitze von mehreren 100°, die aber 
nur einige Sekunden andauert: es werden dabei manchmal nicht einmal 
dio Haare versengt und die Hautoberfläche wird nur wenig verändert. 
Bezüglich der Therapie ist die Beachtung der Veränderungen des Tonus, 
der Wand und des Inhaltes der Gefäße wichtig. Bei der Erfrierung kann 
die befallene Stelle noch nach Wochen sich erholen oder gangränös 
werden, man kann auch nicht Voraussagen, welche Hautpartie sich er- 
holon oder nekrotisch werden wird. Daher empfiehlt Redner die äußerste 
konservative Behandlung, Frühamputationen sind nur bei beginnender 
Sepsis indiziert. In allen anderen nicht infizierten Fällen soll man so 
lange zu warten, bis sich alles demarkiert hat. 

E. Freund berichtet auf Grund seiner Erfahrungen im Reserve¬ 
spital in Korneuburg über den Zusammenhang von Erkältung und Rheu¬ 
matismus. Letzterer hat verschiedene Gruppen. Die infektiöse Gruppe 
spielt in der Kriegspraxis eine geringe Rolle, häufiger sind Fälle mit 
ausgesprochenen Neuritiden, oft mit Atrophien, und am häufigsten der 
Muskelrheumatismus. Die Pat. klagen über Schmerzhaftigkeit der Mus¬ 
keln, welche hochgradig druckempfindlich sind, das Periost in der Nähe 
der Gelenke ist manchmal schmerzhaft, Bewegungen sind nur mit 
Schmerzen möglich, Atrophien fehlen, Salizyl versagt in solchen Fällen. 
Bäder und Massage haben eine günstige Wirkung. Die Heilung tritt 
meist in 8—10 Wochen ein. 


A.Exnor zeigt aus dem Garnisonspital Nr. I Soldaten mit 
Gefäßschüssen. 1 . Einschuß in den rechten Sternokleidomastoi- 
deus, Ausschuß im Pharynx. Zuerst Lähmung der linken Körper¬ 
hälfte, nach deren Besserung eine schwache Lähmung der linken 
oberen Extremität zurückgeblieben ist. In der Nähe des Unter¬ 
kiefers bildete sich ein Aneurysma aus, weshalb die Carotis com¬ 
munis unterbunden wurde. Darauf ist das Aneurysma kleiner ge¬ 
worden und die Pulsation hat aufgehört. 2. Durchschuß in der 
Mitte des linken Oberarmes, welcher verheilte. Nach einigen 
Wochen bekam Pat. neuralgische Schmerzen im Gebiet des 
Ulnaris und einige Handmuskeln wurden atrophisch. Es war ein 
Aneurysma der A. brachiali? entstanden; dieses wurde reseziert 
und das fehlende Stück der Arterie von ca. 4 cm Länge wurde 
durch ein Stück der Vena saphena ersetzt. Der Puls war sofort 
nach der Operation fühlbar und der weitere Verlauf war günstig. 
3. Ein hühnereigroßes Aneurysma arterio-venosura der rechten 
A. poplitea nach Schußverletzang. Die Arterie und Vene wurden 
reseziert, der Defekt in der Arterie wurde durch ein dem anderen 
Bein entnommenes Venonstiick ersetzt. Der Effekt ist gut, die 
Fußarterien pulsieren. Die Unterbindung der Extremitätenarterien 
ist meist nicht von Gangrän gefolgt, aber eine vollständige Resti¬ 
tutio ad integrum tritt nicht immer ein. Deswegen hat Vortr. die 
Implantation eines Venenstückes vorgenommen und hierbei ein 
gutes Resultat erzielt. 

R. Lichtenstern demonstriert mehrere Fälle von Schnß- 
vcrletzungen der Niere, der Blase und des Genitales. Von 
Nieren Verletzungen wurden 13 Fälle beobachtet, von diesen waren 
3 Kontusionen und 10 Durchschüsse; von letzteren wurden 8 bei 
Bettruhe geheilt, 2 Fälle wurden operativ behandelt. In dem einen 
Fall entleerte sich aus der Schußwunde ein trüber, jauchiger 
Harn, bei der Operation fand man ein starkes Infiltrat um das 
Nierenbecken, in der Harnblase Blutkoagula, aus dem linken 
Ureter entleerte sich Blut. Die Niere wurde exstirpiert. Pat. starb 
jedoch an Urosepsis. Im zweiten Fall war der obere Pol der Niere 
angeschossen, trotzdem war der Urin klar und Pat. bekam erst 
nach 14 Tagen Fieber. Nach Entfernung der Niere erfolgte Heilung. 
— Von Blasenverletzungen wurden 8 Durchschüsse beobachtet, 
von welchen 3 Fälle operiert wurden. Die Kugel fand sich im 
ersten Fall in der Prostata und wurde durch Sectio alta entfernt. 
Im zweiten Fall war die Blasenschleimhaut sequestriert, trotzdem 
erfolgte Heilung. Im dritten Fall lag ein Durchschuß durch den 
Blasenhals vor. — Von den Verletzungen des Genitales wurden 
5 Fälle beobachtet. 3 Fälle von Hoden Verletzung heilten ohne 
operativen Eingriff, in einem Fall mit Abtrennung eines Penis- 
stiiekes wurde eine plastische Operation vorgenommen. 

A. Hammerschlag stellt einen Mann vor, bei welchem ein 
Projektil aus der rechten mittleren Scliädelgrube entfernt 
worden ist. Die Einschußöffnung war in der rechten Schläfe, Pat. 
hatte nur mäßiges Fieber und geringe Kopfschmerzen. Später be- 


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UNIVERSUM OF IOWA 


202 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


kam er Symptome von Meningitis. Föderl hat die Kugel ent¬ 
fernt. In der fünften Woche darauf bekam Pat. vorübergehend 
eine Trigeminusneuralgie, wahrscheinlich infolge einer Reizung des 
Gangl. Gassen, ferner hat Pat. eine Parese eines Obliquus superior. 
Sonst hat er keine Beschwerden. H. 


Gesellschaft für innere Mediiin und Kinderheilkunde 
in Wien« 

Sitzung vom 28. Januar 1915. 

Gerstmann stellt aus der Abteilung Schlesinger einen 
Fall von BensibilitStsstornng an der linken oberen Extre¬ 
mität Ton segmentalem Typus nach Schädelschuß vor. Im 
Oktober erlitt Pat. eine Schußverletzung |im Bereiche des rechten 
Felsenbeines, aus diesem wurden einige Geschoß- und Knochen¬ 
splitter entfernt; es war kein Abszeß vorhanden. Nach der Ver¬ 
letzung hatte Pat. eine linksseitige Hemiplegie, welche sich ge¬ 
bessert hat. Jetzt zeigt er nur eine geringe Hemiparese und eine 
Herabsetzung der Schmerz-, Wärme- und Temperaturempfindung 
im Gebiete des linken Ulnaris; die tiefe Sensibilität, die Stereo- 
gnose und die taktile Sensibilität sind erhalten. Eine solche seg- 
mentale Verteilung der Sensibilitätsstörung ist bei Gehirnver¬ 
letzungen außerordentlich selten. Man muß aus dem Fall schließen, 
daß die Projektion der Hautsensibilität in der Hirnrinde nicht 
ein einzelnes Zentrum darstellt, sondern aus einer Reihe kleinerer 
Zentren besteht. Die Läsion entspricht bei dem Pat. topographisch 
der mittleren Zentralwindung. 

W. Schlesinger berichtet über einen leichten Fall von 
Typhus exanthematicus und demonstriert die Fieberkurve des¬ 
selben. Ein Soldat kam vom nördlichen Kriegsschauplatz mit 
einem hohen Fieber, welches er seit 4 Tagen hatte. Es dauerte 
als Kontinua weiter und> am 4. Tag bekam er ein ausgebreitetes 
Exanthem, welches einer typhösen Roseola sehr ähnlich sah. Es 
war auch auf den Armen und Beinen vorhanden. Die Leukozyten¬ 
zahl betrug 2800, die Pulsfrequenz gegen 100. Vortr. hatte Ver¬ 
dacht auf Typhus exanthematicus, dieser wurde durch den weiteren 
Verlauf bestätigt. Es fehlte jedoch der petechiale Charakter des 
Exanthems, erst am 8. Tag fanden sich in diesem kleine Blutungen. 
Außerdem hatte das Exanthem eine Aehnlichkeit mit Morbillen, 
es fehlten aber Erscheinungen von Seite des Atmungsapparates. 
Nach 14 Tagen zeigte Pat, plötzlich eine hochgradige Unruhe, 
wegen welcher ihm Morphiuminjektionen verabreicht werden mußten; 
am nächsten Tag fiel unter heftigem Schweißausbruch die Tempe¬ 
ratur bis auf 37,3° ab, nach einem weiteren Tage wieder unter 
Schweißausbruch auf 36,1°. Es handelt sich um einen leichten Fall 
von Typhus exanthematicus. 

H. Salomon fragt, ob da nicht ein Arzneiexanthem vorliegt. 

H. Schlesinger bemerkt, daß die Verbreitung des Exanthems 
nicht unbedingt gegen Typhus sprechen würde. Er hat einen Typhusfall 
mit ungewöhnlich reichlichem Exanthem beobachtet, welches sich auch 
auf den Vorderarmen, Händen und im Gesicht befand. Den typhösen 
Charakter der Krankheit zeigten die stets ßteigende positive Vidalsche 
Reaktion und der weitere Verlauf. Bei den Typhusfällen, welche jetzt 
vom Kriegsschauplatz kommen, ist häufig ein ausgebreitetes Exanthem 
vorhanden. 

W. Schlesinger erwidert, daß ein Arzneiexanthem nicht vorlag, 
da Pat. schon mit Fieber hereinkam und nur zweimal je 1 g Antipvrin 
bekommen hat; außerdem war an der Mundschleimhaut kein Ausschlag 
zu sehen. Es gibt auch Mischfälle von Typhus abdominalis und Typhus 
exanthematicus. 

A V Müller: Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie. 

Vortr bespricht das Bild der Dysenterie nach seinen Erfahrungen 
an der I. medizinischen Klinik und im Reservespital Nr. 7 in 
Kagran Die jetzige Dysenterieepidemie wird durch Bazillen hervor¬ 
gerufen (Shiga-Kruse, Flexner), welche manchmal ein atypisches 
Wachstum oder eine geringe Agglutination zeigen; es muß durch 
weitere Beobachtungen erst entschieden werden ob es sich um 
«ine soezielle Art der Dysentenebazillea handelt. Es werden mehr¬ 
fleh negative Bazillenbelunde in den Fäzos gemeldet; der Befund 
aue h bei demselben Individuum, die bakteriologische 
TTntersuchung könnte daher keine entscheidende Rolle spielen. Es 
wmrdfl von manchen Autoren wegen solcher negativer Befunde 
I£« «bakterielle nichtinfektiöse Dysenterieform angenommen; hier¬ 
für li«et jedoch kein Grund vor. Vortr. hat alle Palle mit blutigem 
Stuhl g auf Dysenterie behandelt. Die durch Paratyphusbazillen 


bedingten Erkrankungen zeichneten sich durch eine besondere 
Hartnäckigkeit, lang dauerndes Fieber und ein schweres toxisches 
Bild aus. Die Shiga-Kruse-Fälle waren meist schwerer als die 
Fl ex n er-Fälle. Ein wichtiges Symptom der Dysenterie ist der 
Tenesmus, welcher bis weit in die Rekonvaleszenz hinein andanert. 
In zweifelhaften Fällen bringt die Rektoskopie die Entscheidung. 
Die jetzt in Wien herrschende Dysenterieepidemie ist ziemlich 
müde und hat eine geringe Mortalität, nach ärztlichen Berichten 
ist letztere in Galizien weit höher. Unter den vom Vortr. beob¬ 
achteten Fällen trat der Tod, abgesehen von Komplikationen, unter 
Kachexie, kleinem und frequentem Puls und zunehmender Schwäche 
ein. Der Tod erfolgte in einem Stadium, wo sich die Stühle schon 
gebessert hatten und keine Darmblutungen mehr bestanden. Es 
gab auch überraschend günstige Ausgänge schwerer Fälle und 
letale Ausgänge bei anscheinend günstigen Fällen. Das Krank¬ 
heitsbild ist arm an Komplikationen, am häufigsten kommen 
Schmerzen in den Extremitäten vor, selten wurde echter Gelenks¬ 
rheumatismus beobachtet. Die Schmerzen sind auf Neuritis zuriick- 
zufiihren, sie gehen mit Parästhesien, Fehlen von Reflexen, mit 
Akroparästhesien, trophischen Störungen und Gefäßkrämpfen einher. 
Vortr. hat derartige Neuritiden bei Darmgeschwüren verschiedener 
Aetiologie beobachtet. Schwellungen von Gelenken kamen vor, sie 
unterschieden sich jedoch durch das Fehlen von Fieber und Rötung 
vom echten Rheumatismus. Im Beginn der Erkrankung wurde 
manchmal Bradykardie beobachtet, häufiger ist Tachykardie bis 130, 
welche plötzlich auftreten kann und erst auf wiederholte Dosen 
von Digitalis weicht. Arhythmie kam selten vor, Endokarditis 
niemals, häufiger waren Zeichen von Muskelinsuffizienz des Herzens 
vorhanden; die Dysenterie schädigt in ausgesprochenem Maße den 
Herzmuskel. Eine häufige Komplikation der Dysenterie ist paren¬ 
chymatöse oder eitrige Parotitis. Die Therapie bestand vor allem 
in der Beobachtung von Ruhe und in der Applikation von Wärme, 
ferner in der Anwendung von Abführmitteln, namentlich Kalomel 
(3mal täglich 0,2). Die Wirkung des Kalomeis auf das Allgemein¬ 
befinden ist meist deutlich und die Zahl der Stühle wird geringer. 
Auch andere Abführmittel (Rizinusöl, salinische Abführmittel) 
haben eine gute, wenn auch eine schwächere Wirkung als das 
Kalomel. Die Abführmittel haben den Zweck, die toxischen Pro¬ 
dukte aus dem Darm zu eliminieren und den Darm zu reinigen. 
Von manchen Autoren wird Kalomel wegen der Gefahr der Queck¬ 
silberintoxikation perhorresziert; diese läßt sich jedoch in einem 
Spital sicher vermeiden. Durch das Kalomel werden manchmal 
die Darmblutungen gesteigert, doch lassen sich diese durch An¬ 
wendung von Kalk beherrschen. Die allgemein verbreitete Opinm- 
behandlung wendet Vortr. nicht an. Um dem Pat. eine ruhige 
Nacht zu verschaffen, gibt er lieber eine Morphiuminjektion. Bolus 
alba (100—200 g) und Tierkohle (bis 80 g) tun gute Dienste, erster® 
scheint den Vorzug zu verdienen. Adstringentia leisten Gutes in 
der Behandlung der Dysenterie, beeinflussen jedoch den Prozeß 
nicht hervorragend. Das beste ist eine Kombinationstherapie: 
Bolus alba 500 g, Calcium carbon. 200 g, von dieser Mischung 
werden 3 Eßlöffel täglich mit lg Tannalbin gegeben. Die Spü¬ 
lungstherapie wird in schweren Fällen nicht vertragen, in leichten 
Fällen kann man sie entbehren; Abortivkuren konnte Vortr. mit 
der Spülungstherapie nicht erzielen, sie kommt erst bei chronisch 
verlaufenden Fällen in Betracht. In schweren Fällen oder m 
solchen, welche sich gegen die übliche Therapie als refraktär er¬ 
wiesen, wurde die Serumtherapie (Shi ga-Kruse-Serum) ange- 
wendet. Sie gab in manchen Fällen einen Erfolg, in anderen nicht, 
doch ist sie als eine wesentliche Bereicherung der Bebandlungs- 
mittel der Dysenterie anzusehen. In seltenen Fällen ging _® e 
Dysenterie in ein chronisches Stadium über; in solchen Fällen 
sind Tannin, Argent. nitricum zu Spülungen und Karlsbader Wasser 
in kleinen Dosen einigemal im Tag anzuwenden. Vortr. hat 
einige Fälle beobachtet, welche seit August dysenterische Stube 
haben. Die Bazillenträger spielen bei der Dysenterie eine geringe 
Rolle. Symptomatisch hat Vortr. gegen Tenesmus Belladonna un 
Stärkeklystiere sowie Darm Waschungen mit Argent. nitricum, geg e 
die Blutungen Kalzine (Kalk mit Gelatine) angewendet 
therapie bei Dysenterie ist dieselbe wie bei anderen Injektion^ 
krankheiten, als reizloses Präparat ist Digifolin zu empfehlen- 
Kollaps werden intravenöse Injektionen von Digifolin oder o 
phantin sowie von hypertonischer Kochsalzlösung angeweu 
Antipyretika wirken bei Dysenterie wenig. 1 


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UNiVERSITY OF IOWA 




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14. Febraar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


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iritcMkirvsisefee Abende im k. k. Garnisonspitale Nr. 16 
* in Budapest. 

Sitzungen im Monate Januar 1915. 

D Hahn: (Jeher Schul? erletz ungen des Plenraranmes 
nsd der Lmge. Auf Grund von 45 beobachteten Fällen befür¬ 
wortet er die konservative Richtung der Therapie. Verschlimme¬ 
rung des allgemeinen Befindens, Dyspnoe, Zunahme des Hämo- 
tborax, Pulsabnahme geben jedoch Indikationen zu operativen Ein- 




IV-:; 

•’rkrä 


£. Pollatschek: Ucbcr Kehlkopfschfisse. Nach den bis¬ 
herigen Statistiken fallen auf 10000 Schußverletzungen vier bis 
fünf Halsschüsse. Die Frequenz im jetzigen Krieg scheint ihm 
wegen Vervollkommnung der Waffen und der größeren Treff¬ 
sicherheit höher zu sein. Auf Grund von sechs vorgestellten 
Fällen kommt er zum Schluß, daß Kehlkopfschüsse bei Soldaten 
meist in stehender Stellung oder bei Märschen, sehr selten in 
Deckungen Vorkommen. Querschüsse geben bessere Prognose als 
Längsschüsse. Die Schwere der Verletzung steht mit der Länge 
der Geschoßbahn in umgekehrtem Verhältnis. Müde Geschosse 
rerursachen eher Zertrümmerung (Konturschüsse), Knorpelver¬ 
letzung. Nahschüsse penetrieren meist ohne Zurücklassung größerer 
Veränderungen. Auch nach penetrierenden Schüssen können lang- 
dauernde Sprachstörungen ohne jede anatomische Veränderung 
Zurückbleiben. Im Gefolge von mit Zertrümmerung einhergehenden 
Schossen tritt meist eine Knorpelentzündung auf, die ihrerseits 
* zur Fisteibildung und Keblkopfstenose führen kann. 

J. Keppieh: Kriegschirurgische Kasuistik. 

1. Gefäßnaht der durchschossenen Art. brachialis. 

: - Nach Bildung einer frischen Schnittfläche zirkuläre Naht nach 

<. Firrel. Am Tage nach der Gefößnaht der früher nicht tastbare 

ftadi&lispols gut zu fühlen. 

i-’ 2. Aneurysma arteriovenosum cruralis. Mit Gewehr¬ 

kugel durchschossener linker Oberschenkel; nachher an der Ein- 
schaßstelle eine pulsierende Geschwulst. Wegen hoher Lage der 
Verletzung ist es unmöglich, die Extremität blutleer zu machen; 
BS deshalb wird die Arteria und Vena iliaca extraperitoneal heraus- 
präpariert, die Gefäße werden distal von der Stelle der Verletzung 
r:: aofgesucht. An der Arterie eine haselnußgroße, asymmetrische 

Ausbuchtung, auch die Vene auf das dreifache dilatiert. Bohnen¬ 
große Schußöffnung. An der Vene wird diese Oeffnung in der 
Längsrichtung vernäht, aus der Arterie ein 3 cm langes Stück 
eiMindiert nnd zirkuläre Naht nach Garrel angewandt. Puls der 
Artdorsalis nunmehr gut fühlbar. 

3. Aneurysma verum femoralis. Durch Ueberpflanzung 
eines 12 cm langen Stückes der Vena saphena geheilt. 

B. Köln Ar: Hernia epigastrica. Differentialdiagnostisch 
interessant. Ein Offizier stürzte besinnungslos nieder; zu sich ge¬ 
kommen, klagt er über Magenscbmerzen, Blujterbrechen. Mit der 
Diagnose Magengeschwür eingebracht. Anamnestisch erhoben, daß 
die Schmerzen unabhängig vom Essen, nur bei körperlicher Bewe¬ 
gung au/treten. Die objektive Untersuchung bestätigte den Ver¬ 
dacht auf Hernia epigastrica. — Derselbe: Verkleinerung der 
Jkrzdampfmig bei Soldaten. Eine wichtige Fehlerquelle der i 
nerzuntersuehung bei Militärpersonen liegt in der durch Gewohnheit 
strammen Stellung der Soldaten vor dem Arzt. In Habtachtstellung 
dilatiert sich der Thorax, dem passiv zu folgen die Lunge gezwungen 
jst, die, zwischen Herz und Thoraxwand gedrängt, das Herz bedeckt. 
Deshalb ist die Herzdämpfung wesentlich kleiner. Bei Unter¬ 
suchung der Soldaten müssen wir darauf besonders achten, die 
Bestimmung der Herzdämpfung in schlaffer Stellung zu ermitteln. 

E, Groäg: Megalocolon congenitum. Ein 38 Jahre alter 
KeserreJeutnant leidet seit seiner Kindheit an Stuhlträgheit, hat 
stets nur auf Lavement Stuhl. Im Kriegslager verlor er mit seinem 
Gepäck seine Klysopompe, auch mangelte es an Wasser und so 
hatte er 31 Tage keinen Stuhl. Die damals vorgenommene 
Utersuchung konstatierte die Anwesenheit von tumorartigen Kot- 
ffiassen in der UeozökaJgegend. Röntgen ergab Vergrößerung des 
DJckdarmes, insbesondere des Rektums, auf beiläufig dreifachen 
tffiiang. Kolossales Rektum, das nach Konsumierung des schatten- 
geoefiden Bismutbreies am 10. Tag das Bild eines das kleine 
ecken vollkommen ausfüllenden, mit seinen Seiten die Gegend 
es beiderseitigen Hüftgelenkes berührenden, mit seinem Stiel 
y oben gewandten soliden, luftballonförmigen Tumors zeigt. Die 
^aiunktion subjektiv und objektiv normal. S. 


Berliner Medizinische Gesellschaft. 

Sitzung vom 5. Dezember 1914. 

Toby Cohn zeigt einen Pat., bei welchem er die Korrektur 
einer Peroneuslähmung dadurch erzielte, daß er die Fußspitze 
des mit einem Schnürschuhe bekleideten Fußes mittelst eines 
ledernen Schnürsenkels hebt, den er durch die untersten Schnür- 
lochÖffnungen zieht und direkt am Unterschenkel zuknüpft. 

Saul: Beziehungen der Helminthen und Protozoen zur 
Geschwulstätiologie. Zunächst werden die Helminthen und ihre 
Eier demonstriert, welche Löwenstein als erster in Epitheliomen 
von Ratten nachgewiesen hatte. Ihr Einfluß ist nach Löwenstein 
derartig, daß die toxischen Stoffwechselprodukte derselben ge¬ 
schwulsterregend wirken. Damit stimmen auch Ergebnisse des 
Vortr. überein, der nachgewiesen batte, daß die subkutane Implan¬ 
tation des Cysticercus fasciolaris bei Mäusen entweder Tumoren 
der Subkutis oder Intoxikationserscheinungen hervorruft. Die so 
entstandenen Tumoren stimmen histologisch mit den infolge Bil- 
harzia in der menschlichen Blase auftretenden Tumoren überein. 
Vortr. zeigt dann an der Hand von Befunden Weideis, daß die 
Vorgänge bei der Bildung eines pflanzlichen Tumors infolge Ein¬ 
wirkung eines Insekts denjenigen Vorgängen gleichen, die im 
Gefolge der Helminthiasis bei Tieren zur Tumorbildung führen. 
An der Hand von Befunden bei der Kokzidose der Kaninchenleber 
zeigte dann der Vortr., das Kokzidien auf die Epithelien der 
Gallengänge nicht proiiferierend, sondern destruierend wirken, aber 
im periportalen Bindegewebe hyperplastische Prozesse hervorrufen. 
Es werden Präparate eines Magentumors eines Kaninchens demon¬ 
striert, der durch die Wandungen eines verödeten Geläßes gebildet 
wurde und in dessen Hohlraum ein Zystizerkus lag. Schließlich 
wendet sieh Vortr. der Krebsätiologie beim Menschen zu. Man 
kann sich vorstellen, daß die Zellen bösartiger Tumoren vermöge 
eines pathologischen Zellchemismus Stoffwechselprodukte besitzen, 
die auflösend auf die Zellen der angrenzenden Gewebe wirken und 
dadurch den Tumorzellen die Möglichkeit geben, infiltrierend und 
destruierend zu wachsen. Als Ursachen kämen in Betracht: Para¬ 
siten bzw. deren Stoffwechselprodukte, präformierte Gifte, z. B. 
Produkte der Anilinfarbenindustrie, und schließlich photochemische 
Schädlichkeiten, z. B. Röntgenstrahlen. 

M. Lewandowsky: Die Kriegsverletzungen des Nerven¬ 
systems. 1. Gehirnschüsse. Aseptisch eingeheilte Geschosse 
bieten nach wie vor keine Indikationen zur Entfernung. Immerhin 
ist die Verwerfung dieser Indikationen nicht mehr ganz so prinzipiell 
wie früher, falls das Geschoß leicht erreichbar ist. Die wesentliche 
Indikation zum chirurgischen Eingriff ist die Rücksicht auf die 
möglichst aseptische Gestaltung jeder penetrierenden Schädelwunde. 
Die Erfahrungen an den in die Heimat transportierten Verwun¬ 
deten bestätigen die Notwendigkeit der sofortigen operativen 
Kontrolle aller Schädelwunden, speziell der Tangentialschüsse. Die 
draußen nicht chirurgisch kontrollierten Fälle sind viel häufiger 
infiziert als die kontrollierten. Bei den draußen nicht kontrollierten 
ist auch in der Heimat noch sehr häufig die chirurgische Kon¬ 
trolle angezeigt. Bei jedem Schädel verletzten ist die langdauernde 
Beobachtung auch bei anscheinend gutem Verlauf notwendig. 
Noch nach mehrwöchiger Fieberlosigkeit können Meningitiden und 
Hirnabszesse zur Erscheinung kommen, Außer der eitrigen Menin¬ 
gitis mit dem unvermeidlichen Ausgang kommen meningitische 
Zustände durch Meningitis serosa und leichtere meningeale Blu¬ 
tungen vor, die eine günstigere Prognose bieten. Hier ist zur 
Therapie und zur Diagnose die Lumbalpunktion angezeigt. Durch¬ 
schüsse des Gehirns machen oft nur geringe Symptome, an¬ 
scheinende Streifschüsse oft schwere. Letzteres erklärt sich durch 
bestehende Schädelbrüche, oft bis an die Basis. Besonders häufig 
sind dabei Kochlearis- und Vestibulariserscheinungen. Für die 
Schädel Verletzungen ohne penetrierende Wunde gilt der Grundsatz, 
daß nur auf die Voraussetzung umfangreicher meningealer Blutungen 
operiert werden darf. Das Dauerschicksal der Hirn verletzten ist 
noch nicht zu übersehen. Sicher wird bald die Frage der Beseiti¬ 
gung von Spätfolgen nach solchen an uns herantreten. Am ehesten 
ist die Indikation zur Operation bei der traumatischen Epilepsie 
gegeben, sonst möglichste Zurückhaltung angezeigt. — 2. Rücken¬ 
mark verletz ungen. Sie erfordern eine fast unbedingte Zurück¬ 
haltung gegenüber operativen Eingriffen. Die totalen Rückenmark¬ 
verletzungen bieten mit und ohne Operationen keine Chance, die 
partiellen heilen ohne Operation häufig besser. Diejenigen Rücken- 
marksverletzungen, die überhaupt Aussicht auf eine Wiederher¬ 
stellung bieten, sind auch fast nie durch Zerschmetterung des 


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UNIVERSUM OF IOWA 



204 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


Rückenmarks bedingt, sondern durch traumatische Nekrose und 
Blutungen in Fällen, in denen das Geschoß nur am Rückenmark 
vorbeigegangen ist. Das wichtigste bei der Behandlung der Riicken- 
markverletzungen bleibt die Verhütung der Infektion von der Blase 
aus. Die Kaudaverletzungen sollten vielleicht mehr nach der für 
die peripheren Nerven geltenden Indikation behandelt werden. — 
o. Periphere Nerven. Die totale Durchschlagung von Nerven 
durch Geschosse ist selten (etwa 15°/ 0 ). Neurologisch läßt sich in 
vielen Fällen nur dann die genaue Diagnose machen, wenn der 
Nerv nicht total durchschlagen ist, häufig dagegen nicht bestimmen, 
daß er durchschlagen ist. Es ergibt sich das aus der Erhaltung 
von Funktionsresten, welche entweder diffus sein können oder 
zirkumskript in dem Betroffensein oder Erhaltensein gewisser 
Nervenfasergruppen sich kundgeben. Selbst totale Entartungs¬ 
reaktion beweist noch nicht, daß der Nerv wirklich durchtrennt 
ist. Diese Indikation zur Operation ist aber nicht die einzige, 
sondern der Nerv muß auch dann freigelegt werden, wenn er ver¬ 
wachsen und in Narben eingebettet ist. Dazu genügt praktisch 
die Feststellung, ob eine Besserung der Funktion in 4—8 WocheQ 
eingetreten ist bzw. fort gedauert hat oder nicht. Wenn das nicht 
der Fall gewesen ist, so muß der Nerv freigelegt werden. Unter 
14 nur auf diese Indikation hin operierten Nerven erwies sich die 
Operation in 12 Fällen als notwendig. In sehr seltenen Fällen 
können auch sehr starke neuralgische Schmerzen die Indikation 
zur Operation geben. Dieselben Indikationen gelten auch für die 
mit Knochenverletzungen verbundenen Nervenverletzungen. Fälle 
ischämischer Lähmung durch zu langes Liegenlassen der Esmarch- 
schen Binde kommen leider nicht zu selten vor. — 4. Hysterie. 
Ist bei Nervenverletzungen nicht häufiger als bei anderen. Die 
schwersten Fälle kommen ohne Verletzung und bei leichten Ver¬ 
letzungen vor. Es ist nicht zu erwarten, daß die Zahl der funktio¬ 
nellen Störungen eine übermäßig große wird, wenn man die Zahlen 
der Unfallstatistik zugrunde legt. Die Organisation der Behand¬ 
lung dieser Störungen zusammen mit den nach Verletzungen 
zurnckbleibenden Störungen muß auf breitester Grundlage einge¬ 
leitet werden. F. 


Medizinische Gesellschaft in Freiburg i. Br. 

Sitzung vom 1. Dezember 1914. 

Ritschh Orthopädisches in der Verwundetenbehand- 
lang. Eine vollkommene Behandlung von Knochenverletzungen 
muß vom ersten Tag an die funktionelle Seite berücksichtigen. 
Dann ist eine Nachbehandlung oft nicht mehr nötig, jedenfalls 
aber sehr abgekürzt. Je schneller und vollkommener die Ver¬ 
wundeten ihre Arbeitsfähigkeit wieder erlangen, um so geringer 
sind die finanziellen Lasten, die der Staat zu tragen hat. Schwarten, 
die sich aus zurückbleibenden Blutungen bilden, bedingen bedeutende 
Hindernisse für den freien Ablauf der Bewegungen. Ebenso schaden 
die fixierenden Verbände, und zwar um so mehr, je länger sie 
angewandt werden. Diese beiden Punkte sind also bei der Behand¬ 
lung zu berücksichtigen. Die bei den Verletzungen im Ueberschuß 
auftretenden reaktiven Erscheinungen müssen durch Hochlagerung 
der betreffenden Gliedmaßeü, Kompression, Wärme und besonders 
Massage bekämpft werden. Die Verbände sollen nicht größer sein, 
als unbedingt erforderlich; oft werden durch zu große Verbände 
Gelenke und Muskeln in Mitleidenschaft gezogen, die von der 
Verletzung gar nicht betroffen sind. Es kommt dann zu Ankylosen 
und Muskelatrophien an Stellen, die weit von der Verwundung 
entfernt sind. Diese unangenehmen Folgen bei Extremitäten Ver¬ 
letzungen treten infolge des Mangels von Bewegungen auf. Der 
M. deltoideus und M. quadriceps femoris erfordern besondere Auf¬ 
merksamkeit, da sie am schnellsten atrophieren, wie überhaupt 
die Strecker schneller als die Beuger atrophieren, da in letzteren 
die Zirkulationsverbältnisse besser sind. Bei jedem Verbandwechsel 
soll man daher aktive und passive Bewegungen vornehmen lassen, 
letztere vorteilhaft mit Hilfe des faradischen Stroms. Wenn gleich¬ 
zeitig durch Anregung der Resorption der Entzündung der Schmerz 
beseitigt wird, können schon im frühen Stadium ohne Schaden für 
die Heilung aktive Bewegungen vorgenommen werden. Bei fixieren¬ 
den Verbänden müssen Stellungen gewählt werden, die im Falle 
schwerer Störung oder gar Ankylose dem Glied eine möglichst 
große Funktionsbetätigung gestatten. Zur Erweichung von Narben 
hat sich dem Vortr. Fibrolysin bewährt. K. 


Kriegschirurgischer Abend der Sanitätsoffiziere des 
VII. deutschen Res.-Korps zn Brnyeres (Frankreich). 

Sitzung vom 26. Dezember 1914. 

Flörcken demonstriert einen am 2. November durch Ge¬ 
wehrschuß verwundeten Franzosen. Einschuß etwas einwärts vom 
medialen Schulterblattwinkel links, Ausschuß in der linken Fossa 
supraclavicularis lateral vom Kopfnicker. Gleich nach der Ver¬ 
letzung schlaffe Lähmung des ganzen linken Armes. Seasi- 
bilitätsausfall nur im Ulnarisgebiet am Vorderarm. Radialpuls 
links kaum fühlbar. Nach 3 Tagen kräftiger Radialpuls, gleich¬ 
zeitig setzt ein Oedem der Hand ein mit einer beginnenden Gangrän 
sämtlicher Fingerspitzen; nach weiteren 3 Tagen ein herpesartiger 
Ausschlag am ganzen tinken Vorderarm. Besonders nachte heftige 
neuralgiforme Schmerzen im linken Arm. Generalarzt Geheimrat 
Gold scheider stellt außerdem eine Affektion des linken Sym¬ 
pathikus fest; Miosis, etwas zurückgesunkener Bulbus, verengerte 
Lidspalte des linken Auges. Das Krankheitsbild ist seiaer Auf¬ 
fassung nach mehr durch Reizung als durch Lähmung des Plexus 
brachialis bedingt. Vorschlag der Operation, die am 5. Dezember 
vom Vortr. ausgeführt wurde: breite Freilegung des Plexus bra¬ 
chialis in der Fossa supraclavicularis. Es zeigt sich, daß einige 
wenige Stränge des Plexus direkt nach ihrem Austritt aus der 
Halswirbelsäule abgerissen sind, der ganze Plexus aber in ein 
schwieliges Gewebe fest eingebettet ist; mit Mühe gelingt die 
Freimachung. Eine Naht der hoch abgerissenen Stränge ist un¬ 
möglich. Soweit sich bis jetzt feststellen läßt, hatte die Operation 
einen dreifachen Effekt: 1. Die SensibilitätslähmuQg des Vorder¬ 
arms ist verschwunden. 2. Die Schmerzen sind seit der Operation 
nicht wiedergekommen. 3. Patient vermag mit seinen Trizeps einige 
zuckende Bewegungen auszuführen. Die Fingernekrose hat sich 
an allen Fingern soweit demarkiert, daß die Absetzung in den 
Gelenken zwischen Grund- und Mittelglied nunmehr erfolgen kann. 

Es hat weiterhin eine sorgfältige ele&rische Nachbehandlung zu 
folgen. 

St.-A. d. R. Dr. Busch: Bei einem 17jährigen Kriegsfrei¬ 
willigen hatte eine Schrapnellverletzung zu doppelseitigem Hämato- 
thorax und totaler Qaerschnittläsion des Bückenmarks etwa 
in Hohe des dritten Dorsalsegments geführt. Die Sehnenreflexe 
an den Unterextremitäten fehlen dauernd, vom dritten Tag ab be¬ 
stand Babinski. Neben der entsprechenden Sensibilitätsstörung 
bestanden Blasen-Mastdarmstauungen und beginnender Dekubitus 
am Kreuzbein, Zehen und Fersen. Der rechtsseitige Hämatothorai 
wurde punktiert. Da kein Rückgang der Lähmungen, wurde am 
elften Tag durch Laminektomie der Spinalkanal im Bereiche des 
dritten bis fünften Brustwirbels freigelegt. (Geh. Rat Prof. Doktor 
Rotter.) Keine sichtbare Verletzung des Duralsacks, keine Kon¬ 
sistenzveränderung. Verschluß bis auf zwei Jodoformgazestreilen. 
Die trophoneurotischen Störungen haben sich gebessert, die Knie¬ 
sehnenreflexe sind wieder auszulösen. Pat. gibt Sensationen in den 
Beinen an, neben spontanen Zuckungen vermag er gelegentlich 
einzelne Bewegungen mit den Zehen auszuführen. In Analogie mit 
den von Finkelnburg beschriebenen Fällen ist Vortr. geneigt, 
auch hier Veränderungen nicht nur an der betroffenen Markstelle 
selbst, sondern auch in ferner gelegenen Teilen anzunehmen. Hiermit 
ließe sich das anfängliche Fehlen der Kniereflexe trotz Fehlens 
einer Totaldurchtrennung (Bastiansches Gesetz) und die Wieder¬ 
kehr nach 3 Wochen gut vereinbaren. Vielleicht haben sich behädi- 
gungen dos Reflexbogens zurückgebildet. Im Hinblick auf die 
Besserung der trophoneurotischen Störungen und die Wiederkehr 
einzelner Bewegungen ist innerhalb der nächsten Monate eine 
Besserung noch als möglich zu erachten. 

Flörcken hatte Gelegenheit, bei Schußverletzungen derWkbel* 
ßäule und des Rückenmarks zweimal zu operieren. Der erste 
trifft eine Granatsplittorverletzung der Halswirbelsäule mit Zertrum 
rnng des dritten und vierten Halswirbels. Vollkommene Lähmung * 
Jugulum nach abwärts, Atmung fast nur mit Zwerchfell. Da der 
ganz frisch ist, werden an der Stelle der Verletzung zahlreiche, 
Mark komprimierende Splitter entfernt, die Dura ist nicht verletz. 

24 Stunden post Operationen! an Atinungslähmung. Ii^ 1 zweiten ‘ ^ 
handelte es sich um eine Granatsplitterverletzung in der Höhe des * 
bis fünften Dorsalwirbels mit gleichzeitiger Verletzung der linken » 
Die Lähmung war insofern halbseitig, als links eine aasg® S P.I 0Ch ^ t ‘^ 
ralyse, reehts nur eine Parese von der VeHetzungsstelle ab>'‘ ir ^ ^ 
mit ausgesprochener Hyperästhesie der Zone über der Sensibuitatss * 
(Stabsarzt Dr.Trembur). Es wurde der dritte bis sechste Porn . d 

und Wirbelbogen entfernt, und dabei fand sich am vierten Horsa ^ 

eine Kompression der Dura durch großen Granatsplitter un 
Knochensplitter. Dura unverletzt. Pat. starb vier Tage nach <- 


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iflli n. tun! zwar, »'io die Sektion zeigte, an einer Pneumonie der un- 
iftüb* ierJetzfen reckte» Lunge. Keine Meningitis, an der Kompressionsstelle 
findet sich unter der unverletzten Dura ein blutiger Envetchungsherd in 
der MeduJJ;! bis zur Mitte, o m ist der Markqiierschmtt ebenfalls halb- 
nubar scitk' blutig durchtränkt. Demonstrat ion des Präparats. Der zweite Herd 

m . 4 f : :«r vieJieichl als durch Fernwirkung entstand«*» aufzufassen. Aueh bei 

j ! fT. «beinbar intakter Dum können schwere Läsionen des Marks vorliegen. 

, fler ^• oVrade bei den frischen Fällen, wie sie das Feldlazarett kriegt, würde 

^ •? firh. besonders wenn keine vollkommene Querschnittslähmung besteht, 

II Aß« ^ immer wieder eia Operationsversuch empfehlen, da die Pat. sonst sieher 

*ana. k «erken sind. 

St.-A. Zwicke berichtet über einen Krankheitsfall, der unter 
■■■ dem Bild einer Bronchopneumonie verlief und nach 14 Tagen plötz- 
itüm. Ter starb. Der Verlauf der Fieberkurve ließ an einen Typhös 
,r * JC ; ibdomiflaiis der dritten bis vierten Woche denken. Die Widal- 

;cbe Reaktion war 1:200 positiv. Die Sektion ergab Deben einer I 
Jofiltration des linken Unterlappens eine diffuse Bronchitis beider 
^ Luugen und eine Erweiterung des schlaffen rechten Herzens. Am 

i ß Magen tmd Darm fanden sich keinerlei krankhafte Veränderungen. 

wjU Drei Mesenterialdriisen waren bis zu Bohnengröße geschwollen. In 

* der Gallenblase, deren Wand chronisch-entzündlich verdickt war, 

j—* aurden ein großer und mehrere kleine Steine gefunden; der flüssige 

*“ Inhalt war eitrig. Die Milz war weich, septisch, vergrößert. Die 

M . bakteriologische Untersuchung des eitrigen Inhalts der Gallenblase 
e z- ergab eine Reinkultur von TyphusbaziJien. Auch aus der Milz 

£?-■ konnten Tjpbusbazillen gezüchtet werden. Es handelte sich dem- 

nach wobJ um eine Bronchopneumonie oder vielmehr um ein Re- 
i zidir bei einem Tvphusbazillenträger. 

Petermann: Ueber Extreiniüitenverletzungen mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Infektion. (Erscheint in ge- 
airinsamer Bearbeitung mit Hamken in dieser Wochenschrift.) 

St.-A. Dr. Berger: Hautkrankheiten im Kriege. Vortr. 
i^prieht diejenigen Dermatosen, die für den Truppenarzt in erster 
Linie in Frage kommen. Das sind neben dem einfachen nässenden 
und dem trockenen Ekzem: 1. Die parasitären Ekzeme, die im- ; 
peliginosen Ekzeme (Impetigo contagiosa), 2. die Pilzerkrankungen i 

der Haut, insbesondere die Trichophytie der unbehaarten und be- j 

^ haarten Haut, 8. die Pityriasis rosea Gibert, 4. die exsudativen < 

1V Prozesse der Haut, 5. die Furunkulose. Tafeln erläutern den Etat , 

ao dermatologischen Mitteln bei der Truppe, den Sanitätskompagnien 
* und den Feldlazaretten. An der Hand dieser Tafeln empfiehlt Vortr. 
die geeignetsten therapeutischen Maßnahmen. Die venerischen 
Krankheiten sind in den Kriegs- und Etappenlazaretten zu be- 
iandf ln. Der zweite Teil der Ausführungen betrifft die Maßnahmen, 

»eiche gegen die so gefährliche Ausbreitung der Epizoen des 
menschlichen Körpers zu treffen sind, hieben der Therapie bespricht 
Vortr. die Möglichkeiten, im Felde mit improvisierten Apparaten 
Wäsche und Kleider der mit Skabies und Pediculis vestim. be¬ 
hafteten Mannschaften schnell und sicher zu reinigen. Formalin¬ 
dämpfe töten diese Lebewesen nicht. Leinen- und BaumwolJgegen- 
stände werden ausgekocht. Demonstration eines improvisierten 
ToDnenapparates zur Desinfektion der Kleider in strömendem 
" asserdarapf und eines improvisierten Tonnenapparates zur Des- ai 

Infektion mit Schwefeldämpfen. Das letztere Verfahren ist emp- ri 

fehlen Ton General-Oberarzt Dr. Neuburger, vom Vortr. aus- \vi 
probiert; es tötet Milben und Pedikuli sicher in 30 Minuten. H 

St.-A. Dr. Fromme: Typhusbakämpfang im VII. R. K. 
'Erscheint in dieser Wochenschrift.) nif 

Ihlenhuth; Der Typhus stammt aus Belgien und Nordfrank- lei 
r»tb, iiH-ht aus Deutschland. Das Aufmarschgebiet war durch die syste- 
R üsche Typhusbekämpfung saniert, die Bazillenträger waren auf meinen 

iim ersten Mobilmachungstag interniert worden. Es wurde das 11 " 
[f! m ^ Vorkommen des Typhus durch Absuchen sämtlicher Ort- ZU, 
' alten /unter der Front im Operations- und Etappengebiet der Armee Nr 
■ j *■ «gemäß von uns naehgewiesen. Zahlreiche Typhusfälle und Bazillen- 
J- r wurdeo atifgefunden und in einem ad hoc eingerichteten Spital 
rgemacht (bis jetzt 120;. Das Spital, das mit improvisierten Des- ZUI 

• lonseinnehtiingen allen hygienischen Anforderungen entsprechend nai 

^ ,Bt * . d * ent gleichzeitig als Desin/ektorenschule. Nur durch 
ut' stematisches Vorgehen auch bei der Zivilbevölkerung kann man rrj- 


Der Typhus verläuft im Beginne vielfach als „Bronchitis**, Influenza, 
i „Rheumatismus“. Die Kranken kommen dann in die Seuchenlazarette: 
kein Mann, bei dem nicht dreimal die bakteriologische Untersuchung 
negativ war, wird entlassen. Eine Verschleppung auch in die Heimat 
wird dadurch sicher verhütet. Es sind auch besondere Genesungsheime 
für bazillenfreie Rekonvaleszenten, die bakteriologische Untersuchung 
ist auch im Beginne der Erkrankung von größter Bedeutung. Die klinische 
Untersuchung allein führt in sehr vielen Fällen nicht zum Ziele. Wir 
haben uns mit großem Vorteil einer „Büchsengans“ (Agar- und Typhus- 
spezialnährboden in Konservenbüchsen) bedient, die nach unsern Angaben 
in der Konservenfabrik von Ungemach A.-O.. Straßburg i. E.. hergestellt 
wird. Die Ansteckung erfolgt fast ausschließlich durch Kontakt. Wasser- 
und andere Infektionen wurden von uns nie beobachtet. Die Verbesserung 
der in Frankreich sehr ungünstigen hygienischen Verhältnisse muß mit 
allem Nachdruck gefördert werden: besonders wichtig ist die jetzt auch 
überall getroffene Einrichtung von Badeanstalten. Die Schutzimpfung 
ist überall durchzufiihren. Beobachtungen bei 200 000 Mann haben ge¬ 
zeigt, daß die Reaktionen sehr geringfügig sind. Ueber den Erfolg läßt 
sich noch nichts Bestimmtes sagen. Jedenfalls ist die erfreuliche Tat¬ 
sache zu konstatieren, daß der Typhus jetzt fast vollständig verschwunden 
ist. ln einigen Regimentern, wo der Typhus noch nicht ganz aufgehört 
hat, werden alle Mannschaften bakteriologisch durchuntersucht, um even¬ 
tuell Bazillenträger zu finden; alle als bazillenfrei zur Truppe entlassenen 
Leute werden weiterhin bakteriologisch kontrolliert. Bei diesem umfang¬ 
reichen Betrieb sind in meinem Laboratorium vier Assistenten und eine 
[ Laborantin tätig. Zwei Herren sind stets auf Ermittlungen, zwei im 
Laboratorium tätig. 

Gen.-A. Nickel weist darauf hin, daß zur Bekämpfung einer 
Weiterverbreitung des Typhus vor allem eine möglichst schleunige Iso¬ 
lierung aller Mannschaften, bei denen möglichenfalls Typhus Er¬ 
liegen könnte, durcbgefiibrt werden müss»*: dazu seien die Tvplmsbeob- 
achtungsstationen errichtet und die Anweisung gegeben, daß dort jeder 
Mann mit Fieber aufgenommen werden solle, wenn das Fieber durch den 
Befund nicht genügend geklärt würde, lieber zehn Mann zu viel dort 
hinschickon als einen zu wenig. Typhusbazillenträger der Zivilbevölke¬ 
rung könnten nur für die weiter rückwärts gelegenen Truppen in Frage 
kommen, nicht aber für die Truppen der vorderen Linie, in den Schützen¬ 
gräben und den unmittelbar dahinter liegenden Ortschaften, weil in diesen 
keine Zivilbevölkerung geduldet würde. Ein weiteres Hilfsmittel zur Typhus- 
bekämpfung sei peinlichste Sauberkeit; Vergraben alles fäulnisfähigen 
Materials, wie Speiseabfälle und Ueberreste. Beseitigung von Fäkalien, 
die außerhalb der Latrinen entleert seien. 


Kleine Mitteilungen. 


Kriegschronik. 


Dr. Philipp Peck f. 


j fj T' ,* eiMtlsc “ es » orgehen auch bei der Zivilbevölkerung kann man 
ir ni U8 - ailSrotten ’ ^ enn sonst «lecken sich unsere Soldaten immer wieder 
U e geringere Beteiligung des VII. R. K. beruht wahrscheinlich darauf, 

• irel /» „Bevölkerung weniger durchseucht ist. Wir haben be- 
«'i'htiir f. Br diese Umgebungsuntersuchungen ausgearbeitet. Am 
j- * , p^ n IS J da f rechtzeitige Auffinden der Kranken und Verdächtigen 
r ; t . Jnn e , rc k dj® Truppenärzte. Alle verdächtigen Fälle (Tempe- 
- der Tri °^ en IBber einen zu viel, wie einen zu wenig — müssen 
die a j, „..^Pe sofort herausgenommen und in die „Beobachtungsstationen“, 
cij.. jj eo L . er dienen ; gebracht werden. Auch für die Truppenärzte und 1 
ungsstationen haben wir besondere Leitsätze ausgearbeitet. 


Das militärärztliche Offizierskorps beklagt den Verlust 
seines Chefs, der, ein Opfer treulich erfüller Amtspflicht, 
am 7. Februar an Flecktyphus gestorben ist. Die Visitie- 
rung eines Gefangenenlagers war der Anlaß zur Infektion, 
welcher der pflichtbewußte Arzt und Soldat erlegen ist: ein 
Heldentod gleich jenem im Feuer feindlicher Geschosse. 

Generaloberstabsarzt Dr. Peck entstammte der Josefi¬ 
nischen Akademie. Er absolvierte 1874—1911 die Stufen¬ 
leiter militärärztlicher Grade vom Oberarzt zum General¬ 
oberstabsarzt, diente als Truppenarzt in Bosnien, Südtirol 
und Ungarn, war später dem 2. Korpskonimando in Wien 
zugeteilt, fungierte als Kommandant des Garnisonspitals 
Nr. 2 und führte hierauf das Personalreferat in der 14. Ab¬ 
teilung des Reichskriegsministeriums, zu deren Vorstand und 
zum Chef des Militärärztlichen Offizierskorps er 1908 er¬ 
nannt wurde. 

Der Hintritt des tüchtigen, wohlwollenden und kolle¬ 
gialen Mannes, welcher die wissenschaftliche Fortbildung der 
Truppenärzte stets gefördert, ist ein schwerer Verlust in 
ernster Zeit, Es hat der Tragik dieses Sterbens nicht be¬ 
durft, die Erinnerung an den allverehrten Chef bei den Mili¬ 
tärärzten Oesterreich-Ungarns wie bei allen dauernd zu 
festigen, die ihm im Leben näher getreten. 

Preis und Ehre seinem Andenken! 


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UNiVERSUY OF IOWA 




20U 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


14. Februar. 


Aus den off* Verlustlisten. 

1. Tot: 

Arzt Dr. Mor. Güusz (Liste Nr. 119). 

O.-A. I)r. Alexander Struchol, L.-I.-R. Nr. 26 (Liste Nr. 119). 

A.-A.-St. Dr. Job. Wangel, Garn.-Sp. Nr. 26. 

2. Verwundet: 

R.-A. Dr. Jakob Scherer, F.-J.-B. Nr. 13 (Liste Nr. 113). 

A.-A.-St. d. Res. Dr. Ernst Fuchs-Beweis, I.-R. Nr. 57 (Liste 
Nr. 117). 

A.-A. d. Res. Dr. Abraham Marel, 1.-R. Nr. 58 (Liste Nr. 117). 

R.-A. Dr. Marie, u. L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 120). 

3. Kriegsgefangen: 

R.-A. Dr. Karl v. Müller, Garn.-Sp. Nr. 1, Wien (Chodschent-Ituli- 
land, Liste Nr. 117). 

* * 

* 

Die Kommandos der Ersatzkörper wurden angewiesen, unter 
persönlicher Verantwortung alles aufzubieten, daß die zur Armee 
abgehenden Formationen durchwegs gegen Typhus, Blattern und 
Cholera geimpft werden; der Choleraimpfstoff ist samt den zu¬ 
gewiesenen Spritzen nur in jenen Fällen ins Feld mitzunehmen, 
wenn für die Durchführung der Choleraimpfung im Hinterland 
absolut keine Zeit erübrigt werden könnte. 

* * 

* 

Von 6500 bei der französischen Armee befindlichen Aerzten 
wurden nach einer von Prof. Tuffier in der Pariser Chirurgischen 
Gesellschaft gemachten Mitteilung 93 getötet, 200 verwundet, 440 
vermißt und 507 wegen Krankheit evakuiert. 


(Anton Weichselbaum.) Am 8. <1. M. hat der ordent¬ 
liche Professor der pathologischen Anatomie an der Wiener 
Universität Hofrat Dr. Weichselbaum das 70. Lebensjahr 
vollendet. Wieder einmal tritt angesichts der geistigen und 
körperlichen Integrität eines hingebungsvollen Lehrers die 
Härte jenes akademischen Gesetzes zutage, das dem didakti¬ 
schen Wirken jener Universitätsprofessoren ein allzu frühes 
Ziel setzt, die das siebente Dezennium ihres Lebens über¬ 
schritten haben. Mit schmerzlichem Bedauern werden Schüler 
und Kollegen binnen Jahresfrist einen Mann aus dem Ver¬ 
bände der Universitas litterarum scheiden sehen, der Genera¬ 
tionen von Aerzten ausgebildet und sich stets, als Lehrer, 
Dekan und Rektor, der studierenden Jugend wohlwollend 
und hilfreich erwiesen hat. — 1869 promoviert und von 
diesem Jahre an als Assistent der Lehrkanzel für patholo¬ 
gische Anatomie an der Josefsakademie wirkend, 1878 habi¬ 
litiert, 1885 zum Extraordinarius, 1893 zum Ordinarius seines 
Faches an der Wiener Universität ernannt, blickt der J ubilar 
auf eine 37jährige fruchtbare Lehrtätigkeit und eine Lebens¬ 
arbeit zurück, deren Spuren die Geschichte der Medizin 
dauernd verzeichnen wird. Ihm, dem gleich ausgezeichneten 
Bakteriologen und pathologischen Anatomen, verdanken wir 
grundlegende Arbeiten über die Aetiologie der Pneumonie, 
über Epidemiologie, Parasitologie und pathologische Histo¬ 
logie, über Aetiologie und pathologische Anatomie der Endo¬ 
karditis etc. Möge der Lebensabend des unermüdlich und 
erfolgreich wirkenden Gelehrten noch lange währen! 

(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor 
dem Feinde ist dem Gen.-St.-A. Dr. J. Schwarz das Offizierskreuz 
des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, 
dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Steiner, Sanitätschef des Etappen- 
Oberkrado., das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande 
des Militärverdienstkreuzes, den 0.-St.-Ae. I. Kl. DDr. L. Teren- 
koczy, Sanitätschef des II. Korps, A. Majewski des 4. Armee- 
Etappenkmdo. und dem St.-A. Dr.E.G1 aser beim 3. Armee-Etappen- 
kmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der Kriegsdeko¬ 
ration, den O.-St.-Ae. DDr. B. Tahal, Sanitätschef der 7. L-Div., 
J. Löwenthal, Sanitätschef der 14. I.-Div., don St.-Ae. Doktoren 

E. Turnowsky des F.-H.-R. Nr. 5, E. v. Frendl, Kommandanten 
des Feldspitals Nr. 3/14, J. Jampolar des I.-R. Nr. 85, J. Cer¬ 
no vsky des I.-R. Nr. 21, E. Strisch, Kommandanten des mobilen 
Res.-Sp. Nr. 3/8, K. Springer des mob. Res.-Sp. Nr. 1/8, M.Löw 
des I.-R. Nr. 71, den R.-Ae. DDr. E. Janetzky des 3. Korpskmdo., 

F. Maurer der II. Marscbbrigade, M. Bechtaii des 13. Korpskmdo., 


J. Szerdotz des I.-R. Nr. 62, J. Hachla des L.-I.-R. Nr. 24, 

E. Zuckerkandl des L.-I.-R. Nr. 13, dem LiniAnschiftsarzt Doktor 

A. Barcsai, R.-A. d. Res. Dr. H. Hammer des L.-I.-R Nr. 3, 
R.-A. d. Ev. Dr. A. Grünberg des L.-I.-R. Nr. 13, den Lst.-A-Ae. 
DDr. K. Stompfe, Kommandanten des mob. Res.-Sp. Nr. 2/8 und 

B. Niederle des mob. Res.-Sp. Nr. 3/8 das Ritterkreuz des Franz 
Josef-Ordens am Bande des Militär Verdienstkreuzes, den R.-Ae, 
DDr. Z. Cerny des F.-H.-R. Nr. 8, L. Szarvasy, Kommandanten 
des mob. Res.-Sp. Nr. 3/6, dem R.-A. d. Res. Dr. R. Fibich der 
I.-Div.-San.-A. Nr. 14, L.-R.-A. a. D. Dr. D. Steiner des Feld¬ 
spitals Nr. 3/7, dem O.-A. Dr. L. Nocar der Div.-San.-A. Nr. 9, 
den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Eichler des Ixjt. Nr. 74, A. Zimp- 
rieh der I.-Div.-San.-A. Nr. 14, J. Kuöera det Div.-San.-A. Nr. 9, 
den A.-Ae. d. Res. DDr. J. Grund des I.-R. Nr. 42, J. Loserl 
des F.-H.-R. Nr. 9, O. Mayer des Feldspitals Nr. 3/7, D. Eggedi 
des I.-R. Nr. 70, W. Reinisch des I.-R. Nr. 21, J. Csillay des 
Feldspitals Nr. 1/4, J. Kubik des I.-R. Nr. 42, J. Vobomik und 
W. Buchbinder des F.-K.-R. Nr. 74, E. Rettich des Feldspitals 
Nr. 7/5 und dem A.-A. d. Ev. Dr. J. Bloch der I.-Div.-San.-A. 
Nr. 31 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der 
Tapferkeitsmedaiile, den A.-A.-St. DDr. Ruzzier des I.-R. Nr.97 
und S. Pentz des Feldspitals Nr. 1/4 das Gohjene Verdienstkreuz 
am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem landsturmpflichtigen Zivil- 
arzt Dr. H. Königer das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone 
verliehen, den R.-Ae. DDr. A. Stocklöw des I.-R. Nr. 42, M. Kim- 
melmann des L.-I.-R. Nr. 22, F. Kinzel des I.-R. Nr. 76, J.Ko- 
vacs des F.-K.-R. Nr. 15, B. Fön des H.-R. Nr. 3, dem O.-A. 
Dr. S. Temesvary der I.-Div.-A. Nr. 32, den O.-Ae. d. Res. 
DDr. J. Babiöek und J. Schmid des L.-I.-R Nr. 13, W. Vit 
des I.-R. Nr. 73, J. Pojer des L.-I.-R. Nr. 3, A. Földes desL-R. 
Nr. 62, dem Lst.-O.-A. Dr. 0. Sprecher des Lst.-L-R. Nr. 20, 
dem A.-A. Dr. F. Silberstein, den A.-Ae. d. Res. DDr. A. Lang 
des F.-H.-R. Nr. 5, E. Tothfalussy des F.-J.-B. Nr. 24, S. For¬ 
tuna des I.-R. Nr. 97, M. Csillag des I.-R, Nr. 19, F. Richter 
des H.-R. Nr. 2, W. Vohrna des L.-I.-R. Nr. 13, A. Weis des 
I.-R. Nr. 73 und dem A.-A.-St. Dr. A. Josephi des I.-R. Nr. 62 die 
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Geu.-St-A. 
Dr. J. Turcsa, O.-St.-A. I. Kl. Dr. M. Scharnagl des Garn.*Sp. 
Nr. 24 und St.-A. Dr. A. Fidler des L.-I.-R. Nr. 10 sind auf eigenes 
Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden. 


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He 


'Sein 


■all 


(Boykottierung der österreichischen und deutschen 
Kur- und Badeorte durch die Russen.) Im Taurischen Palais 
in Petersburg wurde, wie die „Allg. Wiener med. Ztg.“ berichtet, 
ein Kongreß eröffnet, der eine Verbesserung der Bade- und Kur* 
ortoverhältnisse in Rußland zum Zwecke haben soll, um den großen 
Strom von Badegästen von den österreichischen und deutschen 
Badekurorten fernzuhalten. An diesem Kongreß nahmen 900 Dele¬ 
gierte, mehrere Minister, zahlreiche Dnmamitglieder und hervor¬ 
ragende Aerzte teil. Der Zar hat das Protektorat übernommen. 

(Der Aerztliche Verein fiir freie Arztwahl) in Wien 
ersucht anläßlich der bevorstehenden Neuauflage des Mitglieder¬ 
verzeichnisses die dem Verein angehörenden Aerzte, eine Adressen¬ 
änderung oder eine gewünschte Korrektur an das Büro (IX., Grundl- 
straße 3) mitzuteilen, wohin auch Beitrittserklärungen erbeten 
werden. Die Krankenlisten sind zu Abrechnungszwecken pro 1914 
an den Obmann der Honorarkontrollkommission Dr. L. Nagy, 
X., Laxenburgerstraße 79, zu senden. Insbesondere die n.-ö. Aerzte 
werden im eigenen und im Interesse der ärztlichen Gesamtheit 
aufgefordert, durch Anschluß an den Verein die für die Entwick¬ 
lung des ärztlichen Standes wichtigen Bestrebungen zu fördern. 

(Die Kaiser Wilhelm-Gesellschaft in Berlin) hat die 
baldige Errichtung der Kaiser Wilhelm-Institute fiir Physiologie 
und Hirnforschung beschlossen, die erforderlichen Mittel bereit- 
gestellt und von der bevorstehenden Eröffnung des in Dahlem 
erbauten Kaiser Wilhelm-Institutes fürBiologie Kenntnis genommen. 

(Das Preisausschreiben „Riberi“) über 20000L & 
von der medizinischen Akademie in Turin für wissenschaftlicn 
Arbeiten auf dem Gebiete der medizinischen Disziplinen im Auge 
meinen publiziert worden. Meldungstermin bis 31. Dezember ly *• 
Nähere Auskunft beim Sekretariat der Akademie der Meaiz - 
Turin, 18, via Po. 

Sitzungs-Kalendarium. 

Freitag, 19. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Amte. (IX., Frai;t ' 


gasse 8.) 


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban «fc Schwarzenberg, Wien und Berlin. - Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn : Karl Urban, Wien. 

Druck von Uottlieb Distel & Cie.. Wien, 111., Münzgasse 6. 


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UNIVERSUM OF IOWA 


Wien, 21. Februar 1915. 


XI. Jahrgang. 


Sr. 8. 


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Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

PreflBiaor Dr. JKurt Brudeabvg 

Berlin 


Verlag von 

Urban & Seliwenenberf 
Wien 


J.VRALT: Die Versorgnng der Verwindet«n und Erkrankten Im Kriege: Geh. Bat Prof. Dr. Ad. Schmidt, Ueber den Zusammenhang von gut- 
irtigen Durchfällen mit dem Genüsse schwerverdanlicher Nahrung und mit Abkühlung des Bauches. Prof. Dr. August Mayer, Ueber die Behandlung 
eiternder Wunden mit künstlicher Höhensonne. Manfred Frankel, Zur Heilung von schweren Knochenbrüchen mittels Röntgenreizdosen (mit 4 Abbil- 
Juageai. Sanifätsrat Dr. Karl Gerson, Sterilisierung und sterile Aufbewahrung chirurgischer Instrumente im Kriege. — Berichte über Krankheits- 
fflk aird Behandln ngs?erfahren: Dr, Iwan Bloch, Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz. Prof. Dr. Albert Albu. Die praktischen Erfolge der 
Verwendung von Mondorfer Wasser bei der Behandlung von Magen-, Darm- und Stoffwechselerkrankungen. — Forschungsergebnisse aus Medizin 
ui UfaturwlMenscbaft: Priv.-Doz. Dr. Otto Porges und Dr. Alfred Leimdörfer, Eine klinische Methode zur Bestimmung der Blutalkaleszenz (mit 
3 MJdiingenj. — Aus der Praxis für die Praxis: Oberarzt Dr. 0. Nord mann, Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen, — Referatenteil: 
Sunelreferat: Dr. Reckzeh. Neuere Arbeiten auf dem Gebiete der inneren Medizin. Dr. L. Bürger, Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der ver- 
«ifhenmgsrechtiichen Medizin. — Aus den neuesten Zeitschriften. — Bficherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und 
Slwdwftagea: K. L Gesellschaft derAerzte in Wien. Wiener Dermatologische Gesellschaft. Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest. Berliner 
Medizinische Gesellschaft. Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn. Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich). — Kleine 

Mitteilungen, 

De Vtrlf MiU tick Am auitckUtßUck* Ruht d*r VertWf&ttigung und Verbreitung der in dUur ZeituMft mtm Jfrsskginm gelangenden OriginaUnUrigt vor. 


Ö.-i*: 

v ; Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


‘1sk - | Ueber den Zusammenhang von gatartigen Durch- 
Allen mit dem Genüsse schwerverdanllcher 
i Mirang nnd mit Abkühlung des Bauches 

f| von 

T. J Geh. Rat Prof. Dr. Id. Schmidt, Halle a. S. 

111 Daß sich unter den aus dem Felde mit Durchfällen 
zurückkehrenden Soldaten eine große Anzahl von nicht spe- 
cifischen — also nicht in die Gebiete des Typhus, Para- 
typks. der Cholera oder der Dysenterie gehörigen — Er- 
f krankungen findet, ist schon von verschiedenen Seiten 
!V : [Strauß (1), Leschke(2)] hervorgehoben worden. Dabei 
; handelt es sich nicht bloß um die bisher allein berücksich¬ 
tigten unspecifischen Kolitiden, sondern vielfach auch um 
akut einsetzende, aber mehr oder minder chronisch 
verlaufende dyspeptische Diarrhöen ohne deutliche Zeichen 
ron entzündlicher Affektion des Darmes. Die nähere Ana¬ 
lyse des Stuhlgangs, welcher bei nicht sehr sorgfältiger Kost 
unverdaute Nahrungsreste verschiedener Art aufweist, zeigt, 
daß diese Fälle in jeder Hinsicht den bekannten gastrogenen 
Danndyspepsien gleichen, sodaß für ihren Ursprung in 
erster Linie an eine Insuffizienz der Magentätigkeit gedacht 
werden muß. Auch wenn die Funktionsprüfung des Magens 
jetzt keine deutlichen Zeichen einer Sekretions- oder Mo¬ 
tilitätsstörung mehr erkennen läßt, kann dieser Kausalnexus 
doch zutreffen. Denn es genügt zum Zustandekommen 
selbst langwieriger Darmdyspepsien manchmal 
s*hon ein akutes, schnell sich wieder ausgleichen¬ 
des Versagen der Magentätigkeit. 0. Cohnheim (3) 
bat vor kurzem in einem sehr lesenswerten Aufsatz erneut 
auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht und dabei 
rait Recht auf die Rolle hingewiesen, welche starke Schweiß- 
Rnuste beim Zustandekommen vorübergehender Magen¬ 
insuffizienz spielen: sie entziehen dem Körper nicht bloß 
Flüssigkeit, sondern auch das zur Produktion von Salzsäure 
notwendige Kochsalz. Cohn heim empfiehlt deshalb wieder- 
Mlte Aufnahme kleinerer Nahrungsmengen während größerer 
körperlicher Anstrengungen, damit der Magen nicht zu lange 
i? er bleibt. Diese müssen neben Kochsalz ein gewisses 
Quantum wohlschmeckender und stark safttreibender Nah- 
galten. Es sei hier gleich bemerkt, daß ich, dem- 
J Banken folgend, schon seit Beginn des Kriegs be- 
«wot gewesen bin, den Militärbehörden als Ergänzung 
68 m eisernen Bestände der Soldaten gehörigen Eierkeks, 

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dem gerade diese Eigenschaften fehlen, einen — gegenüber 
dem früher gebrauchten wesentlich verbesserten — Fleisch¬ 
keks zur versuchsweisen Einführung zu empfehlen. Wie 
Cohnheim weiter ausführt, haben derartige kleine Imbisse 
weiterhin den Nutzen, die bei größerer körperlicher An¬ 
strengung im Blute sich ansammelnde Milchsäure durch das 
bei der Bildung von Magensalzsäure aus dem Kochsalze frei 
werdende Natron abzustumpfen und so das Ermüdungsgefühl 
zu beseitigen. 

Zur Erklärung der gastrogenen Diarrhöen sind eine 
Reihe von Theorien aufgestellt worden. Gerade für die 
nach vorübergehender Störung der Magensekretion sich ein¬ 
stellenden Durchfälle dürfte wohl die von mir gegebene am 
ansprechendsten sein, welche sich auf der natürlichen zer¬ 
kleinernden Funktion des Magensafts aufbaut (4). Für die 
Lösung des Zwischengewebes — heim Brote des Kleber- 
' gerüstes, beim Fleisch- und Fettgewebe des Bindegewebes 
und bei den Gemüsen der sogenannten Mittellamelle — ist 
der Magensaft nicht nur notwendig, sondern sogar uner¬ 
setzlich. Wird deshalb bei fehlendem Magensaft eine grobe, 
mangelhaft gekochte Kost gegessen, wie das im Felde 
manchmal unvermeidlich ist, so finden sich die unzer- 
kleinerten Speisereste im Stuhlgange wieder. Cohnheim 
konnte das direkt bei einem größeren Verwundetentransport 
beobachten. Die Verdauungssäfte der Bauchspeicheldrüse 
und des Darmes können nicht in das Innere der unzer- 
kleinerten Nahrungsbestandteile eindringen, statt ihrer be¬ 
mächtigen sich die stets auf der Lauer liegenden Darmbak¬ 
terien der Nahrungsstoffe, zersetzen sie, und so entstehen 
die „dyspeptischen“ Durchfälle, welche im weiteren Verlaufe 
zu sekundären Katarrhen des Dünn- und auch des Dick¬ 
darms Veranlassung geben können. Diese, zunächst nur 
ganz flüchtigen Darmkatarrhe können durch „Gelegenheits¬ 
infektion“ mit einem der fakultativen Darmbakterien chro¬ 
nisch werden; sie sind auch nicht ganz ungefährlich, da sie 
das Zustandekommen von Ruhr-, Typhus- und Cholerainfek¬ 
tionen außerordentlich begünstigen. 

Wenn in diesem Kriege die Zahl der specifischen 
Darmerkrankungen gegenüber allen früheren Kriegen wesent¬ 
lich geringer geblieben ist, so dürfen wir das wohl neben 
andern hygienischen Maßregeln zu einem guten Teile den 
vortrefflichen fahrbaren Feldküchen zuschreiben, welche 
wenigstens die Hauptmahlzeit den Truppen in gut gekochtem 
— und deshalb auch bei mangelhafter Magensaftabsonderung 
leichter verdaulichem — Zustande darbieten. Daß sie bei 

Original from 

UNIVERSITY OF IOWA 





208 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


raschem Vorrücken der Truppen nicht immer rechtzeitig 
zur Stelle sein konnten, ist bekannt, und so haben gerade 
zu den Zeiten des ersten schnellen Einmarsches in Frank¬ 
reich und später bei dem schnellen Vor- und Zurückgehen 
unserer Truppen in Polen sich die Durchfälle gehäuft, weil 
die Truppen während der großen Anstrengungen gelegentlich 
gezwungen waren, schwer verdauliche Kost in ungenügend 
gekochtem Zustande und bei ungenügender Fähigkeit zur 
Salzsäureproduktion zu essen. Die Ergänzung der Feld¬ 
küchen durch die genannten Fleischkeks, welche das Fleisch 
in sehr leicht verdaulichem Zustand enthalten, würde zweifel¬ 
los zur weiteren Verminderung der Darmdyspepsien beitragen. 

Neben den hier geschilderten Verhältnissen, welche das 
größte Interesse der Militärärzte und Hygieniker verdienen, 
wird von den Soldaten selbst und häufig auch von den 
Truppenärzten der Abkühlung oder „Erkältung“ des 
Bauches eine große Bedeutung für die Entstehung gutartiger 
Durchfälle zugeschrieben. Obwohl bisher wissenschaftlich 
begründete Tatsachen zur Erklärung dieses Zusammenhanges 
nur in sehr spärlicher Zahl vorliegen, sind die Angaben der 
I’atienlcn oft so präzise, daß man an ihnen nicht achtlos 
vorübergehen kann. 

Die erwähnten Tatsachen gehen auf Versuche Friedrich 
Schultzes aus dem Jahre 1873 zurück. Schultze beob¬ 
achtete bei Tieren, daß ein in die Bauchhöhle bis nahe an 
die Wirbelsäule eingebrachtes Thermometer unter der Wir¬ 
kung einer auf die Bauchdecken applizierten Eisblase um 
7 2 bis 1°0 herunterging, daß also intensive Abkühlung des 
Bauches ihre Wirkung zweifellos auch auf die Darme er¬ 
strecken kann. Spätere Untersuchungen der Hydrothera- 
peuten haben bestätigt, daß bei lokaler Kälteeinwirkung auf 
die Bauchhaut die tiefen Gefäße im gleichen Sinne — also 
mit Co nt raefcion — reagieren. Dieser Erfahrung entspricht 
die übliche Anwendung der Eisblase auf den Bauch bei 
Darmblutungen. Aber die Kälte erregt gleichzeitig die 
Peristaltik der Därme, sei es direkt, sei es durch Vermitt¬ 
lung (h'r Gefäßcontraction (0 2 -Mangel der Schleimhaut). Des¬ 
halb die Applikation der verschiedenen Formen von kühlen 
und kalten Duschen auf die Bauchhaut bei chronischer 
Obstipation, deren Extrem die von Boas (5) empfohlene 
„ A et h erd Lisch e “ bi 1 det. 

Bs fragt sich, ob auch die einfache Abkühlung 
des Bauches infolge von Durchnässung der Klei¬ 
dung oder durch kalte Winde bei ungenügender 
Unterkleidung zur Erzeugung einer gesteigerten 
Peristaltik genügt? 

Nach allgemeiner Erfahrung trifft das für den 
d arm gesunden Menschen sicher nicht zu. Ueherdies 
ist zu bedenken, daß eine einmalige oder gelegentlich wieder¬ 
kehrende Anregung der Peristaltik doch höchstens zu einer 
vorübergehenden Entleerung des Darmes von seinem Inhalt — 
also zu einem schlanken Stuhlgang — aber keineswegs zum 
Durchfalle führen wird. Wie ich (6) an anderer Stelle 
begründet habe, kommt der Zustand, den wir gewöhnlich 
unter Durchfall verstehen, nämlich dünne, meist wäßrige 
Sluhlentleerungen mit Zeichen der Zersetzung (üblem Ge¬ 
ruch) und Leibschmerzen (Koliken), nicht durch primäre 
Steigerung der Peristaltik zustande, sondern durch primäre 
Sekretion* wäßriger Flüssigkeit in den Darm mit Zersetzung 
derselben und sekundärer Anregung der Peristaltik durch 
die Zerset z u n gs produkte. 

Anders liegen natürlich die Verhältnisse bei 
Leuten mit „empfindlichen“ Därmen. Untersucht man 
derartige Leute genauer, so wird man finden, daß sie in 
der Hegel schon an chronischer Dyspepsie leiden, einer 
Affektion, die bekanntermaßen diskontinuierlich, mit langen 
Pausen, verlaufen kann. Entweder sie sind Achyliker oder 
sie leiden an Hypermotilität des Magens und Darmes, die I 
Jonas (7) für das entscheidende Merkmal des Zustandes ’ 
ansiebt. Sehr häufig gesellt sich dazu ein gewisser Grad i 


von nervöser Uebererregbarkeifc des Darmes, der zu der 
irrtümlichen Auffassung des Leidens als „nervöser Diarrhöe“ 
geführt hat. Daß diese Leute schon durch eine leichte Ab¬ 
kühlung des Bauches zu diarrhöischen Entleerungen gebracht 
werden können, kann ich aus eigner ausgedehnter Erfahrung 
bestätigen. Wir verstehen das leicht, wenn wir uns daran 
erinnern, daß bei Stauungsinsuffizienz des Magens' und bei 
chronischer Dickdarmstenose oft schon das Aufheben der 
Bettdecke oder die Entkleidung genügen, um eine lebhafte 
Peristaltik in dem gestauten, hypertrophischen Abschnitte 
hervorzubringen. Auch hier besteht eine gesteigerte Erreg¬ 
barkeit der erkrankten Teile wie bei den chronisch dvs- 
peptischen Zuständen des Darmes. 

So erklärt sich die Sorge vieler Leute mit chronischen 
Durchfällen, den Bauch warm zu halten. Therapeutisch 
machen wir dasselbe, indem wir ihnen heiße Kompressen 
empfehlen. Daneben ist körperliche Ruhe gut, denn heftige 
Bewegungen führen ebenfalls leicht zu Entleerungen. Bei 
sehr großen Anstrengungen interferiert allerdings die starke 
Schweißproduktion im umgekehrten Sinne (durchfallhemmend). 

Für die Praxis ergibt sich aus diesen Ueberlegungen 
und Erfahrungen die Regel, daß man Darm gesunde nicht 
mit Leibbinden ausrüsten soll, denn eine pro¬ 
phylaktische Wirkung der Bauchwärme auf das Zu¬ 
standekommen von dyspeptischen Durchfällen gibt 
es nicht. Auf der andern Seite soll man aber den 
Soldaten, welche an Durchfall leiden oder zu Durch¬ 
fall neigen, Leibbinden geben. Es genügt eine ge¬ 
strickte wollene Leibbinde, die stets bei dem Sanitäts¬ 
personal der Kompagnie vorrätig sein muß. Nach Ablauf 
der Erkrankung sollte sie den Soldaten wieder genommen 
werden, damit keine Gewöhnung eintritt: sonst wird sie im 
Notfälle nicht mehr wirken. 

Literatur: 1. Ther. d. Gegenw. 1914, Nr. 11. — 2. I). ni. W. 1911, 
Nr. 44. — 3. M. KI. 1914, Nr. 50. — 4. Vgl. Ad. Schmidt, i). m. W. 1911, 
Nr. 10. — 5. Diagnose und Therapie der Darmkrankheiten. Thieme (Leipzig), 
1899. — 6. D. m. W. 1909, Nr. 13. 7. M. Kl. 1914. Nr. 43. 


Aus der Frauenklinik der Universität Tübingen 
(Direktor: Prof. Dr. S e 11 h e i m). 

lieber die Behandlung eiternder Wunden 
mit künstlicher Höhensonne 

von 

Prof. Dr. August Mayer, Oberarzt der Klinik. 

Die therapeutische Anwendung der 
künstlichen Höhensonne geht eigentlich zurück 
auf Kollier *). Er sah unter dem Einflüsse des natürlichen 
Sonnenlichts im Hochgebirge bei Tuberkulösen eine so auf¬ 
fallende lokale und allgemeine Besserung, wie Hebung des 
Appetits, des Körpergewichts, des Aussehens und Kräftezu¬ 
standes, daß er voll Begeisterung ausrief: „Von allen Blumen 
bedarf die Menschenblume am meisten des Lichtes“. 

Es lag darum nahe, den chemisch wirksamen 
Anteil der natürlichen Höhensonne, die u 1t r a v i o 1 e 1t e n 
Strahlen, für das Tiefland künstlich herzustellen. Man 
erreichte das dadurch, daß Quecksilberdämpfe durch den 
elektrischen Strom leuchtend gemacht werden. Die so er¬ 
zeugte „künstlicheHöhensonne“ enthält sogar mehr 
ultraviolette Strahlen als das natürliche Sonnenlicht. 

Eine sehr reichliche Gelegenheit zur therapeutischen 
Verwendung der künstlichen Höhensonne brachten uns die 
aus dem Felde verwundet heinikehrenden Soldaten. Bei 
ihnen haben wir denn auch von Anfang an zur Behandlung 
eiternder Flächen wunden von der künstlichen Höhensonne 
ausgiebigen Gebrauch gemacht. 

Die Anwendung geschah so, daß wir die betreffende Wunde täg¬ 
lich oder, wenn Erythem auftrat, in drei- bis viertägigen Pausen in 

x ) Rolli er, Die Praxis der Sonnenbehandlung der chirurgi¬ 
schen Tuberkulose. (Strahlenther. Bd. 4, 2, S. 511.) 


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Original fru-rn 

UMIVERSITY OF IOWA 



2L Februar. 


10ir> — MKDFZINISCHE KLINIK — Yr. 8. 


200 


«•inem Abstande von zirka 30 cm belichteten. Die Nachbarschaft wird 
dabei zum Schutz eingefettet o<ler ahgedcckt: die Angen werden durch 
eine Itrilli* geschützt. Die Belichtungsdauer beginnt mit 15 Minuten 
und steigt bis zu bis a U Stunden. 

E s ist uns dabei aufgefallen, daß eiternde W u n - 
(1 o n sic h u n g e w ö h n 1 i c h rasch reinigten, 
granulierten unddaßöftera-uch die Schmer- 
% e n n a c h 1 i e ß e n. 

Die Erklärung ist nicht leicht zu geben. Vielfach 
stehen uns nur Hypothesen zur Verfügung; manches können 
wir uns aber auch vorstellen nach Analogie mit der Wir¬ 
kung der Röntgen- und Radiumstrahlen, von denen Auf¬ 
nahme der Strahlen ins Blut, Veränderung des Blutbildes, 
Beeinflussung des respiratorischen und des allgemeinen Stoff¬ 
wechsels. der Zellfermente usw. berichtet werden. 

Fnserc mit den ultravioletten Strahlen erzielten Erfolge 
können durch lokale und allgemeine Wirkung der 
St iahten zustande kommen. Lokal können die Strahlen 
durch m echanische oder chemische Beeinflussung 
die Keime direkt schädigen oder die Schutz- 
k r ii f t e des Gewebes mobil machen. 

Die mechanische Schädigung der K e i m e 
ist nun nicht etwa eine W ä r m e w i r k ii n g, woran man ja 
hoi dem geringen Abstande zwischen Strahlenquelle und be¬ 
strahltem Organe denken könnte. Die ultravioletten Strahlen 
mengen an sich nur sehr geringe Wärme und wir haben an 
einem auf die bestrahlten Wunden aufgelegten Thermometer 
nie auch mir annähernd Temperaturen beobachtet, bei denen 
die Bakterien absterben. 

Dagegen hat wohl die Austrocknung der Wunde 
mehr Bedeutung. Von ihr ist ja genügend bekannt, daß sie 
das Keimwaehstum hemmt. Und neuerdings wird Austrock¬ 
nung mittels des gewöhnlichen Luftzugs oder mittels der 
heißen Luftdusche zur Behandlung von Gasphlegmonen 
^chloessmann 1 )] respektive eiternder Wunden 
’>ehede 3 ), Barker 3 )] von den Chirurgen empfohlen. 

Unter den chemischen Wirkungen des ultra¬ 
violetten Lichtes erörtere ich zunächst die Frage, ob die 
Strahlen als solche bactericid wirken. Bei der Erzeugung 
der künstlichen Höhensonne entsteht in der umgebenden Luft ; 
Dzmi. sodaß das bestrahlte Gewebe in eine Art Sauerstoft'had I 
versetzt wird. Dazu scheinen die ultravioletten Strahlen aus I 
dem lebenden Gewebe Saüerstoff abzuspaltcn [Hertel 4 5 * )]. 
Man könnte sich demnach a priori vorstellen, daß durch den 
1 ’zon respektive Sauerstoff zum mindesten die anaerobe n 
Koime in ihrem Waehstume gehemmt werden. 

Bedenkt man dazu noch, daß das natürliche Sonnen- 
dolit. in dem viele ultraviolette Strahlen sind, seit langem 
als letztes Auskunftsmittel mit Vorteil zur Desinfektion vor- | 
wendet wird und daß gerade die ultravioletten Strahlen im j 
Gegensatz zum sonstigen Licht auch ohne Vermittlung von j 
Sauerstoff an sich Bakterien vernichten können [B i e Ul. i 
d;mn darf man von vornherein erwarten, daß auch a e r o b e I 
K e i m e durch die künstliche Höhensonne geschädigt werden, 
ln der Tat ist die bactericide Wirkung der kurzwelligen 
Prahlen schon seit vielen Jahren nachgewiesen |Downes 
mal B1 u n t (! ), Jansen 7 ), H e y n e m a n n H }]. und neuer¬ 

l ) Beliloossmann, Uebcr Gasphlegmone usw. (M. m. W. 

ÜÜ4. S. 217(5.) 

3 ) Si li,.de. Offene Behandlung eiternder Wunden. (M. m. W. 
ÜM4. Nr. 42. S. 2114.) 

3 ) Barker. Die Sonnen- und Freiluftbehandlung schwor eitern- 
ö'-r Kunden. (D. m. W. 1914, Nr. 52. S. 2127.) 

. b Hr-rtel, Zsehr. f. allgem. Physiol. 1905. Nr. 5, S. 95: zit. nach 
Afclioff in Krehl und Marchand, Handh. d. allgem. Patli. 
B‘l. 1. S. 163. 

5 ) Bie. Mitt. aus dem Finsenschen Lichtinstitut. 1905, II. 9, S. 5; 

ut. nach Asch off 1. c. (cfr. Hertel), S. 151. 

. ... ) Downes und Blunt, Proeeed of the Roval Soe. 1877, 

1878. S. 199. 

‘Mausen, Zieglers Beitr. 1907, Bd. 41. 

tj , Ujevneniann, Prakt. Erg. d. Geburtsh. u. Gyn. Bd. 6, 

»u‘u l. s. 1155. 


dings wird die künstliche Höhensonne zur Herstellung von 
Autovaccine empfohlen [R e n a u d *), F r i e d b e r g e r und 
Öhioji 2 )]: 

In gemeinsam mit S c h neiiler und G e r 1 a e Ii U ge¬ 
rn a c h t e n L a boratoriu m s versuchen hat sich uns ge¬ 
zeigt, daß das Wachstum von S t r e p t o k o k k e n , 
Staphylokokken, B a c t e r i u in coli, F y o c y a - 
n e u s durch ultraviolettes Licht gehemmt oder ganz aufge¬ 
hoben wird. Tetan u s wurde in der Kultur nicht beein¬ 
flußt; dagegen blieb ein klinischer Fall mit 1 o k a 1 e m 
Tetanus im Bein unter der Belichtung mit künstlicher Höhen¬ 
sonne zehn Tage lang stationär, heilte aber nicht aus. Daun 
wurden die Beinwunden nach chirurgischen Grundsätzen er¬ 
weitert. der Tetanus wurde allgemein und der Patient erlag 
seiner Infektion. 

Zur praktischen Verwendung der künstlichen Höhensonne hei 
f» a s p h I e g rn o ne haben wir bis jetzt, noch keine Gelegenheit ge¬ 
habt. obwohl ich V) schon vor längerer Zeit dabei die Anwendung der 
ultravioletten Strahlen an regte. 

In den letzten Tagen wurde die künstliche Höhen¬ 
sonne von zwei Hamburger Forschern |J a c o b s t h a 1 und 
T a m m U] vom klinischen Standpunkt aus zur Behandlung 
von m alignem Oedem und Teta n u s empfohlen. 

Alles in allem kann an derbacterici d e n 
Kraft der ultravioletten Strahlen also kein 
Zweifel sein. Aber da die im Experiment ge¬ 
wonnenen Erfahrungen zum Teil auf Veränderung des 
künstlichen Nährbodens durch das Licht, nament¬ 
lich Abspaltung von Sauerstoff, zurückzuführen sind 
| A s c h o f f }]. so lassen sie sich nicht ohne weiteres auf das 
1 e b ende Gewebe übertragen. Einmal sind hier die Keime 
von dem aus den Wunden ausgetretenen Serum umgeben, das 
ultraviolette Strahlen absorbiert und somit ihre bactericide 
Kraft abschwächt [B u s c k 7 ), Heynema nn 8 )]. Dieser 
hemmende, Einfluß des Serums wird zum größten Teil durch 
Peinigung der Wunden vor der Belichtung und durch die aus- 
troeknende Wirkung der Strahlen selbst ausgeglichen. 

Sodann ist die Fähigkeit der ultravioletten 
S t r a h l e n , in die tieferen Wundschichte n e i n - 
z iidringennichtsehrgroß» namentlich wenn es sich 
um lebendes Gewebe handelt. In diesem werden sie offenbar 
durch das Blut absorbiert: Lichtempfindliches Papier wird 
von dem blauvioletten Strahlenkegel des konzentrierten 
Sonnenlichts durch ein bluthaltiges Ohrläppchen hindurch 
nicht beeinflußt, wohl aber, wenn das Ohrläppchen durch 
Kompression anämisch gemacht wird [F i n s en % 
B u s c k u % 

Nun haben wir es bei unsem Kriegsverwundeten sehr 
oft mit oberflächlichen, flächenhaften Wunden zu tun, an die 
die Strahlen gut hingelangen können. Und wenn auch die 
direkte Wirkung der ultravioletten Strahlen bei nor in a 1 e r 
Haut sich nur 3 * / 2 mm in die Tiefe verfolgen läßt, so reicht sic 
hei kranker oder fehlender Plaut an sich tiefer, und die der 
Bestrahlung folgenden reaktiven Prozesse nehmen an sich 
einen größeren Bereich ein [Jansen 11 )]. Dazu kann man 

0 Hcn and, B. kl. W. 1914, Nr. 1, S. 28. 

*) F ri e d b e r ge r und Shioji, D. m, W. 1914, Nr. 12: 
F r i e d b e r g o r und lmamoto, B. kl. W. 1909, Nr. 30. 

8 j Cfr. Sitzungsber. dos niodiz.-naturw. Vereins Tübingen. 
17. Dezember 1914. ( v M. m. W. 1915 u. Korr.Bl. Württemh. 1915. Nr 3 
S. 27.) 

4 ) A u g. Mayor, Diskussionsbemorkung zu Schl o e s s 
mann, über Gasphlegmone. (M. m. W. 1914, S. 217(5.) 

5 ) J a o o h s t h a 1 und T a m m , M. m. W. 1914. Nr. 48. S. 2324. 

8 ) Asch off. Die Lichtstrahlen als Krankheitsursache ~iii 

K r o h 1 und M a rcliand, Handb. d. allgem. Path. Bd. 1. S. 150. 

7 ) B u s o k , Die photobiologischen Sensibilisatoren und ihre Ei¬ 
weißverbindungen. (Bioehem. Zsehr. 1906. Nr. 1, S. 150.) 

8 ) H e v n e tn a n n . 1. e. S. 358. 

9 ) Fi nsen, Mitt. aus Finseiis mediz. Lichtinstitut. Leinzijr 1900 
und 1903. II. 3. 

10 ) Busck. Mitt. aus Finseiis mediz. Liehtinstitut 1903, H. 4. 

n ) .1 an sen, Mitt. aus dem Finsenselien Liehtinsliiut 1903, 
H. 4, §. 37. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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bei Extremitätenwunden die Blutfülle durch Hochlagerung 
während der Bestrahlung und vielleicht auch durch geeignete 
Verwendung der Blutleerbinde herabsetzen. Es bleibt also 
noch ein ausgiebiges Feld, auf dem die ultravioletten Strahlen 
ihre baetericide Kraft betätigen können. 

Zur bactericiden Kraft kommt noch hinzu, daß das 
ultraviolette Licht auch die Bakterientoxine wie 
Tetanus- und Diphtherietoxine abschwächen kann. Außerdem 
ist die Wirkung der bactericiden Kraft der künstlichen Höhen¬ 
sonne beim Kranken um so intensiver, als die Keime hier sehr 
oft nicht, wie auf dem künstlichen Nährboden, sich unter 
günstigen Emährungsbedingungen befinden, sondern mit den 
Schutzkräften des lebenden Gewebes zu kämpfen haben 
[W i e s e n e r*)]. 

Diese natürlichen Schutzkräfte des Kör¬ 
pers werden wahrscheinlich durch die künstliche Höhen¬ 
sonne noch angeregt und mobil gemacht. Ich brauche die 
nach der Bestrahlung entstehende Hyperämie nur zu er¬ 
wähnen, da sie ja seit langem als Heilmittel in gutem An¬ 
sehen steht. 

Da nach den Befunden von Richardson 2 ) und Jo¬ 
ris s e n 8 ) in Flüssigkeiten, die organisches Material ent¬ 
halten, durch Belichtung Wasserstoffsuperoxyd gebildet wird, 
so kann man auch daran denken, daß unter dem Einflüsse 
der künstlichen Höhensonne in den Geweben Wasser¬ 
stoffsuperoxyd mit seinen bekannten bactericiden und 
fäulniswidrigen Eigenschaften entsteht. Was das klinisch be¬ 
deutet, geht daraus hervor, daß unlängst die Franzosen bei 
Gasphlegmone die Umspritzung mit Wasserstoffsuperoxyd 
empfohlen haben. Wir selbst haben diese Umspritzung in 
einem auf Gasphlegmone allerdings nur sehr verdächtigen 
Falle vorgenommen. — Der Rückgang der Erscheinungen 
war überraschend. 

Da Sauerstoff [v. Wartenberg 4 )] und Eiwei߬ 
substanzen ultraviolette Strahlen absorbieren, so muß man an¬ 
nehmen, daß die Sauerstoffträger des Körpers, namentlich die 
roten Blutkörper der peripheren Capillaren und die Gewebe¬ 
zellen die Strahlen der künstlichen Höhensonne in sich auf¬ 
nehmen, sodaß eine Beeinflussung von Zellchemismus 
und Z e 11 a t m u n g an der von den Strahlen getroffenen 
K ö r p e r p e r i p h e r i e zustande kommen kann. Tatsäch¬ 
lich wird berichtet, daß der Sauerstoffverbrauch der Gewebe 
durch die Belichtung eine enorme Steigerung erfährt — eine 
eingespritzte Methylenblaulösung wird an belichteten Körper¬ 
stellen schneller reduziert, als an unbelichteten [Q u i n c k e r, )| 
— und daß die Fähigkeit der Gewebezellen, dem Hämoglobin 
den Sauerstoff zu entziehen, wächst [Bering 6 )]. 

Von der Körperperipherie aus können die roten Blut¬ 
körper die Strahlen ins Körperinnere mitnehmen und dort 
den Zellhaushalt und den Abbau der intermediären Stoff¬ 
wechselprodukte fördern und so mit der Tiefenwirkung eine 
Allgemeinwirkung entfalten. 

An ein solches Verhalten lassen Versuche von 
Schlüpfer 7 ) denken. Nach seinen Ergebnissen soll ge¬ 
wöhnliches Blut photoaktive Eigenschaften besitzen, die 
durch Besonnung noch gesteigert werden können, sodaß es, 
im Dunkeln einer photographischen Platte ausgesetzt, diese 
beeinflußt. Danach würde das Blut an der Körperperiphcrie 


*) Wieaener, Arch. f. Hyg. 1908, Bd. 61, S. 1. 

7 ) Richardson, zit. nach Neuberg, Beziehungen dea 
Lebens zum Licht 1913, S. 23 und 39. 

*) Jorisaen, Zachr. f. physiol. Chem. 1887, S. 22, 54, zit. nach 
N e u b e r g .Beziehungen des Lebens zum Licht 1913, S. 23^ 

4 ) v. Wartenberg, zit nach Wagner, Phvsikal. Bemer¬ 
kungen, Kromayer-Lampe uaw. (Allg. med. Zeutral/tg. 1913, 
S 61) 

*«) Quincke, Pflüg. Arch. 1894, Bd. 57, S. 123. 

•) Bering, Med.-naturwies. Arch. 1907 und über den Einfluß 
des O-Verbrauches der Zellen durch Lichtstrahlen. (Strahlenther. Bd. 3, 
H. 2, S. 644.) 

7 ) Schlüpfer, Pflüg. Arch. 1905. Bd. 108, S. 537 und Li. kl. W. 
1905, Nr. 37, S. 1185. 


sich mit Lichtstrahlen beladen, diese ins Körperinnere mit¬ 
nehmen und dort zur Entfaltung bringen können, sodaß im 
Körper selbst eine Art Lichtapparat sich befindet. 

An diesen sehr bemerkenswerten Befund ließen sich 
eine Reihe interessanter klinischer Fragen knüpfen: Da das 
Blut albinotischer Tiere viel stärker photoaktiv war als das 
brauner, so nahm Sehläpfer an, daß die durchsichtige 
Haut albinotischer Tiere die Lichtstrahlen leichter eindringen 
läßt, während das Pigment der braunen Haut das erschwert. 
Man könnte somit daran denken, in dem verschiedenen 
Pigmentgehalte der Haut und in dem damit zu¬ 
sammenhängenden verschiedenen photoaktiven Verhalten des 
Bluts eine Erklärung zu erblicken für die zwischen blonden 
und brünetten Menschen so oft auffallenden 
konstitutionellen Verschiedenheiten, etwa 
derart, daß die pigmentarme Haut der Blonden den Körper 
vor dem Eindringen schädlicher Lichtmengen weniger schützt. 

Ja vielleicht fiel damit endlich auch Licht auf die gänz¬ 
lich dunkle Frage, warum in der Schwangerschaft 
Pigmentation der Haut auftritt. Vielleicht würde 
durch die Gravidität die Photoaktivität des Bluts gesteigert 
und zum Schutze dagegen reagierte der Organismus mit ge¬ 
steigerter Pigmentation an der Körperperipherie. 

Aber so interesant das auch w r äre, es verhält sich nicht 
so. In gemeinsam mit Schneider und Gerlach ge¬ 
machten Untersuchungen ließ sich eine Photoaktivität des 
Blutes nicht nachweisen, auch dann nicht, wenn das Blut 
vorher den Strahlen der künstlichen Höhensonne oder dos 
Röntgenapparates ausgesetzt wurde. Trotzdem muß man aber 
annehmen, daß das Blut, bei Belichtung Strahlen absorbiert. 
Zum Beweise zunächst einige kurze Hinweise aus dem in 
mancher Hinsicht analogen Gebiete der Röntgen¬ 
strahlen. Heineke 1 ) sah nach lokaler Bestrahlung ein 
universelles Exanthem auftreten. Frankl 2 ) beobachtete, 
daß ein Mäusecarcinom, das sonst bei Verimpfung so gut wie 
immer anging, überhaupt nicht oder nicht so intensiv wuchs, 
wenn gleichzeitig mit dem Carcinombrei mit Röntgenstrahlen 
bestrahltes Blut eingespritzt wurde. 

Daß ultraviolettes Licht im Blut absorbiert wird, 
gellt aus den schon erwähnten Finsensehen Versuchen 
hervor, wonach das anämische Ohr die Strahlen durchließ, 
während das bluthaltige sie aufhielt. 

Es liegt somit nahe, zu fragen, ob die künstliche Höhen¬ 
sonne etwa zu einer nachweisbaren Aenderung der 
Blut, beschaffen heit führt. 

Zur Beantwortung dieser Frage kann man sich zunächst 
nach der Wirkung der natürlichen Höhensonne 
im Hochgebirge umsehen, deren biologisch wirksames Agens 
ja die ultravioletten Strahlen sind. Die ältere Literatur ist 
ziemlich darüber einig, daß sie zu einer Vermehrung der 
roten Blutkörper und des Hämoglobins 
führt. In neuerer Zeit glaubt man, daß daran aber 
weniger die Besonnung als vielmehr das 
Höhenklima an sich schuld sei. 

Auch über die künstlicheHÖhen sonne herrscht 
in dieser Hinsicht noch keine Einigkeit. Vereinzelt wird be¬ 
richtet, daß sie an Tieren zu einer Vermehrung der roten Blut- 
körper und des Hämoglobins geführt habe [Bering 3 )]. 
Freilich hatte es sich da zum Teil um eine Belichtungsdauer 
von vier Stunden gehandelt, wie wir sie beim Menschen nicht 
anwenden können. 

Aber Berner 4 ) hat an der Tübinger chir- 

l ) Heineke, Strahlenther. Bd. 5, S. 216. 

a ) Frankl und K i in ball, Heber Beeinflussung von Mäuse- 
tumoren durch Röntgeustrahlen. (W. kJ. W. 1914, Nr. 45. S. 1448.) 

s ) B o ring, Ueber die Wirkung violetter und ultravioletter 
Lichtstrahlen. Experiment (die Untersuchungen über ihre Ihirch- 
dringungsfiihigkoit usw. (Medicin. naturwissenschaftl. Archiv 1907. 
15. Juli.) 

*) Berner. Wirkung der Bestrahlung mit QuecksUberduinpf- 
quar/lampe auf Blut. (Strahlenthcrapie V. J. S. 342.) 


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ii r#isehen Klinik bei tuberkulösen Kindern ge¬ 
funden, daß die künstliche Höhensonne zu keiner 
wesentlichen Zunahme der roten Blut¬ 
körper und des Hämoglobins führt. 

Dagegen nahmen jedesmal die Leukocyten ab und 
zwar die pulynucleären in besonders hohem Maße, sodaß 
eine relative Lymphocytose eintrat. Eine Veränderung der 
Blutbeschaffenheit war also doch zu konstatieren. Ob die 
Abnahme der polynueleären Leukocyten auf einen ge¬ 
steigerten Zerfall derselben und damit auf eine gesteigerte 
Bildung von Alexinen hindeutet, wie das von den Radium¬ 
strahlen geglaubt wird [Quadrone 1 )] lasse ich dahin¬ 
gestellt. 

Man könnte auch daran denken, daß die ultravioletten 
Strahlen die Bakterien getötet oder geschädigt haben und daß 
deswegen der von den polynueleären Leukocyten zu be¬ 
stehende Kampf gegen die Bakterien nachließ und als Folge 
davon die Leukoeytenzahl sank. Wir hätten dann etwas 
Aehnliehes wie im Höhenklima. Die dort aufziifindende Ab¬ 
nahme der Leukoeytenzahl wird von mancher Seite 
[Stäubli 2 )] auf die Keimarmut der Höhenluft zuri'iek- 
geführt. 

Wie dem auch sei, man darf nicht vergessen, daß die 
Haut ein lebendiges Organ ist mit physio- 
logischenFunktionen und diese Funktionen 
werden durch das Licht nicht unwesentlich 
beeinflußt. Wirbetrachten daher die künst¬ 
liche Höhensonne als ein wesentliches 
Unterstützungsmittel bei der Behandlung 
eiternder Flächenwunden. Freilich sind wir nicht 
so begeistert wie Kromayer 3 ), der den Standpunkt ver¬ 
tritt, daß man mit der Quarzlampe für unsere verwundeten 
Soldaten tausende von Wochen an Behandlungsdauer ge¬ 
winnen könne. 

Da fluorescierende Stoffe, wie Eosin, die Strahlen¬ 
wirkung steigern, haben wir zur Sensibilisier ungder 
Lichtstrahlen mehrfach die eiternden Wunden vor der 
Höhenbesonnung mit Eosinlösung bestrichen. Es fiel 
uns danach auf, daß die Sekretion noch rascher nachließ und 
die Granulation noch lebhafter einsetzte als ohne Eosin. 

Vielleicht gelingt es auch noch, die ultravioletten 
Prahlen zur Behandlung mancher Formen von Peritonitis 
nach Eröffnung der Bauchhöhle mit Erfolg heranzuziehen. 
Mit der Vorfrage, ob das Peritoneum die Bestrahlung ohne 
Schaden verträgt, bin ich zurzeit beschäftigt. Die Sache 
scheint mir nicht aussichtslos, da Friedberger und 
s hioji 4 ) konstatiert haben, daß die menschliche Mund¬ 
schleimhaut eine Bestrahlung von zehn Minuten Dauer schad¬ 
los verträgt, sodaß sie die künstliche Höhensonne zur Des¬ 
infektion von Mund- und Nasenhöhle als Vorbereitung zu 
operativenEingriffen oder bei Diphtherie in Vorschlag bringen. 
Freilich, man darf den in den Buchten der Bauchhöhle be¬ 
gründeten Schwierigkeiten sich nicht verschließen und muß 
damit rechnen, daß die Strahlen nicht überall hingelangen, 
zumal da Heynemann 6 ) an der menschlichen Scheiden- 
s?hleimhaut eine deutliche Abtötung der Keime nicht fest- 
gellen konnte. 


*) Quadrone, Klinische und experimentelle Untersuchungen 
ubfr die Wirkung von Radium strahlen. (Zbl. f. inn. M. 1905, Bd. 26, 

• s '. 022 .) 

*) Stäubli, Ueber den physiologischen Einfluß des Höhen- 
r k ^ en Menschen. (Reisebericht des Deutsch. Zentralkomitees 
r * Studienreisen 1910.) 

tA *>Kromay er , Röntgen- und Lichtbehandlung zur Heilung 
von Schußverletzungen. (D. m. W. 1914, Nr. 46, S. 1957.) 

)rriedberger und Shioji, Desinfektion der Mundhöhle 
«rch uUravidettes Licht, (D. m. W. 1914, Nr. 12, S. 585 und B. kl. W. 
Nr. 17, 8. 806.) 

*) Heynemann, 1 . c. S. 362. 


Zur Heilung von schweren Knochenbrüchen 
mittels Köntgenreizdosen 

von 

Manfred Frankel, Charlottenburg. 

Nach dem Vorbilde von Bernhard, der bei den Bewohnern 
des Oberengadins außerordentlich rasche Heilung der Brandwunden 
beobachtete, dieselbe der Wirkung der Sonne und der Trockenheit 
der Luft zuschrieb und in der Folge die Lichtbehandlung bei Ver¬ 
letzungen, Beingeschwüren, Frostbeulen und Brandwunden mit 
ausgezeichnetem Erfolg anwandte, versuchte A i m e s (Mont¬ 
pellier) *) die Sonnenbäder in einem Fall alter Verbrennung, wo es 
sich um ausgedehnte atonische Wundflächen, die monatelang allen 
Behandlungsmethoden getrotzt hatten, handelte, und in einem 
frischen Falle von Verbrennung; in beiden Fällen trat über¬ 
raschend schnelle Heilung ein. 

Hier ist eine ähnliche anreizende Wirkung der Sonnenstrahlen 
nutzbar gemacht, wie ich es mit den X-Strahlen in der ersten 
Arbeit „Günstige Einwirkung der Röntgenstrahlenreizdosen bei 
der Heilung von Knochenbrüchen“ bereits schilderte. 

Ganz besonders nun ist die Einwirkung einer Reizdose da 
zu beobachten, wo a priori bereits ein physiologischer Reizzustand 
besteht. Ja es gibt Gewebe und Organe, die sich gegen Röntgen¬ 
strahlen refraktär verhalten, solange sie im „normalen“ Zustande 
sich befinden. Erst wenn ein physiologischer oder pathologischer 
Reiz das Organ zu größerer Tätigkeit anregt, wird es den Röntgen¬ 
strahlenwirkungen zugängig. So reagiert z. B. die Schilddrüse fast 
gar nicht auf Röntgenstrahlen, das gleiche ist mit der Leber der 
Fall. Handelt es sieh aber um eine Schwellung der Schilddrüse, 
so wissen wir alle, daß eine Einwirkung durch Röntgenstrahlen 
leicht herbeizuführen ist. An granulierenden Wunden, an Fisteln 
z. B. bei Bauchfelltuberkulose, die ja auch unter der Einwirkung 
eines Reizes stehen, ist der schnellere Verschluß unter der Be¬ 
strahlung deutlich zu beobachten. 

Aehnliehes spielt sieh, wie wir weiter unten sehen werden, 
auch bei der Beeinflussung der Knochentuberkulose ab. 

Es war nun naheliegend, als Objekt für die weitere Er¬ 
probung dieser Reizwirkungen auch andere Organe heranzuziehen, 
deren Beeinflussungsunmöglichkeit oder erschwerte Beeinflussung 
durch Röntgenstrahlen in normalem Zustande für uns so ziem¬ 
lich feststeht. Ich nehme den Knochen. Nach dem Oben¬ 
gesagten konnte es sich also bei der Erprobung der Reizwirkungen 
auch nur um solche Fälle handeln, bei denen schon ein „physio¬ 
logischer“ Reizzustand — durch den „Bruch“ — gegeben war: Bei 
einer Reihe von Knochenbrüchen, versuchte ich 2 ) mittels 
Röntgenstrahlenreizdosen die Callusbildung zu beschleunigen. 

Es handelte sich im ganzen bisher um acht Fälle, von denen vier 
Patienten jugendlichen Alters, drei Frauen im Alter von 18, 28 und 35 
und zwei Männer im Alter von 33 und 46 Jahren waren. Wenn ich 
auch keineswegs die Ansicht vertrat, daß diese Beobachtungen bereits 
völlig abgeschlossen sind, so veröffentlichte ich sie gerade, um andere 
mit größeiem und geeigneterem Material zur Nachprüfung zu veran¬ 
lassen. Bei den Kindern handelte es sich zweimal um Fingerbrüehe; 
das eine Mal bei einem zweijährigen Kind um einen Splitterbruch des 
zweiten Glieds des kleinen Fingers durch Einklemmen mittels schweren 
Truhendeckels und das zweite Mal bei einem sechsjährigen Knaben um 
einen mehrfachen Splitterbruch des obersten Glieds des Zeigefingers 
durch Hineingreifen in eine Lederpreßmaschine. In beiden Fällen 
hingen die Splitter nur an einem „Faden 1 . Da es sich in beiden Fällen 
schließlich nur um eine Gliedamputation handeln konnte, war der Ver¬ 
such mit Köntgenstrahlen, wie ich ihn vorschlug, wohl berechtigt, und 
der Erfolg war auch für mich ein außerordentlich erstaunlicher. Es 
wurde mit den Fingern nichts weiter getan, als durch Fixationsverband 
und Schienung von Finger und Hand eine Ruhigstellung erzielt. Die 
dreimalige Bestrahlung wurde durch den Verband hindurch vor¬ 
genommen. Ich bin natürlich in diesen Fällen bei so jugendlichen 
Individuen sehr vorsichtig mit der Dosis gewesen, um nicht nacli 
irgendeiner Richtung hin Wacbstumsbeschädigungen auch nur vermuten 
zu lassen. In acht Tagen in dem einen Falle, in zehn Tagen in dem 
andern Falle war eine absolute und einwandfreie, auch im Röntgen¬ 
bilde deutlich zu konstatierende Konsolidierung der gesplitterten 
Knochenpartien festzustellen und ich kann nur sagen, daß in diesen 
beiden Fällen eine geradezu rätselhafte Schnelligkeit der Knochen¬ 
neubildung zu beobachten war. In dem dritten Falle handelte es sich 
um eine Doppelfraktur von querem Bruche des Radius und schräg¬ 
splitternd verlaufendem Ulnabruch etwa 3 cm oberhalb des Hand- 


*) Die Behandlung der Brandwunden durch die Lichttherapie. 
(Gaz. d. höpitaux, 5. August 1913.) 

2 ) Siehe Arbeit im Zbl. f. Ohir. 1914, Nr. 26, die etwa einen Monat 
vor Beginn des Kriegs erschien. 


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21. Februar. 


gaben von Evler, der bei einer Reihe von Karbunkeln überraschen- 
den Umschwung des Verlaufs nach Bestrahlung beobachtete. 
S t r a u s s fügt hieran den Hat, besonders bei jenen, oft so tragisch 
verlaufenden Fällen, die mit einer Thrombophlebitis der Vena facialis 
einhergehen und bei denen der Therapie oft so enge Grenzen gezogen 
sind, insbesondere da die Lockerung der Thromben gefährliche Folgen 
haben kann, die Röntgentherapie in erster Linie anzuwenden. Unter 
Hinweis auf die schmerzlindernde Wirkung der Strahlen, die bei den 
Bewohnern von Joachimsthal von alters her gebräuchlich sind (indem 
sie die in Ledersäckchen gebundene Uranpechblende als schmerzstillen¬ 
des Mittel benutzten), auf die G o c h t zuerst aufmerksam machte, der 
sie bei Trigeminusneuralgie erfolgreich amvandte, und die weiter 
Freund bei Ischias beobachten konnte, rät .Strauss auch in den 
Fällen zur Anwendung der Röntgenstrahlen, bei denen durch stecken¬ 
gebliebene Projektile, Kontusionen und Frakturen schwere neuralgische 
Folgezustände sich einzustellen pflegen. So hat auch Babinski die 
günstige Strahlenwirkung bei einem Knaben beobachten können, der 
eine durch Sturz verursachte generelle Kompressionslähmung erlitten 
hatte. Desgleichen hat Eckstein ganz allgemein auf die außer¬ 
ordentlich prompte Schmerzstillung durch Bestrahlung bei aller Art 
von Fällen hingewiesen. Im letzten Absatz seiner Arbeit beschäftigt 
er sich nun mit der von mir angegebenen neuen Verwendung der 
Röntgenstrahlen zur traumatischen Therapie. Er sieht ihren Wert 
besonders darin, daß bekanntlich bei schlechter (ällusbildung der Reiz 
der Frakturenden zu allen Zeiten die Chirurgie aufs lebhafteste be¬ 
schäftigt und zu den verscliiedensten eingreifendsten Maßnahmen 
(Nagelung, Aneinanderreiben der Bruchenden usw.) veranlaßt hat. 
Hier würde die Bestrahlung jedenfalls ein außerordentlich einfaches 
Mittel zur Anreizung der Callusbildung darstellen, zumal sie ja ohne 
direkte Berührung mit Wunden, durch Verbände, ja selbst durch Gips¬ 
verbände geschehen kann. 

Was nun diese ganze Therapie sowohl der Knoelienbrüehe 
wie der Wunden aiilangt, so ist es ja klar, daß meine bisherigen 
Versuche einen Mangel aufweisen: es fehlt an Tierversuchen. Ob¬ 
wohl ich selbst diesen Mangel an experimentellen Versuchen oft 
empfunden habe, habe ich doch auf diese aus naheliegenden 
Gründen verzichten zu sollen geglaubt. Denn dieselben ließen sieh 
doch nur so machen, daß man an Konfrontieren künstliche 
Splitterbrüche erzeugt, deren schnellere Heilung man dann mittels 
Bestrahlung und an unbestrahlten Tieren zueinander in Vergleich 
bringt. Und ich habe auf solche Experimente verzichtet, selbst 
auf die Gefahr hin, nicht alle von der Richtigkeit meiner An¬ 
schauung und Resultate sofort zu überzeugen. 

Dagegen erfahren diese Beobachtungen einmal, was die 
Wundheilung anbetrifft, eine bedeutende Stütze in den durch 
Strahlung hervorgerufenen Heilungen tuberkulöser Fisteln, 
schwammiger Granulationen, deren Vernarbungen, Ausheilungen 
durch Bestrahlung von vielen Seiten als sichere Tatsache oft be¬ 
schrieben worden sind. 

Man lese darüber die Arbeiten von Freund. S c Inn i d t. 
Frank-Sc hui z ; man erinnere sich an die günstige Beeinflussung 
der Bauchfelltuberkulose mit tiefen Fistelgängen, wie sie B i r c h e r 
(Arati) in einer großen Reihe von Fällen, wie ich selbst an einigen 
Patientinnen in der Ther. d. Gegenw. im Dezember 1911 schilderte, an 
die Berichte von G a u 8 s, gleichfalls über günstige Resultate, und 
nicht zum mindesten an jenen verzweifelten Fall von Späth (Ham¬ 
burg), dessen Ausheilungseffekt Späth als einen verblüffenden be¬ 
zeichnen konnte. Neben Verschluß von Darmfisteln war für Spät h 
besonders bemerkenswert das Nachlassen der Wundsekretion, beson¬ 
ders das auffallend bessere Aussehen der Granulationen, die zu einem 
schnellen Nebenverschlusse führten. So bestätigt F rank - S c h u 1 z 
ausdrücklich, daß gerade bei diesen Fistelgängen von bereits 14 Mo¬ 
naten Dauer der Verschluß in kürzester Zeit mit ganz geringen Dosen, 
und zwar von innen nach außen, regelmäßig erfolgte, eine Beobach¬ 
tung, die I s e 1 i n und W i 1 m s an einer Zahl von Fällen durchaus 
bestätigen konnten. Allen Autoren fiel es auf, daß z. B. aus den Fistel¬ 
gängen bei Drüsentuberkulose eine häufige Abstoßung der Drüsen nach 
außen beobachtet wurde. Desgleichen lösten sich größere Knoehen- 
sequester (am Oberschenkel) unter der Bestrahlung ab und traten aus 
der Fistel zutage. — Die ebengenannten Forscher, deren Verdienste 
um die Knochentuberkulosebehandlung mit Röntgenstrahlen allbekannt 
sind, betonen in den mannigfachen Arbeiten immer wieder den emi¬ 
nenten Wert der .Strahlentherapie gegenüber jeder bisherigen andern 
Maßnahme. Wir brauchen nur als Beleg dafür die Worte Wilms zu 
zitieren, der ausdrücklich sagt: „Wir verzichten bei Erwachsenen schon 
seit V/a Jahren auf Auskratzung und Resektionen. 

Speziell bei der Hand- und Fußgelenktuberkulose wurden 
Fälle mit ausgedehnter Tuberkuloseerkrankung fast sämtlicher 
Gelenke und Knochen nur durch Bestrahlung völlig ausgeheilt und 
mit relativ sehr guter Beweglichkeit. 

Ich hin überzeugt, daß im Gegensatz zur heute noch üblichen 
chirurgischen Therapie die konservative Behandlung der Tuberkulose 
noch an Boden gewinnen wird. Wenn an einzelnen Orten, wie ich aus 
persönlicher Mitteilung erfahre, die Röntgentherapie weniger günstige 
Erfolge gezeitigt, so hegt das allein an der Art der Bestrahlung. Di,. 


Röntgentherapie will geübt und erlernt sein. Unsere Aufgabe besteht 
nicht allein darin, einen tuberkulösen Herd durch Operation unschäd¬ 
lich zu machen, sondern wir müssen zugleich die Widerstandskraft 
gegen die tuberkulösen Reinfektionen des Körpers erhöhen. Und dies 
geschieht durch Röntgenstrahlenbehandlung.“ Sow r eit Wilms. 

I s e I i n hat gleiche Erfolge an über 100 Fällen der Baseler Klinik 
beschrieben, bei denen er glatte Ausheilung beobachten konnte. 

Sehr interessante Abbildungen und Heilerfolge zeigen die Hand- 
und Fußwurzelknochentuberkulosen, wo die Vergleichsbilder vor und 
nach der Behandlung das eine Mal die total verschwommenen, in- 
einandertließenden Wurzelknoehen als zusammengedrängte Masse nur 
noch undeutlich erkennen läßt, während die zweite Aufnahme die 
Ueberreste der Handwurzelknochen in kräftiger Strukturzeichnung 
ergibt. 

So wurde statt Wiederholung einer Kniegelenkresektion nach 
Oeffnung der Wunde die Wundfläche nur kräftig bestrahlt. Die Grauu- 
lationstläche zeigte frische rote Farbe und es kam zu exaktem Schlüsse, 
sodaß 1 s e 1 i n auch hier dauernde Heilung der Tuberkulose anzu¬ 
nehmen sich berechtigt hält, und er kommt zu dem Schlüsse, daß an 
den Röntgenogrammen Narbenbildung, Resorption periostaler Auf¬ 
lagerungen, ja selbst Wiederkehr von Knochenstrukturen, die auf die 
Möglichkeit von Knochenneubildung nach der Bestrahlung schließen 
lassen, deutlich erkennbar sind. — 

Bei Iselin ist zum erstenmal von einer 
Wiederkehr der Knochen Strukturen, von einer 
K n o chen neubild u ng nach Bestrahlung die Rede; und die 
Arbeiten von Iselin und W i 1 m s an ihrem großen Material ge¬ 
statten um so mehr Rückschluß auf meine Beobachtung, weil man 
auf Grund dieser Resultate heute schon mit vollem Rechte von 
einer gesicherten therapeutischen Maßnahme bei diesen Tuber¬ 
kuloseknochenfällen sprechen darf. Wenn man nun die dortigen 
Erfolge auf unsere hier geschilderten Fälle überträgt, so ist es 
klar, daß die Heihingsbedingungen bei den Tuberkulosefällen sich 
ja viel ungünstiger gestalten als bei selbst großen, ausgedehnten 
Knocbenhrtichen. Denn während hei der Tuberkulose wir es mit 
einem allgemein geschädigten Gewebe zu tun haben — selbst den 
Allgemeinzustand einmal außer acht gelassen —, während dort 
die Aufgabe der Röntgenbestrahlung eine zweifache ist: Zer¬ 
störung, Abkapselung, Vernichtung, Ausheilung des tuberkulösen 
Knochenherds mit Ausstoßung von Knochensplittern usw. und 
weiter in zweiter Linie erst Knochenersatz, haben wir es liier doch 
wenigstens mit a priori sonst physiologisch gesundem Knochen 
zu tun. Während wir weiter dort ohne Rücksicht auf etwa mög¬ 
liche Schädigung der Periostzellen außerordentlich hohe Dosen in 
Anwendung bringen müssen, um erst einmal den tuberkulösen 
Herd zu vernichten, können wir uns hier mit verhältnismäßig ge¬ 
ringen „Reizdosen“ begnügen und erzielen mit diesen die oben 
geschilderten Resultate, die ihre Stütze finden eben gerade in den 
von Iselin und W i 1 m s beobachteten Knochenneubildungen bei 
tuberkulösen Knochenprozessen. 

Der durch die Kriegszeit leider reichlich gegebene Beob¬ 
achtungsstoff fordert die Prüfung der hier aufgeworfenen Frage. 
Ich halte es für notwendig, von der Bestrahlung in diesen Fällen 
Gebrauch zu machen zum Wohle der Verwundeten, in deren 
Interesse man nichts unversucht lassen sollte. 


Sterilisierung und sterile Aufbewahrung 
chirurgischer Instrumente im Kriege 

von 

Sanitätsrat Dr. Karl Gereon, Schlachtensee bei Berlin. 

Schnelligkeit und stete Bereitschaft sind zwei deutsche 
militärische Eigenschaften, die zu unseru Erfolgen sehr beitragen. 
Auch im Sanitätswesen. Hier heißt es: Doppelt hilft, wer schnell 
hilft. Doch darf unter der Schnelligkeit die Sicherheit nicht leiden. 
Eine Methode, die chirurgische Instrumente schnell und sicher 
sterilisiert und daher im Kriege besonders wertvoll erscheint, 
möchte ich den Herren Kollegen im Felde aufs neue empfehlen: 
Chirurgische Instrumente (Messer, Scheren, Pinzetten) werden im 
ganzen Bereiche der Schneiden zweimal je eine Minute mit in 
Seifenspiritus getränkter Verbandwatte abgewischt, mit eben¬ 
solcher fest umwickelt, so beliebig lange aufbewahrt und unmittel¬ 
bar vor dem Gebrauch ihrer Wattehülsen durch einfaches Abziehen 
entkleidet. Sie sind dann ohne weitere Desinfektion aseptisch und 
zur Operation gebrauchsfertig. Zur Umwicklung von Scheren und 
Pinzetten legt man das in Seifenspiritus getränkte Stück Watte 
zwischen die Branchen, schließt diese und dreht die Watte fest 
um sie herum. Die Zuverlässigkeit dieses Verfahrens habe ich 
durch bakteriologische Versuche (d. h. Impfung infizierter Instru- 


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mente auf empfindliche Nährböden, wie Bouillon, Traubenzucker* 
agar, Glycerinagar) nachgewiesen*). Meine Methode ist u. a. auch 
von Casper 2 ) für urologische Instrumente empfohlen. Die 
Wirkung des Umwicklungsverfahrens beruht auf drei Faktoren: 

1 . auf dem mechanischen Abreiben der infizierten Instrumente, 

2. auf der chemischen Wirkung des Seifenspiritus und 3. auf dem 
Luftabschluß infolge der Seifenspirituswattehülle. In Kriegszeiten 
hat diese Methode nun noch den Vorteil, daß die Instrumente 
schnell zusammengepackt werden und infolge der Wattehülle an¬ 
einander nicht reiben und sich beschädigen können und nur wenig 
Kaum beanspruchen. Ist die Einwicklung jedes einzelnen Instru¬ 
ments vorschriftsmäßig fest erfolgt, so überstellt sie auch starke 
Erschütterungen, wie sie der häufige Transport im Kriege mit sich 
bringt, und kann sich nicht vom Instrument lösen. Vielmehr 
bleiben die umwickelten Instumente wochenlang in der Wattehülle 
steril. 


Berichte über Krankheitsfälle 


Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz 

von 

Dr. Iwan Bloch, Berlin. 

Mit dem Namen „sexuelle Insuffizienz“ bezeichnen wir eine 
Gruppe ungemein häufiger sexueller Störungen, die bisher durch 
die Bezeichnung der „sexuellen Impotenz“ allzu eng und allzu 
einseitig charakterisiert worden ist. Die neueren Forschungen 
über die innere Sekretion haben uns nämlich erstens eine auf der 
verschiedenen Aet-iologie beruhende größere Mannig¬ 
faltigkeit der Impotenzformen kennen gelehrt und haben uns 
zweitens gezeigt, daß neben der eigentlichen Impotenz höchstwahr¬ 
scheinlich Anomalien und krankhafte Störungen der inneren Sekre¬ 
tion (nicht nur derjenigen der eigentlichen Keimdrüsen) ver¬ 
kommen, die mit vorübergehender oder dauernder sexueller In¬ 
suffizienz in Beziehung stehen. Es hängt dies mit der außerordent¬ 
lichen Erw eiterung zusammen, die der Begriff der Sexualität, 
der geschlechtlichen Individualität in letzter Zeit erfahren hat. 
Demi wie wir heute wissen, sind an der Ausbildung dieser letzteren 
nicht nur die Geschlechtsdrüsen im engeren Sinne, sondern auch 
die andern der inneren Sekretion dienenden Drüsen, hauptsächlich 
die Schilddrüse, die Thymus, die Glandula pinealis, tlie Hypophyse, 
die Nebennieren in hohem Grade beteiligt, vor allem bei der Ent¬ 
wicklung der sogenannten sekundären Geschlec h t s - 
m e r k m a 1 e, und ihre spätere kontinuierliche 
Wechselwirkung beeinflußt sowohl die physiologischen als 
auch die psychischen Erscheinungen der Sexualität in hohem Maße. 
Mau hat z. B. bisher jede nicht anatomisch-organisch bedingte Form 
von Impotenz als „psychische“ oder „nervöse“ Impotenz bezeichnet, 
unter welcher offenbaren Verlegenheitsbenennung nach unserii 
heutigen wissenschaftlichen Anschauungen viele Fälle von sexueller 
Insuffizienz durch Störung der inneren Sekretion miteinbegriffen 
sind. Vielfach läßt sich durch eine genauere Untersuchung auch 
in Fällen von scheinbar rein psychischer Impotenz eine endokrine 
Störung nachweisen, unter andern relativ häufig ein partieller 
Infantilismus. Seitdem ich hierauf die Aufmerksamkeit richtete, 
war ich überrascht, wie häufig in Fällen von „psychischer“ Im¬ 
potenz derartige „eunuchoide“ Zustände, wie Tandler und 
Gross sic genannt haben, Vorkommen, z. B. regelmäßig dann, 
' v <mn Männer jenseits des 30. Lebensjahres sich unmittelbar nach 
der Hochzeit als impotent erweisen und es sich herausstellt, daß sie 
bis dahin trotz mäßiger Masturbation „keusch“ gelebt haben, weil 
die Intensität des Geschlechtstriebs von vornherein nicht so 
groß war, daß sie den Anreiz zum normalen Geschlechtsverkehre 
mit dem Weibe gab. Bei genauerer Untersuchung finden wir bei 
diesen, bei oberflächlicher Betrachtung scheinbar normalen, ja oft 
hochgewachsenen und kräftig entwickelten Männern doch mehrere 
oder auch nur ein eunuchoides Merkmal, wie Kleinheit der Hoden, 
des Penis, der Prostata (ein lelativ häufiger Befund!), spärliche Be¬ 
haarung, Fettsucht, Hypoplasie der Schilddrüse und anderes mehr. 


') K. Gerson, Seifenspiritus als Desinfiziens medizinischer In¬ 
strumente. (D. m. W. 1902, Nr. 43.) K. Gerson, Das Urawicklungs- 
'enaJuen mittels in Seifenspiritus getränkter Watte zur Sterilisierung 
1904* ^3 medizinischer Instrumente. (D. milifcärärztl. Zschr. 

*' ^ Gas per, Taiirbuch der Urologie, T. Teil. 


Ist gerade kein Seifenspiritus vorhanden, so kann man mit 
Schnaps oder Brennspiritus und Seife einen brauchbaren Seifen¬ 
spiritus selbst herstellen. Ist auch kein Schnaps mehr da, so wird 
er zur Not durch mit Benzin- oder Jodtinktur befeuchteter Watte 
hinreichend ersetzt. Auch Wein, der ja in Frankreich oft, in über¬ 
großen Mengen angetroffen wird, kann Seifenspiritus vertreten. 

In fünfzehnjähriger Erfahrung habe ich das beschriebene 
Verfahren in der kleinen Chirurgie erprobt und nie einen Mißerfolg 
erlebt. Ich kann es daher mit gutem Gewissen den Herren Kollegen 
empfehlen. Zumal im Felde hat das Umwicklungsverfahren den 
Vorzug der Schnelligkeit vor andern Sterilisierungsmethoden bei 
gleicher Zuverlässigkeit; die umwickelten Instrumente sind nach 
Abzug der Wattehülse gebrauchsfertig und bleiben nach dem Ge¬ 
brauche durch zweimaliges, je eine Minute langes Abwischen und 
folgende Umwicklung mit seifenspiritusgetränkter Watte wochen¬ 
lang steril. 


und Behandlungsverfahren. 

Seitdem wir wissen, daß nicht nervöse, soudern chemische 
Einflüsse das Wesen der Sexualität ausmachen, daß hierbei nicht 
das Ceutralnervensystein das Primäre ist, sondern dieses erst s e - 
k u n d U r durch chemisch wirksame Stoffe der inneren Sekretion 
beeinflußt wird, ist die ganze Lehre von der I m - 
potenz in einer Umwandlung begriffen. Die Vor¬ 
stellung einer rein nervösen Impotenz ist in den Hintergrund ge¬ 
treten, während diejenige einer endokrin bedingten Impotenz oder 
besser sexuellen Insuffizienz immer mehr Anerkennung gefunden 
hat. Neuerdings ist diese letztere Anschauung hauptsächlich durch 
die erstaunlichen Experimente Eugen Steinachs 1 ) auf eine 
exakte Basis gestellt worden. Diese Versuche ergaben eine neue, 
vereinfachte Begriffsbestimmung der specifischen Sexualität, der 
Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Männlichkeit beruht durchaus 
auf dem ehe in i s e h e n Einflüsse des inneren Hodensekrets, die 
Weiblichkeit auf demjenigen des inneren Eierstocksekrets auf das 
Centralnervensystem. Diesen chemischen Einfluß bezeichnet, 
S t e in a c h als die „Erotisierung des Central- 
n e r v e u s y s t e m s“. Diese Erotisierung bewirkt dann sekundär 
die psychische Umwandlung und beseitigt antisexuelle Hemmungen 
und Frigidität. Es gelang Steinach der Nachweis, daß die 
Erotisierung, von der das Eintreten der Pubertät und die Entwick¬ 
lung der sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere abhängig 
sind, ausschließlich durch die innere Sekretion der Zwischen- 
zellen der Keimdrüsen hervorgerufen wird, weshalb er diesen 
„innersekretorischen“ Teil der Keimdrüsen zum Unterschiede von 
dem eigentlichen „generativen“ als „P u b e r t ä t s d r ü s e“ be¬ 
zeichnet. Die Tätigkeit der Pubertätsdrüse bewirkt die Erotisie¬ 
rung des Gehirns und Centralnervensystems, die Anregung und 
Entwicklung des Geschlechtstriebs in körperlicher und geistiger 
Beziehung und reguliert die Ausbildung der sekundären Ge¬ 
schlechtsmerkmale, w obei die männlichen und die weiblichen Puber¬ 
tätsdrüsen streng specifiseh wirken, indem sie nur die homologen, 
nicht aber die heterologen Geschlechtsmerkmale hervorrufen. Die 
daraus folgende theoretische Annahme, daß es gelingen müsse, 
im frühesten Alter kastrierte männliche Individuen durch Einpflan¬ 
zung von Ovarien in weibliche und frühzeitig kastrierte weibliche 
Individuen durch Einpflanzung von Hoden in männliche Wesen 
umzuwandeln, wurde durch das Experiment in geradezu über¬ 
raschender Weise bestätigt. Bei dieser Feminierung von 
Männchen und Maskulierung von Weibchen war 
außer der erstaunlichen Umwandlung der primären und sekundären 
Sexualcharaktere (Wachstum, Körperformen, Behaarung, Brust¬ 
drüsen, Genitalien usw.) d i e Tatsache besonders bemerkenswert, 
daß auch inpsychosexueller Beziehung und in allen Aeuße- 
rungsformen des Geschlechtstriebs das den implantierten Keim¬ 
drüsen entsprechende andere Geschlecht allein sich geltend machte. 
So liefen maskulierte Weibchen den Weibchen nach und suchten 
sie zu bespringen, so wurden auf der andern Seite feminierte 
Männchen von den Männchen verfolgt. 

Diese gewaltige Wirkung der inneren Sekretion der Puber¬ 
tätsdrüsen tritt mit der Sicherheit einer chemischen 
Reaktion ein. Das haben die zahlreichen Kastrationsversuche 
der letzten Jahre bewiesen. Es genügt, wie dies namentlich 


*) Vergl. Eugen Steinach, Feminierung von Männchen und 
Maskulierung von Weibchen. (Zbl. f. Phyeiol., Oktober 1913, Bd. 27. 
Nr. 14, S. 717.) 


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A, Foges 1 ) an kastrierten Hähnchen gezeigt hat, ein minimales 
Stück funktionsfähigen Hodenparenchyms, entweder an normaler 
Stelle zurückgeblieben oder an davon entfernten Stellen ein¬ 
gepflanzt, um die sekundären Geschleehtscharaktere zu erhalten 
und zur vollen Entwicklung zu bringen. Damit war der Beweis 
erbracht, daß die Hoden, auch von ihren Nervenbahnen 
getrennt, ausschließlich durch ihre innere S e k r e t i o n , also 
durch rein chemische Einflüsse, die Ausbildung der Sexualität 
regulieren. 

Für die Therapie der Impotenz sind diese Ergebnisse 
der modernen Experimente von grundlegender Bedeutung, insofern 
sie auch die bisher hauptsächlich von Psychotherapeuten und 
Neurologen in Anspruch genommene „psychische“ Impotenz der 
Domäne der Organotherapie in allererster Linie zuweisen, 
nachdem wir erfahren haben, daß sexueller Trieb und sexuelle 
Psyche so wunderbar auf dem rein chemischen Wege der 
inneren Sekretion beeinflußt werden können, und nachdem wir 
f( rner wissen, daß viele Fälle sexueller Insuffizienz und sexueller 
Torpidität auf eine Störung in der Funktion der Keimdrüsen be¬ 
ziehungsweise anderer endokriner Drüsen zuriiekzuführon sind. 
Die Organotherapie allein ist eine wirklich k a u s a 1 e Therapie 
der Impotenz in fast allen ihren Formen (abgesehen natürlich von 
den mechanisch und traumatisch bedingten) und vermag als solche 
(ine wenn auch langsame, so doch sicher e Wirkung zu ver¬ 
bürgen. Demgegenüber stellen alle andern Mittel nur Adjuvantia 
dar, die teils entbehrlich sind, wie. wenn es sieh nicht gerade um 
Zustände hochgradiger Erschöpfung und Anämie handelt, die 
meisten Tonica und Roborantia, teils mit großem Nutzen als solche 
mit herangezogen werden können, um die langsamere Wirkung 
der Opotherapie zu beschleunigen, wie das Y o h i m b i n , das, 
allein gegeben, eine zwar oft überraschende, aber nur vor¬ 
übergehende Wirkung hat, aber niemals die Organotherapie 
der sexuellen Insuffizienz zu ersetzen vermag, zumal da diese nicht 
selten auch durch Störung anderer endokriner Organe als der Keim¬ 
drüsen bedingt ist. 

So ist es eine durch zahlreiche Beobachtungen gesichert! 1 Tat¬ 
sache, daß auch die mangelhafte Funktion der Schilddrüse be¬ 
ziehungsweise S c h i 1 d d r ü s e n m a n ge 1 die Funktion der . Ge- 
schlechtsdu'isen herabsetzen beziehungsweise auf heben und sogar völlige 
Impotenz herbeiführen kann. Es sei nur an die Befunde von H o f - 
m eiste r und v. Eiseisberg über die Atrophie der Gesohlechts- 
diiisen bei thvreoidoktomierten Tieren, an die ähnlichen Beobachtungen 
von Lanz über Conceptionsunfähigkeit und Impotenz bei thyreoidekto- 
mierten weiblichen und männlichen Hunden und Ziegen erinnert, ebenso 
an das Versiegen der Milchsekretion bei weiblichen Tieren. Analoge 
Beobachtungen über das Auftreten von sexuellem Infnnlilismus und 
Impotenz nach Thyreoidektomie sind auch beim Menschen gemacht 
worden (Palleske, Bail 1 arger. Schmidt und Andere). Pie 
unh ugb.mn Erfolge der Schilddriisontliernpio in Fällen von Impotenz 
bei Hypothyreoidismus und besonders bei der sexuellen Insuffizienz 
(Sterilität. Menstruationsstörungen) und Impotenz infolge von Fett¬ 
sucht liefern einen schlagenden Beweis für das tatsächliche Bestellen 
eines solchen Zusammenhangs, ebenso die von W a g n e r v. .1 a u r e g g 
beobachtete günstige Wirkung der Schilddrüsenbehandlung bei jenen 
Pubertätspsyehosen der jungen Mädchen, die mit Verspätung der ge¬ 
schlechtlichen Entwicklung einhergehen, sowie bei den sogenannten 
..Pubertätstics“. 

Die durch Tumorbildung bedingte mangelhafte Funktion der 
H y p o p h y s e führt ebenfalls zu den Erscheinungen dos sexuellen 
fnlantilismus und der im Krankheitsbilde der „Dystrophia adiposo- 
genitalis“ sich zeigenden Genitalatrophie. 

Einen mir von Herrn Prof. R. Klapp freundliehst überwiesenen 
klassischen Fall dieser Art habe ich kürzlich beobachtet. Es handelte 
sich um einen 16jährigen Knaben mit vollständiger Atrophie der 
Hoden, abnoim kleinem Membrurn und andern Erscheinungen des 
sexuellen Infantilismus beziehungsweise sexueller Hypoplasie. Dieses 
vollkommene Zurückbleiben der Entwicklung ließ den sonst geistig 
11 gen Jungen als ein Kind im Alter von 8 bis 9 Jahren erscheinen. 
Auffallend war die wundervolle Sopranstimme. Im Röntgenbilde deut¬ 
liche Vergrößerung der Sella turciea. 

Auch in solchen Fällen hat die Organotherapie (Pituglundol, 
Pituitrin usw.) schöne Erfolge gezeitigt und zu weiteren Versuchen 
ermuntert, während die verschiedenartige, zum Teil antagonistische 
Wirkung der übrigen endokrinen Drüsen, wie der Zirbeldrüse und 
der Nebennieren, hinsichtlich ihrer zweifellosen Beziehung zum 
Sexualsystem noch einer genaueren Erforschung bedarf, die mich 
allem, was wir bisher wissen, auch für die Behandlung der sexuellen 
Insuffizienz neue Perspektiven eröffnen wird. 


J ) Vergl. A. Foges, Artikel ..Keimdrüsen“ in: Lehrbuch der 
Organotherapie von Wagner v. Jauregg und G. Baver. Leipzig 
15)14. S. 378/79. 


Wenn nun auch bei der Therapie der sexuellen Insuffizienz 
alle die besprochenen ätiologischen Möglichkeiten und Zusammen¬ 
hänge berücksichtigt werden müssen und demgemäß gewiß in vielen 
Fällen eine mehr indirekte Behandlung notwendig wird, so 
kommt doch am häufigsten zunächst die direkte Organotherapie 
der sexuellen Insuffizienz in Betracht, das heißt die direkte thera¬ 
peutische Beeinflussung der inneren Sekretion der Keimdrüsen und 
ihre Zurückführung zur Norm. Nur so kann das Endziel jeder 
Behandlung der sexuellen Insuffizienz erreicht werden: die dauernde 
normale chemische Erotisierung des Gehirns durch die Sexual¬ 
hormone. Einzig und allein die Organotherapie hat diese direkte 
primäre Wirkung aufs Gehirn und damit auch auf die Psyche, 
während alle übrigen sogenannten „Aphrodisiaca“ in dieser Hinsicht, 
nur bekund ä r e Wirkung haben. Hiervon macht auch das bis 
heute zweifellos beste und erprobteste Aphrodisiaeum, das Yohim¬ 
bin, keine Ausnahme. Seine allerdings sehr rasch eintreti ntle, 
aber auch wenig nachhaltige Wirkung betrifft nach experimentellen 
Untersuchungen von Franz Müller hauptsächlich die niederen 
Scxualeentren, insbesondere das Erektionscentrum, kann also wohl 
die langsamer eintretende Dauerwirkung der Opotherapie unter¬ 
stützen und beschleunigen, aber nicht ersetzen. Die vielen Mi߬ 
erfolge der reinen Yohimbintherapie beruhen eben darauf, daß 
dieses Mittel nicht imstande ist, die in vielen Fällen der sexuellen 
Insuffizienz zugrunde liegenden endokrinen Störungen dauernd 
zu beseitigen, sondern nur eine rasche und prompte, aber auch 
meist flüchtige Erregung des Erektionscentrums herbeiführt. Dieser 
M a n g e 1 a n I) a u erwirk u n g , den ich in den zwölf Jahren 
meiner Anwendung des Yohimbins in Uebereinstiminung mit virhn 
andern Autoren fast stets beobachtet habe, findet in den obigen 
Darlegungen seine einleuchtende Erklärung, legt aber auch zu¬ 
gleich den Gedanken nahe, zwecks Herbeiführung einer Dauer¬ 
wirkung das Yohimbin mit einer specifischen opotherapeutischen 
Substanz zu kombinieren und so zu der prompten, aber vorüber¬ 
gehenden sekundären Beeinflussung des männlichen Erektions- 
centrums beziehungsweise der Gefäßnerven der weiblichen Geni¬ 
talien die langsame, aller dauernde primäre Erotisierung des Ge¬ 
hirns hinzuzufügen. Vor allem ist diese letztere in allen Fällen 
sexueller Insuffizienz, die mit endokrinen Störungen einhergehen 
— und es ist dies die große Mehrzahl der Fälle —, eine Indieatio 
eausalis. 

Aus diesen Erwägungen heraus, die die Herstellung eines 
die rasche und intensive Wirkung des Yohimbins mit der zwar 
langsameren, aber nachhaltigeren Wirkung der Opotherapie ver¬ 
bindenden Mittels wünschenswert erscheinen ließen, veranlaßt^ ich 
die ein mische Fabrik Dr. GeorgHenni n g, Berlin, ein solches 
Mittel sowohl für die Behandlung der sexuellen Insuffizienz des 
Mannes als auch der Frau hcrzustellen. Wir haben das erstme 
mit dun Namen ,,T e s t o g a n“, das zweite mit dem Namen 
„T h e 1 y g a n“ bezeichnet. 

Das zur Herstellung von Testogan benutzte Extrakt ist ein 
steriles, schwach gelblich gefärbtes Extrakt von .Stierhoden. Eiweiß 
uncl Lipoide sind entfernt. Aminosäuren sind nur in geiinger Menne 
vorhanden. Die Lösung ist 400 %> ig. 2.1 ccm entsprechen 4 g fris !i r 
Drüse. 

C h e m i s e h e s V e r li a 11e n. Testogan (das Extrakt) reagiert 
neutral und enthält außer den organischen Substanzen Kochsalz in 
hypotonischer Konzentration. Millonsehes Reagens gil.it ein gelb¬ 
liches Rot, Die Pa ul y sehe Reaktion ist positiv. Mit Guecksilber- 
salzen entsteht sowohl in saurer wie auch in alkalischer Lösung eine 
weiße, flockige Fällung. Mit Pikrinsäure scheidet sich nach einigem 
Stehen ein krystallisiertes Pikrat ab. Die Biuretrenktion ist negativ. 

Pharmakologisches Verhalten. Testogan (das 
Extrakt) ist auf den Blutdruck und die Respiration fast ohne Wirkung. 
1 ccm der 400 °/n igen Lösung, einem Kaninchen von zirka 2'A kg 
intravenös injiziert, bewirkt nur eine geringe Blutdrucksrlnvankung. 
Auf die glatte Muskulatur (Uterus. Dann) wird ein deutlich tonisienm- 
der Effekt ausgeübt. 

Das Extrakt ist wenig toxisch. Längere Zeit fortgesetzte In¬ 
jektionen von jo 1 ccm 400 "/«igein Testogan pro Tag riefen an einem 
zirka 20 kg schweren Hunde keine merkbaren toxischen Erscheinungen 
hervor. Das Testogan gelangt in Griginalsehaeliteln von 10 bis 20 
Ampullen in den Handel, jede Ampulle von Testogan enthält in 2,1 <vm 
je 1 eg Yohimbin. Außerdem wird das Mittel auch in Tablettenform 
hergestellt. Eine Tablette entspricht 4 g frischer Drüse und enthält 
6 mg Yohimbin. 

Das zur Herstellung von Thelygan benutzte Extrakt ist ein 
steriler wäßriger Auszug von Kuhovarien, frei von Eiweiß und 
Lipoiden. 2.1 ecm entspricht; 2 g Ovarium. 

C h e m i s c h e s V e r h a 11 e n. Thelyganextrakt reagiert 
neutral: es enthält außer den organischen Chloriden etwas Kochsalz 
in hypotonischer Kmifeiitration. ,M i 1 1 o n sehe Reaktion und Diazo- 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK 


Nr. 8. 


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re Aktion sind schwach positiv. Mit Phosphorwolframsäure entsteht 
eine weiße Fällung“, ebenso mit Quecksilberchlorid bei sodaalkalischer 
Reaktion. Mit gesättigter Pikrinsäurelösung versetzt, bleibt die Lösung 
klar. Die Biuretreaktion ist negativ. 

Das Thelvgan enthält in 2,1 ccm 1 cg Yohimbin, es kommt eben¬ 
falls in Ampullen und Tablettenform in den Handel. 

Als Indikation für Testogan und Thelygan kommen 
sämtliche Erscheinungen der sexuellen Insuffi- 
z i e n z in Betracht^ die, wie schon erwähnt, sich keineswegs auf die 
eigentliche Impotenz beziehungsweise Frigidität und Anaphrodisie 
beschränkt, sondern gemäß ihrem innersekretorischen Ursprung 
auch andere Symptome umfaßt, wie den sexuellen Infantilismus 
und Eunuchoidismus bei Mann und Frau, die klimakterischen Be¬ 
schwerden bei beiden Geschlechtern, gewisse mit sexuellen Stö¬ 
rungen vergesellschaftete Formen der periodischen Migräne bei 
Mann und Frau, das Asthma sexuale, Amenorrhoe, Sterilität, Chlo¬ 
rose, Hypoplasie der Mammae und andere Formen-des partiellen 
Infantilismus, wie Kleinheit der Hoden, des Penis, der Prostata, 
der Clitoris, des Uterus, spärliche Behaarung, Fettsucht und an¬ 
deres mehr. Auch körperliche Schwäche- und Erschöpfungs¬ 
zustände endokrinen beziehungsweise sexuellen Ursprungs bilden 
eine Anzeige für die Anwendung von Testogan und Thelygan. In 
einem großen Teil der Fälle von juveniler, viriler, präseniler und 
seniler Impotenz des Mannes, von mangelhafter oder gänzlich 
fehlender Gesehlechtsempfindung und von Sterilität der Frau läßt 
sich ein Zusammenhang mit den erwähnten, durch endokrine Stö¬ 
rungen bedingten Zuständen nachweisen, wodurch sich die organo- 
therapeutische Behandlung mit Testogan beziehungsweise Thelygan 
rechtfertigt. Die Erwartungen, die wdr in dieser Hinsicht an die 
Zusammensetzung und Wirkungsweise der neuen Mittel knüpften, 
sind in jeder Weise erfüllt worden. In den letzten acht Monaten 
habe ich 50 Fälle von männlicher Impotenz der verschiedensten 
Formen behandelt, teils innerlich, teils subcutan, teils mit der kom¬ 
binierten intern-subcutanen Applikation des Mittels. Es ergaben 
sich, mit Ausnahme von elf unbeeinflußt gebliebenen Fällen, recht 
schöne und beachtenswerte Resultate in bezug auf die völlige 
Herstellung der fehlenden, beziehungsweise Verstärkung der 
mangelhaften Potenz. Diese Resultate werden aber nur dann 
erreicht — und es scheint mir dies in der bisherigen Behandlung 
der sexuellen Insuffizienz nicht genügend beachtet w r orden zu 
sein —, wenn man sich nicht mit Augenblickserfolgen begniigt, 
sondern die Therapie ausreichende Zeit hindurch fortsetzt und 
nötigenfalls nach kurzer Unterbrechung konsequent wiederholt und 
außerdem tonisierende Maßnahmen (Diät, Hydrotherapie, Faradi- 
sation, Massage, Suspensorium und anderes) in der bekannten, 
von Spezialisten, wie Paul Fürbringer, A. Eulenburg, 
L. Löwenfe 1 d und neuerdings von Paul Groag, aus¬ 
gebauten Weise damit verbindet. In allen von mir beobachteten 
Fällen trat die kürzlich auch von Lvdston 1 ) festgestellte 
tonische und restaurierende Wirkung der Opotherapie deutlich zu¬ 
tage, die ja zuerst von Brown-Sequard an sich selbst beob¬ 
achtet wurde. Besserung des Allgemeinbefindens, Hebung des 
Appetits, Verschwinden der für die sexuelle Insuffizienz so charak¬ 
teristischen „sexuellen Hypochondrie 44 und Auftreten einer Art 
von neuem Kraftgefühle sind der Ausdruck dieser tonischen Wir¬ 
kung. Es scheint, als ob gerade die Kombination von Hoden¬ 
extrakt und Yohimbin das Auftreten dieses Kraftgefühls beschleu¬ 
nigt, da die Patienten, ältefe wie jüngere, übereinstimmend gerade 
dieses alsbald (durchschnittlich nach 20 Tabletten beziehungsweise 
zehn Injektionen) auf tretende Kraftgefühl als Folge der Testogan- 
behamllung bezeichneten. Wenn man aber bezüglich der sexu¬ 
ellen Kraft zu einem guten und dauerhaften Erfolge gelangen 
will, so muß man die Behandlung über dieses erste, vorbereitende 
Madiuin hinaus fortsetzen, wenn auch mit kurzen Unterbrechungen. 
Nach meinen bisherigen Erfahrungen erfordert dann die ganze Kur 
durchschnittlich 60 bis 70 Tabletten beziehungsweise 40 Injektionen 
111 e ^ nen ^ Zeiträume von ungefähr drei Monaten. 

wachte sich bei einem 30 jährigen Akademiker, der schon mit 
Jahren an vollkommener Anaphrodisie und Erektionsmangel litt, 
Maß selbst Masturbation unmöglich war, und der wiederholt vergeb- 
i P^ktmität und Thermotherapie behandelt war, die anregende 
unä belebende Wirkung des Tcstogans nach dem Verbrauch von 25 
»letten geltend, während Erektionen erst nach 12 Injektionen von je 
- ccm testogan auftraten und nach weiteren sieben Injektionen den 
«mus ermöglichten. Es handelte sich hier offenbar um eine Impotenz 
oknnen Ursprungs, wofür gewisse Merkmale (stark entwickelte 
^ ürna ^ bringe Behaarung der Genitalien) sprachen. 

) New York Med. J. vom 7. November 1914. I 


Die ja häufigsten Fälle, in denen es sich um eine bloße 
Abnahme der Potenz beziehungsweise um Ausbleiben der Erek¬ 
tionen nach früherer Leistungsfähigkeit handelt und die man bisher 
in dem großen Sammeltopfe der neurasthenischen Impotenz ver¬ 
einigt hat, scheint das Testogan etw r as rascher zu beeinflussen als 
die von vornherein mit einem Mangel an Libido und mit nur 
schwachem Wollustgefühl in coitu einhergehenden rein endokrinen 
Störungen der Potenz. Zu den letzteren gehören offenbar auch 
die Mehrzahl der Fälle von sexueller Insuffizienz im männlichen 
Klimakterium (45 bis 55 Jahre) und im präsenilen Alter (55 bis 
65 Jahre). Die Erkenntnis des Zusammenhangs der Involutions¬ 
und Alterserscheinungen mit endokrinen Störungen, die wir den 
neueren Forschungen verdanken, erweist eine reine kausale Be¬ 
handlung, wie sie die Opotherapie darstellt, als die einzig ratio¬ 
nelle. Dies hat sich mir in neun Fällen dieser Kategorie deutlich 
gezeigt, insofern hier nach vergeblichen Versuchen mit andern 
Mitteln die organotherapeutisehe Anwendung des Testogans einen 
außerordentlich günstigen Einfluß auch auf die sexuelle Insuffizienz 
sowohl in bezug auf die Wiederkehr der Libido als auch der Erek¬ 
tionen und der Potentia coenndi ausübte. Bei dem innnigen Zu¬ 
sammenhänge, der zwischen den einzelnen Organen der inneren 
Sekretion besteht, ist es wahrscheinlich, daß sexuelle Exzesse (über¬ 
mäßige Masturbation, allzu häufige Cohabitation, Coitus inter- 
ruptus usw.) indirekt endokrine Störungen verursachen können 
und daß eine nach solchen Exzessen beobachtete sexuelle Insuffi¬ 
zienz endokrinen Ursprung hat. In einer großen Zahl von Fällen 
solcher Erschöpfungsimpotenz nach übermäßiger Masturbation er¬ 
wies sich das Testogan als ein ausgezeichnetes Restaurationsmittel. 
Augenblicklich behandle ich einen Techniker von 35 Jahren, (ler 
sich seit 20 Jahren den größten geschlechtlichen Exzessen hin¬ 
gegeben und, wie er zynisch erklärt, allen nur denkbaren Perver¬ 
sitäten gefröhnt hat, infolgedessen an einer fast kompleten 
sexuellen Insuffizienz leidet. Nach nur 15 Injektionen a 2 ccm 
Testogan war diese bereits zu einem großen Teil beseitigt, insofern 
dem Patienten zum ersten Male nach langer Zeit der normale 
Coitus wieder gelang. 

Wenn ich die bisherigen Erfahrungen mit 
Testogan kurz resümiere, so stellt es ein wert¬ 
volles Mittel für die rationelle und kausale, 
Behandlung der sexuellen Insuffizienz dar, 
dessen An w e n d u n g d u r c h s c h n i 111 i e h e i n e 
längere Zeit erfordert, dann aber auch in den 
meisten Fällen einen nachhaltigen Dauererfolg 
verbürgt. 

Nach diesen Erfahrungen habe ich in der letzten Zeit auch 
das Thelygan bei Frauen in Anwendung gezogen, in einem 
Falle von Frigidität, in drei Fällen von Chlorose und infantilisti- 
scher Dysmenorrhöe, mit so zweifellos günstigem Erfolge, daß 
weitere Versuche mit diesem neuen Ovarialpräparat dringend ge¬ 
rechtfertigt erscheinen. 


Die praktischen Erfolge der Verwendung von 
Mondorfer Wasser hei der Behandlung von 
Magen-, Darm- und Stoffwechselerkrankungen 

von 

Prof. Dr. Albert Albo, Berlin. 

Mit den mir zur Verfügung gestellten 200 Flaschen Mon¬ 
dorfer Wasser, die zur Hälfte als „alte Quelle 44 , zur andern Hälfte 
als „neue Quelle“ gezeichnet waren, habe ich Mitte Juli vorigen 
Jahres Anwendungsversuche begonnen, und zwar zum Teil an 
Patienten meiner Privatklinik, zum Teil an den ambulanten 
Kranken meiner Poliklinik. Bis zum 1. Dezember 1914 habe ich 
das Mondorfer Wasser bei 28 Kranken zur Anwendung gebracht. 
Eine ausgiebigere Verwertung war zurzeit leider nicht möglich, 
weil einerseits die Krankenzahl infolge des Kriegs erheblich ge¬ 
ringer war, als sie mir sonst zur Verfügung steht, anderseits meine 
Zeit in den verflossenen Monaten zum größten Teil durch kriegs¬ 
ärztliche Tätigkeit in Anspruch genommen war. 

Die 28 Fälle, in denen das Mondorfer Wasser von mir zur 
Prüfung verwendet wurde, verteilen sieh in folgender Weise: 

I. Magenkrankheiten: 

3 Fälle von Gastritis ehronioa subacida (chronischer 
Magenkatarrh mit Verminderung der 8alzsäure- 
abscheidung), 

2 Fälle von Hyperehlorhvdria nervosa und 

2 Fälle von chronischem Magengeschwür. 


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218 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


II. Darmkrankheiten: 

1 Fall von chronischem Ulcus jejuni, 

1 Fall von Colitis ulcerosa und 

5 Fälle von Obstipatio atonica. 

III. Erkrankungen der Leber und Gallenblase: 

4 Fälle von chronischer Gallensteinkranklieit. darunter 

1 Fall mit vollständigem Verschlüsse des großen 
Galleneingangs und 
1 Fall mit Hydrops vesicae fellae. 

3 Fälle von Laennec scher atrophischer Lebereirrhose, 

1 Fall von hypertrophischer Lebereirrhose (Typus: Char- 
cot-Hano t), 

1 Fall von hämolytischem Ikterus mit großem Milztumor 
und Leberschwellung, 

1 Fall von Stauungsleber infolge schwerer degenerativer 

Myokarditis. 

IV. Erkrankungen der Niere: 

2 Fälle von Nephrolithiasis, darunter einer mit intermit¬ 

tierender Hydronephrose. 

V. Stoffwechselerkrankungen: 

2 Fälle von Diabetes mellitus. 

Zur Anwendung habe ich das Wasser in verschiedener Weise 
gebracht, je nachdem es mir durch die Natur des Krankheitsfalls 
angezeigt schien: Entweder frühmorgens nüchtern zwei Glas von 
je 125 bis 150 ccm Inhalt im Zwischenräume von */ 4 bis 1 / 2 Stunde. 
Diese Anwendungsweise bevorzugte ich z. B. in den Fällen habi¬ 
tueller Verstopfung, um eine möglichst intensive und schnelle Wir¬ 
kung auf die Darmtätigkeit auszuüben. Bei Leber-, Nieren- und 
Stoffwechselkrankheiten habe ich häufiger das Wasser dreimal täg¬ 
lich in Mengen von etwa 150 ccm 1 j 2 bis 1 ganze Stunde nach 
den Mahlzeiten trinken lassen, um mehr eine Durchspülung des 
Bluts und der Körpersäfte zu erzielen. Bei ersterer Anordnung 
habe ich das Wasser stets kalt trinken lassen, im andern Falle 
dagegen warm oder sogar bei den Nierensteinerkrankungen heiß. 

Von vornherein sei bemerkt, daß das Mondorfer Wasser von 
allen Kranken ohne Ausnahme vorzüglich vertragen wurde, selbst 
wenn es mehrere Wochen nacheinander täglich in den erwähnten 
nicht geringen Mengen getrunken wurde. Weder Uebelkeit noch 
Aufstoßen, weder Druckempfindung noch Völlegefühl treten danach 
auf, keinerlei Magenbesehwerden wurden geäußert. Ja, eine An¬ 
zahl der Kranken hat sich danach außerordentlich w r ohl gefühlt 
und spontan eine wesentliche Besserung ihrer Beschwerden hervor¬ 
gehoben. So wurde namentlich häufig eine Hebung des Appetits 
angegeben, anderseits ein Nachlassen und Verschwinden der bisher 
vorhandenen Beschwerden, wie Aufstoßen von Luft oder Säure, 
Dvuekgefühl, Uebelkeit, Brechreiz und dergleichen. Vor allem 
aber hat die Mehrzahl der Kranken eine schnelle Besserung des 
Stuhlgangs angegeben. Einzelne Patienten haben auch behauptet, 
daß ihr Allgemeinbefinden durch die Brunnenkur wesentlich ge¬ 
hoben worden sei. 

Es soll dahingestellt bleiben, ob bei der Besserung der sub¬ 
jektiven Symptomenkomplexe die Suggestion eine Rolle gespielt 
hat, deren Wirkung ja bei der ärztlichen Therapie oft nicht mit 
Sicherheit auszuschließen ist, insbesondere nicht bei Anwendung 
neuer Heilmethoden. 

Wichtiger für die Wertschätzung eines Heilmittels ist stets 
die Beobachtung objektiver Veränderungen. Am sinnfälligsten in 
dieser Hinsicht war die Wirkung des Mondorfer Wassers in den 
Fällen chronischer Obstipation. Kranke, welche seit Monaten und 
Jahren an diesem Uebel leiden, welche sonst oft zwei bis drei 
Tage lang kar keine Entleerungen hatten, bekamen schon am 
zweiten oder dritten Tage nach Beginn der Verabreichung des 
Wassers, zuweilen sogar schon am ersten Tag einen leichten 
weichen Stuhlgang, manchmal sogar zwei- bis dreimal am Tag, in 
einzelnen Fällen bald nacheinander. Ob diese Wirkung einer Ver¬ 
mehrung der Darmperistaltik zuzusehreiben ist oder einer ver¬ 
mehrten Sekretabscheidung seitens der Darmwand und dadurch 
bedingter Erweichung der Faecalmassen, vermag ich heute noch 
nicht zu sagen. Das könnte erst durch genauere Untersuchungen 
festgestellt werden. Jedenfalls ging die Wirkung stets ohne 
wesentliche Leibbeschwerden einher, in der Mehrzahl der Fälle 
sogar ohne jedes Kollern, wie es sonst mit der Wirkung von Ab¬ 
führmitteln oft verbunden ist. Kranke, welche seit langer Zeit 
an das Einnehmen verschiedenster Abführmittel gewohnt waren, 
haben angegeben, daß sie das Mondorfer Wasser als eines der an¬ 
genehmsten" Mittel dieser Art gefunden haben. Weiterhin ist zu 
bemerken, daß die Wirkungskraft auf den Darm auch bei wochen¬ 
langer Verabreichung sich nicht abstumpft, sondern dauernd in 
gleicher Intensität bestehen bleibt. Ja, in zwei Fällen habe ich die 
sichere Beobachtung gemacht, daß die Darmtätigkeit mit dem 


Aussetzen des Mondorfer Wassers in alter Weise wieder erschlaffte, 
um nach erneuter Verabreichung des Wassers sofort wieder sich 
kräftiger zu beleben. 

Diese Wirkung auf den Darm muß als die energischste 
therapeutische Leistung des Mondorfer Wassers bezeichnet werden. 
Sie macht sich nicht nur bei den Fällen atonischer Obstipation 
geltend, sondern auch bei vielen Erkrankungen anderer Art, welche 
mit habitueller Verstopfung einhergehen, wie z. B. chronische 
Magen- und Leberkrankheiten. Bei der erfolgreichen Bekämpfung 
der Krankheiten letzterer Gruppen, von der sogleich noch näher 
die Rede sein wird, scheint mir die Anregung der Darmtätigkeit 
ein wesentlicher Faktor der Heilwirkung zu sein, insbesondere fiel 
mir das in den Fällen chronischer Gallensteinkolik auf, bei denen 
ja der Heilerfolg größtenteils von der energischen Reglung des 
Stuhlgangs abhängig ist. All diesen Kranken verschaffte die reich¬ 
liche und regelmäßige Darmentleerung stets eine große Erleichte¬ 
rung im Leibe, sowie infolgedessen auch im Allgemeinbefinden. 
Das gab z. B. auf das bestimmteste auch der Kranke mit der 
großen Stauungsleber an, wo offenbar unter dem Einflüsse des 
Brunnenwassers die Entladung des ganzen Pfortaderkreislaufs zu¬ 
stande kam. 

Wie ich mich wiederholt überzeugt habe, waren die Darm- 
entleerungen nach Mondorfer Wasser weich und breiig, ohne An¬ 
zeichen katarrhalischer Reizung, wie sie sonst zuweilen nach Dar¬ 
reichung forcierter Abführmittel auftreten. Niemals also war 
Schleim oder Blut bei dem Stuhlgange zu beobachten, er erfolgte 
stets leicht und ohne vorhergehende oder nachfolgende Beschwer¬ 
den. So wurde insbesondere niemals Tenesmus beobachtet. In 
einzelnen Fällen kamen sogar geformte Stuhlgänge zeitweise zu¬ 
tage, in der Mehrzahl der Fälle allerdings dickbreiige oder dünn¬ 
breiige, niemals wäßrige. 

Nicht verschwiegen werden soll, daß das Mondorfer Wasser 
in etwa 10 °/ # der Fälle seine anregende Wirkung auf den Darm 
versagt hat, ohne daß in diesen Einzelfällen eine Ursache des Mi߬ 
erfolges festzustellen war. Bei drei Kranken war die Wirkung 
unzureichend. In zwei andern Fällen versagte sie nach einem 
mehrtägigen Gebrauche. 

Jedenfalls bildet die chronische Obstipation, 
gleichviel welchen Ursprungs sie sein mag, die Hauptdomäne 
f ü r d i e Anwendung des Mondorfer Wassers und 
ist hinsichtlich ihrer Wirkung den Quellen von Kissingen, Marien¬ 
bad und Homburg ebenbürtig an die Seite zu stellen. 

In zweiter Reihe hat sich das Mondorfer Wasser bewährt bei 
chronischer Gallensteinerkrankung in verschiedenen Stadien der 
Entwicklung derselben. Es soll nicht behauptet werden, daß das 
Mondorfer Wasser ein Cholagogum sei oder gar eine speeifisehc 
Einwirkung auf Gallensteine hätte. Von beiden kann gar keine 
Rede sein. Aber die reichliche Durchspülung des Gallengang¬ 
systems vermittels großer Mengen dieses Brunnenwassers scheint 
diesen Kranken außerordentlich gut zu bekommen. Selbst¬ 
verständlich kam es in diesen Fällen drei bis vier Wochen lang 
ununterbrochen zur Anwendung in täglichen Mengen von 500 bis 
600 ccm, die in einzelnen Fällen heiß, in andern kalt getrunken 
wurden. Ersteres scheint mir für die Wirkung bei Gallenstein¬ 
erkrankung zweckmäßiger zu sein. Es ist offenbar die rein mecha¬ 
nische Wirkung des Quellv/assers, welches sich antikatarrhaliseh 
schleimlösend in den Gallenwegen geltend macht. Es ist nicht 
ausgeschlossen, daß die Anregung der Darmperistaltik durch das 
Mondorfer Wasser gleichzeitig auch die Entleerung der kleinen 
Gallenwege befördert und beschleunigt, vor allem aber die Leber 
von der Gallenstauung und Stoffwechselballastproduktion befreit. 
Die Wirkung auf die klinischen Erscheinungen der Erkrankung 
trat objektiv zutage durch nachweisbare Abschwellung der Leber, 
in einem Fall auch der Gallenblasengeschwulsfc, subjektiv in dem 
selteneren und leichteren Auftreten der Anfälle und Schmerzen, 
die bei zwei Kranken schon nach achttägiger Anwendung des 
Brunnens vollkommen geschwunden waren. Es kann nicht er¬ 
wiesen werden, daß dieser Erfolg ausschließlich dem Mondorfer 
Wasser zuzusehreiben ist, weil die Kranken auch Bettruhe und 
zweckmäßige Diät innehielten. Da sie aber sonst keinerlei Medi¬ 
kamente bekamen, so ist wohl mit Recht dem Mondorfer Wasser 
ein Anteil an dem auffällig günstigen Verlaufe dieser Fälle von 
Cholelithiasis zuzuschreiben. 

Auch in Fällen von Lebereirrhose scheint die dauernde Dar¬ 
reichung des Brunnens einen günstigen Einfluß auf das Befinden 
der Kranken auszuüben. Der Stuhlgang wmrde geregelt, der 
Appetit besserte sich und die Leber war in zwei Fällen, die sich 


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7. Februar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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noch im ersten Stadium der Erkrankung befanden, zweifellos nach 
einigen Wochen etwas kleiner geworden. Unter den Fällen dieser 
Gruppe war der Erfolg am auffälligsten bei einem 18 jährigen 
jungen Menschen mit hypertrophischer Lebercirrhose. Die vorher 
ganz hartnäckige Verstopfung, welche nur durch energische Ab¬ 
führmittel bekämpft werden konnte, wich nach kurzer Zeit einer 
regelmäßigen, reichlichen, weichen Stuhlentleerung. Der Kranke, 
dessen Leber bis zur Nabelhöhe herabreichte und der auch einen 
großen Milztumor hatte, fühlte sich nach sechswöchigem Ge¬ 
brauche der Brunnenkur wesentlich erleichtert, der Appetit hatte 
sieh gehoben, das Körpergewicht war um vier Pfund vermehrt, und 
vor allem wurde der diffuse intensive dunkle Ikterus von Woche 
zu Woehe heller. Er schwand zwar nicht vollkommen, und auch 
Leber und Milz haben sich nur um weniges verkleinert, aber das 
Allgemeinbefinden hatte sich so wesentlich gebessert, daß der 
Kranke schließlich seine Berufstätigkeit wieder auf nehmen und 
sie jetzt ohne wesentliche Beschwerden durchzuführen imstande 
ist. Es ist anzunehmen, (laß der dauernde Genuß des Brunnens 
die Oirculationsverhältnisse im Gebiete der Pfortader und der 
Unterleihsorgane überhaupt wesentlich erleichtert hat. 

In dem Falle von hochgradiger Stauungsleber infolge von 
Myokarditis trat unter dem Einflüsse der dauernden Darm¬ 
entlastung anscheinend auch eine Abschoppung des Blutandrangs 
zur Leber ein, die sich durch eine merkliche Verkleinerung der¬ 
selben bemerkbar machte. An dem Herzleiden selbst und seinen 
sonstigen Folgeerscheinungen wurde natürlich nichts geändert, 
aller der Kranke selbst war mit dem Erfolge dieser Brunnenkur 
durchaus zufrieden. 

Ebenso befriedigt sprachen sich über die Wirkung des 
Wassers mehrere Kranke mit chronischem Magenkatarrh aus. 
Wenn and die Sekretionsstörungen und die Verdauungsverhält¬ 
nisse des Magens überhaupt sich nicht nachweislich geändert haben, 
so hob sich doch der Appetit, die Beschwerden der Kranken wurden 
geringer, der Stuhlgang geregelt. In einem Falle schien mir die 
Sehleimbeimengung zum Mageninhalte nach vier Wochen wesent¬ 
lich geringer geworden zu sein, indessen möchte ich auf eine noch 
einzelne Beobachtung noch keinen entschiedenen Wert legen. Viel¬ 
leicht beruht die günstige Wirkung des Mondorfer W T assers beim 
chronischen Magenkatarrh zum guten Teil auf der Durchspülung 


der Magenschleimhaut, vielleicht auch teilweise auf der Anregung 
der Darmtätigkeit. Ein Einfluß auf Magen- und Darmgeschwüre 
war nicht festzustellen. 

Aber ohne Zweifel kommt dem Mondorfer Wasser auch eine 
Einwirkung auf die Diurese zu. Das ließ sich bei allen 
Kranken ermitteln, welche zwei- bis dreimal täglich ein großeg Glas 
davon tranken, namentlich bei anhaltendem Gebrauche. Wertvoll 
war diese Steigerung der Harnentleerung bei den beiden Nieren¬ 
kranken. Es wurde eine exakte Bestimmung der täglichen Harn¬ 
mengen vorgenommen unter genauer Beobachtung der gesamten 
Flüssigkeitsaufnahme vor und bei der Kur. Nach Abrechnung der 
getrunkenen Brunnenmengen ergab sich ein äußerliches Plus von 
200 bis 600 ccm, bald mehr, bald weniger. Entsprechend der 
Steigerung der Harnmenge wurde der Ham heller und speeifisch 
leichter, sein Bodensatz geringer. Wenn auch in den beiden Fällen 
der erwünschte Abgang des Nierensteins nach der Kur nicht zu 
beobachten war, so trat doch keine Kolik mehr auf, die Schmerzen 
schwanden überhaupt vollkommen und das Allgemeinbefinden der 
Kranken wurde so ausgezeichnet, daß sie nach drei- beziehungs¬ 
weise vierwöchigem Aufenthalt in der Klinik als vorläufig geheilt 
entlassen werden konnten. 

In den beiden Fällen von Diabetes mellitus war irgendeine 
Einwirkung von der Brunnenkur mit Mondorfer Wasser nicht zu 
erweisen, zumal die Kranken gleichzeitig einer der Form ihrer 
Zuckerkrankheit entsprechenden Diät unterworfen wurden. Eine 
specifische Einwirkung bei dieser Erkrankung läßt sich aber auch 
bei andern Brunnen nicht feststellen, welche erfahrungsgemäß mit 
gutem Erfolge von Zuckerkranken getrunken werden. Hier ist 
nur die langjährige Erfahrung ein Urteil zu fällen imstande. 

Auf Grund der berichteten Beobachtungen, welche allerdings 
nach manchen Richtungen hin noch weiterer Ergänzungen be¬ 
dürfen, kann ich mein Urteil dahin zusammenfassen, daß in dem 
Mondorfer Wasser eine Mineralquelle erkannt ist, welche sich als 
ein wirksamer Heilfaktor in der Behandlung von Magen-, Darm¬ 
und Leberkrankheiten erweist. Sein Einfluß ist für sich allein 
wohl nicht ausreichend zur Entfaltung energischer Heilwirkungen, 
aber es ist ein vorzügliches Unterstützungsmittel für die Therapie 
der Verdauungskrankheiten, welche sich den Quellen von Karls¬ 
bad, Marienbad, Kissingen, Homburg und Tarasp würdig anreiht. 


Forschuni^sergelmisse aus Medizin und Naturwissenschaft. 


Aus der I. medizinischen Klinik in Wien. 

Eine klinische Methode zur Bestimmung der 
Blutalkaleszenz 

von 

Priv.-Doz. Dr. Otto Porges und Dr. Alfred Leimdorfer. 

Mit 3 Abbildungen. 

In seiner Physiologie des Stoffwechsels *) sagt Magnus- 
Levy bezüglich der Lehre von der Blutalkalescenz" „Das Ver¬ 
halten der Alkalescenz bedarf einer erneuerten theoretischen Er¬ 
örterung so dringend wie wenig andere Kapitel der Physiologie. . . 
\ mi einer gründlichen Durcharbeitung dieses Gebiets wird es ab- 
die Lehre von der Blutalkalescenz neue Fruchtbarkeit 
für Theorie und Praxis zu gewinnen vermag.“ Seit Erscheinen 
des Buches, dem der voranstehende Passus entnommen ist (1906), 
haben sieh zahlreiche neue Untersuchungen eingestellt, von denen 
indessen nur ein geringer Teil das Problem gefördert hat, da meist 
die Fehler der Versuchsanordnung, die schon Magnus-Levy 
, i d° n älteren Untersuchungen aussetzt, nicht vermieden sind. 
Speziell die Untersuchungen, die klinisch-pathologische Frage¬ 
stellungen verfolgen, tragen meist dem Umstande keine Rechnung, 
daß peripheres Venenblut, das allein beim 
•lensehen zur Untersuchung gewonnen werden 
kann, zu ^Bestimmung der Blutalkalescenz un- 
£ e e i g n e t i s t, da seine Zusammensetzung je nach 
dem Gefäßbezirk, aus dem es stammt, je nach 
dem Zustande des Organs, das es durchströmt 
äatjjenachderGeschwindigkeitjmitderesaus- 
strömt, wechselt. Zur Bestimmung der Blut- 
alkalescenz für biologische Probleme ist nur 

1 v ‘ Noordens Handbuch der Pathologie des Stoffwechsels 
1! "m, Bd. 1. S. 197, 


Mischblut des Körpers, also Blut aus dem 
Herzen, aus der Lunge oder aus den Arterien 
g e e i g n e t. 

Ist die Bestimmungsmethode noch so exakt, die mit ihr am 
peripheren Venenblute gewonnenen Resultate sind nicht ver¬ 
wertbar. 

Wir haben nun vor einigen Jahren eine Methode ausge¬ 
arbeitet, welche die Bestimmung der Alkalescenz des Mischbluts 
beim Menschen gestattet J ). Das Verfahren ist die Bestimmung 
der Kohlensäurespannung in der Alveolarluft. 

Die Beurteilung der Blutalkalescenz auf Grund der Kohlensäure¬ 
spannung der Alveolarluft rührt nicht von „englischen Physiologen“ 
her, wie dies gelegentlich angeführt wird, ebensowenig von Hassel¬ 
ba 1 c h, wie einzelne Autoren berichten. Englische Physiologen, näm¬ 
lich Hai da ne und seine Mitarbeiter, haben wohl die CfVSpannung 
zum Zwecke der Untersuchung der Atemregulation in physiologischen 
und pathologischen Zuständen bestimmt, dieselbe jedoch nie als Maß 
der Blutalkalescenz angesprochen. Hassel balch*) bekämpft so¬ 
gar diese Methode, obzwar seine eignen Versuche ihr als Stütze dienen. 
Ausgehend von der Theorie der Atemregulation durch die Blutalkal¬ 
escenz (Lehmann, Zuntz, Winterstein, Porges-Leim- 
dörfer und Markovici), haben wir als die ersten die Theorie 
der sogenannten Neutralitätsregulation auf gestellt und durch klinische 
Beobachtungen erwiesen 3 '). Diese Theorie besagt, daß die Atmung in 
erster Linie zur Erhaltung der neutralen Reaktion des Bluts dient. 
Die Säureempfindlichkeit des Atemcentrums bewirkt bei jeder Säurung 
des Bluts eine Mehratmung, damit eine Mehrausscheidung der Kohlen¬ 
säure, wodurch saure Valenzen entfernt werden und die Reaktion wie¬ 
der zur Neutralität zurück kehrt. Eine Säurung muß durch diesen 
Mechanismus zu einer Herabsetzung der Kohlensäurespannung des 
Blutes führen, eine Bestimmung der Kohlensäurespannung des Bluts 
muß Aufschluß über eine bestehende Säurung geben. Dabei bieibt das 


Porges, Leimdßrfer und Marko vio i. (W. kl. YV. 
1910, Nr. 23, und Zscbr. f. klin. M. 1911. Bd. 73, S. 389. 

2 ) Biochem. Zscbr. 1912. Bd. 40. S. 403. 

3 ) L. c. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


Blut in Wirklichkeit fast neutral, die Bestimmung mit Gasketten wird 
nur kleine Abweichungen von der Norm ergeben, da mit der Vermeh¬ 
rung fixer saurer Valenzen Kohlensäure sofort zum Ausgleich entfernt 
wird. Demgemäß muß die Kohlensäurespannung bereits große Ab¬ 
weichungen von der Norm zeigen, wo die elektrometrische Bestim¬ 
mung nur kleine Ausschläge gibt. Die Bestimmung der Kohlensäure¬ 
spannung ist also auch eine sehr empfindliche Methode. Zum Beweise 
dessen haben wir beispielsweise zeigen können, daß relativ gering¬ 
fügige Veränderungen der aktuellen Reaktion des Bluts, wie sie in¬ 
folge der Salzsäuresekretion bei der Magenverdauung auftreten, bereits 
deutlich in der Aenderung der CtK-Spannung zum Vorscheine kommen. 
Ebenso sahen wir die nach Diätänderungen, wie Kohlehydratbeschrän- 
kung in der Nahrung, entstehende Acidosis deutlich in der herab¬ 
gesetzten COs-Spannung zum Vorscheine kommen, ein Versuch, der 
von Hasselbalch 1 ) sowie Straub 2 ) bestätigt worden ist. 

Der Bestimmung der C0 2 -Spannung im Blute dienen ver¬ 
schiedenartige Methoden. Für tierexperimentelle Zwecke wird man 
sich mit Vorteil eines Verfahrens bedienen, das jüngst von M o r a - 
witz und Walker 8 ) ausgearbeitet und bei konkreten Frage¬ 
stellungen erprobt worden ist. Die Methode bestimmt die C0 2 - 
Spannung von Blut, das mit einer C0 2 -Atmosphäre bestimmter 
Konzentration in Kontakt gebracht worden ist. Für klinische 
Untersuchungen ist dagegen nur ein Verfahren verwendbar, welches 
eine unblutige Bestimmung am Mischblute gestattet. Da nun das 
Mischblut als Lungenblut in den Lungenalveolen mit der Lungenluft 
bei hinreichend langem Kontakt zum Spannungsausgleiche der 
Gase gelangt, so kann man aus der Untersuchung der Lungen¬ 
alveolenluft Aufschluß über die C0 2 -Spannung des Mischbluts er¬ 
langen. Für die Gewinnung der Lungenalveolenluft sind wieder 
mehrere Verfahren angegeben worden. Wir haben diese Verfahren 
alle versucht, jedoch nur eins für klinische Zwecke immer brauch¬ 
bar gefunden, die Pleschsche Methode 4 ), die wir in folgendem 
in der für unsere Zwecke modifizierten Form ausführlich be¬ 
schreiben wollen. Uebereinstimmend mit dieser Erfahrung geben 
auch Boothby und Peabody 5 ) unserer Versuchsanordnung 
den Vorzug. Denn dieselbe ist ohne Belästigung und Benach¬ 
teiligung selbst bei Schwerkranken anwendbar, erfordert wenig 
Hebung, macht wenig Mühe und bedient sieh einer einfachen, 
leicht zu handhabenden Apparatur. Das Verfahren zerfällt in zwei 
Operationen: die Gewinnung der Alveolenluft und die Analyse 
derselben. 

Für die Gewinnung der Alveolenluft dient ein Apparat, der 
aus einem aus Glas gefertigten T-Stücke besteht (Abb. 1), das 
einen Mundansatz (A) und einen als Gasrezipienten dienenden 
Gummisack (S) 
trägt (Abb. 1). 

Ein an der Gabe¬ 
lungsstelle be¬ 
findlicher Zwei¬ 
weghahn (T) ge¬ 
stattet cs, die 
Atemluft von 
dem Mundan- 
satzeA entweder 
durch C nach 
außen zu leiten Abb. i. 

oder durch B 

dem Gummisacke zuzuführen. Die Ausführung des Versuchs ge¬ 
staltet sich folgendermaßen: Das Mundstück A wird zwischen 
Lippen und Zähne eingeführt, sodaß es den Mund luftdicht ab¬ 
schließt. Der Hahn befindet sich in der Stellung, die A mittels C 
mit der Außenluft verbindet. Hierauf wird eine luftdicht schließende 
Nasenklemme aufgesetzt. Nach einigen ruhigen Atemzügen wird 
das zu untersuchende Individuum aufgefordert, tief zu inspirieren, 
am Ende des Inspiriums wird der Hahn rasch gedreht, worauf die 
Exspiration durch B in den Sack S erfolgt. Nun inspiriert der zu 
Untersuchende die Luft aus S wieder vollständig, atmet sie wieder 
aus und wiederholt dasselbe fünfmal. Das jedesmalige In- und 
Exspirium soll in der Zeit von fünf Sekunden erfolgen, der ganze 
Versuch (fünfmaliges Ex- und lnspirium in den Gummisack) soll 
25 Sekunden dauern. Nach dem letzten Exspirium wird der Hahn 
wieder in seine erste Stellung gebracht, wodurch die Luft im Ballon 
abgesperrt ist. Dann wird der Gummischlauch, der S mit dem 
Glasstücke verbindet, durch mehrere breite Klemmen luftdicht ver- 



2 j D. Arch. f. klin. Med. 1913, S. 109, 223. 

Biochem. Zschr. 1914, Bd. 60, S. 395. 

*) Zschr. f. exper. Path. u. Thor. 1909. Bd. 6, S. 380. 
*) Arch. of intern, med. 1914, Bd. 13, S. 497. 


schlossen, vom Glasstück abgenommen und beim Capillar- 
schlauche R an den Analysenapparat angeschlossen. Das fünf¬ 
malige Hin- und Heratmen und die Zeit von 25 Sekunden genügt, 
um einen vollständigen Spannungsausgleich zwischen Lungenluft 
und Blutgasen herbeizuführen und die Luft aus den schädlichen 
Räumen mit der Alveolenluft so zu durehmengen, daß fast das 
ganze Gasgemenge mit dem Lungenblut in Kontakt kommt. Wie 
eine von uns ] ) ausgeführte Berechnung zeigt, bleibt bei dieser 
Versuchsanordnung im ungünstigsten Falle nur 3,125 °/ 0 des ge¬ 
samten Gasgemenges eventuell vom Gasaustausche mit dem 
Lungenblut ausgeschlossen, ein Fehler, den man getrost vernach¬ 
lässigen kann. Anderseits ist in der Versuchszeit von 25 Sekunden 
der Blutkreislauf noch nicht vollendet, also noch kein Blut, das 
zu Beginn des Versuchs in der Lunge war, wieder dahin zurück- 
gekehrt. Wird der Versuch auf mehr als fünf Atemzüge und 
25 Sekunden ausgedehnt, dann kommt zum Teil mit den kürzeren 
Kreisläufen Blut, das schon im Spannungsausgleiche war, wieder 
kohlensäurereicher in die Lunge zurück, wodurch die C0 2 -Span- 
nung höher erscheint, als sie zu Beginn des Versuchs war. Die. 
Analyse der auf diese Weise gewonnenen Alveolenluft wird in 
einem Apparat ausgeführt, der nach dem Prinzip der Hempel- 
schen volumetrischen Gasanalyse gebaut ist (Abb. 2 und 3). Der 
Apparat (Abb. 2 und 3) zeigt drei Büretten, die je zirka 100 ccm 



fassen und in ihrem unteren verengtenTeil zwischen 90 und 101 ccm 
eine eine Ablesung von Differenzen von 0,01 ccm gestattende Ein¬ 
teilung haben. Die zwei seitenständigen Büretten (1 und 2) sind für 
die Aufnahme des Gases bestimmt, das aus dem Sacke durch eine 
capillare Zuleitung eingelassen wird, die mittlere Bürette (3) ent¬ 
hält nach dem Prinzip des Zun tz sehen Thermobarometers eine 
abgeschlossene Luftmenge, welche alle Volumänderungen mit¬ 
macht, die sich während der Analyse durch Druck und Tempe¬ 
raturschwankungen ergaben und damit eine entsprechende Kor¬ 
rektur des Volumens der analysierten Gase ermöglicht. Die 
Büretten sind in ein weites Mantelrohr eingeschlossen, das mit 
Wasser gefüllt ist, um eine gleichmäßige Temperatur während der 
Analyse zu ermöglichen. Durch Luftdurchblasen mittels des Ge- 


J ) Zsc hr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 447. 


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21. Februar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


221 


bläses (Abb. 3, G) kann das Wasser durchgemischt werden. Vor 
der Analyse sind die beiden zur Aufnahme der Analysenluft be¬ 
stimmten Büretten bis zur Marke im capillaren Teil (M 1S M 2 ) mit 
Sperrflüssigkeit (mit Salzsäure angesäuertes Wasser, dem als In¬ 
dikator einige Tropfen alkoholischer Rosolsüurelüsung beigefügt 
werden) gefüllt. 

Sobald der Gummisack mittels des Capillarschlauchs (R) an 
die capillare Zuleitung angeschlossen ist, werden die Klemmen 
H r H, geöffnet, worauf das Atemgas eintritt und die Sperrflüssigkeit 
nach Z (Niveaugefäß) ausweicht. Sobald das Gas ungefähr in die 
Nähe des ICK) ccm bezeichnenden Teilstrichs eingelassen ist, wer¬ 
den die Klemmen geschlossen; das Hebegefäß Z wird jedesmal so 
eingestellt, «laß das Flüssigkeitsniveau in der Bürette und im Hebe¬ 
gefäß in gleicher Höhe steht, worauf die Ablesung des Gasvolumens 
in der Bürette erfolgt. Nunmehr wird Z gehoben und die Klemmen 
H 2 geöffnet, die zu den Absorptionsgefäßen A führen, die mit 
stärker Kalilauge zur Absorption der Kohlensäure gefüllt sind. 
Das Gas strömt durch die capillaren Zuleitungen ein, die Klemmen 

werden geschlossen, sobald 
die Sperrflüssigkeit wieder 
zur Marke Mi, Mo gestiegen 
ist. Nach zirka 5 Minuten 
ist die Absorption voll¬ 
ständig, die Klemmen Ho 
werden wieder geöffnet und 
die Gase aus den Absorp¬ 
tionsgefäßen eingelassen. 
Nach Verschluß der Klem¬ 
men erfolgt eine Niveau¬ 
ablesung in der früheren 
Art, die die Volumsvermin¬ 
derung durch die Absorp¬ 
tion der Kohlensäure be¬ 
stimmen läßt. Nach Ein¬ 
rechnung einer Korrektur, 
die sich eventuell aus wäh¬ 
rend der Analyse erfolgten 
Temperatur- oder Druck¬ 
veränderungen im Thermo- 
barometerrohr anzeigt, 
wird aus der Volums Ver¬ 
minderung der Prozontge- 
halt an Kohlensäure be¬ 
rechnet. Wie man sieht, 
laufen gleichzeitig zwei 
Analysen desselben Gases 
parallel. Die ganze Analyse 
ist in zirka 10 Minuten 
ausgeführt,wobei die Dauer 
der Absorption eingerech¬ 
net ist. Hat man zwei 
Apparate, so kann man 
zwei Analysen gleichzeitig 
ausführen, die die Arbeits- 
daueraufö Minuten abkürzt. 

Wir haben mit dieser Methode die Blutalkalescenz in ver¬ 
schiedenartigen physiologischen und pathologischen Zuständen 
untersucht. Wir fanden eine herabgesetzte Kohlensäurespannung 
nach übermäßiger Muskelarbeit'), bei Kohlehydratbeschränkung 
K 1, o . 1 k 1 )’ * n der Gravidität 2 ), bei acetonurischem Diabetes 1 ), 
ci Carcinomkranken 3 ), bei urämischer Nephritis 4 ), bei Osteo- 
malacie-) und osteomalacieähnlichen Krankheiten, bei der kar¬ 
dialen Dyspnöe •), bei fieberhaften Zuständen 7 ) und hochgradigen 
Anämien ). Wir fanden erhöhte C0 2 -Spannung zur Zeit der 
dagenVerdauung 1 ), nach Zufuhr von Alkalien 1 ), bei Emphysem 
beziehungsweise pulmonaler Dvspnöe 6 ). Unsere Befunde stimmen 
zum Teil mit älteren, mit andern Methoden ausgeführten Unter¬ 
suchungen tiberein und sind seit ihrer Veröffentlichung von 
mehreren Seiten bestätigt worden (Straub und S c h 1 a y e r, 
Straub, Heim, Fridericia, Hasselba Ich, S e 1 - 



Abb. 3. 


1 Jsehr. f. klin. M. 1911, Bd. 73. S. 389. 

;) Zsch. f. klin. M. 1912, Bd. 75, S. 301. 

) Beitr. z. Careinomforsch, d. 1. med. Kl. 1910, H. 3. S. 141. 
) Zschr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 404. 

> W. kl. W. 1913. Nr. 44. 

J J*chr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 447. 

') Nicht publiziert. 


1 a r d s und Andere). Wir benützen die Methode zur diagnostischen 
Orientierung in unklaren Fällen wie irgendeine klinische Unter¬ 
suchungsmethode und haben zu wiederholten Malen über frag¬ 
liche Zustände Aufschluß bekommen. Hier seien nur folgende 
zwei Beispiele angeführt: 

I. Patientin M. Z. Seit 1911 Diabetes mellitus festgestellt. 
Februar 1912 apoplektiseher Insult. 30. Mai 1912 plötzlich Schwindel, 
Erbrechen. Wird mit diesen Erscheinungen am selben Tage der Klinik 
eingeliefert. Weder der somatische Befund noch die Urinuntersuchung 
können entscheiden, oh es sieh um einen apoplektischen Insult handelt 
oder um ein beginnendes diabetisches Koma. Die Untersuchung der 
CO*-Spannung der Alveolarluft ergibt 5,25%, mithin einen Wert, der 
zwar leichte Acidosis bedeutet, jedoch Koma ausschließen läßt. Der 
weitere Verlauf beweist, daß die Erscheinungen durch einen neuen 
apoplektischen Insult veranlaßt waren. 

II. Patientin M. S. Gravidität im achten Monat. Es besteht seit 
Jahren Diabetes mellitus. Wird mit 6% Zucker und negativer Aceton¬ 
reaktion der Klinik eingeliefert. Bei kohlehydratfreier Kost am ersten 
Tage zuckerfrei. Am vierten Tage der Kohlehydratbeschränkung Er¬ 
brechen. Gleichzeitig fällt dyspnoisehe Atmung auf. Die Vermutung, 
daß es sich um beginnendes Säurekoma handelt, wird durch die Be¬ 
stimmung der COs-Spannung bestätigt (2,3%), obwohl die Aceton- 
bestimmung in der Tagesmenge nur 2,3 g Aceton ergibt, mithin einen 
Wert, der noch nicht an Koma denken ließ. Trotz Zufuhr von zu¬ 
sammen 102 g Soda, zum Teil per os, zum Teil per clysma, zum Teil 
intravenös, bleibt der Harn sauer. Die (’Oa-Spannung sinkt am Nach¬ 
mittag auf 1.76%. Es wird daher Einleitung der Frühgeburt be¬ 
schlossen. Am nächsten Tage fortschreitende Trübung des Bewußt¬ 
seins, Zeichen von Herzschwäche, tags darauf totale Bewußtlosigkeit, 
nach der Gehurt einer maeerierten Frucht Exitus. 

Eine besondere Bedeutung kommt der Methode für fort¬ 
laufende Bestimmungen bei der diabetischen Acidosis zu. Hier 
leistet sie mehr als irgendeine andere Bestimmung; denn die Unter¬ 
suchung des Harnes auf die Menge der Acetonkörper oder des 
Ammoniaks ist viel komplizierter, gibt eigentlich nur über einen 
bereits vergangenen Zustand Aufschluß (wie besonders der oben 
mitgeteilte lall lehrt) und sagt insbesondere nichts über die im 
Körper befindliche, sondern nur über die ausgeschiedene Säure- 
menge aus. 

Schließlich noch einige Worte über andere Verfahren zur 
Gewinnung der Alveolenluft. Manche Autoren bevorzugen die 
H a 1 (1 a n e sehe Methode J ). Dieselbe gibt allerdings, wie auch 
wir uns überzeugt hatten, gleichmäßigere, untereinander besser 
übereinstimmende Werte, erfordert jedoch Einübung des zu unter¬ 
suchenden Individuums und ist nur bei nichtdyspnoischen Fällen 
anwendbar. Straub 2 ) sowie Fridericia 3 ) haben gegen 
unsere Untersuchungen bei der diabetischen Acidosis den Vorwurf 
erhoben, sie wären, da mit unzureichender Methodik ausgeführt 
nicht beweiskräftig. Diese Autoren, die erst von uns gelernt 
haben, aus der C0 2 -Spannung auf eine Acidosis zu schließen, 
kommen mit der H a 1 d a n e sehen Methode zu denselben Re¬ 
sultaten wie wir, womit sie selbst, wenn sie es auch nicht zugeben 
wollen, unsere Methodik als verläßlich und einwandfrei erwiesen 
haben. Im übrigen kann auch die von uns angewandte Methodik 
an geübten Individuen Werte ergeben, die untereinander ebenso 
genau übereinstimmen wie die mit dem Haidaneschen Ver¬ 
fahren gewonnenen. Es kam uns aber mehr darauf an, zu zeigen 
was die Methode leistet, wenn die Untersuchung ohne Vorbereitun¬ 
gen, ohne Einübung an beliebigen Patienten ausgeführt wird. Die 
Abweichungen der so an demselben Individuum gewonnenen Werte 
sind noch nicht so groß, daß sie Veränderungen der Blutalkales- 
eenz Vortäuschen oder verdecken würden. 

Heim 4 ), der sich der Pie sch sehen Methode bedient 
jedoch nicht unsere Versuchsanordnung wählt, sondern die durch 
mehrmaliges Aus- und Einatmen gewonnene Luft immer wieder 
nach einer Pause in- und exspirieren läßt, erhält gleichmäßigere 
Werte als wir und beschuldigt uns deshalb des ungenauen Ar- 
beitens. Hätte dieser Autor erwogen, daß es uns darauf ankam, 
eine für alle Patienten anwendbare, einfache, klinische Unter¬ 
suchungsmethode auszuarbeiten, die gleichwohl verläßliche Re¬ 
sultate gibt, so wäre sein unmotivierter Angriff unterblieben, um 
so mehr, als er die von uns gefundenen Tatsachen in allen Punkten 
bestätigen muß. 


*) Es wird der letzte Teil eines tiefen Exspiriums gesondert auf¬ 
gefangen. 

*) L. c. 

s ) Zschr. f. klin. M. 1914. 

4 ) Zschr. f. klin. M. 1913. Bd. 78, S. 501. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


Ans der Praxis 

Aus dem Auguste-Viktoria-Krankenhause Schöneberg 

Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen 

von 

Oberarzt Dr. 0. Nordmann, Berlin. 

Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen stellen die praktisch 
wichtigste Form der akuten Arthritis dar. Alle Gelenke, besonders 
jedoch das Kniegelenk, das Handgelenk und das Hüft¬ 
gelenk, können von einer gonorrhoischen Infektion ergriffen 
werden. Aber auch kleine Gelenke, z. B. Metacarpophalan- 
gealgelenke und Interphalangealgelenke, die sehr selten der Sitz 
einer Entzündung sind, können den Herd einer gonorrhoischen 
Arthritis bilden. Dieses Befallenwerden kleiner Gelenke ist ge¬ 
radezu typisch für Gonorrhöe. Wenn die Entzündung zu einer 
Zeit einsetzt, in der noch eine floride Gonorrhöe besteht, so macht 
die Diagnose des Leidens meistens keine Schwierigkeiten. Handelt 
es sich jedoch um eine chronische oder symptomlos verlaufende 
Gonorrhöe in Gestalt einer Prostatitis, so kann die Erkennung der 
Aetiologie Mühe machen. 

Die Differentialdiagnose gegenüber dem akuten 
Gelenkrheumatismus ist dann zuweilen schwierig. Wenn ein kleines 
Gelenk ergriffen ist oder der Prozeß auf ein einzelnes großes Ge¬ 
lenk beschränkt bleibt, so muß man stets an die gonorrhoische 
Ursache der bestehenden Entzündung denken und in jedem Fall 
eine bakteriologische Untersuchung des Vaginal- beziehungsweise 
Uterussekrets vornehmen. 

Ferner spricht die außerordentliche Schmerzhaftig¬ 
keit und Druckempfindlichkeit und die dadurch hervorgerufene 
Schlaflosigkeit mehr für einen gonorrhoischen Charakter der Ge¬ 
lenkentzündungen. In dieser Vermutung wird man bestärkt, wenn 
sich Salicylpräparate als wirkungslos erweisen. 

Das Leiden beginnt plötzlich mit außerordentlich starken 
Schmerzenan dem befallenen Gelenke, die fast stets mit erheb¬ 
lichen Temperatursteigerungen einhergehen. Die 
lokalen Symptome bestehen in einer Schw ellung der p e r i a r t i - 
kulären Weichteile, die zuweilen einen teigigen Charakter hat, 
und einer R ö t u n g der Haut, die gar nicht selten zackig begrenzt 
ist. Das Knie- und das Ellbogengelenk kann schon im ersten Be¬ 
ginne der Entzündung einen starken Erguß aufweisen. 

Zur Behandlung der gonorrhoischen Gelenkentzündung 
stehen folgende Maßnahmen zur Verfügung: Die Stauung, die 
Immobilisation, die Extension und der Heißluft- 
kästen. Medikamente leisten nichts, höchstens ist ein Versuch 
mit A r t h i g o n zu machen. 

Mit diesen Mitteln muß individualisierend vor¬ 
gegangen werden, und zwar je nach der Lokalisation des Pro¬ 
zesses und dem Erfolge der therapeutischen Maßnahmen im ein¬ 
zelnen Falle. Man kann immer wieder die Erfahrung machen, daß 
sich die Kranken ihnen gegenüber ganz verschieden verhalten. 

Die Biersche Stauung leistet in der Regel vorzüg¬ 
liche Dienste. Die Gummibinde wird am Oberarme beziehungs¬ 
weise Oberschenkel nach Unterpolsterung mit einer dünnen Lage 
einer Mullbinde in der Weise umgelegt, daß keine venöse, sondern 
eine aktiveHyperämie entsteht. Sie bleibt zirka 20 Stunden 
liegen, und es wird darauf geachtet, daß während dieser Zeit keine 
sichtbare Blaufärbung des Glieds entsteht. Andernfalls wird ihre 
Lage verändert. Den besten Hinweis darauf, daß die Hyperämie 
den richtigen Grad erreicht hat, bildet die Angabe des Kranken, 
daß seine Schmerzen geschwunden sind. Gleichzeitig wird die 
betreffende Extremität durch untergeschobene Kissen hoch- 
gelagert. Nach einer vierstündigen Pause wird die Binde von 
neuem umgelegt. Gar nicht selten bitten die Patienten wegen der 
Wiederkehr der Schmerzen darum, daß dieses schon früher ge¬ 
schieht. 

In andern Fällen jedoch bleibt dies Verfahren trotz aller 
aufgewandten Mühe erfolglos; die Schmerzen verstärken sich, so 
oft man auch die Lage der Binde verändert. Dann rate ich Ihnen, 
einen immobilisierenden Verband anzulegen, und zw r ar entweder 
einen gut gepolsterten Pappschienenverband mit Stärkebinden oder 
einen Gipsverband. Der letztere läßt sich nach dem Vor¬ 
schläge Sprengels sehr leicht zur Erzeugung einer Hyperämie 
benutzen, indem in der Umgebung des Gelenks einige quadratische 
Fenster von zirka 10x12 cm Größe in ihn hineingeschnitten 
werden. An diesen Stellen wird die die Weiehteilo bedeckende | 


für die Praxis. 

Watte völlig entfernt, sodaß die Haut sichtbar wird; dann pflegt 
nach längeren Stunden in den betreffenden Bezirken ein starkes 
hyperämisches Oedem zu entstehen. 

Ich habe wiederholt die Beobachtung gemacht, daß un¬ 
erträgliche Schmerzen, die sich auf keine Weise bekämpfen ließen, 
in dem Augenblick aufhörten und verschwanden, in dem der Gips¬ 
beziehungsweise Pappschienenverband erstarrt war. Die Kranken 
gaben am andern Tage spontan an, daß sie zum erstenmal wiederum 
geschlafen hatten. 

Der große Nachteil der immobilisierenden Verbände besteht 
darin, daß es zu sekundären Versteifungen und Muskel¬ 
atrophien kommt. Ihnen beugt man am besten vor, wenn man 
schon nach 10 bis 14 Tagen den Versuch macht, das entzündete 
Gelenk nur für die Nachtzeit auf einer gut gepolsterten Blech¬ 
schiene oder auf einer dorsalen Gipsschiene zu fixieren und am 
andern Tage die Stauungsschiene umlegt und gelegentlich vor¬ 
sichtige Bewegungen ausführt. Kehren wider Erwarten 
starke Schmerzen zurück, so wird von neuem ein eirculärer, ruhig¬ 
stellender Verband gemacht. 

Nach diesen allgemeinen Gesichtspunkten rate ich Ihnen, 
im speziellen Teil folgendermaßen vorzugehen: 

Bei einer frischen Entzünduug im Ellbogen, Hand-, Knie-, 
Fußgelenk oder in den kleinen Gelenken der Hand und des Fußes 
wird die Stauungsbinde umgelegt und auf 20 Stunden belassen. 
Die Extremität wiid durch untergeschobene Spreukissen hoch- 
gelagert. Der Kranke erhält gegen seine Schmerzen nach Bedarf 
subcutane Morphiumgaben. 

Lassen die Schmerzen bei dieser Behandlungsmethode nicht 
nach und bleibt der Patient schlaflos, so wird ein immobilisie¬ 
render, dickgepolsterter Verband mit Pappschienen und Stärke¬ 
binden angelegt, der das entzündete Gelenk völlig immobilisiert. 
Der Geübte benutzt vorteilhafterweise den unterfütterten Gips¬ 
verband, in den in der Umgebung des Gelenks mehrere Fenster 
hineingeschnitten w r erden. Von der Anwendung dieser ruhig¬ 
stellenden Verbände ist nur dann abzuraten, wenn stärkere p e r i - 
artikulare Schwellungen bestehen oder eine hoch¬ 
gradige Gelenkschwellung vorhanden ist und deshalb mit der Mög¬ 
lichkeit zu rechnen ist, daß über kurz oder lang w'egen eines 
Abscesses ein chirurgischer Eingriff notwendig wird. In diesen 
Fällen müssen die entzündeten Gelenke mit Hilfe von Blech¬ 
schienen immobilisiert werden. 

Gonorrhoische Entzündungen im Hüft- oder Schultergelenko, 
die außerordentlich schmerzhaft zu sein pflegen, erfordern die An¬ 
legung eines Extensionsverbandes. 

Daß das akute Stadium der gonorrhoischen Erkrankung ab¬ 
geklungen ist, erkennt man daran, daß die Schmerzen bei vor¬ 
sichtigen Bewegungen unerheblich sind, daß die Temperatur zur 
Norm zurückgekehrt ist und der Kranke in seinem Allgemein¬ 
befinden nicht mehr wesentlich gestört ist. Die Testierenden Be¬ 
schwerden werden am besten durch eine tägliche Applikation des 
Heißluftkastens, durch heiße Bäder und vorsichtige medicomecha- 
nische Uebungen gebessert. 

Chirurgische Eingriffe bei gonorrhoischen und 
eitrigen Gelenkentzündungen anderer Aetio¬ 
logie. 

Im gonorrhoisch entzündeten Kniegelenk entwickelt sich zu 
weilen ein Erguß; dann ist beizeiten eine Punktion vorzunehmen. 
Wenn das trübseröse und meistens flockige Exsudat abgeflossen 
ist, so wird eine Auswaschung des Gelenks mit 10 °/ 0 iger Pro- 
targollösung und Nachspülung mit Kochsalzlösung vor¬ 
genommen, wmdurch der Prozeß meistens zum Stillstände kommt. 
Nach weiteren acht bis zwölf Tagen wird mit Stauung und Hei߬ 
luftbehandlung begonnen. 

Wenn hohes Fieber und eine schwere Beeinträchtigung des 
Allgemeinbefindens nach der Punktion weiter bestehen bleibt und 
diese Symptome auf eine Mischinfektion des Kniegelenks 
himveisen, deren Diagnose durch den Nachweis von Streptokokken 
oder Staphylokokken im Punktionsexsudat gesichert wird, so wird 
nach einigen Tagen zu einer Artlirotomie geschritten. 

Auch im Ellbogengelenk entwickelt sich bei einer gonor¬ 
rhoischen Entzündung zuweilen ein eitriger Erguß, der keine 
Neigung zum Spontanrückgange zeigt. Eine einfache Punktion 
ist liier nicht zu empfohlen und der Ineision des Gelenks mit Hilfe 


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21. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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des Langenbeckschen Resektionsschnitts der 
Vorzug zu geben. 

In der Nachbehandlung wird darauf geachtet, daß das 
Gelenk in einem Winkel von 100 0 immobilisiert wird und die Hand 
in der Mitte zwischen Pronation und Supination steht, damit bei 
einer eintretenden Versteifung eine den Gebrauch des Armes mög¬ 
lichst wenig störende Stellung resultiert. 

Zuweilen entstehen im Anschluß an eine gonorrhoische Ar¬ 
thritis periartikuläre Phlegmonen besonders am Hand- 
und Fußgelenke: Die Weich teile siud teigig geschwollen, gerötet 
und bei leisester Berührung sehr druckempfindlich. Wenn diese 
Erscheinungen durch eine Ruhigstellung des Gelenks und einen 


feuchten Verband nicht zurückgehen oder sich flächenhafte 
Abscesse entwickeln, so ist eine Incision anzuraten. 

Alle nietastatischen, die pyämischen und die durch eine Ver¬ 
letzung entstandenen Gelenkvereiterungen erfordern fast immer 
eine breite Eröffnung und Drainage mit Hilfe typischer Resektions¬ 
schnitte. 

Beim Kniegelenke kann man anders vorgehen, wenn die 
klinischen Symptome mehr subakut sind, das Allgemeinbefinden 
nicht zu sehr beeinträchtigt ist und der lokale Prozeß sich all¬ 
mählich entwickelt hat. Dann darf der Versuch gemacht 
werden, mit Hilfe einer Punktion und Ausspülung des Gelenks aus- 
zukommen, was besonders bei Kindern zuweilen gelingt. 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin. 


Sammelreferat. 

Neuere Arbeiten auf dem Gebiete der inneren Medizin. 

Besprochen von Dr. Reckzeh, Chefarzt des V erbandes öffentlicher Lebens- 
versichernngsanstalten in Deutschland. 

Die auf dem letzten Wiesbadener Kongreß für innere Medizin 
von Gaupp, Goldscheider und Faust gehaltenen Referate 
über Wesen und Behandlung der Schlaflosigkeit 
sind nunmehr in Buchform erschienen. Sie bringen eine ausge¬ 
zeichnete und erschöpfende Darstellung dieses Krankheits¬ 
symptoms und enthalten zahlreiche, gerade für den Praktiker be¬ 
achtenswerte Ratschläge für die Behandlung und Bekämpfung der 
Schlaflosigkeit. Namentlich auf die von großen Erfahrungen 
zeugenden Ausführungen Goldscheiders möchte ich be¬ 
sonders himveisen, da es in der Praxis vielfach üblich ist, zu schnell 
zu medikamentösen Schlafmitteln zu greifen, ohne die mannig¬ 
fachen mchtarzneilichen Behelfe in der Behandlung der Schlaf¬ 
losigkeit sich zunutze zu machen. 

Eine kurze praktische Anleitung zur Erkennung 
der einzelnen Formen des Kopfschmerzes bietet 
eine Arbeit von L o b e d a n k. Da Kopfschmerzen zu den häufig¬ 
sten Klagen der beim Arzt Hilfesuchenden gehören und bei einer 
großen Zahl von Krankheiten im Vordergründe der subjektiven 
Symptome stehen, da sie anderseits an Vieldeutigkeit von wenigen 
andern Symptomen erreicht werden, ist es eine notwendige und 
dankbare Aufgabe des behandelnden Arztes, ihre Ursachen festzu¬ 
stellen. Wenn auch Uebersichtstafeln, wie die vorliegende, im all¬ 
gemeinen für den erfahrenen Arzt nicht erforderlich sind, so ist 
ihre Aufstellung doch bei einem Symptom erwünscht und nützlich, 
welches vielfach auf Leiden himveist, die nur dem Spezialisten ge¬ 
läufig sind, wie z. B. manche Augen- und Ohrenerkrankungen. 

ln einer sehr fleißigen Arbeit hat Krause vergleichende 
lntersuchungen über den Capillardruck an Gesunden und 
Kranken der Medizinischen Klinik und Nervenklinik in Tübingen 
veröffentlicht. Während zur Bestimmung der Druckverhältnisse 
im arteriellen System zahlreiche Methoden vorhanden sind, finden 
*ich nur sehr spärliche Untersuchungen, die sich mit den Druck¬ 
verhältnissen in den Capillaren befassen. Die in der Literatur vor¬ 
handenen Arbeiten über den Capillardruck zeigen obendrein eine 
s,i hr geringe Uebereinstimmung. Die Untersuchungen des Ver¬ 
fassers wurden sehr vorsichtig aufgestellt. Die gewonnenen Druck- 
w(rte betrugen für erwachsene Männer 80 bis 110 mm Wasser, je 
nach dem Alter; die niedrigsten unter pathologischen Verhältnissen 
betrugen 50 bis 60 mm Wasser, die höchsten 220 bis 240 mm. Von 
besonderem klinischen Interesse ist die Bestätigung des wichtigen 
Satzes, daß der Capillardruck durchaus nicht in allen Fällen 
parallel verläuft mit dem Blutdrucke, sondern daß in ihrem gegen¬ 
seitigen Verhalten alle möglichen Variationen Vorkommen. Es 
müssen also bei der Höhe des Capillardrucks noch andere Faktoren 
mitspielen als der Druck in den zuführenden Arterien, w r obei 
zweifellos der Druck in den zuführenden Venen und in den Ca¬ 
pillaren selbst gelegene Dinge eine Rolle spielen. Bezüglich der 
Befunde bei den einzelnen Krankheiten muß auf das Original ver¬ 
wiesen werden. Sie eröffnen gewisse Ausblicke für die Brauchbar¬ 
keit, der Capillardruckmessung auch am Krankenbette. Besonders 
charakteristisch und wichtig ist die Drucksenkung bei allen Ne¬ 
phritiden mit Hypertension, ferner bei der Zuckerkrankheit. 

Geber die Arteriosklerose und ihre Behand¬ 
lung veröffentlicht Burwinkel eine Studie, in welcher er be¬ 
sonders eingehend die Aetiologie und die Komplikationen der 


Krankheit abhandelt, wobei auch neuere Theorien Berück¬ 
sichtigung finden. Bei der Besprechung der Behandlung werden 
die mannigfachen nichtarzneilichen Vorschriften eingehend erörtert. 

lieber die Seekrankheit als eine akute, durch Traumen 
bedingte Stoffwechselstörung und ihre Verhütung veröffentlicht 
Sch wer dt auf Grund eigner und fremder Erfahrungen eine 
lesenswerte Studie. Er will seine Meinung selbst nur als Hypo¬ 
these aufgefaßt wissen und gibt eine Reihe von Vorschlägen zur 
Verhütung der Krankheit. 

Ueber das V o r k o m in e n des e n d e rn i s c h e n 
Kropfes und der Schilddrüsen Vergrößerung a in 
Mittelrhein und in Nassau hat der verstorbene P a g en- 
stecher sehr fleißige Untersuchungen angestellt, welche sich 
würdig den klassischen Arbeiten von B i r e h e r und K o c her 
aus den 80er Jahren anreihen. Er durchforschte systematisch das 
ganze mittelrheinische Flachland in bezug auf familiäres und 
endemisches Vorkommen von Kropf und konnte das B i r c h e r - 
sehe Gesetz für einige Landkreise bestätigen, welches das Auftreten 
des Kropfes in bestimmte Beziehungen zum Wasser und zur geo¬ 
logischen Beschaffenheit des Landes gebracht, hat, während die 
ziemlich ausgedehnte Verbreitung des Kropfes auf den vulkanischen 
Lagen der linken Rheinseite dazu in direktem Widerspruche steht. 

Die Anzeigen und Gegenanzeigen der inter¬ 
nen Behandlung des Kropfes unterzieht Hagen einer 
eingehenden Besprechung. Zunächst schließt er mit Recht alle 
diejenigen Patienten von einer inneren Behandlung aus, bei denen 
rein mechanisch durch die Kropfgeschwulst bereits mehr oder 
weniger weitgehende Störungen in den Atmungswegen und im 
Girculationssystem erzeugt worden sind. Hierher gehören vor 
allem die unter dem Brustbein und im Brustkörbe gelegenen 
Kröpfe, die ihrer Lage wegen äußerlich oft nur w-enig sichtbar 
sind und daher vielfach unterschätzt werden. Was von den 
mechanisch bedingten Störungen gilt, findet sinngemäß auch An¬ 
wendung auf die Fälle, bei denen toxische Schädigungen im Krank¬ 
heitsbilde vorherrschen, vor allem auf die Fälle von thyreogenem 
Kropfherz. Auch hier ist die erste Forderung einer kausalen 
Therapie eine möglichst rasche und sichere Entfernung der Gift¬ 
quelle aus dem Körper, damit der Entstehung schwerster organi¬ 
scher Veränderungen im Organismus vorgebeugt werden kann. 
Für die Anwendung äußerer Mittel gilt in-erster Linie der Satz, 
daß Kropf und Kropf nicht immer dasselbe sind. Bei der Sekret 
bereitung in der Schilddrüse haben wir es mit einem überaus kom¬ 
plizierten Vorgänge zu tun, welcher in der Absonderung eines 
schwer resorbierbaren, jodfreien, aber phosphorhaltigen Materials 
und des jodhaltigen Thyreoglobulins besteht. Das älteste und be¬ 
kannteste Mittel in der Kropfbehandlung ist das Jod; es ist da an¬ 
gezeigt, wo es sich um eine zu intensive Retention von Kolloid in 
den Follikeln handelt, wo aber das Drüsengewebe noch soweit er¬ 
halten ist, daß es unter dem Einwörken des Jods seine Funktionen 
wieder in vollem Maß übernehmen kann. Die Zufuhr von Jod, oder 
besser von Jodeiweißverbindungen in Form von Organpräparaten, 
wird also überall da gute Erfolge zeigen, wo es sieh um die Beseiti¬ 
gung hypothyreotischer Zustände handelt, dagegen überall da 
streng verboten sein, wo eine, wenn auch nur teilweise Mehr¬ 
leistung des Organs besteht. In jüngster Zeit ist neben der Jod- 
behandlung auch die Röntgenbehandlung der Bekämpfung des 
Kropfes nutzbar gemacht worden. Sie hat sich höchstens auf die 
parenchymatösen Strumen zu erstrecken und ist wegen der engen 
Beziehungen der Schilddrüse zu den Generationsorganen oft be¬ 
denklich. Man hat auch Organpräparate von solchen Drüsen zur 
Behandlung des Kropfes verwendet, welche mit der Schilddrüse in 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


fördernder oder hemmender chemischer Korrelation stehen. Immer 
ist eine innere Behandlung’ von Kropf nur unter ständiger exakter 
Kontrolle des Blutbildes durchzuftihren. 

Determann bespricht in einer kritischen Studie die 
vegetarische und fleischarme Ernährung. Während 
seine stoffwechselphysiologischen Betrachtungen von mehr theo¬ 
retischem Interesse sind, möchte ich auf die Besprechung der 
vegetarischen und fleischarmen Ernährung in einzelnen Krankheits¬ 
fällen besonders hinw r eisen. Sie enthält mannigfache Ratschläge 
für die praktische Tätigkeit am Krankenbett. 

Unter den Medikamenten zur Behandlung von Herzstörungen 
nimmt sicherlich Digitalis eine führende Rolle ein und unter den 
Ersatzmitteln der Digitalis das D i g a 1 e n. Zahlreiche Kliniker, 
deren Arbeiten Eisenheimer einer sorgfältigen Kritik unter¬ 
zieht, haben bei Kreislaufstörungen mannigfache Herzmittel mit 
dem Digalen verglichen. Aus ihren Resultaten interessiert in 
erster Linie, daß bei Typhus und Lungenentzündung nach 
Digalen Besserung eintritt, daß hingegen bei Tuberkulose Digalen 
hinter Campher und Coffein rangiert. Digalen erhöht vor allem 
das Sekundenvolumen und damit die in der Zeiteinheit den Ge¬ 
samtquerschnitt durchfließende Blutmenge, dagegen spielt der 
Blutdruck eine untergeordnete Rolle, weil trotz der Herzschwäche 
die Gefäßnerven regulierend den normalen Arteriendruck bewerk¬ 
stelligen können. 

Hugo Schulz liefert in einer Arbeit über die Behand¬ 
lung der Diphtherie mit Cyanquecksilber eine be¬ 
merkenswerte Studie zur Diphtheriebehandlung, über deren Einzel¬ 
heiten im Original nachgelesen werden muß. Er kommt zu dem 
Schlüsse, daß jeder Arzt im Cyanquecksilber ein durchgeprüftes 
Mittel zur Hand hat für die Fälle, wo entweder die Anwendung 
des Heilserums von vornherein als aussichtslos angesehen werden 
muß, oder wo aus irgendwelchen Gründen die Serumeinspritzungen 
verweigert werden. 

Den gegenwärtigen Stand der Bienenstichbehand¬ 
lung d e s Rheumatismus bespricht K e i t e r. Das Bienen¬ 
gift ist ein bakterienfreies Sekret, dessen wirksames Prinzip eine 
organische Base sein soll, welche durch die Ameisensäure in 
Lösung gehalten wird und durch ihre chemischen Eigenschaften 
den Alkaloiden nahesteht, lieber die Auswahl der Fälle und die 
Technik der Behandlung muß auf das Original verwiesen werden. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine beachtenswerte Arbeit 
von Bleuler erwähnen, welche sich mit der Notwendigkeit eines 
medizinisch - psychologischen Unterrichts be¬ 
faßt. Eine große Anzahl von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen 
auf dem Gebiete der inneren Medizin ist fraglos auf den Mangel an 
Kenntnissen in der Psychologie zurückzuführen. Nicht nur für die 
Tätigkeit des Arztes am Krankenbette, sondern auch für seine 
Arbeit im öffentlichen Leben ist eine Kenntnis der psychologischen 
Zusammenhänge im Leben von großer Bedeutung. 

Literatur: R. Gaupp, A. Goldscheider und E. Faust, Ueber Wesen und 
Behandlung der Schlaflosigkeit. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 112 S. 
M 2,80. Lobedank, Kurze praktische Anleitung zur Erkennung aller Formen 
des Kopfschmerzes. Würzburg 1914, Kurt Kabitzsch. 70 S. M 2, —. 

H. Krause, Per Kapillardruck. Mit 4 Figuren im Text. Leipzig 1914, J. A. Barth. 
(k> S. M 2,25. — 0. Burwinkel, Ueber Arteriosklerose und ihre Behandlung. 
Zweite neubearbeitete Auflage. München 1914. Verlag der „Aerztliehen 
Rundschau- 1 , Otto Gmelin. 44 S. M 1,20. — C. Schwerdt, Die Seekrankheit. 
Eine akute, durch Traumen bedingte Stoffweehselstörung und ihre Verhütung. 
Jena 1914, Gustav Fischer. 24 S. M 0,60. Ernst Pagenstecher, Ueber das 
Vorkommen des endemischen Kropfes und der Schilddrüsenvergrößerung am 
Mittelrhein und in Nassau. Mjt 3 Tafeln. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 
29 S. M 4.—. — W. Hagen, Anzeichen und Gegenanzeichen der internen 
Behandlung des Kropfes. Würzburg 1913, Kurt Kabitzsch. 24 S. M 0.85. — 
H. Determann, Die vegetarische und fleischarme Ernährung. Halle a. S. 1914. 
73 S. M 2,—. — A. Eisenheimer, Digalen. Würzburg 1913, Kurt Kabitzsch. 
65 S. M 0,85. — H. Schulz, Die Behandlung der Diphtherie mit Cyanqueck¬ 
silber. Berlin 1914. Julius Springer. 80 S. M 2.40. A. Kelter, Rheumatis¬ 
mus und Bienenstichbehandlung. Mit einem Beitrage von Dr. Philipp Terc. 
Wien und Leipzig 1914, Franz Deutieke. 87 S. M 1,50. — Bleuler, Die Not¬ 
wendigkeit eines medizinisch-psychologischen Unterrichts. Leipzig 1914, J. A. 
Barth. 25 S. M 0,75. 


Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der versioherungsrechtlichen 
Medizin 

von Dr. L. Bürger, Berlin. 

A. Allgemeines. 

Ledderhose |Straßburg (1)] besprach in der Sitzung der 
Freien Vereinigung der in Baden und Elsaß-Lothringen tätigen be¬ 
rufsgenossenschaftlichen Verwaltungen die Uebernahme des 
Heilverfahrens durch die Berufsgenossen¬ 
schaften während d e r Wartezeit. L e d d e r h ose 


glaubt, daß ein Drittel aller Unfallfolgen auf Kosten ungeeigneter 
ärztlicher Behandlung zu setzen sei und meint, daß mangelhafte 
aseptische Okklusion, speziell bei komplizierten Knochenbrüchen 
— er empfiehlt sehr die Verbandpäckchen —-, das schädliche Aus¬ 
spülen von Wunden, zu lange Fixation verletzte? Glieder, unge¬ 
nügende Einrenkung bei Radiusfrakturen, mangelhafte Streckver¬ 
bände, speziell bei Oberschenkelbrüchen, zu späte und unge¬ 
nügende Operationen bei entzündlichen Prozessen an Hand und 
Fingern, zu konservative Behandlung oft die Ursache der 
schlechten Erfolge sind. Wie die Berufsgenossenschaften und viele 
Unfallärzte empfiehlt auch Ledderhose die Ueberweisung 
möglichst vieler Unfallverletzter unmittelbar nach dem Unfall in 
die Krankenhäuser, was sich nach des Referenten Ansicht aber nur 
in den Krankenhäusern als zweckmäßig erw T eist, wo die Behand¬ 
lung nicht vorwiegend in den Händen unerfahrener Assistenten 
liegt, und da nur nötig ist, wo an die Behandlung ganz besonders 
hohe Anforderungen gestellt werden. In Krankenhäuser ge¬ 
hören stets ernstere komplizierte Knochenbrüche sowohl des 
Schädels als der Extremitäten einschließlich der Finger, ferner 
Verletzungen der inneren Organe, der Sehnen und der Nerven- 
stämme, tiefgreifende Verbrennungen, progrediente infektiöse Pro¬ 
zesse an Hand und Fingern, sowie Augenverletzungen, ferner 
möglichst Frakturen des Oberschenkelschafts, der Kniescheibe, 
stark dislozierte Unterschenkel- und Knöchelbrtiche. Ein großer 
Teil dieser Leute dürfte aber wegen Gefahr der Fettembolie, der 
Herzschwäche nach des Referenten Ansicht im Anfänge gar nicht 
transportfähig sein. 

Operationszwang. 

Eichbaum, Gerichtsassessor und Syndikus der „Wil- 
helma“ in Magdeburg (2), behandelt den für Versicherungsgesell¬ 
schaften und Berufsgenossenschaften gleich wichtigen Opera¬ 
tionszwang. Soll die Verweigerung der Operation dem Ver¬ 
letzten zum Verschulden angerechnet werden, so müssen nach dem 
Urteile des Reichsgerichts vom 30. Mai 1913, abgedruckt in der 
Juristischen Wochenschrift 1913, S. 975 f., Nr. 2, folgende vier 
Voraussetzungen gegeben sein: 1. Die Operation muß, soweit nicht 
unvorhergesehene Umstände eine Gefahr bedingen, gefahrlos sein 
und muß ohne Chloroformnarkose vorgenommen werden. 2. Die 
Operation darf nicht mit nennenswerten Schmerzen verknüpft sein. 
3. Die Operation muß beträchtliche Besserung der Leistungsfähig¬ 
keit des Verletzten mit Sicherheit erwarten lassen. 4. Die Haft¬ 
pflichtige muß entweder die Operation auf ihre Kosten veranlassen 
oder dem Verletzten zur selbständigen Veranlassung die Kosten 
vorschießen. Eichbaum glaubt nun, diese Grundsätze des 
Reichsgerichts bezögen sich nur auf Operationen, die nach Heilung 
zwecks weiterer Hebung der Erwerbsfähigkeit oder zu kosmeti¬ 
schen Zwecken in Frage kämen, eine Ansicht, die der Referent 
nicht teilen kann. 

Unfallbegutachtung bei Frauen. 

B e n d a (3) macht einige Vorschläge zur Unfallversiche¬ 
rungspraxis, die ihm geeignet erscheinen, manchen Unfallfolgen 
eine gerechtere Bewertung zuteil werden zu lassen als bisher. Un- 
fallfolgen bei der Frau will er höher bewerten als heim Manne, den 
Mittelfinger der Frau mindestens eben so hoch wie den Zeigefinger. 
(In dieser allgemeinen Fassung wird man Benda aber nicht zu- 
stimmen können. Ref.) Durch ästhetische Einbußen, Verstüm¬ 
melungen, Haardefekte, wird das Weib nach Verfassers Ansicht 
mehr geschädigt als der Mann. Vor der Rentenfestsetzung bei 
Frauen rät Benda, eine bewährte Frau aus dem Volke als Sach¬ 
verständige zu hören. — Die Ansicht B e n d a s, daß durch den 
Verlust der rechten Hand eine Erwerbsbeschränkung von 100 
bedingt werde, wird wohl von niemand geteilt. Berechtigt ist die 
Forderung, die Renten in bestimmten Zeitabschnitten den Lolm- 
verhältnissen entsprechend zu erhöhen, während eine Erhöhung 
der Rente Jugendlicher, die Benda ebenfalls fordert, schon heute 
stattfindet. Bei Unfallneurosen empfiehlt Benda die Kapital¬ 
abfindung. 

Spezielles. 

II. Wundinfektionskrankheiten. 

Horn [Bonn (4)] berichtet über einen Fall von Lyssa 
als entschädigungspflichtige Unfallfolge aus 
dem Krankenhause der Barmherzigen Brüder in Bonn (Geheimrat 
Prof. Dr. Rumpf). K., 66 Jahre alt, Hundefänger der Stadt N., 
am 12. Januar 1910 beim Anketten eines eingefangenen tollwut¬ 
verdächtigen Hundes in beide Vorderarme sowie ins linke Bein 
gebissen. Am 14. Januar erste Schutzimpfung im Institut Robert 
Koch. Im ganzen 20 Einspritzungen. Am 13. Tage nach dem 


t — Go gle — 


Original frn-m 

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21. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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Bisse, nach der zwölften Spritze, Zusammenbrechen auf der 
Straße. Am 17. Tage schlaffe Lähmung und Hypästhesie der Beine. 
Fehlen der Kniereflexe, Herabsetzung der groben Kraft der Beine 
sowie Gefühlsherabsetzung an den Armen. Am 18. Tage Zunahme 
der Beinlähmung, schlechter Schlaf, Tiersehen, Schmerzen in 
beiden Armen. Am 15. Februar doppelseitige Faeialislähmung. 
Am 8. Februar Verstärkung der Beinlähmung. Am 10. Februar 
Schmerzen im Ischiadicusgebiet, am 12. Februar Mastdarmläh- 
mung. am 13. Februar Blasenlälunung, beide Beine total gelähmt. 
Zustand bis zum 5. März annähernd unverändert. Von da an 
Rückbildung der Lähmungserscheinungen. Am 24. März Ent¬ 
lassung aus dem Krankenhause. Kniereflexe zurückgekehrt. K. 
imstande, ohne fremde Hilfe zu stehen und zu gehen, Facialis- 
lahmung geringen Grads, Ectropium der Unterlider. Diaguose von 
Prof. K. „Abgeschwächte und geheilte Tollwut“. Schadenersatz¬ 
klage gegen die Stadt N. abgewiesen, gegen den Hundebesitzer für 
gerechtfertigt- erklärt. Gerichtsarzt Dr. H. konnte am 27. Juni 
UHl Folgen der Lyssa nicht feststellen, Augenarzt Dr. F. fand 
am 24. Juli 1911 Ectropium beider Unterlider und schätzte die Er- 
weibsbeschränkung auf 25 bis 30°/,,- Horn fand am 11. August 

1913 hochgradige Arteriosklerose, rechts Ectropium des Unter¬ 
lids, links Eversio des Tränenpunkts, Händezittern, starke Her¬ 
absetzung der galvanischen Erregbarkeit des Nervus peroneus, 
geringe des Nervus ulnaris. Keine E. A. K. Bei faradischer 
Reizung leicht eintretende fibrilläre Zuckungen in der Ober- 
schenkelmuskulatur, leichte Ungleichheit der Pupillen (Oculo- 
motorius). Horn nahm eine abortive Lyssa an von teils spinalem, 
teils cerebralem Typ (F. K o c h), da bei dem Hunde Tollwut fest¬ 
gestellt wurde und die Inkubation eben noch unterhalb der unteren 
Grenze für Lyssa lag (13 Tage). Die durch die Lyssafolgen (Ver¬ 
änderung der galvanischen Erregbarkeit von Arm- und Bein¬ 
nerven, leichte Parese der Mundfacialis, Ectropium, Ungleichheit 
der Pupillen) bedingte Erwerbsbeschränkung schätzte Horn in 
den ersten Monaten nach der Entlassung aus dem Institut Robert 
Koch auf 30 bis 40°/ 0 (nach Ansicht des Referenten sehr niedrig), 
später auf 20 ( '/ 0 . 

Knochensyphilis und Unfall. 

Engel (5) berichtet über einen Fall von Knochensyphilis 
und Unfall. — Ein 54jähriger Böttcher S. erlitt am 15. März 1909 
infolge Ausrutschens einen doppelten linksseitigen Knöchelbruch. 
Nach sechs Wochen fieberhafte Schwellung im rechten Beine mit 
Erguß im rechten Knie. Am 22. Juni 1909 war S. hochgradig 
abgemagert und elend, ebenso am 13. August 1909. Am 14. Ja¬ 
nuar 1910 faud sich außer dem rechtsseitigen Kniegelenkleiden 
eine Auftieibung auf der Mitte des Brustbeins und eine Bewe¬ 
gung.* hosehränkung des linken Schultergelenks. Am 17. Februar 

1914 Exitus. Die Sektion ergab syphilitische Veränderungen an 
Scheitel- und Stirnbein, Anfangsteil der Aorta, Brüchigkeit der 
Röhrenknochen und der Rippen sowie syphilitischen Knochenfraß 
der Gelenkenden. — Ein Zusammenhang zwischen Unfall und Tod 
mi Siechtum wurde vom Obduzenten Prof. S t r a u c h und von 
Engel abgelehnt. (Auf die Möglichkeit einer Verschlimmerung 
der Syphilis durch den Unfall wird nicht eingegangen. Ref.) 

Auge. 

0. Stilrlp (6), Augenarzt (Mülheim), behandelt die für den 
Gutachter so wichtige Frage: Läßt sich Gewöhnung a n 
Kinäugigkeit und an Herabsetzung der cen¬ 
tralen Sehschärfe mittels der Prüfung des 
Tiefen Schätzungsvermögens (T. V.) am Stereo- 
s k o p t o m e t e r n a c h w e i s e n ? Die Beantw ortung der 
Krage: Ist hinoculares T. V. sicher vorhanden durch die Stereo- 
skoptonietrie? erscheint S t ü r 1 p noch recht unsicher, und noch 
unsicherer die Beantwortung der Frage: Von welcher Güte ist 
das angeblich ..hinoculare“ T. V.‘? Und entschieden zu weitgehend 
*ind nach Verfassers Ansicht die Schlußfolgerungen zur 
Neddens, insbesondere die, daß alle einseitigen Sehstörungen 
— selbst bis zu 1 / 40 herab —, die das hinoculare T. V., am Stereo- 
skoptojueter geprüft, nicht herabsetzen, keiner Rente bedürfen. 

Gehör. 

8 t eng er (Königsberg (7)| bespricht die Saehverständigen- 
" gutuchtung von Kopfverletzungen. — Die durch Bar ä n y aus- 
gebauten Untersuehungsmethoden haben in einwandfreier Weise 
gezeigt, daß für jede einzelne Begutachtung von Kopfverletzungen 
unbedingt eine sachgemäße Untersuchung des Gehörorgans vor- 
nommeii werden muß. Selbst schwere Schädigungen des Laby¬ 
rinths werden häufig übersehen. So wurde bei der Begutach- 
,,m g eine« mit dem Automobil verunglückten Herrn hochgradige 


Schwerhörigkeit auf dem linken und beginnende auf dem rechten 
Ohre nicht bemerkt und bei einem bei einem Eisenbahnunfall ver¬ 
letzten Rangierer völlige Taubheit des linken Ohres mit deutlich 
wahrnehmbaren vernarbten Fissuren des äußeren knöchernen Ge¬ 
hörgangs außer acht gelassen. Bei Kopfverletzungen kommt es 
weniger auf die Schwere des Sturzes, als darauf an, w r ie das 
Knochenmassiv des Kopfskeletts und insbesondere die Schädel¬ 
basis durch den mechanischen Stoß getroffen wird. 

Aneurysma und Unfall. 

Köhler (8) behandelt das Kapitel; Aneurysma der 
Arteria poplitea und Unfall. — Arbeiter W., 60 Jahre, 
am 7. Oktober aus 1 m Höhe abgestürzt, angeblich linkes Knie 
und linke Brust verletzt. Da in der Unfallanzeige von einer Knie¬ 
verletzung nichts stand, beide behandelnde Aerzte nur Brust- 
respektive Rippenquetschung auf dem Krankenschein angaben, 
der zweite Arzt erst vier Wochen nach dem Unfälle neben Rippen¬ 
quetschung noch „Anschwellung am linken Knie“ erwähnt, da 
ferner Aneurysmen bei Potatoren wie W. sehr häufig sind, spon¬ 
tane Aneurysmen der Arteria poplitea nach denen der Achsel¬ 
höhlen- und Armschlagader am häufigsten sind und das Aneu¬ 
rysma am 13. September 1913, also elf Monate nach dem Unfälle, 
schon hühnereigroß war, so verneint Köhler den Zusammen¬ 
hang zwischen Unfall und Aneurysma der Kniekehlenschlagader. 

Traumatische Hodentuberkulose. 

Mohr (9) berichtet über Spontanheilung einer durch Quet¬ 
schung entstandenen, sehr wahrscheinlich tuberkulösen Er¬ 
krankung des Hodens bei einem 36jährigen Manne mit alter ab- 
golieilter Rippentuberkulose. 

S y r i n g o m y e 1 i e. 

K o e h I e r (10) berichtet über einen Fall von Syringomyelie. 
Arbeiter Karl D„ im Januar 1913 Verätzung beider Hände bei 
vier Tage dauerndem Füllen von elektrischen Batterien. Nach 
sechs Wochen wieder arbeitsfähig — 14 Tage gearbeitet —, dann 
wieder krank; von Nervenarzt Diagnose Syringomyelie gestellt: 
Schwäch# der Hände, Schwund der Interossei, Gefühl für kalt und 
warm an den Händen aufgehoben, für spitz und stumpf herab¬ 
gesetzt, ebenso, aber weniger deutlich, Störung an den Beinen. 
Zusammenhang oder Verschlimmerung des Leidens durch den Un¬ 
fall abgelehnt. Referent, der den Fall in seiner Poliklinik in dem¬ 
selben Sinne begutachtet hat, möchte noch bemerken, «laß andere 
Arbeiter durch dieselbe Tätigkeit nicht geschädigt wurden. 

Ncr v e n s c h w ä c h e. 

S c h u b a r t h (1), Stadtarzt in Dresden, beschäftigt sich mit 
der Diagnose „Nervenschwäche“ in ärztlichen Zeugnissen. Im all- 
gtmeinen will Schubarth Nervcngcsundlieit dann annehmen, 
wenn die subjektiven Beschwerden und die festgestellten Sym¬ 
ptome natürliche Reaktionen auf äußere Umstände darstellen, wo¬ 
bei der Stärke dieser Reaktionen nicht zu enge individuelle 
Schwankungen einzuräumen sind. Dagegen will er sich für die 
Diagnose Nervenschwäche nur dann entscheiden, wenn Beschwer¬ 
den und Symptome unnatürliche oder außerordentlich starke 
Reaktionen auf äußere Umstände darstellen und offenbar eine 
Veränderung der gesamten Persönlichkeit bewirkt haben. Wenn 
die Diagnose per exelnsionem gestellt wird, so soll ans dem Zeug¬ 
nisse hervorgehen, daß die Nervenschwäche objektiv nicht fest¬ 
gestellt werden könne, daß sie aber wahrscheinlich erscheine, w^eil 
die Angaben des Untersuchten glaubhaft erscheinen und dessen 
vorgebrachte Beschwerden weder nachweisbar auf organischen 
Krankheiten beruhten, noch auch anders als durch funktionelle, 
nervöse Störungen erklärt werden könnten. 

Gerichtsassessor H e 11 w i g [Berlin-Friedenau (12)) bespricht 
die schädliche Suggestivkraft kinematographischer Vorführungen. 
Einem 16jährigen Malerlehrlinge B., der zwei Tage vorher in 
einem Kinematograplienthcater ein Feuer gesehen hatte, kam hei 
der Arbeit plötzlich der Gedanke, das Heu auf dem Boden seines 
Meisters anzuzünden, ein Gedanke, den er eine Stunde später be 
reits in die Tat umsetzte. Der Sachverständige sah einen epilep¬ 
tischen Anfall, den B. in der Einzelhaft bekam, als simuliert an. 
was der Täter auch zugab. Den psychologischen Vorgang nahm 
er als strafmildernd an. Beim Borbecker Knabenmorde hatte der 
16jährige gesunde Dienstknecht in den Tagen vor der Tat in 
mancher Hinsicht ähnliche Mordtaten im Kinotheater gesehen, 
sodaß der Untersuchungsrichter und das Schwurgericht einen ge¬ 
wissen suggestiven Einfluß der Vorstellung auf die Tat — Nieder¬ 
steehen des mit ihm auf dem Heuboden befindlichen kleinen 
Knaben seines Dienstherrn — annahmen. Hellwig zitiert so- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


dann die Arbeit Prof. d’Abundos, der bei Neurasthenikern 
nach Besuch von Kinematographen oft Schlaflosigkeit, bei 
Hysterischen ängstliche Halluzinationen nachts und am Tage, 
Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Abmagerung, bei bis dahin ge¬ 
sunden Kindern nächtliche Angtszustände, Gesichtshalluzinationen 
und Illusionen beobachtete. 


Literatur: 1. Ledderhose, AerztL Sachverst Ztg. 1914, S. 5. — 2. Eich¬ 
baum, Aerztl Sachverst Ztg. 1914, S. 33. — 3. Benda, Mschr. f. Unfallhlk. 1914, 
S. 1. — 4. Horn, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, S. 25. — 5. Engel, Mschr. f. Un¬ 
fallhlk. 1914, S. 5. — 6. Stfirlp, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, S. 8. — 7. Stetiger, 
Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, S. 113. — 8. Köhler, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, 
S. 99. — 9. Mohr, Mschr. f. Unfallhlk. 1914, S. 10. — 10. Koehler, Aerztl Sach¬ 
verst Ztg. 1914, S. 93. — 11. Schubarth, AerztL Sachverst Ztg. 1914, S. 74. — 
12. Hellwlg, Aerztl Sachverst Ztg. 1914, S. 119. 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr 6. 

von Behring: Mein Tetanusimmunserum. Nachdem auf Ver¬ 
anlassung der Medizinalabteilung des Kriegsministeriums die Behring¬ 
werke Marburg-Bremen ihren Tetanusantitoxinproduktionsbetrieb ver¬ 
größert haben, stehen monatlich jetzt aus Marburg mindestens 1200000 A.-E. 
zur Verfügung, das heißt 60 000 Schufczdosen von der bei uns üblichen 
Stärke & 20 A.-E. Nimmt man die Produktion der Höchster Farbwerke 
hinzu, dann kann man mit etwa 100 000 Schutzdosen monatlich rechnen, 
wodurch voraussichtlich der Bedarf für unser deutsches Kriegsheer ge¬ 
deckt werden könnte. So lange, als wir viele Fälle von schon aus¬ 
gebrochenem Tetanus serumtherapeutisch zu behandeln haben, verringern 
sich diese Zahlen ganz beträchtlich, da durchschnittlich für jeden Tetanus- 
fall 300 A.-E. verbraucht werden. Das von Behringsche Tetanusanti¬ 
toxin ist ein gutes Immunisierungsmittel. In einem Festungslazarett im 
Westen wurde von einem bestimmten Tag ab bei sämtlichen, in großer 
Anzahl täglich zugehenden Verwundeten eine vorbeugende Impfung 
(20 A.-E.) vorgenommen. Seitdem ist kein Geimpfter mehr erkrankt, 
obgleich sich unter den 1195 seit dem genannten Tage zugegangenen 
Mannschaften sehr viele, zum großen Teil sehr schwer Verwundete be¬ 
fanden. Die von Behringschen „Immunrera“ sind nicht bloß zur prä¬ 
ventiven, sondern auch zur kurativen Therapie verwendbar. Das Tetanus- 
immunserum ist auch ein ausgezeichnetes Mittel zur Blutmengebestim¬ 
mung beim lebenden Menschen. Unangenehme Nebenwirkungen der intra¬ 
venösen Antitoxininjektion wurden bei keinem unserer 49 Fälle gesehen. 
Eine Absorptionswirkung der Blutkörperchen auf das Tetanusantitoxin 
ließ sich experimentell nicht konstatieren. Bei zahlreichen vergleichen¬ 
den Blutmengebestimmungen fand von Behring nach seiner Antitoxin¬ 
methode, daß bei jungen Individuen die relative Blutmenge, das heißt 
die im Verhältnis zum Körpergewichte berechnete Blutmenge, stets 
größer ist als bei alten Individuen derselben Art. Bei verschiedenen 
Krankhoitszuständen fanden sich Abweichungen vom normalen Verhalten. 

Ritter: Zur Prophylaxe des Tetanus. Eindeutige Erfolge vom 
Tetanusantitoxin hat der Verfasser nicht gesehen. Sämtliche Verletzten 
sollen aber prophylaktisch mit dem neuen Tetanusserum sofort geimpft 
werden. Die Hauptsache bei der Prophylaxe des Tetanus ist die primäre 
Behandlung der Wunde. Mit dem aseptischen Verband erzielen wir eine 
Heilung unter dem Blutschorf, ohne daß es uns gelingt, irgendwie auf 
die eventuellen Giftstoffe einzuwirken, geschweige denn sie zu entfernen. 
Mit verschiedenen Mitteln gelingt es, eine Wimde keimfrei beziehungs¬ 
weise keimarm zu machen. Das eine besteht darin, daß die Wundränder 
in einem Umkreise von 1 cm innerhalb der ersten sechs bis zwölf Stunden 
nach der Verletzung excidiert werden. Die zweite Methode ist die 
Hyperämiebehandlung nach Bier. Durch Anwendung balsamischer Mittel 
beim ersten Verband kann vielleicht'drittens dem Verbleiben der In¬ 
fektionserreger in der Wunde entgegengearbeitet werden. Der Vorteil 
dieser dritten Methode liegt in der Ubiquität ihrer Anwendungsmöglich¬ 
keit. Sie erfordert keinen großen Zeitaufwand, läßt sich bei allen Wunden 
durchführen und ist an Ort und Art der Krankenversorgung nicht ge¬ 
bunden. 

Hammesfahr: Ueber eine neue Methode der intermittieren¬ 
den elektrischen oder mechanischen Reizung von Organen und 
Nerven im chronischen Versuche bei sonst normalem Versuchstiere. 

Die Methode gestattet es, tiefliegende Organe und Nerven bei völligem 
Wohlbefinden des Versuchstiers beliebig oft zu reizen, sodaß die Ver¬ 
suche Wochen und Monate fortgesetzt werden können. Ihr Prinzip 
beruht darauf, daß in nicht homogenen Körpern der elektrische Strom 
diejenige Bahn verfolgt, welche den geringsten Leitungswiderstand bietet. 
Betreffs der Einzelheiten der Anwendung muß auf das Original ver¬ 
wiesen werden. 

Weil (Breslau): Ueber die Bedeutung des Cholestearins für die 
Entstehung der Riesenzellengeschwülste der Sehnen and Ge¬ 
lenke. Xanthomzellen sind cholestearinbeladene Zellen, wahrscheinlich 
phagocytärer Natur, die ihrem Inhalt ihre Besonderheiten verdanken. 
Sie kommen als Grundlage des Prozesses vor in allen Xanthomen, mit 
einer großen Konstanz in den Riesenzellcnsarkomen der Sehnenscheiden 
seltener und unregelmäßig in andern Tumoren und zuweilen in ulten 
Entzündungsherden, bei Aktinomyko.se. in allen Empyemen des Wurm¬ 


fortsatzes, in Pyosalpinxsäcken usw. Es sind hier zwei Gruppen sn 
unterscheiden, eine solche, bei der die Xanthomzellen ihren Ursprung 
einem Prozeß verdanken, der den Gesamtorganismus betrifft, und eine 
zweite Gruppe, bei der sie durch lokale Veränderungen bedingt sind. 
Die Xauthomzellen in den Riesenzellengeschwülsten haben dieselbe 
Aetiologie wie die der Hautxanthome; sie gehen au! eine Allgemein- 
störung des Cholestearinstoffwechsels zurück. 

Aron (Berlin): Zur Frage der künstlichen Atmung. An den 
Arzt wird nicht gerade selten die dringende Aufgabe gestellt, künstliche 
Atmung bei allerlei Unglücksfällen und sonstigen Erkrankungen einzu- 
leiten und oft für lange Zeit zu unterhalten. Wenn man die Druck¬ 
verhältnisse bei Kompressionen des Brustkorbs und des Bauches prüft, 
so sieht man, daß eine manuelle Bauchkompression viel intensiver die 
Atmung des Tiers (die Exspiration) zu beeinflussen in der Lage ist, als 
eine solche des Brustkorbs. Die künstliche Atmung wird am besten 
folgendermaßen ausgeführt: Die künstliche Inspiration wird nach Sil¬ 
vester-Brosch zustande gebracht, dann aber soll man, um eine mög¬ 
lichst effektvolle, künstliche Exspiration zu erzielen, die Arme des Pa¬ 
tienten nach unten führen und nun nicht auf den Processus xiphoideus 
drücken, sondern auf den Bauch des Kranken selbst. 

Mayer (Berlin): Sedobrol in der neurologischen Praxis. Eine 
ausgedehnte Anwendung des Sedobrols bei mannigfachen nervösen Stö¬ 
rungen zeigte die Vorzüge des Mittels in der neurologischen Praxis. Es 
wirkte in Fällen von Schlaflosigkeit, welche durch Neurasthenie oder 
Arteriosklerose bedingt war, Uebererregbarkeit, Herzklopfen, Zwangs¬ 
vorstellungen, leichteren Depressions- und hypochondrischen Zuständen, 
Fällen von quälendem hysterischen Globusgefühle, sowie bei Schwindel 
auf neurasthenischer und arteriosklerotischer Grundlage. 

Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 191S % Nr. 6. 

M&x Schottelius (Freiburg LB.): Photrol, Grotan und Sa- 
grotan. Prüft man die Desinfektionskraft eines Mittels dem Sputum 
gegenüber unter natürlichen Bedingungen, indem man den Kranken 
den Auswurf über Nacht in die Desinfektionsflüssigkeit entleeren läßt, 
die Sputumgläser morgens dann auswechselt und nun feststellt, ob die in 
dem Sputumgemisch enthaltenen Tuberkelbacillen noch infektiös sind oder 
nicht, so findet man, daß Grotan und Sagrotan Desinfektionsmittel sind, 
die sich durch Ungiftigkeit, fast völlige Geruchlosigkeit und kräftige 
Wirksamkeit gegenüber allen übrigen derartigen Mitteln auszeichneu. 

Karl Kisskalt (Königsberg i. Pr.): RI© Bekämpfung der Läuse* 
plage. Man muß unterscheiden zwischen der Widerstandsfähigkeit der 
Läuse (Kleiderläuse) und der Nissen. Die Bekämpfungsmethoden zerfallen 
in drei Kategorien: 1. Methoden, die anwendbar sind, wenn alle Hilfs¬ 
mittel zur Verfügung stehen: Baden; Desinfektion der Kleider im Dampf- 
apparat (Läuse und Nissen sind nach 5 Minuten abgotötet). Oder Auf¬ 
hängen in einen Kasten, in dem sich Schwefelkohlenstoff befindet (Lause 
sind schon nach kurzer Zeit, Nissen nach 24 Stunden tot). Auch Ver¬ 
brennen von Schwefel wird sehr gelobt. Ferner tötet 5%igo Kresol- 
seifenlösung die Läuse schnell. 2. Methoden, die überall, in jedem Dorf, 
anwendbar sind, wenn sich die Mannschaften auskieiden können: Man 
bringe die Kleider in einen Backofen; trockne Hitze von 70° tötet Läuse 
und Nissen nach 10 Minuten. Da die Nissen meist in den Nähten sitzen, 
ziehe man diese über eine Kerze; die Nissen fallen dann meist sofort 
ab. 3. Methoden, die auch ohne Auskleiden anwendbar sind. Als 
sicherstes Mittel gilt seidene Unterwäsche (ob die Läuse den Geruch 
scheuen oder sich an dem Stoffe nicht festklammern können, ist noch un¬ 
sicher. Mau könnte daher daran denken, alte seidene Blusen zu ver¬ 
arbeiten). Ferner werden empfohlen: 5 % ige Naphthalin-Vaselinsalbe, 
Waschen der Haut mit Benzin, Anisöl oder Fenchelöl, 5 bis 10°/oig in 
andern Oelen. Einstweilen scheinen die besten Methoden: Entlausung im 
Backofen und über der Kerze, und wohl auch seidene Unterwäsche. 

Erich Hesse: Die Hygiene Im Felde. Ist Schlachtvieh zu be¬ 
kommen, so wird es durch die bei jedem Truppenteil vorhandenen Fleischer 
sachgemäß geschlachtet und zerlegt. Es genügt eine makroskopische Be¬ 
gutachtung durch eineu Sanitäts- oder Veterinäroffizier. Wegen etwaiger 
Trichinen und Finnen darf aber das Fleisch nur im gut gekochten Zu¬ 
stande genossen werden. Eine Schwierigkeit besteht zwar darin, daß es 


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fc- frnm möglich ist, altschlachtenes Fleisch an bekommen, sondern daß 
meist zwischen Schlachten und Genuß nur ein Zeitraum von wenigen 
Stunden besteht, daß das Fleisch zur Zeit der eingetretenen Totenstarre 
gekocht wird. Da aber unsere Armee last vollständig mit Küchenwagen 
(„Goulaschkanone“) ausgerüstet ist, kann man auch im Felde unter er¬ 
höhtem Druck und somit bei höherer Temperatur kochen, wodurch auch 
das frischgeschlachtete Fleisch eine durchaus genügende Zartheit erlangt. 
Eingehender wird auch die Unterkunft der Soldaten im Felde besprochen 
(Quartier in: Wohnungen, Biwak, das heißt Zelte, und Schützengräben). 
Hillgewiesen wird auf die bakteriologischen und serologischen Unter¬ 
suchungen, unter andern zur Diagnose von Ruhr und Typhus. Auch der 
Untersuchung von Nahrungs- und Genußmitteln wird kurz gedacht. Zum 
Schlüsse wird die Schutzimpfung erwähnt (Schutzpockenimpfung, Schutz¬ 
impfungen gegen Typhus und Ruhr). 

H. Töpfer: Richtlinien für die Notwendigkeit des Eingriffs bei 
Bauchschüssen. Ausführliche Begründung des Standpunkts, daß man die 
abwartende Behandlung der Bauchschüsse verlassen müsse. Aeußere Verhält¬ 
nisse, wie Raum, Zeit, Asepsis, dürfen nicht bestimmend sein für den Ein¬ 
griff. Entscheidend ist allein die Art der Verletzung und die Frage, ob der 
Allgemeinzustaud des Verwundeten eine Operation erlaubt und vor allem 
die Herztätigkeit noch gut ist. Auf die Bedeutung der Früh Operation 
müssen die Truppenärzte hingewiesen werden. Sie müssen dafür sorgen, 
daß Bauchschüsse so schnell wie möglich im Auto (!) zum Hauptverband¬ 
platz oder in das nächste Feldlazarett geschafft werden. 

Rnpp: Zur Klinik und Diagnose des mesenteriellen Gefäßver¬ 
schlusses. Die Ursache des Gefäßverschlusses in dem eingehend be¬ 
schriebenen, obduzierten Falle war eine primäre arterielle Embolie der 
Arteria meseraica superior, ausgehend von einem Thrombus im linken 
Herzohr, mit folgender Thrombose der Vena meseraica superior, erst im 
Wurzelgebiet, dann fortgeleitet durch «die größeren Mesenterialvenen bis 
nahe an die Pfortader. 

J. Schwalbe: Kriegsernfthrong. Zusammenfassende Uebersicht 
der Grundsätze der Kriegsemährung unter Wiedergabe einiger der be¬ 
kannten, in letzter Zeit erschienenen Merkblätter. 

W. Hanauer (Frankfurt a. M.): Die Nutzbarmachung der Küchen- 
abi&Ue für die Yolksemährung. Werden die Abfälle ohne weitere 
Verarbeitung zur Fütterung namentlich der Schweine benutzt, so ent¬ 
stehen häufig Seuchen, und auch die Gewichtszunahme der Tiere ist un¬ 
befriedigend. Unterwirft man aber die Abfälle einem Aufbewahnmgs- 
prozeß und einem Trockenverfahren, wobei das Material einer hohen 
Temperatur ausgesetzt wird, um alle schädlichen Keime abzuheben, so 
gelingt es, ein dauerhaftes und versandfähiges Kraftfuttermittel herzu¬ 
stellen. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 6. 

Wechselmann (Berlin): Ueber Salvarsanuatrium. Sein Arsen¬ 
gehalt beträgt rund 20 °/o, wird daher ebenso dosiert wie das denselben 
Areengehalt aufweisende Neosalvarsan. Man gibt daher Dosen von 
0,3 bis 0,45, und zwar ambulatorisch. Das alkalisch reagierende Präparat 
eignet sich wenig zu subcutanen Injektionen, da es im Gegensatz zu dem 
neutralen Neosalvarsan ab und zu Nekrosen verursacht; diese hängen — 
abgesehen von der Technik — nicht so sehr vom Salvarsan als vielmehr 
von dem Alkaligehalt ab. Es empfiehlt sich daher die intravenöse In¬ 
jektion eines Salvarsannatriums, und zwar in einer Konzentration von 
0,1:10,0 einer 0,4 %igen Kochsalzlösung. Die Herstellung der Injektions¬ 
flüssigkeit wird genau angegeben, wobei unter anderm betont wird, daß 
die fertige Salvarsannatriumlösung mit Hilfe eines Glastrichters durch 
etwas nasse Verbandwatte (zuvor in 0,4%iger Kochsalzlösung gekocht) 
filtriert werden muß, um auch die kleinsten korpuskularen Elemente zu 
entfernen. Der Verfasser hat häufig 40 bis 50 Injektionen bei zwei- bis 
dreimaliger Injektion in der Woche verabreicht. Das Mittel hat sich nach 
jeder Richtung außerordentlich bewährt. 

Georg L. Dreyfus (Frankfurt a. M.): Salvarsanuatrium und 
»eine Anwendung ln der Praxis. Das ueue Mittel, das jetzt allen 
Aerzten zugänglich ist, hat die gleiche Wirksamkeit wie das Altsalvarsan, 
ist aber in der Anwendungsweise ebenso bequem zu handhaben wie das 
Neosalvarsan. Das Salvarsannatrium wird lediglich in destilliertem 
sterilen Wasser gelöst und — ohne 0,ö%ige Kochsalzlösung — nur in 
konzentrierter Form intravenös injiziert, lind zwar in der Regel jedesmal 
(0,15 bis) 0,45 in 90 ccm Wasser gelöst. Verabfolgt man Salvarsan¬ 
natrium allein, so wird in der Woche bis zu dreimal 0,45 injiziert; 
kombiniert man es mit Quecksilber (fast regelmäßig als 40 %iges Ol. 
cinereum), so gibt man in der Woche höchstens zweimal 0,45. Die Kur 
dauert gewöhnlich sechs bis acht Wochen. Ausführlich berichtet wird 
über die ierhnik der Wasserbereitung und der Injektion. Das Präparat 
eignet sich sehr gut zur ambulanten Behandlung. Mit der Einführung des 


Salvarsannatriums ist der große Teil der technischen Schwierigkeiten, 
die der Verbreitung des Altsalvarsans im Wege standen, behoben. 

Th. Rumpel: Die Dysenterieerkrankungen der Kriegs verwun¬ 
deten im Allgemeinen Krankenhaus Barmbeck. 40 Verwundete zeigten 
Dysenteriesymptome; 35 mal wurde dabei eine positive Reaktion für den 
Dysenteriebacillus Typus Flexner gefunden. Bei Epidemien, die durch 
diesen Bacillus erzeugt werden, sollte man, da es sich hierbei um leichte 
Erkrankungen handelt, die eine enorme Ausbreitung haben, von einer 
Zurückhaltung sämtlicher Dysenteriebacillenträger absehen, da eine solche 
eine wesentliche Schwächung der Armee bedeuten würde. Die mit- dem 
Shiga-Kruseschen Bacillus Infizierten müssen dagegen bei der Schwere 
der Erkrankungen und bei dem bisher viel selteneren Auftreten der Ba¬ 
cillen bis zur Keimfreiheit unbedingt strengstens isoliert werden. 

Gustav Singer (Wien): Erfahrungen aus der letzten Dys¬ 
enterieepidemie. Verfasser betont von neuem die außerordentliche Be¬ 
deutung der rektoskopischen Untersuchung für die Diagnose, auch für 
die Frühdiagnose der Dysenterie. Sie ist auch unerläßlich für die Ent¬ 
scheidung, wann ein Kranker mit Dysenterie zu entlassen ist. Besprochen 
werden die bei der Dysenterie auftretenden Komplikationen. Eingehend 
wird ferner die Therapie angegeben. 

W. Herzog (München): Ein Fall von allgemeiner Behaarung 
mit heterologer Pnbertas praecox bei dreijährigem Mädchen (Hir- 
gutismus?). Vortrag, gehalten in der Sitzung des ärztlichen Vereins in 
München am 10. Juni 1914. 

Alexander Rolsen (Wiesbaden): Therapeutische Erfahrungen 
mit dem Kolloidpräparat „Salnsil“ in der Augenheilkunde. Es handelt 
Bich um puderförmige Präparate, die im wesentlichen Kieselsäure oder 
kieselsäurehaltige Körper enthalten. Die Haupteigenschuft der Kolloide 
ist ihr außerordentlich hohes Aufsaugeverraögen für Flüssigkeiten (Wund- 
sekrete). Sie sind ein erfolgreiches Mittel in der lokalen Behandlung der 
Ekzeme in Verbindung mit Augenkrankheiten. 

W. Burck (Stuttgart): Ein neuer Verschlußapparat für den 
Anus praeternaturalis inguinalis. Die gegen dem Auge zugänglichen 
Anus inguinalis sprechenden psychischen Gründe fallen beim Patienten 
weg, wenn der Verschlußapparat den Anfordemngen der Reinlichkeit und 
Geruchlosigkeit entspricht. Denn ein Anus inguinalis ist vom Patienten 
leichter rein zu halten als ein Anus sacralis. Der Verfasser hat nun 
einen Apparat konstruiert, der die Nachteile der früheren vermeidet, und 
empfiehlt ihn angelegentlichst. 

E. Sehrt (Freiburg): Ein chirurgisches Kuriosum. Es handelt 
sich um eine durch Darm Zerreißung entstandene eitrige Peritonitis. 
Bei der Operation fanden sich unter andern zirka acht Abscesse zwischen 
den Darmschlingen. In dem einen lag ein überaus großer, etwa 20 cm 
langer, lebender Ascaris lumbricoidea. Nach der Entleerung der Abscesse 
wurde die Bauchhöhle trocken ausgetupft, der Darm reponiert und das 
Peritoneum vollständig geschlossen. Es trat Heilung ein. Der Verfasser 
betont die trockene Reinigung der Bauchhöhle und deren vollkommenen 
Schluß nach Beseitigung der eiterbildenden Noxe ohne ausgedehnte Tam¬ 
ponade. Dadurch wurden die für eine Heilung sicher wichtigen peristal¬ 
tischen Verhältnisse des Darmes am wenigsten gestört. Schließlich wird 
hervorgehoben, daß, wo es die äußeren Verhältnisse nur irgendwie ge¬ 
statten, schnell zur Operation geschritten werden solle. 

K. F. Wenckebach: Ueber die klinische Bedeutung der Herz¬ 
arhythmie. Nach einem Fortbildungsvortrage, gehalten in München iin 
Juli 1914. 

Feldärztliche Beilage Nr, 6. 

A. Stoffel (Mannheim): Ueber die Behandlung verletzter Nerven 
im Kriege. Direkt nach einer Nervenverletzung muß man alle Gelouk- 
stellungen, die ein Klaffen der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglich¬ 
keit vermeiden. Durch eine richtige Gliedstellung aber gibt inan den 
Stümpfen die Möglichkeit, zusaramenzubleiben, um in Nachbarschaft mit¬ 
einander zu verwachsen. Die Technik der Nervennaht wird ausführlich 
beschrieben. Im Feldlazarett soll die Vorbehandlung statt finden, die 
Nervenoperation selbst dagegen im Kriegslazaretfc ausgeführt werden. 

Alfred Hoepfl (Landshut): Zur Kenntnis der Schußverletzung 
des Nervus radialls. Die Verletzungsstelle des Nervus radialis erwies 
sich bei der Operation in allen Fällen als annähernd gleich, sie befand 
sich am oberen Ende des Salius nervi radialis, da, wo ersterer sich um 
die Außenseite des Humerus herumschließt, am obersten Ende des äußeren 
Tricepskopfes. In keinem Falle war der Nerv direkt durch das Geschoß 
zerrissen worden, vielmehr war es immer die Auseinandersplitterung des 
Knochens, die ihn trotz der Verschiedenheit der Schußrichtungen jedesmal 
an der gleichen Stelle, wo er eben dem Humerus am straffsten anliegt, 
auseinandergerissen hatte. 

H. Spitzy (Wien): Hebeapparat für Hand und Finger bei 
Kadiuslühmung. Durch "eine exponierte Lage, durch die enge Berührung 
mit dem Oberannknoeheu ist der Nervus radialis besonders der Ver- 


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letzung ausgesetzt. Die primäre Nervennaht ist so schnell wie möglich 
vorzunehmen. Bei zunehmender Erdrückung des Nerven wird man nicht 
warten, bis die Funktion erloschen ist, sondern ihn sofort befreien; aber 
bei nicht reiner Wunde hat die Nervenmiht gar keine Aussicht auf 
Erfolg. Eine Eiterung bei der Nervenheilung verhindert, die funktionelle 
Heilung fast immer. Es wird sicli also nicht selten ein längerer zeitlicher 
Zwischenraum einschieben zwischen dem Eintritt der Radialisverletzung 
und der Möglichkeit, sie zu beheben. Während dieser Zeit zeigen Hand 
und Finger das Bild der Hängehand. Diese Stellung ist unter andern 
für die Wiederkehr der Muskelkraft nach der Nervennaht verhängnisvoll. 
Denn dauernd überdehnte Muskeln büßen die Reste ihrer Funktionsfähig- 
keit schnell ein. Daher muß diese Lähmungsstellung so schnell wie möglich 
beseitigt werden. Dazu dient ein vom Verfasser angegebener kleiner 
Apparat, durch den der Patient imstande ist, die Finger zu beugen und sie 
wieder zu strecken, Gegenstände zu ergreifen, zu essen und zu schreiben. 

Drüneg (Reservelazarett Quierschied): Ueber die Chirurgie der 
peripheren Nerven. Bei den Kriegsverletzungen der Nerven handelt 
es sich meist um schwierige, langdauernde Operationen, bei denen an sich 
häufig schwierige Topographien noch durch die Narben Verziehungen erheblich 
verwickelt sind. Es gehört hier große Erfahrung und Uebung dazu, sich 
zurechtzufinden und bei der Naht die Enden gut aufeinander zu passen, 
vor allem aber, wenn cs nach der Resektion größeren Stücken erst nach 
nach der Lösung des Nervenstamms auf beiden Strecken gelingt, die 
Nervenenden aneinander zu halten. 

Köper: lieber Schußverletzungen des Darmes. Sie sollen, wenn 
der Transport irgend schwierig und lang ist,I konservativ behandelt werden. 
Ein ungeeigneter Transport beraubt den Verletzten die Chancen der 
konservativen Behandlung. (Im Seekriege fällt der Transport weg, daher ist 
hier alsbaldige Operation angezeigt.) Die Prognose ist um so günstiger, 
je leerer der Darm ist. Deshalb sollen Patrouillen vor ihrem Gang und 
eventuell Mannschaften vor einem in Aussicht genommenen Gefechte 
hungern. 

Kölliker und Basl: Ueber Verletzungen durch Granatsplitter. 

Hervorgehoben wird unter anderm, daß jede Verletzung durch kleine 
Granatsplitter zu revidieren ist. Man entferne zunächst den Schorf. Be¬ 
deckt er einen Absceß, so ist die Wunde zu erweitern, die Granatsplitter 
und die Kleidorfetzen sind zu entfernen und nach Bedarf eine Gegen- 
incision anzulegen. Das Unterlassen dieser Maßnahmen rächt sich schwer, 
unter den unscheinbaren Wunden können sich ausgedehnte Phlegmonen 
mit all ihren Folgen entwickeln. 

G. Mansfeld (Pest): Experimentelle Untersuchungen über 
Wesen und Aussicht der Tetanustherapie mit MagnetumsaHat. Im 

Gegensatz zu Straub behauptet der Verfasser, daß das Magnesium, ohne 
im Hirne gespeichert zu werden, eine Narkose des Centralnerven- 
svstems herbeiführe. Er bekämpfe daher die Ansicht Straubs, der aus 
seiner Anschauung heraus eine Kombination des Magnesiums mit 
Narkoticis empfiehlt. Denn eine derartige Kombination sei gefährlich, 
da auf Grund von Tierversuchen diese narkotischen Mittel auch in ge¬ 
ringen Dosen schon durch selbst schwache Magnesiummengen eine ge¬ 
waltige Verstärkung ihrer Wirkung erfahren. Auch Calcium, das auf 
Magnesium antagonistisch wirkt, versagt bei dieser Kombination. Es ist 
also gefährlich, den mit Magnesium beham'eTen Tetanuskranken noch 
Xarkotica in den üblichen Dosen zu verabreichen. 

Grützner: Ueber eine Füegerpfeilverletzang. Es handelte 
sich um eine schwere Verletzung, die zum Tode führte. Der Pfeil hatte 
den Mann in aufrechter Haltung getroffen und ihn in vertikaler Richtung 
glatt durchbohrt. Dabei kam es zu vielfacher Durchbohrung lebenswich¬ 
tiger Organe, zu Blutergüssen in die Brust und in die Bauchhölde, zu 
beginnender Bauchfellentzündung. 

F. Sudendorf (Bautzen): Ein Fall von Damdumgeschoßver- 
Ictzung. Der Patient gab an, die Schußverletzung beim Sturmangriff 
auf die Stellung der Engländer erhalten zu haben. Die Durchleuchtung 
weist in der Umgebung der Einschußöffnung verstreut reichlich Blei¬ 
stücke von Schrot- bis zu 4 bis 5 fach er Größe nach. Bei der Incision 
wurde eine große Anzahl von Bleistückchen entfernt. Schließlich war es 
nötig, einen Schnitt in die Tiefe zu machen, wobei der Mantel des 
Dumdumgeschosses entfernt wurde. Er war gänzlich deformiert, zeigte 
aber doch deutlich eine an der Spitze befindliche Oeffnung. 

G. Perthes: Ueber die Wirkung der regelrechten Infanterie¬ 
geschosse und die der Dumdumgeschosse auf den menschlichen 
Körper. Bekanntlich kommt die explosionsartige Wirkung des Teil- 
mantelgeschosscs dadurch zustande, daß beim Auftreffen des Geschosses 
auf einen Widerstand der Geschoßmante 1 eine Hemmung erfährt und 
daß der durch seine lebendige Kraft rascher vorgetriebene Bleikern 
an der vom Mantel freien Spitze vorquillt, den Mantel zerreißt 
und selbst in sehr zahlreiche Teile zerstiebt. Der Verfasser be¬ 
hauptet nun im Gegensatz zu Kirschncr, der annimmt, daß sich 


nur bei Auftreffen auf Knochen die Dumdumwirkung entfalte, daß 
dazu auch der Widerstand der Weichteile genüge. Also bei Dumdum¬ 
schüssen findet die explosionsartige Wirkung unter allen Umständen 
statt, natürlich war bei Nahschüssen (hier bewirkt übrigens auch das 
regelrechte Infanteriegeschoß, wenn es auf Knochendiaphysen auftrifft, 
durch die Knochensplitter größere Zertrümmerungshöhlen). Im Gegensatz 
zu Kirschner stellt der Verfasser ferner fest, daß, wenn man in einer 
Wunde ein Geschoß findet, das die Form eines nicht abgefeuerten 
Dumdumgeschosses zeigt, bewiesen sei, daß das Vorgefundene Geschoß 
keine explosionsartige Wirkung gehabt habe. An Geschossen, die die 
Dumduinwirkung geäußert haben, könne man niemals mehr Studien 
über die Form machen, die sie vor dem Abfeuern gehabt haben. Nur 
aus den zahlreichen und fernab verteilten Bleispritzern, die mit Röntgen¬ 
strahlen oder anatomisch nachgewiesen Vorkommen, ist bei dem allein in 
Frage kommenden Nahschüsse der Nachweis des Vorliegens eines Dumdum¬ 
schusses vorzubringen. F. Bruck. 

Die Therapie der Gegenwart , Februar 1915. 

Klemperer und Zinn: Zar Diagnose and Prophylaxe des 
Fleckfiebers. Der traurige Todesfall unseres Kollegen Joch mann an 
Fleckfieber gab den Verfassern Veranlassung zu einigen Beobachtungen, 
welche geeignet sind, unsere Kenntnis der Krankheit zu fördern Wir 
lernen aus dem Verlaufe dieser Erkrankung, daß auch die anscheinend 
sichersten klinischen Zeichen nicht ganz zuverlässig sind und daß wir 
die Diagnose des Fleckfiebers, abgesehen vom epidemischen Auftreten, 
mit Sicherheit nur durch die petechiale Umwandlung der Roseolen und 
durch die bakteriologische Ausschließung anderer Infektionen stellen 
können. Ueber die Ansteckung beim Fleckfieber lehrt die Beobachtung, daß 
die Infektionen vielleicht ausschließlich durch die Läuse geschehen und daß 
andere Uebertragungswege hinter diesem an Wichtigkeit weit zurückstehen. 

Mendel (Essen): Ueber Diathermie and ihre Kombination mit 
Ultraviolettbestrahlung and andern Heilmitteln. Die Diathermie, wie 
die Applikation von Hochfrequenzströraen zu Heilzwecken wiegen ihrer 
Hauptwirkung, der Wärmeerzeugung in dem von ihnen durchflossenen 
Gewebe, bezeichnet wurde, hat als wirkungsvollste Form der Wärme¬ 
applikation überall da Verwendung gefunden, wo lokale Temperatur- 
Steigerungen in der Tiefe erkrankter Organe einen Heilerfolg erwart m 
lassen. Die wichtigste Eigenschaft der Hochfrequenzströme, welche erst 
ihre wirksame Anwendung in der Therapie ermöglichte, ist eine negative, 
es fehlt ihnen im Gegensatz zu den konstanten Strömen oder Wechsel¬ 
strömen von niedriger Periodenzahl selbst bei relativ hoher Stromstärke 
jede motorische oder sensible Reizwirkung. Der scheinbar einzige, für 
den Patienten wahrnehmbare Effekt ist eine im behandelten Körperteile 
sich entwickelnde Wärme. Wir müssen aber neben der Erwärmung, der 
Diathermie, der verstärkten Circulation, der Hyperämie auch noch spe- 
cifische Reizwirkung der Hochfrequenzströine auf die Körperzellen und 
ihre verschiedenartigen Funktionen annehmen, vielleicht in der Weise, 
daß Wärme, Hyperämie und elektrischer Reiz, wie ihn die Hoclifrequenz- 
ströme erzeugen, den Chemismus der Zelleu aktivieren, ihren Stoffwechsel 
anregen und ihre Widerstandskraft gegen etwaige Schädlichkeiten 
steigern. Bei der Diathermiebehnndlung ist auch die analgesierende und 
nervenberuhigende Wirkung des Hochfrequenzstroms zu berücksichtigen. 
Von großem therapeutischen Interesse ist die Kombination der Dia¬ 
thermie mit andern Heilmitteln. Der therapeutische Effekt chemischer 
Heilmittel kann durch eine vorausgegangene Diathermie beträchtlich er¬ 
höht werden. Es ist ferner empfohlen worden, durch vorausgegangene 
Diathermie die Wirkung der Radiotherapie, insbesondere der Röntgen¬ 
strahlen, auf maligne Tumoren zu steigern und für Röntgenstrahlen re¬ 
fraktäre Tumoren zu sensibilisieren. Man darf annehmen, daß der 
menschliche Körper, sowohl lokal wie allgemein, durch Hoclifrequenz- 
ströme für die ultravioletten Strahlen sensibilisiert wird. Die allgemeine 
Diathermie auf dem Kondensatorbett und die gleichzeitige Ultraviolett¬ 
bestrahlung des Körpers mit der über dem Kondensatorbett angebrachten 
Höhensonne gibt uns die einfache Möglichkeit einer wirksamen Kom¬ 
bination dieser beiden Heilmittel. Auch in bezug auf das Nervensystem 
können die biochemischen Wirkungen der Ultraviolettstrahlen und der 
Diathermie als gleichgerichtet bezeichnet werden. Die für die Praxis 
außerordentlich wichtigen Erfahrungen des Verfassers werden durch zahl¬ 
reiche Beispiele erläutert. 

Cohn (Moabit-Berlin): Die Röntgenologie im Kriege. Mit¬ 
teilung von Röntgenerfahrungen bei verletzten Soldaten. Große Vorteile 
bringt das Röntgenverfahren für die Zahnchirurgie. Die Zahl der Kiefer- 
verletzungen ist, wie schon seit dem russisch-japanischen Kriege bekannt, 
außerordentlich groß. Mehr als die Hälfte aller Schädelverletzungen 
sind mit Verletzungen der Kiefer verbunden. Der Unterkiefer besonders 
hat die Neigung, heim Aufschlagen eines Geschosses in zahlreiche Frag¬ 
mente zu bersten. Die moderne Zahnchirurgie bedient sich zur Adaptie- 


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rung der Knochenfragmente metallischer Schienen. Hier zeigt die j defekte als specifische Gastritiden Umstellen. Neben ihrem fast plötz- 
Rönt<renuntersuchung nicht nur die Lage der verletzten Knochen, son- liehen Beginn und ihrem zeitlichen Zusammenfällen mit andern sekundär- 
dern sie läßt die Früchte der Behandlung erkennen. Die Anwendung i luetischen Erscheinungen werden als charakteristisch syphilitisch betont: 
des Röntgen Verfahrens erstreckt sich nicht nur auf chirurgische, sondern j eine ziemlich hochgradige Subacidität, eine Vermehrung der organischen 


auch vielfach auf innere Fälle und wird besonders wertvoll werden, wenn 
es sich später darum handelt, die traumatische Entstehung solcher 
Krankheiten zwecks Renten zu begutachten. 

Baginsky (Berlin): Zur Kenntnis der Therapie der hereditären 
Syphilis. Als örtliche Heilmittel sind das in Alkohol gelöste Sublimat 
von V* %o zum Tupfen und da9 Mercurialpflaster zu empfehlen. Zur 
subcutanen oder intramuskulären Injektion bediente sich der Verfasser 
mit gutem Erfolge des Sublimats. Zur Unterstützung der Quecksilber¬ 
kimen wurden die verschiedenen Jodpräparate angewandt. Von inneren 
Queeksilbermitteln nimmt man bei Kindern, w r enn man nicht durch be¬ 
sondere Umstände (Affektionen) zu ihrer Anwendung gezwungen ist, am 
besten Abstand. Die Salvarsanbehandlung wurde an vorausgegangenen 
Schraierkuren, an die Behandlung mit Sublimatbädern ohne Nachteile 
angeschlossen. 

Dünner (Berlin): Einiges über Erfrierung and deren Behandlung. 

Außer den Erfrierungen ersten Grades gelangen während des jetzigen 
Winterfeldzugs die schwereren Folgen des Frostes zur Beobachtung- 
Wenn es nicht gelingt, die Cyanose durch Flottieren mit Schnee und 
kalten Tüchern zu beseitigen, so w r ende man die von v. Bergmann an¬ 
gegebene Suspension der befallenen Extremitäten an. Die Anwendung 
von feuchten Verbänden bei erfrorenen Gliedmaßen, bei denen eine Rück¬ 
kehr der Circulation nicht eintreten will, ist als Kunstfehler anzusehen. 
Bleibt die Gangrän feucht oder bilden sich Abscesse und fortschreitende 
Phlegmonen, so wird selbstverständlich eine Amputation notwendig. 

Klink (zurzeit Metz): Leitsätze der Kriegschirurgle. Referat 
über einen Vortrag Wieting Paschas (Volkmanusche Vorträge 1914, 
Nr. 710). Als Operation in der ersten Linie kommen nur in Betracht : 
die endgültige Blutstillung, die Abtragung fast abgeschossener oder ver¬ 
lorengegebener Gliedmaßen, die Tracheotomie und die Urethrotomie. 
Dazu kommt als primäre Operation im Feldlazarett noch höchstens die 
Revision und Freilegung der sogenannten Schädelstreifschüsse. Stecken¬ 
gebliebene Geschosse bildeu kaum je die Anzeige zu einem primären 
Eingriff. Nur bei zunehmender Anämie oder schweren Verdrängungs- 
mchrinungen soll man die Quelle der Blutung aufsuchen und zu ver¬ 
schließen suchen. Die Knochenverletzungen des Schädels bilden weder 
beim Durchschüsse noch beim Steckschuß eine Anzeige zu einem Ein¬ 
griff. Bei Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks kann 
man nach den Erfahrungen dieses Krieges nur ein möglichst frühzeitiges 
Eingreifen empfehlen. Reckzeh (Berlin). 


A. v. Koränyi: Zur Vaccinebehandlung des Typhus abdo¬ 
minalis. Behandlung mit Ichikawas Vaccine, die in einer kleinen Zahl 
von Fällen erfolgreich war. 

A. v. Sarbo: Ueber den sogenannten Neiwenshock nach Granat- 
und Schrapnellexplosionen. Mit Recht macht Verfasser darauf auf¬ 
merksam, wie das Heer der traumatischen Neurosen aus den Friedens- 
witen im Kriege verschwunden ist; auch der Nervenshock ist nicht als 
Neurose aufzufassen; den nervösen Erscheinungen liegen vielmehr mikro- 
organische Veränderungen des Nervengewebes, allerkleinste Blu¬ 
tungen usw. zugrunde. 

D. Pupovac: Ein Beitrag zur Arteriotomie bei Embolie. 

Arteriotomie mit folgender Extraktion des Embolus an der Art. femoralis 
und erfolgreich« Wiederherstellung der Continuität des Gefäßrohrs, ohne 
daß Ernährungsstörungen an den Extremitäten eintraten. Bei dem durch 
das Grundleiden des Patienten erfolgten Tode konnte der Effekt der 
Operation durch die Sektion verifiziert werden. 

G. Schwarz: Erkennbarkeit der Gasphlegmone Im Böntgen- 
biide* Bei der Wichtigkeit, die die rechtzeitige Incision der Gas- 
phlegmone hat, erscheinen die vorliegenden abgebildeten Röntgenbefunde, 
die die genaue Lokalisation der Gasabscesse ermöglichten, von großer 
Bedeutung. Misch. 


W. Knoepfelmacher und Gertrud Bien: Untersuchungen 
ßber die NabelkolLken älterer Kinder. Die Nabelkolik ist als Neurose 
des Plexus mesentericus aufzufassen. Die Untersuchung auf Ulcus- 
symptome verlief in einer ganzen Anzahl von Fällen ohne rechtes posi¬ 
tives Resultat entgegen der kürzlichen Betonung der Anfälle als Sym¬ 
ptome beziehungsweise Vorläufer von Ulcus ventriculi beziehungsweise 
nodeni; Abgrenzung der Nabelkoliken gegen die ähnlichen Krankhoitsbilder. 

Rudolf Kleissel: Die Erkrankungen des Magens bei Lues. 
Auf breiter Basis angestellte Untersuchungen, die die beobachteten Magcn- 


Wiener medizinische Wochenschrift 


Wiener klininische Wochenschrift 1915 , Nr. 4 . 


Säuren, abnorme Gasgäiimgen und Zersetzungsvorgänge, Verminderung 
der Magenchloride bei gleichzeitiger Vermehrung derselben im Harne, 
mangelhafte Pepsin Verdauung und anderes mehr. 

Büche rbesprechu ngen. 

E. H. Kisch, Erlebtes und Erstrebtes. Stuttgart 1914, Deutsche 
Verlags-Anstalt. 308 S. M 5,50. 

Heinrich Kiscli, den man nun wohl den „alten“ nennen muß, da 
sein Sohn auch in Marienbad praktiziert, den aber Marienbad und eigne 
Lebenskraft beständig jung erhalten haben, hat das ihm nun glücklich 
beschiedene biblische Alter (er zählt jetzt der Jahre 73) dazu benutzt, um 
seine Erinnerungen zu sammeln und niederzuschreiben, und auch uns an 
allem, was sie für ihn Erfreuliches und Betrübendes enthalten, freund¬ 
schaftlich teilnehmen zu lassen. Er hat diesen Erinnerungen den Titel 
„Erlebtes und Erstrebtes“ gegeben — und in der Tat, erlebt hat 
er viel; man braucht nur an seine Schilderungen aus der Prager Jugend¬ 
zeit, die bis in die Revolutionstage des Jahres 1848 hinaufreichen, an seine 
-journalistische Lebensepisode“, die sich gleichfalls in Prag abspielte, und 
die spätere dortige tschechische Entwicklung zu denken! — und erstrebt 
hat er auch viel, zumal auf beruflichem Gebiete; das lehrt das allein acht 
Druckseiten füllende Verzeichnis seiner medizinischen Schriften, wovon 
manche, z. B. die Sterilität des Weibes und der Grundriß der klinischen 
Balneotherapie, mit Recht einen Weltruf erlangt haben. Danken wir ihm 
für seine schöne Gabe und wünschen wir ihm von Herzen, daß er noch 
Gelegenheit habe, recht viel Neues dazu zu „erleben“ und zu „erstreben“ 
und auch uns ferner in seiner so lebendig veranschaulichenden Dar¬ 
stellung miterleben zu lassen. A. Eulenburg (Berlin). 

B. Schmitt mann, Wegweiser durch die Deutsche Reichsver¬ 
sicherung einschließlich der Angestelltenversicherung. 
L. Schwann, Düsseldorf. 1914. 118 S. 

Das von einem hervorragenden Kenner der Versicherungsgesetz¬ 
gebung, dem in der sozialen Fürsorge seit vielen Jahren praktisch tätigen 
Vorstandsmitglied© der Landesversicherimgsanstalt Rheinprovinz ge¬ 
schriebene Buch ist in erster Linie für den Laien bestimmt. Es soll 
ihm in den vielen Fragen und Bestimmungen der Versicherungsgesetz¬ 
gebung ein Wegweiser und Führer sein. Bei der knrzgefaßten, klaren und 
übersichtlichen Behandlung des Stoffes wird dieser Zweck in mustergül¬ 
tiger Weise erreicht. Alle diejenigen, welche mit der Versicherungs- 
gesetzgebung zu tun haben, werden in dem Buch ein willkommenes 
Nachschlagewerk finden. Da zudem der Preis des Buches ein geringer 
— 1 M — ist, so ist ihm die weiteste Verbreitung gesichert. 

Das Buch ist aber nicht nur dem Laien, sondern ebenso dem 
Arzte wann zu empfehlen. Die meisten Aerzte werden wenig Zeit und 
Lust haben, sich durch die Unmenge von Paragraphen und Bestimmungen 
der Versicherungsgesetze hindurchzuarbeiten. Die bisher erschienenen 
kleinen, für die Hand des Arztes bestimmten Auszüge haben meist nur 
den ärztlichen Teil der Versicherungsgesetze im Auge. Daher ist es 
Tatsache, daß viele Kollegen über viele praktische Fragen der Reichs- 
versicherungsordnung wenig Kenntnis haben. Sowohl auf dem Gebiete 
der Kranken- als der Unfallversicherung herrschen bei den Aerzten noch 
manche Unklarheiten, und doch gibt es auf diesen Gebieten eine Un¬ 
menge Fragen, die täglich an den Arzt herantreten können. Sich dann 
unter Umständen durch den Kassenvorstand oder gar durch einen Ar¬ 
beiter belehren lassen zu müssen, ist immer etwas peinlich. 

Sehr wichtig ist es für uns Aerzte, über die Bestimmungen de r 
Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung ausreichend unterrichtet zu 
sein. Mit der Bewilligung einer Rente sind die Aufgaben dieser Ver¬ 
sicherung keineswegs erledigt; sowohl durch die Pflicht- als durch die 
freiwilligen Leistungen können große und wichtige Aufgaben der wirt¬ 
schaftlichen Fürsorge erfüllt werden. Es sei nur hingewiesen auf die 
Möglichkeit der Durchführung von Heilverfahren, besondere bei der 
Tuberkulose, auf die Invalidenpflege bei Lungenkranken, Trinkern und 
andern Invaliden, ferner auf die Wohlfahrtsbeihilfen zur Errichtung von 
Krankenpflege- und Unfallstationen, zur Tuberkulosebekämpfung, zur Be¬ 
kämpfung der Skrofulöse, zur Trinkerfürsorge, zur Hauspflege- und Woh¬ 
nungsfürsorge. Wenn der Arzt der hygienische Berater des Volkes 
sein will, so muß er sich mit diesen Dingen vertraut machen und muß 
wissen, wie die gewaltigen Mittel der Landes Versicherungsanstalten dem 
deutschen Volke zugängig gemacht werden können. Gerade auf diesem 
Gebiete der sozialen Fürsorge kann der Arzt eine edle und dankbare 
Tätigkeit entwickeln, das Buch von Dr. Schmittmann wird ihm dabei 
ein wertvoller Führer sein. Dr. Peren, Aachen. 





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230 1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 21. Februar. 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von Priv -Doe. Dr. Anton Bum, Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wien. 

Sitzung vom 12. Februar 1915. 

J. Wagner v. Jauregg stellt einen Mann mit hysterischen 
saltatorischen Krämpfen nach Trauma vor. Pat. erlitt im 
Felde eine leichte Verletzung und bekam hierauf eine Gangstörung, 
später saltatorische Krämpfe. Er sitzt zusammengekauert, ebenso 
liegt er im Bett. Wenn er sich aufrichtet, so tritt ein allgemeiner 
Sehütteltremor auf, beim Versuche zu gehen, hüpft er mit beiden 
Beinen zugleich nach rückwärts. 

W. Falta hat zwei Fälle von saltatorischem IMIexkrampf in 
Basel geßehen. Im ersten Fall wurde er durch Geräusche hcrvorgerufen 
und dauerte 2—3 Minuten, im zweiten entstand er beim Versuche zu 
gehen. Wenn man bei dem zweiten Pat. auf einen bestimmten Punkt 
am rechten Oberarm drückte, so konnte er gut gehen. 

Hass demonstriert eine Unterschenkelprothese, welche 
an der orthopädisch-chirurgischen Abteilung von Lorenz ange¬ 
wendet wird. Pat. erlitt eine Zertrümmerung des rechten Unter¬ 
schenkels und bekam hierauf Tetanus, es wurde die Amputation 
unterhalb des Knies vorgenommen. Die Prothese ist nach Weyer 
in München konstruiert; bei ihr wird auf das Sprunggelenk ver¬ 
zichtet, das untere Ende hat eine für die Abwicklung des Fußes 
günstige Fläche. Die Prothese wird auf Grund eines Gipsabgusses 
des Stumpfes angefertigt, sie besteht aus einem Stück und kostet 
ungefähr 50 K. Bei Oberschenkelamputationen kommt noch ein 
Scharniergelenk mit Kugellager als Kniegelenk hinzu, die Achse 
desselben liegt etwas hinter der Knieachse, wodurch ein festes 
Stehen ermöglicht wird; außerdem beugt sich beim Niedersetzen 
der Unterschenkel infolge des Eigengewichtes selbsttätig. 

.1. v. Hochenegg bemerkt, er habe den Eindruck, daß in der 
Aktion zur Beschaffung von Prothesen für Kriegsverwundete irrige Auf¬ 
fassungen platzgreifen. Einerseits werden den Amputierten zu kompli¬ 
zierte Prothesen gegeben, andrerseits werden sie zu früh angelegt. Der 
Stumpf verändert sich in einiger Zeit und die Prothese paßt nicht mehr; 
sehr viele Stümpfe bedürfen noch einer nachträglichen Korrektur. Die 
Pat. sollten zwei Prothesen bekommen, damit sie die eine benützen 
können, wenn die andere in Reparatur ist. Redner regt eine Diskussion 
über die Prothesonbeschaffung für die Kriegsvorwundeten an. 

v. Eisei sberg befürwortet die Abhaltung einer solchen Diskussion. 
Auf seiner Klinik wird für die untere Extremität eine sehr einfache 
Prothese angefertigt, welche auf ca. 12 K zu stellen kommt. Unter 
3 Monaten nach der Amputation soll niemals eine teuere Prothese ange¬ 
legt werden. 

Hass demonstriert ferner eine Extensionsvorrichtung für 
den Oberarm zur ambulatorischen Benützung. Sie hat die Gestalt 
einer kurzen Krücke, welche ihren Stützpunkt unter der Achsel 
findet; längs dieser Krücke findet die Extension durch Zug und 
Gegenzug statt. Die Vorrichtung hat den Vorteil, daß der Arm 
frei liegt. 

0. Beck führt einen 27jährigen Mann vor, welcher Erschei¬ 
nungen von Seite des Kleinhirns nach Kontusion des Stirn¬ 
hirns zeigt. Pat. wurde in der linken Stirngegend von einer 
Schrapnellkugel verletzt und war bewußtlos. 10 Tage später ergab 
die Untersuchung eine doppelseitige Störung des Gehörs, Kopf¬ 
schmerzen, Schwindelgefühl, geringen spontanen Nystagmus nach 
rechts und links. Beim Zeigeversuch zeigte Pat. nach rechts vorbei, 
und zwar mit den rechten Extremitäten stärker. Beim Romberg- 
schen Versuch hatte er die Tendenz, nach derjenigen Seite zu 
fallen, nach welcher er den Kopf neigte. Es wurde eine Affektion 
im Bereiche der hinteren Schädelgrube vermutet. Die Röntgen¬ 
untersuchung zeigte eine deformierte Schrapnellkugel in der Stirne 
oberhalb des Orbitalrandes. Das Geschoß wurde von Föderl 
operativ entfernt; es lag der Dura an, ohne daß diese verletzt 
wäre, drückte auf das Stirnhirn und war frei beweglich. Seither 
sind die Erscheinungen von Seite des Kleinhirns geschwunden. 
Offenbar handelte es sich um eine Schädigung der frontozerebel- 
laren Bahn. In einem zweiten Fall mit ähnlichen Erscheinungen, 
bei welchem ein Tumor von verschiedenen Untersuchern in der 
linken oder rechten hinteren Schädelgrube, im Stirnhirn oder in 
der Hypophyse angenommen wurde, wurde bei der Operation kein 
Tumor gefunden. Die Obduktion ergab ein Endotheliom der Dura, 
welches gegen die Fossa Sylvii gewachsen war und das Stirnhirn 
komprimierte. Beide Fälle zeigen, wie täuschend eine Affektion 
des Stirnhirns Erscheinungen von Seite der kontralateralen Klein¬ 
hirnhemisphäre hervorrufen kann. 


H. Neumann sah einen Fall von Osteom der Stirnhöhle, bei 
welchem die Dura unverändert war und in welchem als klinische Sym¬ 
ptome Vorbeizeigen der oberen Extremitäten im Sinne der kontralate¬ 
ralen Seite und psychische Störungen wie bei St.irnhirnaffektionen vor¬ 
handen waren. 2 tage nach operativer Beseitigung des Osteoms wurde 
Pat. bewußtlos; die Punktion des Stirnhirns ergab daselbst einen großen 
Abszeß, welcher entleert wurde. Solange die Abszeßhöhle tamponiert 
war, fiel der Zeigeversuch im Sinne einer Affektion der linken Kleinhirn¬ 
hälfte aus, später verschwanden diese Erscheinungen. Der Zeigeversuch 
hat im Zusammenhang mit anderen Symptomen einen diagnostischen 
Wert, er gestattet jedoch allein für sieh "keine lokalisatorischen Schlüsse. 

J. FI es ch berichtet über einen Fall von Simulation des 
Fiebers. Pat. hatte einen geringen Hämatothorax und Hämoptoe; 
anfangs hatte er keine Temperatursteigerungen, bald jedoch kamen 
merkwürdige und unregelmäßige Fieberbewegungen vor, für welche 
kein Substrat gefunden werden konnte. Es kamen nach fieberfreien 
Tagen Fiebersteigerungen bis 40° und darüber vor. Da das Sputum 
bis in die letzte Zeit hämorrhagisch gefärbt und pleurales Reiben 
zu hören war, wurde Pat. noch in Beobachtung behalten. Von 
einem Bettnachbarn des Pat. wurde verraten, daß letzterer das 
Steigen des in die Achselhöhle eingelegten Thermometers durch 
leises Klopfen an das obere Ende desselben erzeugte. Vortr. hat 
sich überzeugt, daß man durch diese Manipulation bei jedem 
Thermometer die Quecksilbersäule zum Steigen bringen kann. 

W. Stckcl hat einen Full gesehen, in welchem ein Pat. sein 
Thermometer am Thermophor eines Bettnachbar« wärmte und dadurch 
Fietier vertauschte. 

M. Benedikt; Heber Emanatioiiserscheinungen. In Er¬ 
gänzung seiner Demonstration in der vorigen Sitzung teilt Vortr. 
mit, daß das Antimon eine spezielle Rolle unter den emanierenden 
Substanzen einnimmt. Er hat Antimonpräparate in eine Eprouvette 
gegeben und diese in Rotwein gesteckt, nach 24 Stunden schmeckte 
der Wein wie ein kräftiger alter Wein; man muß annehmen, daß 
eine Emanation durch das Glas hindurch stattgefunden hat. Die 
alten Aerzte haben das Vinum emeticum in der Weise bereitet, 
daß sie Rotwein auf Antimon aufgossen; trotzdem der Wein 
emetische Eigenschaften annahm, wurde keine Gewichtsabnahme 
des Antimons konstatiert. Dieser Versuch wäre mit neueren ver¬ 
feinerten Methoden nachzuprüfen. Die Emanationsfähigkeit von 
Substanzen wird durch verschiedene Momente beeinflußt, darunter 
auch z. B. durch das Wetter und den Magnetismus. Eisenfeilspäne 
senden lichtblaue Strahlen aus, welche von ausgeruliten Augen in 
der Dunkelheit wahrnehmbar sind. Legt man Schmiedeeisen in 
den Meridian, so sendet das nach Norden sehende Ende blaue, das 
nach Süden sehende rote Strahlen aus. Von Meteoreisen sieht man 
in der Dunkelheit leuchtende Funken ausgehen. Die verschiedensten 
Körper wirken in gleicher Weise auf die photographische Platte 
in der Dunkelheit. Ueber die Art der Emanation ist nichts be¬ 
kannt, sie soll nach den verschiedenen Theorien aus Molekülen, 
Atomen oder Ionen bestehen. Es zeigen sich hier Zusammenhänge 
mit der Gravitation und mit der Zusammensetzung des Weltäthers, 
welche eine sehr komplizierte sein muß. Charcot hat mit einem 
Elektroskop Versuche darüber angestellt, ob auf der Haut elek¬ 
trische Spannungen vorhanden sind, er fand sie aber nicht, sondern 
nur Spannungen biomechanischer Natur. 

L. Freund erinnert an die Versuche von Hascliek über die 
LumineszenzerschoinuDgen mancher Personen im dunklen Räume. Diese 
beruhen auf der Oxydation von Trauspirntionsproduktcn. welche die Haut 
abscheidet, darunter z. B. Buttersäurc und Azetessigsäure. Die Ema¬ 
nationserscheinungen werden gesteigert, wenn man Ozon über die Haut 
leitet, dagegen verschwinden sie. wenn man Kohlensäure auf die Haut, 
einwirken läßt oder letztere wäscht. Diese Emanationserscheinungen 
zeigen auch die Kleider, welche von den Transpirationsprodukten durch¬ 
tränkt sind. Reichenhae h hat diese Strahlen Oddstrahlen genannt; die 
für diese Strahlen sensiblen Personen dürften vielleicht solche sein, deren 
Augen sich rasch an die Dunkelheit adaptieren. 

M. Benedikt erwidert, daß er nur Tatsachen Vorbringen wollte, 

deren Deutung derzeit freilich noch nicht möglich ist. H. 

Wiener Dermatologische Gesellschaft. 

M. Oppenheim; Impetigo contagiosa circinata. Am 
Stamm besonders auf der Bauchhaut, in der Lendengegend des 
5jährigen Knaben sieht man zahlreiche linsen- bis kronengroße, 
runde, bläulichrote Effloreszenzen mit einem peripheren abge¬ 
hobenen Epithelsaum. Die größeren Effloreszenzen zeigen einen 


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21. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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honiggelben Krußtensaum. Die Affektion sitzt in den oberflächlich¬ 
sten Lagen der Haut Hie und da findet man ein von einem roten 
Hof umgebenes, wasserhelles Bläschen. Der negative Pilzbefund 
spricht gegen Herpes tonsurans. — Hierauf zeigt 0. einen 32jähri- 
gen Pat. mit Lupus erythematosus an der Stirnhaargrenze, den 
Wangen und der hinteren Achselfalte. An Stirne und Wange die 
narbige Form, an der Achselfalte eine flachhandgroße atrophische, 
pigmentierte Stelle mit zigarettenpapierähnlich gefältelter Haut. 
An der unteren Peripherie finden sich zwei elevierte, rote, zum 
Teil krustenbedeckte Stellen. Die Tuberkulinreaktion ist negativ. 

G. Sch erb er stellt eine 35jährige Frau mit Purpura annu- 
laris teleangiectodes vor. .Besonders in den unteren Extremitäten 
eine reichliche Aussaat von lichtbrauen, zum Teil ringförmigen, 
von zahlreichen Teleangiektasien durchsetzten Effloreszenzen mit 
deutlicher Begrenzung. Zwischen den Flecken kleinste Teleangi¬ 
ektasien. Vereinzelt finden sich solche Flecke auch am Stamm und 
an der Wangenschleimhaut. Wassermann und Tuberkulinreaktion 
negativ. Die Frau machte vor 12 Jahren nach einer Angina einen 
Gelenksrheumatismus durch, der ein Vitium cordis hinterließ. In 
der Zwischenzeit öfters Anginen und rheumatoide Schmerzen. Auch 
während der jetzigen Affektion bestand eine Angina. Der Fall er¬ 
innert an die Beobachtung Liers, der nach Tonsillektomie solche 
Purpura abheilen sah. 

Li er hat außer dem von Sc herber jetzt zitierten Fall in der 
Zwischenzeit zwei weitere derartige Beobachtungen machen können. 

G. Scherber zeigt sodann einen 49jährigen Pat., der mit 
13 Jahren an einer schweren chronischen Lungenaffektion litt. 
Im Jahre 1890 Affektion am Skrotum, die als Lues behandelt 
wurde. 2 Jahre später Gelenksschweilungen, die lange Zeit anti- 
luetisch behandelt wurden. Wassermann stets negativ. Jetzt be¬ 
stehen Verdickungen an Hand-, Knie- und Sprunggelenken, durch 
Flfissigkeitserguß bedingt. Röntgenologisch an den Knochen keine 
Veränderungen. Besserung der Gelenksschwellungen durch künst¬ 
liche Höhensonne. Später traten auf Händen, Fußrücken und zwi¬ 
schen den Zehen linsengroße, rotbraune Knötchen auf, von denen 
einzelne im Zentrum nekrotisierten und exulzerierten. Dann zahl¬ 
reiche kutan-subkutan gelegene, bohnen- bis haselnußgroße 
Knoten, die Haut darüber bläulichrot. Die ersterwähnten Efflores¬ 
zenzen sind papulonekrotisches Tuberkulid, die letzterwähnten 
Infiltrate sind ein Erythema iuduratum Baziii. — Ferner führt 
Sch. einen 36jährigen Pat. vor, der seit mehreren Jahren an einer 
heftig juckenden Hautaffektion leidet. An den Unterschenkeln und 
am linken Oberschenkel findet man Gruppen von runden oder 
ovalen stecknadelkopf- bis linsengroßen Knötchen von gelblich¬ 
rötlicher Farbe, die stellenweise zu Plaques zusammentreten. Es 
handelt sich um einen Lichen Simplex Vidal. 

Riehl fragt, ob eine Behandlung mit Kalilauge nach Spiegler 
stattgefunden hat, da narbige Veränderungen vorhanden sind. 

Hcherber gab an, daß dies nicht eruierbar sei. 

G. Scherber demonstriert schließlich einen Fall von Arsen- 
wythem. Das 20jährige Mädchen zeigte auf der Höhe einer 
Arsenkur eine bläulichrote Verfärbung an Palmae und Plantae 
mit beginnender Nekrose. 

P. Rusch stellt eine 26jährige Frau mit Apizitis und Lupus 
erythematodes der Nase, Oberlippe und Fingerkuppen vor. — 
Hierauf zeigt R. eine 52jährige Frau, die am Stamm, an der seit¬ 
lichen und vorderen Thoraxpartie zahlreiche linsengroße, blaßrote, 
glatte Knötchen aufweist. Die Außenflächen der beiden Scham¬ 
lippen sind mit solchen in parallelen Reihen dichtgedrängt stehen¬ 
den Knötchen besetzt. Die histologische Untersuchung ergibt 
Syringozystadenom. Von den Zysten sind einige mit Hornzellen, 
andere mit Kolloid erfüllt. An den Handflächen sieht man eine 
Anzahl disseminierter kleiner, in der Mitte gedellter Knötchen, an 
deren Oberfläche grauweiße Pünktchen durchschimmern. Histolo¬ 
gisch finden sich unterhalb des Papillarkörpers die oberflächlichen 
Schichten des Koriumbindegewehes zu größeren Höhlen ausein¬ 
ander gedrängt, die mit kristallinischen Schollen erfüllt sind, 
welche aus kohlen- und phosphorsaurem Kalk bestehen. Solche 
Beobachtungen multipler interstitieller Kalkeinlagerun¬ 
gen der Kutis liegen auch von Riehl, Jadassohn u. a. vor. 
Diese Alfektion besteht seit frühester Kindheit. 

. Kieh 1 meint, daß die Hautveränderungen mit dem Syringozystadenom 
nicht Zusammenhängen, Der von ihm in Leipzig beobachtete Fall hatte 
multiple kleine Kalk enthaltende Tumoren an den Fingern. Die Erkran¬ 
kung wurde als Kalkgicht aufgefaßt. Der demonstrierte Fall zeigt eine 
gewisse Aehnlichkeit mit seinem, namentlich durch das Fehlen einer 
vorangegangenen entzündlichen Veränderung. 


E. Spitzer demonstriert einen Fall von zoniformem liche¬ 
noiden Syphilid. Pat. seit Oktober erkrankt, wurde mit Hg be¬ 
handelt und bekam gegen Ende der Kuren ein korymböses Syphilid, 
das auf vier Neosalvarsauinjektionen ä 0,3 verschwand. Im März 
Auftreten eines papulokrustösen Syphilids. Während der jetzt vor¬ 
genommenen Injektionskur sind die zosterartig gruppierten liche¬ 
noiden Herde aufgetreten. 

A. Brand wein er führt einen 31jährigen Mann vor, der am 
linken Oberschenkel einen handtellergroßen, aus kleinen, bräunlich 
durchscheinende Lymphe enthaltenden Knötchen besteht. Es handelt 
sich um einLymphangioma circumscriptnm cysticum. — Hierauf 
zeigt B. einen 25jährigen Selcher mit zwei handtellergroßen Herden 
am Vorderarm, die kreisrund und mit Knötchen und Pusteln be¬ 
setzt sind. Es handelt sich um eine Trichophytie. — Endlich 
demonstriert B. einen Fall von Primäraffekt an der Oberlippe 
mit submaxillarer bilateraler Drüsenschwellung. Die 21jährige Pat. 
ist vor 6 Wochen erkrankt. 

O. Kyrie zeigt eine 48jährige Frau mit zahlreichen senilen 
Warzen am Rücken und Kreuz. Einige derselben sind exulzeriert. 
Histologisch ergab sich maligne Degeneration, und zwar das Bild 
eines Krompechersehen Basalzellenkrebses. 

0. Neugebauer demonstriert einen Fall von idiopathischer 
Hautatrophie an beiden unteren Extremitäten bis zum Becken 
hinaufreichend. Die Haut ist zigarettenpapierähnlich gefältelt, 
blaurot, an den Unterschenkeln straff gespannt. Die Affektion be¬ 
steht seit 14 Jahren. 

A. Königstein: Ueber multiple Xanthome bei Ikterus. 
Ein Mann in den fünfziger Jahren leidet an einem schweren 
Ikterus. Er bekam an der Beugeseite der unteren sowie an der 
Streckseite der oberen Extremitäten, später auch an der Stirne 
eine Aussaat erbsen- bis linsengroßer flacher Knötchen, die sich 
in ihrer Farbe nur wenig von der umgebenden Haut unterscheiden. 
Einzelne zeigen rötlichen Farbenton. Das Exanthem ist von einem 
sehr heftigen Juckreiz begleitet und machte zuerst den Eindruck 
einer urtikariellen Affektion. Doch erweckte die konstante Lokali¬ 
sation an derselben Stelle den Verdacht auf Xanthom, der durch 
die histologische Untersuchung bestätigt wurde. Histologisch sieht 
man in der Haut eine Art Granulationsgewebe, das aus Binde¬ 
gewebszellen, Lymphozyten und größeren wabigen Zellen besteht, 
die eine sudanophile Substanz enthalten, die sich im Polarisations¬ 
mikroskop als doppeltbrechend erweist. Für den Zusammenhang 
von Ikterus und Xanthom ist vielleicht noch folgende Beobachtung 
von Interesse: Untersucht man die Haut Ikterischer, so findet man 
meist keine histologischen Anhaltspunkte für den Ikterus, in ein¬ 
zelnen Fällen jedoch im Papillarkörper Pigment, das eine doppelt¬ 
brechende Substanz, wohl Cholestearin, enthält. Dieser Nieder¬ 
schlag von Cholestearin kann die Veranlassung zur Xanthom- 
bildung geben (Demonstration der Moulage und der histologischen 
Präparate des Falles). 

W. Li er zeigte die bereits auf dem Kongresse vorgestellte 
Pat. mit Staphylodermia vegetans. Durch intramuskuläre, später 
intravenöse Behandlung mit autogener Vakzine wurde erhebUche 
Besserung erzielt. Nach Aussetzen der Behandlung entwickelten 
sich aus den Resten neue serpiginös fortschreitende Pustelherde. 
Auch die behaarte Kopfhaut erkrankte. Die primäre Effloreszenz 
ist eine Pustel, aus der noch im geschlossenen Zustande Staphylo- 
coccus pyogenes in Reinkultur gewonnen werden kann. 

Riehl hält die Affektion für eine zum Pemphigus vegetans ge¬ 
hörige Pyodermite vegetante Hallopeau. 

M. Schramek hat einen ähnlichen Fall als Pemphigus vegetans 
vorgestellt, bei dem monatelang keine Blasen, sondern nur Epifchelsätime 
am Rande der vegetierend in typischer Ausbreitung vorhandenen Herde 
sich fanden. Bei inteikurrenten fieberhaften Affektionen ging die Erkran¬ 
kung regelmäßig stark zurück, weshalb Sch. die Tuberkulinbehandlung 
anwandte. ” 

Brandweiner hat einen ähnlichen Fall vor 13 Jahren auf der 
Klinik Neumann gesehen, der von Neumann als Pemphigus vegetans 
erklärt wurde. 

Lier: Das Fehlen einer Blasenbildung, das Vorhandensein von 
Staphylokokken in den kleinsten, stets pustelartigen primären Efflore¬ 
szenzen, die positive Agglutination von Staphylokokken durch das Pa¬ 
tientenserum, der Nachweis von Staphylokokkenantikörpern im Blute, 
die Züchtung aus dem Blut, der Nachweis im histologischen Schnitt 
sprecheu für eine reine Staphylokckzie. Bei Vakzineinjektion trat nie 
Fieber auf, trotzdem wesentliche Besserung, so daß eine reine Fieber¬ 
wirkung ausgeschlossen erscheint. 

0. Kren führt eine 51jährige Frau vor, die im März 1913 
mit Schwellung der rechten Supraklavikulardriisen und starkem 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


2 32 


Hautjucken erkrankte. Es fand sich eine Urtikaria mit kleinen 
papulösen Quaddeln. Blutuntersuchung und Probeexzision aus einer 
Drüse ergab typische Lymphogranulomatose Paltauf-Stern- 
berg. An den inneren Organen keine Veränderungen. Pirquet und 
Stichreaktion positiv. Röntgen und Arsen besserten das Blutbild, 
aber nicht das Jucken. Ein ähnliches Krankheitsbild beobachtete 
K. bei einem 32jährigen Pat. mit gleich lokalisierter Drüsen¬ 
schwellung und Urtikaria. Trotzdem sich bei der Lymphogranuloma¬ 
tose häufig ein unverändertes Blutbild zeigt, ist für die meisten 
Fälle doch eine Vermehrung der polymorphkernigen Leukozyten 
und großen Mononuklearen und eine Verminderung der Lympho¬ 
zyten charakteristisch. 

R. 0. Stein stellt einen Pat. mit Ulzerationen im Gesicht, 
vor, die durch den Gilchristschen Parasiten bedingt sind 
(Blastomyzeten). Die Parasiten wurden im Geschwürsgrund 
und in den Lymphdrüsen gefunden. Sie sind in Gruppen an ge¬ 
ordnet und zeigen Sprossungsvorgänge. 

Oppenheim teilt mit, daß er und Löwenbach im Jahre 1903 
einen Fall von Blastomykosis hier vorgestellt habeD. Es handelte sich 
um kleine Knötchen und Zystchen auf narbig verändertem Gewebe der 
Nase mit Perforation des Septum und einem großen Ulkus am Nasen¬ 
flügel. In den Knötchen fanden sich zahlreiche Hefepilze. Der vorge¬ 
stellte Fall unterscheidet sich wesentlich von dem damaligen und wurde 
von 0. im Vorjahr in Triest gesehen. Die Sekretuntersuchung auf 
Blastomyzeten fiel negativ aus. In den Schnitten nachweisbares tuber¬ 
kuloseähnliches Gewebe veranlaßte ihn zur Diagnose Tuberculosis verru¬ 
cosa. Der derzeitige akute Nachschub ermöglichte die richtige Diagnose. 

G. N o b I demonstriert einen Fall von ausgebreitetem Lichen 
ruber planus an den Beinen, der Bauch- und Lendengegend eines 
10jährigen Knaben. Die Mundhöhle ist frei. Schon vor 4 Jahren 
hatte das Kind an der gleichen Stelle die Erkrankung durch¬ 
gemacht. 

K. Ullmann zeigt einen Fall von Psoriasis vulgaris, der 
auf intravenöse Injektion von Solutio Fowleri bis zu 3,2 g pro dosi 
zunächst keine Aenderung der Effloreszenzen aufwies und bei dem 
nach interner Einnahme Abheilung mit Hinterlassung von brauner 
Arsenpigmentierung erfolgte. 

W. Pick führt ein 9monatliebes Kind mit Urticaria 
xanthelasmoidea vor. — Hierauf einen Pat. mit Salvarsan- 
nekrose in der Ellenbeuge. Pat. bekam vor 2 Monaten 0,6 Neo- 
salvarsan in 100 Wasser irrtümlicherweise anderen Orts paravenös 
injiziert. Die anfangs heftigen Schmerzen klangen sehr bald ab, 
so daß er nach einigen Tagen seinem Beruf wieder naebgehen 
konnte. 8 Tage später brach die Injektionsstelle auf und es ent¬ 
wickelte sich ein schmerzloses Geschwür mit nekrotischer Basis. 
Nach Abstoßung der nekrotischen Massen zeigt sich jetzt ein 
glattes, bis auf den Muskel reichendes Ulkus. U. 


Königliche Gesellschaft der Aerzte in Bndapest. 

Sitzung vom 16. Januar 1915. 

D. Mandel (Interne Klinik R. Bälint): Fall von Rück- 
fallsfleber. Pat. wurde am 12. Dezember 1914 mittelst Schiffes 
wegen einer Schußwunde vom südlichen Kriegsschauplatz nach 
Budapest gebracht. Nach zweitägigen Prodromen stieg die Tempe¬ 
ratur auf 39,9°, Milz stark vergrößert, profuse Stühle. Das Fieber 
bestand mit kleinen Remissionen durch 6 Tage. Wegen Verdachtes 
auf Abdominalis der III. internen Klinik überstellt. Obere Grenze 
der Milzdämplung beginnt an der VI. Rippe, untere drei Finger 
unterhalb des Rippenbogens, gegen die Brust übersteigt sie mit 
2 Querfingern die innere Axillarlinie. Zunge stark belegt; Puls¬ 
anzahl 120. Kritische Deferveszenz während der Nacht; Diarrhöen 
hören nach Bolus alba auf; Milztumor geht rasch zurück. Nach 
Btägigem afebrilen Zustand steigt die Temperatur wieder unter 
Frost, Kopfschmerz, Abgeschlagenheit auf 39°, Zunge wieder dick 
belegt, Puls 120, Milz auf früheren Umfang vergrößert. Wegen 
Verdachtes auf Rekurrens Blutuntersuchung, die Obermeiersche 
Spirochäten und geringgradige Leukozytose ergibt. Der kritische 
Abfall trat am 5. Tag pünktlich ein, deshalb Abstand von der 
beabsichtigten Salvarsanmedikation. An der Klinik beherbergen 
sie derzeit eine in Budapest entstandene Rekurrenserkrankung. 

L. v. Aldor beobachtete in einem hiesigen Kriegsspital einen 
ähnlichen Fall von Febris recurrens, der Fiebergrade von 40.8 und Re¬ 
missionen bis 34,8° und außer Milztumor charakteristische gelbe Ver¬ 
färbung der Gesichtshaut aufwies. Wegen zunehmender Herzschwäche 
und Dyspnöe wandte er Kardiaka an (Digalen intravenös, Digipur&tum 
per 08 ), ferner 0,5 Chinin zweimal täglich mit Erfolg. Salvarsan war 


wegen der Herzschwäche kontraindiziert. Bei uns verläuft der Rekurrens 
milder. 

I. v. Eliseher (Interne Klinik Koränyi): Polyserositis 
mit Röntgen behandelt. Der 18 Jahre alte Pat. klagt über 
Atembeschwerden, bemerkt eine Vorwölbung der Lebergegend. 
Status: Rechte untere Brusthälfte stärker vorgewölbt, Herzdämp¬ 
fung reicht nach auswärts bis zur Mammillarlinie, rechts übergeht 
sie in eine Dämpfung, die nach rückwärts zu verfolgen ist und in 
der paravertebralen Linie beim VI. Brustwirbel beginnt. Auf der 
1. Seite gleichfalls eine Dämpfung, die vorn am oberen Rand der 
VII. Rippe und hinten in der Höhe des VII. Wirbels beginnt. 
Oberhalb der rechten Lunge auch sonst gedämpfter Perkussions¬ 
schall; hierselbst neben bronchialem Atmen Knisterrasseln. Ueber 
dem Herzen pneumoperikardiale Reibegeräusche. Leber in toto 
vergrößert, hart, druckempfindlich, den Rippenbogen drei Finger 
breit überschreitend. Im Bauch freie Flüssigkeit; Milz, Harn nor¬ 
mal, Sputum bazillenfrei. Röntgen zeigt verbreiterten mediastinalen 
und Herzschatten; oberhalb des rechten Diaphragmas der Lungen- 
basis entsprechend mehrere disfcinkte, verschieden große, unregel¬ 
mäßige, stellenweise konfluierende Flecke. Aus der Gegend des 
Hilus ziehen gegen die Lungenspitze den peribronchialen Lymph¬ 
gefäßen und Knoten entsprechende Schatten. Oberhalb des 1. Dia¬ 
phragmas ein breiter, diffuser, intensiver Schatten; das Zwerch¬ 
fell macht beiderseits bei der Atmung nur kaum bemerkbare Dis¬ 
lokationen. Diagnose auch auf Grund der abendlichen Temperatur¬ 
erhöhungen: Polyserositis verosimiliter tuberculosa. Therapie: 
Diuretika, Digitalis, Capessersalbe, doch ohne Erfolg. Nun wird 
die Röntgenbestrahlung der Leber angewandt, wobei stets 10 x 
mit harter Lampe durch ein 3 mm-Aluminiumfilter in wöchent¬ 
licher Pause dosiert werden. Insgesamt 7 Bestrahlungen, doch 
erst nach der 5. Bestrahlung andauernde subjektive und objektive 
Besserung zu konstatieren. Küpferle und Fränkel empfahlen 
die Röntgenbestrahlung auf Grund ihrer Tierversuche gegen die 
Tuberkulose als souveränes Mittel. 

A. v. Koränyi: Abdominalisbehandlung mit Ichikawa- 
scher Vakzine. Mit letzterer, die aus sensibilisierten und nachher 
mit Phenol abgetöteten Typhusbazillen besteht, behandelte er 
29 Typhusfälle. Die wirksame Dosismenge der hierzulande von 
Fengoessy (Hygienisches Institut) bereiteten Vakzine liegt bei 
0,4—0,5 ccm. Mit intravenöser Anwendung der wirksamen Dosis 
behandelte er 24 Fälle; während der Ausprobierung der Dosis¬ 
menge wurden 5 Fälle mit mehr minderen größeren Dosisraengen 
behandelt. Der Injektion folgt eine Reaktion: Unter Schüttelfrost 
hohes Fieber, nachher Temperaturabfall. Resultat der Reaktion ist 
eine die Krankheit beendende Krisis oder rasch folgende Lysis, 
auch neben verschieden großer Besserung Fortdauer der Krank¬ 
heit resp. Ausbleiben des Erfolges. Unentschieden bleibt noch, was 
wir von einer Repetierung der Vakzination zu erwarten haben. 
Zur kritischen Beendigung des Typhus bestehen große Aussichten 
beim Beginn der Erkrankung, späterhin geringere. Es ist deshalb 
die frühzeitige Erkennung des Typhus auf Grund bakteriologischer 
Untersuchung wichtig. 

R. Bälint behandelte 33 Typhusfälle nach Joch mann und den 
Prinzipien der deutschen Schule mit reichlicher Ernährung und sah hier¬ 
von keinen Schaden. In 18 Fällen wandte er die Ichikawa-Vakzine in 
einer Dosis von 0,5 ccm an, die, je früher angewandt, ein sehr wertvoller 
Heilfaktor ist. ^ 

K. Preisich: Nach Ichikawa behandelte er 22 Fälle. Besorgnis 
flößen ihm die nach Vakzination aufgetretenen großen Temperatur¬ 
schwankungen ein, deren höchste 42°, die niedrigst meßbare 33° war. 
Die große Reaktion mahnt zur Vorsicht. Einmal sah er Tod in 24 Stunden 
nach Anwendung von 1 ccm Vakzine. 

A. v. Koränyi: Preisich nahm zu hohe Dosen. Er will durch 
eine Saminelforschung die Frage klären und stellt diesbezüglich einen 
Antrag an den Direktionsrat der königlichen Gesellschaft der Aerzte. 


Berliner Medizinische Gesellschaft. 

Sitzungen vom 23. Dezember 1914 und 6. Januar 1915. 

Diskussion zu dem Vortrage Lewandowskys: Ueber 
Kriegsverletzungen des Nervensystems.*) 

H. Oppenheim: In den wesentlichen Punkten stimmt 0. dem 
Vortr. zu. Das gilt zunächst über das, was über die chirurgische Be¬ 
handlung der Schädelschüsse gesagt wurde. Die späteren stabilen Sym¬ 
ptome bilden selten das Objekt operativer Behandlung. Sie sind in weitem 
Umfang der spontanen Rückbildung fähig, besonders Aphasie, Alexie, 


*) S. M. Kl. 1915, Nr. 7. 


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21. Februar. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


238 


Hemianopsie, und zwar bei der letzten bis zur völligen Rückbildung der 
Sebstöruog. Das Rückenmark ist sehr empfindlich gegen plötzlich ein- 
setzenden Druck. Ist also vor Monaten eine Verletzung des Rücken¬ 
marks eingetreten, die eine völlige Vernichtung der Rückenmarkfunk¬ 
tionen herbeigeführt hat, so wird man dem Rückenmark nach Wochen 
und Monaten durch • Entfernung des Geschosses aus dem Wirbelkanal 
nur wenig nützen. Die Totalläsion ist aber immerhin noch bestimmend, 
ein operatives Eingehen zu befürworten im Hinblick auf die trostlose 
Lage der Kranken. Ein Schimmer von Hoffnung könnte die Empfehlung 
rechtfertigen. Die partiellen Lähmungen des Rückenmarks infolge von 
Scbußverletzungen sind in weitem Maß der Rückbildung fähig. So ver¬ 
fügt 0. über 6 Fälle eigener Beobachtung im Nervenlazarett, die wieder 
gehffihig geworden sind. Der sichere Nachweis eines Geschosses im 
Wirbelkanal läßt die Empfehlung eines operativen Eingriffs berechtigt 
erscheinen. Man kommt aber kaum einen Schritt weiter als ohne Ope¬ 
ration. Die Operation peripherischer Nerven, die sich nach 6—8 Wochen 
nicht erholt haben, ist nicht in jedem Fall* zu empfehlen. Das weiß 
man schon aus den Erfahrungen im Frieden. Es kann nach Monaten noch 
Besserung und völlige Heilung eintreten. Man hat auch bei Schußver¬ 
letzungen noch nach Monaten Besserung eintreten sehen. Der operative 
Eingriff ist oft auch wegen der Verwachsungen, Schwielen, Neurom- 
büdungen usw. nicht einfach, so daß es zu Nebenverletzungen, namentlich 
bei Operationen am Plexus kommt. Man wird zwar nicht immer die 
Operation vermeiden können, aber man soll mindestens 3 Monate warten. 
Die Kriegsneurosen werden uns noch viel beschäftigen. Die Verletzungs¬ 
neuralgien trotzen oft jeder Behandlung. 

Peritz: Das Beobachtungsmaterial ist bis jetzt sehr einseitig. 
Man siebt vorwiegend Fälle, die verhältnismäßig leicht sind, so daß sie 
transportabel sind. Es verhält sich ähnlich wie mit den Fällen von Te¬ 
tanus, über dessen Behandlung die Ergebnisse im Feld und bei uns stark 
differieren. Unter den Verletzungen peripherischer Nerven sind solche 
zu beobachten, bei denen trophische Störungen auftreten und die oft 
unter großen Schmerzen verlaufen. Gegen diese Schmerzen hat P., da 
andere Behandlungsmethoden, besonders auch Injektionen versagten, das 
Orimalz angewendet und glaubt gute Resultate zu erzielen, hält aber die 
Zahl der Beobachtungen noch für unzureichend, um sichere Schlüsse 
zu ziehen. 

Rothmann: Bei Verletzungen des zentralen und des 
peripheren Nervensystems geht R. außerordentlich konservativ vor. 
Penetrierende Schädelscbüsse zwingen nicht immer sofort zu operativen 
Eingriffen, weil die Verhältnisse im Felde sehr ungünstig für eine Ope¬ 
ration sind. Wenn man nach 10—12 Tagen operiert, kann man, abge¬ 
sehen von den Fällen schweren Hirndrucks, immer noch den Gefahren 
rechtzeitig begegnen. Im Feld ist kein Platz für einen Neurologen. Das 
ist zu bedauern, weil die Indikation zu einer Operation am Zentralnerven¬ 
system oft nur vom Neurologen gestellt werden kann. Neben den Abszessen 
und den tiefen Schädeldepressionen sind noch hämorrhagische Zysten zu 
nennen, die operativ anzugreifen sind. R. demonstriert einen Pat., bei 
welchem eine Kugel von der Stirn aus quer durch den Schädel hindurch¬ 
gegangen war und bei dem jetzt nur noch eine Hemianopsie vorhanden 
ist, während alle andern Symptome (Lähmung usw.) verschwunden sind. 
Die Rückenmarkverletzungen sind nicht allzu pessimistisch zu beurteilen. 
Selbst wenn nur Teile des Rückenmarks erhalten sind, kann es zu er¬ 
staunlichen Restitutionen kommen. Es gibt eine Menge Fälle, die total 
gelähmt sind und sich restituieren. Wenn nicht ganz bestimmte Indi¬ 
kationen vorliegen, soll man die Hand vom Rückenmark lassen. — Die 
peripheren Verletzungen sind auch konservativ zu behandeln. Noch nach 
( und 8 Monaten kann es zu Restitutionen kommen. Wenn völlige Durch¬ 
trennung vorliegt, würde man durch Warten allerdings ungünstige Be¬ 
dingungen setzen, aber dem gegenüber stehen die Fälle, bei denen 
beginnende Restitutionen, die man ja nicht diagnostizieren kann, durch 
den operativen Eingriff geschädigt werden. Heftige Schmerzen sind charak- 
■ wv * raiima rische Nervenverletzungen. Novokaineinspritzungen 
m die Nervenmasse sind ein gutes Heilmittel dieser Schmerzen, Konus- 
verJetzungen heilen zum Teil sehr gut. Die durchschossenen Nerven 
wnn man später einander nähern. Bei der Behandlung der Verletzungen 
es Nen ensystems ist Uebungstherapie das wesentlichste. Orthopädische 
mugie und Neurologie haben gemeinsam die Aufgabe, die Entstehung 
von Krüppeln zu verhindern. 

.Senda demonstriert pathologisch-anatomische Präparate von 
Verletzungen des Zentralnervensystems. 
ü. n L ?, c ^ Ußt ® r berichtet über eine Reihe von Schußverletzungen eigener 
. .. cbtu ng. Sch. fordert für Frühoperationen ganz bestimmte Indi- 
Bei v! n i t Verlet ? un gen der Wirbelsäule geht er konservativ vor. 

0 ■ Peripherischer Nerven soll man lange warten, ehe man 

’ - Vßte rische Erscheinungen hat er vorwiegend nach Granat¬ 
kain Gegen die Nervenschmerzen hat er mit Novo- 

KWn ^ Eukain gute Resultate gesehen. 

OttfriUmn : Eine Schere Bestimmung des Zeitpunktes der 

Uninrf -® 1 Schußverletzungen peripherischer Nerven läßt sich auf 
Fälln . ori £ en Erfahrungen nicht machen, da selbst die ältesten 

ebenso a * fl ^ Monate sind. Der elektrische Befund ist 

Fällen von *^®densverletzungen * n ei ner sehr großen Anzahl von 
elektrisch« aus8 . ch laggebender Bedeutung. Wenn man genaue quantitative 
®an dahin a r ? m . un 8 e ? macht und diese regelmäßig verfolgt, so kommt 
der « denjenigen Fällen, bei denen ein rasches Erlöschen 

gai wischen Erregbarkeit erfolgt, die Prognose schlecht ist, während 


diejenigen Fälle, bei denen die Erregbarkeit nicht erlischt, trotz Ent¬ 
artungsreaktion die Prognose gut ist. Allerdings gibt es auch Aus¬ 
nahmen. Man soll also bei den Fällen mit erhaltener galvanischer Erreg¬ 
barkeit 6 bis 8 Monate und noch länger warten, ehe man operiert. Die 
beste Uebung der gelähmten Muskeln erfolgt durch den galvanischen 
Strom. 

Krön spricht die Lähmung nach zu langem Liegen des Esmarcfi¬ 
schen Schlauches als Kompressionslähmung, nicht als ischämische Läh¬ 
mung an und berichtet über einen Fall seiner Beobachtung, hei dem im 
Anschluß an eine Operation wegen Aueurysma der Arteria axillaris eine 
Lähmung des Plexus brachialis aufgetreten war, die er als eine Folge 
der bei der Operation erforderlichen Drehung des Oberarms und dadurch 
bedingten Kompression durch den Humerus ansieht. 

v. Hansemann demonstrierte pathologisch-anatomische Präparate 
von Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Um die Art 
der Verletzung an der Wirbelsäule zu erkennen. muß man anders Vor¬ 
gehen, als es für neurologische Zwecke üblich ist. Man muß die Wirbel¬ 
säule in der Mitte durchsägen. Den Schußkanal entdeckt man hei einer 
Reihe von Fällen, die oft ein monatelanges Krankenlager bis zu ihrem 
Tode hatten, gar nicht, wenn man die Wirbelsäule äußerlich betrachtet. 
Oft kann man ihn nur nach Mazeration entdecken. Mitunter ist es selbst 
erforderlich, die Wirbelkörper durchsichtig zu machen. 

Laqueur empfiehlt gegen Neuralgien nach Schußverletzungen 
warme Bäder und Fango. Von der Anwendung der Diathermie hat er 
in einigen Fällen Erfolge gesehen. Tn leichten Fällen von Lähmung und 
hei Pseudolähmungen ist die Anwendung der Elektrizität sehr wirksam 
und beschleunigt die Heilung. 

Hans Kohn beobachtete einen Patienten, bei dem 3 Tage nach 
der Verletzung ein Tetanus sehr schwerer Art auf trat. Mit Magnesium- 
sullat subkutan und intravenös angewendet, wurde eine erfolgreiche Be¬ 
handlung durchgeführt. Die intravenöse Injektion unterdrückte wie mit 
Zauberschlag die lebensgefährlichen Schlingkrämpfe. Notwendig ist, daß 
man sich der Behandlung solcher schwerster Fälle völlig widmen kann. 

Ben da weist darauf hin, daß man den neurologischen und patho¬ 
logisch-anatomischen Verhältnissen bei der Gewinnung der Präparate 
gleichzeitig gerecht werden kann. 

Max Rothmann: Bei den meisten Fällen ist ein gewisses hyste¬ 
risches Moment vorhanden und daher kann man therapeutisch sehr gut 
auf diese Fälle einwirken. Auch bei den Schmerzen dürfte ein funktio¬ 
nelles Moment eine Rolle spielen. In vielen Fällen sind die Schmerzen 
bei schweren Verletzungen in den unteren Körperahsehnitten durch epi¬ 
durale Injektionen außerordentlich gut zu beeinflussen. Für gewisse 
desolate Fälle empfiehlt R. die Dmchschueidung der Vorderseitenstränge 
des Rückenmarks in einer gewissen Höhe. 

Oppenheim: Zustände der Hysterie kommen hei Verletzungen 
oft vor. aber weit häufiger ist die Kombination mit Neurasthenie. i)ns 
Paquelinverfähren bei Verletzungen des Ischiadikus hat ihn im Stiche 
gelassen. Der galvanische Strom ist in Fällen schwerer Lähmung sohr 
empfehlenswert. F. 

Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 
in Bonn. 

Sitzung vom 26. Oktober 1914. 

Finkelnburg: Demonstrationen von Schnßyerletzangen 
des Rückenmarks. Der erste Fall kam 17 Tage nach der Ver¬ 
letzung zur Beobachtung. Im Röntgenbild sah man die quer- 
gestellte Kugel in der Gegend des fünften und sechsten Brustwirbels. 
Es bestand eine totale Paraplegie, einschließlich der Bauch- und 
JRückenmuskeln, Sensibilitätsstörungen vom sechsten Dorsalsegment 
ab, Blasen-Mastdarmlähmung und ein ausgedehnter, tiefer Deku¬ 
bitus. Da unzweifelhafte Verletzungen der Wirbel nach dem 
Röntgenbild Vorlagen, 17 Tage nach der Verletzung die nervösen 
Erscheinungen noch in der gleichen Intensität wie zu Anfang be¬ 
standen und bei dem schweren Dekubitus die Gefahr der Sepsis 
drohte, ließ F. den Pat. durch Capelle operieren. Bei der Ope¬ 
ration fand sich der Schußkanal zwischen den Spangen des vierten 
und fünften Brustwirbels durchgehend und letztere verletzt. Der 
Kanal war mit feinen Knochensplittern ausgefüllt. Die Dura war 
intakt, hochiivid, das Rückenmark unter derselben flach, keine 
Pulsation zu fühlen. Nach Erweiterung des Knochendefekts hob 
sich die Dura wieder und bekam eine blasse Farbe. Es hatte sich 
also wohl um einen leichten Druck mit Steigerung gehandelt. 
Gleich darauf erfolgte der Exitus. Mikroskopisch fand sich nun in 
der Gegend der Verletzung etwa in der Ausdehnung eines Seg¬ 
ments ein zentraler Erweichungsherd, daneben aber ein diffuser 
Achsenzylinderausfall fast im gesamten Rückenmarksquerschnitt. 
Ein solcher fand sich auch noch fern von der Verletzung im 
Lendenmark. Es handelt sich also hier um diffuse Erschütterungs¬ 
erscheinungen. Diese sind nun sicher einer weitgehenden Besserung 
und Wiederherstellung der Funktion fähig, wie zwei weitere von 
F. beobachtete Fälle, welche demonstriert werden, zeigen. Bei dem 
einen hatte eine Schrapnellverletzung des Dorsalmarks stattgefunden. 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


2t. Februar. 


Drei Wochen lang bestand eine vollständige Paraplegie der Beine. 
Dann besserte sich dieselbe allmählich. Jetzt kann der Pat. wieder 
gehen, wenn auch der Gang noch stark spastisch ist. Die motorische 
Kraft ist wieder völlig hergestellt. Es müssen beide Pyramiden¬ 
bahnen betroffen sein. Im letzten Pall hatte ein Geschoß den 
Conus term. getroffen. Es bestand völlige Unmöglichkeit, die Blase 
zu entleeren. Nachdem Pat. vier- bis fünfmal mit Diathermie be¬ 
handelt worden, kehrte langsam die Fähigkeit, den Urin zu ent¬ 
leeren, wenn auch anfangs nur mit großer Kraftaufwendung, wieder. 
Auch jetzt ist dieselbe noch etwas mühsam; es bestehen noch 
Sensibilitätsstörungen im dritten bis fünften Sakralsegment. Man 
hat also das Hecht und die Pflicht, bei Schußverletzungen des 
Rückenmarks abzuwarten, wenn nicht grobe, im Röntgenbilde 
sichtbare Verletzungen der Wirbel einen operativen Eingriff in¬ 
dizieren. 

Cr am er: Ueber kriminelle Fruchtabtreibung. C. berichtet 
über einen von ihm beobachteten Fall, bei dem sich eine ent¬ 
sprechend gebogene Haarnadel in einem Abszeß im Douglas fand. 
(Gerichtliche Obduktion.) Er betont, wie wenige Fälle von krimi¬ 
nellen Abtreibungen zur Kenntnis kommen von den tatsächlich 
vorgenommenen, und bespricht die verschiedenen Vorschläge, die 
von Aerzten und Sozialpolitikern zur Verminderung dieses Ver¬ 
brechens gemacht worden sind. Ls. 


Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich). 

Sitzungen vom 23. und 30. Dezember 1914. 

Sauerbruch berichtet an der Hand eines Präparates über 
eine seltene Kriegsverletzung. Es handelte sich um einen 
30jährigen Artilleriehauptmann, der als Beobachtungsoffizier im 
Schützengraben kommandiert war. Während seines Aufenthaltes in 
einem Unterstände schlug eine Granate in diesen ein. Große Erd- 
und Geröllmassen wurden gelöst und verschütteten ihn. Nur mit 
Mühe konnte er von den Mannschaften wieder herausgegraben 
werden. Er befand sich in einem schweren Allgemeinzustande, von 
dem er sich auch noch nicht erholt hatte, als er etwa 3 Stunden 
später in das Feldlazarett 1 eingeliefert wurde. Die Untersuchung 
ergab folgendes: Auffallende Blässe des Gesichtes mit Zyanose der 
Lippen, Nase und Ohren. Der Puls klein, sehr frequent. Ausge¬ 
sprochene Preßatmung mit Schonen der linken Seite. Rippenfraktur 
war nicht nachzuweisen, dagegen wird dreimal mit Schleim etwas 
Blut ausgehustet. Die Perkussion ergibt hochgradige Tympanie 
über der ganzen linken Brustseite, daneben kaum handbreite 
Dämpfung in den unteren Abschnitten, die als totaler Pneumo¬ 
thorax gedeutet wird. Herz stark nach rechts verschoben. Wegen 
der Art der Verletzung, der charakteristischen Preßatmung, des 
Bluthustens, des ausgedehnten Pneumothorax ist die Diagnose auf 
eine Lungenruptur mit Spannungspneumothorax gestellt. Wegen 
des sehr schlechten Allgemeinzustandes wird von einer Therapie 
abgesehen. Nach 2 Stunden Tod. Bei der postmortalen Eröffnung 
des Thorax findet man den maximal geblähten Magen in toto im 
linken Pleuraraume, die Lunge, vollständig extrahiert, an der 
Wirbelsäule liegend. Der Magen füllt fast die ganze Pleurahöhle 
aus und drängt das Herz stark auf die andere Seite. Die Lunge 
zeigt im Unterlappen eine kleinfaustgroße, mit Flüssigkeit gefüllte 
Blase. Die Flüssigkeit befindet sich unmittelbar unter dem Pleura- 
überzuge. Daneben läßt sich an kleinen Luftblasen in dieser 
Flüssigkeit eine Verbindung mit dem Bronchialbaum erkennen. 
Dieser Befund wird als Folge supleuraler Lungenruptur gedeutet. 
Auch auf der anderen Lunge mehrere, nur bedeutend kleinere, ähn¬ 
liche Befunde. Im Mediastinum, namentlich im hinteren Abschnitte 
desselben, ausgedehnte Sugillationen. Das Zwerchfell ist auf der 
linken Seite in maximaler Inspirationsstellung. Das Zentrum ten- 
dineum hat einen frontal verlaufenden Riß von etwa 1 cm Länge, 
durch den der Magen intrapleuralwärts durchgetreten ist. In der 
Umgebung dieser Rißstelle zahlreiche kleine Blutungen. Schließlich 
findet sich noch auf der Außenfläche der Milz eine Quetschungs¬ 
furche, die in ihrem Verlaufe der zwölften Rippe entspricht. Es 
handelt sich um eine typische Verletzung, die in diesem Alter als 
eine außerordentliche Seltenheit bezeichnet werden muß. Bei Ver¬ 
schüttungen, Ueberfahrenwerden kann ein jugendlicher, elastischer 
Thorax durch Einbiegen der Rippen erheblich verkleinert werden, 
ohne daß dabei eine Fraktur oder Infraktion auftritt. Beim Nach¬ 
lassen der komprimierenden Gewalt federn die Rippen in ihre 
alten Stellungen zurück. Die plötzliche Volumenverkleinerung des 
Thorax muß die in seinem Innern liegende geblähte Lunge allseitig 
verkleinern. Da nun gewöhnlich gleichzeitig ein reflektorischer 


Glottisschluß eintritt, kommt meist durch die plötzliche Verkleine¬ 
rung eine akute Spannungszunahme der Lungenluft zustande. Sie 
kann zu einer Ruptur des Lungengewebes führen. Das Zurück¬ 
federn der Rippen spannt plötzlich das zwischen ihnen und der 
Wirbelsäule angehängte Zwerchfell an und führt zur Zerreißung 
des sehnigen Mittelstücks. Durch diesen Mechanismus sind die be¬ 
schriebenen Verletzungen auch in dem vorliegenden Fall zu er¬ 
klären. S. hat im Frieden derartige Fälle mehrfach beobachtet und 
einige mit Erfolg operiert. 

Wullstein: Die Ursachen der Gangrän. Nach seiner 
Meinung spielt bei derjenigen Form von Gangrän, die nach Ver¬ 
letzungen zustande kommt, der Druck des Hämatoms auf die Um¬ 
gebung eine große Rolle. Er behindert die Entwicklung eines ge¬ 
nügenden Kollateralkreislaufs, die wichtigste Vorbedingung für 
eine genügende Ernährung des Gliedes. Gefäßverletzungen sind 
besonders dann gefährlich, wenn Arterie und Vene betroffen sind. 
In günstigen Fällen sterben die Pat. nicht, sondern es kommt zur 
Bildung eines Aneurysmas. Er empfiehlt möglichst frühzeitige 
Unterbindung oberhalb der Verletzungsstelle. Technisch sind die 
Unterbindungen kompliziert und Verfahren, wie Naht und der¬ 
gleichen vorzuziehen. In den Vordergrund seiner Besprechung 
stellt er die Entstehung von Gasphlegmone. Nach seiner Mei¬ 
nung spielt der Druck des entstandenen Gases auf die Gewebe 
eine ähnliche Rolle wie der sublasziale Bluterguß. Auch hier soll 
durch Kompression der Gefäße die Ernährung des Gliedes er¬ 
schwert werden. Aus dieser Ueberlegung folgert er, daß möglichst 
große Entspannungsschnitte gemacht werden sollten, um den 
Druck in dem Gewebe zu beseitigen, um so mehr, als auf diese 
Weise eine sehr wirksame Ableitung der Wundsekrete erreicht 
wird. In vielen Fällen aber kommt man mit dieser Maßnahme 
nicht aus. Der Prozeß schreitet weiter fort und bedroht das Leben 
durch die Allgemeinwirkung der Gifte. Hier kommt nur die Am¬ 
putation in Frage. W. amputiert stets noch in der ödematösen 
Zone mit Hilfe eines einseitigen Zirkelschnittes ohne Naht. 

Borst hebt hervor, daß die Grundlage einer jeden Gangrän Zir¬ 
kulationsstörungen sind; namentlich Stase und Thrombose spielen die 
Hauptrolle. In diesem Sinne kann B. auch dem Druck eines Hämatoms 
oder des Gases bei der Gasphlegmone eine gewisse Wirkung nicht ab¬ 
sprechen. Unter Gasgangrän im engeren Sinne versteht man die unter 
dem Fränkelschen Bazülus hervorgerufene Gasphlegmone. Sie ist nach 
seiner Meinung seltener als eine durch verschiedene Bakterien hervor¬ 
gerufene Fäulnis. Die Luftblasen, die aus Schußwunden häufig mit der 
Wundflüssigkeit entleert werden, sind sehr oft weiter nichts als durch 
die Autolyse entstandene Gasblasen, die mit einer Gasgangrän im engeren 
Sinne des Wortes nichts zu tim haben. 

Enderlen (Würzburg) hat im Anfang des Feldzuges viel mehr 
Gasphlegmonen, auch nach Infanterieverletzungen, gesehen als jetzt. Er 
glaubt, daß die Hitze im Beginne des Feldzuges dafür verantwortlich zu 
machen ist. So lange im peripheren Teil der Puls noch fühlbar ist, 
spaltet er breit; sonst zieht er die Amputation vor. 

Franz und Stich haben das Auftreten einer Gasphlegmone 
längere Zeit nach der Verletzung im Hospital beobachtet. Für die Be¬ 
handlung der Aneurysmen empfiehlt man die Unterbindung unmittelbar 
oberhalb der Verletzungsstelle. 

Seefisch empfiehlt möglichst frühzeitige Unterbindung der Gefäße 
bei Aneurysmen. Nach seiner Meinung ist die Gangrän lediglich die 
Folge einer schweren Infektion. Er warnt dann noch vor zu häufiger 
und intensiver Anwendung der Esmarchschen Binde. 

Hei nicke hat auch Schädigungen von Gliedmaßen durch zu 
intensive Wirkung der abschnürenden Binde beobachtet. Nach seiner 
Meinung ist die Gangrän die Wirkung der Toxine. 

Sauerbruch ist erstaunt darüber, daß für die Aetiologie der 
Gangrän nicht die direkte Gewebsschädigung durch Granatsplitter heran¬ 
gezogen worden ist. Das Aussehen der Granatwunden unmittelbar oder 
ganz kurze Zeit nach der Verletzung scheint ihm dafür zu sprechen. 
Das Gewebe sieht wie gekocht aus, ist grünlich, und selbst tiefere 
Schichten können durchschnitten werden, ohne daß eine Blutung auftritt. 
Es erinnert das Verhalten dieser Wunden an Verbrennungen. Auch 
sonst ist der klinische Verlauf in mehr als einer Beziehung dem nach 
Verbrennung ähnlich. Er 'erinnert an die schönen Versuche Heydes 
über die Vergiftung des Blutes bei ausgedehnten Gewebsschädigungen. 
Es handelt sich nach seiner Meinung um einen primären Gewebstod 
durch den mechanischen, vielleicht auch durch den Verbrennungsinsult 
der verletzenden Gewalt. Sekundär entsteht dann in der unreinen Wunde 
eine Fäulnis des zugrunde gegangenen Gewebes mit Gasbildung. Gas- 
phlegmonen kommen durch den Frankelschen Bazillus vor, sind aber 
sehr viel seltener, als angenommen wird. Aus dieser Ueberlegung ergibt 
sich für die Therapie ein klarer Vorschlag: die geschädigten Gewebs- 
abschnitte müssen entfernt werden. In der Tat sind nach diesen Gesichts¬ 
punkten seit längerer Zeit die Granatverletzungen behandelt worden. 
Der Erfolg spricht für die Richtigkeit der Annahme. Eine primäre Ex¬ 
zision der Granatwunden bis ins Gesunde kann nicht genug empfohlen 
werden. 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


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Hahn betrachtet die Gasgangrän als Produkt autolytischer Pro¬ 
zesse: außerdem wird das Gewebe durch Eiterungen geschädigt. Franz, 
der in bezug auf die Entstehung der Gangrän mit Sauerbruch nicht 
übereinstimznt, bestätigt die guten Erfolge mit primärer Exzision bei 
Granatverletzungen. Auch Enderlen und Kähler empfehlen dieses 
Verfahren. Enderien hebt noch einmal die Wichtigkeit einfacher Am¬ 
putationsmethoden ohne Lappenbildung hervor. 

Wullstein (Schlußwort) betont die Wichtigkeit des Zusammen- 
arbeitens von Klinikern und pathologischen Anatomen im Kriege. Ober¬ 
generalarzt Reh (Armeearzt) ist dem Interesse der Aerzte schon durch 
geschickte Gruppierung in dieser Beziehung weitgehend entgegen- 



Klelne Mitteilungen« 


Kriegschronik. 

Aus den off, Verlustlisten. 

1. Verwundet: 

R.-A. Dr. Emil Torsch, L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 122). 

O.-A. Dr. Josef Bazal, D.-R. Nr. 4 (Liste Nr. 124). 

A.-A. Dr. David Kornhäuser, u. Lst.-I.-R. Nr. 8 (Liste Nr. 124). 

A.-A. d. Res. Dr. Karl Atlas, Schw.-Hb.-Div. Nr. 11 (Liste Nr. 125). 

2. Kriegsgefangen: 

A.-A. Dr. Zsigmond Endrey, u. L.-H.-R. Nr. 6 (Liste Nr. 121). 

A.-A.-St. d. Res. Dr. Anton Rysavy, I.-R. Nr. 9 (Liste Nr. 124). 

* * 

* 

Dr. Cesario Armanini und Dr. Emanuel Marian, welche 
den Gefangenenlagern in Wegscbeid bzw. Mauthausen (Oberöster¬ 
reich) als Aerzte zugeteilt waren, sind als Opfer ihres Berufes an 
Flecktyphus gestorben. Ehre ihrem Andenken! 

• * 

• 

Der Geschäftsausschuß der österreichischen Aerztekammern 
hat betreffs zur Dienstleistung einberufener Aerzte an 
das Landesverteidigungsministerium eine Eingabe gerichtet. Die 
Kategorien von Aerzten, die hier in Betracht kommen, sind: 
a) Jene Aerzte, welche zum Kriegsdienste untauglich befun¬ 
den oder superarbitriert wurden, zu Landsturmdiensten geeignet 
erschienen nnd sämtliche am 1. August 1914 einberufen wurden. 
Diese Aerzte stehen also nunmehr seit mehr als 5 Monaten viel¬ 
fach an der Front im militärärztlichen Sanitätsdienste, sie sind 
als Zivilärzte eingerückt, haben keinen Equipierungsbeitrag erhalten, 
es wurde denselben eine Charge vielfach nicht zuerkannt und sie 
erhalten die Bezüge der XI. Rangsklasse, wobei jene Aerzte, die 
nicht an der Front verwendet werden, kein Quartiergeld, keine 
Kriegszulage und keinen Sustentationsbeitrag für ihre Familie 
erhalten. — b) Bereits ira September begann die Einberufung der 
Aerzte zwischen dem 43. und 50. Lebensjahre auf Grund des Kriegs- 
leistungsgesetzes nnd sind diese Aerzte in Reserve- und Epidemie¬ 
spitälern, zur Begleitung von Verwundeten- und Krankenzngen etc. 
in Verwendung. Diese Aerzte haben keine Charge und erhalten 
die niedersten Bezüge der X. Rangsklasse. In beiden diesen Gruppen 
handelt es sich um Aerzte, welche in höherem Alter stehen, meist 
Familien haben, ihre Praxis vollständig aufgeben mußten und auch 
wohl dauernd verloren haben, da sich das Krankenpublikum einst¬ 
weilen um andere Aerzte umsehen mußte, die aber genötigt sind, 
ihre Familien zu erhalten und ihre dem ärztlichen Berufe ent¬ 
sprechend größeren Wohnungen beizubehalten. Die Bezüge, welche 
diese Aerzte in ihrer Privattätigkeit als Bahnärzte, Kassenärzte, 
Gemeindeärzte etc. erhielten, sind ihnen meistens ganz oder doch 
zum größten Teil entzogen worden und wo sie dieselben behielten, 
sind sie zur Stellung und Bezahlung eines Vertreters verhalten. 
Es befinden sich diese Aerzte also in einer materiell außerordent¬ 
lich ungünstigen Situation, welche um so ungünstiger ist, als selbst 
bei einer noch so langen Dauer des Krieges eine Beförderung und 
somit eine Erhöhung der Bezüge für dieselben nicht vorgesehen 
ist. Diese Aerzte empfinden es aber auch sehr schmerzlich, daß 
sie als ältere und zum Teile auch erfahrenere Aerzte wesentlich 
Jüngeren Assistenz- und Oberärzten untergeordnet sind. — c) Als 
dntte Gruppe sind anzuführen jene Aerzte, die ihre Charge seiner¬ 
zeit nicht niederlegten, in Evidenz der Landwehr geführt wurden 
und deren Einberufung auch bereits am 1. August erfolgte. Diese 
Aerzte wurden mit der ihnen zukommenden Charge eines Assi¬ 
stenzarztes, Oberarztes, Regimentsarztes einberufen. Für sie gilt, 
wenngleich sie die Bezüge ihrer Rangsklasse mit den entsprechen- 
. Zulage! erhalten, in materieller Beziehung ziemlich das gleiche 
*10 von den Gruppen a) und b). Was das Avancement betrifft, 


so sind wohl einige Beförderungen erfolgt, aber zahlreiche dieser 
Aerzte empfinden es schmerzlich, daß sie trotz höheren Alters 
sich noch in der Rangsklasse eines Assistenzarztes oder Oberarztes 
befinden, während ihre aktiv dienenden Kollegen, die denselben 
Rang haben, schon seit längerer Zeit zu Stabsärzten oder Ober¬ 
stabsärzten befördert wurden. — Alle drei Gruppen empfinden ihre 
materielle Situation um so härter, als sie in Kenntnis der Tatsache 
sind, daß nicht wenige Kollegen in den Großstädten, welche keine 
Verpflichtung gegenüber der Sanitätsverwaltung haben, welche in 
ihrem Berufsorte verbleiben und ihren Beruf weiter ausüben können, 
zu Stabsärzten und Oberstabsärzten für Kriegsdauer mit den be¬ 
treffenden Bezügen ernannt wurden, unter welchen sich nicht nur 
Angehörige der medizinischen Fakultäten, sondern auch Ange¬ 
hörige des Standes der praktischen Aerzte befinden. Die materielle 
Situation der zwei ersten Aerztegruppen ist vielfach eine außer¬ 
ordentlich ungünstige. Die Unmöglichkeit, durch eine Beförderung 
höhere Bezüge zu erhalten, setzt diese Aerzte in Nachtoil gegen¬ 
über zahlreichen anderen Aerzten, welche für dieselbe Dienst¬ 
leistung in einer wesentlich besseren Weise entlohnt werden. — 
Der Landesverteidigungsminister hat dem Obmann des Geschäfts¬ 
ausschusses die Zusage gemacht v daß er sich der fraglichen Ange¬ 
legenheit, deren Berechtigung er anerkennt, annehmen und für die 
Erfüllung der Wünsche der Aerzte einsetzen werde. 


Jene deutschen Militärärzte, die von einem Pariser Kriegs¬ 
gericht des — Diebstahls schuldig erkannt worden sind, weil sie 
in Lizy Wein für die deutschen und französischen gefangenen Ver¬ 
wundeten requiriert und, vom Durst geplagt, selbst von diesem 
Wein getrunken hatten, sind nunmehr in zweiter Instanz freige¬ 
sprochen worden, nachdem der öffentliche Ankläger selbst zuge¬ 
standen hat, seine Pflicht als Ehrenmann zwinge ihn zur Erklä¬ 
rung, daß kein direkter Beweis für die Schuld der Aerzte vorliege. 
Damit ist ein Vorkommnis erledigt, das mit Recht geeignet war, 
die gesamte zivilisierte Welt zu erregen und der französischen 
Nation zur Unehre gereicht. 


(Militärärztliches.) Dem bisherigen Sanitätschef für den 
Bereich des II. Korpskommandos (Wien), O.-St.-A. Dr. Franz 
Pick, der als Sanitätschef zur Südarmee versetzt wurde, ist das 
Ehrenzeichen I. Klasse des Roten Kreuzes am Bande der Tapfer¬ 
keitsmedaille verliehen worden. — In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor 
dem Feinde ist dem 0.-St.-A. I. Kl. Dr. G. Frühauf, Sanitätschef 
des op. Armeekmdo., der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit 
der Kriegsdekoration, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. F. Jaros, Sa¬ 
nitätschef der 9.1.-Div., A. Marwann, SaDitätsehef der 33.1.-Div., 
S. Kurykowicz, Sanitätschef der 30. I.-Div., den St.-Ae. Doktoren 
J. Tokarski, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 2/10, B. Fuchs, 
Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 4/10, J. Neumann des I.-R. 
Nr. 69, L. Weissberg, Sanitätschef der 9. K.-Div., A. Tatzl des 
I.-R. Nr. 3, W. Ploc des I.-R. Nr. 73, den R.-Ae. d. Res. Doktoren 
A. Domes des Feld-Sp. Nr. 9/13, J. Rojar des I.-R. Nr. 100 das 
Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärver¬ 
dienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. V. Reisner des Feld-Sp. Nr. 7/5, 
A. Feld des I.-R. Nr. 90, dem O.-A. Dr. V. Gärtner der Div.- 
San.-A. Nr. 41, den O.-Ae. d. R. DDr. P. Szlavik des I.-R. Nr. 37, 
V. Schiller des l.-R. Nr. 54, F. Smieka des I.-R. Nr. 56, G. 
Weisz des I.-R. Nr. 100, F. Polin des F.-K.-R. Nr.4, dem vor dem 
Feinde gefallenen A.-A.-St. Dr. J. Wangel des Garn.-Sp. Nr. 26, 
den A.-Ae. d. Res. DDr. G. Hanek des I.-R. Nr. 37, K. Prosehko 
des I.-R. Nr. 94, L. Zsoldos des I.-R. Nr. 86, J. Krepil des 
Feld-Sp. Nr. 1/7, den Lst.-A.-Ae. DDr. J. Markus des Landes¬ 
gen damerie-Kmdo., F. Glanz des Feld-Sp. Nr. 1/7, C. Branesity 
des I.-R. Nr. 25 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am 
Bande der Tapferkeitsmedaille, dem A.-A.-St. d. Res. Dr. L. W ex¬ 
berg des F.-K.-R. Nr. 6 das Goldene Verdienstkreuz am Bande 
der Tapferkeitsmedaille verliehen, den R.-Ae. DDr. L. Ulhy der 
Div.-San.-A. Nr. 37, J. Miessler des L.-I.-R. Nr. 7, F. Baxa des 
F.-A.-R. Nr. 1, J. Jira des F.-J.-B. Nr. 10, 0. Slanina des 
F.-J.-B. Nr. 5, S. Vrana des D.-R. Nr. 1, den R.-Ae. d. Res. 
DDr. E. Horner und J. Frist des I.-R. Nr. 20, den O.-Ae. 
DDr. B. Moser des F.-J.-B. Nr. 10, R. Kantor des I.-R. Nr. 45, 
den O.-Ae. d. Res. DDr. K. Step an des F.-K.-R. Nr. 24, F. 
Deutsch des Ldsch.-R. Nr. II, den A.-Ae. d. Res. DDr. K. 
Pfeceehtel des I.-R. Nr. 20, K. Florian des F.-J.-B. Nr. 20, 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 


21. Februar. 


236 


E. Bokow des I.-R. Nr. 38, A. Revösz des U.*R. Nr. 12, A. 
Fr int der Div.-San.-A. Nr. 16, J. Jahn und F. Weidlich des 

I. -R. Nr. 1, J. Lehmann des I.-R. Nr. 3, E. Zemann des I.-R. 
Nr. 54, F. Remenovsky des I.-R. Nr. 8, den Lst.-A.-Ae. Doktoren 
R. Kronfeld und 0. Schulz der Div.-San.-A. Nr. 24 die a. h. be¬ 
lobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Im Landwehr¬ 
ärztlichen Offizierskorps wurden ernannt: zum Regimentsarzt 
d. Res. der O.-A. d. Res. Dr. K. Koch des L.-U.-R. Nr. 2; zu Ober¬ 
ärzten d.Res. dieA.-Ae.d.Res. DDr. A.Schmiedl d.L.-I.-R. Nr. 10, 

F. Pelikan des L.-I.-R. Nr. 26; zu Regimentsärzten d. Ev. die 
O.-Ae. d. Ev. DDr. F. Nedomlel, H. Trebifcsch; zu Oberärzten 
d. Ev. die A.-Ae. d. Ev. DDr. J. v. Braitenberg, B. Moschigg, 
O. Schey, S. Switalski, D. Lichtgarn, G. Freiberger, S. 
Prybilski, J. Peterka, F. Rosenthal; zu Landsturm-Regiments¬ 
ärzten die Lst.-O.-Ae. DDr.: A. Felber, V. Herling, A. 
Höberth, B. Ipavic, A. Mikolasek, L. Pastyrik, E. Rech- 
nitzer, R. Werner; zu Landsturm-Oberärzten die Lst.-A.-Ae. 
DDr. A. Adlerstein, H. v. Caucig, J. Foltis, A. Hecht, F. 
Hellauer, J. Helm, M. Hirsch, O. Hoch, G. Janöa, K. Jarek, 

J. Jisöik, H. Klemprer, A. Kohner, J. Lachmann, R. Lesk, 

H. Lob], H. Marfcinz, P. Mayer, T. Meissl, M. Mittler, K. 
Mörl, R. Mück, F. Münz, J. Pöllhofer, A. Roth, J. Rudolf, 
A, Schönbeck, H. Singer, R. Stern, J. Vesco, A. Wessely, 
J. Wieselmann, T. Zatelli, M. Ziembinski, G. Zipser. — 
O.-St.-A. H. Kl. Dr. F. Stach, [Sanitätschef des 2. I.-Div., ist auf 
eigenes Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden. 

(Hochschulnachrichten.) Berlin. Dr. F. Hübotter für 
Geschichte der Medizin habilitiert. — Budapest. Dr. G. v. Lob¬ 
mayer für chirurgische Operationslehre habilitiert. — Erlangen. 
Den Priv.-Doz. DDr. K. Kleist (Psychiatrie) und R. Kümmel 
(Augenheilkunde) ist Titel und Rang eines a. o. Professors verliehen 
worden.— Leipzig. Die Priv.-Doz. DDr. R.Ditler (Physiologie) und 
O.Gross (Pharmakologie)zua.o.Professoren ernannt. —München. 
Den Priv.-Doz. DDr. W. Specht (Psychiatrie), A. Uffenheimer 
(Kinderheilkunde), H. Herzog (Otologie und Laryngologie), H. 
v. Baeyer (Chirurgie), H. Süpfle (Hygiene und Bakteriologie), 

G. Freytag (Augenheilkunde), E. Rüdin (Psychiatrie), F. Plaut 
(Psychiatrie) Titel und Rang eines a. o. Professors verliehen. — 
Tübingen. Dem Priv.-Doz. Dr. A. .Reich (Chirurgie) Titel 
und Rang eines a.o. Professors verliehen. — Wiirzburg. Den 
Priv.-Doz. DDr. J. Köllner (Augenheilkunde) und E. Magnus- 
Aisleben (Innere Medizin) Titel und Rang eines a. o. Professors 
verliehen. 

(Merkblatt für Yolksernährung im Kriege.) Das 
Ministerium des Innern publiziertim „Oesterr. Sanitätswesen“ 
ein Merkblatt, das folgende beachtenswerte Leitsätze enthält: 

I. Täglicher Fleischgenuß ist nicht notwendig, kann durch Milch, 
Käse. Milch- und Mehlspeisen ersetzt werden; Surrogate für Riöd- 
und Schweinefleisch bilden Schaf- und Hammelfleisch, sowie Wild¬ 
bret und Fische. 2. Der beste Ersatz für Fett ist Zucker, und 
kann Obst, Obstmus, Marmelade und Honig statt des Fettauf¬ 
striches auf Brot verwendet werden. 3. Das Weizen- und Roggen¬ 
mehl kann ohne Geschmacksbeeinträchtigung mit Gersten-, Mais¬ 
und Kartoffelmehl gemischt werden; altes Brot ist frischem 
vorzuziehen. 4. Käse, Voll-, Mager-, Butter-, sauere Milch, Molke 
und Topfen sind für sich und bei Bereitung von Speisen zu 
empfehlen. 5. Bohnen, Linsen und Erbsen eignen sich besonders 
als nahrhafte Speisen. 6. Kartoffeln in der Schale gekocht und 
erst dann geschält, sind nahrhaft und vielfach als Nahrungsmittel 
zu verwenden. 7. Gemüse sind wegen ihrer Beschaffenheit als 
Abwechslung und des Wohlgeschmacks wegen gut bekömmlich 
und ersparen andere Lebensmittel. 8. Zucker ist ein treffliches 
Nahrungsmittel und kann Fett ersetzen; desgleichen ist Obst auch 
in gedörrter und eingemachter Form, sowie Kompott und Mar¬ 
meladen, ferner Honig als Nahrungsmittel indiziert. 9. Das beste 
Getränk ist Wasser, das nahrhafteste Milch. Der Nährwert 
geistiger Getränke sowie von Kaffee und Tee ist sehr gering. 
Ersatzmittel sind Milch, nahrhafte Milchsuppen, Mehlsuppen und 
Grütze. 

(Epidemiologisches.) Der Wiener t Magistrat versendet 
folgende Mitteilungen: Mit Rücksicht auf das Auftreten von Rück¬ 
falltyphus in verschiedenen Kronländern werden im Sinne des 
Runderlasses der k. k. n.-ö. Statthalterei vom 19. Januar 1915, 
Z. S. 167, die Wiener Aerzteschaft und die Leiter von Kranken¬ 
anstalten darauf aufmerksam gemacht, daß der Rückfalltyphus 
gemäß § 1 des Gesetzes vom 14. April 1913, R.-G.-Bl. Nr. 07, zu 


den anzeigepflichtigen Krankheiten zählt, und daß die Salvarsan- 
therapie bei der Bekämpfung dieser Krankheit sich besonders 
wirksam erwiesen hat. — Wiederholt wurden in letzterer Zeit so¬ 
wohl in Niederösterreich als auch in anderen Kronländern exanthe- 
matische Erkrankungen als Schafblattern diagnostiziert, während 
es sich im Verlaufe der Erkrankung oder bei Uebertragung auf 
andere Personen erkennen ließ, daß es sich um Blattern handle. 
Mit Rücksicht auf die nicht zu bestreitende Schwierigkeit einer 
exakten Blatterndiagnose, insbesondere bei den Leichterkrankungen 
geimpfter Personen, wird hiermit angeordnet, daß während der 
dermaiigen Bedrohung der Bevölkerung durch die Blattern alle 
Erkrankungen an Schafblattern bis auf weiteres als 
Blattern verdacht zu behandeln und auf die im Gesetze vom 
14. April 1913, R.-G.-B1. Nr. 67, vorgezeichnete Weise zur behörd¬ 
lichen Anzeige zu bringen sind. 

(Im Erholungsheim [„Aerzteheim“] in Marienbad) 
gelangen für die Monate Mai bis September 1915 50 Plätze an 
Aerzte der österreichisch-ungarischen Monarchie und des Deutschen 
Reiches zur Vergebung; damit ist verbunden: Aufnahme im 
Aerzteheim bis zu einem Monate gegen Entrichtung eines geringen 
Erhaltungsbeitrages, Befreiung von der Kur- und Musiktaxe, freie 
Bäderbenützung, Preisermäßigung in Restaurationen und im 
Theater u. a. m. Bewerber (nur Aerzte) um die Plätze wollen ihre 
Gesuche mit Angabe des Monates, in weichem sie den Platz be¬ 
nützen wollen, bis zum 30. März 1. J. an den Vorstand richten. 
Mitglieder des Vereines (mindestens 5K Vereinsbeitrag) haben 
den Vorrang bei der Vergebung der Plätze. Frauen von Aerzten 
finden nur in Begleitung und zur Pflege ihrer Ehegatten Auf¬ 
nahme. Insbesondere sollen jene Aerzte Berücksichtigung finden, 
die an den Folgen ihrer Tätigkeit im gegenwärtigen Kriege leiden 
und nach Kriegsverletzungen, rheumatischen Erkrankungen, Herz¬ 
affektionen u. a. Moorbäder oder Kohlensäurebäder u. dgl. ge¬ 
brauchen sollen, und können diese jetzt schon Aufnahme finden. 
Gesuche, Anfragen und Beitrittserklärungen (Retourmarke bei¬ 
legen!) an den Vorstand des Vereines Aerztliches Erholungsheim 
in Marienbad. 

(Todesfälle.) Gestorben sind: In Berlin der em. Professor 
der Geburtshilfe und Gynäkologie Geh. Med.-R. Dr. Robert v. Ols- 
hausen, 80 Jahre alt; in Freiburg i. B. der a. o. Professor der 
Dermatologie Dr. Eduard Jacobi im 52. Lebensjahre; in Heidel¬ 
berg der em. Professor der pathologischen Anatomie Geh.-R. 
Dr. Julius Arnold im Alter von 80 Jahren; in Göttingen der 
Ordinarius für Hygiene und med. Chemie Geh. Med.-R. Professor 
Erwin v. Esmarch, ein Sohn des verewigten Chirurgen, 69 Jahre 
alt; in Cambridge, wohin er nach Ausbruch des Krieges geflüchtet 
war, der frühere Professor der Anatomie und Neurologio an der 
Universität Freiburg i. B. Dr. A. van Gehucht en; in Frankfurt a. M. 
der Neurolog San.-R. Dr. Leopold Laquer im 58. Lebensjahre. 

(Statistik.) Vom 7. bis inklusive 13. Februar 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 14.392 Personen behandelt. Hiervon wurden 
1994 entlassen, 226 sind gestorben (10'l°/o des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 96, Scharlach 93, Masern —, Röteln—, Varizellen—, Diph- 
theritis57, Keuchhusten —, Mumps—, Influenza —, Abdominaltyphus 12, 
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand —, 
Wochenbettfieber 3, Flecktyphus 1, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬ 
nickstarre —. In der Woche vom 31. Januar bis 6. Februar 1915 sind 
in Wien 783 Personen gestorben (— 77 gegen die Vorwoche). 


Prof. Dr. Föderl ordiniert jetzt Montag, Mittwoch, Freitag 3—4, 
IX., Garnisongasse 1 (T. 17 075). 


Sitzungs-Kalendarium. 

Montag, 22. Februar, 6 Uhr. Oesterr, otolog. Gesellschaft. Hörsaal U r- 
bantschitsch (IX., Alserstraße 4). Demonstrationen. 

Donnerstag, 25. Februar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Medizin nnd 
Kinderheilkunde. Hörsaal Ortner (IX., Alserstraße 4). 1. Demon¬ 
strationen. 2. Diskussion über den Vortrag von Dozent A. v. Müller: 
Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie (gern.: H. Schlesinger, 
Salo inon, Weinberger, Porges, Falta, E. Pf ihr am, E. Freund, 
Fr. Spieler, A. Edelmann). 

Freitag, 26. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-, Frauk- 

SK gasse 8.) 


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban i Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur ihr Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien. 

Druck von Gottlieb Gi«tel & Cie., Wien, III., .Munzgasse ö. 


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Wien, 28. Februar 1915. 


XI. Jahrgang. 


Nr. 9. 


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Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

ProfMsor Dr. Kurt Brandenburg 

Berlin 


Verlag von 

Urban & Schwanenberg 
Wien 


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INHALT: Die Versergnng der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Fritz Gaheü, Kriegsverletzungen der peripheren Nerven. Priv.-Doz. 
Dr. Felix Pinktis, Die Läuseplage. Dr. Winekelmann. Turnen als Heilmittel. Stabsarzt Dr. Fromme, Typhusbekämpfung im VII. R.-K. Med.-Rat 
Dr. Krieg, Feber die Wirkung des Thermalwassers bei frischen Sehußverletznngen im Vereinslazarett Landesbad. — Abhandlungen: R. v. Jaksch, 
Statistischer Beitrag zu den Erfolgen der Schutzimpfung gegen Blattern. — Berichte über Krankheitsfälle nnd Behandlungsverfahren: Dr. Benno 
Stein. Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. — Aerztllche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungs¬ 
wesens: Dr. Hermann Engel, „Gefälligkeitsgutachtcn“. —- Referatenteil: Sammelreferat: Otto Mankiewicz, Uiologic: Ueber den Vorstcher- 
drtisonkrebs iinsbesondere das Frühstadiuin). — Aus den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Therapeutische Notiz. — Wissen¬ 
schaftliche Verhandlungen. — Bernfb- nnd Standesfragen : K. k. Gesellschaft dev Aerzto in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde 
in Wien. Wiener Dermatologische Gesellschaft. Berliner Medizinische Gesellschaft. Aerztlicher Vertun in München. Kriegschirurgische Abende zu Lille 

(Frankreich). — Kleine Mitteilungen. 

Der Verlag kehitt sieh io» ausschließliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift nun Erscheinen gelangenden Oriqinalbtiirägt vor. 

Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Kriegsverletzangen der peripheren Nerven 

von 

Fritz C&hen, Köln. 

Die Medizin steht heute unter dem Zeichen der Kriegs- 
ehimrgie. Jeder von uns, auch wer gewöhnt ist, täglich das 
Messer in die Hand zu nehmen, muß sich auf fremden, bisher 
von ihm wenig betretenen Pfaden bewegen, neue Eindrücke 
in sich aufnehmen und folgenschwere Entschlüsse fassen. 
Drei große Gebiete sind es, die uns täglich vor wechselnde 
Aufgaben stellen, die infizierten Schußfrakturen, die Gefäß- 
Verletzungen und die Nervenverletzungen. Es ist heute. 4 1 / 2 
Monate nach Ausbruch des Kriegs, viel zu früh, um Gefahren 
und Erfolge verschiedener Behandlungsmethoden gegen¬ 
einander abzmvägen; immerhin dürfte es zweckmäßig sein, in 
Gnem kurzen Rückblick einmal diejenigen Methoden an uns 
voriiberziehen zu lassen, die uns die moderne Chirurgie auf 
diesen Gebieten als Rüstzeug liefern kann. Unser heutiger 
eberblick soll sich auf die peripheren Nerven beschränken; 
ist dasjenige Kapitel, das den Kollegen, welche ohne 
längere speziell chirurgische Vorbildung an Kriegslazaretten 
tätig sind, am weuigsten gegenwärtig sein dürfte. 

Du* Chirurgie der Nerven bietet deshalb ganz besondere 
Schwierigkeiten, weil die Anatomie der Heilung von Nerven- 
"umlen trotz aller darauf verwendeten Arbeit noch nicht 
gelier festgestellt ist. Die bisher vorherrschende Ansicht, daß 
lg peripherische Stück eines durchschnittenen Nerven nach 
Abtrennung von seinem trophisehen ('entrinn jedesmal zu- 
giuinlc gehe und eine Regeneration nur von dem Auswachsen 
<e,s zentralen Endes zu erwarten sei, hat vielfachen Wider- 
s l‘rueli gefunden. Namhafte Forscher vertreten den Stand- 
PJ, ‘toß auch der peripherische Stumpf mit einer 
Neuerung der Zellen der R a n v i e r sehen Scheide an der 
egoneration teilnehme: diese gewucherten, aber unvoll- 
'ominen differenzierten Zellen sollen erst nach der Verbindung 
nut den centralen Fasern und infolge des dadurch auftretenden 
un tionsreizes zu Nervenfasern auswachsen. Bestellt die 
( j" e Auffassung zu Recht, so ist wahrscheinlich der Zeit- 
nin er Wiedervereinigung von Nervenverletzungen nicht 
w Bedeutung für das Endresultat: bleibt jedoch das 
ohrl^ f nsc ^ l(i lebensfähig oder wenigstens eine Zeitlang 
eiiJ v Fimktio ; iRr( ‘ iz lebensfähig, so ist natürlich ein Erfolg 
r * ervenveroinigung um so eher zu erwarten, je früher 


nach der Verletzung sie ausgefiihrt wird. Von besonderer 
Bedeutung für die ganze Nervenchirurgie sind in den letzten 
Jahren die bahnbrechenden Untersuchungen Stoffels ge¬ 
worden. Wir wissen heute, daß der Nerv aus vielen einzelnen 
Bündeln bestellt, deren jedes einen bestimmten Muskel oder 
einen bestimmten sensorischen Bezirk versorgt, und daß diese 
einzelnen Rahnen im (Querschnitte des Nerven eine konstante 
Lage eiiinehinen. Auf diesen neugewonnenen Kenntnissen 
bauen sieh eine Reihe von Verbesserungen und neuen 
Methoden auf, die allerdings erst auf breiter Grundlage 
praktisch geprüft werden müssen. 

Die Erfolge der primären Naht von glattdurehtrennten 
Nerven sind keineswegs absolut sichere und sekundär, das 
heißt längere Zeit nach der Verletzung genähte Nerven bleiben 
leider recht häutig funktionslos. Die Erlanger Klinik hat sich 
im Jahre 1918 der verdienstvollen Aufgabe unterzogen, Nach¬ 
frage nach 14 Fällen von Nervnaht anzustellen, die ein bis 
acht Jahre zurücklagen, und dabei nur 5 = rt / () geheilt resp. 

wesentlich gebessert gefunden. In diesen günstigen Fällen 
betrug die Zeit zwischen Verletzung und Naht bis zu zwei 
Monaten. Frühere Zusammenstellungen haben ergeben, daß 
die Erfolge der sekundären Nervenuaht innerhalb des ersom 
halben Jahres nach der Verletzung ebenso gute sein tollen 
wie bei der primären. Ob dies wirklich zutrifft, muß an dem 
reichen Material von Nervenverletzungen, das uns heute zu¬ 
strömt. nochmals sorgfältig geprüft werden. 

In der Kriegschirurgie kann uns die Frage nach dem 
Zeitpunkt einer etwaigen Operation nicht viel Kopfzerbrechen 
verursachen. Bei allen Schußverletzungen — Bajonett- 
Verletzungen spielen eine ganz untergeordnete Rolle — muß 
naturgemäß zuerst die Heilung der Weichteilwunde abgc- 
wartet werden. Die Isolierung der Nervenstämme erfordert 
ausgedehnte anatomische Freilegung — daher ist die absolute 
Sterilität der Wunde die erste Bedingung für den Erfolg des 
Eingriffs. 

Wenn wir über die große Anzahl von Nervenverletzungen 
unserer Verwundeten einen Ueberhlick gewinnen wollen.* so 
ergeben sich naturgemäß je nach der Ursache der Lähmung 
f o 1 ge »de («’ ru ppe n: 

1. (Quetschungen, 

2. Einschlüsse von Nerven in Bindeg’ewebsschwielcn 
oder Gallusmassen, 

' d. Drucklähmungen durch Aneurysmen, 


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UNIVERSITY OF IOWA 



238 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


4. Durchtrennungen oder Durchschüsse durch den 
Stamm, 

5. Durchspießungen auf einem benachbarten Knochen. 

Auf dem letzten Chirurgenkongreß hat Gerulanos 

seine Erfahrungen aus dem Balkankrieg über 50 operierte 
Nervenfälle vorgetragen. Wenn er als Zeitpunkt der Operation 
die vierte bis sechste Woche nach der Verletzung angibt, so 
muß es sich in der Überwiegenden Mehrzahl seiner Fälle um 
nicht infizierte Schüsse gehandelt haben. Unter den Nerven¬ 
verletzungen, die ich an zwei Kriegslazarettabteilungen von 
zirka 430 Betten in den verflossenen Monaten verfolgen 
konnte, fanden sich am häufigsten betroffen der Nervus 
ischiadicus oder seine Verzweigungen und der Nervus 
radialis; weniger zahlreich waren die Lähmungen des Nervus 
medianus, des Ulnaris und des Plexus brachialis oder axillaris. 
Die Entscheidung der Frage, wieviel auf einfache Quetschung, 
wieviel auf Durchtrennung zu beziehen ist, kann nur durch 
eine mehrwöchentliche Beobachtungszeit getroffen werden; 
sie fällt zusammen mit der Zeit, die die Heilung der Weich¬ 
teilwunden in der Regel erfordert. Geht die Lähmung zurück, 
tritt keine Entartungsreaktion auf, so kann man zunächst 
konservativ behandeln; bleibt umgekehrt die Lähmung be¬ 
stehen, die am Plexus brachialis und am Ischiaticus häufig mit 
starken ausstrahlenden Schmerzen verbunden ist, so springt 
die zunehmende Atrophie der Muskulatur bald in die Augen, 
es läßt sich Entartungsreaktion nachweisen, und es ist damit 
die Indikation zur operativen Freilegung der Nerven gegeben. 
Gerade bei unsem Soldaten halte ich es nicht für richtig, den 
Eingriff länger hinauszuschieben, als zur Gewinnung eines 
sicheren Urteils und eines aseptischen Operationsterrains er¬ 
forderlich ist. Auch bei bestgelungener Operation nimmt die 
Wiederherstellung der Funktion und damit der Dienst- oder 
Erwerbsfähigkeit eine recht lange und für den Verletzten 
recht langweilige Zeit in Anspruch, die nicht durch untätiges 
Warten noch mehr verlängert werden soll. 

Einer besonders eingehenden Erwägung bedürfen die 
Fälle, bei denen neben der Nervenverletzung Schußfrakturen 
der Knochen bestehen. Bei den Friedensverletzungen, wo bei 
Frakturen die Zeichen einer Lähmung auftreten — es handelt 
sich fast ausschließlich um Oberarmbrtiche —, geben 
S t r o e b e 1 und Kirschner den Rat, möglichst frühzeitig 
die Bruchstelle und den geschädigten Nerven freizulegen, die 
Bruchstücke zu vereinigen und den Nerven entsprechend 
seiner Verletzung zu versorgen. Anders liegen die Verhält¬ 
nisse bei den Kriegsverletzungen. Angesichts der ausge¬ 
dehnten Splitterung der Knochen halte ich es hier für rich¬ 
tiger, selbst bei aseptischem Verlaufe zunächst eine gewisse 
Konsolidation der Knochen vor der Nervenoperation abzu¬ 
warten, weil die frühzeitige Knochennaht leicht auf unüber¬ 
windliche Schwierigkeiten stoßen kann. Die eiternden 
Frakturen mit Sequesterbildung scheiden selbstverständlich 
vor der Knochenausheilung für eine Nervenfreilegung aus. 

Grundbedingung zur Operation ist absolutes Vertrauen 
zur Aseptik des Operationssaals; derartige Operationen sollten 
unsem modernen, gut eingerichteten Krankenhäusern Vorbe¬ 
halten und nicht in den in öffentlichen Gebäuden im¬ 
provisierten Lazaretten ausgeführt werden, die bei dem 
zusammengewürfelten Hilfspersonal, den beschränkten 
Operationseinrichtungen und endlich der großen Zahl von 
infizierten Wunden nur schwer die Garantie für einen unge¬ 
störten Heilverlauf bieten können. 

Die Operation beginnt jedesmal mit einer ausgedehnten 
Freilegung des gelähmten Nerven. Handelt es sich um 
umschriebene Hämatome oder Spätabcesse, die den Nerven 
zusammenpressen oder toxisch schädigen, so ist die Therapie 
mit der Incision dieser Ansammlungen gegeben. Schwieriger 
liegen die Verhältnisse bei Aneurysmen. Die Entfernung der¬ 
selben setzt ausgedehnte chimrgische Erfahrung voraus; 
namentlich in der Achselhöhle und an der Subclavia ist die 
Lösung der pulsierenden Biutsäcke von den Nervenstämmen 


eine mühsame Aufgabe, und leider überdauern die Lähmungen 
oft noch lange Zeit den Heilungsprozeß des Aneurysmas. 

Ist der Nerv in Schwarten oder Callusmassen einge¬ 
mauert, so muß er durch vorsichtige Arbeit aus dieser Um¬ 
gebung unversehrt herausgeschält werden. Bei Callusmassen 
habe ich einmal eine solche bindegewebige Degeneration des 
Nerven gefunden, daß ich das narbige Stück resezieren mußte. 
In solchen Fällen muß die Frage, ob die Nervenfasern in einem 
derartigen Teilstücke völlig zugrunde gegangen sind und ob 
demnach eine Resektion des Nerven notwendig ist, durch 
kleine Längsschnitte in den Stamm sorgfältig geprüft werden. 
Im Ischiaticus habe ich mehrfach umschriebene, auffallend 
harte, offenbar durch straffes Bindegewebe vernarbte Stellen 
gefunden, bei denen ich mich darauf beschränkt habe, durch 
mehrere seichte Einschnitte in der Faserrichtung, die Narben¬ 
massen zu sprengen und eine kräftige Dehnung des Stammes 
zur Lösung der Narben im umgebenden Bindegewebe anzu¬ 
schließen. 

Ueber die Nervennaht, sei es nach der Resektion, sei 
es nach Durchtrennung des Nerven durch die Verletzung, 
bringen alle unsere Lehrbücher ausführliche Anleitung. Ich 
halte es für wichtig, die Nähte perineural, das heißt in dem 
die Nerven umgebenden Bindegewebe durchzuführen. Ist der 
Stamm genügend ausgelöst, sodaß die Naht keine Spannung 
auszuhalten hat, so genügen zwei Nähte mit Darmseide und 
Darmnadeln zum Aneinanderlegen der Nervenenden. Be¬ 
achtenswert ist die Vorschrift Gerulanos', bei der Re¬ 
sektion den Nerven nicht sofort in der ganzen Dicke zu durch¬ 
trennen und vor der völligen Durchtrennung die Stümpfe 
durch eine Naht zu befestigen, um auf diese Weise eine Ver¬ 
bindung der miteinander korrespondierenden Bahnen im Sinne 
Stoffels zu erzielen. 

Komplizierter werden die Operationen, wenn größere 
Defekte nach der Entfernung von degenerierten Stücken oder 
nach ausgedehnten Weichteilzerstörangen entstehen. Defekte 
bis zu 3 cm lassen sich nach unsem heutigen Erfahrungen 
durch vorsichtiges Isolieren und Vorziehen der Nervenenden 
schließen. Wird der Substanzverlust größer, so kann zuweilen 
durch eine passende Gelenkstellung, namentlich am Ellbogen 
und Kniegelenk, eine starke Entspannung und Annäherung 
der gedehnten Nervenstümpfe herbeigeführt werden. Die 
Methoden der letzten 20 Jahre, die versuchten, durch Ab¬ 
spaltung eines gestielten Läppchens aus einem oder beiden 
Nervenstümpfen oder durch Ausfüllung des Zwischenraums 
zwischen den Nervenenden mit fremdem Material — seien es 
entkalkte Knochen, platte Seidenfäden oder Stücke eines 
frei transplantierten Blutgefäßes — einer Verbindung der 
Nervenbahnen den Weg zu ebnen, haben sich als unzuver¬ 
lässig erwiesen. An ihre Stelle ist heute die Nerven* 
pfropfung, das heißt die Verbindung des peripherischen 
Stumpfes eines gelähmten mit einem benachbarten unver¬ 
letzten Nerven, getreten, eine Methode, mit der zweifellos in 
einer Reihe von Fällen gute Resultate erzielt worden sind. 
Man hat entweder den peripherischen Stumpf des gelähmten 
in einen Schlitz des gesunden, sogenannten bahngebenden 
Nerven eingesetzt oder einen Teil des gesunden Nerven abge¬ 
spalten und zur Verbindung mit dem gelähmten benutzt oder 
endlich den gesunden Nerven völlig durchtrennt und sein 
centrales Ende mit dem ganzen Querschnitt auf den gelähmten 
auf gepfropft. Die erste Methode ist die älteste; sie wurde 
zuerst von D e p r ö s durch Ueberpflanzung des durch¬ 
schnittenen Medianus in den Ulnaris angewandt und hat den 
großen Vorteil, daß sie die Schädigung des bahngebenden 
Nerven auf ein geringes Maß beschränkt. Auf dem vorletzten 
Orthopädenkongreß zeigte vonSaar einen Fall von Neurom 
des Radialis, bei dem er mit gutem Erfolge die Einpflanzung 
des peripherischen Stumpfes des Radialis in den Medianus aus¬ 
geführt hatte. 

Die zweite Methode hat nach den Feststellungen 
S t o f f e 1 s ihr Bürgerrecht verloren; sie bringt den Operateur 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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in Gefahr, bei der Ausschneidung des Lappens eine wichtige 
oder gerade die wichtigste Bahn des gesunden Nerven zu 
durehschneiden. 

Die letzte Methode hat bei der Ueberpflanzung des 
N. accessorius oder des N. hypoglossus auf den gelähmten 
Facialis eine ausgedehnte Verwendung gefunden und ist da¬ 
durch in weitesten Kreisen bekannt geworden. 

Stoffel hat uns den Weg gezeigt, wie man bei der 
Abspaltung des Lappens aus dem bahngebenden Nerven 
wichtige motorische oder sensible Bahnen vermeiden kann, 
und in seiner Operationslehre eine Reihe von Methoden für 
die einzelnen Nerven ausgearbeitet. Die Schattenseite aller 
dieser Ueberpflanzungsmethoden, auch der Stoffel sehen 
Modifikationen, besteht darin, daß man zu einem großen 
vorhandenen Leitungsdefekte noch einen 
neuenhinzufügt, der allerdings nach den Vorschlägen 
Stoffels vorher genau bestimmt und begrenzt ist. 

Kürzlich habe ich*) eine neue einfache Methode zur 
Ueberbrtickung von Nervendefekten veröffentlicht, die mir 
bei der Excision eines Neuroms des Ulnaris einen auffallend 
guten und schnellen Erfolg verschaffte. ZurAusfüllung 
eines 10 bis 12 cmlangen Defekts des Ulnaris 
an der Innenseite des Oberarms verwandte 
ich ein Stück eines sensiblen Nerven des N. 
cutaneusantibrachii medialis. Ich durchschnitt 
den letzteren in der Höhe des peripherischen Ulnarisstumpfes 
und pflanzte sein centrales Ende auf den peripherischen 
Ulnarisstumpf auf; den centralen Ulnarisstumpf legte ich durch 
perineurale Nähte an den bloßgelegten Stamm des Hautnerven 
an. Auf diese Weise wurde also ein mit seinem trophischen 
Cent rum in Verbindung stehendes, lebensfähiges Stück eines 
sensiblen Nerven zwischen die Stümpfe eines durchschnittenen 
gemischten Nerven gleichsam als Leitungskabel eingeschaltet, 
und es ergab sich die interessante physiologische Tatsache, 
daß durch ein derartiges Zwischenstück motorische Impulse 
nach Zeit von fünf bis sechs Wochen hindurchgeleitet werden 
können. Auf die Frage, ob es sich dabei um ein Auswachsen 
der Fasern des centralen Ulnarisstuinpfs entlang der Leitungs¬ 
bahn analog den älteren Versuchen in das peripherische Stück 
des Nerven handelt, oder ob die sensiblen Fasern nach der 
Verbindung mit den beiden Stümpfen einfach als c e n t r i - 
fugale Leitungsbahn dienen können, will ich hier nicht 
weiter eingehen. Ich habe Gelegenheit gefunden, die Methode 
vor einiger Zeit bei einer Schußverletzung der Achselhöhle 
mit Zerstörung des Radialis zum zweitenmal anzuwenden. 
Da die übrigen Annnerven durch Quetschung und Narben¬ 
einschluß schwer geschädigt waren, so bestand eine ausge¬ 
dehnte Lähmung im Bereiche des gesamten Armplexus, und es 
dürfte geraume Zeit vergehen, bevor ein Urteil über den Fall 
gewonnen werden kann. 

Zum Schlüsse noch einige allgemeine Regeln zur Aus¬ 
führung von Nervenoperationen. Bei allen derartigen Ein¬ 
griffen ist eine vorsichtige zarte Handhabung der Instrumente, 
welche die Nerven freilegen oder zur Seite halten, anzuraten. 
Handelt es sich um die Isolierung des Plexus in der Achsel¬ 
höhle, so hat mir zur Unterscheidung der einzelnen Stämme 
die elektrische Reizung mit der Krause sehen Sonde gute 
Dienste geleistet. 

Jede Nervennaht oder Ueberpflanzung ist sorgfältig vor 
Narben oder Callusdruck zu schützen, am einfachsten durch 
Einschluß in umgebende Muskulatur; läßt sich das nicht er¬ 
reichen, so tritt die freie Fetttransplantation an ihre Stelle. 

Es ist angesichts der großen Ansprüche, die die Ver¬ 
wundetenversorgung an unsere ärztlichen Arbeitskräfte stellt, 
rine schwierige Aufgabe, der sorgfältigen Nachbehandlung 
unserer Nervenoperationen mit Bädern, Massage und Elek¬ 
trizität voll gerecht zu werden, aber anderseits wird die 

l ) D. m. W. 1914, Nr. 48. 


Wiederherstellung der Funktion eines einzigen gelähmten 
Glieds uns mehr Befriedigung gewähren als ein halbes 
Dutzend gut geheilter Amputationsstümpfe. 

Literatur: Stroebel u. Kirschner, Beitr. z. kL Chlr. Bd. 33. — 
Lexer, Aligem. Chirurgie. — Vulpius u. Stoffel, Orthopäd. Operationslehre. 
— Cahen, jD. m. W. 1914, Nr. 43. 


Die Läuseplage 

von 

Priv.-Doz. Dr. Felix Pinkus, Berlin. 

Der Krieg wertet auch die kleinsten Werte um: Welcher 
anständige deutsche Mann hat sich vor diesem Kriege um 
Läuse gekümmert? Eine wie wichtige Sorge sind sie aber 
in diesem Kriege geworden. „Schickt uns nur etwas gegen 
die Läuse; ich habe mich schon ganz mit Fenchelöl ein¬ 
balsamiert, und sie leben doch noch; sogar das Ganzneu¬ 
anziehen nützt nichts, man behält sie doch,“ ist der täglich zu 
hörende Notschrei namentlich der östlich kämpfenden Krieger. 
Das schreiben nicht vernachlässigte und unachtsame Men¬ 
schen, sondern Leute, an deren Eleganz vor dem Kriege nie 
ein Zweifel bestand. Es muß mit diesen Parasiten in Russisch- 
Polen besonders schlimm bestellt sein. Auch in Friedenszeiten 
ist man berechtigt gewesen, der Läusefreiheit russisch-pol¬ 
nischer Kaftane dringendst zu mißtrauen. Aber nicht nur 
dort herrscht diese Not. Die Läuseplage ist die Plage aller 
längeren Kriege gewesen. Von 1870 erzählen es uns noch 
unsere älteren Freunde. Von den friderizianischen Kriegen 
werden schlimme Dinge über das Ungeziefer berichtet. Aus 
dem Dreißigjährigen Kriege hören wir vom Simplizissimus 
schildern, welches Blutbad unter den Läusen angerichtet 
wird, wenn man sich mit seinem Wams an einem Baum den 
Rücken scheuert. Wen die Kleiderlaus mit ihren scharfen 
Mundwerkzeugen anfrißt, dem vergeht das Spotten über 
diesen kleinen unappetitlichen Plagegeist. Mit einem noch 
ganz andern Gefühl sieht man die Läuse aber an, seit man 
weiß, daß sie die Ueberträger des Flecktyphus 
sind. Durch ihre Läuse stellen die russischen Soldaten auch 
in der Gefangenschaft immer noch eine gewisse Gefahr dar, 
die leider einer Anzahl tüchtiger Aerzte bei uns bereits das 
Leben gekostet hat. 

Der in unsern Gebieten bekannten Läusearten gibt es 
drei. Zwei von ihnen, die Kleiderlaus und die Kopf¬ 
laus, sind nahe miteinander verwandt, erstere größer als 
die zweite. Ihre Verbreitungsgebiete am Körper sind streng 
geschieden, wie ihr Name es schon ausdrückt. 

Die dritte Läusesorte, die Filzlaus (Phthirius, 
Morpio), gehört einer entfernten Familie an und besitzt bei der 
Besprechung der Läuseplage keine sonderliche Bedeutung. 

Wir wollen unsere Ausführungen mit dieser unwich¬ 
tigsten Art beginnen. Im Frieden überträgt sie sich selten 
auf andere Weise als durch direkte Berührung der behaarten 
Körpergegenden zweier unbekleideter Menschen, also vor¬ 
zugsweise durch den geschlechtlichen Verkehr. Auch das 
soll im Kriege anders sein, und ich kenne Berichte, daß 
Soldaten aus dem Stroh, in welchem sie schliefen, am ganzen 
Körper von Filzläusen überfallen worden seien. Ob dies wahr 
ist, weiß ich nicht. Es mag ja sein, daß unter uns sonst 
unbekannten Bedingungen eine so ungeheure Menge dieses 
Ungeziefers abseits vom menschlichen Körper seinen Lebens¬ 
unterhalt oder wenigstens die Möglichkeit zur Eiablage ge¬ 
funden hat, daß solche Infektionen Vorkommen können. Be¬ 
züglich einer andern Parasitenart, der Flöhe, kann ich aus 
eigner Anschauung bezeugen, sie in einem gänzlich unbe¬ 
wohnten Raum in ungeheurer Menge den Boden bedeckend 
gesehen zu haben. Eine gleichmäßige, dichte Schicht von 
Flöhen sprang dort unaufhörlich durcheinander, so daß der 
Fußboden zu wogen schien. Ein mich begleitender weißer 
Hund war denn auch reichlich bedeckt mit ihnen, während 


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240 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


sie an meinen hohen Stiefeln und enganliegenden Hosen glück¬ 
licherweise einen undurchdringlichen Widerstand fanden. Die 
Flöhe können, wie ich gesehen habe, bei mangelnder Nahrung 
einige Tage am Leben bleiben, die Filzlaus stirbt aber sehr 
schnell ab und hält sich auch nur am Körperhaare des Men¬ 
schen. Am Kopfhaar ist. sie sehr selten. Ich habe trotz unaus¬ 
gesetzten Achtens auf diesen Funkt bei meinem sehr stark 
von Filzläusen heimgesuchten Prostituiertenmaterial erst nach 
sechs Jahren zum ersten und einzigen Mal eine einzige Filz¬ 
laus am Naekenluiare gefunden, umtauch diese war nach zwei 
Tagen von selbst wieder verschwunden, nachdem sie 
höchstens zwei Eier gelegt hatte, die sich aber nicht ent¬ 
wickelten. Augenbrauen und Augenlider sind sehr selten und 
angeblich meistens bei Kindern von Filzläusen befallen: ich 
selbst habe dort noch nie welche gefunden. 

Für eine nicht durch innige Berührung der unbekleideten 
Körper entstehende Phthiriasis müßten schon Bedingungen 
besonderer Natur vorliegen. Ich will nicht behaupten, «laß 
diese in Polen nicht denkbar wären. 

Diese Lüuseart besitzt nur geringe Bedeutung für unsere 
Frage. Um so mehr die beiden andern. 

Kopflaus und Kleiderlaus sind einander sehr 
ähnlich an Gestalt, erstere kleiner und wohl unempfindlicher 
gegen die Außentemperatur, beide lanzettförmig geformt, 
graudurchscheinend. 

Die K o ]) f 1 a u s schlängelt sich, außerordentlich schnell 
laufend und geschickt entschlüpfend, zwischen den Haaren 
hindurch. Sie klebt ihre Nisse dicht über dem Haarboden an 
die Kopfhaare und wandelt diese durch die 10 bis 20 cm weit 
dicht aneinandergereihten Eier manchmal in eigentümliche 
Bildungen, gleichsam Zwergperlenschnüre, um. Ein stark 
verlauster Kopf kann einem Medusenhaupte gleichen, auf 
dem eine dicke Schicht lebenden Gewimmels durcheinander 
wühlt, rund herum die eklen Tiere abtropfend. Die Kopfhaut 
sondert infolge der entstehenden Dermatitis dünnflüssiges 
klebriges Sekret ab, das zu Borken zusaimnentrocknet. die 
Haare verklebt, verfilzt, durch die Zersetzung dieser Klumpen 
und immer neue Absonderung einen scheußlichen, bitterlichen 
und Uebelkeit erregenden Gestank verbreitet. Zu der Kopf- 
hautdermatitis kommen ebensolche im Gesicht und am 
Nacken, Impetigo, sogar richtige Impetigo contagiosa, und 
Furunkel an Kopf und Hals hinzu. Es gibt Kinder, die den 
ganzen Winter über an Kopfekzemen leiden, die im Anfang «les 
Sommers heilen. Dies sind Läuseekzeme; die Läuse besiedeln 
den Kopf jeden Winter, wenn der Kälte Avegen die Haare 
länger wachsen gelassen werden, von neuem, und dem Kratzen 
folgen krustige Ekzeme; mit dem kurzen Haarschnitt im Früh¬ 
jahre heilt der Kopf wieder, da die Läuse mit den Haaren ent¬ 
fernt werden und in der kurzen sommerlichen Haartracht sich 
auf diesen Köpfen nicht wieder ansiedeln können. Weiterhin 
entwickeln sich große Halsdrüsen, die abscedieren können. 
Zum Schlüsse können diese tiefen Eiterungen eine mehr oder 
weniger vollständige selbständige Heilung dadurch hervor- 
bringen, daß infolge der Entzündung die Kopfhaare ausgehen. 
Naturgemäß ist für das Befallenwerden von Kopfläusen das 
weibliche Geschlecht mit. seinen langen und oft weitab¬ 
stehenden Haaren mehr geeignet als der Mann. Die Ueber- 
tragung muß außerordentlich leicht, durch ganz flüchtige Be¬ 
rührung erfolgen können. Es kommt gar nicht selten vor, daß 
von den Kopfläusen sorgfältige Damen befallen werden, die 
sicher in ihrem näheren Umgänge keine Gelegenheit zur In¬ 
fektion antreffen, deren einzige Berührung mit schmutzigen 
Individuen nur etwa in öffentlichen Fuhrwerken erfolgt sein 
kann, Avie zum Beispiel auf den Bücken an Bücken einge¬ 
richteten »Sitzplätzen unserer Straßenbahnen und Omnibusse. 

Die Therapie «ler Erkrankung ist sehr leicht. Benzin 
und Xylol und ähnliche Stoffe, Sabadill —, ja sogar gewöhn¬ 
licher Essig, Petroleum. Naplitholöl 5 °/„ (Vorsicht bei weißen 
Haaren wegen nicht Aviedcr zu beseitigender Delhiichfärbungt. 


namentlich aber Perubalsam (Specificum gegen den Gestank 
und die Eiterung) sind die gewöhnlichsten Mittel. Doch 
genügt auch schon gewöhnliches sorgfältiges Kämmen. So 
habe ich mehrmals an weiblichem Kopfhaare, das mir wegen 
Haarausfalls zur Untersuchung eingesandt worden war, 
einzelne Läuseeier gefunden. Sie saßen immer Aveit von der 
Haarwurzel entfernt an Stellen, die vor mehr als Jahresfrist 
nahe an der Kopfoberfläche sich befunden hatten. Die Er¬ 
krankung. von deren Vorhandensein die Trägerinnen keine 
Ahnung hatten, war also vor so langer Zeit unbemerkt abge¬ 
laufen. Die ganz vereinzelten Tiere sind offenbar einfach 
unbemerkt abgekämmt worden, ehe sie sich in bedeutenderem 
Maße fortpflanzen konnten, haben aber doch vorher noch hier 
oder da ein Ei angeheftet. 

Das mit den Läusen verbundene Kopf jucken brauchte 
nicht besonders aufzufallen, denn der Kopf juckt jedem 
Menschen so oft, daß man nicht immer dabei an Läuse zu 
denken braucht. 

Beim Manne, der Kopfläuse hat, schneidet man die 
Haare kurz (Basieren oder einfacher mit der Haarschneide¬ 
maschine), Aväscht den Kopf, und alles Ungeziefer ist fort. 
Exzeme heilen schnell unter weißer Präeipitatsable, 
Eiterungen und Furunkelbildung werden durch Histopinsalbe, 
bei größerer Ausbildung durch Alkoholabwaschungen und 
Verbände beseitigt. Natürlich darf nicht die Reinigung 
der Kopfbedeckung vergessen Averden. die durch 
Benzin, Petroleum oder durch ganz einfaches Ablesen der 
Läuse bewerkstelligt wird. 

Hefter als die Filzlaus am Kopfhaare sitzt die Kopflaus 
an Körperhaaren, bis zu den Pubes hinab. Sie ist dort aber 
auch mir ein Gast und pflanzt sich nicht fort, hat in dieser 
Lokalisation also keine Bedeutung. 

Die Avirkliche L ä u s c p 1 a g e erzeugt die dritte Läuse- 
art, die Kleiderlaus. Diese Läuse halten sich in den 
Kleidungsstücken auf und verteilen sich, in ihnen einher¬ 
laufend. am ganzen Körper. Sie haften nicht am Körper fest 
und legen auch ihre Eier nicht an den Körper oder an die 
Haare an. sondern nähren sich nur durch ihr Blutsaiigen von 
ihm. Sie sitzen in den Kleidern, besonders in den wollenen 
und baumwollenen Hemden und Hosen und kriechen über 
deren Hoffnungen am Hals und an den Händen heraus, außen 
herum an die Oberfläche und auf andere Menschen über und 
in Betten, Decken und alles, was an den läusebehafteten 
Menschen herankommt. Wer sich nicht vorsieht bei der Be¬ 
rührung verlauster Menschen, hat alsbald auch welche. So 
hören Avir, daß die Aerzte in den örtlichen Lazaretten nach 
Untersuchung und Behandlung sich jedesmal zunächst äußer¬ 
lich absuchen lassen müssen, und gar nicht selten an ihren 
Kleidern Läuse herumlaufend gefunden werden. Erst kriechen 
sie außen auf der Kleidung herum, aber sie laufen sehr schnell 
und linden bald einen Eingang am Kragen oder an den 
Aermeln. Sie suchen mit der ihnen innewohnenden, offenbar 
gar nicht geringen Insektenintelligenz so schnell wie möglich 
wieder an einen warmen und nahrhaften Nistplatz zu ge¬ 
langen. 

Eine der medizinischen Hauptfragen in diesem Kriege, 
die immer wieder, fast alltäglich, an den Dermatologen gestellt 
Avird. ist die: W a s macht man gegen die Kleider¬ 
läuse? Leider muß die Antwort noch lauten: Es gibt kein 
radikales Mittel, außer sich nackend a u s z i e h e n , 
baden, wenn es möglich ist (diese Prozedur ist A’ielleicht sogar 
nicht einmal unumgänglich nötig) und s i c h v o 11 k o m m e » 
mit neuen Sachen an ziehen* Aber auch diese 
Methode hilft nicht immer wegen der so sehr großen Nähe 
anderer mit Läusen behafteter Menschen, die alsbald neu 
infizieren und die durch das Kleiderwechseln erzeugte Läuse- 
freihoit zu einer mir sehr kurzen und vergänglichen Freude 
machen. Der K 1 e i «l e r w e c h s e 1 muß deshalb i in 
großen A’orgcn»>mmen werden. Alle müssen zusammen 


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28. Februar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 0. 


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sich ausziehen, sich abwaschen und läusofreie Kleider anlcgen. 
Den absoluten Erfolg durch den Kleiderwechsel sehen wir 
tätlich in der Praxis des Städtischen Obdachs in Berlin, dem 
Orte, wo Kleiderlauserkrankuiig“ fast täglich beobachtet wird. 
Die Menschen müssen sich ausziehen und ein Brausebad 
nehmen, in der Zwischenzeit werden ihre Kleider im großen 
IVberdnickdainpfsterilisator desinfiziert, nach dem YVieder- 
anklciden sind die Leute frei von Ungeziefer. Wo es nicht 
möglich war, die oft außerordentlich zerlumpten Kleider einer 
sn eingreifenden Prozedur wie der Dainpfsterilisierung auszu- 
fftzon, weil sie darin in unbrauchbare Trümmer zerfallen 
wlrcn. ode\* den Leuten statt ihrer Lumpen frische Kleider 
zu verabreichen, da wandte man — wie zum Beispiel zu 
K a p o s i s Zeiten in den Wiener Kliniken — die Eintauchung 
der ganzen Kleider in Benzingefäße an. Wenn es erst einmal 
möglich ist. die Kleider vom Leibe herunter zu bekommen, 
daun wird sich wohl immer leicht ein Verfahren finden, in 
diesen die Parasiten zu vernichten, sei es durch Dampf, sei es 
durch chemische Mittel. Der Gebrauch seidener Unterwäsche 
soll vor dem Befallemverden mit Läusen schützen. Ich selbst 
habe vor Jahren diese Tiere freilich auch in dem kost¬ 
baren seidengefütterten Kaftan eines gelehrten Warschauer 
Rabbiners munter herumlaufen sehen. 

Banz anders steht es, wenn es sich darum handelt, gute 
Mittel anzngeben, die Läuse fernzuhalten oder die eingc- 
drungenen ohne Kleiderwechsel zu beseitigen. Die am 
meisten empfohlenen Mittel sind ätherische < >ele. Vor allem 
Anisöl. dann Bergamottöl, Fenchelöl, stärker vielleicht noch 
das furchtbar durchdringend riechende Kümmolöl (Ol. carvi) 
sind in letzter Zeit direkt gegen die Läuse empfohlen und an¬ 
gewandt worden oder zeichneten sich in besonders hohem 
Maße gegen andere schwer vertilgbare tierische Parasiten aus; 
mit ihnen ist wegen der Gefahr der Nierenreizung Vorsicht 
geboten. Weiterhin ist Terpentin und Petroleum anwendbar, 
deren Feuergefährlichkeit aber die Bequemlichkeit ihrer An¬ 
wendung aufwiegt. Pulverisierte Asa foetida soll speeitisch 
wirken. Insektenpulver tötet sicher eine ganze Menge Läuse 
bei ausgiebiger Anwendung (Guniniibläser oder Zaelierün- 
tiitei. Als gutes Läusemittel (wenn auch vorzugsweise für 
Filz- und Kopfläuse) gilt seit dem Altertume die gram 1 Salbe. 

1 nguentiun hydrargvri einereum. Auch sie wird neuerdings 
empfohlen und als Einreibung von Amalgam in die Unter¬ 
wäsche in handlichere Form zu bringen versucht, wie es ja 
• S( ‘lmn vor Jahren gelang und noch viel in der Syphilis- 
tlmrapie gebraucht wird, reines Quecksilber in ein weiches 
Bcwebe (Mereolmtschurz) zu imprägnieren. Als allgemeines 
Mittel dürfte das Quecksilber wegen der Gefahr der Dermatitis. 
d<*r .Stomatitis und Enteritis nicht zu empfehlen sein. Besser 
Hb alle diese Mittel scheint mir aber der P e r u hals a m zu 
helfen. Seit gegen die Läuse genau so wie gegen Scabies 
Einreihungen mit Perugen vorgenommen worden, fehlen 
in meiner Krankenstation vollkommen die Hautreizungen, 
Flagmi über Schmerzen und die artefieiellen Exantheme, die 
bvi der Anwendung von grauer Salbe. Sabadillessig und auch 
bei den früher üblich gewesenen, aber nicht sicher wirksamen 
Einreihungen mit Xylol fast täglich gesehen wurden. Im 
Heagensglas gehen die Kleiderläuse durch Perugen recht 
leicht zugrunde. Ob das Mittel sich unter so abnorm un¬ 
günstigen Verhältnissen, wie ihn der russisch-polnische 
■S'hmutz darstellt, ebenfalls bewährt, kann natürlich nur ein 
'»Msur-h zeigen. Von allem bisher Empfohlenen scheint mir 
nber das IVntgcn und der Perubalsam, der nicht reizt, kaum 
F Arzneiexantlieme macht, nicht zu unangenehm riecht, vor¬ 
handene Ekzeme heilt mul gut juekstillend wirkt, daneben 
aber noch als sehr wichtige Wirkung mit Sicherheit die obon- 
Llls recht verbreitete Krätze heilt, das allerbeste Läusemittel 
f u * { ‘ m - wt *an die Möglichkeit des Kleiderwechselns nicht vor¬ 
handen ist. 


Aus dem Reservelazarett Görlitz. 

Turnen als Heilmittel 

von 

Dr. Winckelmann, Reservelazarettdirektor. 

Jedem in der Unfallheilkunde und -begutachtung tätigen 
Arzt ist die hohe Bedeutung der Bewegung als therapeutischen 
Faktors wohl bekannt, und das Bestreben muß dahin gerichtet sein, 
die Bewegung möglichst frühzeitig in den Behandlungsplan Ver¬ 
letzter cinzufügen. Demzufolge wird in den Reserve- und Vereins- 
laza retten des Bezirks Görlitz von der Massage, Gymnastik, sowie 
aktiven und passiven Hebungen an medioo-nipchaniscben Appa¬ 
raten der ausgiebigste Gebrauch gemacht. Doch schien mir das 
für eine große Reihe von Fällen noch nielit zu genügen; Die vielen 
hesehüftigiings- und zumeist bewegungslos zugobrachten freien 
Stunden der von ihren Wunden oder inneren Erkrankungen ge¬ 
nesenden Mannschaften haben mich zur Einführung des Turnens 
als Heilmittel veranlaßt: An drei Nachmittagen in der Woche 
werden die geeigneten Leute aus den verschiedenen Reservr- 
lazarettabteilungcn in eine von der Stadt Görlitz bereitwilligst zur 
Verfügung’ gestellte Turnhalle geführt, wo unter spezieller Leitung 
eines Arztes Turnstunden — Freiübungen — durch einen Turn¬ 
lehrer abgchalten werden. 

Die Erfolge dieses Turnens bestehen nicht nur in der durch die 
systematischen Lehmigen erzielten Erhöhung der Bcweguugslahig- 
keit des Körpers, sondern machen sich auch in psychischer Be¬ 
ziehung geltend, indem die Verletzten erhöhtes Vertrauen in die 
Gohrauehsfiiliigkcit ihrer Gliedmaßen und in die Leistungsfähigkeit 
ihres ganzen Körpers gewinnen. 

Feber die Auswahl der „Turner 1 * und die Erfolge im ein¬ 
zeln» n wird von Herrn Dr. Tri lim ich, Spezialarzt für Ortho¬ 
pädie. später berichtet werden. Ich möchte mit dieser kurzen Mit- 
icihmg nur die Einführung des Turnens in die Behandlung unserer 
Krieger angelegentlichst empfehlen. 


Typhusbekiiinpfang im VH. R. K. 1 ) 

von 

Stabsarzt Dr. Fromme, 

Hygieniker beim Korpsiirzt VII. Keservekorps. 

Von den Krankheiten, denen im Krieg eine besondere Be¬ 
deutung zukomnit. ist neben der (’holera in erster Linie der Unter¬ 
leibstyphus zu nennen. In früheren Kriegen ii hertraf der Verlust 
des Heeres durch typhöse Erkrankungen oft den durch Verwun¬ 
dungen um ein Vielfaches. 

!m russisch-türkischen Kriege 1H7IV77 erkrankten bei der Balkan- 
und kaukasischen Armee an typhösen Krankheiten etwa 200 000 und 
starben i-twa 40 000 Mann. 1870 71 fielen auf deutscher Seite durch 
TyphuseiKränkungen noch 74 000 Mann L etwa der Kopfstücke 
aus. von «lenen etwa 11 bis 12"/« starben. 

Seit 1870 sind nun auf dem Gebiete der Seuchenbekämpfung 
Fortschritte gemacht. 1884 entdeckte Gaffky den Typhus- 
bacillus. Wir lernten seine Lcbensbediugungen und damit auch 
Mittel zu seiner Bekämpfung kennen. Die Erfahrungen hei den im 
großen durchgeführten Typlmslu-käuipfüngsmaßnahmcn in d m 
hauptsächlich befallenen mul als Aufmarschgebiet wichtigen Siid- 
w Ostdeutschland haben vor allem die Bedeutung der B a o i 11 e n - 
träger für die Ausbreitung des Typhus gezeigt. 

Die ErkrankungszitTer an Typhus ist denn auch in den letzten 
Jahren immer mehr zufüekgogaiigon. Im Deutschen Reich ist sic R. 
von 10.0 " ...io iui Jahre 1004 auf J.!F'/wm> im Jahre 1000 und seitdem 
weiter gesunken. 

Zu Beginn dieses Kriegs lagen die Verhältnisse be¬ 
züglich Typhuserkrankungen unserer Truppen etwa so: Es mußte 
damit gerechnet werden, daß sowohl in unserm Aufmarschgebiete, 
besonders aber in Belgien und Xordfrankreieh vielfach Tvphus- 
erkrankinigen und Tvphushacillonträgvr angetroffen wurden und 
somit eine Ansteckungsgefahr für die Truppe bestand. Soweit das 
eigne Land in Betracht kam. ließ sich diese Gefahr mit einiger 
Sicherheit auf ein Minimum beschränken. Anders in Belgien, das 
in großer Eile durchzogen wurde und so eine Feststellung der 
Infektionsquellen zu allermeist unmöglich war. Es war infolge¬ 
dessen von vornherein mit Sicherheit auf einzelne Typhuserkran¬ 
kungen innerhalb unserer Truppen zu rechnen. 

1 ) Nach einem in der 2. inilitürürztliehen Sitzung der Sanitüts- 
oftiziere VII. Res.-Korps am 2(1. Dezember 1014 gehaltene» Vorträge. 


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Original fro-rri 

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242 


28. Februar. 


1 D1 5 — MEDIZINISI 


Um die Weiterverbreitung der durch diese infizierten Per¬ 
sonen in die Truppe hereingeschleppten Bacillen zu vermeiden, 
mußte alles daran gesetzt werden, solche Ersterkrankten so früh 
wie möglich aus der Truppe herauszunehmen, es mußte von vorn¬ 
herein dafür gesorgt werden, eine Verschleppung der ausgeschie¬ 
denen Bacillen zu verhindern. Mit dem Stuhle, dem Urin gelangen 
die ansteckenden Keime in die Außenwelt und es gehört eine ge¬ 
ringe Ueberlegung dazu, zu verstehen, welche Verbreitungswege für 
die Typhusbacillen nunmehr gegeben sind. 

Die Maßnahmen nun, die das Isoliertbleiben einzelner unver¬ 
meidlicher Typhuserkrankungen bezweckten, teilen sich in all¬ 
gemeine hygienische und besondere Anord¬ 
nungen. 

Unter die allgemeinen hygienischen Ma߬ 
nahmen fallen zunächst alle die, welche die Forderung der 
Sauberkeit in vollem Sinne zum Ziele haben. Diese 
Sauberkeit bezieht sich auf den Menschen selbst, auf Pflege der 
Haut, besonders der Hände durch Waschen, Bäder, Sauberkeit bei 
der Defäkation usw., bezieht sich auf seine nähere und weitere 
Umgebung, Sauberkeit der Unterkunft, Beseitigung aller fäulnis¬ 
fähigen Stoffe, also besonders der Speisereste und -abfälle; auf 
Sauberkeit des Hofs, unschädliche Beseitigung der Darmentleerun¬ 
gen durch Anlage einwandfreier Latrinen, und schließlich auf 
Sauberkeit der Hausumgebung, der Straße. 

Weiter ist zu achten auf all die Möglichkeiten einer Ueber- 
tragung von Infektionskeimen mit Nahrungsmitteln (Gemüse, 
Milch usw.), auf Reglung der Trinkwasserverhältnisse, Genuß ab¬ 
gekochten Wassers bei irgend zweifelhafter Beschaffenheit der 
Brunnen. 

Endlich sei zur Kräftigung der Widerstandsfähigkeit des 
Körpers der Wert warmer Kleidung, sowie aus¬ 
reichender und regelmäßiger Ernährung hervor¬ 
gehoben. 

Im einzelnen auf diese Verhältnisse einzugehen, würde zu 
weit führen. Die Durchführung der hygienischen 
Forderungen stößt naturgemäß im Felde vielfach auf 
Schwierigkeiten, besonders bei häufigem Wechsel der Ortsunter¬ 
künfte. Anders ist es, wenn die Truppe längere Zeit, wie jetzt, 
dieselben Stellungen einnimmt Wie sich gezeigt hat, läßt sich 
diesen Forderungen der allgemeinen Hygiene unter den jetzigen 
Verhältnissen weitgehend nachkommen, wenn immer wieder auf die 
Notwendigkeit der Maßnahmen, auf Sauberkeit usw. hin¬ 
gewiesen wird. 

Die besonderen zur Bekämpfung des Typhus ergriffenen 
Maßregeln erstrecken sich in erster Linie auf eine zeitige 
Erkennung der Erkrankung, um den Erkrank¬ 
ten so schnell wie möglich aus der durch ihn 
gefährdeten Umgebung herauszunehmen. 

Die frühzeitige klinische Erkennung einer 
Typhuserkrankung ist besonders dann erschwert, wenn, wie das 
auch jetzt beobachtet ist, der Verlauf der Erscheinungen von dem 
typischen abweicht Als solche abweichende Formen sind zu er¬ 
wähnen schwerste, rasch letal verlaufende Infektionen, bei denen 
die charakteristischen Lokalsymptome gar nicht ausgebildet wer¬ 
den. Oft beherrscht im Anfang eine örtliche Erkrankung das Bild 
(Pneumo-, Pleuro-, Meningo-, Nephro-, Tonsillotyphus). Ferner ist 
zu denken an leichte und leichteste, rasch verlaufende Erkran¬ 
kungen, an abortive, das heißt nach kurzem schweren Verlaufe 
fast kritisch endende, dann an die afebrilen und die ambulanten 
Formen, in denen das Krankheitsbild kaum ausgebildet ist Solche 
Kranke mit leichtem Verlaufe spielen häufig als ambulante Ba¬ 
cillenwirte eine für die Ausbreitung unheilvolle Rolle. 

Für den Truppenarzt stößt daher die Diagnose gerade mit 
Rücksicht auf den oft abweichenden Verlauf beim Beginne der Er¬ 
krankung auf große Schwierigkeiten. Um nun aber alle irgendwie 
typhusverdächtigen Personen so bald wie möglich aus der Truppe 
abzuBondem, wurden, als einige Typhuserkrankungen im Korps 
auftraten, auf Veranlassung des Korpsarztes, Generalarztes 
Nickel, zur Aufnahme Typhusverdächtiger Typhusbeob¬ 
achtungsstationen eingerichtet Leute, die an Fieber 
ohne erkennbare Ursache litten oder sonst irgendwie entfernt 
typhusverdächtig schienen, sollten in diesen, nahe der Front ge¬ 
legenen Stationen abgesondert und beobachtet werden. Es war 
auf diese Weise ermöglicht, einmal den Begriff „typhusverdächtig“ 
so weit als möglich zu fassen, anderseits im Interesse der Schlag¬ 
fertigkeit der Truppe die Mannschaften der Truppe nicht länger als 
nötig zu entziehen. 


■HE KLINIK — Nr. 9. 


Solche Typhiisbcoliarlitungsstationen wurden in A. für den 
rechten und in B. für den linken Flügel errichtet und der Leituug 
älterer Sanitätsoffiziere unterstellt, denen ein jüngerer Arzt zur 
Seite stand. 

Die Stationen sind in abgesondert gelegenen Häusern unter¬ 
gebracht, verfügen über eine Reihe leicht desinfizierbarer Räume 
für Verdächtige, für Kranke, die als typhuskrank erkannt waren, 
für Pflegepersonal usw. Der wirtschaftliche Betrieb wird in B. 
von der Station selbst, in A. unter Anlehnung an eine Sanitäts- 
kompagnie durchgeführt. 

Zum ausschließlichen Transport der Verdächtigen von der 
Truppe zu den Beobachtungsstationen sind diesen Wagen und 
Pferd zur Verfügung gestellt. 

Die Tätigkeit der Stationen gestaltete sich so, 
daß die Truppenärzte den Wagen zum Abholen der Kranken tele¬ 
graphisch anfordern. Ergibt die Beobachtung auf der Station An¬ 
haltspunkte für Typhusverdacht, so wird durch den Korpshygie¬ 
niker eine bakteriologische Blutuntersuchung vorgenommen. 

2 1 /a ccm Blut, der Armvene entnommen, kommen in ein Röhrchen 
mit Rindergalle und werden zwei Tage lang bebrütet. Bei Anwesen¬ 
heit von Typhusbacillen wachsen nach Ausstrich der angereicherten 
Galle auf Endo- oder Drigalskinährböden Kolonien, die durch ihr 
Aussehen, der specifischen Agglutination und Beweglichkeit der 
Bacillen gekennzeichnet sind. 

Erweist sich die Erkrankung klinisch als dringend ver¬ 
dächtig, so wird der Abschluß der bakteriologischen Untersuchung 
nicht abgewartet und der Kranke — ebenso wie jeder bakterio¬ 
logisch positive Fall — sogleich auf einem besonderen, vom Korps¬ 
arzt anzufordernden Wagen in das Seuchenlazarett der Etappe 
befördert. 

Kranke, bei denen sich der Typhusverdacht nicht bestätigte, 
werden nach Wiederherstellung zur Truppe entlassen. In einigen 
Fällen, die als Ruhr erkannt wurden, erfolgte Ueberweisung zur 
Darmkrankensammelstelle. 

Die Tätigkeit der beiden Stationen hat sich als zweckmäßig 
erwiesen. Bei etwa 25 °/ 0 der zur Beobachtung eingelieferten 
Kranken handelte es sich um Typhus. 

Was die vom Truppenärzte zu treffenden Anordnungen 
und Desinfektionsmaßnahmen im einzelnen Fall an¬ 
langen, so wird bei Typhus verdacht so verfahren, als wenn Typhus 
festgestellt wäre. Sie erstrecken sich auf gründliche Desinfektion 
der Unterkunftsräume mit Kresolseifenlösung, Verbrennen alles 
Verbrennbaren, vor allem des Strohs, laufende Desinfektion der 
Latrinen mit Kalkmilch oder Chlorkalkmilch. Zur leichteren Be¬ 
schaffung dieser Desinfektionsmittel waren dicht hinter der Front 
anfangs an drei, später an zwei Orten Niederlagen von Kalk und 
Chlorkalk eingerichtet. Wenn die Unterkunftsverhältnisse es zu¬ 
lassen, wird das Haus nach der Desinfektion gesperrt, im andern 
Falle nach der Desinfektion wieder freigegeben. Die Sperrung der 
Unterkunft wurde als notwendig erachtet, wenn die Bauart des 
Hauses eine Vernichtung der Infektionsstoffo als unsicher er¬ 
scheinen ließ. 

Personen, die mit den Erkrankten zusam- 
mengelegen hatten, wurden für sich untergebracht und 
soweit wie möglich auch im Dienste von andern Truppen fern- 
gehalten. 

Die Beobachtung erstreckte sich auf tägliche Temperatur¬ 
messungen für die Zeit von drei Wochen, um frühzeitig Krankheits¬ 
erscheinungen zu erkennen. Ferner wurden bakteriologische Unter¬ 
suchungen von Stuhl- und Urinproben vorgenommen. 

Dem Zwecke, typhuskranke Personen schnell aus ihrer Um¬ 
gebung zu entfernen, dienten weiterhin die Anordnungen, die sich 
auf das Nachrichtenwesen beziehen. Dieses wurde in der 
Hand des Korpsarztes möglichst zentralisiert. Jede typhusver¬ 
dächtige Erkrankung ist telegraphisch dem Korpsarzte zu melden. 
Die Verpflichtung dieser Meldung zwingt einmal den Truppenarzt, 
alle typhusverdächtigen Erkrankungen mit besonderer Sorgfalt z\ 
beachten. Vor allem aber wird der Korpsarzt durch umgehend« 
Benachrichtigung in den Stand gesetzt, die Ausführung der en 
forderlichen Maßnahme rechtzeitig zu übersehen. 

Jeder als Typhus festgestellte Fall wird vom Korpsarzt den 
Divisionsärzten (beziehungsweise den unmittelbar unterstellten 
Aerzten) telegraphisch mitgeteilt mit dem Ersuchen um Benach¬ 
richtigung der betreffenden Truppenärzte und Veranlassung von 
Erhebungen über die Infektionsquellen. 

Um über die Infektionsquellen Anhaltspunkte zu 
erhalten, sollten außer den Angaben des Kranken Berichte der 


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f?Ä. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Xr. 9. 


Truppe beziehungsweise des Truppenarztes dienen. Diese bezogen 
sieh auf genaue Angabe des Aufenthalts des Erkrankten nach Ort 
und Zeit drei bis vier Wochen vom Tage der Erkrankung rück¬ 
wärts gerechnet, ferner auf besondere Anhaltspunkte für eine An¬ 
steckung. Durch Kenntnis des Aufenthalts zu Beginn der Inkuba¬ 
tionszeit läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit der Ort der In¬ 
fektion ermitteln. Führen die Erhebungen bei mehreren Krank¬ 
heitsfällen auf ein und denselben Ort, so kommt diesem Ort als 
Infektionsquelle eine besondere Bedeutung zu. 

Die Ergebnisse dieser Erhebungen sind in untenstehender 
Tabelle zusa in in engestellt. Sic beziehen sich auf etwa 9 d°/ () der 
im Korps zur Beobachtung gekommenen Typhuserkrankungen. 


fcktionsorten fallen allein 44 °/ 0 außerhalb des vom Korps besetzten 
Gebiets. Also wenig über die Hälfte der Erkrankungen führen, 
soweit festzustellon, mit ziemlieber Sicherheit ihre Infektionsquelle 
auf das jetzt besetzte Gebiet zurück. Die Frage, wo die An¬ 
steckungskeime für diese Erkrankungen hernihron, möchte ich 
dabin beantworten, daß sie in erster Linie ans unserer Truppe 
seihst, stammen. Dafür spricht einmal die verhältnismäßig hohe 
Zahl der von auswärts eingesehleppten Fälle. Es ist naheliegend, 
anzunehmen, daß diese in der Truppe hier und da Typhusbarillen 
ausgestreut haben. Auch mit Typhusbacillenträgern unter den 
Soldaten als Ausgangspunkt von Infektionen ist zu rechnen. Es 
werden daher Stuhl und Urinprobe von allen Angehörigen des 


Mutmaßliche Infektionsquellen nach Aufenthalt der Erkrankten zur Zeit der Infektion. 


Die Infektion 

erfolgte 

Im Schlüssen- 
graben 

wahr- l vfel- 
scbeiol. 1 ) ! leicht 1 ) 

In Ortsunterknnft 
in Nähe des 
Schützengrabens 

scheinUchi vie,leicht 

In Ortsunterknnft 
weiter ab vom 
Schützengraben 

im Etappenort 
des 

Senchenlazaretts 

.Äe*“ 

außerhalb der 
Trappe 

s Äuch! rWl » icht 

auf Marsch dnreh 
Belgien und 
Nordfrankreich 

5 Ä 0 h ! ’"' lleteht 

auf Bahn¬ 
transport 

wahr- viel- 
scheinl. leicht 

Im September 

0% 

0 °lo 

0 % 

0 % 

0 % 

0 % 

0 % , 0 % 

0 % 

0 % 

100 % 1 0 % 

0 % ! 0 % 

„ Oktober 

133 » 

43.8 „ 

0 „ 

12£ „ 

24,1,, 

63 n 

13.8, l 12.5 „ 

6,9 „ 

63 ff 

10,3 * 6,3 „ 

31 „ 12,5 ff 

, November 

26,7 „ 

40 „ 

13 J 3 n 

0 „ 

40 ' 

20 „ 

13,3 „ 0 „ 

0 , 

0 „ 

0 „ 20 „ 

0 n 1 20 

, Dezember 

60 „ 

50 . 

20 , 

50 * 

10 „ 1 

0 „ 

10 „ ! 0 n 

0 „ 

0 * 

0 „ 1 0 „ 

0 „ i 0 „ 

insgesamt | 21,5% | 

43,5% 

6 % 1 

18 % 

21,5% | 

8,7% 

11 % 1 8.7% 

3 % . 

4,4% 

9 % | 8,7% 

14 % 1 13 % 


in der Heimat 


Aus der Tabelle ist zu entnehmen, daß die mit Wahrschein¬ 
lichkeit im Schützengraben erfolgten Infektionen eine verhältnis¬ 
mäßig geringe Zahl ausmachen, kaum l / 4 der Fälle, deren In¬ 
fektionsort mit einiger Sicherheit ermittelt wurde. Diese Gruppe 
hat in der letzten Zeit nicht nennenswert zugenommen. Es wäre 
zu denken, daß auf Erkrankungen innerhalb der Schützengräben, 
z. B. im Oktober, infolge Bacillenstreuung nach zwei bis drei 
Wochen die Zahl neuer Infektionen zunehmen würde. Immerhin 
ergab sich, daß bestimmte Gegenden offenbar wiederholt zu An¬ 
steckungen geführt haben. 

In 3 : 4 der Fälle waren die Infektionsquellen außerhalb der 
jetzigen Stellung zu suchen. 

Von den weiter zurückgelegenen Ortschaften bot ein Ort 
Interesse, auf den einige Erkrankungen zurückgeführt werden 
konnten. Diese verteilten sich auf verschiedene, voneinander ge¬ 
trennt gelegene Häuser. Die eingehenden Erhebungen auch unter 
<lor Zivilbevölkerung haben bisher eine Infektionsquelle nicht er¬ 
mittelt. 

Bei einem Orte lagen gewisse Anhaltspunkte dafür vor, daß 
das Trinken von infiziertem Bachwasser zu Erkrankungen ge¬ 
führt hatte. 

In einem andern Orte waren bei denselben Formationen zwei 
über sechs Wochen auseinandergelegene Typhuserkrankungen vor- 
gekonimen. Bei der letzten handelte cs sich uni einen Typhus- 
banllenträgor, der nach dem Ergebnisse der Sektion offenbar an 
einer Autoreinfektion erkrankt gewesen war. Klinisch anfangs 
nicht klar, ergab die Autopsie ein Gallenblasenempyem, Gallen- 
süine, entzündliche Milz bei normaler Darmschleimhaut; Reinkultur 
von Typhusbacillen in der Galle und Milz. Ein Zusammenhang 
zwischen beiden Fällen ist. nicht erwiesen. 

Bei einigen Erkrankungen fiel die Infektionszeit zusammen 
mit einem Aufenthalt außerhalb des Truppenverbandes. Es handelt 
sich um von der Truppe abgekommene Leute, die nicht beauf¬ 
sichtigt und, auf sich angewiesen, leichter der Ansteckung aus¬ 
gesetzt sind. 

In den ersten Wochen der jetzigen Stellung aufgetretene 
Erkrankungen weisen auf eine Ansteckung auf dem Marsche durch 
Belgien und Xordfrankreich hin. 

\ erhältnismäßig häufig sind die ira Oktober beobachteten 
deutel° nen ’ ^ eren ^ r8 I ,run ? au f Zeit des Bahntransports hin- 

Das Ergebnis der Erhebungen läßt sich dahin zusammen- 
f^seii, daß beim VII. Reservekorps von gehäuften Tvphusorkran- 
umgen nicht geredet werden kann. Es handelt sich um ver- 
^nkiin' 1 Uretene ’ < * urc * 1 Kontakt zustande gekommene Er- 

Von den mit großer Wahrscheinlichkeit ermittelten In- 

AnUnti Rubrik «'wahrscheinlich“ stehen die Fälle, bei denen als 
TbiVvrib '.• V, 1 ! en ! et ?ten Wochen vor der Erkrankung e i n Ort, in der 
l, , :q le die Fälle, bei denen mehrere Orte ermittelt wurden. 
I,.-. « !'.. 10 . Erkrankungsfall erscheint demnach in den Rubriken ,.viel- 
öin! r Wt ‘ n, r stf ' n * zwei Stellen. Bei der prozentualen Berechnung 
für (j! t C m ‘t großer Wahrscheinlichkeit- festgestellten Infektionsorte 
oit, r; 1 • . f 10 -vielleicht“ als Infektionsort in Betracht kommenden 
" fnr verglichen worden. 


Korps, die früher Typhus überstanden haben, untersucht. 

Eine andere Möglichkeit der ersten Infektion ist die, daß 
die Truppen im jetzigen Besatzungsgebiete durch Typlmsbacillen 
ausscheidende Z i v i 1 b e w o h n e r infiziert worden sind, das heißt 
also durch Typhuskranke oder durch gesunde Keimträger und 
Dauerausscheider. Es ist daher auf Veranlassung des beratenden 
Hygienikers, Oberstabsarzt U h l e n h u t h , auch den g e s u n d - 
h e i 11 i e h e n Verhältnissen in der Z i v i 1 h e v ö 1 k e - 
rung besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das ge¬ 
samte Korpsbereich ist in Bezirke eingeteilt, die bestimmten Herren 
zur gesundheitlichen Ueberwaehung zugewiesen sind. Hei allen als 
typhuskrank oder typhusverdäehtig aufgefundenen Personen ist 
nach entsprechenden Grundsätzen wie fiir .Militärpersonen zu ver¬ 
fahren, also telegraphische Benachrichtung des Korpsarztes, Ab¬ 
sonderung der Verdächtigen, Transport der Typhus-verdächtigen 
und Typhuskranken nach einem fiir Typhuskranke aus der Zivil¬ 
bevölkerung eingerichteten Typhushospital. Weitere Maßnahmen 
erstrecken sielt auf die erforderlichen Desinfektionen. Sperrung der 
betreffenden Häuser für Militär- und Zivilpersonen. 

Die Kontrolle der Zivilbevölkerung erstreckt sich des wei¬ 
teren auf F e s t s t e 11 u n g v o n g e s u n d e n B a e i 11 o n - 
trägem. Nach den Untersuchungen von Uhlenhuth sind 
fiir die erste Infektion in der hiesigen Gegend vielfach gesunde 
Bacillenträger der Zivilbevölkerung verantwortlich zu machen. 

Bisher sind in der Zivilbevölkerung des vom Korps besetzten 
Gebiets einige isoliert aufgetrefene Typhuserkiankmigen fest¬ 
gestellt. Eine lYbertraguug auf Militärpersonen hat nicht nach¬ 
gewiesen werden können. Umgekehrt ist mit Wahrscheinlichkeit 
die Infektion eines Kindes von einer Behausung ausgegangon, in 
der zuvor ein an Typhus erkrankter Mann gelogen hatte'. Die des¬ 
infizierte Wohnung war, obgleich gesperrt, von der betreffenden 
Familie bezogen worden. 

Zur l nterstiitxuug der Vorbeugungsmaßnahmen -wurde, 
schließlich eine a 11 g e m e i n e I) u r e h i m p f u n g des Korps 
ungeordnet. 

Die bisherigen Erfahrungen über den Wert der Typhussehutz- 
impfung im g-roßen stützen sieh im wesentlichen auf Statistiken 
aus Amerika, aus England, aus Frankreich, sowie aus Südwest¬ 
afrika. So sali L o i s h m a n bei englischen Truppen die Morbi¬ 
dität von 3% auf 0,5’\ : () , die Mortalität- von 0,5 °/ 0 auf 0,05 7 
herabgehen. Die Beweiskraft dieser Statistiken wird aber nicht 
allseitig anerkannt, weil die Bedingungen, unter denen die zum 
\ ergleiche herangezogenen Geimpften und Nichtgeimpften sieh be¬ 
fanden, nicht immer dieselben waren. 

Das aber hat unzweifelhaft festgestellt werden können daß 
dauernde Schädigungen infolge der Impfung nicht erfolgten 

Deshall) erscheint die Durchführung der Tvphussehutzimpfimff 
bei unsem Truppen durchaus berechtigt. Zur Bekämpfung des 
Typhus sollte unter den jetzigen Verhältnissen kein Mittel unver- 
sueht bleiben, das Erfolg verspricht, Zahl der Erkrankungen und 
rodesfälle herabzumindern. 

Die anfangs beobachteten heftigen R 0 i z e r s 0 h e i n u n - 
ge n im Anschluß an die Impfung hat man durch Herabsetzung der 
| zur Abtötung der Typlmsbacillen gewählten Temperatur von"00" 


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28. Februar. 


244 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


auf 53 0 soweit mildem können, daß nur ausnahmsweise vorüber¬ 
gehende Störungen der Berufs- beziehungsweise Dienstfähigkeit 
eintraten. 

Der Impfstoff besteht aus einer mit physiologischer Koch¬ 
salzlösung abgeschwemmten 24 ständigen Agarkultur von Typhus¬ 
bacillen. Diese Aufschwemmung wird lVa Stunden lang im Wasserbade 
von 54° abgetötet, auf Sterilität geprüft und sodann mit 0.5%igem 
Carbol versetzt. Es ist so mit Bestimmtheit zu sagen, daß alle 
Typhusbacillen abgetötet sind. Keime, die bei der Sterilisierung bei 
54 0 nicht abgetötet sein sollten, werden mit Sicherheit in kurzer Zeit 
durch den Carbolgehalt vernichtet. 

Der Impfstoff ist so konzentriert, daß in 1 ccm etwa eine Milliarde 
Bacillen enthalten sind. Für die erstmalige Einspritzung sind V 2 ccm, 
für die in Abständen von sechs bis zehn Tagen später erfolgende zweite 
und dritte Impfung je 1 ccm vorgesehen. 

Die Einspritzungen sollen unter aseptischen Vorsichts¬ 
maßregeln subcutan am besten zwei bis drei Finger breit unterhalb des 
Schlüsselbeins erfolgen, das erste und dritte Mal links, das zweite Mal 
rechts. Zur Hautdesinfektion empfiehlt sich. Jodtinktur zu nehmen. 
Der in sterilen Behältern (ausgekochten kleinen Weingläsern) gut um- 
geschüttelte Impfstoff wird in 10 oder 5 ccm Rekordspritzen hoch¬ 
gesogen. Die Sterilisierung der Kanülen zwischen den Einzelimpfungen 
erfolgt am einfachsten durch Ausglühen in einer .Spiritusflamine. Als 
Kanülen bewähren sich Acufirm- oder Platiniridiumnadeln. 

Um über den Wert der zur Verfügung stehenden Impfstoffe 
bezüglich der nachfolgenden Reaktion Anhaltspunkte zu gewinnen, 
wurden die Typhussehutzimpfungen im Korps zunächst in kleinen 
Formationen durchgeführt und dabei Aufzeichnungen über die 
beobachteten Erscheinungen gemacht. Als Ergebnis dieser Unter¬ 
suchungen hat sich etwa folgendes herausgcstelit. 

Der Grad der Reaktionen ist einmal von der Her¬ 
kunft des Impfstoffs abhängig. Die zur Verfügung 
stehenden Impfstoffe wiesen in dieser Beziehung erhebliche Unter¬ 
schiede auf. 

Der Ausfall der Reaktionen ist weiterhin individuell 
verschieden, ohne daß sieh indes im voraus bestimmte An- | 
haltspunkte angeben ließen. Weder die Berufstätigkeit, noch die 
Köiperkoustitution scheinen von Einfluß zu sein. Dagegen ist des | 
öfteren beobachtet, daß bestehende krankhafte Zustände offenbar 
infolge der Impfung eine vorübergehende Verschlimmerung er¬ 
fahren; z. B. Herzbeschwerden, Herzklopfen, auch katarrhalische 
Zustände. Feiner gaben drei einer Kolonne angehörende Leute 
an, daß nahezu abgeheiltc Hautverletzungen im Anschluß an die 
Impfung sich wieder verschlimmerten. 

Die Erscheinungen nach der zweiten und dritten Impfung 
sind im Ganzen genommen geringer, ohne daß im einzelnen gesagt 
werden kann, daß einer starken Reaktion nach der ersten Impfung 
eine geringere nach der zweiten oder dritten folgen würde oder 
un»gekehrt. Der Impfschutz beginnt etwa zwei bis drei Wochen 
nach der letzten Impfung. Seine Dauer wird auf ein bis zwei 
Jahre angegeben. _ 

lieber die Wirkung des Thermalwassers bei 
Irischen Schuß Verletzungen im Vereinslazarett 
Landesbad 

von 

Med.-Rat Dr. Krieg, Baden-Baden. 

Unter den in Baden-Baden eingerichteten Lazaretten steht 
das Großh. Landesbad mit 130 Betten in erster Linie. Das Ge¬ 
bäude dient in Friedenszeiten zur Aufnahme von 153 Kranken, die 
hier die altberühmten Heilquellen benutzen wollen, sodaß bei der 
Umwandlung in ein Lazarett die weitgehendsten Ansprüche hin¬ 
sichtlich Luft und Lieht befriedigt werden konnten. Die Zahl 
der vorhandenen Badezellen für Thermal- und Wildbäder,, die Ein¬ 
richtung für Kohlensäure- und Bogenlichtbäder, für Fango¬ 
packungen, die Heißluftapparate nach .T a 11 e r m an vereinigen 
in sich eine Fülle von Heilfaktoren, wie sie außer in Kurorten 
schwerlich in Lazaretten zu finden sind. Die unmittelbare Nähe 
der Großh. Badeanstalten mit ihren Dampfbädern, den großartigen 
Einrichtungen für Heilgymnastik, das mit den modernsten Appa¬ 
raten versehene Inhalatorium ergänzen die uns zu Gebote stehen¬ 
den Kurmittel in kaum zu übertreffender Weise. Es lag daher der 
(':'«lenke sehr nahe, alle die Schätze durch die Umwandlung des 


Landesbads in ein Lazarett für unsere tapferen Streiter nutzbar zu 
machen. In dankenswertester Weise hat die Großh. Regierung 
sowohl hinsichtlich der technischen Einrichtungen wie hinsichtlich 
der Verpflegung kein Opfer gescheut, um das Landesbad zu einem 
Musterlazarett einzurichten. 

Die erste Belegung des Lazaretts erfolgte in der Nacht des 
22./23. August und brachte 90 Verwundete direkt von den Schlacht¬ 
feldern bei Saarburg. Da die meisten Verletzten schon am dritten 
Tage nach der Verwundung ankamen und in vielen Fällen erst 
hier der erste Verbandwechsel stattfand, kamen die Wunden in 
den verschiedensten Stadien zur Beobachtung. 

Neben der üblichen Behandlung mit Jod, Perubalsam, 
Wasserstoffsuperoxyd entschlossen wir uns im Hinblick auf die in 
früheren Kriegen beobachtete gute Wirkung der Bäder auf gan¬ 
gränöse und eiternde Verletzungen, so viel als möglich das uns zur 
Verfügung stehende Thermalwasser bei der Wundbehandlung an- 
zuwenden. Dabei leitete uns der Gedanke, daß die Zusammen¬ 
setzung des Thermahvassers und sein Charakter als hypotonische 
Kochsalzlösung günstig auf die Strömungsverhältnisse von Blut 
und Lymphe einwirken müsse, sodaß die Selbstreinigung der 
Wunden gefördert wurde. Auch von dein Gehalt an Radium¬ 
emanation war eine hemmende Wirkung auf die Entwicklung von 
Eiter- und zersetzungserregenden Bakterien zu erwarten. 

Der Erfolg entsprach unsem Erwartungen und übertraf die¬ 
selben in vielen Fällen. 

Die Anwendung von Dauerbädern konnten wdr allerdings 
nicht durchführen. Anfangs versuchten wir Bäder von 35 0 C bis 
zu einer Dauer von zwei Stunden. Wir beobachteten aber öfter 
Ohnmachtsanfälle, die nicht im Verhältnisse zur Schwere der Ver¬ 
letzung standen, sondern wahrscheinlich noch auf den allgemeinen 
Shock auf dem Schlachtfelde zurückzuführen waren. Im Vergleiche 
zu der Widerstandsfähigkeit der in Friedenszeiten hier zur Be¬ 
handlung kommenden Rheumatiker schienen die im kräftigsten 
Lebensalter stehenden Verwundeten viel stärker auf die Bäder 
überhaupt zu reagieren. In der Folge blieb die Dauer des Bails 
in den meisten Fällen auf 1 / 4 Stunde beschränkt, nur bei der 
Weiterbehandlung wurde sie wieder bis zu einer Stunde ver¬ 
längert. 

Was nun die Wirkung auf die Wunden betrifft, so fiel die 
äußerst geringe lokale Reaktion auf. Bei den noch nicht eiternden 
wurde nie eine bösartige, fortschreitende, zu raschem Zerfalle 
führende Phlegmone beobachtet. Die Entzündung und die Infil¬ 
tration der benachbarten Gewebe und Weichteile blieb auf ein sehr 
geringes Maß beschränkt. 

Eine auffallend günstige Wirkung hatten die Bäder auf 
schmierige, jauchende Wunden, die sich schnell reinigten und ihren 
üblen Geruch sehr rasch verloren, besonders wenn größere Wund¬ 
flächen Vorlagen. 

Weniger gut bewährte sieh das Baden bei Eitergängen und 
Höhlen. Wir hatten hier den Eindruck, daß der Eiter eher gerinne 
und daß durch Aufquellen der Wundründer und der Granulationen 
der stete Eiterabfluß gehemmt werde. Auch zeigten die Granu¬ 
lationen nach längerem Baden ein blasses, welkes Aussehen und 
hatten wenig Neigung zur Ueberhäutung. Wir behielten in diesen 
Fällen das Bad bei zur Aufweichung des Verbandes und zum Be¬ 
spülen der Wunde. 

In allen Fällen wurde das Bad von den Verletzten als sehr 
wohltuend und schmerzstillend empfunden und immer wieder ver¬ 
langt. Nach unsern bisherigen Erfahrungen halten wir die An¬ 
wendung von Thermalwasser zu Spülungen und Bädern für ein 
ausgezeichnetes Mittel bei frischen Verletzungen zur raschen Rei¬ 
nigung und zur Hintanhaltung der Resorption giftiger Wund- 
sekrete sowie zum Hinweghelfen über die erste akute Reaktions¬ 
periode. Bei jauchigen Prozessen, sofern für gehörigen Abfluß 
gesorgt wird, ist das Bad außerordentlich wirksam hinsichtlich 
der Umwandlung des bösartigen Charakters in einen normalen 
Heilungsverlauf. 

Ueber die Wirkung der Thermalwasseranw r endung bei der 
Weiterbehandlung soll später berichtet werden. Wir wollen nur 
jetzt schon hervorheben, daß in allen geeigneten Fällen durch die 
frühzeitig einsetzende Bewegung der verletzten Glieder unter 
Wasser die Neigung zu Contracturen der Muskulatur und zu Ver¬ 
steifung der Gelenke erfolgreich bekämpft wurde. 


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UNIVERSUM OF fOWA 



245 


28. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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i Ver- 


Abhandlungen. 


Statistischer Beitrag zn den Erfolgen der 
Schutzimpfung gegen Blattern 

von 

R. von Jakseh, Frag. 


Seit vielen Jahren habe ich mein klinisches Material 
benutzt, um Notizen über den Impfzustand meiner Kranken 
zu sammeln. Ich wähle aus diesem Material die Zeit vom 
1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1912, also ein Dezennium, 
in welchem in Prag Blatternerkrankungen, die im vorigen 
Jahrhundert hier endemisch waren und nach dem Jahre 1870 
als Folge des Deutsch-Französischen Kriegs wiederholt große 
Epidemien hervorriefen — so starben z. B. im Jahre 1872 
642, 1873 460, 1877 658, 1880 491, 1888 414, 1889 
208 Personen an Blattern 1 ) —, im Abklingen waren. Es fällt 
also diese Statistik in die Zeit, in welcher die Blattern¬ 
erkrankungen in Prag sich bereits in absteigender Kurve 
befanden, und war seit Beginn des jetzigen Jahrhunderts, 
von einzelnen Fällen abgesehen, Prag blatternfrei. 

Ich halte es für notwendig, diese Bemerkung meiner 
nun folgenden Auseinandersetzung voranzuschicken* 

Bei 13.177 Kranken wurden im Dezennium vom 
1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1912 in den Krankheits- 
gescliiriiten Angaben über ihren Impfzustand und über die 
Tatsache, ob sie nach der Impfung an Blattern erkrankten 
und ob sie überhaupt geimpft waren, erhoben 2 ). 

Aus den Aufzeichnungen ergibt sich, daß 12.677 von diesen 
Kranken geimpft worden waren und daß in der späteren Zeit von 
den 12.677 Kranken nur 438 an Blattern erkrankten, das 
heißt, anders ausgedrückt, nach der Impfung blieben 
96,52°/ 0 blatternfrei und nur 3,45 % erkrankten an Blattern. 
Aber alle diese Kranken zeigten keine Blatternnarben. 
500 von den 13.177 Kranken waren nicht geimpft. Von 
diesen erkrankten an Blattern 358, also 71,6%. Allen 
diesen konnte man am Gesicht ablesen, daß sie nicht 
geimpft waren, denn alle diese Kranken zeigten mehr 
oder minder verunstaltende Blatternnarben, aber nicht nur 
im Gesichte, sondern zum Teil auch an der Brust und an 
den Extremitäten. Ich glaube, daß diese Tatsachen auch 
den eingeschworensten Impfgegner überzeugen müßten, daß 
der wohl von keinem denkenden Arzte geleugnete Impfschutz 
wirklich besteht. Insbesondere die Tatsache, daß 96,55 % 
der Geimpften nicht an Blattern erkrankten und nur 3,45 % 
an Blattern erkrankten, bei den Nichtgeimpften dagegen das 
entgegengesetzte Verhältnis sich herausstellte, daß 28,4% 
keine Blattern, 71,6% Blattern hatten, müßte sie über¬ 
zeugen. 

Drücken wir das Ergebnis dieser Statistik 
anders aus, so lautet es: Die Gefahr, an Blattern zu 
erkranken, ist für den Ungeimpften 20,7 mal größer 
a .l ^ en G . eini Ptten. Dabei führt die Blattern¬ 
erkrankung bei Ungeimpften zu entstellenden Nar¬ 
ben, führt also zu schwereren Erkrankungen als bei 
beimpften, welche die Erkrankung überstellen, ohne 
solche entstellenden Narben davonzutragen. 

Zu analogen Zahlen kam in neuerer Zeit bei einem 
andern Material und anderm Vorgehen (Zählung der Blattern¬ 
narbigen) Epstein 3 ). 

Vielleicht wird man sagen, man trage Eulen nach 
_ en ’ wen Q ma n heute auf wissenschaftlichem Boden auf 


J Altschul, Prag. m. Wschr. 41 , Sonderabdruck, 1915 . 
Dank« , JLri bl , n , rn ca »d* med. Lang, derzeit im Felde, zu besondere 

ent<ir)rPf.y,IÜÜ 1C är Rühe, welche er sich mit der Ausziehung de 

. en leiten aus der so ungemein großen Anzahl von Krankheit! 
*v^a.hten gegeben hat. 

) Epstein, Arch. f.Derm. IMS, 407 , 1918 . 


diesen schon längst anerkannten Standpunkt des Blattern¬ 
schutzes durch die Impfung zurückkommt, aber der Krieg 
hat Veranlassung gegeben, daß in Oesterreich die Blattern¬ 
erkrankungen allenthalben drohend ihr Haupt erheben, und 
so glaube ich, daß es nicht unangebracht ist, durch eine 
neue Statistik auf die unbedingte Notwendigkeit der Durch¬ 
führung der Vaccination und Revaccination hinzuweisen, 
um so mehr, als Oesterreich sich wohl eines Reichsseuehen- 
gesetzes erfreut, in dem leider unter dem Zwange der un¬ 
leidlichen parlamentarischen Verhältnisse der Impfzwang 
keine Aufnahme finden konnte, da ein derartiger Gesetz¬ 
entwurf niemals eine Majorität in unserm Volkshause ge¬ 
funden hätte, und doch wird die Regierung jetzt durch 
die Verhältnisse gezwungen sein, entsprechende Ma߬ 
regeln zu ergreifen. Aber auch das am 14. April 1913 in 
Kraft getretene Reichsseuchengesetz gibt übrigens der Re¬ 
gierung die Handhabe für eine solche Verordnung, indem 
in § 6, Absatz 1, verfügt wird: „Ueber jeden Fall einer“ 
„anzeigepflichtigen Krankheit, sowie über jeden Verdachtsfall“ 
„einer solchen Krankheit sind, neben den nach § 5 etwa er-“ 
„forderlichen Erhebungen, ohne Verzug die zur Verhütung“ 
„der Weiterverbreitung der betreffenden Krankheit notwen-“ 
„digen Vorkehrungen im Sinne der folgenden Bestimmungen“ 
„für die Dauer der Ansteckungsgefahr zu treffen.“ Unter 
diesen für die Bekämpfung der Blatternnot im Sinne dieses 
Paragraphen erforderlichen Vorkehrungen gehört ohne Zweifel 
auch: die Schutzimpfung! 

Auf Grund dieser Statistik habe ich mich auch zu¬ 
rechtzufinden gesucht über die Zeit, wann bei den 438 Ge¬ 
impften nach der Impfung Blatternerkrankungen auftraten. 
Nur bei 243 Fällen waren genaue Daten, welche sich sta¬ 
tistisch verwerten ließen, zu ermitteln. Es ergab sich, daß 
bei 129 von diesen 243 Geimpften, die später an Blattern er¬ 
krankten, ein Zeitraum von mindestens 10 Jahren oder noch 
mehr seit der Impfung vergangen war, während die übrig- 
bleibende Anzahl, die im 9., 8., 7., 6., 5., 4., 3., 2. Jahre 
oder noch in kürzeren Zeiträumen erkrankten, bloß 114 
betrug. Im 9., 8., 7. und 6. Jahre nach der Impfung 
erkrankten 52, im 5., 4., 3. und 2. Jahre 43, im 1. Jahre 
nach der Impfung und in kürzeren Intervallen 19. Es geht 
aus dieser Statistik wohl klar hervor, daß der Schutz der 
Vaccination höchstens 10 Jahre andauert, daß aber schon 
im 9., 8., 7. und 6. Jahre nach der Vaccination wesent¬ 
lich höhere Erkrankungszahlen (52) als im 5., 4., 3. 
und 2. Jahre (43) Erkrankungen Vorkommen, wobei nicht 
geleugnet werden soll, daß in dem Zeiträume von 1 Jahre 
und weniger 19 Erkrankungen konstatiert wurden, was nur 
darauf hinweist, daß bei Bestehen der Gefahr einer epidemi¬ 
schen Verbreitung der Blattern es sich unbedingt empfiehlt, 
auch die vor 2 Jahren Vaccinierten neuerdings zu re- 
vaccinieren. 

Die Berechtigung dieser Forderungen ergeben nach¬ 
stehende Erwägungen: Die auffallend hohe Zahl von 10 Er¬ 
krankungen ein Jahr nach der Impfung findet ihre Er¬ 
klärung darin, daß es sich da um Individuen handelt, die 
eine besonders hohe Disposition zu Blatternerkrankungen 
hatten, sodaß der Impfschutz schon kurze Zeit nach der 
Impfung schwand. Diese Leute wären ohne Impfung infolge 
ihrer Disposition zu dieser Erkrankung gewiß sehr schwer 
erkrankt, ja wären vielleicht der Infektion erlegen, sicher 
aber hätten sie entstellende Narben davongetragen: geschützt 
durch die Impfung haben sie eine leichte, nicht entstellende 
Blatternerkrankung überstanden. Was die Zahl 9 betrifft, 
also Leute, welche schon kurze Zeit weniger als 1 Jahr 
nach der Impfung erkrankten, so handelte cs sich durchweg 
um Impfungen, welche vorgenommen wurden, weil die Ge^ 
impften sich einer Blatterninfektion ausgesefzf hatten, die 


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Original fro-m 

UNIVERSUM OF IOWA 



210 1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 0. 28. Februar. 


die in dieser Zeit (Inkubationszeit) durcbgeftihrte Impfung 
vor der Erkrankung nicht mehr zu schützen vermag, wohl 
aber führt sie einen leichten Verlauf der Erkrankung herbei. 
Ich schalte vorstehend noch eine graphische Darstellung 
meiner Beobachtungen ein. 

Ich möchte noch bemerken, daß die Zahl 8 der Tabelle 
insofern auf 6 zu verringern wäre, als bei 2 Fällen, bei 
welchen die Erkrankung 2 Jahre nach der Impfung eintrat, 
die Bemerkung sich findet, daß die Vaccination keinen Er¬ 
folg hatte. Da ich mich aber unbedingt nur an die erhal¬ 
tenen Zahlen hielt, um jeden Schein von Subjektivität zu 
vermeiden, habe ich trotzdem die Zahl 8 in die Tabelle auf¬ 
genommen. 

Zum Schlüsse möchte ich der Ueberzeugung Ausdruck 
geben, daß noch jetzt, wo nach den Ausweisen des Oester- 
reichisehen Sanitätswesens 1 ) vom 7. und 14. Januar Blattern¬ 
erkrankungon in Niederösterreich, Böhmen, Mähren und 
Schlesien vorkamen, es möglich wäre, der jetzt unleugbar 
drohenden Gefahr einer epidemischen Verbreitung der Blattern 
durch entsprechende Maßregeln, insbesondere durch die so- 
also möglicherweise mit Blattern bereits infiziert waren, j fortige Erlassung einer Verordnung, welche den 
Wir wissen nun, daß einen mit Blattern bereits Infizierten 1 Impfzwang festsetzt, vorzubeugen. 


GESAMTZAHL DER. FÄLLE .1902-1912.'• 13.1 77 - 


DAVON GEIMPFT 1 12672 

DAVON ERKRANKTEN: 

AN BLATTERN: BUEBEN FR.E I 

M38 = 3.^5% 12 .Z3Q =36.55% 

KEINE BLATTERNARBEN 


DAVON NICHTGEIMPFT: 500 

davon erkrankten: 

AN BLATTERN: BUEBEN FREI*. 
358 = 71.6 36 
ALLE BLATTERNARBEN 


Von den h38 Fällen die Schutzblattern, ubirstancten, hotterC 
fanden sich, bei Zh3 Fällen genaue Auskünfte über ihren, 
Ompfz.usta.nd vor der Erkrankung. 

Es ergab sich folgendes: 

12 9: dieser Erkrankungen ereigneten sich 10 Jahre u.länger 
nach der Jrnpfung. 

11hmach einer kürzeren Zeit, davon: 

11 FÄLLE NACH. 9 JAHREN 

IO ~ 


17 

1^ 

20 

,1 

9 


" KÜRZERER ZEIT ALS 4 JA HR, 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren, 


Aus der I. medizinischen Universitätsklinik in Wien. 

Zur Kenntnis der Alcukiimien und zur Therapie 
leukämischer Erkrankungen 

von 

Dr. Benno Stein. 

Jüngst hat Hirschfeld (1) an Hand eigner und der in der 
Literatur vorliegenden recht spärlichen Kasuistik die Stellung 
der aleukämischen Myelose im System der Leukämie erörtert. 
Wir wollen hier über unsere einschlägigen Erfahrungen berichten. 
Vorausschicken wollen wir aber einen interessanten Fall aleukämi¬ 
scher Lymphadenose. 

I. B. L., 60 Jahre, Arbeiter. Seit Winter 1913 meTkt Patient 
die Hautveränderungen im Gesicht, weshalb er kürzlich die II. dermato¬ 
logische Abteilung (Prof. S. Ehrmann) des allgemeinen Krankenhauses j 
aufsuchte. Hier wurden multiple tumorartige Infiltrate im Gesicht und 1 
am linken Unterarme festgestellt. Bei einer bald nach der Aufnahme 
vorgenommenen internistischen Untersuchung wurde der Milzrand vier 
Querfinger unter dem Rippenbogen gefunden und der weiter unten ver- 
zeichneto Blutbefand erhoben. Uns wurde der Patient am 29. April d. J. 
zur Blutnntersuchung überwiesen. Inzwischen waren die erkrankten 
Hautpartien mit Röntgenstrahlen behandelt worden, zunächst der Vorder¬ 
arm, an dem jetzt nur mehr ein großer Pigmentfleck zu sehen war. Wir 
fanden alle zugänglichen Lymphdrüsen geschwollen, den gesamten lym¬ 
phatischen Rachenapparat mächtig hypertrophisch, keine retrosternale 
Dämpfung, die Milzdämpfung etwas vergrößert, den Milzpol jedoch nicht 
palpabel, die Leber besonders im linken Lappen beträchtlich verbreitert. 
Der Harn zeigte, von mäßigem Urobilingehalt abgesehen, keine 
pathologischen Reaktionen. Unter Berücksichtigung des Blutbefundes 
stellten wir die Diagnose auf „aleukämische Lymphadenose“, die 
uns schon tags darauf durch die histologische Untersuchung eines exstir- 
pierten Stückchens der pathologisch veränderten Hautanteile bestätigt 
wurde. Am 1. Mai brach beim Patienten ein Gesichtserysipel aus, dem 
er nach fünf Tagen erlag. 

Am Sektionstische wurde folgendes erhoben (Doz. Wiesner): 
„Leukämische Hyperplasie der Lymphdrüsen am Halse, am Unterkiefer¬ 
winkel, in der Axilla, geringe Hyperplasie an der Leberpforte und den 
retroperitonealen Lymphdrüsen. Mehrfache Infiltrate der Kopfhaut, aus¬ 
gedehnte leukämische Infiltrate der Zangengrandfollikel und der Ton¬ 
sillen. Chronischer hyperplastischer Milztumor. Perisplenitis. Im distalen 
Femuranteil rotes Mark. Follikelhyperplasie im Magen und Dünndarme, 
Pigmentation der Darmschleimhaut, Erysipel der rechten Gesichtsh&lfte, 
entzündliches Oedem des rechten Vorderarms, chronisches Lungen- 
emphysem.“ 

Bei der histologischen Untersuchung (Schnittfärbung mit Eosin- 
Hämatoxylin, nach Dominici und nach Pappenheim-Unna) fanden 
wir sowohl in der erkrankten Haut als auch iu Lymphdrüsen, Milz und 
Knochenmark sowie im lymphatischen Apparat des Rachens and Darmes 
typische diffuse lymphatische Proliferation mit Einlagerung von Plasma- j 
zellen. Daneben im Knochenmark© spärlicho Reste myeloischen Gewebes. ' 

Einen Tag vor dem Tode hatten wir noch Gelegenheit, eine Blut- l 


Untersuchung vorzunehmen, deren Ergebnis wir jetzt zusammen mit den 
früheren Befunden folgen lassen. 



1. Befund*) 

29. April 

4. Mai (Erysipel) 

Erythrocyten . . 
Sahli. 

3 872 000 

93 

4400 000 

85 F. 1. ca. 1 

| nicht bestimmt 

Leukocyten . . . 


13 000 


7 400 

22000 


> 

Gesamt- 

°/o 

Gesamt- 

°/o 

Gesamt- 


zahl 

zahl 

zahl 

Neutr. polym. . . 

45.0 

5,800 

29 

2,146 

73,4 

16148 

Eosin. „ . . 

0,5 

65 

2 

148 

— 

— 

Mastzellen . . . 

2.0 

260 

1 

74 

— 

— 

Mono. Ueberggf. . 

9,5 

1,235 

4 

296 

3,9 

858 

Lymphocyten . . 

40,5 

5,265 

59 

4,366 

19,9 

4 378 

Plasniazellon . . 

— 

— 

5 

370 

1,5 

380 

Myelocyten . . . 

— 1 

— 

— 

— 

1,8 

286 



Eryt 

irocyten 

Vereinzelt Poly- 




morph. normal; 

chromatopbilie; 




Blutplättchen 

reichlich Blut- 




spärlich. 

pl&ttchen. 


Das Bemerkenswerte an diesem Falle sind zunächst die 
Iymphoiden Hautinliltrate, an sich schon eine Seltenheit, haupt¬ 
sächlich deshalb, weil sie sich bei einer aleukämischen Erkrankung 
vorfinden. Weiterhin ist interessant, daß parallel mit der durch 
Röntgenbestrahlung einhergehenden Abheilung der Hautverände¬ 
rungen die Milz kleiner wurde, ohne daß sie selbst den Strahlen 
ausgesetzt war, und schließlich die nicht unbeträchtliche Zahl der 
Plasmazellen im Blute, der Plasmazellanhäufungen im Mutter¬ 
gewebe entsprachen und zuletzt noch die Veränderung des Blut¬ 
bildes durch die Erysipelinfektion. Der durch die lymphatischen 
Wucherungen schwer geschädigte hämatopoetische Apparat reagierte 
in ganz normaler Weise auf den infektiösen Reiz mit der typi¬ 
schen neutrophilen Loukocytose und entsprechender Vermehrung 
der Blutplättchen; das Auffällige dabei war bloß die hohe absolute 
Lymphocytenzahl, die gegenüber den früheren Befunden keinerlei 
Veränderung zeigte. Ganz analog war auch das Verhalten der 
Plasmazellen. Der leukämische Prozeß wurde demnach in 
keiner Weise durch die Interkurrenz des Erysipels tan¬ 
giert. 

Ob dieser Befund im Sinne der Unitarier oder Dualisten zu 
verwerten ist, bleibe dahingestellt. Jedenfalls führt er uns einen 
Schritt weiter in der biologischen Analyse der Blutmischung, 
weil er uns in besonders übersichtlicher Weise ihre Abhängig¬ 
keit von dem jeweiligen funktionellen Zustand der 


') Oesterr. Sanitätswesen 27, 12, 55, 85, 1915 
Von anderer Seite erhoben. 


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UNIVERSUM OF IOWA 





















2$. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


247 


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hftmatopoetischen Apparate und den jeweils einwirken¬ 
den Noxen zeigt. Er lehrt uns aber auch wie schwierig, ja un¬ 
möglich unter komplizierenden Umständen die Diagnose einer 
leukämischen Erkrankung werden kann. Damit leitet er uns zu 
einem Falle, der zu gleicher Zeit in unserer klinischen Beob¬ 
achtung stand. 

II. Oet., 45 Jahre, Beamter. Aufgenommen am 2. Mai, gestorben 
am 4. Mai 1914. Von dem psychisch alterierten Patienten ist nnr zu er¬ 
fragen, dal er einigemal in Beobachtung der psychiatrischen Klinik stand 
(nach Requisition wegen manisch-depressiven Irreseins) und daß er vor 
acht Tagen — angeblich ohne Schüttelfrost — erkrankt ist. Wir hatten 
vor ans einen kräftigen Mann mit subikterisch verfärbter Haut¬ 
decke, über welche Petechien schütter verstreut waren, nnd mit 
Cyaoose der akralen Körperteile, keine Oedeme. St&t. febr. (siche 
Temperaturkurve). Nirgends Drüsenschweilangen, Tonsillen und 
ZungenfoIIikel nicht vergrößert, keine retrosternale Dämp¬ 
fung. Die Skleren gelb. Ueber dem nicht verbreiterten Herzen 
dumpfe Töne, über ddm rechten Lungenunterlappen feuchtes Rasseln. 
Der derbe Milztumor reichte nach rechts bis zur Mittellinie, nach unten 
bis zur Nabelhöbe. Der stumpfe Leberrand war in der Medioclari- 
col&rlinie vier Qnerfinger unter dem Rippenbogen palpabel, die 
Konsistenz der Leber erhöht. Die Palpation bereitete dem Patienten 
Schmerzen. Keine Knochenschmerzhaftigkeit. 

Am zweiten Tage konnten wir über dem rechten Unterlappen die 
physikalischen Zeichen der Lungenentzündung feststellen. 

Im Harn, der durch Urate stark getrübt war und ein specifisches 
Gewicht von 1022 aufwies, fanden wir spärliche Eiweißfällung, geringe 
Spuren von Urobilin nnd deutlich positive Dinzoreaktion. 

Die Untersnchnng des Bluts sowie des Milzpunktats zeitigte fol¬ 
gendes Ergebnis: 



2. Mai 

3. Mai 

Milzpunktat 

Erythrocyten 



4 640 000 


Sahli 

• • 

nicht bestimmt 

83 

_ 

Färbeindex . 



1 

— 



42 im Kubik- 

230 im Kubik¬ 


Normoblasten 


millimeter = 10 

millimeter = 52 

74 auf 1000 



anf 

auf 

Leukoeyten 

J 


1000 Leukoeyten 

1000 Leukoeyten 


Leakocyten 


4240 

4400 

_ 

Nentr. polym. 


27.4o/o 

21,6% 

26,50 % 

Eosin. „ 


0.6 „ 


0 25 „ 

Mono. Uebergang . 

0,8 * 

1,0 ,, ! 

1.25 „ 

Lymphocyten (kl.) . 

32,8 11 

29,0 „ 

51,00 „ 

» 

gr.) . 

7,0 „ 

3,4 „ 

— 

Metamyel. . 


6,6 , 

25 0 . | 

4 25 „ 

Nentr. Myel. 


10,0 n 

5,6 „ 

300 || 

Eosin. Myel. 


0,2 n 


_ 

„Atyp. Lymphoid- 


I 


nesenzellen 


14,6 „ 

14,4 „ | 

13,75 * 


Maslzellen fehlten in allen Präparaten, Blutplättchen waren sehr 
spärlich vertreten, die Erythrocyten zeigten mäßige Anisocytose, keine 
Poiküocytose, vereinzelt fanden sich polychromatische Zellen, am zweiten 
Tag auch basophil punktierte. In einzelnen Normoblastenexemplaren 
waren Mitosen zu sehen. 

Bei der bakteriologischen Untersuchung erwies sich das Blut als 
steril. Wassermann negativ. Weder im Blute noch im Milzpunktat 
waren Parasiten zu finden. Bei Subvitalfärbung war keine basophile 
Substanz in den Erythrocyten zu sehen. 

Auf den ersten Blick imponierte das Krankheitsbild als hä¬ 
molytischer Ikterus und das Ergebnis der cytologischen Blut¬ 
untersuchung wäre vielleicht auch in diesem Sinne zu verwerten 
gewesen, wissen wir doch, daß bei akuten hämolytischen Attacken 
Ausschwemmung unreifer Zellelemente keine Seltenheit ist. Doch 
widersprach dieser Annahme der Mangel nennenswerter Uro- 
bilinurie sowie der negative Ausfall der Subvitalfärbung 
und die Resistenzerhöhung der Erythrocyten. Wir fanden 
den Beginn der Hämolyse in 0,36°/ o iger Kochsalzlösung, in 
0,2'2°' ü iger waren alle Erythrocyten gelöst. 

Es war daher nun an eine leukämische Erkrankung zu 
denken. Die einzige Schwierigkeit bereiteten dieser Auffassung 
die an 15 f> /o aller Leukoeyten betragenden, in der Tabelle kurz als 
»atypische Lymphoidriesenzellen“ bezeichneten Blutkörperchen. Ihre 
Größe erreichte etwa die zweifache der Myeloeyten, die kleinsten 
Exemplare waren an Dimension annähernd den Splenocyten gleich. 
Das stark basische, meist unregelmäßig umgrenzte, vielfach vakuo- 
lisierte Protoplasma, dem oft die Zellmembran mangelte und das 
den Kern in weitem Umkreis umgab, ohne eine porinucleare Zone 
freizulassen, erschien hei Giemsa-Färbung sattblau und fein 
strukturiert, in einzelnen Exemplaren war es von einer groben 
»a2ttrophilen 4 Körnelung dicht besetzt; in das Protoplasma eines 


solchen Züllexemplars fand sich ein Erythrocvt eingeschlossen 1 ), 
in andern etwa blutplättchongroße, azurfarbene Körperchen von 
fadenförmiger Struktur. Das Chromatin des ovalen oder unregel¬ 
mäßig gestalteten Kernes erschien in rosavioletter Farbe von mehr 
minder ausgeprägter wabiger Struktur, welche an die des Megalo¬ 
blastenkerns erinnerte, wodurch sich die Zellen von großen 
Lymphocyten wie auch von Myeloblasten aufdringlich abhoben. 
Von letzteren unterschieden sie sich auch durch die gegenüber 
dem Protoplasma viel dunklere Tönung des Kernes. Die hellblauen 
blutplättchengroßen und größeren Kernnucleolen waren in den ver¬ 
schiedenen Exemplaren verschieden stark vortreten (bis zu vier 
und fünf). In einer Zelle fanden sich zwei symmetrische Kerne, 
während Mitosen in keinem Exemplar festzustellen waren. Wie 
aus der Beschreibung ersichtlich ist, glichen manche dieser Ele¬ 
mente Myeloplaxen beziehungsweise den von Kl ein (2) als Prototyp 
der Myelogonie bezeichneten Formen. 

Dieser Umstand brachte es mit sich, daß wir uns doch dazu 
entschlossen, die Diagnose auf Splenomegalie durch „aleukämischo 
Myelose“ zu stellen, indem wir Atypie der Agranulocyten 
(Myeloplaxen beziehungsweise Myelogoniou) anuahmen. 

Da wir aber immerhin eine Trypanosomiasis aussc■hließon 
wollten, nahmen wir die Milzpunktion vor. Es fehlten im Punktat 
ebenso wie im Blute Parasiten, aber auch die Diagnose der Mye¬ 
lose wurde nicht gefördert, da auffälligerweise kleine Lymplio- 
cyten vorherrschten (siche Blutbefunde). Etwa eine Stunde nach 
der Milzpunktion starb Patient an den Erscheinungen d s Herz- 
kollapses. In der freien Bauchhöhle der Leiche fand sich, die 
Milz überdeckend, ein großes Blutkoagulum, ohne daß an der Milz 
ein Defekt konstatiert werden konnte. Wir möchten hervorheben, 
daß zur Punktion im letzten Intercastalraum in der Flanke mit 
kurzer dünner Nadel eingegangen und diese nach kurzem Zurück¬ 
ziehen des Kolbens schleunigst entfernt wurde. Dor unglückselige 
Ausgang dürfte durch die zufolge der Pneumonie bedingten Auf¬ 
lockerung des Milzgewebes, vielleicht auch durch erschwerte Ge¬ 
rinnbarkeit des Bluts veranlaßt worden sein. Jedenfalls mag dieses 
Ereignis zur Vorsicht vor der von Hirschfeld eindringlich 
empfohlenen und von ihm häufig geübten Milzpunktion warnen. 

Bei der Obduktion wurde von Herrn Dr. Kern folgendes Proto¬ 
koll abgegeben: „Myelogene Leukämie, beträchtliche Vergrößerung der 
Milz, Drüsen durchweg klein, isoliert, von weißlicher Farbe. Knochen¬ 
mark zum Teil Fettmark, zum Teil rötlich. LobuUrpneumonio dos rechten 
Unterlappeas, Residuen einer alten Endokarditis der Valvula mitraiis und 
fettige Degeneration des Herzens und der Leber, hämorrhagische Fu¬ 
sionen der Magenschleimhaut, ein Ulcus im Coeeum. Mehrere Infekte 
in der Milz, einige Adenome beider Schilddrüsenlappen, reichlich Blut- 
koagula im AbdoirenL 

Die histologische Untersuchung (Eosin-1 iäinntoxvlin und Domi- 
nici) bestätigte vollends das Bestehen eines leukämischen Prozesses Es 
fanden sich sowohl im Knochenmark als in den Lymphdrtlson typische 
myeloische Proliferationen, weiterhin auch in der Leber in Form um¬ 
schriebener Infiltrato, welche um die Gefäße und großen (ialleiigiirigo un¬ 
geordnet waren, ln diesen myeloischen Herden waren die großen „lyra- 
phoiden Riesonzcllen“ des Bluts neben Knochen mark rltncn z<-1 len in reich¬ 
licher Anzahl auzutrrfiVn. Um so auffälliger war es. die Milz von mye¬ 
loischem Gewebe frei zu finden; während die Follikel deutlich zu er¬ 
kennen, wenn auch sehr schmal waren, Lhlte die Pulpa vollkommen: An 
ihrer Stelle waren hyaline Massen, tifenbar geronnenes Fibrin, von 
zeliigen Elementen waren fast nur g oßo Leukocvien. zum Teil mit 
phagocytierten roten Blutkörperchen, zu sehen. !>■ Vor eigenartige Be- 
tuud ist wohl io. ht anders denn als Effekt der tödlichen Milzblutnng an¬ 
zusehen. Die Niere sowie der Verdauungstrnkt waren von specifischen 
Veränderungen frei. Im übrigen zeigten die Eingeweide das Bild paren¬ 
chymatöser Degeneration. 

Was diesen Fall besonders auszeichnet, ist das in seiner 
klinischen Symptomatologie als hämolytischer Ikterus 
imponierende Bild. Mag sein, daß diese Komplikation auf die 
gleichzeitige Pneumonie zu beziehen ist. Jedenfalls verdient neben 
dor hämorrhagischen Diatheso (Hautblutuugen und hämorrhagische 
Erosionen der Magenschleimhaut) dieser Umstand hervorgehoben 
zu werden, da in allen von Hirschfeld zusammengesteilten Fällen 
sich leichenblasse Hautfarbe verzeichnet findet und Weil und 
Clerc für ihre Fälle von „Splenomegalio ebroniquo avee anemie 
et myelömie“ die „enorme Blasse“ der Kranken als auffälligstes 
Symptom hervorheben (zitiert nach Hirsch feld). Der Ikterus 

*) Aehnliches sahen wir übrigens vorher schon zweimal: Bei einem 
Falle von Wirbelsltulencuries mit Visceralamyloid fanden sich bei be¬ 
stehender neutrophiler Leukocytose in das Protoplasma zahlreicher ein¬ 
kerniger Zellen (Lymphocyten oder Splenocyten?) Erythrocyten bis zu 
fünf an der Zahl eingeschlossen; ferner in vereinztdten Splenocyten- 
exempiaren bei einer gplenektomierten megalosplenischen Lebercirrhose 
nach Gel’itincinjektioii, 


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Original frn-m 

UMIVERSITY OF IOWA 




248 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


unseres Patienten ist noch dadurch besonders interessant, als er fast 
ohne Urobilinurie einherging, da das Fehlen von Urobilinogen 
im Harne nach der bisherigen Kasuistik und unserer 
eigenen Erfahrung zugunsten der Aleukämie dia¬ 
gnostisch verwertbar erscheint. 

Eine Ausnahme bildet bloß der Fall von Rychlik (B), auf 
den wir daher etwas näher eingehen wollen, zumal über ihn 
Hirschfeld nur nach einem unzureichenden Referat der Fol. haem. 
berichten konnte. 

18jäbriger Friseur, aufgenommen in die chirurgische Klinik der 
böhmischen Universität Prag anfangs Mai 1905. Vor % Jahren Gelb¬ 
sucht, gleichzeitig fast täglich in den Morgenstunden Krämpfe im Unter¬ 
leibe, die nach l /*- bis */*stündiger Dauer spontan schwanden. Dabei der 
Stuhl normal gefärbt. Zeitweise Durchfälle. Nach dem Essen Magen¬ 
drücken, einige Mal auch Erbrechen. Damals häufig Nasenbluten, meist 
nachts. Auf Karlsbader Kur und Eisentropfen vorübergehende subjektive 
Besserung. Im November merkte Patient eine derbe Resistenz in der 
Bauchgegend. Am 30. April schluckte er eine Nadel, weshalb er die 
Klinik auf suchte. 

Status praesens: Hautdecken dunkel pigmentiert von graugelber 
Farbe, Skleren ikterisch, Zahnfleisch leicht blutend, keine Drüsenschwel¬ 
lungen. Milz und Leber beträchtlich vergrößert, Gallenblasengegend 
druckBchmerzhaft, keine Knocbenschmerzhaftigkeit. Im Harne Bili¬ 
rubin und Urobilin reichlich vorhanden, Albumen und Bence- 
Jones-Körper nicht Dachweisbar, keine alimentäre Glykosurie. 

Da ein Morbus Banti im zweiten Stadium angenommen wurde, 
Bchritt man zur Splenektomie. Dimensionen der exstirpierten Milz: 
23x15x8 cm; reichlich Pulpa, Follikel spärlich. 24 Stunden nach 
der Operation Tod durch Herzparalyse. 


Blntbefunde 

- 

- 

Durch 

6 Min. Be¬ 
strahlung 
von Milz 
n. Knochen 
mit 

Röntgen 

Ante 

splen- 

ectomiam 

6 Stdn. 
post spien- 
ectomiam 

24 Stdn. 
post 
splen- 
ectominm 

Datum: 

20. Mai 

23. 

24. | 30. 

31. 

1. Juni 

Erytbrocyten . . 

3 624 000 

_ 

4 632 000 

4 18-1000 

6 050000 

6104 000 

Hilm. 

60% 

_ 

50% 

47% 

65 % 

65 % 

Leukocyten . . . 

15 600 

15300 

16 400 

14 300 

31 290 

1 25 600 

Leukoc. Erythroc. 

1:232 

— 

1:300 

1:292 

1:196 

1:238 

Polyn. noutr. . . 

66,4 % 

61,72% 

71,00% 

82,64% 

92,7 o/ 0 

83,96% 

Eosinophile . . . 

3,3 „ 

3.7 „ 

3,5 „ 

1,59 „ 


— 

Lymphocyten . . 

21,0 „ 

26,6 „ 

17,03 „ 

9,10 „ 

3,64 „ 

6,72 „ 

Splenocyten . . . 
Mastzellen . . , 

4,5 „ 

1,0 * 

6,2 „ 

1,6 * 

5,5 „ 

4,45 „ 
0,60 „ 

3,65 „ 

9,5 „ 

Myelocyten . . . 

3,8 „ 

1,7 „ 

1,7 „ 

1,22 „ 

— 

— 

Erythroblasten . . 

0,2 „ 

0,5 „ 

0,4 „ 


— 

0,9 „ 

Ohne neutr. Gran. 


0,9 „ 1 

0,4 „ 

0,50 „ 1 

- 

— 


Die Erytbrocyten zeigten starke Anisocytose, hauptsächlich makro- 
cytftr, keine Poikilocytose. 

Obduktion: Hant gelbgrau, Skleren ikterisch, im kleinen Becken 
etwas sanguinolente Flüssigkeit, Peritoneum und Darm mäßig hyper- 
ämisch, in beiden Nieren einige verschieden großo. dunkelrote Herde. 
Mesenterialdrüsen vergrößert, mit rosaroter Schnittfläche; Leber ver¬ 
größert, deutlich strukturiert; in der Gallenblase zwei haselnuß- 
große Steine. Solitärfollikel des Darmes ungewöhnlich groß und hyper- 
ämisch. Lymphoides Knochenmark. Im Appendix Eiter; die Nadel im 
Mesosigmoideum. 

Im Abstrichpräparat der Milz fanden sich 30,92 % Granulocyten 
(davon 0,85% eosinophile Zellen und 8°/o neutrophile Myelocyten), 



71,3 % Lymphocyten, 0,64% Mastzellen, 3% Splenocyten. Die Lympho- ! 
cyten durchwegs größer als normal, der ovale Kern bei Giesma- 
färbnng dunkel violett, das Protoplasma hell-violett mit zwei bis drei 
Ausläufern. 

Im Knochenmarkabstriche Normoblasten wenig vermehrt, keine I 
Mrgaloblasten. I 


Im Abstriche der Mesenterialdrüsen durchweg einkernige, ungranu- 
lierte Elemente, hauptsächlich große Lymphocyten („Keimzellen“), in ge¬ 
ringer Zahl kleine Lymphocyten. 

Bei der histologischen Untersuchung erwies sich die Milzpulpa 
auffällig vermehrt, die Follikel atrophisch und spärlich, in der Leber 
fanden sich um die periportalen Gefäße ganz kleine Gruppen einkerniger 
Zellen. Das lymphadenoide Gewebe der Mesenterialdrüsen war bei er¬ 
haltener Struktur hyperplastisch. Am Knochenmarkdurcbschnitte die 
Spongiosa und Compacta mächtig hypertrophisch, an den Schädelknochen 
eradezu Leontiasis ossea; nirgends abgegrenzte Zellhaufen besonderer 
truktur, sondern nur allgemeine Hyperplasie. 

Rychlik stellt epikritisch die Diagnose auf: „Gemischtzellige 
echte Pseudoleukämie (Pinkus)“, indem er den histologischen 
Befund als „gemischte maligne Hyperplasie des myeloiden und 
lymphoiden Gewebes“ deutet; diese Pinkussche echte Pseudo¬ 
leukämie faßt er als aleukämisches Stadium der vollentwickelten 
Leukämie auf. 

Während in den andern Fällen der Literatur die aleuk¬ 
ämische Myelose mit M. Banti hauptsächlich wegen des weniger 
charakteristischen Blutbildes verwechselt wurde (z. B. Hirsch¬ 
felds Beobachtungen), ließ man sich hier zur Fehldiagnose wohl 
auch verleiten durch den komplizierenden, wie die Obduktion lehrte, 
auf lithogener Erkrankung der Gallenwege beruhenden 
Ikterus mit Bilirubinurie und Urobilinurie und durch die 
Neigung zu Blutungen. 

Wenden wir uns nun wieder unserm Falle zu, der mit dem 
Rychllkschen den — wenn auch andersartigen — Ikterus und 
die hämorrhagische Diathese gemein hat, so stoßen wir bei seiner 
pathogenetischen Beurteilung auf Schwierigkeiten; denn es ist wohl 
möglich, daß hier nicht a priori eine aleukämische Myelose vorlag, 
sondern eine wirkliche Leukämie, die jedoch im cytologischen Ver¬ 
halten des Bluts in eigenartiger Weise modifiziert wurde, so 
zwar, daß sie auch die Ausschwemmung der „atypischen Lymphoid- 
nierenzellen“ veranlaßt hat. Wissen wir doch aus der ziemlich 
umfangreichen Kasuistik, daß eine interkurrente Infektionskrank¬ 
heit ein royelämisches Blutbild völlig oder nahezu völlig zum 
Verschwinden bringen kann. 

Eine Beantwortung der Frage nach der Pathogenese ist aber 
j unmöglich; wir müssen uns mit der Feststellung begnügen, daß 
bei typischen leukämischen Organveränderungen ein 
atypisches aleukämisches Blutbild vorlag. Handle es sich 
nun um eine aleukämische Myelose a priori oder um eine durch 
den Infekt amyelämisch gewordene Leukämie — die Diskrepanz 
der Erscheinungen wird uns verständlich, wenn wir uns vor Augen 
halten, daß das Blutbild die Resultierende aus den ver¬ 
schiedenen einwirkenden Noxen und dem funktionellen 
Zustande der blutbildenden Organe darstellt: Ein Stand¬ 
punkt, den Naegeli (4) heranzieht, um die Verschiedenheiten im 
Blutbefunde der durch Infekte komplizierten lymphatischen Leuk¬ 
ämien zu erklären und der uns (Pribram und Stein [ft]) den 
Weg zu einer befriedigenden Lösung der Frage der akuten Leuk¬ 
ämie wies 1 ), den übrigens auch Hirschfeld mit Glück ins 
Treffen führt, um die Stellung der aleukämischen Myelose im 
System der Leukämien zu begründen. Wir verweisen überdies 
noch auf die Analyse der Beobachtung I. 

Die Auffassung des Blutbildes als eines durch verschiedene 
endogene und exogene Faktoren bedingten und variablen Kom¬ 
plexes erklärt uns aufs beste die Zugehörigkeit der aleuk¬ 
ämischen Syndrome und der Leukämien: „Das leukämische 
Blut als solches ist eine bloß symptomatische Aenderung eines 
auch aleukämisch verlaufenden, im übrigen aber histologisch völlig 
gleichen Prozesses.“ (F. Kraus [15].) 

Wir verfügen über Beobachtungen, welche diese Formel be¬ 
legen und deren eine das Seitenstück zu dem im gleichen Zu¬ 
sammenhänge von Hirschfeld zitierten Falle von Preiss darstellt. 

l ) Der von uns vertretene Standpunkt war teilweise den Klinikern 
schon lange geläufig. Aber erst durch Sternbergs (23) grundlegende 
Untersuchungen wurden die kausalen Beziehungen zwischen Infekt und 
akuter Leukämie wirklich aufgedeckt und an Hand des in unserm Falle 
erhobenen Obduktionsbefundes die Kondition der Konstitutionsanomalie 
erwieseD, die bis dahin mehr weniger bloß ein theoretisches Postulat 
war, auch gaben erst wir die präzise Definition vom Wesen und von der 
Pathogenese der „akuten Agranulocytenleukämie“. 

Unsere Darlegungen hat kürzlich auch Citron (24) akzeptiert, und 
Pappenheim (25) propagiert in seiner neuesten Arbeit das von uns in 
seiner weittragenden Bedeutung erkannte natürliche System von der funk¬ 
tionellen Differenz der Granulocyten und Agranulocyten, wenn er sich 
auch nicht dazu entschließen kann, die akute Leukämie als „leukämoide 
Leukocytose“ auzuerkennen. 


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Original fro-rri 

UNIVERSUM OF IOWA 











*28. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


249 


III. Fie., 72i&hrige Hausfrau, aufgenommen am 18. März, gestorben 
id l April 1918. Im 6. Lebensjahre Blattern, im 42. Erysipel. Beginn der 
Meosei mit 18 Jahren, Menopause im 48. Lebensjahre. S gesunde Kinder, 
kein Abortus. Seit 6. Januar Husten mit schleimigem Auswarf und 
SchwtchegefOhl, seit vier Wochen Dyspnöe bei Anstrengungen und An¬ 
sehvellen der Füße. Von dem Bestehen ihres Milztumors weiß Patientin 
schon viele Jahre, ohne von ihm je Beschwerden gehabt au haben. 

Status praesens: Schlaffe welke Hautdecken, bräunlich pigmentiert. 
Oedeme der unteren Extremitäten und der Bauchhant, keine Cyanose; 
ifebril- Drüsen bloß in der Axilla, aber auch hier nicht wesentlich ver¬ 
größert. Keine Hyperplasie des lymphatischen Schlnndrings, Halsvenen 
stark erweitert, systolisch pulsierend, Atmung dyspnoisch von costalem 
Typus. Lunge ohne Befund. Herzdämpfung verbreitert. Ueber den 
Ostien gießendes systolisches Geräusch mit dem Maximum Ober der Aorta. 
Blutdruck 170 mm Hg Riva-Rocci. A. radialis rigid, Palsfrequenz um 
90. Der derbe Milztamor überragt um Kindskopfgröße den Rippenbogen; 
Indmren sind deutlich tastbar. Der rechte Leberlappen reicht bis zwei 
Qaerfinger unter Nabelhöhe; er ist bei erhöhter Konsistenz scharfrandig. 

Im uratreicben Ham Eiweißffillung; Urobilinogen, Urobilin, 
Diizo und sonstige Reaktionen negativ. Im Sediment keine patholo¬ 
gischen Bestandteile. 

Die Erythrocytenzahl im Blute betrag 3 400000, der Hiimoglobiu- 

K t nach Sahli 53% (bei einer zweiten Zählung 3 300000, Sahli 
demnach der Färbeindex 0,8. Die hypocbromen Erythrocyteu 
trugen die Zeichen schwerer anämischer Veränderungen: Schlechte Geld- 
rollenbildong, Aniso- und Poikilocytose neben Polychromasie und zahl¬ 
reichen Normoblasten sowie Megaloblasten. 


im cmm 

Leukoeyten: 13. März. . 24 000 
16. „ . . 20 800 

18. „ . . 21200 

19. „ . . 22000 

20. „ . . 25000 


im cmm 

Leukoeyten: 21. März. . 30000 

22. „ . . 27 000 

23. März. . 34 000 
(Agonal) 1. April . 90 000 



18. März 

21. März 

1. April 
(Agonal) 

Lnkocyton. 

% 

21200 

% 

30000 

% 

| 90 000 

Nentr. polym. 

38,0 

8056 

42,5 

12 760 

42,2 

i 87 980 

Eoi. .. 

2,0 

424 

1.5 

450 

0,4 

1 360 

MtsUelleo. 

3,0 

636 

8.0 

2 400 

3.2 | 

2 880 

Mono. Ueberggf. .... 

20,0 

, 4 240 

21,0 

6 300 

2,4 

1 2160 

Lymphocyten. 

Myelocyten. 

26,0 

| 5 512 

11,0 

3 300 

14,6 1 

13140 

10,0 

2120 

16,0 

! 4 800 

31,8 

28 620 

Myeloblasten. 

1,0 

212 

_ 

_ 

5,4 

4 860 

Noroobluten. 

10,3 

2184 

30,0 

1 9000 

20,0 

18000 

Megaloblasten : . . . . 

1,3 

| 276 

1,3 

390 

— 



auf 100 Leukoeyten bzw. im cmm 
vermehrt vereinzelt Reizunggformen; Blutplättchen 

Hätte hier ein Zweifel an der leukämischen Natur der Erkrankung 
fiberhiupt bestehen können, so mußte er dnreh die auffällige agonale 
Veränderung des Blutbildes vollauf beseitigt werden. 

Ei lautete denn auch der Obduktionsbefund (Prof. Bartl): „Leu- 
käune mit sehr stark entwickeltem chronischen Milztumor, Lymphdrüsen 
^Mesenterium kleinerbsengroß, Fettentartung des Herzens, der Leber 
nno dör Nieren, Oedem der Lunge, Anwachsung der rechten Lunge und 
w * n* Q Knochenmark (Femur) fast durchaus Fett- 

otrk, stellenweise geringe granrötliche Färbung, Ascites anasarca, Appendix 
mu 2 cm lang, Ovarien klein, stark gekerbt, Thyreoidea entsprechend 
groß, Mi der Schnittfläche kleinkörnig von graurötlicher Farbe.“ 

% Bei der histologischen Untersuchung (Eosin-Hämatoxylin, Giemsa) 
w inneren Organe fanden wir das typische Bild der Myelose, 

Resümieren wir also, so hatten wir es mit einer aleuk- 
»ffli8en enoder subleakämischen Myelose zu tun, die agonal 
in« leukämische Stadium überging — in Analogie offenbar 
lur prämortalen neutrophilen Leukocytose, eventuell mit Myelo- 
cjtenausscbwemmung, bei vorher normalem Blute. 

Die Cytomorphie selbst bot in beiden Stadien interessante Einzel¬ 
nen«. Unter den Eiythrocyten fällt die hohe Zahl der Normoblasten 


auf, die im Verlaufe der Krankheit von 2000 auf 8000 und 9000 stieg, 
um in der Agone den Rekord von 18000 aufznstellen. Daneben finden 
sich aber auch ziemlich reichlich Megaioblasfcen (300 bis 400 im Kubik¬ 
millimeter), die allerdings zuletzt verschwanden. Dies gibt zusammen 
mit der Hyperchromie der Erythrocyten der Erkrankung das Gepräge deB 
Lenbe-Arnethschen Syndroms der Leukanämie. 

Unter den Leukoeyten wiederum ist bemerkenswert die beträcht¬ 
liche Vermehrung der Mastzellen und der Splenocyten bis auf das Zehn¬ 
fache der Norm. An dem agonalen Hocbstande waren alle Zellgruppen 
beteiligt; in nicht geringem Maße neben den maximal vermehrten Granulo- 
cyten die von ihnen aus funktionellen Gründen abzntrennenden lymphoiden 
Zellen: Lymphocyten and Myeloblasten. 

Es erscheint uns hier am Platze, die von Hirschfeld ge¬ 
sammelte Kasuistik zu ergänzen. 

Wir meinen den Fall Littens (6), der in der älteren Literatur 
als „Uebergang von Anämie in Leukämie“ figuriert. 

Am II. Februar 1877 wurde in die Frerichsche Klinik eine 
Kranke aufgenommen, bei der sich im Januar Mattigkeit und bleiche Ge¬ 
sichtsfarbe eingestellt batte. Bald kam es auch zu Erbrechen, das sich 
öfter täglich wiederholte. Bei der Aufnahme waren die Hautdecke und 
die sichtbaren Schleimhäute von wachsartiger Blässe, in auffallendem 
Kontrast dazu das Fettpolster reich entwickelt. Patientin war völlig in- 
appetent und erbrach meist nach der Nahrungsaufnahme. Die Gefäße 
des Augenhintergrnndes waren hellrot gefärbt, die Papille sehr blaß; 
daneben auf beiden Netzhäuten Hämorrhagien in ungewöhnlich großer 
Zahl sowie sehr viele punktförmige Ekchymosen. Das abgenommene 
Blut erschien sehr dünnflüssig nnd von gr&urötlicher Farbe. Die Anzahl 
der roten Blutkörperchen war bedeutend vermindert, die Form derselben 
aber unverändert. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen war wenig 
vermehrt. Die Mehrzahl gehörte den größeren Formen an, die rund 
waren ohne deutlichen Kern; daneben fanden sich einzelne kleinere Exem¬ 
plare. Milz und Lymphdrüsen nicht vergrößert. 

Die ursprünglich auf „schwere (perniziöse) Anämie“ gestellteDiagaose 
mußte nach dem Ausfälle der Blutuntersuchnng vom vierten Tage modifiziert 
werden: Es hatte eine rapide Massenznnahme der weißen Blutkörperchen 
eingesetzt; am 15. Februar worden auf 15 rote 1 weißes Körperchen ge¬ 
zählt, am nächsten Tage 9 auf 1, am 17. Februar war das Verhältnis 
4:1, tags darauf prämortal stand es für die weißen Blutkörperchen noch 
günstiger. Gleichzeitig fiel Größe und Form eines Teils derselben auf: 
Diese waren rund, ziemlich groß und hatten einen deutlich sichtbaren 
bläschenförmigen Kern, in dem man zuweilen einen Nucleolns erkennen 
konnte. Der Kern war in den meisten Exemplaren von beträchtlicher 
Größe and füllte die Zelle zuweilen so aus, daß nur wenig grannliertes 
Protoplasma an den peripheren Abschnitten sichtbar blieb. Milz nnd 
Drüsen waren auch jetzt unverändert und es bestand keine Knochen¬ 
schmerzhaftigkeit. 

Die Sektion bestätigte die Diagnose auf „medulläre Leukämie“. 
Im besondern fand man: Die Milz 12x8,5x3 cm groß, 200 g Bchwer. 
Unter der Nierenkapsel eine Anzahl miliarer grau weißlicher Knötchen. 
Die Leber sehr anämisch, sonst normal. Die Lymphdrüsen nirgends ge¬ 
schwollen. Das Knochenmark der größeren Röhrenknochen zeigte auf 
der Schnittfläche eine staubgraue Farbe und ließ umschriebene eiterähn¬ 
liche, stellenweise gallertige Partien erkennen. Im Bereiche dieser war 
das Mark grüngelb und von weicher, fast zerfließender Beschaffenheit. 
Unter dem Mikroskop zeigte sieb, daß der vorherrschende Bestandteil 
jener eiterähnlichen und galertigen Massen große runde Zellen mit deut¬ 
lichem bläschenförmigen Kern und granuliertem, seltener hyalinem In¬ 
halte („Markzellen“) bildeten, gleich jenen, die die Blutuntersuchung 
während der letzten Lebenstage förderte. Während sich in der Leber 
nichts Abnormes auf finden ließ, fand sich in der Milz eine geringe Hyper¬ 
plasie der Malpighisehen Körperchen; sie erschienen etwas größer als 
normal und die Anhäufungen der Lymphkörperchon größer als gewöhn¬ 
lich. Die erwähnten Herde in den Nieren stellten sich ebenfalls als An¬ 
häufungen lymphatischer Zellen dar („miliare Lymphome“). 

Wenn auch die Beurteilung dieser Beobachtung wegen der 
mangelhaften Blutbefunde unsicher bleiben muß, glauben wir sie 
doch auf Grund der beobachteten Exacerbation der Leukoeyten zahl 
von unzweifelhaft myelemischem Charakter und auf Grund des 
Ergebnisses der anatomischen und histologischen Untersuchung 
mit einer gewissen Berechtigung hierher einreihen und der Preiss- 
schen und unserer eben gebrachten Beobachtung an die Seite 
rtellen zu dürfen. (ScMdb folgt.) 


Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche and Piiiat-YerslcheroDg), 

Redigiert von Dr Hermann Engel. Berlin W SO. 


„Gefölligkeitggutachten* 

von 

Dr. Hermann Engel, 

öwichtsirit des Königlichen Ober-Versicherongsamtes Groß-Berlin. 
Beratender Arzt der Reichs Versicherungsanstalt. 

n, mit der Festsetzung von Entschädigungen betrauten 

norden ist das „Gefälligkeitsgutachten“ eine ständige Crux. 
JÜa • v° le zur Erstattung eines solchen bereitfinden lassen, 
8ich zweifellos nicht klar darüber, welchen erheblichen Schaden 


sie damit dem Ansehen des ärztlichen Standes in jedem Falle 
zufügen. Machen sie doch zunächst den an sich berechtigten, zu¬ 
letzt der Reichs Versicherungsanstalt für Angestellte gegenüber’ ge¬ 
äußerten Wunsch, das Attest eines jeden Arztes als vertrauens¬ 
ärztliches gelten zu lassen, zu einem ganz unerfüllbaren. Es soll 
die Zwangslage eines Arztes, von dem seine Klientel ein Gut¬ 
achten mit ihm vorgeschriebenem Tenor verlangt, keineswegs ver¬ 
kannt werden. Weist doch auch Friedensburg in seiner „Praxis 
der deutschen Arbeiterversicherung“ auf die Fälle hin, in denen 


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Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 














250 


Nr. 9. 


28. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — 


„ein ehrlicher Mann sein Gutachten zuungunsten des Renten- 
bewerbers abgibt, aber bittet, es diesem nicht mitzuteilen, da er 
sonst seine Praxis verlieren, in seiner Gegend unmöglich sein 
würde“. Aber gerade diese für jeden Einsichtigen klar zutage 
liegenden Verhältnisse sollten es den einzelnen Arzt mit Freuden 
begrüßen lassen, das Odium eines den unberechtigten Ansprüchen 
seines Klienten ungünstigen Gutachtens auf einem unabhängigen 
„Vertrauensarzt“ ruhen lassen zu können. Friedens bürg sagt 
zutreffend: „Naturgemäß hat der soziale Eifer der Zeit auch auf 
manchen Arzt abgefärbt und verleitet ihn, den Wohltäter der 
Armen zu spielen — auf Kosten der Berufsgenossenschaften (Er¬ 
satzpflichtigen) natürlich.“ 

Die nachfolgenden vier Bescheinigungen lassen erkennen, 
wie der Hausarzt dieselben den jeweiligen materiellen Bedürfnissen 
seines Klienten anpaßt, ohne jeden Skrupel, daß er sich damit 
in grobe Widersprüche verwickelt. In den beiden ersten Erklä¬ 
rungen versuchte er, durch Zurückdatierung der Invalidität seinen 
Klienten eine höhere Rentensumme zu verschaffen. Dann ist er 
anscheinend darauf aufmerksam gemacht worden, daß die zeit¬ 
liche Anwendung der neuen Hinterbliebenenfürsorge aus § 1252 
der R.V.O. nur bei den Hinterbliebenen solcher Versicherten zu¬ 
lässig war, die erst nach dem Inkrafttreten der Versicherung, das 
heißt nach dem 1. Januar 1912, gestorben sind, die aber noch nicht 
seit diesem Tag oder gar schon früher bis zu ihrem Tod un¬ 
unterbrochen dauernd erwerbsunfähig waren. Flugs wird das 
Gegenteil bescheinigt „im Interesse ihres Witwengeldes“ und 
„falls dadurch Frau M. die Hinterbliebenenrente“ bekommt. 

1 . 

Auf Verlangen der Erben des Restaurateurs W. bescheinige 
ich hierdurch wahrheitsgemäß zwecks Vorlegung bei der Invalidi¬ 
tätsversicherung, daß Herr W. seit dem 14. Mai 1910 mit zeit¬ 
weiligen Unterbrechungen an Arterienverkalkung mit Herzschwäche 
in meiner ärztlichen Behandlung gewesen ist und am 21. Mai 
dieses Jahres wegen dieses Leidens dem städtischen Krankenhaus 
in B. von mir überwiesen worden ist, wo er — laut glaubwürdiger 
Mitteilung — an dieser Krankheit am 21./22. Mai nachts ge¬ 
storben ist. Dr. M, 14. Juni 1912. 

2 . 

Nach meiner Ansicht war W. bereits vor dem 1. Januar 
1912 als dauernd erwerbsunfähig zu betrachten. 

Dr. M. 2. August 1912. 

3. 

Auf Wunsch der Witwe Mathilde W. bescheinige ich im In¬ 
teresse ihres Witwengeldes von der Invaliditätsversicherung, daß 
der verstorbene W. laut meinen ärztlichen Journalen am 14. Mai 
1910 nachts von mir wegen eines Herzbeklemmungsanfalls infolge 
von Herzartorienverkalkung eine Morphium- und Aethereinspritzung 
erhalten hat. Dann habe ich ihn zum erstenmal am 9. März 1912 
wieder behandelt. Dabei finde ich in meinem Buche die Notiz: 
Aorteninsuffizienz (mangelnde Schlußfähigkeit der Hauptschlag¬ 
aderklappe) mit Leberschwellung. Ein Nachweis dafür, daß be¬ 


reits vor dem 1. Januar 1912 dauernd Erwerbsunfähigkeit im 
Sinne des InvaliditätsversicheruDgsgesetzes § 5 Abs. 4 bestanden 
hat, ist meines Erachtens nicht erbracht. Der einzige Nachweis 
dafür könnte ein Attest von mir vom 14. Juni 1912 sein, dessen 
Wortlaut mir leider nicht mehr bekannt ist und für dessen ge¬ 
fällige Abschrift und Zusendung ich dankbar sein würde. 

Dr. M. 29. Oktober 1912. 

4. 

1. Der Befund, den ich am 9. März 1912 bei dem verstorbenen 
W. festgestellt habe, war folgender: 

Schwere krankhafte Veränderungen des Gesamtorganismus, 
ungenügende Tätigkeit des Herzens (Herzinsuffizienz), Geräusch 
besonders stark rechts vom Brustbein über der Hauptschlagader¬ 
klappe der linken Herzkammer, welches auf ungenügende Schlu߬ 
fähigkeit dieser Klappe schließen ließ, Blutstauung in den Bauch- 
Organen, die sich durch Vergrößerung der Leber dokumentierte. 

2. W. erklärte mir, soweit ich mich entsinne, daß er schlecht 
schliefe und bei irgendwelchen körperlichen Anstrengungen an Be¬ 
klemmungsanfällen litte. 

3. Am 9. März 1912 war der Zustand des W. ein derartiger, 

daß W. als dauernd invalide anzusehen war. Was den Zeitpunkt 
betrifft, seit welchem W. dauernd invalide war, das heißt seit 
welchem die Unheilbarkeit seines Leidens derartig erkenntlich 
war, daß nach menschlichem Ermessen eine Wiederherstellung der 
Arbeitsfähigkeit in absehbarer Zeit ausgeschlossen erschien, bo 
kann ich darüber nur Vermutungen an stellen, und die Richtung 
dieser Vermutung kann nur ärztlichen Temperaments sein, nach¬ 
dem ich den W. zwischen dem 14. Mai 1910 und dem 9. März 1912 
nicht ärztlich untersucht habe. Die Verschlimmerung, welche die 
Krankheit in diesen 22 Monaten erfahren hatte, war eine gewal¬ 
tige, sodaß ich dem Magistrat N. auf seine Anfrage am 2. August 
1912 mitgeteilt habe, W. sei nach meiner Ansicht bereits vor 
dem 1. Januar 1912 als dauernd erwerbsunfähig zu betrachten ge¬ 
wesen. Die am 2. August 1912 auf Anfrage geäußerte Ansicht 
kann ich in diesem Gutachten nicht bestimmt aufrechterhalten, 
wenn dadurch die Ansprüche der Hinterbliebenen des 
W. eine Schmälerung erfahren. (!) Die dauernde Invalidität 
des W. kann ebensowohl zwei, wie vier, wie mehr Monate vor 
dem 9. März 1912 ihren Anfang genommen haben, dieselbe trat 
aber — soweit ich weiß — nicht in Erscheinung und führte nicht 
zur Geltendmachung von Ansprüchen, weil der Pflichtenkreis des 
W. ein sehr kleiner war, der keine oder nur minimale Anforde¬ 
rungen an seine Leistungsfähigkeit stellte. Nach dem Grundsatz 
„in dubio pro aegroto“, „in Zweifel für den Kranken respektive 
dessen Hinterbliebene“, möchte ich den Zeitpunkt für den Beginn 
der dauernden Invalidität, da er nur vermutet und nicht bestimmt 
angegeben werden kann, erst nach dem 1. Januar 1912 datieren, 
falls dadurch Frau W. die Hinterbliebenenrente be¬ 
kommt. Dr. M. 3. Dezember 1912. 

Wahrlich, eine hohe Auffassung von den Pflichten eines Gut¬ 
achten erstattenden Arztes! 


Referatenteil. 


Redigiert von Oberarzt 

Sammelreferat. 

Urologie. 

Ueber den Vorsteherdrüsenkrebs (insbesondere das Frühstadium) 
von Dr. Otto Manklewicz (Berlin). 

E. Neuber (1) bringt aus dem Pathologischen Institut des 
Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg eine Arbeit 
über Prostatacarcinome. Während früher nur 0,17o/ 0 der 
Krebserkrankungen die Prostata betrafen, erhöht sich jetzt der 
Prozentsatz auf zirka 2 °/o, da die ausgebaute Diagnostik, die 
operativen Eiogriffe und die ausgebildeten Obduktionsmethoden die 
genauere Diagnose ermöglichten. Die dreißig Fälle, auf denen 
die Arbeit basiert, sind sicher anatomisch festgestellt; in 29 Fällen 
konnten alle Kranken vom Beginne bis zum Ausgange der Krank¬ 
heit beobachtet werden. Die Prognose wird etwas verbessert, 
wenn man die frühzeitig diagnostizierten und operierten Fälle, von 
denen ein Teil dauernd gesund bleibt, berücksichtigt; schlecht 
bleibt die Vorhersage jedoch stets. In nur 16 Fällen von den 
berichteten 30 war vor der Operation die Diagnose gestellt, da in 
einem großen Teil der Erkrankungen die Erscheinungen von der 
Prostata aus nur sehr wenig prononciert waren; in einigen Fällen 
konnte nur mikroskopisch das Carcinom festgestellt werden. Als 


r. Walter Wolff, Berlin. 

Frühsymptome sind nach Kümmel die derbe Konsistenz sowohl 
bei großer wie bei kleiner Drüse, ein mehr minder continuierlicher 
Schmerz in der Prostatagegend und eine Schmerzhaftigkeit bei 
der Palpation zu betrachten. Ohne rectale Untersuchung ist die 
Diagnose wohl nie möglich, dabei muß Mastdarm und Blase ent¬ 
leert sein; man soll in linker Seitenlage, auf dem Rücken und in 
Knieellenbogenlage untersuchen, wobei auf die Infiltration der 
Beckenwände und der Samenblase zu achten ist. In 27 Fällen 
war das Bild der Prostata bei der Autopsie verändert, in bezug 
auf ihr Verhalten zur Umgegend, auf ihre Größe, Form, Kon¬ 
sistenz und Bild der Schnittoberfläche (Krebssaft). Die Drüsen 
des kleinen Beckens, die Retroperitonealdrüsen und die Gefä߬ 
drüsen sind am meisten beteiligt, die Beteiligung der benachbarten 
Lymphdrüsen ist nicht allgemein, wenn auch häufig. Die Schwel¬ 
lung der Inguinaldrüsen erfolgt nicht oft. In neun Fällen kam es 
zu sekundären Knochenmetastasen mit teilweise geringem Prostata¬ 
befunde; hier gibt es zwei Formen der Carcinommetastasen: 
L weiche, graurötliche Knoten mit Zehrung des Markes und Zer¬ 
setzung des osteoiden Gewebes. 2. Wucherung des osteoiden Ge¬ 
webes mit Sklerosierung und Eburnis&tion; osteoplastische Car- 
cinose (v. Recklinghausen), Beckenring und Femur sind am 
stärksten von Üou Knochenmetastasen betroffen. Die Beschwerden 


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2$. Februar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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der Knochenmetastasen bestehen in Neuralgien, Schmerzen in der 
Saknügegend, den Rippen, den Oberschenkeln oder anderen Skelett- 
teilen oder in plötzlich auftretenden Paresen. Die Leber, Lungen, 
Nieren, Pleura, Blase wiesen auch in mehreren Fällen Metastasen 
auf. Die Nachbarorgane (Blase, Mastdarm, Harnleiter) waren 
mehrfach beteiligt. Das histologische Bild des Krebses baut sich 
aus einem zellreichen, schwer schneidbaren Gewebe auf; die Zellen 
kleinpolymorph, polygonal bis rund. Carcinoma solidum mit Ueber- 
gflngen bis zum reinen Adenocarcinom ist möglich, die Differential¬ 
diagnose mit Sarkom nicht immer einfach. Aetiologisch ließ sich 
nichts festste) len. Neu her kommt zu folgenden Schlüssen: Die 
carcinomatöse Erkrankung der Prostata bevorzugt das sechste 
Dezennium. Die Dauer der Erkrankung währt im allgemeinen 
nicht über zwei Jahre; in einigen Fällen verläuft der Prozeß 
schleppend. Metastasenerscheinungen im Skelett sind dabei über 
ein Dezennium beobachtet. Das Prostatacarcinom tritt unter zwei 
Formen auf; 1. Die lokalen Krankheitserscheinungen der Prostata 
stehen im Vordergründe: a) Das Organ ist derb, zuweilen ver¬ 
größert, die Pars prostatica der Harnröhre ist eingeengt b) Die 
Geschwulst greift über auf Samenblasen, Beckenbindegewebe und 
Bectum. Das Uebergreifen auf die Harnblase charakterisiert sich 
meist durch Auftreten flacher Prominenzen im Bereiche des Tri- 
gonum. c) Die Geschwulstbildung im periprostatischen Gewebekann 
zur Einengung der Ureteren und Hydronephrose,' das Uebergreifen 
anf die Harnblase zu katarrhalischen Affektionen derselben und 
weiter zu Pyelitis führen. 2. Die sekundäre Geschwulstbildung 
steht im Vordergrund: a) lokale, wahrnehmbare Prostataverände- 
rungen können vollständig fehlen, b) die Skelettmetastasen gehen 
einher mit Erweichung oder mit Ebumisation (osteoplastische Car- 
cinose, Nervenkompression und deren Folgeerscheinungen). Bei 
der Frühdiagnose ist neben der rectalen Palpation und 
der Cystoskopie vor allem die Röntgenuntersuchung des 
Beckenrings und eventuell des übrigen Skeletts zu ver¬ 
werten. Dies kann in schwierigen Fällen den Ausschlag geben. 

Hugh H. Young(2) veröffentlicht sein Referat: Diagnose 
nndBehandlung der Frühstadien maligner Erkrankungen 
der Prostata auf dem 17. Internationalen medizinischen Kongreß 
in London im 2. Bande der Zschr. f. urol. Chir. Sarkome im 
Frühst&dium der Erkrankung sind nicht beobachtet worden. 
Young beschränkt sich auf die Frühstadien der Carcinome. Er 
hat zwölf Fälle beobachtet und teilt sie in drei Klassen ein: 
1. der ganze pathologische Befand Carcinom: 6 Fälle, 2. Carcinom 
mit Hypertrophie oder Adenom: 5 Fälle, 3. chronische Prostatitis 
mit kleinem Bezirke von Carcinom: 1 Fall. Die Symptomatologie 
des Frflhstadiums des Prostatacarcinoms ist fast der der benignen 
Hypertrophie gleich, sodaß nur durch eine ganz sorgfältige physi¬ 
kalische Untersuchung der Verdacht auf Carcinom gelenkt werden 
kann. Das einzige Kennzeichen des frühen Carcinoms ist die 
Harte, auch die Härte einzelner Knoten (Palpation auf dem 
Cystoskop). Manchmal sind die juxtaprostatischen Enden der 
Samenblasen und die Vasa deferentia ergriffen und etwas härter. 
Das Cystoskop ergab kein charakteristisches Bild, sorgsame Pal¬ 
pation vom Mastdarm aus scheint die Diagnose zu erleichtern. 
Intmesicales Wachstum des Carcinoms und Neigung zu Ulce- 
rationen Bind seltene Ausnahmen beim Prostatakrebse, während 
oie Gewebe zwischen Mastdara und Blase sehr stark ergriffen 
win können. Hämaturie kommt vor, ist aber selten. Bei gleich- 
«ttiger Hypertrophie liegt der Krebs meist in einem subcapeulären 
Stratum nach hinten von den hypertrophierten Seitenlappen. Da 
nas Prostatacarcinom für eine mehr weniger lange Zeit von 
dar Ausbreitung nach hinten und unten durch die feste Kapsel 
naß die Dennouviliersehe Beckenfascie gehindert wird und da 
der erste Weg des Wachstums außer der Prostata der Raum dicht 
uater der Prostata zwischen Trigonum und Samenblasen und der 
siebedeckenden Dennouvi 11ersehen Fascie ist, ist der Weg für 
die Radikaloperation gegeben, das heißt die Samenblasen und der 
a*? Teü des Trigonums mit dem dazwischenliegenden Gewebe 
in einem Stück mit der ganzen Prostata (Kapsel, Harnröhre, 
opmneter internus, Blasenüberzug und ein Teil der häutigen Harn- 
Wnre) entfernt werden. Young beschreibt nun eingehend die 
technik der sehr ausgedehnten Operation. Er näht schließlich die 
Jhr! an ^ en ^ um P* der häutigen Harnröhre, schließt den Blasen- 
wöhtz und näht nach sorgsamer Blutstillung meist die ganze 
? ß, zu - Verweilkatheter, viel Getränk, Urotropin, kleine täg- 
ßläaonspölungen, zeitige Erlaubnis zum Aufsitzen bilden die 
^ acnbehandlung. In sechs Fällen hat Young die Operation aus- 
Fn Inkontinenz am Tage bestand bei allen Operierten. Ein 
8 starb neun Monate nach der Operation an perivesiculärer In¬ 


fektion nach Litholapaxie (infolge Verwendung von Seidenligaturen) 
mit kleinem Rezidiv an der Hinter wand der Blase, ein Fall ging 
sechs Wochen nach der Operation an Nephritis zugrunde ohne 
Zurückbleiben von Krebs; ein Fall lebte drei Jahre in befriedi¬ 
gendem Zustande post operationem, starb aber an einem Rezidiv; 
der vierte Fall war 6 V 2 Jahre nach der Operation ohne Rückfall 
gesund und ging an Myokarditis und Osteoarthritis der Brüste 
Wirbel zugrunde; der fünfte Kranke starb im Operationsshock mit 
unerkannten Metastasen; der sechste Fall war sechs Monate nach 
dem Eingriffe gesund. Kontraindikation gegen die Radikaloperation 
ist das Erstrecken der Infiltration auf mehr als eine kurze Strecke 
über das Trigonum und das Befallensein der oberen Teile der 
Samenblasen. Seidennähte sollen nicht verwandt werden, meist 
auch kein Catgut, sondern Silkworm. — In zwei Fällen gelang 
es, kleine Krebsknochen durch partielle Prostatektomien zn ope¬ 
rieren und dauernd zur Heilung zu bringen. 

Andrö Chalier(3) aus Lyon bringt einen Beitrag über den 
Krebs der Prostata und des Beckens mit Oedem der Gegend 
des linken Femur, ein bisher noch nicht beobachtetes Symptom. 
Es schien sich um ein tiefes Oedem des Zellgewebes und der 
Muskeln zu handeln, Fingerdruck macht keine Delle, Bein und 
Fuß normal. In den Iliacalgruben des 64jährigen Mannes, der an 
Schmerzen in den Lenden mit Ausstrahlung in die Oberschenkel, 
besonders rechts, und geringer Dysurie litt und eine kaum ver¬ 
größerte, aber harte und beiderseits seitlich fixierte Prostata auf¬ 
wies, fanden sich beiderseits Drüsen, links sogar hühnereigroß. 
Die Operation konnte nicht beendet werden und der Kranke erlag 
nach einiger Zeit einer schweren Hämorrhagie aus der fast ver¬ 
narbten Wunde. Die tödliche Blutung kam aus einer Ulceration 
infolge Uebergreifens der Neubildung auf die Arteria iliaca externa 
8 inistr&, 4 cm oberhalb der Schenkelpforte. Die Neubildung hatte 
die Gefäße und Nerven, die am Schnittpunkte der Apertura ischia- 
tica magna passieren, gleichsam eingemauert und dadurch die 
heftigen Kreuz- und Lendenschmerzen und das Oedem der linken 
Hüfte und des Oberschenkels erzeugt. Dieses Zeichen, Oedem des 
Oberschenkels, bei Prostataerkrankung zeigt somit das ETgriffensein 
des Beckens an und warnt vor jedem Operationsversuche. 

Rüssel Howard (4) konnte bei einem 48jährigen Manne 
die krebserkrankte Vorsteherdrüse durch ein kombiniertes Verfahren 
vom Bauch und Damm aus entfernen und Heilung erzielen. Die 
mit sterilem Wasser gefüllte Blase wurde cystostoraiert, um mit 
je einem Finger in Darm und Blase die Ausdehnung der Erkran¬ 
kung festzustellen. Darauf ein Schwamm in die Bauchwunde und 
der Kranke in Steinschnittlage; hufeisenförmiger Schnitt in der 
Mitte des Dammes, Trennung des Mastdarms von den vorderen 
Geweben bis zu den Samenblasen; Durchtrennung der Fasern des 
Afterschließmuskeiß beiderseits zur Freilegung des Blasengrundes; 
Schwamm in die Dammwunde, Trendelenburgsche Lagerung; 
Durchtrennung der dreieckigen Faserhaut, um die Harnröhre von 
den umgebenden Geweben zu sondern, Durchschneiden der Harn¬ 
röhre und Herausziehen der noch von der Kapsel umschlossenen 
Vorsteherdrüse aus der Dammwunde mit dem Grunde der Blase 
und den Samenblasen. Howard versah die Harnleiter mit Er¬ 
kennungsfäden und schnitt den Blasengrund direkt unter den 
Harnleitern ab, stillte die Blutung und brachte die Blase an ihre 
Stelle zurück. Ein Gummischlauch mit zwei Seitenlöchern wurde 
durch die Harnröhre in die Blase und durch sie aus der Bauch¬ 
wunde herausgelührt. Naht der Wunden, Dammschlauch. Kein 
Shock. Der obere Schlauch wurde am fünften, der untere am 
achten Tag entfernt; der Dauerkatheter am 28. Tage fortgelassen. 
Am 36. Tage nach der Operation verließ der Kranke das Krankenhäus ¬ 
er konnte den Harn sechs Stunden halten. Die Harnentleerung war 
etwas überstürzt. Sonden gingen leicht durch die Harnröhre. 

P. L. Freyer (5) (London) gibt Mitteilungen über den Krebs 
der Vorsteherdrüse. Unter 1276 Fällen von Hypertrophie der 
Prostata in den letzten elf Jahren hat er 171 bösartige Affektionen, 
das heißt 18,4%, beobachtet, davon nur drei oder vier Sarkome] 
sonst Krebse. Die Symptome des Krebses gleichen denen der ein¬ 
fachen Hypertrophie: Häufigkeit der Miction, besonders nachts, 
Verminderung der Kraft des Harnstrahls und plötzliches Auf hören 
desselben, fortschreitende unvollkommene Entleerung des Harnes 
mit immer ausgesprocheneren Symptomen. Bei Aussage des 
Kranken, daß sich die Symptome rasch in einigen Monaten aus¬ 
gebildet haben, soll man die Bösartigkeit der Affektion in Sicht 
behalten, zumal wenn das Alter unter 40 und über 70 Jahre ist. 
Hat der Kranke in den letzten Monaten an Gewicht verloren, hat 
er Schmerzen im Kreuzbeine, Damm und Lenden, dann kann man 
fast sicher sein. Hämaturie ist selten, nur beim uleerierten und 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK 


28. Februar. 


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- Nr. 0. 


vorgeschrittenen Krebse. Im Falle des Krebses trifft man bei der 
Sondierung mit Mcrcierkatheter oft einen Widerstand in der pro- 
statischen Harnröhre, die Untersuchung ist schmerzhaft und oft 
von„ leichter Blutung bogleitet. Bei der Mastdarmuntersuchung 
findetiman eine harte Drüse mit weicheren Punkten, die Grenze 
ist unregelmäßig, die Oberfläche knotig. In manchen Fällen ist 
die Drüse glatt’und hart wie eine Elfenbeinkugel. Manchmal sind 
die Lappen ungleich ergriffen oder die Krankheit ist nur auf einer 
Seite. Die Palpation ist schmerzhaft. Nach der Sectio alta findet 
man die innere . Harnröhrenmündung kontrahiert und nicht dehn¬ 
bar, in der Mitte einer harten, knotigen Masse gelegen. Bei fort¬ 
geschrittener Erkrankung sind die iliacalen, inguinalen und lum- 
baren Lymphwege und Lymphdrüsen ergriffen. Die Behandlung 
kann nur eine palliative sein. Der Katheter soll solange, als es 
ohne Schwierigkeit und Schmerz geht, gebraucht werden; dann 
muß man einen hohen Blasenschnitt machen und den Harn in ein 
Urinal ableiten. Die Prognose muß sehr zweifelhaft sein; manche 
Kranke gehen nach einigen Monaten zugrunde, andere können 
Jahre leben und ihrer Beschäftigung obliegen. Trotz der üblen 
Prognose teilt Freyer acht Fälle mit, in denen er durch die voll¬ 
kommene Exstirpation Heilung bis zu sieben Jahren erzielte. In 
vielen operierten Fällen von Vorsteherdrüsen Vergrößerung hat man 
bösartige Entartungen gefunden; Freyer hat nicht alle von ihm ent¬ 
fernten Vorsteherdrüsen anatomisch-pathologisch untersuchen lassen; 
bemerkenswert ist aber, daß unter wegen einfacher Hypertrophie 
operierten Kranken mehr als ein halbes Dutzend sich befinden, die 
später einen Krebs — wechselnde Zeit nach der Operation — bekamen. 

Charles Greene Cumston (6) erörtert die Kenntnisse über 
das Sarkom dor Vorsteherdrüse; dasselbe ist häufiger in jugend¬ 
lichem Alter; von 41 Fällen waren 29 unter 80, 17 unter 10 Jahren. 
Das Sarkom ist seltener wie das Carcinom, auch sekundär wird 
die Vorsteherdrüse kaum von Sarkom befallen (vier Fälle bekannt, 
primäres Sarkom in Samenblase, rechter Ellbogen, Corpus caver- 
nosum und Hoden). Bei Kindern und jungen Leuten erfolgt die 
GeschwulstbilduDg unbemerkt, erst wenn sie eine gewisse Größe 
hat, wird man darauf aufmerksam. Das erste Symptom der Er¬ 
krankung ist dio komplette Retention des Urins, der Kafcheterismus 
kann dabei schwierig werden. Die Geschwulst gibt bei der Be¬ 
tastung das mehr minder deutliche Gefühl der Fluktuation, sodaß 
man sie für einen Absceß halten kann. Die MastdarmUnter¬ 
suchung enthüllt eine harte Masse, die das Rectum geschwürig 
machen kann. Iliacale und iDguinale Lymphdrüsen sind oft ver¬ 
größert. Dann kommt es zur Infektion, der Harn wird trübe, die 
Miction häufig. Die Geschwulst wächst, ergreift die Blase, behin¬ 
dert den Harnröhren- und Hamleiterabfluß. Der Tod erfolgt etwa 
ein Jahr nach den ersten Symptomen. Pathologisch-anatomisch 
kann die Neubildung die ganze Drüse oder nur einen Lappen er¬ 
greifen; auf dem Schnitte findet man eine einförmige Fläche, durch 
fibröse Bänder durchschnitten, im Centrum oder an der Peripherie 
Cysten oder hämorrhagische Herde. Beim Kinde kann man thera¬ 
peutisch nur palliativ verfahren, höchstens ist ein hoher Blasen- 
sebnitt gegen die Retention nützlich, alle radikalen Eingriffe sind 
unmöglich. Beim jungen Manne kann man die verschiedenen Me¬ 
thoden der Prostataexstirpation (suprasymphysär, perineal) ver¬ 
suchen, der Erfolg wird von der Frühzeitigkeit der Diagnose abhängen. 

In einem Referat über die Diagnose und Behandlung 
der bösartigen Prostataerkrankungen im Anfangs- 
Stadium auf dem 17. internationalen medizinischen Kongreß er¬ 
läutert H. Kümmel (7) (Hamburg) vorerst den Begriff: Was ver¬ 
stehen wir unter dem Frühstadium des Prostatacarci- 
Donts? Er versteht darunter dasjenige Stadium der Krankheit, 
in dem noch keine Metastasen vorhanden, in welchem also weder 
Anamnese noch die subjektiven Klagen und die objektive Unter¬ 
suchung irgendeinen Anhaltspunkt für eine Aussaat von dem 
lokalen Herd in den übrigen Körper erkennen lassen; das Carci¬ 
nom muß auf die Drüse beschränkt sein, ohne Uebergriff 
auf Blasen sch leiiphaut und periprostatisches Gewebe; bei Erfüllung 
dieser Vorbedingung müßte sich die lokalisierte Vorsteherdrüsen¬ 
geschwulst radikal entfernen lassen ohne eingreifendere Operation 
(Blasen- oder Mastdarm- oder Kreuzbeinresektion). Nach dem 
Sektionsmaterial des Hamburg-Eppendorfer Krankenhauses fanden 
sich bei 38 472 Sektionen 204 Prostataerkrankungen mit 48 Krebsen, 
das heißt zirka 21% der wegen Erkrankung der Vorsteherdrüse 
zur Autopsie gelangten Fälle, und unter 8567 Krebsfällen 43 Vor¬ 
steherdrüsenkrebse = zirka 1,2%. Relativ plötzlich einsetzende 
Mictionsbesch werden mit akuter Retention oder erschwerter und 
schmerzhafter Entleerung — im Unterschiede zur allmählich und 
schmerzlos eintretenden Störung der Harnentleerung bei Prostata¬ 


hypertrophie —; Schmerzen, oft dauernd und intensiv mit Lokali¬ 
sation in der Drüse selbst (wahrscheinlich infolge Spannung der 
Kapsel der Drüse) und von der Miction unabhängig; in seltenen 
Fällen frühzeitige Inkontinenz; sehr selten die initiale Blutung 
sind subjektive frühzeitige Zeichen des Vorsteherdrüsencarcinoms. 
Objektiv findet man bei der Palpation vom Mastdarm aus harte, 
entweder die ganze Drüse oder auf einem Lappen sich konzen¬ 
trierende Konsistenz und den charakteristischen Druckschmerz; 
die Konsistenz wird als hart, bretthart, steinhart, holzartig be¬ 
schrieben und kann als das konstanteste und unzwei¬ 
deutigste Frühsymptom der Erkrankung gelten. Das Cysto- 
skop bietet bei dem in Rede stehenden Frühstadium der Erkran¬ 
kung kein charakteristisches Bild, ebensowenig zeigt der Harn 
besondere Verhältnisse. Das Prostatacarcinom kann in seinem 
Anfangsstadium in den weitaus meisten Fällen mit annäherüder 
Sicherheit diagnostiziert werden (25%), in einem kleineren Prozent¬ 
sätze mit großer Wahrscheinlichkeit (20%) und nur wenige Fälle 
geben zu einer unsicheren Diagnose Anlaß (5%). Die operativen 
Erfolge lehren uns, daß Dauerheilungen von acht Jahren möglich 
sind. Unter den von Kümmel operierten Fällen befindet sichern 
Patient, welcher neun Jahre nach der Exstirpation der carinoma- 
tösen Prostata noch gesund und ohne Beschwerden von seiten 
der Blase ist, ein anderer ist über fünf Jahre rezidivfrei; andere 
sind ein bis mehrere Jahre beschwerdefrei oder erzielten wenigstens 
eine wesentliche Besserung ihres vorher traurigen Zustandes. Wir 
sind verpflichtet, eine möglichst frühzeitige Diagnose zu erstreben, 
um durch möglichst frühzeitige Entfernung der Prostata Heilung 
zu erzielen. Bei dem geringsten Verdacht auf Carcinom bei an¬ 
scheinend hypertrophischer Prostata ist eine möglichst frühzeitige 
Radikalbehandiung zu empfehlen. Die Operationsmethoden sind 
die üblichen. Zur Verhütung von Rezidiven ist die Radio- respek¬ 
tive Röntgentherapie heranzuziehen. 

Schapiro (8) bringt aus der Wildbolz sehen Abteilung im 
Inselspital in Bern die ausführlichen Krankengeschichten von 
zehn Fällen von Prostatakrebs, welche beweisen, wie günstige 
Resultate auch bei schon vorgeschrittenen Fällen durch die 
perineale Prostatektomie erzielt werden können; dabei boten 
die Kranken das Bild geschwächter decrepider Männer, mit Aus¬ 
nahme eines noch kräftigeren Patienten: drei waren unter 60 Jahren, 
alle andern zwischen 60 und 79 Jahren; mehrere litten an Arterio¬ 
sklerose, andere an Emphysem, Bronchitis und Herzerweiterung, 
einer war Hemiplegiker, einer maniakalisch mit Urinintoxikation. 
Bei der Hälfte der Patienten hatten die Blasenbeschwerden 
schon mehr als ein Jahr bestanden, bei andern noch länger. 
Bei sieben Patienten war zeitweilige akute totale Urin¬ 
retention, die den Katheterismus erforderte, in einigen Fällen 
begann das Leiden mit diesem Symptom. Alle Kranken litten 
unter häufigem und schmerzhaftem Harndrang. Die 
Menge des Residualharns war wechselnd, bei fünf Kranken mußte 
der Harn immer durch Sondierung entleert werden. Bei einem 
Kranken war schon eine Cystostomie wegen dauernder kompletter 
Retention angelegt worden. Spontane Hämaturien kamen 
nicht zur Beobachtung, nur einige Male Hämaturie nach 
Katheterismus. Ueber ausstrahlende heftige Schmerzen klagten 
fünf Kranke (Ischias). Heftige Blasenschmerzen, ein schmerzhafter 
Punkt in der Sakralgegend mit Ausstrahlung in die Niere, schmerz¬ 
hafte Sensationen in der Eichel wurden je einmal beobachtet Bei 
allen Patienten war die ProBtata entweder auffällig hart oder 
zeigte an ihrer Oberfläche deutliche Höcker, die auf eine 
carcinomatöse Natur der Vergrößerung hin wiesen. Nur bei einem 
Kranken war die Drüse erst glatt und elastisch und wurde erst 
später höckrig, hier scheint eine hypertrophische Prostata carci- 
nomatös entartet zu sein. Die Diagnose des Prostata- 
carcinoms stützt sich in erster Linie auf den Palpations¬ 
befund, auf die auffällige Härte oder Knotenbildung der 
Drüse. Die unmittelbaren Operationsresultate waren recht günstig; 
nur ein Patient ist den Folgen der Operation erlegen durch das 
Platzen eines Herzklappenaneurysmas mit Zeichen von Sepsis und 
eitriger Entzündung einer Spermatocele, wohl eine Folge des un¬ 
zweckmäßigen Verhaltens des geistesgestörten Kranken (Heraus- 
reißen des Katheters). Die funktionellen Resultate der Ope¬ 
ration waren bei allen Patienten ausgezeichnete; alle Ope¬ 
rierten entleerten ihre Blase nach der Operation ohne 
Schmerzen und ohne Schwierigkeit vollkommen, nur bei 
einem Kranken erforderte die Beseitigung des Residualharns einige 
Wochen; vorübergehend war Inkontinenz in zwei Fällen (ein Hemi- 
plegiker, ein an der Prostata schon mehrfach Operierter). Die 
Dauererfolge der Operation sind schlechter, da in der Hälfte der 


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28. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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Falle die Erkrankung schon über die Vorsteherdrüse hinaus¬ 
gegriffen hatte. Ein Kranker starb IV 2 Jahre, einer zwei Jahre, 
einer neun Monate nach der Operation an Rezidiven respektive 
Metastasen, doch hatte auch diesen die Operation Beschwerdefreiheit 
gebracht. Die übrigen sechs Kranken sind einige Monate 
bis vier Jahre nach der Operation gesund und be¬ 
schwerdefrei. Wildbolz' Operationsmethode geht in der Re¬ 
sektion des Trigonulos nicht so weit wie die der französischen 
und amerikanischen Autoren, entfernt aber fast die ganze Pars 
prostatica urethr&e und, wenn nötig, samt der Prostata die Samen¬ 
blasen, wenigstens in ihrer untern Partie, dazu die Anfangsteile 
der Vasa deferentia. Wildbolz will die Sphincteren der 
Harnwege möglichst schonen, deshalb durchtrennt er die 
Harnröhre nicht in der häutigen, sondern möglichst in der 
prostatischen Harnröhre, um keine Läsion des Sphincter 
internus zu riskieren. Anderseits sucht er auch möglichst den 
BUsensphincter durch nicht zu weite Resektion der 
Blase zu schonen. Die engbegrenzte Resektion des Blasen¬ 
halses leistet die Gewähr guter postoperativer Blasenfunktion und 
schließt doch nicht die Aussicht auf Radikalheilung aus, wenn das 
Carcinom wirklich noch auf die Prostata beschränkt war. 

R. Proust (9) legt den Hauptwert bei der Exstirpation 
der krebsigen Prostata auf die sichere Vermeidung der 
Üreterendurchtrennung, die man bei der Entfernung der 
Vorsteherdrüse und der Samenblasen leicht verletzen kann; er hat 
deshalb mit seinem Schüler Maurer Untersuchungen darüber 
angestellt, ob es vom Beginne der perinealen Operation an mög¬ 
lich ist, die Zone der Harnleitereinmündung vor der Abtragung 
der Prostata zu isolieren. Der Kreuzungspunkt des Vas deferens 
mit dem Harnleiter kann allein als Stützpunkt für diesen Zweck 
benutzt werden. „Das Vas deferens verläuft in seinem absteigenden 
Ast von vorn nach hinten längs der Seiten wand der Blase, kreuzt 
scbrflg unter Ueberschreiten derselben die Arteria umbilicalis 
respektive den beim Erwachsenen sie ersetzenden fibrösen Strang 
und gelangt so an die Hinter wand der Blase. Dort begegnet es 
nach Kreuzung und Außenliegenlassen des Harnleiters, der Samen¬ 
blase, umgeht den oberen und inneren Rand derselben und bildet 
mit dem Vas deferens der andern Seite das Triangulum inter- 
deferentiale 1 ). In Höhe der breiten Spitzen des interdeferentiellen 
Dreiecks kreuzen die Vasa deferentia die Ureteren. Da gewöhnlich 
bei der Prostatektomie wegen Krebs die Samenblasen entfernt 
aber zum mindestens gut ausgetrennt und heruntergeklappt werden, 
wird genügend Licht geschaffen um den Harnleiter leicht zu 
finden. Nach hoher Trennung des Vas deferens genügt 
es, den oberen Teil desselben in die Wunde zu ziehen 
und vorsichtig sich längs des tieferen Abschnitts den 
Weg m bahnen, um leicht den Ureter zu finden, das Vas 
deferens scheint sich hier um den Harnleiter herumzurollen, um 
die Seitenwand der Blase zu gewinnen. Auf Grund dieser Kennt¬ 
nisse ist es Proust und Maurer gelungen, eine Operations- 
methode mit sicherer Vermeidung der Harnleiterverletzung aus¬ 
zuarbeiten, von der hier nur die springenden Punkte erwähnt 
»erden können: Prärectale Inoision und transversale 
Perineotomie; Isolierung der Samenblasen, Durch¬ 
trennung der Vasa deferentia, Aufsuchen der Harnleiter, 
Durchtrennung der Harnröhre und Herunterklappen der 
Vorsteherdrüse; Abtragung der Vorstoherdrüse; Wund- 
Versorgung nach Joung mit Naht der Harnröhre an die 
Blase. Proust hat diese Mitteilung dem Internationalen Kongreß 
für Urologie im Juni 1914 mit Vorlage guter schematischer 
Zeichnungen gemacht. Die Referate auf diesem Congreß über 
Krebs der Prostata von Verhoogen (Brüssel) und Wilms (Heidel¬ 
berg) sind in den Juni- und Julinummern der M. Kll. 1914 schon 
ausführlich bekanntgegeben worden. 

Max Waldschmidt (10) (Wildungen) erörtert in der dem 
Hamburg-Eppendorfer Krankenbause zur Feier seines 25 jährigen 
™fehens »on der Zschr. f. urol. Chir. dargebrachten Festschrift 
Wl- /j) die Indikationen zur Prostatektomie. Von Kümmel 
»wden früher für die Prostatektomie diejenigen Patienten ab- 
gelchnt, deren Blutgefrierpunkt dauernd sohlechte Werte (— 0,6 
und darunter) ergab. Ein Umschwung in dieser Auffassung ge¬ 
schah durch die Einführung der zweizeitigen Prostatektomie 
?-£ 6ir Lokalanästhesie. Es zeigte sich, daß auch schwere und 
ruber für unheilbar gehaltene Niereninsuffizienz durch 
•o präliminare Cystostomie besserungsfähig wurde und 
68 fast stets noch gelingt, die Funktion der Niere wieder so- 

l ) Teatu und Jacob, Topographische Anatomie, Bd. 2, S. 398. 


weit herzustellen, daß der zweite Teil der Operation, die Aus¬ 
schälung der hypertrophischen Prostata, ohne Furcht vor Urämie 
nach vier bis sechs Wochen gemacht werden kann. 14 Fälle 
führt der Autor an; zwei starben, bevor der zweite Eingriff ge¬ 
macht werden konnte, obwohl die Sectio alta in Lokalanästhesie 
ein leichter Eingriff ist und die Kranken eine gewisse Besserung 
gezeigt hatten; einer starb 18 Tage nach der Prostatektomie in¬ 
folge Embolie und Thrombose, alle andern elf Patienten sind 
mit völlig befriedigendem funktionellen Resultat der 
Blase in gutem Allgemeinzustande geheilt, ein bei den 
schwer infizierten und septischen Männern ausgezeichnetes Resultat; 
meist erwies sich auch der Zustand der Nieren gebessert. Auch 
bei schwerer Infektion der Harnwege ist die präliminare 
Cystostomie angezeigt, da der zweite Teil der Operation unter 
wesentlich günstigeren Umständen vor sich geht; nur muß man, 
mit scharfem Messer operierend, das prä- und paravesicale Binde¬ 
gewebe möglichst schonen, die Blasenöffoung hoch anlegen und 
durch breite, offeue Wundbehandlung die Gefahr der Infektion 
herabsetzen; bei dem zweiten Eingriff ist die Umgebung der 
Blasenwunde dann durch einen Granulationswall geschützt. Die 
lange Ruhigstellung der Blase ermöglicht ferner der 
Muskulatur, sich zu erholen und zurückzubilden. Durch 
die zweizeitige Prostatektomie ist es gelungen, die 
Operationsanzeige bis an die Grenze des Lebens auszu¬ 
dehnen, falls die Gefährdung des Lebens auf die Vergrößerung der 
Prostata und ihre Folgeerscheinungen zurückgeführt werden kann. 
Diese im wesentlichen auf die Prostatahypertrophie gemünzten 
Betrachtungen gelten mutatis mutandis auch für das Carcinom 
der Vorsteherdrüse. Kümmel kann seinen in der obigen 
Arbeit vom Internationalen Kongreß in London berichteten ope¬ 
rierten Vorsteherdrüsenkrebsen einen zweizeitig Operierten, der 
bei der Nachuntersuchung in vorzüglichem Allgemeinzustand ohne 
Rezidiv befunden wurde, anroihen. Vorbedingung für dieße „Ekto- 
mie M ist, daß das Carcinom noch auf die Prostata und den 
der „Ektomie“ zugänglichen Teilen beschränkt ist; ist 
das Carcinom über diese Grenze hinausgegegangen. so müssen 
eingreifendere Operationen vorgenommen werden. Wo der Ver¬ 
dacht auf ein Carcinom nur im geringsten berechtigt er¬ 
scheint, soll man die Operation vorschlagen, für das Früh¬ 
stadium genügt die Prostatektomie; Nachbehandlung mit Röntgen- 
licht, Radium oder Mesothorium ist empfehlenswert. 

Es werden auch außer den Prostatektomien bei Vorsteher¬ 
drüsenkrebs alle andern therapeutischen Verfahren angewandt. 
So hat H. G. Bugbee (New York) (11) auch bei malignen Fällen 
von Prostatageschwulst durch Hochfrequenzströme schöne 
symptomatische Erfolge erzielt, über die er Bpätere ausführliche 
Mitteilungen in Aussicht stellt. So haben Pasteau und 
Degrais (Paris) (12) die Einwirkung des Radiums bei 'litt* 
Behandlung der bösartigen Vorsteherdrüsengeschwülsto 
erprobt und berichten ausführlich über sechs Fälle, deren Be¬ 
handlung genügend lange fortgesetzt werden konnte. Die Art des 
Heranbringens der Radiumröhrchen (durch Operation, durch Harn¬ 
röhrensonden, vom Mastdarm aus) ist wichtig. Die Einwirkungs¬ 
dauer (mehrere sechsmalige Serien von je drei Stunden Dauer) 
bemerkenswert. Das Radium hat eine unzweifelhafte Ein¬ 
wirkung auf das Prostatacaroinom. Das Verfahren vermag 
eine primär inoperable Prostata zu einem für eine Prostatektomie 
geeigneten Objekt derart umzugestalten, sodaß die Operation ge¬ 
fahrlos vorgenommen werden kann. In andern Fällen erreicht 
man mit der Radiumbehandlung ein Aufhören der Blutung find 
zuweilen sogar völliges Verschwinden des Tumors und der Drüsen. 

Literatur: 1. C. E. Nenber. Ueber Prostatacarcinose. (Zschr. f. urol Cbir 
II., V., S. 405.) — 2. Hugh H. Young, Diagnose und Behandlung des’Früh- 
stadiums maligner Erkrankungen der Prostata. (Zschr. f. urol. Chir. II., 
S. 436.) — 3. Andr6 Chalier, Cancer prostato peloien avec oedmne de la r&rion 
femorale gauche. (Lyon medical 1914, S. 233.) — 4. Rüssel Howard, Verfahren 
zur Abtragung des Prostatacarcinoms. (Lanc. 1913, Nr. 47ll, S 1690) — 

5. P. L. Freyer, Krebs der Vorsteherdrüse. (Lanc. 1913, Nr. 4711 S 1680 ) — 

6. Charles Greene Cumston, Einige Bemerkungen über das Sarkom’der Prostata 
(Am. j. of Urology 9. November 1913, S. 509.) - 7. H. Kümmel, Die Diagnose 
und Behandlung der bösartigen Prostataerkrankungon im Anfangsstadium 
(Zschr f. urol. Chir. 1913, Bd. II, S 10 ) - 8. Schapiro, Ueber die Srllslhe 
Behandlung des Prostatacarcinoms. (Zschr. f. urol. Chir. 1914, Bd II S 589) — 

9. R. Proust, Uno modification de la technique de la prostatectomie perineale 
dans les cas de cancor de la prostate. (J. d’UroIogie, Juli 1914 Bd VI S 61) — 

10. Max Waldschmidt (Wildungen): Die Indikationen zur Prostatektomie (Zschr 
f. urol. Chir. 1914 Bd. III, 1/2. Festschrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens 
des Eppendorfer Krankenhauses, S. 128.) — 11. H. G, Bugbee (New York! 
Further obsorvatinns on tho uso of the high frotiuoocy spark for the relief of 
prostata ohstrudions in solected cases (Med. Record, 14. Februar 1914.) — 
12. 0. Pasteau et Degrais (Paris): De l’emploi du radium dans le traitement 
des cancers de la probate. (J. d* Urologie, Marz 1913, Bd. IV.) 


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Original frn-rri 

UNiVERSUY OF IOWA 




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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


26. Februar. 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 7. 

Hueppem (Dresden): Ueber Entstehung und Ausbreitung der 
Kriegsseuchen. Das bloße Vorhandensein von Erkrankten oder Infi¬ 
zierten genügte'schon lange und auch jetzt noch nicht, um das Ent¬ 
stehen einer Seuche in ihren Gesetzmäßigkeiten zu begreifen. An die 
sich ändernde Umwelt mußte eich nicht nur der Naturmensch, sondern 
muß sich noch heute der Kulturmensch anpassen, und das ändert seine 
Anlagen zu Krankheiten fort und fort. Die Abhängigkeit der Epidemien 
von klimatischen Einflüssen, von Ort und Zeit kann nur von jemandem 
bestritten werden, der Epidemien nie studiert hat. Gerade bei den großen 
Seuchen erkennen wir sehr eindeutig ein specifisches Moment, welches 
wir auch bei den säkularen Schwankungen der Krankheiten nicht außer 
acht lassen dürfen. Infolge des langjährigen Herrsehens einer Seuche 
werden die natürlich Immunen und die durch Erkrankung immunisierten 
Menschen an einem Orte so in die Mehrzahl kommen, daß die von Fall 
zu Fall weitergeschleppten Erreger keinen oder nur wenig Nährboden 
finden. Auch auf diese Weise nehmen die Erkrankungen ab und die 
Intensität der Epidemien schwankt von Jahr zu Jahr. Für die Kriegs¬ 
seuchen ist es wichtig, festzuhalten, daß die Ausbreitung der Krankheits¬ 
erreger in sehr verschiedener Weise stattfinden kann. Es gibt tatsäch¬ 
lich echte Bacillenträger, das heißt Gesunde, in denen die Krankheits¬ 
erreger sich als echte Wohnparasiten und genau so verhalten, wie dauernd 
harmlose Darmsaprophyten. Ob aber die infizierten Gesunden als Ba¬ 
cillenträger, die Kranken oder die geheilten Kranken als Dauerausscheider 
ihre Keime erfolgreich ausbreiten, das hängt davon ab, ob eine genügende 
Anzahl allgemein oder specifisch widerstandsfähiger Menschen vorhanden 
ist, ob nach Ort und Zeit wechselnd die Bedingungen für eine Häu¬ 
fung von Krankheitsanlagen gegeben sind. Bei den Kriegsseuchen wird 
schon seit Jahrhunderten bemerkt, daß, während die andern Krankheiten 
(Fleckfieber, Abdominaltyphus, Cholera, Wechselfieber) wechseln oder 
vicariieren, Ruhr meist daneben auftritt. Dies dürfte sich wohl daraus 
erklären, daß die Ruhr, gleichgültig welches ihre Erreger sind, im Dick- 
darrne lokalisiert ist und nur selten höher geht, während die andern infek¬ 
tiösen Darmerkrankungeu verschiedener Art das gemeinsam haben, daß sie im 
Dünndarme lokalisiert sind und nicht tief herabgehen. (Schluß folgt.) 

Heile (Wiesbaden): Praktische Gesichtspunkte bei der Be¬ 
handlung des Tetanus. Die intramuskulären Injektionen von Magne- 
siumsulfat schienen dem Verfasser nicht so erfolgreich zu sein; hierbei 
fehlen auch die örtlichen Wirkungen auf das Centralmark; da man 
außerdem bei intramuskulärer Injektion sehr große Mengen injizieren muß, 
wenn möglich 20 g täglich und mehr, so sieht man sekundär kompli¬ 
zierende Herz- und Atmungsstörungen auftreten. 

Hansemann (Berlin): Ueber die Callusbildung nach Knochen¬ 
verletzungen. Man hat es als ein allgemeines Gesetz hingestellt, daß die 
Gefwsbe die Eigenschaft besitzen, bei der Heilung eines Defekts zunächst 
immer über das notwendige Maß hinauszugehen. Weigert und später 
Ribbert haben hieraus wiederum nicht nur oine besondere Lehre der 
Gewebswucherungen entwickelt, sondern haben auch versucht, die Ge- 
schwuistbildung ganz allgemein auf eine solche luxurierende Eigenschaft 
der Gewebe zurückzuführen. Die Vorstellung, daß es keinen direkten 
Wucherungsreiz gibt und daß die Zellen nur dann in Wucherung ge¬ 
raten, wenn ein Defekt oder, wie man auch sagte, eine Entspannung oder 
eine Gleichgewichtsstörung der Gewebe eintritt, ist von den beiden ge¬ 
nannten Autoren zum Gesetz erhoben worden und geht historisch ganz 
wesentlich auf die Erscheinungen des Knochencallus zurück. 

Schmidt (Berlin): Der Kugelsuclier. Beschreibung eines Instru¬ 
ment?. zur Bestimmung von Punkten auf der Körperoberfläche, von 
denen aus der Fremdkörper zu finden ist, und der Tiefenlage in bezug auf 
diese Punkte. Bezüglich der Einzelheiten muß auf das Original verwiesen 
werden. 

Blumenthal: Anaphylaxie und intracutane Injektion. Es ge¬ 
lingt , durch die intracutane Präparierung beim Meerschweinchen speci- 
fischo Ueberempfindlichkeit zu erzeugen, und zwar werden durch die 
gleichzeitige Injektion von geringen Mengen von Gift wesentlich höhere | 
Grade der Anaphylaxie erzielt als mit Serum allein. Durch intracutane j 
Injektion tritt auch Antianaphylaxie auf, die bis zu einem gewissen Grad j 
ebenfalls specifisch ist. Anaphylaktische Tiere geben nach intracutaner j 
Vorbehandlung eine je nach dem Grad ihrer Sensibilisierung mehr oder j 
weniger deutliche Hautreaktion, die bei hochauaphylaktischen Tieren j 
specifisehe Ausschläge zeigt und sich daher zur Diagnose verwerten läßt, j 

Brugsch und Wolffenstein (Berlin): Ueber die Einwirkung I 
von Oxychlnolinderivaten auf den Parinstoffwechsel und ihre thera¬ 
peutische Verwendung. Die Untersuchungen der Verfasser ergaben, I 
daß der Ortho-Oxychinolinsalicvlsäurcester das Prädikat eines wertvollen 
(lichliuiitels verdient, daß die aimlgesierende Komponente diese# Mittel* 


weiter seine Anwendung bei Gelenkrheumatismus, destruierenden Gelenk¬ 
prozessen und neuralgischen Beschwerden empfiehlt, und daß der Wir¬ 
kungsmechanismus auf den Purinstoffwechsel auf eine, die Harnsäurebil¬ 
dung im Körper hemmende Wirkung, also auf einen von der Atophan- 
wirkung abweichenden Mechanismus zurückzuführen ist. 

Kuznitzky (Breslau): Thorium X und Harnsäure. Bei einem 
Kranken, welcher die äußerst selten zu beobachtende Erscheinung der 
Einlagerung von Hamsäurekrystallen in die Hornhaut beider Augen bot, 
wurden fünf Thorium-X-Injektionen intravenös zu je 1000 elektrosta¬ 
tischen Einheiten in etwa 10 ccm physiologischer Kochsalzlösung vor¬ 
genommen. Es hat sich aber weder kurz nachher noch später irgend¬ 
eine Veränderung im Sinn einer Abnahme der Einlagerung gezeigt. Es 
kannalso von einer direkten Beeinflussung der Harnsäure durch Thorium X 
in diesem Falle nicht gesprochen werden. Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 7. 

F. Umber (Charlottenburg-Westend): Karamose (Merck) für 
Diabetiker und Kinder. Das Präparat ist ein Traubenzuckerkaramel 
und enthält höchstens noch Spuren von Dextrose, ist also praktisch als 
zuckerfrei zu betrachten. Karamoso wird in Form von Cremes, Ge¬ 
frorenem, Puddings oder Gebäck gegeben. Der Verfasser gibt von allen 
| diesen Formen die Zusammensetzung an. Er betrachtet die Karamose 
als eine wertvolle Bereicherung der Diätetik bei allen Formen von 
Diabetes. Bei leichten und mittelschw’eren kann sie in Mengen von 50 
bis 100 g pro die unbedenklich und mit calorischem Nutzen dargeboten 
werden. Bei schweren Fällen muß stets erst geprüft werden, wie sie 
im Einzelfalle vertragen wird. Zeigt sich dabei, daß sie nicht glykosurio- 
steigernd wirkt, so kann die Karamose vorsichtig stickstoffarmen Hunger¬ 
oder Gemüsetagen in Tagesmengen von 100 g zugefügt werden. Die 
Karamose hat sich auch bei lündern als mildes Laxans (in Mengen von 
5 g der jedesmaligen Tee- oder Schleimportion zugesetzt) recht gut 
bewährt. 

A. Heffter (Berlin): Ueber die akute Vergiftung durch Benzol- 
dumpf. Der Verfasser veröffentlicht ausführlich ein Obergutachten, das 
er auf Ersuchen einer Versicherungsgesellschaft über einen durch Benzol¬ 
einatmung verursachten Todesfall erstattet hat. Er bespricht zunächst 
die tatsächlichen Grundlagen zur Beurteilung des Falles, erörtert dann 
die Zusammensetzung des Rohbenzols und weist auf den giftigen Be¬ 
standteil dieser Substanz hin. Darauf werden an der Hand von vier 
Fällen die Wirkungen des Benzoldampfs auf den menschlichen Organismus 
geschildert und weiter die Beobachtungen mitgeteilt, die man bei 
der Sektion von Menschen gemacht hat, die durch Benzoleinatmung ge¬ 
storben sind. Schließlich wird die Frage aufgeworfen, ob im vorliegenden 
Falle der Tod durch eine Vergiftung infolge der Einatmung von Beuzol- 
dämpfen erfolgt ist. Diese Frage wird vom Verfasser bejaht, 

E. Rumpf (Hamburg) und J. Zeissler (Altona): Ueber das Vor¬ 
kommen von Tnberkelbaciflen im Blute. Die so häufig im mensch¬ 
lichen Blutsediment unzutreffenden stäbchenförmigen, säurefesten Gebilde 
sind nicht alles Tuberkelbacillen, geschweige denn lebende Tuberkel¬ 
bacillen. Aber fast regelmäßig sind bei einem gewüsseu Prozentsätze 
tuberkuloseinfizierter Menschen bei sorgfältigen, größeren Versuchsreihen 
auch virulente Tuberkclbacillen zu finden. 

F. Untorberger jun. (Königsberg i. Pr.): Ueber Lungenschüsse, 
Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königs¬ 
berg i. Pr. am 7. Dezember 1914. 

Bing old (Nürnberg): Gasbacillensepsis. Au der Hand eines 
Falles wird das Krankheitsbild geschildert, das dadurch zustande kommt, 
daß der Erreger (Bacillus phleginones emphysematosae) den örtlichen 
»Schutzwall des gesunden Gewebes dauernd überschreitet, daß er in die 
abführenden Lymphbahnen gelangt und sich dort vermehrt. Denn er 
siedelt sich vorzugsweise in den Lymphspalten und Lymphwegen an. 
Von hier aus gelangt er in die Blutbahn und zu den einzelnen Organen 
Im vorliegenden Falle kam es zu einem ganz eigenartigen Ikterus. 
Dieser dürfte auf einen toxischen Blutkörperchenzerfall. auf eine direkte 
Schädigung der roten Blutkörperchen („hämolytischer 14 Ikterus/ zurück- 
Zufuhren sein. 

Siegfried KamiDer und Antonio da Silva Mello (Berlin): 
Erfahrungen bei der Untersuchung von Kriegsfreiwilligen. Die Ent¬ 
scheidung über die unbedingt Felddiensttuuglichen sowie über die voll¬ 
kommen Felddicnstuntauglichen ist nicht schwer. Größere Schwierig¬ 
keiten macht schon die Bescheinigung über die bedingt Tauglichen, daß 
heißt die nur für bestimmte Waffengattungen Tauglichen, die i*rößto 
Schwierigkeit aber macht die Entscheidung über zur Zeit der Musterung 
bestehende ( iitnugliclikeit. wenn durch bessere körperliche Ausbildung 
die I aiiglichkoit in absehbarer Zeit, also noch während des Kriegs, zu 


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UNIVERS1TY OF IOWA 





2ft. Feliniar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


2.V> 


erholen ist. Pas (Jesamtresnltat von 1829 Untersuchungen Kriegs- 
frm'illiirer ergab, daß 70 % der Gemusterten sofort für das Heer zu 
remrten waren. 18% erst nach vorangegangener körperlicher Trainierung 
und daß mir 12% vollkommen untauglich waren. Sehr häufig ließen 
sich aocirientelle Herzgeräusche naehweisen. Deren wichtigstes Merkmal 
ist, daß sie gewöhnlich am lautesten über dem zweiten Intercostal- 
rauroe links und bei der Systole zu hören sind, aber nicht immer (häufig 
auch ebenso laut und noch lauter an der Spitze hörbar). Das Wichtigste 
für die Diagnose des accidentellen Herzgeräusches ist aber die Fest¬ 
stellung der Herzgröße. Bei «30 % der Tauglichen war ein Herzgeräusch 
zu hören. Auch bei der Mehrzahl der Herzgeräusche der als noch un¬ 
tauglich Befundenen war dieses als accidentell zu bezeichnen und hatte 
daher nicht die Untauglichkeit herbeigeführt. Man kann eben ein ge¬ 
sunder Mensch und ein guter Soldat sein, auch wenn man ein Herz- 
gwaupeh hat, 

Hübler (München): Ein Beitrag zur Händedesinfektion. Emp¬ 
fohlen wird fürs Feld die quecksilberhaltige Afridolseife. Ihre Reiz- 
wirkung auf die Haut ist z. B. dem Seifenspiritus gegenüber gleich null, 
da der eigentliche Seifenkörper zu 85 % aus gesättigten Fetten besteht, 
denen 4% des schwach alkalisch reagierenden Afridols zugesetzt sind. 
Den Schaum der Afridolseife verreibe man trocken so lange, bis er gänz¬ 
lich in die Haut eingednmgen ißt. Die Hand hat dann einen Ueberzug, 
der vor Infektion schützt. Die Afridolseife kann im Notfälle auch zur 
Desinfektion der Instrumente benutzt werden, da sie, im Gegensatz zum 
Sublimat, das Quecksilber in nicht ionißierbarer Form enthält und daher 
die Metalle nicht amalgamiert. Auch das Wundlaufen bei langen 
München läßt sich durch Waschungen mit der reizlosen Afridolseife 
prompt beheben. 

Heddäus (Heidelberg): Ueber einen Handgriff zum Heben 
Schwerkranker und Verwundeter. Der Handgriff besteht im wesent¬ 
lichen aus drei Phasen, die genau beschrieben werden. Er wird von 
zwei Personen ausgeführfc. Wichtig ist das Aufrichten des Kranken. 
Dies geschieht nicht mit der Kraft der Arme, wie es fast alle Hebenden 
fälschlich tun, sondern mit der Rückenmuskulatur. Man stellt die 
Knie ans Bett und richtet seinen Oberkörper auf bei gleichzeitigem 
Laiuriasseu der Arme. Den Kopf kann sich der Patient sehr leicht 
Bflber halten, indem er die Hände unter dem Kopfe faltet. Dadurch 
wird eine Anstrengung der Bauchmuskeln ausgeschaltet. 

J. Schumacher (Berlin): Der einfachste nnd schnellste Nach¬ 
weis ron Jod im Urin, Speichel und in andern Körperflüssigkeiten. 
Er geschieht mittels Ammoniumpersulfats (vorrätig in Brettschneiders 
Apotheke, Berlin N 24). Eine Tablette wird auf Filtrierpapier gelegt 
und fünf bis sieben Tropfen der zu untersuchenden Flüssigkeit darauf 
gebracht. Bei Jodanwesenheit wird das Papier tiefblau (bei geringem 
.Jodgeh,alte mehr violett) gefärbt. Bei einigen Verbindungen, die das 
Jod fest organisch gebunden enthalten, versagt die Methode ebenso wie 
die andern Jodproben. 


H. Strauss: Krlegsernährung und Krankendiät. Es ist auch 
jetzt noch gestattet, 10% des Weizens als „Auszugsmehl“ auszumahlen. 
Es gibt also noch weiterhin Weizenmehl, wenn auch in etwas gröberer 
Efnii. jedoch zu erheblich höherem Preis. Allerdings -dürfen keine Ge- 
L'ike liir den Handverkauf daraus hergestellt werden, aber es ist in 
Privatküche und Krankenhausbetrieb für eine Reihe von Patienten die 
•Möglichkeit gegeben, Suppen, Breie und Mehlspeisen in der bisherigen 
" rise herzustellen. 

0 Vulpius (Heidelberg): Anmerkung zu den „12 Geboten“ 
* on Professor Kitsch!» Vergleiche denselben Artikel des Verfassers in 
der X KL“ Nr. 7. F. Bruck. 


Jtünchner medizinische Wochenschrift 1915 1 Nr. 7. 

F. Reiche (Hamburg-Bannbeck): Seltene Verlaufsformen und 
ftnpukatloiieii der Plaut - Vincentschen Bachen- und Mund- 
tttziBdangeii. Zwei äußerst schwere Fälle, von denen der eine tödlich 
' n< ete ’ ausführlich geschildert. Sie stehen im Gegensatz zu der 

> . ons ! ? era de durch Milde gekennzeichneten Plaut-Vincent sehen 

Angina. 

Jiiaii Bacigahpo (Buenos - Aires): Eine neue Behandlung»- 
metfcodo der tnberknlösen Meningitis. Der Verfasser will zwei Fälle, 
■ 1 eDeQ ( * or Bacilleunachweis im Liquor cerebrospinalis gelang, da- 
'völlig geheilt haben, daß er im Verlaufe von 20 Tagen drei- be- 
* ua r f vei * e zweimal Tuberkulin direkt in den Duralsack injizierte. Als 
iih e em P^ e ^ s ‘ c h 1 mg Alttuberkulin, die aber auch ein wenig 
sich? 0 !? wen * en ^ ann ( z - B. bei einem dreijährigen Kind). Aendern 
ie Symptome nicht, so injiziere man nach Verlauf von 24 Stunden 
mehr. Als Vehikel dient die Cerebrospinalflüssigkeit, 
flda. 1 ar * ^ ennernatm (Londorf): Zur Behandlung der Spina hl- 
n einem Falle wurde dreimal in Zwischenräumen von einer Woche 


der Sack punktiert, die Flüssigkeit mit Pravazspritze völlig enth-ert 
und jedesmal eine Spritze voll Jodlösung (Tinct. jodi, Alcohul. ahsol. aa) 
injiziert. Acht Tage nach der dritten Einspritzung war die Geschwulst 
völlig verschwunden; an deren Stelle befindet sich jetzt eine geschrumpfte, 
harte und feste Hautdecke. 

Hanauer (Frankfurt a. M.): Die Tolksernährnng Im Kriege. 
Vortrag, gehalten im Frankfurter ärztlichen Verein am 16. November 1914. 

Heinrich Wachtel: Der Schwebemarkenlokallsator, Ein ein¬ 
facher nnd exakter Fremdkörpersucher. Polemik gegen Fürstenau. 

FeUtärztUche Beilage Air. 7. . 

Lenzmann: Die Bedeutung und Behandlung der Geschlechts¬ 
krankheiten im Felde. Da die Syphilis möglichst frühzeitig und 
gründlich zu behandeln ist, gehört der Syphilitiker ins Lazarett, und 
zwar in ein Kriegslazarett, in dem die Ausführung aller erforderlichen 
Maßnahmen möglich ist. Der Verfasser gibt zunächst nur Neosalvarsan 
intravenös, später noch Hydrargyrum salicylioum intramuskulär. Diese 
Behandlung der Syphilis im Feld ist zwar nichts Vollkommenes, aber 
man kann in anderer Weise kaum Vorgehen, wenn man nicht etwa einen 
Syphilitiker monatelang aus der Reihe der Kämpfenden entfernen oder 
ihn gar von vornherein als felddienstunfähig erklären will. Das ist aber 
nicht möglich, da die Zahl der syphilitisch Infizierten zu sehr anschwillt. 
Von einer abortiven Behandlung der Gonorrhöe rät der Verfasser im 
Felde ab. Er läßt aber jeden Gonorrhoiker Bettruhe bewahren. Injiziert 
wird viermal täglich unter sanftem Druck und in geringer Menge Pro- 
targollösung (0,2.5—0,5 :100). Innerlich Balsamica. Nach Zurückgehen 
der eitrigen Sekretion Spülungen mit schwachen Lösungen von Kali 
hvpermanganicum (1:2000) unter geringem Drucke. Später eventuell 
Injektionen von Zinci sulfur., Plumb. acet. m 1,5:200,0. Unter dieser 
Behandlung werden 90% der eingelieferten Gonorrhoiker nach vier bis 
fünf Wochen entlassen werden können. Bei Ulcus molle sollte sofort 
der Geschwürsgrund geätzt werden mit Acid. carbol. liquefact. (mit einem 
Glasstab angedrückt). Ferner: Oeftere Waschungen mit 3%iger essig¬ 
saurer Tonerde. Dann Trockenbehandlung des Geschwürs. 

A. Wolff-Eisner: Warum die Gruber-Wldalsche Probe nur* 
zeit für die Typhusdiagnose unverwendbar Ist. Die überwiegende 
Mehrzahl der Fälle, die eine ruhrartige Erkrankung durchgemacht 
haben, zeigt eine hohe (bis 1:200) Agglutination mit Typhus und Para¬ 
typhus. Auf Grund einer positiven Grub er-Wi dal sehen Reaktiou darf 
man daher beim Heere niemand als typhuskrank ansehen. Die Typhus¬ 
diagnose muß somit rein klinisch gestellt werden, was durchaus keine 
so leichte Aufgabe ist. „Es bleibt den Truppenärzten nichts anderes übrig, 
als jeden Fieberfall, wo die Fieberursache nicht eindeutig klar ist, an 
geeignete Quarantänestationen zu überweisen.“ (1 Referent.) Zum Schlüsse 
weist der Verfasser auf die bekannte Tatsache hin, daß sieh bei der jetzt 
in weitem Umfange durchgeführten Typhusschutzimpfung nach -der 
Immunitätslehre ein positiver Gruber-Widal ergeben kann, ohnfr'daß 
der Schluß: Typhus gerechtfertigt sei. 

H. Stieve (München): Beobachtungen bei der Typhusschatz- 
Impfang mit dem Rasselschen Impfstoff. In keinem Falle zeigte sich 
ein Schaden. Auszuschließen von der Impfung sind jedoch vor allem 
auf Tuberkulose verdächtige, dann schwächliche und kränkliche Individuen 
und wenn möglich Frauen während der Menstruation. In allen Fällen 
zeigte das Blutserum der Geimpften die gleichen Eigenschaften wie das 
von Leuten, die eine Typhuserkrankung überstanden hatten. In dieser 
Fähigkeit des Blutserums, virulente Typhusbacillen in ihrem Wachstum 
zu behindern, liegt sicher ein gut Teil der durch die Impfung erzeugten 
Schutzwirkung. 

Piorkowski (Berlin): Znr Prophylaxe gegen Tetanus. Da für 

die Therapie .außerordentlich höbe Serumeinheiten des Tetanusserums 
in Anwendung kommen müssen und sich daher schon jetzt ein Mangel an 
Tetanusserum bemerkbar macht, muß ein billiger Ersatz geschaffen 
werden. Einen solchen will der Verfasser gefunden haben in einem 
neuen Präparat, dessen Herstellung er beschreibt. Er empfiehlt dieses 
zur Prophylaxe gegen Tetanus auf Grund von Versuchen an Mäusen. 
Das Präparat stellt ein gut transportables Pulver dar, das im Felde jeder 
Soldat in kleiner Menge bei sich führen und auf jede mit Erde be¬ 
schmutzte, mit zerrissenen Rändern versehene Wunde sofort auf¬ 
streuen könnte. 

G. Hotz (Freiburg i. B.): Znr chirurgischen Behandlung der 
Aneurysmen. Empfohlen wird die Exstirpation geeigneter Aneurysmen 
mit Resektion des verletzten Arterienabschnitts. Danach: circulärc 
Gefäßnaht im Gesunden oder Venenimplantation in den Defekt. Dadurch 
besteht die Möglichkeit, die natürliche Blutcirculation dauernd in voll¬ 
kommener Weise wieder herzustellen, sodaß ein vorher in der Peripherie 
nicht fühlbarer Puls dauernd wiederkehrt. 


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28. Februar. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


Harrass (Konstanz): Zur operativen Behandlung traumatischer 
Aneurysmen. Der Verfasser hat drei Aneuiysmen, die dem Gebiete der 
Schenkelgefäßo angehörten, durch Operation zu schneller Heilung ge¬ 
bracht ohne irgendwelche Circulationsstörungen, sodaß wieder Dien.st- 
fähigkeit eintrat. Um dies Ziel zu erreichen, empfiehlt er ein Operations¬ 
verfahren, das er an einem Fall eingehend beschreibt. Er weist dann 
noch darauf bin, wie leicht solche Aneurysmen übersehen werden, und 
rät daher, wenn es sich um für das Auge gut geheilte Schußwunden in 
der Nähe großer Gefäße handelt, den tastenden Finger aufzulegen: 
das scharfe Schwirren kann der Wahrnehmung nicht entgehen. 

Joh. Weichsel (Leipzig): Ein Fall von Varix aneurysmaticus. 
Es handelt sich um eine Gefäßverletzung am Oberarme durch Schuß, wo¬ 
bei Arteria und Vena bracliialis getroffen und miteinander an einer 
Stelle in dauernde Kommunikation versetzt wurden. Die Einschußöffnung 
findet sich in der Achselhöhle. Setzt man das Hörrohr hier dicht unter 
der Einschußöffnung an, so hört mau ein lautes continuierliches Geräusch, 
das in der Systole stärker wird (Wirbel- oder Muschelgeräusch). Der 
aufgelegte Finger fühlt dasidbst ein deutliches Schwirren. Geräusch und 
Schwirren lassen sich, allmählich schwächer werdend, bis zur Ellbeuge 
verfolgen. Der Patient klagt dauernd über leichte Ermüdung des Armes 
sowie über ein Gefühl des Ameisenlaufens und Taubseins in der Hand. 
Diese Parästhesien hängen mit geringen Circulationsstörungen zu¬ 
sammen. 

H. Flörcken (Paderborn): Unsere operative Tätigkeit im Feld¬ 
lazarett. Das Feldlazarett, in dem der Verfasser tätig war. war bereits 
zwei Monate an demselben Ort etabliert. Es bestand deshalb trotz eines 
regelmäßigen Abtransports der Verwundeten ins Kriegslazarett die Mög¬ 
lichkeit, wenigstens die Schwerverwundeten längere Zeit zu behandeln, 
Fällen, bei denen der Transport eventuell einen ungünstigen Einfluß aus¬ 
übt, die Wohltat einer längeren klinischen Behandlung angedeihen zu 
lassen und auch Operationen auszuführen, die soust dem Kriegslazarett 
überlassen bleiben müssen. Daher berichtet der Verfasser über eine 
große Zahl sehr schwerer Verletzungen, die vielfach zum Tode führten, 
wobei das Morphium als einziges Mittel in seine Rechte trat. 

E. Grünert (Dresden): Zur Behandlung der Kriegsphlegmone 
mit Peruhaisam. — Ueber Gipsverbände und die konservativen Be¬ 
strebungen in der Krlegschirnrgie. Der Verfasser stellt fest, daß 
secernierende Wunden durch Eingießen von reinem unverdünnten Peru- 
balsam günstig beeinflußt worden seien. Er berichtet aber über vier 
Fälle, wo der Perubalsam zu mehr oder weniger stärkerer Nachblutung 
geführt hatte. Außerdem konnte er eine kleine Anzahl von Fällen beob¬ 
achten, wo nach der Behandlung mit diesem Mittel Nachblutungen 
mäßigeren Grads aufgetreten waren. Demgegenüber steht aber eine 
bedeutend größere Zahl, wo sich bei derselben Therapie dieses Ereignis 
nicht eingestellt hatte. 

Oskar Weske: Praktische Erfahrungen mit der Fttrstenan- 
schen Lokalisationsmethode von Geschossen. Nach einem am 10. De- 
zemneg 1914 in der Berliner Röntgen Vereinigung gehaltenen Vortrage. 

F. Bruck. 

Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5. 

0. Marburg und E. Ranzi: Ueber RttckenmarkschÜsse. Die 
bisläng geltende Anschauung bei Rückenmarkverletzungen ist, daß bei 
totalen Querläsioiien die Operation kaum etwas nützen wird, während 
leichtere Fälle nach wenigen Wochen sich spontan zurückbilden. Hier 
wird gezeigt, daß man vier bis fünf Wochen zuwarten, dann aber die 
Laminektoraie ausführen soll. Nur schwerer Decubitus oder schwere 
Infektionen der Harnwege sind eine Kontraindikation der Operation. 

R, Volk und G. Stiefler: Ueber Erfrierungen. Sehr sorg¬ 
fältige. interessante Beobachtungen aus Przemvsl, die infolge der znnnnte- 
langen Absperrung der Festung vom Anfang der Erkrankung bis zu 
Ende durchgeführt werden konnten. Nicht so sehr die trockene Kälte als 
vielmehr die anhaltende Durchnässung bewirkte die Erfrierung; der 
Mangel an Bewegung, das Liegen mit herabhiingenden Beinen in den 
Erdlöchern sind unterstützende Momente. Auf Entstellung während des 
Marsches sind nur drei Fälle von Erfrierung der Füße zurückzuführen 
gewesen, wobei das oft stundenlange Stehen in den durchnäßten Schuhen 
wohl die eigentliche Ursache bildete. In den weitaus überwiegenden 
Fällen waren die Füße allein erfroren. Durch Nekrose der Weichteile 
und Knochen kommt es oft zu spontanen Enucleationeu und Am¬ 
putationen; auch eine Arrosion von Gefäßen kann erfolgen, weshalb Vor¬ 
sicht beim Verbandwechsel erforderlich ist. Die gewöhnlichen Begleiter 
der Erfrierungen sind Ahse esse und Phlegmonen, infizierte Mincmrünge 
und Tasehonbildungen. Seitens des Nervensystems kommen neben sehr 
heftigen Schmerzen (Erkältungsneuralgie) Parästhesien und Anästhesien 
zur Beobachtung, die mich nach leichten Erfrierungen sich sehr langsam 
zuröckhihlen. Prognostisch sind die Fälle mit Anästhesie, Fieber und 


starker Ilautschwellung wegen der Gefahr schwerster Nekrosen besonders 
ungünstig zu beurteilen. Eine gründliche Belehrung des Soldaten zum 
Zwecke des Selbstschutzes (Kleidung, Bewegung. Massage) wird manches 
Unglück verhüten können. 

E. Garaper: Schuß Verletzung der Cauda equlna. Ano-vesicale 
Lähmung und reithosenförmige SensibUitätsstörung. Die günstigsten 
Bedingungen für eine Operation sind zu Beginn gegeben, bevor es zur 
Narbenbildimg, zur Verwachsung der Wurzelstümpfe mit den Meningen, 
mit Knochensplittern usw. gekommen ist. 

H. Fischer: Ueber Fieberreaktionen, hervorgerafen durch 
filtrierbares Virus. Wie Injektionen von Blut Flecktyphus- oder Gelb¬ 
fieberkranker bei Affen und Meerschweinchen Fieberreaktionen ohne 
sonstige charakteristische Krankheitserscheinungen zu erzeugen imstande 
sind, so gelang cs dem Autor auch mit dem Virus der Maid- imd Klauen¬ 
seuche, mit Vaccine, mit Lyssa- und Hühnerpestvirusinjektionen bei 
empfänglichen wie auch bei unempfänglichen Tieren (Kaninchen gegen 
Hühnerpest!) specifische Fieberreaktionen auszulösen. 

Biedl, Eggerth, Paltauf: Zur Yaccinetherapie des Typhus 
abdominalis. Günstige Erfahrungen mit den intravenösen Injektionen 
der Besredkaschen Typhusvaccine. Paltauf hält indessen bei dieser 
Behandlung eine gewisse Vorsicht für geboten, weil Temperaturstürze 
mit Kollapsorscheinungcn zur Beobachtung gekommen sind; sie sollte 
nur in gut eingerichteten Spitälern vorgenommen werden. Misch. 

Therapeutische Monatshefte 1915 , Heß 1, 

0. Heubner: Kriegsmedizinische Erinnerungen. Heubner hat 
während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 im Reserveluzarett in 
Leipzig ca. (>50 Kranke behandelt. Davon hatte etwa der vierte Teil Ruhr 
oder Unterleibstyphus. Die Ruhrkranken wurden damals in allen Stadien 
vorwiegend mit Abführmitteln, in vielen Fällen sogar mit Ricinusöl be¬ 
handelt. Stopfmittel waren verpönt, nur gegen den Stuhldrang wurden 
Tanniuzäpfchen verwendet. In der Ernährung war man nicht sehr vor¬ 
sichtig und gab frühzeitig Fleisch, Eierspeisen und trockenes Gemüse. Die 
Behandlung der Typhuskranken wurde im allgemeinen nach den Prinzipien 
der Kaltwasserbehandlung geleitet Auf frühzeitige, ausreichende Er¬ 
nährung wurde großer Wert gelegt. Von andern Erkrankungen waren 
besonders interessant einige Fälle äußerster Erschöpfung mit schwerer 
lübmungsartiger Beteiligung und Schmerzhaftigkeit der Gesamtmuskulatur 
(Jollys Myasthenie). Sie betrafen Krieger, welche besonderen An¬ 
strengungen ausgesetzt waren. Sehr viele Kranke wurden mit der Diagnose 
„Brustkrankheit”, „Leberkrankheit”, „Magenkrankheit 1 * eingeliefert, ohne 
daß sich außer einer Druckempfindlichkeit bestimmter Körperstellen etwas 
nachweisen ließ. Heubner hält solche Schmerzen für traumatischer 
Natur, durch Druck des Turnisterriemcns oder der Koppel hervor- 
gerufen. 

H. Klose (Frankfurt a. M ): Ueber Thymusoperationen und deren 
Folgen für den Organismus. Die Thymus wächst bis zur Pubertät und 
verfällt erst dann der physiologischen Involution. Ihre Funktion, welche 
dementsprechend weit über die Kindheit hinaus von Bedeutung ist, ent¬ 
spricht ihrem anafomischen Aufbau als lymphoepitheliales Organ; an das 
wesentlich aus Epithelion bestehende Mark ist die specifische innensekreto¬ 
rische Funktion der Thymus gebunden, während die aus Lvinphocyteu be¬ 
stehende Rinde die allen lymphocytären Elementen gleiche Wirkung entfaltet. 
Experimentelle Forschungen über die Physiologie der Thymus liegen nur 
spärlich vor. Der durch Thvmektowie bei Tieren erzeugte rhachitisähn- 
liche Zustand mit Intelligenzverfall und Steigerung der elektrischen Er¬ 
regbarkeit der peripheren Nerven und motorischen Riudenfelder erlaubt 
nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf die menschliche Pathologie. 

In dieser spielen die mechanischen Störungen einer zu großen 
Thymusdrüse die Hauptrolle. Eine solche. Hyperplasie, welche stets mit 
Konstitutionsanomalien (pastöser Habitus, Hyperplasie aller lympho¬ 
cytären Gewebe und der Milz, lymphoeytäres Blutbild) einhergeht, 
wirkt raumbeengend im oberen Mediastinum. Unter verschiedenen Ein¬ 
flüssen kann die hyperplastisehe Thymus akut anschwcllen und Druck¬ 
wirkungen äußern. Am häufigsten ist die Kompression der Trachea 
(Tracheostenosis thymica), und zwar entweder in der oberen Brustapertur 
oder an der Kreuzung mit der Arteria anonyma. Das Krankheitsbild 
besteht entweder in chronischer Dyspnoe mit Cyan ose oder in akut ein¬ 
setzenden Erstickungsanfällen, denen aber stets ein chronisches Vorboten¬ 
stadium vorausgeht. Die klinische Diagnose ist aus dem Palpationsbefund 
(cxspiratorisch deutlichere, weiche Geschwulst im Jugulum) und dem 
Röntgenbilde (Verbreiterung des Medialschattens nach links) zu stellen. 
Nur bei der mit akuten Anfällen einhergehenden Form ist ein chirurgi¬ 
sches Einschreiten indiziert: es wird entweder die iutra- oder subkapsu* 
läre Exeision (Nnnnalvcrfahron) oder die intrnknpsuläre Enucleation eines 
ganzen Lappens ausgeführt, gegebenenfalls mit Thymopexie oder mit Ke- 


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28. Februar. 


1013 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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u? 


Sektion des Manubrium sterni. Thymogeue Kompression des Oesophagus 
tritt nur bei gleichzeitiger Trachealkompression auf, thymogener Druck 
auf die großen Gefiiße und die Vorhöfe ist selten, schwer zu diagnosti¬ 
zieren und prognostisch ungünstig. Thymusb 1 utungen beim Neuge¬ 
borenen als Geburtstrauma erfordern ein sofortiges chirurgisches Ein¬ 
greifen. Gerichtsärztlich wichtig ist ihre Unterscheidung von asphvkti- 
schen Blutungen, welche sich meist in geringer Zahl und nur in der 
Thymuskapsel vorfinden. Metastatische Tliymusabscesse treten 
nach akuten Infektionskrankheiten, auch nach Nabeleitorungen auf. Sie 
sind prognostisch sehr ungünstig, auch bei operativem Vorgehen, weil 
sie meist in den unteren Drüsenpartien lokalisiert sind und schnell nach 
Perikard oder Trachea durchbrechen. Die gleichzeitige Vergröße¬ 
rung der Thymus und der Schilddrüse ist nicht selten. Besonderes 
klinisches Interesse beansprucht die Kombination von Thymus- 
hyperplasie mit Morbus Basedowii, weil derartige Kranke unter 
der Wirkung zweier ähnlicher Gifte stehen. Der Anteil, welchen die 
Hyperfunktion der Thymus an der Basedowschen Krankheit nimmt, 
laßt sich aus der Höhe der absoluten Blutlymphocytose, besonders bei 
geringer Schilddrüsen Vergrößerung und schweren Herzerscheinungen ab- 
sch&tzen. Die Symptome der Myasthenie, der Vagotonie, ferner die 
Abderhaldensche Reaktion geben zurzeit noch keine differential¬ 
diagnostisch brauchbaren Resultate. Die Operationserfolge der Schild¬ 
drüsen- und Thymusexcision bei Basedow’scher Krankheit sind im allge¬ 
meinen günstig. Echte Thymustumoren sind selten: sie verursachen 
neben den für alle Mediastinaltumoren charakteristischen Symptomen 
gelegentlich Myasthenie und auch Basedow Symptome. 

C. v. Noorden (Frankfurt a. M.): Ueber Fettleibigkeit und ihre 
Bdusdlnng. v. Noorden unterscheidet eine exogene (Maßfettsucht) und 
eine endogene (konstitutionelle, thyreogene) Form der Fettsucht. Die j 
erstere entsteht durch übermäßige Nahrungsaufnahme (Ueberfütterungs- 
fettsucht) oder durch mangelnde Muskelbewegung (Faulheitsfettsucht) oder | 
durch Kombination beider Faktoren. Die letztere ist entweder primär ! 
thyreogen, das heißt durch teils angeborene, teils erworbene Veränderungen 
der Schilddrüse, wie Atrophie, Degeneration, funktionelle Schwäche, her- ' 
vorgemfen. oder sekundär thyreogen, indem die Hypofunktion der Schild- I 
drüse von andern endokrinen Organen ausgelöst wird, z. B. vom Pankreas 1 
(praktisch bedeutungslos) oder von den Keimdrüsen durch Ausfall der j 
sogenannten Zwischensubst&nz (eunuchoider Typ der Fettsucht) oder von 
der Hypophyse (Degeueratio adiposo-genitalis oder hypophysäre Fettsucht, 
Typus Fröhlich oder vielleicht auch von der Glandula pinealis oder von 
der Thymus. Kombinationen exogener und endogener Fettsucht sind : 
häufig, besonders bei jugendlichen Personen. Therapeutisch ist die exo- I 
gene Fettsucht durch diätetische Maßnahmen zu bekämpfen; zur Heilung | 
der endogenen Fettsucht ist die Schilddrüsentherapie das souveräne j 
Mittel welches bei sachgemäßer Verwendung (geringe Diätbeschränkung, 
ausreichende Eiweißzuftihr, gleichzeitige Digitalisierung) keine Gefahren 
bietet. Bergonies Entfettungsmaschine und Leptvnolinjektionen sind Ver¬ 
fahren von beschränktem Werte. 

P. Ehrlich und H. Sachs (Frankfurt a. M.): Impfstoffe und 
Heilsera. Zusammenfassende Uebersicht über die Anwendung und den 
Mert (Schutzkraft und Heilwert) der Impfstoffe bei folgenden Erkran¬ 
kungen: Pocken, Typhus, Cholera, Diphtherie, Tetanus, Dysenterie, Pest, 
•Mreptokokkeninfektionen und Pneumokokkeninfektionen. Die Gefahren der 
>erurnkrankheit sind gering, die Gefahren der Anaphylaxie bei Re¬ 
sektionen lassen sich durch tropfenweise Injektion (Friedberger und 
Mita) oder durch Vorinjektion einer minimalen Serummenge (Besredka) 
mildern. 

Schenderowi tsch (Bern): Die BehandlnngderGono-Blennorrhoe 
der Neugeborenen nnd Erwachsenen an der Berner Universitiits« 
Angenkllnlk. Seit 1907 wurde in der Siegristschen Klinik in Bern 
dü' hono-Blennorrhoe der Neugeborenen nicht mehr mit Argentum nitri- 
Cüra ' s °adern entweder mit Kollargol (3%ige Lösung zunächst stündlich, 
■"pater alle zwei bis drei Stunden) oder mit Syrgol (5%ige Lösung in 
jh-rselben Weise angewendet) behandelt. Beide Behandlungsmethoden 
liefern nicht nur bei unkomplizierten Fällen, sondern auch bei schweren 
lomhautkomplikationen vorzügliche Resultate, Kollargol hat den Nach- j 
t( d der Schwarzfärbung von Exsudat und Verbandmaterial, Syrgol führt I 
gelegentlich zu Magendarmstörimg. Ueher Sophoibehandlung liegen noch 
lu fbt genügende Erfahrungen vor, um zu einem abschließenden Urteil zu 
gelangen. Pringsheim (Breslau). 

Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 7. 

Arnheim: lieber die Behandlung subjektiver Ohrgeräusche. 

berichtet über günstige Beeinflussungen von dauerndem Ohren- 
[ : ' 1 , n - s ! n Otosklerose und Fällen ohne Befund durch monatelange inner- 
I - larr '<’riin-r von Otosklerol (Cimicifugin, Brom, Phosphor.) K Hg. 


Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr . 7. 

B. Heile: Zur Technik der Appendektomie. An der Wurzel 

des vom Mesenteriolum gelösten Wurmfortsatzes werden zwei eine Falte 
fassende Haltezügel in die Längstänie des Kolon gelegt. Um eine voll¬ 
ständige Invagination des Amputationsstumpfes zu erzielen, wird central 
von einer senkrecht zu den Haltezügeln angelegten Klemme durchtrennt. 

K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 1915 , Nr. 5 bis 7. 

Nr. 5. A s c h h e i in: Ueber den Glykogengehalt der Uternsschleim- 
haut. Aschheim hat dieUterusssehleimhaut bei Ausschabungen und Total- 
exstirpationen auf Glykogen mittels der Jodfärbung und der Bestschen 
Kaliumkarmiufärbung untersucht. In der Uterusschleiinlmut der ge- 
schlechtsreifeu Frau ist die zeitweise Ablagerung von Glykogen 
ein physiologischer, an die Menstruation gebundener Vorgang. Gly¬ 
kogen fehlt postmenstruell und in der ersten Hälfte des Intervalls. In 
den letzten Tagen des Intervalls tritt mit dem Einsetzen der Sehleim¬ 
sekretion Glykogen in den Drüsenzellcn der Schleimhaut auf, ferner 
auch in den Stromazellen und den oberflächlichen Muskelschichteii. In 
der Menstruation wird es ausgestoßen, bei Eintritt der Schwangerschaft 
nimmt seine Bildung zu. Das Glykogen ist aufzufassen als Nährstoff 
für das junge Ei und seine Ablagerung als Vorbereitung der Schloim- 
haut zur Aufnahme des Eies. 

Nr. 6. A. G i e s c c k e: Ueber die Muskel bindege websgeschwttlste der 

Taginalwaud. Ausführliche Literatur und Mitteilung eines dieser seltenen 
Geschwülste aus der Kieler Frauenklinik. Differentialdiagnostisch kommt 
die Cystoeele in Frage, sowie auf Scheidcnprolaps auch die Beschwerden 
der Patienten zunächst hinweisen. Doch gibt meist schon die scharf al>- 
gegvenzte und derbe Geschwulst der Scheidenwand bei der Untersuchung 
die Diagnose, wobei aber wegen der Möglichkeit larkomatöser Entartung 
die Exstirpation und mikroskopische Prüfung zu fordern ist. 

Nr. 7. E. Melchior: Zur Symptomatologie der sabentanen Kli- 
torlsrapturen. Faustgroße, prall gespannte Geschwuilst von unversehrten, 
aber blutig verfärbten Hautdecken umgrenzt rechts oberhalb der Symphyse, 
aber ohne Beziehungen zu den inguinalen Bruchpforten. Bei der Operation 
zeigt sich, daß das abgekapselte Hämatom unterhalb der Schambein¬ 
fuge mit dem eingerissenen Schwellkörper der Klitoris zusammenhängt. 
Dazu paßt die Angabe der Kranken, daß sie mit der vorderen Becken¬ 
gegend auf einen Stein aufgeschlagen sei. K. Bg. 

Zentralblatt für Herz - und Gefäßkrankheiten 1915 , Nr. L 

R. van den Velden: Feldärztllcke Herzfragen. Gefährdet sind 
die jungen Leute mit schlecht entwickeltem Herz und Gefäßen, was sich 
röntgenologisch nicht selten mit dem „Tropfenherzen“ deckt, ferner die 
älteren Leute mit emphysematosen Beschwerden (rechtes Herz) und 
Atherosklerose und latenten Nierenkrankheiten (Imkos Herz) und’ mit 
Myodegenerationen nach Infekten. Beim Versagen des Kreislaufs wird 
geklagt über Erregung und Schwäche, Herzklopfen, Atemnot, Schwindel, 
oft ohne faßbaren Befund. Leute mit früherer Neigung zu Verstim¬ 
mungen fühlen sich im Feld oft besser. Bei den akuten Infektionen von 
Kriegsteilnehmern sind häufiger Herzmittel angezeigt. 

J. G. Mönckeberg: Ueber die Atherosklerose der Kom¬ 
battanten (nach Obduktionsbefunden). Bei 53 Männern im Alter von 
20 bis 30 Jahren wurde 23 mal = 43%, bei zwölf Männern von 31 bis 
43 Jahren sechsmal = 50 % Atherosklerose an Aorta und Coronararterieu 
gefunden: streifige und fleckige, weißliche und gelbliche, leicht 
prominente Verdickungen an der Innenfläche, namentlich im An¬ 
rangsteil der Aorta oberhalb der Klappen und im Stamm und besonders 
im absteigenden Ast der linken Kranzarterie. Also 9 /ao der jüngereii 
Männer Atherosklerose an Aorta oder Kranzarterien. Beziehungen 
zwischen Beruf und Gefäßveränderungcn bestanden nicht; dagegen in 
20 Fällen (69%) Veränderungen als Folgen früherer Infektionen 
(Endokarditis, Tuberkulose, Lues, Pleuraadhäsionen, Appendicitis). Aber 
anderseits fanden sich derartige Zeichen häufig auch bei Leuten oliueAthero- 
sklerose. Es muß demnach noch etwas anderes bei der Erzeugung von 
Gefäßveränderungen hinzukommen. Ueberraschend ist jedenfalls bei 
diesen Untersuchungen das ziemlich häufige Vorkommen beginnender 
Atheroskler o se. 

R. van den Velden: Rechtsseitige Kardioiyse. Bei 46 jährigem 
Manne entwickelte sich nach rückfälliger rechtsseitiger Rippenfellentzün¬ 
dung Schwartenbildung und Schrumpfung mit Einziehung von 
Mittel feil, Herz und Zwerchfell, Stauungsleber und Albuminurie. 
Resektion der vierten bis siebenten Rippe vom SternaJarisatze bis 
Rippenwinkel. Nach Versteifung der Deckungsfläche durch Narbengewebe 
verlor sich die anfänglich nach der Operation bestehende Ateiubowog- 
lichkeit des Herzens; trotzdem erhebliche Besserung der Leistungsfähig- 


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28. Februar. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIIv — Nr. 9. 


keit des Kranken und Beseitigung der Stauungen. Van den Velden 
nimmt an, daß es sich um Blutstauungen an der Einmiindungs- 
»telle der Vena cava inf. durch die narbigen Verwachsungen ge¬ 
handelt habe, die durch die Resektion beseitigt wurden. K. Bg. 

Monatsschrift für Kinderheilkunde 1914 , Bd. 13 , Nr. 6. 

K. Tergast: Zwei Fälle von Verblödung im späteren Säuglings¬ 
alter mit voriib ergehenden Halbs ei tenerscheinnngen (Apraxie 
einer Hand). Beitrag zu einem umgrenzten, der Gruppe der Hirn¬ 
sklerosen zugehörigen Krank eitsbild an der Hand eines von Göppert 
bis zum Ende verfolgten und eines jüngeren Falles. Um die Wende des 
ersten Lebensjahres treten aus voller Gesundheit Symptome (entzünd¬ 
licher) Himreizung auf, Krämpfe, kurze Anfälle tonischer Art, bald Ab¬ 
wesenheit, Schläfrigkeit, bald Unruhe, Hirndruckerhöhung. Nach Wochen 
bleibt eine cerebrale Halbseitenläsion, endlich noch eine ausgesprochen 
psychische Lähmung (Apraxie) einer Hand zurück. Parallel mit der Re¬ 
paration der Lähmungen geht ein fortschreitender psychischer Verfall, 
endet im einen Falle mit Verblödung, im andern ist gleiches Schicksal 
aus dem Verlaufe vorauszusehen. Lues kann ätiologisch ausgeschlossen 
werden. Anatomische Befunde fehlen noch zur Aufklärung der Pathologie. 

F. Erbsen: Ein Fall von traumatisch entstandener Baibär« 
paralyse im fünften Lebensjahre. Mitteilung eines Falles mit Sym¬ 
ptomen der Bulbärparalyse, Arm- und Beinparesen, erhöhtem Liquordrucke, 
der innerhalb von acht Wochen letal endete und unter Ausschluß der 
Annahme einer epidiphtherischen Bulbärlähmung und seltener Symptumen- 
bilder bei spinaler Kinderlähmung auf eine traumatische Blutung der 
Bulbusgegend zurückzuführen ist. Auch zu Lues steht das Auftreten 
der Blutung ätiologisch nicht in Beziehung (negativer Wassermann). 

E. Koch: Die Entstehung des dritten Stadiums der Rhinitis 
luetica neonatorum. Auf Grund pathologisch-anatomischer Unter¬ 
suchung und klinischer Beobachtung weist die Verfasserin darauf hin, 
daß bei luetischer Rhinitis, häufiger unter Grippeinlektion, ein plötzlicher 
Uebergang aus dem ersten hyperplastischen Stadium in die schweren 
eitrigen und ulcerösen Stadien stattfindet, wobei die ausgedehnten 
Epitheldefekte eine Eingangspforte für Sepsis bilden. Da neben chroni¬ 
schem Verlauf und Uebergang dieser akute Verlauf nicht ganz selten 
ist, befürwortet Verfasserin sorgfältige specifische Frühbehandlung und 
Prophylaxe der Sekundärinfektionen. 

H. Gebhardt: Der elektrische Nachweis der Spasmophllie bei 
den Fällen von sogenannten Initialkrämpfen älterer Kinder. Die 
interessanten Fragen, ob’die häufigen initialen Krämpfe bei fieberhaften 
Erkrankungen der Kinder jenseits der Säuglingszeit auf latenter Spasmo- 
philie beruhen und ob auch für dieses Alter bei der elektrischen Prü¬ 
fung die Standardwerte von Thiemich-Mann Geltung haben, werden 
nach klinischen Untersuchungen bejahend beantwortet. Die erhöhte elek¬ 
trische Erregbarkeit besteht nachweisbar, klingt dann — ohne Therapie 
— in wenigen Tagen ab; einmal war auch das Facialisphänomen nachzu¬ 
weisen. Die alsbald eintretenden Werte der normalen elektrischen Erreg¬ 
barkeit entsprechen den für den gesunden Säugling geltenden Werten. 

L. Frank und E. Schloß: Die Nachhaltigkeit der Kalk-Leber¬ 
trantherapie bei der Rachitis auf Grund weiterer Stoffwechselver¬ 
suche. Anschließend an frühere Mitteilungen (1918/14), aus denen die 
günstige Wirkung kombinierter Darreichung von Lebertran und Kalk¬ 
phosphorpräparaten bei Rachitis hervorging, berichten die Verfasser über 
eine Serie von vier Stoffwcchselversuchen bei Kindern in verschiedenen 
Stadien rachitischer Erkrankung, denen Tricalciumphosphat und Leber¬ 
tran gleichzeitig gegeben wurde. Das Resultat dieser ausführlichen 
Versuchsreihen ist auch hier eine deutliche Verbesserung der Kalk- und 
Pho.sphorbilanzen, die auch bei längerem Gebrauche der Medikation be¬ 
stehen bleibt, in dem Maße, daß auch nach Aussetzen in der Nachperiode 
die Bilanz noch besser als in der Vorperiode bleibt. 

E. Schloß: Zur Behandlung der Spasmophllie mit Lebertran 
und Tricalciumphosphat. Analog der in der vorigen Arbeit gemachten 
Erfahrung wurde Lebertran (10 g pro die) mit Tricalciumphosphat (i g 
pro die) in vier Fällen bei Spasraophilie kombiniert gegebeu. Sowohl 
die klinischen Erscheinungen wie die elektrische Uebererregbarkeit wurden 
in kurzer Zeit völlig und dauernd beeinflußt. Usener. 

Hvzienische Rundschau 1915, Nr . l, 

T. A. Venema: Ueber die Differentialdiagnostik bei einigen 
Baclilen der Typhus-, Paratyphus- usw. Gruppe mittels der Agglu¬ 
tination. Die Differenzierung der Typhus-, Paratyphus A-, Enteritidis- 
bacillen sowie der Gruppe der Paratyphus B-Bacillen (Mäusetyphus- und 
Schweinepestbacillen) mittels agglutinierender Sera gelingt in einwand¬ 
freier Weise. Die Mitagglutination ist so gering, daß sic diagnostische 
Schwierigkeiten nicht, bereiten kann. K. Al. 


Bücherbegprechimgen. 

H. Henning, Der Traum ein assoziativer Kurzschluß. Mit ö Fi¬ 
guren im Text. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 66 S. M 1,80. 

Der Verfasser sucht die mannigfachen Seiten des Traumlebens (der 
Reizträume und Vorstellimgsträume) im Licht einer gesunden Psychologie 
zu betrachten, die sich mit Geschick gegen die Entstellungen und Trug¬ 
schlüsse Freuds wehrt. Nach Musterung der typischen Traumformen 
kommt Henning auf Grund eigner Untersuchungen (mittels Doppel¬ 
assoziationen) zu dem Resultat, daß sich eine sexuelle Symbolisierung 
verbietet. Eine Wunscherfüllung ist in den lustbetonten Träumen (= 75%) 
nicht nachweisbar. Von Robert wird der Traum als Notwendigkeit 
erklärt. Die unfertigen Eindrücke des Tags werden im Traum erledigt, 
der Traum ist ein „körperlicher Ausscheidungsprozeß, der in seiner 
geistigen Reaktionserscheinung zum Erkennen gelangt“. Ergänzt wird 
diese Lehre durch Hennings assoziativen Kurzschlußmechanismus, der 
die Ladung unfertiger, in Bereitschaft liegender Vorstellungen beseitigt. 
So werden wenigstens keine Anforderungen an die Gehirnmechanik ge¬ 
stellt, die nicht mit physiologischen Gesetzen und Analogien korrespon¬ 
dieren. Das aber tut die Lehre Freuds, Stekels, Fließ’ und Swo- 
bodas. Darum ist solch ein kurzer und ernster, wenn auch lücken¬ 
hafter psychologischer Versuch wie der vorliegende immer wieder 
dankenswert. Singer (Berlin). 

H. Busch, Phantom der normalen Nase des Menschen. Drei 
farbige Tafeln mit sechs Deckbildern und 34 Seiten erklärendem Text. 
München 1914, J. F. Lehmanns Verlag. M 8,—. 

Zur topographischen Orientierung ist dieses Phantom sehr ge¬ 
eignet. Besonders für Aerzte, die im Beginn ihrer rhinologischen 
Studien stehen, wird das Büchlein ein rasches Verständnis ermöglichen. 

Haenlein. 

€. Adrian, Die praktische Bedeutung der Mißbildungen der 
Niere, des Nierenbeckens und des Harnleiters. Sammlung 
zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Dermatologie usw. 
Halle 1914. Carl Markold. 88 S. M 1,20. 

Adrian bespricht in seinem Vortrage die praktische Bedeutung 
der Mißbildungen der Niere, des Nierenbeckens und des Harnleiters, 
welche bei den Fortschritten der Diagnostik und Therapie des Harn- 
systems erhebliches Interesse gewonnen haben. Mißgebildete und unvoll¬ 
kommen entwickelte Organe, und Organe, welche an anormalen Stellen 
entwickelt, verdoppelt oder solitär sind, erkranken nach den Statistiken 
häufiger als normale Organe. Heredität, Anamnese und genaue Unter¬ 
suchung der Kranken (Mißbildungen au andern Organen, besonders Ge¬ 
schlechtsorganen, zumal beim weiblichen Geschlecht!) führen oft zur 
Wahrscheinlichkeitsdiagnose der Anomalie im uropoetischen System, 
ferner bringt das Ergebnis der klassischen Untersuclnmgsmethoden der 
Harnorgane wertvolle Aufschlüsse, aber nicht immer absolute Sicherheit; 
Ureterenkatheterismus, Röntgenbilder und Pyelographie nicht zu ver¬ 
gessen. Recht häufig wird man aber doch das Ergebnis diagnostischer 
Operationen für *die exakte Diagnosenstellung der Anomalie der Hnm- 
organe abwarten müssen. Mankiewicz. 


Therapeutische Notiz. 

Die günstigen Wirkungen, die durch S&nocaloin erzielt wurden, 
veranlaßten Dreuw, dieses Mittel in Verbindung mit Arsen bei der 
Behandlung der Lues zu verwenden. Er gibt folgende Methode für die 
Behandlung der primären und sekundären Formen an: Man beginnt mit 
einer Hg.-Injektion (Rp. Hydrargyri salicylic. 1,0, Anästhesin 0.5, Paraffin, 
liquid, ad. 10,0. Hiorvon ! /io Spritze). Zwei Tage darauf eine Arsen- 
Sanocalcin-Injektion. wieder nach zwei Tagen eine Arsen-Sanocalcin- 
Injektion, dazwischen können wöchentlich noch zwei bis drei Sanocalcin- 
injektionen ohne Arsen gegeben werden. Diese Art der Behandlung 
wird fünf bis acht Wochen hindurch fortgesetzt. Am Ende der Behand¬ 
lung noch wöchentlich eine Arsen-Sanocalcin-Injektion. Gottgetreu 
hat sechs Fäll© von sekundärer Lues nach dieser Methode behandelt. 
Gute Erfolge, Dauer der Behandlung meistens acht Wochen. 

Ein Vorzug der Behandlung besteht darin, daß die Schmerzen nur 
ganz geringfügig sind; es traten keine unangenehmen Nebenwirkungen 
auf, keine Entzündung an der Injektionsstolle, kein Fieber, auch sonst 
litt nicht das Allgemeinbefinden. Die Behandlung mit Arsen-Sanocalcin 
(Goedecke & Co., Berlin) kann ambulatorisch durchgeführt werden. Die 
Technik ist einfach und auch der praktische Arzt kann die Behandlung 
in der Sprechstunde durchführen. (Ueber die Verwendung des Arsen- 
Sam »calci n von Dr. Gut.teetreu, Ilerlin-Neuköllu. Allg. Med. Zentralztg., 
Berlin 1914. Nr. 52.) 


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Original frn-m 

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28. Februar. 


1915 —MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


259 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfiragen. 

Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv-Dot. Dr. Anton Bum, Wien, 


K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. 

Sitzung vom 19. Februar 1915. 

Jt Grassberger demonstriert einen Schntzanzng für 
Eitliisnigsaktionen. Er besteht aus einer Hose ohne Schlitz 
and aus einem Rock mit angenähter Kapuze, welche nur das 
Gesicht freiläßt. l>er Rock ist sonst geschlossen und wird über 
den Kopf angezogen, hierauf wird er durch das Hosenband fest¬ 
gebunden. Den Anzug vervollständigen Gummiüberschuhe und 
Gummihandschuhe, er wird über den gewöhnlichen Kleidern ge¬ 
tragen. Vor Beginn der Entlausungsaktion wird mittelst einer 
Perolinspritze der Anzug mit einer Emulsion von Anisöl bespritzt, 
das Gesicht wird mit Laussalbe bestrichen. Vor dem Ausziehen 
wird der Anzug mit 2%iger Ljsollösung bespritzt. Er besteht aus 
Racksackstoff. 

J. ?. Hochenegg: Zur Prothesenfrage. Wir haben noch 
keinen klaren Ueberblick darüber, für wie viele Amputierte Pro¬ 
thesen werden beschafft werden müssen; man muß deshalb vom 
Anfang an sparsam vorgehen. Unmittelbar nach der Amputation 
soll man nicht eine definitive Prothese geben, da sich der Stumpf 
verändert und die Prothese dann nicht paßt. Viele Amputierte 
haben auch eine unzweckmäßige Formation des Stumpfes, so daß 
dieser neu adaptiert werden muß, oder Dekubitus und Neurome 
geben die Indikation für eine Reamputation ab. Mit der Anwen¬ 
dung des definitiven Kunstbeins soll man mindestens 3 /a Jahr nach 
der Amputation warten; bis zu dieser Zeit soll man billige pro¬ 
visorische Prothesen geben. Die Amputierten mit provisorischen 
Prothesen sollen eine Anweisung auf eine definitive Prothese sowie 
einen Betrag in Form einer Rente für die Instandhaltung der 
letzteren erhalten. Der Zweck der Prothese ist ein kosmetischer 
and ein funktioneller, der letztere geht voran. Ersatzstücke für 
eine obere Extremität sollen erst dann in Verwendung genommen 
werden, bis der Amputierte gelernt hat, mit der gesunden Hand 
möglichst gut zu hantieren, sonst besteht die Gefahr, daß er die 
gesunde Extremität nicht einübt. Eine wichtige Aktion ist die 
Schule für die Einarmigen; an dieser sollen auch Lehrkräfte für 
Provinzschulen herangebildet werden. Der Beinstumpf soll schon 
während der Wundheilung soweit gekräftigt werden, daß er eine 
Prothese verträgt. Diese soll am besten den Typus eines Stelz¬ 
fußes haben; gegen die Verwendung kunstvoller Beine sprechen 
der hohe Preis und der Umstand, daß sie leicht reparaturbedürftig 
werden. 

0. v. Frisch führt mehrere Fälle mit Gipsstelzen vor, wie sie 
sot vielen Jahren an der Klinik v. Eiseisberg als provisorische Pro¬ 
thesen in \envendung stehen. Der Stumpf wird in einen Eisenbügel 
»ufgenoramen, welcher gut gepolstert wird, und durch eine Gipsbinde 

an diesem Bügel eine genaue Form für den Stumpf hergestollt, 
üer hisenbügel ist mit einer einfachen Stelze fest verbunden. Mit der 
^■it atrophiert der Stumpf, dann wird einfach die Prothesenhülse mit 
atte aufgelegt. Die Gipsprothese wird an der Klinik selbst angefertigt 
'i»d ist gehr billig. 

ü. Engel mann weist darauf hin, daß die Amputationen an den 
un eien Gliedmaßen, die in den Spitälern des Hinterlandes ausgeführt 
«erden, teils wegen Gangrän, teils wegen fortschreitender infektiöser 
rozes** notwendig werden. In beiden Fällen wird die Technik der Ope- 
uon dahm beeinflußt, daß von allen komplizierten Lappenmethoden 
gesehen werden muß; naturgemäß wird dadurch die Heilung des 
«. umpies beträchtlich verzögert und das Ziel, ihn tragfähig zu machen, 

* t mnansgeschoben. Wenn man solche Pat. bald gehfähig machen will, 
u mn sie mit iJebergangsprothesen versehen, weiche in ihrer Kon- 
7 „rn i. IOn -, die älteren “'direkten Prothesen mit freihängendem Stumpf 
en ' Als solche rebergangsprothesen hat Redner für Ober- 
II, 11 e ^P^erte eine Sitzringbrücke konstruiert, mit welcher der Pat. j 
Der ct f l ^ m P utat * on mit granulierender Wunde herumgehen kann. | 
~ u, m Uai ^ bekommt dabei die richtige Lago für die spätere Funktion, | 
,,.j ? ur Abhärtung und Schwielenbildung der entsprechenden llaut- 
Drnitie' 18 ^ aTtie - n ‘ Unterschenkelamputierte hat E. eine Universal- 
mann^ ^’ n , stniier b welche aus einer eisernen Sohlenplatte nach Hoeft- 
aoMpb. ■ r ’ V ° D zwei * n der Höhe verstellbare Seitenschienen 
ilurrh !r -' d,e n . 0 ^ erei1 Enden der letzteren tragen zwei weichgefütterte, 
siias iiK; nen , .!? en hxierbare Platten als Stützpunkte an der Tubero- 
raiteinanl 6 ur *d hbulae. Die Seitenschienen sind durch zwei Halbzirkel 
und ein» Cr 'T j deni we .^ e * n ihrer Weite verstellt werden können 
liäni/t • ^ ert igte Kaschierung der Wade umspannen. Dabei 

Vermut» tutionsstumpf frei in der Prothese, welche wegen ihrer 
min aberd* fc p 0 lDe Y or i ier i^ es Maßnehmen angelegt werden kann. Will 
so ee6fhioK? n a' '' Belastung seines Stumpfes herumgehen lassen, 

<h68 mit Hilfe eines gepolsterten Riemenzuges, der mit 


beliebig starkem Druck gegen den Stumpf angepreßt wird. Vor zu kompli¬ 
zierten Prothesen ist zu warnen. Man könnte jedem Amputierten einen 
Stelzfuß zur Arbeit und ein Kunstbein für den Feierabend geben; wo das 
aber nicht möglich ist. wäre ein Stelzbein mit maskierter Wade und 
Fuß sowie einem in Streckstellung sperrbaren Kniegelenk zu empfehlen, 
welches sieh beim Sitzen durch das Eigengewicht seines Unterschenkels 
im Kniegelenk abbiegt und beim Aufsteheii durch einfache Gummiband¬ 
züge automatisch wieder in Streckstellung zurückgebracht wird. Mit dem 
Unterschenkel ist ein Fuß in Verbindung, der mittelst einfacher Fede¬ 
rung die Dorsalflexion von Vorfuß und Fußspitze erlaubt, um beim Gehen 
ein möglichst leichtes Abwickeln vom Boden zu ermöglichen. Redner 
stellt zwei Pat. vor, welche die Universalprothese erst zweimal je 
10 Minuten getragen haben; der eine Pat., welchem ein Bein amputiert 
ist, geht ohne Stock, der andere, welchem beide Beine amputiert sind, 
mit Zuhilfenahme eines Stockes sehr gut. 

H. Spitzy bemerkt, daß vielfach unbrauchbare Prothesen den 
Amputierten gegeben werden, außerdem werden oft definitive Prothesen 
zu früh verwendet. Da der Staat für jeden Amputierten für die Prothese 
250 K ausgesetzt hat, wäre es möglich, eine Immediatprothese für zirka 
50 K und für den Rest dos Betrages eine definitive Prothese zu be¬ 
schaffen. Die provisorische Prothese sollte möglichst einfach sein. Die 
Art der Prothese für eine amputierte obere Extremität richtet >ich 
nach der Beschäftigung des Pat. Prothesen hei Personen mit Oberarm¬ 
amputationen dürften wohl meist nur einen kosmetischen Zweck haben: 
zur Arbeit brauchbare Prothesen sind besonders am Unterarmstumpf anzu¬ 
bringen. Wichtig ist, daß jeder Prothesenträger seine Prothese reparieren 
lernt, was auch in der Invalidensehule gelehrt wird. Daselbst unter¬ 
richten bereits jo ein einarmiger Feinmechaniker, Friseur, Photograph 
und Tischler. Die Invalidenschule dient nicht nur dem methodischen 
Unterricht, sondern auch der Arbeitstherapie. Der Gebrauch von Knicken 
ist nicht anzuraten; diese sind durch einfache Stöcke zu ersetzen; be¬ 
sonders gut sind Bambusstäbe. 

A. Lorenz: Die Konstruktion von Prothesen solle nach einheit¬ 
lichen Prinzipien vorgenommen werden. Die Richtung, einfache Prothesen 
anzuwenden, ist durch die Orthopäden inauguriert worden, namentlich 
durch Ho oft mann. Prothesen ohne Gelenk sind empfehlenswert, denn 
auch ein aukylotisches Gelenk ist funktionell besser als ein insuffizientes. 
Wenn man ein Kniegelenk an der Prothese anbringeu will, so sollte man 
es so konstruieren, daß es beim Gehen und Stehen automatisch fest¬ 
gestellt wird. Gegenwärtig verzichtet man auf alle bewegenden Mittel 
im Innern von Prothesen. Oberarmprothesen wären mit biegsamem und 
stellbarem Ellbogengelenk auszustatten. Der funktionelle Wert der Pro¬ 
these geht dem kosmetischen Wert voran. 

E. Ranzi bespricht die Herstellung eines tragfähigen Stumpfes. 
Ein solcher wird, abgesehen von einer entsprechenden Operationstechnik, 
dadurch erzielt, daß der Stumpf durch Druck auf eine feste Unterlage 
widerstandsfähig gemacht wird. Vorzügliche Amputationsstümpfe werden 
durch das Verfahren von Bunge erzielt. Der zweckmäßigste provisorische 
Stelzfuß scheint die Gipsstelze zu sein. Diese wird schon verwendet, wenn 
die Stumpffläche erst granuliert. Krücken soll man möglichst wenig 
benützen; als Ersatz derselben dienen Stöcke oder Gehbänkchen. Defi¬ 
nitive Prothesen sollen erst ca. 3 Monate nach der Amputation angelegt 
werden; während dieser Zeit benützt Pat. die Gipsstelze. Vor kompli¬ 
zierten definitiven Prothesen ist zu warnen, weil sie viel Reparaturen brauchen. 

Sie sollen so beschaffen sein, daß der Stumpf auf eine feste Unterlage 
auftritt; dies macht allerdings anfangs Schmerzen. 

Frh. A. v. Eiseisberg hebt die große Bedeutung des tragfähigen 
Stumpfes hervor, welcher besonders durch die Bungesehe Operation 
erzielt wird. Bier deckt den Knochenmarkskanal mit einem Knochen¬ 
deckel und macht so den Stumpf ebenfalls widerstandsfähig Ein nach 
dieser Methode vom Redner wegen Erfrierung an beiden Unterschenkeln 
Amputierter konnte schon nach 14 Tagen herumgehen; er bekam zuerst 
ganz kurze und dann allmählich immer höhere Prothesen, bis er in 
6 Wochen seine normale Größe erreicht hatte. Die Gipsprothesen sind 
von Es manch angeregt worden. Nach der B ungesehen Amputation ist 
die Anlegung eines Kunstheiries leicht, weil der Stumpf tragfähig ist Die 
Kosmetik ist bei der Prothesenbeschaffung nicht ganz außer acht zu lassen • 
man soll etwas konstruieren, was dem Bein ähnlich sieht. Bei Verlust einer 
oberen Extremität soll die übriggebliebene tunlichst ausgebildet werden 
wozu jetzt Schulen vorhanden sind. Daneben bleibt noch das Bestreben 
bestehen eine künstliche Extremität zu beschaffen, die auch funktionell 
zu brauchen ist. Redner berichtet aus eigener Anschauung über die von 
Carness in Amerika hergestellten kunstvollen Prothesen/welche freilich 
bis auf loOO K zu stehen kommen. Der Erfinder ist ein Techniker welcher 
einen Arm verloren hatte; er konstruierte sich selbst eine Prothese mit 
welcher er die verschiedensten Arbeiten ausführen konnte. Es bildete 


thesen sind derart konstruiert, daß die Amputierten mit der Kunsthand 
sogar schreiben und zeichnen können. jj 


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260 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde 
in Wien. 

Sitzung vom 11. Februar 1915. 

Fr. Wenckebach zeigt eine in seinem Hörsaal angebrachte 
Vorrichtung zur Aufstellung und Demonstration einer großen 
Zahl von Röntgen platten jeglicher Größe. Es ist dabei auch 
möglich, stereoskopische Aufnahmen zur Betrachtung nebeneinander 
aufzustellen. 

W. Falta stellt einen 115jährigen Mann mit Akromegalie 
und starker Behaarung vor. Pat. hat die Krankheit seit 12 Jahren 
und weist folgende Veränderungen auf: Vergrößerung der Hände 
und der Nase, stark vorspringende Augenbrauenbogen, große 
Lippen, einen faßförmig verbreiterten Thorax, leichte Kyphose. 
Seit Beginn der Akromegalie ist die Behaarung stärker geworden, 
an den Extremitäten ist sie beinahe fellartig und am Fuß und an 
der Hand manschettenartig abgesetzt. Die Sella turcica ist nach 
unten erweitert, eine Sehstörung ist nicht vorhanden. Die Potenz 
blieb lange erhalten. Vortr. möchte die abnorme Behaarung auf 
einen hyperplastischen Zustand der Nebennieronrinde zurückführen, 
welcher bei Hypophysentumoren manchmal gefunden wird. Da 
Pat. über Kopfschmerzen klagt, wurde ihm die Operation ange¬ 
raten. — Ferner demonstriert F. einen Mann mit schwerem Dia¬ 
betes und Magenektasie. Pat. bekam vor S Wochen Koma, er 
wurde mit ausschließlicher Kohlehydratdiät behandelt. Er hat eine 
Magenektasie, die Entleerung des Magens ist normal, der Säure¬ 
gehalt etwas herabgesetzt. Magenektasien sind bei schweren Fällen 
von Diabetes nicht selten, sie sind aber nicht auf Polyphagie 
zurückzuführen, ihre Ursache ist unklar. Man findet bei Diabetikern 
außerdem sehr oft spastische Obstipation und eine Empfindlich¬ 
keit der Niere gegenüber Diuretika. — Schließlich zeigt F. zwei 
Frauen mit Pulmonalisgerauschen. Bei dem ersten Fall ist eine 
Mitralinsuffizienz und -Stenose vorhanden. Außer den durch sie 
hervorgerufenen Geräuschen hört man noch im ersten und zweiten 
linken Interkostalraum bis in die Mitte des Sternums ein sehr 
lautes systolisches Geräusch, dessen Charakter anders ist als der 
des Geräusches an der Herzspitze. In der Lunge ist starke Blut¬ 
stauung vorhanden, im großen Kreislauf ist sie verhältnismäßig 
gering. Pat. hat zeitweise Temperatursteigerungen und Schüttel¬ 
fröste: wahrscheinlich liegt eine Endokarditis vor, doch hat die 
bakteriologische Untersuchung des Blutes vorläufig noch nichts 
ergeben. Bei dem zweiten Fall ist eine Mitralinsuffizienz vorhanden, 
über der Pulmonalis hört man ein lautes systolisches Geräusch, 
ebenso ein Geräusch in der Höhe des Dornfortsatzes des 4. Dorsal¬ 
wirbels. Ein Schatten in der Gegend des linken Hilus weist im 
Röntgenbild auf verkäste Hilusdriisen hin, die Kranke reagiert 
auf Tuberkulin. Vielleicht ist durch den tuberkulösen Prozeß am 
Hilus eine Lage Veränderung, leichte Knickung oder Kompression 
der A. pulmonalis erfolgt, durch welche das Geräusch im 1. und 
2. Interkostalraum hervorgerufen wird. Für eine Pulmonalstenose 
fehlt in beiden Fällen ein Anhaltspunkt. Im ersten Fall könnte 
vielleicht das Pulmonalisgeräusch durch eine Erweiterung der 
A. pulmonalis bedingt sein. Derartige Geräusche in der Pulmo¬ 
nalis wurden auch bei Chlorose und Anämie beobachtet. Das 
Pulmonalisgeräusch verändert mit der Atmung seine Intensität. 

J. Sorgo hat bei Tuberkulose öfter Gelegenheit gehabt, in der 
Nähe der Herzbasis systolische Geräusche zu hören, für deren Entstehung 
kaum eine andere Erklärung übrig bleibt als die durch Abknickung von 
pulmonalen Gefäßen durch schrumpfende Prozesse. Die Lokalisation des 
Geräusches resp. das Maximum von dessen Intensität liegt bald benach¬ 
bart der Pulmonalis, bald weiter nach links und oben. Nicht selten läßt 
sich eine Beeinflussung des Geräusches durch die Respiration beobachten, 
z. B. Zu- oder Abnahme auf der Höhe der Inspiration oder Zunahme der 
Intensität bei der ersten Hälfte der Inspiration und Verschwinden des 
Geräusches auf der Höhe einer besonders tiefen Inspiration, bolche Beob¬ 
achtungen sprechen ziemlich eindeutig für die Möglichkeit der Ent¬ 
stehung solcher Geräusche in den pulmonalen Gefäßen unter dem Ein¬ 
fluß schrumpfender Lungenprozesse. 

H. Köniirstein bemerkt, daß er bei einem Fall von Hypophysen¬ 
tumor, welcher ihm von O. Hirsch zur Untersuchung überwiesen wurde, 
eine außerordentlich intensive Behaarung an den Prädilektionsstellen der 
Primaten-Haarbildung fand. Außerdem zeigte Pat. eine sehr ausgedehnte 
Akanthosis nigricans. 

Fr. Wenckebach macht einige Bemerkungen über die Schwierig¬ 
keit, Vorhofs- von Pulmomilgeräiischen zu unterscheiden. Das Vorhofs¬ 
geräusch ist bei Mitralinsuffizienz sicher sehr selten, während das 
Pulmonalisgeräusch auch bei sicher berzgesunden Pat. sehr häufig ge¬ 
funden wird. Es ist dann häufig sehr schwankend sowohl bei der Atmung 
als auch in verschiedenen Lagen, meistens intensiver im Liegen, abwesend 
oder viel schwächer im Stehen. 1 


Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Ueber die 
Klinik und Therapie der Dysenterie. 

G. Singer teilt aus seiner Erfahrung' mit, daß bei autoptisch 
sichergestellten Dysenteriefällen manchmal erst bei der dritten oder 
vierten Untersuchung ein positiver bakteriologischer Befund erhoben 
werden konnte: eine hakteriologische Frühdiagnose ist daher nicht in 
allen Fällen möglich. Wichtig ist der Nachweis der Gesehwürsbildung 
im Rektum mittelst der Rektoskopie; man findet da schon am fünften 
oder sechsten Krankheitstag typische Geschwürsbildungon. Die Rekto¬ 
skopie ist auch für die Beurteilung des Verlaufes und der Heilung des 
Prozesses sehr wichtig. Es gibt auch torpide Geschwüre in den unteren 
Partien des Rektums, die Pat. können sich dabei ganz gesund fühlen. 
Bei Dysenterie kommen Myalgien, besonders im Pektoralis und Kukul- 
laris vor, die allen therapeutischen Maßnahmen trotzen, daneben nicht 
selten Schmerzen in den Röhrenknochen und im Sternum. Bei der 
jetzigen Epidemie hat S. 7 Fälle gesehen, welche in ihrem klinischen 
Verlauf dem genuinen Gelenksrheumatismus sich gleich verhielten. 
Therapeutisch verwendet er Blutkohle und Bolus alba. letztere in 
großen Dosen, um besten in Milch oder Kalkwasser: die Kohle wird in 
Glühwein oder Tee bis zu 9 Eßlöffeln täglich gegeben. Diese Medika¬ 
mente sollen außerhalb der Mahlzeiten gereicht werden, da die Gefahr 
vorliegt, daß die Sekretion des Magens und Darmes beeinträchtigt 
werden und es zur Dyspepsie kommen könnte. Bei Verwendung der 
Bolus alba soll alle 3 —4 Tage ein Abführmittel gereicht worden, am 
besten Rizinusöl, Kalomel ist bei einem Massen he trieb wegen der Intoxi¬ 
kationsgefahr weniger empfehlenswert. Die Spülungsbehandlung ergibt 
gute Resultate, besonders mit einem doppelläufigen weichen Rohr, 
welches Vortr. demonstriert: am Schluß der Irrigation kann man einen 
Teil des Spülmittels im Rektum zurücklassen. Als Spülmittel werden 
Salepdekokt. bei Diarrhöen und Tenosnuis Kalium bypermanganicum, 
ferner Protargollösungen (1—5%„) benützt. Bei starken Blutungen hat 
Vortr. physiologische Kochsalzlösung mit Adrenalin verwendet. Bei 
schweren Shiga-K ruse-Dysenterien hat er die Serumtherapie ange¬ 
wendet: ihre Wirkung auf die Blutungen und auf das Allgemeinbefinden 
war augenfällig, die Stühle wurden fäkulent, dagegen war ein wahr¬ 
nehmbarer Einfluß auf den Heilungsverlauf der Geschwüre nicht zu 
konstatieren. In einigen Fällen wurde normales Pferdeserum angewendet, 
auch dieses hat sich gut bewährt; in einem Fall wurde eine Ausheilung 
der Geschwüre autoptisch nachgewiesen. ln einer Reihe von Fällen hatte 
das Serum kein wahrnehmbares Resultat. Bei geeigneten Fällen wurden 
kleine hypertonische intravenöse Kochsalzinfusioneu augeweudet, zuerst 
in einer Konzentration von 1,8%, mit welcher bis auf 25°/ 0 gestiegen 
wurde: die injizierte Menge betrug 10 ccm. steigend bis auf 50 ccm. Man 
muß achten, daß nichts in die Umgebung der Vene gerät, weil sonst 
Nekrose entstehen könnte. Auf diese Weise konnten kritische Fälle über 
das toxische Stadium hinübergobracht werden. 

W. Schlesinger hat 130 Falle von schwerer Dysenterie beob¬ 
achtet; außerdem wurden ihm noch viele Fälle zur Konstatierung zuge¬ 
wiesen, die früher eine Dysenterie Überstunden hatten und Veränderungen 
an irgend welchen Organen aufwiesen. Bei der Diagnose muß das klini¬ 
sche Bild im Vordergrund stehen, besonders wichtig sind die Stühle. 
Hohe Temperaturen sind nicht häufig: Vortr. hat solche bis zu 41° be¬ 
obachtet, sie gingen jedoch nach einem Tag vorüber. Zwischen dem 
fünften und siebenten Krankheitstag kam öfter eine Temperaturerhöhung 
bis 37,8° vor: im Anschluß daran wurde oft Eiter im Stuhl gefunden. 
Der bakteriologische Befund war in ca. einem Drittel der Fälle negativ, 
in einem Drittel der Fälle fanden sieb Shiga-K ruse-, in einem 
Drittel Fl ex ne r-Bazillen. Verschleppte Fälle mit relativ wenigen 
Stühlen fanden sich nur bei Shiga-K ru so -Bazillen, letztere ver¬ 
schwanden längstens in 10 Tagen. Fl e x ne r-Bazillen waren auch noch 
nach 3 Wochen im Stuhle nachweisbar. Gelegentlich findet man Shiga- 
Kruse- und Floxn er-Bazillen zusammen oder nacheinander bei dem¬ 
selben Fall vor. In manchen eitrigen Stühlen wurden auch Eiterkokken 
gefunden fMischinfektion) Das Vorkommen von Stühlen, welche infolge 
ihres Gallenreichtums grün, rot und gelb gefärbt sind, läßt darauf 
schließen, daß bei der Dysenterie auch die höheren Darmpartien funk¬ 
tionell geschädigt sein müssen. Redner hat einige Rekonvaleszente ge¬ 
sehen, welche große Massen von unverändertem Darinschleim abge¬ 
schieden haben, und möchte solche Fälle als Sekretionsueurose auffassen. 
In der Behandlung der Dysenterie ist für den Kranken gleichmäßige 
Wärme sehr wichtig. Er soll eine Leibschüssel benützen, welche ent¬ 
sprechend bedeckt werden muß. damit die Fliegen zu den Fäzes keinen 
Zutritt haben. Von den vom Redner beobachteten 130 Fällen ist kcinei 
gestorben, obwohl auch sehr schwere Fälle unter ihnen waren. AL 
Medikamente wurden Rizinusöl, Ipekakuanha und Opium, ferner Bolus 
alba angewendet. Kohle wurde nicht gegeben, um nicht Blutungen in 
den Fäzes durch die schwarze Farbe zu verdecken. Seruminjektionen hat 
Redner nicht oft angewendet: er sali von ihnen kein Kupieren des Pro¬ 
zesses, auch keinen besseren Verlauf als unter anderer Therapie. Es 
wurden nur wenige Fälle von Gelenksrheumatismus und Neuritiden be¬ 
obachtet. Parästhesicu kamen öfter vor. Fälle, welche vom beide nu 
Rheumatismus heimkehren, bekommen bei Ruhr leicht rheumatische Er¬ 
scheinungen. Herzneurosen wurden öfter beobachtet, ebenso eine Keine 
von Basedowoiden. Häufig kam Icterus catarrhalis zur Beobachtung, ferner 
in einer großen Zahl von Fällen Anazidität des Magens. Die Dysentene 
ist nicht absolut auf den unteren Abschnitt des Darmes beschränkt, e. 
können auch höhere Darmpartien funktionell verändert sein. 


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UNIVERSITY OF1ÜVW 




28. Februar. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


261 


Wiener Dermatologische Gesellschaft. 


0. Sachs stellt einen 62jährigen Mann mit Dermatitis 
herpetiformis Döring vor. Man sieht Erythemplaques mit grup¬ 
pierten Erosionen, welche Krusten, stellenweise Blasenresiduen 
tragen. Aeitere abgeheilte Herde mit intensiver Pigmentierung. 
Der Juckreiz der ein Jahr lang bestehenden Affektion ist sehr 
intensiv. — Dann zeigte S. einen 58jährigen Pat. mit Epitheliom 
an der Nasenwnriel, welches seit 2 Jahren besteht. 

H. Popper führt einen 39jährigen Mann mit ausgedehnten 
tuberkulösen Geschwüren der Oberlippe und Mundschleim¬ 
haut vor. Der Wassermann ist positiv. Mit Beginn einer milden 
Qaecksilberbebandlung trat eine deutliche Besserung im Allgemein¬ 
befinden auf. 


0. Neugebauer zeigt 1. einen Pat., der vor 4 Monaten eine 
Sklerose am Präputium bekam. Spirochätenbefund positiv. Wasser¬ 
mann negativ, sonst keine Symptome. Als Abortivkur vier Neo- 
salvarsaninjektionen und dann eine Salizyl-Hg-Kur. Die Sklerose 
war Bald vernarbt. Vor 2 Wochen Auftreten einer Erosion des 
inneren Vorhautblattes neben der Narbe. Zahlreiche Spirochäten. 
Wassermann negativ. Man könnte an eine Reinfektion denken. 
2. Fall von hartnäckig rezidivierendem Gumma scroti. Lues 
seit 18‘AS. 1907 Knoten in der Skrotalhaut. Das Skrotum zeigt 
neben subkutan eingelagerten Knoten narbige Einziehungen und 
sebarfrandige typische Exulzerationen. 3. 04jähriger Mann mit 
maligner Lues. Dezember 1913 Tonsilionsehanker und papulo- 
pnstulöses Syphilid am Stamm und Kopf. Abheilung nach 11g. 
Derzeit ulzeröses Syphilid am Kopf, Augenbrauen und Glans 
penis. 4. Pat. mit Epitheliom der Kopfhaut am rechten Scheitel, 
das seit 14 Jahren besteht und zum größten Teile vernarbt ist 

M. Oppenheim führt einen 60jährigen Mann mit einem 
eigentümlichen luetischen Exanthem vor. Lues vor 30 Jahren 
akquiriert, ungenügend behandelt. Man sieht als Residuen zahl¬ 
reicher Gninmen polyzyklische, weiße, braunumsiiumte, atrophische 
Narben au den Armen und am Stamm. Am Rücken in großem 
Umkreis eine mit zahlreichen kleinen Narben iibersätc Partie eiu- 
schließend, eine Aussaat von zerfallenen, braunroten Tubercula 
cutanea: am linken Trochanter ein atrophischer Hautbezirk, 
braungelb, zigarettenpapierartig gefältelt, absehilfernd (idiopathi¬ 
sche Hautatrophie). Am rechten Unterschenkel ein Naevus ver- 
rvcosns pilosus. Das Zusammentreffea von Nävus mit Atrophie, 
andrerseits die Neigung zur Bildung von atrophischen Narben 
sprechen für die Theorie O.s vom Angeborensein der Anlage zur 
idiopathischen Hautatrophie, veranlaßt durch intrauterine Druck¬ 
verhältnisse. — Dann zeigt 0. einen 25jährigen Pat. mit isoliertem 
Uehcn ruber planus der Mundschleimhaut. Beide Wangen, 
Uppen, weicher Gaumen, Seitenwände der Zunge und Uebergangs- 
falten sind reichlichst befallen. Die Körperhaut ist vollkommen frei. 

Nobl führt vor 1. 40jährigen Mann mit Lichen ruber ver¬ 
rucosus an den Oberschenkeln und gyrierten Formen an den 
Puterschenkeln. Vor längerer Zeit eine Ausbreitung über den 
Körper in Form einer diffusen Dermatitis, jetzt traten wieder 
einzelne Effloreszenzen am Stamm auf. 2. 43jährigcr Arbeiter mit 
Liehen ruber verrucosus an Handrücken und Handtellern und 
fflünzeßfönnigen Gruppen an den Unterschenkeln. Auch an den 
rujgern kleinste, feinwarzige Knötchen. 3. 28jähriger Tuberkulotiker 
mit tuberkulösen Uautgeschwiiren. Nasenspitze und angren¬ 
zende Teile des häutigen Septums und linken Nasenflügels durch 
eiDen ksf kieuzergroßen Substanz Verlust zerstört. Das Ulkus zeigt 
unterminierte Ränder, seine Basis ist von miliaren Knötchen durch- 
ha V^ ähri £ e . Frau init tuberkulöser Kerato-Iritis. Erythema 
iQuratuin ®®*in der Unterschenkeln und subkutanem Sarkoid 
an den Oberarmen. Das gleichzeitige Bestehen einer tuberkulöson 
ngenerkrankung und der Knoteubildung an den Extremitäten 
! e ! ht auf ^ en . Zusammenhang des Erythema induratum Bazin mit 
™lose hin, doch ist derselbe nicht in allen Fällen herzustellen. 


iml < jKlirmann stimmt der Diagnose Erythema induratum Bazin 
weist a ?l Darier-Rousay zu. Das Zusammentreffen ist häufig und be- 
.Sit 7 in aB e f. s ‘ c h llIn identische Prozesse handelt, die nur durch ihren 
Bann V r8c h 1( *denen Hautschichten sich unterscheiden. Das Erythema 
'•ewh'nat Im J >anu,< ‘ulus adiposus und führt zur kolliquativen Fctt- 
Sobkniia r0l i e i ? as Sarkoid lokalisiert sich an der Grenze der Kulis und 
&nbkul « führt nur zur Verkäsung. 

der \fifi l r ze ^ zuerst ein lDjähriges Mädchen mit Sklerose 
diekna dann einen . Mann mit sklerodermieartiger Hautver- 
Skorhnt ,anj , rec .^ eri Unterschenkel. Diese entwickelte steh nach 
tune im a” T, tiv kurzer 3Cßit und dürfte auf bindegewebige Yerhär- 
Anschluß an subkutane Blutungen entstanden sein. Es 


ist dies der dritte, von L. beobachtete Fall von Zusammenhang 
von Skorbut mit Sklerodermie. — Ferner demonstriert L. einen 
48jährigen Mann, der vor 6 Monaten einen Ausschlag an der Kopf- 
und Schläfehaut bekam. Man sieht teilweise deprimierte, von 
kleinen Gefäßen durchzogene Narben, teilweise blaurötliche Infiltrate, 
teilweise Bildung von Krusten, unter denen sich kraterförmige Ge¬ 
schwüre befinden; histologisch findet sich Einlagerung von Epithe- 
loid- und RundzeUentuberkcln. Pirquet positiv. — Schließlich 
führte L. einen 24jährigen Mann mit typischer Acne telean- 
giectodes Kaposi vor. Pirquet positiv. ! 

Nobl hat diesen Fall auch histologisch untersucht. Die Knötchen 
zeigen keine Beziehung zum Follikel und sind am dichtesten in der Um¬ 
gebung einer frischen Skrofulodenuanarbe. Da sie typischen tuberku¬ 
lösen Bau aufweisen, dürfte der Prozeß eher den Namen Lupus miliaris 
disseminatus verdienen. 

H. Königstein zeigt eine Frau mit Basedow, deren Haut 
besonders an den Unterschenkeln pastöse Schwellung aufweist, 
starr und stellenweise an die Unterlage fixiert ist. Die mit Schild - 
drüsenerkrankungen in Beziehung gebrachten Hautaffektionen sind 
Myxödem, Sklerodermie und Skicrem der Erwachsenen. Der vor¬ 
liegende Fall schließt sich am ehesten an Myxödem an. Sonstige. 
Anhaltspunkte für diese Erkrankung sind aber nicht vorhanden. 

Nobl stimmt der Diagnose eines sklcrodieremlcn Uedem« der 
tieferen Kutisanteile bei. Er h:it einen eben solchen Haiitzust.md bei 
einer 26jährigen Pat. im Verlauf eines Basedow entstehen gesehen. 

G. Scherber zeigt 1. einen jungen Mann mit rezidivierender 
Follikulitis nur am behaarten Kopfe: zahlreiche Eiterpusteln, 
teils oberflächlich, teils in die Tiefe gehend. Staphylokokken in 
Reinkultur. Stellenweise alopezische Horde (Schädigung der Haar¬ 
papillen'durch den Prozeß). 2. Moulagen eines Pat. mit bilateraler 
Tarsitis im Frühstadium der Lues. Der Prozeß begann mit 
zerfallenden Papeln und Rupien. Auffallend ist die Doppelseitig- 
keit. Die in späten Stadien auftretenden gummösen Tarsitiden 
sind meist einseitig. Beide Tarsi waren zu dicken, blaurot ge¬ 
färbten Platten angeschwollen, der Lidrand stellenweise ulzerös 
zerfallen, schließlich trat auch Zerfall der Konjunktiven auf. Iritis 
papulosa. Nach energischer Neosalvarsan-Hg-Behandlung voll¬ 
kommene Heilung. 

W. Kerl demonstriert 1. einen 39jährigen Pat. mit oinom 
seit 2 Monaten bestehenden isolierten Lupus der Gingiva. 
Histologisch ergibt sich typischer Lupus vulgaris: 2. eiue 54jährige 
Pat. mit 13 Jahre Lues. Sie bekam wegen Kopfschmerzen fünf In¬ 
jektionen von Hydrarg. succinira. Derzeit finden sich in der Gluteal- 
region subkutane Infiltrate, über denen die Haut lederartig und 
grauschwarz verfärbt ist. Die nekrotischen Partien grenzen sich 
scharf von der normalen Umgebung ab; 3. einOjähriges Mädchen, 
bei dem nach einer Verletzung an der rechten Brustwarze vor 
4 1 /o Monaten nach anfänglicher Schwellung eine Rötung auftrat, 
die allmählich peripherwärts fortschritt und im Zentrum wieder 
abheilte. Gegenwärtig findet sich am Oberkörper ungeläbr kreis¬ 
förmig um die Brustwarze ziehend, aufwärts bis über deQ linken 
Oberarm, abwärts bis in Nabelhöhe reichend, ein großer, lebhaft 
roter, % cm breiter Erythemstreifen. Das Krankhoitsbild wdrd als 
Erythema migrans bezeichnet; 4. ein Tjähriges Mädchen, bei 
dem im Sommer 1913 im Gesicht und an den Händen ein Blasen- 
ausschlag auftrat, nach dessen Abtrocknung kleine Narben zurück¬ 
blieben. Derzeit sind nur kreisrunde, mäßig deprimierte Narben 
besonders an den Streckseiten der Hände wahrzunehmen. Etw f as 
zartere Närbchen finden sich auch an den Wangen. Es dürfte sich 
um eine Hydroa vacciniformis handeln. Differentialdiagnostisch 
käme ein papulonekrotisches Tuberkulid in Frage. Im Harne ist 
Hämatoporphyrin nicht nachweisbar. 

S. Ehrmann kann den Fall nicht als Hvdroa vacciniformis an- 
sehen. besonders wegen des Fehlens von Effloreszenzen am Ohr, Nasen¬ 
spitze und Fingern. Es könnten auch andere Substanzen -- nicht bloß 
da« Hämatoporphyrin - durch ihre Lichtempfindlichkeit ähnliche Aus¬ 
schläge hervüirtifen. 


ju. oenraineK demonstriert zuerst 


«men rau von Pilz- 


erkninkung in den Füllen. - Sodann ein 15jähriges Mädchen 
dessen Erkrankung zur Diagnosestellung demonstriert wird Die 
klinische Diagnose schwankt zwischen Poikilodermie, Lupus erythe¬ 
matodes, Sklerodermie resp. Morphaea. J 

L. Arzt stellt 1. einen 9jährigen Knaben mit Driisen- 
tumoren am Hals und Ellbogen, Fungus am linken Knie, pupulo- 
nekrotischen Tuberkuliden an den Extremitäten. Daneben 
besteht ein Lichen scrophulosorum; 2. einen 8jährigen, hereditär 
belasteten Knaben mit Liehen scrophulosorum am Rücken und 
an den seitlichen Thorax- und Bauchpartien vor. 


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Original frnrri 

UMIVERSITY OF IOWA 



262 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


R. 0. Stein stellt eine Pat. vor, die schon seit Jahren an 
einer beiderseitigen Lungenspitzentuberkulose leidet, und bei der 
während der letzten Gravidität an der Innenseite der Unterlippe 
ein zweikronenstückgroßes Ulkus sich entwickelt hat. Der Substanz¬ 
verlust zeigt alle Charaktere eines miliaren tuberkulösen Ge¬ 
schwürs. 

K. Ullmann: Heber Xanthomatosis. (Demonstrationsvor¬ 
trag.) U. demonstriert an einer Reihe von Diapositiven und histo¬ 
logischen Präparaten verschiedene Xanthome, und zwar 1. Xanthoma 
planum idiopathicum, 2. Xanthoma symptomaticum tuberosum und 
exantberoaticum, von Erwachsenen und Kindern stammend, 3.xantho- 
matös degenerierte Tumoren (Fibrome, Myelome oder Sehnen¬ 
scheidensarkome). In allen finden sich Xanthomzellen. Vortr. 
wendet sich gegen den Ausdruck Endothelzellen des Binde¬ 
gewebes, da es sich nicht um wirkliche Endothelien, sondern um 
xantbomatös degenerierte Bindegewebszellen aus dem Perithel der 
Gefäße, Drüsen, Follikel etc. handelt. Eine histologische Trennung 
von idiopathischem und symptomatischem Xanthom ist trotz der 
klinischen Versctjiedenheiten nicht durchführbar. Wahrscheinlich 
dürfte es sich auch um dieselben Stoffwechselanomalien handeln. 
Der Ausdruck Xanthomatosis kann festgehalten werden, da er 
wohl die hereditäre Veranlagung zuläßt, aber den Nävuscharakter 
ausschließt. U. 


Berliner medizinische Gesellschaft. 

Sitzung vom 20. Jänner 1915. 

Bruck demonstriert einen Pat. mit einem Aneurysma in der 
Gegend der Arteria anonyma und durch dieses bedingter Stenose 
der oberen Luftwege und doppelseitiger Stimmbandlähmung. 

v. Hansemann: lieber die Kallusbildung nach Knochen¬ 
verletzungen. Die Vorstellung, daß gebrochene Knochen mit 
Kallusbildung heilen, ist so sehr in unser Empfinden übergegangen, 
daß wir uns gar nicht vorzustellen vermögen, daß ein Knochen 
anders als durch Kallus heilen kann. Von dem Kallus selbst nahm 
man an, daß er in größeren Mengen erzeugt wird, als nachher 
notwendig ist, und man hat hiervon ausgehend eine Theorie für die 
Heilung von Gewebsdefekten überhaupt durch übermäßig produ¬ 
ziertes, luxurierendes Gewebe geschaffen. Für die Untersuchung 
der Verhältnisse des Kallus sind am geeignetsten die Präparate 
aus älteren Sammlungen, in denen man viol schönere und bessere 
Exemplare findet als in neuerer Zeit, wo die Röntgendiagnostik 
ein besseres Anpassen der Bruchenden ermöglicht; denn je stärker 
die Bruchenden abgeknickt sind, um so stärker die Kallusbildung. 
Aber auch wenn die Knochen noch so genau adjustiert sind, so 
wachsen sie doch mit Kallusbildung zusammen. Das könnte man 
als luxurierende Gewebsbildung deuten. Aber wenn man berück¬ 
sichtigt, daß zur statischen Inanspruchnahme nicht nur der 
Knochen, sondern auch der Muskelzug gehört — daher heilen 
auch die Rippen mit Kallus — und bedenkt, daß das Kallus¬ 
gewebe von geringerer Dichte ist als der Knochen, so kommt man 
zu der Ueberzeugung, daß nicht mehr Gewebe gebildet wird, als 
zur Konsolidation des Knochens nötig ist. Die Kallusbildung wird 
durch andere Einflüsse, wie Eiterungen, Entzündungen usw., ge¬ 
fördert. Wenn man nun erreichen könnte, daß statische Belastung, 
Belastung durch Muskelzug, entzündliche Reizung usw. fern¬ 
gehalten werden, so müßte der Knochen ohne Kallusbildung heilen 
können. Der Beweis hierfür ist experimentell nicht einwandfrei zu 
erbringen. Die Natur liefert aber selbst Beobachtungen, die einem 
Experiment gleichkommen, nämlich in der Heilung der Schädel¬ 
knochen. Es ist auffällig, daß nicht nur Sprünge im Schädel, 
sondern auch weitgehende Verletzungen mit Destruktionen ohne 
Spur von Kallusbildung heilen; ja kleine Fissuren heilen so voll¬ 
ständig, daß man später Mühe hat, sie aufzufinden, und zwar 
heilen die Teile um so glatter, je weiter sie von der Stelle eines 
Muskelansatzes entfernt sind. Frakturen des Nasenbeins heilen 
ohne eine Spur von Kallus. Auch unter den ungünstigsten äußeren 
Verhältnissen finden diese Heilungen statt. (Demonstration von 
Knochenpräparaten, von denen einige aus Peru, und zwar aus der 
präkolumbischen Zeit stammten.) Der Zweck der Demonstration ist 
darin zu suchen, daß man sich von der Vorstellung frei machen 
muß, der gebrochene Knochen könne nur mit Kallusbildung heilen. 
Mit dieser Erkenntnis fällt aber auch die Stütze für die Theorie, 
wonach jeder Gewebsdefekt mit der Bildung luxurierenden Ge¬ 
webes zur Heilung kommt. F. 


Aerztlicher Verein in Manchen. 

Sitzung vom 13. Jänner 1915. 

Crämer: Militärische Jugenderziehung. Resolution. Der 
ärztliche Verein begrüßt den Ministerialerlaß über die militärische 
Jugenderziehung als einen aussichtsreichen Fortschritt in der Richtung 
der Forderungen, welche der ärztliche Verein seit Jahren erhoben hat, 
er erklärt seine Bereitwilligkeit, bei der praktischen Durchführung 
mitzuwirken. Er spricht seine Uebezeugung aus, daß dieser Fortschritt, 
welcher angesichts der an uns herantretenden Forderungen erreicht 
werden muß, nur dann erreicht werden kann, wenn erhebliche Mittel 
baldigst dafür bereitgestellt werden, wenn die militärische Jugend¬ 
erziehung als ein Glied der allgemeinen körperlichen Durchbildung 
des Volkes nicht nur während des Kriegs gleichsam als Not¬ 
standsarbeit organisiert, sondern auch nach dem Krieg als bleibende 
Einrichtung ausgeschaltet wird. Wenn demgemäß auch der Lebr- 
und ErziehuDgsplau für unsere Mittelschüler dem Ziele unter¬ 
geordnet wird und der intellektuellen und sittlichen Ausbildung 
noch viel mehr als bisher eine gründliche körperliche Schulung an 
die Seite tritt. Um dieses Ziel zu erreichen, fordern wir im Hin¬ 
blick auf die ernsten Erfahrungen des Krieges neuerdings auf das 
dringendste, daß alles das, was berufene Lehrkräfte als überflüssi¬ 
gen Ballast in der Ausbildung unserer Jugend bezeichnen, endlich 
vollends über Bord geworfen wird und daß durch Wegräumung 
von Rückständigkeiten im Lehrplan ausgiebig Zeit für die mög¬ 
lichst vollkommene auch körperliche Durchbildung unserer ge¬ 
samten Jugend geschaffen wird. Der ärztliche Verein beauftragt 
seine Schulkommission, alle für dieses Ziel nötigen Schritte zu 
tun und darüber später zu berichten. 

Schede: Heber Verhütung von fibrinösen Gelenkver- 
steifnngen nach Scbnßverletznngen (insbesondere die unblutige 
Mobilisierung). S. demonstriert Apparate, welche auf dem Hebel¬ 
prinzip beruhen und sehr billig herzustellen sind; mit ihnen ge¬ 
lingt es, versteifte Gelenke zu beugen und zu strecken und 
schmerzlos stundenlang in der gewünschten Stellung zu erhalten. 

Salzer: Scbnßverletznngen in der Augengegend. Bei den 
hundertfünfzig zur Beobachtung gelangten Fällen unterscheidet der 
Vortr. solche mit Perforation der Bulbushüllen und solche mit ein¬ 
fachen Quetschungen und Kontusionen. Bei den ersteren ergab 
sich meistens die Notwendigkeit der Enukleation des Bulbus, wobei 
die sympathische Erkrankung des anderen Auges niemals auftrat. 


Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich). 

Sitzung vom 6. Jänner 1915. 

Kolle (Bern) bespricht zwei Themata: 1. Die Erzeugung 
aktiver Immunisierung bei Gesunden. 2. Die Erzeugung 
passiver Immunisierung bei Verwundeten. In einem histori¬ 
schen Ueberblick bespricht Vortr. die klinischen Arbeiten Pasteurs 
und Jenners, geht dann über auf die Vakzinetheorie und die 
Arbeiten Eh rlichs über aktive Immunisierung. Esfolgen Haffkines 
Versuche mit Choleravibrionen, sowie die grundlegenden Arbeiten 
R. Pfeiffers und Kolles über Antikörper (bakterizide Körper) 
bei Cholera und Typhus (1894). Aus den Arbeiten der beiden 
letzteren resultiert im wesentlichen, daß die Einverleibung abge¬ 
töteter Typhusbazillen große Blut Veränderungen im Körper hervor¬ 
ruft und so eine „Umstimmung des Körpers“ bewirkt. Die prakti¬ 
schen Ergebnisse dieser Tatsache, betreffend Cholera und Typhus, 
sind folgende: Nichtgeimpfte erkrankten 3—lömal öfter als Ge¬ 
impfte. Der Krankheitsverlauf ist bei Geimpften ein leichterer, be¬ 
sonders bei Typhus. Die Ergebnisse der statistischen Unter¬ 
suchungen gehen dahin, daß, wenn auch keine absoluten Beweise, 
sondern nur sichere relative bis heute anzuführen, doch eine ge¬ 
ringere Morbidität, Mortalität sowie ein leichterer Verlauf festzu¬ 
stellen sind. Es kommen folgende Arten von Impfstoffen in Be¬ 
tracht: 1. Bouillonimpfstoffe. Bei diesen ist die Gefahr der Ver¬ 
unreinigung eine große. Außerdem macht sie die zuweilen vor¬ 
kommende Mischung mit Tetanus unbrauchbar. 2. Agarimpf Stoffe 
(Pfeiffer und Kolle). Diese sind für Cholera und Typhus ver¬ 
wertbar und haben den Vorzug größerer Reinlichkeit, 3. gibt es eine 
Menge neuer Impfstoffe, die nicht verwendbar sind wegen schlechter 
Antikörperbildung, 4. die Schüttelextrakte, die darum nicht ver¬ 
wendbar sind, weil sie sehr starke Reaktion lokaler Natur gö b ® n 
und wenig Antikörper bilden. Betreffs der Herstellung der Impfstoi e 
für Cholera und Typhus macht Vortr. auf die Auswahl der Stamm 
aufmerksam: Immunisierungsbreite, Antikörperbildung, Budungs- 


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28. Februar. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


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kraft und Affinität; desgleichen ist bei der Herstellung auf Gleich¬ 
mäßigkeit des Impfstofis und absolute Sterilität zu achten. Der 
Sehnte der Typhusschutzimpfung ist ein relativer (vier bis sechs 
Monate) und hält keinen Vergleich mit der Pockenimpfung aus. 
Vortr. kommt nun zur Tetanusimmunisierung. Dieses Serum ist 
im Gegensatz zum Typhus- und Choleraserum ein passives Im- 
munisieningsserum. Seine Wirkungsdauer beträgt 3 Wochen. Es 
stellt ein Antitoxin von Pferden dar, die mit Tetanustoxin hoch 
immunisiert sind. Das Antitoxin ist kein Heilmittel bei ausge¬ 
sprochenem Tetanus. Die Immunisierung mit Antitoxin ist eine 
absolute und wissenschaftlich festgelegte, was durch Tierversuche 
and durch Erfolge in den meisten chirurgischen Kliniken nach¬ 
gewiesen ist. Autor verteidigt den Standpunkt, daß jeder Ver¬ 
wundete gespritzt werden soll; denn das Vorkommen von Tetanus 
betrog bei Schwerverwundeten 2—3%* bei Leichtverwundeten 
2 - 30 / 00 . Das Tetanusserum wirkt in gleicher Weise gegen die 
verschiedenen Stämme. Eine Polyvalenz ist nicht vorhanden, im 
Gegensatz zum Typhus. Wir sind heute imstande, hochwertige 
Sera herzustellen. Die Einspritzung von Tetanusserum muß außer¬ 
ordentlich rasch erfolgen, womöglich schon auf dem Hauptverband¬ 
plätze, da das Tetanusgift sich schnell verbreitet. Auch leichte 
Fülle von Tetanus sind beobachtet worden, je nach der Menge des 
Tetanustoxins, namentlich, wenn die Wunden gleich nach der Ver¬ 
letzung ausgewaschen wurden. Die örtliche Verbreitung des Te¬ 
tanus ist noch zu studieren, da sie sehr verschieden ist. Nach den 
Kämpfen bei Mühlhausen sah Referent von 1700 Verwundeten 
56 Tetanusfälle. Serum war damals leider nicht vorhanden, was 
daran lag, daß bestimmungsgemäß nur vierfaches Serum verwendet 
werden durfte und dieses schwer zu erhalten ist. Referent schlägt 
darum vor, auch zweifaches Serum zu gebrauchen und dies dann 
in größeren Mengen zu injizieren. Diesbezügliche Vorschläge seien 
ergangen. Vortr. spricht die Hoffnung aus, daß das Behringsche 
Tetanusserum den Tetanus im deutschen Heere mit der Zeit ver¬ 
schwinden läßt. 

Hahn (Freiburg) weist als entschiedener Anhänger der Typhus- 
schutzimpfung darauf bin, daß diese sich mit der Choleraschutzimpfung 
nicht vergleichen läßt, da erste re ungleich besser ist. Beim Typhus 
haben wir Bakterien im Blute, bei der Cholera nur im Darm. 
Es kann aber der Darm nicht so immunisiert werden, wie das Blut. 
Betreffs der Herstellung der Impfstoffe ist Redner mit Ref. einver¬ 
standen: Die Impfstoffe müssen gleich dargestellt und gleich konzentriert 
sein. Die Konzentration kann mit dem Auge gut geprüft werden. Eine 
dreimalige Impfung, wie sie Kolle verlangt, ist im Felde schwer durch- 
aafähren. Der Vorschlag, auch schwaches Tetanusserum anzuwenden, ist 
annehmbar. 

Peters hat im Seuchenlazarett zu Douai zuerst wenig Typhus¬ 
fälle beobachtet, dann allmählich mehr, dann hinwiederum eine Ab¬ 
nahme und Beit 2 Wochen wieder eine Zunahme, namentlich von 
schweren Fällen. Es könnte dies mit der Impfung Zusammenhängen. 
Von 37 Geimpften erkrankten 12 an Typhus (sechs ganz einwandfrei), 
und zwar fand die Infektion 8 Tage nach der Impfung statt. Von 44 Nicht¬ 
geimpften erkrankten neun an Typhus. Es scheint nach der Impfung ein 
Stadium gesteigerter Empfindlichkeit einzutreten und daher impfe man 
nur da, wo nachher Schutz gegen Infektion besteht. Eine Wiederimpfung 
nach 6 Monaten (Kolle) ist aus praktischen Gründen nicht Tätlich. Bei 
der Darstellung des Impfstoffs sind Fehler unterlaufen, wahrscheinlich 
infolge des großen Absatzes. 

1111 mann berichtet von seinen Erfahrungen aus dem Lazarett in 
Roubaix, namentlich auf pathologisch-anatomischer Grundlage. Sämtliche 
Fälle, die ad exitum kamen, wurden seziert. Dabei stellte sich heraus, 
daß durch die Impfung ein leichterer Verlauf des Typhus nicht garan¬ 
tiert ist. Alle Fälle zeigten eine außerordentlich starke Allgemein- 
iiuektion, keine Perforation oder Embolie usw. Die Morbidität kann 
beute noch nicht beurteilt werden; die Statistiken reichen dazu uicht 
wb. Auch ein „Non nocet“ bei der Impfung ist nicht zutreffend. Durch 
die Impfung werden Erkrankungen erzeugt, deren Gesamtcharakter 
ortr. als „Typhus en miniature“ bezeichnet. Durch die Impfung wird 
eine größere Erregbarkeit für die Erkrankungsmöglichkeit hervorgerufen. 

10 starb ein Mann 2 Tage nach der Impfung. 

p, Kriedberger j 8 t der Meinung, daß durch die Impfung nie eine 
Kränkung hervorgerufen wird. Eine gleichmäßige Dosierung der Impf- 
Sii!f j 11 ^ ^wendig; auch sind die Impfstoffe jetzt im Kriege nicht 
d echt dargestellt, da es sehr leicht ist, sie zu erhalten. Der Typhus 
dil Wj! annten Bazillenträger ist ganz anderer Art, da sich bei ihnen 
niA* ^ en nur * n ( * er Gallenblase vorfinden. Die Tetanusfrage ist noch 
tam wie Kollo meint. Außer dem Nikolaischen Te- 

j- ® ö * zl Uus kommen wahrscheinlich auch noch andere Bazillen in Frage, 
016 Tetanus erzeugen. 

dftr T^ e ^ er darauf aufmerksam, daß die Art und die Länge 

rans P or t e der Typhuskranken bei einer Statistik berücksichtigt 
*wden müssen. B. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Der praktische Arzt Dr. L. Pollak in Graz ist, nach Thaler- 
hof einberufen, der Flecktyphusepidemie daselbst zum Opfer ge¬ 
fallen; der A.-A.-St. Dr. S. Grienauer des D.-R. Nr. 15 hat am 
nördlichen Kriegsschauplatz don Heldentod gefunden. 

Das Professorenkollegium der Wiener medizinischen Fakultät 
hat in seiner Plenarsitzung vom 17. d. M. beschlossen, an den 
Unterrichtsminister folgende Resolution zu richten: „Nachdem es 
in den letzten Jahrzehnten gelungen war, die vereinzelten einge¬ 
schleppten Blatterninfektionen zu unterdrücken, bevor größere 
Epidemien entstanden, hat sich jetzt unsere sanitäre Gesetzgebung 
gegenüber dem durch den Krieg verbreiteten Blatternkontagium 
als unzulänglich erwiesen. In Wien allein sind schon über sieben¬ 
hundert Fälle gemeldet, und in den meisten Kronländern sind 
Blatternherde konstatiert. Die gegenwärtigen Verhältnisse liegen 
ganz ähnlich wie jene Preußens im Jahre 1870: unsere Zivilbevöl¬ 
kerung ist, wie damals die preußische — im Gegensatz zur Ar¬ 
mee — ganz ungenügend durchgeimpft. Preußen erfuhr damals 
eine Blatternepidemie, die über 240 000 Personen ergriff und erst 
im Jahre 1872, lange nach dem Friedensschlüsse, ihren Höhepunkt 
erreichte. Diese Epidemie wurde Veranlassung zum Deutschen 
Impfgesetze, welches die Blattern in Deutschland mit dem Jahre 
1874 vollkommen ausgerottet hat, während die Nachbarstaaten, 
darunter auch Oesterreich, noch jahrelang unter den Ausläufern 
jener Kriegsepidemie zu leiden hatten. Auf Grund dieser Ana¬ 
logie können wir mit großer Wahrscheinliche^ Vorhersagen, daß 
die gegenwärtige Blatternepidemie sich nach und nach immer weiter 
ausbreiten und jahrelang hinziehen wird, wenn ihr nicht durch eine 
energische Maßregel Einhalt geboten wird. Unter den verschiedenen 
Maßnahmen, welche im Laufe der letzten 120 Jahre gegen größere Blat¬ 
ternepidemien versucht wurden, hat sich nur das deutsche Prinzip 
der gesetzlichen Verpflichtung zur Impfung im ersten und 
Wiederimpfung im elften Lebensjahre vollauf bewährt. Zur Ein¬ 
führung einer gleichen gesetzlichen Maßregel ist jetzt der Zeit¬ 
punkt besonders günstig, weil sie ohne die Schwierigkeiten einer 
parlamentarischen Beratung auf Grund des § 14 erlassen werden 
könnte. Das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät in 
Wien bittet demnach das Ministerium für Kultus und Unterricht, 

die Erlassung eines Impfgesetzes dringend zu befürworten.“ 

* * 

* 

Aus Budapest wird uns berichtet: Im Ministerpräsidium 
trat unter Vorsitz des Leiters der Regierung Grafen Stephan 
Tisza eine Enquete in Sachen der Kriegskrüppelfürsorge 
zusammen. In 63 Kriegshospitälern der Haupt- und Residenzstadt 
Budapest befanden sich zur Zeit der Aufnahme der Statistik 
21 680 Kranke, unter welchen 816 als Kriegskrüppel zu betrachten 
sind. Allgemein wurde die Notwendigkeit der Errichtung eines 
orthopädischen Spitales betont, was, wie dies in Wien geschah, 
Aufgabe des k. k. Kriegsministeriums wäre. Graf Alex. Apponyi, 
der Präses des Kriegsfürsorgeamtes im Parlamente, hebt hervor, 
das Prinzip der Wiener Anstalt, nach welchem die Nach¬ 
behandlung mit dem Unterrichte verbunden ist, sei nachahmens¬ 
wert, weil diese Methode außer großer Zeitersparnis auch auf die 
Psyche durch Erweckung von Vertrauen zur Zukunft im Invaliden 
von großer Bedeutung ist. In Wien erfolgt der Unterricht 
bereits in 21 Industriezweigen. Notwendig erscheint auch die 
Gründung eines Invalidenheimes und eines Waisenhauses. Der 
seit 50 Jahren einhändige Virtuose Graf Geyza Zichy stellt den 
Erfahrungssatz auf, daß Einhändige nur von gleich beschaffenen 
Leidensgenossen unterrichtet werden können. Von Aerzten be¬ 
teiligten sich Generalstabsarzt Hofrat Prof. Julius Dollinger 
und Hofrat Prof. Arpäd v. Bökay an der Diskussion. Letzterer 
betonte, daß nach dem Beispiele unserer Verbündeten in Gro߬ 
deutschland eine Einigung der Arbeitgeber zur Placierung der 
Kriegskrüppel dringend notwendig sei. Der Direktor des statisti¬ 
schen Amtes Julius v. Vargha hob hervor, daß bei uns das Gros 
der Krüppel dem Bauernstände entstamme, die womöglich auch 
weiterhin für den Ackerbau zu erhalten seien. Schließlich reassii- 
mierte der Einberufer der Enquete Graf Steph. Tisza, daß eine 
Statistik sämtlicher Kriegskrüppel in der Monarchie mit Berück¬ 
sichtigung der Magyaren, ferner eine Direktive für die Behand¬ 
lung leichterer FäUe in Spitälern zusammenznstellen und je früher 
die Budapester Zentralanstalt zur orthopädischen Behandlung zu 
errichten sei. _ S. 


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UNIVERSUM OF IOWA 







1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9. 


28. Februar. 


264 


(Militärärztliches.) Im militärärzt liehen Offizierskorps 
wurden ernannt zu Generalstabsärzten die O.-St.-Ae. I. Kl. Doktoren 
A. Grossmann, v E. Kunze; zu Oberstabsärzten I.Kl. die O.-St.-Ae. 
II. Kl. DDr. F. Sulda, H. Rump, Sanitätschef der II. I.-Div.; zu 
Oberstabsärzten II. Kl. die St.-Ae. DDr. A. Szijärtö, Sanitätschef 
der 31.1.-Div.; Z. Belschan des I.-R. Nr. 63, J. Reuss, AV. Fröh¬ 
lich des I.-R. Nr. 48, E. Sükösd, W. Ploc des l.-R. Nr. 73, 
M. Prager, Sanitätschef in Bileöa, J. Ziembicki, Kommandant 
des Feld-Sp. Nr. 9/11, S. Seidner, E. Starrach des I.-R. Nr. 8, 
S. Haus, Kommandant des Feld-Sp. Nr. 2/16, L. v. Cserey, 
A. Knobel, Kommandant der I.-Div.-San.-A. Nr. 16, H. Chajes 
des Militärkmdo. Leitmeritz, S. Smidskal, T. Majewski, Kom¬ 
mandant des Feld-Sp. Nr. 4/4, M. Papp, Kommandant des Feld-Sp. 
Nr. 8/11; zu Stabsärzten die Titular-St.-Ae. DDr. W. Snetivy, 
des I.-R. Nr. 45, G. Tarnowski des Monturdepots Nr. 2, A. Speeh 
des I.-R. Nr. 31, AV. Soltykiewicz des Militärinvalidenhauses 
AVien, J. Kowozsewicz des I.-R. Nr. 55, J. Mandl des I.-R. Nr. 50, 

E. Fiscbl, F. Rebentisch des F.-A.-R. Nr. 4, die Regiments¬ 
ärzte DDr. A. Reich des I.-R. Nr. 83, J. Ryba, Kommandant des 
mob. Res.-Sp. Nr. 6/13, S. Gilewicz, J. Reich, Sanitätschef der 
2. Gebirgsbrigade, R. Göbel, P. Geisler, Kommandant des Feld-Sp. 
Nr. 4/1, M. Sertiö, Kommandant des mob. Res.-Sp. Nr. 2/13, 

O. v. Leliwa, A. Grohmann des F.-K.-R. Nr. 2, D. Muszynski, 
Kommandant der K.-Div.-San.-A. Nr. 8, J. Munzar, F. Baxa des 

F. -A.-R. Nr. 1, F. Konkal; zu Regimentsärzten die O.-Ae. Doktoren 
A. Tichy des Garn.-Sp. Nr. 5, Z. Bozän des F.-K.-R. Nr. 6, 
D. Toth des I.-R. Nr. 61, A. Ronge und K. Schreiner des 
Garn.-Sp. Nr. 1, L. Fischer des Garn.-Sp. Nr. 14, S. Grob des 
Garn.-Sp. Nr. 27, J. Prccechtel des Garn.-Sp. Nr. 2, E. Paiker 
des Garn.-Sp. Nr. 5, J. Pf anzag I des Garn.-Sp. Nr. 1, E. Fabian 
des Garn-Sp. Nr. 21, E. Miziura des Garn.-Sp. Nr. 15, M. Ma- 
terna des Garn.-Sp. Nr. 11, R. Kaldeck des Garn.-Sp. Nr. 2, 
K. Fischelhamer des Garn.-Sp. Nr. 10, M. Nowotny des Garn.-Sp. 
Nr. 3, A. Neumann des Garn.-Sp. Nr. 7, L. Nocar des Garn.-Sp. 
Nr. II; zu Oberärzten die A.-Ae.-St. DDr. M. Duda, E. 01 ah, 
A. Lackner, F. Pucher, E. AVegmann, E. 4 unger und J. Feny ü 
der Militärärztlichen Applikationsschule; zu Stabsärzten d. Res. 
der Titular-St.-A. d. Res. Dr. K. Feistmantel des Garn.-Sp. Nr. 16, 
die R.-Ae. d. Res. DDr. F. Fronius des Garn.-Sp. Nr. 25, G. Hay 
des Garn.-Sp. Nr. 1; zu Regimentsärzten der Reserve die O.-Ae. 
DDr. L. Fischer des Garn.-Sp. Nr. 19, J. Galfi des Garn.-Sp. 
Nr. 18, R. Chiari des F.-K.-R. Nr. 6, T. Kern des I.-R. Nr. 23, 

P. Odelga des l.-R. Nr. 4, J. Qy örgy des I.-R. Nr. 43, R. Kort- 
s.ik des I.-R. Nr. 32, E. v. Schneider des F.-A.-R. Nr. 1, P. Za¬ 
cher des I.-R. Nr. 67, E. Lenke derSchw. H.-Div. Nr. 5, O. Hesky 
des I.-R. Nr. 75, D. Dörner des I.-R. Nr. <18, A. Galambos des 
I.-R. Nr. 78, G. Kabdebo des F.-H.-R. Nr. 7, A. Jankulov des 
I.-R. Nr. 82, V. Spörr des 1. R. der T.-K.-J., P. Lazic des 
Garn.-Sp. Nr. 25, A. Spanyol des F.-H.-R. Nr. 10, E. Lisznay 
des I.-R. Nr. 82, J. Ossadnik des I.-R. Nr. 40, A. Lörincz des 
l.-R. Nr. 52, R. Nothdurft des I.-R. Nr. 42, E. Davida des 

F. -K.-R. Nr. 35, A. Purjosz des I.-R. Nr. 23, M. Scheiner des 

G. -A.-R. Nr. 6; zu Oberärzten d. Res. 45 A.-Ae. d. Res.; zu 
Assistenzärzten d. Res. 211 A.-A.-St. d. Res.; zu Stabsärzten in 
besonderen und Lokalverwendungen die Militärärzte des Ruhe¬ 
standes der Titular-St.-A. Dr. M. Grabscheid des Platzkmdo. 
Przemysl, die R.-Ae. DDr. T. Madincea der Pulverfabrik in Blumau 
und K. Peharc des Militärinvalidenhauses Wien. 

(Hochschulnachrichten.) Prag. Dr. A. Löwenstein für 
Augenheilkunde an der deutschen Fakultät habilitiert, dem Privat¬ 
dozent der Chirurgie an der tschechischen Fakultät Dr. J. Pet fi- 
valsky der Titel eines a. o. Professors verliehen. — Wien. Die 
Titularprofessoren Dr. S. Fraenkel (Med. Chemie), Prim. Doktor 
AV. Türk (Interne Medizin), ferner Priv.-Doz. Dr. R. Maresch 
(Pathologische Anatomie) zu a. o. Professoren ernannt; den Priv.-Doz. 
DDr. J. Zappert, J. Fabricius, L. Freund, R. Kienböck, 
M. Oppenheim, H. Lorenz, E. Stransky, J. Wiesel und dem 
o. Professor an der tierärztlichen Hochschule Wien Dr. K. Schwarz 
der Titel eines a. o. Professors verliehen. 

(Prophylaxe der Infektionskrankheiten.) Am 22. Fe¬ 
bruar hat das Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem 
Ministerium für Kultus und Unterricht eine Verordnung, betreffend 
die Absonderung Kranker, Krankbeits- und Ansteckungsverdäch¬ 
tiger sowie die Bezeichnung von Häusern und Wohnungen er¬ 
lassen, deren wichtigste Punkte wir reproduzieren: Als krank 
gelten jene Personen, bei denen die Krankheit bereits festgestellt 


ist, als krankheitsverdächtig solche, die Erscheinungen zeigen, die 
das Vorhandensein der Krankheit vermuten lassen, als ansteckungs¬ 
verdächtig solche, die zwar keine Krankheitserscheinungen auf¬ 
weisen, bei denen jedoch bakteriologisch nachgewiesen ist, daß sie 
als Träger des Krankheitskeimes anzusehen sind, oder bei denen 
sonst feststeht oder erfahrungsgemäß anzunehmen ist, daß sie der 
Ansteckung ausgesetzt waren und die Weiterverbreitung vermitteln 
können. — Die Absonderung oder Verkehrsbeschränkung der 
Kranken, Krankheitsverdächtigen und Ansteckungsverdächtigen 
hat auf die Dauer der Ansteckungsgefahr derart zu erfolgen, daß 
eine Weiterverbreitung der Krankheit hintangehalten wird. Die 
Absonderung besteht in der Unterbringung der betreffenden Per¬ 
sonen in gesonderten Räumen. Unter den Verkehrsbeschränkungen 
können eine bessere Meldepflicht, die sanitätspolizeiliche Ueber- 
wachung, die periodische ärztliche Untersuchung usw. als selbstän¬ 
dige Maßregeln an geordnet werden. Der Besuch von Lehranstalten, 
öffentlichen Lokalen und Versammlungsorten, die Benützung 
öffentlicher Transportmittel u. dgl., ferner Beschäftigungen, die einen 
häufigen Verkehr mit anderen Personen bedingen, können verboten 
werden. Durch entsprechende Vorkehrungen ist Vorsorge zu 
treffen, daß nicht durch die Aus- und Abscheidungen des Kranken, 
Krankheitsverdächtigen oder Ansteckungsverdächtigen die Krank¬ 
heit weiterverbreitet werde. Auch kann angeordnet werden, daß 
Tiere, vor allem sofern eine Weiterverbreitung der Krankheit 
durch diese in Betracht kommt, ferngehalten oder beseitigt werden. 
Welche der vorstehenden Verfügungen zu treffen sind, ist nach 
Maßgabe der Bestimmungen dieser Verordnung fallweise auf Grund 
des Gutachtens des zuständigen, im öffentlichen Sanitätsdienste 
stehenden Arztes anzuordnen. — Boi Scharlach, Diphtherie, 
Abdominaltyphus, Ruhr (Dysenterie), epidemischer Genickstarre, 
Flecktyphus, Blattern, asiatischer Cholera, Pest, Rückfalltyphus, 
gelbem Fieber oder Rotz sind die Kranken oder Krankbeits ver¬ 
dächtigen abzusondern. Bei AVochenbettfieber, Aussatz (Lepra) 
oder AVutkrankheit und, wenn eine besondere Gefahr der Ueber- 
tragung besteht, auch bei ägyptischer Augenentzündung (Trachom) 
oder Milzbrand sind die Kranken abzusondern oder nach den Um¬ 
ständen des Falles lediglich bestimmten Verkehrsbeschränkungen 
zu unterwerfen. Die Maßnahmen zum Zwecke der Absonderung 
oder anderweitiger bestimmter Verkehrsbeschränkungen können 
auch auf die mit der Wartung und Pflege des Kranken, Krank¬ 
heitsverdächtigen oder Ansteckungsverdächtigen betrauten und 
daher gleichfalls als ansteckungsverdächtig anzusehenden Familien¬ 
angehörigen und Pflegepersonen Anwendung finden. Sind in den 
Ausscheidungen Genesener bakteriologisch Krankheitskeime noch 
nachweisbar, so kann bis zum Ablaufe von 10 Wochen, vom Be¬ 
ginne der Erkrankung gerechnet, die Absonderung aufrechterhalten 
werden, die periodische ärztliche Untersuchung sowie allfällige 
anderweitige Verkehrsbeschränkungen können nötigenfalls auch 
über diese Frist hinaus verfügt werden. Ferner kann derartigen 
Personen (Dauerausscheidern) eine besondere Meldepflicht auferlegt 
werden. Gleichartig ist auch hinsichtlich der Bazillenträger vorzu¬ 
gehen. Der Zutritt zu den Abgesonderten ist außer bei Wochen¬ 
bettfieber, Aussatz und ägyptischer Augenentzündung (Trachom) 
nur den im öffentlichen Sanitätsdienste stehenden sowie den zuge¬ 
zogenen Aerzten, den Seelsorgern und den mit der Wartung und 
Pflege der Abgesonderten betrauten Familienangehörigen und 
Pflegepersonen gegen Einhaltung der gebotenen Vorsichtsma߬ 
regeln gestattet. Den Studierenden der Medizin können zum 
Behufe des Unterrichtes Kranke mit Abdominaltyphus, Ruhr 
(Dysenterie), epidemischer Genickstarre, Wochenbettfieber, Rückfall¬ 
typhus, Aussatz (Lepra), ägyptischer Augenentzündung (Trachom), 
Milzbrand, Rotz, Wutkrankheit vorgestellt werden. Bei Scharlach, 
Diphtherie, Flecktyphus, Blattern und asiatischer Cholera ist 
ihnen der Zutritt in die Absonderungsräume nur bei Einhaltung 
der vom Vorstande der Absonderungsabteilung angeordneten Vor¬ 
sichtsmaßregeln zu gestatten. Bei Flecktyphus, Blattern und 
asiatischer Cholera hat hiervon der Vorstand der Absonderungs¬ 
abteilung fallweise die Anzeige an die politische Bezirksbehörde 
zu erstatten. Bei Blattern ist der Zutritt nur solchen Studierenden 
gestattet, die nachgewiesenermaßen mit Erfolg geimpft und zeit¬ 
gerecht wiedergeimpft sind. — Weitere Bestimmungen betreffen 
das Pflegepersonal und den Transport Infektionskranker. 


Sitzungs-Kalendarium. 

Freitag , 5. März, 7 Uhr. K. k. Uesellschaft der Aerzte. (IX., I' nln ^ 
gasse 8.) 


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Erbau & S'-h warzenberg, Wien und Berlin. - Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien. 

Druck von (iottlieb (iistol d ('io., Wien, 111.. Mmizgasse 6. 


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Original frn-m 

UNIVERSUM OF IOWA 



Nr. 10. 


Wien, 7. März 1915. 


XI. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert von 

ProffeMor Dr. Kurt Brandenburg 

Berlin 


INHALT: Die Versorgen* der Yerwundeten und Erkrankten im Kriege: OberstabsarztProf. Dr. Th öle, Ueber Dum-Dum-Verletzungen, ß lit 
1 Tifel.) Hofrat Prof. Dr. C. v. Noorden, Ueber die Bekömmlichkeit der Krie»sgebäcke und die Herstellung reinen Weizengebäcks für Kranke. 
Dr.Fritz Munk, Die Behandlung innerer Krankheiten im Felde. Dr. Munter, Ueber Herzveränderungen bei Soldaten. J. Voigt, Kriegsrhirurgisches 
m den ersten Wer Monaten des Krieges. — Berichte Über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren : San.-Rat Dr.Buschan, Die Sojabohne — 
ein Volksnahningsmittel. Dr. Benno Stein, Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. (Fortsetzung aus Nr. 9.) — 
ForncliDDgwrgebniiJse ans Medizin und Naturwissenschaft: Dr. V. Franz, Die Vererbung erworbener Eigenschaften im Lichte neuerer Forschungen. 
- Beferatenteil: Sammelreferat: Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, Lungentuberkulose. — Ans den neuesten Zeitschriften. — 
Btekerbesprechongen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen : K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Gesellschaft für 
innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest. — Kleine Mitteilungen. 

Der Verlag UhAU tUh dm aussehHtßUche Rieht der Vervielfältigung und Verbreitung der to dieeer Zeitschrift mtm SrteMnen gelan gende n Originalbetträgs vor. 


Verlag von 

Urban & Scliwaraenberi 
Wien 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Ueber Dum-Dn m-Verletzungen 1 ) 


von 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Thöle, ber. Chir. d. XVIII. Res.-Korps. 

Hierzu 1 Tafel mit 6 Abbildungeu. 


Um die Frage zu beantworten, ob und woraus man 
eine Dum-Dum-Verletzung sicher diagnostizieren könne, 
wurden über 100 Schießversuche angestellt auf lebende 
Rinder und Pferde (nach Vorversuchen auf Marmorplatten, 
Holzbalken, Konservendosen). Schußdistanz 50 m. Das Dum- 
Dum war ein S-Geschoß mit abgefeilter Spitze oder Zer- 
schellerm unition. 

Am auffallendsten ist der Unterschied zwischen der 
Wirkung des S und F (französisches Geschoß) einerseits, des 
Dum-Dum anderseits bei reinen Fleischschüssen. 

InFascien, platten und runden Sehnen, 
Ligamenten,dickeren Nerven: bei S und F feiner 
Schlitz, bei Dum-Dum schon am Einschüsse fiinfpfennig- bis 
markstückgroßer Faseiendefekt mit fetzigen Rändern, fetzige 
Zerreißung runder Sehnen und Nerven. Dum-Dum zerschellt 
echon durch den Widerstand der Haut: kleine Bleistückchen 
im subcutanea Fettgewebe, auf der oberflächlichen Fascie, 
in den obersten Schichten der Muskulatur, Ränder der Fascien- 
wunden von Blei grau gefärbt, in sehnigen Bauchdecken neben 
dem Hauptdurchschusse multiple kleine Löcher durch Blei¬ 
splitterchen. 

In der Muskulatur: bei S und F feiner Kanal; 

das Geschoß an Sehne oder Nerv zum Querschläger 
wurde, plötzliche starke Erweiterung des Schußkanals. Haut¬ 
einschuß linsengroß, Hautausschuß nicht wesentlich größer. 
Bei Dum-Dum riesige, sofort nach dem Einschüsse sich in 
15 0 erweiternde trichterförmige Höhle, in der zerfetzten und 
verfilzten Wandung sind Blei- und Mantelstückchen und nicht 
mehr sichtbares Blei chemisch nachzuweisen; feine Neben¬ 
gänge durch Bleisplitter. Röntgen (Abb. 1): in dreieckigem, 
v '°m Einschüsse zum Ausschüsse sich verbreiterndem Bezirk 
Aussaat von Bleistüekchen (bei S und F nichts). Hautein¬ 
schuß wie bei S und F, Hautausschuß fehlt ganz bei sehr 
dicker Muskulatur, unter der Haut der Ausschußseite steckt 
der leere Mantel oder das typisch zur Spinnenform deformierte 
»eschoß: die Streifen des von vorn aufgerissenen Mantels 
8 md nach hinten umgebogen, darauf sitzt der rundlich ausge- 


0 l ) Vortrag in der Versammlung der Sanitätsoffiziere zu Lille am 
-■üezember 1914. Der in Nr. 51, Jahrg. 1914 dieser Zeitschrift, an- 
f ndigte Vortrag des Herrn Professors Thöle (Hannover) folgt hier 
® etwa * verkürztem Umfange. 


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breitete Bleikem. Bei dünnerer Muskulatur zwei- bis fünf¬ 
markstückgroßer, fetziger Ausschuß, die Fetzen an der Fett¬ 
seite von Blei grau gefärbt. 

Zwerchfell und Oesophagus: bei S und F 
kleine Schlitze oder Löcher, bei Dum-Dum ausgedehnte Zer¬ 
reißung. 

H e r z : bei S und F zeigefingerkuppengroßer Einschuß, 
markstückgroßer Ausschuß, bei Dum-Dum reißt die ganze 
untere Hälfte des Herzens in Fetzen ab. Große Gefäße: 
bei S und F feiner Lochschuß mit kaum linsengroßen Löchern, 
bei Dum-Dum Ausreißen eines 4 bis 5 cm langen Stückes, 
Ränder zerfetzt und gequetscht. Die parenchy¬ 
matösen Unterleibsorgane, Leber, Niere, 
Milz, werden auch durch S und F auf 50 m infolge hydro¬ 
dynamischer Wirkung stark zerstört, Wirkung des Dum-Dum 
aber noch viel intensiver; z. B. i n L e b e r: bei S und F 
sternförmiger Einschuß mit centralem Defekt von Markstück¬ 
größe und vier bis sechs radiären Rissen von 2 bis 6 cm 
Länge, Ausschuß sternförmig zerfetzt mit drei- bis fünfmark¬ 
stückgroßem Defekt und 2 bis 6 cm langen Rissen. Bei 
Dum-Dum der Einschuß handtellergroß, Ausschuß handgroß, 
anschließend lange Risse. 

Die Wirkung auf Hohlorgane, Magen, Darm, 
Harnblase ist sehr verschieden, je nachdem sie leer oder 
mit trocknem oder feuchtem Inhalte gefüllt sind; z. B. im 
Magen: bei S und F. schlitzförmiger, für einen Finger durch¬ 
gängiger Einschuß, Ausschuß dreimarkstückgroß bei trock¬ 
nem Inhalt, über handgroß bei feuchtem Inhalte. Bei Dum- 
Dum 2,5 bis 5 cm Durchmesser des rundlichen Einschusses 
(daneben wohl auch noch kleine Löcher). Ausschuß fehlt am 
gefüllten Pansen ganz, wenn er im großen Durchmesser ge¬ 
troffen ist, das Dum-Dum zerschellt im Inhalte, der Schuß läuft 
tot wie ein Schrotschuß. 

Die Wirkung auf die Lunge ist auch verschieden, je 
nach Flüssigkeits- und Luftgehalt. In atelektatischer Lunge: 
bei S und F enger Durchschuß wie in Muskulatur, bei Dum- 
Dum markstückgroßer Einschuß, Ausschuß von 7 cm Durch¬ 
messer mit Rissen, Schußkanal trichterförmig. In emphyse- 
matöser Lunge Einschuß bei Dum-Dum klein wie bei S und F, 
Ausschuß talergroß, das heißt: die Dum-Dum-Wirkung nimmt 
mit Zunahme des Luftgehalts und damit verbundener Ab¬ 
nahme des Gewebswiderstandes ab. 

Auf Diaphysen hat Dum-Dum eine intensivere, aber 
weniger extensive Wirkung als S und F. Bei S und F centrale 
Zertrümmerung in kleine Splitter und Grus in 3 bis 6 cm Aus¬ 
dehnung, anschließend nach oben und unten grobe Splitterung 

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UNIVERSITY OF IOWA 





266 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


7. Mürz. 


in je 7 bis 10 cm Länge. Hautausschuß meist groß, 3 bis 
5 cm, lappig fetzig, voll Knochengrus. S wird deformiert: 
Basis platt gedrückt, Basalring des Mantels reißt ein oder ab, 
Bleikern wird hinten zum Teil herausgequetscht. F ist oft 
hirtenstabförmig verbogen, kleine Messingstückchen sind ab¬ 
gerissen. In der Muskulatur vor dem Knochen ist ein enger 
Gang, dahinter liegt eine faustgroße Höhle. Bei Dum- 
Dum ist die Zone der Zertrümmerung in kleinste Splitter 
8 bis 9 cm lang, der Grus grau wie Erde, die Zone der groben 
Splitterung ist nach beiden Seiten nur noch 4 bis 5 cm lang. 
Hautausschuß fehlt an dicker Extremität, weil die Wirkung des 
zerschellenden Geschosses sich im Knochen nahezu erschöpfte. 
In der Muskulatur vor dem Knochen große trichterförmige 
Höhle, dahinter zwar breite, aber nur noch flache Höhle 
mit Nebengängen, in beiden Höhlen grauer Knochengrus und 
Splitter, dazwischen Bleistückchen und Mantelfetzen 
(Röntgen s. u.). 

An weichen Epiphysen bei S und F: Lochschuß: 
an festeren: trichterförmige Höhle voll Knochengrus; an noch 
festeren: Splitterung fast wie an Diaphysen. Hautausschuß 
beim Lochschusse klein, sonst zwei- bis fünfmarkstückgroß 
und fetzig. In der Muskulatur hinter dem Knochen beim 
Lochschusse nur eine mandelgroße Höhle, sonst große Zer¬ 
reißung. S und F werden auch an harten Epiphysen de¬ 
formiert. Dum-Dum macht nie einen Lochschuß, sondern 
immer starke Zertrümmerung. Hautausschuß kann fehlen, 
oder an der Ausschußseite finden sich mehrere kleine durch 
Splitter erzeugte Wunden, oder der Ausschuß ist nicht größer 
als der Einschuß. Vor dem Knochen markstückgroßer 
Defekt in Fascie und platter Sehne, hinter dem Knochen 
in Muskulatur faustgroße Höhle. 

Der S c h ä d e 1 zerplatzt bei S und F im ganzen nicht, 
Basis bleibt heil. Knocheneinschuß klein, meist ohne 
Splitterung. Knochenausschuß zwei- bis fünfmarkstück- 
groß. zackig mit unregelmäßigen Sprüngen. Die grobe 
Gehirnverletzung ist umschrieben, ein daumendicker Kanal 
herausgepflügt. Hautausschuß zwei- bis fünfinarkstück- 
groß zerfetzt. S stark an der Basis deformiert, die 
Spitze bleibt fast immer intakt. Dum-Dum setzt auf 50 m 
Zertrümmerung des ganzen Schädels und Gehirns. Knochen¬ 
einschuß wenig größer als bei S und F, Knochenausschuß ge¬ 
waltig. Das ganze Schädeldach und die Basis in größere und 
kleinere Stücke zerbrochen. Gehirn durch Knochen- und Ge¬ 
schoßsplitter total zertrümmert. Hautausschuß kann fehlen, 
oder man findet nur kleine Wunden durch Splitter. 

I n S u m m a ist also die Wirkung von S und F gleich, 
nur wird das längere F leichter zum Querschläger. Dum-Dum- 
Wirkung geht mehr in die Breite als in die Tiefe im Vergleiche 
zum S und F. Durch die große Energieabgabe des sich defor¬ 
mierenden verbreiternden Geschosses sinkt die Durch¬ 
schlagskraft. 

Für die klinische Diagnose Dum-Dum-Verletzung 
kommt der Hauteinschuß nicht in Betracht, er verhält sich 
wie bei S und F. Der Hautausschuß ist, wie gesagt, bei 
Dum-Dum sehr verschieden. Bei reinen Fleisch¬ 
schüssen ist beweisend für Dum-Dum: 1. Vorhandensein 
multipler kleiner Wunden an Stelle oder neben einem Haupt- 
ausschusse; 2. Graufärbung derHautausschußfetzen durch Blei; 

3. Stecken des von der Spitze her aufgesplitterten 
Mantels in einer Wunde an der Ausschußseite; 4. auf dem 
Röntgenbild Aussaat von Bleistückchen oder Schatten von 
Mantelfetzen. Das alles ist beweisend, denn Zerschellen eines 
normalen Mantelgeschosses kommt bei reinen Fleischschiissen 
nicht vor. Nicht beweisend sind: 1. Fehlen eines Ausschusses 
(kann auch bei S, auch bei kleinem Einschüsse Vorkommen); 
2 . großer fetziger Ausschuß (ist auch vorhanden, wenn S und 
F im Körper zum Querschläger wurden). Die Form des Aus¬ 
schusses ist zwar verschieden, aber mit Vorsicht zu bewerten. 

Granatsplitter können natürlich Ausschüsse von jeder 
Größe und Form machen, aber dabei ist der Einschuß nicht 


klein und rund, wie er es gleichmäßig bei S, F und Dum-Dum 
ist (wenigstens beim Beschießen von Rindern und Pferden). 
Die Unterscheidung zwischen Dum-Dum- und Granat¬ 
verletzung stößt auf keine Schwierigkeit. 

Unsicherer ist die Entscheidung zwischen S und F oder 
Dum-Dum-Wirkung bei Knochenschüssen, denn auch 
S und F setzen großen Ausschuß, wenn sie mit genügender 
Kraft auftrafen, anderseits kann auch bei 8 und F ein Aus¬ 
schuß trotz großer Knochensplitterung fehlen. Nicht einmal 
bleigraue Verfärbung von im Ausschüsse steckenden 
Knochensplittern oder von Hautfetzen am Ausschüsse, Blei¬ 
stückchen oder Mantelfetzen in der Wunde, multiple Wunden 
an der Ausschußseite sind beweisend für Dum-Dum, denn an 
harten Knochen zerschellt auch das S. 

Derklinische Beweis fürDum-Dum ist hier 
ohne Röntgenphotographie nicht zu erbringen. 

Beweisend sind im Röntgenbilde: 1. Das typische 
Bild der Spinnenform (Abb. 3) — wie anderseits durch das 
deutliche Bild der intakten Geschoßspitze Dum-Dum-Ver- 
letzung ausgeschlossen wird. 

2. Aussaat von Bleistückchen in dicker Muskulatur 
vor dem Knochen vom Einschuß an — wie beim reinen 
Muskelscluisse (Abb. 4) —, nicht beweisend wären einzelne 
Bleischatten (zwischen Knochensplitterschatten) in 2 bis 3 ein 
Breite vor dem Knocheneinschusse, denn wie die Knochen¬ 
splitter, so können natürlich auch Bleisplitter des erst am 
Knochen zerschellenden S gegen den Einschuß hin eine 
Strecke weit zurückgeschleudert werden. Dieser Beweis gilt 
also nur, wenn vor dem Knochen eine genügend dicke 
Muskelschicht liegt. 

3. Massenhafter dichter Bleischatten bei Epiphysen¬ 
schuß, zumal bei Steckschuß (Abb. 3 oben), denn völliges 
Zerschellen des S kommt an Epiphysen nicht vor (in Abb. 5 
unten mir Knochensplitterschatten am Ausschuß!). 

4. Massenhafter dichter Bleischatten hinter Diaphysen- 
fraktur bei Steckschuß (Abb. 3 unten), denn wenn ein S in 
dünner Extremität stecken bleibt, ist es mit geringer leben¬ 
diger Kraft eingeschlagen und wird nicht so deformiert, daß 
das ganze Blei zerspritzt. 

5. Ueberhaupt dürfte so massenhafter Bleischattcu 
wenigstens beim Menschen für Dum-Dum sprechen, verein¬ 
zelte isolierte Bleischatten allein dagegen für S. — Hinter der 
Fraktur sind auch bei S zahlreiche Bleisplitterschatten (Abb. tf 
sieht hinter dem Knochen wie 4 und 2 aus). Aus Abb. 2 
könnte niemand Dum-Dum diagnostizieren, da vor dem 
Knochen, vielleicht nur infolge ungünstiger Projektion, die 
Bleisplitterstraße fehlt, auch das Bild des typisch zur Spiimen- 
form deformierten Geschosses fehlt. Einzelnen Mantelfetzen 
kann man nicht ansehen, ob sie durch Aufreißen von vom 
(Dum-Dum) oder von hinten (S) entstanden sind. Aus Art 
und Grad der Knochensplitterung ist kein Schluß zu ziehen. 

Die klinische Diagnose Dum-Dum-Ver¬ 
letzung ist also bei Knochen Schüssen ohne 
Röntgen unmöglich, mit Röntgen meist 
möglich, bei Fleisch Schüssen mit R ö n t g e n 
i m m e r m ö g 1 i c h , ohne Röntgen m e i s t n i c h t. 

Erklärung der Abbildungen. 

1. Röntgenbild eines Dum-Dum-SchuSses in die Adductoren des 

Pferdes. Muskeln zwecks Photographierens ausge¬ 
schnitten. 

2. „ eines Pferdeoberschenkel- (Femur-) Schusses mit 

Dum-Dum. 

3. Oben. Röntgenbild eines Pfenleunterann- (Radius-) und Carpal¬ 

gelenkschusses mit Dum-Dum (letzterer Steck¬ 
schuß). 

Unten. „ eines Pferdeunterschenkel- (Tibia-) Schusses 

mit Dum-Dum (Steckschuß). 

4. Röntgenbild eines Pferdeoberarm- (Humerus-) Schusses mit Dum- 

Dum. 

;) - » eines Pfrnleunterarm- (Radius-) und Carpalgrlcuk- 

sclmsses mit S (PurehsehiisMM. 

ü- » eines Pferdeoberarm- (Humerus-) Schusses mit S 

(Durchschuß! 


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UNIVERSUM OF IOWA 



7. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


267 


lieber die Bekömmlichkeit der Krlegsgebiicke 
and die Herstellung reinen Weizengebäcks 
für Kranke 1 ) 

von 

Hofrat Prof. Dr. C. Ton Noorden, Frankfurt a. M. 

1. Die Frage nach der Bekömmlichkeit der Kriegsgebäcke 
läßt sich nicht allgemeingültig beantworten, da die Beschaffenheit 
des Brots in hohem Maße von der Backteelinik abhängt. Die 
Waren der verschiedenen Bäckereien sind ungleichwertig. Es 
lagen hier Proben von auswärtigen Bäckereien vor, die bei weitem 
nicht so befriedigten wie der Durchschnitt der in Frankfurt her- 
gestollten. Die Unterschiede erstrecken sich auf Zähigkeit, Kau¬ 
barkeit, Feuchtigkeit und Haltbarkeit, ferner auch auf Schmack¬ 
haftigkeit. Es ist nicht zu verkennen, daß die Güte der Gebücke 
jetzt, nachdem die Bäcker sich mit der Technik besser vertraut 
gemacht haben, wesentlich zugenommen hat. 

Die Frage, ob die Herstellung reinen Weizen- 
pebleks für Kranke gestattet werden solle, betrifft nur 
Patienten mit ernsten organischen Erkrankungen der Yerdauungs- 
nrgaiu» und Fiebernde. Brot aus reinem Roggenmehl und solches 
aus reinem Weizenmehle sind für die Ernährung dieser Kranken 
nicht gleichwertig, da Roggenbrot meist eine etwas zähere Be¬ 
schaffenheit hat und sich nicht so leicht zu einem gleichmäßig 
feine» Brei zerkauen läßt; es kann daher störende mechanische 
Heize ausüben, die beim reinen Weizenbrote wegfallen. 

2. Es ist nicht zu leugnen, daß auch bei anscheinend magon- 
<md (larmgesundcn Personen — insbesondere bei solchen, die 
früher nur Weißbrot aßen — gewisse Verdauungsstörungen nach 
dein Genüsse des Roggen-KartofFelbrots vorgekommen sind, ins¬ 
besondere unerwünschte Gasbildung. Es war vorauszusehen, daß 
ftald Gewöhnung eintreten werde, worauf muh schon N. Zuntz 
Iiiuwies. Iu der Tat sind die Klagen, wenigstens hier, fast ganz 
verstummt. 

Ganz anders liegt die Sache hei Weißbrot, das aus 70 0 0 
durchgemahlenen Weizenmehls und 30 °/ 0 durchgemahlenen 
Koggcnmehls hergcstellt ist. Die hier in Frankfurt hergestellten 
Writtbrötchen dieser Art befriedigen vollkommen, sowohl in bezug 
auf Geschmack wie auf Kaubarkeit. Sie lassen sich zu einem 
ebenso feinen Brei zerkauen wie das frühere Weißbrötchen aus 
uinem Weizenmehle. Die Kaubarkeit wird noch erhöht, wenn man 
das Gebäck in Scheiben schneidet und röstet, wozu es sich vor¬ 
trefflich eignet. Da es nur darauf ankommt, unter gewissen Um¬ 
wänden mechanische Reize auszuschließen und Gärungen größerer 
Brocken vorzubeugen, ist damit vom ärztlichen Standpunkt aus 
allen Anforderungen Genüge getan. 

3. Durch kurzes Erwärmen im Backofen erhält das alt¬ 
backene Weißbrötchen vorübergehend wieder Konsistenz und Ge- 
^hmack des frischen; doch muß es dann noch warm oder un- 
mitrelbar nach dein Erkalten verzehrt werden. Sonst wird es 
troekner und zäher als vorher. 

hie Ansicht, daß von andern Gesichtspunkten aus roggen- 
imhlhaltige Gebücke für Zwecke der Krankenkost gegenüber ent¬ 
brechende» Gebacken aus gleich feingemahlenem reinem Weizen¬ 
mehle minderwertig seien, muß als ein weitverbreitetes Vorurteil 
^zeichnet werden. Die chemische Zusammensetzung beider 
Mehle ist nahezu die gleiche. Weder aus ihr noch aus den bio¬ 
logischen Versuchen ergibt sich irgendein Anhaltspunkt, der auf 
stärkere Belastung von Magen und Darm mit Verdauungsarbeit 
'hirch Koggenmelil hinwiese. Das Roggenmehl enthält aber einen 
g» wissen, für die Verdauungswerkzeuge völlig gleichgültigen Färb- 

der ihm die graue Farbe verleiht und ihm in den Augen 
mancher ein weniger unschuldiges Aussehen gibt. Nur darauf 
, mi die Ansicht schwerer Verdaulichkeit — gleiche meeha- 
liischt* Zerkleinerung vorausgesetzt! — gründen. Es ist diese An- 
' 1( ht also ein Vorurteil, das gleichsam der Sinnesästhetik ent- 
■“pnngt und das bis zu einem gewissen Grade bei der Beurtei- 
,ln g des W< ißen und des dunklen Fleisches wiederkehrt. 

Auf solche Gesichtspunkte brauchen wir in jetziger Zeit 

Nücksicht zu nehmen. Die Frage, ob man nicht eine Be- 
•'hinitiniiir f nvirken solle, daß auf ärztliche Bescheinigung hin 
HiriC' A\ eizengehäck abgegeben werden dürfe., ist bereits in ärzt- 
l<lu:ri erörtert worden. Auf eine Rundfrage, die kürzlich 
'on d< i* Redaktion der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 
^ging. äußerte sich die zuständige Kommission des Aerztlichen 

r ,, ’ ^ U( 'b einem Gutachten, erstattet ain '22. Januar 1915 in der 
■-nKiurter Städtischen Lebensmittelkommission. 


Vereins in Frankfurt a. M. verneinend. Eine solche Bestimmung 
würde zu großem Mißbrauche führen, da das Publikum von einem 
Standpunkt ausgeht, der nicht zutrifft, und den Arzt vielleicht 
in vielen Fällen zur Ausstellung einer Bescheinigung drängen 
würde, wo es nicht nötig ist. An mich ist in den letzten zwei 
Wochen auch eine ganze Reihe von Gesuchen ergangen, ich möge 
bescheinigen, daß dieser oder jener Patient nur reines Weizenbrot 
oder Weizenzwieback vertragen könne. Ich habe sie sämtlich ab¬ 
gelehnt; es mag aber zur Kennzeichnung der Lage erwähnt sein, 
daß die meisten solcher Gesuche nicht von Kranken mit wirklich 
ernsten Magen- und Darmleiden ausgingen, sondern von nervösen 
und überängstlichen Leuten, die sich einbildeten, nur feinstes 
Weizengebäck vertragen zu können. 

Was über Weißbrötchen gesagt ist, gilt auch für Zwieback 
und ähnliche Gebäcke. 

Falls man sich doch entschließen sollte, für Kranke reines 
Weizengebäck herzustellen, möchte ich empfehlen, nicht das 
Backen frischer Brötchen, sondern nur von Weizendauerware zu 
gestatten (Zwieback), und mit deren Verkauf nicht die Bäckereien, 
sondern die Apotheken zu beauftragen. Für das wohlhabende 
Publikum müßten sie zu hohem Preise abgegeben werden; für 
Bedürftige auf ärztlichen Vermerk hin zu entsprechend billigerem 
Preise. Diese Weizenzwiebäcke dürften nur auf ärztliches Rezept 
hin für bestimmte in dem Rezept genannte Kranke käuflich sein 
und dürften nur in kleinen Mengen verschrieben werden. 

Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen vermeidbar ist, 
möchte ich abraten, einen Zusatz von Kartoffelmehl zum Weizen- 
Roggen-Weißbrötehen vorzuschreiben. Ein solcher Zusatz würde 
vielleicht Mißtrauen gegen die Bekömmlichkeit des Gebäcks für 
Kranke wachrufen. Es liegen keine Erfahrungen vor, womit man 
dem begegnen könnte. _ 

Die Behandlung innerer Krankheiten im Felde 

von 

Dr. Fritz Munk, 

Assistent der II. medizinischen Klinik der Kgl. Charite, 
zurzeit Feldlazarett Schloß Th. ... i. E. 

Zn einer Zeit, in der im Felde tägliche Märsche mit täg¬ 
lichen Gefechten abwechselnd die Truppen beschäftigen, beherrscht 
das chirurgische Handeln die Stunde, und das Interesse an Inner- 
liehkranken muß begreiflicherweise zurücktreten. Nur Leicht- 
kranke, deren Zustand es erlaubt, können von der Truppe in be¬ 
schränkter Zahl mitgeführt werden, die übrigen werden auf 
kürzestem Weg in rückwärtige Lazarette abgegeben. Tatsächlich 
ist auch gerade in der Gefechtszeit die Zahl der Kranken verhält¬ 
nismäßig gering. Unwillkürlich hat der Arzt in dieser Zeit für 
kleine Beschwerden und leichte Krankheitserscheinuugen kein Ohr 
und keinen Sinn. Ebenso hat auch jeder Mann selbst das 
Empfinden, daß angesichts des großen Vemichtens und des 
Kampfes um Leben und Tod nicht allein auf dem Schlachtfelde, 
sondern auch auf dem Verbandplatz und in den Lazaretten kleine 
Störungen des Befindens überwunden und getragen werden müssen. 

Haben die Truppen Ortsunterkunft bezogen, sind ihnen Ruhe¬ 
tage gewährt oder die militärischen Operationen für einige Zeit 
zum Stillstände gekommen, so melden sich häufig in um so größerer 
Zahl die Leichtkranken, die sich auf dem Marsche noch mitge¬ 
schleppt haben, mit Herz- oder Magenbesehwerden, mit Schmerzen 
und Reißen da und dort, ohne daß es dem Arzt in vielen Fällen 
gelingt, für die vielerlei Beschwerden objektive Befunde festzu¬ 
stellen. Bei dem durch ein echtes vaterländisches Empfinden ge¬ 
hobenen Geist und dem in der Erkenntnis der Gefahren des 
deutschen Volkes von ernstem Pflichtbewußtsein durchdrungenen 
Willen unserer Truppen kann von einer auch nur einigermaßen 
generellen Neigung zur Drückebergerei wirklich nicht die Rede 
sein. Es ergibt sieh darum die unabweisbare Pflicht für den Arzt, 
I den Beschwerden vorurteilsfreien Glauben zu schenken und durch 
eine gründliche Untersuchung Rechnung zu tragen, wenn er nicht 
die schwere Verantwortung für die Folgen mancher unverdienten 
! Kränkung auf sieh und den gesamten Aerztestand laden will. 

| Die Beurteilung der Symptome und Beschwerden, die Pro- 
| gnose der Krankheiten ist darum eine der schwersten Aufgaben des 
Feldarztes, die mitunter an seine Geduld und Ausdauer, an seine 
I Nerven größere Ansprüche stellt, als dte Tätigkeit bei der Vcr- 
: wundetenfürsorge im Felde. Der Maßstab, mit dem die subjektiven 
I Beschwerden der Kranken im Felde gemessen werden können, 

1 unterscheidet sich naturgemäß von der im Zivilleben üblichen und 
I möglichen Einschätzung derselben. Gemäß der Härte des Kriegs- 


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lebens herrscht auch Ärztlicherseits unwillkürlich eine gewisse not¬ 
wendige Härte in der Berücksichtigung der Krankheitsbeschwerden. 
Die praktische Grenze in dieser Hinsicht ist ja allerdings in der 
Notwendigkeit der Bewegungsfähigkeit der Truppe gegeben, die 
durch Kranke nicht behindert sein darf. Immerhin kommen für 
den Truppenarzt außer den rein ärztlichen notwendigerweise auch 
militärische Gesichtspunkte bei der Krankenfürsorge in Betracht, 
sodaß er sich fast in jedem Fall in einem gewissen Konflikt be¬ 
findet. Einerseits muß es sein Bestreben sein, die Stärke seiner 
Trappe zu erhalten und darum seine Kranken möglichst selbst zu 
behandeln; anderseits stellen sich seinem Wunsche, dem Kranken 
eine entsprechende Behandlung widerfahren zu lassen, häufig die 
Unzulänglichkeit seiner Mittel entgegen. Dennoch ist in der Tat 
dor Truppenarzt am besten in der Lage, den subjektiven und 
objektiven Krankheitserscheinungen diejenige Berücksichtigung zu¬ 
kommen zu lassen, welche eine Zeit erlaubt, in der ein Mann für 
das Leben des andern einzustehen hat und das Vaterland jeden 
Mann im Felde braucht. Er kennt seine Leute, teilt mit ihnen 
alle Anstrengungen, macht täglich die Erfahrung, wie oft ein 
guter Zuspruch oder auch ein brüskes Abweisen genügt, um 
Schmerzen verschwinden zu machen oder der erlahmenden Energie 
wieder aufzuhelfen. Er sieht aber auch die Tapfersten und Willens- 
siärksten fallen und dies läßt ihm nicht zu, den Willensschwfich- 
ling zu begünstigen. Aus diesem kriegskameradschaftlichen Ver¬ 
hältnisse des Truppenarztes zu seinen Kranken erwächst eine Be¬ 
urteilung der Krankheitsbeschwerden, welche trotz der manchmal 
unvermeidlichen Härte von den Soldaten selbst als durchaus gerecht 
empfunden wird. 

Unwillkürlich und psychologisch auch durchaus erklärlich 
macht sich ein Unterschied in der Auffassung der Krankheits¬ 
erscheinungen seitens der Truppenärzte und der Aerzte in weiter 
zurückliegenden Lazaretten geltend. Letztere stehen den Kranken 
lediglich als Arzt gegenüber. Der Eindruck des harten blutigen 
Knegslebens und dessen Anforderungen sind ihnen meist nicht in 
unmittelbarem Maße vertraut. Das Bewußtsein, daß jeder fehlende 
Mann für den zurückbleibenden Kameraden die Gefahr erhöht, ist 
nicht so lebhaft wie beim Feldarzt. Selbst persönlich unbeteiligt 
an den Anstrengungen des Felddienstes, bringt der Lazarettarzt 
dem kranken Soldaten eine erhöhte Nachsicht und Mitleid ent¬ 
gegen. Dies alles zeitigt eine im Gegensatz zu dem rauhen 
Kriegsleben wesentlich weichlichere Luft, die aber die Heilung der 
Kranken nicht immer fördert, zumal dann nicht, wenn es sich 
mehr um subjektive Beschwerden handelt, die eine Stärkung des 
Willens erfordern. Dazu kommen auch bei dem Kranken selbst 
Momente, die seinen Willen zur Genesung beeinträchtigen können. 
Während im Operationsgebiete seine Gedanken mehr zu den Ka¬ 
meraden, zu seiner Truppe hingerichtet sind, neigen sie schon in 
der Etappe mehr nach der Heimat hin and ohne wissentliche 
oder absichtliche Aggravation seiner Beschwerden wird seine 
psychische Widerstandskraft dabei in ungünstigem Sinne berührt. 
Noch stärker werden in manchen Fällen gewisse Willenshemmungen 
ausgebildet, wenn der Kranke in einem heimatlichen Lazarett eine 
wohlgemeinte, aber in körperlicher und geistiger Hinsicht über¬ 
trieben verweichlichende, und darum unzweckmäßige Pflege erfährt, 
oder gar in einem Erholungsurlaub die Familien- und Geschäfts¬ 
interessen für längere Zeit wieder in vollem Umfange betätigt hat. 

In weiser Erkenntnis dieser natürlichen Tatsachen ißt darum 
in der Kriegssanitätsordnung die Behandlung innerer Krankheiten 
im Felde durch ausgezeichnete sachgemäße Vorschriften vor¬ 
gesehen. Mit Recht wird von militärärztlicher Seite die Zurück¬ 
haltung der Leichtkranken im Operationsgebiete mit großer Energie 
di*rcbgoführt. Außer der Behandlung der Kranken in den Orts- 
krankenstuben durch die Truppenärzte selbst kommen hierfür noch 
die Einrichtungen der FeldsanitfttBformationen, der Sanitäts¬ 
kompagnie und des Feldlazaretts in Betracht, entsprechend dem 
§ 66 der Kriegssanitätsordnung: 

Bei längerer Ortsunterkunft wird der Sanitätsdienst ähnlich 
wie im Friedensstandorte geregelt. Nach Bedarf richten die Truppen 
Ortskrankenstuben, die Kommandobehörden unter Mitwirkung 
der Korps- und Divisionsärzte sowie der Intendanturen Orts¬ 
lazarette — unter der Leitung von Chefärzten — ein, beides 
unter Verwendung etwa vorhandener Krankenhäuser und ähnlicher 
Anstalten oder im Anschluß an solche. Das Personal ist auf An¬ 
ordnung der Kommandobehörden der Truppe oder den Sanitftts- 
formationen zu entnehmen. Für die Ortslazarette gelten die Be¬ 
stimmungen für Feldlazarette. 

Gemäß diesen Bestimmungen und der an einem großen Teile 
der Westfront herrschenden stationären Kriegslage ist hier die 


Tätigkeit der Mehrzahl der Aerzte der Sanitätskompagnien und 
Feldlazarette auf die Kraukenfürsorge in Ortskrankenstuben und 
Ortslazaretten beschränkt. Der Stellungskrieg bringt es außerdem 
mit sich, daß, abgesehen von gelegentlichen Angriffen, Verwundete 
nur vereinzelt Vorkommen und an den meisten Orten die innerlich 
Kranken das Hauptkontingent ärztlicher Fürsorge ausmachen. 

Die Sanitätskompagnien sind für die Tätigkeit der Kranken¬ 
fürsorge vollkommen auf die vorhandenen Einrichtungen ange¬ 
wiesen. Demgegenüber gestatten die Einrichtungen und der Etat 
der Feldlazarette zum Teil aus eignen Mitteln die Einrichtung von 
Ortslazaretten in geeigneten Räumlichkeiten (Schulen, Fabriken, 
Schlösser usw.). Natürlicherweise haben die militärischen Kom¬ 
mandos, denen die Feldlazarette angehören, das Hauptinteresse an 
der Behandlung derjenigen Kranken, die in absehbarer Zeit wieder 
felddienstfäbig werden und durch das Verbleiben innerhalb der 
eignen Sanitätsformationen den Truppenteilen erhalten bleiben. 
Dieses partikularistische Interesse ist neben den oben ausgeführten 
allgemeinen ein weiterer Gesichtspunkt für die Bewertung der 
Behandlung innerer Krankheiten im Operationsgebiete, deren Um¬ 
fang allerdings stets seine Grenze in den durch die örtlichen Ver¬ 
hältnisse gegebenen Möglichkeiten finden muß. Die Zahl der Tage 
der Krankheitsdauer, welche bei den in das Ortslazarett aufzu- 
nehmenden Kranken maßgebend sein kann, läßt sich bei gegebener 
Bettenzahl beinahe mathematisch berechnen. Bei einer Belegstärke 
von 100 und einem täglichen Zugänge von zehn Kranken darf die 
durchschnittliche Krankheitsdauer der transportfähigen Kranken 
nicht mehr als zehn Tage betragen. Dabei darf die Bereitschaft 
des Lazaretts für die Aufnahme Verwundeter als der eigentlichen 
Aufgabe des Feldlazaretts nicht beeinträchtigt werden. Außer den 
Leichtkranken sind nichttransportable Schwerkranke ein Gegen¬ 
stand ärztlicher Fürsorge in den Ortslazarotten, während Kranke 
mit zweifellos länger dauernden Krankheiten, die unbeschadet den 
Transport vertragen, den rückwärtigen Lazaretten zugeführt werden. 
Naturgemäß stellen sich in diesen improvisierten Lazaretten, ins¬ 
besondere bei ländlichen Verhältnissen, allerhand technische 
Schwierigkeiten ein, die es mit sich bringen können, daß z. B. ein 
Mann mit Kleiderläusen oder Krätze bei den erforderlichen Bade-, 
Wäsche-, Schmier-, Desinfizier- und Separierm aßnah men einen 
schwierigeren Krankheitsfall darstellt, als vielleicht eine Pneumonie. 
Aber es ist erstaunlich, was sich mit den unter der Mannschaft 
ja stets vertretenen und verfügbaren Handwerks- und technischen 
Hilfskräften alles herstellen und einrichten läßt. 

Wenden wir uns nunmehr im einzelnen den in der Haupt¬ 
sache vorkommenden Krankheiten zu, so muß zuerst noch hervor¬ 
gehoben werden, daß der Gesundheitszustand unserer Truppen 
geradezu das Erstaunen eines jeden Arztes erregen muß. So ist 
z. B. in dor Division unseres Reservekorp9 bei einer Stärke von 
zirka 15000 Mann (weitaus in der Mehrzahl Landwehrleute und 
ein großer Teil Landsturm) der Ausfall an Kranken durch Abgabe 
an die Etappenlazarette durchschnittlich pro Tag nicht mehr als 
vier Mann; worunter alle Kranko inbegriffen sind, die voraus¬ 
sichtlich mehr als 14 Tage zu ihrer Heilung nötig haben. Alle 
übrigen Kranken der Division werden entweder in den Orts¬ 
krankenstuben von ihren Truppenärzten oder in unserm Orts¬ 
lazarett (Belegstärke 125 Betten in den Räumen eines Schlosses) 
bis zur wiedererlangten Dienstfähigkeit behandelt. Und auch die 
Zahl der letzteron überstieg z. B. im Monat Dezember nicht die 
Zahl von 100 Mann. 

Ganz besonders auffallend ist es, wie wenig Erkältungs¬ 
krankheiten in gewöhnlichem Sinne (Katarrhe usw.) Vorkommen, 
wenn man bedenkt, welchen Anstrengungen und ungünstigen 
Witterungsverhältnisson die Mannschaften auf Feldwachen und in 
den Schützengräben ausgesetzt sind 1 ). 

Von den Krankheiten selbst nehmen die Infektions¬ 
krankheiten, die sogenannten Heereskrankheiten, das ärzt- 
liehe Interesse naturgemäß doppelt in Anspruch. 

Als solche machte sich bisher an der Westfront in größerem 
Umfange nur die Ruhr geltend. Bei dem Auftreten und der Be¬ 
kämpfung dieser Krankheit zeigtees sich — wenigstens in unserm 
Reservekorps —, daß, um mit den Worten des Kriegsminißterhims 
zu sprechen, auch „hier Theorio und Praxis, wie so oft im Kr 1 ®#?’ 
himmelweit verschieden ist“. Einesteils erwie9 sich die Krankheit 
glücklicherweise als nicht so gefährlich, wie befürchtet wurde, 
anderseits trat unverkennbar eine bei so ausgebreiteter Epidemie 
gegebene Ohnmacht in der Anwendung der zur hygienischen 


0 Dor Anfang Januar war wegen der naßkalten Witterung etwa? 
ungünstiger. 


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Bekämpfung bestehenden Vorschriften zutage, wie das folgende 
Beispiel ergibt 

Nach den schweren Kämpfen in den französischen Vogesen 
Ende August und anfangs September bezogen unsere Truppen 
Stellungen an der Grenze, in denen sie sich vom Ortsquartier, 
einer elsässischen Stadt von zirka 8000 Einwohnern, aus tageweise 
ablösten. Schon während der Gefechtszeit hatte es kaum einen 
Mann gegeben, der bei der damals sehr unregelmäßigen Proviant- 
Tereorgung, bei den übermenschlichen Anstrengungen und Auf¬ 
regungen, nicht mehr oder weniger unter Diarrhöe zu leiden 
gehabt hatte. Auch die Offiziere und wir Aerzte hatten fast aus¬ 
nahmslos mit diesem Uebel Bekanntschaft gemacht. Während 
vir jedoch uns damit als mit einer eben unvermeidlichen Kriegs¬ 
lage, so gut es ging, abzufinden suchten, war inzwischen bei 
den in die rückwärtigen Lazarette abgeschobenen Fällen der 
Y-Bacillus als der Krankheitserreger erkannt worden. Trotzdem 
es sich also um „Ruhrkranke“ handelte, so war in jener Zeit eine 
Durchführung der Gesetze betreffend Bekämpfung gemeingefähr¬ 
licher und übertragbarer Krankheiten, etwa eine Absonderung 
krankheits- und ansteckungsverdächtiger Fälle usw., aus mili¬ 
tärischen Gründen einfach unmöglich. Die Notwendigkeit einer 
Verbringung der Kranken in ein Seuchenlazarett war weder den 
militärischen Behörden noch den Truppenärzten selbst, denen der 
im allgemeinen leichte Verlauf der Krankheit aus eigner Erfah¬ 
rung bekannt war, hinreichend überzeugend. Eine bakteriologische 
Differentialdiagnose einfacher Diarrhöefälle gegenüber den Fällen 
mit Y- oder einem andern Bacillus war bei der Masse der Kranken 
einfach undurchführbar. Es wurde darum vom Korpsarzt uns Aerzten 
der Sanitätskompagnie die Aufgabe einer klinischen Sperre ge¬ 
stellt. wonach wir nur die klinisch schwereren Fälle dem Seuchen- 
l&z&rett zuführen sollten. Es wurden uns in jenen Tagen anfangs 
täglich zirka 200 Kranke zugeführt. Diese wurden nun in allen 
verfügbaren Sälen: Schule, Theater usw. untergebracht, während 
die vorhandenen Krankenanstalten als Hauptverbandplatz der Ver¬ 
wundeten* oder anderweitigen Krankenfürsorge dienten. Während 
die weitaus in der Minderheit sich befindlichen Kranken mit er¬ 
höhter Temperatur auf Matratzenlager unterkamen, mußten sich 
die nicht Fiebernden mit einfachen Strohlagern begnügen. Vor 
allem wurde nun die Diät streng geregelt, und zwar: Am ersten 
Krankheitstage nur Tee; am zweiten Tee, Haferschleim, Zwie¬ 
back; am dritten Haferschleim, Reis, Kartoffelbrei, Weißbrot, Ei, 
Kakao, Rotwein; am vierten Fleisch und Schinkenzulage, Wei߬ 
brot; am fünften reichliche leichte allgemeine Kost; am sechsten 
reichliche kräftige allgemeine Kost. Das Fortschreiten von einem 
Diättage zum andern wurde natürlich nach Maßgabe der Krank- 
heitaerscheinungen bestimmt. Als solche galten außer den All- 
gemeinerscheinungen (Fieber usw.) die Zahl und Beschaffenheit 
der Stühle. Die Kranken mit blutigen Stühlen wurden von vorn¬ 
herein einer besonderen Behandlung zugeführt und separiert. 
Immerhin betrug in den weitaus meisten Fällen die Krankheits¬ 
dauer nicht mehr wie sechs biß acht Tage, nach denen die Kranken 
wieder direkt zu ihrer Truppe kamen. Die Hauptscbwierigkeit 
bestand in der rücksichtslosen Durchführung der Diät, die nur 
möglich war, indem die Kranken ständig zum Liegen gezwungen 
wurden. Man mußte, um dies zu erreichen, tatsächlich häufig 
mehr Polizei als Arzt sein. Auf diese Weise gelang es aber auch, 
ifl zirka drei Wochen fast ohne jede medikamentöse Behandlung 
annähernd 2000 Diarrhöekranke wieder felddienst fähig zu machen, und 
nur etwa 30 davon erwiesen sich als klinisch hartnäckigere Fälle und 
mußten den rückwärtigen Lazaretten abgegeben werden. Anfangs 
Oktober war die „Ruhr“ bei den Truppen beinahe vollkommen zum 
Verschwinden gekommen oder hatte jedenfalls ihren epidemischen 
Charakter verloren. Die freigebige Bezeichnung „Ruhr“ für be¬ 
kanntermaßen fast durchweg leicht oder jedenfalls durchaus 
gutartig verlaufenden Darrakrankheiten ist vielleicht nicht ganz 
zweckmäßig. Jedenfalls hatte die ominöse Bedeutung dieses 
"Ortes anfangs große Bestürzung in der Bevölkerung her- 
rorgerufen und uns die Arbeit wesentlich erschwert. Natürlich 
war die Einrichtung und das Belegen von Ortskrankenstuben be¬ 
ziehungsweise Ortslazaretten mit Darmkranken, die an einer offen¬ 
bar epidemischen Krankheit litten, in einer größeren Stadt durch- 
*2? hygienischen Vorschriften entsprechend. Dennoch 

^forderte es die Zweckmäßigkeit und, nachdem die zahlreichen 
lharrhöekranken schon tagelang in den Ortsquartieren gelegen 
jaren, so hätte die Gelegenheit zur Verbreitung der Krankheit 
aurch die Lazarette kaum mehr vergrößert werden können! Sehr 
«merkenswert für das Wesen der Darmkrankheiten im Heere ist 
16 lösche, daß wir trotz der geschilderten Verhältnisse ein 


Uebergreifen der „Ruhr“ auf die Zivilbevölkerung nicht in nennens¬ 
wertem Maße beobachten konnten. Folgeerscheinungen der Ruhr 
an andern Organen konnten wir in unsern Fällen nicht mit 
Sicherheit feststellen. Bei der großen Verbreitung der Krankheit 
unter den Truppen dürfte bei der Annahme eines Kausalverhält¬ 
nisses mit andern Erkrankungen (Herz usw.) jedenfalls die größte 
Vorsicht am Platze sein. Ein Vergleich der Krankheitsdauer un¬ 
serer Diarrhöekranken gegenüber einer größeren Zahl anderer 
derartiger Krankheitsfälle, die durch einen Alarmbefehl (also un- 
ausgelesene Fälle) anfangs September aus den Ortßkrankenstuben 
teils in Etappen-, teils in weiter zurückliegende Lazarette trans¬ 
portiert worden, zeigte unverkennbar, daß die Dauer derselben 
Krankheiten sozusagen im Quadrat der Entfernung vom Truppen¬ 
teil zunimmt! 

Die Meningitis epidemica kam bisher glücklicherweise 
nur in ganz vereinzelten Fällen vor. Eine Behandlung dieser 
Krankheit im Feld ist natürlich ausgeschlossen, vielmehr ist es 
Pflicht, Meningitiskranke unverzüglich unter entsprechenden Vor¬ 
sichtsmaßregeln den meist relativ weit vorgeschobenen Seuchen¬ 
lazaretten zuzuführen. 

Dasselbe gilt vom Unterleibstyphus. Hier ist die Haupt¬ 
aufgabe die möglichst frühzeitige Feststellung der Krankheit, um 
unverzüglich die hygienischen Maßnahmen treffen und die zweck¬ 
mäßige Verbringung des Kranken anordnen zu können. 

Dabei ist die klinische Diagnose der bakteriologischen 
schon wegen der Dauer der letzteren unbedingt überlegen. Viel¬ 
mehr als im Zivilleben tritt beim Militär das eigenartige alterierte 
psychische Verhalten gleich beim Beginne der Krankheit als ein 
besonders auffallendes, beinahe führendes Symptom in Erscheinung. 
Bei den uniformierten Kranken mit dem uniformkorrekten Ver¬ 
halten bei der ärztlichen Untersuchung, das ja selbst von den 
Schwerverwundeten in rührender und manchmal recht unzweck¬ 
mäßiger Weise noch mit den letzten Kräften befolgt wird, fällt 
eine gewisse Lässigkeit, eine Unbestimmtheit der Antworten, eine 
Ungewißheit über den Beginn der Krankheit bei Typhuskranken 
deutlich auf. Dieses eigenartige Verhalten, verbunden mit der 
Temperatursteigerung, war mir auch ohne etwa vorhandene andere 
klinische Erscheinungen ein sehr wertvolles differentialdiagnostisches 
Moment gegenüber andern fieberhaften Erkrankungen und führte 
dazu, daß wir schon die ersten vorkommenden Typhusfälle in der 
Division gleich in der Krankensammelstelle feststellen konnten. 
Von einem epidemischen Auftreten des Typhus konnte, soviel mir 
bekannt ist, in den mittleren Vogesen nicht die Rede sein, es 
ging vielmehr aus der Art der Verbreitung beziehungsweise aus 
der Lage der einzelnen Herde mit großer Wahrscheinlichkeit her¬ 
vor, daß es sich um die Aussaat des Erregers durch Bacillen¬ 
träger handeln mußte. Die Zahl der Fälle blieb eine beschränkte; 
weitaus die Mehrzahl fiel in den Monat Oktober, von welcher 
Zeit an die Fälle beinahe bis zum Verschwinden selten wurden, 
sodaß die Annahme eines meteorologisch-biologischen Optimums 
des Erregers beim Auftreten der Krankheitsfälle vielleicht berechtigt 
sein dürfte. 

Wenn die Behandlung des Typhus demnach nicht dem Feld¬ 
arzte zukommt, so erfordern doch die prophylaktischen Maßnahmen 
seine volle Aufmerksamkeit. Neben den hygienischen Vorkehrungen 
wurde alsbald nach Ausbruch des Kriegs auch die Schutzimpfung 
zur Bekämpfung dieser Krankheit vorgesehen. Man darf wohl 
sagen, daß die Durchführung der Impfung bei den Truppen im 
Felde keine kleine Aufgabe für die Aerzte bedeutete. Die Heran¬ 
ziehung der in den Schützengräben verbreiteten Mannschaften 
bereitete große Schwierigkeiten und Störungen, die militärischer- 
seits einiges Erstaunen über die Wahl des Zeitpunkts der Impfung 
erregen und die Frage nach ihrer Notwendigkeit zulassen mußten. 
Dabei konnten den Aerzten selbst keine hinreichenden Erfahrungen 
über den Nutzen der Impfung zur Verfügung stehen, da in 
Deutschland bisher ausgedehnte Beobachtungen fehlten. Der Hin¬ 
weis auf die Franzosen, Amerikaner usw. allein hatte aber doch 
nur bedingte überzeugende Kraft. Wenn heute dennoch die 
Typhusschutzimpfung im größten Teil der deutschen Armee durch¬ 
geführt ist, so darf dies als ein weiteres Zeichen der hervor¬ 
ragenden Energie und Organisation angesehen werden, mit der die 
sanitären Maßnahmen in der deutschen Armee betrieben werden. 
Im allgemeinen verlief die Reaktion der Impfung bei den von uns 
geimpften Mannschaften sehr milde. Geringe Tempera tu rsteige- 
rungen wurden besonders bei denjenigen Mannschaften beobachtet, 
die z. B. nach der abendlichen Impfung Wachdienst auszuüben 
batten. Jedenfalls hielt ein gewisses allgemeines Unbehagen 
(Schwitzen, benommener Kopf usw.) nie so lange an, daß eine 


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längere ärztliche Behandlung erforderlich wurde. Nur in einem 
Falle wurde eine etwa acht Tage anhaltende hämorrhagische 
Diathese der Mund- und Nasenschleimhaut nach der dritten Impfung 
beobachtet. Von den Herren unseres Divisionsstabs blieben merk¬ 
würdigerweise gerade die älteren Herren (Divisionsgeneral- und 
Divisionsarzt) bei jeder Impfung ohne die geringsten subjektiven 
und objektiven Reaktionserscheinungen. Ueber den Wert und 
Erfolg der Typhusschutzimpfung dürfte ein Urteil aus einzelnen 
Beobachtungen im Felde heraus kaum zulässig sein, vielmehr 
dürften hierfür die Erfahrungen in den Gefangenenlagern oder der 
das Ganze überblickenden Stellen in Betracht kommen. 

Unter den übrigen Krankheiten gehören zu den schwereren 
noch die Pneumonie, und der akute fieberhafte Ge¬ 
lenkrheumatismus. Beide sind ebenfalls viel seltener, als 
man in Anbetracht der Witterungsstrapazen der Truppen annehmen 
sollte. Erstere wurde übrigens von uns in allen Fällen bis zur vollen 
Heilung und Felddienstfähigkeit der Kranken im Feldlazarette 
kuriert. Der akute Gelenkrheumatismus nahm in den meisten 
Fällen einen milden Verlauf. Natürlich bleiben auch die Kranken 
mit Grippe oder akuter Bronchitis bis zu ihrer wieder¬ 
erlangten Felddienstfähigkeit innerhalb des Operationsgebiets. 

Das Hauptkontingent der Lazarettbesucher stellen diejenigen 
Kranken, deren subjektive Beschwerden nicht so leicht oder nicht 
so eindeutig durch einen objektiven Befund erklärt werden können. 
Gerade diese Fälle erfordern meist eine besonders eingehende 
Untersuchung und Beobachtung, die dem Truppenarzt in seiner 
primitiven Revierstube nicht so leicht möglich ist. Es handelt sich 
dabei sehr häufig, wenn nicht fast ausschließlich, lim Individuen, 
die schon vor dem Krieg entweder schon an denselben Erschei¬ 
nungen gelitten, oder wenigstens die Anlagen der Krankheit in sich 
hatten. Wenn man von Drückebergerei sprechen darf, so sind 
ihre Vertreter naturgemäß unter dieser Krankengruppe zu suchen 
und zu eliminieren. Man erkennt die alten Praktiker schon mit¬ 
unter an einer gewissen Routine oder Schulung in der Schilderung 
ihrer Beschwerden, die sic sich als Kassenmitglieder erworben 
haben, und die gegen die naiven treuherzigen Aussagen der Kranken 
bäurischer Herkunft besonders auffällt. Einige? Tage Lazarett¬ 
beobachtung genügt in den meisten Fällen zur Erkennung etwaiger 
Uebertreibungen und nach einer gründlichen Untersuchung und ein¬ 
gehenden gerechten Behandlung, verbunden mit dem nötigen Zu¬ 
spruche gelingt es leicht, daß die Kranken ihre übertriebenen Be¬ 
schwerden auf das wirkliche Maß reduzieren und, gestärkt an 
gutem Willen, wieder zu ihren Kameraden zurückkehren. 

Eine große Gruppe bilden die Herzkranken. Die Be¬ 
schwerden sind hier fast stets dieselben: Herzklopfen, Atemnot bei 
Anstrengungen, Stiche in der Brust. Nur in den seltensten Fällen 
lassen sich Geräusche oder dergleichen als Ausdruck einer or¬ 
ganischen Veränderung im Mechanismus des Herzens feststellen. 
Meist sind die Töne durchaus rein, Perkussion ergibt häufig nor¬ 
male Verhältnisse und nur die Beschaffenheit des Pulses und die 
bestehende Tachykardie deutete eine funktionelle Störung in der 
Herzarbeit an. Bei den jugendlicheren Individuen handelt es sich 
in einem großen Teil der Fälle um konstitutionell schwache 
Herzen, die bei den erhöhten Anforderungen des Felddienstes ver¬ 
sagen; auch leichtere Fälle von Mitralstenose finden sich darunter, 
die bei der Aushebung ja leicht übersehen w erden können. Bei den 
Landw'ehr- und Landstunnleuten machen sich schon die Stadien 
der Hypertension, die beginnende Präsklerosis geltc.id. Außerdem 
spielen häufig nervöse Einflüsse großer Aufregungen eine große 
Rolle unter den Herzleidenden. Die Aufgabe des Feldlazaretts ist 
es nun hier, durch eine genaue Beobachtung der Erscheinungen 
und deren Beeinflussung durch eine entsprechende Behandlung 
(Ruhe, auch Medikamente) die felduntauglichen Kranken von denen 
zu unterscheiden, die nach kürzerer Zeit im Feldlazarett selbst 
ihre Dienstfähigkeit wiedererlangen können. 

In ähnlicher Weise werden die Lungenkranken einige 
Zeit der Beobachtung unterzogen, um einen etwa specifisehen Cha¬ 
rakter ihres Leidens beziehungsweise dessen Stadium festzustellen, 
während die Fälle von Pleuritis wegen der längeren Dauer zweck¬ 
mäßig weitergegeben werden, sobald einigermaßen Entfieberung 
eingetreten ist. 

Der Einfluß der Witterung auf bestimmte chronische Krank¬ 
heiten trat in auffallender Weise bei den Magenkranken her¬ 
vor. Wie einberufen stellten sich in den feuchtkalten Tagen Mitte 
und Ende November eine ganze Reihe von Kranken mit den 
typischen Beschwerden und Erscheinungen des Magengeschwürs 
ein. Von den meisten konnte man hören, daß sie schon früher, zum 


Teil schon seit Jahren zeitweise an denselben Erscheinungen ge¬ 
litten hatten. Trotzdem hatten sie die Anstrengungen der Gefechts¬ 
zeit in den vorausgegangenen milderen Monaten trotz der doch 
häufig sehr unregelmäßigen und groben Verköstigung ohne Anstand 
ertragen und erst jetzt hatte sich plötzlich bei viel regelmäßigerer 
Kost, aber ungünstigerer Witterung das Leiden wieder geltend 
gemacht. In zweien unserer Fälle konnte sogar an der Diagnose 
eines Magencarcinoms kein Zweifel sein. 

Endlich bilden die Rheumatismus kranken noch eine ge¬ 
wisse Crux nicht allein für die Truppenärzte, sondern auch im 
Ortslazarett. Tatsächlich handelt es sich ja meist um Menschen, 
die schon zu Friedenszeiten mehr oder weniger an Rheumatismus 
gelitten haben, und es ist kein Wunder, wenn sich nun im Felde die 
Beschwerden wieder geltend machen. Aber man ist doch nur 
ungern geneigt, im übrigen gesunde kräftige Männer, an denen 
objektiv häufig keinerlei Krankheitserscheinungen festzustellen 
sind, nun einfach wegen der subjektiven Schmerzen der Front zu 
entziehen. Anderseits muß man aber auch so gerecht sein, sich 
einzugestehen, daß man diesen Kranken bei den improvisierten 
Einrichtungen der Ortslazarette und dem Mangel aller physika¬ 
lischen Heilmethoden nicht die entsprechende Behandlung zu¬ 
kommen lassen kann, selbst wenn man sich auch hier von den 
Soldatenhandwerkem allerlei Heißluftapparate usw. herstellen läßt. 
Immerhin kann man auch zahlreiche Rheumatiker soweit von 
ihren Beschwerden befreien, daß sie wieder zu ihrer Truppe zu¬ 
rück können. 

Es würde zu weit führen, auf Einzelheiten des Betriebs eines 
Ortslazaretts noch näher einzugehen, das sich ja in manchem natür¬ 
lich nichtvon dem in andern Lazaretten unterscheidet, aber dennoch 
durch die mitsprechenden gewissermaßen partikularistisch mili¬ 
tärischen Gesichtspunkte und die durch diese bedingten Auf¬ 
enthaltsbedingungen der Kranken doch ein eigenartiges Ge¬ 
präge hat. 

Diese Ausführungen werden den Kollegen, die im Felde sind, 
nicht viel Neues berichten, sie vermögen höchstens zu Vergleichen 
anzuregen. Den Kollegen in der Heimat oder in den zurückliegen¬ 
den Lazaretten mögen sie aber zur Kenntnis bringen, daß die 
Aerzte im Feld auch in einer stillen, gefechtslosen Zeit Gelegen¬ 
heit genug haben, sich dem Vaterlande nützlich zu erweisen, und 
daß nicht allein die Verwundeten-, sondern auch die Krankenfür¬ 
sorge eine dankbare Aufgabe und eine umfangreiche Tätigkeit für 
die letzteren darstellt, die man bei der reichen Ausstattung des 
Feldlazaretts (Laboratoriumsmedikamente, Feld röntgen wagen usw.) 
je nach Wunsch selbst bis zu einer gewissen klinisch-wissenschaft¬ 
lichen Höhe ausbauen kann. Gleichzeitig sollen diese Mitteilungen 
auch zeigen, wie sehr wir uns hier im Felde um jeden Mann be¬ 
mühen, um ihn wieder möglichst bald an die Front zu bringeü, 
eine notwendige vaterländische Aufgabe, die nur dann in gerechter 
Weise von den Aerzten erfüllt werden kann, wenn auch in den 
Heimatslazaretten und in den Ersatzbataillonen nach gleichen Ge¬ 
sichtspunkten und in gleich streng objektiver Sachlichkeit ge¬ 
handelt wird- 


Ueber Herzveränderangen bei Soldaten 

von 

Dr. Munter, Stabsarzt, Chefarzt eines Feldlazaretts. 

(Früher kommandiert zur I. Med. Klinik, Berlin.) 

Kürzlich*) hat A. Magnus-Levy über leichte Herzver¬ 
änderungen bei Kriegsteilnehmern berichtet. Er bringt drei Deu¬ 
tungen für diese Erscheinungen. Es könne sich handeln um alte 
Herzfehler, bei denen es unter den Einflüssen des Kriegs zu einer 
Schwächung des Organs gekommen sei. Zweitens könnten diese 
Störungen infektiös-rheumatischer Natur sein. Beide Möglich¬ 
keiten lehnt er im ganzen ab. Er tritt für das Obwalten einer 
dritten im wesentlichen ein, daß eine Ueberanstrengung vorliege. 

Letzterer Erklärung muß ich unbedingt zustiramen. Jedem 
Militärärzte von geringer Erfahrung schon ist das Symptomenbild 
geläufig: Klagen über Herzklopfen, Unbehagen in der Herzgegend, 
sogar Schmerzen; Atemnot. Objektiv findet man: Verstärkten 
Herz- oder Spitzenstoß; Verbreiterung des Herzens, sogar bis über 
die Brustwarzenlinie hinaus; reine oder unreine Töne, auch systo¬ 
lische Geräusche, besonders an der Lungenschlagader; beschleu¬ 
nigten, zum mindesten sehr labilen Puls. 


») B. kl. W. J915, Nr. 2. 


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7. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


In jeder einzigen Kompagnie wohl treten diese Störungen bei 
einzelnen einige Wochen nach Beginn der Rekrutenausbildung auf. 
Nicht immer haben die Betroffenen das Gefühl, am Herzen zu 
leiden, oft klagen sie über Beschwerden in der Magengegend oder 
ganz allgemein auf der Brust. Neben der Hauptmasse derer, die ; 
im ersten Teil der Ausbildung erkranken, kommen noch Ver¬ 
einzelte im weiteren Verlaufe der Dienstzeit. 

Der Grund, weshalb andere Aerzte diese Erkrankung, die, 
wie gesagt, uns Militärärzten geläufig ist, selten sehen, ist der, daß 
sie im bürgerlichen Leben tatsächlich selten ist; selten deshalb, 
weil hier bei starken Muskelleistungen es immerhin im Belieben 
des einzelnen liegt, sich kürzere oder längere Erholungspausen 
zu gönnen. Anders im Heere, wo Starke und Schwächliche im all¬ 
gemeinen den gleichen Anforderungen nachkommen müssen, eine 
Erholungspause nicht in der Wahl des einzelnen steht. Uebrigens 
ergibt eine genauere Anamnese zuweilen, daß auch schon vor der 
Dienstzeit Herzbeschwerden nach Anstrengung bestanden, die aber 
bald vorübergingeu und niemals zur Krankmeldung führten. 

Noch eine andere bestimmte Menschenklasse zeigt diese Herz¬ 
störung in ausgesprochener Weise. Es sind dies ehrgeizige 
Sportler, ganz besonders jugendliche, die allzuscharf trainieren. 
Das sogenannte Radfahrerherz ist die gleiche Erkrankung. 

Wieviele unserer Rekruten kommen zum Heer, oft schon im 
Alter von 18 Jahren, äußerlich leidlich entwickelt, die, als Städter 
zumal, eine geregelte, langgewohnte Muskelanstrengung nicht 
kennen. Ist es ein Wunder, daß diese anscheinend gesunden jungen 
Leute erkranken, deren Körper bei ihrem Alter durchaus noch 
nicht auf der Höhe ist, die, vom Kontorschemel oder wenig an¬ 
strengenden Handwerk oder aus der Fabrik kommend, plötzlich 
einer stundenlang betriebenen Muskelanstrengung ausgesetzt wer¬ 
den? Gewiß werden in der Ausbildung erst allmählich die An¬ 
forderungen verstärkt Immerhin geht es rasch vorwärts. Ander¬ 
seits sind auch unsere Anforderungen an die Militärtauglichkeit 
angesichts der gewaltigen Schädigungen des Kultur- und Zivili¬ 
sationslebens unserer Zeit nicht übermäßig groß. Man braucht 
nicht Athlet zu sein, um Soldat zu werden; man muß nur bei 
leidlichem Kräftezustande gesunde Innenorgane haben. Die Zahl 
der Militärtauglichen Berlins und Hamburgs war auf 30 ö / 0 ge¬ 
sunken. Erschütternde Zahlen, deren unser Volk sich schämen 
müßte. 

Diese Herzstörungen haben nun in der letzten Zeit deutlich 
zugenommen. 

Gewiß sind die Anforderungen der Dienstzeit hohe lind mehr 
und mehr gestiegen. Wesentlicher ist meiner Ansicht folgender Ge¬ 
sichtspunkt: Der Uebergang vom Agrar- zum Industriestaat, un- 
hygienisches Leben in der Großstadt, Wohnmisere in der Miets¬ 
kaserne, Unterernährung (auf dem Lande braucht niemand zu 
hungern) haben Muskeltätigkeit, Muskel- und Körperentwicklung 
geschädigt, sei es dadurch, daß der Beruf Körperkräfte nicht mehr 
Y™gt, sei es. daß die Lebensweise überhaupt, auch außerhalb 
der Berufsstunden, Uebungsgelegenheit nicht hinreichend bietet. 

. Die gesunde Gegenreaktion, durch geregelte Muskeltätigkeit 
m form von Turnen, Spiel und Sport gegen die zunehmende 
kurperentartung anzukämpfen, wurde in frühen Entwicklungs- 
Julien durch den Krieg unterbrochen. 

.., die Kennzeichnung der beschriebenen Herzstörung be- 

■!i man . ! lin 11 n d her geschwankt. Der Ausdruck chro- 
iiyclie Herzinsuffizienz besagt zu viel. Vielfach nennt man das 
•»‘men nervöse Störung der Herztätigkeit. Nervös deshalb, weil 
'"-^r Ausland nie bedrohlich wird, nie zu Stauungen, zu Oedemen 
r « n, J na( di einer gewissen Zeit verschwindet. Digitalis ist 
° lne Dmfluß. Nervöse Einflüsse haben deutliche Wirkung auf die 
ungemein labile Pulsfrequenz, falls der Zustand erst ausgebildet ist 
, f dn funktionell-nervöses Leiden handelt es sich nicht. Es 
»J ranken junge Leute, die weder nervös noch neurastheniseh 
v " \v° ? krank 5. n iäfol&e von körperlicher Anstrengung im Laufe 
l? n :) 0( ‘ ken - beim jugendlich-ehrgeizigen Sportler, ist auch 
^ ^ er Steigerung von Muskelleistung ein zu jähes für ein 
(r Herz. Die Leistungsbreite des Herzmuskels ist an sich 
Ä enorm. Man sehe auf den Läufer der Marathonstrecke (42 km), 

»r Mein drri Stunden und weniger durchmißt Und anderseits 
ursche ein gesunder Ungeübter einmal 2—300 m in schärferem 
zu durcheilen. Er wird Herzklopfen verspüren. 

, bs ist ein Jammer, daß gerade wir Aerzte so wenig vom 
fI m w? ^ 0I 1 verste hen. Wir haben vielfach sogar ein ganz 
"jfd von ihm, weil wir immer nur Sportschädigungen sehen, 
u NJrwjUtigende Mehrzahl von Gekräftigten jedoch uns entgeht j 
iu unsere .Sprechstunde kommen. Wir sind viel zu 


sehr Therapeuten und zu wenig Prophvlaktiker. Die Umstände 
hatten es gezeitigt. Auch das muß anders werden. 

Noch einiges über die Symptomatologie der Horzstörungen. 
Man findet nicht selten — bei Gesundheitsbesichtigungen, bei 
Krankmeldungen aus andern Gründen — Herzen, die die objek¬ 
tiven Veränderungen, wie oben ausgeführt, darbieten, die jedoch 
keinerlei Beschwerden machen. Man findet Beschwerden 
gleicher Art oft bei Herzen von regelrechter Größe und im Falle 
von Erweiterung. Man findet reine, unreine Töne und Geräusche, 
auch solche, die laut und konstant sind,'mit und ohne Beschwerden 
verlaufend. Zumeist sind jedoch die Töne rein, Herztöne und 
Pulswelle schwanken oftmals in Schlagstärke und Schlagfolge. 
Der Blutdruck (Riva-Rocci) ergibt keine Abweichungen. Die 
konstantesten Merkmale des Leidens sind die Verstärkung von 
Herz- oder Spitzenstoß und der labile Puls. Leider verfügen wir 
über keine objektive Methode, die Herzkraft zu bestimmen. Ein¬ 
gebürgert im Heer ist das Verfahren, die Leute zehn tiefe Knie¬ 
beugen mit Armestrecken vornehmen zu lassen uml dann ein bis 
zwei und mehr Minuten lang den Puls in Perioden von 10 bis 15 
Sekunden zu zählen. 

Die Prognose des Leidens ist gut, vorausgesetzt, daß weitere 
Schädigungen durch Ueberanstrengung — bei ehrgeizigen Soldaten 
— fortfallen. Der Verlauf ist chronisch. Man tut gut, ausge¬ 
sprochene Fälle zu entlassen; leichte Fälle erhalten ein Schonungs¬ 
kommando (in die Küche, als Bursche, Ordonnanz u. dgl.). 

Wir sind in der glücklichen Lage, beim Militär die Fälle weiter 
regelmäßig beobachten zu können. Alle ein bis zwei Jahre finden 
Nachuntersuchungen statt, hei denen Entlassung*- und Naehunter- 
suchungsgutaehten sämtlich zur Stelle sind. Nach ein bis zwei 
Jahren ist das Leiden zumeist behoben. 

Die Behandlung des Leidens ist undankbar. Digitalis nützt 
nichts. Auch Bettruhe hat nicht den zu erwartenden Einfluß. Oft 
treten sogar nächtliche Anfälle von Herzpalpitatinnen auf. 

Wie oftmals bei Herzleiden, so pfropfen sich auch hier, be¬ 
sonders bei Rentenjägern, rein nervöse Symptome dem primären 
Leiden sekundär auf. 

In diesem Zusammenhänge möchte ich noch auf eine zweite 
häufige Herzstörung kurz hin weisen, ich meine die Herzstörungen 
nach akutem Gelenkrheumatismus, dieser so häufigen Heeres¬ 
krankheit. (Es ist übrigens ganz auffallend, wie wenig Gelenk¬ 
rheumatismus hier auf dem westlichen Kriegsschauplätze zur 
Beobachtung kommt. Von Lungenentzündung, einer zweiten sehr 
häufigen Soldatenkrankheit, gilt dasselbe. Eine sichere Erklärung 
für diese Wahrnehmung vermag ich nicht zu geben. Ich mochte 
glauben, daß die aktiven Leistungen, körperliche Ueberanstren- 
gungen der Muskulatur, geringer sind bei diesem westlichen 
Stellungskrieg als daheim. Anderseits sind Schädigungen durch 
Frieren, Schlafentziehung stärker. Die Verpflegung ist außer¬ 
ordentlich gut.) 

Die Herzstörungen nach Gelenkrheumatismus führen und 
führten sehr häufig zur Diagnose Mitiialinsuffizienz. Die Leute wer¬ 
den entlassen und kommen ebenfalls zur regelmäßigen Nachunter¬ 
suchung. Und mm besteht die auffällige, unbestreit¬ 
bare Tatsache, daß auch diese Herzstörungen, die in der Mehr¬ 
zahl der Fälle, früher mehr als jetzt bereits, als organische Mitral¬ 
insuffizienzen beurteilt wurden, nach wenig Jahren zur Besserung 
und völligen Ausheilung gelangen. Die Klärung dieser Frage war, 
soviel ich weiß, vor dem Kriege in umfassender Bearbeitung! 

E i n e s Obduktionsbefundes entsinne ich mich nur, w t o eine 
organische Klappenstörung, ein Herzfehler, der diagnostiziert war 
nicht gefunden wurde. Obduktionsbefunde sind im Verhältnis 
selten, weil das Leiden relativ selten den Tod zur Folge hat und 
oftmals Einsprüche gegen Vornahme der Leichenöffnung vorliegen 
Ich persönlich nehme relative funktionelle Mitralinsuffizienz durch 
Erweiterung der linken Kammer an. 

Um zum Ausgangspunkte der Frage zurückzukommen, so 
möchte ich nochmals behaupten, daß Ueberanstrengung oftmals 
das Herz unserer Soldaten schädigt; nicht das absolute Maß der 
Arbeitsleistung w^ar ein zu großes, sondern der nicht durch Hebung 
gekräftigte, namentlich der zu jugendliche Körper leidet Schaden. 

Eine rationelle, auf breiter Basis betriebene Ertüchtigung 
des Leibes gehört zu den Forderungen der großen kommenden 
Zeit. In erster Linie ist die gesamte Jugend nach systematischem 
Vorgehen zu ertüchtigen, Jungens und Mädels. Und auch der Er¬ 
wachsene muß sieh das sittliche Pflichtgebot aneignen, der I n- 
! t o 11 e k t u e 11 e, der geistige Führer, voran, in der¬ 
selben Weise, wie er für geistige Weiterbildung sorgt, den Körper 


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7. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


auf der Höhe der Leistungsfähigkeit zu erhalten. (Vergleiche die 
Schrift des Verfassers „Die Pflicht, gesund zu sein“. 68 Seiten. 
Verlag Stalling, Oldenburg 1914) 

Das vielgebrauchte Wort, es ist der Geist, der sich den 
Körper baut, entspricht nicht den harten Tatsachen der Erfah¬ 
rung. Es hat nur in durchaus eingeschränkter Auffassung Geltung. 


Kriegschirurgisches aas den ersten Tier 
Monaten des Kriegs 

von 

J. Voigt, Stabsarzt bei der Kriegslazarettabteilung XI. 

Gegen die Bekanntgabe von Beobachtungen und Erfahrungen, 
die von ärztlicher Seite in diesem Kriege gemacht worden sind, 
scheint die Tatsache zu sprechen, daß denselben nur eine be¬ 
schränkte Anzahl von Fällen zugrunde liegen kann; so kommt 
denn leicht nichts weiter zustande, als eine mehr oder weniger 
interessante Kasuistik. Nimmt man aber das gesamte Material 
einer Formation (z. B. eines Feldlazaretts) zusammen, so resultiert 
daraus nicht selten ein statistisches Gepräge der ganzen Ver¬ 
öffentlichung. Beides wünsche ich nach Möglichkeit zu vermeiden. 
Ich möchte vielmehr durch die Bekanntgabe einiger Beobachtungen 
und Erfahrungen die Aufmerksamkeit der Kollegen, die kriegs¬ 
chirurgisch tätig sind, auf einzelne Punkte hinlenken, um eine 
Aussprache über diese Fragen herbeizuführen. Muß doch nach der 
Aeußerung eines unserer führenden Chirurgen hier im Felde selbst 
der Fachchirurg in mancher Hinsicht umlernen und seine Ma߬ 
nahmen den gänzlich veränderten Verhältnissen an passen. 

In der Regel wird der Sanitätsoffizier wohl während der 
Dauer des Feldzugs bei seiner Formation bleiben und deshalb 
meist die Verwundeten nur in einem ganz bestimmten Stadium in 
Behandlung bekommen. Besondere Verhältnisse haben es mit 
sich gebracht, daß ich im Laufe der verflossenen Monate sowohl 
ganz frisch Verwundete in geräumten französischen Stellungen, 
auf dem Truppenverbandplatz und im Feldlazarett verbinden 
konnte, wie auch im Kriegslazarett solche versorgen konnte, deren 
Wunden schon älteren Datums waren. In einem Etappenlazarett, 
in welchem ich einige Wochen den ärztlichen Dienst zu versehen 
hatte, befanden sich ausschließlich französische Schwerverwundete, 
welche dort vor etwa sieben Wochen aufgenoramen worden waren. 

Die bei der Versorgung der frischen Wunden gemachten Er¬ 
fahrungen decken sich ira großen und ganzen mit den von anderer 
Seite bekanntgegebenen. Die Verbandpäckchen ermöglichen ein 
schnelles und sicher aseptisches Arbeiten; die damit ausgeführten 
Verbände genügen für Infanterie- und einfache Schrapnellkugel- 
Verletzungen vollständig und können lange liegen bleiben. Um ein 
Verschieben der Gazekompressen zu verhüten, empfiehlt es sich, 
die Umgebung der Wunden mit Mastisol zu pinseln; doch ist 
unbedingt dann mit dem Auflegen des Verbandmaterials so lange zu 
warten, bis das Lösungsmittel der Harzsubstanz verdunstet ist, 
sonst wird das Mastisol von demselben aufgesogen. Die sterili¬ 
sierten Gazestreifen, die in festen Paketen mitgeführt werden, 
sind, um möglichst wenig Platz einzunehmen, stark zusammen¬ 
gepreßt worden; die Gaze läßt sich hier nicht ohne weiteres in 
einzelnen Lagen abheben. Es ist deshalb dringend zu empfehlen, 
gleich beim Einricbten des Verbandplatzes eine Anzahl dieser 
Pakete zu öffnen, die sterilen Gazestreifen mit ausgekochten Pin¬ 
zetten zu entfalten und in sterilen Schalen zum Gebrauche bereit¬ 
zuhalten, Ist diese Vorbereitung versäumt worden, so ist leicht 
eine ganz unnötige Verschwendung des kostbaren sterilen Ver¬ 
bandmaterials die Folge. 

Will man die Umgebung der Wunden mit Jodtinktur pinseln, 
so ist es nicht ratsam, die Jodlösung, wie es meist geschieht, vor¬ 
her in eine offene Schale zu gießen; der Alkohol verdunstet sehr 
schnell, und es kommt zur Bildung der stark reizenden Jodsäure. 
Nimmt man etwa 10 cm lange Stäbchen, die man sich leicht aus 
weichem Holze schnitzen kann, und spaltet diese an einem Ende, 
so kann man hier einen kleinen Gazetupfer einklemmen und mit 
diesem die Jodtinktur direkt aus der Flasche auf die Haut bringen. 
Auf diese Weise wird auch der Verbrauch an Jodtinktur nicht 
unwesentlich vermindert. Auch sonst scheint es wichtig, bei aller 
Fürsorge für die Verwundeten eine gewisse Sparsamkeit nicht 
außer acht zu lassen. Mastisol oder Heftpflaster können, richtig 
angewandt, viele Verbände mit Gazebinden ersetzen. Auch zum 
Polstern der Schienen braucht man nicht immer Watte zu nehmen, 


sondern kann ohne Nachteil für den Verwundeten anderes Material 
dazu verwenden, z. B. reine Putzwolle, Holzwolle usw., was sich 
gerade in der Nähe des Verbandplatzes auftreiben läßt. 

Der berechtigten Forderung, keine Wunden mit den Fingern 
zu berühren, wurde nach Kräften entsprochen, aber schon bei den 
hier und da nötig werdenden Gefäßunterbindungen ließ sich dies 
nicht mehr durchführen. Hier, wie bei allen Operationen, haben 
mir starke Gummihandschuhe, die ich mit mir führte, gute 
Dienste getan; sie lassen sich leicht und sicher sterilisieren und 
können viele Male ausgekocht werden. Auch der das Arbeiten in 
Handschuhen nicht Gewöhnte befreundet sich bald mit ihnen und 
nimmt die anfänglichen Unbequemlichkeiten gern in Kauf für das 
angenehme Bewußtsein, mit sicher sterilen Händen zu operieren. 
Am meisten würde ich die Sorte empfehlen, die unter dem Namen 
„leichte Sektionshandschuhe“ in den Handel kommt. 

Das Bestreben, zu erhalten, was nur irgend möglich er¬ 
scheint, hat die Zahl der primären Amputationen ganz beträchtlich 
vermindert; es ist erstaunlich, zu sehen, welch ausgedehnte Ge- 
webszertrttmmerungen an den Extremitäten Vorkommen können, 
ohne eine Gangrän zur Folge zu haben. Nicht selten ist es natür¬ 
lich notwendig, Teile der zerschmetterten Muskulatur und Knochen 
zu entfernen, Resektionen auszuführen usw.; dann geht aber der 
Heilungsprozeß meistens glatt vor sich. Neben dem Perubalsam 
hat sich mir Milchzucker mit 5°/ 0 Kollargol recht gut bewährt, 
wenn es sich darum handelte, eine schnelle Reinigung dieser 
Wunden herbeizuführen. Die sehr ausgedehnten Zertrümmerungen 
bedingen aber auch einen bedeutenden Säfteverlust, und dieser 
scheint es nicht selten zu sein, dem die Verwundeten schließlich 
bei vollständig fieberfreiem Verlauf erliegen, wie ich zu beobachten 
Gelegenheit hatte. Für solche Fälle wäre ja die Amputation vor¬ 
zuziehen, doch ist die Entscheidung im einzelnen Falle schwer zu 
treffen. Ueberhaupt stellt die Behandlung dieser ausgedehnten 
Gewebszertrümmerungen keine leichte Aufgabe dar. Bei der¬ 
artigen Verletzungen der Hand, des Fußes, des Unterarms und 
Unterschenkels sind langdauernde heiße Seifenbäder sehr zu emp¬ 
fehlen. Man hebt die verletzten Teile am besten mit einer ent¬ 
sprechend gebogenen Kramerschiene in das Bad hinein und heraus, 
um jede unnötige Bewegung zu vermeiden; die Schiene kann ruhig 
in dem Bade liegen bleiben, sie stört nicht. Für die schweren Ver¬ 
letzungen an Oberarm oder Oberschenkel kommt ja wohl ge¬ 
gebenenfalls nur die permanente Irrigation in Frage, wobei man 
versuchen muß, mittels Billrothbatist und Mastisol eine möglichst 
vollkommene Abdichtung der Umgebung zu erreichen. 

Die nicht mit großen Wunden komplizierten Schußfrakturen 
sind ja wesentlich leichter zu behandeln; in den meisten Fällen 
genügen die üblichen Schienenverbände. Der Gipsverband, der ja 
für die Frakturen der unteren Extremitäten wohl immer noch das 
beste ist, verlangt viel Zeit und Assistenz. Um an Hilfskräften 
zu sparen, habe ich verschiedentlich den Zug an dem gebrochenen 
Bein in der Weise ausgeübt, daß ich einen Schubkarren, der um¬ 
gekehrt am Fußende des Tisches befestigt wurde, als „schiefe 
Ebene“, sein Rad als Winde benutzte. War der gewünschte Grad 
von Extension erreicht, so wurde das Rad mittels eines zwischen 
den Speichen hindurchgesteckten Stabs festgestellt, während ein 
Helfer, am Kopfende des Tisches stehend, den Verletzten festhielt, 
und der Gipsverband konnte angelegt werden. 

Bei den Extremitätenverletzungen ist noch des als Folge hier 
und da beobachteten malignen Oedems zu gedenken. Bei dreien 
dieser Fälle gelang es, durch sofort ausgeführte große Einschnitte 
die Heilung herbeizuführen. Ein vierter Patient war auch durch 
die hohe Amputation nicht zu retten, obgleich von der Amputations¬ 
wunde aus weiter nach oben zu noch ausgiebige Incisionen angelegt 
worden waren. Daß zwei weitere Fälle gerettet wurden, waren 
wir geneigt, gerade dieser Vereinigung von Amputation und In¬ 
cisionen zuzuschreiben. Die Zahl der sonst auszuführenden sekun¬ 
dären Amputationen war gering. Neben einigen Fällen von Gan¬ 
grän wurde diese Operation einmal nötig, weil von einem glatten 
Weichteilschuß aus durch fortschreitende Eiterung trotz wieder¬ 
holter Incision und Drainage die Muskulatur des Ober- und Unter¬ 
schenkels vollständig unterminiert wurde; kompliziert war der 
Fall noch durch einen Knöchelbruch. 

Von den Bauchschüssen, die zu beobachten ich Gelegenheit 
hatte, ist keiner durch die Operation gerettet worden, während 
bei den Nichtoperierten einige auffallend schnelle Heilungen hei 
vollständigem Enthalten der Nahrung durch acht Tage zu ver¬ 
zeichnen waren. Es muß hierbei aber bemerkt werden, daß keiner 
dieser Fälle von Bauchschüssen innerhalb der ersten acht Stunden 
in unsere Behandlung kam; nur dann soll ja nach neueren An- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


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gaben ein operatives Vorgehen Aussicht auf Erfolg bieten. Von 
Interesse dürfte ein Fall von Bauchverletzung sein, den ich zu 
operieren Gelegenheit hatte. Der Patient war durch eine Granat¬ 
explosion, die ihm den einen Arm zerschmettert hatte, gegen eine 
Mauer geschlendert worden. Nach Amputation des Armes war 
der Kranke dann in unsere Behandlung gekommen. In den 
nächsten Tagen bildete sich dann bei ihm ein so starker Meteoris¬ 
mus aus, daß die Atmung erheblich erschwert wurde. Nach Rück¬ 
sprache mit dem konsultierenden Chirurgen wurde bei dem Pa¬ 
tienten die Laparotomie ausgeführt, um eventuell einen Anus 
praeternaturalis anzulegen. Beim Eröffnen des Peritoneums ent¬ 
wich aus der Bauchhöhle unter deutlich hörbarem Zischen eine 
große Menge geruchlosen Gases, und der Leib fiel sofort zusammen. 
Die Därme waren nicht besonders gebläht, das Peritoneum glatt 
und glänzend, keine Spur von Magen- oder Darminhalt in der 
Peritonealhöhle. Unter diesen Umständen wurde davon Abstand 
genommen, eine Enterostomose anzulegen, und die Bauchhöhle nach 
Einführen eines starken Drainrohrs bis auf den unteren Wund¬ 
winkel geschlossen. Der Kranke überstand den Eingriff gut und 
fühlte sich durch denselben wesentlich erleichtert. Allerdings 
stellten sich am zweitfolgenden Tage noch einmal mäßige Atem¬ 
beschwerden ein, die ihren Grund in einer starken Anfüllung des 
Magens mit Luft hatten; nach Einführen einer Schlundsonde ent¬ 
wich dieselbe aus dem Magen. Der Kranke hatte sich das Luft¬ 
schlucken angewöhnt und hatte anscheinend durch eine minimale 
Oeffnung in der Magenwand, die sich infolge der Kontusion allmäh¬ 
lich gebildet hatte, nach und nach die Luft in die Peritonealhöhle 
gepumpt 

Die Heilung der Lungenschüsse verlief in vielen Fällen ohne 
jede Störung; hier und da kam es allerdings zur Vereiterung des 
mtrapleuralen Blutergusses, die eine Eröffnung der Pleura mit 
Rippenresektion nötig machte. Dies hatte dann in allen Fällen 
Erfolg. Schwieriger war mit einem unglücklichen Verwundeten 
zum Ziele zu kommen, dem eine Granatexplosion nicht nur die 
beiden Unterarme bis zum Ellbogen zerschmettert, sondern auch 
in die rechte vordere Thoraxseite ein etwa kleinhandtellergroßes 


Loch gerissen hatte. Aus dieser Wunde entleerte sich bei jedem 
Hustenstoß ein Quantum dünnflüssigen Eiters. Nach verschiedenen 
vergeblichen Versuchen, diese Eiterung zu bekämpfen, führte 
schließlich die wiederholte Injektion von 10°/ o igem Jodoform¬ 
glycerin nach vorheriger Ausspülung der Pleurahöhle zum Ziele. 

Bei Tangentialschtissen des Schädels hat auch uns die Tre¬ 
panation und Entfernen der Splitter sehr erfreuliche Erfolge ge¬ 
geben. Selbst bei einem Falle, den ich erst zirka acht Wochen 
nach der Verwundung operieren konnte, gingen darauf die Läh¬ 
mungen der Extremitäten auf der entgegengesetzten Seite und die 
Sprachstörungen zusehends zurück. 

Bei den französischen Verwundeten, welche ich etwa von der 
siebenten bis zwölften Woche nach ihrer Verletzung zu beob¬ 
achten Gelegenheit hatte, stellte sich nach anscheinend ganz glatter 
Heilung bei drei Fällen von Schußfraktur des Oberschenkels und 
einer des Unterschenkels etwa in der neunten Woche Fieber mit 
starken Schmerzen in der Frakturstelle ein. Es war eine Sequester¬ 
bildung im Gange; bei zwei Fällen konnte der Sequester bereits 
entfernt werden, bei den beiden andern mußte man sich zunächst 
damit begnügen, dem Eiter durch Incision Abfluß verschafft zu 
haben; die Sequestrotomie mußte nachher von anderer Seite aus¬ 
geführt werden. 

Es ist mir nicht bekannt, ob derartige Prozesse als Folge¬ 
erscheinungen von Schußfrakturen häufiger beobachtet worden 
sind. Sollte das der Fall sein, so wäre vielleicht zu versuchen, 
dem durch prophylaktisch ausgeführte intravenöse Injektion kol¬ 
loidalen Silbers zu begegnen. Durch experimentelle Unter¬ 
suchungen 1 ) habe ich nachgewiesen, daß ein beträchtlicher Teil 
des intravenös injizierten kolloidalen Silbers im Knochenmark ab¬ 
gelagert wird. So könnte es bei Schußfrakturen hier seine des¬ 
infizierende und granulationsbefördemde Wirkung entfalten, die 
man ja bei andern Wunden beobachten kann. Bei der anerkannten 
Ungefährlichkeit der richtig ausgeführfcen Injektion kolloidalen 
Silbers, wofür nach meinen Erfahrungen eine 0,5 °/ 0 ige Lösung 
am meisten zu empfehlen ist, würde sich ein dahingehender Versuch 
immerhin empfehlen. 


Berichte Aber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Die Sojabohne — ein Yolksnahrungsmittel 

von 

San.-Rat Dr. Buschas, Stettin (z. Zt. Hamburg). 

Fleisch, Mehl und Kartoffeln sind nach den Aussprüchen 
unserer Nationalökonomen in Deutschland zurzeit noch in ge¬ 
nügender Menge vorhanden, sodaß unser Volk, sparsamen Ge¬ 
brauch vorausgesetzt — mit vollem Rechte hat die deutsche Re¬ 
gierung in der jüngsten Zeit diese Frage durch Gesetz geregelt —, 
mindestens ein Jahr lang damit reichen kann. Aber ein anderes 
wichtiges Volksnahrungsmittel scheint auf die Neige zu gehen, 
das sind die Hülsenfrüchte: Erbsen, Bohnen und Linsen. Da ist 
es Zeit, die Aufmerksamkeit unseres Volkes auf ein Nahrungs¬ 
mittel zu lenken, das seit undenklichen Zeiten im Haushalte 
der Ostasiaten eine wichtige Rolle spielt und von dem zurzeit 
auch bei uns noch große Mengen vorhanden sein sollen, wie man 
bört (so z, B. hier in Hamburg), das ist die Sojabohne, die 
Frucht eines Sehmetterlingsblütlers, einer unserer Bohne oder 
Lupine verwandten Pflanze (Glycine hispida), deren etwa 5 cm 
lange behaarte Hülsen drei bis fünf in ihrer Form und auch Farbe 
voneinander abweichende Bohnen von etwa 5 mm Durchmesser 
aufweisen. 

Wie gesagt spielt die Sojabohne seit langem — in den alten 
medizinischen Werken des Chinesen She-nou wird sie bereits vor 
5000 Jahren erwähnt — bei den Chinesen und Japanern in wirt¬ 
schaftlicher Hinsicht neben dem Reis die wichtigste Rolle; unter 
den Hülsenfrüchten nimmt sie sogar die erste Stelle ein. In Japan 
beläuft sich ihr Jahresanbau etwa auf eine halbe Million Hektar 
und die Jahresernte auf rund 385 000 Tonnen; davon wurden im 
Jahre 1908 allein ziemlich ein Drittel ausgefühTt, und diese Aus- 
™hf ist beständig im Steigen begriffen. Die Sojabohne macht 
den Reisgenuß in der täglichen Nahrung erst vollwertig, denn 
während dieser in der Hauptsache aus Stärke (Kohlehydraten) be¬ 
acht, besitzt die Sojabohne einen hohen Grad an 
Eiweiß (Stickstoff) und Fett. Dieser außerordentlich große 
Reichtum der Bohne an Fett oder Oel (etwa 20°/ 0 ) ist auch 
hm uns seit ziemlich 20 Jahren in großem Stile technisch nutz¬ 


bar gemacht worden und hat einen immer steigenden Aufschwung 
genommen. Unsere großen Seestädte (Hamburg, Stettin usw.) 
führen alljährlich wachsende Mengen von Sojabohnen ein; in 
Hamburg z. B. belief sich im Jahre 1912 der Import auf rund 
500 000 Doppelzentner (1911: 327 000) im Werte von Über 8 l / 2 Mil¬ 
lionen Mark (1911 nur 5 8 / 4 ). Im ganzen Deutschen Reiche er¬ 
reichte die Einfuhr 1912 eine Höhe von 125 000 Tonnen im Werte 
von ziemlich 24 Millionen Mark. 

Noch höher als der Oelgehalt stellt sich der Eiweiß- 
gehalt der Sojabohne, nämlich auf das Doppelte (etwa 40°/ o ). 
Die Landwirtschaft hat sich diesen Vorteil auch bereits dienstbar 
gemacht, insofern sie die Rückstände, die sich aus der Oelpressung 
ergeben (Sojakuchen), als Mast- und Kraftfutter an das Vieh ver¬ 
abreichen läßt. 

Die Technik ist hinter der Landwirtschaft in der Ausnutzung 
des Eiweißgehaits unserer Bohne nicht zurückgeblieben. Durch 
Zerreiben der gequollenen Frucht mit Wasser und darauffolgendes 
Filtrieren gewinnt man eine milchige Flüssigkeit, die Soja- 
milch, die sich äußerlich kaum von der Kuhmilch unterscheidet, 
wohl aber ihrer Zusammensetzung nach, denn sie enthält im Gegen¬ 
satz zu dieser nur wenig Kohlehydrate, dafür aber um so mehr 
Eiweißstoffe. Außerdem hat dieses Nahrungsmittel gegenüber 
der Tiermilch den Vorteil, daß es bedeutend billiger ist. In ähn¬ 
licher Weise wie die Kuhmilch kann man die Sojamiich auch zum 
Gerinnen bringen; es entsteht dann Casein oder Käsestoff. Aus 
ihm hat die Technik nun ähnlich, wie aus dem entsprechenden 
Galaktit der Tiermilch, einen Stoff gewonnen, der zur Fabrikation 
von Elfenbeinersatz und Isolatorenmaterial sich nützlich erweist. 
Die schlauen Japaner indessen verwenden die Sojamilch schon 
lange im volkswirtschaftlichen Sinne; durch Zusatz bestimmter 
Fermente stellen sie aus ihr einen richtigen Käse, Tofu genannt, 
her. Um den diesem Käse noch anhaftenden hohen Wassergehalt 
(90 °/ 0 ) herabzusetzen, lassen sie ihn dann weiter gefrieren und 
später von der Sonne wieder auftauen. Dadurch verliert der 
Käse etwa vier Fünftel seines ursprünglichen Wassergehalts; man 
nennt ihn dann Eiskftse (Kori Tofu). Der Nahrungswert des 

*) Biochem. Ztschr. 1914. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


7. März. 


frischen Sojakäses, der schon 2L°/o Eiweiß und 9,5% Fett auf¬ 
weist, wird durch den Gefrierprozeß noch erhöht, denn sein Fett¬ 
gehalt steigt dabei auf 80,9 % an. 

In Japan gewinnt man aus der Sojabohne noch verschiedene 
andere Genuß- beziehungsweise Nährmittel. Allen Hausfrauen ist 
das unter der japanischen Bezeichnung „S c h o y o u“ in den Läden 
zu kaufende Gewürz bekannt als Zusatz zu Suppen und Braten; 
man bezog es früher aus England — Schoyou macht den Haupt¬ 
bestandteil der englischen (Worcester-) Sauce aus —, neuerdings 
kommen aber auch vollwertige deutsche Erzeugnisse, die sich 
billiger stellen, in den Handel. Den Suppen zu gesetzt, verleiht 
diese Würze, eine durchsichtige braune Flüssigkeit, diesen einen 
pilzähnlichen Geschmack. Doch von diesem Sojapräparat will ich 
hier nicht weiter sprechen, wo es sich um eine volkswirtschaft¬ 
liche Nutzbarmachung der Frucht handelt, sondern von ihrer Ver¬ 
wertung als Volksnahrungsmittel. Denn wie man hört, sollen 
ungeheure Mengen davon noch bei uns lagern, die sich in diesem 
Sinne verwerten lassen. 

Man kann die Sojabohne wie unsere Hülsenfrüchte gekocht 
genießen. Man hat gesagt, daß ihr in dieser Zubereitung manch¬ 
mal ein bitterer Geschmack anhafte, indessen soll diesem Uebel- 
stande neuerdings vorgebeugt werden können. Denn wie ich höre, 
hat jemand ein Verfahren entdeckt, das der Bohne ihren Bitterstoff 
vollständig nimmt. Nach den kürzlich von der Heeresverwaltung 
in Altona angestellten Versuchen soll sich dieses Verfahren durch¬ 
aus bewährt haben. Sojabohnensuppen sind ein vollwerti¬ 
ges Nahrungsmittel, das nach den darüber vorliegenden Versuchen 
absolut nicht die Verdauung beeinträchtigt, also keine Magen- 
noch Darmbeschwerden verursacht. Sodann käme die zermahlene 
Sojabohne, also das Sojamehl, für unsere Hausfrauen in 
Betracht. Man könnte es zu Brot verbacken — allerdings 
wird hier ein Zusatz von Kornmehl empfohlen — oder zu Kuchen 
verarbeiten, in die Suppen rühren, zu Puddings verwerten und 
anderes mehr. Das Sojamehl hat vor dem Weizenmehle sogar den 
Vorzug, daß es etwa viermal soviel Eiweißstoffe und zwanzigmal 
soviel Fett enthält, dafür allerdings etwas weniger Stärke (Kohle¬ 
hydrate). Diesem Mangel aber könnte man durch Zusatz von Reis 
abhelfen, wie dies die Japaner schon tun. Sie mischen nämlich 
angekochte, zerriebene Sojabohnen mit gegorenem Reis, Salz und 
Wasser und überlassen das Ganze der Gärung; dadurch entsteht 
ein eigenartiger Brei, Miso genannt, der das Volksnahrungsmittel 
dor schlitzäugigen Söhne des Ostens im wahren Sinne des Wortes 
ausmacht, denn es werden davon gerade ungeheure Mengen ver¬ 
zehrt, wie man sagt, in einzelnen Gegenden bis zu 120 g auf den 
Kopf am Tage. Vielleicht erfinden unsere Hausfrauen, wenn sie 
die Sojabohne einmal in den Bereich ihrer Kochkunst gezogen 
haben, noch weitere Gerichte; mögen sie es nur versuchen. 
Gefangenenanstalten, Volksküchen, Lazarette, Gefangenenlager und 
ähßliche Anstalten sollten sich in erster Linie dieser neuen, 
billigen Quelle recht bald annehmen. — Man hat auch den Vor¬ 
schlag gemacht, die Sojabohne bei uns anzubauen 
und die grünen Triebe usw. als Gemüse zu genießen. Leider 
will die Pflanze unter unserm Klima nicht recht gedeihen. Die 
Mitteilungen über die durch ihren Anbau erreichten Erfolge wider¬ 
sprechen sich; die einen wollen eine zufriedenstellende Ernte er¬ 
zielt haben, andere nur Mißerfolge. Auf jeden Fall bedarf die 
Sojabohne zum Gedeihen sehr viel Sonne und Wärme. Vorder¬ 
hand möge man daher erst die hier vorhandenen Bestände auf¬ 
brauchen. Um aber Spekulationen und Preistreibungen vorzu¬ 
beugen, wie sie bereits einsetzen sollen, möge die Regierung auch 
hier ihre Hand beizeiten auf die Vorräte legen! 


Aus der I. medizinischen Universitätsklinik in Wien. 

Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie 
leukämischer Erkrankungen 

von 

Dr. Benno Stein. 

(Fortsetzung aus Nr. 9.) 

Für das Verständnis der Aleukämien erscheint uns noch eine 
Beobachtung wichtig, die, von andern Besonderheiten abgesehen, 
im Verhalten des Bluts ein den eben referierten Fällen entgegen¬ 
gesetztes Verhalten zeigte. 

IV. Fri., 66 Jahre alte Frau, aufgenommen am 14. Februar, ge¬ 
storben am 26. März 1914. Patientin, die schon einige Jahre schwer¬ 
hörig ist, fiebert seit November vorigen Jahreg. Seit Januar hat sie 
Schmerzen in der linken Brusthälfce. 


Status praesens: Otitis media bilateralis; Bronchitis diffusa; Pleu¬ 
ritis sinistra; keine retrosternale Dämpfang; Leber drei Qaerfinger unter 
dem Rippenbogen p&lpabel; Milz bis zur Mittellinie und zwei Querfioger 
unter den Nabel reichend, rückt im weiteren Verlaufe bis zur Nabelhöhe 
zurück; sie ist von sehr derber Konsistenz; keine Drfisenscbwellungen; 
mäßige Druckschmerzhaftigkeit des Sternums; Oedema retromalleolare. 
Graufahle Hautfarbe; hochgradige Adynamie, fortschreitende Kachexie; 
Temperatur in hoher Continua, nur an den letzten drei Tagen subnormal. 
Inappetenz, Diarrhöen. 

Im Harne deutliche Eiweißfällung, Spuren von Urobilin und 
stark positive Diazoreaktion. Bei der Blutuntersuchung fanden wir 
am 10. Febr.: 80 000 Leukocyten, und zwar: 

Neutrophile polymorphe .... 11,5% 

Eeosinophiie „ .... 1,5 N 

Mastzellen.1,0 „ 

Mononucleäre Uebergangsformen . 3,0 * 

Lymphocyten.2,0 „ 

Metamyelocyten.6,5 „ 

Neutrophile Myelocyten.65,5 „ 

Eosinophile „ .3,0 „ 

Myeloblasten.6,0 „ 

Erythrocyten blaß, mäßige Anisocytose, keine Poikilo- 
cytose, vereinzelte Erythroblaaten, Blutplättchen sehr 
zahlreich; 

„ 3. März: 65 000 Leukocyten; Myeloblasten reichlicher; 

„ 10. „ : 35 000 Leukocyten; 

Myelocyten spärlich, vorherrschend neutrophile polymorph¬ 
kernige Zellen und Myeloblasten, vielfach mit atypischem 
gelappten Kerne, ziemlich zahlreiche Splenocyten. 

Wassermannreaktion positiv, Züchtung aus dem Blut ergebnislos 
(Platten steril), Widal-Gruber negativ. 

Aus dem Sektioosprotokoll sei folgendes angeführt: „In beiden 
Langen finden sich diffus zerstreut hirsekorngroße, grau weißliche, über 
die Schnittfläche vorragende Knötchen, dieLymphdrüsen am Hilus der 
Lunge sind vergrößert, stark antrakotisch. Schon von anßen sind an 
ihrer Oberfläche hirsekorngroße, weißliche Knötchen sichtbar, am Durch¬ 
schnitt ist das Centrum erweicht und enthält eine schleimige, grünlich¬ 
gelbe Flüssigkeit. Das erhaltene Lymphdrüsengewebe ist antrakotisch 
mit zahlreichen, zum Teil konfluierenden gelblich weißen Knötchen. Die 
Leber ist beträchtlich vergrößert, ihre Konsistenz erhöht, die Farbe 
bräunlichgelb, die normale Zeichnung ist fast vollständig verdeckt durch 
überaus dichtstehende, zum Teil konfluierende Knötchen. Die Milz ist in 
allen Durchmessern beträchtlich vergrößert (20 x 15 x 8 cm). Kon¬ 
sistenz erhöht, der Durchschnitt hellrot, von zahlreichen grieskomgroßen 
gelblichen Einlagerungen durchsetzt. In der NitrenSubstanz sieht man 
mehrere unscharf begrenzte weißliche Herde von Hirsekorngröße. Die 
Nebennieren sind beträchtlich vergrößert, ihre Konsistenz erhöht, die 
Zeichnung verwischt. In der rechten Nebenniere findet sich ungefähr 
in der Mitte des Organs ein unregelmäßig aber scharf gegen die Um¬ 
gebung abgegrenzter Herd von zirka Kaffeebohuengröße von glatter 
trockener Schnittfläche und gelblichweißer Farbe. In der linken Neben¬ 
niere ein ebenso beschaffener Herd von Infarktform. Knochenmark graa- 
rötlich.“ 

Unter dem Mikroskop (Färbung nach Giemsa) waren nicht nur 
in Milz, Lymphdrüsen, Knochenmark, Leber und Nieren myeloisch-leuk¬ 
ämische Infiltrate zu sehen, sondern auch die Knötchen in den Lungen, 
welche auf den ersten Blick als miliare Aussaat einer Tuberkulose im¬ 
ponieren konnten, sowie die eigenartigen Herde in den Nebennieren er¬ 
wiesen sich als myeloides Gewebe. 

Dieser Befund, daß eine generalisierte Systemerkran¬ 
kung des hftmatoeoötischen Apparats sich auch in der 
Lunge und in den Nebennieren lokalisiert, scheint ein 
Unikum zu sein. Wir stehen nicht an, die außerordentliche 
Adynamie, welche mit rapid progredienter Kachexie ein- 
herging, auf die Veränderungen der Nebennieren zu be¬ 
ziehen. Ob sonst adrenale Ausfallerscheinungen bestanden, 
können wir nicht sagen; die Haut war wohl bräunlich gefärbt, 
aber auffällige Pigmentanomalien fanden sich nicht vor, Diar¬ 
rhöen sind ein zu häufiger Trabant von Blutkrankheiten, als daß 
man sie hier in diesem Sinne verwenden könnte, eine Funktions¬ 
prüfung der endokrinen Drüsen unterblieb. 

Der vorliegende Fall ist aber auch hinsichtlich des Blutbetandes 
interessant insofern, als ein voll entwickeltes leukämisches 
Bild spontan allmählich in ein subleukämisches, viel¬ 
leicht gar aleukämisches Stadium überging. Daß ein der¬ 
artiges Vorkommnis bei Interkurrenz von Infekten nicht selten ist» 
haben wir oben schon besprochen. Solche spontane Remissionen 
scheinen aber ein nicht sehr häufiges Ereignis zu sein. Erwähnt finden 
wir sie in einer Diskussion zum Falle PI eh ns (10), dessen Beobachtung 
selbst wir nicht hierher rechnen möchten, nachdem wir die Wirk¬ 
samkeit der Arsenmedikation kennen gelernt haben. 

Hingegen finden wir in der Literatur zwei Beobachtungen an« der 
v. JakschBchen Klinik (7, 8), über die wegen ihres interessanten ver- 
hufa hier berichtet sei. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


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7. März. 


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Bei einem 99jährigen Manns fand sich bei der Aufnahme im Sep¬ 
tember 1896 neben einem enormen Milztnmor Leberschwellung und Ver- 
grOferaog der Leistendrüsen. Die Blutzusammensetzung zeigte im Sep¬ 
tember folgende Schwankungen: Hämoglobin nach Fleischl 8,5 bis 
5,6 g. Erythrocyten 1740000 bis 4 400 000, Leukocyten 295000 bis 
560000. Der Kranke wurde zunächst mit Cuprum arsenicosum behan¬ 
delt, dieses aber am 5. Oktober ausgesetzt und an dessen Statt Thyro- 
jodin verabreicht (im ganzen bis 22. Oktober 71,7 g Schilddrüsensnbstanz). 
WKhrend dieser Zeit änderte sich daB Blutbild in ganz auffällliger Weise, 
indem die Leukocytensahl von 600000 auf 80000 abfiel. Die Werte der 
einzelnen Zellarten entnehmen wir der A dl ersehen (9) ergänzenden 
Arbeit. 


Leukocyten 

6. Okt. 1896 

20. Okt. 1896 

80. Not. 1896 

Poly. neutr. . . . 

66,37 

325218 

74,04 

25914 

70,4 

123 482 

Mono, neutr.. . . 

16,90 

82810 

10,71 

3748 

20,4 

35 782 

Buoph. gra&ul.. . 

— 

— 

— 

— 

0,2 

350 

Eorin. granul. . . 

2,10 

10 290 

0,70 

245 

1,6 

2 806 

( „ mono.) . . 

(1,23) 

(5978) 

(0,35) 

(122) 

(0,8) 

(1 403) 

Lymphocyten. . . 

14,63 

! 71687 S 

14,55 

5093 

7,4 

12980 

(gr. „ tu Uebergf.) 

(1,91) 

! (9359) 

(3,70) 

(1195) 

(0,5) 

(877) 


Nach dreiwöchigem Aussetzen der Medikation stieg die Leuko- 
cytenuhl nenerdiogB, ohne sich dann wiederum durch Schilddrüsenver- 
ffltterong berabdrfleken zu lassen. Wir glauben nicht, dafi die Schwan¬ 
kungen des Blntbildes unter dem Einilasse dieser Therapie standen, 
konnte man doch mit ihr später die gleichen Aenderungen nicht wieder 
erreichen. Ueberdies verweisen wir auf unsere Beobachtung III, bei der 
wir die Schiiddrflsentberapie durch längere Zeit, ohne ersichtlichen Ein¬ 
fluß tu erzielen, versucht haben. Die Leukocytenzahl zeigte eher noch 
steigende Tendenz. 

Mit dieser Feststellung gewinnt der Jakschsche Fall für 
m aber eine besondere Bedeutung, weil er uns beweist, daß eine 
schon typische, voll entwickelte Leukämie aus uns un¬ 
bekannter Ursache ein aleukämisches Stadium durch¬ 
laufen kann, um dann später wiederum das leukämische 
Bild xu bieten. 

Einen ganz analogen Verlauf nahm das Blutbild bei dem 
von Jaksch als „multiple Periostaffektion mit Myelocythämie“ be¬ 
schriebenem Krankheitsbilde. 

Die am 23. Juli 1900 in die Klinik aufge&ommene 24 jährige Frau 
gib an, daß sie im Febu&r erkrankt sei mit Schmerzen in den Ellbogon- 
nnd Handgelenken sowie in der linken Ferse, später auch iu der rechten. 
Gleichzeitig sistierten die früher immer regelmäßigen Menses. Bei der 
Patientin fielen vor allem neben der sehr blassen Hautfarbe, dem enormen 
Milztumor, der Leberschwellung und dem Ascites an verschiedenen 
Skeletteilen sitzende sklerosierende Bildungen auf, die vom Periost aus- 
KiDgoo; Lymphdrttsen wurden nicht vergrößert gefunden. Im Harne koin 
Eiweiß, keine Albumosen und Peptone; über Urobilin und Diazoreaktion 
findet sich nichts vermerkt. Der Fieberverlauf zeigte intermittierenden 
Tjpns. Am 10. Dezember starke Epistazis. Das Serum des an diesem 
Tag entnommenen Bluts enthielt gelostes Hämoglobin. In den nächsten 
Tagen wiederholte sich das Nasenbluten noch viermal. Am 12. Januar 
1901 wurde starker Haaraasfall, besonders an den Schläfen, bemerkt; 
tagi darauf wnrde die Phoaphortherapie eingestellt Am 6. Februar er¬ 
log die Patientin dem Leiden. 

Bei der Sektion stellte Chiari folgende Diagnose: „Leucaemia 
(Hjperplaaia lymphatica lienis et medallae ossium, intumescencia hepatis). 
Aniemia et hydrops universalis, infarctus anaemici lienis, decubitus super- 
acuui m regione sacrali, hyperoBtosis ossium inflammatoria multiplex“. 

Alle Lymphdrflsen fanden sich mehr minder stark vergrößert und 
* Ihrdadmitte von graurötlicher Farbe. Leber 26 X 9 X 11 cm, 
3700 g; Milz 38 x 17 X 7 cm, 2750 g; ihre Kapsel verdickt, das Paren- 
^ erb ’ . am Durchschnitte von blasser grauroter Farbe und 
PÄChmißig lymphatischer Beschaffenheit mit einigen anämischen In- 
Das Knochenmark von durchweg blasser, graurötlicher Farbe 
weicher Konsistenz. Hyperostosen an mehreren Knochen. 

1® gefärbten Knochenmarkabstrichpräparat fanden sich reichlich 
nokwmge großkemige Zellen, iu deren Protoplasma bei Biondi-Hei- 
Minnscher Färbung hier und da leuchtendrote, zomeist aber bläu* 
Grinula zu sehen waren, die sich im Triazidpräparat als eosino- 
Pju beziehungsweise neutrophil erwiesen; außerdem spärliche im Proto- 
nichtgekörnte und auch gelapptkernige kleinere Zellen, reichlich 
wythroblasten, gehr wenig Myeloplaxen, Die Milz bot das Bild „lym- 
tLiln C ^ er FTP^lMie“: Ihre zelligen Elemente zeigten die gleiche Ver- 
wi^a i ^ e * cben Charaktere wie die des Knochenmarks, vor- 
wgwia also „mononucleare neutrophile Leukocyten“. 
rv*«, lr i*^ ea w * r nun n °ch den Blutbefund nach: Die Zahl der Eryttaro- 
JJt® ton 5380000 am 24. Juli mit Schwankungen allmählich ab 
bt - e -bte am 3. Februar den Tiefstand von 990 000; reichlich Normo- 
DontfiÄ ir. un< * Megaloblasten sowie polychromatische und basophil 
^ythrocyten, starke Poikilocytose, mäßige AniBOcytose. Ent- 
tnwr JW der Hämoglobingehalt. Die Leukocytenzahl be- 
8 wi 24. Job 38 400, ging von da unter geringen Auf- und Abwärts¬ 


bewegungen langsam auf 10000 hinunter (16. November), stieg dann 
wiederum auf 25 400 (20. Dezember) und fiel neuerlich auf 10 000 (15. Ja¬ 
nuar), erreichte daun von hier aus rapid die Höhe von 70000 (3. Februar, 
drei Tage ante exitum). 

Cytomorphisch fanden sich zu Beginn um 700 /q, zuletzt etwa 45% 
polynucleare, 10 bis 30% mononucleare neutrophile, 2 bis 8% eoBino- 
philgekörnte Leukocyten, unter ihnen auch polynucleare Formen, in keinem 
Präparat basophil gekörnte Zellen, zirka 25% Lymphocyten und Ueber- 
gangsformen; „bei den Lymphocyten fallen die vielen mittelgroßen Formen 
mit äußerst stark basophil sich färbenden Plasma auf 4 — offenbar Myelo¬ 
blasten. 

Hier also finden wir wiederum, daß ein subleukämisches 
Blutbild vollkommen aleukämisch wird und schließlich 
ins leukämische exacerbiert. 

Diese zwei und unser in Zusammenhang mit ihnen be¬ 
sprochener Fall erscheinen uns für das Verständnis der Sache von 
größter Wichtigkeit, weil sie uns lehren, daß die Aleukämie 
keineswegs das Initialstadium einer Leukämie sein muß, 
wie z. B. Rychlik gemeint hat, sondern daß Aleukämie und 
Leukämie verschiedene Zustandsbilder derselben, wenn 
auch ätiologisch differenten Krankheiten sind, die 
ineinander Übergehen können unter der Einwirkung ver¬ 
schiedenartiger Faktoren, sei nun deren Natur uns unbe¬ 
kannt, mögen wir sie als Infekte erkennen oder lassen wir sie 
selbst aus therapeutischen Gründen einwirken. Darum fällt es 
auch nur leicht ins Gewicht, ob man das vorliegende Syndrom im 
Sinne von Jaksch deutet oder ob man es als echte Leukämie auf- 
faßt mit koordinierter oder gar sekundärer Knocbenorkrankung; 
können doch offenbar verschiedene Insulte unter beson¬ 
deren Umständen den leukämischen Symptomenkomplox 
aus lösen, wie wir das für die akute Leukämie bereits begründet 
haben. (Pribram und Stein). 

Wir möchten zur Illustration des eben Gesagten nur noch anf die 
sehr interessante Beobachtung von Brown (11) hinweisen. 

Ein 14jähriger, früher gesunder Knabe wnrde mit Antitetanusserum 
prophylaktisch geimpft, nachdem er vor mehr als zwei Jahren eine gleiche 
Dosis bekommen hatte. 36 Stunden nach der Reinjektion brach unter 
Erbrechen und Fieber eine heftige Urticaria aus. In wenigen Tagen 
konnte man bei Abklingen der anaphylaktischen Erscheinungen generali¬ 
sierte Lymphdrüsenschwellungen feststellen. Dabei wuchs Milz und Leber 
rapid an, nach zwei Wochen reichte die Milz bis in Nabelhöhe. Es ent¬ 
wickelte sich eine schwere Anämie, das Fieber war von Prostration ge¬ 
folgt; zu Ende der vierten Woche starb der Kranke im Anschluß an 
eine Hemiplegie. Eine Woche vor dem letalen Ausgang war das Blut 
untersucht worden; es fanden sich 420000 weiße Zellen: 77% kleine 
Lymphocyten, 18% neutrophile und 2% eosinophile polymorphkernige. 
Unter den Erythrocyten fanden sich Megaloblasten in großer Zahl bei 
Poikilocytose. Hämoglobingehalt 35%. Die Obduktion unterblieb. 

Eine durch das Trauma oder die Injektion bedingte Infektion 
dürfte wohl nicht übersehen worden sein, weshalb wir nicht an- 
stohen, mit dem Autor den Blut- und Organbefund mit dem 
anaphylaktischen Shock in kausale Beziehung zu setzen, 
zumal auch die beträchtliche absolute Eosinophilie (8400 im emm!) 
auf diese Aetiologie hinweist und gegen eine infektiöse spricht. 
Und das ist eben das Merkwürdige, daß eine Noxe, die an den 
hämatopoetiseben Apparat scheinbar keine besondern Ansprüche 
stellt, ihn aber dabei offenbar doch schwer alteriert, eine solche 
Reaktion auslösen kann. Dies ist nur unter besondern Bedin¬ 
gungen, die im betroffenen Organismus liegen, möglich; das jugend¬ 
liche Alter des Patienten läßt uns an eine thymisch-lymphatische, 
wenn nicht primäre hämoblastische Insuffizienz denken. 

Viel häufiger als die vorhin erörterten spontanen Re¬ 
missionen sind die bei medizinaler Beeinflussung dorLeuk- 
ftmie, geht doch jetzt das Heilbestreben kaum viel weiter, als 
eine Besserung des Blutbildes zu erzielen, mag man nun Röntgen¬ 
strahlen oder radioaktive Substanzen, Arsen oder Benzol heran¬ 
ziehen. Die durch diese Mittel erzielte „Besserung des Blutbildes u 
hat allerdings nicht immer dieselbe Bedeutung: In der einen 
Gruppe der Fälle drängt man gewissermaßen die Leuk¬ 
ämie in das aleukämische Zustandsbild und erreicht 
dabei meistens auch eine allgemeine Besserung, in der 
andern aber bedeutet die erreichte Remission eine Er¬ 
schöpfung der blutbildenden Organe, ein signum pessimi 
ominis! 

Da diese Alternative nicht nur für das Verständnis, sondern anch 
lür die Therapie schon behandelter Fälle bedeutungsvoll ist, wollen wir 
sie mit Beispielen belegen. 

V. Th., 68jährige Bedienerin. Myeloische Leukämie. Die Krank- 
heitsbeschreibong dieses Falles bis November.1912 haben wir (12) mit 
Epikrise bei anderer Gelegenheit mitgeteilt: Ein Fall, der auf Benzol Ver¬ 
abreichung glänzend reagierte. Die Leukocytenzahl war von 225 000 auf 


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9000 gefallen, dabei zeigte die Blutmischung ein der Norm näheres Ver¬ 
hältnis. Patientin wnrde dann mit Arseninjektionen weiter behandelt, 
erholte sich immer mehr und worde vollkommen arbeitsfähig. Dabei 
fielen aber die Leukocyten weiter ab und erreichten das tiefe Niveau von 
2000, während die Cytomorphie keine weiteren nennenswerten Verände¬ 
rungen zeitigte und die Erythrocyten immer noch steigende Tendenz auf¬ 
wiesen. 

Im Juni 1918 erschien Patientin, die inzwischen ihren Beruf wieder 
aufgenommen hatte, an der Klinik. Der subjektive und objektive Befund 
war kaum verändert, das Blut war aber allerdings wiederum sublenk- 
Smisch geworden. Wir zahlten an Leukocyten am 4. Juni 39 800, am 
20. Juni 29 400, am 23. Juni 25 000. Die neutrophilen Granulocyten 
machten die Mehrzahl der Zellen aas: 43% polymorphkernige, 34% 
einkernige; auf Myeloblasten entfielen zirka 5%, auf Mastzellen zirka 
7%, während eosinophile Zellen nur spärlich vertreten waren (bis 
zu 1%). 

Nun begab sich die Patientin aufs Land, wo Bich Kopfschmerzen, 
Fieber, Husten sowie Stechen in der Brust, angeblich nach einer Verkoh¬ 
lung, eimtellten. Sie fand daram am 14 Juli 1913 Aufnahme in der 
II. medizinischen Universitätsklinik. Es wurde dort eine linksseitige 
Pleuritis festgestellt; die Milz war drei Querfinger unter dem Kippen¬ 
bogen palp&bel. Während die Patientin anfänglich normal temperiert 
war, stellte Bich am 16. August Fieber bis 38o C ein, das tags darauf 
aber wiederum abfiel. Bei der an diesem Tage vorgenommenen Harn¬ 
untersuchung wnrde Gallenfarbstoff schwach positiv gefunden und am 
leicheu Tage folgender Blutbefund erhoben: Erythrocyten 5 280000, 
abli 54, Färbeindex 0,51, Leukocyten 58 900 und zwar 32% neutro¬ 
phile polymorphkernige, 39 % Myelocyten, 14% Mastzellen; der Rest 
verteilte sich auf die übrigen Zellarten. Am 25. August wurde Patientin 
entlassen; sie fühlte Bich jetzt wieder völlig beschwerdefrei. 

Da sich aber neuerdings Kopfschmerzen und Schwindelanfälle ein¬ 
stellten, wurde sie bei uns am 5. September 1913 aufgenommen. Sie 
machte keineswegs den Eindrack einer Schwerkranken. Der Milzpol war 
eben palpabel, die Leber mäßig vergrößert; links eine pieuritische 
Schwarte Am 7. September kam es zn einer Schwellung des linken 
Unterschenkels mit mäßiger Schmerzhaftigkeit, die nach drei Tagen unter 
BurrowUmschlägen verschwunden war. Der Urin zeigte keine patholo¬ 
gischen Reaktionen. Die Zahl der Leukocyten schwankte um 50 000, die 
differentielle Auszählung zeigte keine nennenswerte Abweichung von den 
früheren Befanden. Hingegen fanden wir bloß 3 Millionen Erythrocyten 
bei einem Färbeindex von %, bei reichlicher Polychromatophilie und 
Gegenwart von Normoblasten (um 200 im Kubikmillimeter) mit verein¬ 
zelten Mitosen. Es wurde vorübergehend Benzol und Arsen gereicht, 
auch eine RöntgendoBis appliziert, und Patientin erholte sich wiederum 
ziemlich rasch, erlag aber am 10. Dezember einer hinzugetretenen Pneu¬ 
monie. Bei der Obduktion fand sich das typische Bild myeloischer 
Leukämie. 

VT. F. S., 38 Jahre alte Frau, bei der vor 1 1 /-j Jahren die Dia¬ 
gnose auf Leukämie gestellt wnrde. Erythrocyten 4 Millionen, Leuko¬ 
cyten 150000 mit typisch myelfimischem Befund. Auf Atoxyl- und 
Röntgenbehandlung nur ganz vorübergehende Besserung. Im Januar 
1913 kam Patientiu an unsero Klinik in Beobachtung mit einer Lenko- 
cytenzahl, die um 150 000 in nicht weiten Grenzen schwankte, bei nur 
geringgradiger Chloranämie. Da Röntgenbestrahlungen effektlos blieben, 
der Zustand sich eher noch verschlechterte, wurde die Kranke einer 
Beuzoltherapie unterzogen, gegen die sie sich anfangs, von der gewöhn¬ 
lich beobachteten initialen Steigerung der Leukocyten abgesehen, sehr 
refraktär verhielt, bis ein plötzlicher Absturz von 65 000 auf 36 000 im 
Laufe von drei Tagen erfolgte. Von da ab besserte sich das Blutbild 
allmählich weiter. Das subjektive Befinden der Patientin ging damit aber 
keinesfalls parallel; sie fühlte sich umgekehrt eher weniger wohl, doch 
wurden ihre Klagen nie Behr ernst genommen, nachdem sie hystero- 
neorasthenisch schwer stigmatisiert war und ein organisches Substrat für 
die Klagen sich nicht auffinden ließ. Als die Leukocytouzahl den Stand 
von 16 000 im Kubikmillimeter erreicht hatte, brachen wir jede Therapie 
ab, doch fielen die Lenkocyten spontan weiter bis auf 10 000. Patientin 
wurde nun entlassen und mit Arsen ambulatorisch nachbehandelt, selbst¬ 
verständlich unter ständiger Kontrolle des Blutbildes, das einen Leuko- 
cytengehalt von 6- bis 8000 aufwies. 

Nach einiger Zeit begab sich die Kranke vollends in die Pflege ihres 
Hausarztes, der günstig lautende Berichte uns zugehen ließ. Eines Tages 
aber wurden wir von ihm wegen plötzlich aufgetretener stürmischer Er¬ 
scheinungen gerufen: Erbrechen, Nasenbluten. Fieber, bedeutende 
Knochenschmerzh&ftigkeit. Ein flüchtiger Blutbefund ergab zirka 
4000 Leukocyten; im Ausstrichprftparat erschienen die roten Blut¬ 
zöllen hypochrora, kornhaltige fanden sich nicht. Die Cyto¬ 
morphie der weißen Zellen war gegenüber den früheren Befunden völlig 
verändert; während früher immer reichlich Granulocyten, mehr- und ein¬ 
kernige, vorhanden waren, zeigte das Blut jetzt einen ganz mono¬ 
tonen Charakter: es fanden sich fast nur segmentreiche 
neutrophile Polynucleocyten und Iymphocytäre Elemente — 
von jeder Art etwa die Hälfte—, also ein typischer „Erschöpfungs¬ 
befund“ im Sinne von Türck (13), in dem auch „neutrophile Riesen“ 
nicht fehlten und die neutrophilen Körnchen vielfach schlecht oder gar 
nicht darstellbar waren. 

Die Kranke wurde nun in die Klinik aufgenommen und hier rein 
symptomatisch behandelt, da wir durch eine eingreifendere Therapie den 


hämocytopoetischen Apparat nicht weiter alterieren wollten. Während 
des jetzigen Aufenthalts entwickelte sich das Bild schwerer hämorrhagi¬ 
scher Diathese. Die Leukocytenwerte standen dabei sehr niedrig, um 
1000 und darunter, ihre qualitative Zusammensetzung blieb gleich un¬ 
günstig. Der Zustand besserte sich nur langsam, aber allmählich schwanden 
doch die Blutungen, die Lenkocyten hoben sich auf 2000, der qualitative 
Erschöpfungsbefund aber war kaum verändert; in dieser Verfassung ver¬ 
ließ Patientin auf eignes Verlangen die Klinik, um sich einige Monate 
später ins Rothschildspital aufnehmen za lassen. In der Zwischenzeit 
nahm sie, wie wir von Spiegler (14) erfahren, dem wir den Bericht 
Über den weiteren Krankheitsverlauf verdanken, wider unsem Rat und 
ohne ärztliche Kontrolle noch durch fünf Wochen Benzol. Jetzt ergaben 
die Bl ufcuntersuchungen den Befund einer noch schwereren Erschöpfung 
der Hämocytopoese als wir ihn gesehen haben, indem bei einer Gesamt¬ 
zahl von 2200 bis 1400 bis 400 Leukocyten und schwer anämischem 
Erythrocyteubefuude (2 bis 2'/a Millionen) im Trockenpräparat „fast nur 
Lymphocyten, keine Myelocyten“ zu sehen waren. Dabei bestand neben 
Störungen der Psyche wieder schwerste hämorrhagische Diathese; die 
Gerinnbarkeit des Blutes erwies sich außergewöhnlich verzögert: einen 
Tag nach seiner Entnahme war noch nichts von Gerinnung zn merken. 
Eine Bluttransfusion vermochte das letale Ende nicht hinansznschieben. 

Aus dem Obduktionsprotokoll: Violettgefärbte Hautblatungen der 
Bauchhaut und der Streckseiten der oberen und unteren Extremitäten 
vielfach mit abgehobener Epidermis. Am linken Epiglottisrand ein grau 
belegtes Geschwür und Oedem der Umgebung. Keine Vermehrung und 
keine Vergrößerung der cervicalen LymphdrüBen. Leber über handbreit 
über den Rippenbogen hervorragend, blaßgelb, von teigiger Konsistenz, 
LBppchenzeichnung verwischt. Milz 20 X 8 X 5 cm, keine Follikelver¬ 
mehrung, Trabekel deutlich. Kleinste Blutungen der Nierenbeckenschleim¬ 
haut beiderseits, Magenschleimhaut von einzelnen Blutungen durchsetzt. 
Geschwüre rings um die Ileocöcalklappe. Das linke Ovar vergrößert, 
enthält eine Blutmasse in einem cystisch präformierten Raum, ebenso das 
Cavum uteri, die Harnblasenscbleimhaut weist einzelne punktförmige 
Blutungen auf. Keine Vermehrung oder Vergrößerung der Lymphfollikel, 
der retroperitonealen oder inguinalen Lymphdrüsen wie überhaupt des 
lymphatischen Apparats. Knochenmark himbeergeleeartig. 

Mikroskopischer Befund. Lymphdrüsen: Deutliche Trennung der 
Rinden- und Markschicht nicht möglich, hingegen deutliche Differenzen 
zwischen dem eigentlichen adenoiden Lymphdrüsengewebe und den so¬ 
genannten Flemmingschen Keimcentren; die unter normalen Verhält¬ 
nissen vorkommenden Lymphoblasten lassen sich nirgends nachweisen 
und es entspricht das Bild einem durch chronisch*entzündliche Prozesse 
bindegewebig verödeten Lymphdrüsenparenchym; niemals finden sich 
Knochenmarkelemente. Milz: Vermehrung der roten Pulpa, hingegen 
Malpighisehe Körperchen klein und spärlich; Verringerung der lympho- 
cytären Elemente; von pathologischen Zellen Megakaryocyten und außer¬ 
dem herdweise, aber nicht häufig, Myeloblasten. Knochenmark: Dem 
Alter nicht entsprechender zu geringer Fettgehalt; das geleeartige Mark 
zeigt ein ödematös aufgequollenes Bindegewebsgerüsfc, in welchem in 
Massen kernhaltige rote Blutkörperchen neben den gewöhnlichen Knochen¬ 
markelementen liegen; mitunter gruppenweise Myeloblastenhäufchen nnd 
stellenweise Iymphocytäre Zellanhäufungen. Leber: Das Parenchym fast 
völlig verschwunden, im Protoplasma der Leberzellen größere und kleinere, 
vielfach koufluierende Fetttröpfchen; ein wohlerhaltener Leberzellbalken 
kaum irgendwo zn sehen; entzündliche Veränderungen fehlen ebenso wie 
leukämische. Niere: Keine entzündlichen oder leukämischen Prozesse, 
das Bild entspricht vielmehr dem einer chronischen Intoxikation. 

Es wurde also an keinem der untersuchten Organe irgend¬ 
eine leukämieverdäcbtige Stelle gefunden, im Gegenteil befand 
sich der hftmatopoetische Apparat in einem Zustande 
regressiver Metamorphose: Atrophie und Verödung — 
der Effekt toxischer Benzolwirkung. 

Wenn wir die letzten zwei Fülle genauer betrachten und die 
Ergebnisse der Blutuntersuchung zu analysieren versuchen, so 
müssen wir sagen: In beiden Fällen wurde durch die Ben¬ 
zoltherapie der gleiche Effekt der Leukocy tenverminde- 
rung erreicht, aber wie verschieden war dieser Effekt 
in seiner biologischen Wertigkeit! In dem einen Falle (V) 
bedeutete er eine wirkliche Besserung des ganzen Krank- 
1 heitsbildes, am auffälligsten repräsentiert durch das Zurück* 

I treten in eine subleukämische Phase, eine Besserung, die 
durch acht Monate voll anhielt und der Patienten die Ausübung 
| ihres schweren Berufs ermöglichte und die erst später durch das 
j Hinzutreten einer exogenen Noxe etwas verschleiert wurde — g®* 
j wiß ein schöner therapeutischer Effekt, der leider durch die * n y r ’ 

I kurrente Pneumonie abgeschnitten wurde. In dem andern Faij 6 
j wurde nur scheinbar die Aleukämisierung erreicht, 
das aleukämische Blutbild wurde vorgetäuscht durch 
1 schwerste hämocytoblastische Insuffizienz — ©s resu ' 

, tierte ein pseudoaleukämisches Blutbild, 

Welche enorme praktische Bedeutung der Unterscheidung so 
differenter Zufälle zukommt, leuchtet ohne weiteres ©in: Ist de 1 ’ 
eine doch, da er meist eine Besserung anzeigt, sehr erwünsch . 


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während der andere das Signal höchster Gefahr bedeutet, das 
rechtzeitig ins Bewußtsein des Arztes eindringen muß; einwand¬ 
frei ist es nur durch die Blutuntersuchung („Erschöpfungsbefund“; 
siehe Fall VI) vorfahrbar, bei der der Nachweis gestörter Ge¬ 
rinnungsfähigkeit eine bedeutende Rolle spielt, gleichwie von klini¬ 
schen Symptomen der Ausbruch hämorrhagischer Diathese: Kurz¬ 
um das Bild der exogenen - medullären Anämie von 
aplaBtischem Typus. 

Es ist wohl wichtig, anzumerken, daß dieser unerwünschte 
Ausgang bei jeder der vier üblichen Behandlungsformen der 
Leukämie des öfteren beobachtet wurde. Freilich hat dabei den 
Autoren bisher immer die Deutung des Blutbefundes gewisse 
Schwierigkeiten bereitet; uns kommt es auch hier gleichwie bei 
der Analyse der akuten Leukämie auf die Feststellung an, daß die 
funktionell hochdifferenzierten Granulocyten zugunsten 
agranulocytftrer Elemente verschwinden, und wir sehen 
darin das Wesen des ganzen Prozesses. Parallel damit geht die 
enorme Verminderung der Blutplättchen, wie sie bei der myeloischen 
Aleukämie niemals anzutreffen ist. Hierbei möchten wir hervor¬ 
heben, daß wir die den Leukocytenabfall begleitende Plättchen¬ 


vermehrung bei Fall VI in noch eindeutigerer Weise gesehen haben 
als bei V (12). 

Bemerkenswert ist auch noch, daß wir trotz der 
schweren Schädigungen der Eingeweide niemals patho¬ 
logische Harnbestandteile sahen. Wir beobachteten bloß 
Nachdunklung des beim Lassen grünlichen Urins, was 
uns um so mehr auffiel, als diese Erscheinung an den einzelnen 
Tagen trotz gleicher oder gar höherer Benzolgaben verschieden 
war, manchmal völlig fehlte; auch hatte der Urin nicht den 
charakteristischen Phenolgeruch, bei der Analyse aber wurden 
Phenole festgestellt; ein Befund, der kürzlich auf Grund quanti¬ 
tativer Methoden von Boruttau und Stadelmann (16) mitge¬ 
teilt wurde. 

Wir versuchten allerdings auch die Darstellung von 
Mukonsäure aus dem Harne nach Benzolverabreichung, 
was uns trotz Verarbeitung großer Mengen nicht gelang. Damit 
mußte auch unsere Vorstellung von dem Wirkungsmechanismus des 
Benzols fallen oder zumindest unbegründet bleiben, da wir eben 
Jaffeös (17) Befund der Sprengung des Benzolkerns im tierischen 
Organismus beim Menschen nicht bestätigen konnten. (Schluß folgt.) 


Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft. 


Die Vererbung erworbener Eigenschaften 
im Lichte neuerer Forschungen 


von 

Dr. V. Franz, Leipzig-Marienhöhe. 

In der Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften 
läßt das letzte halbe Jahrhundert ein recht bemerkenswertes Auf- 
ond Niederschwanken der Meinungen erkennen, doch anscheinend 
Dicht ohne daß wir dabei allmählich zu bestimmteren Erkenntnissen 
kämen. Der Pendelschlag der Meinungen verkleinert sich nach 
und nach, und wenn er endlich auf einem gewissen Nullpunkte 
zur Rahe kommt, dann sieht — so will es jetzt schon deutlich 
erscheinen — die Sache etwas anders aus als zuvor, dann er¬ 
kennen wir von ihrem Wesen schließlich viel mehr, als wir vorher 
za finden erwartet hatten. 

Bekanntlich gab es eine Zeit, wo niemand daran zweifelte, 
daß die im individuellen Leben erworbenen Eigenschaften sich 
vererben. Man wußte, daß eine Vererbung besteht und zweifelte 
nicht daran, daß sie gleichsam in einer Konzentrierung der jeweils 
sichtbaren Eigenschaften des Elternpaars bestehe. Aus dieser Vor¬ 
stellung fließt nicht nur der in GoetheB „Wahlverwandtschaften“ 
verwertete Glaube, daß beim geistigen Ehebruch das Kind die 
Zöge des im Geiste Geliebten trage, nicht nur der Wunsch mancher 
Mutter, dem noch ungeborenen Kinde die Züge eines lieblichen 
Bildes zu verleihen, das sie selbst oft an schaut, nicht nur der 
gelegentlich anzutreffende Aberglaube, daß eine Frau, die beim 
Ackern auf dem Feld einem Junghasen die Schnauze spaltet, ein 
Kind mit Hasescharte bekommen müsse — und da eine glücklich 
zufriedene Stimmung der Schwangeren für das gute Gedeihen der 
Frucht wesentlich ist, so kann in mancher von jenen Vorstellungen 
ein Körnchen Wahrheit gefunden werden —, sondern aus der 
gleichen Annahme floß auch jene Vererbungstheorie, welche sich 
Darwin zurecht gemacht hatte: seine Theorie der „Pangenesis“ 
(das heißt Erzeugung aus dem Ganzen heraus) besagte, daß von 
allen Zeilen des Körpers gewisse Partikelchen, Gemmulae zu 
uennen, sich abspalten und den Zeugungsprodukten Zuströmen. 
Bei einer derartigen, noch vor 50 Jahren nützlich gewesenen An¬ 
sicht würde allerdings die Vererbbarkeit des Erworbenen nicht auf 
die geringsten Schwierigkeiten Btoßen. 

Der eigentliche Strom des LebenB geht aber, in den mehr- 
zelligen Lebewesen wenigstens, wie die Zoologen mit dem Fort¬ 
schreiten der Mikroskop- und Mikrotomtechnik erkannten, einen 
direkteren Weg. Diejenigen zelligen Elemente, welche im reifen 
Organismus Ei- und Samenzellen liefern, die „Keimzellen“, werden 
bereits auf außerordentlich früher embryonaler Stufe, nämlich 
spätestens auf dem Gastrulastadium, ausgebildet und zu vorläufiger 
buhe deponiert. Sie treten also erst wieder in Aktion, wenn der 
r ganismus, herangewachsen und herangereift, sich fortpflanzen 
soll, dagegen tritt jenes sogenannte „Keimplasma“ mit dem ganzen 
übrigen Organismus, doni „Soma“, in keinerlei nachweisbare Wech«el- 
cnehung, abgesehen von den allgemeinsten Stoffwcchselvorgängen. 
an natürlich auch die Keimzellen teilnohuien müssen. Die 


Gesamtheit der übrigen Zellen, auf denen die Bildung des ganzen 
Körpers und seine Lebensfunktionen beruhen, ist also gleichsam 
nur ein auseinanderfließender und schließlich rasch versiegender 
Seitenzweig des eigentlichen Lebensstroms, er kann auch auf¬ 
gefaßt werden als ein Mittel, den Fortbestand der Keimzellen von 
einer Generation zur andern zu gewährleisten, oder anders aus¬ 
gedrückt: die Ausbildung des vielzelligen Körpers ist eine Art 
Brutpflege, die nur im Reiche der Einzelligen nicht ausgebildet ist. 
Wenn aber dem so ist, dann ist es zunächst schwer vorstellbar, 
wie ein Reiz, der die Körperzellen des erwachsenen Individuums 
trifft, noch auf die Keimzellen der nächsten Generation übergehen 
könne. Von derartigen Anschauungen ausgehend, sind denn auch 
den Forschern ernste Zweifel gekommen, ob man eine Vererbbar¬ 
keit des Erworbenen im Ernst annehmen könne; und bekanntlich 
erwiesen sich nach und nach alle ehemals angeführten angeblichen 
Beispiele, wonach z. B. eine Kuh, die sich ihr Horn abgestoßen 
hatte, ein Kalb mit gleichfalls mißgebildetem Home geworfen habe 
oder ein Stier mit verstümmeltem Schwänze schwanzlose Kälber 
zeugte und schwanzlose Katzen von einer verstümmelten Mutter 
herstammen sollten, als unverbürgte Anekdoten. Noch geringer 
wurde die Zahl derer, die an Vererbung des Erworbenen glaubten, 
als Weismann sich entschloß, 22 Generationen hindurch Mäusen 
die Schwänze abzuschneiden und die Nichtvererbbarkeit dieser 
Verstümmelung zu beweisen. Es kam damit eine Zeit, in welcher 
nach und nach immer weniger Biologen eine Vererbung erworbener 
Eigenschaften für unmöglich hielten, sondern selbst ehemalige treue 
Freunde dieser Lehre sich von ihr abkehrten. So bekannte 
A. Lang auf der Zoologenversammlung im Jahre 1909, daß auch 
er zu den „getäuschten Aktionären“ gehöre. 

Aber es haben sich im Laufe des letzten Jahrzehnts eine 
Menge Beobachtungen angehäuft, wonach, wie man schließlich er¬ 
kannte, eine Vererbung des vom Individuum Erworbenen in be¬ 
stimmten Fällen auch bei Vielzelligen unzweifelhaft eintritt. 

Es sind dieser Fälle jetzt schon so viele, daß wir uns hier 
darauf beschränken müssen, nur die markantesten kurz zu er¬ 
wähnen. Der erste derartige Fall, dessen Entdeckung (1894) großes 
Aufsehen erregte, war der durch Standfuß und durch Fischer 
geführte Nachweis, daß Einwirkung von Kälte auf Schmetter¬ 
lingspuppen nicht nur zur Entstehung von dunkler gefärbten 
Faltern führt, sondern daß auch eine von diesen künstlich be¬ 
einflußten Faltern gezeugte, unter normalen Bedingungen auf¬ 
gezogene Generation die ihren Eltern aufgezwungene Veränderung 
noch in freilich abgeschwächtem Maße wiederum zeigt. 

Groß ist auch die Zahl der Beispiele für Vererbung er¬ 
worbener Eigenschaften bei Amphibien, und Kämmerers Unter¬ 
suchungen über diesen Gegenstand sind wohl schon so bekannt, 
daß wir sie nur noch in Kürze erwähnen dürfen. So sei denn in 
Erinnerung gebracht, daß es Kämmerer gelang, unserm bekannten 
schwarz- und gelbgefleckten Feuersalamander (Salamandra maculosa) 
durch veränderte Lebensbedingungen einen veränderten, und zwar 
t erblich veränderten Fortpflanzungsmodus aufzuzwingen. Entzieht 
| man nämlich diesen Tieren das Wasser, dessen sie zur Ablage 
, ihrer Larven gewöhnlich bedürfen, so verläuft ein immer größerer 


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Abschnitt der Larvenentwicklung im Mutterleibe, und es werden 
schließlich fertig ausgebildete kleine Salamandor, aber nur in 
geringer Anzahl (zwei bis sieben Stück) geboren. Diese nun haben, 
auch wenn unter normalen Lebensbedingungen gehalten, noch die 
veränderte Fortpflanzungsweise, wenn auch in abgeschwächtem 
Maße. Mit der Veränderung der Fortpflanzungsweise geht eine 
gleichfalls erbliche Veränderung der Farbe im Sinne des zu¬ 
nehmenden Schwarz einher. Mit einem Worte, der Feuersalamander 
bekommt durch Darbietung der Lebensbedingungen des Alpen- 
B&lamanders mehr oder weniger die Eigenschaften des Alpensala¬ 
manders aufgezwungen. 

Aehnlich läßt sich z. B. beim Laubfrosch (Hyla arborea) 
der Entwicklungsgang künstlich erblich modifizieren. Wie die 
Frösche und Kröten, legt der Laubfrosch seine Eier in großer 
Zahl ins Wasser. Entzieht man ihm dieses aber und stellt ihm 
dafür gewisse Blattpflanzen mit dütenförmig eingerollten jungen 
Blättern zur Verfügung, so legt er seine Eier in diese Blattdüten; 
aus diesem Dütenei schlüpft die Larve erst auf einem viel späteren 
Stadium als normal aus und entwickelt einen zwerghaften, doch 
fortpflanzungsfähigen Laubfrosch. Diese Zwergfrösche legen, falls 
man ihnen Wasser darbietet, zwar ihre Eier wieder ins Wasser ab, 
trotzdem aber schlüpfen auch jetzt noch die Larven auf etwas 
späterem Stadium aus. Es hat sich also auf sie der ihren Vätern 
und Müttern aufgezwungene veränderte Fortpflanzungsmodus deut¬ 
lich, wenigstens teilweise, vererbt. 

Noch ein ähnliches Beispiel sei erwähnt, die Geburtshelfer¬ 
kröte (Alytes obßtetricans). In Abweichung von den meisten 
Fröschen und Kröten legt dieses Tier nur wenige relativ große 
Eier mit dünner Gallerthülle, und zwar auf dem Lande ab, wo das 
Männchen sich die Eierschnur um die Hinterschenkel wickelt. 
Zwingt man nun durch ungewöhnliche Wärme die Geburtshelfer¬ 
kröten, das Wasser aufzusuchen, so legen sie ihre Eier wie gewöhn¬ 
liche Kröten ins Wasser, geben also ihre Brutpflege vollständig 
auf, und die Larven schlüpfen wie bei den gewöhnlichen Kröten 
auf früherem noch kiementragenden Stadium aus. Auch dies 
Verhalten ist wiederum vererbbar, denn im Laufe mehrerer in 
Wasser gehaltener Generationen wird die „Krötenähnlichkeit“ der 
Geburtshelferkröte immer größer: Die Eier werden immer kleiner 
(dotterärmer), bekommen aber immer dickere Gallerthüllen, ja 
unter andern bekommen die Männchen schließlich sogar als An¬ 
passung an das schwierigere Festhalten der Weibchen im Wasser 
rauhe Brunstschwielen, wie sie sonst für Frösche und Kröten, 
nicht aber für die Geburtshelferkröte charakteristisch sind. 

Endlich noch ein Beispiel aus den Kammererschen Ver¬ 
suchen: Durch Kombination verschiedener entwicklungshemmender 
Faktoren (Dunkelheit, Kälte des Wassers, Mästung nach Nahrungs¬ 
verkürzung, vorzeitige, operative Entnahme des Embryos aus dem 
Ei), ist es möglich, von der Geburtshelferkröte eine geschlechts- 
reife große Krötenlarve zu erzielen, und diese vererbte dann auch 
ihre Entwicklungsverzögerung wiederum auf ihre Nachkommen, 
die jahrelang auf einem gewissen Larvenstadium stehenblieben. 

In allen diesen und noch anderweitigen Fällen sind die 
Eigenschaften der Tierarten künstlich durch abnorme Lebensbedin¬ 
gungen hochgradig, und zwar erheblich verändert worden; aller¬ 
dings ist in allen diesen Fällen sicher anzunehmen, daß bei fort¬ 
gesetzter Züchtung unter normalen Lebensbodingungen auch dio 
normalen Eigenschaften in vollem Umfange wiederkehren werden. 

Gegen die Standfuß-Fischerschen sowie gegen die 
Kamm er er sehen Versuche sind verschiedene Einwände erhoben 
worden; so machte Fischer schon selbst darauf aufmerksam, daß 
bei scheinbarer Vererbung des Erworbenen in Wirklichkeit viel¬ 
leicht nichts anderes als eine versteckte Selektion vorliegen könne. 
Es wurde ja immer nur dasjenige Tier zur Nachzucht verwendet, 
welches eine besondere Abweichung aufwies, sodaß man sagen 
könnte, gerade ihm sei diese Eigenschaft oder deren Entwicklung 
angeboren gewesen. Es läge keine Vererbung erworbener, sondern 
eine Vererbung angeborener Eigenschaften vor. Diesem Einwande 
jedoch können die tatsächlichen Verhältnisse wenigstens bei den 
Amphibien wohl kaum zur Stütze dienen. 

Anders steht es um folgenden Einwand: Man hat gesagt, in 
allen jenen Fällen handle es sich überhaupt nicht um Vererbung 
neu erworbener Eigenschaften, sondern lediglich um die Her Vor¬ 
kehrung von Fähigkeiten, die von sehr alter Zeit her 
bereits den betreffenden Tierarten innewohnten. Es sei 
damit im Grunde etwas Aehnlicbes wie mit den Dimorphismen 
oder Polymorphismen, welche in Abhängigkeit von den Lebens¬ 
bedingungen bei mancher Tier- und Pflauzenart ausgebildot sind. 
Der Schmetterling Vanessa levana hat drei Formen, eine Sommer-, 


Herbst- und Frühjabrsform, und je nach den Temperaturbediugungen 
kann die Herbstform zur Ausbildung gelangen oder unterdrückt 
werden. Manche Pflanze, wie z. B. Ranunculus purshii, hat 
zwei Ausbildungsformen, und je nachdem sie im Wasser oder auf 
feuchtem Sande gedeihen muß, erzeugt sie diese oder jene Blatt¬ 
form. Sollte die Sache vielleicht so liegen, daß die Geburtshelfer¬ 
kröte außer der uns allen bekannten Ausbildungsform auch noch 
eine zweite annehmen kann, daß sie bei Wassermangel nämlich 
veränderte Lebensweise und Instinkte annimmt? Sollte auch der 
Feuersalamander von alters her die Fähigkeit besitzen, das Larven¬ 
leben unter Verminderung der Larvenzahl zu verkürzen? Dieser 
„Einwand“ scheint mir nicht unberechtigt, er hat um so mehr für 
sich, als jene erblichen Veränderungen bei den Amphibien 
größtenteils Zweckmäßigkeitscharakter erkennen lassen; denn wenn 
der Feuersalamander, in die Lebensbedingungen des Alpensala- 
manders gebracht, dessen Fortpflanzungsmodus und auch zumTeü 
dessen Farbe annimmt, so kann das für ihn nur zweckmäßig sein, 
ebenso wenn umgekehrt der Alpensalamander im entgegengesetzten 
Falle sich in seinen Eigenschaften dem Feuersalamander anähnelt, 
oder wenn die Geburtshelferkröte unter denjenigen Lebensbedin¬ 
gungen, in denen sonst die gewöhnlichen Kröten leben, auch den 
Fortpflanzungsmodus der gewöhnlichen Kröten annimmt. Es scheint 
mir durchaus annehmbar, daß diese Tiere schon lange vor Ver¬ 
suchsbeginn mit der Potenz zur erblichen Umänderung ihrer Eigen¬ 
schaften je nach den Milieubedingungen belähigt sind, es läge 
dann eine gewisse Verschiebbarkeit der ganzen Organisation 
vor, eine Fähigkeit, gleich mit mehreren Generationen 
zweckmäßig auf die veränderten Außenbedingungen zu 
reagieren, und in jenen Versuchen bandelte es sich allerdings 
nicht um Vererbung „neu“erworbener Eigenschaften. Trotz alle¬ 
dem bleibt es Vererbung erworbener Eigenschaften. 

Daß ein derartiges Anpassungsvermögen im tierischen Or¬ 
ganismus wohnt und nicht verloren geht, auch wenn es jahrelang 
und noch länger schlummert, scheinen mir auch die neuesten und 
interessantesten Beobachtungen Kämmerers am Olm (Proteus 
anguineus) gezeigt haben. Dieses blinde Tier, welches seit un¬ 
gezählten Generationen in der Adelsberger Grotte und in sonstigen 
Höhlen des Karst lebt, jegliche Hautfarbe verloren und nur noch 
ganz winzige rudimentäre Augen behalten hat, wird am Tageslicht 
der Erdoberfläche nicht nur dunkelbräunlich gefärbt, sondern, wenn 
man cs von Geburt ab im Hellen hält, wird das blinde Tier 
sehend, bekommt schöne große Augen mit vorzüglich ausgebildeter 
Retina, Linse und sonstigen Teilen des Augapfels, während im 
gewöhnlichen rudimentären Olm äuge die Linse sich nach der Ge¬ 
burt bis zum völligen Schwunde reduziert; ein Anpassungs¬ 
vorgang, wie man ihn in der Höhezeifc des Weismannismus wohl 
kaum für möglich gehalten hätte, denn damals hätte man das 
Werden oder Vergehen eines Auges nur durch Variation und Se¬ 
lektion, nicht durch direkte Reiz Wirkung für möglich gehalten. 
W'ir brauchen nun auch heute nicht an das „Wunder“ zu glauben, 
daß das Licht imstande sei, ganz einfach durch Einwirkung auf 
einen Organismus an diesem ein lichtaufnehmendes Organ, ein 
Auge, hervorzurufen, wohl aber verstehe ich mich, nachdem wir 
insbesondere beim Amphibienorganismus eine derartige Labilität 
bereits kennengelernt haben, nicht ungern zu der Annahme, daß 
dem Olm die Fähigkeit, je nach der vorhandenen Lichtmenge ent¬ 
weder ein Auge auszubilden oder es zu unterdrücken, eigen sei 
und auch durch ungezählte Generationen nicht verloren gehen kann. 

Derartige Erwägungen geben denn wohl auch die Erklärung 
ab für einen merkwürdigen Fall aus dem Bereiche der Fische, 
der unlängst von Thienemann beschrieben und geradezu als Art- 
Veränderung aufgefaßt wurde. Im Laufe von nur 36 Jahren hat 
sich im Laacher See aus vom Bodenseo importierten Felchen (Core- 
gonu fera) eine neue Tierform, der Silberfelchen, entwickelt, die 
sich von der Stammart unterscheidet durch schlankere und völlig 
pigmentfreie Larvenstadien sowie durch viel stärkeren Silberglanz 
(wie sie auch andern Felchenarten der Alpenseen im Gegensatz zu 
der Art des Bodensees eigen sind), durch viel dichter stehende 
Kiemenreusenzähne von erheblicherer Länge und anderes mehr. 
Das verschiedene Aussehen der Larven und die veränderte Färbung 
der Vollfische kann als Anpassung an das viel klarere, durch* 
sichtigere und planktonärmere Wasser der Alpenseen aufgefa» 
werden, die Veränderungen der Kiemenreuse als Anpassung an die 
Ernährungsweise, denn die Tiere, die sich im Bodensee haupt¬ 
sächlich von grundbewohnenden Organismen ernähren, sind im 
Laacher See zu Planktonfressern goworden. Es ist nicht mög¬ 
lich, die Entstehung dieser zweckmäßigen Veränderung vieler Eigen¬ 
schaften in 40 Jahren gleich sieben Generationen durch die Theorie 


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7. März. 


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der natürlichen Auslese (Darwin-Weismann) zu erklären, denn 
dafür ist der Zeitraum offenbar viel zu kurz. Eine Erklärung ist 
für diesen Fall überhaupt noch nicht aufgestellt worden. Mir 
scheint, er erklärt sich am einfachsten durch die Annahme, daß 
dem Organismus der Coregonus fera ein für allemal die Fähigkeit 
innewohne, unter den einen Lebensbedingungen diese, unter 
andern jene Beschaffenheit anzunehmen, daß also auch hier nicht 
eigentlich eine Eigenschaft neu erworben, sondern eine seit alters 
vorhandene Fähigkeit nur aufs neue hervorgekehrt ist. 

Die im Vorstehenden erwähnten Beispiele kann man auch 
dahin zusammenfassen, daß es offenbar eine zu weitgehende Aus¬ 
druckweise wäre, wollte man von eigentlichen Artveränderungen 
im Sinne von Entstehung neuer Arten und von eigentlicher Ver¬ 
erbung des Erworbenen im Sinne yon Neuerworbenem sprechen; 
und das ist die negative Seite der Sache. Die positive Seite liegt 
darin, daß man, ohne den Gedanken an die Artkonstanz aufzu- 
geben, doch innerhalb der einzelnen Tierart eine stärkere und 
zvar erhebliche Schwankung als möglich erkennt, als man ehedem 
je angenommen hat, Schwankungen, die als von alters her immer 
vorhandene zweckmäßige Anpassungsfähigkeiten gegenüber den 
Aenderungen der äußeren Lebensbedingungen aufzufassen sind. 

Die Zweckmäßigkeit, die wir damit als dem Organismus 
innewohnend erkennen, ist offenbar eine höcht erstaunliche. Das 
wissen wir ja schon lauge, daß der einzelne Organismus auf allerlei 
Einrichtungen zweckmäßig reagiert, wie das schon das Hart- und 
Unempfindlichwerden unserer Haut an den Händen bei roher Arbeit 
oder die Bräunung der Haut durch starken Sonnenschein lehrt. 
Daß aber diese zweckmäßige Reaktion so weit geht, oder anders 
ausgedriiekt: daß der harmonisch auf die Erhaltung der Art hin- 
arbeitenden Zusammenhänge im lebenden Organismus so viele und 
bo feine sind, daß eine Reaktion sich nicht auf das Individuum 
beschränkt, sondern auch bei seinen Nachfahren noch wiederkehrt, 
dies ist uns etwas Neues und Ueberraschendes, fast möchten wir 
sagen etwas Wunderbares, wobei wir jedoch uns gegenwärtig 
halten wollen, daß für den Darwinisten keine Zweckmäßigkeit 
wirklich „wunderbar“ ist, sondern jegliche durch Auslese in hin¬ 
reichend langen Zeiträumen nach und nach entstanden sein kann. 

Diese über das Individuum hinausreichenden zweckmäßigen 
Reaktionen, die leicht als Vererbbarkeit des Erworbenen in die 
Erscheinung: treten, sind übrigens möglichenfalls noch viel weiter 
im Tierreich verbreitet, als wir ob bisher sicher wissen. So 
gibt es denn auch einschlägige Beispiele aus dem Bereiche der 
Säugetiere. Wir wollen da zunächst eines Hinweises von 
R. Semon gedenken, indem wir erwähnen, was er Über die 
Vererbbarkeit von anerzogenen Fertigkeiten bei Hunden nicht 
gerade als erwiesen, aber doch als sehr diskutabel hinstellt: 
wenn der Hundezüchter annimmt, daß sich die anerzogene Fähig¬ 
keit zum Apportieren oder zum Vorstehen bei Jagdhundrassen bei 
der Nachzucht wiederhole, so könne hier kaum eine zufällige 
Keimesvariation und Vererbung einer bloß angeborenen Fähigkeit 
vorliegen, denn das Vorstehen unter Verzicht auf das eigene Ein- 
greifen des Wildes, wie es wirklich guten Vorstehhunden eigen 
ist, ist etwas der natürlichen Jagdart dieser Tiere so weuig Ent¬ 
sprechendes, etwas so auf das gemeinsame Jagen von Schützen 
und Hunden Zugeschnittenes, daß das spontane Auftreten von In¬ 
stinktvariationen in dieser Richtung eine ziemlich unwahrschein¬ 
liche Annahme ist. Aehniiches gilt vom Apportieren, von fix und 
jsrtig ererbter Fähigkeit, zu „bitten“ und „aufzuwarten“, wofür 
Beispiele von zuverlässigen Beobachtern durch Lloyd Morgan 
gesammelt wurden. 

Beachtenswerter noch sind die experimentellen Untersuchungen 
von Sumner an weißen Mäusen und von Przibram an Ratten, 
welche übereinstimmend die Folgen der Temperatureinwirkung als 
vererbbar erwiesen. In der Wärme aufgezogene Mäuse bekamen 
Wien lichteren Haarpelz als die zum Kontroll versuche verwendeten 
Kälwmäuse, welche ein dichteres Haarkleid und eine Vermehrung 
der Zahl der Haare aufwiesen. Ferner erlangten bei den Wärme- 
mausen Ohren, Schwänze, Füße eine Länge, die die der Kälte- 
mause um 12 bis BO o/ 0 übertraf. Die Wärmemäuse erhielten so¬ 
mit Eigenschaften, wie sie im allgemeinen den Bewohnern wär¬ 
merer Gegenden eigen sind, und Entgegengesetztes gilt für die 
äaltemäuse. Entsprechendes ließ sich bei den Hitzeratten Sumners 
oezuglich des Haarkleids sowie einer gewissen Verringerung der 
gesamten Körpergröße nachweisen. In manchen Fällen schon bei 
er ersten, spätestens aber bei der vierten Generation wurde deut¬ 
et, daß die künstlich anerzogenen Eigentümlichkeiten auch bei 
er Nachkommenschaft, wenn diese vom Moment der Empfängnis 
a bcl normaler Temperatur aufgezogen wurde; wiederkehrten. 


Man muß hiernach übrigens mit der Möglichkeit rechnen, 
daß auch beim Menschen eine gewisse Vererbbarkeit erworbener 
Eigenschaften vorhanden ist, denn was für das Tierreich und 
Pflanzenreich in großer Ausdehnung und speziell auch für die 
Säugetiere zutrifft, muß auch für Homo sapiens gelten. Eine 
andere Frage ist, ob sich etwas Derartiges sehr deutlich und in 
praktisch bedeutungsvollem Maße bemerkbar machen wird. Un¬ 
möglich wäre dies durchaus nicht. Beim Uebersiedeln in ein 
anderes Klima könnten sich, obschon wir die natürliche Wärme¬ 
regulation des Körpers durch die Art unserer Bekleidung unter¬ 
stützen, immerhin in einigen Generationen eine Vererbbarkeit ge¬ 
wisser Klimaeinwirkungen ergeben. Schließlich erscheint es heute 
wenigstens nicht mehr von vornherein unmöglich, daß die starke, 
durch Uebung erworbene Muskulatur oder der verfeinerte Zustand 
eines auf dem einen oder andern Gebiete besonders geschulten 
Gehirns auch bei der Nachkommenschaft eine gewisse Veränderung 
in gleichem Sinne bewirkt. 

Manche neueren Erfahrungen deuten an, daß auch beim Ein¬ 
zeller scheinbare Neuerwerbungen und Vererbung des Erworbenen, 
also scheinbare erbliche Artveränderungen in Wirklichkeit nur die 
Bedeutung von Hervorkehrungen alter, längst innewohnender 
Fähigkeiten haben. 

Dafür wollen wir einige Beispiele anführen, teils aus den 
Trypanosomen, teils aus den Bakterien, also aus den zwei 
Protisten gruppen, die unter anderm durch eine häufige Unbestän- 
i digkeit ihrer Arten berühmt sind und aus diesem Grunde bereits 
i Anlaß zu verschiedenen Spekulationen über Artentstehung usw. 

! gegeben haben, Spekulationen, die meist von dem Gedankon aus- 
| gehen, daß bei den „niedersten“ Lebensformen die Beständigkeit 
der Arten wohl „noch“ nicht in demselben Maße wie bei „höheren“ 
ausgebildet sein könnte. 

Was zunächst die Trypanosomen betrifft, so ist behauptet 
worden, daß diese Organismen in einer wenn auch nicht großen 
Anzahl von Individuen gegen Arsenverbindungen wie das Atoxyl 
giftfest, „atoxylfest“, werden können, und daß diese wenigen, gift¬ 
fest gewordenen Individuen von diesem Tag ab eine giftfeste 
Rasse bilden, also durch Vererbung einer erworbenen Eigenschaft 
eine neuo Organismenform geworden sind. Ebenso sollten die 
Trypanosomen gegen die vom lebenden Wirtskörper ausgebildeten 
Schutzstoffe (Toxine) „serumfest“ werden können. 

Dies ist jedoch, wie neuere, über längere Zeit hin aus¬ 
gedehnte Beobachtungen gezeigt haben, nur der erste Anschein. 
Wenn das durch die Tsetsefliege übertragene Trypanosoma brucei 
der Huftiere oder das Trypanosoma equiperdum der Beschälseuche 
(Dourine) der Pferde, oder das in Südamerika von Argentinien 
bis zum Amazonen zu fürchtende Trypanosoma equinum, der Er¬ 
reger der „Kreuzlähme“ oder „Kruppenkrankheit“ („Mal de Ca- 
deras“) der Pferde, wenn diese Trypanosomen wirklich serum fest 
zu werden vermöchten, dann müßten ja, da diese Krankheiten bei 
den Tieren meist chronisch verlaufen, schon die weitaus meisten 
von letzteren gewonnen und in unserra Laboratorium in Mäusen oder 
Ratten fortgezüchteten Trypanosoraonstämme gleichfalls serumfest 
sein. Das ist indessen nie der Fall, und für diese Tatsache haben 
neuerdings H. Braun und L. Teich mann die einwandfreie Er¬ 
klärung zu geben vermocht. Diese Autoren züchteten nämlich 
anfänglich serumfeste Trypanosomenstämme in weißen Mäusen und 
bemerkten, daß im Laufe eines halben Jahres, während welcher 
Zeit die Protozoen von Maus zu Maus verimpft wurden, sie ihre 
Festigkeit gegen Impfung mit Immunserum vollständig verloren 
und wieder zum Ausgangsstadium zurückkehrten. Es wird also 
von ihnen eine Eigenschaft (die Serumfestigkeit) nicht für immer, 
sondern nur vorübergehend erworben, und man muß diesen Zu¬ 
stand als eine physiologische Variabilität auffassen (oder als „einen 
Zwangszustand, dessen sich das Trypanosoma wieder zu entledigen 
sucht“) und kann in der Fähigkeit, die Serumfestigkeit zu er¬ 
werben, nur eine den genannten Protozoen von alters her inne¬ 
wohnende, für die Erhaltung der Art natürlich äußorst zweck¬ 
mäßige Eigenschaft erblicken. Mithin liegt hier etwas ganz ähn¬ 
liches vor wie z. B. beim Laubfrosch, der, wie wir oben aus¬ 
führten, bei Wassermangel eine veränderte Fortpflanzungsweise, 
wenn man will, eine „Festigkeit gegen Wassermangel“ annimmt,’ 
und zwar gleichfalls für mehr als eine Generation. 

Noch nicht ganz so klar sehen wir z. Z. bei den Bakterien. 
Hier ist vielmehr die Meinung, daß durch experimentelles Ein¬ 
wirkenlassen äußerer Faktoren erblich konstante neue Arten er- 
i zeugt werden können, noch durchaus die herrschende. Dem „Pro- 
, blem der experimentellen Artbildung“ stehon viele Tatsachen in 


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diesem Sinne zur Verfügung 1 )* So gelingt es, das Bacterium pro- 
digiosum, den Erzeuger des „Bluthostienwunders“, durch erhöhte 
Temperaturen oder Gifteinwirkung (Kupfersulfat und anderes) zur 
Einstellung der Farbstoffbildung zu veranlassen. Zunächst schlägt 
er nach kurzem Aufenthalt im Brutkasten wieder ins Kote zurück, 
und das spricht ja ganz im Sinn unserer hier dargelegten Auf¬ 
fassung. Nach sehr langem Aufenthalt im Brutkasten aber ist 
di« Rasse dauernd und ins Weiße „transformiert“, desgleichen 
nach Zusatz von Sublimat zum Nährboden, welches in einem 
andern Fall auch eine Veränderung des Farbstoffs ins Dunkelrot 
zur Folge hat: In diesen Fällen schlägt zwar ein Teil der Deszen¬ 
denten wieder zur Ausgangsform zurück, ein anderer Teil aber hat 
die Veränderung anscheinend dauernd erworben. 

Aus dem Darmkanal des Menschen hat man einen Spalt¬ 
pilz, Bacterium coli mutabile, isoliert, der folgendes Verhalten 
zeigt: Auf milehzuckerhaltiger Nährlösung ausgesät, verhält er 
sich anfangs ganz indifferent wie das ihm verwandte Bacterium 
typhi, der Erreger des Unterleibstyphus; nach einiger Zeit aber 
zersetzt er den Milchzucker unter energischer Bildung von Milch¬ 
säure und wird damit dem gewöhnlichen Bacterium coli (dem er 
auch in seiner Gestalt äußerst nahe steht) sehr ähnlich. Aus dem 
Bacterium coli mutabile ist damit — so sagt man im Sinne der 
Annahme, daß eine experimentelle Artneubildung gelungen sei — 
ein sogenanntes Bacterium coli mutatum geworden, welches diese 
Fähigkeit zur Milchzuckerzersetzung dauernd beibehält, auf welchen 
Substraten man es auch weiter züchtet. 

Ebenso läßt sich aus Gras, Rinderkot usw. ein Bacterium 
züchten, welches, Bacterium imperfectum genannt, in Malz- oder 
Traubenzucker, den man dem Nähragar zusetzte, sauerst off frei zu 
wachsen vermag, in rohrzuckerhaltigem Agar aber, wie cs zunächst 
scheint, nicht. Am vierten Tag indessen sieht man, wie ein 
kleiner Teil der Keime auch im Rohrzucker die Fähigkeit des 
Wachstums im sauerstofffreien Raum auf Kosten des Zuckers er¬ 
langt hat, man nannte diese an den Rohrzucker angepaßte De- 
scendens Bacterium perfectum. Die einmal erlangte Befähigung 
zur Rohrzuckerzerlegung bleibt nun wiederum dauernd in vollem 
Umfang erhalten, unabhängig von der Qualität des Nährbodens, 
auf dem man das Bacterium perfectum weiter züchtet. 

Aehnliche Fälle gibt es noch eine beträchtliche Anzahl. 
Ihnen gegenüber ist aber immer noch die Frage berechtigt und 
tatsächlich schon von den Untersuchern ausgesprochen worden, 
ob cs sich wirklich um Neuerwerbung von Fähigkeiten handelt, 
oder ob nicht vielmehr schon die Vorfahren die Fähigkeit, die 
scheinbar neue Eigenschaft zu betätigen, z. B. die neue Zuekerart 
zu verarbeiten, schon besessen haben und dieselbe nur im Laufe 
der Zeit, infolge hierfür ungeeigneter Bedingungen, verloren ge¬ 
gangen ist. Hören wir weiter, daß diese Bakterien sich sogar an 
solche Zuckerarten wie Rhamnose und Raffinose gewöhnen können, 
also an Stoffe, von denen man annehmen darf, daß sie den Vor¬ 
fahren in der Natur wohl kaum jemals begegnet sein werden, so 
ist doch immer noch die Annahme möglich, daß die Befähigung 
zur Zerlegung der Rhamnose oder Raffinose zufällig auf denselben 
uns noch unbekannten Eigenschaften des Protoplasmas beruht wie 
zur Zerlegung irgendeines andern in der Natur häufigen Kohle¬ 
hydrats. Diese Vermutung liegt um so näher, als auch in zahl¬ 
reichen andern Fällen Stoffe, die in der Natur gleichfalls nur sein 


selten Vorkommen, von vielen Mikroorganismen zersetzt werden 
können. 

Die nackten Tatsachen gestatten allerdings bis jetzt keine 
Entscheidung in dieser Frage. Also haben auch wir hier nicht 
die Aufgabe, eine bestimmte Entscheidung *zu fällen. Wohl aber 
dürfen wir die e i n e Vermutung als wahrscheinlicher hinstellen als 
die andere, wenn wir gewisse allgemeine Erwägungen dafür ins 
Feld führen. 

Mir scheint, wir stehen vor folgender Alternative: Wenn 
man annimmt, daß die Bakterien die primitivsten Organismen seien 
und daß aus diesem Grunde die Entstehung neuer Arten bei ihnen 
ein Vorgang, den wir fast im ganzen Organismenreiche gegenwärtig 
so gut wir nirgends zu verfolgen Gelegenheit haben, eher als bei 
andern Organismen möglich sei, dann wird man auch die oben¬ 
erwähnten Fälle wirklich als gelungene Artbildungsexperimente zu 
deuten geneigt sein. 

Wenn man dagegen den Bakterien eine derartige phylogene¬ 
tische Jugend nicht zuerkennen will, sondern sich vielmehr zu 
der Ansicht bekennt, daß alle heute lebenden Organismen und 
Organismenstämme Endglieder unendlich langer Entwicklungs¬ 
reihen sind, da es kein „Höher“ und „Nieder“ gibt, dann wird 
man Bedenken tragen, dem Bakterienstamme weitergehendere art¬ 
bildende Potenzen zuzuerkennen als irgendwelchen andern Or¬ 
ganismen, dann wird man lieber die Erscheinungen auch bei den 
Bakterien so deuten, wie wir oben entsprechende Beobachtungen 
bei Amphibien, Fischen, Säugern und — Trypanosomen deuteten 
und deuten mußten. Dann müssen wir auch bei den Bakterien 
die scheinbaren Artneubildungen als bloße Hervorkehrungen 
altinnewohnender Fähigkeiten auffassen. 

Von diesem Standpunkt aus muß es als das wahrscheinlichere 
erscheinen, daß auch bei Bakterien nicht andere Verhältnisse in 
bezug auf die Fähigkeit der Artveränderung herrschen, als bei 
allen sonstigen Organismen. Nehmen wir also einstweilen an, daß 
dies so ist, und formulieren wir dann unsere Schlußsätze. 

Gibt es eine Vererbung des Erworbenen? 

Ganz allgemein gewiß nicht, wohl aber haben zahlreiche 
Organismen, die einen in höherem, die andern in geringerem Grad 
— unter ihren vielen zweckmäßigen Eigenschaften auch d i e, d a ß 
sie sichanveränderteLebensbedingungen durch 
morphologische oder physiologische Verände¬ 
rung ihrer Organisation anpassen können und 
daß diese Veränderungen über das Individuum 
hinaus durch mehrere Generationen bestehen. 

Es gi b t also eine Vererbung des Erworbenen im Rahmen 
einer gewissen angestammten Variations¬ 
breite, von deren Vorhandensein wir früher 
keine Ahnung hatten. 

Wir wundern uns im allgemeinen nicht mehr allzusehr über 
die Zweckmäßigkeit, die wir in der Organisation und in der 
Funktionsweise der tierischen und pflanzlichen Organisation all¬ 
überall finden. Hier aber stoßen wir sozusagen auf eine Zweck¬ 
mäßigkeit höheren Grads. Die Organismen brauchen in geeigneter 
Weise angepaßte Gestalten oder Tätigkeiten nicht erst im Daseins¬ 
kämpfe vieler Generationen zu erwerben, sondern sie reproduzieren 
sie einfach gemäß alterworbener Wechselmöglichkeiten, und schon 
diese Fähigkeit mögen sie im Kampf ums Dasein in urgrauen 
Zeiten erworben haben. 


Referatenteil. 


Redigiert von Obermt 

Sammelreferat. 

Lungentuberkulose 

von Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, (Med. Klinik, Bonn). 

Der Krieg hat die Tuberkulosebekämpfung schwer gestört. 
Die Schonung noch arbeitsfähiger Tuberkulöser, die bisher als 
therapeutische Panaeee angesehen wurde, konnte nicht mehr auf¬ 
rechterhalten werden. Wohl werden zahlreiche Tuberkulöse, die 
in den Heeresdienst eingestellt sind, die Anstrengungen des Feld¬ 
dienstes gut aushalten, viele jedoch werden sicherlich Schaden 
nehmen. Jeder, der im Kriegssanitätsdienst mit tätig ist, wird 
wohl solche Erfahrungen gemacht haben. Die Tuberkulösen, die 
nicht eingezogen sind, sind auch zum Teil schlecht daran. Die 

i) Vgb W. Benccke, Bau uud Leben der Bakterien. Leipzig 1912, 
B G. Teubner. An die tatsächlichen Angaben in diesem Buche schließe 
ich mich im folgenden eng an, die theoretische Bedeutung der Tatsachen 
ist aber eine versehiedenc. 


Dr. Waltor Wolff, Berlin. 

meisten Aerzte, die in Heilstätten und Fürsorgestellen gearbeitet 
haben, sind w r egberufen. Die Folge ist die Schließung zahlreicher 
Institute, die sonst der Heilung und Versorgung der Tuberkulösen 
dienen. Daß das große Schäden mit sich bringt, liegt auf der 
Hand. Die bisherige schon recht weit reichende Isolierung der 
Bacillenspucker ist durchbrochen und der Verseuchung mit Tuber¬ 
kulose sind jetzt wieder zahlreiche Familien, die davor mit großer 
Mühe gesichert worden waren, ausgeliefert. Auch entbehren viele 
Kranke ärztlicher Hilfe. 

Das haben natürlich viele eingesehen, da die Schäden ja 
klar zutage treten. Vor allem auch die Regierung (1). Das König* 
lieh Preußische Ministerium des Innern und der 
Reichskanzler haben bereits am 11. August 1914 durch 
einen Erlaß an die Regierungspräsidenten dazu aufgefordert, daß 
die Kranken mit offener Tuberkulose, die aus den infolge des 
Kriegs geschlossenen Lungenheilstätten entlassen wurden, mög¬ 
lichst in den allgemeinen Krankenhäusern isoliert werden, und da 


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möglichst viele Heilstätten, Auskunfts- und Fürsorgestellen in 
Betrieb erhalten bleiben. Auch das Zentralkomitee zur Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose hat auf eine Anregung der Kaiserin 
hin in diesem Sinne gewirkt. Der Präsident des Reichs- 
versicherungsamts hat den Vorständen der Landes- 
versichenmgsanstalten folgende Direktiven empfohlen: 

1. Der Kampf gegen die Tuberkulose darf während des Kriegs 
nicht ruhen. Dies um so weniger, als infolge des Rück¬ 
gangs der wirtschaftlichen Lage, der Verschlechterung der 
Emährungs- und besonders der Wohnungsverhältnisse ein 
günstiger Nährboden für die Seuche und ihre Verbreitung 
geschaffen wird. 

2. Es ist deshalb darauf Bedacht zu nehmen, Kranke mit 
offener Tuberkulose im Interesse ihrer Umgebung, besonders 
der Kinder, unschädlich zu machen. Solche Kranke werden 
nach Möglichkeit Heilstätten zu überweisen, und, falls sie 
in solche bereits aufgenommen waren, dort zu belassen sein. 
Dabei können Kranke aus verschiedenen Bezirken in einer 
Heilstätte vereinigt werden. Soweit einer Versicherungs¬ 
anstalt eigne Heilstätten nicht oder nicht mehr zur Ver¬ 
fügung stehen, werden private Anstalten zu benutzen sein. 
Aeußerstenfalls sind die allgemeinen Krankenhäuser in An¬ 
spruch zu nehmen. 

3. Insoweit aus dringendem Anlaß, insbesondere wegen In¬ 
anspruchnahme der Heilstätten für Kriegssanitätszwecke, 
von der Ueberweisung Kranker mit geschlossener Tuber¬ 
kulose in Heilstätten abgesehen werden muß, soll durch er¬ 
höhte Tätigkeit der Auskunfts- und Fürsorgestellen ein Aus¬ 
gleich geschaffen werden. Dabei werden diese Stellen, auch 
wenn sie nicht von Versicherungsanstalten selbst errichtet 
sind und betrieben werden, auf finanzielle Unterstützung der 
durch sie entlasteten Versicherungsanstalten rechnen dürfen. 

Sollte es an Aerzten oder Schwestern fehlen, so ist die 
vom Deutschen Zentralkomitee vom Roten Kreuz im Reichs¬ 
tagsgebäude, Berlin NW 7, Sommerstraße, errichtete Zen¬ 
tralstelle für Kriegswohlfahrtspflege (Tuberkuloseausschuß) 
bereit, soweit als möglich Ersatz zu vermitteln. 

Mittlerweile ist auch seitens des Königlich Preußischen 
Kriegsministeriums dafür gesorgt worden, daß alle 
tuberkulösen und der Tuberkulose verdächtigen Soldaten auf 
Orund des § 125 F.S.O. ausgemerzt, von der Truppe und der 
Heimat femgehalten und in Lungenheilstätten sachgemäßer Be¬ 
handlung unterzogen werden (siehe Nachtrag). 

Sehr zweckmäßig ist die Berliner Maßnahme, daß vor der Ein¬ 
quartierung die betreffenden Wohnungen seitens der Fürsorge- 
Stationen daraufhin untersucht werden, ob sie auch nicht mit 
Tuberkulose verseucht sind. 

DieTuberkuloßeliteratur, die vor dem Krieg in¬ 
folge neu aufgetretener prinzipieller Dinge sehr groß geworden 
* ar - soüaß zum Beispiel die Referate allein über die Pneumothorax- 
hteratur Hefte füllten, geht nun erklärlicherweise auf einen ge¬ 
nügen Umfang zurück, gerade zu einer Zeit, in der die wichtigsten 
aktuellen Fragen wohl ausreichende Klärung und Durcharbeitung 
gefunden haben. Das gilt für die Typenfrage, die Röntgendia- 
gnostik, die Tuberkulinreaktionen und für unsere jetzt gebräuch- 
- n therapeutischen Methoden. Erfreulich ist es, in den Lifce- 
raturübersicbten immer wieder zu erfahren, daß Deutschland in 
J er w&sensehaftlichen und praktischen Behandlung der Tuber- 
kuloseprobleme an der Spitze marschiert und also der Ausfall der 
^ auB ^ n ^ se ^ en Forschungen für uns am wenigsten 

p ^ möchte es vielleicht in Anbetracht des erheblichen 
Wiekgangs der Tuberkulosesterblichkeit scheinen, als 
auch eine lässigere Handhabung unserer Tuberkulosebekämp- 
ongsemrichtimgen nicht viel schaden könne. Diese mag die jüngst 
h m h 1 a (2) bekanntgegebene amtliche preußische Mortalitäts- 
k ^ er Findertuberkulose eines Besseren belehren. Dar 
hexieht sich die Abnahme der Tuberkulosesterbüchkeit haupt- 
' au * das mittlere und höhere Alter. 

Von 10000 Einwohnern starben an Tuberkulose: 

1876 1912 

m Alter von 36-60 Jahren . . 46 19 

$ M » » 15—30 ,, . . 26 17 

„ 10—15 „ . . 5,71 5,21 

> * » » 5-10 „ . . 4,17 4,32 

11 u v 1— 5 „ . . 11 8 

lg, 1 " ^ , 51 ii _ « 0— 1 Jahr ... 21 18 

- tot am Kindertuberkulose gar nicht abgenommen. 


Eine Besserung ist vor allem von einer Erleichterung der 
Frühdiagnose zu erwarten. Die Erkennungszeichen der Kinder- 
speziell der Bronchialdrüsentuberkulose (3) sind bis¬ 
lang wenig zuverlässig. Sie fußen außer auf der positiven Tuber¬ 
kulinreaktion und dem typischen Röntgenbefund auf den Folge¬ 
erscheinungen, die der Druck der geschwollenen Drüsen auf die 
Nachbarorgane ausübt. Von solchen Drucksymptomen kennen wir 
bis jetzt folgende: Spinalgie, Exophthalmus, Venenerweiterung im 
Gesicht, Cyanose und Oedem des Gesichts, weithin hörbare inspira¬ 
torische Dyspnoe bei vornübergebeugtem Kopf und geringen Larynx- 
exkursionen, vom zweiten bis sechsten Monat ab keuchender inspira¬ 
torischer Stridor von hohem Klang und schnurrendem, schnarchen¬ 
dem Charakter (wie R-Sprechen) beziehungsweise pertussisähnlicher 
Reizhusten, kreischender, schriller, hoher Husten, Veränderung des 
Stimmtimbres, zeitweise Heiserkeit, Erstickungsanfälle, Asthma 
(nachmittags), Schmerz bei der Sondenpalpation, Dämpfung auf 
der oberen Wirbelsäule (5.—8. vert. thor.) und neben dem Ster¬ 
num, Verbreiterung der Zone des hilären Atmens, verstärkte 
Bronchophonie in der Hilusgegend und über dem ersten bis 
vierten Brustwirbel beim Schreien, deutlich hörbare Flüsterstimme 
in demselben Bereiche bei leisem Sprechen. Röntgenologisch wer¬ 
den rechts und links vom Mittelschatten die vergrößerten Bron¬ 
chialdrüsen von rundlichen Schatten repräsentiert. Von All¬ 
gemeinsymptomen geben Fingerzeige: Blässe, Gewichtsabnahme, 
Unruhe, leichte Ermüdbarkeit, Appetitstörung, geringes Fieber, 
Lymphocytose und besonders Tuberkulide. 

Mehrere der genannten Symptome sind bei den meisten Kin¬ 
dern nicht zu prüfen. Sie sind zudem selten vorhanden. Der 
Röntgenbefund ist nicht immer eindeutig. Differentialdiagnostisch 
kommen viele Prozesse in Betracht. Besonders oft wird die fort¬ 
geschrittene Kindertuberkulose für eine Bronchopneumonie gehal¬ 
ten. Brauchbaren Anhalt gibt also nur eine sorgfältige Untersuchung. 

Die Prognose der Kindertuberkulose ist sehr schlecht. Die 
bei Erwachsenen üblichen Mittel helfen hier nichts Rechtes. 
Brown (4) sah von 650 Kindern unter zwei Jahren, die positive 
Cutanprobe batten, 70 °/ 0 an generalisierter Tuberkulose sterben. 
Hoffentlich führen bald die immer zahlreicher werdenden Be¬ 
mühungen gegen Tuberkulose zu immunisieren, zu einem 
praktisch wertvollen Ergebnisse. Zurzeit ist noch kein sicheres 
Urteil über den Wert der Tuberkuloseschutzimpfung zu gewinnen. 
M a r a g 1 i a n o (5) schreibt, daß er sämtliche Mitglieder in be¬ 
reits zahlreichen tuberkulösen Familien schutzgeimpft und die 
Ueberzeugung gewonnen hat, daß die unschädliche Tuberkulose¬ 
impfung tatsächlich nützt. 

Zu der Bewertung der dispositionellen Momente 
bei der Einnistung der Tuberkulose in den Lungen sind von 
Kaiser und U I r i c i (6) Beiträge geliefert worden. Bei Lungen¬ 
tuberkulösen wurde um 10 °/ 0 häufiger eine Verknöcherung des 
ersten Rippenknorpels gefunden als bei gesunden Individuen. Bei 
»Schw-ertuberkulösen war die Verknöcherung des ersten Knorpels 
nicht häufiger als bei Leichttuberkulösen. Das spricht gegen die 
auch vertretene Auffassung, daß sie eine Folge der Lungentuber¬ 
kulose ist. Kaiser glaubt nach seinem Röntgenmaterial an¬ 
nehmen zu müssen, daß die Verengerung des ersten Rippenrings 
, und die Verknöcherung des ersten Rippenknorpels die Festsetzung 
der Tuberkulose in den Lungenspitzen wesentlich erleichtert, und 
zwar, daß von irgendeinem primären Herd aus die nächsten Hilus- 
drüsen infiziert werden, von da aus bei der in der angegebenen 
Weise vorbereiteten Spitzendisposition die Ausbreitung der Tuber¬ 
kulose in der Richtung nach der Knorpelknochengrenze der ersten 
Rippe hin erfolgt. Ulrici beobachtete Verknöcherung des 
Knorpels der ersten Rippe bei nichttuberkulösen Individuen un¬ 
gefähr ebenso oft als bei tuberkulösen. Er sieht in der Verknöche¬ 
rung lediglich eine Alterserscheinung, keineswegs ein dispositio¬ 
nelles Moment, da sie bei jugendlichen Personen fast ausnahmslos 
fehlt. Auch eine ätiologische Beziehung abnormer Formen der 
oberen Thoraxapertur zur Tuberkulose ließ sich an seinem Material 
nicht erweisen. Stern (7) gibt für die primäre Lokalisation der 
Tuberkulose einer „unilateralen Disposition, die in einer 
Schwächung der einen Körperhälfte besteht“, die Schuld. Diese 
Disposition soll durch eine gewisse Degeneration bedingt sein, die 
sich teils „durch primäre Bildungsanomalien, wie abnorme Pig¬ 
mentierungen, Naevi vasculosi oder pigmentosi, Verrucae (vitia 
primae conformationis)“ zu erkennen gibt, teils durch erworbene 
pathologische Veränderungen, wie Trauma, Drüsenerkrankung ver- 

I ursacht ist. 

Der Vorgang der Verkäsung ist durch einige Versuche von 
J ob 1 i n g und Petersen (8) dem Verständnisse näher gebracht 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


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worden. Alle Gew< be, die steril aufgehoben sind, verfallen infolge 
der Anwesenheit- gewisser Fermente der Selbstauflösung (Auto¬ 
lyse). Die einzigen Gewebsarten, die nicht autolvsiert werden, sind 
die tuberkulösen und syphilitischen Prozesse. Das kann sowohl 
daran liegen, daß autolytische Fermente fehlen, als daran, daß 
Antifermente vorhanden sind, welche die Wirksamkeit der ersteren 
aufheben. Nun ist das erstere in Anbetracht der Ubiquität der 
autolytischen Enzyme kaum anzunehmen, die zweite Abnahme 
also wahrscheinlicher. In der Tat haben denn auch J o b 1 i n g und 
Petersen vorwiegend Körper, welche die GewebsVerdauung 
hemmen, in den tuberkulösen Organen gefunden. Fermente waren 
entweder gar nicht vorhanden oder inaktiviert. Die antifermen¬ 
tative Wirkung wurde durch ungesättigte, von den Tuberkel- 
baeillen herstammende Fettsäuren bewirkt. Die Autoren nehmen 
an, daß die Tuherkelhaeillen in den tuberkulösen Geweben 
durch Lymphoeyten, die viel lipolytisehes Ferment enthalten 
(B e r g e 11). gespalten werden. Dabei verschwinden die Bacillen, 
aber ihre Fettsäuren bleiben. Sie wirken nun im tuberkulösen 
Gewebe dem dort vorhandenen tryptisehen Ferment entgegen, 
sodaß nicht eine Autolyse, sondern Verkäsung zustandekommt. 
Setzten die Verfasser zu dem käsigen Material Jod zu, so wurden 
die ungesättigten Fettsäuren abgesättigt. Damit ging dann die 
antitryptisehe Wirkung verloren und die Gewebe wurden verdaut. 
Auch Mischinfektion wirkte auflösend auf die Gewebe, wahrschein¬ 
lich dadurch, daß durch die damit auftretenden Exsudationen die 
Antifermente verdünnt und beseitigt wurden. 

Ein Fall eines bei uns äußerst seltenen akuten typhusartig 
verlaufenden Tuberkulosetypus, der „Typhobacillose** L a n - 
d o u z y s , ist von Reiche (9) ausführlich mitgeteilt worden. 
In Lungen, Milz und Leber wurden vereinzelte miliare, nekroti¬ 
sierende und verkäsende Knötchen gefunden, die den Tuberkeln 
wenig ähnlich sahen, aber Tuberkelbacillen in sehr großer Menge 
enthielten. Als primärer Herd mußte (‘in großes, gelbgrünes, 
nekrotisierendes, mediastinales Lymphdriisenpaket angesehen wer¬ 
den, in dem aber nicht wie in den septischen Metastasen ziel- 
färbbare Tuberkelbaciilen, sondern nur nach M u c 1» tingierbare 
Bakterien vorhanden waren. Das klinische Bild dieser akuten, 
ohne typische Tuberkelbildung verlaufenden Tubcrkelbaoillen- 
septikämie entsprach dem Berichte L a n d o u z v s : An Fnter- 
leibstyplms erinnerten die große Mattigkeit, die geringen sub¬ 
jektiven Beschwerden, der Fieberverlauf, die Leukopenie (— 2200 
Leukocyten im Kubikmillimeter), der Milztumor. Roseola, Puls¬ 
verlangsamung fehlten. Ferner sprachen gegen Typhus der negative 
Ausfall der Agglutinationsprüfung, die früh auftretende und rasch 
progrediente Anämie, hämophile Diathe.se (Haut- und .Schleimhaut¬ 
blutungen, starke Epistaxis, Augenhintergrundsblutungen, geringe 
Darmblutung). Im Blutbild überwogen anfangs die kleinen 
Lymphoeyten, später, vor dem Exitus, die großen. Dann trat 
auch anstelle der Leukocyten Verminderung eine Hvperleukocytose. 

Lieber die Häufigkeit der Nierenkomplikationen 
bei Lungentuberkulose gibt eine Arbeit von Bernstein (10) 
Aufschluß. Bei der Autopsie von 292 Fällen von aktiver und ge¬ 
heilter Lungentuberkulose wurden bei 3,4 ®/„ Nierenläsionen ge¬ 
funden. Von 100 Harnen von Phthisikern aller Stadien erwiesen 
sich bei der Meerschweinchenimpfung zehn als tuberkelbacillen¬ 
haltig. In sechs von diesen letzten Fällen war Eiweiß vorhanden. 
Sonstige Symptome von seiten der Harnwege fehlten durchweg. 

Unter den therapeutischen Methoden hat die 
Pneumothoraxbehandlung immer mehr Anklang ge¬ 
funden. Die Literatur darüber ist übergroß, bringt aber kaum neue 
Gesichtspunkte. Immerhin macht sich die Tendenz nach Erweite¬ 
rung der Indikationen bemerkbar. 

Meißen und Salzmann (11) beobachteten bei Kranken, 
denen auf der linken Seite ein Pneumothorax angelegt worden 
war, öfters eigentümliche Magen beschwerden: Aufstoßen, 
Schmerzen im Epigastrium und dergleichen. Herzverdrängung 
machte keine subjektiven Beschwerden. 

Interessante Mitteilungen über den Wert des Verfahrens 
liegen von Saugmann (12) vor, der vor kurzem über seine 
ersten 5000 Punktionen berichtete. 

1*V 4 bis 6 Jahre nach dem Anfänge der Behandlung waren 
von den Kranken von den nicht 


mit Pneumothorax- operativ 

behänd lung Behandelten 
ganz oder teilweise arbeitsfähig 52 °/„ 23° 

arbeitsunfähig. 29 0 r , 34 

g-estorben an Tuberkulose . . 19 ü ' n 40°/’ 

bacillenfrei.50 " ( 8,0 " 


Fagiuoli (13) hat in einigen Fällen von schwerer doppel¬ 
seitiger fortschreitender Lungentuberkulose auf beiden Seiten einen 
Pneumothorax von geringem Gasgehalt angelegt und glaubt davon 
Nutzen gesehen zu haben. 

Baer hat zur Behandlung von Kavernen empfohlen, mittels 
Paraffin die Kompression auszuüben. Solche P a Taffinpro¬ 
thesen heilen im allgemeinen glatt ein. T u f f i e r und 
W i 1 m s haben auch Fett (Lipom, Bauchdeckenfett) mit gleich 
gutem Erfolge zur Kompression der tuberkulösen Lunge benutzt. 

W i 1 m s (14) betrachtet beide genannten Methoden als einen 
wesentlichen Fortschritt und der Pfeilerresektion überlegen, weil 
der Eingriff weniger schmerzhaft und der Blutverlust geringer ist. 
Stiirtz sah von der Baerschen Methode nicht so Günstiges als 
die genannten Autoren. 

Dagegen hält Stiirtz (lo), der diese Methode vorschlug, 
daran fest, daß die Phrenikusdur c h schnei d u n g auch 
hei schweren Unterlappenerkrankungen sehr gute Erfolge zeitigt. 
S a 11 erb r uch (16) und Dell lecker haben ihm darin bei¬ 
gestimmt. Die Methode ist technisch leicht und gefahrlos. 

Von der Thorakoplastik erhält man wesentliche Besserungen 
nur bei fibröser Tuberkulose. 

Während die operativen Methoden sich in der Therapie der 
Lungentuberkulose immer mehr einbürgern, scheint die neueste 
Tuberkulinära, wie aus der zunehmenden Zahl der Skeptiker her¬ 
vorgeht, ihren Höhepunkt schon wieder überschritten zu haben. 
Das F r i e d m a n n sehe Mittel ist ad acta gelegt, weil man nur 
Schäden und keinen rechten Nutzen erlebte. Wurde es gesunden 
Meerschweinchen eingespritzt, gingen sie mitunter an Tuberkulose 
zugrunde (Kaufmann, W o 1 f f (17)). Ich selbst habe das 
Mittel indifferent gefunden. 

A. M a y er (18) berichtete, daß er sowohl bei Tieren wie hei 
Mensehen durch Anwendung von Gold, dessen tuberkelbacillen¬ 
tötende Kraft schon lange behauptet wird, in der Form des Aurum- 
Kaliumevanatum eine specifisehe und direkte Wirkung auf den 
Tuberkeibaeillus gesehen habe, wenn er es zusammen mit Bor- 
clmlin gab. Ob darin begründete Aussichten auf eine nutz¬ 
bringende Weiterentwicklung der ('hemotherapie gegeben sind, 
muß die Zukunft lehren. 

Nach 11 * a g. 

Die Verfügung des Kriegsministeriums bezüglich der Heil¬ 
behandlung tuberkulöser Soldaten während des Kriegs lautet: 

„Nach Ziffer 67 beziehungsweise 73 D. A. Mdf. kann bei 
Mannschaften, die wegen eines Leidens zur Entlassung kommen, 
das die Einleitung eines Heilverfahrens angezeigt erscheinen läßt, 

| mit Zustimmung der Kranken durch den Truppenteil dem Bezirks- 
kommando, dem die Leute überwiesen werden, hierüber Mitteilung 
gemacht werden. 

Während im Frieden bisher diese Mitteilungen an die Be¬ 
zirkskommandos und die weitere Benachrichtigung der zivilen Ver¬ 
waltungsbehörden erst unmittelbar nach der Entlassung der Leute 
erfolgte, diese also die Einleitung eines Heilverfahrens in ihrer 
Familie usw. abwarten mußten, wird für die Dauer des Kriegs 
hinsichtlich der an Tuberkulose leidenden oder tuberkulosever¬ 
dächtigen Mannschaften es für angezeigt gehalten, die Benach¬ 
richtigung der Bezirkskommandos usw. sofort nach Erkennung der 
Krankheit vor Einleitung des DienstunbrauehbarkeitsVerfahrens 
erfolgen zu lassen und die Kranken solange in militärärztlicher 
Behandlung in den gemäß Verfügung vom 18. September 1914 
Nr. 1927/9. 14 M.A. eingerichteten besonderen Abteilungen für 
Lungenkranke (das sind die den Reservelazaretten angeschlosse¬ 
nen, für lungenkranke Soldaten bereitgestellten Lungenheilstätten 
und »Sonderabteilungen für Lungenkranke in allgemeinen Kranken¬ 
häusern) zu behalten, bis ihre weitere Unterbringung in einer Heil¬ 
stätte oder die Einleitung eines andern geeigneten Heilverfahrens 
sichergestellt ist. Erst nach Eingang einer diesbezüglichen Ent¬ 
scheidung würde dann das Dienstbrauchbarkeitsverfahren ein¬ 
zuleiten sein. 

Voraussetzung bleibt auch bei dieser Regelung das Einver¬ 
ständnis des Mannes; ist dieses nicht, zu erreichen, so verbleibt cs 
bei den bisherigen Vorschriften. 

Zur Beschleunigung der Angelegenheit und zur Entlastung 
der Ersatztruppenteile uud Bezirkskommandos sind die zivilen 
Verwaltungsbehörden unmittelbar von den Lazaretten unter Bf' 
nutzung des entsprechend abgeänderten Musters 3 D. A. Mdf. * u 
>enacnrichtigon. Die seitens der Verwaltungsbehörden getroffene 
mt.Noheidungcn sind bei der Dienstunbrauebbarkeitsineldung zu 
i V i-mcikcn.- £l<). Oktober loi l.i 


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Literatur; 1. 0. Lieb«, Krieg und Tuberkulose. (FeldürzÜ. Beil. Nr. 20 
x. M. m. W. 1914, Nr. 51, S. 265 bis 266.) Arth. Mayer, Die Bekämpfung der 
Tuberkulose in der Feldarmee. (Feldärztl. Beil. Nr. o z. M. m. W. 1014. Nr. HO, 
5.40 bis 43.) Tuberkulosebekämpfung während des Krieges, Zsehr. f. Tbc. 
1914. Bd. 23. H. 1, S. 98 bis 101. — 2. Behla, Amtliche Mortalitätsstatistik der 
Kindertuberkulose und des Anteils der Skrofulöse im preußischen Staate seit 
1JJ76. XL Intern. Tbk.-Konf. Berlin 1013. (Ref. i. Intern. Zbl. f. d. ges. Tuber¬ 
kuloseforsch. 1914, Bd. 8, H. 3, S. 216.) — 3. Egon Rach, Zur Diagnostik der 
Bronchialdrüsentuberkulose im Kindesalter. (Beitr. z. Kliu. d. Tbc. 1914, Bd. 32, 
S. 31 bis 49.) Engel, Die Bronchialdrüsentuberkulose der Kinder. (Zschr. f. 
änttl. Fortbild. 10. Jg., Nr. 22. Ref. i. Intern. Zbl. f. d. ges. Tbc.Forsch. 
1914 , Bd. S, H. 9. S. 630.) — P. van Pe6, Les premiers signes ae Ia tuberculose 
pulmonaire chez le nourisson. Reports of the XVII. Intern. Congr. of medicine. 
London 1913, Sect. X. Part. 2, p. 19. (Ref. i. Intern. Zbl. f. d. ges. Tbc.Forsch. 
1914. Bd. 8. H. 9. S. 037.) — 4. A. Brown, Tuberculin skin reactions in infancy. 
(Arch. of Pediatrics. Sept. 1913; Ref. i. Intern. Zbl. f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, 
H. 9, S. 639 bis 640.) — 5. Ed. Maragliano, Die Impfung des Menschen gegen 
die Tuberkulose. (Rif. med. 1913, Jg. 29, Nr. 26; Ref. i. Intern. Zbl. f. Tbc. 
Forsch. 1914. Bd. 8. S. 665.) — 6. F. Kaiser, Röntgenologische Studien über die 
Beziehungen zwischen Rippenknorpelverknöcherung und Lungentuberkulose. 
(Beitr. z. Klin. d. Tbc. 1914, Bd. 32, S. 67 bis 93.) — H. Ulrlcf, Untersuchungen 
zur Hart sehen Lehre von der mechanischen Disposition der Lungenspitzen zur 
tuberkulösen Phthise. (Beitr. z. Klin. d. Tbc. 1914, Bd. 32, S. 2o7 bis 289.) — 
7. E. 5tern, Zur Frage der Disposition zur Lungentuberkulose. (Zschr, f. Tbc. 
1914. Bd. TI S. 565 bis 507.) — 8. J. W. Jobling und W. Petersen, Ueber die Ursache 
der tuberkulösen Verkäsung. (Zschr. i. Tbc. 1914, Bd. 22, S. 521 bis 533.) — 


9. F. Reiche, Septicaemia tuberculosa acutissima oder „Typhobacillo.se- Lan- 
douzys. (Beitr. z. Klin. d. Tbc. 1914, Bd. 32, S. 239 bis 24Z) — 10. H. S. Bern¬ 
stein, The incidence of renal involvement in pulmonary tuberculosis. (New York 
State J. of Med., Febr. 1914; Ref. i. Intern. Zbl. f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, 
S. 703.) — 11. E. Meissen und F. Salzmann, Erfahrungen über künstlichen 
Pneumothorax bei Lungentuberkulose. (Zschr. f, Tbc. 1914, Bd. 23, S. 10 bis 
28.) — 12. Chr. Saugman, On the results of the Pneumothorax treatmcnt of 
Phthisis. (17. Intern. Congr. of Medicine, London 1913; Ref. i. Intern. Zbl. f. 
Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 203 bis 204.) — 13. A. Fagiuoli, Versuche einer 
doppelseitigen Pneumothoraxbehandlung. (Zschr. f. Tbc. 1914, Bd. 22, S. 547 bis 
560.) — 14. Wilms, Compression der tuberkulösen Lungen durch Paraffin und 
Fett. (Naturhist.-med. Verein zu Heidelberg, 7. Nov. 1913; Ref. im Intern. Zbl. 
f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 207.) — 15. Stürtz, Allg. ärztl. Ver. zu Köln, 6. Okt. 
1913.) Ref. i. Intern. Zbl f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 206.) - 16. Dis¬ 
kussionsbemerkungen von Sauerbruch, Wilms, Friedrich zu Carl, Experi¬ 
mentelle Studien über Beeinflussung der Lungentuberkulose durch operative 
Maßnahmen am Nervus phrenicus. (43. Kongr. d. 1). Ges. f. Chir. 1914; Ref. 
i. Intern. Zbl. f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 779 bis 780.) — 17. E. Kaufmann, 
Die Virulenz des Friedmannschen Tuberkulosemittels. (Beitr. z. Klin. d. 
Tbc. 1914, Bd. 32, S. 249 bis 255.) O. Mannheimer, Ergänzender Bericht 
über Patienten, die vor über einem Jahre mit Injektionen der Fried- 
mannsehen Vaccine behandelt wurden. (Zschr. f. Tbc, 1914, Bd. 22, S. 500 
bis 565.) M. Wolff, Die Behandlung der Lungentuberkulose mit dem Heil¬ 
mittel von Friedmann. (B. kL W. 1914, Nr. 32.) — 18. Arth. Mayer, 
Zur Chemotherapie der Lungentuberkulose. (Beitr. z. Klin. d. Tbc. 1914, 
Bd. 32, S. 211 bis 238.) 


Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 8. 

Posner (Berlin): Farbenanalyse des Brotes. Die schon früher 
ausgesprochene Ueberzeugnng des Verfassers, daß die ursprünglich für 
rein wissenschaftliche Zwecke bestimmte Methode der FarbenanaJvse auch 
einer ausgedehnten Verwertung im Dienste der praktischen Medizin fähig 
ist, hat durch die neu gefundene Tatsache, bezüglich welcher auf das 
Original verwiesen werden muß, nicht allein eine Bestätigung gefunden, 
sondern die Methode hat sich noch über diese Erwartung hinaus als 
fruchtbar im Interesse der Volkswirtschaft erwiesen. 

Siuger (Berlin): Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen* 
Den Einfluß des Kriegs auf die Psyche sahen wir nicht nur während der 
Zeit der Operationen, sondern schon in der Mobilmachungsperiode. In dieser 
Zeit der Mobilmachung wurden, wie in jeder Zeit höchster Begeisterung, 
gelegentlich Alkoholdelirien beobachtet, im wesentlichen dann aber krank¬ 
hafte Reaktionen auf dem Boden psychopathischer Veranlagung. Meist 
handelte es sich um angstbetonte Erregungszustände, in deren Verlauf 
die vorgestellten Kriegserlebnisse eine Rolle spielten, Schlaflosigkeit 
unter dem Einfluß von Oppressionsgefühlen, funktionelle Krämpfe. Es ist 
nicht auffallend, daß die Psychopathen, die Degeneres, besonders stark 
und mit besonders heftigen Symptomen auf die Strapazen und die psy¬ 
chischen Eindrücke des Kriegs reagieren. Relativ häufig sehen wir auf 
derselben Basis Zustände von vorübergehender Depression auftreten, oft 
mit Angst, Schlaflosigkeit, Abgeschiagenheit. Spielen beim Auftreten 
von Neurasthenie und akuter Halluzinose die körperlichen Strapazen eine 
entscheidende, krankmachende Rolle, so greift bei andern Gruppen von 
psychischen Erkrankungen das psychische Trauma, vor allem das akuteste, 
der Schreck, entscheidend ein. Sicher ist auch, daß der Schreck oder, 
allgemeiner gesagt, das psychische Trauma einen Einfluß hat auf die 
Entstellung epüeptiscber Krämpfe. 

Grundmann: Meine Beobachtungen Ober Tetanus im Frieden 
■ud Im Felde* Das Wesentliche bei einer erfolgreichen Tetanusbehand- 
luug ist die Prophylaxe, Frühdiagnose, konservative Wundbehandlung, 
sofortige Anwendung des Tetanusserums (Einspritzung in die Umgebung 
der Wunde, intravenöse und intralumbale Injektionen) und durchschnitt¬ 
liche Serumbehandlungsdauer von vier bis sieben Tagen, sofortige und 
I'duerbehandlung mit Magnesium sulf. bis zum Verschwinden der Muskel- 
zuckwogen und Muskelstarre. 

Thom; Nottracheotomien. Bericht über vier Fälle von plötzlich 
auftretender Atemnot, welche die Tracheotomie nötig machte. 

; Partos (Genf): Leber die biologische Wirkung der konden- 
dwtei Radinmemanatlon. Die Versuchsergebnisse zeugten davon, daß 
die kondensierte Emanation die gleiche biologische Wirkung besitzt wie 
di« Radi um salze. Der Emanationsträger besitzt in der Therapie gewisse 
orteile: man kann die Emanation in Apparate von jeder Form und 

einschließen. Dadurch kann man die Emanationsträger dem ge¬ 
gebenen Krankheitsfälle adaptieren. Ferner kann man, den fortschreiten- 
en Zerfall der Emanation sich zunutze machend, eine sozusagen chro¬ 
nische Behandlung unternehmen und so die stärkere Wirkung hochaktiver 
^zpräparate ersetzen. 

Frugoni (Florenz): Herzsystoliseh-intermittlerende Exspiration 
® negativer Brustpulg. Es besteht bei der Mundausculfcation eine 
krzsjstolische Exspiration, unterbrochen durch vollständige Pausen; auf 

e ‘ 8e kommt die exspiratorische herzdiastolische Mundatmung zu- 
111 ' liegen ermöglicht die Auscultution der Trachea, das Vor- , 


handensein einer kurzen Atmung oder eines herzsystolischen trachealen 
Pfeifens während des Inspiriums und des Exspiriums wahrzunehmen. 
Wir können schließen, daß, wenn bei Schließung des Mundes gleich¬ 
zeitig eine solche der Glottis besteht, die Serien von herzsystolischen 
Inspirationen, welche als negativer Thoraxpuls bezeichnet werden, durch 
eine Serie von herzsystolischen Exspirationen ersetzt werden, welche als 
positiver Nasen-, Mund-, Phaiynxpuls zu deuten ist. 

Hueppe (Dresden): Ueber Entstehung und Ansbreitang der 
Kriegsseuchen. (Schluß.) Die großen epidemiologischen Gesetze, die 
seit Jahrhunderten erkannt werden können, sind durch keine Eiuzel- 
forschung bis jetzt in ihrer Geltung abgeschwächt worden. Unsere 
Kampfmittel aber haben ganz bedeutend an Kraft gewonnen, seit wir 
nicht mehr bloß gegen die allgemeinen Schädigungen und die Miasmen 
der Lokalisten oder die Endemizität der Krankheitsursache kämpfen, 
sondern auch im einzelnen als wirkliche Aerzte den Kampf schon am 
Krankenbette wieder aufnehmen und dadurch noch mehr beherrschbar 
machen. Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 8, 

Karl Kisskalt (Königsberg i. Pr.): Schneiluntersuchungen 
nnd provisorische Verbesserungen von Brunnen im Kriege. Sie 

sind notwendig ganz besonders mit Rücksicht auf die Ausdehnung, die 
die Cholera unter den Russen genommen haben soll und die für den 
Sommer noch schlimmeres erwarten läßt. Jede hygienische Wasser¬ 
untersuchung hat zu bestehen aus der Lokalinspektion des Brunnens, der 
chemischen und der bakteriologischen Untersuchung des Wassers. Leider 
muß man oft bei der Kürze der Zeit auf die beiden letzten Methoden 
verzichten; man kann, wenn es sich nur darum handelt, ob ein Brunnen 
jetzt oder in der nächsten Zeit imstande seia wird, Cholera oder Typhus 
zu verbreiten, mit der Lokalinspektion allein genügende Resultate haben. 
In Betracht kommen allein Röhrenbrunnen (Abessynier) und Kessel- 
brunnen (Schachtbrunnen). Das Ideal sind Röhrenbrunnen. Aber da der 
größte Teil von Ostpreußen zu wasserarm ist, würden Röhrenbrunnen 
viel zu wenig Wasser geben; hier kann man nur Kesselbrunnen bauen, 
in denen sich nach dem Abpumpen langsam wieder genügend Wasser 
ansammeln kann. Da die Infektionsgefahr von oben her weitaus am 
größten ist, so sind offene Brunnen am gefährlichsten. Diese sind 
aber noch in Deutschland gestattet (nach einer aus dem Jahre 1910 
stammenden Bauordnung), obwohl von oben Schmutzwasser hineiugelangen 
kann, obwohl am Brunnenrand oft Wäsche (auch Kranker) gewaschen 
wird, obwohl der Entnahmeeimer auf den mit Kot beschmutzten Boden 
neben dem Brunnen gestellt werden kannl Der Verfasser gibt dann an, 
welche Brunnen in Kriegszeiten unverbesserlich und welche zu verbessern 
sind. Für die letzte Art macht er dahingehende Vorschläge. Können 
nicht alle Brunnen verbessert werden, so lasse man so viele bestehen daß 
(auch in der heißen Jahreszeit) genügend Wasser für das Dorf vorhanden 
ist, und mache die andern unbrauchbar (durch Zuschütten oder schneller 
durch Einschütfcen von einigen Kilogramm Chlorkalk). Wird das Wasser 
aber für das Vieh gebraucht, so empfiehlt es sich, Fluorescein zuzu¬ 
setzen, um es für den Menschen unappetitlich zu machen. Dieser 
Körper ist kaum giftig. (Bekanntlich wird auch eine verwandte Sub¬ 
stanz, Eosin, mit der Futtergerste an Schweine verfüttert.) 

Goldstein (Frankfurt a. M.): Beobachtungen an Schnßver- 
Icizuugen des Gehirns und RUckentn&rks. Nach einer Demonstration 


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1915" — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg i. Pr. (Sitzung 
vom 9. November 1914). 

Noehte: lieber Streifschüsse an der Schttdelkapsel. Haben 
sie die motorische Region affiziert oder eine andere Gegend mit greif¬ 
baren peripherischen Störungen (Nystagmus, Sprachstörung usw.), so 
kann man die Gehimveränderung objektiv feststellen. Streifschüsse 
machen aber auch Störungen allgemeiner Art, Puls- und Temperatur¬ 
anomalien, Apathie. Die Feststellung aller genannten Störungen ist 
wichtig für die Beurteilung von später bleibenden nervösen Beschwer¬ 
den, die zu Versorgungsansprüchen führen können. 

H. Töpfer: Der transportable Streckverband. Der Verfasser 
empfiehlt von neuem seinen früher beschriebenen Streckverband bei kom¬ 
plizierten Frakturen mit der Neuerung, daß er das proximale Ende der 
Schiene durch Gipsbinden festlegt. Aus drei Abbildungen ist zu 
sehen, wie um das Becken, die Schulter und das EUbogengelenk ein 
Gipsverband gelegt und an diesen das eine Ende der durch ein unter¬ 
gelegtes Brett verstärkten Cram er schiene angegipst ist. Bei den kom¬ 
plizierten Frakturen der oberen Extremität hat dieser Verband den 
Vorzug, daß die Patienten nicht mehr aus Bett gefesselt sind. 

J. Schumacher (Berlin); Zur Desinfektion des Operations¬ 
feldes mit Jodtinktur oder andern Arzneimitteln. Bei nicht vorhan¬ 
dener Jodtinktur dient als Ersatz die Komi»ination von; I. Kal. jodat. 2,0, 
Aqu., Spirit, aa 5,0 und II. Ammoniumpersulfat 2,0, Aqu., Spirit, aa 5.0. 
Man taucht einen Wattepinsel in die erste Lösung und bestreicht damit 
die Haut. Mit einem andern, in die zweite Lösung getauchten, bestreicht 
man alsdann die vorher behandelte Fläche. Der Jodanstrich. der sofort 
entsteht, ist erst hellgelb; sobald jedoch die Umsetzung zu Ende ist — 
nach 50 Sekunden — ist er von dem mit Jodtinktur gemachten nicht 
mehr zu unterscheiden. 

H. Ri mann (Liegnitz): Ein Beitrag zn den Fifegerpfeil- 
verletzungen itn Kriege. Ein französischer Flieger hatte etwa 2000 
Pfeile auf ein Dorf hinabgeworfen. Von allen diesen hatte nur ein ein¬ 
ziger eine leichte Verwundung eines Soldaten herbeigeführt. Dieser 
verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz im linken Fuß. Ein Pfeil 
steckte senkrecht darin und wurde sofort herausgezogen. Er hatte 
den Stiefel durchschlagen und war mit der Spitze in den Mittelfiiß auf 
der Höhe des Fußrückens eingedrungen, ohne die Fußsohle zu durch¬ 
bohren. Der Knochen war nicht verletzt. Die unmittelbar nach dem Heraus- 
zichen des Pfeiles vorhandene etwas starke Blutung stand auf festen Verband. 

Paul Heinrichsdorff (Breslau): Ueber kardiopathlsche Hepa¬ 
titis. Bei Herzleiden wird die Leber nicht nur sekundär in Mitleiden¬ 
schaft gezogen, indem die Blutstauung zur Balkenkompression führt 
(Stauungsleber), sondern auch primär dadurch, daß das Herzgift zugleich 
auch ein Lebergift ist, das zu centraler Acinusdegeneration und Ent¬ 
zündung der Glisson sehen Kapsel führt (kardiopathische Hepatitis). 

F. Salz mann (Bad Kissingen): Sekundärstrahlen in der 
Röntgentiefentherapie als Ersatz radioaktiver Substanzen. Die in 
der Tiefentherapie zur Verfügung stehenden Röntgenstrahlen regen nach 
Filterung durch 3 mm Aluminium die Metalle der Silbergruppe, und 
zwar unter diesen besonders das Cadmium, am ausgiebigsten zur Sekundär¬ 
st rahlung an. Diese Ausnutzung der sekundären Itöntgenstrahlen be¬ 
deutet einen Weg, der dazu führt, die an die radioaktiven Substanzen 
„verlorene Position“ für die Röntgentherapie wieder „zurückzugewinnen“. 

K. Mich eisen (Refsnes in Dänemark): Fünf Fälle der Calve- 
Perthesschen Krankheit. Es handelt sich um ein specifisches Hiift- 
lciden bei Kindern, das als Osteochondritis deformans juvenilis bezeichnet 
wird. Dieser Name ist nicht glücklich gewählt, da in diesen Fällen 
keine Entzündung vorliegt, auch keine Form der Arthritis deformans, 
von der sich jene Krankheit in jeder Beziehung unterscheidet. Es handelt 
sich vielmehr um Kinder, die nach einem Trauma oder ohne äußeren 
Anlaß zu hinken und über leichte Schmerzen in der Hüfte zu klagen 
anfingen und ein klinisches Bild zeigten, das durchaus mit dem hoi be¬ 
ginnender tuberkulöser Coxitis zu erwartenden stimmte. Röntgenbild 
und Verlauf der Krankheit müssen aber schließlich die anfängliche 
Diagnose Coxitis tuberculosa Umstürzen. Namentlich die Röntgenbilder 
sind äußerst charakteristisch. Auch die negative Pirquet sehe Reaktion 
ist für die Diagnose wichtig. Der Verlauf der Krankheit, die auch 
doppelseitig auftreten kann, ist günstig. 

A. Blaschko: Zur Bekämpfung der Läuseplage. Neben dem 
Naphthalin, das seines intensiven Geruchs wegen oft abgelehnt wird, 
empfiehlt sich das völlig geruchlose metallische Quecksilber, das 
aber nur für die, die keine starken körperlichen Strapazen auszuhalten 
haben, deren Haut also nicht durch Schweiß und Staub gereizt wird, an¬ 
wendbar ist. Für die große Masse der marschierenden Truppen kommt 
also das Quecksilber nicht in Frage. Die graue Halbe ist aber für eine 
länger dauernde Anwendung nicht zu benutzen. Eher könnte man 
Hvdrargyrum cum Greta (1:4), etwa 30 g, in Säckchenform in jeder 
Hosentasche tragen. Noch praktischer ist aber der Merkolinl schürz 


(Beiersdorf), ein mit Quecksilber imprägnierter Brust- und Rückenlatz, 
der entweder direkt auf der Haut oder über der Unterwäsche getragen 
wird und der etwa vier bis sechs Wochen lang beständig Quecksilber¬ 
dämpfe unter der Kleidung ausströmen läßt. Zu Zeiten, wo eine Be¬ 
rührung mit Läusen gänzlich ausgesclilossen ist, kann der Schurz in 
einer undurchlässigen Hülle aufbewahrt und dann bei Bedarf wieder 
getragen worden. F. Bruck 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr . 8. 

H. Rieder (München): Ueber die Heilungs Vorgänge beim n&tür- 
liehen Pneumothorax« Sie lassen sich ira Röntgenbilde sehr gut verfolgen, 
wie Verfasser an einem ausführlich beschriebenen Falle zeigt, der tuber¬ 
kulösen Ursprungs war. In therapeutischer Beziehung läßt sich durch 
Aspiration der Pneumothoraxluft eine rasche Wiederentfaltung der Lunge 
ermöglichen. 

Harry Koenigsfeld (Freiburg i. Br.): Ein neues Prinzip der 
Serumtherapie bei Infektionskrankheiten mit besonderer Berück¬ 
sichtigung des Typhus abdominalis. Bei jeder Infektionskrankheit 
kreisen Antikörper im Blute des Erkrankten, die sich durch serologische 
Untersuchung nachweisen lassen. Werden diese Antikörper in eine wirk¬ 
same Form übergeführt, so dient das so präparierte eigne Serum des 
Erkrankten zu dessen passiver Immunisierung. Um die Antikörper in 
eine wirksame Form überzuführen, genügt es, das Blut des Erkrankten 
zu entnehmen, zur Gerinnung zu bringen und den Blutkuchen vom Serum 
absetzen zu lassen. Wichtig ist es, zu dieser Blutentnahme erst zu 
schreiten, wenn man aus einem hohen Titer der Gr ub‘er-Wi dal sehen 
Reaktion auf die Anwesenheit von Antikörpern schließen kann. Mit 
dieser Methode wurden 18 Fälle von Typhus mit vielversprechendem Er¬ 
folge behandelt. 

Karl Bollag (Basel): Klinische Erfahrungen über Novocain¬ 
anästhesie bei normalen Gebarten. Die Schmerzen der Aus- 
treibiingsperiod e werden durch die Lokalanästhesie bei absoluter Un¬ 
schädlichkeit für Mutter oder Kind, soweit sie durch den Nervus pudendus 
erzeugt werden, aufgehoben. Dammrisse lassen sich schmerzlos für die 
Frau, daher in aller Ruhe nähen. Für die größten Schmerzeu, die 
Wehen, eignet sich die Methode natürlich nicht, wohl aber für dasjenige 
Plus der Geburt sschmerzen, das dem Gebiete des Nervus pudendus ent¬ 
spricht. Dieser gibt nämlich drei Zweige ab, die 1. die Pars analis und 
den After (Nervus haemorrhoideus inferior), 2. Muskeln und Haut des 
Dammes und einen Teil der Labien (Nervus perineus, Nervus labialis 
posterior) und 3. die Klitorisgegend (Nervus dorsulis elitoridis) versorgen. 
Diese Nerven lassen sich an einem leicht zu erreichenden Punkte finden. 
Als Anästheticmn dient die 2%igo Novocain-Suprareninlösung (B) der 
Höchster Farbwerke, die in Ampullen von 5 ccm erhältlich ist. Gewöhn¬ 
lich kommt man mit einer Ampulle für beide Seiten aus. Die Technik 
wird genau beschrieben (als Spritze verwende man eine 5 ccm-Rekord- 
spritze und eine mindestens 6 cm lango Nadel). 

Edmund Saalfeld (Berlin): Ueber Thigan. Das Präparat ist 
die haltbar gemachte Lösung von Thigenolsilber (1 ccm Thigan enthalt 
1 mg Silber). Es empfiehlt sich bei Gonorrhöe, wobei 10 ccm Thigan 
injiziert werden, die bis zu 15 Minuten in der Harnröhre verbleiben. Je 
nach dem Studium der Gonorrhöe wird die Injektion drei- bis sechsmal 
täglich wiederholt. Selbst bei akuten Fällen mit starker Sekretion kann 
sechsmal am Tuge injiziert werden. Auch nach dem Verschwinden aller 
objektiven und subjektiven Erscheinungen muß die Behandlung noch ein 
bis zwei Wochen fortgesetzt werden. (Das Mittel wird von der Firma 
Dr. Georg Henning, Berlin, in den Handel gebracht). 

Victor Weizsäcker (Heidelberg): Nene Versuche zur Theorie 
der Mnskelinaschine. (Schluß.) Der Verfasser stellt sich die Muskel¬ 
maschine als ein in sich abgeschlossenes System vor. Gibt ein solche* 
System ( z. B. eine Muskelzelle) bei jeder Contraction Wärme und Arbeit 
ab, so kann es zwar in gewisser Beziehung sein Gleichgewicht, immer 
wieder hersteilen, allmählich muß es aber doch an Substanz und Loergie- 
gehalt an bestimmten Stellen verlieren nnd damit zu andern Gleich- 
gewichtsbedingimgen übergehen. Der Verfasser erörtert nur die elemen¬ 
tarsten Funktionen des Muskels, wie Oxydation, Wärmebildung und 
Arbeitsleistung, und zwar bediente er sich hierbei in erster Linie der 
myothermischen Untersuchungsmethodik (Untersuchung der Wärmebildung 
mit Thermosäulen). Diese myothermischen Versuche wurden nach einer 
neuen Methode in Salzlösuugen angestellt nnd haben neue allgemein- 
physiologische und pharmakologische Ergebnisse geliefert, die zur „Zwei- 
maschinentheorie“ führten. Danach kann der tätige Muskel als eine er 
kopplung zweier Maschinen aufgefaßt werden. Die erste, die ® r ^ ei 
liefernde, bewirkt die Umwandlung einer unbekannten potentie en 
Energie auf nicht oxydativem Weg in Arbeit und Wärme, die zwei je, 
die restitutive, bewirkt durch Ausnutzung der freien Energie von Oxya- 
tionen eine Wiederergänzung jener potentiellen Energie der ersten Muse um 


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UMIVERSITY OF IOWA - 



7..März. _1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 2Sf> 


Feldürztliche Beilage Nr. 8. 

H. Fehling: Kriegschirnrgle früher und jetzt Vortrag, gehalten 
in der Vereinigung der kriegsärztlieh beschäftigten Aerzte Straßburgs. 

01 off (Kiel). Uebcr Kriegsschädigangen des Auges. Die Ursache 
der erheblichen Zunahme der Augenschädigungen im jetzigen Krieg ist in 
der Entwicklung der modernen Kriegstaktik und Waffentechnik zu suchen. 
Die Tragweite unserer heutigen Geschosse und die Verbesserung unserer 
optischen Bcobachtungsmittel erfordern, daß der Soldat in Deckung liegt» 
wozu er vorher Seliutzwälle aufwirft oder sich direkt in dem Erdboden 
eingrabt. Nur Kopf und Gesicht müssen zeitweise herausgenommen 
worden und bieten dann den feindlichen Geschossen ein besonderes Ziel 
dar. Daher auch mit der Zunahme der Augenvenvundungen gleich¬ 
zeitig eine Steigerung von Kopf- und Gehirnschüssen. Der Verfasser 
weist besonders auf die Kontusion des Auges hin, die auch ohne 
äussere Wunde zustande kommt. Denn hierbei können wir den innern Teil 
des Augos zerreißen, sodaß erst eine genaue Untersuchung im Augeu- 
inriern mit Hilfe der seitlichen Beleuchtung und des Augenspiegels Auf¬ 
schluß über den wahren Grund der Augenschädigung gibt. Zum Zustande¬ 
kommen einer Kontusionswirkung am Auge braucht aber weder der Aug- 
apfel. noch die knöcherne Orbitalwand, noch die centrale Seilbahn direkt vom 
iiesebosse getroffen zu sein. Es genügt, wenn dieses einen Schädel- oder 
dodchtsknochen trifft; die hier umstehende explosive Wirkung kanu sich i 
0 das Auge fortpflanzen und sehr charakteristische Augenstörungen 
iservorrufen (Kontusion durch „indirekte Sprengwirkung"). Achnliche 
Wirkungen am Auge können auch auftreten, wenn außerhalb des Körpers 
idötzlich eine sehr starke Erhöhung des Luftdrucks stattfindet (z. B. bei 
Dvmunitexplosionen). Dabei fehlt überhaupt jedes Anzeichen irgendeiner 
Verletzung. 

Saher (München): Ueber Schaß Verletzungen der Angengegend. 

Vertrag, gehalten in der Sitzung des Aerztlichen Vereins München am 
13. Januar 1915. 

Karl Weiler (München): Eine Methode zur Danerdralnage 
tiefer Wandhöhlen. Die vom Verfasser ersonnene Methode wird durch 
einen genau beschriebenen Apparat ausgeführt, der als Saugheber wirkt. 

Sie ist besonders bei Wunden anzuwenden, die keine Abflußmögliohkoit 
des Sekrets unter der Wirkung seiner eignen Schwere darbieten. Ein 
wesentlicher Vorteil dieser Dauerdrainage ist die Verbandstoffersparnis, 
da nur die äußere Wunde von denUcingcführten Drainagcsehlauche mit 
einer dünnen, (buch Heftpflaster befestigten Lage Gaze gedeckt zu werden 
braucht und da diese meist tagelang auf der Wunde belassen werden 
kann. Außerdem bringt die Methode noch für den Kranken den Vorteil der 
dauernden Ruhe, da der Verbandwechsel in schonendster Weise möglich ist. 

Krecke: Zur Anwendung der Wellerschen Ileberableitung. 
Angelegentlichste Empfehlung des oben erwähnten Verfahrens. Dessen 
Urteile sind: Einfachheit seiner Anwendung, Schmerzersparung und 
Ersparung an Verbandstoffen. Wenn man einmal den Gumnüsclilauch 
angelegt und die Heherleitung in Gang gebracht hat, gibt es kein ein¬ 
facheres Mittel, die Wunde dauernd trocken zu halten. Der Eiter fließt 
ständig in den Gummischlauch ab. Die in der Umgebung der Wunde 
aufgelegten Verbandstoffe brauchen gewöhnlich nur alle drei oder vier 
Taire erneuert zu werden. Das in der Wunde liegende Gummirohr 
wechselt mau am besten jeden vierten Tag. 

F. Schede (München): Mobilisierung versteifter Gelenke. Als 
Ergänzung der von ihm früher veröffentlichten Mobilisationsschienen be- 
'direibt der Verfasser die auf denselben Prinzipien beruhenden Apparate 
für Schulter- und Fingergelenke. Die Prinzipien sind: Mobilisation des 
üi’li’nks durch abwechselnde, langdauernde Fixation in den äußersten er¬ 
reichbaren Stellungen in Verbindung mit aktiver und passiver Gymnastik 
wahrend der Zwischenpausen. 

Carl Walter: Yerelnfachter Fingerstreckverband. Ueber den 
gebrochenen Finger wird eine Heftpflnsterschlingc gelegt wie lad jedem 
Mrokverbände. Dann befestigt man eine Gram ersehe Schimm am 
l nterarra und an der Mittelhand. Mittels einer mit zwei Haken ver- 
f hen^n K*der (es genügt auch ein starker Guuuuisehlaucb) wird nun die 
'un-kung ausgeführt. indem der obere Haken an einer Sprosse der Schiene 
eingehakt wird, während der untere an der Heftpflasterschlinge angreift. 

Mwcr; Ueber einen Fall von Lnngenverletzang durch Bajonett¬ 
stich mit komplizierendem Hämatothorax. Der Fall erforderte eine 
'(iK'i'dehntv Rippenresektion, sodaß Verfasser mit der Hand in den 
ru-traum gelangen konnte. Dieser enthielt eine große Menge mit Eiter 
furchsotztea Bluts. Da nun nur zu leicht das aufgepilanzte Seiten- 
gewehr beim Liegen und Vorspringeu mit dem Erdboden in Berührung 
0111 Bajonettstich also nicht ohne weiteres als aseptisch angesehen 
^erden kann, so empfiehlt es sich, bei einer solchen V erletzung stets 
miu ersten Ansteigen der Temperatur ein Zugreifen und ausgiebige 
nun.igc zu schaffei), mn es nicht erst zum ausgesprochenen Enipyen 
ommen zu lassen. Im vorliegenden Falle wurde auch mit großem Nutzen 


die Pleurahöhle mit Wasserstoffsuperoxyd ausgespült, das vor allem die 
Eiter- und Delutusmassen mechanisch herausbeförderto. 

Hans Friedenthal (Nikolassee bei Berlin): Ueber Massendesin¬ 
fektion hu Felde mit Hilfe von Heißdampf lokomobilen. Läuse sterben bei 
70° Lufttemperatur augenblicklich, ihre Eier werden bei dieser Temperatur 
ebenfalls vernichtet. Die Erreger von Cholera, Typhus und Ruhr werden 
bereits bei 60° getötet. Das gelingt mit Hilfe "des Dampfes von Loko¬ 
mobilen und Lokomotiven, und zwar kann man leicht einen leeren Eisen- 
bahn Waggon so abdichton, daß in zwei Stunden der gesamte Inhalt eine 
Temperatur von etwa 90° angenommen hat. In Bahnhöfen, wo der Ab¬ 
dampf von Lokomotiven zur Verfügung steht, braucht man sich natürlich 
niclit auf geschlossene Giilerwägen als Dcsinfektionsrauui zu beschränken, 
sondern kann große geschlossene Räume von vielen Hunderten von Kubik¬ 
metern Inhalt durch Dampfzuleitung in Rieseudesinfekt ionsräu me ver¬ 
wandeln. In solchem Falle würde die Läusevertilgung der Kleider von 
10 000 Mann in zwei Tagen beendet sein können. In derartige Räume 
können ganze Bagagewagen, Sanitätswagen eingefahren und unausgepackt 
im Ganzen desinfiziert werden. 

Lach mann (Landeck i. Schl.): Seltener Verlauf eines Baach¬ 
schasses. Bei einer nur unerheblichen Empfindlichkeit des Leihs wurde 
zehn Tage nach der Verwundung plötzlich mit dem Stuhl ein spitzes 
Infanteriegeschoß entleert, das außer einer Schwärzung durch den Schwefel¬ 
wasserstoff des Darmes keinerlei Veränderungen zeigte. 

Axhausen: Unser Feldoperationstisch. Der Verfasser hat nach 
seinen Angaben von den unter seinen Mannschaften befindlichen Hand¬ 
werkern für sein Feldlazarett einen Tisch in einem Tage hersteilen 
lassen, der eine Bewegung um seine horizontale Achse ermöglichte. 
Der Tisch hat allen Anforderungen — auch bei Bauch- und Blasen¬ 
operationen — entsprochen. Er ist leicht auseinanderzunchraen und gut 
transportabel. Drei Abbildungen erläutern die Konstruktion. 

H. Mendelsohn: Zar Technik des Gips verbände» bei Schuß- 
fraktaren des Oberschenkels. Man braucht dazu zwei starke, etwa 
1,20 m hohe Holzböcke lind zwei 2,50 m lange, etwa 1 '/* cm dicke 
Eisenstangen. Der Patient wird auf die gut ciugefetteten Stangen ge¬ 
legt Die Polsterung wird unter Einschluß der Stangen vorgenommen. 
Darüber kommt der Gips verband. Ist er erhärtet, so wird der Kranke 
mit den Stangen augehobeu. die dann durch Herausziehen entfernt 
werden. Der Verband soll während des Gipsens über der Spinne fest ab¬ 
gezogen werden, nach Entfernung der Stangen ist dann noch genügend Spiel¬ 
raum vorhanden. Beim Gipsverband auf Stangen ist eine gleichmäßig 
starke Extension während der ganzen Dauer des Gipsens gewährleistet. 

Schnitter (Offenbach a. M.): Zar Frage der basophilen Gra¬ 
nulation im Blute von Schrapnellkugeltriigern. Wenn auch Blei¬ 
vergiftungen durch Schrapnellkugeln höchst unwahrscheinlich sind — die 
eingcheilten Geschosse bleiben uuter dem festen Bindegewebsmantel cor 
einer Desorption durch Oxydation oder durch allmähliche Lösung in der 
Gewebsflüssigkeit bewahrt — so ist doch zu untersuchen, ob sich nicht im 
Blute, dem empfindlichsten organischen Reagens auf Blei, gewisse Ver¬ 
änderungen (polychromatische und basophil punktierte rote BlutzöllenI 
feststellen lassen. Für die Erkennung der basophilen Körnelung, der 
charakteristischsten, durch Blei verursachten Blut Veränderung, dürfen 
aber keine Doppelfärbungen, sondern nur einfache Azur- oder Mcthylen- 
blaufärbungen, am besten Mansonsehe, erwartet werden. F. Bruck. 

Wiener klinische Wochenschrift 191 5, Nr. 6. 

II. Heyrovsky: Ueber Infizierte Gefäßschüsse. Die größte 
Komplikation der infizierten Schußverletzuugen der Arterien ist die se¬ 
kundäre Blutung. Ihre Mortalität betrug 1870 81 %, in den vorliegenden 
Beobachtungen zirka 14%; sie ist also auch heute noch nicht grade niedrig. 
Die primäre Gangrän tritt am häufigsten nach Läsion der Arteria po- 
plitea ein; wegen der Gefahr des Gasbrandes und des Tetanus soll die 
gangränöse Extremität möglichst bald abgesetzt werden. 

I. P. Karplus: Ueber Erkrankungen nach Granatexplosionen. 
Was bei den „Granatkontusionen“ die Menschen schädigt oder tötet, ist 
nicht das mechanische Trauma; es wurden immer „prämorbide“ Persön¬ 
lichkeiten befallen. Bei einer ganzen Reihe intelligenterer Kranken ließ sich 
zeigen, daß die nervösen Symptome schon vor der Grauatexplosion be¬ 
gonnen hatten und daß diese nur die Rolle eines psychischen Traumas 
spielte. Rief der Krieg bei Gesunden deutliche nervöse Symptome her¬ 
vor, so zeigten diese einen außerordentlich gutartigen Verlauf. 

M. Kaliane: Ueber Hyperthyreoidismns vom Standpunkte der 
Kriegsmedizia. Abmagerung, Tachykardie, Ilitzegefiihl, Tremor, Nei¬ 
gung zu Diarrhöen, gesteigerte Reizbarkeit, Unruhe usw., diese Sym¬ 
ptome des Hyperthyreoidismus sind häufige, vielfach noch verkannte Krank¬ 
heitserscheinungen, die die Kriegstauglichkeit herabsetzen. Für ihren objek¬ 
tiven Nachweis und die Beurteilung ihrer Intensität wird eine vom Verfasser 
angegebene galvanornetrischc Methode, die Galvanopalpation, empfohlen 


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UNIVERSUM OF IOWA 



1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


7. März. 


2 SG 


St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Bemerkungen zur Pro¬ 
phylaxe der Pedlkuiosds» Die Hirtenbevölkerung - der Karpathen im* 
ßrägniert ihre Kleider gegen die Läuscplage in aufgelöster Butter und 
trägt sie so monatelang am Körper. Die Liiusecier haften an den fett- 
durcbfcriinkten Klciderfäden nicht, an denen sic sonst von den Pedikuli 
befestigt werden. Vielleicht wehrt auch der Geruch der sich entwickeln¬ 
den Fettsäuren die Pedikuli ab, wie die Erfahrungen der Soldaten cs von 
Parfüms wie Nelkenöl, Orangenöl, Petroleum usw., behaupten. Von den 
Verfassern wird hier nach günstigen experimentellen Untersuchungen die 
Imprägnierung der Unterwäsche mit einem Gemisch von Paraffin und 
Anisöl empfohlen. — Um welche monströse Läusemengcn es sich oft 
handelt, zeigte ein Transport von 120 Mann, bei dem 15 Liter Pedikuli 
gesammelt werden konnten. Misch. j 

Wiener medizinische Wochenschrift IQ 15, Nr. 6. j 

(Pathologen - Festnummer.) 

Herrn Hofrat Weichselbaum zum 70. Geburtstage. Be¬ 
grüß mur des Nestors der Wiener Pathologen mit einer Porträtskizzo vmi 
Olga Prager. 

L. Aschoff: Zur Frage der Kriegsprosektureu. Auf Drängen | 
des Autors ist in Metz eine Kriegsprosektur errichtet worden: ihre ■ 
Nachahmung wird empfohlen, obwohl in den Kriegssanitätsordmmgen der 
verbündeten Armeen für sie keine Stelle vorgesehen ist. Wenn man 
bedenkt, daß eine Leichenöffnung das etwaige Vorkommen ansteckender 
Krankheiten oft schneller entscheiden kann als alle bakierioloLMschen 
Untersuchungen, so erkennt man, daß der pathologiseh-anatomi>ehen 
Arbeit im Krieg auch praktische Bedeutung zukommt. So ist denn auch I 
in Metz der erste sichere Fall von Dysenterie und Typhus durch die j 
Sektion erkannt worden. Auch für die Infektionswei.se des Tetanus er¬ 
gaben sich dem Autor wertvolle Anhaltspunkte aus seineu Kriegsheob- 
achtungen. Danach sind es besonders die Knochen- und Weiehteilsteek- 
selnisse, insbesondere die Granatsplittersteekschtisse, die zum Tetanus 
disponieren. Die grundsätzliche prophylaktische Seruminjektion der¬ 
artiger Verletzungen wird empfohlen. 

H. Cliiari: Hyphomyeosis ventriculi. Daß Schimmelpilze patho¬ 
gene Wirkungen entfalten, sind bisher seltene Beobachtungen. Der hier 
mitgeteilte Fall ist dadurch bemerkenswert, daß die Fadonpilze bis an 
die Serosa des Magens vorgedlangen und in dem dem Pilzherd 
entsprechenden Exsudat, an der Außenfläche des Magens naehzmveisen | 
waren. Es handelte sieh um ein zehntägiges syphilitisches Kind; die durch 
die Hyphomyeosis des Magens verursachte Peritonitis wurde zur Todes- [ 
Ursache. Die Hyphomyeosis wird makroskopisch durch schwärzlich-graue ' 
Herde auffällig, die die Indikation zur bisher immer versäumten kulturellen ! 
Untersuchung geben sollten. 

L. K. Glirtski: Beiderseitige UüDgenhypopIasie. Bisher ist 
nur ein solcher Fall beschrieben. Die Autopsie des Neugeborenen ergab 
eine ungemeine Kleinheit der Lungen bei sonst ganz normaler Entwich- I 
Jung anderer Organe; daneben allgemeinen Hydrops und besonders -starken 
Hydrothorax. Tm Gegensatz zu der bisherigen Auffassung meint der 
Verfasser, daß der in früher Lebensperiode der Früchte sich entwickelnde 
Hydrops die Hemmung der normalen Lunge non t w icklung und die daraus 
resultierende Lungenhypoplasie verursacht. 

N. v. Jagic: Zur Symptomatologie der Niereninfarkte. Ka¬ 
suistik mit Sektionsbefund. 

F. Marchand: Ueber die Neubildung der elastischen Fasern 
in Hautnarben, ein Beitrag zur Altersbestimmung von Narben. Die 
Frage bekam für die Beurteilung eines forensischen Falles aktuelles Inter¬ 
esse. Eine ganz gleichmäßige Neubildung der elastischen Fasern findet 
in Ilautnarben nicht statt. Im vorliegenden Falle war die Ausbildung 
des Narbengewebes durch eiugelagerte Fremdkörper beeinflußt. 

G. Pommer; Ueber A. Welchselbaums Knorpelstudien nebst 
einem Beitrage zur Kenntnis der sogenannten Psendostrnktnren 
und der basophilen interfibrillären Grundsubstanz Im kindlichen 
Hippeuknorpel. 

H. Ribbert: Ueber die subendokardialen Blutungen im Be¬ 
reiche des Atrioventrikularbündels. Diese Blutungen können klinische 
Bedeutung haben. Sie werden besonders bei Eklampsie und Tetanus, 
aber auch bei Hirntumoren, Schrumpfniere, bei Neugeborenen und nach 
Darreichung gewisser Herzmittel beobachtet. Nach Ribbert dürften 
aber die den Blutungen vorausgebenden Zerreißungen und Sehollen- 
bildungen der Bündelfsiseru das Wesentliche für den Exitus sei?), 

G. Singer: Ueber dyseuterlsclie Rheumatoide. Die rheumatischen 
Gelenkerkrankungen sind oft nicht auf die gewöhnliche tonsillnre Ein¬ 
gangspforte. solidem auf dysenterische und andere ulrerativc Darm¬ 
prozesse zuriiekzufühnm. Kasuistisrhe Mitteilung eines Dysentmehdls. 
hei dem sich schwere pulyartikuläre Veränderungen und Schwellungen bei 
rdeidizeitigem Befallenen des Endokards ausbildeten. 


N. Ph. Tendeloo: Ueber lymphogene Ausbreitung der Tuber¬ 
kulose beim Menschen. Untersuchungen über den Infektionsweg der 
Nierentuberkulose. M is ch. 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 3. 

v. Wassermann (Berlin): Typhös abdominalis a's Kriegs- 
seuche. Die bakteriologische Untersuchungsmethodo der Wahl für die 
frühe Diagnose des Typhus ist die Blutkultur; nur der positive Befund 
beweist. Hat eine Schutzimpfung stattgefunden, so ist die später vor- 
gennmmene Grubor-Widalsche Probe nutzlos. Das zur Therapie ver¬ 
wendete Typhusscntrn bat noch keine eindeutigen Resultate geliefert. 

Weber, Marine-Generaloberarzt (Berlin): Die Organisation des 
Mnrinesanitätswesens und die Verwundetenversorguug an Bord. Eino 
interessante Schilderung des Mannesanitätsdienstes, der Wirkungen der 
zur See zur Geltung kommenden Waffen und Verluste herbeiführenden 
Faktoren. Die Verletzungen sind ernster, die Infektionen häufiger, Ver¬ 
brennungen, Vergiftungen durch Gase zahlreicher. Zum Schlüsse werden 
noch die Maßnahmen zur Vorbeugung besprochen (mechanischer Schutz 
und Hintanhaltung der Wundiufektion). Gisler. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr. 8. 

Lanz: Abkühlung von Geweben nnd Organen. Die Unempfind¬ 
lichkeit der Hautdecken gegen die Einwirkung der Kälte veratdaßt« 1 
Lanz bei Hunden ganze Organe (Niere, Muskel, Magen, Leber, Milz) im 
Kreuzfeuer durchfrieren zu lassen. -Sämtliche Gewebe sind, nacli drei 
Tagen untersucht, kaum geschädigt, nach drei Wochen ganz frei von 
Veränderungen. Diese Unschädlichkeit der Abkühlung läßt sich aber fiir 
die Behandlung nicht ausnutzen: z. B. für die Blutstillung ohne Nutzen. 
Vielleicht ist die „Gefriermethode"* verwertbar zur zeitweisen Ausschal¬ 
tung oder Umstimmung endokriner Drüsen (Schilddrüse, Eierstöckc), ähn¬ 
lich wie die Diathermie. 

W. Levy: E.vtensionsvcrband bei Verletzungen der Bicken* 
gegend. Bei Verletzungen des Beckenrings, mit und ohne Knochen- 
frakturen, und hei tiefen Wunden seiner Weichteilbedeckung ist das wirk¬ 
samste Mittel die Ruhigst ellung durch Extonsion des Beins der 
verletzten Seite Diese Verankerung soll bereits beim ersten 
Transport angewendet werden (Streckung mit Heftpflasterschlinge oder 
ungeklcbtem Bindenstreifen und beschwerendem Gegenstände). K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 1915 Nr, 8 . 

E. Ebel er: Ueber Mcnstruatlonsverhältoisse nach gynäkologi¬ 
schen Operationen. Bei 13 Fällen von Abort in den ersten vier Mo¬ 
naten der Schwangerschaft ist in 50% die Austastung ohne wesentlichen 
Einfluß auf den Menstruationstypus gewesen. Die Unregelmäßigkeiten 
schwanden bei den folgenden Regeln. Bei 14 Fällen von Metropathia 
haemorrbagiea, mit Abrasio behandelt, war von Einfluß die Lage der 
Menstruation sw eile: Im Intermenstruum geringe Beeinflussung, iw 
Prämenstruum ausgesprochene Verspätung der ersten Menstruation. 

(Fortsetzung folgt,) 

M. Steiger: Bemerkungen zu dem Artikel Gessners in Nr. 4 
der Zschr. f. Geburtsh. 1015: „Zur Behandlung der Schwangerschalts- 
liiere und Eklampsie. Steiger faßt die Eklampsie als „Vergiftungs- 
erscheinuug“ auf infolge von Verschleppung fötaler Elemente in den 
mütterlichen Blutkreislauf im Gegensatz zur „mechanischen Schädigung de* 
Harnapparats” nach Gossner. Bei Schwangerschaftsniere ist die 
von Gessner vorgeschlngcne Einpflanzung eines Ureters in das Kolon 
unnötig und abzulehnen, weil die Eklampsie bei diesen Zuständen zu 
verhindern ist und eine nähere Indikation für den Eingriff bei Schwanger- 
schaftsniere im einzelnen Falle nicht abzuleiten ist. K Hf?- 


Bücherbesprediongen. 

B. Möhring, Zur Indikation und Technik der Unterkiefer¬ 
resektion sprothese. (Heft 2, Sammlung Mcusser. Abhandlungen 
aus dem Gebiete der klinischen Zahnheilkunde. Hcrausgegeben m 
Gemeinschaft mit Prof. Dr. Williger von Priv.-Doz. Dr. Alle 1 
Kantorowicz.) Berlin 1014. Herrn. Mousser. 68 S. M 4yy 
Verfasser beschreibt die in der Berliner zahnärztlichen Klim 
übten Methoden zum Ersatz von Suhstanzverlusten am Unterkielf pl ■ J 
zeigt an Hand zahlreicher, vortrefflichster Abbildungen die in k^-nu * ,M 
und funktioneller Hinsicht vollbefriedigenden Immcdiatprothesen un« V 
ein beredtes Zeugnis ab von den glänzenden Erfolgen, die ^enr 
mit der von ihm geschaffenen Behandlungsmethode durch die Hartguro 
schiene hat. , ß 

Da? Studium des vorliegenden Heftes ist jedem Interesse- 
dringend zu empfehlen. Hoffen a 


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7. Marz. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10 


287 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von Priv -Doe. Dr. Anten Bum, Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wien. 

Sitzung vom 26. Februar 1915. 

H. KÖrbl stellt aus der Abteilung Clairmont 2 Fälle von 
Nerven naht vor. In dem einen Fall wurde die Naht des Radialis 
3Monate nach der Schußverletzung vorgenommen; Pat. ist jetzt-, 
2MoDatenach der Operation, trotz fortgesetzter Nervonbehand- 
(ung noch nicht geheilt. Im 2. Fall wurden 2 Wochen nach der 
Schußverletzung der Ulnaris und Medianus genäht, jetzt, 4 Wochen 
später, ist bereits eine weitgehende Besserung zu sehen. Unter 
10 operierten Fällen wurde in 8 die Naht, in 2 die Neurolyse 
&usgefübrt. Auch für die Kriegsverletzungen der Nerven sollte die 
Kegel gelten, sie möglichst früh zu operieren, das Zuwarten hat 
den Nachteil, daß es lange dauert, bis der Pat. aktionsläbig wird, 
es können außerdem während dieser Zeit Mu«kelatrophien ent¬ 
stehen. Es sollen bei der Nervennaht identische Querschnitte mit¬ 
einander vereinigt werden, Nervenplastiken dürften keine so guten 
Resultate ergeben. — K. stellt ferner einen jungen Mann vor, bei 
welchem vor 2 Jahren eine Naht der Art. und V. axillaris 
sowie des Plexus brachialis mit dem Erfolg ausgeführt wurde, 
daß jetzt nur noch eine Ulnarislähmung vorhanden ist. Die Ver¬ 
letzung hatte sich Pat, durch Fall auf einen Glasscherben zuge- 
zogen. 

0. Marburg weißt darauf hin, daß die Frage der operativen 
Narbent>ehnndlung durch die Prüfung der elektrischen Reaktion zu ent¬ 
scheiden ist. Fehlt diese, wird man möglichst frühzeitig operieren; ist 
sie vorhanden, kann mau zuwarten. Die Frage über die Früh- und Spät¬ 
operation wird erst entschieden werden können, bis definitive Resultate 
vorliegen. 

E. Redlich hat unter ungefähr 300 Fällen von Schußverletzungen 
der Nerven einen nicht unbeträchtlichen Teil spontan ausheilen gesehen, 
darunter auch Fülle von Fazialislähmung. Die Frage der Operation bei 
Nervenverletzung soll später ausführlicher besprochen werden. Bei Fnih- 
uperationen hat man den Gewinn der Zeitersparnis: man kann auch bei 
Spätoperationen eine Heilung erzielen. 

H-Spitzy ist ein Anhänger der frühzeitigen Nervennaht, welche 
vorzunehmen ist, wenn die Wimdheihmg erfolgt ist. Eventuell kann auch 
eine Probeinzision gemacht werden, um den Zustand des Nerven und 
seiner Umgebung zu prüfen. Sinkt die direkte elektrische Erregbarkeit 
de* gelähmten Muskels unter ein Drittel, so ist die Indikation zur Frei¬ 
legung des Nerven gegeben. 

A.Fuchs betont, daß man die Reaktion des Nerven auch ohne 
rmiegung feststellen kann. Der vorgestellte spätoperierte Fall kann in 
--•.(Monaten geheilt sein. Die Bestimmung des Zeitpunktes für die 
prntion ist unter Zuhilfenahme der Elektrodiagnostik vorzunehmen. 

Jerusalem hat mehrere Nervenfälle operiert und dabei nur 
einmal einen durchschossenen Nerven gefunden. Sonst handelte es sich 
immer um eine Einschließung des Nerven durch Kallus oder um Spießung 
wen einen durchschossenen Knochen, dagegen hat Kör bl mehr Nervcn- 
urcüschüsse gesehen. Eine Nervenoperation 3 Wochen nach der Ver- 
etzttng ist nur bei reinen Schußverletzungen möglich; bei infizierten 
allen dauert die Wundheilung allein 3—4 Monate, worauf dann erst 
16 -Nenenoperation vorgenommen werden kann. 

TY p- Körbl erwidert, daß nur die schwersten Fälle operiert wurden. 
“ , urt(M lung. d 0r Notwendigkeit der Nervenoperation hängt von der 
otartungsreaktion ab. Die frühzeitige Nervennaht gibt sehr gute Schluß- 
j^iiltate. solche treten aber auch bei der Spätnaht ein; man muß jedoch 
ei ihr längere Zeit bis zum Eintreten der Nervenfunktion warten und 
sonnen Muskelatrophien eintreten. Vortr. ist überzeugt, daß auch der 
on ihm vorgestelltc Fall von Spätnaht in Heilung übergehen wird. Bei 
er rrobeinzision kann man sich von dem Zustande des Nerven und der 
mgebung überzeugen und einen durchschossenen Nerven gleich nähen. 
ine Durchschösse können frühzeitig operiert werden. 

H. *Spitzy führt- mehrere Soldaten mit Beinprothesen vor. 
lese sind provisorischer Natur, und zwar Gipsprothesen oder 
Thesen: bei letzteren wird der Stelzfuß durch ein Korb- 
genecht maskiert. Eine lange Tritt fläche nützt nicht viel, weil die 
lat. doch meist nur mit dem hinteren Teil derselben anftroten. 
| e Gipsprothese wird durch eine solche mit Lederhiilse ersetzt. 
,p Kat. lernen dann unter entsprechender Anleitung gehen, damit 
sie möglichst gleiche Schritte machen und nicht schwanken, damit 
? so lar ^ a Dg niöglichst dem natürlichen ähnlich wird. Hierauf 
onimen sie in die Invalidenschule und dann bekommen sie erst 
dle definitiven Prothesen. 

• , ^ Köderl demonstriert Extensionsschienen fiir Oberarm- 
Moren. Eine einfache Extensionsvorrichtung wird durch Heft- 
P asterstreifen hergestellt, welche zu beiden Seiten des Oberarms 
^geklebt sind und unter dem Ellbogen einen Bügel mit einem 


Gewichte tragen. Wenn die Pat. liegen, übt das Gewicht die 
Extension unter Zuhilfenahme einer Rolle aus. Eine andere Ex- 
tensionsvorriehtung ist die Brogersche Schiene mit Zahnantrieb, 
welche ebenfalls mit Heftpflasterstreifen auf der Schulter und in 
der Ellbogengegend fixiert wird. Vortr. hat eine einfache Modifi¬ 
kation dieser Schiene hergestelit, bei welcher die Distension durch 
Gummizug ausgeübt wird. 

Diskussion zum Vortrage von J. v. Hochenegg: Zur 

Prothesenfrage. 

Frh. v. Eiseisberg betont nochmals die Notwendigkeit der Her¬ 
stellung eines tragfälligen Stumpfes; ein solcher wird durch die Bunge¬ 
sehe Methode erreicht. Sobald der Pat. mit der Gipsprothese gut gehen 
kann und der Stumpf sich nicht mehr verändert, soll dem Amputierten 
eine möglichst gute Prothese gegeben werden. Seihst für einen verlorenen 
Oberarm sollen Prothesen gegeben werden. Der zurückgebliebene Arm 
soll zuerst gut ausgebildet werden, dann soll erst für den verlorenen 
Arm eine tunlichst gute Prothese verwendet werden. Redner demonstriert 
Lichtbilder, welche Amputierte, auch beider Arme Beraubte, bei Ver¬ 
richtungen mit Carnessehen Prothesen zeigen. Mit diesen können die 
subtilsten Manipulationen vorgenommen werden, v. E. hofft, daß auch in 
Oesterreich vorzügliche Prothesen hergestellt worden können; die Pro¬ 
these soll den Defekt möglichst unkenntlich machen. 

H. v. Aberle berichtet über die Aufgaben der Versuchs- und Lehr¬ 
werkstätte im Reservespital Nr. 6 in der Mollardgasse. Diese Institution 
hat den Zweck, durch Versuche das beste System von Prothesen heraus- 
zufinden und alle technischen Fortschritte in den Dienst der Prothesen¬ 
fabrikation zu stellen. In dieser Werkstätte sind Chirurgen, Orthopäden, 
Mechaniker und Bandagisten zur Durchführung dieser Aufgabe vereint. 
Die Werkstätte wurde dieso Woche eröffnet. 

J. v. Hochenegg stellt einen am Unterschenkel amputierten 
Mann mit einer Prothese vor, welche so ausgezeichnet gearbeitet ist, 
daß ihr Träger ohne Stock gehen. Stiegen steigen, springen, auf den 
Fußspitzen stehen und tanzen kann Es ist überhaupt nicht zu entscheiden, 
auf welchem Bein sich die Prothese befindet. Als Gegensatz dazu zeigt 
Redner eine unbrauchbare Prothese. Jetzt sollten nur provisorische Pro¬ 
thesen gegeben werden, da der Stumpf sich ändert und die Herstellung 
definitiver Prothesen gegenwärtig wegen Mangels an Arbeitern und an 
Material schwierig ist. Es ist die Vornahme einer Statistik der Ampu¬ 
tierten geplant, da man gegenwärtig keine Uebersicht über die Zahl 
derselben hat. Eine Prothese kann nicht fertig gekauft oder nach Maß 
gearbeitet werden: sie muß nach dem Körper geformt werden. Die Lösung 
der Prothesenfrago bedarf noch eines genauen Studiums, um die besten 
Typen herauszufinden. Ein von Exz. W. Exner gebildeter Verein, dessen 
Schöpfung die Versuchs- und Lehrwerkstätte ist, hat sich zur Aufgabe 
gesetzt, das technische Problem der Prothesenfrage in großzügiger Weise 
zu lösen, v. H. vereinigt seine Ausführungen und die in der Diskussion 
zutage getretenen Ansichten in Schlußsätzen, die einem Komitee zur 
Vorberatung und Berichterstattung an die nächste Plenarsitzung über¬ 
wiesen werden. jj 

Gesellschaft für innere Medisin and Kinderheilkunde 
in Wien. 

Sitzung vom 25. Februar 1915. 

A. v. Decastello demonstriert einen 60jährigen Mann mit 
Diabetes mellitus, chronischer myeloischer Leukämie und 
multiplen leukämischen Hautinfiltraten. Pat. erkrankte vor 
2 Jahren mit zunehmender Schwäche, hochgradiger Abmagerung, 
großem Durstgefühl, Polyurie, Pruritus am ganzen Körper und 
Ausfall der Zähne. Im Harn fand sich Zucker. Seit einigen Wochen 
hat Pat. zahlreiche pigmentierte Flecken auf der Körperhaut. Die 
Untersuchung ergibt Anämie, Kachexie, Abmagerung, Benommen¬ 
heit, Oedeme au den unteren Extremitäten, Dyspnoe, linsengroße 
und größere Hämorrhagien an den Oberschenkeln, Oberarmen und 
am Bauche, auch am weichen Gaumen, außerdem an verschiedenen 
Körperstellen papulöse braune, rundliche oder längliche, hanfkorn¬ 
große und erbsengroße Hautinfiltrate, Dämpfung über beiden 
Lungenspitzen, diffuse Bronchitis, Verbreiterung des Herzens und 
der Aorta, Vergrößerung der mediastinalen Lymphdrüsen und der 
Lymphdrüsen an mehreren Körperstellen, Milztumor. Im Blute 
finden sich 3 Millionen Erythrozyten, 149 000 weiße Blutkörperchen, 
das Blutbild hat einen myeloischen Charakter. Patellarreflexe 
fehlen. Die myeloische Affektion der Haut hat Vortr. in einem 
Jahre bei 3 Fällen beobachtet. 

H. Schlesinger zeigt einen Fall von Mobilisierung einer 
latenten Malaria durch Typhusvukzination. Der vorgostellte 
Soldat wurde unter der Diagnose Malaria dem Krankenhause über¬ 
wiesen. Es bestand ein deutlicher Milztumor, jedoch war kein 


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288 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


7. März. 


typisches intermittierendes Fieber vorhanden und war das wieder¬ 
holte Suchen nach Plasmodien erfolglos. Da das Fieber allmählich 
staffelförmig abklang, neigte man eher zur Annahme eines atypi¬ 
schen typhösen Zustandes, gegen welchen aber die Blut- und 
Serumreaktionen sprachen. Nach lOtägiger völliger Entfieberung 
wurde eine Typhusvakzination in der typischen Weise prophy¬ 
laktisch vorgenommen. In der auf die Impfung folgenden Nacht 
trat Schüttelfrost mit anschließendem hohen Fieber auf; es ent¬ 
wickelte sich ein ausgesprochenes Tertianfieber und im Blute wurden 
nun reichlich Malariaplasmodien (Tertianaparasiten) gefunden. Eine 
kombinierte Chinin-Kakodyl-Therapie brachte Heilung. In diesem 
Fall hat demnach die prophylaktische Typhusimpfung eine latente 
Intermittens zum Ausbruche gebracht. Manche Autoren haben ein 
Verschwinden der Plasmodien aus dom Blute beim Hinzutreten 
einer Infektionskrankheit zur Malaria beobachtet, während im 
Gegensätze dazu in Malariagegenden tätige Aerzte dem Vortr. 
wiederholt erklärten, daß eine latente Intermittens durch Hinzu- 
treten einer anderen Infektionskrankheit wieder manifest wird und 
daß dann Plasmodien in der Blutbahn erscheinen. Vortr. sah bei 
einem Fall von vollkommen abgeklungener Malaria reichliche 
Plasmodien im Blute auftreten, als Pat. an einer Variola erkrankte. 

A, v. Decastello bemerkt, daß man bei latenter Malaria durch 
verschiedene Beeinflussung der Milz Anfälle provozieren kann, so durch 
Faradisation, Auflegen eines Eisbeutels oder nach Pollitzer durch 
Röntgenbestrahlung. Vielleicht sind es vasomotorische Veränderungen, 
besonders Hyperämie der Pulpa, welche die dort eingenisteten Plas¬ 
modien in die Zirkulation führt. Akute Infektionskrankheiten könnten 
in gleicher Weise wirken. 

N. Ortner stimmt v. Decastello zu, er möchte nur noch auf 
das Knochenmark als mögliches Depot der Malariaplasmodien hinweisen. 
Er fragt den Vortr., ob nach der Typhusschutzimpfung nicht Erschei¬ 
nungen seitens der Milz oder des Knochenmarkes vorhanden waren. 

H. Schlesinger erwidert, daß von Seite der Milz und des 
Knochenmarkes keine Erscheinungen Vorlagen, auch das Blutbild nicht 
verändert war. J 

O. Porges hat einen Fall gesehen, bei welchem sich ein derber l 
Milztumor bei einem Typhusrekonvaleszenten fand, es trat ein Schüttel¬ 
frost auf und es entwickelte sich klinisch eine Malaria mit Plasmodien 
im Blute; die Fieberbewegungen verschwanden nach kurzer Chinin- 
behaDdlung. Die Malaria war durch den Typhus wieder manifest ge¬ 
worden. 

A. v. Müller hat in einem Fall von Psoriasis während einer 
Typhuserkrankung ein vollständiges Verschwinden der Hauteffloreszenzen 
gesehen, welche nach Ablauf des Typhus wieder auftraten. 

W. Pi sek berichtet über einen Soldaten, welcher nach einem 
chirurgischen Eingriff im Spitale Malaria bekam, die durch Chinin zum 
Verschwinden gebracht wurde. 

L. Rosenberg erinnert daran, daß schon vor 25 Jahren A. Klein 
mehrere Fälle mitteilte, bei welchen eine latente Malaria durch akute 
innere Krankheiten und auch durch Lues wieder erweckt wurde. Auch 
R. sah bei einem Kinde eine seit 4 Jahren latente Malaria anläßlich 
einer krupösen Pneumonie aufflammen. 

# S* Fischer (Daruvar), welcher in einer Malariagegend praktiziert, 
Bat die Erfahrung gemacht, daß eine durch viele Monate latente Malaria 
durch ein kaltes Bad ausgelöst werden kann. 

M. Ortner bestätigt die Angaben v. Müllers über Verschwinden 
der Psoriasis unter dem Einflüsse akuter Infektionsprozesse. Mendel 
hat auf Grund einer solchen Beeinflussung die Tuberkulintherapie bei 
Psoriasis empfohlen. 

K. Radoniöiö stellt einen Kranken mit einem Mediastinal¬ 
tumor in der Gegend des rechten Hilus vor. Die Geschwulst greift 
auf die Lunge über, komprimiert die V. cava superior und 
verursacht eine Lähmung des rechten Phrenikus. Pat. zeigt eine 
vikariierende stärkere Atmung der gleichnamigen Thorax¬ 
hälfte als Zeichen der einseitigen Zwerchfellslähmung. Vortr. ] 
hat bereits 7 Fälle, darunter einen mit Obduktion, beobachtet, welche i 
alle dieses Symptom zeigten, und zwar sowohl bei Tuberkulose 
als auch bei entzündlicher Zwerchfellslähmung und bei Tumoren. 

Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Ueher die 
Klinik und Therapie der Dysenterie. 

H. Schlesinger bemerkt, daß man über die Häufigkeit der Dys¬ 
enterie jetzt kaum ein Urteil sicli bilden kann, da einzelne Tnippen¬ 
körper von der Erkrankung verschont bleiben, andere fast ganz von ihr 
ergriffen werden. Da die bakteriologische Diagnose in manchen Fällen 
im Stiche ließ, wurde an der Abteilung des Vortr. jeder Kranke mit 
häufigen blutigen Stuhlentleerungen und ausgesprochenem Tenesmus als 
ruhrverdächtig betrachtet. Leichte, ambulante Formen scheinen unter 
den Truppen sehr häufig gewesen zu sein. Sch. hat in der jetzigen Epi¬ 
demie ziemlich häufig Dyhenteriefälle mit mäßigem Fieber vom Typus 
einer Kontinua beobachtet. Gelenkskomplikationen wurden nur einige Male 
gesehen, sie waren schmerzhaft, botrafen vorwiegend die unteren Extre¬ 
mitäten und erinnerten in ihrem Verlauf an gonorrhoische Arthritiden. 


Recht häufig wurden eigenartige Polyneuritiden beobachtet, welche vor¬ 
wiegend die sensible Sphäre betrafen, manche sogenannte Myalgien nach 
Dysenterie dürften polyneuritischer Natur sein. Die Polyneuritiden äußer¬ 
ten sich in Parästhesien, Druckempfindlichkeit der Nervenstämme und 
der Muskulatur, namentlich der Wade, Sensibilitätsstörungen, oft in sym¬ 
metrischer Anordnung. Motorische Erscheinungen waren relativ gering¬ 
fügig, Muskelatrophien wurden selten und nur in geringem Grade beob¬ 
achtet. Schwere Lähmungserscheinungen wurden nicht gesehen, sondern 
nur mäßige Paresen, das Gehen war immer möglich. Die Sehnenreflexe 
fehlten manchmal vorübergehend, trophische Störungen der Haut und 
der Nägel spielten nur eine geringe Rolle. Die Prognose der Nerven¬ 
erkrankung war eine günstige. Bezüglich der in der Literatur so oft ge¬ 
nannten Rezidiven ist Redner der Ansicht, daß es sich recht oft nur um 
Rekrudeszenzen eines noch bestehenden Prozesses handeln dürfte. Red¬ 
ner hat bei Obduktionen klinisch geheilter Dysenteriefälle noch weit¬ 
gehende Veränderungen im Dünndarm und im Dickdarm gesehen, welche 
auf die anscheinend ausgeheilte Erkrankung zuriiekzuführen waren. Ein 
wichtiges prognostisches Symptom ist bei der Dysenterie der Singultus. 
Redner hat noch nie einen Dysenteriekranken durchkommen gesehen, 
welcher Singultus bekam. Diese Erfahrung wurde auch von anderen 
Aerzteil bestätigt. Jn einigen Fällen wurde als Abschluß einer Dysen¬ 
terie ein choleriformes Bild gesehen, ohne daß eine Komplikation mit 
echter Cholera vorlag, in einem Fall fand sich B. coli. Bezüglich der 
Mortalität ist jetzt noch keine Statistik möglich, weil das beobachtete 
Material an den einzelnen Stationen zu ungleichmäßig ist. Redner ist 
nicht ein Anhänger eines weitgehenden Gebrauches von Abführmitteln 
bei der Dysenterie, außer bei frischen Fällen, da er einige Male nach 
einer solchen Medikation einen Kollaps gesehen hat. Er verwendet Cal- 
caria carbonica 100, Saccharin 0,15, zweimal täglich einen Kaffeelöffel 
in .Milch oder in einem halben Glas Wasser, mit gutem Resultat. Auf 
die % erabreichung von Bolus hat er in letzter Zeit ganz verzichtet, da 
große Mengen erforderlich sind und das Mittel öfter refüsiert wurde. 
Von der Tierkolile hat er keinen überzeugenden Erfolg gesehen. Nach 
seinen Erfahrungen lindern Opiate, namentlich Pulvis Ipecacuanhae opi- 
atus, in vielen Fällen die Beschwerden der Kranken, namentlich den Te¬ 
nesmus. 

H. Salomon spricht sich ebenfalls nach seiner Erfahrung gegen 
die übermäßige Anwendung von Abführmitteln aus. Dieselben sind an¬ 
zuwenden, wenn noch alte Kotmassen im Darme stagnieren, welche die 
ulzerösen Stellen reizen, gewöhnlich sieht man jedoch Kranke, bei denen 
sieh der Darm bereits gereinigt hat. Er hält es doch für zu gewagt, 
die schon bestehenden Reizerscheinungen im Darme durch Abführmittel 
noch zu verstärken. Derselben Ansicht ist Redner hinsichtlich der akuten 
Darmkatarrhe. Audi bei anderen Infektionskrankheiten ist man vielfach 
von der Kalomeltherapie abgegangen. Von großer Bedeutung ist die 
diätetische Behandlung, die Verabreichung von Schleimsuppen gibt ein 
günstigeres Resultat als die Reizbehandlung mit Laxantien. Man gibt 
ungefähr 2 Tage ausschließlich eine Art von Schleimsuppe, z. B. von 
Hafer, Gerste u. a., 6 —8mal pro Tag und wechselt dann wieder. Der 
absoluten Warnung vor Opiaten möchte sich Redner nicht anschließen, 
da sie den Tenesmus gut beeinflussen. 

M. Woinberger hat mehrere hundert Fälle von leicht und schwer 
Dysenteriekranken beobachtet, von welchen 6 gestorben sind, außerdem 
hat er 26 Obduktionen anderer Fälle beigewohnt oder über sie Erkundi¬ 
gungen eingezogen. Unter deu anscheinend Dysenteriekranken fanden 
sich auch katarrhalische Erkrankungen, bei welchen daher eine bakte¬ 
riologische Untersuchung negativ war. Diese hat bei Dysenteriefällen nur 
in ganz vereinzelten Fällen vollkommen versagt, die Agglutination gab 
einwandfreie Resultate. Bazillen wurden öfter in der Gallenblase vonLeichen 
bei Fällen gefunden, bei denen sie in den Fäzes fehlten. Die Bazillen¬ 
träger soll man nicht gering achten: W. hat zwei Fälle von Uebertra- 
gung gesehen, von denen einer starb. Die Dysenteriefälle verliefen akut, 
subakut, chronisch oder subchronisch, außerdem kamen Rekrudeszenzen 
vor: in letzteren Fällen sieht man bei der Obduktion ältere und jüngere 
Darmgeschwüre sowie Narben nach solchen. Es gibt auch lenteszierende 
Geschwüre. Unter den Komplikationen der Dyseateric beobachtete Red¬ 
ner katarrhalische Bronchitiden eitriger Natur, katarrhalische und krupöse 
Pneumonien, Thrombosen großer Venen, Embolie der Pulmonalarte rien, 
Thrombosen im Herzen: Nierenkomplikationen (Nephritis) wurden nur in 
einem Falle gesehen. In schweren Fällen reichten die Darmgeschwüre 
bis auf die* Muskularis und sogar auf die Serosa, manchmal waren 
große Strecken der Schleimhaut zerstört; in derartigen Fällen fand sieb 
als Komplikation eine Peritonitis in verschieden großer Ausdehnung. 
Unter den besonderen Verl aufsarten der Dysenterie sah Redner eine 
typhöse Form mit aufgetriebenein Abdomen, Meteorismus und Milzturnor. 
ferner ein peritonitisches Krankheitsbild, welches jedenfalls durch Ge¬ 
schwüre verursacht war, die nahe an der Serosa saßen, bei der Obdu' 
tion fand sich jedoch keine Peritonitis. Das choleriforme Krankheitsou 
geht mit Erbrechen und Durchfällen einher. Es wurde auch eine Ao 
plikation mit Abdominaltyphus beobachtet. Das wuchtigste Kennzeic 
der Dysenterie bilden der Tenesmus und der häufige Stuhldrang. D 1 ' 
die Opiumbehandlung verlieren die Patienten nicht ihre Bescliwer - 

adstringierende Behandlung bringt bei entsprechendem individuellen 
gehen gute Resultate, leichte Fälle können ohne medikamentöse 1 . 
pie bei entsprechender Diät ausheilen. Von der Anwendung von Aow 
mittein hat W. gute Erfolge gesehen, auch die subjektiven Besch 
wurden gebessert. 


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7. März. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


289 


0. Porges berichtet über seine Erfahrungen betreffs postdysente¬ 
rischer Magen- und Darmaffektionen. Viele Fälle von Dysenterie gehen 
nicht in Heilung aus, sondern es bestehen noch Darmsymptome; die vor¬ 
handenen Diarrhöen werden als Zeichen von chronischer Dysenterie oder 
chronischer Kolitis aufgefaßt. Bei systematischen Stuhluntersuchungen 
konnte Redner feststellen, daß bei zwei Dritteln der Fälle der Stuhl die 
charakteristischen Zeichen der Dyspepsie besitzt; es finden sich unver¬ 
daute. quergestreifte Muskelfasern, sehr häufig Gemüsereste, Bakterien 
im Stuhl und saure Reaktion des letzteren. Ein großer Teil solcher Pa¬ 
tienten erwies sich bei Vornahme systematischer Magenausheberungen 
als anazid. Nur etwa bei einem Drittel der Fälle fand sich normale Magen¬ 
azidität, dagegen waren Erscheinungen eines chronischen Dickdarm- 
kttarrhs vorhanden. Viele Fälle von Diarrhöen nach Dysenterie trotzen 
jeder Thempie; Redner vermutet, daß diese Fälle auf AnazidiUit beruhen. 
Eine Therapie wie bei gastrogener Diarrhöe (Verabreichung von Salz¬ 
säure, diätetische Maßnahmen) hat bei den Fällen mit Anacidität einen 
Erfolg. Auch bei den Fällen mit chronischem Dickdarmkatarrh und ohne 
Äumdität findet man häufig eine Resistenz gegen die Therapie. In sol¬ 
chen Fällen hat sich die Behandlung mit Suspensionen von Kohle oder 
Bolus im Klysma bewährt. Es ist anzunehmen, daß bei Patienten mit 
Anazidität Dysenterie leichter auftreten kann als bei normalen Magen- 
verhältnisBeu. __ H. 


E. Csernel: Der Erfolg der Besredkascheu Vakzine ist auf 
ihren Inhalt von lebenden oder durch nicht zu intensive Einwirkung 
(0,5°/ 0 Phenol) abgetöteten Bazillen rückführbar. Dem zur Sensibilisierung 
verwendeten Serum kommt nicht die Rolle als wirksamer Faktor zu. 
denn sein Weglassen setzt die Wirksamkeit der Vakzine keineswegs 
herab. Im bakteriologischen Institut des Ministeriums des Innern (Sani¬ 
tätsabteilung) erzeugen sie eine polyvalente Vakzine, in deren jedem Kubik¬ 
zentimeter 15 Millionen Typhusbazillen enthalten sind, emulgiert in 0,5% 
Karbol enthaltenem physiologischen Wasser. Von diesem Serum sah er im 
Sankt-Gerhards-Infektionsspital guten Erfolg. Kontraindiziert ist die Im¬ 
pfung bei Darmkomplikationen, bei sich auf Kardiakis nicht hebender Herz¬ 
schwäche, in ataxoadvnamischen Formen, bei konkommittierender Tuber¬ 
kulose. 

E. v. Jendrassik: Die bei Besredka-Serum miunter auffallend 
spät in die Erscheinung tretende Rezidive könnte auch eine Erneuerung 
der latenten ersten Erkrankung sein, was wegen Bestimmung der Diät 
wichtig ist. 

A. v. Koränyi: Die intravenöse Applikation des Ichikawa- 
Serum hat den Vorteil, die Krankheit rasch abzuschneiden, nach Kes- 
redka tritt der Erfolg nur in einigen Tagen auf. Offen bleibt die Frage, 
welche Methode hinsichtlich Häufigkeit des Erfolges resp. des Endresul¬ 
tates sich als besser erweisen wird. S. 


Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest. 

Sitzungen vom 13. und 20. Februar 1915. 

C. ?. Feistmantel: Spezifische Therapie des Bauch« 
typhi*. Zur Behandlung des Abdominalis verwendet man in 
der jüngsten Zeit sensibilisierten Impfstoff. Besredka sensibili¬ 
siert mit Tierserum, Ichikawa mit dem schwerer zu beschaffen¬ 
den Serum von Rekonvaleszenten. Letzterer spritzt intravenös 
ein, Ersterer subkutan. Vortr. bemerkte schon früher, daß von 
Typhuskranken stammender Typhus-Impfstoff, subkutan einge¬ 
spritzt, im Gegensatz zu manchen anderen prophylaktischen 
Impfungen, ohne Reaktion verläuft; es war sohin zu gewärtigen, 
daß bei sukzessiver Einverleibung größerer Dosen auf subkutanem 
Weg der Vorteil zu erreichen sei, daß Vakzine intravenös in den 
Kreislauf gelange. Seine Versuche bezweckten, die in der Literatur 
bislang nicht präzisierte Höbe der wirksamen Dosis des Besredka- 
schen Impfstoffes zu bestimmen. Er begann mit Injektionen, sobald 
die bakteriologische Untersuchung, die Vi dal sehe Reaktion oder 
die Kultur aus dem Blute die Diagnose bestätigten. Am ersten 
Tag injizierte er Vs Platinöse, am zweiten eine ganze, am dritten 
1 Vs» am vierten 2 Oesen des sensibilisierten Bakterienmateriales. 
Seine Erfahrungen lauten: 1. Der in einer Va Oese aus schwach 
virulenten Typhusstämmen gewonnene, in einer Menge von 1 ccm 
dargereichte Impfstoff ist bei der beschriebenen Dosierung imstande, 
die Dauer des Typhus auf D/s—2 Wochen zu reduzieren. 2. Die 
in der Rekonvaleszenz mitunter auftretende neuerliche Fieber¬ 
erhöhung sinkt durch Applizierung der anläßlich der vierten Ein¬ 
spritzung angewandten Dosis. 3. Das Verfahren wirkt nicht so 
abortiv, wie jenes von Ichikawa (s. Sitzungsbericht in Nr. 8, 
S : 232), ist aber vom praktischen Arzt leichter ausführbar. 4. Für 
die Behandlung sind Fälle am Ende der ersten Woche oder zu 
Beginn der zweiten Woche am meisten geeignet. 5. Der Impfstoff 
bewahrt seine Wirksamkeit nur 2 Wochen, ist daher nach seiner 
Herstellung tunlichst rasch anzuwenden. 

E. Szöesy: Ueber Typhusheflung mit der Besredka« 
wmi Vakzine. Mit letzterer, 10—12 Tage alter (nicht älterer) 
Vakzine, in deren 1 ccm V 2 Platinösen Typhusbazillen enthalten 
and und aus der kuhikzentimeterweise 4 Tage nacheinander in 
steigenden Tagesdosen von 1—4 ccm subkutan dem Pat. injiziert 
»ffd, kann die Heilungsdauer des Abdominalis von Beginn der 
Behandlung an gerechnet auf 4—6 Tage reduziert werden, wobei 
w * e< kr subjektive noch objektive Nebenerscheinungen sah. 2. Die 
Mch Vakzination in einem bestimmten Prozentsätze der Fälle 
Reuden rezidiveartigen Temperatursteigerungen waren durch 
wiederholte subkutane Injektionen der bei der Vakzination zuletzt 
oenütaten, 4 ccm betragenden Dosis in Form einer Krisis, mit- 
? w m Tage währender Lysis endgültig zu beseitigen. 
• Wesentlich nahm die Zahl der Rezidiven ab, ja die klinisch 
Jf 411 .? 8 den Typhusrezidiven ähnelnden fieberhaften Erkrankungen 
w»nrit^ eü d urc h die wiederholte Injektion der zuletzt ange- 
anatea Vakzinemenge diagnostisch zu sondern. 4. Durch die iu 
geschilderten Weise und Stärke applizierte Besredka-Vakzi- 
r-J die Mortalität wesentlich, in seinen Fällen auf 2% 


wesentHrJ■ Aldor: Die Vakzinetherapie des Abdominalis bedeutet einen 
möcrH^K ; r 5 ort *chritt; erwünscht ist ihre je frühere Anwendung, wo- 
ua Präaggluünationsstadium des Typhus. 


Kleine Mitteilungen. 

(Wilhelm Winternitz.) Am 1. März hat der em. 
Professor der inneren Medizin an der Wiener Universität 
Hofrat Dr. Wilhelm Winternitz das achtzigste Lebensjahr 
vollendet. Der Beginn seiner erfolgreichen wissenschaftlichen 
und didaktischen Wirksamkeit fällt in jene Glanzzeit der 
Wiener Schule, der Skoda, Oppolzer und Rokitansky 
den Stempel ihres Genius aufgedrückt, in jene Zeit, in wel¬ 
cher die hohe Entwicklung der Diagnostik der Therapie wenig 
Raum gegönnt hat. Welche Riesenarbeit ist hier dem Manne 
erwachsen, der es unternommen hat, der physikalischen 
Therapie Bahnbrecher und Förderer zu sein, der, auf streng 
wissenschaftlicher Grundlage fußend, die Wirkung thermischer 
und mechanischer Reize auf den Organismus studiert und, Stein 
auf Stein legend, die Lehre fundiert und ausgebaut hat, der 
er sein reiches Leben gewidmet! Da der unermüdliche For¬ 
scher auch ein hochbegabter Arzt ist, war es ihm gegönnt, 
die Früchte seiner unabsehbaren wissenschaftlichen Arbeiten 
den Kranken zu bieten, die er hingebungsvoll betreut, sie zum 
Segen späterer Generationen als Lehrer dem großen Schü¬ 
lerkreise zu tradieren, der ihn umgibt und der sein Lebens¬ 
werk ausgestaltet für alle Zeiten. Medizinische Wissenschaft 
und ärztliche Kunst begrüßen heute den Altmeister der Hydro¬ 
therapie, den begeisterten Lehrer, den genialen Arzt, der im 
hohen Greisenalter sich jene volle geistige und körperliche 
Frische bewahrt hat, welche die Götter nur Auserwähltcn 
gewähren. _ 


(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und aufopfe¬ 
rungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem 
Feinde ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Vlöek der Orden der 
Eisernen Krone III. KL mit der Kriegsdekoration, den 0.-St.-Ae. 
H. KL DDr. M. Grabowski, J. Nejtek, San.-Chef des 19. Korps, 
den St.-Ae. DDr. A. Vlach des Feld-Sp. Nr. 2/15, 0. Steinhaus, 
San.-Chef der 1.1.-Div., A. Beran des L.-l.-R. Nr. 31, K. Breuner 
des L.-I.-R. Nr. 32, E. Weinstein des mob. Res.-Sp. Nr. 3/13, 
F. Marschenhofer des F.-K.-R. Nr. 41, den R.-Ae. DDr. A. Po- 
lacco des Feld-Sp. Nr. 1/15, L. Baumbach des I.-R. Nr. 58, 
J. Nowotny des L.-I.-R. Nr. 3 und dem O.-A. d. R. Dr. E. Jönäsz 
des I.-R. Nr. 65 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande 
des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A. Dr. E. Stiasny des L.-I.-R. 
Nr. 1, O.-A. K. Obrälik des b.-h. I.-R. Nr. 4, den O.-Ae. d. Res. 
DDr. J. Rathkolb des Ldsch.-R. Nr. II, A. Huber des I.-R. 
Nr. 49, H. Weinberger des I.-R. Nr. 52, K. Hollitscher des 
Epidemie-Sp. in Vinkovci, den Lst.-O.-Ae. DDr. M. Selz er des 
U.-R. Nr. 2, A. Kofranyi des Lst.-I.-R. Nr. 13, dem O.-A. d. Ev. 
Dr. E. Groh des Lst.-I.-R. Nr. 28, den A.-Ae. d. Res. Doktoren 
S. Meister des I.-R. Nr. 60, M. Tischler des 106.1.-Div.-Kmdo., 
S. Takäcs der Schw. H.-Div. Nr. 4, den Lst.-A.-Ae. Doktoren 
0. Freund des Lst.-L-R. Nr. 13, R. Silbermann des Res.-Sp. in 
Volocz, J. Malinasin des Landwehr-Sp. in Czernowitz, F. Glanz 
des Feld-Sp. Nr. 1/7, K. Schurz des mob. Res.-Sp. in Lukavac 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 


7. März. 


und dem A.-A. d. Ev. Dr. 0. Fuchs der I.-Div.-San.-A. Nr. 100 das 
Goldeno Yerdionstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeit s- 
medaille, dem A.-A. d. Res. Dr. G. Pauchli des I.-R. Nr. 10 das 
Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkcitsmedaille ver¬ 
liehen, den R.-Ae. DDr. K. Luttor des I.-R. Nr. 10. J. Rejmon 
des l.-R. Nr. 20, F. Stach des I.-R. Nr. 74, den O.-Ae. d. Res. 
DDr. K. Levitzky des I.-R. Nr. 20 und E. Szegö des F.-H.-R. 
Nr. 6 neuerlich die a. h. belobende Anerkennung, den R.-Ae. 
DDr. J. Martinek des I.-R. Nr. 24, fl. Meixner des 8. Gebirgs- 
Brgdkmdo.', J. Sveö des 5. Gebirgs-Brgdkmdo, A. Jelinek des 
I.-R. Nr. 21, E. Bänyay des I.-R. Nr. 25, R. Vejvoda des L.-I.-R. 
Nr. 24, F. Widhalm des F.-K.-R. Nr. 42, J. Löwy des Lst.-I.-R.. 
Nr. 13, dem R.-A. d. Res. Dr. E. Thorsch des Ldsch.-R. Nr. I, 
den R.-Ae. d. Ev. DDr. K. Schramek des L.-I.-R. Nr. 34, E. 
Bayer, J. Gerstner und W. Linhart des Lst.-I.-R. Nr. 7, dem 
O.-A. d. Res. Dr. Z. Wein des F.-H.-11. Nr. 0, dem Lst.-O.-A. 
Dr. F. Hellauer des Lst.-I.-R. Nr. 2, dem O.-A. d. Ev. Dr. E. 
Haim des Lst.-I.-R. Nr. 29, den Lst.-A.-Ae. DDr. A. Roth des 
Lst.-I.-R. Nr. 36, R. Kronfeld und 0. Schulz der I.-Div.-San.-A. 
Nr. 24, J. Foltys des Lst.-I.-R. 32, W. Karell des Lst.-I.-R. 
Nr. 31 und P. Schilder des Lst.-B. Nr. 28 die a. h. belobende 
Anerkennung ausgesprochen worden. 

(Dio Wanderpraxis der Aerzte.) Der Verwaltungsge¬ 
richtshof hat jüngst über eine in Aerztekreisen viel erörterte 
Frage entschieden. Der Wiener Zahnarzt Dr. Karl Lnger hatte 
im Dezember 1913 bei der Bezirkshauptmannschaft Leoben die 
Ausübung der zahnärztlichen Praxis in Eisenerz angemeldet und, 
als dies zur Kenntnis genommen wurde, dortselbst ein Atelier ge¬ 
mietet. Die steiermärkische Statthalterei setzte jedoch dieso Ent¬ 
scheidung der Bezirkshauptmannschaft außer Kraft und unter¬ 
sagte dem Arzte die weitere Praxis in Eisenerz. Das Ministerium 
des Innern wies den Rekurs Dr. ÜDgers zurück. Vorher war ihm 
dasselbe in Gmünd passiert, wo ilnn ebenfalls die Praxis von der 
niederösterreichischen Statthalterei untersagt werden war, weil die 
Ausübung der ärztlichen Praxis ausdrücklich an dio Niederlassung 
auf Grund erfolgter Anmeldung bei der politischen Behörde und 
an dio vorausgegangone Berufung gebunden und ein Herumziehen 
von Ort zu Ort unter Ausübung de- ärztlichen Dienstes unzulässig 
sei. Ueber die beiden Beschwerden Dr. Ungers entschied nun der 
Verwaltungsgerichtshof, indem er der Beschwerde wegen Unter¬ 
sagung der Praxis in Eisenerz stattgab, die Beschwerde wegen 
des Verbotes der Praxis in Gmiind jedoch zurück wies, ln der 
Begründung wird im wesentlichen ausgeführt, daß den Aerzten 
das Recht zusteht, mit Vor wissen der tetreffenden Obrigkeit suh 
allenthalben im Lande niederzulassea und iln c Kun>t uuszuiibeii. 
Als ..Niederlassung“ sei aber die dauernde Stätte anzusehen, an 
der oder von der aus der Arzt regelmäßig seinem Beruf naeii- 
geht. Eine ärztliche Praxis ohne feste Niederlassung, die lediglich 
im Umhej ziehen geübt wird, ist deshalb grundsätzlich ausgeschlossen. 
Natürlich kommen Fälle, wenn ein Wiener Arzt zur Behandlung 
von Patienten beispielsweise nach Prag reist, nicht in Betracht, da 
er in Ausübung seiner ständigen Wiener Praxis und auf Grund von Be¬ 
rufungen die Reise unternimmt. Die Beschwerde gegen die Un¬ 
tersagung der Praxis des Dr. Unger in Gmünu wurde zuriiekge- 
wiesen, weil er sich dortselbst Dicht niedergelassen hatte, sondern 
nur zeitweise aufhielt, um zu praktizieren; dagegen war der Be¬ 
schwerde bezüglich Eisenerz stattzugeben, weil er sich regel¬ 
mäßig und an bestimmten Tagen dort aufhielt und die An¬ 
zeige an die Behörde den gesetzlichen Anforderungen entsprach, 
was in der Anzeige an die Gmündnor Bezirkshauptmannschaft 
nicht der Fall war. — Diese Entscheidung ist nicht geeignet, der 
von den Aerztekammern mit Recht perhorreszierten „Ausübung 
der ärztlichen Praxis im Umherziehen“ zu steuern. Sie erschwert 
eine solche Ausübung nur insofern, als sie die Regelmäßigkeit 
derselben verlangt und an bestimmte Tage bindet. Die Aerzte- 
schaft hat eine klarere Interpretation eines Gesetzes erwartet, das 
bestimmt ist, ihre Mitglieder vor solchem Wettbewerb zu schützen. 

(Besuch des Wiener Infektionsspitals.) Die gegen¬ 
wärtig in Wien auftretendon Blattern- und Flecktyphusfälle geben 
eine nur selten sich bietende Gelegenheit, diese Erkrankungen, 
die vielen Wiener Aerzten nur aus Büchern bekannt sind, sehen 
und damit praktische Kenntnisse erwerben und auffrischen zu 
können. Im Einvernehmen mit der Direktion des k. k. Kaiser Franz 
Josef-Spitals und dem Leiter der Infektionsabteilung Herrn Doktor 
Morawetz veranstaltet das Permanenz-Komitee der Wiener 
Aerztekammer und der Wiener wirtschaftlichen Organisation 
Mittwoch den 10. März einen Besuch des Infektionspavillons 
des k. k. Kaiser Franz Josef-Spitals. Die Kollegen werden ersucht, 


die Anmeldung zur Teilnahme an diesem Besuche spätestens bis 
Montag den 8. März der Wiener Aerztekammer entweder mittelst 
Korrespondenzkarte oder telephonisch zwischen 5 und 7 Uhr abends 
anzuzeigen. Die Zusammenkunft erfolgt beim Liebenberg-Denkmal, 
von wo die Fahrt nach dom k. k. Kaiser Franz Josef-Spitale mit 
Extrawagen der Tramway präzise 9 Uhr früh angetreten wird. 

(Wiener Aerztekammer.) Der Vorstand dieser Kammer 
versendet folgende Mitteilung: Die Firma Tiesel, Salomon & Comp., 
Badagisten, VI., Mari&hilferstraße Nr. 105, versenden an jene 
Aerzte, welche ihnen Patienten behufs Ausführung von Bandagen 
überweiseD, ein gedrucktes Zirkular, in welchem sie den betreffen¬ 
den Aerzten mitteilen, daß sie für die „überwiesene Kommission“ 
einen Betrag von 20% als Provision zuweisen, und senden den 
betreffenden Betrag gleichzeitig per Postanweisung zu. Es ist wohl 
überflüssig, darauf hinzuweisen, daß im Sinne der Standesordnung 
(IV. Abschnitt) dio Annahme einer solchen Provision der Würde 
des ärztlichen Standes unbedingt widerspricht und diebetreffenden 
Aerzte zur Rücksendung dieser Provision verpflichtet sind. Es be¬ 
steht aber kein Zweifel, daß eine Firma, die durch ihr Vorgehen 
eine auffallende Nichtachtung für das Ansehen des ärztlichen 
Standes bekundet und den Aerzten durch diese Zuschrift eine 
geradezu beleidigende Zumutung stellt, einer Unterstützung seitens 
der Aerzteschaft nicht würdig ist. 

(Aus Berlin) wird uns geschrieben: Auch in ärztlichen 
Kreisen hat man mit Befriedigung die amtliche Mitteilung ent- 
gegengenommen, daß unsere vielgerühmten sanitären Einrichtungen 
und Maßnahmen, die schon in Friedenszeiten vortrefflich gewirkt, 
auch jetzt, wo der Krieg mancherlei Gefahren für die Volks¬ 
gesundheit heraufbeschworen hat, eine besonders scharfe Feuer¬ 
probe rühmlich bestanden haben. Wir sind von einer wirklichen 
Kriegsseuche bisher glücklich verschont geblieben — ein Er¬ 
gebnis, das gerade im Hinblick auf die in Rußland herrschende 
Cholera- und Pestepidemie nicht hoch genug veranschlagt werden 
kann. Die bei unseren Truppen ziemlich allgemein durchgeführten 
Cholera- und Typhusimpfungen haben, wie Ministerialdirektor 
Kirchner kürzlich anläßlich der Beratung über die soziale Kriegs- 
fiirsorge in dem Budgetausschuß des preußischen Abgeordneten¬ 
hauses mitteilen konnte, einen hervorragend günstigen Einfluß 
geübt. Nur das Fleck lieber bat sich - was bei der ungeheuren 
Zahl von russischen Gefangenen nicht wundernehmen kann 
da und dort unliebsam bemerkbar gemacht; in mehreren Gefangenen¬ 
lagern ist es nach dem amtlichen Bericht zu Fleckfieberausbrüchen 
gekommen. Es sind dabei auch mehrere Deutsche erkrankt und 
zum Teil dem Leiden erlegen, unter ihnen bedauerlicherweise aucli 
einige Aerzte, so die bekannten Forscher Joch mann (Berlin) und 
v. Prowazek (Hamburg). Gewöhnlich handelte es sieh um Personen, 
die mit erkrankten Russen in besonders nahe Berührung gekommen 
waren. Nach der jetzt allgemein anerkannten Auffassung vermittelt 
die Kleiderlaus die Uebertragung des Infektionskeims. Auf dem 
letzten kriegsärztlichen Abend nahin Prof. Hey mann vom hygie¬ 
nischen Institut der Universität in einem höchst lehrreichen Vor¬ 
trag Gelegenheit, die Naturgeschichte und die Lobensbedingungen 
dieser gefährlichen Schmarotzer darzulegen. Wichtig ist, daß dm 
Kleiderläuse bei einer Temperatur von 6Ö<> in etwa einer halben 
Stunde sicher abgetötet werden. Am zuverlässigsten wirken 
strömender Wasserdampf und trockene Hitze. Für den persön¬ 
lichen Schutz eignen sich am besten glatte Stoffe, etwa seidene 
Wäsche; die Eingänge am Körper, Hals- UDd Aermellöcher e c. 
sind zweckmäßig mit Leukoplast abzuschließen. 

(Statistik.) Vom 21. bis inklusive 27. Februar 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 15.402 Personen behandelt. Hiervon wur 
2829 entlassen, 214 sind gestorben (7°/ 0 des Abganges). In ^esom 
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und auöernalD 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthaitorei als erkrankt gemeldet. 
Blattern 90, Scharlach 119, Masern —, Röteln-, Varizellen--, 
theritisTS, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza—, Abdominaltyp * 
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom 1, Muzbran /J? 
Wochenbettfieber 1, Flecktyphus Cholera asiatica —, epidemiseo 

nickstarre 1. In dor Woche vom 14. bis 20. Februar 1915 sind in 
755 Personen gestorben (+ 5 gegen die Vorwoche). 

Sitzungs-Kalendarium. 

Donnerstag, 11. März, 7 Uhr. Gesellschaft für Innere Medizin und 

Kinderheilkunde. Hörsaal Chvostek (IX., Alserstraße 4). L Bem 0 »- 
strationen. 2. Diskussion über den Vortrag des Dozenten A. v. MiiJ ■ 
Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie (gern.: Falta, 
Pfibram, E. Freund, F. Spieler, A. Edelmann). „ 

Freitag, 12. März, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-> * 
gasse 8.) 


Herausgeber, Eigentümer und V- rleger: 


Urban & Schwarzenberg, Wieu und Hc-rlin. - 
Urtiok von Gottlieb UiM*! & Wi 


Verantwortlicher Redakteur liVr Österreich-Ungarn: 
en, III., Müuzgnwe 6 . 


Karl 


U rban, 


Wien. 




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Original frnrri 

UNIVERSUM OF IOWA 







Nr. 11. 


XI. Jahrgang. 



Wien, 14. März 1915. 


Medizinische Klinik 


Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert ron 

Proftoflftor Dr. Kurt Brandenburg 

Berlin 


‘l INHALT: Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: IGeneraloberarzt Prof. Dr. W. His. Ermüdungslierzen im Felde (mit 
2> Abbildungen). Primarius Dr. Funke, lieber die Behandlung gangränöser und phlegmonöser Wunden mit dem künstlichen Magensatt nach Dr. Freund. 
Privatdozent Dr. Feiler, Die Versorgung des Feldheeres mit zahnärztlicher Hilfe. Stabsarzt Dr. Mülhens, Zur Typhusdiagnose im Felde. — Kli- 
nische Vorträge: Prof. Dr. med. Hermann Bich hörst, Ueber Diabetes mellitus im Anschluß an Vaccination. — Abhandlungen: Dr. Alfred Fein, 
< 7 l eher das Vorkommen nervöser Symptome und vagotonischer Erscheinungen bei Gesunden. — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungs- 

jf: rerfabren: Dr. Benno Stein, Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. (Schluß.) Dr. Theodor Mayer, Zur Sal- 

r varsantechnik. — Referatenteil: Sammelreferat: Stabsarzt Dr. Strauss, Strahlentherapie. — Aus den neuesten Zeitschriften, — BÜcherbespre« 

ebingen. — Wissenschaftliche Verhandlungen« — Berufs- uni Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Kriegschirurgische Abende in 
Budapest. Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen. — Kieine-Mittellungen. 

Ihr Verlag MM »ich im» au»mhHsßüehs Rieht der VervietfäiHpcn, und Verbreiten, der in dieser Zeitschrift mm Brecheinen planenden OritfnalMtrdg» vor. 


Verlag Ton 

Urban A Sehwarsenberf 
Wien 



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A ; 

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Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Ermödungsherzen im Felde 


Generaloberarzt Prof. Dr. W. His, 

Beratender Innerer Mediziner bei der Etappen-Inspektion 8. 

M. H.l Die Marschleistungen unserer Armeen, ihre anhal¬ 
tende Gefechtsbereitschaft, ihre Ausdauer in allen Strapazen 
erregen das Erstaunen der gesamten militärischen Welt; selbst 
der Feind kann ihnen seine Bewunderung nicht versagen. Im 
Vergleich zu diesen unermeßlichen Anstrengungen und Ent¬ 
behrungen ist der Gesundheitszustand unserer Truppen wider 
Erwarten günstig; der Stand der ansteckenden Krankheiten 
bleibt hinter den anfänglichen Befürchtungen weit zurück; die 
Schrecken der Cholera und des Fleckfiebers sind unserer 
8. Armee dank der Wachsamkeit unserer Sanitätsorgane er¬ 
spart geblieben. Ruhr ist selten, Typhus in mäßigen Grenzen; 
die unausbleiblichen Erkältungskrankheiten beschränken sich 
zumeist auf leichtere, rasch heilende Formen. 

ausgezeichneten Gesundheitszustand des Heeres 
dürfen wir auf zwei Ursachen zurückführen: das sind die durch 
die gesteigerte Lebenshaltung der letzten Jahrzehnte bedingte 
vortreffliche Ernährung des Volkes und die zu rechter Zeit 
noch bei uns durchgedrungene Freude an körperlicher Be¬ 
rgung in Wanderung, Spiel und Sport. 

Immerhin darf es kein Erstaunen erregen, wenn wir in 
un * era Lazaretten einer Anzahl von Männern begegnen, die 
. , er . “ en ungeheuren Anstrengungen zusammengebrochen 
indem ihr Nervensystem oder ihr Herz den Dienst ver¬ 
sagen. 

Wir kennen diese Zusammenbrüche sehr wohl vom Sport 
^ ß ' e .^ ann er f°te en > wenn das einmalige oder 
Anf üi ^ der Leistungen die Kräfte übersteigt, oder wenn 
oraerungen, die an sich nicht unmöglich sind, von einem 
werd U21 ^ eei £ neten °^ er unvorbereiteten Organismus verlangt 


werdft« 16 «K <eiSfcl ? n ^ en a ^ er » ^ie unsern Truppen zugemutet 
lichftTi v ü&er8 teigen bei weitem das höchste, was bei sport- 
komüA franstaltungen jemals gefordert wurde. Von Training 
Hehmhi ^^ ven Rede sein; die gToße 

«otttA < * em bürgerlichen Beruf entrissen und 

.J^u^Märsche von SO, 40, 50 km mit vollem Gepäck 

'dw^Fe^u^D^ ^ anuar IÜ1B 21X11 Vortragsabend der 


zurücklegen; Unterkunft und Nachtruhe waren naturgemäß 
imvollständig, dazu kam, besonders bei den Offizieren, das 
ständige Gefühl der Verantwortlichkeit, die andauernde Ge¬ 
fechtsbereitschaft, die Eindrücke der Gefechte und Schlachten, 
die aufregenden Empfindungen des feindlichen Feuers. Manche 
unserer Truppen sind zwei bis drei Monate nicht aus Gefecht 
oder Gefechtsbereitschaft, nicht aus den Kleidern, nicht zur 
ungestörten Nachtruhe gekommen, und auch der „stehende 
Kampf“, der so wenige glänzende Siegesnachrichten zu zeitigen 
vermag, bedeutet ein stilles tägliches Heldentum in Pflicht¬ 
erfüllung und Aufopferung, angespannter Wachsamkeit und 
Aufmerksamkeit. 

Unter solchen Umständen entwickelt sich beim einen 
oder andern ein Krankheitsbild, das dieselben Züge in gleich¬ 
mäßiger Wiederkehr aufweist, dessen Ursachen aber doch 
recht verschieden sein können, und das sich äußert in zuerst 
seltener, dann häufiger auftretenden Zuständen von Herz¬ 
stechen, Herzangst, Aufregung, Schlaflosigkeit, verbunden 
mit Pulsbeschleunigung, Gefühl von Unruhe, zuweilen Appe¬ 
titlosigkeit und Verdauungsstörungen. Manchmal treten die 
Erscheinungen während des Marsches oder sonstiger An¬ 
strengungen, öfter des Nachts auf, oft auch in Anfällen, die 
jedes äußeren Anlasses entbehren. Je nach Abstammung und 
Veranlagung verhalten sich die Betroffenen recht verschieden: 
der eine will sich nicht warten lassen, bis schließlich seine 
Kräfte vollkommen versagen; der andere klagt lebhaft und 
laut seine Beschwerden: so täuscht der eine den Arzt über da« 
Maß seiner Leistungsfähigkeit, der andere erweckt den An¬ 
schein des Aggravanten und Drückebergers. Nur die genaue 
Untersuchung ermöglicht ein richtiges Urteil und die Ein¬ 
leitung einer zweckmäßigen Behandlung. Zur Feststellung 
namentlich leichterer Form- und Größenänderungen des 
Herzens gehört außer den üblichen klinischen Methoden das 
Röntgenverfahren. Ich begrüße es daher mit be¬ 
sonderer Freude, daß mir durch die große Zuvorkommenheit 
und eifrige Mitwirkung der Herren Kameraden und Kollegen 
in Elbing und Danzig Gelegenheit geboten wurde, die sämt¬ 
lichen in dortigen Lazaretten liegenden Kranken mit Herz¬ 
beschwerden klinisch und röntgenologisch zu untersuchen. 

Vor allem spreche ich dem Chefarzte des Festungslazaretts. 
Marine-Generaloberarzt Dr. B o e a e, und Herrn Stabsarzt d. R. Dr. 
Scnirrmacher in Danzig, dem Reservelazarettdirektor Oberstabs¬ 
arzt Dr. Kirstein und dem Chefarzt San.-Rat Bart* in Elbing 
für ihre aufopfernde Mitarbeit den herzlichsten Dank aus. nicht min der 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 




1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


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Horm Prof. Krüger in Danzig, der sich der Mühe der Röntgen¬ 
aufnahmen selbst unterzog. 

Unter den beobachteten Formen von Herzstörungen 
nenne ich zunächst diejenigen, welche sich an im Felde 
überstandene Infektionskrankheiten ange¬ 
schlossen haben. Für die banale Endocarditis rhemnatiea 
genügt die Erwähnung; sie kommt übrigens nur äußerst selten 
zur Beobachtung. Weniger bekannt sind die MyokardentZün¬ 
dungen nach Typhus, Diphtherie, Scharlach und Ruhr, die 
deshalb besondere Aufmerksamkeit erfordern, weil sie zu¬ 
weilen erst in der Rekonvaleszenz Auftreten oder sich mit 
in diese hinein erstrecken. Nach jeder Infektionskrankheit, 
am auffälligsten bei Influenza, pflegt für einige Zeit eine Reiz¬ 
barkeit des Herzens zurückzubleiben, die sich in dauernd oder 
bei geringer Anstrengung erhöhter Pulszahl, Herzklopfen, 
leichter Atemnot äußert. Diese vorübergehenden Folge¬ 
zustände der Inanition und Vergiftung sind nicht identisch 
mit den echten Myokarditiden: mir wer das Herz nachweislich 
erweitert, wo Stauungssymptome vorhanden, der Puls dauernd 
abnorm schnell, langsam oder unregelmäßig wird, darf 
Myokarditis angenommen werden. Bei allen genannten Krank¬ 
heiten pflegen die Erscheinungen nach Wochen und Monaten 
sich völlig zurückzubilden; nur nach Scharlach und echter 
Ruhr wird gelegentlich Endokarditis mit Ausbildung von 
Klappenfehlern beobachtet. 

Als zweite Gruppe nenne ich die Herzstörungen, 
die auf Arteriosklerose beruhen. Aeltere Offiziere, 
Landsturm- und Landwehrmänner zeigen nicht selten jene 
Form der Arteriosklerose, die so häufig im vierten bis fünften 
Jahrzehnt einsetzt, mit Vorliebe vollsaftige, wohlgenährte, an 
gutes Leben gewöhnte Individuen befällt, langsam fortschreitet, 
bei ruhiger Lebensweise keine oder nur geringe Beschwerden 
macht, aber an der Erhöhung des Blutdrucks, der Hypertrophie 
des linken Ventrikels, gelegentlichem Eiweißspuren im Harne 
kenntlich ist. Die peripheren Arterien pflegen weich, die 
Herztöne rein, wenn auch zuweilen paukend oder klappend 
zu sein. Ein Symptom aber fehlt selten: die Vergrößerung 
der Leber, die beim Einatmen mit stumpfem, derbem Rand 
dem tastenden Finger entgegenrückt. 

1 . B.. 41 jähriger Landsturmmann, Mülhausen i. E. Eingezogen 
21. September, krank gemeldet 23. November. Leidet seit fünf Jahren 
jeden Winter an „Asthma“ mit Herzbeklemmungen, deshalb in ärzt¬ 
licher Behandlung. Erkrankt mit Husten, Kurzatmigkeit. Herz¬ 
dämpf ung links 2,5, rechts 1.5 cm verbreitert, an der Spitze blasendes 
systolisches Geräusch. Leber hei Inspiration drei Querfinger unter dem 
Rippenbogen tastbar. 

Verheiratet, zwei Kinder, keine Aborte; angeblich nicht infiziert. 
Vater war korpulent, starb 42 jährig an Herzleiden. 




2 . L, 45 jähriger Magistratsbeamter, Landsturmmann, Mülhausen 
i. E, Emgezogen 21. September, erkrankt 23. November mit Husten, 
Atemnot, Beklemmung. Seit zwei Jahren wegen ähnlicher Beschwerden 
öfter in ärztlicher Behandlung. 

Herzdäropfung links 1 cm, rechts 2,5 cm verbreitert, Töne rein, 
Puls regelmäßig. Leberrand zwei Finger unter dem Rippenbogen 
tastbar. 

Die Sklerose der Aorta, auf konstitutioneller Veran¬ 
lagung, noch häufiger auf Lues beruhend, ist ebenfalls m 
reifen Mannesalter nicht selten. Die mittels Perkussion oder 


Durchleuchtung erkennbare Verbreiterung des Aortenbandes, 
systolische oder diastolische Aortengeräusche, bei Mitbeteili- 
gung der Kranzgefäße stenokardische Schmerzen und Anfälle 
kennzeichnen den Zustand. 

3. Pr„ 49 jähriger Oberveterinär, hat von Mobilmachung bis Mitte 
Dezember bei einem Husarenregiment anstrengenden Dienst: erkrankt 
an Darmkatarrh mit hartnäckigen Durchfällen, nahm zirka 12 kg ah, 
begab sich deshalb in Behandlung. Herzdämpfung links 1 cm ver¬ 
breitert, über Aorta und Sternum leises diastolisches Geräusch. Keine 
Herzbeschwerden, wünscht ins Feld zurückzukehren. 


Arteriosklerotiker mit objektiv nachweisbaren Herz- 
und Gefäßveränderungen sind unter keinen Umständen feld¬ 
dienstfähig. Wohl aber können 
sie, falls die Leistungsfähigkeit 




des Herzens wenig gelitten hat, im Garnison- und Bureau¬ 
dienste verwendet werden, wie sie ja vielfach auch jahrelang 
ihrem bürgerlichen Berufe naehgehen. 

4. Als Kuriosum sei das gewaltig erweiterte Herz eines 34 jäh¬ 
rigen Landwehrmanns G. abgebildet, der vom 4. August bis IT. No¬ 
vember im Felde stand, wegen leichter Schußverletzung an Oberarm 
und Beckenschaufel eingeliefert wurde und niemals über Herzbeschwer¬ 
den klagte. Die Herztöne sind rein, die Aktion regelmäßig. Stauunp¬ 
erscheinungen nicht vorhanden. Die Wassermann sehe Reaktion 
negativ. Eine bestimmte Diagnose vermochte ich nicht zu stellen. 

lieber Herzklopfen klagen vielfach die Patienten 
mit Lungenschüssen und Ergüssen in einer 
Brusthöhle. Die Verlagerung des Herzens, die Behinde¬ 
rung der Atmung, zuweilen auch toxische Resorptionsprodukte 
schaffen abnorme Verhältnisse, die sich in Reizbarkeit und 
Ermüdbarkeit des Herzens äußern. 

Im Kriege am häufigsten, wegen der Entstelunigsweise 
am interessantesten, diagnostisch und prognostisch am schwie¬ 
rigsten zu beurteilen sind jene anfangs genannten Herzstörun¬ 
gen, die sich ohne andere erkennbare Ursache, als sie in den 
Strapazen des Krieges gegeben sind, entwickeln. 

Die dabei auftretenden Beschwerden sind zunächst rein 
subjektiv und unterscheiden sich in nichts von denjenigen, 
wie sie von traumatischen und nichttraumatischen Neurasthe¬ 
nikern aus Friedenszeiten wohlbekannt sind; auch die ob¬ 
jektiv wahrnehmbaren Abweichungen: erhöhte Pulsfrequenz, 
rasches Zunehmen derselben bei leichter Bewegung, mäßigt' 
Atemnot bei Anstrengung, deuten nicht ohne weiteres auf eine 
körperliche Störung in der Herztätigkeit. Ein allgemein er¬ 
regbares Nervensystem wird leicht auf dem Gebiete des 
Herzens sich bemerkbar machen; anderseits sind die ver¬ 
schiedensten Zustände wirklicher Herzschwäche selten ganz, 
ohne Einfluß auf das Allgemeinbefinden und lösen leicht durch 
das Unbehagen, das sie bereiten, die Beeinträchtigung des 
Schlafes, der Nahrungsaufnahme, die Angstgefühle und auch 
durch die Sorge, die sie dem Kranken bereiten, einen nervös 
übererregbaren Gesamtzustand aus. Zur richtigen Würdigung 
der Beschwerden gehört sowohl eine Beurteilung des nervösen 
Allgemeinzust&ndes als auch eine möglichst exakte objektive 
Untersuchung und Funktionsprüfung des Herzens. 

Nun gibt es bekanntlich keine Größe und keine Form 
des Herzens, die als absolute Norm aufgestellt werden könnte. 
Beide hängen ab von der Körperlänge, der Körperform, der 
Masse und Beanspruchung der Körpermuskulatur. Es lassen 
sieh nur für die Perkussionsfignr und den Röntgenschatte» 


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14. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


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gewisse Maße aufstellen, die alb normale Grenzen nach oben 
und unten zu gelten haben (Moritz und Andere). 

Von diesen Mittelmaßen weichen nach unten einige Herz¬ 
formen ab, die als angeborene Hypoplasien zu 
deuten sind und die meist mit Unterentwicklung des Thorax, 
der Körpermuskeln, oft auch der blutbildenden Organe ver¬ 
kettet sind: dasTropfen - und das Hängeherz. Ander¬ 
seits kommen bei stämmigen, muskelgeübten Individuen 
Formen vor, die durch reichlichen Längs- und Querdurch- 
messer, durch das Abheben der Spitze von der Zwerchfell¬ 
unterlage bereits dem Bilde der Herzhypertrophie gleichen 
(Kugelherzen). Die Herzfonn steht zur körperlichen Leistungs¬ 
fähigkeit in enger Beziehung. K Ü 1 b s und Brust mann 
fanden bei ihren Untersuchungen an Sportsleuten, daß die 
..Steher“ und die „Flieger“ sich im Röntgenschatten deutlich 
voneinander unterschieden. Nur sehr ausgeprägte Abnormi¬ 
täten der Herzform lassen ohne weiteres Schlüsse auf die 
Leistungsfähigkeit zu. 

So zeigt E., 23 jähriger Kriegsfreiwilliger bei einem Fuß- 
artillrrieregiment, ein ausgeprägtes Hängeherz. Eingestellt am 
12. August, meldete er sich im Dezember wegen Herzklopfen beim 
Nclitii: er ist lang, schlank, von fast paralytischem Habitus, aber seines 
Berufs Artist am Schwebereck, also erhebliche Muskelanstrengungen 
gewöhnt. 



Fatt 6 (2jOO m ftUhead). Fall q (2,00 m stehend) 


6 . R,, 20 jähriger Landwirt, Kriegsfreiwilliger. Infanterieregiment 
128. Eingestellt 9. August, im Felde 9. September; am 28. November 
leichte Handverletzung; 4. Januar wieder im Felde; beim Marsch Atem¬ 
not, vom Arzt wegen Herzfehler zurückgesandt. Herzdämpfung nor¬ 
mal; an der Herzspitze musikalisches Geräusch bei der 
Systole; keine Zeichen eines Klappenfehlers. Im Röntgenbilde hängen¬ 
des, kugelförmiges Herz. Puls 88—156—84. 

Anderseits kommen auffallend kräftige, kugelförmige 
Herzen mit abgehobener Spitze ohne alle krankhaften Er¬ 
scheinungen bei völlig gesunden, kräftigen Menschen vor. 
Kaminer und Maase haben sie auf meiner Klinik ge¬ 
legentlich der Ausmusterung von Kriegsfreiwilligen nicht 
selten beobachtet. 

Ueber das Verhalten des Herzens bei großen Anstren- 
pßgen wissen wir etwa folgendes: Einmalige übermäßige 
Anforderungen beantwortet das Herz zunächst mit Pulsver- 
Hiehrung, die, bei gesundem Herzmuskel, in der Ruhe innerhalb 
einiger Zeit zur Norm zurückkehrt. Eine Erweiterung des 
Herzens, die mau früher annahm, kommt dabei nicht vor: bei 
manchen Personen zieht sich das Herz sogar stärker zu¬ 
sammen, sein Umfang auf dem Röntgenschirme nimmt ab. 
Regelmäßig wiederkehrende starke körperliche Leistungen 
führen zu einer Zunahme der Herzmuskulaturinasse, die sieh 
am schönsten in PamUelversuchen ruhender und arbeitender 
Tiere gleichen Wurfes demonstrieren läßt (K ü 1 b s). Das ist 
an sich ein natürlicher Ausgleichsvorgang, der durchaus zweck¬ 
mäßig ist. Krankhaft wird er erst dann, wenn das hyper- 
trophierte Herz anfängt, in seiner Leistungsfähigkeit nach- 
inl;\s*en. Die Bedingungen, unter denen dies erfolgt, und die 
l rsaehen, welche dazu führen, sind sehr wenig bekannt. Alko- 
holisimis, Iufektioneu, Lues sind zuweilen, doch nicht immer 
im Spiele. Bekannt ist nur, daß Berufsradfahrer, Athleten 


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und ähuliche Professionelle nicht selten nach einer Reihe von 
Jahren an fortschreitender Herzinsuffizienz erkranken. 

Für den Eintritt dauernder Schädigung eines überan¬ 
strengten Herzens sind, außer dessen Zustand, mannigfache 
Bedingungen maßgebend. Der Zustand der Körpermuskulatur, 
die Oekonomie ihres Gebrauchs, die Art der Ernährung, Dauer 
und Tiefe des Schlafs, seelische Erregungen, sexuelle Betäti¬ 
gung, Gebrauch von Alkohol und Reizmitteln: dies alles sind 
Dinge, auf die der Trainer sorgsam achtet, wenn er aus einem 
bestimmten Organismus zu bestimmter Zeit eine Maximal¬ 
leistung heraushoien will: deren mangelhafte Berücksichtigung 
kann zum Zusammenbruche des Herzens und zu langdauernder 
Schädigung führen. Diese zeigt sich nicht immer sofort, son¬ 
dern erst nach Tagen, in lästigeu Empfindungen in der Herz¬ 
gegend: Angstgefühl, Druck, Schmerz, Klopfen, die meist in 
Anfällen auftreten, ganz spontan, oder im Anschluß an Be¬ 
wegungen, Mahlzeiten, zuweilen auch des Nachts. Dabei ist 
das Herz ungewöhnlich erregbar, die Pulsfrequenz meist ge¬ 
steigert, nach geringer Anstrengung rasch zunehmend, nur 
langsam zur Norm abrückend: der Puls Öfter unregelmäßig, 
klein, schlecht gespannt und gefüllt. In seltenen Fällen schritt 
die Insuffizienz des Herzens unaufhaltsam vor und führte zum 
Tod: in weitaus der Mehrzahl bildet sie sich allmählich zurück, 
so aber, daß monatelang die Reizbarkeit und das Versagen 
gegenüber selbst mäßigen Ansprüchen zurüekbleibt. Noch 
häutiger bilden sich die Erscheinungen innerhalb einiger Tage 
zurück, und es hiuterbleibt nur auf kurze Zeit eine erhöhte Er¬ 
regbarkeit. 

Diese vom Sport wohlbekannten Symptome sind es, 
die auch bei uusern Soldaten zur Beobachtung kommen. Sie 
zeigten sich teilweise schon während der Ausbildung oder bald 
nach dem Auszug im Felde vor allem bei den jungen Kriegs¬ 
frei willigen, deren manche den erforderlichen Grad körper¬ 
licher Reife noch nicht erlangt hatten. 

7. A„ 18 jähriger Seminarist, Kriegsfreiwilliger bei einem Infan¬ 
terieregiment. Zur Ausbildung eingestellt 1. September, ins Feld am 
12. Oktober. Schon Anfang November Anfälle von Herzangst und 
Beklemmung, tags oder nachts, ohne äußeren Anlaß. Herzbefund 
normal, Puls 96—132—96. 



8 . Gr., 18 jähriger Postbote. Kriegsfreiwilliger in einem Grenadier¬ 
regiment. Eingestellt 6. August, ins Feld 15. November. Erkrankt am 
30. November nach längerem Marsche an Stechen in der Herzgegend, 
das sich zunächst immer auf dem Marsche, später auch nachts einstellte 
und mit Angstgefühl einherging. Jetzt noch Stiche und Atemnot. 
Herzbefund objektiv normal. 

Bei den Krankem die jetzt zur Besprechung kommen, 
traten die Störungen weit .später, drei bis vier Monate nach 
dem Auszug ins Feld ein. 

In manchen Fällen sind sie von objektiv nachweisbarer 
VolumVergrößerung des Herzens begleitet. 

9. M.. 26 jähriger Unterarzt bei einem Infanterieregiment, aus¬ 
gezogen am 2. August-, marschierte und ritt mit seiner Truppe ohne 
Beschwerden, zog sieh Mitte November eine akute Bronchitis zu, 
spürte dabei Druck und Schmerzen in der Herzgegend, anfallsweise 
besonders nachts. Röntgenaufnahme, die im Dezember in Essen auf- 
getionunen wurde, zeigte den Herzschatten nach rechts und links er¬ 
heblich verbreitert. Behandlung: Bettruhe, Kareükur während einer 
Woche. Digitalis. Zustand allmählich gebessert. Jetzt noch hier und 


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296 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


da Druckgefühl in der Herzgegend. Hilfs- und Revierdienst im Stadt¬ 
krankenhause in Elbing. 

Röntgenbild des Herzens: Verbreiterung nach rechts und links, 
Spitze Btumpf, von der Unterlage abgehoben. 




10. Str., 23 jähriger Förster, bei Radfahrkompagnie eines Jäger¬ 
bataillons. Ohne Beschwerde bis Mitte Dezember; damals spontan 
Herzklopfen „bis zum Hals“ in Anfällen ohne äußere Veranlassung, 
tags oder nachts; besonders häufig im Hunger. 

Schlanker Mann von guten Verhältnissen, Perkussionsbefund 
normal, Töne rein, Puls 84—108—68, mit der Atmung stark wechselnd, 
einzelne Extrazuckungen Röntgenbild: stumpfe, stark abgehobene 
Spitze. 

11. B., Unteroffizier in einem Infanterieregiment. Am 20. August 
verwundet, lag 6 Wochen, 15. Oktober von neuem ins Feld; keine über¬ 
mäßig anstrengenden Märsche. Mitte Dezember Erkältung mit, Tem¬ 
peratur bis 39.5. Erst im Lazarett begann Stechen in der Herz¬ 
gegend, besonders nachts und beim Liegen auf der rechten Seite; bei 
mäßigem Gehen sind die Beschwerden geringer; schnelles Gehen ver¬ 
ursacht Atemnot. Puls 120—140—108. Röntgenschatten kugel¬ 
förmiges Herz mit stumpfer, scharf abgehobener Spitze. 

Derartige Hypertrophien finden sich etwa im vierten 
Teil der untersuchten Fälle. Meist ist Perkussionsfigur und 
Herzschatten normal, obschon die geklagten Beschwerden die¬ 
selben sind. — 






12 Sch 19jähnger Fahnenjunker oei einem crrenauierregi- 
ment. Im Felde 19. Oktober, krank gemeldet 11. Dezember mit Herz¬ 
klopfen und völliger Erschöpfung. Seitdem in Behandlung; wesentlich 
gebessert, doch fällt das Steigen noch schwer. Herzfigur normal. 

13 T 21 jähriger Schlosser, Infanterist. Eingestellt 13. Oktober 
1913, ausgerückt 29. Juli 1914; am 28 September Stiche in dar Here¬ 
gegend: jetzt gebessert, kann aber nicht schnell geben. Puls 108, nach 
6 Kniebeugen über 180, kaum iühlbar. Herzgröle normal. 


in der Herzgegend, später nächtliche Anfälle von Angst und Beklem¬ 
mung. Krank gemeldet 17. Dezember, jetzt gebessert, bei Anstrengung 
noch Stechen und Atemnot. Puls 116—140—108. Herzgröße normal. 

15. H., 30 jähriger Hafenarbeiter, Landwehr-Infanterist. Im Frie¬ 
den zuweilen Herzklopfen bei schnellem Gehen, konnte aber ange¬ 
strengt arbeiten. Trinkt mäßig, verheiratet, 3 gesunde Kinder, an¬ 
geblich nicht infiziert. Schmal, etwas blaß. Hatte von Anfang an nach 
langen Märschen Stechen in der Herzgegend, deshalb im Oktober krank 
gemeldet, ruhte einige Tage. 4. November neuerdings Herzbeschwer¬ 
den: seitdem Klopfen und Beklemmung bei schnellem Gehen und 
abends beim Niederlegen, schläft deshalb erst gegen 10 oder 12 Uhr 
ein. Puls 108—156—120; Herzgröße normal. 

In einzelnen Fällen schlossen sich die Beschwerden an 
nachweislich einmalige Uebermüdung, dann an Schwächung 
durch Darmkatarrh an. 




16. Egl., 21 jähriger Kriegsfreiwilliger bei einem Feldartillerie¬ 
regiment Plattfuß mäßigen Grades, mit Schwellung beider Knöchel¬ 
gelenke. Hatte beim Marschieren immer Herzbeschwerden. Herz 
normal. 

17. Eil., 25jähriger Bäckermeister, Gefreiter d. R. bei Infan¬ 
terieregiment. Dienst seit Kriegsbeginn ohne Beschwerden. 24. Ok¬ 
tober Schrapnellschuß in den Unterschenkel, nach langem Marsch und 
Gefecht, marschierte damit in feindlichem Feuer noch mehrere Kilo¬ 
meter. Abends kam Blut aus Mund und Nase, starke Atemnot. Da¬ 
mit weitermarschiert bis zum Bagagewagen. Tags darauf Anfälle von 
Stechen in der Herzgegend, die sieh fast täglich wiederholten und mit 
Schweißausbruch und Angst einhergingen. Die Blutung kehrte nicht 
wieder. Seit 2. November in Lazarettbehandlung. 

Robuste Figur, trieb Schwimmsport. Rauchte bis zur Erkran¬ 
kung viel, ohne Beschwerden, seitdem abstinent. Puls 96—140—84. 
voll, kräftig; Herzfigur normal. 




14 K 36 jähriger Besitzer, bei reitender Ersatzbatterie eines 
Mericregiments. Im Felde.seit 2. August. Mitte November Stechen 


18. Kr., 16 jähriger Kriegsfreiwilliger, Infanterist. Eingestellt 
1. Oktober, im Felde 15. November. Zunächst ohne Beschwerden. 
20. Dezember blutiger Durchfall in Polen, der einige Tage dauerte- 
Danach beim Marsch Herzklopfen und Beklemmungen. Puls 92 —104—yo. 
Herzfigur normal. 

Im folgenden Falle wirkte der Tetanus auslösend auf 
die Herzbeschwerden. 

19. Eich, 23 jähriger Ersatzreservist. Eingezogen 6. August, 
am 15. September Schuß in den Unterschenkel mit Knochenbruc , 
27. September bis 15. Oktober in Brandenburg a. H. mit Tetanus, ö 
zunehmender Besserung des Tetanus abends beim Einschlafen AngS' 
gefiihl und Stechen in der Herzgegend. Puls 108—152—100; HerzftgfU 
normal. Auffallende Dermograpliie, geringe Struma, geringer kJci ■ 
schlägiger Tremor der Hände. Keine Augensymptome, keine scnwci ■ 

Bei einer letzten Gruppe von Fällen endlich tritt n ( 
psychische Erregung bei der Auslösung und während des Be¬ 
stehens der Beschwerden deutlich in den Vordergrund. 


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1915 -i- MEDIZINISCHE KLINIK 


Nr. 11. 


297 


14. März. 


20. Dz., 25 jähriger Kisenbahnpraktikant, Vizefeldwebel d. R. 
bei einem Grenadierregiment. Eingezogen 2. August, krank gemeldet 
20. Dezember wegen häufiger Schwindelanfälle und Stechen in der 




Herzgegend. Wacht nachts auf mit schreckhaften Träumen und Herz¬ 
angst. Seitdem wenig gebessert; Herzklopfen und Schwindel beim 
Gehen, besonders auch beim Lesen und Schreiben. 
Puls 76—112—SO. Herzfigur normal. 

21. B., Oberarzt bei einem Infanterieregiment, im Felde seit 
5. August. 20. November Fleischwunde, seitdem Beklemmungen in der 
Herzgegend, nach ärztlicher Untersuchung angeblich Herzfehler. 
Träume lebhaft bis zur Halluzination. Auch im Wachen Wahnvor¬ 
stellungen, also ob der Arm sichtbar anschwelle, wagt nicht hinzu- 
sehen. Schon im Frieden nervös. Röntgenbild des Herzens normal. 




22. Pio, 25 jähriger Tischler, Grenadier. Am 20. August 
Granatschlag gegen die Brust; zunächst hysterische Lähmimg, später 
-Krampfanfälle“ in den Gliedern, viel Herzklopfen ohne äußeren An¬ 
laß. ohne Angstempfindung. Blaß, nervöser Ausdruck. Herzbefund 
normal. 

23. Adr., 29 jähriger Leutnant in einem Infanterieregiment. 
29.August verwundet, vom 2. Dezember bis 11. Januar wieder im Felde; 
lag 16 Tage im Schützengraben mit Grundwasser, davon vier Tage mit 
Flankenfeuer. Nun trat ein „körperliches“ Gefühl von Herzangst auf, 
•las beim Ankommen, nicht mehr beim Platzen der Geschosse empfun¬ 
den wurde. Schlaflose Nächte, mit Träumen kriegerischen Inhalts und 
Herzbeklemmung. Herz normal. 




Fall 28. 


Pall 24. 


24. Kusch, 33 jähriger Arbeiter, Landwehrmann bei einem 
Infanterieregiment. )m Felde seit 0. August; die Märsche strengten ihn 
i. !*.Im November Streifschuß Kopf und Hüfte, zunächst bewußt- 
??■ Seitdem Klagen über Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, neuer- 

üi)er Herznng??t und Herzklopfen. Herz normal: typischer 
• Mruek der traumatischen Neurosen. 

25. Ro., 47 jähriger Hauptmann d. R. Im Felde seit 2. August. 
^ ntang Oktober Schlaf gestört durch Verantwortungsgefühl, gelegent¬ 


lich Empfindungen von Herzdruck. Am 13. November platzte eine 
Granate auf zirka 1 m Entfernung und schlug gegen die Wand. 
Zunächst sehr aufgeregt, brach nach zwei Tagen zusammen; seitdem 
Depressionszustand mit Herzangst; Puls öfter sehr frequent. Zittern 
in den Gliedern beim Stehen, Unsicherheit beim Gehen, rasches Er¬ 
müden beim Schreiben. Herz normal. 

Hier sind nur solche Fälle 
aufgenomjnen, deren Klagen nach 
dem Urteil der Stationsärzte wahr¬ 
haft erschienen. Natürlich kom¬ 
men gelegentlich auch Individuen 
vor, deren Verhalten unzweideutig 
auf Simulation oder Aggravation 
hinweist, doch bilden sie zweifel¬ 
los die Minderzahl. Die meisten 
Patienten hatten durchaus den 
Wunsch, gesund zu werden und 
ins Feld zurückzukehren, nur 
fehlte manchen die Zuversicht 
auf Heilung. Aus den Kranken¬ 
berichten geht dann auch her- 
fau 26 (2,00 m stehend). vor, d a ß Abnahme der Be¬ 
schwerden, sowohl der rein nervösen, als der durch den Herz¬ 
zustand hervorgerufenen, langsam vor sich geht, Wochen 
und Monate in Anspruch nimmt und daß eine Reizbarkeit 
des Herzens lange zurückbleibt, genau wie dies vom Sport¬ 
herzen bekannt ist. 



Die Beurteilung derartiger Herzstörungen erfordert 
zunächst ein sorgsames Eingehen auf die Anamnese und auf 
den psychisch-nervösen Allgemeinzustand. Dann muß eine 
sorgsame Untersuchung des Herzens ergeben, ob organische 
Veränderungen vorhanden sind oder nicht. Der Puls ist bei 
organischen wie bei rein nervösen Formen meist beschleunigt 
und nimmt bei geringer Anstrengung noch zu; er kann nur 
zeigen, ob die Erregbarkeit des Herzens im allgemeinen ver¬ 
mehrt ist. Wichtiger ist die Beobachtung der Rückkehr zur 
Norm und etwaiger Dyspnöe und ihrer Dauer. Die Perkussion 
ergibt nur bei ausgeprägter Hypertrophie oder Dilatation ein 
positives Resultat; sie bedarf unter allen Umständen 
der Ergänzung durch das Röntgenbild, das bei Atem¬ 
stillstand und auf solche Entfernung aufgenommen werden 
muß, daß die absoluten Herzmaße gemessen wer¬ 
den können. Die Messung des arteriellen Druckes, 
die in den vorliegenden Fällen aus äußeren Gründen nicht vor¬ 
genommen werden konnte, würde dann das Urteil beein¬ 
flussen, wenn sie abnorm hohe oder niedrige Werte ergeben 
sollte. 

Aber selbst wenn durch eingehende Untersuchung der 
Zustand des Herzens genau ermittelt ist, steht die Pro¬ 
gnose noch nicht fest. Sie wird im ganzen quoad restitutio- 
nem, falls nicht irreparable Veränderungen vorliegen, 
günstig gestellt werden können; den Zeitpunkt aber, an 
dem die Genesung zu erwarten ist, können wir aus dem Be¬ 
fund allein nicht bestimmen. Unsere Beispiele zeigen, daß die 
Beschwerden in Fällen ohne anatomischen Befund nicht immer 
kürzer dauern, als in solchen mit anormaler Herzgröße. Dar¬ 
auf hat, außer der Stärke und Dauer der Beschwerden, dem 
Allgemeinzustand, der psychischen Veranlagung, jedenfalls 
auch die Behandlung einen sehT erheblichen Einfluß. 

Für die Behandlung ist die richtige Verteilung von 
Schonung und Uebung der wesentlichste Punkt. Es 
ist klar, daß ein überanstrengtes Herz zunächst völliger Ruhe 
bedarf, mit ausreichender, aber leicht verdaulicher, namentlich 
nicht blähender Kost: Enthaltung aller Reizmittel und mög¬ 
lichst aller psychischen Erregung. Der Schlaf ist therapeutisch 
Hauptagens und muß nach Bedarf durch Brom oder andere 
Hypnotica befördert werden. Indessen darf die Bettruhe, die 
ja ein gesundes Herz schon zu schwächen vermag, nicht all¬ 
zulange ausgedehnt werden. Nach zwei bis drei Wochen sind, 
immer unter sorgsamer Beobachtung der Folgen, die ersten 
tastenden Versuche mit körperlicher Bewegung am Platze; 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


bei gutem Erfolg sollen Bie systematisch und unter allmäh¬ 
licher Steigerung der Anforderungen fortgesetzt werden, bis 
im Laufe der Wochen oder Monate regelrechte Exerzitien vor¬ 
genommen werden können. 

Digitalis und ihre Ersatzpräparate sind bekanntlich 
bei rein nervösen Herzstörungen unwirksam: sie soll nur da 
in Anwendung kommen, wo nachweislich Hyposystolie be¬ 
steht; kleinere Dosen auf längere Zeit werden meist wirksamer 
sein als massive Mengen. Excitantien sind nur im 
Kollaps ausnahmsweise erforderlich. 

Valeriana, als Tinktur, Tee, oder kalter Aufguß, 
und die ihr nahestehenden synthetischen Mittel Valyl, Validol, 
Bomyval sind dagegen sehr am Platze und dürfen für längere 
Zeit gereicht werden. Zuweilen bewährt sich auch die Kol a. 
Nicht minder erfolgreich sind diekohlensaurenBäder 
und die ähnlich wirkenden Wechßeistrombäder, die 
in sorgsamer Abstufung von Stärke und Dauer frühzeitig an¬ 
gewandt werden sollen. 

lieber der medikamentösen Therapie darf die P s y c h o - 
therapie nicht zu kurz kommen. Wir sahen ja, daß manche 
Kranke rein psychisch erkrankt sind, und daß die Nerven auch 
bei den organisch Erkrankten in dem Krankheitsbild eine oft 
ganz vorwiegende Rolle spielen. Den Mut der Kranken zu 
heben, sie über anfängliche Mißerfolge und Rückfälle hinweg¬ 
zutrösten, ist ebenso wichtig wie dankbar. Das richtige Ver¬ 
hältnis von Schonung und Uebung, von passiver und aktiver 
Behandlung im Einzelfalle zu finden, läßt sich nicht vor¬ 
schreiben; es ist die Aufgabe eines geübten und den Patienten 
voll sich hingebenden Arztes. 

Aus alledem geht hervor, daß sowohl die Untersuchung 
und Beurteilung, als auch die Behandlung im Felde überan¬ 
strengter Herzen Hilfsmittel erfordern, wie sie nicht in den 
improvisierten Lazaretten der vorderen Linie, Bondern nur in 
wohleingerichteten großen Krankenanstalten zu Gebote stehen. 
Es liegt daher im Interesse der raschen Wiederherstellung, daß 
diese Kranken in solche Anstalten überführt und dort der 
Untersuchung und Behandlung klinisch gut geschulter Aerzte 
unterstellt werden. Es wird zweckmäßig sein, in jedem 
Korpsbezirk des Heimatsgebiets eine oder mehrere Anstalten 
speziell für diesen Zweck in Bereitschaft zu stellen. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß jeder Mann, der über 
Herzbeschwerden klagt, nun alsbald aus dem Felde in die 
Heimat zurückgesandt werden soll. Weitaus die meisten sind 
ja durch wenige Tage der Ruhe in Revierstube oder Feld¬ 
lazarett von ihren Ermüdungsbeschw'erden zu befreien. Kehren 
aber die Klagen wieder, ist nach Charakter und Verhalten des 
Mannes ihre Glaubwürdigkeit wahrscheinlich, dann sollte keine 
Zeit mit ungenügender Behandlung verloren, sondern der 
Kranke der Stelle zugewiesen werden, an der er die aus¬ 
reichende Untersuchung und Behandlung finden und unter 
sachverständiger Leitung seine Dienstfähigkeit in kürzester 
Frist wiedererlangen kann. Sollte dies selbst nicht der Fall 
sein, so wird eine exakte durch Röntgenbild unterstützte Un¬ 
tersuchung die beste Grundlage für Entscheidungen sein, die 
bei etwaigen späteren Entschädigungsansprüchen erforderlich 
werden. __ 

Aus der 1. chirurgischen Abteilung der k. k. Krankenanstalt 
„Rudolfstiftung“ in Wien. 

Ueber die Behandlung gangränöser und 
phlegmonöser Wunden mit dem künstlichen 
Magensaft nach Prof. Freund 

von 

Primarius Dr. Funke. 

Die Frage der Behandlung gangränöser und phleg¬ 
monöser Wunden beansprucht gerade im gegenwärtigen Zeit¬ 
punkte, da wir täglich Gelegenheit haben, solche Wunden 
schwerster Art zu sehen, unser regstes Interesse und jede 


M. März. 


neue Behandlungsmethode, die unsere Heilerfolge bessert, ist 
daher freudig zu begrüßen. Zwei Momente beanspruchen bei 
der Behandlung die größte Beachtung und zwar einerseits 
biologische Einflüsse, durch welche die eitererregenden 
Bakterien abgetötet werden und anderseits die Abstoßung der 
gangränösen Fetzen und die möglichst rasche Reinigung der 
schmierig eitrig belegten Wunden, womit so ziemlich jede 
Gefahr für die Träger beseitigt ist. Wohl stehen uns heute 
eine große Anzahl von Desinfektionsmitteln undMedikamenten 
in Form von Pulvern und Salben zur Verfügung, die von ver¬ 
schiedenen Autoren mit gutem Erfolg angewendet und 
empfohlen wurden und zahlreiche Vorschläge zur Behandlung 
derartiger Prozesse sind gemacht worden. Tatsache ist, daß 
die Behandlung derartiger Wunden, die wir ja auch in 
Friedenszeiten oftmals zu sehen Gelegenheit haben, keine ein¬ 
heitliche ist und so ziemlich jede Schule besitzt ihre eigne 
spezielle Behandlungsmethode. 

Der auf meiner Abteilung herrschende Standpunkt bei 
der Behandlung gangränöser und phlegmonöser mit schmierig 
eitrigem Belag bedeckter Wunden ist im allgemeinen charak¬ 
terisiert durch größtmöglichste Ruhe der Wunden, also seltener 
Verbandwechsel, der natürlich noch rigoroser gehandhabt 
wird, wenn es sich gleichzeitig um Knochenverletzungen han¬ 
delt. Seit mehreren Jahren verwende ich ferner mit sehr gutem 
Erfolge das permanente Wasserbad mit einem geringen Zu¬ 
satze von Jod. Die oft schweren septischen Erscheinungen, be¬ 
sonders das Fieber, werden äußerst günstig beeinflußt und 
schwinden meist in wenigen Tagen, so daß es nicht selten 
gelang, Extremitäten zu retten, die schier unrettbar schienen. 
Es erscheint mir nun angebracht, gerade im gegenwärtigen 
Zeitpunkte, da täglich Verwundete mit den fürchterlichsten 
gangränösen und phlegmonösen Wunden in unsere Behandlung 
kommen, das konservative Prinzip zu betonen, ein Standpunkt, 
der heute so ziemlich Gemeingut aller geschulten Chirurgen 
ist und zur Beseitigung dieser Leiden Amputationen der Glied¬ 
maßen wohl nur noch selten, bei besonders ungünstigen Fällen 
ausgeführt werden. 

Unter allen Umständen müssen wir heute selbst bei aus¬ 
gedehnten Zertrümmerungen der Knochen die Erhaltung der 
Extremitäten anstreben und es ist geradezu staunenswert, was 
man da mit den z .vei Faktoren: Ruhe und Geduld, erreichen 
kann. Haben wir es doch fast durchwegs mit jungen kräftigen 
Männern zu tun, deren Hera gesund ist und die sich oft un¬ 
glaublich rasch erholen, wenn sich die großen gangränösen 
Wunden gereinigt haben. Aber gerade die Reinigung bereitete 
bei den durch Granatsplitter und Dumdumgeschosse er- 
: zeugten zerklüfteten und schmierig eitrig belegten gangrä- 
S nösen Wunden die größten Schwierigkeiten und trotzte so 
ziemlich jeder Behandlung. Da machte nun Prof. Freund, 
der meine Abteilung frequentiert, den Vorschlag, den Ver¬ 
such zu unternehmen, diese schmierig eitrigen und grangrä- 
nösen Massen, also ein nicht mehr lebensfähiges Material, 
mittels eines chemischen Mittels zu entfernen und empfahl 
dazu den künstlichen Magensaft. Bereitwilligst stellte ich 
ihm mein gesamtes Material zur Verfügung, und sofort wurde 
die neue Behandlung eingeleitet. Die Technik des Verfahrens 
ist einfach und besteht im wesentlichen darin, daß Wunden im 
Bereiche der Hand und des Vorderarms oder des Fußes direkt 
in ein Salzsäure-Pepsinbad gelegt werden, das durch eine 
Lampe auf Körpertemperatur erwärmt wird. Bei allen übrigen 
Wunden, bei denen ein Bad teils wegen des Sitzes, teils wegen 
der dazu erforderlichen allzu großen Menge von Verdauungs¬ 
flüssigkeit nicht angezeigt erscheint, genügt es, sterile Ver¬ 
bandstoffe mit der Flüssigkeit zu tränken und aufzulegen, n 
diesem Falle sollen die Verbandstoffe mindestens zweistünd¬ 
lich erneuert werden. 

Begonnen wurde die Behandlung mit einer Lösung voj 
I 0,1 bis 0,2 °/ 0 iger Salzsäure und einem Gehalte von 2 bis J Io 
| Pepsin. Diese Art der Anwendung hatte ®u Beginn * 
i manchen Fällen mit starker eitriger Sekretion nicht den 


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14. März. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 299 


warteten schnellen Erfolg, was Freundauf die rasche Neu¬ 
tralisierung der freien Salzsäure infolge der reichlichen 
Sekretion zurückführte und daher den Vorschlag machte, zu¬ 
erst die Wunden mit körperwarmer 0,2 °/ 0 iger Salzsäure durch 
mindestens eine halbe Stunde zu baden oder gründlich zu 
spülen, wodurch das eitrige Sekret entfernt und die gangrä¬ 
nösen und nekrotischen Gewebsmassen sauere Reaktion er¬ 
halten und dann erst die Verdauungsflüssigkeit zu applizieren. 
Diese wurde nach folgendem Rezept hergestellt: 

B. Acid. bydrochlor. 0,2 °/o 

1000,00 

Prpsini germ. 20,00—50,00 

Sol. ilimethvlamidoazobenzol. alkohol. 1 °/o 
gtt. V. 

M. D. S. Verdauungsflüssigkeit. 

Den Zusatz von Farbstoff gibt Freund nur aus dem 
Grund, um sich bei längerin Liegen der Verbandstoffe zu über¬ 
zeugen, ob noch freie Salzsäure vorhanden ist. Ist letztere 
nämlich etwa durch die eitrigen Sekrete neutralisiert, so hört 
die Verdauungswirkung auf. Die Flüssigkeit soll ferner nicht 
länger als zwei Tage stehen, soll womöglich stets frisch be¬ 
reitet werden und darf auch nicht über 50 0 erwärmt werden. 

Die Bedenken, daß durch die Einwirkung dieser Flüssig¬ 
keit auch gesundes Gewebe geschädigt werden könnte, hält 
Freund nicht für gerechtfertigt, da die Versuche von 
Ferm i und Math es bewiesen haben, daß durch die Ein¬ 
wirkung von Pepsin und Salzsäure auf gesundes Gewebe nur 
dort eine Verdauung stattfand, wo das Gewebe entweder 
mechanisch zerstört, oder durch allzu starke Salzsäure ge¬ 
schädigt ist, daß also nur das „Leben“ vor der Verdauung 
schütze. 

Freund äußerte sich gelegentlich der Mitteilung über die Salz- 
siiure-Pepsinbehandlung in der K. K. Gesellschaft der Aerzte wörtlich: 

„Aber dieses Resultat ist nicht nur in wissenschaftlicher, sondern 
auch in praktischer Richtung w r enig befriedigend. 

Jeder Praktiker weiß, daß in einem Magengeschwür ein Blut- 
Pdäß, das doch nicht als tot angesehen werden kann, gelegentlich 
arrndicit'irird, und jeder weiß, daß am Boden desselben Geschwürs die 
Miix’ularis jahrelang dem Magensaft Widerstand leisten kann. 

L* muß demnach doch eine andere Eigenschaft als das „Leben“ 
Jas Maßgebende für diesen Unterschied im Verhalten der Zellen sein. 
Fine Anbahnung für das Verständnis dieser Verhältnisse schien mir 
nun die Tatsache zu bilden, daß durch mechanische Verletzungen, ja 
nur durch einen Messerschnitt, eine Zelle ihrer „Lebenskraft“ verlustig 
werde; es ließ mich daran denken, ob nicht die physikalischen Ver- 
hältnisse der lebenden Zelle das Maßgebende für den Schutz der Ver¬ 
dauung seien. 

Ind tatsächlich kann man, wie ich im Jahre 1897 an dieser 
%l!e demonstrieren konnte, jeder Eiweißflocke diese vermeintliche 
UdifiiPgemeinsclutft verleihen, wenn man dieselbe durch Einbinden in 
m Leinwandsäckchen mit quellendem Agar-Agar in eine künstliche 
Mic verwandelt. Eine Bekräftigung dieser Erkenntnis hat sich dann 
aus \ersuchen ergehen, die ich später mit Rudolf Kraus durch- 
trefiihrt habe, die gezeigt haben, daß durch die gleichen physikalischen 
y.-rhiiltnissc auch das Eindringen von Bakterien in solche künstliche 
/>Hlen zu vermeiden ist, daß also auch die rätselhafte Eigenschaft der 
Runden Darmwand, eine Grenzwand für die Darmbakterien darzu- 
auf diese physikalischen Verhältnisse zurückzuführen ist. 

Es ist also der physikalische, innere Spannungszustand der ge- 
si-hlnspcneu Zelle, die von der Blutcirculation durch Produktion be- 
>tuuiMn Substanzen immer wieder neu erzeugte Oberflächenspannung 
-- medizinisch gesprochen — die Sukkulenz der Zelle, welche ihr eine 
großo Inabhängigkeit gegenüber den osmotischen Einflüssen ihrer 
U'gfbung verschallt und so auch gegen die Einwirkung der Ver- 
nauungsfermente schützt. 

dieser Erkenntnis ist unserm Vorgehen ein Fortschritt er- 
moglicht. Wir brauchen nicht abzuwarten, daß die Verdauungslösung 
•uits vMilaui. was nicht mehr unversehrte Zelle ist und halt macht 
J 0r d° r gesunden Zelle; wir können die Grenze des Gesunden erweitern, 
l’P Wlr mit möglichster Unterstützung des Kreislaufs herbeiführen, 
nr li > ■ den matschen, verwässerten Charakter verliert, 

li -Iv f 'P aTmiin #* erlangt- und so wird, wie die jungen Granulationen, 
„ n e , DK 'm nur gegen Infektionen einen hohen Schutz besitzen, sondern 
£ e k r( m die verdauende Wirkung besonders geschützt sind.“ 
Tatsächlich hat die praktische Anwendung des künst¬ 
ln Magensafts in zahlreichen Fällen, bei Wunden in den 
verschiedensten Regionen, bei stunden-, ja tagelanger An¬ 
wendung die Ungefährlichkeit gegenüber dem gesunden Ge- 
zur Genüge bewiesen. Immerhin wird es sich aber j 


empfehlen, bei bloßliegenden Sehnen, Nerven und Blutgefäßen 
dieselben durch eine vaselingetränkte, hydrophile Gaze ent¬ 
sprechend zu schützen. Zu befürchten waren ja wohl in erster 
Linie Nachblutungen, und zwar nicht etwa infolge von 
Arrosion der Gefäße, sondern infolge allzurascher Abstoßung 
der nekrotischen Gewebsmassen, eine Befürchtung, die mich 
veranlaßte, in einigen Fällen auf die Gefahr einer Nachblutung 
aufmerksam zu machen und die entsprechenden Anordnungen 
zu treffen. In keinem Fall ist aber eine solche eingetreten, 
die der Einwirkung des künstlichen Magensafts zuzuschreiben 
wäre. 

Wohl beobachteten wir bei einem Tiroler Kaiserjäger, der einen 
Schuß durch den Oberschenkel erhielt und bei dem die ganze linke 
Gesäßhälftc gangräiiescierte und nach der Demarkation abgetragen 
wurde, wodurch ein annähernd kreisrunder Substanzverlust mit einem 
Durchmesser von zirka 20 cm resultierte, während der Behandlung eine 
schwere Nachblutung, die aber sicher nicht eine Folge der Anwendung 
des künstlichen Magensafts war. Schon bei der Operation habe ich 
auf die Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit einer solchen hinge¬ 
wiesen. Die starke Blutung, offenbar aus der Art. glut., wurde durch 
Umstechung gestillt und die Behandlung mit dem künstlichen Magen¬ 
säfte fortgesetzt, worauf eine rasche Abstoßung der gangränösen Fetzen 
und Reinigung der Wundhöhle erfolgte. Heute ist der große .Substanz¬ 
verlust mit gesunden Granulationen ausgefüllt und wird plastisch ge¬ 
deckt "werden. 

Das Verfahren der Behandlung gangränöser Wunden 
mit dem künstlichen Magensaft ist, ich wiederhole es noch¬ 
mals, äußerst einfach. Die notwendigen Materialien sind die 
Salzsäure-Pepsinlösung, die leicht zu beschaffen ist und zu 
deren Herstellung Freund das Pepsin W i 11 e empfiehlt, 
und ein Heißluftapparat oder Thermophor. Es empfiehlt sich 
nämlich, die Verdauungsflüssigkeit lauwarm zu applizieren, 
da sie sonst ziemliche Schmerzen verursacht. Wir ver¬ 
wendeten die Flüssigkeit in Form von Bädern, Umschlägen 
und als permanente Irrigation, und erzeugten die gewünschte 
Körpertemperatur durch elektrische Heißluftapparate. Damit 
erscheint jedoch die Anwendung keineswegs erschöpft, auch 
große Höhlen kann man, ohne dieselben breit zu eröffnen, der 
Behandlung unterziehen, indem man die Flüssigkeit mittels 
eines Dampfsprays auf die betreffenden Höhlen einwirken läßt. 
Ich bin überzeugt, daß man bei jeder Wunde, ohne Rücksicht 
auf den Sitz, durch entsprechende Lagerung des Kranken und 
mittels kleiner technischer Hilfsmittel die Anwendung des 
künstlichen Magensaftes ermöglichen kann. Recht gut be¬ 
währt hat sich speziell bei Wunden im Bereiche der Wade 
eine ganz lose Umhüllung mit Billrothbatist, die ober- und 
unterhalb der Wunde gegen den Unterschenkel mit einem 
Heftpflaster gut abgeschlossen wurde und die nun, mit der 
Verdauungsflüssigkeit angefüllt, vollkommen ein Bad ersetzte. 

So plausibel mir auch die theoretischen Ausführungen 
Freunds waren, so skeptisch war ich in bezug auf die 
praktischen Erfolge, da es mir sehr unwahrscheinlich schien, 
daß der künstliche Magensaft diese schmierigen und gangrä¬ 
nösen Wunden rascher reinigen könne, als unsere oft so"be- 
währten und erprobten Mittel, insbesondere das permanente 
Wasserbad. Um so mehr war ich überrascht, als ich mich 
schon nach kurzer Behandlungszeit, in manchen Fällen schon 
nach wenigen Stunden, von der Vortrefflichkeit dieses Mittels 
überzeugen konnte. Große Wunden, die schon längere Zeit 
behandelt wurden und die auch im permanenten Wasserbade 
keine auffallende Aenderung zeigten, waren nach zweitägiger 
Behandlung schon derart verändert, daß man diese Besserung 
nur der neuen Behandlungsmethode zuschreiben konnte. Wir 
sahen raschen Schwund des schmierigen Belags und ebenso 
rasche Abstoßung der gangränösen Fetzen, wobei gleichzeitig 
die oft schweren Allgemeinsymptome schwanden, das Fieber 
oft kritisch abfiel. Die Granulationsbildung war eine äußerst 
lebhafte, und ich muß gestehen, daß ich noch niemals durch 
die Einwirkung irgendeines uns bekannten Mittels so lebhafte 
und gesunde Granulationen entstehen sah, wie durch die Ein¬ 
wirkung des künstlichen Magensafts. 

Ich erwähnte schon, daß wir das Mittel öfters auch tage¬ 
lang angewendet haben, ohne die geringsten Xebenorsohei- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


nungen zu beobachten; nur bei einem der letzten Fälle traten i 
so heftige Schmerzen auf, daß die Behandlung unterbrochen I 
werden mußte. Es handelte sich um einen zirka handteller¬ 
großen, ziemlich frischen Weichteilschuß der Wade mit i 
mäßigem eitrigen Belag. 

Die Dauer der Behandlung war eine sehr verschiedene. ! 
Am raschesten reagierten natürlich jene Wunden, welche 
direkt in ein Bad mit der Verdauungsflüssigkeit gelegt werden I 
konnten, wo die Salzsäure also ihre Wirkung am intensivsten j 
entfalten konnte. Legten wir nur mit Verdauungsflüssigkeit i 
getränkte Tupfer auf, so mußten dieselben, je nach der , 
Sekretion, fleißig, oft zweistündig und öfter, erneuert werden, i 
Zur Illustration der Wirkung lasse ich kurz den Auszug i 
einiger Krankengeschichten folgen: ! 

M. R., Inf.-Reg. 21. Schußwunde des linken ITnterschenkfl& j 
Einschuß vom, über zweihandtellergroßer Ausschuß an der Wade. 1 
Die Wunde zerklüftet, schmierig belegt, stellenweise gangränös. Starke 
jauchige Sekretion. 

Beginn der Behandlung mit HCl-Pepsin am 5. November. Am 
10. November fast die ganze Wunde gereinigt, die Abstoßung der 
gangränösen Fetzen erfolgt ungewöhnlich rasch, ebenso lebhafte 
Granulationsbildung. 

Am 1. Dezember Wunde vollkommen gereinigt. j 

J. R., Inf.-Reg. 21. Verletzt am 22. September durch Gewehr¬ 
schuß. Sehr großer Weichteildefekt, fast die ganze Wade betreffend. 
Die Muskulatur und Sehnen hängen in Fetzen heraus, zum Teil voll¬ 
ständig nekrotisch. Die ganze Wunde schmierig belegt, starke jauchige j 
Sekietion. ! 

Beginn der HCl-Pepsinbehamllung am 25. September. j 

Am 29. September stoßen sich große nekrotisch^ Partien ab. 
Beginn der Granulationsbildung. 

Am 6. Oktober Wunde vollkommen rein granulierend. All- 1 
gemeinbefinden sehr gut. Patient andauernd fieberfrei. j 

A. L., T.K.J. Nr. 3. Verletzt am 11. September. Schrapnell- 1 
schuß des rechten Unterkiefers mit Fraktur und ausgedehnter Zer- j 
tilimmerung des Knochens. Geber handtellergroße, jauchig eitrige ; 
Wundhöhle, die mit nekrotischen Massen bedeckt ist. 

Vom 16. September bis 20. September HCl-Pepsinbehandlung. 1 
täglich mehrmaliger Verbandwechsel. j 

22. September. Sekretion hat merklich abgenommen. Wunde , 
beginnt sich zu reinigen. 

8. Oktober. Wunde gereinigt, fast in ganzer Ausdehnung rein J 
granulierend. Patient begibt sich in zahnärztliche Behandlung. j 
D. J., Inf.-Reg. N r. 29. Verletzt am 28. August. Schrapnell- j 
schuß am linken Vorderarme. Handtellergroße gangränöse Wundhöhle : 
mit starker jauchig eitriger Sekretion, Muskel und Sehnen zerfetzt, j 
Knochen intakt. 

Vom 2. September bis 6. September permanentes Wasserbad. j 

Am 6. September HCl-Pepsinbehandlung. Am 10. September 
Wunde teilweise gereinigt, mäßige Sekretion. i 

Am 16. September* Wunde rein granulierend. Salbenverband. 

H. P., Landw.-Inf.-R eg. Nr. 9. Verletzt am 31. Oktober j 
durch Gewehrschuß. Komplizierte Unterschenkelfraktur mit einem 
apfelgroßen, zerfetzten, schmierig eitrig belegten Ausschuß. 

Beginn der HCl-Pepsinbehandlung am 8. November. Getränke 
Tupfer öfters im Tage gewechselt. Am 12. November nekrotisches 
Oe webe abgestoßen. Abnehmende Sekretion. 18. November lebhafte 
Oranulationsbildung. Geringe Sekretion. 

S J Inf.-Reg. Nr. 6. Verletzt am 5. November. Granat¬ 
schuß in der linken Schultergegend. Großer, jauchender, 18 cm im 
Durchmesser betragender Defekt der linken Schulter mit vollständiger 
Zertrümmerung des Schultergelenks, dessen Fragmente bloßhegen. 
Patient, der sich in einem sehr elenden Zustande befindet, wird ins 
Wasserbett gelegt, wo er sich etwas erholt. Am 11. November Beginn 
der HCl-Pepsinbehandlung. Am 19. November große nekrotische 
Partien abgestoßen. Rasche Erholung. Am 25. November Wunde fast 
in ganzer Ausdehnung granulierend, mäßige Sekretion. Salbenverband. 

K. J., I n f. - R e g. Nr. 65. Verletzt am 4. November. Gewehr¬ 
schuß durch den rechten Handrücken. Die ganze Vola eine zerfetzte, 
i'iuehig secernierende Wunde mit zahlreichen nekrotischen Knoehen- 
oartikeln. Die Sehnen zerrissen und teilweise nekrotisch. 

* Beginn der HCl-Pepsinbehandlung am 9. November, vom 
14 November in Form von Handbädern. Am 18. November Abstoßung 
der nekrotischen Partien. Beginnende Reinigung. Am 3. Dezember 
Wunde vollkommen rein, lebhafte Granulationsbildung. 

j I n f. - R e g. Nr. 67. Verletzt am 3. November. Gewehr¬ 
schuß des rechten Oberschenkels. Uebcr handtellergroßer, zerfetzter, 
stark secernierender Ausschuß an der Beugeseite. Einschuß klein, 
wenig secernierend. Vom 8. November bis 12. November im Wasser¬ 
bett Am 12. November Schwebeextension und Beginn der HCl- 
Pepsinbehandlung. Am 18. November Wunde rein, lebhafte 
Granulationsbildung. Trockenverband. 


W\ H„ K a i s e r j ä g e r - R e g. Nr. 1. Verletzt am 22. November. 
Gewehrdurchschuß durch den linken Oberschenkel mit Fraktur unter¬ 
halb des Trochanters. Gangrän der linken Gesäßhälfte. Am 
25. November Extension im Wasserbett. Am 27. November Abtragung 
der nektrotischen Haut und Glutäalmuskulatur. 

Am 5. Dezember Beginn der HCl-Pepsinbehandlung, da Patient 
hooh fiebert und die Wunde sieh nicht reinigt. 

Am 7. Dezember Beginn der Abstoßung und Reinigung. 

Am 11. Dezember bei teilweise gereinigter Wunde starke arterielle 
Blutung, die durch Umstechung gestillt wird, Behandlung fortgesetzt. 
20. Dezember Wunde rein granulierend. 

B. A., Inf.- R e g. N r. 65. Verletzt am 23. November. Gewehr¬ 
schuß durch den rechten Unterschenkel mit Fraktur beider Knochen. 
Handtellergroße gangränöse Wunde an der Wade mit jauchiger 
Sekretion. 

Vom 25. November bis 1. Dezember Schienenbehandlung. Hohes 
Fieber. Am 2. Dezember Beginn der HCl-Pepsinbehandlung. Be¬ 
rieselung der Wunde, vom 4. Dezember getränkte Tupfer. Am 
12. Dezember Wunde rein, Allgemeinbefinden gut. 

F. B., Inf.-Reg. Nr. 21. Verletzt am 22. November. Granat¬ 
schuß des Vorderarms. Mehr als handtellergroßer Weich teildefekt 
der Ulnarseite des Vorderarms, bis an das Ellbogengelenk reichend. 
Die Wunde schmierig belegt, teilweise nekrotisch. 

Vom 30. November wird die Wunde täglich mit in HCl-Pepsin 
getränkten Tupfern bedeckt, die halbstündig gewechselt werden. Am 
4. Dezember Wunde bereits gereinigt. Salbenverband. 

Q. M.. H a n v. - R e g. N r. 9. Verletzt am 24. November. 
Schrapnelldurchschuß durch den linken Oberarm. Großer Defekt der 
Weichteile, der schmierig belegt, teilweise gangränös ist. 

Am 29. November Einlegen von mit HCl-Pepsin getränkten 
Tupfern, 4. Dezember Wunde fast rein, geringe Sekretion. 

J. M., Inf.- Re g. Nr. 25. Verletzt am 20. November. Gewehr¬ 
schuß durch die linke Mittelhand. Einschuß an Vota hellergroß, Aus¬ 
schuß am Dorsum mit einem Defekt der Weichteile, der das ganze 
Dersum betrifft. Die Wunde stark belegt und stark secernierend. HCl- 
Pepsinbehandlung, halbstündlich werden die getränkten Tupfer ge¬ 
wechselt. Am 2. Dezember ist die Wunde gereinigt und gut 
granulierend. 

Bei allen diesen schweren Verwundungen hat sich die 
Salzsäure-Pepsinbehandlung glänzend bewährt, und ich kann 
wohl behaupten, daß sie in einigen Fällen direkt lebensrettend 
wirkte, da Hand in Hand mit der raschen Reinigung der 
Wunde die oft schweren Allgemeinerscheinungen rasch zurück¬ 
gingen. Wir verwendeten das Mittel nur bei offnen, 
gangränösen, schmierig belegten Wunden, niemals bei 
phlegmonösen Prozessen im akuten Stadium, für die (las 
permanente Wasserbad auch weiterhin das souveränste Mittel 
bleiben wird. 

Seit mehr als vier Jahren bin ich ein unbedingter An¬ 
hänger dieses vorzüglichen Heilverfahrens bei schweren 
phlegmonösen Eiterungen und habe mit keiner andern Be¬ 
handlungsmethode so günstige Resultate erzielt. Es wirkte 
ebenfalls in zahlreichen Fällen geradezu lebensrettend. Erst 
vor wenigen Wochen hat Riehl auf dieses von Hebra m 
die Therapie eingeführte Heilverfahren aufmerksam gemacht 
und betont, daß die glänzenden Resultate bei der Behandlung 
schwerer Phlegmonen besonders den jüngeren Kollegen als 
Novum imponierte. Riehl machte auch den Vorschlag, bei 
dem großen Mangel an Wasserbetten — unser Spital besitzt 
nur deren zw r ei — provisorische, kontinuierliche Bäder einzu- 
riehten. w r as wohl im Interesse der Verwundeten sehr zu be¬ 
grüßen wäre. Die Hauptvorteile dieser Behandlung sinn- 
gründlicher Abfluß der Sekrete und vor allem der Wegfall des 
Verbandwechsels, der für die Kranken nicht nur sehr schmerz¬ 
haft, sondern unter Umständen auch schädlich sein kann, da 
er nicht selten von Temperatursteigerungen gefolgt ist. Sehr 
gut bewährt hat sich das permanente Wasserbad auch bei 
phlegmonösen Prozessen, wo es noch zu keiner ausgesprochenen 
Eiteransammlung gekommen war. Diese Fälle, bei denen oft 
die Wahl schwer fällt, wo man incidieren soll, legte ich vor¬ 
erst ins Wasserbad und sah Phlegmonen vollkommen zurück- 
gehen, oder aber es genügte in einigen Tagen eine kleine 
Ineision, in keinem Falle sah ich eine Progredienz des 
Prozesses. Nicht unerwähnt möchte ich auch lassen, daß die 
oft heftigen Schmerzen durch das Wasserbad sehr günstig 
I beeinflußt werden. 


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11. März. 


191S — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


Für die schweren Phlegmonen im Bereiche der Hand 
und des Vorderarms habe ich mir längliche Gefäße anfertigen 
lassen, die am Bettrand entsprechend befestigt werden und die 
nur den einen Nachteil haben, daß das Wechseln des Wassers 
mit einigen Umständen verbunden ist. Für alle übrigen 
phlegmonösen Prozesse standen mir zwei gut eingerichtete 
Wasserbetten zur Verfügung, die sich besonders bei den 
schweren komplizierten Splitterfrakturen im Bereiche der 
unteren Extremitäten mit starker eiteriger Sekretion glänzend 
bewährten. Frakturen des Unterschenkels wurden mit einer 
hinteren Holzsehiene, welche die Fragmente entsprechend 
fixierte, die Wunden aber vollkommen frei ließ, in das Wasser¬ 
bett gelegt. Bei den Frakturen des Oberschenkels bewährte 
sich aber bestens die Extensionsbehandlung, die genau wie 
iin Extensionsbett ausgeführt wurde. An Stelle des Heft¬ 
pflasters wurde die Gradlbinde angelegt. Schon nach wenigen 
Tagen waren die meist hochfiebernden Kranken fieberfrei, 
und das Allgemeinbefinden, besonders der Appetit besserten 
sich zusehends. Nur bei Patienten, bei denen es zu ausge¬ 
dehnten Nekrosen kam, hielten die Temperatursteigerungen 
oft durch viele Wochen an. Auf diese Weise gelang es, 
Extremitäten zu erhalten, die bei der ausgedehnten Zer¬ 
trümmerung der Knochen und Weichteile fast unrettbar 
schienen. 

Rei dem großen Verwundetenmaterial, das auf meiner Abteilung 
aufgenomnien wurde, habe ich nur in zwei Fällen wegen schwerster 
Zertrümmerung und Phlegmone des Unterschenkels die Amputation 
ausgeführt, und zwar hauptsächlich wegen der schweren Allgemein- 
rrsrheinungen, die auch im Wasserbette nicht schwanden. Beide Fälle 
sind hei normalem Amputationsstumpfe gestorben, der eine 14 Tage, 
der andere vier Wochen nach der Operation, und in beiden Fällen 
fand man bei der Obduktion multiple Abscesse in den inneren Organen, 
also Fälle, die wohl von vornhinein verloren waren. 

Daß bei so schweren Verletzungen Verkürzungen der 
Extremitäten, Contracturen und Ankylosen der Gelenke un¬ 
vermeidlich sind, ist wohl leider nicht zu vermeiden. Immer¬ 
hin bin ich der Ansicht, daß für die Mehrzahl der so schwer 
Verwundeten schon mit Rücksicht auf ihre soziale Stellung 
und ihren Wohnort am Lande, wo eine Reparatur der Pro¬ 
thesen ganz ausgeschlossen ist, die schlechteste eigne Ex¬ 
tremität ungleich vorteilhafter ist, als die beste Prothese. 

Vorliegende Zeilen verfolgen nun hauptsächlich den 
Zweck, die Aufmerksamkeit der Fachkollegen auf die neue 
Freund sehe Behandlung gaigränöser Wunden mit dem 
künstlichen Magensaft zu lenkei , deren große Vorteile und die 
Inschädlichkeit gegenüber dem gesunden Gewebe auf meiner 
Abteilung zur Genüge eq)robt wurden und die ich ihnen zur 
Nachprüfung bestens empfehlen kann. 

In Wien hat außer mir noch Gagstatter im Reservespital 
>r. IV gangränöse Wunden mit der VerdauungsfJiissigkeit behandelt 
lind äußerte sich im Anschluß an die Mitteilungen Freunds eben¬ 
falls äußerst günstig über die erzielten Resultate. 


Die Versorgung des Feldheeres mit 
zahnärztlicher Hilfe 


Privatdozent Dr. Feiler, Breslau, 

Oberarzt der Reserve und Bataillonsarzt (im Felde). 

Die Versorgung des Heeres mit zahnärztlicher Hilfe im 
frieden ist seit langem Gegenstand ausgedehnter Besprechungen. 
7? muß unbedingt zugegeben werden, daß im letzten Jahrzehnt in 
user Beziehung außerordentlich viel geschehen ist. Die Heeres¬ 
verwaltung hat sich durch Abkommandierung von Sanitätsoffi¬ 
zieren zu den zahnärztlichen Universitätsinstituten einen Stamm 
1 0D approbierten Zahnärzten geschaffen, der in den größeren 
><vrnisonlazaretten an eigens eingerichteten zahnärztlichen Sta- 
p°hf D aus ?edehnte Tätigkeit ausübt; handelt es sich doch 
!* nur um die Beseitigung akuter Beschwerden möglichst 
H ( * er betroffenen Zähne, sondern vielmehr, und das 

Richtigere, um die Erhaltung der Dienstfähigkeit hei Unter- 
Mannschaften durch Erhaltung der vorhandenen 
1 Ersatz verlorengegangener Zähne. In kleineren Garnisonen 


leisten vertraglich verpflichtete Zahnärzte in ihrer Privatpraxis die¬ 
selben Dienste. Die Zahl der zahnärztlichen Hilfskräfte könnte 
durch Abkommandierung approbierter Zahnärzte während ihrer 
aktiven Dienstzeit erheblich vermehrt werden. Doch macht dies 
und damit die Bereitstellung zahlreicherer zahnärztlicher Hilfskräfte 
für das Friedensheer Schwierigkeiten durch die unklare Stellung, 
in die die Zahnärzte während ihrer einjährig-freiwilligen Dienst¬ 
zeit durch Abkommandierung zur zahnärztlichen Station kommen. 
Während der Mediziner selbstverständlich sein zweites halbes Jahr 
als einjährig-freiwilliger Arzt im Rang eines Offizierstellvertreters 
ableistet und danach zum Sanitätsoffizier befördert wird, ebenso 
wie der Apotheker, der danach zum höheren Beamten mit Offi¬ 
ziersrang befördert wird, steht der in seinem zweiten Halbjahr ab¬ 
kommandierte Zahnarzt nur im Rang eines Gefreiten und ver¬ 
zichtet durch die Abkommandierung auf weitere Beförderung, so- 
daß es naturgemäß schwer ist, freiwilligen Ersatz und freiwillige 
Tätigkeit von Zahnärzten in den Garnisonlazaretten zu erlangen. 
Das Bestreben der Zahnärzte geht nun seit langem dahin, ln An¬ 
betracht der notwendigen Versorgung des Friedensheeres mit zahn¬ 
ärztlicher Hilfe eine Aenderung der Stellung und Dienstpflicht der 
Zahnärzte im Sinne der Dienstpflicht der Aerzte zu erlangen. 

Im Feldheer ist diesen Bestrebungen bereits zum Teil 
Rechnung getragen. Es sind bei jeder Kriegslazarettabteilung zwei 
Zahnärzte vorgesehen, die an den Kriegs- beziehungsweise Etappen¬ 
lazaretten beschäftigt werden und mit einem „zahnärztlichen 
Kasten“ ausgerüstet sind. Sie sind höhere Beamte mit Offiziers¬ 
rang und haben also hier eine ihrer sozialen Stellung entsprechende 
Stellung, wenn auch mit Recht eine Gleichstellung mit den Aerzten 
angestrebt wird. Um zu sehen, ob ihre Zahl und ihre Ver¬ 
wendung in der Etappe für die Versorgung des Feldheers mit 
zahnärztlicher Hilfe genügt, muß man sieh die Aufgaben des Zahn¬ 
arztes im Felde sow ie die für seine Tätigkeit in Betracht kommen¬ 
den Formationen vergegenwärtigen. 

Die Aufgaben des Zahnarztes im Felde sind erheblich viel¬ 
seitiger als die des Friedenszahnarztes. Sie zerfallen, ebenso wie 
der Krieg und mit diesem, und ebenso wie die Tätigkeit der Sani¬ 
tätsformationen in diesem Krieg, in zwei grundverschiedene Teile. 
Wie dieser Feldzug in den wohl bei allen Formationen gleichen 
beiden Phasen des Angriffskriegs mit offner Feldschlacht und des 
Stellungskriegs gänzlich verschiedene Anforderungen an sämtliche 
Glieder stellt, so fordert er auch von dem Sanitätspersonal die 
Erfüllung gänzlich verschiedener Aufgaben. 

Die offne Feldschlacht erfordert nach der Kriegssanitäts¬ 
ordnung eine möglichst sofortige Versorgung der Verwundeten zur 
Rückbeförderung an die Etappe, zur Evakuation aus dem Ope¬ 
rationsgebiete, der Stellungskrieg mit seiner relativ ganz geringen 
Zahl von Verwundungen stellt an die Aerzte mit wenigen Aus¬ 
nahmen nur die Anforderungen und fordert die Ausübung nur 
der Tätigkeit, wie sie sonst in der Garnison geübt w ird, Aufsicht, 
und Anordnung hygienischer Vorkehrungen und Kranken- 
behandlung. 

So zerfällt auch der Dienst des Kriegszahnarztes in Ver¬ 
wundeten- und Krankenversorgung. Bei den Verwundungen 
handelt es sich bei der Behandlung durch den Kriegszahnarzt im 
wesentlichen um Gesichts- und Kieferschüsse, um Zusammen¬ 
arbeiten mit dem Chirurgen bei Versorgung derartiger Verwun¬ 
deter und um Sicherstellung ihres Transports zur Etappe und 
in die Heimat. Sie besteht in der jetzt einmütig anerkannten mög¬ 
lichst sofortigen Anlage von Schienenverbänden, sofern nicht, wie 
es allerdings nicht selten ist, große Weichteilverletzungen die so¬ 
fortige Anlage einer Schiene kontraindizieren. Der Beikasten zum 
zahnärztlichen Kasten des Feldzahnarztes enthält eine große An¬ 
zahl fertiger, insbesondere der S c h r o e d e r scheu Schienen, deren 
große Einfachheit ihnen ihre überragende Bedeutung verschafft hat. 
Der Einwuirf, daß Gesichtsschüsse meist nach Vornahme eines 
Verbandes der Weichteilwunden transportfähig sind, läßt sich 
nach meinen Erfahrungen in einem Feldlazarett, w'o wir bei der 
außerordentlichen Häufigkeit multipler Verletzungen durch In¬ 
fanterie- und Schrapnellschüsse mehrfach Gesichtsschüsse in Ver¬ 
bindung mit Oberschenkelfrakturen, Bauch- und Lungenschüssen 
sahen, bei denen an sofortigen Abtransport nicht zu denken war, 
nicht aufrechterhalten. 

Auf dem Vormarsche wird wohl ein Bedürfnis nach Zahn¬ 
ärzten zwecks Konservierung der Zähne bei der kämpfenden 
Truppe zu den Seltenheiten gehören und nicht anzuerkennen sein. 
Dagegen macht sich beim Stellungskriege naturgemäß ein ver¬ 
mehrtes Bedürfnis hiernach geltend. Hier hat der Zahnarzt, ebenso 
wie der Arzt, ähnliche Pflichten und ähnliche Tätigkeit wie in 


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ÜOä 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 14. März. 


der Garnison; hier hat er wie der Arzt für Erhaltung der Gesund¬ 
heit und für Bekämpfung auftretender Krankheiten auf seinem 
Spezialgebiete zu sorgen; die chirurgisch-technische Tätigkeit tritt 
hier zurück hinter der rein zahnärztlichen, der konservierenden 
Behandlung erkrankter Zähne und dem Ersätze verlorengegangener 
beziehungsweise der Wiederherstellung zerbrochener und verloren¬ 
gegangener Zahnersatzstücke zur Erhaltung der Felddienstfähig¬ 
keit. l)ie Zähne der seit Monaten in den Schützengräben Hegenden 
Soldaten sind trotz des dauernden Kauens von Kommißbrot, das 
ja von vielen Zahnhygienikem als die für die Zähne zuträglichste 
Nahrung bezeichnet wird, bei der mangelhaften Reinigung großen 
Schädlichkeiten ausgesetzt. Dies macht sich in der großen Zahl 
der sich wegen Zahnschmerzen beim Truppenärzte krankmeldenden 
Soldaten bemerkbar, und die Anzahl derer, die durch Verlust oder 
Beschädigung ihres Gebisses bis zur Wiederherstellung felddienst¬ 
unfähig werden, ist nicht unerheblich. In welchem Maß und an 
welcher Stelle kann hier zahnärztliche Hilfe einsetzen und ver¬ 
langt werden? 

Betrachten wir kurz die Sanitätsformationen, die hierfür in 
Betracht kommen: Im Vormarsche: Truppenärzte mit Truppen¬ 
verbandplatz, Sanitätskompagnie mit Hauptverbandplatz, Feld¬ 
lazarett und Kriegslazarett. Im Stellungskriege gestaltet sich der 
Sanitätsdienst etwas anders, da die Sanitätskompagnie häufig 
nahezu ganz ausfällt, wenigstens was ihren ärztlichen Teil be¬ 
trifft. Sie wird hauptsächlich nur zum Transport von Verwundeten 
und Kranken von der Truppe nach dem nunmehr stationären Feld¬ 
lazarett verwandt. Anderseits richten jetzt die meisten Truppen 
Sanitätsunterstände beziehungsweise Revierkrankenstuben ein zur 
Behandlung Leichtkranker, wie in der Garnison. Wir haben 
hier also Truppenärzte mit Revierkrankenstuben, stationäres Feld¬ 
lazarett und Kriegslazarett. 

Bestimmungsgemäß soll nun zahnärztliche Hilfe erst im 
Kriegslazarett einsetzen, oder der Zahnarzt soll nötigenfalls mit 
seinem „zahnärztlichen Kasten“ vom Feldlazarett angefordert 
werden. Die Kriegslazarettabteilungen befinden sich nun aber 
so weit hinter der Front, daß an eiue Ueberweisung von Mann¬ 
schaften der kämpfenden Truppe wegen Zahnschmerzen an den 
Zahnarzt im Kriegslazarett nicht die Rede sein kann. Sie würden 
dadurch für mehrere Tage dem Dienst entzogen werden. Ander¬ 
seits läßt sie sich nicht umgehen bei Leuten mit beschädigten 
künstlichen Gebissen, da diese hierdurch felddienstunfähig werden, 
nach den Bestimmungen, wie auch durch die Unmöglichkeit, das 
sonst ungewohnte Kommißbrot zu zerkleinern. Diese müssen den 
Kriegslazaretten überwiesen werden und werden für längere Zeit 
der Front entzogen. 

Wohl aber ließe sich dies mit Leichtigkeit im Feldlazarett 
erreichen, falls diesem chirurgisch ausgebildete zahn¬ 
ärztliche Kräfte beigegeben beziehungsweise zur Verfügung gestellt 
werden. Zu diesem Zwecke wäre es notwendig, daß bei jedem 
Korps für die zu ihm gehörenden zwülf Feld lazarette zwei oder 
drei Feldzahnärzte zur Verfügung stehen, entsprechend der 
Mindestzahl der erfahrungsgemäß bei einem Korps gleichzeitig 
eingesetzten Feldlazarette. Der Versuch der Einführung ließe 
sich fürs erste auch mit einem Zahnarzte bewerkstelligen. Diese 
werden am besten und einfachsten mit dem Automobil des kon¬ 
sultierenden Chirurgen, oder mit dem Beamtenwagen des Feld¬ 
lazaretts, beziehungsweise einem zu requirierenden Wagen (ein 
Wagen ist notwendig zwecks Herbeischaffung des zahnärztlichen 
Kastens) bei der Etablierung des Feldlazaretts dorthin gebracht 
und bis zur Etablierung eines neuen bei diesem verbleiben. Im 
Vormärsche würde auf diese Weise die rechtzeitige Anlegung von 
Kieferschienen auch bei aus andern Gründen nicht transportfähigen 
Verwundeten, im Stellungskriege würde damit für eine auch im 
zahnärztlichen Sinne, der die Extraktion schmerzender Zähne als 
Kunstfehler zu betrachten gewohnt ist, genügende zahnärztliche 
Behandlung gesorgt sein, und es würden besonders im Stellungs¬ 
kriege dem Heer eine Menge Soldaten felddienstfähig erhalten 
werden, die sonst für mehr oder weniger lange Zeit ausfallen. Die 
größeren Kosten würden zum großen Teil wieder wettgemacht 
durch Ersparnisse an Transportmitteln und Personal für die wenigen 
Leute, die augenblicklich zahnärztliche Hilfe genießen, und die 
Heeresverwaltung steht ja auch sonst stets auf dem Standpunkte: 
Für die kämpfende Truppe ist das Beste gerade gut genug. Die 
zahnärztliche Hilfe käme durch Einstellung von Zahn¬ 
ärzten bei d e n F e 1 d 1 a zarett e n mehr als bisher nicht 
Smr den bei den Kolonnen beschäftigten Leuten zugute, sondern 
vor allem der kämpfenden Truppe. 


Diese Forderungen, die ja die bestehenden Bestimmungen 
nur um weniges erweitern beziehungsweise ihre Ausführung er¬ 
leichtern wellen, werden wohl schon bei einzelnen Formationen 
erfüllt, sicher nicht bei allen. Notwendig allerdings wäre vor 
allem, daß die Oberaufsicht über die Feldzahnärzte durch in 
höherem Range befindliche, dem Korps- oder Armeearzte direkt 
unterstehende approbierte Zahnärzte ausgeübt würde, die allein be¬ 
urteilen können, welche Leistungen von den Feldzahnärzten ver¬ 
langt werden können und vor allen Dingen unbedingt verlangt 
werden müssen. _ 

Aus der Ortskrankenstube der Res.-San.-Komp. 12 
(Chefarzt: Stabsarzt Dr. H a s). 

Zur Typhusdiagnose im Felde 

von 

Stabsarzt Dr. Mülhens, Eitorf (Sieg). 

Zur Sicherung der Diagnose auf Typhus abdominalis hatten 
wir [Oberarzt Dr. Feh res (Kreuznach) und Verfasser) hier im 
Felde neben der Verwertung der klinischen Symptome in den 
meisten Fällen die Blutuntersuchung auf Typhusbacillen zu Hilfe 
genommen. Diese Untersuchung fand in einem nahegelegenen 
Feldlazarett (Oberarzt Dr. Basten) statt; aber trotz möglichster 
Beschleunigung konnte vor Ablauf von drei Tagen kein Resultat 
erwartet werden. Gerade im Stellungskriege war bei den be¬ 
schränkten Unterkunftsverhältnissen unserer Sanitätskompagnie, 
durch die alle typhusverdächtigen Erkrankungen der Divisen 
gingen, im Interesse einer möglichsten Vermeidung von Kon¬ 
taktinfektionen eine schnelle Trennung der infektiösen und nicht- 
ansteckenden Kranken notwendig. 

Dazu kam, daß die zu untersuchenden Mannschaften bereits 
seit über drei Wochen zum dritten Male gegen Typhus geimpft 
waren. Die geimpften Fälle verliefen fast alle außerordentlich 
leicht und ließen auch fast stets septische Erscheinungen vermissen, 
sodaß von dem Ergebnis der Blutuntersuchung auf Typhusbacillen 
eine völlige Klärung aller Fälle, ob Typhus vorlag, nicht mit voller 
Sicherheit zu erwarten war. Infolge dieses leichten Verlaufs sahen 
wir die Fälle meist frühestens in der zweiten Woche. Es war 
demnach zu erwarten, daß die Diazoreaktion uns näheren Auf¬ 
schluß geben würde. 

Um eine möglichst einfache Untersuchungsmethode zu haben, 
führten w j ir die Untersuchung nach der von Weiß angegebenen 
Modifikation aus, und zwar in der von Rhein 1 ) veröffentlichten 
vereinfachten Form, die infolge ihrer Einfachheit und leichten 
Ausführbarkeit im Feld außerordentlich gut anwendbar ist. (Divi¬ 
sionsarzt Generaloberarzt Dr. B ii c k e r machte uns auf den Auf¬ 
satz aufmerksam I ). Ob die W e i ß sehe Probe ein vollwertiger 
Ersatz der Diazoreaktion nach Ehrlich ist, kann natürlich hier 
nicht entschieden werden. 

Wir verdünnten einige Tropfen des Urins mit destilliertem 
Wasser bis zur Wasserhelle, fügten ein Krvstallchen «-Kalium per- 
manganicum hinzu und schüttelten; bei positivem Ausfälle wird 
die Probe goldgelb, bei negativem entsteht eine bräunliche Sus¬ 
pension. 

Nun zeigte sich bei allen verdächtigen Fällen ein positiver 
Ausfall der Probe; dies Resultat stimmte aber mit dem Ergebnisse 
der Blutuntcrsuchung auf Bacillen meist nicht überein, was frei¬ 
lich auch aus den oben angegebenen Gründen nicht stets zu er¬ 
warten war. Daraufhin untersuchten wir den Urin aller durch¬ 
gehenden Kranken sowie auch Gesunder, darunter mehrerer 
Aerzte, die niemals Zeichen von Typhus gehabt hatten. Wir 
fanden bei fast allen deutlich positiven Ausfall, niemals negativen. 

Nach den positiven Angaben Rheins konnte cs sich nicht 
um einen Fehler der Probe, sondern eher um eine Fehlerquelle des 
Harnes der Untersuchten handeln. Wir vermuteten, daß die er¬ 
folgte Impfung im Körper einen ähnlichen Vorgang auslöse, wie 
es der Verlauf des Typhus tue, sodaß auch nach erfolgter Impfung 
Diazoreaktion des Urins auf tritt. Dafür spricht auch die Beob¬ 
achtung Dünners 2 ), der bei den meisten Geimpften einen posi¬ 
tiven Ausfall der W i d a 1 sehen Reaktion fand. (Der Aufsatz 
kam erst nach Abschluß der hiesigen Untersuchungen zu meiner 
Kenntnis.) 

Diese Vermutung bestätigte sich. Beim Eintreffen von Lr- 


J ) FeldUrztl. Beilage der M. m. W. Nr. 13. 
a ) B. kl. W. 1915, Nr. 3. 


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3Ü3 


satztruppen konnten wir den Urin von einem erst einmal und dreien 
noch nicht geimpften Mannschaften untersuchen. Bei ersterem fiel 
die Probe zweifelhaft, bei dein drei letzteren negativ aus. 

Aus unsern Beobachtungen ergibt sich, daß die Weiß sehe 
Probe bei geimpften Individuen zur Klärung der Typhusdiagnose 
nicht beitragen kann. Es ist ihre Anwendung infolgedessen auch 


Klinische 


lieber Diabetes mellitus im Anschluß an 
Vaccination 

Von 

Prof. Dr. med. Hermann Eichhorst, Zürich. 

(Klinische Epikrise.) 

M. H.l Wir haben uns vorgestern mit einem 26 jährigen 
Soldaten beschäftigt, welcher am 29. September 1914 in 
einem ähnlichen Zustande auf die Medizinische Klinik ge¬ 
schickt worden war, wie wir ihn vorgestern gemeinsam 
durchforscht haben. 

Der Kranke war tief bewußtlos und reagierte weder auf An¬ 
rufen noch auf starke Haut- oder Schleimhautreize. Selbst der 
Coniealreflex ließ sich nicht auslösen. Die Körperlage war eine 
vollkommen in sich zusammengesunkene Rückenlage. Die Augen 
waren nur halb geschlossen. 

Sofort fielen uns die eigentümlichen Atmungsbewe- 
£ u n g e n auf. Sie waren ganz ungewöhnlich tief, mit deutlich 
v< ilängerter Einatmung. Ihre Gesamtzahl binnen einer Minute 
hielt sich zwar an die übliche Zahl von 20. 

Die Gesichtsfarbe war blaß, aber auf der Stirn, auf der 
Nase und den Wangen machte sich daneben noch eine bläulich¬ 
rote Verfärbung bemerkbar, die eigentlich mehr an die Farbe des 
Bh is erinnerte. Eine ähnliche Farbe bot auch die Haut auf der 
Sir. ckseite der Ellbogen, auf den Handrücken, über den Knie- 
fcdnihen und auf den Fußrücken dar. 

Die Hauttemperatur erschien, nach dem Gefühle be¬ 
urteilt, erniedrigt, aber auch die Achselhöhlentemperatur erreichte 
nur 35,5 0 0. 

Nicht gut entgehen konnte der durchdringende, eigentümlich 
aromatische Geruch der Ausatmungsluft. Diese Er¬ 
scheinung brachte uns sofort auf den Gedanken, daß unser 
Kranker an Diabetes mellitus und Coma diabeticum leide, und daß 
die vorhin erwähnten tiefen Atmungsbewegungen nichts anderes 
als die bekannten Kußmaulsehen Atmungen seien. Wir 
wandten daher unsere Aufmerksamkeit sofort der Untersuchung 
des Harnes zu. 

Als wir nun erfuhren, daß in den letzten 24 Stunden 7800 ccm 
Harn mit einem specifischen Gewichte von 1024 aufgefangen wor¬ 
den seien, wurde unser Verdacht fast schon zur Gewißheit. Nichts¬ 
destoweniger führten wir mehrere Proben auf Traubenzucker aus, 
welche ohne Ausnahme Traubenzucker im Harn ergaben. Im 
Laboratorium der Klinik war der Prozentgehalt des Zuckers auf 
-■P- bestimmt worden, was also eine Gesamtmenge von 212,2 g 
Traubenzucker in der 24stündigen Harnmenge ergibt. 

Der Harn zeichnete sich durch denselben aromatischen Ge¬ 
ruch aus. der uns an der Ausatmungsluft aufgefallen war. Selbst¬ 
verständlich unterließen wir es nicht, die Gerhard sehe Eisen- 
(hloridprobe auszuführen, bei der wir eine tief dunkelrote Ver¬ 
färbung des Harnes zu sehen bekamen. Der Ham enthielt seit 
-4 Stunden Eiweiß und sehr zahlreiche kurze, gekörnte Nieren- 
cvlinder. 

Die Untersuchung der Brust- und Baucheingeweide ergab 
nichts Auffälliges. 

Aus der Anamnese unseres Kranken teilte ich Ihnen mit, 
daß er von Beruf Kaufmann ist und aus gesunder Familie 
■tammt. Sein Vater starb hochbetagt infolge eines Hirnschlags, 
*! ne . Butter an Gallensteinkrankheit. Er hat fünf gesunde Ge- 
senwister und weiß nicht, daß jemals in seiner Familie Zucker¬ 
krankheit vorgekommen sei. 

krankte er an Masern, dann aber war er immer 
gesund. Er war gern Militär und rückte in die Wiederholungskurse 
sehr gern ein, weil er den Dienst ohne irgendwelche Beschwerden 
ma , c ^ en Konnte und sich danach so frisch und wohl 
u oaß er die Dienstzeit als eine Erholungszeit empfand. 


im Feld ohne Wert, da die meisten Truppen gegen Typhus ge¬ 
impft sind. 

Vielleicht lassen sich durch systematische Fortsetzung dieser 
Versuche mit größerem Krankenmaterial und an gesunden Ge¬ 
impften aus dem mehr oder minder positiven Ausfälle der Probe 
Schlüsse auf die Stärke und Dauer des Impfschutzes ziehen. 


Vorträge. 


Anfang August 1914 wurde er bei Ausbruch des Kriegs 
wieder zum Militärdienst einberufen und wie alle Einberufenen 
von einem Militärärzte geimpft, und zwar am 8. August 1914. Er 
hat danach eine starke Schwellung und Rötung des linken Armes 
mit starken Schmerzen und hohem Fieber bekommen und sich seit 
dieser Zeit niemals mehr w r ohl gefühlt. Trotz der Empfindung großer 
Ermüdung und trotz anhaltender Kopfschmerzen, namentlich rechter- 
seits, suchte er doch noch zwölf Tage lang Dienst zu machen. In 
den letzten Tagen wurde er namentlich durch unstillbaren Durst 
gequält. Auch machte sich eine ungewöhnlich starke Eßlust be¬ 
merkbar. Dennoch magerte der Kranke mehr und mehr ab, 
binnen vier Wochen angeblich um mehr als 10 kg. 

Am 20. August wurde er zur Erholung aus dem Militärdienste 
nach Hause entlassen. Das Ermüdungsgefühl nahm jedoch immer 
mehr zu. Dazu gesellte sich noch starker Hustenreiz, namentlich 
während der Nacht. Es wurde reichlich gelber Auswurf aus- 
gehustet, in welchem mehrfach Blutspuren erkennbar gewesen 
sein sollen. In der Nacht stellten sich nicht selten sehr reichliche 
Schweiße ein. Nach dem Essen machte sich vielfach Aufstoßen 
von bitter und sauer schmeckenden Massen bemerkbar. 

Acht Tage vor der Aufnahme des Kranken auf die Medizi¬ 
nische Klinik wurde ein Arzt gerufen, welcher das Leiden sofort 
erkannte und zunächst Bettruhe empfahl, dann aber den Kranken 
auf die Medizinische Klinik schickte. 

Nach seinen Lebensgewohnheiten befragt, machte der Kranke 
die Angabe, er habe nur sehr wenig Alkoholica genossen, aber 
ziemlich viel geraucht. Sorgen und Aufregungen hätten ihn nicht 
getroffen. Er habe stets ein ruhiges und regelmäßiges Leben 
geführt. 

Als wir den Kranken am 19. September 1914 zum erstenmal 
auf der Klinik zu sehen bekamen, bot er ein sehr ähnliches Bild 
dar, wie wir es an ihm vorgestern beobachtet haben, nur war 
die Benommenheit weniger hochgradig. Der Harn roch aromatisch, 
zeigte eine sehr starke Eisenchloridreaktion, erreichte eine Tages¬ 
menge von 4000 ccm mit einem specifischen Gewichte von 1027 
und enthielt 4,5 °/ n Traubenzucker, also 186,0. Der Harn war 
eiweißfrei, zeigte aber zahlreiche kurze gekörnte Nierencylinder. 

Man verordnete eine gemischte Kost, gab dreistündlich sub- 
cutane Einspritzungen von Campheröl und 50,0 g Natrium bicarbo- 
nicum für den Tag. Der Kranke erholte sich ziemlich schnell und 
war schon nach drei Tagen bei vollkommen freiem Bewußtsein. 

Eine Untersuchung des Bluts ergab am 1. Oktober 1914 
0,28 % Traubenzucker. Das Blut fiel nicht durch ungewöhnliches 
Aussehen auf. Gegen lästige Schlaflosigkeit wurden mit Erfolg 
0,2 g Pantopon verordnet. Der Gebrauch des Natrium bicarbo- 
nicum wurde bis 100,0 g täglich fortgesetzt. 

Am 3. Oktober wurde die Wassermann sehe Reaktion 
ausgeführt, wobei wieder an dem Aussehen des Bluts nichts auf- 
fäUig war. 

Als man am 15. Oktober 1914 zum dritten Male Blut ent¬ 
nahm, fiel das Blutserum durch undurchsichtiges milchiges Aus¬ 
sehen auf, und als man dann eine Augenspiegeluntersuchung vor¬ 
nahm, welche früher nichts Besonderes ergeben hatte, boten die 
Netzhautgefäße nicht mehr eine rote, sondern eine weiße Farbe 
dar, nur die Blutgefäßränder sahen blaßrot aus. Es hatte sich 
also bei unserem Kranken Lipämie entwickelt. Dabei war das 
Körpergewicht seit dem Aufnahmetag um 1 kg gestiegen. 

Am 23. Oktober betrug der Zuckergehalt des Bluts 0,32 0 ... 
Der Kranke fühlte sich so wohl, daß er bat, das Bett verlassen 
zu dürfen. Das Körpergewicht war wieder um 0,5 kg gewachsen. 

Am 31. Oktober 1914 wird über Kopfschmerzen geklagt und 
am 2. und 3. November über Schmerzen in der linken'Bauchseite. 
Am 5. November 1914 stellte sich morgens um 5 Uhr plötzlich 
starker Kollaps ein. Der Kranke verbreitet einen ganz ungewöhn¬ 
lich starken Chloroformgeruch und wird bald tief benommen. Es 
stellt sich eine eigentümliche Hautfarbe ein. die Sie vier Stunden 
: pater selbst zu sehen bekommen haben. Die Atmungen werden 


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sehr tief. Der Puls geht von 88 auf 122 Schläge in die Höhe und 
wird sehr klein. 

Als wir dann den Kranken gemeinsam untersucht hatten, 
stellten wir die Vorhersage als sehr ungünstig, und in der Tat ging 
der Kranke 2 l / 2 Stunden später zugrunde. 

Bevor ich auf die Sektion zu sprechen komme, will ich noch 
in bezug auf die Harnverhältnisse erwähnen, daß die Harnmenge 
meist über 6000 ccm binnen 24 Stunden betrug und an einem 
Tage (19. Oktober 1914) sogar 14 000 ccm erreichte. Das speci- 
fische Gewicht des Harnes wechselte zwischen 1022 bis 10:30. 
Nur am 19. Oktober betrug es 1016. Der Prozentgehalt des 
Traubenzuckers im Harne schwankte zwischen 4,1 °/ 0 bis 7,7 °/ 0 
und die Tagesmenge zwischen 155 und 795 g. Unter dem Ge¬ 
brauche von Natrium biearbonicum wurde der Harn nur ganz vor¬ 
übergehend schwach alkalisch. Man fand an ihm täglich sehr 
starke Eisenchloridreaktion. Die Acetonmengen im Harne wurden 
zwischen 0,0022 °/ 0 bis 0,008 °/ 0 bestimmt. 

Bei der Sektion machte uns Herr Prof. Busse sofort auf 
die bräunliche, schokoladeuähnliche Farbe des Bluts aufmerksam, 
die sich bei Abnahme der Kopfkappe am Schädel bemerkbar 
machte. Ein gleich gefärbtes Blut, untermischt mit käseähnlichen 
Gerinnungen findet sich auch in den Sinus der Dura mater. Dabei 
fällt an beiden Oertlichkeiten die schmierige Konsistenz des Bluts 
auf. Ein ganz ungewohnter Anblick trat uns entgegen, als die 
Dura mater an der Oberfläche des Gehirns abgehoben wurde. Die 
Venen der Pia mater waren zwar reichlich gefüllt, aber sie be¬ 
herbergten kein rotes, sondern vollkommen weißes Blut, das dem 
Aussehen einer unabgerahmten Milch glich. Dasselbe Verhalten 
boten auch die Venen des Netzes und der meisten andern Ein¬ 
geweide dar. Die Blutgefäße unter dem Epikard treten als 
blendend weißes Geäder zutage. Aus den Hohlvenen quellen ge¬ 
ronnene, quarkähnliche Massen heraus. Das ganze Herz wird un- 
eröffnet in Formollösung getan und nach eingetretener Erhärtung 
im frontalen Durchmesser in zwei Hälften geteilt. Rechter Ven¬ 
trikel und rechtes Atrium enthalten weiße, quarkähnliche Massen, 
während die Räume des linken Herzens von braunrotem Blut 
erfüllt sind. 

Aus den durchschnittenen Arterien und Venen der Lungen 
entleeren sich weiße, quarkähnliche Massen. Ebenso sind die Hals¬ 
venen mit Inhalt von der oben angegebenen Beschaffenheit gefüllt. 

Die MHz fällt durch blasse, braungelbe Farbe auf, welche an 
das Aussehen von Milchschokolade erinnert. 

Die Bauchspeicheldrüse ist nicht ungewöhnlich klein, ent¬ 
leerte aber auch sehr reichlich aus den durchschnittenen Blut¬ 
gefäßen rahmähnliche Massen. Auf der Oberfläche ihres Schwanz¬ 
teils liegt ein rahmähnlicher, geronnener Ueberzug. Sie ist 19 cm 
lang, 3,5 cm breit und 2 cm dick. Ihre Läppchenzeichnung ist 
deutlich ausgesprochen. 

Die Nieren zeigten eine milchkaffeeähnliche Farbe; das von 
der Nierenoberfläche abgestrichene Blut war von schmieriger Be¬ 
schaffenheit und braunroter Farbe. 

Die Nebennieren sind sehr dünn; es läßt sich an ihnen weder 
Pigment noch Markgewebe erkennen. 

Die Blutgefäße der Serosa der Flexura sigmoidca sind wieder 
prall mit milchähnlicher Flüssigkeit gefüllt. 

Die gleiche Füllung der Blutgefäße ergibt sich auch an der 
Serosa des Magens. 

Die Leber ist groß, besitzt deutliche Läppchenzeichnung und 
zeigt auch in ihren Blutgefäßen gelbweißen Inhalt. 

Ein sehr ungewöhnliches Bild gewähren die Hüllen der 
Hoden durch die starke Füllung der Blutgefäße mit milchiger 
Flüssigkeit. 

Auch in den Venen der Netzhaut war ein milchähnlicher 
Inhalt deutlich zu erkennen. 

Der Chemiker unseres Laboratoriums, Dr. Herzfeld, hat 
das milchige Blut chemisch untersucht und dabei gefunden, daß es 
4,17 °/ 0 Fett, Cholesterin und Phosphatiden enthält. 

Wenn wir uns nun einen Rückblick auf unsere Beobach¬ 
tung gestatten, so stoßen wir dabei auf verschiedene 
Punkte, weiche unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade 
fesseln müssen. Unter diesen hebe ich zunächst den schnellen 
Verlauf der Krankheit hervor. Die Richtigkeit der Anamnese 
vorausgesetzt (und es läßt sich kein zwingender Grund an¬ 
führen, um an ihrer Zuverlässigkeit zu zweifeln), so endete 
die Krankheit am Ende der elften Krankheitswoche mit 
dein Tode. Als wir den Kranken in der sechsten Krankheits¬ 


woche zu sehen bekamen, lag er schon in tiefem Coina 
diabeticum, von welchem wir ihn für mehrere Wochen wieder 
befreien konnten. Eine strenge antidiabetische Kost wagten 
wir bei der immer sehr starken Eisenchloridreaktion des 
Harns nicht durchzuführen. Erwähnen will ich übrigens 
noch, daß der Patellarsehnenreflex dauernd fehlte. 

Ein zweiter Punkt, dem wir unsere Aufmerksamkeit 
widmen wollen, ist die hochgradige L i p u r i e. Das verhält¬ 
nismäßig häufige Vorkommen von Lipurie bei Diabetes mellitus 
ist nicht unbekannt. Hat man doch sogar die Entstehung 
des Coma diabeticum auf Lipurie zurückführen wollen, eine 
Ansicht, welche meines Erachtens schon deshalb keine allge¬ 
meine Bedeutung haben kann, weil in der Mehrzahl der Fälle 
Lipurie bei Coma diabeticum vermißt wird. Immerhin muß 
man sich doch bei einer so ungewöhnlich hochgradigen 
Lipurie, wie sie unser Kranker darbot, fragen, ob diese nicht 
einen großen Anteil an den Gehirn- und Atmungsstörungeii 
gehabt hat, die wir bei dem Kranken zu sehen bekamen. Es 
gelang uns, diese Lipurie schon während des Lebens zu er¬ 
kennen, als dem Kranken am 15. Oktober aus der Armvene 
etwas Blut entnommen wurde und als wir, durch die eigen¬ 
tümliche Beschaffenheit des Blutserums aufmerksam gemacht, 
noch die Netzhautgefäße mit dem Augenspiegel untersuchten. 
In bezug auf letzteren Punkt muß ich bemerken, daß schon 
früher II e y 1 und W h i t e die gleichen Verfärbungen an den 
Netzhautgefäßen bei Lipurie im Gefolge von Diabetes mellitus 
beschrieben haben. 

Ich muß noch einen letzten Punkt berühren, welcher 
für die Hinterlassenen des Kranken von großer praktischer 
Bedeutung ist. nämlich die Frage über die Ursachen des 
Diabetes mellitus bei unserm Kranken. Nach der 
Anamnese trat der Verstorbene in den ersten Tagen des 
August 1914 gesund in den Militärdienst ein. Er wurde ge¬ 
impft und erkrankte schwer an einer fieberhaften schmerz¬ 
haften Entzündung des geimpften Armes. Knapp 14 Tage 
später verspürte er die ersten Erscheinungen der Zuekerharn- 
ruhr, den unstillbaren Durst. Unter solchen Umständen er¬ 
hebt sich begreiflicherweise die Frage, ob die voraus¬ 
gegangene Impfung die Ursache für den Diabetes mellitus 
war. Wird diese Frage bejaht, so sind die Hinterlassenen be¬ 
rechtigt, an den Staat Entschädigungsansprüche zu stellen. 

Wenn Sie der Literatur über die Impfschädigungeu 
nachgehen, so werden Sie dabei, soweit meine Kenntnisse 
reichen, dem Diabetes mellitus nicht begegnen. Ich muß 
Ihnen nun freilich bekennen, daß nach meiner Ansicht hier 
und da Impfsehäden nicht bekannt gegeben zu sein scheinen, 
welche eine Veröffentlichung verdient hätten, vielleicht, um 
nicht den Gegnern der Impfung Material in die Hand zu 
liefern, welches geeignet wäre, ihrem unvernünftigen Kampfe 
gegen die Kuhpockenimpfung einen Schein der Berechtigung 
zu geben. Ich selbst halte diesen Standpunkt für unrichtig, 
denn wenn Impfschädigungen noch sehr viel häufiger und 
ernster vorkämen, als dies in Wirklichkeit der Fall ist so 
läge bei dem großen Segen, den die Schutzimpfung bringt, 
noch immer nicht der geringste Grund vor, ihr Ausdehnung?- 
gebiet irgendwie zu beschränken. 

Mitteilungen über Körperschädigungen nach der Schutz- 
Pockenimpfung beschränken sich meist auf äußerliche Schädi¬ 
gungen. In jüngster Zeit sind namentlich jene Zustände mehr¬ 
fach besprochen worden, die sich dann entstellten, wenn frisch 
Geimpfte mit Ekzemen Lymphe aus ihren Impfpusteln auf die 
ekzematöse Haut brachten und dadurch einen allgemeinen 
Kuhpockenausschlag erwarben, oder wenn Personen aus der 
Umgebung von frisch Geimpften Lymphe auf Wunden ihrer 
Haut oder gar ins Auge brachten und dadurch schwere Haut¬ 
veränderungen oder Augenerkrankungen, mitunter sogar den 
\ erlust des Sehvermögens davontrugen. 

Von einer Erkrankung innerer Gebilde im Anschluß an 
die Schutzpockenimpfung ist kaum jemals die Rede. Soviel 


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ist sicher, daß solche Vorkommnisse ganz ungewöhnlich selten 
sind, aber behaupten zu wollen, daß sie überhaupt nicht vor¬ 
kämen, wäre zu weit gegangen. Wir wissen, daß mitunter 
auch zu den gutartigsten Infektionskrankheiten, wie beispiels¬ 
weise zu Varicellen, ernste Komplikationen hinzutreten, 
warum sollte dies bei der Vaccination anders sein, welche 
doch auch nichts anderes als eine absichtlich beim Menschen 
hervorgerufene und in der übergroßen Mehrzahl der Fälle harm¬ 
lose Infektionskrankheit ist? Und in der Tat liegen einige 
wenige solcher Beobachtungen vor. Bednar beispielsweise 
sah sich an die Vaccination Peritonitis und Perikarditis an¬ 
schließen. Auch Meningitis ist beobachtet w orden. S m i 1 e v 
beschrieb Oculomotoriuslähmung und TrÖm m e r Polio¬ 
myelitis acuta als Folge der Schutzimpfung. In einer von 
Call um angestellten Umfrage wird unter 2 500 000 Schutz¬ 
impfungen einmal chronische Nephritis als Folge angeführt. 
Wenn namentlich amerikanische Aerzte bis in die letzten 
Jahre hin mehrfach Tetanus einer vorangegangeneu 
Vaccination folgen gesehen haben, so haben wir darin selbst¬ 
verständlich keine unmittelbare Folge der Impfung zu er¬ 
blicken. Das Vorkommnis beweist nur, daß man in Amerika 
nicht immer mit der nötigen Vorsicht bei der Herstellung des 


| Impfstoffs zu Werke gegangen ist, sodaß eine Verunreinigung 
mit Tetanusbacillen möglich wurde. 

Der Ausbruch des Kriegs hat unserer Medizinischen 
Klinik eine größere Anzahl von Soldaten gebracht, welche be- 
I sonders oft an Angstzuständen der verschiedensten Art und 
| an deren Folgen litten, ohne daß eine anatomische krankhafte 
| Veränderung an ihnen nachweisbar war. Starke psychische 
| Aufregungen w r erdeu nun aber auch mit Recht als Ursachen 
j des Diabetes mellitus angesehen. Sollte vielleicht die Zucker- 
j hamruhr bei unserm Kranken auch auf psychische Erregung 
j zurückzuführen sein und nur zufällig sich zeitlich an die 
j Impfung angeschlossen haben? Ich glaube nicht, daß gerade 
j für unsern Kranken diese Annahme sehr wahrscheinlich ist. 

Unser Kranke hat den Militärdienst immer mit großer Freude 
j auf sich genommen und ihn als eine Art von Erholungszeit an- 
gesehen, und auch die Einberufung bei Kriegsausbruch hat 
i darin bei ihm keine Aenderung hervorgerufen. Ist aber 
i unsere Auffassung die richtige, daß der Diabetes mellitus die 
Folge der vorausgegangenen Vaccination war, dann haben 
i wir in diesem Vorkommnis eine offenbar sehr seltene, aber 
bisher ganz unbekannt gewesene Impfschädigung kennen 
1 gelernt. 


Abhandlungen. 


Aus der Medizinischen Universitätspoiikiinik in Tübingen 
(Vorstand: Prof. Dr. Nägeli). 

lieber das Vorkommen nervöser Symptome und 
vagotonischer Erscheinungen bei Gesunden 

von I 

Dr. Alfred Pein. 

Gewisse nervöse Stigmata, wie Erloschensein oder Steigerung 
von Reflexen, Abnormitäten der Herzaktion oder Pulszahl, vasu- ; 
motorische und sekretorische Abweichungen vom Durchschnitte, 
leichtere Störungen der Sensibilität, spielen in der Beurteilung der 
Frage nach dem Bestehen von Neurasthenie und Nervosität eim* 
>ehr große Rolle. 

Zwar wurde schon von vielen Seiten auf die Gefahr der LYher- 
schätzung dieser nervösen Stigmata hingewiesen: auch hat die 
Erfahrung der letzten Dezennien uns gelehrt, daß es falsch wäre, 
allein auf Grund des Vorhandenseins einer gewissen Anzahl dieser 
nervösen Symptome die Diagnose Neurasthenie, Nervosität oder 
Hysterie zu stellen, wie dies viel zu häufig noch allerorts geschieht. 
Trotzdem wird diesen nervösen Stigmata noch eine viel zu große 
Bedeutung beigelegt; namentlich auch bei den Begutachtungen 
nher traumatische Neurosen, gelegentlich seihst- von Autoritäten 
ersten Ranges. 

^ie wenig gerade bei traumatischen Neurosen diese Ab¬ 
normitäten ins Gewicht fallen, lehren besonders die Nachunter¬ 
suchungen von Nägeli 1 ), die eine über alle Erwartung rasche 
v olle Erwerbsfähigkeit nach Erledigung der Rechtsansprüche er¬ 
geben haben. I 

' M wichtiger ist zur Entscheidung der Frage, ob eine funk¬ 
tionelle Neurose vorliegt oder nicht, die Beurteilung des ; 
I' $ y c h i s c h e n V e r h a 11 e n s des Patienten. Dieses psychische 
>erhalten ist bei vielen von den nervösen Kranken sehr eharak- j 
tenstisch und äußert sich bei den einzelnen auf sehr verschiedene 
weise. ; 

Ohne jeden Anspruch auf Vollzähligkeit der Erscheinungen 
»löchten wir etwa die folgenden erwähnen. Bei manchen ist schon 
!'Ü. u ‘ lrs depressiva auffällig. Andere Charakteristica sind das 
au f?eregte Wesen, die leichte affektive Erregbarkeit dieser 
umusen Patienten, die außerordentlich zahlreichen lind mannig- 
alhjrcn Klagen und Beschwerden, die bei Ablenkung der Auf merk- 
>amkcie des Patienten oft völlig verschwinden. 

o citer ist neben der Beobachtung des psychischen Ver- 
lannis wichtig, zur Sicherstellung der Diagnose den letzten Ur- 
mn nachzugehen, die auf die Psyche so ungünstig eingewirkt 
ia )m ' Baustellen, welche Einflüsse es waren, die ungünstig ein- 

r i. v * J Nachuntersuchungen bei traumatischen Neu- J 

*0- iXorr. Bl. Schweizer Ae. MIO. Rongr. f. in». Med. MIO.) > 


gewirkt haben. In selteneren Fällen ist es eine plötzliche heftige 
Gemütserschütterung, ein psychisches Trauma, das den Ausgangs¬ 
punkt bildet für die Entstehung der nervösen Erscheinungen. Ge¬ 
wöhnlich spielen in der Aetiologie der Neurasthenie und Nervosität 
andauernde seelische Erregungen, viele Aufregungen im Geschäft 
oder in der Familie, Kummer und Sorgen, geistige lYber- 
aristreugungen die Hauptrolle. Die Ermittlung der Aetiologie, die 
genaue Nachforschung nach den die Krankheit hervorrufenden 
ungünstigen Verhältnissen ist auch in therapeutischer Hinsicht für 
das ärztliche Handeln von großer Bedeutung. 

Die genaue Kenntnis der Aetiologie einerseits, das psychische 
Verhalten der Patienten anderseits sind für die Frage, ob Neur¬ 
asthenie, Nervosität vorliegen, diagnostisch wertvoller als das 
Fehlen oder Gesteigertsein dieser oder jener Reflexe; gleichwohl 
kommen natürlich hei allen Neurosen derartige leichtere neuro¬ 
logische Befunde sehr oft vor. Es konnte daher nicht wunder- 
nchmen. wenn schon früher über derartige Befunde bei anscheinend 
Gesunden Eihebimgen angestellt wurden, um über Wert. Bedeutung 
und Häufigkeit nervöser Stigmata schon unter anscheinend nor¬ 
malen Verhältnissen Aufschluß zu erhalten. 

In der Literatur konnten wir denn auch die folgenden An¬ 
gaben finden: 


Z u s a m in e n fass u n g der E r g e b n i s s e der 
Literatur J ) : 

I. < on juncti valreflex bei Gesunden: 

O p p e n h t* i m : Der Reflex ist oft sehr schwach ausgesprochen und 
kann auch willkürlich unterdrückt werden. 

B i n s w a n g e r : Der Lidschußreflex ist kein verläßliches Mittel zur 
Feststellung der Diagnose Hysterie. 


II. (’o r n e a 1 r e f 1 e x bei Gesunden: 

Oppenheim: Fehlen des Reflexes ist pathologisch, jedoch ist er 

ausnahmsweise bei Gesunden sehr wenig ausgeprägt. 
S. E r 1) e» : Die Cornea ist fast bei einem Drittel gesunder 

Menschen überempfindlich gegen Berührung. 

III. Rachenreflex bei Gesunden: 


* r r v “ ** ' * naun aus* wenig empumi 

lieh sind gegen Berührungen des Gaumens. 

L e w ando w sky: Der Reflex kann auch bei Gesunden fehlen, is 
deshalb ohne praktisch-diagnostische Bedeutung. 

B i n s w a n g e r : Rachenreflex kann vorhanden sein bei hysterische) 
Individuen und kann fehlen bei ganz Gesunden 
Engelhardt: 20—26% Fehlen ^ n 

17—18"/. Herabsetzung) 1,01 GSpfoimlen, 
siebenmal vorhanden bei zehn Hysterischen. 


IV. Tremor hei Gesunden: 

Oppenheim: Die geringeren Grade finden sich auch bei Gesunden. 
Kollarits: Tremor läßt sich graphisch bei fast allen Gesunden 

feststellen. 


M Eingehende. Angaben und Literaturzitate siehe Fein, Jnaug.- 
Diss. Tiibingm MH. 


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3üß 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


V. Lidflattern bei Gesunden: 

Oppenheim: Die stärkeren Grade kommen bei Gesunden wohl 
kaum vor. 

VI. D e r m o g r a p h i s m u s bei Gesunden: 
Oppenheim: Dermographismus ist ein pathologisches Zeichen. 

K r e f f t: „ „ hysterisches Stigma. 

Stadfipr. I Dermographismus kommt auch bei Gesunden vor, ist 

> deshalb zur Diagnose bei funktionellen Neurosen 
btursberg:j völl] . g wert , os 

Polonsky: Dermographismus hat eine allgemein-diagnostische 

Bedeutung zur Feststellung von Störungen des 
Nervensystems. 

VII. Pulsschwankungen bei Aenderung der Körperlage bei 
Gesunden: 

Jossilewsky und Langowoy kommen zu dein Resultat, daß 
* kein Unterschied besteht zwischen Gesunden und 
funktionell Erkrankten in der Differenz der Pulszahl 
beim Wechsel der Körperlage. 

In neuester Zeit spielt der Symptomenkomplex der Vago- 
tonie und Sympathicotonie eine große Rolle. 

Schon seit längerer Zeit wissen wir auf Grund der Ergebnisse 
der Physiologie, daß der Vagus und Sympathicus, die einen großen 
Teil des vegetativen Nervensystems beherrschen, Antagonisten sind, 
das heißt, daß die Wirkung des einen Nerven entgegengesetzt der 
Wirkung des andern ist. Wo der eine reizt, hemmt der andere. Sollen 
nun die Organe, die vom autonomen Vagussystem und vom 
sympathischen System innerviert werden, normal funktionieren, so 
müssen diese beiden Systeme sich in einem gewissen Gleichgewichts¬ 
zustände befinden. Hat das eine System, zum Beispiel das autonome, 
das Uebergewicht über das sympathische, so werden alle Symptome der 
Vagusreizung vorhanden sein. 

Diese Steigerung des Vagustonus nennt man Vagotonie, ent¬ 
sprechend der Steigerung des Sympathieustonus Sympathicotonie. 
Dieser Hypervagotonus kann sich auf alle Aeste des Vagus erstrecken: 
allgemeine Vagotonie, oder er kann gewisse einzelne Aeste aus wählen: 
lokale Vagotonie. — Pharmakologische Untersuchungen haben nun 
ergeben, daß es Gifte gibt, die elcktiv auf das autonome System wirken, 
andere auf das sympathische System. So wirkt zum Beispiel Pilokarpin 
ausschließlich auf das autonome System im Sinne der Reizung, Atropin 
im Sinne der Lähmung. 

Adrenalin ist ein specifisch sympathicuserregendes Mittel für 
hemmende und fördernde Fasern. 

Es ist eine alte klinische Erfahrung, daß die Wirkung gewisser 
Arzneimittel (zum Beispiel Jod) individuell sehr verschieden ist. Auch 
Pilokarpin und Adrenalin zeigen diese auffallende Tatsache. 

Es gibt Menschen, die eine sehr starke Empfindlichkeit 
gegen Pilokarpin besitzen. Schon eine geringe Menge subeutan 
injiziert ruft bei einzelnen starken Speichelfluß, Schweiße, 
Pulsverlangsamung, Beschwerden von seiten des Magens, 
Atemstör ungen, Pupillen Verengerung, Diarrhöen! 
Stuhl und Harndrang hervor, während das Adrenalin hei ihnen 
mir eine geringe Wirkung ausübt. Diese starke Pilokarpinwirkling ist 
dadurch zu erklären, daß bei diesen Menschen eine Hyperfunktion im 
autonomen System besteht und infolge davon eine Hyperfunktion im 
sympathischen System. Diese Menschen nennt man V a g o t o n i k e r. 

Ebenso gibt es Menschen — Sympathicotoniker —, die eine sehr 
starke Affinität zu Adrenalin besitzen und fast gar keine zu Pilokarpin. 
Adrenalin erzeugt bei ihnen sehr starke Tachykardie, Steigerung des 
Blutdrucks. Pupillenerweiterung, Exophthalmus, Polyurie. Glykosurie. 

Eppinger und Heß 1 ) haben zum erstenmal diese auf 
pharmakologischem Wege gewonnenen Tatsachen an klinischem 
Material geprüft und auf das häufige Vorkommen eines Hypervagotonus 
besonders bei nervösen Individuen hingewiesen. 

Welches sind nun die klinischen Erscheinungen der 
Vagotonie? 

Am Auge sind die enge Pupille und die enge Lid- 
spalte Symptome der Vagusreizung, beides hervorgerufen durch 
Lähmung der sympathisch innervierten Muskeln des Auges. Der 
starke Speichelfluß rührt von einer Reizung der autonomen 
Fasern her, die in der Chordatympani zu den Drüsen der Mund¬ 
höhle verlaufen. 

Ueber starke Schweiße klagen die Vagotoniker oft. Die 
Schweißdrüsen und Vasomotoren der Haut müssen 
auf Grund pharmakologischer Tatsachen als a u t o n o m innerviert 
angesehen werden. 

Sehr auffällig ist bei Vagotonikern die starke Akro- 
cyanose der Hände (seltener auch der Füße und des Ge¬ 
sichts). Die cyanotisch verfärbten Hände fühlen sich meistens sehr 
feucht und kalt- an. Die kalten und feuchten Hände und Füße 
bilden sehr oft die Klagen von Vagotonikern. 


*) Cf. E p p i n g v r und H c ß , Die Vagotonie. Berlin 1JM0. 


Diese Akrocyanose beruht auf einer venösen Hyperämie, 
wahrscheinlich hervorgerufen durch Reizung der autonom inner¬ 
vierten Gefäßdilatatoren. Von vasomotorischen Störungen ist noch 
zu erwähnen der starke Dermographismus. 

Am Herz ist Bradykardie schon längst bekannt als ein 
Symptom von Vagusreizung. Pulszahlen von 50, 60 sind nicht so 
selten beim Vagotoniker. 

Respiratorische Arhythmie kann ausgesprochen 
sein, sodann Aschnersches 2 ) Phänomen : Druck auf die 
Augen erzeugt Pulsverlangsamung. 

Zustände von A n g i n a p e c t o r i s , für die eine organische 
Grundlage fehlt, beruhen vielfach auf einem Krampfe der Coronar- 
gefäße. Das Atropin, oft von ausgezeichneter Wirkung, ist der 
beste Beweis dafür. 

Ein wichtiges Symptom von Vagusreizung ist der 
Laryngospasmus. Bei verschiedenen Krankheiten kommen 
Laryngospasmen vor. Jedoch kann Laryngospasmus auch selb¬ 
ständig bei nervösen Individuen auftreten. Diese Leute klagen 
dann über plötzlich auftretende Anfälle von Kurzatmigkeit mit Er¬ 
stickungsgefühl und Krämpfen im Halse. 

Einen typischen Krampf im Vagusgebiete stellt das 
Asthma bronchiale dar. 

Auch in den Bauchorganen spielt die Steigerung des Vagus¬ 
tonus eine große Rolle. 

Der Magen zeigt röntgenologisch bei Vagotonikern die so¬ 
genannte Stierhornform (im Gegensatz zur Hackenform). 
Autonome Reize steigern die Sekretion des Magens. Die Folge 
ist Superacidität und Supersekretion. Neben den 
Beschwerden, wie saures Aufstoßen, viel wäßriges Aufstoßen, 
Schmerzen im Magen, klagen Vagotoniker sehr oft über Druck 
im Magen nach dem Essen, die Speisen liegen ihnen wie ein Stein 
im Magen, über Völle im Leibe; charakteristisch ist, daß der 
Appetit meistens gut ist, andere klagen darüber, daß sie die 
Speisen nicht hinunterbringen, sie haben das Gefühl, als bleiben 
dieselben in der Speiseröhre stecken. Bei solchen charakteristischen 
Beschwerden müssen wir bei nervösen Leuten an Spasmen im 
Bereiche des Magens denken. 

Besonders wenn noch andere vagotonische Symptome vor¬ 
handen sind, nach denen immer gesucht werden sollte, ist es sehr 
wahrscheinlich, daß es sich hier um einen Spasmus der 
K a r d i a oder des P y 1 o r u s handelt als Ausdruck des erhöhten 
Vagustonus. Der Pylorusspasmus kann so stark sein, daß der 
spastisch kontrahierte Pylorus durch die Bauchdeeken hindurch 
palpiert w erden kann. 

Schon lange bekannt ist den Aerzten die spastische 
Obstipation mit dem harten, kleinkugligen Stuhl als Sym¬ 
ptom der Vagusreizung. 

Hierher gehört auch die C o 1 i c a nmcosa, die von jeher 
als eine Sekretionsneurose des Darmes aufgefaßt w'urde. 

Im Blut ist Eosinophilie der Ausdruck des erhöhten 
Vagustonus. 

Die Feststellung, ob Vagotonie vorliegt, ist klinisch deshalb 
von besonderem Werte, da wir in dem Atropin (täglich zwei 
bis drei Pillen ä 1 / 9 mg) ein Mittel besitzen, das die Symptome 
sehr günstig beeinflußt. 

Es ist nach unserer Auffassung und speziell nach den Er¬ 
fahrungen der medizinischen Poliklinik Tübingen ein entschiedener 
Fortschritt, daß wir für viele nervöse Erscheinungen, die früher 
einfach als allgemeine Zeichen der Neurasthenie oder Nervosität 
gedeutet wurden, eine befriedigende Erklärung im Sinn einer 
Aenderung des visceral-nervösen Tonus gefunden haben. Zweifel¬ 
los liegt vielen der sogenannten nervösen Herzbeschwerden, der 
nervösen Magen- und Darmerscheinungen eine Tonussteigerung 
im autonomen System zugrunde, auch wenn wir zugeben, dali 
psychische Momente, besonders für die Auslösung vagotonischer 
Symptome, eine erhebliche Bedeutung haben. 

Im Sinne des Antagonismus zw ischen Vagus und Sympathien 

werden wir bei der Sympathicotonie das Gegenteil der 
Erscheinungen finden wie bei der Vagotonie. . . 

Das Hormon des sympathischen Systems ist bekanntlich da> 
Adrenalin, das Produkt des chromaffinen Systems. . , 

Die Zeichen des erhöhten Sympathieustonus smo 
Protrusio bulbi, weite Pupille, Trockenheit im Munde, geringer 
Dermographismus, hoher Blutdruck, Tachykardie, trockne Hau ? 
Hackenform des Magens, Fehlen der Eosinophilie im Blute. 


s ) Cf. B. A s c li n o r. W. kl. W. HKI8, Nr. 44. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 




14. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


307 


Es ist naheliegend, auch für das autonome System ein Hor¬ 
mon anzunehmen, das diese Steigerung’ des Vagustonus verursacht, 
entsprechend dem Hormon Adrenalin, wie es Eppinger und 
Heß getan haben, und die Vagotonie als eine Störung innerer 
Sekretion aufzufassen. 

Wir wollen hier nicht weiter darauf eingehen und nur er¬ 
wähnen, daß bei vielen neueren Untersuchungen häufig Misch- 
formen von Vagotonie und Sympathicotonie gefunden wurden und 
der Antagonismus also oft nur in den einzelnen Aesten ausgeprägt 
und in verschiedenen Nervengebieten beim gleichen Menschen ver- 
• schieden sein kann, sodaß ein gewisser Abbruch gegenüber den 

' 1 ■ Ausführungen von E p p i n g e r und Heß erfolgt, ist. Tatsächlich 

sind nun Erscheinungen von Vagotonie und Sympathicotonie oft 
vorhanden und auch bei Leuten, die durchaus keinen nervösen 
Eindruck machen. Sie spielen eine Rolle als allgemein nervöse 
Erscheinungen wie als umschriebener eigner Symptomenkomplex. 

Es ist deshalb notwendig, sich auch bei anscheinend 
Gesunden über das Bestehen vagotoniseher 
;: und «ympathicotonischer Zustände Rechen¬ 

schaft zu geben. Erst dann können diese Symptome klinisch 
K richtig eingeschiiizt und verwertet werden. 

Sulche Untersuchungen liegen unseres Wissens in der Lite¬ 
ratur bisher nicht vor, sind aber durchaus notwendig, wenn wir 
den Wert der Krankheitsbilder Vagotonie und Sympathicotonie für 
die Klinik richtig würdigen wollen. 

Ich habe daher auf Veranlassung meines Chefs, Herrn Prof. 
U Dr. Nägeli, eingehende Untersuchungen bei anscheinend Ge¬ 
sunden vorgenommen und dabei auf alle nervösen Stigmata über- 
A haupt und ganz speziell auch auf vagotonische und sympathico- 

1 : tonische Symptome geachtet Es wäre wichtig, solche Unter¬ 

suchungen in verschiedenen Gegenden auszuführen, da sicher 
i lokale Verschiedenheiten Vorkommen werden. 

j Die eignen Untersuchungen betreffen zunächst 100 Studenten. 

Ausgeschlossen sind sämtliche, die wegen nervöser Krankheiten 
den Arzt aufgesneht haben, sondern es wurden die Leute wahl¬ 
los herangezogen. Studierende repräsentieren freilich eine be¬ 
sondere Klasse nach Bildung und Arbeit; es wäre deshalb eine 
Generalisierung der Ergebnisse nicht gestattet. Zur Ergänzung 
wurden deshalb herangezogen Soldaten, Sprechstundenpatienten 
aus den bäuerlichen Schichten, die wegen einer leichten organischen 
Affektion den Arzt aufsuchten, sich als durchaus nicht nervös er¬ 
klärten und dem Arzt bei längerer Prüfung nicht als nervös er¬ 
schienen. 

Unsere Untersuchungen wurden nach folgendem Schema aus- 

geführt: 


8. Fall: Starke Hypalgesie auf Brust und Extremitäten. 

9. Fall: Starke Hypalgesie auf Dorsum beider Hände und Finger, 

Brust und Gesicht. 

10. Fall: Starke Hypalgesie auf Armen, Brust, Rücken, Gesicht, 

Finger (Dorsalfläche), (Hohlhand außer Hvpothenar normal). 

11. Fall: Hypalgesie im Bereiche der Dorsalfläche beider Hände und 

Finger. 

12. Fall: Hypalgesie auf dem Dorsum beider Hände und Finger. 

13. Fall: Hypalgesie auf dem Dorsum beider Hände und Finger und 

Vorderarme. 

Auffallend ist, daß auf der Dorsalfläche der Hände und 
Finger die Schmerzempfindung in allen 13 Fällen herabgesetzt war, 
während die Vola manus und besonders die Fingerspitzen gute 
Sensibilität aufwiesen (außer Hyperalgesie in einem Falle). Die 
individuelle Verschiedenheit der Schmerzempfindung war in den 
untersuchten Fällen groß. 

Die Herabsetzung war jedoch nie so stark, daß nicht sehr 
tiefe Einstiche mit der Nadel Schmerzempfindung ausgelöst hätten. 

Besonders die Fälle 9, 10 und 11 wiesen starke Sensibilitäts- 
Störungen im Sinne der Herabsetzung der Schmerzemplindung auf. 

III. Vasomotorische Erscheinungen. Dermo¬ 
graphismus wurde auf Brust und Rücken geprüft und war bei allen 
Untersuchten in einem gewissen Grade vorhanden. 

Bei 10 Studenten war Dermographismus sehr schwach, kaum 
sichtbare Rötung trat nach Bestreichen auf. Die Mehrzahl der Fälle 
zeigte schwaches, blaßrotes Verfärben der bestrichenen Hautstellen, 
23 Fälle zeigten starkes Nachröten der bestrichenen Hautstellen, ln 
einem Falle w’ar der Dermographismus sehr stark. Zuerst trat nach 
Bestreichen Erblassen auf, dann immer stärker werdender Dermo¬ 
graphismus, der sich nach etwa zwei Minuten zu typischer Demo¬ 
graphie elevata mit heftigem Jucken und Beißen auf der Haut ent¬ 
wickelte. Vor dem Abklingen des Phänomens verbreitete sich die? 
Rötung konfluierend über die ganze Brust und über den Rücken. 

Der Dermographismus war in den noch bleibenden 22 erwähnten 
Fällen immer scharf begrenzt, nie elevatus, nie konfluierend, er trat 
nach 20 bis 30 Sekunden auf und verschwand nach ungefähr 1 bis 
2 Minuten wieder. 

Eine sehr ausgesprochene Urticaria confluens mit sehr un¬ 
scharfen Rändern und stärkerer Ausbreitung, als dem Strich ent¬ 
spricht, sodaß es zu Konfluenz zwischen einzelnen Strichen kommt, 
haben wir nie gesehen. 

IV. Pulsabnormitäten. Die niedrigste Pulszahl, die 
beobachtet wurde, war 49 im Sitzen, die höchste 100 im Sitzen. 

Zwei Studenten hatten einen Puls von 54 im Sitzen. Eine Puls¬ 
zahl von 56 wurde einmal festgestellt, ebenso ein Puls von 58 Schlägen 
in der Minute, Pulszahlen von 60 waren häufiger, und zwar bei sieben 
Studenten. 


1 ’unjunctivalreflex 
( V»mt*alrefl(\x 
Rachenreflex 
Rat. s. refl. 
Achi/ies.sphnenreflex 
Eußklo/jus 

Resp. 


Herzklopfen 


Dermographi 

Sensibilität 

Gesichtsfeld 

Schweiße 

Speichelfluß 

Akrocyanose 

Arhythmie 


Magensymptome 

Lidflattern 

Tremor 

Puls im Sitzen 
Puls im Atmen 
Puls im Stehen 
Puls nach 10 Rumpf¬ 
beugen, sofort und 
nach 1 Minute. 


Die Ergebnisse sind die folgenden: 

100 Studenten. I. Reflexanomalien: a) Schleimhaut- 
wtxe: l Conjunctivaireflex fehlt in 52 Fällen (52 °/ 0 ), zweimal 
2. Coinealreflex fehlt in 7 Fällen (bei 75 Untersuchten) 
.;'A\ ,ri ^ I allen ist er herabgesetzt, in 1 Fall gesteigert. 

• Mienreflex fehlt in 31 Fällen (31 °/A zweimal ist er schwach 
-Hi^cprägt. 

1 ‘ s, '| lne,, reflexe. 1. Patellarsehnenreflex ist lebhaft bei 
2. Acbillessehnenreflex ist lebhaft in 12 Fällen 
~ FußkJonus w r ar in richtiger Weise nie vorhanden. Der 
,'r, falsche Fußklonus in Form von zwei bis drei Zuckungen 
,n 2 Jollen nachweisbar. 


h ir ni* ie ,? s| kilifäts8törungen. Die Tastempfindung 
J l u ,. or [\ } Herabsetzung der Schmerzempfindung für Nadel- 
,L n j -/ r in , 13 Fällen nachweisbar. Die Sensibilität wurde an 
l F Pn . \ 6n Extremitäten, auf Brust und Gesicht geprüft, 
norma? ^NPalgesie auf dem Dorsum beider Hände, sonst 

FhäwV >Ä ^ ß1e8 * e aUf öorsum beider Hände, Finger bis zweite 

a lg(‘s/e.' ^ a ^ es ^ e: Dorsum beider Hände, Fingerspitzen Hyper- 

UaJJ: Dorsum beider Hände und Unterarme. 

“• Fall; HvLjfesiV P 0rsui 3?. beider Hände und Finger. 

.T>algesi(. Dorsalflache und Volarfläche beider Hände. 


Es muß hervorgehoben werden, daß der Puls nachher direkt 
nach dem Uebergange vom Sitzen zum Stehen, ebenso nach den 
10 Rumpfbeugen gezählt wurde. 

Das ganz normale Verhalten des Pulses im Sitzen, Stehen und 
nach Bewegungen möge folgendes Beispiel zeigen: Puls im Sitzen 
66, Asehner 60, Stehen 71, 10 Rumpfbeugen 77, nach einer Minute 
Erholung 65. 

Bei einer ziemlichen Anzahl von Fällen zeigte der Puls im 
Sitzen, Stehen und nach 10 Rumpfbeugen erhebliche Schwan¬ 
kungen. 


Dies mögen die folgenden Beispiele lehren: 


Puls 

im Sitzen . . . 

72 

62 

76 

68 

67 unregelmäßig 


Asehner . . 

74 

60 

74 

66 


„ Stehen . . . 

84 

82 

82 

78 

82 

nach 

10 Rumpfbeugen 

87 

96 

102 

97 

100 

i? 

1 Minute . . 

82 

72 

84 

76 

93 


Mitunter fanden sieh auffällig geringe, anderseits sehr große 
Schwankungen, z. B.: b 


Puls im Sitzen ... 72 64 76 68 

Asehner .... 54 70 

,, „ Stehen. 56 86 

nach 10 Rumpfbeugen . . 61 108 

„ 1 Minute. 52 86 

Wegen des negativen oder stark positiven 
genden Fälle bemerkenswert: 


67 unregelmäßig 
64 68 

80 76 

80 103 

66 90 

Asehner sind die fol- 


ruis im Sitzen . . , 

Asehner 

„ „ Stehen . . 

nach 10 Rumpfbeugen 
„ 1 Minute . . 

Der höchste Anstieg; des l’ulscw beim Uebergange vom Sitzen 
zum ^teilen betrug 20 Schläge, die andern Elevationen waren 18. 
io, ld, 12 Schlage. 


. 67 

82 

60 

. 72 

7t) 

70 

. 87 

80 

80 

. 108 

88 

104 

. 87 

77 

72 


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•UMIVERSITY OF IOWA 






308 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


Bei sämtlichen übrigen Fällen zeigte der Pulsanstieg vom 
Sitzen zum Stehen erheblich geringere Werte. 

Die höchsten Steigerungen zwischen Puls im Stehen und nach 
10 Rumpfbeugen betrugen 27, 26, 24, 22, 20 Schläge. Jedoch gingen 
die Pulszahlen nach 1 Minute alle sehr schön zur Norm zurück, außer 
in 1 Fall, wo die Pulsdifferenz am größten war. 

Auffallend ist, daß in 1 Fall die Pulszahl im Stehen und nach 
10 Rumpfbeugen konstant auf derselben Höhe blieb. 

Das Aschnersehe Phänomen ergab unter 99 untersuchten } 
Fällen (1 Student weigerte sich, den Reflex an sich vornehmen 1 

zu lassen) folgende Werte: 

13 Fälle zeigten keine Differenz. ' 

Positiven Aschner (Pulsverlangsamung) hatten 64 Fälle: 

in der j 

Minute I 


| A k r o c y a n o s e schwach, 
,, / keine vagotonischen Syni- 
„Jptomo außer einmal Schweiße 
» 


„ keine vagotonischen Symptome 
,, (ohne alle vagotonischen Sym¬ 
ptome) 

Negativen Aschner (Pillsbeschleunigung) hatten 22 Fälle, und 

zwar: 

13 Fälle Pulsbeschleunigung von 2 Schlägen I 

4 „ „ * 4 „ I 

o r, i 

1 Fall „ „ 3 „ 

1 „ „ 1 Schlag 

1 „ ,, 10 Schlägen 

Der Fall mit Aschner — 10 hat folgende Pulsabnormitäten: 

Puls im Sitzen 60, Aschner 70, Puls im Stehen 80, 10 Rumpf¬ 
beugen 104, nach 1 Minute 72, respiratorische Arhythmie fehlt. Herz¬ 
klopfen gering + beim raschen Treppensteigen. (Außerdem bestehen 
sehr starke Schweiße, geringer Tremor, C’onjunctivalreflex 
und Rachenreflex fehlen.) 

Von den 100 Fällen zeigten 3 Fälle deutliche 
Arhythmien nach 10 Rumpfbeugen. | 

Die Arhythmie, die nach Bewegungen aufgetreten war. ver- * 
schwand jedoch sehr rasch wieder, und zwar bei 2 Fällen schon 
während der zweiten Minute. 

2 Studenten hatten Pulsarhythmie auch in der Ruhe. Die Arhyth¬ 
mie hatte einen sehr unbestimmten Charakter. Einer der beiden 
Studenten machte selbst vor der Untersuchung auf seinen unregel¬ 
mäßigen Puls aufmerksam. Uebrigens haben beide absolut keine Be¬ 
schwerden von seiten des Herzens. 

Respiratorische Arhythmie zeigten 10 Studenten, 
davon wiesen 3 eine sehr starke Pulsverlangsamung bei tiefer j 
Exspiration auf. 

Herzklopfen gaben 5 Studenten auf Befragen an; sie j 
sagten, sie bekommen manchmal Herzklopfen bei Aufregungen 
oder bei sehr raschem Treppensteigen oder bei schweren An¬ 
strengungen. 

V. Gesichtsfeld, Lidflattern, Tremor. 1. Ge- 
sichtsfeldehischränkung bei grober Prüfung war in keinem Falle 
vorhanden. 2. Lidflattern war bei 25 Studenten nachweisbar. Bei 
19 schwach ausgesprochen, bei 6 deutlich stark vorhanden. 

3. Tremor zeigten 27 Studenten, 23 geringen, feinschlägigen Tre¬ 
mor, 4 deutlichen grobwelligen Tremor mit größeren Exkursionen, 

3 hatten den geringen, feinschlägigen Tremor nur an der aus- 
gestreckten rechten Hand. 

VI. Vagotonischer Sympto menkomplex. 

1. Schweiße waren bei 22 Studenten vorhanden. Bei einem 
Studenten außerordentlich stark. Auch hat derselbe Student noch 
andere charakteristische vagotonische Symptome, wie Akroeyanose 
der Hände, Pulsverlangsamung. 2. Speichelfluß gaben 
13 Studenten an. 3. Spastische Obstipation war nur 
bei 1 Studenten in typischer Weise vorhanden, bei 3 andern an¬ 
gedeutet. ' 

Er äußerte auf Befragen, er habe oft nur alle 3 Tage Stuhlgang, 
der Stuhl sei immer hart, kleine Knötchen. Auf Senncsblättertee nur 
vorübergehende Besserung. Derselbe Student hat als zweites vago- 
tonisehes Symptom noch sehr starke Akroeyanose der Hände und des | 
Gesichts (Nasenspitze). _ j 

3 Studenten gaben auf Befragen an. sie hätten unregelmäßigen 
Stuhlgang, manchmal ganz hart, kleine Ballen, dann wieder normal. I 


20 Fälle 
19 , 

9 

6 

3 „ 

2 

I Fall 
1 „ 

1 „ 

1 » 

1 „ 


Pulsverlangsamung 
von 2 Schlägen 
„ 4 » 

* 6 „ 

8 „ 

„10 

.. 7 

,, 1 Schlag 

,, 3 Schlägen 

« 5 » 

„ 9 „ 

« 12 „ 


4. Akroeyanose der Hände. In 2 Fällen seltr 
stark, dabei kalte, feuchte Hände, bei einem auch im Gesicht 
(Nasenspitze). 

Auffallend ist, daß in dem einen Fall außer dieser sehr starken 
Akroeyanose kein einziges vagotonisches Symptom vorhanden ist. Der 
Student sagte selbst, seine blauen Hände seien ihm schon oft auf¬ 
gefallen. Bei dem zweiten Falle besteht neben Akroeyanose spastische 
Obstipation. 

In 4 Fällen deutliche Akroeyanose, dabei feuchte, kalte Hände. 

„ 3 „ ,, „ ohne ,, ,, „ 

„ 5 „ schwache ., dabei kalte Hände. 

„ 1 Fall sehr kalte, feuchte Hände. 

„ 3 Fällen kalte Hände. 

In 14 Fällen war also Akroeyanose nachweisbar, zweimal sehr 
stark, siebenmal deutlich, fünfmal schwach. 

5. Magensymptome. In 4 Fällen wurden auf Befragen 
geringe Magenbesehwerden geäußert: Sodbrennen, ab und zu saures 
Aufstoßen, Aufstoßen mit Blähungen, jedoch in keinem Falle lagen 
die typischen vagotonischen Magenbeschwerden vor. In 2 Fällen 
wurde in der Anamnese angegeben, bei Aufregungen bestehen 
Diarrhöen, in 1 Fall, es bestehe Neigung zu Durchfall. 

Weiter wurden in gleicher Weise untersucht 25 Männer 
zwischen 20 und 34 Jahren, die w r egen einer leichten organischen 
Affektion die Sprechstunde der Medizinischen Poliklinik aufgesucht 
haben, und 50 Frauen, die an leichten organischen Affektionen 
litten. 

Ein Vergleich über das Vorkommen allgemein-nervöser Stig¬ 
mata und speziell vagotonischer Symptome bei den ver¬ 
schiedenen Klassen ergibt folgendes: 


I. Nervöse Stigmata (ohne vagotonische Erscheinungen). 



| 2$ Männer ! 60 Frauen 

100 Stedeatea 

j aus der Sprechstunde 

sehr oft 


sehr oft j sehr oft 


Conj.-Refl. * / 52 Fällen; I 

| |2mal gesteigert 

Cornealrefl. \ I 7 Fallen j 

. fehlt in t (bei 75 Unters.) 


Rachenrefl, 


i i 


P&tell&r sehnen- 
reflex 
Achillessehnen¬ 
reflex 
Fußklonus 


| lebhaft in | 


81 Fällen; 

2 mal schwach 
20 Fällen 


fehlt 


in 


lebhaft I 
ln 1 


18 Fällen 
4 * 


9 » 

3 * 


\ fehlt ln 


3t Fällen 
9 ▼. 33 FlUen 
27 Fällen 


lebhaft 

in 


23 . 

9 . 


SensJbilitätsstOrnngen: 

Geringe Hypalgesie in 
18 Fällen 

Dermographfe: 22 mal stark 

lm8l elevata 

Pulsabnormitäten: 

7 Fälle starke Schwan¬ 
kungen des Polses bei 
Wechsel der Körper¬ 
lage und nach Bewe¬ 
gungen 

Gesichtsfeld: — 

Lidflattern: 19mal schwach 

6mal deatlich 


gerinne bis sehr 
starke Hypalgesie in 
10 Fällen 
18 mal stark 


3 Fälle 


6 mal schwach 
3 mal stark 


Tremor: 


23 mal gering fein¬ 
schlägig 

4 mal deutlich grob¬ 
wellig 


4 mal gering 
feinschlägig 


geringe bis starke Hyp- 
algesie in 15 Fällen 

22 mal stark 


6 Fälle 

(bes. hohe Pulszahlen) 


16 mal schwach 
6 mal stark 

11 mal gering, feJnscbUg 

1 mal deutlich grob- 
wellig 


II. Vagotonische Symptome. 


100 Studenten 
selten 

26 Männer 

60 Frauen 

aus der Sprechstunde _ 


selten 

[ ziemlich häufig 

a) Spastische Obstipation: 

1 ausgesprochen 

3 angedeutet 

| 2 ausgesprochen 

16 ausgesprochen 

3 angedeotet ^ 

b) Akroeyanose: 9 deutlich 

6 schwach 1 

4 kalte Hände 

i 9 mal deutlich 1 

2 sehr kalte Hände 

10 deatlich 

4 schwach , 

7 feuchte kalte Bände 

o) Magensymptome: Keine typischen 
Vagotonien 

11 mal typische vagot. 

] Magensymptome 

7 mal typische *agoU>o. 

Magenbescb werden 

d) Schweiße: 22mal 

[ 11 mal 

16 mal__ 

e) Speichelfluß: 13 mal 

| 4 mal 

6mal 


Allgemein nervöse Stigmata s i n d a 1 s o h i 
z u lande r e c- h t häufig, so häufig, daß b e i 
gut a ch tu n g große Vorsicht geboten ist- * 


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14. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


das Vorkommen sehr zahlreicher Ein zei¬ 
he fände and starke Ausprägung derselben 
darf Anspruch auf besondere Beachtung er¬ 
heben. 

Vagotonische Erscheinungen dagegen sind 
im Gegensatz zu dem häufigen Vorkommen all¬ 
gemein nervöser Stigmata bei Männern hier¬ 
zulande recht selten, bei Frauen doch immer¬ 
hin ziemlich häufig. 

Da nun ein großer Unterschied in bezug auf die allgemein 
nervösen Stigmata zwischen den einzelnen Klassen (Studenten, 
Arbeiter aus dem Volke, Frauen der Landbevölkerung) nicht be¬ 
stellt. dagegen ein recht auffallender Unterschied in bezug auf 
vagotonische Verhältnisse, so dürfte das unbedingt für eine erheb¬ 
liche Sonderstellung der Vagotonie sprechen und für die relative 
Selbständigkeit und ziemlich starke Unabhängigkeit der Vagotonie 
von allgemein nervösen Momenten und daher den starken Einfluß 
innersekretorischer Momente nahelegen. 

Man könnte daran denken, für die spastische Obstipation, 
eines der wichtigsten vagotonischen Symptome, das bei den Frauen 


der Landbevölkerung ziemlich häufig vorkommt, besondere Ver¬ 
hältnisse der Arbeit verantwortlich zu machen. 

Eine Zusammenstellung der 50 Patientinnen nach den Be¬ 
rufsarten ergibt jedoch, daß die spastische Obstipation bei Frauen 
mit sitzender Beschäftigung gerade so häufig vorkommt wie bei 
Frauen, die schwere körperliche Arbeit zu verrichten haben, wie 
folgende Tabelle zeigt: 

Bei den Frauen mit sitzender Beschäftigung, und zwar: 
Fabrikarbeiterinnen . 12 

Nähterin.1 

Lehrerin der M usik . 1 

zusammen 14 

war 5 mal spastische Obstipation vorhanden (darunter 1 mal ange- 
deutet). 

Bei den Frauen mit erheblieher körperlicher Arbeit, und zwar: 
Haushaltung .... 24 

Feldarbeit.4 

Dienstmädchen . . . 8 

zusammen 36 

war 13 mal spastische Obstipation vorhanden (darunter 2 mal ange¬ 
deutet). 


Berichte Aber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus der L medizinischen Universitätsklinik in Wien. 

Zur Kenntnis der AleukSmien und zur Therapie 
lenkSmlscher Erkrankungen 

von 

1 ” Dr. BennO Stein« (Schloß aas Nr. 10 .) 

Wenn wir uns im Anschluß an diese therapeutischen Er- 
wägungen über die Behandlung der Aleukämien äußern wollen, so 
möchten wir vor der Verwendung des Benzols und 
—- ebenso der energi sch wirkenden radioaktiven 

Stoffe, vor allem des Thorium, warnen. Ist doch hier die Ge- 
fahr einer Insuffizienz der Hämatopoese offenbar besonders groß. 
c i Hingegen scheinen VersuchemitRöntgenbestrahlung 

nnij Arsen präpara t e n am PI a t z e zu sein. Eine im Ver- 
laufe therapeutischer Beeinflussung leukämischer Zustände sich 
.i - twa manifestierende Knochenmarkerschöpfung ist 

j a ni besten ein N o 1 i me tangere. 

Die Splenektomie der Aleukämiker ist 
kontra indiziert; denn abgesehen davon, daß sich für eine 
• 1 solche — derzeit wenigstens — keine plausible Begründung geben 
läßt, sind die bis jetzt vorliegenden Erfahrungen äußerst un- 
"“ästige. Alle infolge Fehldiagnose auf AI. Banti splenekto- 
mierten Aleukämien endeten in kürzester Frist letal. 
v Kff ^ U8 .^ le ? cm Gtondc erscheint es uns gerade wichtig, auf die 
MerentiaIdiapo.se dieser zwei Zustände einzugehen, wobei wir J 
'Mer B a n t i scher Krankheit den ganzen Komplex liyper- | 
spanischer Hämophthisen [Pribram (18)], auch die megalo- 
- tyeimschen Cirrhosen [E p p i n r (20)| zusammenfassen. Welche 

erlegenheiten die Unterscheidung mitunter bereiten kann, lehrt 
an jüngst aus der C h v o s t e k sehen Klinik von H ö s e 1 e l ) in 
' e f Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde clemon- 
' n( ™ T Fall, wie auch Hirschfelds Beobachtungen, unsere 
und vor allem Steinzeugs (19) Beobachtung 2 ). 

AußprrÜl" r V - n »fahren, erkrankt mit Milz- und Leberschwellung. 

^ srlirti Arr era, ? ( ? eniJ lß' en des Bluts, auf Erkrankung des hämatopoeti- 
b*iL \\S nt n ^ mvv . e,send - Blutbild ohne charakteristische Beschaffen- 
Mdefui .0 all* r i eiDe ^“hoevtenVermehrung noch quantitative Vcr- 
ünthrmviaJ, ,^yteflfurroen. Hingegen starke Verminderung der 
v orgin/rp hinWpüf Veränderung derselben, die auf Kegenerations- 
^iikänäe .^ er,ai ? f /« Jahre, Exitus. Sektion: Myeloische 

OMüktioa bnisch atypischem Verlauf. Aufklärung nur durch die 

doch bei knt ischer Verwertung aller Befunde 

iy j? 8 . wer den kann, beweist wiederum unser zweiter Fall. 

^schichte Wustner™^ 611 ^ Sei * noch an fol ^ en(Jer Kranken- 

Mll tüneitnoph^l d ^^ r ? au8iere f* Zuletzt aufgenommen am 23. Mai 
ErkraakunLen Kamilienanamnese belanglos, speziell 

Kinder an ff , oder 7kt erus. Gesunde Frau. 

f, 7 ). i/iäfi#V (T a r k /... ,J dreimal Abortus. Keine venerischen Affektio- 
vorher .Schm«!*? ** , . 8 ^ a J kpr Buuclier. Ln 44. Lebensjahre Tvphus. : 
f — Ä trz# ' n 1,1 der Milzgegend, die jetzt stärker wurden; i 

r! 1914, S. 823. i 

• a »s d. ZbJ. f. d. ges. Med. Bd. 10, S. 509. c 


auch kam es jetzt zu Milz- und Leberschwellung. Damals zum erstenmal 
in der Klinik, die er nach zweimonatlichem Aufenthalt mit verkleinerter 
Milz und Leber verließ. Vor zwei Jahren in einem Warschauer Spital: 
auf Injektionen Besserung. Ueber ärztlichen Rat zu Hause befolgte Obers 
und Butterdiät förderte die Besserung. Am 28. Mai 1911 zum zweitenmal 
in der Klinik: nach drei Wochen in unverändertem Zustand entlassen. 
Seither ist Milz und Leber wieder bedeutend gewachsen und Patient 
hat jetzt beträchtliche subjektive Beschwerden: Atemnot, bei längerem 
Stehen und Gehen Schmerzen im Gesäß, die in die Beine ausstrahlen, 
oft auch Parästhesien in den Beinen; häufig Kopfschmerzen: lästiger 
Husten; Appetit gut, Stuhl unregelmäßig: Schlaf durch Atemnot und 
Wadenkrämpfe gestört. Daraufhin neuerliche Aufnahme: 6. November 
bis 29. November 1911. Damaliger Status: Haut blaß, dunkel pigmen¬ 
tiert, Milz drei Querfinger unter dem Rippenbogen, sehr hart, druck- 
schmerzhaft, Leber zwei Querfinger unter dem Rippenbogen, glatt, 
druckschmerzhaft, mit stumpfem Rand, von derber Konsistenz. Wegen 
Veischlechterung seines Zustandes stellte sich Patient am 28. Februar 
d. J. wieder vor, verweigerte aber die Aufnahme. Seither hat sich sein 
Bclinden außerordentlich verschlechtert. Die Atemnot hatte weitere 
Fortschritte gemacht und Patient magerte stark ab. 

Aus diesem Grunde ließ er sich nun doch wiederum aufnehmen. 
Wir haben jetzt einen sehr abgemagerten Mann vor uns: seine Haut¬ 
decke erscheint s u b i k t e r i s e h , die Skleren deutlich gelb gefärbt, 
was früher viel geringer, manchmal auch nur eben angedeutet war. 
Keine retrosternale Dämpfung. Die linke Lunge schallt bis auf die 
1 Spitze intensiv gedämpft mit entsprechender pai «vertebraler Dämpfungs¬ 
zone auf der andern Seite. Ueber den gedämpften Partien Stimmfrenitus 
und Atmungsgeräusehe fast völlig aufgehoben, Herztöne dumpf. Das 
Abdomen vorgewölbt, links stärker als rechts: freie Flüssigkeit nicht 
mit Sicherheit nachweisbar: der derbe Milztumor na cli u n t e n 
bis zur Nabel höh v und nach rechts über die Mittellinie reichend, 
bei deutlich palpablen Incisuren; L e b e r v i e r Q u c r f i n g e r u n t e r 
dem Rippenbogen, derb, stumpf, glatt, druckschmerzhaft: kein 
Kollateralkreislauf. Keine Knochen Schmerzhaftigkeit, 
kein Zungenbrennen, lymphatischer Kachenappa- 
rat normal, Drüsen am* Halse und in inguine pal- 
p a b e 1, aber nicht vergrößert. 

Magensaft normal, Magendarmmotilität nicht gestört. Der Duo¬ 
denalsaft durch Galle intensiv gefärbt. Er enthält 
kein Urobilinogen. 

Bei Röntgendurchleuchtung links intensiver pleurilischer Schat¬ 
ten hingegen keine Verrliehtungsherde und keine mediastinale Ver¬ 
dunklung. 23. Mai: Probepunktion des Exsudats fördert eine sPuke 
getrübte rötlichgelbe Flüssigkeit: nach dem Absetzen der artcfizicllen 


Angulus scapulae. Beim Einstoßen des Troikarts kämen wir auf einen 
Widerstand, der nur schwer zu überwinden war. 

Stuhl wie früher immer normal konfiguriert und eofärbt Im 
Urin auch letzt WP srmftt L-nit» _ . «V. 1 “ 101 ’ lm 


^ ^tiuBeruracmiicn reichlich Urate Di* 

Aufenthalt in der Klinik angestellte Was.s<Tmannrelktion e^wiei sich 
stciffonlngf A " f pr,,, ’ ator,!i< ‘ hc TubcrknHnimpfiiiiK keine Fieber- 

Mäßige Antaoeytoac (vornHimlick mtkrocvtärk 

chromasie. Der Hämoglobingehalt variiert sehr Ä jleUn^an" 


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14. März. 


310 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


- ■ ■ ■■ ■ 

6. November 

23. Mai 

24. Mai 


1911 

1914 

1914 

Erythrocyten. 

4 500000 

Nicht 

1740000 

Sahli. 

Färbeindex. 

56 

0,6 

bestimmt 

nicht 

bestimmt 

43 

1,0 

Leukocyten. 

3000 

3000 

8900 

Neutroph. polym. 

60% 

67,60 % 

72,0% 

£o«n. „ .... 

l°/o 

1,00 % 

1 . 6 % 

Mastzellen. 

— 

vereinzelt 

vereinzelt 

Mono. Uebergangsf.. . . 

5 o/o 

7,75 % 
22,25 o/ 0 

7 . 5 % 

Lymphocyten. 

33 0/o 

16,5% 

Neutropb. myel. 

— 

1,00 % 

2,6% 

Eosin. * 

1% 

0,25 % 

— 

Myeloblasten. 


0,25 % 

vereinzelt 

Reiznngsformen .... 

vereinzelt 

vereinzelt 

vereinzelt 

Färbung. 

Morphologie der Erythro¬ 

? 

Geringgradige 

May-Giemsa 

Triacid 

cyten . 



Poikilocytose, 
keine kernhal¬ 
tigen, Geld- 
roUenbildong 


vermindert 




Zellen anfierordentlich intensiv gefärbte, so zwar dafi der Durchschnitt 
hyperchrom erscheint. Trockenpräparat: Ganz vereinzelte basophile 
Punktierung. Auf 100 Leukocyten vier Normoblasten = zirka 150 im 
Kubikmillimeter. Subvitalfftrbung: In sehr zahlreichen Zellen subst. 
granulofilamentosa. Resistenz der Erythrocyten gegen Koch- 
Salzlösungen an der unteren Grenze der Norm. 

Betrachten wir resümierend dieses Krankheitsbild, so haben 
wir es mit einem Manne zu tun, bei dem sich im Laufe vieler 
Jahre ganz langsam eine Milz- und Leberschwellung entwickelte, 
was durch eine Typhuserkrankung scheinbar sehr gefördert wurde. 
Allmählich kam es auch zur Ausbildung eines chronischen acho- 
lurischen Ikterus und schließlich wurde eine Anämie manifest, 
anfänglich von chlorotischem, später von hyperchrom-regenerativem 
Typus, der die mäßige Ausschwemmung unreifer Leukocyten, das 
Ergebnis der Subvitalfärbung, die Urobilinogenurie, vor allem auch 
das Verhalten des Duodenalsafts entsprach, während die Resistenz¬ 
bestimmung der Erythrocyten kein deutbares Resultat zeitigte, 
alles Befunde, die das Bestehen einer aleukämischen Myelose un¬ 
wahrscheinlich machen mußten, zumal auch die Diazoreaktion fehlte. 

Fassen wir die diagnostischen Richtungslinien zu¬ 
sammen: Gehäufte genaue Untersuchung des Bluts und kritische 
Verwertung der gewonnenen Ergebnisse, die Probe auf Urobilinurie 
und der Ausfall der Diazoreaktion; Nachweis erhöhter, normaler 
oder verminderter Zerstörung von Blutrot durch die Bestimmung 
des Stuhlurobilinogens [Eppinger (21)] und vor allem durch die 
Untersuchung des Duodenalsafts auf Pleiochromie [Medak und 
Pribram (22)]; Resistenz der Erythrocyten und deren subvitale 
Färbbarkeit (subst. Granulo filamentosa): diese Untersuchungs¬ 
methoden worden im Zusammenhalte mit dem klinischen Bilde 
meist die Entscheidung zwischen Aleukämie und hyperplenischen 
Erkrankungen treffen lassen; falls doch nicht, so ist die Exstir¬ 
pation und histologische Untersuchung einer etwa zugänglichen 
Lymphdrüse zu empfehlen, während vor der Milzpunktion zu 
warnen ist, zumal sie nicht immer das gewünschte Resultat fördert. 

Nachtrag: Nach Fertigstellung dieser Arbeit sahen 
wir noch zwei wohl hierhergehörige Patienten (VIII und IX) im 
Alter von 84 beziehungsweise 45 Jahren, bei denen vor allem die 
enorme Blässe auf fiel. Bei beiden fand sich eine mäßige Milz- 
vergrößerung; im Harne war kein Urobilinogen, beziehungs¬ 
weise Urobilin nachzuweisen, die Diazoreaktion war negativ. Im 
übrigen bei beiden Patienten sehr chronischer Krankheits¬ 


verlauf bei höchstens subfebrilen Temperaturen. Das Blut zeichnete 
sich in beiden Fällen durch starke Ausschwemmung großer 
Agranulocyten aus, sodafi das Blutbild dem einer akuten Leukämie 
glich; die großen Zellen hatten die Charaktere, wie sie den „My¬ 
eloblasten“, beziehungsweise „Lymphobl&sten“ zugeschrieben werden 
(in der Tabelle als „Myeloblasten“ rubriziert). Dabei nur mäßige 
Myelocytenausschwemmung (Triacid!). 


Blutbefunde bei 

Pall VIII 

Fall IX 

i 

Erythrocyten. 

Sahli, Färbeindex. 

i 2100000 

! 

1900000 

45 %, cca. 1 

54% >1 

Leukocyten. 

34 000 

17000 

Neutrophile polymorph. . . 

i 27,2 % 

mo/o 

Eosinophile „ . . 

1 — 

1>2 „ 

Mono- und Uebergangsformen 

1 2,0 „ 

2,6 „ 

Kleine Lymphocyten.... 

18,4 „ 

22,0 „ 

Neutrophile Myelocyten. . . 

2,2 „ 

3,0 „ 

„Myeloblasten“. 

50,2,! 

«4,8,! 

Normoblasten. 


21 anf 1000 Leukocyten = 
370 im Kubikmillimeter 

Megaloblasten. 

— 

Vereinzelt 


Mäßige Anizocytose und Polychromasie, vereinzelt basophil 
punktierte Erythrocyten. 

Die im Fall VIII vorgenommene Duodenalsondierung förderte 
farbstoffanne Galle. Im Fall IX, den wir nur flüchtig sahen, 
fand sich kein Anhaltspunkt für eine metastatische Knoehen- 
karzionis; im Laufe einiger Wochen stieg die Leukocytenzahl auf 
etwa 70000 bei nahezu gleichbleibender prozentueller Verteilung 
und sichtlicher Besserung der Anämie sowie des subjektiven Be- 
fimdens (Arsenkur!). Im Fall VIII kam es zu einer Vermehrung 
auf 200000 Leukocyten, wobei Myelocyten in den Vordergrund 
traten, während das klinische Bild unverändert blieb. 

Literatur: 1. H. Hirschfeld, Zschr. f. klin. M. Bd. 80, H. 1 u. 2. - 
2. St. Klein, Die Myelogonie. (Berlin 1914.) — 3. E. Rychlik, Casop. 16t 
denk. 1907, Nr. 7 n. 9. — 4. 0. Naegeli, Blufckrankheiten und Blutdiagnostik. 
(Leipzig 1912.) — 5. B. 0. Pribram u. B. Stein, W. kl. W. 1913, Nr. 49. - 
6. M. Litten, B. kl. W. 1877, S. 257. - 7. R. v. Jaksch, Prag. m. Wschr. 
1890, S. 510. — 8. Derselbe, Zschr. f. Heilk. (Int. Med.) 1901, S. 259. - 
9. E. Adler, Ebenda 1901, S. 221. — 10. Plehn, B. kl. W. 1904, S. 68. - 
11. E. J. Brown, J. of Am. ass. 1914, Nr. 9. — 12. B. Stein, W. kl. W. 1912, 
Nr. 35. — 13. W. Türok, Vorlesungen über klin. Hämatologie, Bd. 2, R 1, 
Wien 1913. - 14. F. Spiegler, W. kL W. 1914, S. 458. - 15. F. Kraus, 
B. kl. W. 1913, Nr. 31. — 16. H. Boruttau n. E. Stadelmann, Biochem. 
Zschr. Bd. 61, S. 372. - 17. M. Jaffee, Zschr. f. physiol. Cbem. Bd.62, 
S. 58. - 18. B. O. Pribram, W. kl. W. 1913, S. 1607. - 19. A Steinzeug, 
Ein Fall atypischer Leukämie. (Dias., Berlin 1914.) — 20. H. Eppinger, 
B. kl. W. 1913, Nr. 33 u. 34. — 21: Derselbe, 1. o. u. (mit Cbarnass) 
Zsck. f. klin. M. Bd. 78. — 22. E. Medak u. B. 0. Pribram (noch nicht ver¬ 
öffentlicht). - 23. C. Sternberg. W. kL W. 1911, S. 1628. - 24. J. Citron, 
D. m. W. 1914, S. 629. — 25. A. Pappenheim, Fol. haemat 1914, S. 227. - 
26. 0. Naegeli, Leukämie und Pseudoleukämie. (Wien und Leipzig 1914.) 


Zur Salvarsantechnik 

von 

Dr. Theodor Mayer, Berlin. 

Die Einführung der Hohlnadel in das Venenlumen geschieht 
am zweckmäßigsten so, daß Venenachse und -nadel möglichst 
parallel bleiben: es wird so am leichtesten eine Läsion der Gefä߬ 
wand oder ein Durchspießen der Vene vermieden. Da nun bei 
wohl allen Injektionsspritzen größeren Kalibers ßchon die Breite 
der Spitze selbBt ein derartig centrisch-paralleles Einatechen er¬ 
schwert, empfiehlt sich die Verwendung von Nadeln, die in 
leichter Kurve über die Schliffseite gebogen 
sind ! ). Sie bedingen eine wesentlich erleichterte Einführung und 
sichere Ruhighaltung sowohl der Nadel wie der manipulierenden 
Spitze, und gestatten so die Möglichkeit der Infusion selbst bei 
schwaoh entwickelten, schwer sicht- und fühlbaren Gefäßen. 


Referatenteil. 


Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin. 


Uebersichtsreferat. 

Strahlentherapie 1 ) 

von Stabsarzt Dr. Strauß, Berlin 
(zurzeit beim Feldlazarett 2). 

Die Verwendung strahlender Energie bei der Behandlung 
der verscbiedentlicbsten Erkrankungen ist heute eine derartig all- 

') Vgl Nr. 15, 16, 29 u. 35 dioser Wochenschrift. 


gemeine geworden, dafi man in der kritischen Bewertung der * 
geteilten Erfolge gar nicht vorsichtig genug sein kann. 
Strahlentherapie hat gegenwärtig einen so großen Umfang vW" 
nommen, sie findet in Gebieten Verwendung, in denen 
nicht blühen kann, sodaß die Gefahr besteht, daß ein Rückscn ag 
erfolgt, ein Rückschlag, der bedauerlich wäre um des vielen v 

l / Die erwähnten Nadeln werden von der Firma L. u. H. Löwenste^- 
Berlin, hergestellt. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF IOWA 

























ERSTE ÖSTERREICHISCHE SPEZIALFABRIK 
FÜR RÖNTGENRÖHREN 

BERLIN N IV. 


WIEN XlXiZ. 

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ln vollendeter 
technischer Ausführung 
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fähiger Röhrentyp, für 
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Gutachten umseifig! 


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URTEILE AUS DER PRAXIS UBER UNSERE 

HEIMRÖHRE 

Wien, den 26. Jänner 1Q14. 

Löbl. ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G. 

(Pönfgen-Abfeilung) 

Wien XIX., Heiligensfädtersfraße 142. 

Die Helmröhre ist seil zirka zwei Jahren an der Ersten chirur¬ 
gischen Klinik und an der Unfallstation im Betriebe und hat sich als 
ganz außerordentlich leistungsfähig und konstant im Vakuum auch bei 
hohen und langen Belastungen bewährt. Sie eignet sich besonders 
auch für Tiefentherapie. Hochachtungsvoll 

(Im Aufträge des Herrn Hofrafes Prof. v. Eiseisberg) 
Prof. Dr. G. RANZI, Assistent der Klinik 


An die ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G. 


(Röntg en- A bf eilung) 


Wien XIX. 


Seit Ausgabe Ihrer Wattröhren (Helmröhren) mit automatischer 
Wasserkühlung verwende ich dieselben für therapeutische Zwecke. 

Das Vertrauen, das ich diesen Röhren entgeaenbrachfe, habe ich 
nicht zu bereuen gehabt. 

Die Anforderungen in meinem Institut, das mit einem Hoch- 
spannungsgleichrichfer arbeitet, der direkt an Wechselstrom ange¬ 
schlossen ist und nach meinem Systeme den Betrieb mit 25 Impulsen 
gestattet, sind sehr große. 

In der Serie der von Ihnen bezogenen Röhren haben die beiden 
ältesten 145 Lichtstunden und 102 Lichtstunden gebrannt und brennen 
noch weiter. Sie scheinen geradezu unverwüstlich zu sein. 

Ich habe die verschiedensten Röhrenfypen für Aufnahmszwecke, 
ebenso auch für die Bestrahlung ausprobiert, doch'hat keine Röhre 
so hohe Lichtstundenanzahl erreicht. Nebenbei will ich noch erwähnen, 
daß ich alle meine Röhren mit Bauerregulierung ausstatte. 

Wien, 12. November 1Q14. 

Dr. SCHONFELD AUG. 

Vorstand des Röntgen-Institutes im Kaiser-Jubiläums-Spifal in Wien 


URTEIL AUS DER PRAXIS ÜBER UNSERE 

«WATT»- NORMAL-WASSERKÜHLRÖHRE 

Wien, 7. Oktober 1014. 

Löbl. ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G. 

(Königen-Abteilung) 

Die mir gelieferte <<Waft»*Normal* Wasserkühlröhre läuft im Tiefen- 
therapiebefriebe neben einer .älteren, noch nicht sehr in Anspruch 
genommenen wasserkühlröhre anderen Fabrikates und nimmt täglich 
an Belastungsfähigkeit zu. Schon jetzt läßt sich sagen, daß sich Ihr 
«Waft»-Normal*Wasserkühlrohr den besten ausländischen Röhrentypen, 
was seine Leistungsfähigkeit anbelangt, ebenbürtig zur Seite stellt, und 
da dieselbe bedeutend billiger ist, dürfte die Wahl in der Anschafluna 
der Röhren nicht schwer sein. 

K. k. Primararzt Prof. Dr. GUIDO HOLZKNECHT 
Vorstand des Zentral-Rönfgenlaboraforiums im k. k. allg. Krankenhaus 


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14. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 31. 


311 


hgft Guten willen, was erreicht worden ist. Die Jagd nach der 
Krebsheiluog beherrscht gegenwärtig so absolut die ganze Strahlen¬ 
brechung, daß daneben alles übrige beinahe verschwindet. Die 
Tiefentberapie ist heute der ausschlaggebende Faktor für alles 
geworden, die ganze Technik ißt nur noch von dem Gedanken 
beherrscht, enorme Mengen von X-Einheiten in die Tiefe zu 
werfen, ohne dabei zu bedenken, daß es an einem richtigen 
einwandfreien Meßverfahren auch heute noch fehlt! Die Aerzte- 
schaft ist erfüllt von der Idee, daß nichts einfacher ist als diese 
Tiefenbestrablungen, ohne zu wissen, daß diese enormen Dosen, 
welche man an gewissen Stellen verabreicht, technisch nur ganz 
sehwer beschaffbar sind. Von den radioaktiven Präparaten ganz 
abgesehen, ist auch die Möglichkeit, Röntgendosen in dieser Menge 
zu applizieren, durchaus nicht so einfach, wie es oft nach den Ver¬ 
öffentlichungen erscheinen mag. Mit leider viel zu viel Recht sagt 
Holzknecht (1): „Um jene äußersten Leistungen, welche uns ge¬ 
statten, an die Frage der Bestrahlung operabler Tumoren heran¬ 
zutreten, zu erzielen, ist es zurzeit nicht genügend, die in den 
Arbeiten niedergelegten technischen Rezepte tunlichst zu befolgen. 
Ein strahlentherapeutischer Betrieb, welcher heute sich anschickt, 
die obigen Leistungen zu kopieren, muß über die besonderen tech¬ 
nischen Mittel verfügen, welche — zugestandenermaßen oder nicht 
— an jenen Stellen zur Verfügung stehen. Dort sieht man außer 
den Aerzten und Schwestern Tag für Tag die Techniker der fabri¬ 
zierenden Finnen ein- und ausgehen, mit umgeheuren, meist von den 
Finnen selbst getragenen Kosten, die in ununterbrochener Kette 
anftretenden Abschwächungen und Defekte der aufs äußerste au¬ 
gespannten Maschinen beheben und Ersatzteil um Ersatzteil her¬ 
beischaffen. Und oft stehen alle Genannten vor dem Rätsel einer 
plötilicben Minderleistung der Apparatur, deren Folge natürlich 
eine unzulängliche, nicht wieder einzuholende effektive Tiefendosis 
ist, welche der Kranke an mehreren Stellen bis zur Konstatierung 
des Mangels erhalten hat.“ 

Es ist also keine einfache Technik, die hier zur Verwendung 
gelangt, gar nicht vergleichbar mit der Myombestrahlung oder den 
einfacheren Fragen der Röntgentherapie. Die gewöhnlichen 
Röntgeneinricbtungen genügen dazu nicht. Man vergesse auch 
nie, daß unzulängliche Dosen eine Wachstumsbegünstigung der 
Metastasen bilden. Was sind aber ungenügende oder beßser ge¬ 
sagt, was Bind genügende Dosen? Aus alledem ergibt sieb, daß die 
Bestrahlungstherapie des Carcinoms noch durchaus nicht so weit aus¬ 
gebaut ist, daß sie allgemein geübt werden kann. Infolgedessen sind 
die erzielten Resultate auch gar nicht miteinander vergleichbar. Viele 
Mißerfolge sind zweifellos auf unzulängliche Technik zurückzufübren. 
Aber die da und dort erzielten Erfolge sollten nicht dazu ver¬ 
führen, mit unzulänglichen Mitteln CarciDombestrahlung zu ver¬ 
wehen. Da es Carcinome gibt, welche auch schon auf kleine 
Dosen ausgezeichnet reagieren, so winkt auch öfters bei be¬ 
scheidenen Einrichtungen der Erfolg, doch gebe man sich hierüber 
keiner Täuschung hin und vergesse nie, daß in unserer an Röntgen- 
prozessen 60 überreichen Zeit [vergleiche Kirchberg (2)] dem 
Praktiker auch bei einer Unterdosierung gerichtliche Gefahren 
drohen. Was die Carcinombestrahlung selbst betrifft, so habe ich 
zo dieser Stelle zu wiederholten Malen darüber gesprochen. In 
Ergänzung dieser Ausführung möchte ich nur das eine sagen, daß 
auch wieder die Ergebnisse des diesjährigen Röutgenkongresses ge¬ 
zeigt habfln, daß die entschiedensten Anhänger der Bestrahlungs¬ 
therapie des Carcinoms nicht aus dem Kreise der Röntgenologen 
selbst stammen. Die Idee, das operable Carcinom zu bestrahlen, 
geht nicht von röntgenologischer Seite aus und wird auch von 
keinem Röntgenologen von Bedeutung verfochten. 

Die außerordentliche und überragende Stellung, welche die 
Tiefenbestrahlung in der ganzen Strahlentherapie beute einnimmt, 
hat es mit sich gebracht, daß man überhaupt mehr und mehr zu 
ihr übergebt und die Oberflächentberapie, das heißt die Verwen- 
flung ongeülterter Strahlen, einschränkt. Ich glaube sehr zu Un¬ 
recht. Die Domäne der Oberflächentberapie bildet die Behandlung 
«er Hautkrankheiten. Diese Therapie, welche anknüpft an die 
Kamen von Freund, Gocht, Schiff, Albers-Schönberg und 
f l6 ® öen i ißt gerade das erfolgreichste Kapitel der ganzen 
otrablentlierapie. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß 
w Erfolg der Strahlentherapie bei Psoriasis und Ekzem ein ab¬ 
soluter ist. Hier kommt man meistens schon mit Vs bis Va Ery- 
flmdose (nach Sabouraud-Noirde) bei einer Rohrhärte von 
öQf bis sieben Wehnelt zum Zioie. Stärkere Dosen sind schon 
) Favus, der Trichophjtie und der Sycosis nötig, doch geht auch 
m dl68e & Leiden H. E. Schmidt (3) nicht über eine Volidosis 


bei einer Rohrhärte von zehn Wehnelt hinaus. Wetter er (4) 
nimmt beim Favus den ganzen behaarten Kopf in einmaliger 
Sitzung in Angriff und exponiert denselben in siebenstelliger Total¬ 
bestrahlung. Er appliziert pro Bestrablungsfeld vier bis fünf 
Holzknechtsche Einheiten, also gleich H. E. Schmidt sine 
Volldosis. Bei der Sycosis betont Wetterer, daß die Rezidive 
nach Röntgenbehandlung selten bei frischen Fällen sind, daß je¬ 
doch die Aussicht auf Rezidivfreiheit je mehr schwinde, je älter 
der Fall ist. Während bei der frischen Sycosis eine einzige Total¬ 
epilation schon meistens die Heilung herbeiführt, ist es bei den 
lauge (10, 12 und 15 Jahre) bestehenden Fällen schon zu einer 
Miscbinfektion gekommen und die Prognose wird quoad Rezidiv¬ 
freiheit schlechter. — Die ganze bisherige dermatologische Strahlen¬ 
therapie war ihrem Wesen nach eine Oberflächentherapie mit 
kleinen Dosen und vorwiegend mittelweichen Strahlen, nur die drei 
zuletzt erwähnten Hautleiden (Favus, Sycosis, Trichophytie) machten 
eine Ausnahme. Auf jeden Fall erreichte man bei der Mehrzahl 
der Hautkrankheiten mit der einfachen Strahlentherapie ganz aus¬ 
gezeichnete Resultate. Es war nun die Frage, ob wir angesichts 
der Erfahrungen, welche wir bei der Tiefentherapie gemacht haben, 
nicht dazu übergeben wollen, die ganze Oberflächentherapie zu 
vorlassen und auch bei den Hautkrankheiten gefilterte Strahlen in 
Anwendung zu bringen. Warum soll man nun aber etwas Be¬ 
währtes und technisch sehr leicht Ausführbares verlassen? Die 
bisherige Oberflächentherapie in der Dermatologie war mit den 
ältesten Apparaten durchführbar, sie verursachte infolge ihrer 
kleinen Energiemengen wenig Kosten, alles Dinge, die sich bei der 
Verwendung gefilterter Strahlen ändern werden. Und dennoch ist 
nicht in Abrede zu stellen, daß zugunsten der Anwendung ge¬ 
filterter Strahlen in der Dermatologie sehr gewichtige Gründe 
sprechen. Erstens wird die Schädigung der Haut bei filtrierter 
Strahlung sich eigentlich vermeiden lassen. Wer bei der Ober¬ 
flächentherapie gewissenhaft dosierte, hat allerdings auch Schädi¬ 
gungen nie erlebt und dennoch — man orientiere sich hierüber 
nur in dom oben schon erwähnten Buche Kirchbergs — kamen 
gelegentlich Ueberrasehungen vor. Vor diesen ist man eigentlich 
bei der Filtertherapie behütet. Das Schreckgespenst der Röntgen¬ 
verbrennung ist seit der Filtertechnik so gut wie verbannt. Wir 
wissen, daß gefilterte Strahlen erst in außerordentlich großen 
Dosen überhaupt auf der Haut Erscheinungen hervorrufen, daß 
diese Erscheinungen selbst aber ganz anders verlaufen, als dies 
bei den weichen, ungefilterten Strahlen der Fall war. Das Erythem 
der gefilterten Strahlen ist fast schmerzlos und kurzdauernd, das 
klassische Röntgenerjthem bei ungefilterter Strahlung war sehr 
quälend und dauerte drei Wochen. Die Verbrennung zweiten Grades 
mit ihren sattsam bekannten Hautatrophien und Teleangiektasien 
ist gleichfalls bei gefilterter Strahlung einem fast harmlos zu nennen¬ 
den Zustande gewichen, indem es einfach zur Blasenbildung kommt, 
die nach einiger Zeit bei indifferenter Behandlung restlos abheilt. 
Selbst die stärksten Gattungen von Verbrennungen sind bei der 
Verwendung gefilterter Strahlen gar nicht mehr mit dem trostlosen 
Krankheitsbilde der alten Verbrennung dritten Grades zu ver¬ 
gleichen. Das Martyrium dieser Kranken, den endlos langdauern¬ 
den Krankheitsprozeß, den die extremen Fälle von Röntgenver- 
brennungen bei mittelweicber Strahlung aufwiesen, kennt man 
jetzt nicht mehr. Inwieweit man infolgedessen heute schon be¬ 
rechtigt ist, die ganze Frage der Röntgenschädigung nunmehr der 
Geschichte zuzuweisen und kurzer Hand auszusprechen, daß die 
Verwendung gefilterter Strahlen überhaupt jede Schädigung aus- 
scbließe, erscheint mir immer noch nicht entschieden, sicher ist 
nur das eine, daß die menschliche Haut selbst bei hohen Graden 
von Radiosensibilität von einer Strahlentherapie bei gefilterter 
Strahlung nur geringen Schädigungen ausgesetzt ist. Von diesem 
Standpunkt aus wäre also der prinzipiellen Verwendung der harten 
gefilterten Strahlung das Wort zu reden. In zweiter Linie käme 
aber auch noch der Umstand in Frage, ob nicht überhaupt die 
harte Strahlung auch an der Oberfläche viel wirksamer ist als die 
mittelweiche und ob nicht außer den sicherlich ja sehr wichtigen 
Gründen des Schutzes des Patienten auch noch rein therapeutische 
und biologische Erwägungen zugunsten der Filtertherapie sprechen. 
Ich habe schon vor längerer Zeit an dieser Stelle (Jahrgang 1918, 
Nr. 4, S. 144) auf die Veröffentlichungen der beiden Kieler Hans* 
Meyer und Ritter (5) hingewiesen, welche uns anhanden 
ihrer Versuche mit Erbsenkeimlingen den Beweis erbrachten, daß 
harte Strahlen biologisch viel wirksamer sind als weiche, wenn sie 
überhaupt nur zur Absorption gelaugen. Heute sind diese Sätze 
Allgemeingut geworden, man wundert sich eigentlich, daß man 
jemals hierüber anders gedacht hat, aber es ist ein bleibendes 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


\erdienst von Hans Meyer und Ritter, dies experimentell 
bewiesen zu haben. Es w*ar selbstverständlich, daß die harte Strah¬ 
lung nun auch in der Dermatologie Verwendung fand, und es ist 
neben Frank -Schulz (6), dessen Ableben seine Versuche früh¬ 
zeitig unterbrach, besonders Fritz M. Meyer (7) (Berlin) zu 
nennen, der bei Ekzem und Psoriasis gefilterte Strahlung appli¬ 
zierte. Fritz M. Meyer hat bei 16 Patienten Ekzembestrahlun¬ 
gen ausgeführt und dabei so vorteilhafte Resultate erzielt, daß er 
ganz dazu überging, die chronischen Ekzeme mit harter Strahlung 
zu behandeln. Er rühmt als deren Vorzüge die Kürze der Behand¬ 
lung; sie führt schneller und sicherer zum Ziele. Die bestrahlten 
Patienten hatten teilweise schon eine lange Krankheitszeit (10 bis 
15 Jahre) hinter sich und waren klinisch zu den schweren Fällen 
zu rechnen. Minder befriedigt war Fritz M. Meyer von den 
definitiven Heilerfolgen mit harter Strahlung bei Psoriasis. Es 
gelang ihm nicht, damit die Rezidive zu verhüten. Interessant 
sind überdies bei der Psoriasistherapie auch die neuen Versuche 
von Ritter und Tamm (8), mit Encytoleinspritzungen heilend 
auf dieses Hautleiden zu wirken. Daß das Encytol (beziehungs¬ 
weise Cholin) nicht als ein pharmakologisches Mittel, sondern als 
ein Teil der Strahlentherapie anzusehen ist, habe ich früher schon 
an dieser Stelle ausgeführt (1914, Nr. 16, S. 697), infolgedessen sind 
die R i 11 e r - T a m m sehen Ausführungen hier zu erwähnen. Die 
beiden Autoren haben mit Encytol Erfolge in der Psoriasisbehand¬ 
lung erziel^ befürworten indessen die Verwendung dieses Mittels 
nicht, da diese verhältnismäßig leichte Erkrankung nicht die Ge¬ 
fahr der Anwendung eines so differenten Mittels, wie es das 
Encytol darstellt, rechtfertigt. Da das Cholin eine elektive Wir¬ 
kung im Sinn einer Zerstörung auf die samenbildenden Zellen 
des Testikels auszuüben imstande ist, so wird man beiden Autoren 
in ihrem ablehnenden Urteile zustimmen müssen und die Eneytol- 
therapie der Psoriasis auch in extremen Fällen nicht anwenden. 
Wenn ich zum Schluß über die ganze Frage der Oberflächen- oder 
Tiefentherapie der Hautkrankheiten meine eigne Ansicht sagen 
darf, so kann ich in voller Würdigung des entgegengesetzten 
Standpunkts mich nicht entschließen, zur Tiefentherapie über¬ 
zugehen. Ich bevorzuge beim Ekzem ganz besonders noch die 
kleinen Dosen mittelweicher Strahlen und habe bei der Psoriasis 
von der harten Strahlung keinen größeren Nutzen gesehen als 
von der mittelweichen. Die vielfach empfohlene Kombination der 


Strahlentherapie mit hyperämisierenden Mitteln (Hochfrequenz, 
Licht, Kohlensäureschnee) ist sicher in refraktären Fällen sehr 
empfehlenswert. Hinsichtlich der Behandlung des Favus, der 
Trichophytie und der Sycosis möchte ich der gefilterten Strah¬ 
lung das Wort reden, ganz besonders aber auch bei der Be¬ 
strahlung des Hautcarcinomß. Bei dieser Carcinomart, die eben 
etwas ganz anderes darstellt als die Carcinome innerer Organe, 
ist die Strahlentherapie fast ein souveränes Mittel. Wenn bei einer 
Carcinomform die Strahlentherapie die Operation ohne Schädigung 
des Kranken ersetzen kann, so ist es hier, obgleich auch beim 
Hautcarcinom strahlenrefraktäre Fälle Vorkommen. Natürlich ist 
auch die Bestrahlung der Hautearcinome eine Kunst und erfordert 
eine ziemlich große Erfahrung. Ob man die Hautearcinome mit 
mittelweichen Strahlen zunächst bestrahlen will, ob man dazu über¬ 
geht, die Behandlung durch energische Vereisung mit Kohlen¬ 
säureschnee zu kombinieren oder ob man sich gleich der Tiefen¬ 
bestrahlung zuwenden soll, ist sicherlich eine Frage der persön¬ 
lichen Erfahrungen. Die glänzenden Erfolge, die H. E. Schmidt 
mit der ersteren Methode erzielt hat, zeigen, daß dieser Weg zum 
Ziele führt, wenn ich auch persönlich der Tiefenbestrahlung mehr 
das Wort reden möchte. Wetterer empfiehlt, papillomatöse 
Epithelialkrebse mit blumenkohlartigen Wucherungen besser chir¬ 
urgisch zu entfernen und unter starker Filtration nachzubestrahlen. 
Die Hautepitheliome sind es auch, bei welchen die radioaktiven 
Stoffe ihre heilende Wirkung entfalten. Die ersten Versuche mit 
der Radiumbestrahlung von Hautepitheliomen stammten von 
D a n 1 o s, dem dann zahlreiche andere Autoren folgten. Beson¬ 
ders nahmen sich W i c k h a m und D e g r a i s (9) dieser Therapie 
an, und sie konnten 1913 an Hand eines mehr als 1000 Fälle be¬ 
tragenden Beobachtungsmaterials berichten. Wiek harn und 
D e g r a i s anerkennen dem Radium in der Behandlung der Haut¬ 
epitheliome eine gewisse Superiorität zu und haben in einer großen 
Anzahl von Fällen, die andern Mitteln getrotzt haben, günstige 
Erfolge gesehen. Nach Wetterer sind für die ausschließliche 
Radiumbehandlung alle nicht rein oberflächlichen operabeln Haut- 
carcinome kontraindiziert. Sehr bewährt haben sich die Bestrah¬ 
lungen bei den Epitheliomen am Lid und der Hornhaut, ja 
F1 e m m i n g (10) spricht sogar von Behandlungserfolgen, wie sie 
mit keinem andern Heilmittel, auch nicht mit dem Messer, hätten 
erzielt werden können. (Fortwtmg folgt) 


Ans den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift t92S % Nr. 9. j 

Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Die I 

beste Behandlung der Furunkel ist das Ausbrennen des centralen Kokken- 1 
herds mit einer glühenden Nadel. Bei Furunkulose empfiehlt sich die 
Anwendung einer Paste aus Bolus 20, Glycerin 10, Ichthyol 5. 

Kuznitzky (Breslau): Ueber eine besondere Abhellaagsform 
der Alopecia areata. In den beschriebenen Fällen bestand der Ersatz 
nicht in einer Depigmentierung, sondern in einer schließlichen Hyper¬ 
pigmentierung der erkrankt gewesenen kahlen Partie, sodaß sich bei 
diesen Leuten jeder Alopecieherd als dunklerer Haarbezirk schon von 
fern abbob. 

Heinsius (Berlin-Schöneberg): Ueber die operative Behandlung 
and Heilung der totalen Blasenektopie. Beim Weibe findet sich 
neben den beschriebenen Mißbildungen nicht selten auch eine Spaltbildung 
der inneren Genitalien. Während eine Spaltbildung, die nur einen Teil 
der anfangs genannten Organe betrifft, therapeutisch wenig Schwierig¬ 
keiten macht, ist die Behandlung einer totalen Spaltbildung ungemein 
schwierig. Mitteilung eines einschlägigen, mit gutem Erfolg operierten 
Falles. 

Cohn (Berlin): Ueber nervöse Retentto urlnae. Drei positive 
Symptome waren in den drei Fällen gleichmäßig vorhanden: 1. eine aus- 1 
geprägte Balkenblase, 2. erhöhte PateUarreflexe und 3. ein verminderter 
Blaseninnendruck. Der geringe intravesicale Druck, festgestellt durch 
die Manometrie, ist geeignet, die Diagnose Retentio urinae ohne organi¬ 
sche Ursache zu sichern. 

Schmey (Berlin): Das perirenale Oystoid bei Mensch und 
Tier. Es darf als vollkommen sicher angenommen werden, daß in keiner 
dieser drei Beobachtungen ein Hämatom, dessen Blutfarbstoff allmählich 
zur Resorption gelangt ißt, als Quelle dieser Cystenbildung angesehen 
werden kann. 

Fleischhauer (Düsseldorf): Ueber Nervenverletzungen. Als 
Hauptsymptome zeigten die besprochenen Beobachtungen motorische 
Lähmung und sensible Ausfallserscheinungen. Die Grenzen trophischer 
Störungen der Haut können mit dem Verbreitungsbezirke der sensiblen 


Fasern zusammenfallen, während die Ausbreitung vasomotorischer Stö¬ 
rungen andern Gesetzen folgt. T T eber die Verbreitung trophischer Stö¬ 
rungen der Knochen bei der Läsion einzelner Nerven können dagegen 
bestimmt lokalisierende Angaben noch nicht gemacht werden. 

Boenheim (Bensheim): Zur Lokalisation des Tastsinns. Die 
Anlage des Krönleinsehen Schemas am Kopfe des Patienten ergab, 
daß die Wunde unmittelbar vor dem Sulcus centralis Rolandi lag. Die 
am unteren Ende der Wunde stattgefundene Zersplitterung des Knochens 
ließ an dieser Stelle eine Blutung ins Gehirn annehmen. 

Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915. Nr. 9. 

Th. Rumpf (Bonn): Weitere Mitteilungen ttber oscilliereiide 
Ströme und ihre strahlende Energie. Vortrag, gehalten in der Nieder¬ 
rheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde am 13. Juli 1914. 

Leonor Michaelis (Berlin): Die praktische Yerwertbarkeit 
der SInreagglntlnation für die Erkennung der TyphnsbacIHea. Die 
vom Verfasser vor Jahren beschriebene Säureagglutination der Bacillen 
der Typhus-Coligruppe ist nächst der specifischen Serumagglutination 
dasjenige Artmerkmal des Typhusbacillus, das am meisten Konstanz 
und Eindeutigkeit in sich vereinigt und deshalb für die Typhusdiagnose 
verwertbar ist. 

Felix Hirschfeld (Berlin): Die Ernährung großstädtischer 
Arbeiter und der Eiweißbedarf des Menschen. Es wurde die Kost 
zweier großstädtischer Arbeiter genau untersucht. Während nun bei 
dem einen die Fleischmenge der Nahrung und deren Eiweißgehalt durch¬ 
aus der Voitsehen Norm von 120 g Eiweiß entsprach, lag sie bei dem 
andern tief unter diesem Satze; sie enthielt nämlich im Durchschnitte 
täglich 88 g Fleisch oder Fisch und 87 g Eiweiß, von denen 71 g ver. 
daulich waren. Dabei war der zweite Arbeiter bei dieser Kost dauernd 
gesund und körperlich sehr leistungsfähig. Die Forderung Voits, ein 
j gesunder Arbeiter solle bei mittelschwerer Arbeit etwa 120 g Eiweiß zu 
j sich nehmen, ist, trotzdem sie von Hübner und Andern wieder angenommen 
I wurde, nicht als berechtigt anzuerkennen. Der Verfasser bekämpft dann 


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14. Märe. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


313 


noch die Forderung Rubners, es solle nicht nur eine Ersparnis an 
Xaturbiitter. sondern überhaupt an Fett angebahnt werden, weil an sich 
der Verbrauch daran zu groß sei lind die wahren Bedürfnisse über¬ 
schreite. Er wendet sich ferner gegen die Ansicht desselben Autors, 
daß eine Enteiweißung der Kost durch Fette, Zucker und Alkohol sehr 
bedeutend sein könne. Diese Befürchtung, es könne durch reichlichere 
Verwendung von Fetten und von Zucker eine gefährliche Eiweißverarmung 
der Kost infolge Verdrängung von Vegetabilien herbeigeführt werden, ist 
aber durch keine tatsächliche Beobachtung gestützt und sehr unwahr¬ 
scheinlich. Soweit uns diese Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, ver¬ 
bessern sie die Kost, namentlich weil sie im Darme gut uusgenutzt 
werden und dadurch schwerer verdauliche Vegetabilien ersparen können- 

M. Rubner: Bemerkung zn vorstehender Mitteilung von Prof. 
Hfrschfeld. Per Verfasser protestiert dagegen, daß man ihm eine blinde 
Stellungnahme für eine allgemeine Normierung jeglicher menschlicher 
Ernährung auf der Höhe von 120 g Eiweiß zuschreibt. Er schließt sich 
im Gegenteil Thomas an, der den Beweis einer Reduktion des Eiweiß- 
verbrauchs bis auf 30 g täglich erbracht hat. Auch stellt die Zufuhr 
z. B. von 110 g Eiweiß kein Eiweißminimum dar, sondern vielmehr 
einen mäßigen Ueberschuß, den der Verfasser in der Regel, wenn nicht 
gerade Not oder dergleichen vorliegt, für zweckmäßig hält. In Gefäng¬ 
nissen kann man es rechtfertigen, wenn man auch weniger Eiweiß gibt; 
da bleibt noch immer der Gefängnisarzt zur Hand, wenn Unzukömmlich¬ 
keiten bei einzelnen auftreten. Dem deutschen Arbeiter im Durchschnitte 
wird man aber nicht die Gefängniskost als Vorbild geben können. Der 
Verfasser betont dann noch einmal die von ihm auf Grund praktischer 
Beobachtungen zuerst ausgesprochene Ansicht, daß die drei Stickstoff- 
faien Komponenten der Kost, Fett, Zucker und Alkohol, reichlich ge¬ 
nossen, einen so großen Anteil der Calorien decken, daß der Rest an 
Nahrung deu nötigen Stickstoff nur dann noch bringt, wenn man als 
Restnahmng eben Fleisch, das heißt eiweißreiche Äniraalien, nimmt. 
Schließlich weist er von neuem darauf hin, daß sich der Fettverbrauch 
in einzelnen Teilen Deutschlands außerordentlich gesteigert und vielfach 
m überfetteten Kost ausgewachsen hat, sodaß er also aus medizinischen 
und nationalökonomischen Erwägungen zu vermindern ist. 

Joseph Lewinsohn (Breslau): Lähmung des Atmangscentrums 
ln Anschluß an eine endolnmbnle Neosalvarsanlnjektloo. Es wurden 
0,15 Neosalvarsan in 300 ccm steriler physiologischer Kochsalzlösung auf- 
getat und hiervon 6 ccm, mit der gleichen Menge Liquor vermischt, 
intniliimbal einem 41 jährigen Tabiker injiziert. Die Lähmung des 
Almnngscentrums setzte ganz akut ein. Der Fall, der eingehend be¬ 
schrieben wird, kam zur Heilung. Der Patient hatte etwa 5 Minuten 
vor dem plötzlichen Aussetzen der Atmung 0,02 Morphium erhalten 
*egen einer gastrischen Krise. (Das Neosalvarsan war 24 Stunden vorher 
injiziert worden.) Der Verfasser nimmt aus bestimmten, näher ange¬ 
gebnen Gründen an, daß eine latente Schädigung des Atraungscentrum s 
öd o ^e der Tabes) durch die Wirkung der intraduralen Neosalvarsan- 
in Je tion zusammen mit dem die Erregbarkeit des Atmungscentrums 
erabsetzenden Morphium erst manifest geworden sei. 

, 11 *, raul Neuenahr): Tetanie im Verlauf einer Gallenstein- 
j° 1 ’ ^ ^ er Höhe des Kolikanfalls kam es zur typischen Tetanie. 

' eine Tetaniekonstitution gegeben, so werden die Reize, die 

{|p °hk auslösen, reflektorisch die übererregbaren nervösen Organe 
on * c * ie Ganglien des Rückenmarks, der Rinde, peripherisches sen- 
j' 1 . 0 ' ® uron j Z1,m Abreagieren in irgendeiner Form der Tetanie veran- 
j>mh ( ie letaniedisposition beruht auf fehlerhafter oder mangelhafter 
un tion der Epithelkörperchen. Die Organe mit innerer Sekretion legen 
rh Crer f e j * jinie d * e die Krankheitsbereitschaft des Men- 

> nen nach den verschiedensten Richtungen hin fest. Die Glandulae para¬ 
llel T • k eraiDen nun Erregungsfähigkeit bestimmter Neuronen. 

• unktion oder Dysfunktion steigert die Erregungsfähigkeit). 

SrhnR kl ^ raund Auerbach (Frankfurt a. M.): Zur Behandlung der 
®Terle™gen Poripherischer Nerven. Erörtert wird die Frage, 

.«on konservativ zu behandeln ist und wann nach der Heilung der Ein- 
u^ebußöffnung der lädierte Nerv operativ freigelegt weiden muß. 
ic c irargisdien Methoden sind von Fall zu Fall: einfache Neurolyse 
even üt-jl folgender Einbettung in gesundes Muskelgewebe, Nerven- 
»imd erv ,f D ^ as Gki Nervenresektion. Nach der Heilung der Operntions- 
L. n j } e n, e ‘ ne systematische elektrische und mediko-mechanische Be- ! 
handlung Platz greifen. | 

^Berlin): Die Gasphlegmone Im Felde. Die Pro- i 
]j„ n “ n e ! er Gasphlegmone (besser: Gasgangrän oder Emphysema ma- | 
siec! t 18 f SC ^ S ^ ^ 8e ^ r weitgehender Gasentwicklung, keineswegs j 
Zone v i ma ° 8c ^ ne ^ großen Incisionen bis in die gesunde ( 

folgen ° f t '- Amputation hat nahe der Grenze der Gangrän zu er- 1 
Operaf .® UD K e ^ nes brauchbaren Stumpfes muß gleich bei der j 
wie mM', glommen werden und eine Sekundärnaht sobald j 

J gich, noch innerhalb der ersten Woche, angeschlossen werden. 


1 Philippsthal und S. Rummelsburg: Die Gefahren des Gips- 

verbandes nnd ein Vorschlag zn seinem zweckmäßigen Ersätze. Der 

gefensterte Gips verband, der die Brochenden fixiert und zugleich eine 
, Wundbehandlung ermöglicht, bewährt sich nur da, wo der komplizierte 
! Bruch reaktionslos heilt. In den meisten Fällen tritt aber nach Ansicht 
| des Verfassers zur komplizierten Fraktur die Infektion. Bei infizierten 
Frakturen ist aber der Gipsverband kontraindiziert. Die eitrige Sekretion, 
i die sich in der Gegend der Bruchenden bildet, kann in ihrer Ausdehnung, 
I auch wenn das Fenster groß genug erscheint, nicht überblickt werden. So 
kommt es denn, daß der Moment zur Anlage einer Incision verpaßt wird, 
[ sodaß dann plötzlich die Indikation zur Amputation gegeben ist. Diese 
i Schädigung des Gipsverbandes vermeidet der von den Verfassern für die 
i Brüche des Beins angegebene „gefensterte Schienenverband“, der zugleich 
die Notwendigkeit eines häufigen Verbandwechsels ausschließt. Denn 
; infizierte Brüche heilen nur durch absolute Ruhigstellung. Die Technik 
des empfohlenen Verbandes wird genau beschrieben. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 9 , 

j Ch. Bäumler: Ueber Pneumothorax Im späteren Verlaufe von 

i im Krieg erlittenen Lungen Verletzungen. Nach eiuem am 19. Novera- 
j her 1914 in Freiburg i. Br. gehaltenen Vortrage. 

M. Kaufmann (Wiesbaden): Zur Therapie der croupÖsen 
j Pneumonie. Der Verfasser empfiehlt das Optochinum hydrochloricuin 0,25 
| innerlich als Pulver, und zwar alle 4 Stunden gleichmäßig über 
I 24 Stunden (Tag und Nacht) verteilt, das heißt also 1,5 pro die. Die. 

[ Dosen werden 1—2 Tage über die derzeitige Entfieberung hinaus gereicht- 
! Hoi dieser Dosierung beobachtete der Verfasser selbst niemals Amaurose. 

Von manchen Patienten wurde über Ohrensausen und Schwerhörigkeit 
| geklagt wie beim Chinin. 

| Wilhelm Sternberg (Berlin): Eine neue Position zur 

I ösophagoskopischen Untersuchung. Empfohlen wird die Bauchlage 
i erhöhtem Tisch, lind zwar in Knie-EUbogensenkung, wobei die Knie 
auf hohem Kissen liegen und der Kopf möglichst das Tischende über¬ 
ragt. Diese Untersuchungsstellung kombiniert die Vorzüge der 
sitzenden Stellung mit denen der Rückenlage, ohne ihre Nachteile 
zu haben. W orin die \ orteile der neuen Position bestehen, wird genau 
angegeben. 

M. Nonne (Hamburg-Eppendorf): Das Problem der Therapie der 
syphilogenen Nervenkrankheiten im Lichte der neueren Forschung»« 

[ Ergebnisse. (Schluß.) In dieser ausführlichen Uebersicht bekämpft der 
Verfasser die diagnostisch-prognostischen provokatorischen Salvarsan- 
infusionen. Er tritt für die kombinierte (Salvarsan- + Quecksilber-) Be¬ 
handlung ein. Nach ihm ist die größte Gefahr des Salvarsans bei der 
Therapie der Syphilis des Nervensystems in der Möglichkeit des 
Auftretens der Herxheim ersehen Reaktion zu erblicken, weil eine syphi¬ 
litische Erkrankung an einer wichtigen Stelle (Medulla oblongata, Rückea- 
marksquersehnitt) sitzen kann, ohne sich uns durch Svmptome zu ver¬ 
raten. Aus diesem Grunde soll man die Behandlung zunächst mit 
Quecksilber beginnen, dann das Salvarsan folgen lassen und schließlich 
beide Mittel abwechselnd geben. Doch sollte bei einer Kur eine Ge¬ 
samtdosis von 3—4 g Salvarsan nicht überschritten werden. Sind auch 
dann die klinischen Symptome noch nicht geschwunden, so soll man 
zunächst mit Hg und Jod weiterbehandeln, dann aber die Therapie für 
Wochen oder Monate unterbrechen. Bei der Syphilis cerebrospinalis hat 
man die besten Erfolge, weniger gute hei Tabes und Paralyse. Beide sollen 
zwar zunächst mit Quecksilber und danu mit Salvarsan behandelt werden 
der Verfasser warnt aber eindringlich vor einem allzu energischen auti 
syphilitischen Vorgehen. Denn bei Spätsyphilitischen ist der inuere 
Stoffwechsel oft erheblich gestört. Hier sind nach Alter „die wichtigsten 
entgiftenden Organe meist so hochgradig defekt und unzulänglich ° daß 
man die Toleranz und die entgiftenden Fähigkeiten solcher Kmnkcn 
grundsätzlich gar nicht niedrig genug einschützen kann“ Auf keinen Fall 
ist es bei echter Tabes und echter Paralyse angängig, immer weiter zu 
behandeln, weil Blut- und Liquorreaktion noch Widerstand leisten. 




A. Jesconek (Gießen): Lichtbehandlung des Tetanus. Vier 
Patienten mit Tetanus wurden in der Weise der Lichtbehandlung unter 
worfen, daß die Wunden den Strahlen der Quecksilberquarzlampe aus- 
gesetzt wurden. Die Entfernung der Wunde von der Lichtquelle die 
Dauer der Belichtung und deren Wiederholung wurden abhän^r gemacht 
von den Qualitäten der Wunde. Bezweckt wurde, möglichs? rasch eine 
heftige Ueberschwemmung der Wunde mit entzündlichem Serum herbei¬ 
zuführen. Alle vier Patienten sind von ihrem Tetanus geheilt worden 
Braunschweig: Kurze Mitteilungen über die epidemische 
Hemeralopie im Felde. Der Verfasser sah in vier Wochen 23 Nacht¬ 
blinde. Nach Eintritt der Dunkelheit sind die Kranken nicht mehr imstande. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. Man. 


sich im Gelände zurechtzufinden, sie erkennen keine Hindernisse, stürzen 
in Granatlöcher am Wege, sie sehen kein Ziel, müssen sich an den 
nächsten Kameraden festhalten, ja von ihnen fortziehen lassen. Fahrer 
können nachts ihren Wagen nicht mehr lenken. Da objektive Symptome 
in seinen Füllen fehlten, war der Verfasser lediglich auf die Prüfungen 
subjektiver Beschwerden angewiesen. Die veränderte Produktion der¬ 
jenigen Chemikalien der Netzhaut, die der Bilderzeugung dienen, in erster 
Linie des Sehpurpurs, bewirkte die Herabsetzung des Lichtsinns sowie 
die aufgehobene Dunkeladaptution. Diese Ausfallserscheinungen werden 
mittels des Photometers geprüft. Als Ersatz dieses dient im Felde die 
Kadi um uh r; deren Zeiger und die die Stunden bezeichnenden Punkte 
sind mit einer Leuchtfarbe bestrichen und leuchten im Dunkeln auf 
ziemlich weite Entfernung. Normale Augen erkennen die Zeichen im 
Dunkeln nur nach einigen Sekunden Anpassungszeit auf mindestens 
80—150 cm, Hemeralopen kommen auch nach längerer Anpassung nicht 
über 50 cm hinaus. Da die Leuchtkraft der einzelnen Uhren wechselt, 
wird man für jede das Maß an normalen Augen vorher festzustellen 
haben. Mit der Möglichkeit der Simulation oder mit suggestiver Ueber- 
tragung der Krankheitserscheinungen muß man rechnen. Die Hemeralopie 
stellt einen Erschöpfungszustand dar, Ruhe im Lazarett ist daher er¬ 
forderlich. 

Velhagen: Eine sehr wichtige Kriegsverletzung der Augen. 

Es handelt sich, wie au einer Reihe von Beispielen erläutert wird, um 
den Verlust eines Auges infolge indirekter Gewalt durch Fernwirkung 
eines das Orbitalskelett irgendwo treffenden Schusses aus einem klein- 
kalibrigen Gewehr. Es dürfte dabei durch die lebendige Wucht des 
Geschosses beim Aufschlagen eine Sprengwirkung ausgeübt werden. Wird 
also die knöcherne Wandung der Augenhöhle irgendwo getroffen, bo muß 
eine augenblickliche Kaumbeengung des Inhalts dieses eintreten und der 
Bulbus nach vorn geschleudert werden. Dabei Zerreißen im Innern des 
Augapfels, der nicht genügend ausweichen kann, unter anderm Blutgefäße, 
Netzhaut, Aderhaut. 

Kurt Lossen (Frankfurt a. M.): Ein Beitrag zur rationellen 
Behandlung von Hautabschürfnngen und Verbrennungen zweiten 
Grads. Nässende Hautabschürfungen und geöffnete Brandblasen behandle 
inan durch Aufstreuen von Tannoform. Es entsteht dabei ein auf der 
Unterlage fest und trocken haftender Schorf, der diesen bald vor 
mechanischen Insulten schützt, sodaß ein Verband nach 1 bis 2 Tagen 
fort «Hassen werden kann; nur muß der Schorf die ersten Tage vor 
Feuchtigkeit geschützt werden. 

B. Heile (Wiesbaden): Zur chirurgischen Behandlung der 
durch Schußverletzung hervorgernfenen Mundsperre. Ist der dis¬ 
lozierende Kieferteil fest in seiner falschen Stellung fixiert, so muß er 
vor Anlegung der Schiene und vor der Extension mobilisiert werden. 
Das geschieht durch einen einfachen operativen Eingriff, der genau be¬ 
st“!) rieben wird. Immer aber muß danach eine energische und lang- 
dauernde Nachbehandlung mit Distraktionsraanövern einsetzen, in Form 
eines Holzkeils oder auseinanderzusperrenden Kieferspatels oder noch 
besser mit Hilfe der Dauerdistraktionsschiene oder schiefen Ebene des 
modernen Zahnarztes. 

Siebert (München): Ueber Feldaborte. Man stellt einen Sitz 
quer über den Graben, sodaß Besucher gezwungen ist, sich in die Mitte 
über den Graben zu setzen. Die Möglichkeit, daß durch die Sitzstange 
eine Verschleppung geschieht, läßt sich dadurch erheblich vermindern, 
daß man bei der Sitzgelegenheit wohl die Stange zum Anlehnen des 
Kückens durchgehend macht, aber die Sitzstange in der Mitte auf 15 bis 
o() cm unterbricht, sodaß der Harn die Stange nicht verunreinigen kann. 
Will man ein einfaches Häuschen über dem Abort errichten, so muß es 
an seiner Hinterwand eine Ausbuchtung in Form eines Entenschnabels 
erhalten, um jede Verunreinigung durch spritzenden Kot hintanzuhalten. 
Solche Häuschen lassen sich durch Haken, wo die Tragebalken eingehakt 
werden, leicht tragbar machen. 

Schneidt und Seitzinger: 14 000 km mit dem bayerischen 
Hilfslazarettzug Nr. 2. (Erfahrungen and praktische Winke.) Aus¬ 
führliche Beschreibung aller Einrichtungen des Zuges. Die Verfasser 
stehen auf dem Standpunkte, daß im fahrenden Zuge nur in dringendsten 
Füllen operiert werden solle, also bei Blutungen aus arteriellen Gefäßen, 
bei Gefahr des Erstickungstods, Glottisödem (Luftröhrenschnitt). Aber 
auch hei Blutungen aus großen arteriellen Gefäßen operieren sie nur dann, 
und zwar unter Bevorzugung der rascheren Methode, der Arterienligatur 
in der Wunde, wenn es nicht möglich sein sollte, den Patienten mit an¬ 
gelegter elastischer Binde innerhalb zweier Stunden einer Klinik zu über¬ 
geben. Bauchoperationen und Amputationen im fahrenden Zuge vorzu- 
nehmen, liegt nicht im Interesse der Kranken. Der Lazarettzug hat 
stets Gelegenheit, einen derartigen, der Operation bedürftigen Patienten 
rechtzeitig im Feindesland einem Kriegs- oder Etappenlazarett, im Hei¬ 
matland einem größeren Krankenhause zu übergeben. Zur Vornahme einer 


größeren Operation den Zug längere Zeit halten zu lassen, ist unstatt¬ 
haft. Das liegt auch nicht im Interesse der übrigen Schwerverwundeten. 
da diese so rasch wie möglich der Heimat zugeführt werden sollen. Es 
werden übrigens nur solche Verwundeten aufgenommen, die voraussicht¬ 
lich einen zweitägigen Bahntransport ohne Schaden und ohne größeren 
operativen Eingriff ertragen können. Frischoperierte dürften nicht einer 
mindestens 48stündigen Fahrt auszusetzen sein. Die Verfasser warnen 
besonders davor, erst wenige Tage alte Brust- und Bauchschüsse in den 
Zug aufzunehmen, weil dabei leicht frische Blutungen auftreten, die mir 
durch größere Eingriffe gestillt werden können. Da während ihrer Er¬ 
fahrungen bei zu rasch fahrendem Zuge die Sekretion der Wunden be¬ 
deutend gesteigert, Tetanus schon in wenigen Stunden sehr rasch ver¬ 
schlimmert wird, sehen die Verfasser streng darauf, daß der beladene 
Zug die vorgesehriebene Fahrtgeschwindigkeit von 30 km nicht über¬ 
schreitet und daß sich das Bremspersonal (der Zug wird durch Haml- 
breraser bedient) stets auf der Plattform und nicht im Wageninnem anf- 
hält. F. Bruck. 


Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr, 7 ü, 8. 


Nr. 7. W. Trendelenburg: Ein neues Verfahren zur Raum- 
messnng an stereoskopischen Aufnahmen, insbesondere an Röntgen- 
Aufnahmen. 

O. Buiwid und L. Arzt: Ueber Choleraschatzimpfung. Wie¬ 
viel Prozent der Geimpften von der Krankheit überhaupt nicht befallen 
werden, diese Frage ist zurzeit naturgemäß nicht zu lösen. Ueber die 
Gestaltung des Krankheitsverlaufs und den Ausgang der Erkrankung hei 
den Geimpften liegen aber heute schon Erfahrungen vor und sic zeigen 
einen weitgehenden, günstigen Einfluß in bezug auf Morbidität und Mor¬ 
talität. Auch Impfungen in der sogenannten „negativen“ Phase oder 
selbst bei bereits im Beginne der Erkrankung stehenden Individuen, die 
keine schwereren klinischen Erscheinungen von Cholera zeigen, scheinen 
keinerlei besonders nachteilige Folgen zu haben. 

H. Hinterstoisser: Ueber die Behandlung des Wundstarr¬ 
krampfs. Zusamraenfassende Uebersicht. 

G. Engel inann: Einige technische Behelfe znr Behandhrog 
von Schnßfraktnren der unteren Extremität. Empfehlung einer sehr 
zweckmäßigen Feldextensionsschiene für den Transport und einer Reifen¬ 
bahre des Verfassers. 


! 


Nr. 8. K Walko: Ueber kombinierte Infektionen mit epidemi¬ 
schen Krankheiten. Es gibt kaum Infektionen, die sich nicht miteinander 
▼erfragen; die häufigsten Kombinationen sind die von Cholera, Typhus 
und Ruhr. Per Ausgang der Doppelinfektionen ist durchaus nicht immer 
tödlich, bei gleichzeitiger Erkrankung öfters sogar günstiger als hei zeit¬ 
lich aufeinanderfolgenden Prozessen. Bestimmend für Verlauf und Aus¬ 
gang ist nicht die Schwere der Infektion, sondern hauptsächlich der 
Kräftezustand des Patienten vor der Erkrankung. Daff Bild auch eines 
schweren Typhus wird bei Hinzutreten einer Cholera von dieser voll¬ 
kommen beherrscht. Die Tj-phuscontinua zeigt dabei Abstürze von 
3 bis 4°. Auffällig häufig sind Darmblutungen beim Iliuzutreten der 
Cholera zum Typhus. Gesunde Vibrionenträger sind für Typhus beson¬ 
ders disponiert. Nur die bakteriologische Gesamtuntersuchmig < 1 ^ er 
Kranken aller Spitalsabteilungen macht den Hausinfektionen ein Ende. 

(Schluß folgt.) 


E. Weil und W. Spät: Die Bedeutung der Widalschea Be* 
aktion für die Diagnose des Flecktyphus. Bei manchen Abdominal- 
typhen treten die Hautveränderungen so in den Vordergrund, daß man 
einen Flecktyphus vor sich zu haben glaubt. Die serologische l ater- 
Buchung allein führt hier auf den richtigen Weg; wenn die WidaDche 
Reaktion durch die Typhusschutzirapfung an Beweiskraft verliert, vir 
die bakteriologische Untersuchung des Bluts die Diagnose sichern müssen 
P. Kirsch bäum: Znr Technik der Schutzimpfung 
Typhus. Zur Vermeidung der Impfstörungen werden vor allem größere 
— mindestens zweiwöchige — Pausen zwischen den einzelnen Impfungcs 
empfohlen. 


II. Eggorth: Ceber die Behandlung des Typhus «todomlnalfs 
mit Typhnsvacclne. Intravenöse Injektion von 0,5 bis 1 ccro Jv * 

redkascher Typhusvaccine in die Cubitalvene. Bei 38 von IS L* j- n 
wurde ein geradezu verblüffender Effekt beobachtet. Sechs bis zebn 
Stunden nach der durch die Injektion bedingten Temperaturerhöhum, *- 
durchweg dauernde kritische Entfieberung und bedeutende Besserung e 
cerebralen Erscheinungen. Am besten reagierten die Fälle in den ers cd 
zwei Krankheitswochen. Die wenigen Fälle, die nicht reagierten. ' va ^ r 
durchwegs Kranke der vierten bis fünften Krankheitswoelie mit soll wer*. 
Lungenkomplikationen. Die beobachteten beiden Todesfälle t-r.itcn 11 
Stunden nach der Einspritzung ein. Mi' 1 ' 1 ' 


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14. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


315 


Wiener medizinische Wochenschrift 191 5, Nr. 7 u. 8 . 

Nr.7. St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Beobachtungen Uber 
jUttkrankheiten im Kriege. Das Verhältnis der hautkranken Soldaten 
zu den andern Kranken betrug 10:100. Hauptsächlich handelte es sich 
nm Schwielen* mit Rhagadenbildung an den Füßen, um Furunkulose, 
Pediculosis und Scabies und Verbrühungen. Ekzeme wurden auffallender 
Weise nur selten beobachtet und dann auch nur an schon früher ekzem¬ 
kranken Soldaten; auch „Schuhdruck u Verletzungen ereigneten sich selten, 
was mit dem guten Schuhwerke der österreichischen Armee in Zusammen¬ 
hang gebracht wird. (Schluß folgt.) 

St. Weidenfeld u. E. Pulay: Beitrag zur Pathologie der Er- 
frlerug* An den Er/ricrungssymptomen beteiligen sich die Knochen in 
form regressiver Veränderungen, die noch lange persistieren, wenn sich 
die Veränderungen an den Weichteilen schon zurückgebildet haben. Eine 
große Reihe von Geh- und Sensibilitfitsstörungen finden in diesen Tat¬ 
sachen ihre Erklärung. 

J. Zilz: Dte zahnärztliche Tätigkeit im Kriege. Daß der Zahn¬ 
arzt chirurgisch denken und handeln und ein bedeutendes Talent als Im¬ 
provisator besitzen muß, soll er im Krieg Ersprießliches leisten können, 
zeigen die Fälle der mitgeteilten verschiedenen und eigenartigen Kiefer- 
verletzuugen. Fast allen Kieferverletzungen folgte ein recht schwerer 
Shock, der jedoch niemals nachteilige Folgen hatte. Fast bei allen Ver¬ 
letzungen durch Artilleriegeschosse traten Wundinfektionen auf, wodurch 
jeder Schuhkanal breit und tief freigelegt werden mußte. Die häufige Ver¬ 
unreinigung der Wunden mit Erde, Pferdemisfc usw. macht die prophy¬ 
laktische Anwendung von Tetanusserum in großem Umfang erforderlich. 

Nr.8. St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Beobachtungen über j 
Hutkrantheiten im Kriege. In Fortsetzung des in der vorigen Nummer i 
Berichteten sei erwähnt, daß es sich hei den meisten Erkrankungen der ] 
Soldaten nur um banale Hauterkrankungeu handelte, die sich von den 
Haoterkrankungen im Frieden nur durch die Massenhaftigkeit ihres Auf- | 
tretens unterschieden. Eine Zeitlang wurde ein gehäuftes Auftreten von : 
Alopecia areata an Soldaten aus verschiedenen Gegenden und Truppen- j 
körpern beobachtet, was die Annahme einer Infektionskrankheit wahr- | 
scheinlicb macht. Die Ekzeme w r urden am häufigsten infolge chemischer j 
und physikalischer Reize beobachtet. Der größte Teil der Geschlechts- | 
krankheiten war während der Mobilisierung akquiriert. ! 

R. RezniSek; Leber die Verletzungen der peripheren Nerven * 
ia Krieg und deren Behandlung. Die Prognose erscheint nicht un- j 
günstig. Was die chirurgische Behandlung betrifft, so ist auch nach j 
Monaten die Zeit für die Vornahme einer Nervennaht oder Neurolysis 
Dicht verpaßt. In den ersten Wochen soll man zuwarten, selbst wenn 
jede Erholung ausbleibt, wenn nur die Erregbarkeit der Muskulatur nicht 1 
»inkt; es bessern sich bis zur fast vollkommenen Heilung auch Fülle, wo j 
die elektrische Untersuchung komplette EaR ergibt. Misch. , 


The Journal of the American Medical Association, Bd. 63 , 
Heft 24 , 25, 26 , 

Heft 24. Martin E. Rehfuss imd Philip B. Hawk: Gastro- 
Utf&tUale Stadien. Direkte Anschanlichmachung der Sekretion 
riaes Magensafts von konstanter Sänrekonzentration beim Menschen. 

Luter Wiedergabe der Experimente in kurzen Notizen mit Kurven be¬ 
weisen die Verfasser, daß im menschlichen Magen ein Magensaft von 
konstanter Acidität produziert wird und daß bei pathologischen Abwei¬ 
chungen diese häufig von subjektiven Symptomen begleitet sind. 

William M. Spitzer: Continuierliche schmerzlose Nieren- 
blntuDg “ad deren Behandlung. Erfahrungen an acht derartigen 
Eillcu. Es handelt sich um eine Folge passiver Nierenkongestion, die 
verursacht ist durch eine Behinderung des Blutabflusses bei zu kurzem 
ttiel, Die Blutung ist keine Folge von Nephritis, wenngleich bei an¬ 
dauernd fort bestehender Blutung es Vorkommen kann, daß sich patholo- 
gibdie Zeichen einer chronischen interstitiellen Nephritis entwickeln. Ein 
operativer Eingriff ist nur indiziert bei zunehmender sekundärer Anämie, 
eine Spaltung der Niere ist kontraindiziert. 

Eugen Füller: Extraperitoneale Blasenruptur und deren 
culrirgUche Behandlung. Operative Methode mit genauen Abbildungen. 

Walter G. Stern: Die drei Kardinalzeichen der Frakturen 
* iahe von Gelenken. Verfasser betont, daß in vielen Fällen das 
jewicht zu sehr auf das [crepitorische Geräusch gelegt wird, empfiehlt, 
ein besonderes Augenmerk auf den Druckschmerz zu legen, der als eiu- 
wges Symptom manchmal so heftig sei, daß Verfasser das Wort „Blei¬ 
stiftempfindlichkeit“ geprägt hat, das heißt, er setzt an der vermutlichen 
ruchstelle leicht einen Bleistift auf, dessen Druck selbst als schmerz- 
tfh empfunden wird. Bei Beachtung dieser Tatsache und der Schwellung 
llrl( »erfärbung sei ein Erzwingen des Crepitus überflüssig mul viele 


Frakturen wurden nicht verkannt. Die Arbeit ist mit einer Anzahl 
Röntgenbilder belegt, die häufig ialschdiagnostizierte Frakturen zeigen. 

J. H. Bl ach: Prophylaktische Impfung gegen epidemische 
Meningitis. In den meisten Fällen wird mit der prophylaktischen 
Impfung ein hoher Grad von Immunität bis zu zwei Jahren erreicht. 
Ausnahmen freilich kommen vor. Die Impfung dürfte sich als guter 
Schutz bei Meniugitisepidemieu empfehlen. 

Heft 25. Robert N. Wilson: Das Herz bei akuten Infektionen. 
Zusammen fassen de Darstellung der Herzkrankheiten und Erscheinungen 
bei akuten Infektionen mit Rücksicht auf Therapie und Prognose. 

Charles Metcalfe Byrnes: Die intradurale Anwendung 
mercuraiisierten Serums in der Behandlung der cerebrosplnalen 
Syphilis* Verfasser gibt dem mercuraiisierten Serum vor dem mit 
Salvarsan behandelten den Vorzug, da die Reaktion nicht so heftig sei wie 
bei letzterem und die Zellzahl in der Spinalflüssigkeit schneller abnehme. 
Auch sei das mercuralisierte Serum haltbarer, sodaß Hoffnung bestehe, daß 
es in Zukunft in Dauerpriiparaten in verschlossenen Ampullen hergestellt 
werden könne und so die ganze intraspinale Therapie vereinfacht werde. 

Edwin E. Hirsch: Eine morphologische und chemische 
Studie Über die doppelbrechenden Fette In den Nebennieren bei 
Delirium tremens* Durch mikroskopische und chemische Unter¬ 
suchung der Nebennieren an Delirium tremens Verstorbener wurde 
im Vergleiche mit den Nieren anderer plötzlich Verstorbener festgestellt, 
daß der riio]e>tn'iagehalt vermindert war. Daraus schließt Verfasser, 
daß irn Delirium tremens der ganze Körper von einer toxischen Substanz 
von noch unbekannter Zusammeiwtzung überschwemmt, ist und daß 
noch etwa» anderes als der Alkohol allein das Delirium verursacht, da 
ähnliche Dorische Sc hädigungen der Nebennieren beim chronischen Alko- 
holismiis nicht gefunden werden. 

•J. P. Hoguet: Beobachtungen über Kriegs Chirurgie in den 
ersten Wochen des Krieges. Verfasser gibt seine in französischen 
Lazaretten in diesem Kriege gemachten Erfahrungen, begleitet von guten 
Röntgenbildern. 

Homer K. Xicoll: Der Gebrauch von Äutistrcptokokken- 
sernm bei Arthritis chron. Verfasser lehnt auf Grund seiner Erfahrung 
unter augenblicklich erroiohbareu Bedingungen die Anwendung von Anti¬ 
streptokokkenserum bei Arthritis chron. als gefährlich ah. 

Heft 2G. Arthur L. Chute: Ein Wort fiir die ausgedehntere 
Operation bei Blasenkrebs. Verfasser empfiehlt, jederzeit bei Krebs¬ 
operationen an der Blase die Beckenlymphdrüsen einzubeziehen, da nur 
so ein Totalerfolg wie bei der Mammaexstirpation durch dio Achsel- 
driiseneiitfernung garantiert werden könne. 

P. G. Skillern: Verschiedene kleine Cysten der metncarpaleii 
Knochen nach einem Trauma und deren klinische Erkennung. 
Verfasser gibt die Geschichte zweier diesbezüglicher Fülle und schließt, 
daß Ivnoeheucysteu möglichst in den ersten Stadien vor Zerstörung des 
Markes erkannt werden müssen, da nur eine frühzeitige Operation 
Deformitäten und notwendig werdende ausgedehnte Knoehenplastiken ver¬ 
hindert. Auf lokalisiertes Trauma folgende anhaltende leichte Schmerzen, 
Druckempfindlichkeit sollten den Verdacht auf Kuochencyste anregen und 
die Diagnose sollte zeitig durch das Röntgenogramm gesichert werden. 

Kent Ne 1 sou: Betrachtungen der Erlahrungsresultate während 
siebennionatiger Syphilisbehnndlung mit Salvarsan. Verfasser zieht 
das Salvarsan wesentlich dem Neosalvarsan vor. Vier Salvarsaninjek- 
tionen in Vereinigung mit intensiver <)ueek.silberbehanrllung ergaben 
zweimal so viele negative Seruinreaktioneu als fünf Neosalvarsaninjek- 
tionen. Während mit Salvarsan 04% negative Serumreaktionen erreicht 
wurden, ergab Neosalvarsan nur 33,3. 

New York medical journal , 23. Januar und 6. Februar 1915 . 

23. Januar: G. Wythe Cook (Washington): Die Geschichte 
der medizinischen Ethik. 

L. Wo 1 har st (New York): Wie sollen wir erkennen, wann 
eine Gonorrhöe beim Manne geheilt ist? 1. Durch mikroskopische 
uud bakterielle Untersuchung des zentrifugierten Morgenharns, des Spül¬ 
wassers von der vorderen Urethra, des Ausflusses aus der Urethra, des 
aus der Prostata und den Vesiculae seminales herausmassierten Sekretes. 
2. Urethroskopischc Untersuchung. 3. Komplementäre Fixationsprobe. 
4. Hautreaktion und hypodermatische Injektion mit Gonokokkeiivaccine. 

G. Torrance (Birmingham, U. St.): Frühdiagnose und Opera¬ 
tion bei Gallensteinen. Torrance führt unter andern an, daß Mayo 
bei 4000 Fällen eine Mortalität von 2.75 % gehabt habe. 11 % aller 
Todesfälle seien vorgekommen bei Krebsfällen, bei unkomplizierten stellt 
sich die Zahl auf 0,5%. 

6. Februar: Oppenheimer und Gottlieb (New York): Die 
aktive Immunisierung bei Heufieber. Zuerst müssen die das Heu lieber 
hervnmthmden Pollonkörner irespekrive ihre Mutterpflanze; festge-tellt 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


werden. Dies geschieht durch Eintriiufeln eines Tropfens von schwachem 
Pollenextrakt von einer Reihe von Pflanzen in den Conjunctivalsack des 
an Heufieber Leidenden. Dasjenige Extrakt, das Schwellung und Rötung 
der Caruncula und der Schleimhaut zustande bringt, ist weglcitend für 
die Immunisierung. Aus den betreffenden Pollenkörnern wurde ein Präparat 
hergestellt, in Lösung gebracht und unter die Haut gespritzt. Die Re¬ 
sultate sollen sehr befriedigend sein. Die Methode bedarf weit eren Ausbaues. 

S. Neuhof (New York): Digitalistherapie. Die wohltätige Wir¬ 
kung der Digitalis hängt hauptsächlich ab von der Erzeugung vermehrter 
Contractionskraft des Herzmuskels. Das Auftreten einer geringen 
Arhythmie geht gewöhnlich Hand in Hand mit vollem klinischen Effekt 
der Droge. Bei empfindlichen Patienten kann der Brechreiz, das Brechen, 
bei Digitalisverabreichung verhindert werden durch gleichzeitig verab¬ 
reichtes Atropin, 0,0004 bis 0,0006 innerlich oder subcutan. Gisler. 

Zentralblatt für innere Medizin 1915 , Nr. 9 . 

W. Stern b erg: Vegetarische Küche und Fieischkttche. Die 

Lehre der Küche ergänzt die chemische und physikalische Betrachtung 
der Nahrung durch die sinnphysiologische und psychologische. 
Die Gegensätzlichkeit der beiden Küchen wird durch ein Schema er¬ 
läutert: Der Fleischküche eignet Leichtverdaulichkeit, größerer Nährwert 
hei geringerem mechanischen Reiz, größere Schmackhaftigkeit und 
Mannigfaltigkeit des Rohstoffs, aber das Sättigungsgefühl ist bei ihr 
schwieriger zu erreichen und sie widersteht leichter bei manchen Zu¬ 
ständen (Schwangerschaft, Magenkrebs). K. Bg. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915 » Nr. 9. 

A. Tietze: Zur Extraktion von Granatsplittern durch den 
Elektromagneten. Bei einem Falle von Granatverletzung des Hinter¬ 
hauptes ergab nach der Trepanation und Entfernung von Knochensplittern 
das Röntgenbild in der Tiefe von etwa 6 cm einen nicht tastbaren 
Granatsplitter. Es gelang, das 375 mg wiegende Eisenstückdien zwei 
Tage später herauszuziehen mittels eines von der Telegraphenabteilung 
hergestellten Elektromagneten, der von einem fahrbaren Dynamo und 
Benzolmotor gespeist wurde. K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie 1915, Nr. 9. 

F. Ebel er: Heber Menstruatlonsverhültnisse nach gynäkolo¬ 
gischen Operationen. (Schluß aus Nr. 8.) Bei acht Fällen von 
Alexander-Adamsscher Operation wurde die Menstruation kaum be¬ 
einflußt. Bei 21 Laparotomien wurden großo Unregelmäßigkeiten in 
allen Menstruationsstufen gefunden. Dagegen trat bei der Mehrzahl der 
19 Ovarienresektionen die erste Periode nach der Operation mit aus¬ 
gesprochener Verspätung ein. Die späteren Perioden folgten dann 
regelmäßig. Neben der Lindenthalschen Hypothese (der entfernte 
Eierstock enthält den reifenden Follikel) ist der Operationsskock als ver¬ 
zögernde Ursache anzunehmen. K. Bg. 


Bücherfoesprecliungen. 

Festschrift dem Eppendorfer Krankenhause zur Feier seines 
25jährigen Bestehens gewidmet, von den Oberärzten und 
leitenden Aerzten der Anstalt, uutor Redaktion von Prof. 
L. Brauer. Mit 49 Abbildungen im Text und einer farbigen Tafel 
Leipzig und Hamburg 1914, Leopold Voss, 290 Seiten. 

Das Eppendorfer Krankenhaus in Hamburg hat am 13. Juni 1914 
sein 25jähriges Bestehen gefeiert. In diesen 25 Jahren hat der Name 
Eppendorfer Krankenhaus einen guten Klang gewonnen, nicht nur in den 
enteren Grenzen der Heimat, sondern im ganzen Deutschen Reich und 
über dessen Grenzen hinaus, soweit überhaupt ärztliche Wissenschaft und 
Kunst gepflegt wird. Eine Anzahl Zeitschriften hat zu dieser Feier dem 
Eppendorfer Krankenhaus einen Festbani gewidmet: Virch. Arch., D. Z. 
f Nervhlk., Beitr. z. klin. Chir., Beitr. z. Klm. d. Tbc., Beitr. z. Klin. 
Infekt. Krkh. Diese Bände zeigen am besten, wie fruchtbar der 
Boden dieses Hauses für die Entwicklung wissenschaftlicher Kräfte ist. 
Eine Reihe größerer Werke ist dom Krankenhause zu seiner Feier zuge¬ 
eignet worden von Bier, Braun und Kümmcll, von Brauer, 
Schroeder und Blumenfeld, von Kümmell und Graff, von Much,’ 
Nonne, Wilbrand und Saenger, Gekler. 

In der mir vorliegenden Festschrift schließen sich diesen Arbeiten 
noch zahlreiche Veröffentlichungen an, deren Würdigung ich mir auf 
diesem engen Raume versagen muß. Dagegen möchte ich kurz auf den 
Teil des Bandes eingeheu, der sich mit der Entwicklung des Kranken¬ 
hauses und mit den Männern befaßt, die diese Entwicklung bestimmt 
haben. In den offenbar mit viel Liebe und Verständnis gezeichneten 
Lebensbildern von Eisenlohr, Schede, Glaeser, Kart, Lenhartz 


und vor allen Curschmann wird die Geschichte des Hauses uns zum 
persönlichen Erlebnisse. Wir sehen, wie das Krankenhaus mit der Zeit zu 
einem Komplex von Häusern auswächst, in denen eine großzügige Ver¬ 
waltung Arbeitsstätten errichtet nicht nur zur Befriedigung der unmittel¬ 
baren Erfordernisse eines Krankenhausbetriebs, sondern zur Erforschung 
der zahlreichen schwierigen Probleme ärztlicher Wissenschaft, die häufig 
mit der praktischen Heilkunde zunächst kaum in Zusammenhang zu stehen 
scheinen und doch die Grundlagen für alle Entwicklung ärztlicher Kunst 
bilden. So erfahren wir, daß im Verein mit einem neuen pathologischen 
Institut eine Abteilung für Serologie, für physiologische und klinische 
Chemie, daß eine Abteilung für experimentelle Diagnostik, für experimen¬ 
telle Chirurgie, ein physiologisches Laboratorium geplant oder schon ge¬ 
schaffen sind. Institute für Krebs- und Tuberkuloseforschung, für PUz- 
forschung, für die Erforschung der Pathologie der Haut, der Nerven¬ 
krankheiten, ein Strahlenforschungsinstitut sind oder werden errichtet. 
Daß eine besondere Diätküche, eine Säuglingsabteilung, die letzten Er¬ 
rungenschaften der physikalischen Therapie, daß den täglichen Arbeitern 
in diesem großen Betriebe, den Aerzten und Schwestern, ein würdiges 
Heim geboten wird, erscheint in diesem Zusammenhänge selbstverständlich. 

So ist diese Festschrift weit mehr als ein Bericht über das 
25jährige Bestehen eiues Krankenhauses. Sie ist ein interessantes Zeugnis 
für die gewaltigen Fortschritte auf dem Gebiete der Medizin und Natur¬ 
wissenschaften und läßt auch den Laien ahnen, in welchem Maße die 
Forderungen an die Kenntnisse und Leistungen des Arztes gestiegen sind, 
sie ist aber auch ein Zeugnis von den hohen Ansprüchen, die hier der Arzt 
an sich selber gestellt hat, denn seiner Initiative sind doch alle diese für die 
Vertiefung unseres Wissens und den Ausbau unseres Könnens bestimmten 
Einrichtungen entsprungen; sie ist schließlich, das soll nicht vergessen 
werden, ein Zeugnis von dem weiten Blick und dem tatkräftigen Verständ¬ 
nisse der alten Hansestadt für die Forderungen der Gegenwart. Edens. 
R. Höher. Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe. 
4. neubearbeitete Auflage. Mit 75 Textfiguren. Leipzig und Berlin 
1914. Wilhelm Engelmann. 808 Seiten. 

Es genügt, auf die neue Auflage dieses wertvollen Buches, das 
zur Verbreitung der physikalischen Biochemie“ wesentlich beigetragen 
hat und beiträgt., hiuzuweison. Da die Aufgabe, die der Verfasser seinem 
Werke gesetzt hat, in der Ordnung, Zusammenfassung und Bewertung 
der Tatsachen und Anschauungen eines noch in voller Entwicklung be¬ 
griffenen Forschungszweiges besteht, so ist es verständlich, daß jede 
Neuauflage eine erhebliche Umarbeitung und Erweiterung erfordert. So 
auch die vorliegende, die besonders in der Lehre der Adsorption, der 
Kolloide und der Zellpermcabilitut erhebliche Erweiterungen gegenüber 
den früheren Auflagen bringt. Es erscheint sicher, daß zahlreiche 
Biologen und Mediziner dem Verfasser für die sachgemäße Einführung 
in die Lehren der physikalischen Chemie und die Kenntnis der zahl¬ 
reichen wichtigen Probleme, an deren Lösung physikalische Chemie und 
Biologie gemeinsam interessiert sind und zu deren Beantwortung beide 
Disziplinen gemeinsam berufen sind, dankbar sein werden. Waltber Lob. 

Lobedank, Das Wesen des menschlichen Geisteslebens und das 
Problem der Strafe. Halle a. S. 1914. C. Marhold. 89 S. M. 2,10. 

Der Verfasser wirft die Frage auf, ob bei Beurteilung des Wesens 
und Zweckes der Strafe der „Indeterminist“ oder der „Determinist“ im 
Rechte sei; eine Frage, deren Kernpunkt nach ihm in der Stellungnahme zur 
Abhängigkeit des Seelenlebens vom Gehirne zu suchen ist. Er selbst hat zu 
den Beziehungen zwischen Geistigem und Materiellem schon früher in 
der Abhandlung „Das Problem der Seele und der Willensfreiheit“ (Berlin, 
J. Guitentag, 1911) in einem sowohl die Wechselwirkungstheorie wie die 
Theorie des psychophysischen Parallelismus usw. ausschließenden Sinne 
Stellung genommen. Er bekämpft auch den reinen Spiritualismus ufld 
Materialismus, sowie die Energielehre Ostwalds, die er als einen ver¬ 
geblichen Versuch bezeichnet, die Welt durch ein einziges Prinzip zu 
erklären. Im übrigen steht er auf entschieden deterministischem Stand¬ 
punkt und wünscht diesem auch für die künftige Gestaltung des Straf¬ 
rechts wie für die Praxis des Strafvollzugs größere Geltung zu ver¬ 
schaffen, hält daher auch die (von Köhler geforderte) grundsätzliche 
Scheidung zwischen Straf- und Sicherungsmaßnahmen für unhaltbar. 
Schuld- und Sühnetheorie muß vielmehr allmählich durch die Sicherungs* 
theorio verdrängt und ersetzt werden, auf Grund deren einerseits gegen 
die Unverbesserlichen rücksichtslos verfahren werden muß (selbst auf dem 
Wege dauernder Unschädlichmachung) —, während anderseits (den ein¬ 
malig Fehlenden usw. gegenüber) vielfach Milde geübt werden kann. 
Lobe dank fordert vor allem auch bessere berufliche Vorbildung des 
Strafrichters, für den eingehendes Wissen von der Menschennatur un¬ 
erläßlich sei, der nicht mehr nur Jurist sein dürfe, sondern sozusagen 
eine neue Berufsklasse bilde, für die die als Kriminalbiologie neuerding» 
zusammengefaßten Wissenschaften ein selbstverständliches Erfordernis 
seien. A. Eulenburg (Berlin). 


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14 Marz. 


1915 — MEDTZTNTROHE KLTNIK — Nr. 11. 


317 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse**, Redigiert von Priv - Doz. Dr. Anton Bum, Wien . 


E. k. Gesellschaft der Aerzte ln Wien. 

Sitzung vom 5. März 1915. 


ln der letzten Sitzung hatte J.v. Hochenegg au! Grund 
seines Vortrages und der sich anschließenden Diskussion Schlu߬ 
sätze als Grundlage für eine von der Gesellschaft zu fassende 
Resolution über die Prothesenfrage vorgelegt. Das zur Formu¬ 
lierung der Resolution eingesetzte Komitee empfahl folgende 
Fassung derselben, weiche auch angenommen wurde: 

„Um das nach dem Kriege unvermeidliche Krüppelelend in 
sozialer, moralischer und materieller Beziehung auf ein möglichst 
geringes Maß einzuschränketi, muß dio Fürsorge für die Kriegsinvaliden 
schon beizeiten in geordnete Bahnen gelenkt werden. Aus diesem 
Grande hat die K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien folgende 
Kundgebung beschlossen: 

I. Es ist im allgemeinen nicht zweckmäßig, wenn Invalide 
mit amputierten Gliedmaßen frühzeitig Dauerersatzglieder erhalten; 
sie sollen vielmehr zuerst nur mit Kotersatzstücken, sogenannten 
provisorischen oder Immediatprothesen, beteilt werden. Die Dauer¬ 
ersatzstücke oder definitiven Prothesen sollen ihnen erst einige Zeit 
nach der Heilung beigestellt werden. Denn: 

1. sind die Amputationsstiimpfe anfangs noch Veränderungen 
der Form unterworfen, so daß Dauerersatzstücke in kurzer Zeit nicht 
mehr passen und unverwendbar werden würden; 

2. sollen die Invaliden vor der Verwendung von Dauerersatz¬ 
stücken in eigenen Einarmigen- und Invalidenschulen im Gebrauche 
ihrer erhalten gebliebenen Gliedmaßen vervollkommnet und arbeits¬ 
fähig gemacht werden; 

3. steht zu erwarten, daß durch die Bestrebungen der neu¬ 
errichteten Werkstätten für künstliche Glieder in absehbarer Zeit 
bessere und vollkommenere Ersatzstücke erzeugt werden können, als 
jetzt möglich ist und 

4. fehlt es gegenwärtig an Zeit, Arbeitskräften und Arbeits¬ 
material, um die Dauerprothesen in der nötigen Vollkommenheit 
hersteilen zu können. 

II. Weiters wäre es zwecks Verhütung von Zersplitterung 
wünschenswert, recht bald bei der Heeresverwaltung eine mit Sammel¬ 
tätigkeit nicht beschäftigte Zentralstelle zu schaffen, die alle bisnun 
auf die Kriegsinvalidenfürsorge bedachten Vereinigungen unseres 
Vaterlandes zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufassen oder wenig¬ 
stens in Fühlung zueinander zu bringen hätte. Dieselbe Stelle 
könnte auch unter ständiger Mitwirkung berufener ärztlicher Fach- j 
leute die Richtlinien für die Behandlung aller einschlägigen Fragen 


, Rodor zeigt eine Extension s Vorrichtung für Oberarm- 
fräkmren, welche er im Jahre 1885 angegeben hat. Sie besteht 
aas zwei parallel liegenden, übereinander verschieblichen Schienen, 
welche durch ein um Knöpfe laufendes Gummiband auseiuander- 
gezogen werden und so die Frakturstücke distendieren. Eine zweite 
osung der Extensionsschiene wäre mit Hilfe des Parallelogramms 
mit beweglichen Ecken möglich. Durch einen elastischen Schlauch 
, e en zwei gegenüberliegende Ecken einander genähert und da- 
arch Wlr( * die Längsachse des Parallelogramms verlängert. 

tmm V^ eD dem . onstri «rt ein objektives Symptom der Myo- 
l j, ’ v zwei . SoMatefl yor, welche an partieller Myotonie 
«rhJu ui a ^ s ob i ektivres Symptom die Reaktion des myotoni- 
!L . * ke s a . u * den galvanischen Strom angegeben. Vortr. ver¬ 
ruß ZQm ob i ektiven Nachweise der Myotonie den Umstand, 
g ■ ?! n “Ironischer Muskel auf mechanische Reize leichter an- 
iLm , , em normaler; beim Beklopfen desselben tritt oft ein 
tritt- -u aU *' Per ! kutiert man die kurze Muskulatur des Daumens, 
tr nur e .* ne Muskelzuckung, sondern auch eine länger 
Mnsknia! j 1 ^aktion der Muskulatur auf. Beklopft man die 
zieh™ d t- 08 ^ es ^ tes ’ 80 bekommt man ein tetanisches Vor¬ 
bei Rektion am Daumenballen kommt nicht 

tonUrh • vor ’ das Gesichtsphänomen ist konstant. Der myo- 
Alle \iJy? eDde Muskel ist nicht immer der Sitz der Myotonie, 
das hJ 5 0n li e u we * cbe Vortr. untersucht hat, waren pbthisisch; 
erhöht« p r ^ ^ulose Körper entstehende Toxin dürfte die 
der Muskulatur bedingen. Auch die beiden 
Fieberh«® 611 * ae sind Phthisiker, denn der eine Pat. hat geringe 
Reaktion e fI 1D ^ en, der andere hat eine positive Pirquetsche 
Bereit« a * 2we ‘ te Pat. zeigt die myotonische Reaktion im 
eicüe der Augenmuskulatur. 

letiBalen e v US& v m stelit mebrere Soldaten mit Schußver- 
J — ® Nerven aus dem Reservespital Nr. 3 vor und 
Röntgenaufnahmen. Bisher hat er auf seiner 


Abteilung 24 Nervenverletzungen beobachtet, von welchen 8 ope¬ 
riert wurden, 2 werden in nächster Zeit operiert werden, 2 haben 
die Operation verweigert. Die Fälle sind folgende: 1. Schußfraktur 
des rechten Oberarmes mit starker Kallusbildung und Radialis- 
lähmung; bei konservativer Behandlung entschiedene Besserung. 

2. Radialislähmung ohne Entartungsreaktion; da im Laufe von 
3 Monaten keine Besserung eingetreten ist, ist die Indikation zur 
Operation gegeben, diese ist aber jetzt noch nicht möglich, weil 
an der Frakturstelle noch eine sezernierende Fistel vorhanden ist. 

3. und 4. Aehnliche Fälle mit kompletter Entartungsreaktion, die 
Operation wird ausgeführt werden, sobald die Fistel geschlossen 
ist. 5. Radialislähmung mit Entartungsreaktion; vor einem Monat 
Auslösung des Radialis aus Kallusmassen und Naht des fast ganz 
durchschossenen Nerven. Jetzt ist die Sensibilität normal, nur die 

| Schmerzempfindung ist herabgesetzt, Pat. kann die Finger strecken 
i und den Daumen abduzieren, die Bewegungen im Handgelenk 
sind noch eingeschränkt. Die Muskeln reagieren gut auf elektrische 
Reizang. 6. Parese des linken Plexus brachial is infolge Schuß- 
Verletzung, galvanische Erregbarkeit mit Ausnahme des Radialis 
vorhanden. Da eine zweimonatliche Behandlung keine Besserung 
brachte, wurde vor D/a Monaten die Neurolyse vorgenommen, eine 
Besserung hat sich bereits eingestellt. 7. Rechtsseitige Plexus¬ 
lähmung, Neurolyse aus dem Kallus, weitgehende Besserung, nur 
der Radialis funktioniert noch nicht. Im Falle 8 wurde zweimal 
operiert, da Pat. links eine Schulterverletzung, rechts einen Durch¬ 
schuß durch den Oberarm hatte. Es trat erst spät eine Besserung 
ein. Die Pat. mit Radialislähmung tragen die von Spitzy ange¬ 
gebene Bandage, welche sich in allen Fällen sehr gut bewährt hat. 
Bei der Neurolyse wurde in einem Fall zur Umhüllung des Nerven 
Peritoneum vom Bruchsacke eines anderen Pat. mit gutem Resul¬ 
tat verwendet, man kann es auch zu Sehnenscheidenplastiken 
benützen. Man muß Fälle mit vollständiger Durchtrennung der 
Nerven von solchen mit Einbettung der Nerven in Narbenmassen 
unterscheiden. Bei reinen Durchschüssen soll man möglichst bald 
operieren. Gerade die reinen Fälle, wo man sofort operieren könnte, 
bedürfen jedoch häufig nicht der Operation, weil sie leichter Natur 
sind; dagegen verbietet sich bei schweren Fällen oft die Operation, 
weil man auf die Heilung von sezernierenden Fisteln warten muß. 

J. v. Wagner bemerkt, daß man durch neurologische Untersuchung 
nicht immer mit Bestimmtheit entscheiden kann, ob eine Durchtrennung 
des Nerven vorliegt. Die Sensibilitätsstörung gibt nicht eindeutige Resul¬ 
tate. Für die Durchtrennung spricht das Fehlen eiuer Reaktion. Bei 
Armnerven kann man sich mit der Palpation behelfen, da sie derselben 
leicht zugänglich sind. Besonders der Radialis kann au! dem Oberarm 
weit verfolgt werden; man kann feststellen, ob er über einen Kallus 
verläuft oder in ihm verschwindet. Ebenso kann man das Auftreten der 
exzentrischen Sensation beim Druck auf den Nerven zur Diagnose be¬ 
nützen. 

M. Benedikt weist darauf hin, daß die Entartungsreaktion an 
der Peripherie für die Funktionsstörung nicht maßgebend ist, da die 
Funktionen eines motorischen Nerven von dessen Leitungsfähigkeit ab- 
hängen und nicht von seiner peripheren Reizbarkeit. Bei der Bleilähmung 
kommen Fälle von Heilung vor, wo die Leitung vollständig hergeßtellt, 
die elektrische Reaktion aber noch lange Zeit verloren ist oder über¬ 
haupt nicht wiederkehrt. Wenn man oberhalb der Verletzung reizt und 
dabei im peripheren Gebiet unterhalb der Verletzung eine Reaktion 
hervorrufen kann, so ist damit das Vorhandensein einer Leitung auch 
bei momentan fühlender Leitungsfähigkeit gegeben. Bei schweren trau¬ 
matischen Lähmungen ist es in der Regel unnütz, in der ersten Zeit zu 
behandeln; Redner hat sehr oft erst nach 6 Monaten begonnen und auch 
dann, wenn sich in kurzer Zeit keine Spur von Besserung einstellte, 
noch weiter zugewartet. H. 


Kriegschirurgische Abende in Budapest. 

Sitzungen im Dezember 1914. 

S. v. Gerlöczy: Ueber Flecktyphus. Anläßlich der Fleck¬ 
typhusepidemie in den Jahren 1908 und 1910 beobachtete er im 
St. Gerhardt-Infektionsspital 500 Fälle. Fälle mit 40,7 0 C Tempe¬ 
ratur oder darüber heilen nicht mehr. Die jetzt herrschende 
Epidemie bietet schlechtere Prognose, weil die Infektion sehr er¬ 
schöpfte Personen, vom Schlachtfelde angekommene Soldaten be¬ 
trifft. Groß ist die Gefahr der Ansteckung. Im Jahre 1908 fand 
er unter 203 behandelten Flecktyphuskranken bei mit der Behand¬ 
lung und Wartung betrautem Personal eine Erkrankung eines 
Arztes, zehn bei Wärterinnen, eine bei einer Badefrau, zwei bei 


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UNIVERSUM OF IOWA 



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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 


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Spitalsdienern und eine bei einem mit der Desinfektion betrauten 
Individuum. Den Läusen glaubt er bei der Verbreitung der In¬ 
fektion keine allzu große Wichtigkeit zuschreiben zu sollen. 

R. Bälins: Es ist zweifellos erwiesen, daß die Kleiderlaus die 
Krankheit auf Affen übertragen kann, doch auch die Infektion durch un¬ 
mittelbare Berührung kommt in Betracht. Isolierungsspitaler sind nicht 
an der Peripherie des Landes, woher die Kranken aus strategischen 
Gründen noch vor Ablauf der Isolierungsfrist wegtransportiert werden, 
sondern im Zentrum mit einer Isolierungsfrist von 14 Tagen zu errichten. 

C. Preis ich: Der Flecktyphus ist nach seinem Dafürhalton eine 
septißche Krankheit. 

E. v. Rottenbiller: lieber Nachblutungen in der Mund- 
Chirurgie. Er lobt das Koagulen von Kocher-Fonio, das er 
schon längst bei Nachblutungen nach Zahnextraktionen erprobt 
hat. Gegen die gesteigerte Speichelproduktion bei Kieferverletzun¬ 
gen empfiehlt er Darreichung von 1 / 2 —2°/i>lg'er Eumydrinlösung, 
stündlich 20—30 Tropfen. Mundhöhleninfektionen heilen bei An¬ 
wendungeiner doppeltschwefelsauren Chininlösung oder von letzterem 
Mittel 0,30 g zweimal täglich pro os. Zur Desinfektion der Mund¬ 
höhle bewähren sich an der stomatologischen Klinik: 1°/ O o Chlor¬ 
wasser, 5°/ 0 Wasserstoffsuperoxyd, Formamiat-Tabletten. 

A. Fischer: Behandlung der Sehädelschiisse. Bisher 
galt als Satz, daß bei perforierenden Schüssen eine zu wartend 
konservative Behandlung, bei tangentialen Schüssen jedoch der 
aktive Eingriff am Platze sei. In 2 Fällen von perforierenden 
Schädelschüssen mußte er dennoch umgreifen. Beide waren in der 
Gegend des Stirnlappens und boten unerträgliche Kopfschmerzen, 
Schwindel, eigentümliche Benommenheit des Sensoriums und geringe 
Temperatursteigerung dar. Bei der Freilegung der Ein- und Aus¬ 
schußöffnung fand er eingekeilte Knochensplitter und die llirn- 
substanz zerstört, ja seihst geringen Eiter. Am besten wird die 
Ein- und Ausschußöffnung einfach erweitert, weil die Hirnläsion 
lokalisiert ist und so auch die Nachbehandlung einfacher wird. 
Tangentialschüsse beobachtete er vier; in einem interessanten Fall 
war die Dura unverletzt, trotzdem entstand durch Vermittlung 
der eitrig infizierten Venen der Diplot 1 im linken Scheitellappen 
ein Abszeß, der heftige Anfälle von Rindenepilepsic auslöste, die 
nach Freilegung des Abszesses wohl ausblieben, doch ist der Pat. 
noch immer sehr somnolent. 

A. v. Sarbö: lieber Nervenshok durch Schrapnell* und 
Granatexplosionen. Es gibt Fälle, wo die Symptome seitens des 
Nervensystems ohne sichtbare äußere Verletzung durch die infolge 
des Luftdruckes entstandene Erschütterung ausgelöst werden. Der 
Explosionsdruck kann durch Hirnblutung wirken und Tod herbei¬ 
führen, andrerseits nur momentane Gleichgewichtsstörung hervor- 
rufen. In einem Fall beobachtete er bewußtloses Zusammenstürzen, 
später Gehörsabnahme, Sausen, Schwindel; in einem anderen 
Gehörsabnahme und Vagussymptome, wie »rhythmische, frequente 
Herztätigkeit, aussetzenden Puls, durch doppelseitige Rekurrens¬ 
lähmung bedingte Aphonie und lokalisiert den Sitz des Leidens 
im verlängerten Mark, das durch die Explosionserschütterung in 
das Foramen magnum eingekeilt wird: andrerseits werden durch 
den gesteigerten Liquordruck im vierten Ventrikel die Akustikus- 
kerne und der Vagus gelähmt. Die eingetretene Besserung in 
beiden Fällen bestätigte die Diagnose. Häufiger kommt unter Ein¬ 
wirkung des Explosionsdruckes bewußtloses Zusammenstürzen mit 
nachträglicher Amnesie und Sprachstörungen, spastische Läh¬ 
mungen der Extremitäten der einen oder anderen Seite, außerdem 
geringer Nystagmus bei der Seitenfixation, geringe^ Fazialis- oder 
Hypoglossusparese auf der Seite der gelähmten Lxtiemität mit 
distalwärts zunehmender Sensibilitätsstörung auf letzterer vor. Zu 
Beginn Symptome des Gehirndruckes: Erbrechen, Bradykardie. 
Hierbei hat er stets Perkussionsempfindliehkeit des Felsenbeins 
auf der den gelähmten Extremitäten entgegengesetztem Seite kon¬ 
statieren können, was auf den Sitz des Leidens deutet. Er nimmt 
in solchen Fällen mikroorganische Läsionen, die aus mikro¬ 
skopischen Lageveränderungen, Blutungen und Kontusionen be¬ 
stehen können, an, die zwischen den molekularen Abweichungen 
von Charcot und den organischen Läsionen stehen und mit der 
Hysterie nichts gemein haben. Die Prognose dieser Fälle ist gut. 
Die einschlägigen leichten Fälle werden fälschlich oft für Simula¬ 
tion gehalten, die schweren vielsymptomigen Fälle für Hysterie. 
Er tritt für die Annahme mikroorganischer Läsionen ein, wodurch 
der Begriff der traumatischen Neurose, mit dem wir zu Friedens¬ 
zeiten freigebig sind, eingeschränkt wird. 

P. v. Kuzmik: lieber Nervenverletzungen, ln vollständige 
Lähmung darbiet enden Fällen braucht der Nerv in seiner Konti¬ 


nuität nicht unterbrochen zu sein, es kann die Lähmung auch 
durch einen Bluterguß oder Exsudat verursacht sein. Den lädierten 
Nerv muß man nicht sofort vereinigen, sondern vorher den Verlauf 
der meist gleichzeitig entstandenen Infektion und das Entstehen 
der definitiven Veränderung abwarten. Bei der operativ zu er¬ 
folgenden Vereinigung der Nerven erscheint es wichtig, das ganze 
NarbeDgewebe des Nerven zu exszindieren. Die Nervenvereinigung 
erfolgt durch perineurale Naht und durch die von Bruns emp¬ 
fohlenen, verschiedenen plastischen Verfahren. Der zu vereinigende 
Nerv ist gut zu isolieren, damit die Nervenwunde sich mit der 
Nachbarschaft nicht verwebt. Die Vereinigung wird gefördert durch 
ein auf den vernähten Nerven gelegtes Magnesiumröhrchen, dureh 
eine paraffinierte Kalbsarterie oder durch ein dem Kranken Irisch 
entnommenes Venenstück. 

G. v. Lobmeyer: Einiges über Tetanus. Aufgabe der 
Heiluug ist: 1. Das Tetanusgift zu neutralisieren. Dies wird er¬ 
reicht durch die Antitoxinbehandlung und durch Schaffung mög¬ 
lichst einfacher Wundverhältnisse. 2. Den toxischen Reiz abzu¬ 
stumpfen. Geschieht durch Narkotika, doch nur in viel größeren 
Gaben wirksam, als bisher benützt. 3. Die Ernähruüg des P&t. 
Hierbei sah er von der nouestens empfohlenen Gastrostomie gut« 
Erfolg. Bei Uebergreifen der Lähmung auf Atmungsmuskulatur und 
Zwerchfell wirkt nur die künstliche Atmung nach bilateraler 
Phrenikusdurchschneidung. Der kleinste Eingriff, selbst die Punk¬ 
tion vermag Krampfanfälle auszulöson, deshalb stets vorheriger 
hochgradiger Morphiumdämmerschlaf. 

M. Paunz: Kriegsverletzungen der Nebenhöhlen dw 
Gesichtes. Am häufigsten sind verletzt — wegen oberflächlicher 
Lagerung: Die Stirnhöhle, die Kieferhöhle und die vorderen Sieb¬ 
beinhöhlen. Die Diagnose ist leicht, weil der Schußkanal orientiert 
und das Röntgenbild die mit Blut gefüllte dunklere Höhle, die 
Frakturierung der knöchernen Wand, die in die Höhle gelangten 
Knochensplitter, eventuell das eingekeilte Geschoß anzeigt. Im 
Falle eiternder äußerer Fistelbildung kann auch sondiert werden. 
Die Therapie geschieht nach allgemeinen chirurgischen Regeln- 
Reine, aseptische Verletzungen werden verbunden und in Rune 
gelassen. In Fisteln fühlbare Knochensplitter können entfernt 
werden; schließt sich trotzdem die eiternde Fistel nicht, so müssen 
wir mit den usuellen Radikaleingriffen die Höhle eröffnen und 
nach Entfernung der Knochensplitter und der eiternden Schleim¬ 
haut gegen die Nasenhöhle eine breite Abflußöffnung bereiten. 

Th. v. Mutschenbac h er: lieber Hoden schlisse. Auf Grund 
von zehn beobachteten Fällen teilt er sie in die Haut nicht pene¬ 
trierende sogenannte subkutane, in penetrierende sogenannte per- 
kutane und in die Haut zerreißende, mit Vorfall der zertrümmerten 
Hodenteile einhergehende Schußverletzungen. Bei subkutanen ge 
niigt die konservative Therapie: nur in Fällen von rasch zunehmen¬ 
den Hämatomen muß operativ vorgegangen werden. Penetrierende 
Schußprojektile werden nach Aufsaugung des Blutergusses mb 
Lokalanästhesie entfernt. Bei die Haut zerreißenden und mit 
fall der zertrümmerten Hodenteile einhergehenden Schußyerlet2nngw 
beeinflußt der Zustand der Hoden den aktiven Eingriff, im 
i intakter Albuginea werden wir den luxierten Hoden r ®P on l / 
Die verletzte Albuginea ist zu vernähen, weil sonst die 
dieselbe hervorquellenden Hodenkanälchen rasch absterben, 
orebitiseho Hoden pflegt gleich dem enkephalitischen Hirn i S 
des zunehmenden inneren Druckes in immer größerem tm wg 
zu prolabioren, welcher Prozeß nur durch Zugrundegellen 
licher Hodenkanälchen zum Stillstand gelangt, da das 
gewebe zu Infektion stark disponiert. Ist außer Hodenvene «e 
auch die Harnröhre verletzt, so wird ein Dauerkatheter app 
Bei zertrümmerten Hoden und drohender Phlegmone ist me 
stration am Platz. Sonst soll man aber stets konserva vr 
gehen, da die Möglichkeit einer inneren Sekretion der Hoaen » 
steht und die in Verlust gegangenen Hoden auf.die Psy 0 * 10 P 
mierend einwirken. Selbst bei stumpfer Ge waltein Wirkung 
es infolge Blutungen im Inhalt der Hoden zu Bindegewe 
diekungen und konsekutiver Atrophie des Hodengewebes, 
Zeugungsfähigkeit vernichtet. Noch mehr gilt dies bei 
quellung der llodensubstanz und nachträglicher Eintrocknu g^ 
selben. Wiederholte Spermauntersuchungen ergaben ^ el “f r , r ,jj f 
Verlust der Samenfädchen im Sekret. Zur Zeugung sind aa g 
hodenverletzten Individuen unfähig. 


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VwtriHC»rpibe des Zentralkomitees fiir <las ärztliche Fort- 
bildvngswesen in Preußen. 

Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates. 

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Bier (Berlin): Prophylaxe des Kriegskrüppel turas vom 
fhir*fgi8ehen Standpunkte. Um eine gute Behandlung durch- 
züfßhTeo, ist die Röntgenuntersuchung unbedingt erforderlich. Bei 
Operationen soll man von der lokalen Anästhesie absehen und iu 
Narkose operieren, da die Dauer der Eingriffe zumeist lang ist, 
der Knochen gewöhnlich beteiligt ist und die narbig veränderten 
Gewebe große Empfindlichkeit zeigen. Stets muß der Entfernung 
der Geschosse die Tiefenbestimmung vorausgehen. Möglichste 
Schonung der verletzten Glieder ist zu empfehlen. Nur schwere 
Infektion oder Gangrän darf als Indikation für die Amputation 
gelten. Verbände sollen nicht zu häufig gewechselt werden, da fast 
immer der Verbandwechsel mit Fieberanfällen verbunden ist. Nie- 
mais die Wunden spülen, keine Antiseptika anwenden; feuchte 
Verbände sind zuweilen zweckmäßig, aber nur ungefährliche Lö¬ 
sungen, auch nicht einmal essigsaure Tonerdelösung. Die Opera¬ 
tion bei Nervenverletzung soll man frühzeitig vornehmen, freilich 
erst nach Heilung der Eiterung, weil die Operationswunde per 
primam intentionem heilen muß. Bei Anschwellungen soll man 
stets an ein Aneurysma denken und dio Pat. der technisch 
schwierigen Operation nur unterziehen, wenn man chirurgisch ge¬ 
schult ist. Spätabszesse im Schädel sollen schnell operiert werden. 
Bei Anwesenheit von kleinsten Knochensplittern im Gehirn kommt 
es zur Jackson sehen Epilepsie. Bei Rückenmarksschüssen so viel 
wie möglich operieren. Man findet zuweilen eine einfache Kom¬ 
pression des Rückenmarks, die sich leicht beseitigen läßt. Bei 
Bauchschüssen sieht man oft noch spät Abszesse. Die Verkürzun- 
gan an den Gliedmaßen bei Frakturen können unter allen Um¬ 
ständen durch die mit dem Röntgenverfahren kontrollierte Be¬ 
handlung vermieden werden, auch wenn die Verwundeten erst 
nach 10—12 Tagen in das Lazarett kommen. Die Massage wird 
am besten durch die Hand des Arztes ausgefübrt. 

Lange (München): Prophylaxe des Kriegskrüppeltums 
to» orthopädischen Standpunkte. Die Orthopädie ist vor un¬ 
geheuer große Aufgaben durch diesen Krieg gestellt worden. 
Wegen der vortrefflichen Aseptik und der großen Fortschritte der 
Chirurgie ist das KrOppeltum ein viel zahlreicheres, da viele 
Glieder erhalten bleiben, die früher amputiert, werden mußten, 
r- : Der Transport ist sehr wichtig. Man muß häufig improvisieren, 

weil die bequemen Lazarettzüge bei großen Truppenverschiebungen 
immer benatzt werden können. Bewährt haben sich die Zelt- 
: bahnen, die wie Hängematten in den Lastautomobilen angebracht j 

werden; auch die Militärtragbahren sind brauchbar, wenn man 
mehrfache Gurte für die Beine und den Rücken anbringt. Beson¬ 
dere Beachtung beansprucht die Oberschenkelfraktur, für die eine 
gute Polsterung mit Filzbinde und ein am Sitzbein gefensterter 
und mit Watfepolster unverschieblich gemachter Gipsverband, 
Mtor starker Extension angelegt, das beste Mittel ist. Aber die 
wt fehlt hierfür im Felde gewöhnlich. Man muß sich daher mit 
•Schienen behelfen. Solche Schienen werden aus Pappe und Band- 
weo, mit mehrfachen Gurten fixierbar, fiir alle Verletzungen an- 
pferfigt, und zwar hauptsächlich in Cambray und Lille, wo 
iranziisisches Material dafür verwendet wird und andauernd be- | 
HYia/jigfc W Arbeiter kaum den Bedarf liefern können. Es scheint, 

8ö d/e französischen Aerzte neuerdings die Methode der Schienen- 
madlung für den erste n Verband und Transport nachgemaeht 
wea. Wenn eine offene Wunde vorhanden ist, soll man in den 
jjpsverband ein oder mehrere Fenster schneiden, deren Rand man 
m Bohnerwachs gegen das Eindringen von Eiter in die Gips- 
wfochten abdichten kann. Zur Nachbehandlung ist neben der 
örteren Hand des Arztes doch die maschinelle Behandlung nicht 
p gehren. Die einfachsten Vorrichtungen genügen oft. Auch 
, iapparate s * D d se ^ r nützlich. Eine vortreffliche Einrichtung 
r Lockerung von Gelenksteifigkeiten hat ein Assistent L.s an- 
^geoen, wobei der Pat selbst durch Anziehung eines Fadens die 
•, Schienen ruhenden Teile, die durch zwei mit einem 

rerbundene Stangen verschiebbar sind , einander langsam 


un¬ 


wesentlichste ist hierbei, daß die Sehnen äußerst empfindliche 
Gebilde sind, die weder langen Druck, noch Blutungen oder auch 
nur uuzartes An fassen mit Pinzetten vertragen, und daß sic nicht 
in eigentlichen Sehnenscheiden liegen, sondern mit einem Gleit¬ 
schutz versehen sind, der aus Fett, lockerem Bindegewebe, aber 
auch an einzelnen Stellen aus mit Flüssigkeit gefüllten Räumen 
besteht. Diese Vorrichtungen muß man bei der Sehnenverpüanzung 
genau beachten, wenn man Erfolg haben will, und auf diesen 
Untersuchungen beruht auch die vom Vortr. angegebene neue 
Methode der Sehnenschcidenauswechslung im Gegensatz zu der 
tendinösen Methode (Verpflanzung von Sehne auf Sehne) und der 
Langeschen periostalen Verpflanzung. Andreisehr gut geheilten 
Fällen aus der Kinderpraxis zeigt B. den Erfolg seines Ver¬ 
fahrens. In einem nach dem Kriege erscheinenden Werke wer¬ 
den die sehr bemerkenswerten Versuche über den Zug der Muskeln 
an den Gliedmaßen im einzelnen und in ihrem Zusammenwirken 
niedergelegt werden. 

Nagelschmidt (Berlin): Vorstellung einer Reihe von 
Offizieren und Mannschaften, bei denen durch elektrische Be¬ 
handlung der Wundverlauf und die Heilung von Kallusbeschwer¬ 
den glänzend beeinflußt wurden. Fisteln und Eiterungen werden 
schnell durch Bestrahlung mit der Quarzlampe beseitigt, auch 
Dermatosen heilen gut bei dieser Behandlung und auch bei der 
Bestrahlung mit Röntgenlicht. Auch Radium und Thorium X 
sollen in dieser Beziehung wirksam sein. Besonders wirksam ist 
aber die Diathermie, durch die die harten Kallusmassen aufge¬ 
löst werden, wodurch die Beseitigung der oft unerträglichen 
Neuralgien erzielt wird. Parästhesien werden mit dem Kondensator 
behandelt und Muskelerkrankungen mit rhythmischer Elektrizität, 
die eine ungleich stärkere Stromerzeugung gestattet als die ge¬ 
wöhnlichen elektrischen Apparate. Die Diathermie ist auch ver¬ 
wendbar, um bei Knochenfrakturen eine schnelle Kallusbildung zu 
ermöglichen, da der Strom zu einer starken Wärmeentwicklung in 
den behandelten Teilen führt. 

Helbing (Berlin): Ueber Pseudarthrosen und die Nach¬ 
behandlung von Frakturen. Psoudarthrosen sind im Kriege 
selten, weil die starke Knochenspitterung und die stets vorhandene 
Infektion kallusbefördernd wirken und bei der Jugend der Soldaten 
allgemeine Ursachen für die schlechte Knochenheilung fortfallen. 
Einspritzung von Alkohol, Jodtinktur, Osmiumsäuro, auch von 
frischem Blut in die Narbentnasse wird empfohlen und schließlich 
die Operation nötig werden, für die es viele Methoden gibt. Ent¬ 
weder wird nach der Anfrischung der Knochenenden eine Naht 
angelegt oder es wird eine lebendige oder aus totem Material her¬ 
gestellte Brücke eingepflanzt. Die Infolge sind häufig gute. In 
bezug auf die Nachbehandlung der Frakturen ergeben sich im 
Kriege wesentliche Abweichungen von den Erfahrungen des 
Friedens, weil die Knochenbriiche der Verwundeten fast immer 
mit langdauernden Eiterungen aus den Weichteilwunden verbunden 
sind. Man soll daher die Kranken lange liegen lassen. Auch ge¬ 
heilte Frakturen sind noch, wenn ohne Verband gelassen, ge¬ 
fährdet, z. B. die Schenkelhalsfraktur nach neun, die Unter - 
schenkelfraktur nach sechs und diejenige des Oberschenkels noch 
nach acht Wochen. Besonders die Gelenke und Sehnen der oberen 
Extremität neigen sehr zur Versteifung, wenn nicht frühzeitig Be¬ 
wegungen gemacht werden, am besten durch dauerndes Ballen 
und Rollen eines Zeitungsbausches. Die Fraktur der oberen Ex¬ 
tremität heilt bei den starken Eiterungen unter gewöhnlicher 
Exlension stets mit erheblicher Verkürzung. Als das beste Ver¬ 
fahren zur Vermeidung der Verkürzung, das auch hei bereits ein¬ 
getretener schlechter Heilungnoch nach vorheriger Osteotomie oder 
Osteoklase wirksam ist, gilt das Hackenbruchsehe Verfahren 
der Eingipsung von verstellbaren Eisenklammern. 


t . t t wvi nuJ • Sebnenbehandlung. Auf Grund eigener 

f m s . ejfle/n Assistenten Meyer gemeinschaftlich vorgenommener 
■rsüchungen gibt der Vortr. eine sehr interessante Schilderung 
. j. SIO J 0 &sohen und anatomischen Verhältnisse der Sehnen und 
ez/ennngen zu Muskel fund anliegendem Gewebe. Das 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den off, Verlustlisten. 

1. Tot: 

A.-A. d. Res. Dr. Siegfried G rienauer, D.-R. Nr. 15 (Liste Nr. 137). 

2. Verwundet: 

A.-A.-St. Dr. Wilhelm K iss, T.-J.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 127). 

V. Kriegsgefangen: 

A.-A. d. Res. Dr. Silvius Fortuna, I.-R. Nr. 97 (Liste Nr. 129). 
A.-A. Dr. Rudolf Suchanek, I.-R. Nr. 98 (Liste Nr. 13u). 

R.-A. Dr. Ernst K raus, Lst.-I.-R. Nr. 3 (Liste Nr. 132). 


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1915 — MFmZTNTSOHF, KLINIK — Nr. 11. 


14. März. 


A.-A.-St. Dr. Emil Marschall, F.-J.-B. Nr. 21 (Liste Nr. 183). 

A.-A. Dr. Zsigmond Weisz, u. Lst-*Etapp.-B. Nr. III/31 (Liste 
Nr. 134). 

A.-A. Dr. Otto Freund, Lst.-I.-R. Nr. 13 (Moskau — Liste 
Nr. 135). 

O.-A. Dr. Adolf Kofranyi, Lst.-I.-R. Nr. 13 (Petropawlowsk, Ru߬ 
land — Liste Nr. 135). 

A.-A.-St. Dr. Sigmund Maurer, F.-J.-B. Nr. 18 (Tomsk, Rußland 
- Liste Nr. 135). 

R.-A. Dr. Emil Kutschera, R.-A.-Div. Nr. 2 (Liste Nr. 136). 

* * 

* 

Am 5. März ist der Sekundararzt des Wiener Allgemeinen 
Krankenhauses Dr. 0. A. Leszlenyi in Ausübung seiner Feld¬ 
dienstpflicht gestorben. — Im Res.-Spital zu (Jjverbas ist der 
Assistent der Wiener Allg. Poliklinik Dr. Heinrich Sprinzeis 
einer im Felde akquirierten Typhuserkrankung zum Opfer ge¬ 
fallen. — Im Interniertenlager Thalerhof-Kalsdorf ist der Bezirks¬ 
arzt Dr. Emil Mayr einer Flecktyphusinfektion erlegen. — Ehre 
ihrem Andenken. _ 

(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und 
aufopferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung 
vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. Dr. L. Szyjkowski, Kom¬ 
mandanten des Feldspitals Nr. 2/11, das Offizierskreuz des 
Franz Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, 
den 0.-St.-Ae. II. Kl. DDr. F. v. Zhuber beim 4. Armee-Etappen- 
Kommando, E. Friedlieber, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/6, 
den St.-Ae. DDr. J. Kan der, Kommand. der K.-Div.-San.-A. 
Nr. 6, A. Melzer des F.-K.-R. Nr. 26, A. Meller, Kommand. des 
Deutschen Ordens-Vereins-Sp. Nr. 4, F. Ballner des Armee- 
Etapp.-Kmdo., M. Sertic, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 2/13, 
den R.-Ae. DDr. W. Kfiz des F.-J.-B. Nr. 6, W. Spät des mob. 
Epidemie-Laboratoriums Nr. 5, dem R.-A. d. Res. Dr. L. Läufer 
des I.-R. Nr. 60, dem R.-A. i. P. Dr. L. v. Podsonski des Res.-Sp. 
in Bielitz und dem Lst.-A.-A. Dr. A. Gottlieb des u. L.-I.-R. 
Nr. 27 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des 
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. Dr. G. Styblik, Kommand. des 
Feld-Sp. Nr. 4/14, G. Schnopfhagen des F.-J.-B. Nr. 1, A. Ga- 
zarek, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 6/6, L. Janeöek des 
mob. Res.-Sp. Nr. 4/6, dem R.-A. d. Res. Dr. J. Jirkowsky des | 
L.-I.-R. Nr. 10, Lst.-R.-A. Dr. M. Schramek der I.-Div.-San.-A. 
Nr. 24, O.-A, S. Mizsey der mob. Krankenstation Nr. 2/6, Lst.-0.-A. 
J. Pdter des Feld-Sp. Nr. 5/2, A.-A. d. Res. A. Somweber des 
2. R. der T.-K.-J., den A.-A.-St. d. R. DDr. L. Land an des I.-R. 
Nr. 55, T. Fajdiga des I.-R. Nr. 58, Z. Epstein des L.-I.-R. 
Nr. 5 und den Lst.-A.-Ae. DDr. J. Klein beim 4. Armee« 
Etapp.-Komdo., A. Saxl der I.-Div.-San.-A. Nr. 11 das Goldene 
Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Taplerkeitsmedaille 
verliehen, dem St.-A. Dr. R. Göbel des 4. R. der T.-K.-J., den 
R.-Ae. DDr. K. öemf des 17. Korpskmdo., F. Seidl des I.-Div.- 
San.-A. Nr. 11, G. Petri des I.-R. Nr. 2, V. Pilger des F.-J.-B. 
Nr. 14, K. Binder des U.-R. Nr. 3, R. Halle des I.-R. Nr. 96, 
J. Hackel der Brigade-San.-A. Nr. 11, dem R.-A. d. R. Dr. S. 
Korphof des L.-I.-R. Nr. 29, den R.-Ae. d. Ev. DDr. A. Neumann 
des L.-I.-R. Nr. 14, J. Koenig des L.-I.-R. Nr. 29, L.Tschur- 
tschenthaler des Ldsch.-R. Nr. III, den O.-Ae. Doktoren 
J. Kutschera des 1. R. der T.-K.-J., J. Adamek des F.-J.-B. 
Nr. 18, P. Skopik des D.-R. Nr. 12, den O.-Ae. d. Res. Doktoren 
A. Arnstein des I.-R. Nr. 55, J. Boratynski des I.-R. Nr. 95, 
J. Spörr des 1. R. der T.-K.-J., V. Bunzl des Ldsch.-R. Nr. III, 
A. Töpfer des I.-R. Nr. 14, den O.-Ae. d. Ev. DDr. A. Petrina 
und H. Peter ka des Lst.-I.-R. Nr. 2, den A.-A. d. Res. Doktoren 
J. Kaaserer des 2. R. der T.-K.-J., S. Schwarz des F.-K.-R. 
Nr. 42, M. Ogörek des I.-R. Nr. 55, M. Juda des I.-R. Nr. 95, 
E. v. Mautner des 1. R. der T.-K.-J., K. Isbert des 4. R. der 
T.-K.-J., J- Kaiplinger des F.-J.-B. Nr. 27, F. Kothny des U.-R. 
Nr. 3, B. Paul des F.-K.-R. Nr. 41, K. Schnur der Reitenden 
A -Div. Nr. 10, J. v. Elzenbäum des Ldsch.-R. Nr. II, T. Scoma- 
zoni des Ldsch.-R. Nr. III, A. Ganglbauer und L. Strauss des 
I-R. Nr. 14, L. Derschmidt des I.-R. Nr. 59, S. Menestrina des 
3 R. der T.-K.-J., H. Faschingbauer des Geb.-A.-R. Nr. 14, 
C Hauser des Garn.-Sp. Nr. 10 und dem Lst.-A.-A. Dr. M. Bo- 
binac des mob. Res.-Sp. Nr. 3/13 die a. h. belobende Anerkennung 
ausgesprochen worden. — O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Steiner und 
0 -St.-A. II. Kl. Prof. K. Biehl erhielten das Ehrenzeichen I. Kl. 
vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration. — Ernannt wurde 
zum Oberstabsarzt II. Kl. der St.-A. Prof. K. Biehl des 
Armee-Oberkommandos. — Im Landwehrärztlichen Offiziers¬ 
korps wurden ernannt zum Oberstabsarzt II. Kl. der St.-A. 
Dr. S. Fersten, Sanitätschef der 46. L.-I.-Div.; zura Stabs- 

- ~ „.„„W Eigentümer und Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und 

Herausgeber, » » Druck von GottJieb Gistel 


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arzt der Titular-St.-A. Dr. A. Cyppl des L.-Kmdo. Wien; 
zu Regimentsärzten die O.-Ae. DDr. S. Innosza-Borkowski 
des L.-I.-R. Nr. 35, M. Weiss und F. Fischer des L.-I.-R. 

Nr. 24; zu Assistenzärzten d. Res. 11 A.-A.-St.; zu Stabsärzten 
d. Ev. die R.-Ae. d. Ev. DDr. V. Malfer, R. Binder; zum 
Regimentsarzt d. Ev. der O.-A. d. Ev. Dr. F. Mayr; zu Oberärzten I 
d. Ev. die A.-Ae. d. Ev. DDr. J. Bader, E. Zielinski, H. Gold- 
berg, H. Gans; zu Regimentsärzten a. D. die O.-Ae. a.D. Doktoren ' 

J. Sklenarz, A. Prager, B. Neumann, A. Nikoloric,D. v.Hor- 
dynski, J. Stern, R. Hoff mann, J. Reichelt, J. J ellinek, 

G. Moch, A. Opluätil, A. Maly, E. Schick; zu Oberärztena.D. 
die A.-Ae. a. D. A. Fath, J. Mauer, A. Wolf, J. Goldberger, 

K. Bergmann, R. Kamprath, J. Standacher, E. Weitzmann, 

L. Krüger, F. Slabihoudek, W. Skörkowski, F. Katz, 

E. Tippelt; zu Landsturmregimentsärzten die Lst.-O.-Ae. Doktoren " 
A. Brzoräd, J. Finger, R. Hinze, 0. Lenhardt, A. Mayer, 

K. Neuraann, L. Pollak, D. Teliiaziö; zu Landsturinober¬ 
ärzten 54 Lst.-A.-Ae. — Ernannt wurden außer der Rangstour 
der St.-A. Dr. W. Michl, Kommandant des Garn.-Sp. Nr. 15, zum 
O.-St.-A. II. Kl., der R.-A. Dr. N. Nürnberger, Kommandant des 
Deutschen Ordens-Sp. Nr. III, zum St.-A. — Die St.-Ae. DDr. 

J. Sternschuss des I.-R. Nr. 101 und F. Hornisch des L-R. 

Nr. 7 sind in den Ruhestand versetzt worden. 

(Wiener Aerztekammer.) Am 2. März 1. J. hat die Haupt¬ 
versammlung der Wiener Aerztekammer stattgefunden, welche der 
Präsident Prof. Finger mit einem tief empfundenen Nachruf für s 
den verstorbenen ehemaligen Kammervizepräsidenten Regierungsrat 
Dr. Svetlin eröffnete. Nach Verkündigung von zwei Entscheidun¬ 
gen der k. k. n.-ö. Statthalterei, mit welchen zwei Ehrenratserkennt- 
nisse wegen Verjährung aufgehoben wurden, brachte der Vor¬ 
sitzende alle behördlichen Erlässe zur Verlesung, welche seit Be¬ 
ginn des Krieges im Zusammenhänge mit den durch die gegen¬ 
wärtigen Verhältnisse bedingten Fragen erflossen sind. Der 
Schriftführer Dr. Frey erstattete den Bericht über die Tätigkeit 
der Wiener Aerztekammer im Jahre 1914, Kassen direkter Doktor 
v. Hauschka den Bericht über den Jahresabschluß pro 1914. 
Dr. Gruss erstattete unter Beziehung auf die oben erwähnten 
Statthaltereientscheidungen ein ausführliches Referat über die Ver¬ 
jährung von der Disziplinargewalt der Aerztekammer unter¬ 
liegenden Tatbeständen. Auf Antrag des Referenten wurde der 
Beschluß gefaßt, au die k. k. n.-ö. Statthalterei wegen der rechts- 
irrtümlich erfolgten Aufhebung von Ehrenratserkenntnissen aus 
dem Titel der Verjährung Vorstellung zu erheben und die Zurück¬ 
nahme der oben erwähnten Statthaltereientscheidungen zu beau- 
tragen. Schließlich referierte Dr. Grün über die jüngste Judikatur 
des Verwaltungsgerichtshofes in der Frage der Zulässigkeit der 
Wanderpraxis. Im Sinne des Referentenantrages wurde be¬ 
schlossen, bei den kompetenten Stellen ein Verbot der Waader- 
Praxis zu erwirken. 

(Infektionskrankheiten.) In der Woche vom 14.—20.Fe¬ 
bruar waren in Oesterreich-Ungarn folgende Infektionserkrankungen 
zu verzeichnen: Cholera 1 Erkrankung (mit tödlichem Ausgangj 
in Ropa (Galizien), 25 (10) in Ungarn. Hiervon betrafen 5 (3) 
Personen, die vom nördlichen Kriegsschauplatz eingelangt sind, 
17 (4) in loco stationierte Militärpersonen und 3 (3) die einheimische 
Bevölkerung. — Blattern: In Wien 104 Fälle (hiervon 4 bei 
Militärpersonen), seit Kriegsbeginn in Wien 819 Fälle mit 172 Todes¬ 
fällen. Außerdem in Oesterreich 103 Blatternfälle. — Flecktyphus 
388 Erkrankungen, und zwar 4 Fälle in Wien, 31 Fälle in RabeD- 
stein (Bez. St. Pölten) und 1 Fall in Großau (Bez. Waidhofen 
Thaya) in Niederösterreich, 1 Fall in Linz, 22 Fälle in Freist* • 
40 Fälle in Kleinmünchen (Bez. Linz), 7 Fälle in Mauthauseoi * • 
Perg) und 11 Fälle in Marchtrenk (Bez. Wels) in OberÖsterrei < 
je 1 Fall in Graz und Köflach (Bez. Voitsberg), 16 Fälle in IM 
hof-Kalsdorf (Bez. Graz), 13 Fälle in Knittelfeld (Bez. Judenb°V 
31 Fälle in St. Michael (Bez. Leoben), 4 Fälle in Oberwolz (^ 
Murau) und 2 Fälle in Wurmberg (Bez. Pettau) in Steier . 
20 Fälle in Wofsberg in Kärnten, 5 Fälle in Prag, ^ ^ 

Budweis, je 1 Fall in Brüx und Platten (Bez. Komotau), l 0 ^ 
in Milowitz (Bez. Jungbunzlau) und Pernlesdorf (Bez. F 
sowie 4 Fälle in Josefstadt (Bez. Königinhof a. d. Elbe), 

1 Fall in Schönichel (Bez. Freistadt) in Schlesien un 
in Dalmatien. 

Sitzungs-Kalendarium. 

0 . /tv yiauk- 

Freitag, 19. März, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. 

gasse 8.) Hauptversammlung. _ _ _" 

Berlin. —Verantwortlicher Redakteur lür Österreich-Ungarn: Karl Urban, 

& Cie., Wien, ITT., Miinzgagpe 6. 


Original from 

UNiVERSiTY OF IOWA 








Nr. 12. 


Wien, 21. März 1915. 


XI. Jahrgang. 


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Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

Preftwor Dr. Kort Brandeftbug 

Berlin 


Verlag yon 

Urb«« Sl Schwaneaberf 

Wien 


INHALT: Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Karl Walko, Typhus abdominalis mit hämorrhagischer Diathese. 
Dr. IV. Burk. Die Behandlung infizierter Weichteilwunden. Dr. med. et jur. Franz Kirchberg, Die Aufgaben der medico-mechnnischen Nachbehandlung 
der Kriegsverletzungen und ihre Durchführbarkeit. Dr. W. Böcker, Die Behandlung der Gasphlegmone im Felde. — Abhandlungen: Prof. H. Hohl- 
wei'. Der Reststickstoff des Bluts unter physiologischen Bedingungen, sein Verhalten bei Nephritis, Urämie und Eklampsie, sowie seine Bedeutung 
für die Prüfung der Nierenfunktion. — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Dr. E. Adler, Ueber die Behandlung ruhrartiger 
Dirmerkranktmgen mit Papaverin und Jodtinktur. — Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft : Marine-Stabsarzt der Reserve 
Dr. Georg Felise nfeld, Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren (mit 4 Abbildungen). — Aärztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versiche¬ 
rungswesens: Dr. Hermann Engel, Gerichtlicher Schutz ärztlicher Gutachten. — Referatenteil: Sammelreferat: Stabsarzt Dr. Strauß, Strahlen- 
dterapie (Schluß aus Nr. 11». — Ans den neuesten Zeitschriften. — Therapeutische Notiz. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufe- und 
SUsdesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte. Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen. — Kleine Mitteilungen. 

Der Verla, beUlt rieh iat auteohürßUeht Recht der VervieVätHgunf und VerhreOtm§ der tm dieser Zetiedkrift mm Erscheinen felanpndan OrifinalbeUrd^ vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


' Aas dem k. und k. Reservespital in Brcka, Bosnien. 

Typhös abdominalis mit hämorrhagischer 
Diathese 

yon 

Prof. Df. Karl Walko, k. k. Landsturm-Oberarzt. 

Einem Reservespital des südlichen Kriegsschauplatzes 
fagefeiit, habe ich Gelegenheit, eine große Zahl von Typhus¬ 
tölleo während ihres ganzen Verlaufs zu verfolgen und die 
außerordentlich komplexe Natur der typhösen Erscheinungen 
zu beobachten. In der Mehrzahl der Fälle verlief der 
Typhus nicht unter dem gewöhnlichen Bilde der abdominellen 
form, sondern als proteusartige Erkrankung mit stets 
wechselnden Erscheinungsformen, die man unter normalen 
Jerhältnissen nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Zu 
diesen gehört der hämorrhagische Typhus mit dem 
Sjmptomcnkomplex der hämorrhagischen Diathese, der zu 
den größten Seltenheiten gehört. 

Dieie Form war schon den filteren Autoren, wie z. B. Griesinger, 
ironsseiö, bekannt ond wurde auch spfit^r einigemal beschrieben, 
^oikow batte unter 6500 Ffillen nur vier mit hämorrhagischer Diathese. 

■y rieh mann berichtete vor einigen Jahren in der M. m W. über 
einige Fade, bei denen sich schon im Beginne der Erkrankung ein 
^toorrWisrhes Eianthezn einstdlfe, darunter auch Ober einen Fall von 
JMeabildong _^rJgbäiDörihagiscben Inhalts. Auch Schottmüller , 
wßacbtetfl bei Fällen von hämorrhagischem Typhus teils kleinere ober- 
.jehe Bimorrhagien, teils größere subkutane Blutungen an den Ex- 
«lU i» n“ ( * er der Gelenke, selten auch intramuskuläre und 
- kalire Blotu ngen. Ausgedehnte Blutungen in der Maskulatur des 
_ rectas a bdomin/8 siad auch von v. Jaksch nnd Pichler beim 
J ?phüB mitgeteilt worden. 

Eine genauere Beschreibung der Fälle von hämor- 
f agischem Typhus hat nicht allein ein kasuistisches Inter- 
>S6 ' n ^° D ^ ern auc h einen prinzipiellen Wert für die Auf- 
n " se iner Pathogenese und hinsichtlich der Differential- 
“ Typhus exanthematicus. 

* , ße - ^ em 8 e hä u ft en Auftreten des hämorrhagischen 
JPms innerhalb von wenigen Wochen ergab sich vor allem 


besaßen. Anderseits zeigte der Typhus bei Soldaten des¬ 
selben Regiments, derselben Kompagnie zumeist einen un¬ 
gleichartigen Verlauf. Dies ist um so bemerkenswerter, als 
die Infektionsmöglichkeit im modernen Kriege sowohl durch 
Verunreinigung des Feldlagers, als namentlich durch die 
Verseuchung der Deckungen, der Schützengräben, in denen 
die Soldaten oft wochenlang auszuharren haben, eine sehr 
große ist. Anamnestisch habe ich wiederholt festgestellt, 
daß Soldaten oft 8 bis 14 Tage mit Fieber in den Deckungen 
aushielt en, ehe sie sich krank moldeten. Dabei ist die Tatsache 
von Bedeutung, daß der Typhusbacillus sich in feuchter Erde 
lange lebend erhält. Außerdem kommen in Serbien und Bosnien 
Doch die großen Mengen von Fliegen in Betracht, unter denen 
wir im Sommer sehr zu leiden hatten und deren Bedeutung 
als Infektionsüberträger auch in andern Kriegen, z. B. im 
Burenkriege, richtig erkannt wurde. Trotz dieser überaus 
günstigen Vorbedingungen für die Infektion in einer für 
diese besonders günstigen Zeit, dem Herbst, ist bisher die 
Zahl der Typhusfälle und der Todesfälle an Typhus in der 
südlichen Armee eine relativ geringe im Vergleiche zu den 
entsetzlichen Verlusten früherer Kriege und eine relativ 
sehr geringe im Verhältnisse zu den andern Erkrankungen 
und Verwundungen. Es spricht dies für eine zielbewußte 
Durchführung hygienischer Maßnahmen auch im Felde, und 
nicht zuletzt spielt auch die gute Verpflegung und Aus¬ 
rüstung unserer Soldaten eine große Rolle dabei. Ein 
gruppenweises Auftreten von hämorrhagischem 
Typbus konnte nicht beobachtet werden, es handelte 
sich durchweg um sporadische Fälle. Auch die ge¬ 
legentlichen Infektionen des Wärterpersonals, das ständig 
mit diesen Kranken beschäftigt war, zeigten stets ein 
anderes Verhalten, sodaß neben der besonderen Virulenz 
des Infektionserregers eine individuelle Disposition für 
das Auftreten des hämorrhagischen Charakters anzu¬ 
nehmen ist. 


In folgendem seien nun elf Fälle von hämorrhagischem 
VVO . CÜ0n erg ?° ßIC \TL,* liem i TyP bua und de Resultate unserer Beobachtung bis Endo 
ielle. am L d * bei . aw ? ,De gemeinsame Infektions- Number 1914, soweit diese in einem improvisierten Spitalc 
ndle. Wpnn W J kUDg u 1Qe I besonderen Typhusstammes I in Kriegszeiten eben möglich war, kurz beschrieben. 

^erster Inf oha ^ a . acb gruppenweise Auftreten I Ich möchte nicht unterlassen, hier herrorzubeben, daß durch die 

Dpi Gestionen in bestimmten Gegenden , Z. B. in „nennOdiiche Fürsorge des Spitalleiters, dos Stabsarztes Dr. Karl 
ecKUDgen am Drinaßusse, ferner am Crny Vreh in l Böhm, die Einrichtungen des Reservespitals in Brcka, das seit dem 
7I( ‘ D konstatieren konnten 80 rnnß die früher gestellte I 20 • August einen Beleg von durchschnittlich 1000 Kranken hatte, sowohl 
|ß doch vfirnnt .. zr _ u _I für die Krankenbehandlnng als für die Krankenuntersuchung in muster- 

wrbem iS? 1 l deüf da die Kranken mit hämor- m Woile getroffen “^den. 

ten I alfe verschiedenen Truppenkörpern an- Der erste Fall von Pelioma typhosum, der sur Beobachtung kam, 

UQQ Somit einen gemeinsamen Infektionsherd nicht I betraf den 34 jährigen Kanonier Joeip V., aufgenommen am 22. Sep- 

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UNIVERS1TY OF IOWA 





324 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21 Mürz. 


testier 1914; seit acht Tagen Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Kopf- und 
Gliederschmerzen, die so heftig waren, daß er mit der Diagnose Rheu¬ 
matismus dem Spitale zuging. Der Mann ist mittelgroß, kräftig, mager, 
an den Bauchdecken vereinzelte Roseolen, die Milz perkussorisch ver¬ 
größert, der Milztumor tastbar; Temperatur 39,5, Puls 90, kräftig, regel¬ 
mäßig, die Zunge trocken, borkig belegt, Stuhl fest, regelmäßig. In 
den nächsten Tagen nehmen die Kraukheitserscheinungen zu, der Kranke 
klagt namentlich über Hals- und Kopfschmerzen, allmählich entwickeln 
sich Benommenheit des Sensoriums, Schwerhörigkeit und Bronchial¬ 
katarrh, Febris continua zwischen 39 und 40° C, Pnls 90 bis 100, 
dikrofc. Die Nahrungsaufnahme ist sehr gering, sodaß der Kräftezustand 
rapid heruntergeht. Anfang Oktober ist das Sensorium vollständig be¬ 
nommen, der Kranke sehr unruhig, delirierend. Die Abmagerung nimmt 
stark zu, die Haut ist sehr blaß, dünn und trocken, reichliche Roseola, 
harter und großer Milztnmor, die Zunge trocken, mit blutigem Belag 
bedeckt, die Bronchitis beiderseits stark ausgebreitet Am 5. Oktober 
treten profuse-Blutungen aus Mund und Nase auf, die nur schwer 
stillbar sind, das Zahnfleisch geschwollen und aufgelockert, sodaß es bei 
jeder Reinigung des Mundes Bofort blutet. Stuhl fest. 

6. November. Der Kranke ist völlig bewußtlos, sehr unruhig, der 
Puls wird klein, unregelmäßig, schwer tastbar. Frequenz 120, Temperatur 
andauernd hochfebril. 

Auf wiederholte Digalon- und Campherinjektionen bessert sich vor¬ 
übergebend die H* rztätigkeit. Der Allgemeinznstand verschlechtert sich 
zusehends; öfter Nasenbluten tagsüber. Obstipation. Klistiere. 

8 November. Die bakteriologische Untersuchung des Bluts 
(Anreichenirg auf Riuderpallenröhrchen uud Aufstriche auf Conradi- 
D r i g al s k i platten), vorgonommen vom Epidemielaboratorium (Doz. Dr. R u s s 
und Dr. Folgenreich), ergab das Vorhandensein von Typhus¬ 
bacillen im Blute. 

9. November. Auf der ganzen Brust, desgleichen an den 
Armen und im Rücken traten plötzlich zahlreiche punktför¬ 
mige bis zweihellergroße dunkelblau gefärbte Hautblutungen 
auf. Temperatur hochfebril, Puls kaum tastbar, sehr uuregelmäßig. voll¬ 
ständige Bewußtlosigkeit, starke Blutungen ans Mund und Nase, 
Blutbrechen. Die Untersuchung des Urins ergibt das Vor¬ 
handensein von Eiweiß im Blute. 

10. November. Während der Nacht haben die Blutungen an Zahl 
und Ausdehnung am Oberkörper stark zugenommen, auch an 
den Extremitäten und vereinzelt im GesicLte, die Haut über der Brust 
und den Armen ist blauschwarz vorfärbt. Um 3 Uhr p. u. Exitus. 

Eine Obduktion konnte der Verhältnisse wegen nicht vorgenommen 
werden. 

Der überaus schwere und rasche Verlauf der Krank¬ 
heit zeigte nicht das Bild des Typhus abdominalis, sondern 
da9 einer schweren Sepsis und eine Unterscheidung der 
beiden nur auf Grund der klinischen Erscheinungen wäre 
selbst in Berücksichtigung des gleichzeitig gehäuften Auf¬ 
tretens von Typhus ohne bakteriologische Untersuchung un¬ 
möglich gewesen 1 ). i 

Der zweite Fall wurde 14 Tage später ins Spital auf- I 
genommen. 

Zugführer Stefan V., 24 Jahre alt, aufgenommen am 4. Ok¬ 
tober. Seit dem 30. September mit Fieber, Brustschmerzen und Husten 
krank. 

5. Oktober. Großer kräftiger Mann. Temperatur 39,7° C, Puls 108, 
beiderseitige Bronchitis. 

7. Oktober. In den abhängigen Partien des Thorax beiderseits 
reichlich feuchte Rasselgeräusche, stellenweise dichtes klingendes Rasseln 
mit stark verschärftem Atmen (bronchopneumonische Herde). 

8. Oktober. Temperatur hochfebril zw. 39 bis 40.5, PuIb 104. Pa¬ 
tient sehr unruhig, Delirien, am Abdomen einzelne Roseolen, Obsti¬ 
pation. 

10. Oktober. Febris continua, stärkere Roseola, Milz tum or. 

12. Oktober. Sensorium stark benommen, Delirien, Nahrungsauf¬ 
nahme sehr gering. 

Die schweren klinischen Erscheinungen dauern in den nächsten 
Tagen unvermindert an, die Herztätigkeit wird sichtlich schwächer. Puls 
120; Febris continua; zunehmende Heiserkeit, Husten, Nasenbluten, Ob¬ 
stipation. 

Am 22. Oktober tritt plötzlich stark apfelgroße Schwellung 
der Parotisgegend links, sowie eine handtellergroße Stelle ent¬ 
sprechend dem linken unteren Rippenbogen auf, welche, sich 
kissenartig vorwölbend, Fluktuation zeigt und den Anschein eines großen 
Abscesses erweckt, die Haut darüber heiß und gerötet; die Probepunk¬ 
tion ergab nur wenig seröse Flüssigkeit. Aehnliche aber kleinere Schwel¬ 
lungen zeigen sich in rascher Aufeinanderfolge in der Becken- und Kreuz¬ 
gegend sowie an mehreren Stellen des linken Oberschenkels, namentlich 
aber an jenen Hautpartien, die durch darunterliegende Knochenvorsprünge 

i) Di e bakteriologischen und serologischen Untersuchungen sind zum 
Teil von dem früher iu Bröko befindlichen Epidemielaboratorium (Regi¬ 
mentsarzt Dozent Dr. Rubs und Dr. Felsenreich), zum Teil vom Epi- 
rleniielaboratorium Nr. 3 in BC-lina (Dozent Dr. Wiosner, Dozent Dr. 
Erdheim und Kegimcntsarzt Dr. Schoppor) ausgeführt. 


einem stfirkeren Druck ausgesetzt sind. Die Hautgefäße zeigen eine 
gri-ße Labilität und die durch Streifen oder Reiben der Haut entstandene 
Rötung bleibt sehr lange bestehen. 

Am 23. Oktober früh waren die Schwellungen im Gesicht, 
an der Brust nsw. gänzlich geschwunden, an deren Stelle be¬ 
fanden sich aber in der ganzen Ausdehnung der früheren An¬ 
schwellungen ausgebreitete Hämorrhagien, von denen die an der 
Brust der Konfiguration eines Herpes zoster entsprachen. Pols 128, 
schwach 

24. Oktober. Die Widalsche Probe bis zu einer Verdün¬ 
nung von 1:200 komplett positiv. 

Im Urin Eiweiß stark positiv. Blutprobe positiv. 

Am 25. Oktober sind die früheren Hautblutungen stark zurück¬ 
gegangen, hiugc-gen zeigen sich neue solche au der Brnst, dem linken 
Ober- und Unterschenkel ohne Schwellung. 

26. Oktober. Der Kräftezustand in rapider Abnahme. Die At¬ 
mung beschleunigt, 46, die Stimme vollständig heiser, die Exhalationsluft 
aashaft stinkend. Blutig-eitriger Auswurf. Puls 140, unregelmäßig. 

Am 27. Oktober alle jene Stellen der Haut, an denen früher eine 
Schwellung bestand, zeigen neuerlich eine ödem&töse Schwellung, doch 
in geringerem Maß &1 b früher. 

Am 28. Oktober früh Exitus. 

Klinische Diagnose. Typhus abdominalis mit septischem Cha¬ 
rakter. Pelioma typhosum. Ulcera Laryngis, Bronchitis, Pneumonia lo* 
bularis. Parotitis sinistra. 

Die Obduktion am 28. Oktober (Dr. Felsenreich) ergab: Die 
linke Parotisgegend stark hervortretend. Ein Einschnitt daselbst ergibt 
im linken Massetorbauche starke Blutungen, ebenso in einer be¬ 
nachbarten Lymphdrttse, die Parotis selbst ist frei. Zwischen der nennten 
und zehnten linken Rippe entsprechend der Stelle der früheren Schwel¬ 
lung am linken Rippenbogen findet sich beim Einschnitte seröße Durch- 
tränkung nebst Hautblatnng, in noch größerem Aasmaße Hä¬ 
morrhagien in dor darunterliegenden Muskulatur. — Ferner 
besteht eine ödematöse Schwellung des Zungengrundes, des weichen 
Gaumens und der Uvula, daun eine nekrotisierende Entzündung des 
wahren und falschen linken Stimmbandes und Uebergreifen auf die Um¬ 
gebung in einem Ausmaße von 2 mal 3 cm, dann ein sich vorbereitender 
Durchbruch in den Recessns piriformis sinister. Lobulär pneumonische 
Herde in beiden Lungen, besonders im linken Unterlappen. Ausgebrei¬ 
tete flächenhafte H ftmorrhagien der ganzen Pleura, besonders 
in den abhängigen Partien. 

Vereinzelte Blutungen am Peritoneum, subaknter Milztnmor; ans¬ 
gebreitete Geschwüre bis Fünfkronenstückgröße in den unteren Ab¬ 
schnitten des Ileum, gereinigte Geschwüre mit unterminierten Rändern 
im Coecum, leichte hämorrhagische Nephritis, parenchymatöse Degene¬ 
ration der Organe, besonders des Herzens und der Milz. 

Diagnose: Typhus mit hämorrhagischer Diathese. 

In diesem Falle sprachen wohl die klinischen Symptome 
eindeutig für Typhus. Aber auch hier trat der septische 
Charakter in den Vordergrund Dieser kam, abgesehen von 
den schweren Allgemeinerscheinungen der hämorrhagischen 
Nephritis, durch das Verhalten der Haut zum Ausdruck, so 
durch das flüchtige purulente Oedem, bestehend in plötz¬ 
lich auftretenden und wieder rasch verschwindenden teigigen 
Schwellungen mit starker Rötung der darüber befindlichen 
Hautpartien mit hämorrhagischer Umwandlung; ferner Schwel¬ 
lungen der Haut in der Art eines Erythema exsudativum 
multiforme, alles Symptome, wie wir sie häufig als Begleit¬ 
erscheinung einer Sepsis und sehr selten eines Typhus 
finden. 

Ein durchaus anderes Bild bot folgender Fall: Infanterist StefanT., 
26 Jahre alt, aufgenommen am 23. Oktober 1914 in das Lagerspital. An¬ 
geblich schon seit drei Wochen mit Fieber krank; großer kräftiger Mann. 
Temperatur 39,7 o C, Puls 107, dikrot, leicht unterdrückbar. Magengegend 
und Bauch druckschmerzhaft, Roseola, sehr großer Milztumor, Heiserkeit, 
beiderseitige Bronchitis, Schwerhörigkeit, Delirien. Decubitus. Patient 
läßt Stuhl und Urin unter Bich. 

24. Oktober. Nasenbluten, desgleichen Zahnfleischblntnngen. 

An der Brust eine zirka handtellergroße, landkartenförmig aus¬ 
gebreitete Hanthämorrhagie, in deren Mitte sich 
Blasenbildungen befinden, die mit hellrotem Inhalte gef0 
sind. Auch am Bauch eine kleinere Hautblutung von zir J. a * r. 1 ! * 
kronensttickgröße mit hämorrhagischen Blasen. Der Decu di 
ad nates beiderseits zunehmend. Pnls zeitweilig inaequal. wid»» 
Probe positiv. . . . 

25. Oktober. Heute auch oberhalb der Symphyse eine “ ufelB -I 
förmige Hauthämorrhagie, in deren Mitte sich mehrere, 
serösblutigem Inhalte gefüllte Blasen befinden. Zanlre 
Durchfälle. Im Urin Eiweiß und Blut vorhanden. 

26. Oktober. Die Hämorrhagien zeigen der Umwandlang < 

| farbstoffs entsprechende F«irbenverändeningen: hellrot, dunkelrot, ’ 
braun und grünlich; die Blasen sind gesprungen, an deren Stellen 
1 Beläge. 


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21. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


M 5 


27. Oktober. Der Fall nimmt einen schweren Verlauf: Febril con- 
tiiroi livischen 89 bis 40,3, Pols 120, völlige Bewußtlosigkeit, große 
Unrahe, aphonische Stimme, im rechten Unterlappen beginnende 
Pneamonie. 

28. Oktober. Im rechtenHjpochondrinm neuerlich mehrere 
Bissen gelblichen Inhalts, welche sich samt der umgebenden 
Bant bis zum nächsten Tage hämorrhagisch umwandeln. Der 
Decabitns ad nates et ad sacrum weithin ausgebreitet. Puls über 100, 
schwach, etwas unregelmäßig. 

31. Oktober. Rapide Krftfteabnahme, zahlreiche Dnrchf&Ue, starker 
Tremor der Hände, Delirien, Pneumonie in beiden Unterlappen, Puls un¬ 
regelmäßig, kaum tastbar. 

1. November. Unter andauernden blutigen Durchfällen starb 
Patient nm 9 Uhr vormittags. 

Die Obduktion am 2.November (Dr. Bozi6kovi6), Einschnitte 
ia die Stellen der früheren Hantblntongen ergeben nur oberflächliche 
Hlmorrhagien mit seröser Durchtränkung des subcutanea Bindegewebes. 
Im Laryni einzelne Geschwüre, beiderseitige Unterlappenpneumonie, mit 
starkem fibrinösen Exsudat an der Oberfläche. Parenchymatöse Degene¬ 
ration des Herzens und der Milz. Sehr großer Milztumor. 

Anf der Oberfläche der Leber ausgebreitete fibrinOse Exsudation. 
Im ganzen üenm zahlreiche ovale, tiefgreifende Ulcera in Reinigung be¬ 
griffen, starke Schwellung der mesenterialen Lymphdrüsen. Beginnende 
hlmorrhagische Nephritis. 

Diagnose: Typhös abdominalis. 

Dem vorstehenden ziemlich ähnlich verliet folgender 
Fall, welcher auf der Abteilung des Dr. Lottmann lag: 

Leonhard P., Schmied, 25 Jahre alt, aufgenommen am 19. Oktober. 
Starker kräftiger Mann. Früher stets gesund. 

Die Untersuchung am 19. Oktober ergab hohes Fieber, Roseola, 
Milztumor, leichte Bronchitis. Am 22. Oktober Beginn nervöser Reiz- 
encheinuogen, Zittern und Unruhe. Delirien. Nahrungsaufnahme dabei 
gut, Puls kräftig, langsam. Stuhl- and Urinentleerung normal. 

Im weiteren Verlaufe dauern die schweren Erscheinungen un¬ 
verändert an, Febril continua zu 39 bis 40° C, Benommenheit deB 
Se&torioms. Delirien. Anfangs November stellten Bich an denHänden, 
Unterarmen, Schaltern, zuletzt an der Baachhaut einzelne 
linsen- bis kronengroße Hauthämorrhagien mit pustulösen 
Abhebungen der Epidermis ein. Gleichzeitig mit diesen Erschei¬ 
nungen wird der früher stark gespannte und kräftige Puls kleiner und 
ichwlcher, Decubitusbeginn an den starken Malleolen, Ellbogen und am 
Kreuzbein. Dabei fortwährend neues Aufschießen zahlreicher 
hämorrhagischer Blasen. Unter zunehmender Herzschwäche Btarb 
der Kranke am 5. November 1914. Obduktion wegen Zeitmangels un¬ 
möglich. 


Die beiden Fälle sind einander ziemlich gleich bezüg¬ 
lich des schweren Verlaufs als der Hautaffektionen. Das 
klinische Bild, die Febris continua, die Roseola, der Milztumor 
osw. kennzeichnet sie als Typhus. Nur die hämorrhagi¬ 
schen Blasen sind beim Typhus eine der größten Selten¬ 
heiten und kommen häufiger bei septischen Erkrankungen, 
namentlich bei der Pyocyaneussepsis vor. 

Franjo K., Infanterist, 28 Jahre alt Aufgenommen am 5. No¬ 
vember 1914, Vor vier Wochen am Cray Vrch in Serbien mit Kopf-, 
wuitr und Beinschmerzen und Schwftchezustand erkrankt. Großer, sehr 
«gemagerter Mann, blaß mit hohlen Augen, eingefallenen Wangen, 
baiorium etwas benommen, Schwerhörigkeit, Heiserkeit, Zunge trocken, 
hoseola, Milztumor, Bronchitis, Temperatur 40,2°, Puls 120. Stuhl fest, 
regelmäßig. 

9. November. In den abhängigen Lungenpartien beiderseits Rasseln. 
Rmperatur zwischen 39 bis 40°, Puls 112 bis 120. 

,,. D- November. Plötzlicher Temperaturabfall anf 37° C, Puls 120, 
uem Milztumor im Rückgang. In den nächsten Tagen die Tempera¬ 
tur« lehr niedrig, zwischen 36,8 bis 37° C, die Pulszahl stetig im Zu- 
14. November 148. Die Blutuntersuchung (Färbung 
“«Jenner) ergibt eine auffallend starke LeukocytoBe, vorwiegend nur 
geßAt 0Äre ’ neQ ^ ro l ) k^ e Leukocyten. Das native Blut fast schwarz 

n , 1k November, früh, neuerliche Temperatursteigerung auf 39,5°, 
’ «hr schwach. Ueber den Unterlappen beiderseits Knister- 
namentlich rechts. Am 16. November Temperatur 39.5°, Puls 152, 
4 m kA C d* ’ UDr ®8elmäßig und ungleichmäßig, ln der Gegend 
in ? Kippenbogens zahlreiche blanschwarze Hämorrhagien 
otecknadelkopfgröße. Starkes Erbrechen. 

Temperatur 39,8° C, Puls 152 bis 158. Sehr 
tsfoiL’ut u^ n < * er Brust und am Bauche neuerliche aus- 
Meteoriimus ÜÄmorr ^ a KT®u« Beginnende Pneamonie rechts. Cyanose. 


Di® Widalsche Probe (Blut vom 14. November) 1: 100 j nacl 

Stmdfiii l a * .. 1 : 200j 

Menwfti, ü? Positiv. Die Harnuntersuchung ergibt ger 
positiv ° n die Hellersche Blutprobe ganz schi 


19. November. Hochgradige Macies, zunehmender Meteoris- 
mas, Sensorium benommen. An den Augen streifenförmige Anstrock¬ 
nung der Hornhaut durch das ständige Offenstehen der Augen. Zunge 
trocken, borkig belegt. Am Thorax zahlreiche neue dunkelblaue 
Hämorrhagien. 

Die Herztätigkeit trotz aller analeptischen Nüttel sehr schlecht. 
Puls ganz anregelmäßig, kaum tastbar. Cyanose. Exitus um 1 Uhr 
mittags. 

Die Obduktion fünf Stunden nachher (Dr. Bofcifckovifc) ergab: 
An der Haut der Baachdecken und der Brust, namentlich anf der linken 
Seite, zahlreiche kleinere wie größere Hämorrhagien. Im rechten 
Unterlappen Bronchopneumonie, beiderseits starke Bronchitis. An der 
Pleara viscer&Us und parietalis rechts zahlreiche kleinere und größere 
flächenhafte Hämorrhagien, links die Erscheinungen einer älteren 
adhäsiven Pleuritis. 

Das Herz groß und kräftig, das Fleisch fest, nicht zerreißlich, die 
Klappen zart, keine Zeichen einer parenchymatösen Degeneration. Die 
Milz mäßig vergrößert, die Pulpa mit dem Messer abBtreifb&r. Die 
Schleimhaut des Magens aufgelockert, geschwollen, an zahlreichen Stellen 
größere Schleimhautblutungen. Die Darmschlinge sehr stark ge¬ 
bläht, die Schleimhaut des ganzen Dünn- and Dickdarms blaß, 
intakt, ohne Zeichen eines Katarrhs oder einer frischen oder 
älteren Geschwürsbildnng. Die mesenterialen Lymphdrüsen des 
ganzen lleums stark geschwollen, vereinzelte Drüsenschwellungen an der 
Radix mesenterii. Die Nieren zeigen das typische Bild einer akuten 
hämorrhagischen Nephritis mit zahlreichen kleinen Blatungen an der 
Nierenoberfläche. 

Der Fall ist schon deshalb bemerkenswert, als die Ob¬ 
duktion die sonst für einen Typhus charakteristischen Darm¬ 
erscheinungen vermissen ließ, wiewohl der Patient 
sicher schon über vier Wochen krank war. Es waren 
eigentlich nur die Bronchitis, die Bronchopneumonie rechts, 
die akute hämorrhagische Nephritis, der Milztumor vor¬ 
handen, welche Erscheinungen zusammen mit den inneren 
und äußeren Blutungen nur die Diagnose einer Sepsis 
erlaubten. Die klinische Beobachtung und der positive Wi- 
dal lassen aber an der Diagnose Typhus keinen Zweifel. 
Es handelte sich also offenbar um eine typhöse Bakteri¬ 
ämie. Leider war mir eine Züchtung aus dem Blut un¬ 
möglich. 

Auffallend war ferner das Fehlen makroskopischer Ver¬ 
änderungen am Herzmuskel, trotzdem intra vitam die Zeichen 
einer hochgradigen Myodegeneration bestanden. Sonst war 
bei allen schweren Fällen von Typhus, die zur Obduktion 
kamen, weicher, leichter zerreißlich oder direkt schwächer. 

Es wäre immerhin möglich, daß bei der hohen Viru¬ 
lenz und Toxinbildung die Gefäßlähmung namentlich im 
Splanchnicusgebiete den Exitus mit herbeigeführt hat. Ob 
auch der starke Meteorismus damit im Zusammenhänge steht, 
ist fraglich. Jedenfalls muß er mangels einer andern Er¬ 
klärung als sogenannter toxischer Meteorismus durch 
Lähmung der Darmmuskulatur betrachtet werden. 

- (Fortsetzung folgt.) 

Die Behandlung infizierter Weichteilwunden 

von 

Dr. W. Burk, Stuttgart (z. Z. Mannestabsarzt in Kiel). 

Die besondere Häufigkeit infizierter Weichteil wunden im 
Kriege zwingt heute den Praktiker, sich mit diesem Teilgebiete der 
allgemeinen Chirurgie eingehender zu befassen als in Friedens¬ 
zeiten. Nicht nur die speeifische Entstehungsweise der Kriegs¬ 
verletzungen durch Projektile aller Art, sondern vor allem ihre Aus¬ 
dehnung und der häufig schwer infizierte Zustand lassen es ange¬ 
zeigt erscheinen, die leitenden Gesichtspunkte in der Wundbehand¬ 
lung herauszuheben. Außerdem möchte ich einiger praktischer 
Erfahrungen Erwähnung tun, die sich mir bewährt haben und die 
in den Lehrbüchern der allgemeinen Chirurgie meist nicht zu 
finden sind. 

Einerseits sind Art und Schwere der Infektion, anderseits 
physikalische und mechanische Gesetze bei der Behandlung in¬ 
fizierter Weichteilwunden für den Enderfolg maßgebend. Erstere 
sind abhängig vom Verletzungsmechanismus und der Art und 
Anzahl der eingedrungenen Bakterien, Dinge, die meist als ge¬ 
geben zu betrachten sind und sich dem Einflüsse des Behandelnden 
entziehen. Letztere dagegen ermöglichen durch ihre strenge Be- 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 


folgung den Kampf gegen die Infektion selbst und die Erreichung 
einer raschen Wundheilung. 

Eine Besprechung der für die infizierten Weichteil wunden in 
Betracht kommenden einzelnen Bakterien und ihre speeifische 
Wirkungsweise überschreitet den Rahmen dieser Arbeit. Größere 
Wichtigkeit beanspruchen speziell mit Rücksicht auf die zahlreichen 
Kriegsverletzungen die Erreger des Tetanus, der Gasphlegmone und 
Gasgangrän, des Erysipels sowie der Pyocyaneus, auf die ich weiter 
unten zu sprechen komme. 

Vor allem haben wir uns vor Augen zu halten, daß jede 
sekundär heilende Wunde, also auch jede Schußwunde, selbst 
wenn sie primär nicht infiziert ist, die Gefahren der sekundären 
Wundinfektion quasi immanent in sich trägt. Diese Ucberlegung 
ist zwar vor dem Erscheinen sicherer Zeichen eingetretener In¬ 
fektion nicht für die Wahl des Verbandes maßgebend, wohl aber 
bestimmt sie zur Beachtung obenerwähnter physikalischer und 
mechanischer Regeln. 

Selbstverständlich ist, daß der verletzte 
Gliedabschnitt nach Möglichkeit ruhig ge¬ 
stellt wird. Wo dies durch den Verband allein nicht zu er¬ 
reichen ist, müssen Schienenverbände aller Art, vor allem die leicht 
für jeden Gliedabschnitt herzustellenden Gipsbindenschienen, zu 
Hilfe genommen werden. Das gilt namentlich dann, wenn entzünd- , 
liehe Erscheinungen in der Umgebung der Wunde oder gar eine | 
sekundäre Phlegmone auftreten. Hier entscheidet absolute Ruhig- 
stellung oft über das Leben des Patienten. Bei phlegmonösen Pro¬ 
zessen an der oberen Extremität ist das übliche Dreiecktuch allein 
zur Fixierung meist ungenügend. Damit komme ich auf die Frage 
der Lagerung und der dadurch bedingten CirculationsVerhält¬ 
nisse, ein Punkt, der neben Ruhigstellung bei infizierten Weichteil¬ 
wunden die größte Rolle spielt. 

Das erkrankte Glied muß nach Möglichkeit 
hochgelagert werden, um venöse Stauung zu vermeiden 
und die arterielle Zufuhr und damit die Zufuhr der natürlichen 
Abwehrstoffe im Blute zu begünstigen. Daß dieser Forderung die 
Lagerung im Dreiecktuche nicht entspricht, ist. klar. Versucht 
man, in diesem wenigstens eine Hochlagerung des Vorderarms und 
der Hand zu erreichen, so muß das Ellbogengelenk spitzwinklig j 
gebeugt werden, was den Abfluß des Venenbluts aus dem besagten i 
Gliedabschnitte verhindert. Es ist also nach oben Gesagtem auch 
als Kunstfehler zu betrachten, einen Patienten mit einer infizierten 
Weichteilwunde an der untern Extremität außer Bett zu lassen. 
Lymphangitis, Thrombophlebitis und eventuell pyogene Allgemein- 
infektion sind hier die nicht zu unterschätzenden Gefahren. 
Ganz abgesehen davon, daß die Wundheilung selbst unter den 
ungünstigen Circulationsverhältnissen nur langsame oder gar keine 
Fortschritte macht. 

Die Rücksicht auf die Beweglichkeit benachbarter Gelenke 
macht es zur Pflicht, sobald die entzündlichen Erscheinungen ab- 
klingen, bei jedem Verbandwechsel aktive und passive Be¬ 
wegungen vorzunehmen. Ist die Wundinfektion so hochgradig, 
daß ihre Ausheilung Wochen und Monate in Anspruch nimmt, so 
läßt sich die Beweglichkeit der Gelenke durch Verbandanlcgung 
in verschiedenen Stellungen, heiße Seifenbäder, Heißluftbehand¬ 
lung, Massage und medico-mechanische Hebungen erreichen. 
Natürlich dürfen letztgenannte Maßnahmen erst dann Platz 
greifen, nachdem, wie oben erwähnt, die Entzündungserschei- 
nungen abgeklungen sind. In den Fällen, in welchen von vorn¬ 
herein mit einer Versteifung der Gelenke gerechnet werden muß 
— meist Fälle, welche mit Frakturen kompliziert sind — ist die 
Versteifung des Gelenks in der für die Ge¬ 
brauchsfähigkeit günstigsten Lage anzustreben: 
Finger läßt man am besten in halber Beugestellung in allen Ge¬ 
lenken versteifen, wo sich der Patient der Abtragung widersetzt, 
das Handgelenk in Mittelstellung zwischen Beugung und 
Streckung, das Ellbogengelenk in rechtwinkliger Beugestellung 
mit Mittelstellung des Vorderarms zwischen Pro- und Supination, 
das Schultergelenk in Abduction von 45°. Das Fußgelenk ver¬ 
steift am besten in der Mittelstellung zwischen Beugung und 
Streckung. Die für das Ab wickeln des Fußes günstige, leichte 
Spitzfußstellung stellt sich durch das Ueberwiegen der Waden¬ 
muskulatur über die Streckmuskulatur des Unterschenkels von 
selbst ein. Das Kniegelenk ist in vollkommener Streckstellung 
am funktionsfähigsten; bei Versteifung in leichter Beugestellung 
ist die Ausbildung einer weiteren Beugecontractur, wie z. B. nach 
Kniegelenksresektionen, besonders häufig. Die Hüfte ist in 
leichter Beuge- und minimaler Abductionsstellung am gebrauchs¬ 
fähigsten. Wichtig für die Funktion der Gelenke ist auch die 


Regel, bei erforderlichen Ineisionen dieselben, wenn irgend möglich, 
in der Spaltrichtung der Haut anzulegen, wodurch sich die ge¬ 
ringste Bewegungsbehinderung ergibt und die Narbe am schönsten 
wird. 

Es ist bekannt, von welch ausschlaggebender Bedeutung das 
Moment der Sekretstau ung für den Wundverlauf ist. Die 
Ursache ihrer schädlichen Wirkung ist noch nicht mit Sicherheit 
festgestellt. Vielleicht darf man hier auf den Begriff des Re¬ 
sorptionsfiebers, das früher eine große Rolle spielte, zurückgreifen. 
Jede derartige Sekretverhaltung macht sich nicht nur lokal, son¬ 
dern auch im Allgemeinbefinden des Patienten bemerkbar durch 
Temperatursteigerung von wenigen Zehnteln bis 2 bis 3 Grad, 
Pulsbeschleunigung usw. je nach der Virulenz der Infektions¬ 
erreger. Daß bei der Entstehung des Erysipels auch solche 
Sekretverhaltungen., beziehungsweise chemische und mechanische 
Reizungen der Wunde ätiologisch in Frage kommen, ist anzu¬ 
nehmen, aber nicht mit Sicherheit bewiesen. Zweckentsprechende 
auf saugende Verbände, speziell bei starker Sekretion die Verwen¬ 
dung von Zellstoffwatte an Stelle der weißen Watte, ausgiebige 
Drainage der Wunde. Vermeidung der Tamponade mit nicht ange- 
feuc-hteten Gazestreifen, bei sehr großen Weich teilwunden eventuell 
ganz offene Wundbehandlung, wie sie jüngst aus der Klinik von 
Professor Lange in München empfohlen wurde, vermögen die 
Sekretstauung zu verhüten. Eine besondere Berücksichtigung er¬ 
fordern die Abflußverhältnisse bei starker Eiterung. Hier kann 
vor allem nicht genug betont werden, daß jede abgeschlossene 
Absccßhöhle nur dann unter günstigen Heilungsbedingungen 
steht, wenn der Sekretabfluß am tiefsten Punkte der Höhle möglich 
ist. Alle übrigen Incisionen bleiben auf die Dauer wertlos, wenig¬ 
stens überall da, wo es nicht gelingt, durch eine Incision von 
einem Ende der Absceßhöhle zum andern alle Taschen zu be¬ 
seitigen und eine flächenhafte Wunde zu erzielen. Bei allen 
I Phlegmonen, speziell bei der mit Recht gefürchteten Sehnen¬ 
scheidenphlegmone, muß das centrale Ende des Krankheitsherds 
freigelegt werden, falls mit glatter Wundheilung gerechnet werden 
soll. Bei letzterer sind kleine, aber entsprechend zahlreichere 
Incisionen empfehlenswert, um eine Austrocknung der freigelegten 
Sehnen zu vermeiden. Zu diesem Zweck empfahl ich schon im 
Jahre 1904 an den Fingern seitliche Einschnitte 
zur Eröffnung der Sehnenscheiden. In diesem Zu¬ 
sammenhang muß noch gesagt werden, daß die Tatsache der In¬ 
fektion einer Wunde schon an sich jedes Sondieren und jegliche 
mechanische Gewebsschädigung in Gestalt von gröberen Mani¬ 
pulationen, Eröffnung von Gefäß- und Lymphbahnen durch Ab- 
schneiden nekrotischer Gewebsteile usw. verbietet. Eine ein¬ 
zige Ausnahme bilden trockne Nekrosen der Haut wie sie bei 
Brandschorfen und Drucknekrosen Vorkommen. Die Abtragung 
dieser ist erforderlich, wenn sich die Abstoßung des Schorfs lange 
hinauszögert oder w’enn sich unter dein derben Schorfe eine Eiter- 
ansaimnlung gebildet hat. 

Selbstverständlich müssen in der Wunde zutage liegende 
Fremdkörper sowie grobe Verunreinigungen, soweit sie sich 
schonend entfernen lassen, beseitigt werden. Das Ausspülen der 
Wunden mit großen Mengen antit optischer Flüssigkeiten ist in 
diesen Fällen mit Recht verpönt. Richtiger und zugleich die Ab¬ 
stoßung nekrotischer Gewebsteile befördernd ist das Betupfen der 
Wunde mit Jodtinktur oder Lugolscher Lösung, beziehungsweise 
protrahierte, lauwarme Schmierseifenbäder. 

Es würde natürlich zu weit führen, auf alle einzelnen Er¬ 
scheinungsformen der pyogenen Allgemeininfektion einzugehen. h'l) be¬ 
schränke mich daher auf die Anführung einer Anzahl 
technischer Hilfsmittel. 

Der Moment, von welchem an eine Wunde als infiziert 7,u be¬ 
trachten ist, ist gekennzeichnet durch das Auftreten lokaler nw 
allgemeiner Entzündungserseheinungen. Er bedeutet für unsere 
Therapie das Ueberwiegen antiseptischer Maßnahmen gegenii er 
dem bis dahin angewandten trocken-aseptischen Verband, ha 
der in der Wundbehandlung allgemein anerkannte ooji ‘ 
a n s t r i c h der Umgebung der Wunde eine Infektion 
nicht zu verhüten vermocht, oder bestehen Zweifel darüber, o) 
eine solche vorliegt, so empfiehlt sich die Anwendung des Peru* 
b a 1 s a m s, und zwar bei trockenen und feuchten Verbänden. 
Billiger und ebenso wirksam ist P e r u g e n. Es verhindert das 
Verkleben der Verbandstoffe mit der Wundfläche und damit tn 
Sekret Stauung. Außerdem wirkt es stark chemotaktisch und i* 
durch granulationsfördernd. Bei seiner Anwendung sind selige 1 
akute Nephritiden beobachtet worden. Es ist daher angezcig - 
den Urin von Zeit zu Zeit zu untersuchen. 


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21. März. 


327 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


Bei ausgesprochenen Entzündungserscheinungen tritt der 
feuchte Verband in sein Recht. Seine Ausdehnung ist be¬ 
dingt durch den Entzündungsprozeß selbst. Die Wahl des 
Adstringens, mit welchem die Verbandstoffe getränkt werden, 
spielt keinerlei Rolle. Betonen möchte ich, daß bei Lymphangitis 
und Thrombophlebitis neben strengster Ruhigstellung und Hoch- 
lagermig große, womöglich die ganze Extremität einschließende 
fruchte Verbände zu verwenden sind. Die Wunde selbst wird am 
zweckmäßigsten mit einem einfachen Gazeschleier bedeckt, dessen 
Ränder mit Mastix beziehungsweise Mastisol- 
l ö s u n g an der umgebenden Haut angeklebt werden. So wird 
die Maeeration der Haut und das Ueberw'andern von Bakterien in 
die Wunde verhütet. Auch der saprophytisch auf der Haut lebende 
und in feuchter Wärme gedeihende Bacillus pyocyaneus wird am 
Wachstum und am Eindringen in die Wunde gehindert, wenn die 
Maeeration der Haut durch besagten Mastixanstrich hintan ge¬ 
halten wird. Der Gazeschleier bleibt beim Verbandwechsel liegen 
und schließt so das Verkleben der Verbandstoffe mit der Wunde 
aus. Im Kampfe gegen den Pyocyaneus hat sich mir der 
l ehergang zur trockenen Wundbehandlung und Einpulvern des 
Verbandes initreinerBorsäure nach gründlicher Reinigung 
der Umgebung der Wunde mit Benzin und Hautanstrich daselbst 
mit Mastix besonders bewährt. An Stelle des ziemlich teuren 
Mastisols empfehle ich Selbstherstellung der Lösung, wie folgt: 
Mastixkömer ... . 40,0 

Aether oder Chloroform 100,0 

Leinöl gtt. X. — 

Filtra 

oder folgende Ersatzpräparate: 

Aether sulph. 

Coloph. äa .... 50,0 

Terebinth venet. . . 1,0 


beziehungsweise: 

Coloph.50,0 

Spirit, vin.10,0 

BenzoL. 50,0 

Paraff. liqu. 4,0 


Zur Ausspülung der Wundtaschen und eingelegten Drain¬ 
rühren wendet man am besten eine H., (VLösung an, da durch 
Sauerstoff in statu nascendi abgestoßene Gew r ebspartikel und 
Eiteransammlungen aus der Tiefe der Wunde herauf befördert wer¬ 
den. Die Lösung verliert bei längerem Stehen an Wirksamkeit; 
es empfiehlt sieh daher ihre frische Bereitung mit den Merck- 
srhen Perhydritpräparaten. 

Bei abgesackten Eiterhöhlen ist nach deren Eröffnung das 
Austupfen mit konzentrierter Carbolsäure und deren 
Neutralisation nach V 2 bis 1 Minute mit Alkohol (nach P h e 1 p s) 
empfehlenswert. Der erzeugte Schorf verhindert weitere Re¬ 
sorption toxischen Materials vom Absceß aus und beschränkt die 
Sekretion, sodaß der Verbandwechsel bis zum fünften bis siebenten 
Tage unterbleiben kann. Auf die offene Behandlung stark eitern¬ 
der Wunden habe ich bereits hingewdesen. Will man die Wunde 
'or Berührung mit Bettstücken usw. schützen, so kann 
man sie mit einem Ring aus Schusterspan umgeben, über den ein 
Gazeschleier, den man mit Mastix an der umgebenden Haut fest¬ 
klebt, zu liegen kommt Bei ausgiebiger Drainage, wo Drains von 
einer Ineisionsöffnung zur andern reichen, werden die Röhren am 
besten mit sterilen Seidenfäden armiert und so die Wiedereinfüh¬ 
rung nach Reinigung erleichtert. Bei endgültiger Entfernung der 
Drainage bleiben die Fäden, zur Schlinge geknüpft, noch einige 
£mt liegen, falls da oder dort Sekretverhaltung eine Wiederein¬ 
führung des Drains nötig machen sollte. Bei schweren Phlegmonen 
erweisen sich Gazestreifen, mit Antiseptica in öligen 
Vehikeln getränkt (Perubalsam, 10%iges Jodoformöl), be¬ 
sonders wirksam. Ich habe dadurch selbst in verzweifelten Fällen 
noch einen Stillstand des phlegmonösen Prozesses erreicht. Worauf 
p Wirksamkeit der in dieser Form verwendeten Antiseptica 
wntht, kann ich nicht sagen. Zur Beschränkung der Sekretion 
ment heim Abklingen des Entzündungsprozesses Bepulvern der 
^ unde mit Bolus alba und geglühter Tierkohle nach 
i} a r k e i) s t e i n unter trockenem Verband. Ein Gemisch von 
me. oxyd.. Glycerin und Wasser zu gleichen Teilen, zu dickem 
ywührt, verhütet die Reizung der umgebenden Haut. Zur 
Weckung der Paste dient der schon mehrfach erwähnte einfache 
azesehleier, der mit Mastix festgeklebt wird. 

, selten treten im Verlauf schwerer Phlegmonen bei dem 
okräfteten Patienten Blutungen auf der Basis einer hämor- 
na ? 1 sehen Diathese auf. Aus den glasigen, hyper¬ 


trophischen Granulationen der Wundhöhle blutet es wie aus einem 
Schwamm, ohne daß größere, blutende Gefäße zu sehen sind. 
Lokale Blutstillungsmittel, wie Coagulen und Suprarenin, helfen nur 
für Stunden. Glänzende Erfolge sah ich in verschiedenen Fällen 
nach Einspritzung menschlichen Blutserums von 5 ccm subcutan 
oder intravenös, ein Verfahren, wie es Kronheimer 1 ) be¬ 
schreibt. 

Stammt die Blutung aus einem größeren Gefäß, so ist die 
Unterbindung in der Wunde selbst wegen der Gefahr neuer 
Arrosionsblutungen meist wertlos. Sicherer ist die Unterbindung 
des Stammes, zentral vom Entzündungsgebiet. An der unteren 
Extremität ist bei fortschreitender entzündlicher Phlebitis die hohe 
Saphenaunterbindung zur Verhütung der Emboliegefahr anzuraten. 

Die septische Allgemeininfektion dokumentiert 
sich durch das Auftreten von Schüttelfrost, gleichzeitig mit dem 
Einbruch der Bakterien in die Blutbahn. Oft wird rechtzeitige 
Abtragung eines Gliedes diesem deletären Ausgang Vorbeugen 
können. Bedingung ist jedoch, daß vor jedem derartigen Eingriff 
eine Blutuntersuchung vorgenonimen w f ird, natürlich nur, wenn 
der Zustand das Abwrarten des Untersuchungsergebnisses erlaubt. 
Ergibt die Untersuchung reichliches Bakterienwachstiim, so ist der 
Eingriff zwecklos. 

Die früher sehr beliebte Stauungshyperämie ist 
gegenüber den andern Behandlungsmethoden etwas in den Hinter¬ 
grund getreten. Meine Erfahrungen darüber, welche ich bereits 
im Jahre 1904 an dem großen Phlegmonenmaterial im Eppendorfer 
Krankenhause gesammelt habe, gehen dahin, daß bei sämtlichen 
auf Staphylokokken beruhenden Infektionen, wie Panaritien 
usw\, die Stauung den Verlauf günstig beeinflußt hat. Bei 
schweren Infektionsformen dagegen, speziell bei Sehnenscheiden¬ 
phlegmonen und intramuskulären Phlegmonen infolge von Strepto¬ 
kokkeninfektion, war eine deutliche Verschlimmerung des Wund¬ 
verlaufs zu konstatieren. Die Stauungshyperämie ist daher nur 
mit Vorsicht anzuwenden. 

Bestrahlung mit der künstlichen Höhensonne, wie 
sie jüngst von Thedering angegeben w r urde, vermag profuse 
Eitersekretion zu vermindern und die Granulationsbildung zu be¬ 
schleunigen. Von einer rascheren und solideren Ueberhäutung der 
Wunde habe ich ebenso w r ie bei der früher üblichen Sonnenbestrah¬ 
lung nichts bemerken können. Vorzuzielien ist hier die Ver¬ 
wendung von Scharlach- oder besser Pellidolsalbe. Am wirk¬ 
samsten erweisen sich dachziegelartig sich deckende Streifen des 
alten amerikanischen Heftpflasters, das unter leichtem Zug direkt 
auf die Wunde gelegt wird. 

Zum Schlüsse möchte ich noch auch im Hinblick auf die 
Kriegsverletzungen der häufigsten Wundkomplikationen in¬ 
fektiöser Art Emähnung tun. Es handelt sich um das Erysipel, 
den Tetanus, die Gasphlegmone und Gasgangrän. Mit Rücksicht 
auf den zur Verfügung stehenden Raum kann ich nur die Behand¬ 
lungsmethoden der genannten Erkrankungen kurz streifen. 

Bei Erysipel habe ich mit der Stauungshyperämie durch¬ 
wegs schlechte Erfahrungen gemacht. Die Lymphstauung in den 
Gewebsspalten scheint der Ausbreitung Vorschub zu leisten. Von 
lokalen Mitteln haben mir Tbigenol „R och e“, beziehungsweise 
Ichthyol die besten Dienste getan. Die erkrankten Partien werden 
mit einem Anstrich eines dieser Mittel versehen und ein Gaze¬ 
schleier unter leichtem Zug darüber festgeklebt. 

Ueber die in letzter Zeit von P o 1 ä k empfohlene intramuskuläre 
beziehungsweise intravenöse Injektion von Antidiphtherieserum — 
3000 bis 4000 A. E. je nach Schwere des Falles mit ein- bis zweitägiger 
Pause — habe ich keine Erfahrung. 

Symptomatisch kommt bei großer Schmerzhaftigkeit die An¬ 
wendung ausgedehnter feuchter Verbände zur Schmerzstillung in 
Frage. Nicht zu vergessen ist eine frühzeitige Anwendung von 
herzstärkenden Mitteln, speziell Campher in kleinen Dosen, da 
schwere Insuffizienzerscheinungen des Herzens mit hochgradiger 
Pulsverlangsamung häufig sind. 

Die Flut der T e t a n u s literatur der letzten Monate zu 
vermehren, kann hier nicht meine Aufgabe sein. Der Wert der 
prophylaktischen und therapeutischen Antitoxinbehandlung ist, 
w f enn auch nicht sicher erwiesen, so doch immerhin so wahrschein¬ 
lich, daß für den Arzt die Pflicht besteht, die Tetanusinfektion 
wenigstens therapeutisch mit Antitoxin zu bekämpfen. Da die 
Resorption des Toxins in der Hauptsache auf dem Wege der Muskel¬ 
nerven erfolgt und die Affinität zu den Vorderhorazellen eine 


*) M. m. W. 1915, Nr. 1. 


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1915 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 


starke Verankerung des Giftes im Rückenmarke bewirkt, so darf 
man sich nur von Methoden Erfolg versprechen, welche große 
Mengen A. E. rasch und sicher an das Centralnervensystem 
heranbringen. Es sind deshalb intralumbale, intravenöse und 
endoneurale Einspritzungen (400 beziehungsweise 600 A. E.) beim 
Ausbruche der Erkrankung und bis zu deren Nachlaß 200 bis 500 
A. E. pro die zu empfehlen. 

Charakteristisch für Gasphlegmone ist die braunrote 
Verfärbung der Haut in der Umgebung der Wunde, verbunden mit 
dem bekannten Knistern der subcutanen Gasansammlung bei 
schweren lokalen und allgemeinen Erscheinungen. Durch zahl¬ 
reiche kleine Incisionen in der Umgebung des Krankheitsherde 
bis auf die Fascie, reichliche Verwendung von H 2 0 2 , sowie durch 
intramuskuläre Sauerstoffeinblasungen nach S u d e c k — central 
vom Krankheitsherd — ist es in einzelnen Fällen gelungen, diese 
schwere Komplikation zu beseitigen und das betreffende Glied zu 
erhalten. 

Bei der Gasgangrän, der gefürchtetsten Wundinfektion, 
kann nur rasche Amputation ganz im Gesunden das Leben er¬ 
halten. Trotzdem ist die Mortalität eine erschreckend hohe. Ihre 
Erscheinungen sind neben denen der Gasphlegmone die grünliche 
nekrotische Verfärbung unter der Haut, herrühend von dem 
rapiden Verfall der Muskelsubstanz und ein wachsartiges Aussehen 
der Teile in der weiteren Umgebung, sowie foudroyantes Fort- 
schreiten des Prozesses nach allen Richtungen. 

Die Aufgaben der inedico-mechanischen Nach¬ 
behandlung der Kriegsverletzungen und ihre 
Durchführbarkeit 

von 

Dr. med. et jur. Franz Kirchberg, 

leitendem Arzt des Berliner Ambulatorium lür Mussage, 

2 urzelt Stationsarzt im Reservelazarett Technische Hochschule Charlottenburg 

und Leiter der dortigen medico-mech&nischen Abteilung. 

Es ist ohne weiteres jedem Sachverständigen einleuchtend, 
daß die Eigenart der Kriegsverletzungen in einer großen Zahl der 
Fälle nach der eigentlichen Wundheilung eine Nachbehandlung der 
übrigbleibenden Funktionsstörungen erfordern wird. Diese Funk¬ 
tionsstörungen sind, abgesehen von psychisch bedingten Leiden 
(Nervenerkrankungen durch Erschöpfung, Shock usw.), entweder 
mechanisch bedingt (Versteifungen, Contracturen durch Narbenzug, 
Verstümmelungen) oder durch Nervenverletzungen hervorgerufen 
(Nervenschuß, Quetschung, Narbenumklammerungen durch Narben¬ 
zug usw.). 

Bei Funktionsstörungen nach Verletzungen im Zivilleben 
handelt es sich für den Krankenkassen-, Gewerkschafts- respektive 
Unfallversicherungsarzt einmal um die Frage der Möglichkeit einer 
mehr oder minder völligen Wiederherstellung, dann um die Frage 
der Rentenbestimmung-, bei den Kriegsverletzungen kommt für den 
Sanitätsoffizier diese doppelte Frage nun wieder noch von einem 
zweifachen Gesichtspunkt aus zur Beurteilung: Wiederherstellung 
der Dienstfähigkeit — wieder mit den Unterabteilungen der Feld¬ 
dienstfähigkeit und Garnisondienstfähigkeit — und der Wieder¬ 
herstellung der Erwerbsfähigkeit für den bürgerlichen Beruf — 
\öilige ofler teilweise — und dann die Beurteilung der Dienst¬ 
beschädigungen in bezug auf die Pensions- und Rentenfestsetzung. 

Diese Gruppierung muß uns nun auch von vornherein leiten 
bei den Aufgaben der medico-meehanischen Nachbehandlung der 
Kriegsverletzungen und der Frage ihrer Durchführbarkeit. Lassen 
wir hier mal alle Fragen der Humanität und des Mitleids beiseite — 
es ist selbstverständlich, daß die obersten Stellen unseres Sanitäts¬ 
wesens wie alle ihr unterstellten Behörden als Aerzte nach diesen 
Prinzipien handeln — und prüfen wir diese Fragen mal nur vom 
praktischen nationalen Gesichtspunkte, so kommt für uns in erster 
Linie bei der Prüfung jeder Verletzung respektive ihrer Folgen die 
Frage in Betracht: Wird der Mann wieder dienst¬ 
fähig, und zwar möglichst felddienstfähig. 
Das ist die Hauptfrage, und für ihre Bejahung muß in jedem mög¬ 
lichen Fall alles nur Denkbare geschehen, sowohl vom Standpunkte 
der Höhe der Zahl unserer kriegsfähigen Soldaten, wie vom allge¬ 
meinen sozialen Standpunkt aus. Der wieder kriegsfähig gemachte 
Verwundete wird in seinem Empfinden ohne weiteres oinsehen, daß 
er auch im bürgerlichen Leben wieder erwerbsfähig ist und meist 
keine Rentenansprüche machen; der nur garnisondienstfähig Ge¬ 
wordene wird sich sagen: Ich bin nicht wieder ganz gesund ge¬ 


worden, folglich habe ich Anspruch auf eine Kriegsdienstentschädi¬ 
gung. Der Geldpunkt wird aber selbstverständlich noch nach dem 
Kriege bei uns lange Zeit eine sehr hohe Rolle spielen; dann aber 
haben uns doch die unerwünschten Folgen unserer ganzen sozialen 
Gesetzgebung seit Jahren gezeigt, wie aus einer als Volkswohltat 
gedachten und geplanten Gesetzgebung nur zu leicht allgemeine 
soziale Mißstände sich ergeben können: Fast für jeden Menschen, 
nicht nur für den Arbeiter, sondern auch für fast jeden andern 
Menschen ist bei uns mit dem Begriff Unfall und Krankheit un¬ 
trennbar verbunden der Begriff der öffentlichen oder gesellschaft¬ 
lichen Versorgung in irgendeiner Form: Unfall gleich Rente, 
Krankheit gleich Krankengeld. Welche unheilvollen Folgen das 
oft für den einzelnen und seine Familie hatte, kann nur der in 
der Krankenkassen- und Unfalltätigkeit tätige Arzt beurteilen, 
wie es für unsere Generation fast dahin gekommen war, daß vielen 
die Erlangung einer Rente höher dünkte, als die Wiederherstellung 
der völligen Arbeitsfähigkeit. Daß aber nur die völlige Arbeits¬ 
fähigkeit und ihre ununterbrochene Ausnützung den Menschen 
wirklich gesund erhält, ist doch jedem Arzte klar. Diese Gesichts¬ 
punkte müssen sich auch der Sanitätsoffizier und die jetzt im Militär¬ 
dienste stehenden vertraglich verpflichteten Zivilärzte bei der Be¬ 
urteilung jedes einzelnen Falles von vornherein klarmachen: 
Jedes falsche Mitleid ist da nicht nur ein Vergehen an unserer 
Gesamtheit — denn sie muß die Kosten für die Renten später auf¬ 
bringen —, sondern erst recht an dem einzelnen, jeder Renten¬ 
empfänger wird früher oder später Neurastheniker, er schont sich 
selbst, wird von seiner Familie geschont und verwöhnt und verliert 
so einen Teil seiner vollen Tatkraft. 

Erstes Prinzip ist also für uns die Wiederherstellung der 
Felddienstfähigkeit, respektive die Wiederherstellung der völligen 
bürgerlichen Erwerbsfähigkeit, zwei Begriffe, die sich meist, aber 
nicht immer decken. 

Wir werden also auch bei der Frage der Durchführbarkeit der 
medico-mechanischen Nachbehandlung und ihrer Notwendigkeit die 
Verletzten von vornherein in zwei Gruppen trennen: 

1. Solche, bei denen die völlige Wiederherstellung möglich 
oder wahrscheinlich ist, und zwar: 

a) die Wiederherstellung der Felddienstfähigkeit; 

b) die Wiederherstellung der völligen bürgerlichen Erwerbs¬ 
fähigkeit: der Wiederhergestellte wird nicht Rentenemp¬ 
fänger und nicht pensionsbedürftig. 

2. Solche, bei denen die völlige Wiederherstellung nicht 
wahrscheinlich oder von vornherein unmöglich ist 

Diese Gruppe zerfällt wieder in solche, bei denen-. 

a) die Garnisondienstfähigkeit erreicht werden kann und durch 
eine Nachbehandlung eine Verminderung der Rente erzielt 
werden kann; 

b) solche, die für den militärischen Dienst völlig ausscheiden 
oder mehr oder minder Krüppel bleiben. 

Für die letzte Gruppe kommt eine medieo-mechanische Nach¬ 
behandlung nur insoweit in Frage, als dadurch in irgendeinem 
Sinn eine gewisse Arbeitsfähigkeit erzielt werden kann, daneben 
(soweit man das noch als medico-mechanische Behandlung be¬ 
zeichnen kann) die Beschaffung künstlicher Glieder und die Unter¬ 
weisung in ihrer höchstmöglichen Ausnützung für die Erlernung 
eines Berufs. Ich meine, daß für diese Kategorie die gegebenen 
Vorbilder unserer Krüppelheime und für die Tätigkeit bei diesen 
Kranken die Aerzte der Krüppelheime allein oder hauptsächlich 
in Betracht kommen. 

Es fragt sich nun, wo und wie die erste Gruppe und dje 
Gruppe 2 a behandelt werden soll. Für die erste Gruppe wird m 
vielen Fällen eine unter Umständen recht lange Behandlung not¬ 
wendig sein; die Kosten dafür aber müssen aufgewendet werden, 
wenn das Ziel der Wiedererlangung der Felddienstfähigkeit nm 
der völligen Wiedererwerbsfähigkeit erreichbar erscheint. Die Be¬ 
urteilung dieser Frage w'ird entweder zu erfolgen haben dn^ 1 
eigens dafür bestellte Konsiliarien, die mir ebenso notwendig ej 
scheinen wie die beratenden Chirurgen — eignen würden sieb dari 
unsere bekannten Mechanothcrapeuten, vor allein die Leiter < 
größeren Berufsgenossenschaftsinstitute —, oder durch die t > 
ärzte der Lazarette in gemeinsamem Konsil mit den Stationen, 
und den aufsichtführenden Generaloberärzten 1 ). 


*) Nicht nur, aber hauptsächlich mit von diesem Gesicb P 
aus dürfte cs sich empfehlen, die vertraglich verpflichteten A,v ‘ 
und die jüngeren Reservesanitätsoffiziere dringend auf das g 


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2i. Mürz. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


32!» 


Für diese mcdico-meehanische Behandlung wären mm meines 
Krachten« eigne Sonderinstitute notwendig, die eine Art Mittel¬ 
ding darstellen zwischen Lazarett und Kasernenbetrieb. Sie sind 
einzurichten mit eignen Krankenstationen und für ambulanten 
Betrieb. Dieser ambulante Betrieb ist aber nur für die Leichtver- 
uiimleten-SammelsteUen respektive die Ersatzbataillone, nicht 
aller für Benutzung für andere Lazarette, da sonst meines Er¬ 
achtens wenigstens bei dem jetzt üblichen Betriebe, wo in vielen 
derartigen Lazaretten Quarantänestationen respektive Infektions¬ 
stationen vorhanden sind, die nicht streng abgeschlossen werden 
können, doch leicht Uebertragungen von dort auf diese Institute 
erfolgen könnten, die dann von da aus außerordentlich leicht 
weiter verbreitet werden können. 

Für die Einrichtung derartiger Soliderinstitute spricht einmal 
der 0 e 1 d p u n k t. In diesen Instituten kann nämlich der ganze 
Betrieb erheblich billiger eingerichtet w r erden als wie in einem 
Lazarett; für die meisten, jedenfalls für die nicht bettlägerigen 
Patienten wird die Kasernenkost nicht nur billiger, sondern meist 
auch erheblich zuträglicher sein als die etwas weichliche Lazarelt- 
kost ( vor allem Kommißbrot an Stelle von Weizenbrot). Die Frage 
der Versorgung mit Schwestern käme nur in Betracht für die bett¬ 
lägerigen Patienten (Kniegelenks-, Hüftgelenksversteifungen usw.). 

Für die andern Hausinsassen wäre nach Art des Kasernen- 
dienstes ein Krankenrevierdienst einzurichten, wo die notwendigen 
Verbände gemacht und der Gesundheitszustand im allgemeinen 
iitHTwaclit wird. 

Ein weiterer, sehr wichtiger Grund für die Notwendigkeit 
dieser Institute ist die Di szi p 1 i n f rage. Halb- oder Drei- 
viertelgesunde, die eventuell monatelang in Lazaretten liegen, 
werden psychisch und physisch verweichlicht und verbummeln. 
Bei dem jetzt z. B. in Berlin herrschenden Betriebe, wo ein an 
>'uh ja erklärliches, aber in seinen Aeußerungen weit über das Maß 
hinaus ehießendes Mitleid der Bevölkerung zweifellos recht häufig 
sehr ungünstig auf das Disziplinempfinden der verwundeten Mann¬ 
st haften einwirkt, ist es für die Lazarette außerordentlich schwierig, 
bei den Rekonvaleszenten Disziplin zu halten. Aber auch im 
gesundheitlichen Interesse dieser Mannschaften liegt es, sie bald- 
möglicli einer strengeren militärischen Ordnung zu unterwarfen. 
Bei dem Mangel an körperlicher Ausarbeitung und der psychischen 
Einwirkung des Lazarettaufenthalts müssen sie verweichlichen. 
Barum eignen sich auch die sogenannten Genesungsheime nicht 
für diese Behandlungen. Aus diesen Gründen denke ich mir diese 
Institute einem Militärgouverneur unterstellt (inaktivem Offizier, 
der möglichst schon früher bei der Aushebung tätig w ar), der mit 
dem leitenden Arzt gemeinsam über den Dienst zu bestimmen hat. 
Bie Patienten sind einer täglichen Behandlung zu unterziehen. 
Baneben ist aber eine Art militärischen Dienstes zu organisieren, 
hauptsächlich bestehend im Turnen, wenn irgend möglich auch im 

Studium der Dienstanweisung zur Beurteilung der Militärdienstfähig* 
kc'it usw. hinzuweisen. Um hier nur einen Punkt horvorzuheben, der 
mir in niriner jetzigen Tätigkeit sehr häufig aufgefallen ist: Es werden 
nit'iws Erachtens zu wenig Amputationen vorgenomnien von Finger- 
ciwdtrn respektive Fingern. Ein einzeln stehengebliebenes Fingerglied, 
vor allem am kleinen Finger, bleibt in fast allen Fällen steif und bietet 
einer medico-mechanisehen Nachbehandlung zur Erzielung der vollen 
wlinuichsfiihigkeit der Hand ungleich größere Schwierigkeiten, als 
wHin der Finger vollständig entfernt ist. Außerdem habe ich in diesen 
r«llt'n häufiger eine (aufsteigende, erst später einsetzende) Ncrven- 
«jgcneratiun beobachtet, als nach Entfernen des Fingerstlumnels. Ich 
pümbe, es diinie sich empfehlen, die Acrzte darauf hinzuweisen, bei 
ln , r °der minder völliger Zertrümmerung des oberen oder der beiden 
ob»ren ringerglieder, den Finger vollständig möglichst frühzeitig zu 
'■xartikuli^rcn, vor allem weil wir da auch eine bessere Wund- und 
> imipfversorgung erzielen können. Später nach Heilung der Wunde 
|(*n "' r kein Recht mehr, von dem Manne die Duldung einer nocli- 
^hgen Operation zu verlangen, selbst wenn dadurch die Erzielung 
< Pr jriddien.stfähigkeit, oder die dauernde Minderung der Rente erreicht 
'culen kann. Ein stehengebliebener steifer Fingerstumpf ist aber von 
•Huen Gesichtspunkten aus erheblich ungünstiger als die völlige Ent- 
iemung dea Fingers (vgl. hier auch D. A. 1 06, 1 A, 1 B, 1 D und 70, 

1 B und 1 Ü). Eine Ausnahme in diesem Falle macht meines Er- 
i ns nu , r ^ e . r Daumen, von dem man unter allen Umständen ver- 
zu S i ^ Zertrümmerung des oberen Gliedes das zweite Glied 
^ as Studium der Dienstanweisung ist aber auch schon 
j u ngeheurem Werte für die Beurteilung bei der Entlassung aus 
hrn Der jetzt meines Erachtens viel zu häufig ge- 

^sungsausdruck: „Nicht mehr der Lazarettbehaiidlung 
dp«'« zwar rec ht bequem, wird aber für die spätere Beurteilung 

entsprechenden Falles meist erhebliche Schwierigkeiten machen. 


Schwimmen l ), bei der überaus großen Anzahl von Arm- und Hand¬ 
verletzungen auch in einem gewissen Fußexerzieren. Für die 
Frage der Disziplin ist auch wichtig, daß die Leute wieder ihren 
regelrechten Stubendienst und -betrieb haben, der ja in den Laza¬ 
retten auch wegfällt. 

Für den sanitären Betrieb sind notwendig meines Erachtens 
ein leitender Arzt, Physiotherapeut oder ein Arzt, der aus der 
Unfallberufsgenossenschaftstätigkeit mit allen in Betracht kom¬ 
menden Fragen genau Bescheid weiß, aber gleichzeitig Sanitäts¬ 
offizier gewesen sein muß oder jetzt wenigstens .so lange in der 
Front respektive im Ersatzbataillon Dienst getan hat, daß er mb 
der Frage der Beurteilung der Dienstfähigkeit genau Bescheid 
weiß, aber auch sonst die für den Dienst als Sanitätsoffizier son¬ 
stigen nötigen Eigenschaften besitzt. 

Ihm unterstehen die nötige Anzahl von Hilfsärzten; i< h 
glaube, es werden für je 150 Kranke mindestens immer ein Arzt 
genügen. Von diesen Aerzten muß ein Arzt ein Chirurg respektive 
ein chirurgisch ausgebildeter Orthopäde sein, ein anderer Neurologe. 

Die therapeutische Tätigkeit besteht in Medieomeelianik 
(Apparatbehandlung), vor allem aber in der manuellen Ma-süge- 
behandluug, die in allen diesen Fällen einfach unersetzlich ist und 
durch wirklich ausgebildetes Personal zu erfolgen hat, nicht etwa 
durch Helferinnen, die hierin von einem Arzt, der selbst nichts 
von Massage versteht, unterwiesen werden, weiter ist notwendig 
eine intensive Bäderbehandlung, vor allem Dampf- und Wechsel¬ 
bäder und Lichtbehandlung. 

Nach diesen Forderungen ergibt sich auch die Einrichtung der¬ 
artiger Institute, die pekuniär durchaus keine sehr großen Anforde¬ 
rungen an das Sanitätsamt stellen werden, da ja der Hauptwert 
zu legen ist auf die manuelle Massagebehandlung. Erforderlieh 
sind aber in erster Linie genügend große helle Räume. Ein der¬ 
artiges Institut w'ürde außerdem später durchaus erforderlich sein 
zur Ausbildung von Sanitätsoffizieren in diesen Behandlnngs- 
zweigen, vor allem in der Massage, die wohl von seiten des Su- 
nitätsamts bisher ebenso stiefmütterlich behandelt worden sind, 
wie von unsem Universitätsbehörden. 

Zusammenfassende Leitsätze. 1. Für die modico-m c <• h » - 
n i s c h e Nachbehandlung der Verletzten sind diese 
in verschiedene Gruppen einzuteilen je nach der 
Möglichkeit des Grades der Wie d e r h e r s t.e 11 b a r k e i t : 
Felddienstfähigkeit, G a r n i s o n d i c n s t f ä h i g k c i t . 
1) i e n s t u n t a u g 1 i e h k e i t (V o 11 e r w e r b s f ä h i g e , T e i 1 - 
r e n tner, V o 11 r e n t n e r). 2. Aus disziplinär e n . p e k u - 

n i ä r e n u n d t h o r a p e u t i s c h c n Gründen s i n d m c d i <* o - 
rn c c li a ni.se li c S o n d e r i n s t i t u t e mit Station ä r c m u n d 
ambulantem Betriebe n o t w e n d i g. 


Die Behandlung der Gasphlegmone im Felde 

von 

Dr. W. Böcker, Berlin 

Chirurg und Stabsarzt im Feldlazarett 9 des Gardekorps. 

Der Krieg ist eine mörderische Waffe, und besonders sind es 
die Granaten aus den modernen schweren Feldgeschützen, die den 
Soldaten auch weit über die Front hinaus gefährlich und verderb¬ 
lich werden können. Ihre Verletzungen sind, falls sie nicht un¬ 
mittelbar zum Tode führen, dadurch so gefahrdrohend, daß sie in 
breiter Fläche die Weiehteile umfassen und häufig eine Zer¬ 
schmetterung und Zermalmung des Knochens zur Folge haben. Die 
Schwere der Wunden führt in der Regel zur Eiterung und Nekrose 
des Gewebes. Trotzdem kann der Prozeß nach Reinigung und Ab¬ 
stoßung beziehungsweise Entfernung der abgestorbenen Weichteile 
und Knochensplitter zur Ausheilung gelangen, solange nicht 
pyogene Wundinfektionen hinzukonnnen. Derartige flächenhaflc 
Wunden sind erfahrungsgemäß zur Aufnahme von Bakterien am 
geeignetsten und erfordern darum die größte Aufmerksamkeit und 
gewissenhafteste Pflege von seiten des Arztes. Ich ziehe die Be- 
pinselung der die Wunde umgebenden Haut- mit 5 °j n Jodtinktur 
und eventuelle Spülung mit 3 % Wasserstoffsuperoxyd, das eine 
eminent reinigende Wirkung hat, aber zu beschaffen', weil nicht 
etatmäßig, bisweilen schwierig war, sowie einen trocknen 
sterilen Verband jeder andern Wundbehandlung vor und warne 
geradezu vo r feuchten Verbänden nach dem, was ich andernorts 

*) Das Schwimmen ist für viele derartige Patienten ja an sieh 
eine ausgezeichnete Gymnastik, z. B. in der Nachbehandlung von Knie- 
vevletzungen, wo der Schwund der Oherschenkelimiskulatur im Vorder¬ 
gründe steht-, in manchen Fällen von Sensibilitätsstörungen nach 
Nervenverletzungen usw. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 


davon gesehen habe. Hierdurch lassen sich pyogene Wundinfek¬ 
tionen bei verschmutzten Wunden oft vermeiden, während feuchte 
Verbände die Weiterentwicklung von Bakterien begünstigen. 
Nischen und Höhlen sind offen zu halten zur Ableitung des Wund¬ 
sekrets und um die Ansiedlung von Bakterien zu verhindern. Der 
Verbandwechsel wird abhängig gemacht von den Schmerzen, vom 
Fieber und der Sekretion. Man hüte sich vor unnützen Verbänden 
und vorzeitigem Transport, da Ruhe und Fixation die beste’ 
Heilung sind. Solange wir trocknes Wetter hatten, wie es in den 
ersten Monaten des Kriegs der Fall war, habe ich kaum bösartige 
Wundinfektionen unter den Verwundeten beobachtet. Indes die 
Fälle mehrten sich, als im Spätherbst sich eine Regenperiode ein- 
stellte und die schmutzignasse Erde und die Bekleidung der 
Soldaten, besonders durch den Aufenthalt im Schützengraben, die 
Wunden stärker verunreinigten. Bei aller Sorgfalt und Vorsicht 
in der Ausführung der oben angegebenen Wundbehandlung gelang 
es jetzt weit weniger, die Bakterien von der Wunde fernzuhalten 
beziehungsweise aus derselben zu beseitigen und damit dem Ein¬ 
tritte bösartiger Wundinfektionen Vorschub zu leisten. Am be¬ 
kanntesten ist ja die Staphylokokken- und Streptolokokken- so¬ 
wie die Tetanusinfektion, welch letztere im gegenwärtigen Krieg 
in relativ großer Zahl auftritt und trotz Einspritzung mit Tetanus¬ 
antitoxin meist den Exitus herbeiführt. 

Seltener ist die G a s p h 1 e g m o n e , deren eigentlicher Er¬ 
leger der Bacillus phlegmonis emphysematosae 
F r a e n k e 1 i i ist, wenn auch durch andere Bakterien, so zum 
Beispiel das Bacterium des malignen Oedems, sich Gas im Körper 
bilden kann. Dieser F r a e n k e 1 sehe Bacillus, der stark anaerob 
ist, kommt sowohl allein in den schmutzigen Wunden als auch — 
und das ist das häufigere — in Verbindung mit andern Bakterien 
vor und vermag unter Umständen eine Allgemeininfektion hervor¬ 
zurufen. 

Unschwer ist die Diagnose zu stellen, wenn man nur auf die 
aus der Wunde strömenden Gasblasen und das Emphysemknistern 
achtet. Dazu kommt die bisweilen auftretende, eigenartig kupfer¬ 
farbene Haut, das rapide steigende Oedem und in den schwersten 
Fällen als Schreckgespenst die Gangrän. Eine große Gefahr be¬ 
steht begreiflicherweise in dem schnellen Fortschreiten des 
Prozesses. Sind auch von Schottmüller bei Aborten bis¬ 
weilen die F r a e n k e 1 sehen Bacillen im Blute gefunden, ohne ein 
letales Ende herbeigeführt zu haben, so sind sie doch äußerst 
maligne. Schätzungsweise beträgt die Mortalität mindestens 4 / ß . 
Weitaus am gefährlichsten sind die mit Gangrän einhergehenden 
Gasphlegmonen und geben eine durchaus schlechte Prognose. 

Hieraus resultiert, daß nur ausgiebige operative Maßnahmen 
einen Erfolg versprechen können. So wird man bei schon vor¬ 
handener Gangrän die sofortige Absetzung des erkrankten Glieds 
im Gesunden vornehmen, und wenn noch keine Gangrän eingetreten 
ist, ohne Aufschub große Incisionen zur Ermöglichung von Sauer¬ 
stoffzufuhr ausführen und die Ablatio als ultimum refugium 
lassen. 

Im Feldlazarett ist von mir in den drei bisher beobachteten 
Fällen nach diesen Grundsätzen verfahren, teils mit, teils ohne den 
gewünschten Erfolg. Es handelt sich in diesen drei Fällen um 
mehr oder weniger erhebliche Granatverletzungen der Weichteile 
des Unterschenkels, die eine tiefe Höhle aufwiesen, ohne Mit¬ 
beteiligung der Knochen. 

In einem Falle zeigte sich bereits am Tage nach der Verwundung 
abends eine beginnende Gangrän des Fußes, die so rapide zugenommen 
hat, daß dieselbe am nächsten Morgen bis zur Mitte des Unterschenkels, 
da, wo die von nekrotischen Ge websfetzen umgebene, stinkende 
Wundhöhle saß, gestiegen war und die typischen Symptome einer Gas¬ 
phlegmone bis handbreit über das Knie sicht- und fühlbar waren. 

Nach diesem Befunde konnte nur eine Amputation den Ver¬ 
wundeten retten, die unter allen aseptischen Kautelen sofort im oberen 
Drittel des Oberschenkels mit Circulärschnitt ohne Naht vorgenommen 
wurde. Im Feld ist augenscheinlich das einfachste zugleich das beste. 
Obwohl völlig im Gesunden operiert wurde und die Operationswunde 
selbst nach mehreren Tagen frisch aussah, konnte der Amputierte doch 
nicht am Leben erhalten werden. Denn am vierten Tage p. oper. 
trat Fieber auf, das abends allmählich auf 41° stieg, um morgens 
wieder auf 37,5 bis 38,5 herabzugehen. Dazu kam am zehnten Tage 
p oper. ein plötzlich auftretender Durchfall mit wäßrigen Stühlen von 
dunkelgrüner Farbe und stinkendem Geruch. Der andauernde Durch¬ 
fall der durch keine Diät und innerliche Mittel (Tannalbin, Opium, 
Bismuthum subnitr. usw.) behoben werden konnte, brachte den 
Kranken so herunter, daß etwa drei Wochen p. oper. der Exitus 
letalis erfolgte. Dies war um so schmerzlicher, als wir glauben 
konnten durch die hohe Amputation der Infektion Herr geworden zu 
sein wofür das frische Aussehen der Wunde und das anfänglich gute 
Allgemeinbefinden sprachen. Der Eintritt und die allmähliche Ver¬ 


schlimmerung des Durchfalls läßt die Annahme gerechtfertigt er¬ 
scheinen, daß die hohe Temperatur und Darmerscheinungen die Folge 
einer Allgemeininfektion waren, um so mehr, als für sonstige infektiöse 
Erkrankungen, Ruhr, Typhus usw., keine Anhaltspunkte Vorlagen. 

In den beiden andern Fällen, wo die übelriechenden Wunden mit 
tiefer Höhle etwa in der Mitte des Unterschenkels zwischen Tibia und 
Fibula sich befanden, zeigten sich bald, und zwar ohne daß Gangrän 
eingetreten ist, die typischen Erscheinungen der Gasphlegmone mul 
dehnten sich im Vergleich zum vorigen Falle niehfc centralwärts, sondern 
nur peripherwärts schnell bis zum Fußgelenk aus, die mehrere breite 
Ineisionen mit Spülung von Wasserstoffsuperoxyd oder Kali hyper- 
manganieum als Sauerstoffüberträger und Einführung von Gummidrain? 
erforderten. Während im ersten Falle Gasbildung und Gewebszerfall 
ohne Eiterung, wie es dem Fraenkel sehen Bacillus eigen ist, vo*. 
handen war, lassen die beiden andern Fälle eine Anaerobieninfektion mit 
andern Bakterien annehmen, wofür neben den typischen Erscheinungen 
der Gasphlegmone die stark entzündlich gerötete Haut und die 
Eiterung mit hohem Fieber sprechen, obwohl bakteriologische 
Untersuchungen nicht vorgenommen werden konnten. Beide Fälle, wo¬ 
von der eine bereits auf dem Wege der Besserung befindlich über¬ 
nommen wuirde, verliefen günstig, wenn auch die schweren lokalen Er¬ 
scheinungen erst allmählich schwanden. 

Kommt man mit breiten Incisionen aus, so ist der Vorteil 
ohne weiteres einleuchtend, nämlich die Erhaltung des Glieds, 
während die Erwerbsfähigkeit noch leiden kann. Verlangt aber 
der schwere Zustand, der Eintritt der Gangrän, die Absetzung des 
Glieds, so besteht für den Kranken immer die Möglichkeit, am 
Leben zu bleiben, es müßte denn sein, daß, wie in unserm Falle, 
der Körper von einer Allgemeininfektion befallen ist, die zu iiber- 
stehen der Organismus wobl selten imstande ist. 

In letzter Zeit hat nun Müller auf dem Chirurgenkongreß 
1913 nach dem Verfahren von T h i r i a r, der nach der Amputation 
in das gesunde Gewebe ringsherum Sauerstoff einblies, seine Ver¬ 
suche mit Sauerstoffeinblasung bei Gasphlegmone vor¬ 
getragen. Diese Methode besteht darin, daß er bei einer selbst 
schweren Gasphlegmone ohne vorherige Amputation oder 
Incisionen das gesunde wie kranke Gewebe mit Sauerstoff anfüllte 
und dieselbe zur Ausheilung brachte. Solche günstigen Erfolge 
mahnen zur Nachprüfung und weiteren Versuchen, die sicherlich 
von verschiedener Seite angestellt sind. Soweit mir die Literatur 
im Felde zur Verfügung steht, hat kürzlich Sudeck 1 ) an drei 
Verwundeten mit Gasphlegmone am Arme diese Methode erprobt 
und allen dreien sogar nach längerem Transport in die Heimat 
noch das Leben gerettet. 

Der eine Fall zeigte bereits eine Gangrän bis über das Ell¬ 
bogengelenk hinaus und kam nach hoher Amputation und Sauer¬ 
stoffeinblasung zur Heilung, während die beiden andern Fälle ohne 
jeden operativen Eingriff durch Sauerstoffeinblasung genasen. 

Es ist natürlich, daß solche günstigen Ausgänge kein 
Zufall, sondern allein der Behandlung mit Sauerstoff- 
insufflation zuzuschreiben sind. 

Da wir aber wissen, daß die Gasphlegmone einen rapide fort¬ 
schreitenden bösartigen Charakter zeigt und die Gangrän sehr 
schnell eintreten kann, wofür unser Fall ein lehrreiches Beispiel 
liefert, darf man mit einer solchen, ich möchte sagen, lebens- 
rettenden Behandlung nicht so lange warten; denn das leuchtet 
ohne weiteres ein, je früher die Sauerstoffinsufflation geschieht, uni 
so leichter ist die Verhütung einer Gangrän und um so geringerdie 
Notwendigkeit eines operativen Eingriffs. 

Schon nach den bisherigen in der Literatur niedergelegten 
Erfahrungen kann die Müller sehe Methode für den Verwundeten 
mit Gasphlegmone nicht hoch genug bewertet werden, um so mehr, 
als dadurch der Verletzte seine Erwerbsfähigkeit beziehungsweise 
Dienstfähigkeit wiedererlangen kann, vorausgesetzt, daß die Ver¬ 
letzung an sich keine Einbuße bedingt. Und ich möchte glauben, 
daß eine anschließende Behandlung mit Sauerstoffinsufflation, die 
ohne Schaden an den nächsten beiden Tagen erforderlichenfalls 
wiederholt werden kann, auch unserem Amputierten noch da s 
Leben gerettet hätte. 

Darum rollt sich mir die wichtige Frage auf: Soll man nicht 
auch im Felde die Verwundeten mit Gasphlegmone einer solchen 
Behandlung zugänglich machen? Diese Frage ist ohne weiteres mi 
„ja“ zu beantworten, da Sauerstoffbomben von den mobilen 
Sanitätsformationen auf ihren Wagen mitgeführt und den u * 
mobilen im Feld erforderlichenfalls durch Eisenbahnztige zug ■* 
führt werden könnten. 

Auch bei den verschiedenen Intoxikationen, wie sie er 
gegenwärtige Krieg mit sich bringt, so z. B. durch Kohlenoxydgas 


*) M. Kl. 1941, Nr. 47. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


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21. März. 


infolge Entwicklung von Explosionsgasen bei Granatfeuer und im 
Minenkriege, durch Chloroform bei der Narkose, ferner durch 
Kohlensäure bei Verschüttungen infolge Einsturzes von Unter¬ 
ständen, Schützengräben, Gebäudeteilen u. dgl. m., wäre als Rüst¬ 
zeug für die Sanitätsformationen im Felde die Sauerstoffbombe 
von eminenter Bedeutung. 

Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, alle Sanitäts¬ 
formationen mit Sauerstoffbomben zu versehen. Ein Ausweg wäre 


vielleicht der, die Feldlazarette, die nicht zu weit von der 
fechtenden Truppe entfernt liegen und im allgemeinen leicht er¬ 
reichbar sind, damit auszustatten. Bei dem guten und schnellen 
Transport der Verwundeten im Auto beziehungsweise Kranken¬ 
auto, das sich ln jeder Beziehung hervorragend bewährt, 
wenigstens auf dem westlichen Kriegsschauplatz, ist auch hier 
noch eine frühzeitige, erfolgreiche Behandlung mit Sauerstoff 
möglich. 


Abhandlungen. 


Aus der Medizinischen Klinik Gießen (Prof. Voit). 

Der Keslstickstoff des Bluts unter physio¬ 
logischen Bedingungen, sein Verhalten bei Ne¬ 
phritis, Urämie und Eklampsie, sowie seine 
Bedeutung für die Prüfung der Nierenftinktion 

von 

Prof. Dr. H. Hohlweg, Oberarzt der Klinik. 

Zahlreiche Arbeiten der letzten Jahre, welche sich mit 
dem Studium des nicht koagulablen Anteils der N-haltigen 
Klutbestandteile, des sogenannten Reststickstoffs be¬ 
schäftigten, haben das Interesse der Physiologen und Kliniker 
für sein Verhalten wachgemfen. Einmal glaubte man daraus 
Aufschluß über manche Fragen der Eiweiß verdauung 
und namentlich der Eiweißresorption bekommen zu können, 
und anderseits wurde schon seit langem die Anhäufung N- 
luiltiger Endprodukte im Blute vielfach mit bestimmten Er¬ 
krankungen, namentlich mit der U r ä m i e , in ursächlichen 
Zusammenhang gebracht. 

Das Studium des Rest-N begegnete gleich anfangs recht 
erheblichen Schwierigkeiten, die zunächst in der Methodik 
seiner quantitativen Bestimmung lagen. Von vornherein war 
zu bedenken, daß unter physiologischen Verhältnissen, z. B. 
während der Verdauung, gar keine großen Schwankungen in 
der Größe des Rest-N erwartet werden können. Bergmann 
und Langsteint) haben rechnerisch dargetan, daß eine 
Erhöhung von 0,005 g N in 100 ccm Blut im Pfortaderkreislaufe 
während einer drei- bis vierstündigen Verdauungsperiode aus¬ 
reichend ist, um dem gesamten, für den Eiweißstoffwechsel 
nötigen Transport zu genügen, unter der Voraussetzung, daß 
die Aufnahme und Assimilation in den Organen mit der 
Resorption gleichen Schritt hält. 

Notwendig war deshalb vor allem eine Methode, welche 
einen sicheren und exakten quantitativen Nachweis des 
Rest-N ermöglichte. Daß die einzelnen Autoren bei ihren 
Untersuchungen häufig zu ganz verschiedenen Resultaten ge¬ 
langten, lag vor allem in der Verschiedenheit und Ungleich¬ 
wertigkeit der angewandten Methodik. Die Schwierigkeit 
iR'fft bei der Koagulation vor allem in der Einhaltung des 
richtigen Säuregrads. Einerseits ist ein gewisser Säuregehalt 
zur völligen Koagulation der Bluteiweißkörper nötig, ander¬ 
st* kann ein Ueberschtiß von Säure sehr leicht zur Bildung 
löslicher Acidalbumine Veranlassung geben, die dann ins 
Filtrat übergehen. 

Ich habe im Jahre 1907 in Gemeinschaft mit 
H. Meyer 2 ) eine Methode ausgearbeitet, welche eine 
sichere quantitative Trennung der koagulablen von den nicht 
koagulablen N-haltigen Körpern ermöglicht. Sie besteht 
‘tonn, daß Blutserum mit einer Mischung gleicher Teile 
1 °lo iger Essigsäure und 5 °/ 0 iger Monokaliumphosphatlösung 
hi* zur sauren Reaktion gegen Lackmus, aber noch neutralen 
Reaktion gegen Kongo versetzt und nach entsprechender 
V erdüimung mit Wasser unter Zusatz von Kochsalz bis zur 
Halbsättigung der Gesamtflüssigkeit koaguliert wird. Die 

’) Bergmann und Langstein, Hofm. Beitr. z. chem. Pbys. 
1995, Bd. 6, S. 27. . Phvq 190 8 

r *) Hohlweg und H. Meyer, Hofm. Beitr. z. chem. Phys. W 
Bd. 11, £ 381. 


Gefahr einer Bildung von löslichen Äcidalbuminen kommt 
hierbei kaum in Frage, da der nötige Säuregrad nur zum Teil 
durch Essigsäure, zum andern Teil durch saures Kalium- 
phosphat hergestellt wird, dem die Fähigkeit, aus Serumeiweiß 
Acidalbumin zu bilden, nahezu abgeht. Zudem wird eventuell 
gebildetes Acidalbumin durch die großen zugesetzten Salz¬ 
mengen sicher gefällt. Im Filtrat wird dann der N-Gehalt 
durch Doppelbestimmungen nach K j e 1 d h a 1 ermittelt. 

Die Methode entspricht tatsächlich allen Anforderungen, 
die an sie gestellt werden müssen, und ist auch bei Nach¬ 
prüfung durch andere Untersucher [M i c h a u d 3 ) und 
Andere] als zuverlässig befunden worden. 

Gegen alle Koagulationsmethoden ist gelegentlich 
immer wieder angeführt worden, daß das Hämoglobin schon 
bei Zusatz ganz geringer Säuremengen Globin abspalte. Da 
das Globin nur sehr schwer zur Koagulation gebracht werden 
könne, gehe es ins Filtrat über und täusche infolge seiner 
albumosenähnlichen Eigenschaften die Anwesenheit von 
Albumosen vor. Dagegen ist aber einmal zu sagen, daß wir 
im nicht eingeengten Filtrat niemals eine positive Biuret- 
reaktion bekommen haben, und weiter gelingt es, namentlich 
mit dem unten beschriebenen Verfahren, wie ich es in den 
letzten Jahren regelmäßig anwende, fast ausnahmslos, ein 
vollkommen ungefärbtes Serum zur Verarbeitung zu ge¬ 
winnen. 

Ich habe deshalb an dieser Methode auch in den ganzen 
Jahren festgehalten. Sie gewährleistet jedenfalls die voll¬ 
kommene Sicherheit, daß aller Nichteiweiß-N ins Filtrat 
übergeht. 

Ob diese Garantie wirklich auch andere Methoden, wie z. B. 
die von'Oszaki 4 ), für die Rest-N-Bestimmung empfohlene Uranilacetut- 
füllung bieten, erscheint mir nicht genügend sichergestellt. Die von 
Philipp 6 ) bei Vergleichsuntersuchungen mit der UranUacetatmcthode ge¬ 
fundenen Werte sind jedenfalls beträchtlich kleiner als die mit der 
Koagulation nach Hohlweg-Meyer festgestellten Zahlen. Zweifellos; 
ist es aber, worauf auch Strauss 6 ) hinweist, von Bedeutung, wirklich die 
Größe des Gesamt-Rest-N zu bestimmen. 


Zur Gewinnung eines vollkommen farblosen Serums hat 
sich mir nachfolgendes Verfahren bewährt. Aus der gestauten 
Armvene werden etwa 50 ccm Blut entnommen und in einem 
trockenen Maßcylinder (von 50 bis 100 ccm) aufgefangen. 
Setzt sich nach ein bis zwei Stunden bei Zimmertemperatur 
noch gar kein Serum ab, so wird der Blutkuchen mit einem 
dünnen trockenen Glasstabe vorsichtig von der Wand des 
Cylinders ringsherum abgelöst. Nach dieser Zeit wird der 
Cvlinder für 6 bis 24 Stunden in den Eisschrank gestellt. Es 
stehen dann immer 20 bis 25 ccm ungefärbten Serums zur 
Verfügung. Wenn ausnahmsweise z. B. nach unvorsichtigem 
Manipulieren mit dem Glasstabe das Serum wirklich einmal 
noch rötlich gefärbt war, habe ich vor seiner Verwendung die 
roten Blutkörperchen erst scharf abzentrifugiert. Zur Ver¬ 
arbeitung gelangen dann 20 ccm Serum. Mit kleineren Mengen 
zu arbeiten erscheint mir wegen der damit verbundenen 
geringeren Genauigkeit der erhaltenen Werte, namentlich in 
den Händen weniger geübter Untersucher, nicht zweckmäßig. 

In der erwähnten, in Gemeinschaft mit H. Meyer aus- 


») Michaud, Korr. BL Schweizer Ae. 1913, Nr. 46. 

Oszaki, Zbl. f. hm. M. 1912, Nr. 47, und Zschr. f. klm. M. 

^ **?’phjlfpp, Zschr. f. physiol. Chem. 1913, Bd. 86, S. 498. 

«} Strauss, Zschr. f. Urol. 1913, Nr. 7. 


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UMIVERSITY OF IOWA 



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21. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


geführten Arbeit wurde zunächst das Vorhalten des Rest-N j 
unter dem Einfluß des Hungers uml der V erd a. u u n g ! 
studiert. Wir haben dabei nicht nur den Gesamt-Rest-N be¬ 
stimmt, sondern diesen durch Tanninfällung und gesonderte 
Hamstoffbestimmung noch in drei Fraktionen aufgeteilt. Man 
erhält so einen mit Tannin fällbaren Anteil „Albumosen¬ 
fraktion“, einen mit Tannin nicht fällbaren Anteil „Amino¬ 
säurenfraktion“ und schließlich die „Hamstofffraktion“. Wir 
dachten nämlich daran, daß bei dieser Aufteilung des Rest-N 
sich unter verschiedenen Bedingungen vielleicht konstante 
Beziehungen in der Größe bestimmter Fraktionen mit der 
Nahrungsaufnahme nachweisen ließen. 

Die Versuche ergaben, daß im Blute des verdauenden 
Tiers (nach reichlicher Fleischfütterung) gegenüber dem 
Ilungerzustand eine meist recht deutliche Erhöhung des 
Rest-N eintritt. Die Mittelzahlen für 100 ccm Berum betragen: 

Hunger Verdauung 

Gesamtreststickstoff . . 53 mg 79 mg 

Es machte dabei keinen merkbaren Unterschied aus, ob 
die Blutentnahme 2 oder 6 bis 7 Stunden nach der Nahrungs¬ 
aufnahme vorgenommen wurde. 

Was die einzelnen Fraktionen anlangt, so fiel zunächst 
auf, daß der Anstieg des Rest-N auf der Höhe der Ver¬ 
dauung vornehmlich durch eine Zunahme des Harnstoffs er¬ 
folgte. Die Mittelzahlen für 100 ccm Serum betragen: 

Hunger Verdauung 

Hamstoffanteil ... 38 mg 57 mg 

Die Steigerung des Harnstoffgehalts beträgt somit 
während der Eiweißresorption etwa 50 °/ 0 . Das Verhältnis 
des Harnstoffs zum Gesamt-Rest-N ist im Hunger fast ganz 
das gleiche wie während der Verdauung: der Harnstoff macht 
beide Male etwa drei Viertel des Gesamt-Rest-Stickstoffs aus. 

Das letzte Viertel des Rest-N besteht im Hungerzustande 
zu gleichen Teilen aus Tannin fällbaren und Tannin nicht- 
fällbaren Körpern. Während dev Verdauung steigt die Tannin 
nichtfällbare „Aminosäurenfraktion“ deutlich an, im Mittel 
von 6 mg im Hungerserum auf 13 mg im Verdauungsserum. 
Im Gegensatz hierzu weist die Albumosenfraktion ein in¬ 
konstantes Verhalten auf; sie zeigt in einigen Versuchen eine 
deutliche Zunahme, in andern aber eine ebensolche Abnahme; 
sie steht also mit der Eiweißresorption in keinem deutlich 
erkennbaren Zusammenhänge. Selbst nach Verbitterung 
größerer Mengen von Albumosen war keine derartige Zu¬ 
nahme der Albumosenfraktion im Blute zu bemerken, daß sich 
daraus ein Uebertritt- derselben in unverändertem Zustand ins 
Blut hätte entnehmen lassen, obwohl zur Zeit der Blut¬ 
entnahme nachweislich ein großer Teil der verfütterten 
Albumosen zur Resorption gelangt sein mußte. 

Die regelmäßig gefundene Vermehrung der Amino- 
säurenfraktion legt natürlich die Vorstellung nahe, daß es sich 
hier um einen Transport von Eiweißendprodukten vom Darme 
zu den Organen handelt. Die absolute Erhöhung ist zwar 
schließlich nicht erheblich — im Mittel etwa 7 mg in 100 ccm 
Serum — und es war selbst durch reichliche Zufuhr von nicht 
mehr durch Tannin fällbaren Eiweißabbau Produkten eine 
weitere wesentliche Erhöhung der Aminosäurenfraktion nicht 
mehr zu erreichen. Halten wir uns aber die oben erwähnte 
Berechnung von Bergmann und Lang stein vor 
Augen, so können wir gTößere Differenzen überhaupt nicht 
erwarten. 

Jedenfalls zeigen die Untersuchungen, daß beim Hunde 
nach tagelangem Hunger die gleichen Fraktionen des Rest-N 
— vom Harnstoff abgesehen — im Blute sich nachweisen 
lassen wie in der Verdauung. Es bestehen also zwischen 
Hunger und V e r d a u u n g nach dieser Richtung nur 
quantitative, nicht qualitative Verschiedenheiten. 
Es kann daraus mit Wahrscheinlichkeit der Schluß gezogen 
werden, daß diese Fraktionen als Produkte des intermediären 
Stoffwechsels auf dem Blutwege von Organ zu Organ den 


Körper durcheilen und daß sie durch die bei der Darm¬ 
resorption zuströmenden Stoffe nur eine Steigerung erfahren. 

In weiteren Untersuchungen habe ich dann das Ver¬ 
halten. des Rest-N bei Nephritis und Urämie studiert. 
Um Vergleichswerte zu gewinnen, habe ich zunächst an 
Nierengesunden die Normalwerte für den Rest-N fest¬ 
gestellt. Da nach dem Vorausgehenden die Nahrungsauf¬ 
nahme von Einfluß auf die Größe des gefundenen Rest-N- 
werfcs ist, erfolgte die Blutentnahme stets unter den gleichen 
äußeren Verhältnissen — zwischen 10 und 11 Uhr vormittags 
— nachdem die Patienten bis dahin nur gegen 7 Uhr morgens 
eine Tasse Milch und ein Brötchen zu sich genommen hatten. 
Der Rest-N schwankte dabei zwischen 41 und 61 mg N in 
100 ccm Serum und betrug im Mittel 51 mg. , 

Bei Nephritiden zeigten meine Untersuchungen 
regelmäßig einen bald mehr bald weniger deutlichen Anstieg 
des Rest-N. Die gefundenen Werte schwankten bei Fällen, 
in denen sonst keine Erscheinungen von Niereninsuffizienz 
vorhanden waren, zwischen 63 und 99 mg. Bei der paren¬ 
chymatösen Nephritis war die Erhöhung durchschnittlich etwas 
| niedriger (73 mg) als bei der interstitiellen Form (81 mg). 

Volhard 1 ) hat auf Grund der in seiner Monographie 
niedergelegten Einteilung* der B r i g h t sehen Nierenkrank¬ 
heit für die einzelnen Formen ein ganz bestimmtes Verhalten 
der Rest-N-Größe festgestellt. Er hat ebenso wie 
von Monakow 2 ) nicht bei allen Nierenkranken eine Er¬ 
höhung des Rest-N feststellen können und hat sie beispiels¬ 
weise vermißt bei den degenerativen Erkrankungen der Niere, 
den von ihm sogenannten Nephrosen. Bei den durch 
Schwangerschaft bedingten Nephrosen (siehe unten) habe auch 
ich keine Erhöhung des Rest-N gefunden. Im übrigen habe 
ich bei Nephrosen Rest-N-Bestimmungen anzustellen keine 
Gelegenheit gehabt und es mag hierin wohl der Grund liegen, 
weshalb ich Fälle mit völlig normalem Rest-N unter meinen 
Beobachtungen sonst nicht verzeichnet habe. 

Von Interesse ist vor allem das Verhalten des Rest-N 
bei den entzündlichen Nierenerkrankungen in ihrem späteren 
Verlauf und bei der Urämie. 

Es zeigen meine Untersuchungen, daß bei schweren, 
letal endenden Nephritiden der Rest-N in den letzten Lebens¬ 
wochen (eventuell -monaten) bald langam, bald rascher bis 
zu den höchsten Werten ansteigt. Es fanden sieh dabei Werte 
von 120 bis 340 und 370 mg N in 100 ccm Serum. Die Er¬ 
höhung des Rest-N wird um so größer gefunden, je kürzer 
vor dem Tode das zur Untersuchung verwendete Blut ent¬ 
nommen ist. 

Dieser enorme Anstieg des Rest-N ist vor allem durch 
eine starke Zunahme des Harnstoffs bedingt, der bei den 
maximalen Werten auch relativ — bis auf etwa 80 °/ 0 des 
Gesamt-Rest-N — ansteigt. Ebenso zeigt auch die durch 
Tannin nicht, fällbare ..Aminosäurenfraktion“ eine deutliche 
Erhöhung, von 10,4 mg auf 33,6 bis 39,8 mg in 100 ccm 
Serum. Dagegen läßt der durch Tannin fällbare Anteil auch 
bei dem höchsten Anwachsen des Rest-N keinerlei Erhöhung 
erkennen, das heißt, daß im Gefolge von schweren Nieren- 
erkrankungen diejenigen Bestandteile des Rest-N im Blut an- 
steigen, die sonst als Endprodukte aus dem Blute durch die 
Nieren eliminiert werden — Harnstoff und in geringen Mengen 
auch die Aminosäuren. Ihr Anstieg im Blut ist demnach ein 
Zeichen des Unvermögens der Nieren, diese Stoffe aus dem 
Organismus zu entfernen, ist also der Ausdruck der Nieren¬ 
insuffizienz. 

Wenn aber wirklich die Größe des Rest-N uns einen 
sicheren und brauchbaren Indikator für den Grad der be¬ 
st ebenden Niereninsufiizienz abgeben soll, so ist zu fordern, 
daß die starken Anhäufungen des Rest-N tatsächlich nur 
in den Endsladien der Nephritis Vorkommen und nicht hei 

I 7 ) Volhard und Fahr, Die Bri^htsche Nierenkrankheit. Beili« 

I 10U, J. Springer. 

8 ) v. Monakow, ]) Arch. f. klin. Med. 1914, Bd. 115 und 116 


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21.März. _1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 335 


Kranken, die aus andern Ursachen, wie z. B. an schweren 
Herzleiden, zugrunde gehen. Tatsächlich zeigen meine dies- 
heziigliehen Untersuchungen, daß bei Kranken, die überhaupt 
keine Veränderungen an den Nieren aufweisen, noch kurz vor 
dem Exitus Zahlen gefunden werden, wie ich sie bei Nieren- 
gesuuden als Normal werte festgestellt habe. Und Nephritiker, 
die nicht an ihrer Nephritis, sondern aus anderen Ursachen 
zugrunde gehen, zeigen noch in den letzten Lebensstunden 
kein irgendwie nennenswertes Ansteigen des Rest-N. 

Einen recht charakteristischen Fall hatte ich vor kurzem zu beob¬ 
achten (jelegenheit. Bei einem Patienten mit chronischer Nephritis hatte 
ich im November 1909 einen Rest-N von 91 mg festgestellt. Er wurde 
damals gebessert entlassen und war in den folgenden Jahren mit kurzen 
Unterbrechungen in seinem Beruf als Bäcker arbeitsfähig. Am 23. April 
19U erkrankte er plötzlich mit Schüttelfrost und Fieber und kam am 
29. April 1914 an einer croupösen Pneumonie zum Exitus. Eine 
24 Stunden vor dem Tode vorgenommene Blutuntersuchung ergab einen 
Rest-N von 94 mg, das heißt fast genau den gleichen Wert wie vor 
4‘/a Jahren. 

Es sind also die starken Anhäufungen des Rest-N tat¬ 
sächlich eine für in Bälde letal endende Nephri¬ 
tiden specifische Erscheinung. 

Dieses Verhalten des Rest-N begründet seinen großen 
Wert für die Stellung der Prognose und in manchen 
Fällen auch der Diagnose. 

Bei Kranken, die nicht über 100 mg Rest-N in 100 ccm 
Serum aufweisen, ist die Prognose relativ günstig zu 
stellen, vorausgesetzt, daß keine andern schweren Er¬ 
krankungen, wie von seiten des Herzens, den Fall kompli¬ 
zieren. Sie sind, wie namentlich auch aus den Beobachtungen 
von Volhard hervorgeht, bei entsprechender Therapie 
häufig einer weitgehenden Besserung ihres Zustandes fähig. 
Werte von 120 bis 140 mg ab geben nach meinen Erfahrungen 
eine unbedingt schlechte Prognose und es ist bei diesen 
Fällen eine nochmalige wesentliche Besserung des Zustandes 
nicht mehr zu erwarten. Bei wiederholten Bestimmungen läßt 
sich in solchen Fällen ein mit der zunehmenden Verschlechte¬ 
rung des Zustandes parallel gehender Anstieg des Rest-N bis 
zu den höchsten Werten nachweisen. 

Aber auch für die Diagnose kann uns die Rest-N- 
Bestimmung in manchen zweifelhaften Fällen manchmal einen 
wertvollen Fingerzeig geben. 

So konnte ich in einem Falle, der klinisch als echte Urämie im¬ 
ponierte. einen Wert von nur 44 mg Rest-N feststellen. Die Diagnose 
Iriimie mußte danach äußerst fraglich erscheinen. Tatsächlich zeigte 
dfh später, daß es sich um eine vorübergehende Psychose gehan¬ 
delt hatte. 

In einem andern durch die Sektion bestätigten Falle ließ sich 
bei einem Rest-N-Werte von 52 mg ein apoplaktisches Koma von einem 
urämischen abgrenzen. 

Diese von mir aus meinen Untersuchungen gefolgerten 
Anschauungen haben seitdem eine ausgedehnte Nachprüfung 
durch andere Untersucher und im wesentlichen jedenfalls eine 
volle Bestätigung erfahren. Auf Grund umfangreicher Unter¬ 
suchungen haben sich namentlich bezüglich des Wertes der 
Ibst-X-Bestimmung für die Prognosenstellung M i c h a u d 
( J- p ‘) tutd Andere und mit geringfügigen Abweichungen auch 
^ t r a u s s °) meinen Schlußfolgerungen angeschlossen. Eben¬ 
so sicht Volhard den Re.st-N-Gehalt des Bluts als einen 
sicheren Maßstab für den Grad der bestehenden Funktions- 
*hmmg an und steht bezüglich des Wertes der Rest-N- 
Bestimmnng für die Prognosenstellung ungefähr auf demselben 
Standpunkte, den ich bereits 1911 vertreten habe. 

^ Was mm die U r ä m i e anlangt, so läßt gerade die Rest- 
VBestiimmmg zwei Formen, die sonst nicht mit genügender 
Sicherheit unterschieden werden können, scharf voneinander 
hinnen. Als urämisch bezeichnet Volhard nur diejenigen 
Erscheinungen, die ausschließlich bei Niereninsuffizienz, das 
leißt hei erhöhtem Rest-N-Spiegel im Blut auftroten. Er 
reolniet dahin enge Pupillen, dyspeptische Erscheinungen. 

Müdigkeit, Hinfälligkeit, Schwäche. Apathie und Be- 

9 ) Strauss, 1). A. f. klin. Mod. 1912. Bd. HW. 219. 


nommenheit, urinösen Foetor ex ore, allgemeine Uebcrregbar- 
keit und Ueberempfmdlichkeit der Muskulatur mit Muskel¬ 
zucken und Sehnenhüpfen, große Atmung und Temperatur¬ 
abfall; er faßt diese Erscheinungen als Zeichen chro¬ 
nischer Harnvergiftung, als echte Urämie 
auf. Auch ich habe bei dieser Form der Urämie, namentlich 
in den Endstadien, ausnahmslos recht beträchtliche Erhöhungen 
des Rest-N im Blute gefunden. V o 1 h a r d trennt hiervon 
diejenigen Erscheinungen, die auch ohne Niereninsuffizienz, 
das heißt ohne Erhöhung des Rest-N im Blute Vorkommen 
und daher nicht auf diese zurückgeführt werden können. Es 
sind das vor allem cerebrale Reiz- und Ausfallerscheinungen, 
insbesondere die bekannten großen epileptiformen Krämpfe. 
Er bezeichnet diese Form als sogenannte eklamptische 
Urämie und bringt sie mit einer Steigerung des Hirndrucks, 
einer Himschwellung, in ursächlichen Zusammenhang. In 
diesem Sinne sprechen die günstigen therapeutischen Erfah¬ 
rungen, die Volhard und Frey 10 ) bei diesen Formen mit 
mit der Lümbalpunktion gemacht haben. In Parallele läßt 
sich die eklamptische Urämie mit der Eklampsie der 
Schwangeren setzen, die, wie unten noch ausgeführt werden 
wird, gleichfalls ohne Erhöhung des Rest-N-Spiegels im Blut 
einhergeht, und für die vor einigen Jahren Zange- 
meister 11 ) die cerebrale Druckentlastung durch Trepana¬ 
tion angegeben hat. Ich hatte bisher nur einen Fall von 
eklamptischer Urämie zu beobachten Gelegenheit gehabt. 
Der Rest-N betrug dabei 66 mg in 100 ccm Serum. Der 
anfangs hohe Eiweißgehalt des Urins (S 1 ^ °/ 00 ) ging rasch 
zurück, der Blutdruck sank im Verlauf einer vierwöchigen 
klinische^ Beobachtung von 165 auf 110 mm Hg. Zwei 
Monate später fanden sich im Urin nur mehr Spuren Eiweiß: 
der Blutdruck betrug 108 mm Hg, der Patient war völlig 
arbeitsfähig. 

Es erhebt sich nun noch die Frage: Läßt sich die An¬ 
häufung N-haltiger Körper im Blute mit der echten Urämie in 
ursächlichenZusammenhangbringen? Bemerkenswert ist jeden¬ 
falls, wie auch Volhard hervorhebt, daß die tödliche Nieren- 
insuffizienz regelmäßig mit einem Anstieg des Rest-N einher¬ 
geht und daß umgekehrt, wie es meine Beobachtungen lehren, 
bei tödlich endenden Fällen dann, wenn keine wesentliche 
Erhöhung des Rest-N sub finem vitae nachweisbar ist, der 
Tod nicht infolge Niereninsuffizienz, sondern aus andern 
Ursachen eingetreten ist. Daß also Anhäufung N-haltiger 
Körper und das Bild echter Urämie regelmäßig parallel gehen, 
daran ist meines Erachtens nicht mehr zu zweifeln. Ob frei¬ 
lich ein bestimmter Anteil des Rest-N selbst als ätiologischer 
Faktor in Frage kommt, oder ob uns der Rest-N nur die 
Größe der Retentionen im Blute ganz im allgemeinen anzeigt, 
also auch die Retention anderer Stoffe, deren Natur uns zu¬ 
nächst noch völlig unbekannt ist, das muß vorerst noch dahin¬ 
gestellt bleiben. 

Die bei Nephritis und Urämie gefundenen Resultate 
legten den Gedanken nahe, auch bei der Eklampsie der 
Schwangeren und Kreißenden den Rest-N-Gehalt des Bluts zu 
verfolgen, zumal namentlich in früheren Jahren vielfach 
Eklampsie und Urämie in eine gewisse Parallele zueinander 
gesetzt worden waren. 

Zangemeister**) hatte bereits in eingehenden Untersuchungen 
die Frage geprüft, ob die Eklampsie eine Folge unvollkommener Nieren¬ 
funktion ist, ob sie demgemäß auf eine urämische Intoxikation zurück¬ 
geführt werden muß oder nicht. Er fand den Rest-N im Eklampsie- 
Kerum im Mittel etwas erhöht (0,285 %o gegenüber 0,200— 0,202 %o bei 
gesunden Schwangeren und Kreißenden). Die Erhöhung war aber keines¬ 
wegs konstant und im Vergleich zu den bei Urämie gefundenen Zalilen 
ganz unbedeutend. 

Durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Herren 
Prof, von Fraquö und Prof. O p i t z war ich in der Lage, 
bei einigen Eklampsien den Rest-N des Bluts zu bestimmen. 

i«) Frey, Korr. Bl. f. Schweizer Ae. 1912, Nr. 17. 

1 ) Zange meist er. D. m. W. 1911, 1879. 

vi ) Zange meist er. Zsclir. f. ClelmrtsJi. 1903, Bd. 50, S. 385. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


331 


Die nachstehende Tabelle gibt die Resultate dieser Unter¬ 
suchungen wieder. 

Tabelle. 


Fall 

Nr. 

Rest-N 
mg in 

100 Serum 

Bemerkungen 

1 

! 53 ! 

i 

1 1 Anfall am 4. Wochenbettstage; gehellt entlassen. 

0 

022/7911 

i, " | 

! 

20 12. 1911, 7h a.m.: Spontan entbunden. 

10» 1. Anfall. Dauer iy t Minuten. 

11« 2. Anfall. Dauer 2 Minuten. 

6» Aderlaß. Behandlung nach Stroganoff. Ge¬ 
heilt entlassen. 

3 

532 W 12 

20 

16 12 1912: Sectio caesarea wegen schlechter kindlicher Herz¬ 
töne. 16. 12. 3 eklamptische Anfälle innerhalb Va Stunde 
Aderlaß, Stroganoff. 4. 1. 1913 auf eignen Wunsch ent¬ 
lassen. 

4 

46 

26. 4 1914: 2 Anfälle außerhalb der Klinik, 3 Anfälle in der 
| Klinik. Erst Aderlaß und Stroganoff Dann künstliche 
Entbindung. Danach noch 1 Anfall. Rasche Erholung der 
Nieren. 9. 6. entlassen. Im Urinsediment ganz vereinzelte 
Cjlinder. Eiweiß kaum V« */<». 

6 

GS 

27. 4. 1913, 7 ha. m.: Spontangeburt einer lebensunfähigen 
Frucht im 7. Monat. 11 h p. m 1. Anfall. Am 28. 4. einige 
weitere Anfälle. Gebessert entlassen. 

0 

68 

12. 7. 1911: Außerhalb der Klinik schon schwere Anfälle. 
11 h a. m. Blutentnahme. 13. 7., II 80 a. m. Exitus. 

7 ; 

66 

10. 7. 191i: Spontan entbunden. 11.7. stark gehäufte Anfälle. 
9» a. m.: Aderlaß. 4 h p. m. Eil us. 

8 ' 

44 

26. 4. 1914: Schwere Eklampsie. Exitus ‘/i Stunde nach Ein¬ 
lieferung in die Klinik. 


Die in vorstehender Tabelle gefundenen Werte für den 
Rest-N halten sich, abgesehen von Fall 5, wo die Erhöhung 
aber nur eine ganz unbedeutende war, in völlig normalen 
Grenzen; die in Fall 4 gefundene Größe — 26 mg — ist 
sogar der niedrigste Wert, den ich bisher überhaupt mit 
meiner Methode je gefunden habe. Ein Anstieg des Rest-N, 
wie er bei Nephritis und Urämie die Regel darstellt, wird bei 
der Eklampsie völlig vermißt. Es bestätigen meine Resultate 
also die erwähnten Untersuchungen von Zange meister 
und zeigen gleichfalls, daß die Eklampsie mit einer Retention 
von X-haltigen Körpern nicht in kausalen Zusammenhang 
gebracht werden kann. Selbst in denjenigen meiner Fälle 
(Fall 6, 7 und 8), wo die Untersuchung des Blutserums kurz 
vor dem Tode vorgenommen wurde, ergibt die Rest-N-Be- 
stimmung normale Werte. Es besteht damit im Verhalten des 
Rest-N bei Eklampsie einerseits und bei chronischen Nephri¬ 
tiden und Urämie anderseits ein prinzipieller Unterschied. Die 
mit der Eklampsie verbundenen Nierenschädigungen führen 
eben nicht zu einer Niereninsuffizienz, wenigstens nicht zu 
einer Insuffizienz fiir die Ausscheidung N-haltiger End¬ 
produkte. 

Die Nierenveränderungen bei der Eklampsie sind, wie ich 
mit Z i n s s e r 13 ) und Andern annehmen möchte, rein sekun¬ 
därer Natur und es erscheint deshalb schon aus rein theore¬ 
tischen Gründen eine Therapie der Eklampsie von der Niere 
allein aus nicht besonders aussichtsreich. Wesentlich anders 
gestalten sich die Verhältnisse, wenn bei einer Frau, die an 
chronischer Nephritis leidet, eine Schwangerschaft eintritt. 
Ich hatte einen derartigen Fall zu beobachten Gelegenheit. 

22jährige I-Para. Mit 4 Jahren Scharlach; im Anschluß daran 
Nierenentzündung. Patientin war damals angeblich vier Monate bett¬ 
lägerig. Graviditas mens. VII. Cor nach links stark verbreitert Lautes 
diastolisches Geräusch, namentlich über dem Sternum. Blutdruck 220 mm 
11". Pulsus celer. Seit vier Wochen starke Anschwellung der Beine 
und äußeren Genitalien. Im Urin reichlich Albumen, anfangs 4%n. zur 
Zeit der Aufnahme 20—30 %o reichlich hyaline und granulierte Cylinder. 
Retinitis albuminurica. Am 5. Februar 1913 Einleitung der künstlichen 
Frühgeburt in der Frauenklinik. Am 6. Februar Rest-N: 89 mg in 100 ccm 
Serum Nach Ablauf des Wochenbetts am 14. Februar zur Medizinischen 
Klinik verlebt Urin mengen 1500 - 2100; spezifisches Gewicht meist 
1010—1012. Albumen 2—3Vs 0 /». Blutdruck 160—180 mm Hg. Rest-N 
am 19. Februar 1913: 85 mg in 100 ccm Serum. Am 7. März gebessert 
entlassen Am 24. Juli 1914 ambulante Vorstellung. Leidliches Wohl- 
1 -'finden Im Urin etwa 1 %o Albumen. Reichlich hyaline und granu¬ 
lierte Cylinder. Blutdruck 190 mm Hg. Rest-N: 106 mg in 100 ccm 
Serum. . 

In diesem Falle hatte also eine chromsehe Nephritis, wie 
gewöhnlich, zu einer beträchtlichen Erhöhung des Rest-N 

,3 ) Zinsser, B. kl. W. 1913, Bd. 9, S. 388 und hier zitierte 
frühere Arbeiten. 


21. März. 


(89 mg) geführt. Urämische oder eklamptische Erscheinungen 
bestanden nicht. Die im Urin ausgeschiedenen Eiweißmengen 
stiegen während der Schwangerschaft enorm an und gingen 
im Wochenbette wieder rasch zurück. Es kamen offenbar zu 
der chronischen Nephritis die Veränderungen der Schwanger¬ 
schaftsniere hinzu. Der Rest-N war 14 Tage nach dem Partus 
ungefähr ebenso groß wie direkt nach dem Partus. Es hatte 
also offensichtlich die durch die Schwangerschaft bedingte 
Nierenschädigung keinen weiteren Anstieg des Rest-N zur 
Folge gehabt. Vielmehr war sogar 1*/ 2 Jahre später, zu einer 
Zeit leidlichen Wohlbefindens, der Rest-N deutlich höher 
(106 mg) als er während der Schwangerschaft 1913 ge¬ 
funden war. 

Ich zweifle nicht daran, daß man an der Rest-N-Größe 
ein brauchbares Hilfsmittel hat, um eine chronische Nephritis 
in der Schwangerschaft von einer Eklampsie- oder einer 
Schwangerschaftsniere zu unterscheiden. Beides sind sicher¬ 
lich ganz verschiedene Dinge. Der hier festgestellte Unter¬ 
schied zwischen beiden läßt die von H o f m e i e r uml 
Fehling hervorgehobene Tatsache (zitiert bei Zange¬ 
rn e i s t e r) verständlich erscheinen, daß nämlich Schwangere 
und Kreißende mit chronischer Nephritis im Gegensätze zu 
jenen mit typischer Schwangerschaftsnephritis keineswegs 
besonders zu Eklampsie disponiert sind. 

Nach dem Vorstehenden lag es nahe, die Rest-N- 
BestimmungalsFunktionsprüfungsmethode 
auchbeichirurgi8chenNierenerkrankungen 
heranzuziehen, und meine Untersuchungen waren bereits im 
Gang, als S t r a u s s (1. c.) dem gleichen Gedanken in einer 
ausführlichen Besprechung meiner Arbeit Ausdruck verlieh. 

Zu umfangreicheren Untersuchungen kam ich erst da¬ 
durch, daß mir Herr Prof. P o p p e r t und Prof. Opitz ihr 
Material an chirurgisch Nierenkranken zur Verfügung stellten. 
Ich konnte damit, namentlich durch den Vergleich des Rest-N 
bei den gleichen Patienten vor und nach der Operation, die 
ganze Methode auf eine breitere Basi§ stellen. 

Selbstverständlich wurden die Patienten auch sonst einer 
genauen Untersuchung — Cystoskopie und Ureterenkatheteris- 
mus — unterzogen, und es wurde in den meisten Fällen auch 
eine Funktionsprüfling mit Indigocarmin ausgeführt und der 
Gefrierpunkt des Serums festgestellt. 

Meine Beobachtungen zeigen nun, daß bei Patienten 
mit einer kranken und einer gesunden Niere 
— in den meisten Fällen handelt es sich um Tuberkulose — 
der Rest-N des Blutserums in den gleichen Grenzen sieh hält 
wie bei Personen mit zwei gesunden Nieren. Die gefundenen 
Werte schwanken zwischen 44 und 61 mg in 100 ccm Seruni: 
in fast genau denselben Grenzen bewegen sich die bei völlig 
Nierengesunden gefundenen Normalzahlen (41 bis Gl mp- 

Sehr bemerkenswert erscheint mir dabei, daß die 
anatomischen Veränderungen an der kranken Niere in den ver¬ 
schiedenen Fällen sehr verschieden stark waren. 

So war z. B. bei einem Falle von Nierentuberkulose auch auf 
Medianschnitte durch die Niere zunächst gar keine sichere Erkrankung 
zu erkennen, sodaß bei der Operation sogar Zweifel an der Ricntipci. 
der Diagnose auftauchten. Erst die genauere anatomische Untersm'limu 
zeigte einen kirschkerngroßen, ins Nierenbecken durchgebrocheneu en 
und diffuse Knötchenaussaat auf der Nierenbeckenschleimhaut. 

Bei andern Fällen wieder zeigte sich schwerste De¬ 
struktion der exstirpierten Niere, sodaß von erhaltenem 
Nierenparenchym überhaupt nichts mehr zu erkennen war. 
Zwischen diesen extremen Fällen finden sich dann solche nn 
mittelschweren Veränderungen. Bei allen diesen Beobiu» 
tungen aber hält sich der Rest-N in normalen Grenzen. - ali 
kann nicht einmal sagen, daß bei den Fällen mit schwer* e 
Veränderungen der Rest-N sich der oberen und bei denen un 
leichten Prozessen sich der unteren Grenze der Norm nähe- 
Die Schwankungen sind eben individuell und genau 1 
gleichen wie bei völlig Nierengesunden. 

Rein einseitige N i e r e n e r k r a n k u n g e 1 


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21. März. 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


m 


führen demnach zu keiner E r li ö h u n g des Rest-N im 
Serum. 

Für die Frage, ob im Einzelfalle die Entfernung der als 
kr;uik erkannten Niere gestattet ist oder nicht, spielt nach 
diesen Erfahrungen die Größe des Rest-N eine sehr bedeut¬ 
same Holle. Wir haben auf Grund unserer Resultate in der 
letzten Zeit auch bei einigen Fällen, wo der sichere Nachweis 
der völligen Intaktheit der andern Niere durch den Ureteren- 
katlieterisnms wegen ausgedehnter Blasentuberkulose nicht 
erbracht werden konnte, wo aber der Rest-N sich in normalen 
Grenzen bewegte, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der 
Methode zur Operation geraten. In keinem unserer Fälle sind 
nach der Nephrektomie auch nur die geringsten urämischen 
Erscheinungen aufgetreten. 

Diese Erfahrungen stehen in vollem Einklänge mit der 
schon bekannten Tatsache, daß nach der Nephrektomie die 
zuriickgelassene, allerdings absolut gesunde Niere, die von ihr 
geforderte Exeretionsarbeit in vollem Maße zu leisten ver¬ 
mag. Es war deshalb von Interesse, das Verhalt en des Rest-N 
an Leuten, dieüberhauptnurei ne, abergesunde 
Niere-besitzen, zu beobachten. 

Es handelt sich dabei um Patienten, bei denen längere 
Zeit nach Exstirpation der kranken Niere die Untersuchung 
angestellt wurde, nachdem also schon eine gewisse Gewöhnung 
der zurückgelassenen Niere an die gestellten Mehranforde¬ 
rnden eingetreten war. In der ersten Zeit nach der Operation 
steigt nämlich, worauf ich gleich noch zu sprechen kommen 
werde, der Rest-N bald mehr, bald weniger deutlich an. Etwa 
nach sechs Wochen, mitunter auch schon früher, manchmal 
aber auch erst später, finden sich dann wieder normale Werte. 
Offenbar treten also nach einem vorübergehenden Stadium 
gestörter Kompensation, im allgemeinen etwa sechs Wochen 
nach der Nephrektomie, bei zurückgelassener gesunder Niere, 
wieder normale Verhältnisse ein. 

Bei acht Kranken, bei denen die Exstirpation der 
kranken Niere genügend lange Zeit zurück lag und bei denen 
die zurückgelassene Niere nach dem Resultat der Harnunter¬ 
suchung als völlig gesund angesehen werden mußte, fanden 
wh für den Rest-N Zahlen von 41 bis 59 mg auf 100 ccm 
>erum berechnet. 

Es zeigen also diese Untersuchungen, daß auch nach 
der Nephrektomie, wenn nur die zurückgelassene Niere völlig 
gesund ist, es zu einer Anhäufung des Rest-N im Blute nicht 
kommt, daß also eine gesunde Niere die geforderte 
Exeretionsarbeit — wenigstens was die N-haltigen harn- 
fahigen Körper anlangt — i n v o 11 e m U m f a n g e zu leisten 
vermag. 

Anders gestalten sich die Verhältnisse, wenn nach Ent¬ 
fernung einer Niere auch eine Erkrankung der zuriiekge- 
lassenen Niere eintritt. 

So war es z. B. in einem Falle, wo im November 1912 die linke 
•Xiere we^n eines Hypemephroms entfernt worden war, acht Monate 
später offenbar zu einem Rezidiv in der anfangs gesunden Niere ge¬ 
kommen, das mehrmals zu Blutungen und temporärem Verschluß des 
reters durch verstopfende Blutgerinnsel führte. Hier ergab die Rest-N- j 
«Mimmung einen deutlichen Anstieg: 77 mg in 100 ccm Serum. 

Es zeigt also ein erhöhter Rest-N bei Ein- 
51 ierigen eine Erkrankung der zurückge- 
a s s e u e n N i e r e an. Diese Tatsache kann namentlich in 
flehen Fällen eine praktische Bedeutung erlangen, wo es sich 
duruiu handelt, zu entscheiden, ob eine nach einseitiger 
* °phrektomie bestehende Eiterung aus den Harnwegen nur 
au * ^ er Blase oder auch aus der zurückgelassenen Niere 
•stammt. Hier wird die Rest-N-Bestimmung besonders wert- 
Hill weil man naturgemäß in solchen Fällen, wenn irgend 
jMghch, den Ureterenkatheterismus wegen der damit ver¬ 
ladenen Infektionsgefahr für die Niere zu umgehen 
suchen wird. 

elseitigenNierenerkrankungen 
Eiterungen oder einseitiger Eiterung mit 


Beidopp 

(doppelseitigen 


toxischer Schädigung der andern Seite) ist der Rost-X gegen¬ 
über der Norm erhöht. Ich fand Werte von 02 bis 73 mg X 
in 100 ccm Serum. Allerdings ist hier der Anstieg durch¬ 
schnittlich nicht so hoch wie ich ihn in meinen früheren Unter¬ 
suchungen bei doppelseitigen parenchymatösen und inter¬ 
stitiellen Nephritiden gefunden hatte (OB bis 93 mg). Das 
wird aber verständlich, wenn wir bedenken, daß in den hier 
vorliegenden Untersuchungen die Erkrankung der zwei len 
Niere, die ja nach unsern vorausgegangenen Beobachtungen 
überhaupt erst den Anlaß zur Erhöhung des Rest-N ahgibt, 
stets nur eine relativ geringfügige, und wie wir uns bei 
mehreren Fällen mit Sicherheit überzeugen konnten, eine 
völlig reparable war (toxische Nephritis der zweiten Niere, 
die nach Entfernung des primär erkrankten Schwesterorgans 
zur Ausheilung kam). 

Entsprechend der relativ geringen Steigerung des Rost-X 
im Serum hielten wir die Exstirpation der kränkeren Seite 
auch in allen bisherigen Beobachtungen für erlaubt. In einem 
Falle wurde die Operation vom Patienten abgelehnt, in zwei 
Fällen kam man mit einer Nephrotomie aus und in den übrigen 
vier Fällen wurde die Exstirpation der kränkeren Niere mit. 
gutem Erfolge für die Patienten ausgeführt; bei keinem sind 
auch nur die geringsten urämischen Erscheinungen im weiteren 
Verlaufe beobachtet worden. 

Nach den vorliegenden Erfahrungen stellen also 
mäßige Erhöhungen des Rest-N, wie ich sie hier beobachtet 
habe, keine Kontraindikation gegen die Aus¬ 
führung der Nephrektomie dar. 

Es erhebt sich natürlich die Frage, von welcher Höhe 
des Rest-N ab die Exstirpation (1er kränkeren Seite nicht 
mehr vorgenoimnen werden darf. Eine bestimmte zahlenmäßige 
Angabe darüber kann ich zurzeit leider noch nicht machen, 
weil mir doppelseitige schwere Niereneiterungen bisher nicht 
zur Verfügung standen. Nach meinen früheren Beobach¬ 
tungen zeigen Werte von 100 bis 120 mg ab schwere irreparable 
Prozesse an den Nieren mit absolut ungünstiger Prognose 1 
an. Ein Rest-N von 100 mg ab verbietet deshalb wohl unter 
allen Umständen die Exstirpation der kränkeren Seite. 

Offen bleibt vorerst nur die Frage, wie man sich bei 
Fällen mit etwa 75 bis 100 mg Rest-N in 100 ccm Serum 
verhalten soll. Ihre Beantwortung wird zunächst jedenfalls 
nur nach sorgfältiger, eingehender Prüfung des jeweiligen 
Falles und Berücksichtigung der Resultate anderer Funktious- 
prüfungsmethoden erfolgen können. Dabei wird es allerdings 
einen Unterschied machen, ob wirklich eine doppelseitige 
Eiterung besteht oder nur eine einseitige Eiterung mit 
toxischer Nephritis der andern Seite. Bei letzteren Fällen 
wird man mit dem Rate zur Operation nicht allzu ängstlich zu 
sein brauchen. Solche Nephritiden der zweiten Niere sind ja 
nur durch die primär erkrankte Niere unterhalten und 
kommen durch deren Entfernung häufig zur völligen Aus¬ 
heilung. Man kann also in solchen Fällen damit rechnen, daß 
nach der Nephrektomie der Rest-N sogar niedriger wird wie 
vor der Operation. Derartige Beobachtungen habe ich tat¬ 
sächlich machen können. 

Die Verfolgung der Rest-N-Größe nach der 
Operation mußte überhaupt von Interesse sein. Denn es 
war von vornherein anzunehmen, daß die zurückgelassene 
Niere nicht von Anfang an allen Anforderungen, die an sie 
gestellt würden, gerecht werden würde. Es war zu erwarten, 
daß durch den mit der Nephrektomie verbundenen Wegfall 
von noch funktionierendem Nierengewebe wenigstens vorüber¬ 
gehend eine gewisse Störung des Gleichgewichts eintreten und 
erst nach einer bestimmten Zeit, vielleicht erst nach dem Zu¬ 
standekommen einer Hypertrophie der zurückgelassenen 
Niere, wieder normale Verhältnisse sich einstellen würden. 

In der Tat zeigt nach meinen Untersuchungen der 
Rest-N in den erstenTagen nach der Nephrektomie in der 
Mehrzahl der Fälle einen deutlichen Anstieg, in mehreren 
Fällen um 20 bis 25 mg auf 100 ccm Serum. Wenn manch- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 21. März. 


mal nur ein geringes oder gelegentlich überhaupt gar kein 
Anwachsen des Rest-N nach der Operation gefunden wird, so 
ist das bei ganz schweren, einseitigen Zerstönmgsprozessen 
der Niere am ehesten verständlich. Die zurückgelassene 
Niere mußte schon vor der Exstirpation des Schwesterorgans 
die ganze Excretionsarbeit leisten, war also an die Mehrarbeit 
bereits gewöhnt und vielleicht im Augenblicke der Operation 
schon hypertrophisch. 

Nach vier bis sechs Wochen etwa, manchmal auch schon 
früher, ist der Rest-N wieder auf seinen ursprünglichen Wert 
gesunken. Offenbar treten also nach einem zwei- bis sechs¬ 
wöchigen Stadium vorübergehender Kompen- 
sationsstörung wieder normale Verhältnisse ein. 

Bei einigen Fällen konnte ich sogar beobachten, daß im 
späteren Verlaufe nach der Nephrektomie der Rest-N geringer 


wurde als vor der Operation. Es erklärt sich dieses Ver¬ 
halten ungezwungen mit der Annahme, daß nach Exstirpation 
der kränkeren Seite, also mit der Entfernung des ursprüng¬ 
lichen Krankheitsherds, die toxische Nephritis der andern 
Seite zur Ausheilung kommen konnte und die zurückgelassene 
Niere nun größeren Anforderungen gewachsen war als vor 
der Operation. 

Leichtere Erkrankungen der zweiten 
N i e re mit mäßigen Erhöhungen der Rest-N-Werte geben 
also für die Exstirpation der kränkeren Seite keine 
Kontraindikation ab, im Gegenteil, die Rest-N-Be- 
stimmung zeigt uns in solchen Fällen, daß mit dem Ver¬ 
schwinden von Eiweiß und Cylindem nach der Operation 
auch funktionell günstigere Verhältnisse eintreten können wie 
vorher. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus dem k. u. k. Barackenepidemiespital, Salzergut bei Olmütz | 
(Kommandant: Stabsarzt Dr. S e d 1 a k). | 

lieber die Behandlung 

rnhrartiger Darmerkrankungen mit Papaverin 
und Jodtinktur 

von 

Dr. E. Adler. 

I. 

Mit dem Beginne des Kriegs sind in der Abteilung Prof. Pal 
im k. k. Allgemeinen Krankenhause Wien, welcher ich damals zu¬ 
geteilt war, Falle von ruhrartigen Darmerkrankungen aufgetaucht. 
Die bakteriologische Untersuchung hat uns insofern Neues ge¬ 
bracht, als wir in den Fällen mit anscheinend klinisch gleichartigen 
Erscheinungen, wenigstens soweit die Stuhluntersuchungen lehrten, 
keine einheitliche Bakterienart naehweisen konnten. Es wurden 
in den Fällen Shiga-Kruse, Paratyphus A, Paratyphus B, mitunter 
Flexner oder Coli nachgewiesen. Die Untersuchungen wurden 
sämtlich im pathologisch-anatomischen Institut des Allgemeinen 
Krankenhauses (Hofrat W e i c h s e 1 b a u m) durchgeführt. Die 
gemeinsamen klinischen Erscheinungen waren der schmerzhafte 
Tenesmus und die schleimig-blutig-eitrigen »Stühle, wie sie für die 
Ruhr charakteristisch sind. Die peinlichste dieser Erscheinungen 
war der quälende Tenesmus, der in erster Linie den Patienten 
erschöpfte. 

Von diesem Moment ausgehend, hat Prof. Pal eine sympto¬ 
matische Therapie dieser Erkrankung eingeleitet, über die bisher 
nicht berichtet wurde, welche aber derart erfolgreich war, daß 
Prof. Pal den Wunsch hatte, diese Behandlungsmethode an einem 
größeren einheitlichen Material überprüft zu sehen. Die Methode 
besteht in folgendem: Der Kranke erhält, sobald siel» 
Tenesmus ei ns teilt, 0,00 b i s 0,08 g Papaverin 
muriaticum per o s , eventuell s u b e u t a n. 

Der Tenesmus hört nach 20 bis 30 Minuten auf, worauf sieh 
der Patient wesentlich erleichtert fühlt. Die zahlreichen Stuhl- j 
entleerungen hören gleichzeitig auf und der Patient ist einer 
lokalen Therapie ganz anders zugänglich als vorher. 

Es ist bekannt, daß der Stuhldrang mit gutem symptomati¬ 
schen Erfolge durch Opium bekämpft wird. Das Verhalten des 
untersten Darmabschnitts ist unter der Opiumwirkung nach der 
Untersuchung Pals jedoch ein solches, daß die Herbeiführung 
dieses Effekts einer rationellen Behandlung der Dysenterie gerade 
entgegen steht, weil, wie man sich durch Indagation überzeugen 
kann, unter der Opiumwirkung eine Art Krampfstellung des End- 
darm’s eintritt und damit die Ruhigstellung dieser Partie. Diese 
Beschaffenheit bildet geradezu ein Hindernis für die lokale Be¬ 
handlung, da die Schleimhaut sich nicht leicht entfaltet. Nach 
unsern Kenntnissen ist die Dysenterie eine im Enddarme lokali¬ 
sierte und von hier aufsteigende Infektion. Wenn irgendwo, so 
ist hier der Versuch einer lokalen Beeinflussung der erkrankten 
Partie anzustreben. 

Die weitere Behandlung besteht darin, daß der Kranke ein- 
bis zweimal täglich einen Einlauf mit 30 bis 40 Tropfen 
der 5°/ 0 igen Jodtinktur in 1 J. 2 bis 3 /< 1 Wasser erhält. 
Gleichzeitig bekommt er zwei- bis dreimal täglich 10 Tropfen der 
5 oig Cn Jodtinktur in Vs Glas WaS8er per os. 


Die möglichste Entleerung ist ein gewiß nicht nebensächliches 
Erfordernis dieser Erkrankung und wird am zweckmäßigsten 
durch die Irrigation erreicht, da Abführmittel nicht leicht ertragen 
werden. Es sei noch hinzugefügt, daß durch dieses Verfahren die 
Darreichung von Tierkohle, Bolus alba, ebenso wie die Serum¬ 
behandlung in keiner Weise behindert wird. Es wurde jedoch, 
ohne das Ergebnis der bakteriologischen Untersuchung abzuwarten, 
die Papaverin-Jodtinkturbehandlung eingeleitet und die Patienten 
waren meist bis zum Bekannt werden des Resultats von ihren 
wesentlichen Beschwerden befreit. 

Opiumdarreichung wurde prinzipiellunter¬ 
lassen. 

Selbstverständlich wurden die diätetischen Maßnahmen ein- 
geleitet und bei eventuellen fortbestehenden katarrhalischen Folge- 
zuständen Deeoct. simanibae oder Decoct. myrtill. gegeben. 

Auch bei akuten Darmerkrankungen anderer Aetiologie hat 
sich die Jod-Papaverintherapie bewährt. Die interne Darreichung 
von Jodtinktur wurde schon vor längerer Zeit speziell bei Cholera 
empfohlen. 

n. 

Auf Grund dieser Erfahrungen ging ich im k. u. k. Epidemie¬ 
spital in der Landeskavalleriekaserne und später im k. u. k. Ba¬ 
rackenepidemiespital in S a 1 z e r g u t bei Olmütz daran, diese 
Therapie bei einer größeren Reihe von Ruhrkranken anzuwendeD. 
Es wurden zirka 400 Fälle, bei denen der Tenesmus im Vorder¬ 
gründe stand, nur mit Papaverin behandelt. Ich habe 0,02 bis 
0,05 g Papaverin muriaticum Roche zwei- bis viermal täglich ge¬ 
geben und in keinem Fall einen Mißerfolg gesehen. Die Wirkung 
tritt sehr bald ein und dauert in manchen Fällen bis zu zwölf 
Stunden. Die quälenden Schmerzen des Tenesmus verschwinden, 
wodurch der Patient weniger oft das Bett zur Defäkation ver¬ 
lassen muß. Besonders für die Nacht war dieser Effekt sehr wert¬ 
voll. Ich mußte leider mit dem Präparat sehr sparsam umgehen, 
da ich mir vorher keine genügende Menge sicherstellen konnte. 
Man kann 0,08 g Papaverin pro dosi und darüber ohne jedwede 
Gefahr für den Patienten geben. Eine Abstumpfung habe ich ui 
meinen Fällen nicht gesehen. 

Was die interne Jodmedikation betrifft, so wurden 145 Fälle 
mit Papaverin und Jodtinktur, davon 48 Fälle mit Jodspiiluugen. 
die nach Ansicht Pals den wichtigeren Teil der Therapie bilden, 
behandelt. Ich habe den Patienten 30 Tropfen der 5 °/ n igen Jod¬ 
tinktur in 250 g Wasser und etwas Kognak als Corrigens geben 
lassen, mit der Weisung, die Medizin in drei Portionen im Lank 
des Tags zu nehmen. Jodspülungen konnten aus äußeren Gründen 
nur bei den schweren Fällen (48) vorgenommen werden. Erschei¬ 
nungen von Jodisnms habe ich auch bei längerer Anwendung uu 
beobachtet, obgleich darauf sehr geachtet wurde. Zur Jodbclian^* 
lung eignen sich nach meinen Erfahrungen alle Fälle 
nihrartigen Dannerkrankungen, selbst solche, die nicht mehr ga 
akut sind. Es scheint allerdings, daß frische Fälle erheblich ra*«. 
günstig beeinflußt werden. Hervorzuheben ist noch, daß sich ^ ^ 
hcrabgekoimneno Patienten nach der Spülung wohlfühlen unn 
Flüssigkeit, wenn sie unter Papaverinwirkling eingeführt wun ’ 
eine bis fünf Stunden ohne Schwierigkeit halten. Die Zan '' 
Entleerungen geht meist in kurzer Zeit herunter und es 
zu geformten Stühlen. In manchen Fällen dauert es etwas lanjj ■ 
bis das Abklingen der akuten Erscheinungen zutage tritt. 


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21. März. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 337 


habe fliese Behandlung auch in Fällen eingeleitet, bei denen die 
■vuraiisgegangene Opiumtherapie nicht zum Ziele geführt hatte. 
Die I'apaverin-Jodmedikation gab dann einen raschen Erfolg. 

In nachfolgendem sollen nur einige wenige Beispiele angeführt 
werden: 

Fall 7. Infanterist 8. H. Erkrankt am 8. November, am 12. No¬ 
vember ins Epidemiespital gekommen. 7—8 Stühle flüssig, blutig. Bolus, 
Opium. Am 22. November 5 Stühle. Jod vom 23. November an. Vom 
9. Dezember 1 Stuhl täglich, breiig. 

Fall 24. Infanterist E. H. Erkrankt am 21. November ins 
Krankenhaus, am 29. November ins Epidemiespital gekommen, am 
30. November 4—5 Stühle täglich. Jod, Papaverin seit 4. Dezember. 
Am 12. Dezember: 1 fester Stuhl seit 6 Tagen täglich. 

Fall 26. Jäger Sch. E. Erkrankt am 6. November, in W. bis 
28. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November. 8—10 
Mutig schleimige Stühle täglich. Starker Tenesmus. Papaverin. Jod 
seit 4. Dezember; am 12. Dezember: Seit 3 Tagen 3 Stühle täglich, 
kein Blut, kein Tenesmus. 

Fall 27. Kanonier A. R. Erkrankt am 28. Oktober, in W. bis 
28. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November. 10—12 
Stühle täglich, starke Abdominalschmerzen. Jod seit 1. Dezember am 
13. Dezember: Seit 3 Tagen 1 Stuhl täglich fest. Subjektives Wohl¬ 
befinden. 

Fall 43. Infanterist J. K. Erkrankt am 22. November, in K. 
bis 29. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November. 

8 Stühle, starker quälender Tenesmus. 0,02 Papaverin 2 mal, am t. De¬ 
zember: 3 Stühle. 


Fall 91. Infanterist L. A. Erkrankt am 28. Oktober, am 31. Ok¬ 
tober ins Epidemiespital gekommen. 20 Stühle täglich. Jod seit 31. Ok- 
tol>er intern und Spülung. Am 8. November 2—3 Stühle, seit 26. No¬ 
vember 1 Stuhl täglich. 

Fall 92. Infanterist J. Z. Erkrankt am 8. Oktober, in T. bis 
10. Oktober, am 13. Oktober ins Epidemiespital gekommen, 17 Stühle 
täglich. Jod seit 15. Oktober. Spülung 8. November 8 Stühle, 24. No¬ 
vember 1 Stuhl, 12. Dezember 1 Stuhl. 

Fall 93. Infanterist O. P. Erkrankt am 2. November, in O. bis 
21. November, ins Epidemiespital gekommen am 21. November, 30—46 
Stühle täglich. Schmerzen. Zwang. Papaverin, Jod seit 21. November, 
am 28. November: 8 Stühle, Schmerzen gering, 12. Dezember: 2 weiche 
geformte Stühle. 

Fall 101. Jäger E. Z. Erkrankt am 3. Oktober in K., am 
30. November ins Epidemiespital gekommen. 14 Stühle täglich. Jod 
seit 1. Dezember, am 12. Dezember: 2—3 Stühle seit 3 Tagen. 

Fall 111. Infanterist J. H. Erkrankt am 1. Oktober, in R. bis 
23. November, ins Epidemiespital gekommen am 25. November. 
10 Stühle täglich, Papaverin, Jod seit 25. November. Am 1. Dezember 
3 Stühle. Am 9. Dezember 1 Stuhl, 12. Dezember 1 Stuhl. Wohl¬ 
befinden. 

Aus meinen Beobachtungen geht hervor: 

1. Daß Papaverin prompt den Tenesmus beseitigt und den 
Patienten einer lokalen Therapie zugänglich macht; 

2. daß Jodtinktur, als Spülung und per os gegeben, bei ruhr¬ 
artigen Erkrankungen des Darmes von guter Wirkung ist. 


Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft. 


üeber Haarverletzungen durch Ueberfahren 

von 

Marine-Stabsarzt der Reserve Dr. Georg Fehsenfeld, 

Neuruppin, zurzeit Danzig. 

Die Untersuchung von Haaren in geriehtsärztiieher Beziehung 
hat den Beweis ihrer großen Bedeutung längst erbracht. Der 
Befund von Haaren an Werkzeugen, Kleidungsstücken, in der Hand 
des Opfers, am Tatorte hat oft erst den Sachverhalt eines Ver¬ 
brechens geklärt und auf die Spur des Täters geführt. Die 
forensische Untersuchung befaßt sich heute nicht allein mehr mit 
grob sichtbaren Verletzungen der Haare, sie beschäftigt sich mittels 
der mikroskopischen Betrachtung mit der Unterscheidung von 
Menschen- und Tierhaaren, mit der Ermittlung der Herkunft der 
gefundenen Haare und forscht nach der Art der Verletzungen und 
ftrukturveränderungen, welche die Haare unter der Einwirkung 
^on Schädigungen aller Art. sowohl im Leben wie nach dem Tod, 
erleiden können. Von einschneidender Bedeutung wäre es ja, 
wenn es gelänge, durch die mikroskopische Untersuchung charakte¬ 
ristische Verletzungen und Strukturveränderungen an den Haaren 
festznstellen, die mit Sicherheit anf die Art des verletzenden Werk- 
wigs oder der verletzenden Gewalt hinwiesen. 

Zahlreiche Autoren haben sich eingehend damit beschäftigt, 
"oldie Befunde an Haaren festzustellen, aber mit dem Ergebnisse, 
'laü sie im allgemeinen weder vital noch postmortal Vorkommen, 
'laß ein sicheres Urteil über Herkunft der Haare, über die Ursache 
der Verletzung nur bei Berücksichtigung der begleitenden Um- 
stäiKle und des gesamten Obduktionsbefundes ermöglicht werden 
kann. Nur bezüglich der GewalteinWirkung durch Ueberfahren 
wd von Lo c h t e und seinem Schüler H i 8 c h e Befunde erhoben 
J^rden. welche als charakteristisch für diese Art der Haarver- 
mngen von ihnen angesehen werden. Da bisher weitere Mit¬ 
teilungen über Haarverietzungen durch Ueberfahren nicht vor- 
l ' ^ eQ ' habe ich eine Reihe von eignen Untersuchungen dieser Art 
angestellt, deren Ergebnis in folgendem mitgeteilt sei. 

Die Untersuchungen wurden angestellt an hellblonden und 
unkelblonden Haaren, welche ich von der Eisenbahn, ferner von 
-astwagen und Droschke auf Pflaster und auf der Landstraße 
unerfahren ließ. 

, schwersten Veränderungen fanden sich, schon makro- 
* opiso-h sichtbar, bei Ueberfahren mit der Eisenbahn: Völlige 
irmalmung. 7.u kleinsten Trümmern an den Stellen, wo die Ge- 
Y m stärksten eingewirkt hatte, quere.Zerreißungen mit ge- 
J j r ’ toppenfomiiger Trennungsfläche, Knickungen des Haar- 
u VN schräge Spalten in das Haar hinein, lamellöse Aufspaltung, 
mal uT e ^Weiterungen. die das Drei- bis Fünffache der nor- 
aien Klicke erreichen konnten. 


Einige Messungen mögen die Größe der quetschenden Gewalt ver¬ 
anschaulichen: 


1. Haar. 

a) an normaler vStolle gemessen 
., verbreiteter Stell«* gemessen 

h) normaler Stelle gemessen 
„ verbreiteter Stelle gemessen 

„ 5* V *' 

c) „ normaler Stelle gemessen 
,, verbreiteter Stelle gemessen 


II. Haar: 

a) an normaler Stelle gemessen 

b) ., verbreiteter Stelle gemessen 

c) ,, „ „ 

d) m » t» ?? 

III. Haar: 

a) an normaler Stelle gemessen 
bj .. der stärksten Verbreiterung 


0,0728 mm 
0,1110 „ 
0,1874 „ 

0,1041 „ 

0,1499 „ 

0,1156 , 

0,0916 „ 

0,1457 „ 

0,3053 „ 

0,1024 
0,1536 
0,1920 „ 

0,2499 „ 

0,0624 „ 

0,2915 M 


ln die Spalten der Haare waren Schmutz und Erde hinein¬ 
gepreßt. Mikroskopisch sali man weiter, wüe an den Enden der 
Bruchstücke die Rindenschicht oft in langen Spitzen hervorragte, 
deren Ränder wie angesägt erschienen, vielfach aufgesplittert 
waren. Vereinzelt fanden sich im Haarschafte halbkreisförmige 
Lücken, die wie angenagt aussahen. Die Konturen des Haar¬ 
schafts w r aren in andern Fällen durch Ablösung der Cuticula rauh 
und uneben. Bei den queren Verletzungen, welche das Haar 
größtenteils durchtrennt hatten, konnte man oft Drehungen des 
eignen Fragments um 180 0 finden. 

Vereinzelt fand icli kurze, spindelförmige, rosenkranzartig 
aneinander gereihte Verbreiterungen des Haarschafts. Es ent¬ 
spricht das den Bildern, die Puppe beschreibt bei der Wirkung 
von Instrumenten mit gewölbter Fläche auf ein Haar, das auf einer 
gewölbten Schädelpartie lag. Auch Eisenbahnrad und Schiene 
stellen zwei gegeneinander gewölbte Flächen dar. 

Die Messungen dreier Tosenkranzartig angeoTdneter Verbreite¬ 
rungen ergaben folgende Maße: 

Haar an der normalen Stelle ...... 0,0833 mm 

,, ,, spindelförmiger Verbreiterung . . . 0,1249 „ 

» n „ . . . 0,1387 „ 

» « „ „ . . . 0,2081 „ 

Ein einziges Mal fand ich bei den Verletzungen durch die 
Eisenbahn eine Andeutung von Haarwellen, niemals aber die von 
Lochte beschriebenen Haarlocken. 

Diese Gebilde beobachtete ich dagegen beim Ueberfahren 
durch eine Droschke auf Pflaster (siehe Mikrophotogramm 1. 2). 
Während das Rad über die einen halben Finger dicke Haarsträhne 
hinwegging, rollte diese sich gleichzeitig um sich selbst. Die An¬ 
sicht Löchtes, daß bei der Entstehung der Haarlocken außer der 


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Gck igle 


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338 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 



quetschenden auch eine drehende Gewalteinwirkung von Bedeu¬ 
tung ist, findet dadurch ihre Bestätigung. Von Bedeutung für 
das Zustandekommen der Haarlocken scheint mir auch die seit¬ 
liche Beweglichkeit der Vorderräder entsprechend den Bewegungen 
der Lenkstange zu sein. Beim Fahren auf unebenem Boden, wie 
ihn das Pflaster darstellt, namentlich beim Anziehen, schlagen die 

Räder hin und her und 
bewirken dadurch ein par¬ 
tielles Reiben oder Rutschen 
auf der Fahrfläche. Es ist 
damit die Bedingung vor¬ 
handen, die Lochte for¬ 
dert zur experimentellen 
Erzeugung von Haarlocken: 
Reiben von Haaren zwi¬ 
schen zwei glatten, harten 
Flächen. 

Durch die Eigen¬ 
drehung wird das einzelne 
Haar von verschiedenen 
Seiten der Quetschung 
ausgesetzt, es kommt da¬ 
durch an entgegengesetz¬ 
ten Stellen, wie das mi¬ 
kroskopische Bild zeigt, 
Abb. i. zur Einreißung und Ein- 

Traumatische Haarlocken und Haarwellen knickuilg der Cuticula und 
durch lebcrfnhren. . ,. 

Rindensubstanz, woraus die 

eigenartige Wellen- und Lockenbildung resultiert. Je nach der ge¬ 
ringeren oder stärkeren Biegung des Haares an der Rißstelle ist die 
wellenartige oder lockenartigeBildung steileroderflacher. (Siehe Abb. 
2 und 3.) Sie kann an irgendeiner Stelle des Haarsebafts oder auch an 



Abb 2. Abb. 3. 

Traumatische Haarlocken und Haar- Tjauwaiische Haarlocken und Haar- 
wellen durch Ueberfahren. wellen durch Ueberfahren. 


dem Ende einer Trennungsstelle liegen. An den Enden ist die Locken¬ 
bildung oft so ausgeprägt, daß das Haar geradezu aufgerollt erscheint. 

Einige Messungen der Haarbreite an den Wellen und Locken 
seien angesehen: 

1. Normalhaar. 0,0833 mm 

verletzte Stelle 0,1110 ,, 

. 0,0833 „ 

.0,0916 „ 

.0,1041 ., 

2. Normalhaar. 0,0554 ,, 

verletzte Stelle.0,1041 „ 

.0,1110 „ 

” .0,1165 

” .0,0916 „ 

3. Normalhaar. 0,0554 

verletzte Stelle.0,1041 . 

. 0,0830 „ 

’.0,0916 .. 

.. 0,0750 .. 

4. Normalhaar. 0,0750 

verletzte Stelle. 0,0750 ,, 

, . 0,0729 

. 0,0625 „ 

„ .0,0916 „ 


Aus den Zahlen der vierten Messung ist ersichtlich, daß die 
Breiten der Haarlocken auch hinter der als normal angegebenen 
Haarbreite Zurückbleiben können, daß also schmalere Stellen Vor¬ 
kommen. Nach den Mitteilungen Löchtes handelt es sich in 
allen diesen Fällen — es sei denn, daß infolge von Absplitterungen 
echte Verschmälerungen entstanden sind, welche leicht zu erkennen 
sind — um scheinbare Verschmälerungen, hervorgerufen durch 
Drehung des Haarschafts. Ich kann diese Angaben bestätigen. 
Auch am übrigen Haarschafte finden sich diese scheinbaren Ver¬ 
schmälerungen. Verschiebt man bei mikroskopischer Betrachtung 
vorsichtig das unter dem Deckglase liegende Haar derart, daß 
es sich um die eigne Achse rollt, so kann man erkennen, daß 
die eben noch schmale Stelle sich verbreitert und eine andere, 
vorher breite Stelle sich nunmehr als schmale darstollt. Durch 
künstliche Drehungen des Haars läßt sich sehr leicht veranschau¬ 
lichen, wie solche Verschmälerung über das ganze Haar hinweg¬ 
läuft. Die Verschmälerung ist entsprechend den Angaben Löchtes 
j eine Folge des ovalen Querschnitts des Haars, in dem sich bald 
der eine, bald der andere Durchmesser im mikroskopischen Bilde 
darbietet. Aus einer Verschmälerung kann man daher schließen, 
daß das Haar gedreht worden ist; weiter zu folgern, daß das Haar 
überfahren worden ist, ist aber nicht ohne weiteres zulässig. Denn 
überall, wo die Bedingungen für eine Drehung des Haars gegeben 
sind, sind auch diese scheinbaren Verschmälerungen festzustellen. 
Das ist z. B. der Fall bei Frauenhaar. Das Frauenhaar wird ge¬ 
flochten und gewickelt; dabei wird zweifellos eine Drehung um 
die Längsachse Vorkommen, also auch scheinbare Verschmälerungen 
festgestellt werden können. 

Die Beurteilung der Verschmälerungen in bezug auf die 
Frage des Ueberfahrens wird daher mit Vorsicht zu geschehen haben. 

Die von mir fest gestellten Haarverletzungen erstrecken sich beim 
Ueberfahren mit der Eisenbahn auf eine Haarschaftlänge von zirka 2 cm, 
1 bei Droschken und Lastwagen auf etwa Vs bis 1 cm, schließen sich also 
den Angaben Löchtes darüber an. 

Die Breite der Eisenbahnschiene betrug 57a cm. Die Radbreite 
des Lastwagens 8 l /a cm, die der Droschke 5‘/a cm. Daraus geht hervor, 
daß die Länge der Verletzungen erheblich hinter der Breite der quetschen¬ 
den Flächen zuröckbloibt. 

Verletzungen des Haarschafts von 1 bis 2 cm Länge kommen 
aber auch bei anderer stumpfer Gewalteinwirkung vor, wie Löchtes 
Untersuchungen ergeben haben und ich durch meine Unter¬ 
suchungen bestätigen kann. Irgendein wichtiger Unterschied ist 
da nicht festzustellen. 

Die Verletzungen der von mir quer überfahrenen Haarsträhne 
lagen, wie auch bei 
Löchtes Unter¬ 
suchungen, natur¬ 
gemäß alle an der- 
selbenStelle.in der¬ 
selben Höhe der 
Haare. Ist daraus 
eiu Schluß auf 
Ueberfahren zu zie¬ 
hen? Bei Schnitt¬ 
verletzungen des 
Haarschafts liegen 
] die Verletzungen 
i auch alle an der- 
1 selben Stelle; eben- 
! so kann nach 
Lochte eine an¬ 
dere stumpfe Ge¬ 
walt, ein Schlag, 
gelegentlich eine 
Verletzung einer 
Haarsträhne an 
gleicher Stelle der 
Haare verursachen, 
wenn die Strähne 
zufällig über einen Gegenstand, z. B. Metallkamm, gelegen war- 

Es wäre also verkehrt, allein deshalb an Ueberfahren * 
denken. Wäre dagegen an zahlreichen Haaren eines dicken Zope» 
an derselben Stelle dieselbe Verletzung zu finden, dann 
Ueberfahren eher in Betracht. Eine andere traumatische bew 
würde nicht so „massige“ Haarverletzungen an einer Stelle mac J • 
Meine Versuche und Untersuchungen bestätigen demnach g*®* 
Angaben Löchtes, daß beim Ueberfahron von Haaren trauma i . 
Haarlocken und Haarwellen entstehen können, die bei anderer 
walteinwirkung bisher nicht beobachtet wurden. 



Abb- 4 

Haarlocke dureb Verbrennen mit verkohlten Haartrflmnie 


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U dis^v 
n-k 
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in Anschluß an diese Untersuchungen von Haarverletzungen 
durch Ueberfahren habe ich zur Prüfung der Frage, ob nicht auch 
durch ändere Gewalteinwirkung den traumatischen Haarwellen und 
Haarlocken ähnliche Gebilde entstehen können, experimentell Haar- 
rerletiüngen durch stumpfe Gewalt (Hammerschlag auf Haare, die 
auf eine eiserne Unterlage gelegt waren) und durch Hitze (An¬ 
zügen an einer Flamme) verursacht und untersucht. Bei den 
Verletzungen durch Hammerschlag fanden sich vor allem Ver¬ 
breiterungen des Haarschafts oft um mehr als das Doppelte der 
normalen Haarbreite, Ablösungen des Oberhäutchens, lamellöse 
Auflockerungen, Einrisse und Spalfcbildungen in der Rindensubstanz, 
rollige , quere, gezackte Zerreißungen, Zerquetschungen und Zer¬ 
trümmerungen, kurz alle Arten von Verletzungen, wie sie bei 
jeder stumpfen Gewalteinwirkung Vorkommen können. 

Wellen- und Loekengebiide fehlten dagegen völlig. Nur bei 
Einwirkung von Hitze entstanden Gebilde, welche ohne Zweifel 
als Locken angesprochen werden müssen. (Siehe Mikrophotogramm 
Abb. 4.) Doch sind diese in ihrem Aussehen ganz verschieden 
ron den sogenannten traumatischen Locken Löchtes. Man sieht 
eine Aufquellung- des Haarscbafts bis zu dem Dreifachen der nor¬ 
malen Dicke und erkennt an der maschenartigen Zeichnung, daß 
diese Aufquellung durch Ausdehnung von Luft innerhalb des i 
Haarschafts zustande gekommen ist, die bei noch stärkern Graden 
der Verbrennung schließlich zur Loslösung von kleinen verkohlten I 


I Haartrümmern Veranlassung gibt, wie sie auch im Mikrophoto¬ 
gramm zu sehen sind. Die Verbrennung führt außerdem eine 
Veränderung der Haarfarbe herbei, welche um so dunkler ist, je 
stärker die Verbrennung war, bei Verkohlung tiefschwarz. Das 
Aufrollen von Locken ist hierbei eine einfache Hitze Wirkung, ein¬ 
mal beruhend auf der verschiedenen Ausdehnung der in den Haaren 
enthaltenen Luft, anderseits auf Ausdehnungs- und Schrumpfungs¬ 
vorgängen in der Haarsubstanz selbst. 

Ich fasse zusammen: Durch Ueberfahren von Haaren können 
an ihnen Verletzungen entstehen, welche charakteristisch für diese 
Art von Gewalteinwirkung sind. Es sind dies die von Lochte 
so benannten traumatischen Haarlocken und Haarwellen; sie sind 
von Verbrennungslocken sicher zu unterscheiden. 

Literatur: 1. Walter Röitger, Ueber Haarverlctzungen und über 
die postmortalen Veränderungen der Haare in forensischer Beziehung. <Inaug> 
Diss. Göttingen 1911.) — 2. Ed. v. Hofmann, Lehrbuch der gerichtlichen 
Medizin. 7. Aufl. 1907. — 3. A. Schmidtmann, Handbuch der gerichtlichen 
Modizin. 9. Aufl. 1907. — 4. Lochte, üober Haarverletzungen bei Nahe¬ 
schüssen mit rauchschwachem Pulver. (Vortrag in der Abtlg. f. gorichtl. Med. 
auf der Naturforscherversamml. in Königsberg 1910.) — 5 Schwalbe, Die 
Kriterien des Naheschusses bei Verwendung rauchschwachen Pulvers. (Diss. 
Berlin 1910.) — 6. Heinecker, Zur Frage der Specifit^t der Haarverletzungon 
durch scharfe und stumpfe Gewalt. (Diss. Königsberg 1906.) — 7. Lochte, 
Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren. (Vrtljschr. f. gerichtl. M.) — 
8. Hi sc he, Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren. (Diss. Gfittingou 
1912.) — 9. Puppe, Ueber Haarvorletzungen. (Jkurs. f. ärztl. Fortbild, Sept.- 
Heft 1913.) 


fr- 



I 


Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Prlvat-VersichernDg). 

Redigiert von Dr, Hermann Engel. Berlin W 30. 


Gerichtlicher Schutz ärztlicher Outachten 

von 

Dr. Hermann Engel, 

für die Gericht« der Landgerichtsbezirke I, II und III sowie für das Kamroergericht 
in Berlin beeidigter Sachverständiger für Unfall- und Verletzungsfolgen. 

Bekanntlich gehört es zur Gepflogenheit manches Rechts¬ 
vertreters, ein seinem Klienten nicht günstiges Sachverständigen¬ 
gutachten nicht etwa kritisch zu widerlegen, sondern durch un¬ 
würdige Angriffe auf den Sachverständigen selbst die Einholung 
eines weiteren Gutachtens als notwendig hinzustellen. Läßt sich 
der Arzt durch derartige Pöbeleien auch nicht in seinem Streben 
nach Objektivität beirren, so ist es doch mit Freuden zu begrüßen, 
wenn sich ein Gerichtshof Zeit und Mühe nimmt, derartige An¬ 
griffe geböhrend zu charakterisieren, wie es in folgender, im Aus¬ 
züge wiedergegebenen Urteilsbegründung der Fall war. 

„Der Beklagte will allerdings dieses Gutachten nicht gelten 
lassen. Er hat sich aber nicht nur darauf beschränkt, die sach¬ 
liche .Richtigkeit des Gutachtens anzuzweifeln, sondern hat es 
aach für richtig gehalten, die persönliche Glaubwürdigkeit und 
Objektivität des Sachverständigen in Zweifel zu ziehen. Wenn 
nämlich der Beklagte in seinem Schriftsätze vom 16. März 1914 
unter anderm ausffibrt: 

„Warum ist, während doch sonst alles so genau wieder- 
gegeben wird, nicht auch noch die weitere Feststellung ge¬ 
troffen, wie Beklagter das erstemal das Haus verließ und 
wie er das zweitemal kam. Waren da die Feststellungen 
vielleicht günstiger für den Beklagten?“ 
so ist in dieser Frage der versteckte schwere Vorwurf enthalten, 
daß der Sachverständige die hier vermißten Feststellungen mög¬ 
licherweise bewußt und absichtlich nicht gemacht haben könnte, 
weil sie dem Beklagten günstiger sein könnten. Dieser Vorwurf 
jst aber um so schwerer, weil der Gutachter sein Gutachten unter 
Berufung auf seinen allgemein geleisteten Sachverständigeneid 
abgegeben hat, sodaß darin der Verdacht bewußter Eidesverletzung 
ausgesprochen worden ist. Schon der Sachverständige selbst hat 
sich in seinem Nachtragsgutachten in voller Erkenntnis und zu¬ 
treffender Beurteilung dieses Vorwurfs dagegen verwahrt, und in 
fehlt es auch an jeder Unterlage dafür, die einen solchen 
wtte rechtfertigen können. Ja, das Gegonteil ist der Fall, das 
SUft Gutachten in seiner Ausführlichkeit und Gründlichkeit be- 
nst klar, daß der Sachverständige ernstlich bemüht gewesen ist, 
u Zustand des Beklagten objektiv zu ergründen. Es erschien 
aber unter diesen Umständen dem Gerichte geboten, besonders 
daß die versteckte Verdächtigung gegen den Sach- 
nir?* f D * au °k zur Rechtswahrung seitens des Beklagten 
kfl l ^ war i in keiner Weise gerechtfertigt ist und 
oachverständigen voller Glauben zu schenken war. 


; Auch inhaltlich wirkt das Gutachten überzeugend, sodaß das 

Gericht nicht mehr nötig hatte, noch einen weiteren Sachverstän¬ 
digen zu hören; insbesondere bot auch das vom Beklagten bei¬ 
gebrachte Gutachten des Prof. Dr. M. R. keinen Anlaß, noch einen 
weiteren Gutachter zu hören, zumal letzteres nicht annähernd so 
ausführlich gehalten ist, wie das des gerichtlichen Sachverstän¬ 
digen, und auch keinerlei Anhaltspunkte dafür gegeben sind, daß 
der gerichtlich bestellte Gutachter einen geringeren Grad von 
Sachkunde besäße als der Privatgutachter. 

Der Sachverständige hat auch zu den sachlichen Bemänge¬ 
lungen Stellung genommen und diese in seinem Nachtragsgutachten 
widerlegt, insbesondere hat er auch von den in das Wissen des D., 
der Frau K. und des A. gestellten Tatsachen Kenntnis erhalten 
und sie bei seinem Nachtragsgutachten beachtet, was aus ihrer 
Erwähnung hervorgeht. Wären diese Umstände dem Gutachter 
für sein Gutachten bedeutsam erschienen, so hätte er sicherlich 
auf ihre Klarstellung durch entsprechende Beweisaufnahme hin¬ 
gewirkt. Der Umstand aber, daß es der Beklagte für sich wegen 
einer etwaigen späteren Untersuchung beziehungsweise Beob¬ 
achtung von größter Wichtigkeit hält, nicht mit dem Verdachte der 
Unwahrheit belastet zu sein, kann natürlich keinen beachtenswerten 
Grund abgeben, in eine Beweisaufnahme einzutreten, die lediglich 
von der Erheblichkeit mit Rücksicht auf den geltend gemachten 
Anspruch bestimmt wird. Ebenso unerheblich ist auch die Ver¬ 
nehmung der Ehefrau des Beklagten darüber, ob der Sachver¬ 
ständige den Beklagten ausdrücklich gefragt hat, ob er friere, denn 
die Schlußfolgerung, die der Beklagte daran knüpft, daß dem 
Sachverständigen, weil er danach gefragt habe, auch aufgefallen 
sein müsse, daß or (Beklagter) gefroren habe, ist so offensichtlich 
abwegig, daß sie keiner besonderen Erörterung bedarf; denn es 
liegt auf der Hand, daß ein Arzt bei der Untersuchung nach 
mancherlei Krankheitsanzeichen fragt, die mit dieser oder jener 
Krankheit, mit deren Vorliegen er rechnet, verbunden sind, ohne 
daß er damit auch ihr Vorhandensein feststellt. Im Gegenteil, 
Krankheitsanzeichen, deren Existenz er ohnehin von selbst erkannt 
hat, wird er nicht mehr durch Befragen besonders fest stellen. Auch 
die Widersprüche, die der Beklagte hinsichtlich des Fingorzitterns 
aus dem Gutachten herausgelesen hat, sind tatsächlich nicht vor¬ 
handen, sondern in gekünstelter Weise von ihm erst hi neingetragen 
worden. Um diesen Gegensatz zu ermöglichen, führt der Beklagte 
in seinem Schriftsätze vom 6. Mai 1914 an, der Sachverständige 
habe auf Seite 11 seines Gutachtens festgestellt, „die gespreizten 
Finger zitterten grobschlägig“, während er dies auf Seite 22 dahin 
verneine: „Die gespreizten Finger zittern nicht mohr, vor allem 
nicht mehr so stark“. Hätte aber der Beklagte die fragliche Stelle 
auf Seite 11 richtig angeführt, so hätte er gar nicht umhin ge¬ 
konnt, ihre inhaltliche UebereinstimmuDg mit der Ausführung auf 
Seite 22 zugeben zu müssen. Nur dadurch, daß Beklagter in 



Original ffom 

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340 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


ersterer Stelle das Wort „zuerst“ und den Nachsatz: „Dann 
gar nicht mehr“ unterdrückt hat, ist ihm die Konstruktion des 
Widerspruchs möglich geworden. 

Eine Intelligenzprüfung, die Beklagter vermißt, hat nach der 
ausdrücklichen Erklärung des Sachverständigen ebenfalls statt¬ 
gefunden; sie iBt auch hier, wo dem Beklagten zugemutet wird, 
nur 30% seines Unterhalts durch Annahme einer Stellung selbst 
zu verdienen, gar nicht von der Wichtigkeit, die ihr Beklagter 
beimißt; denn danach kommt hier gar nicht eine Stelle in Frage, 
die eine volle Arbeitskraft verlangt, sondern eine solche, die durch 


21. März. 


I nicht mehr voll arbeitsfähige Leute ausreichend versehen werden 
kann, so zum Beispiel eine Aufseherstelle in größeren Gärten und 
Parkanlagen, bei der allein schon die Anwesenheit des Aufsehers 
genügt, um Ausschreitungen zu verhüten. 

Im Hinblick auf diese Erwerbsmöglichkeit in Verbindung 
mit der vom Sachverständigen vorgenommenen Einschätzung der 
Erwerbsffthigkeit des Beklagten ist die von der Klägerin begehrte 
Herabsetzung der Rente wohl begründet. 

Danach war dem Klagebegehren uneingeschränkt statt¬ 
zugeben.“ 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Waltor Wolff, Berlin. 


Uebersichtsreferat, 

Strahlentherapie 
von Stabsarzt Dr. Strauß, Berlin 

(zurzeit beim Feldlazarett 2). (Schluß aus Nr. 11.) 

Weniger befriedigend sind die Ergebnisse der Bestrahlung 
bei Keloiden. Dore(ll) berichtet über zwei Fälle von Narben- 
keloid, in welchen mit 11 Sabourauddosen Heilung erzielt 
wurde, Bissdri6 und Mezerette (12) haben unter 25 Fällen 
14mal eine schöne Narbe erzielt, Wickham und Degrais 
heben die günstige Wirkung des Radiums hervor. Das Narben- 
keloid ist eine medizinische Crux. Exstirpiert man es, so 
kommt leider gar zu oft nicht nur ein Rezidiv, sondern das 
wiederentstandene Keloid ist auch noch größer und häßlicher als 
das vorher exstirpierte. Ich hatte bis jetzt nur Gelegenheit, 
bereits operierte Narbenkeloide zu bestrahlen, der Erfolg war 
unbefriedigend. Auch prophylaktische Bestrahlung der Narbe un¬ 
mittelbar nach der Excision ergab kein gutes Resultat. Hingegen 
bilden Warzen ein dankbares Objekt der Bestrahlung. Daß 
Warzen durch Röntgenbehandlung verschwinden können, auch 
wenn nur ein Teil derselben bestrahlt worden war, hat Halber¬ 
städter (13) beobachtet. Ebenso erwähnt Delbanco (14) einen 
Fall, in welchem die Warzen beide Hände befallen hatten, aber 
nach Bestrahlung der einen Hand auch an der andern schwanden. 
Wickham, Degrais und Belot (15) haben bei sich refraktär 
verhaltenden Warzen eine ausgezeichnete Wirkung des Radiums 
beobachtet. Stellt somit die Strahlentherapie in der Dermatologie 
einen großen und unbestreitbaren Gewinn dar, so läßt sich nicht 
dasselbe sagen von den zahlreichen andern Versuchen, die man 
bei einer Reihe von Krankheiten mit der Applikation von strahlen¬ 
der Energie gemacht hat. Daß bei Organen, die in entwicklungs¬ 
geschichtlicher Hinsicht dem Ektoderm nahestehen, die Strahlen 
ähnlich günstig wirken wie auf die Haut selbst, ist ein neuer¬ 
dings vertretener Gesichtspunkt, welcher jedoch sehr der ernsten 
Nachprüfung bedarf. Praktisch von Bedeutung wird diese Frage 
für die Bestrahlung des Oesophaguscarcinoms. Wir haben ge¬ 
sehen, wie außerordentlich wirksam die Strahlentherapie beim 
Hautcarcinom ist, sollte sie ähnlich erfolgreich beim Speiseröhren¬ 
krebs verwandt werden können, weil hier eine gewisse, genetisch 
zu erklärende Beziehung zwischen Haut und Speiseröhre besteht? 
Mit dieser Frage beschäftigt sich Guisez (16). Man muß diesem 
Autor die Verantwortung dafür überlassen, wenn er sagt, daß das 
Oesophaguscarcinom mit den Hautkrebsen die allergrößten Analo¬ 
gien zeige, und zwar sowohl was seine Struktur als seine Ent¬ 
wicklungsgeschichte betrifft. Bestände diese von Guisez ver¬ 
tretene Ansicht zu Recht, dann könnte man über die Behandlung 
des Oesophaguscarcinoms heute schon das letzte Wort sprechen. 
Wie wenig wirklichen Erfolg die chirurgische Therapie des Oeso- 
phaguskrebses gehabt hat, ist allgemein bekannt. Mag auch die 
Statistik von Gauß mit einer primären Mortalität von 100% und 
einem Dauererfolge von 0% sehr einseitig aufgestellt sein, sicher 
ist dieser Zweig der Chirurgie zwar ein glanzvolles Betätigungs¬ 
feld für die operative Technik, aber keine Arbeit des Heilerfolges 
gewesen. Es bleibt also die Strahlentherapie als Ultima ratio 
übrig aber auch sie ist bis jetzt nicht allzu reich an Er¬ 
folgen. Sagt doch Wetterer in seinem Handbuche ganz offen, 
daß die Ergebnisse der Röntgenbestrahlung hier nicht dazu 
angetan sind, allzu große Hoffnungen zu erwecken. Ich kann mich 
nicht des Argwohns enthalten, daß man sich hinsichtlich des 
Oesophaguscarcinoms an vielen Stellen einer Täuschung hingibt. 
So ist es geradezu ein Dogma geworden, daß der Speiseröhren¬ 
krebs eine Sonderstellung einnehme, daß er relativ gutartig sei 
und lange Zeit keine Metastasen bilde. Auch Guisez befindet 


sich ganz im Banne dieser Ansicht, indem er sagt, „der Oesophagus 
ist von einer ektodermischen Mucosa ausgekleidet und, wenn sich 
auf dieser ein Carcinom entwickelt, so zeigt dasselbe eine ganz 
eigenartige, langsame Entwicklung und keine Tendenz zur Gene- 
ralisation“. Dies ist nur mit großer Einschränkung richtig. Ueber 
die Krebserkrankung der Speiseröhre hat unsere Zeit in vieler 
Hinsicht die bisherigen Ansichten revidiert. Was einst Tanchou 
auf Grund einer größeren Statistik feststellte, nach welcher das 
Oesophaguscarcinom tief unter einem Prozent (0,14%) beträgt, 
das ist heute längst dahin abgeändert, daß dieses Leiden kein 
seltenes ist, daß im Gegenteil sogar eine gewisse Häufigkeit be¬ 
steht. Nach dem Ergebnis der Charite-Annalen sind es rund 8° o, 
nach der Zusammenstellung des Komitees für Krebsforschung 5°/o, 
in denen man das Speiseröhrencarcinom beobachtet. (Letztere 
Angabe deckt sich auch ungefähr mit der Friefsehen [6,4°/o] 
und As cho ff sehen [4,9 %] Statistik.) Wie mit der Häufigkeit, bo 
geht es auch mit der Metastase. Die Ansicht, daß die Metastase 
selten sei — und dies ist noch der leitende Gedanke der Guisez- 
schen Ausführung, alle andern genetischen Deduktionen sind da¬ 
von erst sekundär abgeleitet —, stammt von Billroth, kann aber 
heute nicht mehr aufrechterhalten bleiben. Wir wissen jetzt, 
daß die Metastase sogar häufig ist (60%) und daß sie besonders 
an der oberen Umschlagsfalte des Perikards, in den ösophagealen, 
bronchialen, trachealen, bifurkalen und epigastrischen Lympb- 
drüsen, sowie am Magen, der Leber und den Lungen ihren Sitz 
hat, daß also mit einem Wort Guisez von falscher Voraussetzung 
ausgeht. Guisez hat nun 85 Fälle von Oesophaguscarcinom mit 
Radium behandelt, indem er eine mit dem Radiumträger versehene 
Sonde mitten in die carcinomatöse Stenose einführte, also im 
Prinzip dasselbe, was schon V. Czerny und Caan (17), sowie 
Exner (18) bei ihren Therapieversuchen verwandten. Während 
sich nun sonst die Berichte über die damit erzielten Resultate 
vorsichtig aussprechen, hat Guisez glänzende Erfolge erzielt. 
Palliative Wirkung war immer vorhanden, in einem Drittel der 
Fälle bestand so große Besserung, daß die Ernährung wieder nor¬ 
mal möglich war, einige Male beobachtete er direkte Heilungen. 
Guisez beobachtete bei den wenig granulierenden, mehr in¬ 
filtrierenden Carcinomformen, Bowie dem Scirrhus eine ausgiebigere 
und dauerhaftere Wirkung des Radiums. Die Guisezschen Mit¬ 
teilungen sind ja sicherlich sehr erfreulich, doch sind sie mit 
großer Reserve aufzunehmen. In erster Linie hat Guisez nur da 
günstig gelegenen Fälle für seine Therapie ausgesucht, in denen 
es auch wirklich gelang, die mit dem Radiumträger versehene 
Bonde mitten in die carcinomatöse Stenose einzuführen. Zweitem» 
scheint er seine Resultate mit großem Optimismus zu beurteilen 
und er führt vieles auf die günstige Wirkung der Bestrahlung 
zurück, was andere, mit den Erkrankungen des Oesophagus se r 
vertraute Beobachter nicht in gleichem Maße gemacht hätten. * 
kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sfcrahleutherapie ® 
Oesophaguscarcinoms nur bescheidene Erfolge auf weist. Wernen 
hat bei 19 Fällen einmal erhebliche Besserung gesehen, 

Pin sch (20) hat unter 14 Oesophaguscarcinomen keine. 1™°» 
und viermal Besserung beobachtet, Ridder (21) spricht in 
wahrhaft klassisch geschriebenen Monographie der Speisero 
erkrankungen auch nur von Besserungen durch Strahlentne P 
in einzelnen Fällen und verhält sich der Dauerheilung , 
absolut skeptisch. Der Standpunkt Ridders dürfte dem 
liehen Sachverhalt am meisten entsprechen. Man wird na 
stets berechtigt sein, bei Oesophaguskrebs die Bestrahlung 
radioaktiven Körpern vorzunehmen, ohne daß man jedoch sic 
allzu optimistischen Standpunkt Guisez’ anzueignen brauen 
Nicht völlig geklärt ist zurzeit die Bedeutung der 

therapie für die Erkrankungen der Prostata. Die Prosta 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


welche hier inFrage kommen, sind die Hypertrophien und maligne Neu¬ 
bildungen. Oefters ist der Praktiker im Einzelfall in die Lage versetzt, 
entscheiden zu sollen, ob die chirurgische oder die bestrahlende The¬ 
rapie anzuempfehlen ist. Die Prostatahypertrophie ist heute eigent¬ 
lich eine chirurgisch zu behandelnde Erkrankung. Technische 
Schwierigkeiten hat diese Operation nicht, indessen ist die Nach¬ 
behandlung nicht einfach nnd immer tritt die alte Streitfrage, ob 
man das Prostatabett tamponieren soll oder nicht, in Erscheinung, 
wenn ein Operierter an den Folgen der Operation zugrunde geht. 
In diesen zeitig auftretenden Mißerfolgen liegt es begründet, daß 
man doch immer wieder den Versuch macht, auf nichtoperativem 
Wege zum Ziele zu gelangen. Wie ich bereits früher an dieser 
Stelle hervorgehoben habe, ist es auffällig, daß gerade in Amerika, 
wo doch die Freyersche Operation zuerst allgemein ausgeführt 
wurde, auch wieder die nichtchirurgische Therapie zuerst an Boden 
gewann. Die Erfolge der Myomhestrahlung wiesen ja eigentlich 
sogar gebieterisch den Weg der Strahlenbehandlung auch bei der 
Prostatahypertrophie und dennoch hat man sich ihr bei uns nie so 
recht mit Entschiedenheit zugewandt. So hat ein so versierter 
und in seinen Mitteilungen bo zuverlässiger Röntgenologe wie 
H.E. Schmidt nur über einen einzigen Fall berichtet, in welchem 
er eine Beseitigung der Harnbeschwerden und eine deutliche, wenn 
auch nicht erhebliche Verkleinerung der Drüse durch Bestrahlung 
erzielte. Schlaginweit macht darauf aufmerksam, daß bei dieser 
Behandlung wohl Erfolge zu erzielen sind, daß jedoch Rezidive 
auftreten und daß bei diesen Rezidiven bemerkenswerterweise sich 
die Röntgenbehandlung noch als wirksam zeigt. Hänisch und 
Hahn konnten bei einem Prostatiker klinische Besserungen durch 
Bestrahlung erzielen, die jeweils sechs bis acht Monate anhielt. 
Schlaginweit (22) berichtete 1903 über 53 bestrahlte Fälle, von 
denen sich 23 als refraktär erwiesen, und kommt dabei zu folgen¬ 
dem Schlüsse: „Die starke Einwirkung der Strahlen auf die Prostata 
ist, wenn auch bislang scheinbar regellos und unbeständig, zweifels¬ 
ohne oft sicher vorhanden, genügt aber nicht zur dauernden Be¬ 
seitigung des Resturins, was mir das Endziel aller Prostatiker¬ 
therapie erscheint.“ Hänisch (23) bezeichnet seine mit der Be¬ 
strahlung erzielten Erfolge als ähnlich denen anderer Autoren, 
„wenn auch nicht so eklatant, wie sie manche gehabt haben“ 
(wobei zu berücksichtigen ist, daßHänischs Beobachtungen sich 
stets durch große Zuverlässigkeit auszeichnen!). Hänisch betonte 
auch damals schon, daß die dicken, weichen, glandulären Formen 
sich besser zur Behandlung eignen als die fibrösen. 1911 haben 
Wilms und Posner durch Hodenbestrahlung eine Prostata¬ 
schrumpfung erzielt, 1912 Ehrmann mit diesem Verfahren kli¬ 
nische Besserung beobachtet. In neuerer Zeit berichtet Har et (24) 
(Paris) über eine Reihe von Fällen und erörtert im Anschluß daran 
eine genaue Indikationsstellung für die Bestrahlung. Es sind für 
letztere die mit Drüsenhypertrophie einhergehenden Formen ge¬ 
eignet, während die bindegewebige Form kontraindiziert erscheint, 
also im wesentlichen dasselbe, was bereits Hänisch 1907 aus- 
führte. Nach Haret sind besonders die beginnenden Fälle Ob¬ 
jekte für die Bestrahlung, die Heilwirkung der Röntgenstrahlen 
ist hier schnell, dauernd und ausgezeichnet. Als Technik habe 
sich Haret einfache Bestrahlung vom Damm aus bewährt. 

Es steht somit augenblicklich die Frage der Bestrahlung der 
Prostatabypertrophie so, daß w»»* die beginnenden Fälle zunächst 
einer Bestrahlung zu unterwerfen berechtigt ist und die Behand¬ 
lung im Falle nicht genügender Wirkung nach kurzem abbricht. 
H. E. Schmidt erwähnt, daß im Anschluß an die Bestrahlung 
Eieber und stenokardische Anfälle auftreten können, die durch die 
toxische Wirkung der infolge der Röntgenbestrahlung entstehenden 
Zerfallsprodukte bedingt sind und bald wieder vorübergehen. Ich 
persönlich neige nicht dazu, einem Prostatiker die Bestrahlungs¬ 
therapie vorzuschlagen, wenn nicht ganz bestimmte Gründe all¬ 
gemeiner Art gegen die Operation sprechen. Gerade der begin¬ 
nende Fall bietet die besten Aussichten für die chirurgische Be¬ 
handlung und man wird im Falle eines ungünstigen Ausgangs 
immer den Vorwurf erhalten, daß man durch die Bestrahlung den 
besten Zeitpunkt für die Operation verpaßt habe. Weiterhin ist 
ute Unterscheidung, ob sich eine Prostatahypertrophie zur Be¬ 
strahlung eignet oder nicht, ob die parenchymatöse oder die binde¬ 
gewebige Form vorliegt, auch nicht so einfach. Und schließlich ist 
es noch ein besonderer Einwand, der mir die Bestrahlung nicht 
als empfehlenswert erscheinen läßt. Die Prostatektomie ist nur 
s® lange eine einfache Operation, als sich die Drüse leicht aus 
w Kapsel ausschälen läßt. Ist die Auslösung erschwert, so hört 
Operation auf einfach zu sein. Da nun die Erfahrung gelehrt 
daß Bestrahlungen zur Kapsel Verdickung führen, so werden 


die bestrahlten Fälle der Operation wesentlichere Schwierigkeiten 
bereiten als die nicht bestrahlten. Ich bin daher kein Anhänger 
der Bestrahlungstherapie der Prostatahypertrophie. Wesentlich 
anders liegt die Sache beim Prostatacarcinom. Dieses Caroinom 
bietet chirurgisch keine gute Prognose und man kann hier von 
der Strahlentherapie schon eher etwas erwarten. Man vermag 
das Prostatacarcinom durch geschickte Verwendung von in das 
Rectum und die Blase eingeführten Trägern radioaktiven Sub¬ 
stanzen direkt einem Kreuzfeuer auszusetzen und es hat insbeson¬ 
dere Hugo Schüller (25) (Wien) diese Technik vervollkommnet. 
Ueber außerordentlich günstige Erfolge der Radiumtherapie der 
Prostatatumoren berichten Degrais und Pasteau (26). Ob 
die Beobachtung beider Autoren, daß vorher inoperable Fälle 
durch die Bestrahlung operabel wurden, sich als wirklich zu¬ 
treffend erweist, bedarf noch sehr der Bestätigung. 

Für die Strahlentherapie bei Basedowscher Krankheit nimmt, 
wie schon früher, auch neuerdings wieder Holzknecht sehr ener¬ 
gisch das Wort, indem er hervorhebt, daß die Wirkung mit An¬ 
wendung der neuen Technik noch evidenter geworden, die Schäd¬ 
lichkeiten noch weiter zurückgetreten seien. Auch H. E. Schmidt 
ist mit den Erfolgen der Bestrahlung bei Basedowscher Krank¬ 
heit so zufrieden, daß er in jedem Falle den Versuch der Röntgen¬ 
therapie anempfiehlt. Die Bestrahlung der Strumen kam durch 
v. Eiseisberg in Mißkredit, der hei bestrahlten Fällen binde¬ 
gewebige Verwachsungen an der Kapsel beobachtete und darin 
ein Operationshindernis erblickt. Holzkneoht (27) hat sich in 
einer früheren Veröffentlichung dagegen gewandt, indem er sagt, 
daß jede Bindegewebswirkung ausgeschlossen erscheint und es 
sich nur um den Strumarest des zur Resorption gebrachten ober¬ 
flächlichen Parenchyms handeln könne. Der Ein wand Holz- 
knechts mag pathologisch-anatomisch richtig sein — neuere For¬ 
schungen über die Prostatakapsel ließen sogar Analogieschlüsse 
zu —, aber im Wesen besagt der Holz kn echt sehe Ein wand 
eigentlich nichts gegenüber den Eiseisbergschen Feststellungen. 
Wenn tatsächlich die Nachwirkung der Bestrahlung die Operation 
erschwert, so ist dies ein so ernst zu nehmender Umstand, daß 
er in erster Linie erörtert werden muß, ganz gleichgültig, ob dabei 
ein pathologisch-anatomischer Befund richtig oder falsch gedeutet 
ist. Es ist eben dann nötig, vorher viel genauer die Indikationen 
festzulegen, welche Strumen für die Bestrahlung geeignet sind, und 
alle zweifelhaften Fälle von der Strahlentherapie auszuschließen. 
Diesen Versuch, genaue Indikationen aufzustellen, hat allerdings 
Holzknecht früher auch gemacht, indem er für die akuten und 
perakuten Basedowfälle die Bestrahlung, für die chronischen mit 
drohender Myodegeneratio cordis die chirurgische Behandlung emp¬ 
fiehlt. Ob jedoch diese Aufstellung von Indikationen für die Be¬ 
strahlung einfach ist, muß indessen bezweifelt werden, denn auch 
die anscheinend zunächst gut auf Bestrahlung reagierenden Strumen 
zeigen nur eine vorübergehende Besserung. So berichtet auch 
0 eli ler (28), daß die Bestrahlungserfolge bei Strumen ein befrie¬ 
digendes Resultat nicht gehabt haben. Auch Oehler betont, daß 
die jungen parenchymatösen Kröpfe, besonders im Pubertätsalter, 
sich für die Bestrahlung eignen, daß hingegen Kropfbnoten, die 
die Erscheinung der Kompression und Verdrängung der Luftröhre 
aufwoisen, ungeeignet erscheinen. Indessen traten bei den erfolg¬ 
reich behandelten Fällen doch wieder Rezidive auf, sodaß Oehler 
im gesamten zu einem ablehnenden Urteil über die Strahlen¬ 
therapie der Struma gelangt. Selbstverständlich wird die Be¬ 
strahlung der Basedowfälle Immer wieder in Anwendung ge¬ 
langen, wenn die Patienten die Operation ablehnen oder wenn die 
Operation zu große Gefahren bietet, ein Umstand, der seit An¬ 
wendung der Lokalanästhesie immer mehr in den Hintergrund tritt. 

Erfreulich sind einige Ausblicke, welche sich für die Therapie der 
Thymushyperplasien ergaben. Die Schwierigkeiten, die Thymus¬ 
hyperplasien richtig zu diagnostizieren, stehen ja der Bewertung 
der Erfolge insofern noch im Wege, als man immer zu dem Ein¬ 
wand berechtigt ist, daß es sich im erfolgreich behandelten Falle 
nicht um eine sichere Thymushyperplasie gehandelt habe. Die 
Thymushyperplasie, deren klinische Diagnose sich auf den Nach¬ 
weis von Dyspnöe, Erstickungsanfällen und Stridor sowie auf das 
Röntgenbild stützt, wird immer in vielen Fällen nicht diagnostiziert 
bleiben, es wird aber die Möglichkeit, dieses Leiden gefahrlos zur 
Heilung zu bringen, zweifellos dazu führen, daß man sich allgemein 
mehr mit den Thymuserkrankungen beschäftigen wird und daß 
man sich nicht erst durch den plötzlichen Todesfall des davon be¬ 
troffenen Individuums von der Tatsache einer Thymushyperplasie 
überraschen läßt. Seit Heinecke 1903 die erhöhte Empfindlich¬ 
keit des lymphoiden Gewebes gegen Röntgenstrahlen beschrieb, 


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hat sich eine Reihe von Autoren mit. dem Problem der Thymus- i 
Beeinflussung durch Bestrahlung befaßt. Tierversuche von I 
Lange, Rudberg sowie von A u b e r t i n und Bordet er- I 
gaben, daß der Thymus unter dem Einflüsse der Bestrahlung j 
leicht zum Schrumpfen zu bringen ist. Es war somit der Weg ; 
geschaffen für eine ungefährliche Therapie dieses Leidens. 
Während die operative Behandlung der Thymushyperplasie mit 
einer Mortalität von einem Drittel der Fälle rechnen mußte, i 
konnten jetzt sehr günstige Heilresultate veröffentlicht werden. | 
Große Ziffern sind bis jetzt noch nicht mitgeteilt. So spricht ! 
W eil (2hi 11112 von elf bisher in der französischen Literatur mit- 
getcilten radiologisch erfolgreich behandelten Fällen. Regaud 
und U r e m i e u (30) berichten 1914 über acht beobachtete Thymus- 
hvpertrophien, bei welchen sehr gute Resultate durch Strahlen- 
Üu rapie erzielt wurden (bei zwei Kindern ist der verlier festgestellte 
Thymusschatten auf der Röntgenplatte verschwunden), Sidney 
Lange (31) gibt die Gesamtzahl der bis jetzt bekanntgewordenen, 
erfolgreich mit Röntgenstrahlen behandelten Patienten auf nahezu 
30 an, also alles sehr kleine Zahlen. Indessen dürfte an der 
Wirksamkeit der Strahlen therapic kein Zweifel bestehen, während 
es nicht sicher ist, daß es sich um Dauerresultato handelt. So hat 
Eggers (32) beobachtet, daß der Rückbildung der Drüse sehr 
rasch eine Neubildung von Drüseusubstanz folgt, eine zutreffende 
Beobachtung, die Lange indessen nicht so hoch bewertet, daß 
sie als Kontraindikation gegen die Bestrahlung verwendet werden 
könnte. Man ist also berechtigt, in allen Fällen von Tlivmus- 
hypertrophie, deren diagnostische Feststellung durch die Röntgen¬ 
untersuchungen Revhers (33) eine bemerkenswerte Förderung 
erfahren haben, die Bestrahlung zu versuchen. Als Dosierung 
wird sieh schon eine kräftige Dosis empfehlen. Da in vielen Fällen 
von B a s e d o w scher Krankheit ein vergrößerter Thymus besteht 
(die Angaben sprechen von 75, sogar von 95 °/ n ), so empfiehlt 
L a n g e vor Basedowoperationen eine präoperative Röntgen¬ 
behandlung. um dadurch eine Thymusverkleinerimg zu erzielen. 

In welcher Weise die Strahlung das Gewebe und die Vorgänge 
im Körper selbst beeinflußt, hierüber liegen eine Reihe kleinerer 
Arbeiten von Hassel bald) (34). Louis Wiekham (35), 

F a 11 a (3b) und Bordier (37) vor. Das Licht kann als Kataly¬ 
sator wirken, das heißt einen freiwillig verlaufenden Prozeß mehr 
oder weniger stark, mitunter kolossal beschleunigen. Dieser Pro¬ 
zeß verläuft auch im Dunkeln ebenso, nur unendlich viel langsamer 
als bei Bestrahlung. Neben dieser Katalysatorwirkung kann das 
Licht — und zwar ganz besonders das Licht von bestimmter 
Wellenlänge — aber auch chemische Arbeit leisten, welche zu Pro¬ 
zessen führt, die sich im Dunkeln nicht vollziehen können, sich 
wohl aber im Dunkeln zurückzuhilden vermögen —, mithin rever¬ 
sibel sind. Außer dieser direkten (chemischen) und indirekten 
(katalytischen) Lichtwirkung kennen wir noch eine sensibilisie¬ 
rende. Ganz außerordentlich ist die Lichtwirkung auf die Haut, die 
das Licht absorbiert. Hasselbalch bat diese Permenbilität der 
Haut für kurzwelliges Licht zahlenmäßig festgestellt. Wir ersehen 
daraus, daß das sehr kurzwellige Licht die Haut nicht mehr als 
0.1 nun Tiefe durchdringt, daß jedoch wirksame Lichtstrahlen in 
genügender Menge bis zu den gefüßführenden Papillen des Coriums 
gelangen, wo sie bei ungestörter ('ireulation vom Blute verschluckt 
werden. Da es nun eine blastogene Eigenschaft der Haut ist, licht¬ 
empfindlich zu sein und sie auf bestimmte pigmentophore Reize hin 
Pigment zu bilden vermag |vgl. Jesiorek (38) |, so ist es ganz 
selbstverständlich, daß die Haut in erster Linie die Effekte der Be¬ 
strahlung aufweist, die sich kundgeben in vier Aeußerungen: 1. ver¬ 
mehrtes Wachstum der Horngebilde, 2. vermehrte Pigmentbildung 
nach reichlicher Ultraviolettbestrahlung (wobei zu bemerken ist, 
daß das Pigment von den Kernen «1er Zellen selbst gebildet wird 
und vollkommen unabhängig vom Blut entstehen soll), 3. werden 
die Endotheben und Muskeln der cutanen und subcutancn Gefäße 
durch die Lichteinwirkung mehr oder weniger dauernd erweitert, 
infolgedessen auch das Lichterythem auftritt. (Vielleicht sind auch 
die Teleangiektasien als Folge von übermäßigen Röntgenbestrah¬ 
lungen. die ja auch nur an präexistente Capillaren anknüpfen und 
nicht Gefäßneubildungen darstellen, in diesem Sinne zu deuten, und 
mir erscheint diese, meines Wissens noch nie ausgesprochene Er¬ 
klärung dieser Erscheinung ungezwungener zu sein als die sonst 
üblichen Darlegungen der Ursachen der Teleangiektasiebildung.) 
4. Werden noch die Nervenendigungen der Haut von verschiedenen 
Wellenlängen verschieden beeinflußt, sodaß dadurch eine Beein¬ 
flussung der von der Haut ausgehenden Reflexe entsteht. Soweit 
die örtliche Wirkung der Bestrahlung auf die Haut in der Dar¬ 
stellung Hasselbalcbs, die an sich nichts Neues bringt, aber 


bekannte Dinge sehr anschaulich resümiert. Nun bemißt aber 
Hasselbalch dem Lichte neben dieser örtlichen Einwirkung 
noch eine weitere Bedeutung im Sinn einer Fernwirkung bei. indem 
er den Einfluß des Lichterythems auf das Atemcentrum zum 
Gegenstand eingehender Untersuchungen gemacht hat. Als das 
Ergebnis dieser außerordentlich interessanten Spezialforsehung, die 
H a s s e 1 b a 1 c h im Verein mit L i n d h a r d unternahm, ist die 
Feststellung der Tatsache anzusehen, daß eine Ultraviolett¬ 
bestrahlung eines mäßig großen Hautbezirks bei einer Stärke, die 
zum Erythem führt, eine Frequenzabnahme der Atmung und eine 
Tiefenzunahme der Atemzüge herbeiführt. Diese Atemwirkung 
kann Monate andauern und nach oft wiederholten Bestrahlungen 
permanent werden. Ferner ist eine Erniedrigung des arteriellen 
Blutdrucks gleichzeitig mit dem Eintreten des Lichterythems fest¬ 
stellbar gewesen, eine Beobachtung, die gerade jetzt eine erhöhte 
Aufmerksamkeit verdient. Wir haben bis jetzt im Banne der 
machtvoll ausgebauten Lehre der inneren Sekretion uns alle Bhu- 
druckveränderungen nur denken können im Anschluß an Ver¬ 
änderungen in der Funktion der mit Hormonbildung ausgestatteten 
Organe. Es hat nicht an Beobachtungen gefehlt, nach denen eine 
Bestrahlung der Nebennieren die Hypertension herabsetzte und 
Salle und v. Domarus (39) haben ja tatsächlich auch den 
Nachweis geliefert, daß z. B. Thorium X in großen Dosen er¬ 
schöpfend auf die specifische Sekretion der Nebennieren wirkt und 
daß also das chromaffine System durch Bestrahlung zweifellos 
beeinflußbar ist. Mit sehr großem Rechte bezweifelten schon 
Salle und v. Domarus, daß die Blutdrucksenkung nach Tho- 
rhim-X-Applikation einzig und allein auf die Veränderungen im 
Adrenalsystem zurückzuführen seien und es erscheint wirklich, daß 
es sich außerdem noch um eine allgemeine Lichtwirkung handelt. 
Da das Licht primär reduzierend, auf den Blutfarbstoff sekundär, 
aber oxydierend wirkt, so wäre es schon denkbar, daß eben das 
bestrahlte Hämoglobin einen schnelleren Verbrauch des im Blute 
vorhandenen Adrenalins herbeiführt und so die Biutdrucksenkung 
nach Bestrahlung sich erklären lasse. 

Mit der Frage der Einwirkung radioaktiver Stoffe auf Fer¬ 
mente beschäftigt sich F a 11 a in einer Betrachtung der chemischen 
und biologischen Wirkung der strahlenden Materie. Bekanntlich 
wird eine solche Wirkung überhaupt bestritten. GudzenUdf 
betont, daß ein Einfluß von ß- und y-Strahlen radioaktiver 
Substanzen auf fermentative Prozesse nicht erwiesen ist, Paul 
Krause (41) leugnet ihn gleichfalls. Falta hält es nun für 
möglich, daß die Strahlen den Molekularverband labiler orga¬ 
nischer Substanz direkt zu lockern vermögen und daß nun die 
Fermentwirkung nach dieser stattgehabten chemischen Labili¬ 
sierung eine erhöhte ist, daß wir es also mithin gar nicht mit einer 
Fei ment beeinflussimg im engeren Sinne zu tun haben, sondern nur 
mit einer Wirkung auf das Substrat, an welchem man die Er¬ 
scheinung beobachtet. Falta macht einen Unterschied zwischen 
diesen Fermenten und den endocellulären Fermenten. Diese er¬ 
fahren durch Bestrahlung immer eine Förderung, besonders wenn 
pathologische Gewebe (Uareinome, pneumonische Lungen) be¬ 
strahlt werden. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Aktivierung 
der intracellulären Fermente oder nur um chemische Labilisierung 
des Substrats handelt, diese letzte Entscheidung wagt Falta 
auch nicht auszusprechen. 


Literatur: 1. Holzknecht. (Jahreskurse l ärztliche Fortbildung IWi 
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(Strahlenther. Bd. 5, H. 1.) — 20. Hayward Pinsch, Arbeitsbericht. a. d. W<uu 
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21. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


Krankheiten ) - 22. ScbUrintweft, Die Behandlung der Prostatahypertrophie 
mit Rßnt^nstralilen. (Zt f. ürol. 1907, Bd. 1, 8. 61.) - 23. H&nisch, Ueber 
die Röntgenbehandlung der Protatahypertrophie und ihre Technik. (M. med. 
Woch 1907, Nr. 14.) — 24. Hayet, Behandlung der Prostatahyportrophie durch 
die Radiotbenpie. (Strahlenther. Bd. 3, H. 2, S. 537.) — 25. Schüller, Technik 
der Radium-Meaothoriumbestrahlung in der Urologie. (Strahlenther. Bd. 3, H. 2, 
S 531) — 26. Degrals und Paateaa, Behandlung der Prostatatumoren durch das 
Radiom (Strahlenther. Bd. 8, H. 2 . 8. 542.) — 27. Holzknecht (Jahreekurse 
UntL Portbild. 1910. H. 8.) - 28 . Oehler. (M. med. Woch. 1914, Nr. 40, S. 2027.) 
- 29 Well. (J. de Physiother. Dez. 1912.) — 30. Rdgaud und Cremleu, Ex¬ 
perimentelle Grundlagen der röntgentherapeutischen Behandlung der Thyraus- 
hypertrophie. (Strahlenther. Bd. 4, fl. 2, 8. 708.) — 81. Sidney Lange, Gegen- 
wirtig« Stand der Röntgenbehandlung der vergrößerten Thymus. (Strahlenther. 


H. 11, S. 295.) - 82. Eggers. (Zt 1. Röntg. Bd. 15, H. 1 u. 2. - 33. Reyher, 
Röntgenverfahren in der Kinderheilkunde. (Bibi, a physikal.-roed. Techniken 
1912, Bd. 4.) - 34. Haaselbalch, Chemische und biologische Wirkung der Licht¬ 
strahlen. (Strahlenther. 1913, Bd. 2, H. 2.) — 35. Louia Wlckham. (4 Intern. 
Kongr. f. Physiother. 1913.) — 36. Falta, Chemische und biologische Wirkung 
der strahlenden Materie. (Strahlentbfer. 1913, Bd. 2, H. 2.) — 37. Bordier. 
(4. Intern. Kongr. f. Physiother. 1913.) — 39. Jeaionek, Lichttherapio. (Jahres¬ 
kurse f. ärztl. Fortbildung 1912, Augustheft.) — 39. Salle und v. Domarus, Zur 
biologischen Wirkung von Thorium X. (4. Intern. Kongr. f. Physiother. 1913) 

40. Gudzent, Experimentelle Untersuchungen über die Beeinflussung von Fer¬ 
menten durch radioaktive Substanzen (Strahlenther. 1914, Bd. 4, H. 2.) — 

41. Paul Krause. (10. Kongr. d. Deutsch. Röntgengesellsch. 1914. Kongreß- 
bericht bBi Abfassung dieses Referats noch nicht im Drück erschienen.) 


Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 10. der Narkose (c 

Goldscheider (Lille): Klinische Beobachtungen Aber Tetanus eine *Verrin 
|m Felde. Häufig wurde beobachtet, daß der Tetanus die der Eintritts- ^ ^ 

pforte zunächst gelegenen Mtiskclgrappen zuerst befällt, daß auch bei j 

entwickelten Allgemeinerscheinungen eine örtliche Bevorzugung derselben Gesellschaft in 
erkennbar ist, und daß bei den zur Heilung gelangenden Fällen die ört- Fritz i 

liehen Tetanussymptome sich zuletzt zuriickbilden. Die Reflexsteige- neues Sedativt 
rangen bilden eine der auffälligsten Merkmale des Tetanus. Der Ba- dar°-estel 

binskische Reflex findet sich bei Tetanus zum Teil als lokales Symptom, w j r j. en p® ' 
znm Teil als Zeichen einer allgemein gesteigerten Erregbarkeit. Der j ticum 0 

Unterkiefer-Reflex ist gewöhnlich sehr erhöht. Zuweilen ist auch hier J ^i^^enform in 

infolge spastischer Spannung der Masseteren die Auslösung des Reflexes | f o i^ en( j 0n ^age 

unmöglich. Einen eigenartigen Anblick gewährt eine öfter zu beob- , g j n( j 

achtende starke Contraction des Platysma beim leichten Klopfen auf den i j £Qnntc ^ 

Unterkiefer oder auf die Wangengegend. Ein bisher bei Tetanus nicht bc- j f es to-estel 

achtete« Symptom besteht in der gesteigerten mechanischen Erregbarkeit j Uhlonh 

der .Vervenstämme, wie wir sic von der Tetanie her kennen. Ein ziemlich I Bakferiennähr 
häufiges Symptom ist eine Druckschmerzhaftigkeit hinter dem Kopfnickcr in CVmisch-Bakte 
der Richtung gegen die Querfortsätze der Halswirbel. (Schluß folgt.) j Un^emac 

J eg er (Breslau): Eine vereinfachte Methode der Intravenösen j • n] - J v 

Zifikr von Medikamenten. Die Injektion geschieht in der Weise, daß .^o.^ben Si( 
man die Nadel der Spritze in das äußere Ende eines in der Vene be- j ‘ W erik*n 

festigten Schlauches einsticht und wie gewöhnlich injiziert. i ‘ ‘ on \r- 

Münzer: Die Psyche des Verwundeten. Bei fast allen Schwer- J vor b Pl ! 

verwundeten macht sich zunächst die sogenannte Shockwirkung geltend, aus ir e"os.scn N- 
die als eine nervöse Erschütterung stärksten Grads zu charakterisieren } • ~ ^V, .v / 

ist. Der Sbockzustand hält nicht länger als 12 bis 24 Stunden an. Eine I eiD ^ j 1 
zweite Gruppe umfaßt alle jene Verwundeten, die wir am besten vielleicht j u beschrieb 
als traumatische Neurastheniker bezeichnen können. Ein endgültiges j beziehende App 
Urteil über die psychische Widerstandskraft der Kriegsteilnehmer kann j ^ ßi oc k sc bäl c , 
erst auf Grund einer genauen Statistik nach Beendigung des Kriegs ab- I p . ' 

gegeben werden. I - Trnhna li 

Vollmer: Ueber leichte Herzveränderungen bei Krfegstell- I j azaret t^ n der 
aehmern. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei den Beschwerden j p* c indes lande 
und Erscheinungen bis zu deutlichsten Herzerweiterungen hin um rein i S t r( «kt haben I> 
physikalische Vorgänge am Herzmuskel und seinem Klappenapparat j typhusschut 
handelt ohne Mitspielen infektiöser Ursachen, lediglich als Folge einer 
Ja«de» ungewohnten Anstrengung. 'Kn.nkheitXrch 

Hasebrock (Hamburg): Ueber extrakardiale Krefslauftrieb- i u rin j )ie jj 
trifte and Ihre Beziehung zum Adrenalin. Die Beobachtungen lassen j jj erz ’ ens (durch 
keinen Zweifel mehr zn, daß das Adrenalin eine specifische Rolle auch bei der j hängig zum Teil 
Nephritisdrucksleigening spielt, und zwar im nur maximalen Blutdrücke, i zwe j tens ( ^ e £ r 
Fischer (Berlin): Ueber die generalisierte Form des Eccenin | Gentralnervensvs 


nirgfnatuni. Die Mykose tritt an den freien Körperflächen im wesent- | 
liehen in zwei Formen auf. Einmal als erythematöse, diffus schuppende I 
I’fa^ues, meist in großer Anzahl, die zweite Form verläuft langsamer 
«nd tritt als richtiger herpetischer Fleck auf mit eleviertem Rand und i 
mehr oder weniger centraler Hoiiungstendenz. 

Kottmaier (Hannover): Ueber Pellidol. Es empfiehlt sich, 
woe, nicht eiternde Wunden in zweitägigem Wechsel mit Pellidolsalbe 
ZTJ handeln. Sollte auf diese Weise ein Fortschritt in der Ueber- 
hautnog nicht mehr zu konstatieren sein, so wird ein indifferenter, 
trockener oder feuchter Verband die Wundgranulation wieder erneut auf 
Pellidol reagieren lassen. Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 10. 

Rudolf Höher (Kiel): Reue Versuche uur Theorie der Narkose. 


der Narkose (das heißt Hemmung der Erregbarkeit) eine Hemmung der 
die normale Erregung charakterisierenden Permeabilitätssteigerung. also 
eine Verringerung der Permeabilität der Zellen sei. 

C. T. Xoaggerath: Beobachtungen aus der Freiburger Kinder¬ 
praxis. Festvortrag, gehalten in der Stiftungssitzung der Medizinischen 
Gesellschaft in Freiburg am 17. November 1914. 

Fritz Streblow (Berlin-Lichterfelde): Ueber Diogenal, ein 
neues Sedativum und Hypnotlcum. r Das Präparat (von E. Merck in Dann¬ 
stadt dargestellt) ist ein Veronal mit einer Dibronpropylgruppo. Sedativ 
wirken Dosen von 3mal täglich 0,5 bis 3mal täglich 1,0. Als Ilypno- 
I ticum empfiehlt sich 1.0. Das Mittel kommt in Substanz- sowie in Ta- 
| blettenform in den Handel. Die Mattigkeit und Abgeschlagenheit, die am 
I folgenden Tage die Wohltat der meisten Schlafmittel wieder aufheben, 

| sind beim Diogenal niemals aufgetreten. Auch eine kumulierende Wir- 
! kung konnte bei den zahlreichen Füllen trotz protrahierten Gebrauchs 
nicht festgestellt werden. 

I Uhlonhuth und Messerschmidt: In Büchsen konservierte 

Bakterlennährböden für den Feldgebranch. Sie werden von dem 
Chemisch-Bakteriologischen Laboratorium der Elsiissischen Konserven¬ 
fabrik Ungemach A.-G., Schiltigheim bei Straßburg-Els., unter Kontrolle 
in ähnlicher Weise wie Gemüse- und Fh'ischkonserven in Bleehbüebsen 
abgegeben. Sie sind sofort gebrauchsfähig. Zum Anfertigen von Petri¬ 
schalen werden die Büchsen im Dampftopf oder im kochenden Wasser 
etwa 20-30 Minuten lang gehalten, dann mit einem Büchsenöffner, des en 
Schneide vorher abgebrannt wurde, aufgeschnitten und direkt in die Schalen 
ausgegossen. Nach den Erfahrungen der Verfasser ist der Büchsemuihrboden 
ein guter Ersatz der frisch im Laboratorium gekochten Nährböden. 

L. Neumayer (München): Die Agglntinationsbatterlc. Der 
genau beschriebene, von der Firma Lautenschliiger (München-Berlin) zu 
beziehende Apparat beseitigt die hauptsächlichsten technischen Mängel 
der Blockschälchenmethode. 

Grober (Jena): Besonderheiten in Verlauf und Behandlung 
des Typhus Im Felde. Die Fälle von Typhus, die heute in den 
Lazaretten der deutschen Grenzländer liegen, sind solche, die sich im 
Fe indeslande, das nicht hygienisch durchgearbeitet worden ist, ange- 
stcckt haben. Die Widalschc Reaktion ist wenig brauchbar, sobald es sich 
um typhusschutzgeimpfte Menschen handelt. Unbedingt wichtig bleibt 
die bakteriologische Feststellung für die endgültige Genesung von der 
Krankheit durch den notwendigen Nachweis der Bacillenfreiheit von Kot und 
Urin. Die Haupttodesursache des Typhus bleibt einmal das Versagen des 
Herzens (durch entzündliche und degenerative Vorgänge daselbst, ab¬ 
hängig zum Teil von den Bakterien seihst, zum Teil von ihren Giften), 
zweitens die Erkrankung der Lungen und endlich die Beteiligrang des 
Centralnervensystems, verursacht durch die Bakteriengifte. Beobachtet 


Man kann zwar den Vorgang der Narkose in einem physikalisch oder Bäder strengen aber den Kreislauf ganz besonder 
chemisch durchsichtigen Modell nachbilden. Aber nach den Modellstudien zeige zur Bäderbehandlung der Typhuskrynken 1 
müß ,Da o immer wieder auf das Objekt der intakten Zellen zuriickgm’fen nommenheit und in der mangelhaften Atmung, 
'ind das Anwendungsbereich der Modelle prüfen. In diesem Sinne hat begünstigen. Dazu genügen aber Bäder von 32 
unter Leitung des Verfassers Vprsuche unternommen. Das Zell- ; 25° C abgekühlt werden mit Uebergießungcn 
#*t für die Untersuchungen waren rote Blutkörperchen. Aus den i genannten Temperatur. Medikamente soll man m 
P>DM beschriebenen Versuchen schließt der Verfasser, daß das Wesen ■ geben. Aber Pyramidon (sieben bis achtmal je 0 


wurden im Felde zahlreiche ganz leichte Fälle, die in wenigen Tagen 
beendet waren, allerdings oft genug mit Rückfällen verliefen, eine erhebliche 
Anzahl mittelschwerer Erkrankungen (Dauer von 8 bis 14 Tagen), end¬ 
lich auch schwerere Fälle. Nicht selten war die erste Erkrankung leicht 
oder mittelschwer, der Rückfall aber bedenklich. Darmerscheinungen 
können stark in den Hintergrund treten, Blutungen wurden selten beob¬ 
achtet. Die stärkere Beteiligung des Kreislaufs ließ Venenthrombosen 
mit ihren Folgen häufiger auftreten. Auch das Mittelohr, sogar beider¬ 
seits, war öfter beteiligt. Der Verfasser hat mehrere, allerdings später 
ausheilende Erkrankungen"nach Typhus gesehen. Es empfiehlt sich, allen 
Typhuskranken, bei denen auch nur der Verdacht auftaucht, daß während 
eines längeren Transports das Herz nachlassen könnte, vorher Digitalis 
zu geben. Wichtig ist auch Campheröl bei den ersten Anzeichen des 
Nachlassens der Kreislauftätigkeit. Häufige Bäder und namentlich kühle 
Bäder strengen aber den Kreislauf ganz besonders an. Die einzige An¬ 
zeige zur Bäderbehandlung der Typhuskrynken liegt in der starken Be¬ 
nommenheit und in der mangelhaften Atmung, die Lungenaffektionen 
begünstigen. Dazu genügen aber Bäder von 32 oder 30° C, die bis zu 
25° C abgekühlt werden mit Uebergießungcn von Wasser der letzt¬ 
genannten Temperatur. Medikamente soll man mir in bestimmten F.ill- n 
geben. Aber Pyramidon (sieben bis achtmal je 0,1 g) stellt erhöhte An- 


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UNIVERSUM OF IOWA 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 


Sprüche an den Kreislauf, die bei den Typhuskranken verschiedene Male 
zum Kollaps geführt haben. 

Käthe: Steckschuß der Vena cava inferior. Mitgeteilt werden 
die Krankengeschichte und das Sektionsprotokoll eines Falles von Schrap¬ 
nellbauchschuß (in der Lebergegend). Es war die Leber durchbohrt und 
die Vena cava inferior verletzt worden. Es entwickelte sich eine wahr¬ 
scheinlich durch gasbildende Bakterien verursachte tödliche Peritonitis. 
Der Darm aber erwies sich als unverletzt. In der Hohlvene fand sich 
ein kirschkerngroßer, der Wand ziemlich fest anhaftender Thrombus. 
Distalwiirts davon lag, eingebettet in einem napfförmigen, wandständigen 
Thrombus, das Geschoß. Die Kugel rollte im Lumen des Gefäßes einige 
Zentimeter abwärts und blieb an einer Stelle liegen, an der sich der 
kirschkerngroße Thrombus befand. Später, vielleicht während des Trans¬ 
ports, rollte sie noch etwas weiter nach abwärts und setzte sich dort 
fest, wo der napfförmige Thrombus zur Entwicklung kam. Der Tod ist 
nicht durch Verblutung aus der Hohlveue erfolgt, was darauf zurück - 
zuführen war, daß die zunehmende Drucksteigerung im Abdomen einen 
Verschluß des Wanddefekts durch den sich gegenpressenden lieberlappen 
bewirkt. (Außerdem ist infolge der ansaugenden Wirkung des Thorax 
der Druck in der Hohlvene negativ oder recht gering.) Das Geschoß 
aber hatte keinen totalen Verschluß der Cava herbeigeführt. Auch Blut¬ 
gerinnsel hatten das Loch in der Cavawand nicht verschlossen. Gleich¬ 
wohl ist anzunehmen, daß trotz der Wandverletzung ständig Blut die 
Vene durchflossen hatte. 

Galewsky (Dresden): Zur Behandlung und Prophylaxe der 
Kleiderläuse. Für den einzelnen empfiehlt sich am besten: Ol. berga¬ 
mott. 10,0, Tinct. calami (30%ig) 90,0. Diese Lösung wird am Körper 
und in die Kleider eingerieben. Ebenso dürften sich kleine Brustbeutel 


Entzündungsreaktion um den tuberkulösen Herd, ungünstig die Folgen 
der Allgemeinvergiftung, insbesondere die Herabsetzung der lokalen 
Tuberkulinempfindlichkeit. Dagegen würde eine Herabsetzung der 
allgemeinen Tuberkulinempfindlichkeit bei Erhaltung der lokalen 
etwas Günstiges darstellen: es besagt, daß bei erhaltenem Vermögen 
tuberkulöses Gewebe zu bilden, der Gehalt des Organismus au tuberkulösem 
Gewebe genügend geworden ist, das heißt, daß tuberkulöse Herde zur 
Abheilung gelangt sind. Die Tuberkulintlierapie verlangt daher: sehr 
vorsichtiges Ansteigen der Dosen unter möglichster Verhütung von 
Allgemeinreaktionen; leichteste Herdreaktion, um vor allem keine brüske 
Absenkung und lokale Tuberkulinempfindlichkeit hervorzurufen. Die 
Tuberkulinbehandlung ißt keine passive Immunisierungsmethode, das beißt, 
es werden mit dem Tuberkulin keine fertigen Scbutzstoffe eingeleitet, 
sie stellt jedoch auch — streng genommen — keine aktive Immunisie¬ 
rung dar. Der Weg, auf dem die Tuberkulinbehandlung unsere Heil¬ 
bestrebungen unterstützt, ißt die Herdreaktion mit ihren allerdings auch 
schädlichen Nebenwirkungen; ihr Ziel: die Abheilung tuberkulöser Herde 
bei vollem Vermögen, tuberkulöses Gewebe zu bilden, also unter Wahrung 
des ßpecifi8chen Tuberkuloseschutzes. 

Hauff (Bardenberg bei Aachen): Ein Fall von ansgedehnter 
Darmruptar infolge von Preßluft. Dem Patienten war von einem Ar¬ 
beiter eiu Preßluftschlauch in den After eingeführt worden, sodaß die 
Luft unter einem Drucke von sechs bis acht Atmosphären eindrang. Es 
kam zur Kotperitonitis und zum Exitus. 

H. E. Schmidt (Berlin): Zur Bewertung des Eisen-Elarsons. 
Es handelt sich um eine Verbindung, in der das Eisen an einen Fett¬ 
körper gebunden ist. Eine jede der kleinen Tablettelien enthalt ’/a ing 
(0.0005) Arsen und S cg (0,03) Ferrum reductum. Das Arsen dürfte hier 


dazu eignen mit einer Filzeinlage, die ab und zu mit dieser Lösung an¬ 
gefeuchtet wird. Diese Lösung ist aber ziemlich kostspielig. Z\u* Be¬ 
handlung von Truppenmassen, für Gefangenenlager, empfiehlt sich daher 
mehr, jedem einzelnen einen Naphthalinbeutel umzuhängeu oder ihm 
kleine Mengen Naphthalin in die Kleider zu schütten. Außerdem muß in 
die Strümpfe und Hosen 15%iger Naphthalinpuder eingostreut werden 
und der Körper damit eingepudert werden, da, wenn man nur den Ober¬ 
körper mit Naphthalin behandelt, die Läuse bis in die Strümpfe aus¬ 
wandern, um dem Gerüche zu entgehen. Salben verwirft der Verfasser, 
da sie verschmutzen, man auch die Läuse durch die Salbe nicht aus den 
Kleidern vertreiben kann, während sich Puder und Spiritus in die 
Kleidung bringen lassen. 

Felix Hirschfeld (Berlin): Nochmals der Eiweißbedarf des 
Menschen. Ein höherer Eiweißverbrauch ist zwar keineswegs schäd¬ 
lich, er ist aber auch nicht notwendig, und ein bedeutend niedrigerer 
ist nicht nachteilig. F. Bruck. 


Hermann Lüdke (Würzburg): Die Behandlung des Abdominal- 
typhns mit intravenösen Injektionen von Albamosen. Die von Merck 
bezogene Denteroalbumose wurde in 2 °/o iger und 4 % iger Lösung intra¬ 
venös zu 1 ccm injiziert. Bemerkenswert war eine schnelle, kritische 
Entfieberung danach. Damit ging in mehr als der Hälfte der Fälle eine 
Abkürzung des Krankheitsprozesses, eine schnellere Abheilung der orga¬ 
nischen Schädigungen einher. Diese künstlich herbeigeführte kritische 
Entfieberung beim Typhus hat unmittelbar eine ähnliche Wirkung im 
Gefolge wie die pneumonische Krise: unter starkem Schweißausbruche 
tritt ein rapider Temperatur^ und Pulsabfall ein, auf den die Heilung 
erfolgt, ohne daß der anatomische Krankbeitsprozeß abgeheilt wäre. Ro¬ 
seolen, Milzschwellung, Diazoreaktion, Leukopenie, leichtere Darmer- 
schweningen wurden noch tagelang nach der Entfieberung nachgewiesen. 

Georg Bessam (Breslau): Ueber die biologischen Vorgänge 
bei der Tnberknlinbehandlnng. Es ist ein fundamentaler Fehler, durch 
Tuberkulinbehandlung die lokale Tuberkulinüberempfindlichkeit herab¬ 
setzen zu wollen. Es kann vielmehr nur das Ziel sein, die lokale Re¬ 
aktionsfähigkeit zu steigern. (Die Allgemeinreaktion ist die Feine 
des bei der Herdreaktion entstehenden und von hier in den Kreislauf 
gelangenden Giftes, die Herdreaktion ist der Ausdruck der Reaktion 
zwischen Tuberkulin und dein vorhandenen tuberkulösen Gewebe, die 
Lokalreaktion ist der Ausdruck des Vermögens, auf Tuberktilinreiz 
tuberkulöses Gewebe zu bilden.) Das Tuberkulin ist aber leider nur in I 
sehr beschränktem Umfang imstande, die lokale Reaktionsfähigkeit zu ' 
steigern. Dafür aber vermag es doch in hinreichenden Dosen stets 
die 'tuberkulöse Entzündung zu erhöhen, nämlich dadurch, daß es an | 
tuberkulöses Gewebe herantritt und hier Herdreaktionen aus- I 
löst. Durch Herdreaktionen können tuberkulöse Herde zur Aus- 1 
Heilung gelangen. Herdreaktion führt aber auch zur schädigenden 
A11 gern e i n reak tiou. So wird also mit jeder Herdreaktion gleich¬ 
zeitig etwas Günstiges und etwas Ungünstiges bewirkt: günstig ist die 


Münchner medizinische Wochenschrift J915, Nr. 10. 


gewissermaßen als „Katalysator“ wirken und die Eisenmenge durch die 
Mitwirkung des Arsens einen sonst ihm nicht zukommenden Einfluß auf 
das Knochenmark ausüben. Während das Arsen die Peristaltik des Darmes 
lebhaft anregt, paralysiert das beigegebene Eisen anscheinend diese Wir¬ 
kung. Das .Mittel ist empfehlenswert. 

Max von Gruber: Kriegsbereitschaft des Ernährungswcsens 
und Biererzengnng. Im Gegensatz zu Eltzbacber fordert der Ver¬ 
fasser die Einstellung der Alkoholproduktion und insbesondere der Bier¬ 
erzeugung. Man solle die zur Herstellung des Biers erforderliche Gerste 
nicht verbrauen, sondern für Brot und Mehlspeisen verwerten, ferner die 
jetzt der Biergewinnung dienenden Bodenflächen zum Anbau einer ertrag¬ 
reichen Feldfrucht (Kartoffel) verwenden. Auch wenn wir die vom Bier¬ 
lande geerntete Kartoffel der menschlichen Ernährung nicht direkt, son¬ 
dern nur indirekt, indem wir sie an Schweine verfüttern, zuführten, 
würden wir noch einen Gewinn an Calorien gegenüber dem Anbau von 
Braugerste und Hopfen (der gar keine Nährstoffe liefert) erzielen. (Der 
Verfasser betont noch bei dieser Gelegenheit, daß der Genuß von Alkohol 
selbst schon eine Vergeudung von Energie, also von Nahrungsstoffen zur 
Folge bat, da nach Versuchen von Durig schon die Menge von 30 g 
Alkohol die Ausnützung des Nährwerts der zersetzten Nahrungsstoffe für 
die Muskelarbeit um ein Achtel verringert.) 

Feldärztliche Beilage Nr. 10, 

Walther Straub (Freiburg i. Br.): Tetannstherapie mit Magne* 
simnsulfat. Erfahrungen am tetanuskranken Menschen bei inter- 
venöser Einführung des Magnesinmsulfats. Bisher wurde eine 3 %ige 
Lösung benutzt, und zwar erhält der Patient etwas Magnesium inter¬ 
mittierend. Dabei werden Mengen zwischen 50 und 150 ccm iu ‘1 Mi- 
nuten pro Infusion verwendet, diese Infusion wiederholt man nach Bedarf. 
Das Auftreten von Schweiß ist ein sicherer Vorbote des wieder bevor¬ 
stehenden Maximums der Anfälle. Die im Krampfe befindliche Musku¬ 
latur wird durch das Magnesium vor der Normalen gelähmt, und zwar 
nicht vollständig, sondern nur bis zu ihrer normalen Funktionsfiihiiikeit 

W. Spielmeyer (München): Zar Behandlung „traumatischer 
Epilepsie“ nach Hirnschußrerletzung. Durch regelmäßige und V st |'" 
matische Abkühlung der Himoberflüche nach dem Vorschläge von V i - 
heim Trendelenburg lassen sich die Rückenkriimpfe und epilepM‘ n 
Anfälle günstig beeinflussen, namentlich, wenn ein Defekt im Sclni 
knochen vorliegt und dadurch die Kühlung wirksam werden kann. Esvrui w 
lange Zeit hindurch täglich eiu- bis zweimal eine halbe Stunde Kühlung 111 
mit einem Eisbeutel oder auch nur mit Tüchern, die iu sehr kaltes NV a^er 
getaucht waren, vorgenommen. Hat das Kiihlungsverfnhren keitica 
folg und wird der Zustand bedrohlich, so soll man die Untersennei 
der Rinde nach Wilhelm Trendclenburg in Erwägung ziehen. ^ 
lieh wird mau sich dazu leichter dort entschließen, wo parelhcln ^ 
scheinungeu schon vorhanden sind, wo also die Unterschneidniu: ‘ 
Rinde keine oder doch keine wesentliche Steigerung des 
Ausfalls bewirken wird. 

H Lehmann (Würzbürg): In8ektenpuIve^wertbestill^»^ ,n ?• * 

kommt darauf an, ob das Insektenpulver nur aus geschlossenen 11 


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21. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


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knpfoheo von Chrysanthemum cinerarüfolium hergestellt wird, oder auch 
jT t vf[iu'tt> Bliitenköpfohcn oder gar Stielteile zur Vermahlung verwandt 
werden. Di«* insekticideu Prinzipien ßitzen ganz besonders in den 
Sdieilienbliiten der Blütenköpfchen. Da nun in den geschlossenen Blüten- 
köjifrlien noch alle Pollenkörner vorhanden sind, während sie in den 
geöffneten nach und nach verstäuben und schließlich die ganzen Blüten 
ausfallen, so hat man, wenn durch eine vom Verfasser genau beschrie¬ 
bene mikroskopische Methode die Pollenkörner gezählt werden, einen 
euten Anhaltspunkt, ob es sich um ein wirksames oder schlechtes In- 
Aitenpulver handelt, vorausgesetzt, daß das Pulver wirklich von Chry- 
t i 7 - ■ s inthemiun cinerariifolium stammt. Der Verfasser gibt für dalmatinisches 
Insektenpulver die Zahlenwerte genau an. 

M. zur Verth: Heber Verwertbarkeit von Filtrierpapier and 
chinesischem Papier statt Mull als Verbandstoff. Mull hat die beste 
:2 Aulajinguiursfäliigkeit. Demnächst kommt Filtrierpapier und erst dann 
das ungefärbte graugelbe chinesische Papier. Bei leicht und mittelstark 
iitewulemden Wunden erwies sich das Filtrierpapier wie das chinesische 
Papier als Mullersatz in zusammengeknüllfcem Zustande gut brauchbar. 
Es empfiehlt sich aber, zwischen Papier und Wunde eine trennende Lage 
jj, w Null an zu bringen. 

Walk hoff (München): Ueber die Notwendigkeit sofortiger und 
ausreichender Hilfe bei Kieferverletzten. Wichtig ist hierbei teils 
ein«* richtige Schieiiung der Bruchstücke, teils Ersatz durch Gesichts- 
prothescn der verlorengegangenen Teile, die auf chirurgischem Wege be- 
[ki-l m der notwendigen Form nicht immer zu ersetzen oder in der 

Form zu erhalten sind. Dazu müßten aber die maßgebenden Behörden eine 
. systematische Organisation zahnärztlicher Hilfe im Kriege schaffen, 
nmi zwar von den Feld- und Kriegslazaretten an bis zu den Heiraat- 
liizaretten. 

G. Krebs (Hildesheim): Ohrbeschädigangen Im Felde. Be¬ 
sprochen werden die selbständigen Ohrenkrankheiten im Felde, die Ver¬ 
letzungen des Ohres (direkte und indirekte) und die akustischen Schädi¬ 
gungen ohne jede äußere oder innere Verletzung. 
rai ,„ Lewitt (Dresden): Ueber Nachbehandlung der im Kriege ver¬ 

wundeten Heeresangehörigen. Der wichtigste Teil dieser Nachbehand¬ 
lung ist die Massage und Krankengymnastik. Beides wird genau be¬ 
schrieben. 

E. Vogt (Dresden): Sernmexanthem nach Tetannsantitoxln- 

Injektion. Es trat in einem Fall am zehnten Tage nach der Injektion 
ein. Das Allgemeinbefinden war nur leicht gestört. Der Verlauf ent¬ 
sprach vollkommen dem Bilde der Serumkrankheit, wie sie viel häufiger 
nach der Einspritzung von Diphtherieheilserum beobachtet wird. 

Eyselt: Ein einfaches Vorbereitnngsmittel gegen Verlausung 
uud ihre Folgen. Der Schwefel an sich ist zwar geruchlos, entwickelt 
aber in Berührung mit menschlichen Hautsekreten langsam Schwefel¬ 
wasserstoff. der auf die viel feineren Geruchsorgane der Insekten einen 
abstoßenden Einfluß ausübt. Von diesen Erwägungen ausgehend, emp¬ 
fiehlt der Verfasser angelegentlichst Sulfur praecipitatum. In die 
uniirewendete („links gemachte“) Unterkleidung wird der gefällte Schwefel 
eineebüretet. Man braucht für ein Wolihemd zwei gehäufte Eßlöffel des 
Pulvers, je einen für die Vorder- und einen für die Riickenfläche, kleinere 
Mengen sind in die Aermel des Hemdes und in die Innenfläche der 
f uterhosen rinzubürsten. Die Kleidungsstücke sind aber mindestens 
-4 Stunden früher anzuziehen, als man mit verlausten Personen in Be- 
nilimog kommt, da der Schwefel erst dann wirkt, wenn Schweiß genügend 
auf ihn eingewirkt hat. Wird Sulfur praecipitatum auf verlauste 
Kleider gestreut, so fallen die Läuse erst ab, wenn die geschwefelten 
Kleidungsstücke eine Zeitlang getragen worden sind. Auch Wanzen, 
Hohe, stechende Zweiflügler dürften durch diese Maßnahme abzuschrecken 
'•iü. Der Schwefel kann wochenlang seine Wirkung entfalten, ohne die 
Ihuit zu reizen, was man weder vom Naphthalin noch von den ätherischen 
'Hu sagen kann. Denn diese beiden Mittel müssen, da sie sich zu 
^bnell verflüchtigen, recht oft aufgetragen werden, was außerdem noch 
^erlichen Geruch zur Folge hat und auch sehr kostspielig ist. 

Springer: Offene Behandlung eifernder Wunden. Sie führte 
eiflem Falle von komplizierter Fußgelenkverletzung, wo die Amputa- 
,ll -' n ln ehr vermeidbar schien, mit einem Schlage zur Besserung 
j SM schließlich zur Heilung. 

V. Blumenthal: Der truppenärztlfche Bienst bei der Ka- 
'alleriedtvislon. Ausführliche Schilderung des hier in Betracht kom- 
■'nt'Eiden ärztlichen Dienstes, für den charakteristisch ist, daß alles in 
K, ßter File zu geschehen hat. Hinter der Division stehen nicht, wie 
•im Armeekorps, wohlorganisierte Sanitätskoinpagnien und nach Bedarf 
•■' r ?Mog»*oe Feldlazarette. Was nicht von der eignen Truppe aus ver- 
y "‘ r ' n Müßte Unter Umständen liegen bleiben. 

1 Finch-h; Mitteilungen aus französischer Gefangenschaft 
insbesondere ans einem französischen ßeserveiazarett. Der 
* ( “c-ser kam mit seinem Truppenverbandplatz in die Hände der Fran¬ 


zosen. Er berichtet ausführlich über seine Erlebnisse und liebt diu 
großen Mißstiinde hervor, die in dem französischen Lazarett herrsch len. 
Persönlich wurde er von den französischen Aerzten durchaus kollegial 
und auch von dem übrigen französischen Personal des Hospitals mit 
großer Achtung behandelt. Seine Beköstigung aus der französischen 
Küche des Hospitals war vorzüglich und unentgeltlich. Daneben bekam 
er das Gehalt eines französischen Assistenzarztes voll ausgezahlt (192 M). 

F. Bruck. 

Therapeutische Notiz. 

Ueber Erfahrungen mit Jodostarin 

von Dr. W. Zeuner, Berlin. 

In den Fällen, in denen es auf eine längere und gleichmäßigere 
Jodwirkung ankommt, wird man sich organischer Präparate bedienen, 
die nicht so leicht die Symptome einer Jodintoxikation hervorzurufen 
pflegen. Von diesen organischen Jodpräparaten hat mir nun «las 
Jodostarin bei der Jodbehandlung chronischer Leiden recht gute 
Dienste geleistet. 

Jodostarin „Koche“ ist das Dijodadditionsprodukt der Taririnsäure 
mit einem Jodgehalte von 47,5 %. Es sind feine, geruch- und geschmack¬ 
lose, weiße Kiystallscbuppen, die in Wasser unlöslich, wenig löslich in 
kaltem, leicht löslich in warmem Alkohol, Aether, Chloroform, Schwefel¬ 
kohlenstoff und Benzol sind. Was seine pharmakologischen Eigenschaften 
anbetrifft, so ist außerordentlich wichtig, daß es den Magen unzersetzt 
passiert und im alkalischen Darmsafte gespalten und also erst vom 
Darm aus resorbiert wird. Die Resorption erfolgt vom Darm aus äußerst 
prompt und vollständig. 

Aus der Tatsache, daß in vielen Versuchen fast niemals in den 
Faeces auch nur Spuren von Jod gefunden werden konnten, ergibt sich 
als großer Vorzug, daß das Jodostarin vollständig vom Darm aus resor¬ 
biert und durch den Ham ausgeschieden wird, seine Ausnutzung und 
Verwertung somit eine vollständige ist. Versuche betreffs Toxizität des 
Präparats zeigten, daß 3,5 g pro Kilogramm Körpergewicht noch gut 
vertragen wurden und erst 5 g pro Kilogramm bei Kaninchen eine tötende 
Wirkung entfalten. (Bachem.) 

Als besonders prägnante Eigenschaften des Jodostarins seien seine 
Haltbarkeit, sein hoher Jodgehalt und sein außerordentlich 
angenehmer Geschmack hervorgehoben. Die Jod-Taririnsaure ist 
geruch- und geschmacklos, sodaß es möglich war, das Mittel in einer 
angenehm schmeckenden Tablettenform herzustellen. Nach neuerlicher 
Verbesserung des Geschmacks müssen die Jodostarintabletten sogar als 
ganz besonders wohlschmeckend bezeichnet werden. Weiter ist seine 
leichtere Resorbierbarkeit nebst völliger Ausnutzung, sowie 
intensiver Wirkung und seine geringe Giftigkeit hervorzuheben. 

Meine Erfahrungen mit der therapeutischen Kraft des Jodostarins 
erstrecken sich über eine Beobachtungszeit von zwei Jahren; während 
dieser Zeit wurden zirka 100 Fälle mit Jodostarin behandelt. Die 
Kranken litten an solchen Leiden, bei denen sonst Jod angezeigt ist. 
Demgemäß handelt es sich um Arteriosklerose, alte Lues und Kranke 
mit Asthma und gewissen tuberkulösen Affektionen. Es ist natürlich 
schwer, bei diesen Fällen den therapeutischen Erfolg kritisch rinzu¬ 
schätzen, da diese chronischen Leiden stets unregelmäßigen Schwan¬ 
kungen unterworfen sind. Ich kann deshalb nur mit Sicherheit das 
Negative in den Vordergrund stellen und immer wieder betonen, daß ich 
Schädigungen bei Gebrauch dps Jodostarins in keinem Falk* gesehen 
habe. Stets wurde das-Jodostarin von meinen Patienten gern genommen 
und ohne die Zeichen eines Jodismus während längerer Zeit vertragen. 
Die vorteilhafte Form der kleinen Jodostarintabletten hat eine längere 
Darreichung stets sehr bequem gestaltet. Ihre leichtere Resorbierbarkeit 
führte niemals zu belästigenden Erscheinungen von seiten des Magen- 
und Darmkanals. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß 
Jodostarin in analoger Darreichungsmenge wie die gebräuchliche sonstige 
Jodkalimedikation von gleichem therapeutischen Effekt begleitet war. 
Die Ursache beruht wohl vorwiegend auf der langsamen Ausscheidung 
des Jodostarins aus dem Körper. Wenn nämlich das Jodostarin erst nach 
Ablauf von 72 Stunden den Körper passiert hat, ist das Jodkali bereits in 
einem Drittel der Zeit wieder vollständig aus dem Körper ausgeschieden. 

Für die kassenärztliche Praxis kommt in Betracht, daß die Ta¬ 
bletten wegen ihres nicht hohen Preises auch von den Berliner Kranken¬ 
kassen freigegeben sind. Meine Erfahrungen basieren zum größten Teil 
auf der Beobachtung an Patienten, bei denen häufige therapeutische Ver¬ 
suche konsequent und zuverlässig angestellt werden können. Wir er¬ 
blicken im Jodostarin ein zuverlässiges organisches Jodprii parat, das 
wegen seines hohen Jodgehalts eine kräftige und gleichmäßige •lodtberapie 
gewährleistet. Da es die Verdauuugsorgane in keiner Wei>r ungünstig 
beeinflußt, sind die Jodostarintabletten besonders für die langfortgesetzte 
Jodmedikation geeignet. * 


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UNiVERSUY OF IOWA 



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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


21. März. 


Wissenschaftliche Yerhandlnngen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Friv.-Doz . Dr. Anton Bum , Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aerste ln Wien« 

Sitzung vom 12. März 1915. 

V. Hecht demonstriert mehrere Soldaten, an welchen die 
Behandlung der Gelenkskontraktnren sowie die Maßnahmen 
zu ihrer Verhütung im Gipsverband gezeigt werden. Zur Be¬ 
handlung der Gelenkskontrakturen wird eine aus drei Teilen be¬ 
stehende Winkelschiene verwendet, welche um das Gelenk herum 
angelegt wird; durch elastischen Zug wird die erwünschte Beu¬ 
gung oder Streckung erzeugt. Dieser Apparat, welcher leicht im¬ 
provisiert werden kann, eignet sich für fibröse und muskuläre 
Kontrakturen, dagegen nicht für knöcherne. Um die Gelenkver¬ 
steifung im Gipsverband einzuschränken, läßt Vortr. die Finger 
und Zehen frei und weist die Pat. an, sie zu bewegen. Da dies 
von den Kranken manchmal nicht durchgeführt wird, so verwendet 
er zur Erzeugung von Muskelkontraktionen den faradischen Strom, 
die Applikation desselben erfolgt durch Fenster des Gipsverbandes, 
die über den wichtigsten Nervenpunkten angelegt werden. Auf 
diese Weise wird eine Art von Muskelgymnastik ausgeübt. 

W. Neutra führt aus dem Nervenambulatorium des Garnison¬ 
spitals in Baden zwei Soldaten vor, bei welchen er eine hysterische 
Astasie-Abasie durch Hypnose beseitigt hat. Bei einem Kranken 
ist das Unvermögen zu gehen und zu stehen nach einem über¬ 
standenen Rheumatismus eingetreten. Pat. hatte dabei Schmerzen 
und Zittern im ganzen Körper. Die Untersuchung ergab eine 
Hypästhesie der ganzen Unken Körperhälfte, stark gesteigerte 
Patellar- und Sehnenreflexe sowie Tachykardie. Pat. konnte nur 
mit Hilfe von zwei Stöcken sich unter heftigem Zittern kurze Zeit 
auf den Beinen erhalten. Es wurde ihm in Hypnose suggeriert, 
daß er keine Schmerzen habe und gut gehen könne. Nach dem 
Erwachen aus der Hypnose konnte er 20 Schritte unter Zittern 
und Herzklopfen gehen; nach 12 Hypnosen war er vollständig ge¬ 
heilt. Der zweite Pat. hat eine fieberhafte Erkrankung durch¬ 
gemacht, worauf er nicht mehr gehen konnte. Er hatte Zittern 
und Krämpfe am ganzen Körper, die durch eine fünfwöchentliche 
Behandlung mit den verschiedensten Mitteln nicht behoben werden 
konnten. Die Reflexe waren gesteigert. Durch eine einmalige 
Hypnose wurde Pat. geheilt. In beiden Fällen traten die hysteri¬ 
schen Erscheinungen erst einige Zeit nach einer wirklichen Er¬ 
krankung auf. 

H. R ei mann demonstriert aus dem Militärspital in Baden 
2 Fälle von Kontrakturen des Ellbogen gelenkes nach Schu߬ 
verletzung, welche dorch Persuasion gebessert wurden. Die 
Kontrakturen konnten durch keine Therapie beseitigt werden. Der 
zweite Pat. hatte eine Krallenstellung der Finger. Durch Zureden 
gelang es, die Pat. zu überzeugen, daß ihr Leiden nicht auf 
organischer Basis beruht]; die Besserung trat hierauf sehr rasch ein. 

W. Denk stellt mehrere Fälle vor, welche die Behandlung 
infizierter Knochen- und Gelenksschüsse illustrieren, und 
demonstriert zahlreiche Röntgenbilder. Bei Knochenschüssen, welche 
mit Fistelbildung ausheilen, kommt das Debridement oder die 
sekundäre Fisteloperation in Betracht, Bei dem ersteren Eingriff 
werden die Knochensplitter entfernt, bei der sekundären Fistel¬ 
operation ist das Verfahren von Esmarch und Bier, welches für 
die chronische Osteomyelitis angegeben wurde, am zweckmäßigsten. 
Es wird der Knochen muldenförmig ausgemeißelt. Bei infizierten 
Gelenkverletzungen soll man streng konservativ Vorgehen; es ge¬ 
lingt oft, durch Fixierung und hohe Salizyldosen eine Eiterung zu 
verhüten. Wenn letztere aber doch eintritt, so muß man das 
Gelenk aufklappen oder resezieren, letzteres namentlich in dem 
Fall, wenn große Teile des Gelenkes weggerissen wurden. In 
manchen Fällen muß die Amputation vorgenommen werden, wenn 
die konservativen Methoden nicht zum Ziele führen. 

E. Urbantschitsch stellt einen Knaben mit Tonsillitis 
keratosa punctata vor. Pat. hat niemals an Halsbosch werden ge¬ 
litten. ln der letzten Zeit bekam er Schluckbeschwerden; die 
Untersuchung ergab kleine weiße, harte, in einen Stachel aus¬ 
gehende Auflagerungen auf den Tonsillen. Die mikroskopische 
Untersuchung ergab geschichtete verhornte Substanz, welche von 
Plattenepithel überkleidet ist und Bakterien der Mundflora enthält. 

0. Chiari bemerkt, daß die Fälle nicht gar selten sind; sie sind 
meist chronisch. Die Affektion verursacht eigentlich keine Beschwerden. 

M. Hajek weist darauf hin, daß die Pat. sehr schwer krank zu 
sein glauben, wenn ihneif der Arzt nicht die Harmlosigkeit der Affektion 


erklären kann. Wenn die Stachel ausgezogen werden, so wachsen sie 
wieder nach. Eine Therapie ist nutzlos, die Affektion heilt nach einiger 
Zeit von selbst, 

M. Weil bespricht einen Fall, in welchem diese Hyperkeratosis 
als Ursache von Fieber angesehen wurde. Die Untersuchung ergab, daß 
Pat. an einer Pneumonie litt. 

S. Gross und Vesely besprechen die Länsebekämpfiug 
durch Texan. Die Bekämpfung der Läuse ist im Kriege sehr 
wichtig, da sie den Flecktyphus übertragen. Zu ihrer Bekämpfung 
dienen ätherische Oele, Benzin und Kresole. Die Anwendung der 
läusevertreibenden oder läusetötenden Substanzen erfolgt in Salben, 
in alkoholischer Lösung, in Einblasungen von Pulvern, z. B. 
Naphthalin, oder Imprägnation der Unterwäsche mit einer Mischung 
von Paraffin und ätherischen Oelen. Diese Methoden sind gut, sind 
aber für die Massenprophylaxe weniger geeignet. Vortr. verwendet 
zur Entlausung von Personen ein Gemisch von verschiedenen 
ätherischen Oelen, welche von resinoiden Substanzen, Ketonen 
und Aldehyden aufgenomtnen sind, wodurch die Verdampfung der 
ätherischen Oele verlangsamt wird. Die Versuche bei fast 
5000 Mann ergaben, daß dieses Gemisch, welchem die Vortr. den 
Namen Texan gaben und welches, in zwei Säckchen eingenäht, auf 
der Brust und auf dem Rücken getragen wird, die Läuse vertreibt. 
Die Entlausung war in 4—5 Tagen vollzogen. Das Mittel ist 
leicht herzustellen und anzuwenden. In vitro gehen Läuse, welche 
ätherischen Dämpfen aasgesetzt sind, in einigen Tagen zugrunde: 
wenn man den Luftzutritt gestattet, leben sie länger. Die Ver¬ 
suchssoldaten, bei denen das Texan dauernd angewendet wird, 
sind bis heute läusefrei geblieben. Es behält seine Wirksamkeit 
einige Monate. 

W. Falta stellt einen 22jährigen Mann vor, welchen er 
durch Kohlehydrat zuckerfrei gemacht hat. Pat. schied bei 
Probekost 4 g Azeton und 230 g Zucker aus. Vortr. gelang es, 
durch Abwechslung von strenger Kost mit Kohlehydraternährung 
den Pat zucker- und azetonfrei zu machen. Pat. verträgt jetzt 
eine größere Menge von Kohlehydraten täglich, ohne Zucker im 
Harn zu bekommen. 

S. Fränkel berichtet über ein neues Entlausungsmittel, 
das Anisol. Zur Vertilgung von Läusen dienen verschiedene Mittel. 
In den Kleidern werden Läuse durch eine l%ige Lösung von 
Chlorkalk unter Zusatz einer äquivalenten Menge von Salzsäure 
sofort getötet, die Nisse dagegen nicht, ebenso nicht durch Schwefe¬ 
lung. Die ätherischen Oele vertreiben die Läuse, ohne sie za töten. 
Vortr. hat das Nelkenöl, dessen wirksamer Bestandteil das Eugenol 
ist, das Anisöl mit dem wirksamen Bestandteil Anethol und 
Safrol, welches aus Sassafras dargestellt wird, untersucht. Unter 
diesen Substanzen ist Safrol die giftigste. Durch Buttersäure werden 
Läuse in ] /2 Stunde abgetötet; auf dieser Substanz beruht wohl 
die Wirksamkeit der Methode, Läuse durch fettimprägnierte Wäsche 
abzuhalten. Als das beste Mittel zur Läusevertilgung wurde durch 
Zulall das Anisol gefunden. Es ist für höhere Organismen indiffe¬ 
rent, auf niedrige Organismen wirkt es sehr toxisch, indem es 
z. B. Läuse binnen wenigen Minuten abtötet. Es kann in größerer 
i Menge hergestellt werden und wirkt nach Versuchen in vitro 
| läusetötend, während die anderen Mittel nur die Läuse vertreiben. 

St. Weidenfeld bemerkt, daß Bewohner der Karpathen ihre 
Wäsche in ranziges Fett eintauchen, um so die Läuse abzuwebren. lhs 
Wirksame ist hier die freie Fettsäure, welche die Läuse tötet, außerdem 
können auf dem fettimprägniertiMi Stoff die Nisse von den Läusen mir 
schlecht angeklebt werden. Es bedeutet einen großen Unterschied, « 
die Läuse abgetötet oder nur vertrieben werden. Redner hat alyause 
abhaltendes Verfahren die Imprägnierung der Wasche mit Paraffin an¬ 
gegeben, welchem Anisöl und andere ätherische Substanzen ziigosetxtsin- 

A. Pick berichtet über die Versuche mit verschiedenen Substanz- 
zur Entlausung. Es wurden Anisöl, Rosmarinöl, Oleum betuloo emp' 
rheumaticum, welches zur Bereitung des Juchfcenpapiers verwendet wi . 
geprüft. Die Läuse leben ohne Nahrungsaufnahme ca. 4 Tage, binir 
ebenso langer Zeit kriechen aus clen Nissen die jungen Läuse ner • 
es müssen also diese Substanzen längere Zeit angewendet werden. ^ 
wirksamsten erwiesen sich bei Versuchen in vitro das Anisöl tw . 
Rosmarinöl. Das Oleum betulae brauchte längere Zeit zur Abtölung^ 
Läuse. Mit jeder der genannten Substanzen kann man eine j nl . 

kung erzielen. Man bestreicht mit ihr entweder die Wäsche 
prägniert mit ihr Papierstücke, welche unter der Wäsche getragen 
Am wirksamsten hat sich die Salbenforni erwiesen; durch das k - a i en 
wird nämlich auch das Saugen der Läuse erschwert und außerdem ^ 
ihre Atmungssfcigmen verstopft. Bei Anwendung von Salben gemifc 


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UNIVERSUM OF IOWA 





21 Marz. 


1915 —MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 


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1 , creringere Konzentration des läusetötenden Mittels; bei den Versuchen 

wurden 5°.„ige Salben angewendet. Von dieser Salbe genügen für einen 
mehrtägigen Schutz 5g; es werden verschiedene Körperstellen jeden 
3 .- 4 . Tag betupft. Um Verlauste zu entlausen, muß man größere Quan¬ 
titäten der Salbe, bis 20 g, anwenden ; unter Durchführung einer 2- bis 
Utägigen Schmierkur sind die Läuse binnen 4 Tagen verschwunden. Wenn 
jedoch der Entlauste dann nicht ein Entlausungsmittel wieder prophy¬ 
laktisch anwendet, so würde er wieder lausig werden. Zur Prophylaxe 
— genügt die Anwendung von imprägnierten Papierstilckchen oder das Be- 
tropfen mit ätherischen Oelen. 

S. Gross weist darauf hin, daß Versuche in vitro nicht immer 
7 , mit denen in vivo stimmen. Läuse saugen auch dort, wo ätherisches Oel 
J ' aufgetropft wurde. 

J. v. Winter bemerkt, daß Monturen, welche zur Desinfektion 
■ i:7; - mittelst Dampfes oder Salfarkose eiDgeliefert werden, sich in sehr zer- 
’U: knittertem Zustand befinden und nach der Desinfektion gewöhnlich ge- 

i Pr-- bügelt werden. Dieses Bügeln soll energisch durchgeführt werden, da es 
1 ein einfaches und sicheres Verfahren zur Abtötung von Nissen ist. H. 

rV- 

\ ortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort« 
bildungswesen ln Preußen. 

^ > Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates. 

H;. n. 

k i Rothmann (Berlin): Nachbehandlung der Verletzungen 

U des centralen und peripheren Nervensystems. Die Beobach¬ 
te ■ taugen in diesem Kriege bestätigen vielfach die früheren Erfab- 

wLU rangen and Experimente. Der Verlauf ist im allgemeinen ein sehr 

Im:: günstiger, weil die Geschosse nicht so sehr große Defekte setzen 

and schwere Störungen des Gehirns, wie bei den im Frieden be- 
handelten Kranken, z. B. Arteriosklerose, fehlen. Ausfallserschei- 
; V nungen verschwinden, weil die erhaltenen Teile die Funktion der 
verletzten übernehmen durch Umgewöhnung und unter Vermitt- 
lang von anderen Muskeln. Die Sprache, weil ursprünglich doppel- 
3pj- . seitig angelegt, wird von der anderen Seite her ermöglicht. Das 
: Großhirn tritt für das Kleinhirn ein. Ja, es können auch Zentren 

; . ans der früheren Entwicklungsperiode des Menschen wieder in 

, r Funktion treten. Oft ist der Schußkanal so klein, daß nur wenig 

"... Substanz verloren geht, oft handelt es sich überhaupt nur um 

eine Erschütterung. Anders ist es natürlich, wenn es zu großen 
Abszessen gekommen ist. Sonst gibt es keinen Fall von Lähmung, 
der nicht zurückginge. Am Bein dauert die Rückbildung zumeist 
Wochen, am Arm 2—4 Monate. Man soll die Kontraktur- 
f bildang vermeiden und muß dafür sorgen, daß am Arm die 

- Strecker gekräftigt, das heißt durch Schienen unterstützt werden, 

am Bein die Beuger, damit nicht durch das Ueberwiegen der 
: Antagonisten eine dauernde Schädigung entstehe. Uebung ist in 

allen Fällen rechtzeitig anzuwenden und stets beim Arm die ge¬ 
sunde Extremität zu kräftigen, da das dem Zentralorgan der Be¬ 
wegungen nützlich ist. Beim Rückenmarke sind die Verhältnisse 
nicht so günstig wie beim Gehirn, aber auch hier kommt es, eben 
weil die Lähmungen zumeist nur partielle sind, zu guten Resul- 
Von der Operation rät R. energisch ab, wenn nicht das 
Höntgenbild unzweifelhaft Anwesenheit von Sequestern ergibt. 
Aach bei den Lähmungen der peripheren Nerven soll man lange 
warten, weil noch nach 7—8 Monaten Restitution eintreten kann. 

Der zweifellos durchschnittene Nerv soll natürlich zusammengenäht 
werden. Aber in der Heilung befindliche verletzte Nerven werden 
durch chirurgische Manipulationen schwer geschädigt. Das Nerven- 
'jstem der Verwundeten ist oft ein sehr labiles. Energie des 
Arztes, die auf den Pat. übergeht, leistet hier Großes. Es wäre 
wünschenswert, daß die schlimmen Erfahrungen, die wir in der 
UfaJlversicherung mit den Neurosen gemacht haben, uns nach 
diesem Krieg erspart blieben. 

Schütz (Berlin): Massage and medikomechanisehe Be- 
nandlong. Die Methode der mechanischen Behandlung ist so sehr 
physiologisch begründet durch lange Uebung in Friedenszeit, daß 
Sle J efzt zum großen Nutzen für die Kriegsverwundeten ange- 
^endet wird. Die träge Zirkulation der Blut- und Lymphbahnen 
J ^ Stauung in den infiltrierten Narbengebieten durch 
| trejchang in zentripetaler Richtung angeregt, die Ernährung ge¬ 
ordert und die Produkte der Ermüdung werden fortgeschafft, 
energischer wirkt die Massage, die auch die flüssigen Exsudate 
? dön Gelenkhöblen beseitigt. Die Schmerzen werden gemildert, 

Ie Schwellung wird verringert und die Atrophie der Muskeln ver- 
nnaert. Das ist alles durch Experimente am Tier erwiesen. Aehn- 
f wirken Klopfen und gymnastische Uebungen. Die Hand des 
4 rz * es ist nicht immer so exakt und nicht so ausdauernd, wie die 


Apparate, die durch Zander eine große Vollkommenheit erlangt, 
haben. Die Auswahl der Uebungen und die strenge Ueberwachung 
ist natürlich erforderlich. Vibrations- und Klopfapparate sind durch 
die Leistung der Hand nicht zu ersetzen. Die Krukenbergschen 
I Pendelapparate leisten gleichfalls Außerordentliches. Nach der 
Massage empfiehlt es sich, eine komprimierende Binde für 4 bis 
6 Stunden anzulegen. Bei Lähmungserscheinungen sind stets 
Streckbretter anzulegen, um die Kontraktur der Antagonisten zu 
vermeiden. Bei Reizzuständen am Fuße sind Plattfußsohlen, even¬ 
tuell mit Ausschnitten für die empfindlichen Stellen, nützlich. Die 
medikomechanisehe Behaudlung soll erst beginnen, wenn die 
Wunden geschlossen sind. Eine genaue Untersuchung, auch mit 
dem Röntgenapparat, ist immer erforderlich und eine sorgfältige 
Aufnahme des Status, um später unterscheiden zu können, was 
Kriegsverwundung war, was frühere Verletzung, was auf allge¬ 
meinen inneren Ursachen beruhend. Die Kriegsverwundeten unter¬ 
scheiden sich von den Unfallverletzten der Friedenszeit rühmlich 
durch ihren Eifer und ihren lebhaften Wunsch, gesund zu werden. 
Dafür ist ein Beweis, daß sie immer stärkere Gewichte bei den 
Widerstandsbewegungen verlangen, während den Unfallverletzten 
alle Widerstände zu schwer sind, ferner die Tatsache, daß unter 
800 behandelten Kriegern durchschnittlich eine 25malige Behand¬ 
lung ausreichte, um völlige Heilung zu erzielen. 

A. Laqueur (Berlin): Elektrisation, Heißlnftbehandlung, 
Diathermie, Bäder« Die physikalischen Behandlungsmethoden 
wollen die Schmerzen lindern, die Muskelentspannung bewirken 
und Exsudate sowie Narbeninfiltrate beseitigen. Hierzu dienen 
warme Bäder (von 35° C), Armbäder mit Staßfurter Salz und 
Fußbäder. Wünschenswert wäre auch die Benutzung der öffent¬ 
lichen Schwimmbassins für die Kriegs verwundeten. Zur Behand¬ 
lung von Eiterungen und Fisteln eignen sich besonders Diathermie 
und feuchte Wärme, diese besser als die trockene Wärme, weil 
die Tiefenwirkung eine größere ist. Die Dampfdusche, die Hei߬ 
luftdusche, die Fangopackung wirken schmerzstillend und erweichend 
auf die Kallusmassen. Sehr wirksam ist die künstliche Höhen¬ 
sonne. Zur Behandlung der Atrophie der Muskeln eignet sich die 
Faradisation ebenso wie die Galvanisation, besser eine Kombination 
beider Stromarten. Bei erloschener faradischer Erregbarkeit der 
gelähmten Nerven kommt aber nur der galvanische Strom zur 
Anwendung, und zwar bei vorhandener Anodenzuckung mit vor¬ 
wiegender Benutzung der Anode, im anderen Falle mit Verwen¬ 
dung der Kathode über dem gelähmten Muskelgebiete. Bei Neur¬ 
algien empfiehlt sich Anodengalvanisation mit 2—4 Milliampere 
ohne Unterbrechungen, bei Parästhesien das faradische Zwei¬ 
zellenbad. Für Fälle hochgradiger Erregbarkeit, in denen man 
nichts mit faradischer Wärme ausrichtet, empfiehlt Vortr. die 
Blaulichtbehandlung, die ein mildes Wärmegefühl hervorruft. Die 
Rotlichtbehandlung erzeugt noch mehr W % ärme und hat größere 
Tiefenwirkung. Sie ist sogar bei pleuririschen Ergüssen von Nutzen. 


Kleine Mitteilungen. 


(M i 1 i t ärä r z 11 i c h e s.) An Stelle des verstorbenen Gen.-O.-St.-A. 
Dr. Peck ist Gon.-St.-A. Dr. Erich Kunze zum Vorstand der 
14. Abteilung im Kriegsministerium ernannt und Gen.-St.-A. 
Prof. Dr. Robert R. v. Töply, Sanitätschef des 3. Armee-Etappen¬ 
kommandos, mit der Führung der Dienstagenden des Chefs des 
militärärztlichen Korps betraut worden. — In Anerkennung tapferen 
und aufopferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung 
vor dem Feinde ist dem Gen.-St.-A. Dr. L. Steinitzer des 
5. Armee-Etappenkmdo. das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens 
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem St.-A. Dr. J. Schäffler 
des Feld.-Sp. Nr. 5/3 das Offizierskrouz des Franz Josef-Ordens 
mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, dem St.-A. Dr. H. Biso 
der 17. I.-Div., R.-A. Dr. J. Seemann des I.-R. Nr. 90 und O.-A. 
d. Res. H. Michelitsch des 1.-R. Nr. 4 das Ritterkreuz des Franz 
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem A.-A.-St. 
P. Sereg^ly des I.-R. Nr. 83 und Lst.-A.-A. Dr. O. Nagel des 
Lst.-B. Nr. 29 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am 
Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, den O.-Ae. d. Res. 
DDr. A. Eisenstädter des I.-R. Nr. 83, R. Friede des I.-R. 
Nr. 93, dem St.-A. Dr. J. Fischer und A.-A. d. Res. Dr. A. Zanko 
des I.-R. Nr. 84, Lst.-O.-A. Dr. V. Bonapace des Ldsch.-R. Nr. II 
und Lst.-A.-A. Dr. R. Wilheim des Lst.-Etapp.-B. Nr. 111 die 
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Gen.-St.-A. 
Dr. J. Majorkovits ist auf eigenes Ansuchen in den Ruhestand 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 





1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. V>. 


348 


äi.llü 


versetzt worden. — Dem Gen.*St.-A. Dr. G. Kaodt wurde 
anläßlich der Versetzung in den Ruhestand neuerlich die a. h. Zu¬ 
friedenheit bekanntgegeben. 

(Dr. Josef Scholz.) Bin verdienstvoller Veteran des ärzt¬ 
lichen Standes, Dr. Josef Scholz, hat am 13. März das 80. Lebens¬ 
jahr vollendet. Der Jubilar, dereinst ein Führer des freisinnigen 
Bürgertums, ist seinen Idealen bis in das hohe Greisenalter treu 
geblieben. Auch im ärztlich-sozialen Leben Wiens hatte er stets 
dort eine leitende Stelle inne, wo es galt, für die Prärogativen der 
Aerzteschaft mannhaft einzutreten. Seit Dezennien leitet er einen 
der rührigsten ärztlichen Vereine, jenen der südlichen Bezirke, 
mit Takt und Tatkraft. Seine Opferwilligkeit für die Interessen 
der Aerzteschaft, seine Korrektheit wird nur von jener persön¬ 
lichen Bescheidenheit übertroffen, die Auszeichnungen, Titel und 
Ehrenstellen und auch heute jede laute Sympathiekundgebung der 
Kollegen ablehnt. Möge ihm ein langer, ungetrübter Lebensabend 
beschieden sein! 

(Wiener Aerztekammer.) Leber Anregung des Perma¬ 
nenzkomitees der Wiener Aerztekammer und der Wiener wirt¬ 
schaftlichen Organisation hat am 10. März d. J. ein korporativer 
Besuch des neuen Infektionsspitales in Meidling statt¬ 
gefunden, an welchem über 100 Wiener Aerzte und als Gäste der 
Stadtphysikus Dr. Ludwig Petz und der Chefarzt des Franz Josef- 
Spitals Dr. Teil aus Raab sowie mehrere amerikanische Aerzte 
teilnahmen. Die Teilnehmer an der Exkursion wurden im Baracken- 
spitale vom Sanitätsreferenten für Niederösterreich Hofrat Doktor 
R. v. Kelly, vom Direktor des Kaiser Franz Josef-Spitales 
Dr. Frieding er und vom gegenwärtigen Leiter der Infektions¬ 
abteilung Dr. Mora wetz erwartet. Letzterer begrüßte die Herren, 
schilderte an der Hand eines Planes die Anlage des Baracken- 
spitales und die in demselben getroffenen sanitären Maßregeln, 
worauf die Teilnehmer in Gruppen sich zu den einzelnen Baracken 
begaben, woselbst aus dem reichen Materiale von Blatternfällen — 
das Spital beherbergt gegenwärtig 154 Patienten — eine Reihe 
außerordentlich instruktiver Fälle von Bl&tternerkrankungen aller 
Stadien und verschiedener Intensitäten zur Besichtigung kam. 
Dr. Morawetz und die Aerzte des Spitals gaben hierzu die 
entsprechenden wissenschaftlichen Erläuterungen. Zum Schluß der 
für alle Teilnehmer außerordentlich instruktiven Exkursion sprach 
der Kammerpräsident Prof. Dr. Finger im Namen der anwesenden 
Aerzte Herrn Dr. Mora wetz den wärmsten Dank aus. Von der 
beabsichtigten Demonstration von Flecktyphusfällen mußte abge¬ 
sehen werden, nachdem gegenwärtig sich kein zur Demonstration 
geeigneter Fall im Spitale befindet und Herr Dr. Morawetz mit 
Recht darauf hinwies, daß die Diagnose „Flecktyphus“ nicht aus 
dem Exanthem, sondern nur aus der genauen Untersuchung des 
Patienten, Verlauf der Fieberkurve, Blutuntersuchung etc. zu 
stellen sei. # 

(Wiener medizinisches Doktorenkollegium.) Montag, 
22. März, 7 Uhr abends findet die diesjährige ordentliche General¬ 
versammlung des Kollegiums in dessen Lokalitäten, I., Franz 
Josefs-Kai 65, statt. Ebenda wird um 6 Uhr die ordentliche I 
Generalversammlung des Unterstützungsinstitutes abgehalten werden. 

(Haftet der Militärarzt für den durch ärztliche Be¬ 
handlung einer Militärperson der letzteren verursachten 
Schaden?) Diese Frage wurde jüngst durch den Obersten Ge¬ 
richtshof verneint. Der zu einem Landwehr-Infanterieregimente 
eingerückte Kläger machte Schadenersatzansprüche gegen einen 
Stabsarzt geltend, der ihn angeblich gegen seinen Willen und 
ohne Einwilligung seines (des minorennen Klägers) Vaters im 
Landwehrtruppenspital operiert hat. Die erste Instanz verwarf die 
Einrede des Geklagten gegen die Unzulässigkeit des Rechtsweges, 
da er als Staatsbeamter eine Amtshandlung vorgenommen habe. 
Das Rekursgericht gab dieser Einrede statt und wies die Klage 
ab. Der Oberste Gerichtshof hat dem Revisionsrekurse des kläge- 
rischen Infanteristen aus nachfolgenden Gründen keine Folge 
gegeben: Wie in der Klage angeführt wird, hat der Kläger bei 
einem Landwehrinfanterieregimente Militärdienst geleistet; wegen 
Krankheit wurde er ins Truppenspital geschafft und von dem 
Beklagten als Leiter dieser Sanitätsanstalt einer Operation unter¬ 
zogen Bezüglich der Ausführung dieser Operation wird dem Be¬ 
klagten ein Verschulden zur Last gelegt und deshalb wird gegen 
ihn Schadenersatzanspruch erhoben; die Sanitätspflege an den 
Militärpersonen wird von der Militärverwaltung durch die Militär¬ 
ärzte und deren Hilfspersonal besorgt. Die Operation, die der 
Beklagte vorgenommen hat, hat er in Ausübung seines öffentlichen 


Sanitätsdienstes ausgeführt. Denn die erkrankte Militärperson ist 
nach den Dienstes Vorschriften in das Truppenspital gewiesen und 
wird daselbst von den dort hinkommandierten Militärärzten in 
Ausübung ihres öffentlichen Sanitätsdienstes ärztlich behandelt; 
hier kann also von einem privatrechtlichen Verhältnisse zwischen 
der erkrankten Militärperson und dem behandelnden Militärarzt 
nicht gesprochen werden. Vielmehr kommt die Bestimmung des 
Hofdekrets vom 14. März 1806 zur Anwendung, wonach Staats¬ 
beamte ihrer Amtshandlungen wegen bei den Zivilgerichten niemals 
belangt werden können. Mit Recht, hat das Rekursgericht der Ein¬ 
rede der Unzulässigkeit des Rechtsweges stattgegeben und nach 
§ 42 der Jurisdiktionsnorm die Klage zurückgewiesen. Zugleich 
wurde die Eintragung des folgenden Rechtsgrundsatzes in das 
Spruchrepertorium beschlossen: „Forderungen gegen einen Militär- 
arzt auf Ersatz des durch die ärztliche Behandlung einer Militär¬ 
person in dem Truppenspital entstandenen Schadens ist der 
Rechtsweg verschlossen.“ 

(Aus Budapest) wird uns geschrieben: Das kön. ung. Mini¬ 
sterium als oberste Sanitätsbehörde hat zur ärztlichen Beobachtung 
der vom nördlichen Kriegsschauplatz rücklangenden kranken 
Soldaten in zwölf nordungarischen Städten Barackenspifcäler mit 
einem Belagraum für 2000—5000 Betten errichtet und sucht zur 
Bestreitung des ärztlichen Dienstes bürgerliche Aerzte, denen es 
ein Diurnum von 30 K, Wohnung und Verpflegung anbietet. Das 
Ministerium wandte sich diesbezüglich mit einem Zirkulare und 
Fragebogen an die hauptstädtischen Aerzte. Falls der Aufruf nicht 
zu befriedigendem Resultate führen sollte, wird auf Grund des 
Kriegsleistungsgesetzes jeder männliche Arzt bis zum 50. Lebens¬ 
jahr zur militärischen Dienstleistung in diesen Beobachtungsspitälern 
herangezogen werden. S. 

(Aus Berlin) wird uns berichtet: Der Einfluß der neuen 
Mehl- und Backvorschriften auf die Krankendiät wardt* 
kürzlich in einer von Geh.-R. Schwalbe einberufenen Versamm¬ 
lung von Aerzten im Universitätsinstitut für Hygiene eingehend 
erörtert. Der Versammlung wohnten Vertreter der Staats- und 
Kommunalbehörden, der Bäckerinnung, der Landwirtschaftlichen 
Hochschule und andere an dieser Frage interessierte Persönlich¬ 
keiten bei. Das Referat hatte Prof. Rosenheim (Berlin) über¬ 
nommen. In der Debatte nahmen die Geheimräte Flügge, Zuntz, 
Klemperer, Ewald, Schmidt (Halle), die Professoren Albu, 
Kuttner, Rosin, Kraus u. a. das Wort. Die überwiegende 
Mehrzahl der Redner stimmte darin iiberein, daß — von wenigen 
Fällen abgesehen - zu einer Aenderung der gegenwärtigen Kriegs¬ 
bestimmungen bezüglich des K-Brotes keine Veranlassung vor¬ 
liege. — Die deutschen Militärärzte, die seinerzeit vom Pariser 
Militärgericht wegen Plünderns zu empfindlichen Gefängnisstrafen 
verurteilt und in zweiter Instanz mit 4 gegen 3 Stimmen freigespro¬ 
chen worden waren, sind auf dem Wege über die Schweiz in der 
deutschen Heimat eingetroffen. Sie werden der Vorgesetzten Militär¬ 
behörde genaueren Bericht erstatten. 

(Statistik.) Vom 7. bis inklusive 13. März 1915 wurden i" 
den Zivilspitälern Wiens 14.770 Personen behandelt. Hiervon wurden 
2528 entlassen, 221 sind gestorben (7*8% des Abganges). In diesem /ert¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthaitorei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 76, Scharlach 105, Varizellen —, Diphtheritis 73, Mumps 
Influenza —, Abdominalfcyphus 10, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom -■>, 
Milzbrand —, Wochenbettfieber 1, Flecktyphus 1, Cholera asiatica < 
epidemische Genickstarre 2. In der Woche vom 28. Februar bis C Marz 
1915 Bind in Wien 817 Personen gestorben (+ 44 gegen die ' or 
woche). 


(Mattonis Moorsalz.) Von den Leitungen vieler V. um • 
Reserve- und Kriegshilfsspitäler und Spitäler dos Roten Kreuzes s 
der Heinrich Mattoni A.-G. anerkennende Schreiben zugekommen 
die vorzüglichen Erfolge, welche durch Anwendung von Mattums . 
salz bei Ischias, Rheumatismus. Gelenksversteifungen, 

Prozessen, zur Aufsaugung von Exsudaten und Nachbehandlung *-■ 
digter Knochen und Gelenke erzielt wurden. 


Sitzungs-Kalendarium. 

Dienstag, 23. Mürz. 7 Uhr. Oesterreichlsche Gesellschaft 
hygiene. Hörsal v. Pirquet (IX., Lnzarettgasse 14). lro - 
q not: Wesen und Wert der Impfung gegen Blattern. 

Freitag, 26. Marz, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. l lX -’ lrJur 
gasse 8.) ___ 


Herausgeber Eigentümer und Verleger : Urban & Schwarzenberg, Wien und Uerlin. Verantwmtlicher lb dakU ur li 

Druck von (Jnttlieb (Untel & Cie., Wien, III., Müu/.gass« 0. 


■ Österreich-Ungarn : Karl Urbau, U " n 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 






Jfr. 13. 


Wien, 28. März 1915. 


XI. Jahrgang. 


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Medizinische Klinik 


Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von D 

Verlag von 

Professor Dr* Kort Brandenburg | 

(Jrbnn & Sehwsnenberf 

Berlin 9 

Wien 


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INHALT: Die Versorgung der Verwundetes und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Emil Gotschlich. üeher Flerkfieber. Direktor Prof. Dr. 
P. Treupel. KriYgsärztliehe Herzfragen. Priv.-Doz. Dr. Paul Hoffmann, Feber eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen (mit 2 Al>- 
IfiEiin^enl rinfrage über die sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges. Prof. Dr. Karl Wal ko, Typhus abdo¬ 
minalis mit hümorrhagiseher Diathese (Schluß aus Nr. 12). Prof. Dr. F. Neu feid. Zur Bekämpfung des Fleckfiebers. — Referatenteil: Sammelreferat: 
Prri. Dr. L Langstein und Dr. W. Usener, Aus dem Gebiete der Pädiatrie. Erkrankungen der Respirationsorgane. 11. Lunge und Pleura. — Aus 
den neneaten Zeitschriften. — Bficherbesprechungen — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Stundesfragen : K. k. Gesellschaft der 
•b'izti’ in Wien. Kriegscbinirgische Abende in Budapest. Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn. — Kleine Mitteilungen. 

Dtr Verlag beh&U sieh dos ausschließlich* Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift tum Erscheinen gelangenden Originalbeiträge vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


'v Ueber Fleckfieber 

!; i 

von 

. v Prof. Dr. Emil Gotschlich, 

1 ‘ v zurzeit in Halle a, S. 

||,P - 

ery:' Während meiner 18jährigen Tätigkeit als Ohof ries 
i F: städtischen Gesundheitsamts von Alexandrien (Aegypten) 
hatte ich öfter Gelegenheit, Beobachtungen über Fleckfieber 
zu machen, das dort in manchen Jahren — zuletzt im Frtih- 
phr 1914 — in Form größerer oder kleinerer Epidemien auf- 
frat. Da meine Erfahrungen über Fleekfieber manches riar- 
i'ictcu, das von der herkömmlichen Schilderung dieser In- 
Hfionskrankhcit abweicht, so dürfte ihre kurze Mitteilung 
®n so mehr gerechtfertigt- erscheinen, als das Fleckfieber 
: gegenwärtig im Vordergründe des Interesses ärztlicher Kreise 

v ' : >u ^ l!; doch diese Iseuche in mehreren Gefangenenlagern 

llnffT ȟssisehen Gefangenen aufgetreten, und wenn es auch 
'Mier stets gelungen ist. — dank den zielbewußten und ener- 
-fxiiei) Maßnahmen, die sogleich von der Militärverwaltung 
griffen wurden —, das Fobergreifen der Infektion auf die 
/ä\iIIi!*volkcnmg zu verhindern, so ist immerhin mit der Mög- 
f'ltkrit des Auftretens vereinzelter solcher Fälle zu rechnen 
l,1 ‘ * d‘dialb die genaue Kenntnis des Fleckfiebers für den 
piaktisriion Arzt gegenwärtig von besonderer Wichtigkeit. 
; ll|p kurze Zusammenfassung der Forschungen über Fleck- 
m ° r a,,s ;ien letzten Jahren ist vielleicht auch deshalb 
mancfiein Kollegen willkommen, weil die Resultate dieser 
"rx-lmugen zum großen Teil in ausländischen Zeitschriften 
!l . ( n, aiKlin)aI in schwer zugänglichen Veröffentlichungen 
j'iedergelegt sind und manche interessante Einzelheiten des- 

u *'nicht zur Kenntnis eines größeren Leserkreises gelangen 
konnten. 

F! P as tfGftmwärtige V e r b r e i t u n g s g e b i e t des 
‘‘ckfifl.iers in Europa erstreckt sieh auf Rußland. Galizien. 

J ^ halkaiihinder und Irland, wo die Seuche endemisch herrscht 
‘(‘'Jährlich in Form größerer oder kleinerer Epidemien atif- 
n < ni liußimid sollen im Jahre 1013 über 120 000 Personen 
Gm t leckfieber erlegen sein. Aus außereuropäischen Län- 
( rn hegen Berichte über Fleekfieber vor: aus Asien in Palä- 
iinlnh ,l ^ n lln( ^ Ja l )an ’ ans Nordafrika in Aegypten, Tunis 
* iv ro .^°* aus Nordamerika in New York unter Einwanrie- 
n jr ‘ll- s olie Krankheit), in Mexiko (dort „Tabarriillo“ ge- 
Y ^ Eine dem Fleekfieber nahestehende, aber von ihm 
0 (nrc l 1 das klinische Bild (Auftreten von Hautknoten 

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und Drüsensehwellungen) als auch durch die Aetiologie (Ueber- 
tragung durch eine Zecke, den Dennacentor venustus) streng 
geschiedene Infektionkrankheit sui generis ist das nordameri- 
kanisehe „Fleekfieber der Felsengehirge“ („Rocky-mountain- 
fever", Spotted fever"). Ob übrigens das Fleckfieber selbst 
eine ätiologisch vollständig einheitliche Infektionskrankheit 
darstellt oder ob nicht — ähnlich wie bei Recurrens (und auch 
beim „Spotted fever“) — eine Gruppe ätiologisch und klinisch 
sehr nahe verwandter Infektionen unter dem Sammelnamen 
„Fleekfieber" zusammengefaßt werden, wäre noch eingehend 
zu untersuchen; auf diese Möglichkeit, die das Bestehen man¬ 
cher Differenzen in den Berichten der Beobachter aus ver¬ 
schiedenen Ländern erklären würde, hat bereits Naunyn 1 ) 
hingewiesen. Allerdings bietet sieh für die Erklärung eines 
verschiedenen Verlaufs des Fleckfiehers in verschiedenen Län¬ 
dern auch eine andere, näherliegende Möglichkeit, nämlich 
nach dem verschiedenen Grade der Durchseuchung der Be¬ 
völkerung. In Alexandrien z. B. tritt das Fleekfieber un¬ 
zweifelhaft unter der (mehr oder minder durchseuchten) ein- 
g‘ bereuen Bevölkerung in viel milderer Form auf als unter 
den (niehtriurehseiielUeii) Europäern: ich sah von den mir 
unterstellten beamteten Aerzton im Laufe der verschiedenen 
Fleckfieberepidemien, die ich dort verfolgen konnte, vier er¬ 
kranken, davon zwei Europäer und zwei Araber; die beiden 
Europäer starben, die beiden Araber gena-en. -- Noch einige 
Worte zur Nomenklatur der Krankheit; mit Recht hat 
man in den letzten Jahren, nach dem Vorgänge von V u r s e h - ? 
m a n n . dir allere Bezeichnung „Flecktyphus“ fallengelassen, 
die noch aus einer Zeit stammt, da mail das Fleckfieber mit 
dem Abriominaltyphiis zusammenwarf: auch in der neueren 
französischen Literatur bürgert sieh (zuerst bei N i c o 11 e) der 
Name „f'mvre exanthematique" statt des früher gebräuch- 
liehen „tvollus exanthematique“ ein (Während der Abdominal¬ 
typhus als ..fievre typhoide“ oder „dothienenterie“ bezeichnet 
wird); die Engländer bezeichnen das Fleekfieber immer noch 
kurzweg als „typhus", während der Abdominaltyphus dort 
„enteric fever“ heißt. 

Das klinische Bild des Fleckfiebers findet meist 
folgende herkömmliche Schilderung. Nach einer Inkubations¬ 
zeit von meist 10 bis 14, ausnahmsweise bis zu 20 Tagen (ich 
selbst habe einmal einen Fall konstatiert, bei dem die Inkuba¬ 
tion sicher mindestens 20 Tage betrug), beginnt, die Erkran¬ 
kung plötzlich mit hohem Fieber, oft mit 

D D. tu. W. 1913, S. 2388. 


Original frnrri 

UNIVERSITY OF IOWA 




852 


28. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr.13. 


Schüttelfrost; der Puls ist von Anfängen 
stark beschleunigt und es besteht auch, sogleich 
in den ersten Tagen, ein schweres allge¬ 
meines Krankheitsgefühl mit starker A b g e - 
schlagenheit, Kopf - und Gliederschmerzen. 
Die Conjunctiven sind stark gerötet, das Gesicht rot und 
gedunsen, die Zunge dick bräunlich belegt; oft besteht An¬ 
gina und Bronchitis. Unter zunehmender Schwere der 
Allgemeinerkrankung (Benommenheit, Delirium) tritt am 
dritten bis sechsten Tage nach Beginn der Krankheit das 
Exanthem in Form Stecknadel- bis linsengroßer Roseolen 
auf, die — zum Unterschied von Abdominaltyphus — meist 
viel massenhafter und auf einen Schub auf treten und in ihrer 
Lokalisation sich nicht nur auf Brust und Bauch beschränken, 
sondern auch auf die Extremitäten verbreitet sind, während 
Hals und Kopf frei bleiben; ein Teil dieser Roseolen erfährt 
nach wenigen Tagen eine petechiale Umwandlung 
durch Blutaustritt in ihrem Centrum; daneben treten auch 
richtige kleine Haut- oder subconjunctivale Blu¬ 
tungen auf. Die Milz ist vergrößert, der Bauch 
nicht aufgetrieben, der Stuhl meist angehalten. Das 
Fieber bleibt meist eontinuierlich auf der Höhe zwischen 39 
und 40 °; gegen Ende der zweiten Krankheitswoche tritt ent¬ 
weder unter zunehmender Verschlimmerung aller Symptome 
(insbesondere der cerebralen) der Tod im Koma oder durch 
Herzschwäche ein, oder das Fieber fällt kritisch ab 
und der Zustand des Kranken bessert sich. Nach der Ent¬ 
fieberung folgt oft eine mehrtägige Periode mit subnor¬ 
malen Temperaturen bis zu 85°. Die Genesung 
selbst erfolgt meist langsam; ja manche Kranke gehen noch 
später unter Erscheinungen von Marasmus oder durch 
Decubitus zugrunde. Unter den Komplikationen 
sind am häufigsten solche von seiten der Atmungswege zu 
nennen: Parotitis, Angina, Bronchitis, Bronchopneumonie. 

Von diesem klassischen Krankheitsbilde, dessen einzelne 
Züge ich nach meinen Erfahrungen in Alexandrien im großen 
ganzen bestätigen kann, habe ich nun sehr häufig Ab¬ 
weichungen beobachtet. Das Fieber zeigt durchaus nicht 
immer den typischen Verlauf, wie er in den Handbüchern ge¬ 
schildert ist; der Beginn der Erkrankung ist nicht immer so 
akut. Das Fieber kann zuweilen erst innerhalb einiger Tage 
bis über 39 0 steigen, die Temperaturkurve kann ganz unregel¬ 
mäßig sein, gelegentlich tiefe Remissionen zeigen, und die 
Entfieberung lytisch erfolgen. Gelegentlich kommt es vor, 
daß derselbe Patient gleichzeitig oder unmittelbar nachein¬ 
ander an Fleckfieber und Rückfallfieber erkrankt, wie denn 
bekanntlich diese beiden Infektionskrankheiten häufig in der 
gleichen Epidemie vergesellschaftet Vorkommen; in solchen 
Fällen zeigt die Fieberkurve natürlich ein ganz unregelmäßiges 
Bild. — D as Exanthem trat in den von mir in Alexandrien 
beobachteten Fällen häufig nur in Form vereinzelter Roseolen 
auf oder fehlte bei vielen Fällen gänzlich; hierbei ist aller¬ 
dings nicht zu verschweigen, daß die Erkennung spärlicher 
Roseolen auf der bräunlich pigmentierten — und bei 
den Angehörigen ärmerer Klassen durch Schmutz und 
Ungeziefer oft arg verwahrlosten — Haut der Ein¬ 
geborenen große Schwierigkeiten macht. — Das größte 
Gewicht muß ich aber nach meinen Erfahrungen in 
Alexandrien auf das sehr häufige Vorkommen 
leichtester Fälle legen, die innerhalb weniger Tage 
ohne Exanthem und ohne schwerere Allgemeinerscheinungen 
verlaufen und die außer leichtem Fieber, Angina, Abge- 
schlagenheit und Gliederschmerzen keinerlei Symptome dar¬ 
bieten und daher sehr leicht mit Influenza zu 
verwechseln sind. Solche Fälle kommen besonders am 
Anfang einer Epidemie vor und können, wenn nicht rechtzeitig 
erkannt, zu weitester unkontrollierbarer Verbreitung der 
Seuche Anlaß geben. Ich beobachtete diese leichten 
Formen des Fleckfiebers bei Erwachsenen, was ich 
deshalb besonders betonen möchte, weil in den letzten Jahren 


von mehreren Autoren über den leichten Verlauf des Fleck¬ 
fiebers bei Kindern berichtet wurde: so aus Tunis von Ni¬ 
co 11 e und Conseil 1 ), ferner aus Oesterreich von 
Kulka 2 ) und Ganghofner 3 ). Eine indirekte Bestäti¬ 
gung dieser Erfahrungen betreffs des gutartigen Verlaufs des 
Fleck fiebere bei Kindern kann ich auch für Alexandrien 
geben, indem ich mich kaum daran erinnere, erkrankte 
Kinder in unsern Fleckfieberbaracken gesehen zu haben; wahr¬ 
scheinlich waren die Kinder, wenn überhaupt, nur so leicht 
erkrankt, daß ihre Erkrankung übersehen wurde; die ärmere 
Bevölkerung im Orient nimmt ärztliche Hilfe ja nur in schweren 
Fällen in Anspruch! Einmal sah ich eine Anzahl fieberhafter 
Erkrankungen in einem arabischen Waisenasyle, die mir aus 
epidemiologischen Gründen verdächtig auf Fleckfieber er¬ 
schienen, aber sämtlich so leicht und rasch abliefen, daß eine 
sichere Diagnose unmöglich war. Von der verschiedenen 
Empfänglichkeit verschiedener Rassen gegenüber dem Fleck¬ 
fieber, je nach de i Grade der Durchseuchung, habe ich schon 
oben gesprochen. 

Pathologische Anatomie. Die Leicheneröff- 
nung ergibt nichts für den Krankheitsprozeß Charakteristi¬ 
sches. Abgesehen von den auf der äußeren Haut und gelegent¬ 
lich auf den serösen Häuten vorhandenen Blutungen habe ich 
am bemerkenswertesten das Verhalten der Milz und der 
Atmuiigsorgane gefunden. Die Milz zeigt ein wechselndes 
Verhalten; manchmal ist sie nur wenig verändert, in der Mehr¬ 
zahl der Fälle aber fand ich — im Gegensatz zu Berichten 
mehrerer Beobachter in Europa — die Milz stark vergrößert 
und vor allem sehr blutreich und zerfließlich, von fast brei¬ 
artiger Konsistenz. An den oberen Atmungswegen finden sich, 
entsprechend den im Leben beobachteten klinischen Sym¬ 
ptomen, stark entzündliche Prozesse; öfter fand ich an den 
Tonsillen und im Larynx Geschwüre mit mißfarbenen, manch¬ 
mal fast an Diphtherie erinnernden Auflagerungen, eine Se¬ 
kundärinfektion, die meist durch Streptokokken bedingt war. 
In den Lungen finden sich oft Hypostase und Bronchopneu¬ 
monie. Herr Prof. Dr. Kartulis in Alexandrien unter¬ 
suchte auf meine Bitte in zwei Fällen am Lebenden exeidierte 
Hautstückchen aus Roseolen und konnte das Vorhandensein 
der kleinzelligen Infiltration in den Wandungen der kleinsten 
Arterien, wie sie von E. Fraenkel 4 ) beschrieben ist, be¬ 
stätigen. 

Nach allem Vorangegangenen ist die Diagnose des 
Fleckfiebers und seine Unterscheidung von andern ähnlichen 
Infektionen nicht leicht. Sehr richtig sagt M ü h 1 e n s ), die 
Hauptsache sei, daß man gegebenenfalls überhaupt an die 
Möglichkeit von Fleckfieber denkt; gerade bei der Häufigkeit 
leichtester imd atypischer Fälle kann ich nicht genug betonen, 
daß an einem Orte, wo bereits Fleckfieber oder auch nur fleek- 
fieberverdächtige Erkrankungen vorgekommen sind, oder 
unter Verhältnissen, die eine Einschleppung der Seuche ar- 
wahrscheinlich annehmen lassen, jeder Fall unaufgeklärter 
fieberhafter Erkrankung — selbst leichtester Natur — aa 
weiteres als verdächtig auf Fleckfieber anzusehen und dem 
entsprechend zu behandeln ist. In differentialdiagnostiso 
Beziehung macht bei leichten Fleckfieberfällen, wie 
Influenza, die größten Schwierigkeiten; eventuell ' a 
die bakteriologische Untersuchung des Sputums kan 
schaffen. Schwerere Fleckfieberfälle mit atypischem, a ? 
samerem Fieberbeginne und spärlichem Exanthem können 
Abdominaltyphus verwechselt werden, wie ja * ^ 
überhaupt beide Krankheiten unter dem Namen „Typnus 
sammengeworfen wurden; auch hier ist als sicherstes 
rium die bakteriologische Untersuchung des durch ^ 
punktion entnommenen Bluts heranzuziehen, die bei 


1 ) Gaz. dos Höpitaux 1912. Nr. 42. nK 

2 ) Das östorr. Sanität swoson 1913, Jahrg. 35, S. louo. 

3 ) Prag. m. Wsehr. 1913, Nr. 50. 

4 ) M. m. W. 1914. 

6 ; M. m. W. 1914, Nr. 44 u. 45. 


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28. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


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dominaJtyphus im Beginn lind auf der Höhe des Fiebers fast 
j D jedem Fall ein positives Kulturergebnis liefert; man ver- 
gezse auch nie, ein Blutausstrichpräparat auf Recurrens- 
u.‘- Spirochäten zu untersuchen (am einfachsten durch Färbung mit 
konzentrierten) Z i e h I sehen Carbolfuchsin während mehrerer 
Sekunden, nach Fixierung in Alkohol)! N i c o 11 e ! ) macht 
auch auf die Möglichkeit der Verwechslung von Fleckfieber 
mit gewissen eruptiven Formen der Malaria aufmerksam, eine 
Eventualität, der gleichfalls mit Sicherheit durch Untersuchung 
des Blutausstrichs (Giemsafärbung) zu begegnen ist. — Sehr 
schwer verlaufende Fleckfioberfälle können, besonders wenn 
man den Patienten erst sub finem vitae zu Gesicht bekommt 
(wie das im Orient oft der Fall ist), zur Verwechslung mit 
Lungenpest oder septikämischer Pest Anlaß 
gehen, übrigens auch umgekehrt; ich hatte in Alexandrien ge- 
migsam Gelegenheit, beide Krankheitsbilder zu sehen und kann 
versichern, daß in solchen Fällen die klinische Differential- 
diagno.se oft überhaupt unmöglich ist: dieselben schweren cere¬ 
bralen Erscheinungen, Apathie und Koma einerseits oder wilde 
Delirien anderseits, derselbe Zustand von ausgesprochener 
Herzschwäche, dazu im einen wie im andern Fall ein hämor¬ 
rhagisches Exanthem! Ganz besonders schwierig wird die 
Differentialdiagnose, wenn der an Fleckfieber Erkrankte, wie 
so oft, schwere Erscheinungen von seiten der oberen Atmungs¬ 
wege darbietet: Parotitis (täuscht Pestbubo vor!), Broncho¬ 
pneumonie, womöglich noch mit blutigem Sputum, das an 
Lwigenpest. denken läßt; die einzige Sicherheit bietet die 
bakteriologische -Untersuchung des Sputums 
oder Rachensekrets (oder, falls ein Halsbubo vorhanden, des 
durch Punktion des Bubos gewonnenen Saftes): auch hierbei 
darf man sich nicht etwa mit derbloßen mikroskopischen Unter¬ 
suchung des Sputums begnügen, da zuweilen im Auswurfe 
massenhaft Kapselbacillen Vorkommen, die durch Polfärbung 
ganz wie Pestbacillen aussehen können; die kulturelle Unter¬ 
suchung und die Prüfung im Tierversuche nach den für die 
Pestdiagnose geltenden Regeln führen unbedingt zum Ziele. 

Ich selbst sah einmal inmitten einer kleinen Fleekfieberepi- 
demie in einem Gefängnis einen solchen Fall mit blutigem 
Auswurfe, der im Originalpräparat ein sehr pestverdächtiges 
Bild hot: die weitere Untersuchung klärte den Fall voll¬ 
ständig auf. 

Leider bietet die bakteriologische Untersuchung — die 
sidi. wie wir gesehen haben, zur Erkennung der mit Fleck- 
I" her zu verwechselnden ähnlichen Infektionen als so wert- 
'"llos Kriterium bewährt — für die Erkennung des Fleck- 
ii'btrs selbst nur negative Ergebnisse. Der Erreger des 
Hcckfiebers ist nach seiner morphologischen i 
N ‘i| e n °ch völlig unbekannt und vieles spricht dafür, 1 
'PB wir es mit einem i n v i s i b 1 e n Virus zu tun haben 2 ). 1 

V ,J i' n llns also die morphologische Erkenntnis des Fleck- I 
fi« lirivrregers vorläufig verschlossen bleibt, so sind wir doch ^ 
' lll ' , r die biologischen Eigenschaften des i 
‘ r u s, über die Verhältnisse der Ueber- * 

f gung, ja sogar über den Sitz des Erregers im s 

r k ra n k t c n Menschen, dank den Forschungen der f 

' *Wire, in erster Linie durch N i c o 11 e und seine < 


[ 'i. ;ir,, ‘it f, r ) sowie durch die amerikanischen Forscher 
1 '* koj t s und Wilder,Anderson und Goldberger, 
»avino und Gi rar d, 80 genau orientiert, daß sich auf 
^^biologischen Erkenntnis eine zielbewußte rationelle 
‘j Ann. Pasteur 1912. 

I . p, ,\ ? b hetroffs der Beurteilung der von verschiedenen Autoren 
I ' *■ o*t*ktieher erhobenen Bakterien- und .,Protozoen“-Befunde meine 
<r'ttlkuijr j m „Handbuch der Hygiene“ von (trüber, Teubner 
ijj’ ‘/‘äer. Bd. 3, 2. Abt.. S. 504 ff. Kurz ziisammenfasscnd läßt sieh 
Klfi! - i 6 ® e ^ un( * e a ussagen. daß die naehgewiesenen Bakterien bei 
■a] I 1118 sekundären Infektionen ihre Anwesenheit verdanken, 
sfliri.j ° ^riienlu-funde darstellen, und daß die bei Kleektteber he- 
M »Protozoen" in Wirklichkeit keine Mikroorganismen sind. 

nilj! ^™ als Degenerationsprodukte der Blutzellen angesprochen werden 

J ) Ann. Pasteur 1910, S. 243; 1911, S. 1 u. 97; 1912. S. 250 u. 332. 


t Prophylaxe der Seuche sicher auf bauen läßt. Die Verhältnisse 

- liegen hier ganz ähnlich wie beim Gelbfieber, dessen Erreger 

- ja gleichfalls der direkten mikroskopischen Beobachtung un- 
b zugänglich, aber in seinen Lebenseigenschaften inner- und 
r außerhalb des erkrankten Menschen, insbesondere bezüglich 
1 der Uebertragung durch eine Stechmücke (Stegomya) genau 
• erkannt ist; bekanntlich hat ja auch die auf dieser Erkenntnis 
i basierte Prophylaxe des Gelbfiebers bereits die schönsten 

praktischen Erfolge gezeitigt. — Daß der Erreger des Fleck¬ 
fiebers im Blute des Erkrankten vorhanden sein müsse, ging 
ja schon aus den positiven Resultaten der Blutübertragung 
von Mensch zu Mensch, die Motschukowsky (Selbst¬ 
infektionsversuch) und Y e r s i n und V a 8 s e 1 anstellten, mit 
aller Sicherheit hervor. N i c o 11 e bestätigte diese Erkenntnis 
und schuf zugleich die Möglichkeit zum experimentellen Stu¬ 
dium des Fleckfiebers durch den Nachweis der U e b e r t r a g - 
barkeit auf denAffen;alsam empfänglichsten erwies 
sich der Schimpanse, bei dem schon nach subcutaner Ver¬ 
impfung eines Bruchteils eines Kubikzentimeters Blut vom 
erkrankten Menschen eine der menschlichen Fleekfieber- 
erkrankung recht ähnliche Infektion zustandekommt: nach 
einer etwa zweiwöchigen Inkubationszeit erkrankt der Affe 
mit Fieber von etwa acht- bis zehntägiger Dauer und einem 
rotfleckigen Exanthem und Conjunctivitis; das Fieber endet 
entweder mit dem Tode des Versuchstiers oder geht in Heilung 
über, wobei aber auch nachträglich durch Marasmus (ganz 
ähnlich wie beim Menschen) ein tödlicher Ausgang Zustande¬ 
kommen kann. Niedere Affen sind erst nach der Passage 
des Virus durch den Anthropoiden oder direkt vom Menschen 
nur durch Verimpfung größerer Blutmengen zu infizieren; 

[ auch beim Meerschweinchen gelingt die Infektion, aber nur 
I durch intraperitoneale Verimpfung von 4 bis 5 ccm des Bluts 
von Fleckfieberkranken; auch beschränken sich die Symptome 
dieser Infektion nur auf Fieber. Die andern gebräuchlichen 
Laboratoriumstiere erwiesen sich als unempfänglich. Diese 
Tierversuche haben nicht nur ein theoretisches, sondern auch 
ein sehr erhebliches praktisches Interesse, weil sie ermög¬ 
lichten, die zeitliche Dauer der Infektiosität des Bluts beim 
Fleckfieberkranken und sogar die Lokalisation des Erregers 
in den verschiedenen Elementen des Bluts zu bestimmen: es 
ergab sich, daß der an Fleckfieber erkrankte Mensch während 
der ganzen Dauer des Fiebers und noch während der ersten 
zwei Tage nach der Entfieberung infektiös ist. Nie olle 
vermochte ferner durch getrennte Verimpfung der sorgfältig 
voneinander geschiedenen Bestandteile des Bluts den Nach¬ 
weis zu führen, daß das Fleckfiebervirus mit 
größter Wahrscheinlichkeit ausschlie߬ 
lich im Innern der weißen Blutkörperchen 
lokalisiert ist. Das klare, vollständig von Zellen und 
Zelltrümmern freie Blutserum enthält den Erreger nicht, wie 
N i c o 11 e sowohl durch Tierversuche als auch durch 1 den 
negativen Ausfall der Verimpfung eines solchen Serums an 
sich selbst feststellen konnte (desgleichen erwies sich der 
zellfreie Liquor cerebrospinalis als nicht infektiös). Das Virus 
mußte also ausschließlich im Innern der geformten Elemente 
des Bluts enthalten sein; durch geeignete Zentrifugierung des 
Bluts gelang es Nie olle ferner, festzustellen, daß die die 
Leukocyten enthaltende Schicht schon in winziger Dosis 
(1 emm) sich als sicher infektiös erwies, während die (vom 
Grunde des Zentrifugenglases entnommenen) roten Blut¬ 
körperchen für sich allein — ohne Beimischung von Leuko¬ 
cyten — selbst in einer mehr als 2000 fach größeren Dosis 
im Tierversuche wirkungslos blieben. 

Wichtiger noch für die Praxis als diese Tierversuche 
mit experimenteller Blutverimpfung war aber noch der gleich¬ 
falls N i c o 11 e zuerst geglückte und seitdem von mehrfacher 
Seite bestätigte Nachweis des natürlichen Ueber- 
tragungs m o d u s der Infektion durch die Kleider¬ 
laus. Auch die Kopflaus vermag als Ueberträger zu 
fungieren, wie später von Goldberger und A n d e r - 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13 


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s o n ’) in Nordamerika naohgewiesen wurde. Es handelt sich 
dabei nicht etwa um eine rein mechanische Lebertragung des 
im Blut enthaltenen Virus: vielmehr findet im Körper der 
Laus ganz sicher eine Vermehrung und Reifung des Fleck¬ 
fiebererregers statt, wie daraus hervorgeht, daß die Laus erst 
frühestens fünf Tage nach dem Saugen von Fleckfieberblut 
die Infektion zu übertragen vermag: auch erklärt sich nur so 
der scheinbare Widerspruch, daß bei direkter Verimpfung 
des Bluts vom Kranken auf niedere Affen zur Erreichung 
eines positiven Resultats mehrere Kubikzentimeter Blut über¬ 
tragen werden müssen, während bei dem natürlichen Leber- 
traguugsmodus durch die Laus eine so minimale Menge von 
Material, wie sie durch den B i ß e i n e r e i n z i g e n L a u s 
übertragen wird, zur Infektion a u s re i e h t \). Ob 
auch die aus den Eiern (Nissen) infizierter Läuse aus¬ 
kriechende neue Generation von Lausen infektiös ist, steht 
noch dahin: für das dein Fleekfieber sehr nahestehende, dureh 
eine Zeeke übertragene Spotted fever“ ist dieser Nachweis 
mit aller Sicherheit erbracht: auch würden in diesem Sinne 
bei Fleckfieber vielleicht gewisse epidemiologische Erfah¬ 
rungen sprechen, die zu beweisen scheinen, daß das Virus 
des Fleckfiebers in infiziertem Material (Kleider, Lumpen, 
Bettstroh) lange Zeit haltbar ist: doch sind die biologischen 
Verhältnisse der Läuse vorläufig noch zu wenig bekannt, als 
daß über diese Frage schon gegenwärtig eine Entscheidung 
getroffen werden könnte. 

Die e p i d e m i o 1 o g i s e h e n E r f a h r u n g e n über 
Fleekfieber stehen in voller Hebereinstimmung mit dem Re¬ 
sultate der andern ätiologischen Forschung, daß die natürliche 
Uebertragung des Fleckfiebers durch die Läuse zustande- 
kommt. In diesem Sinne spricht insbesondere die Tatsache, 
daß die Ansteckungsfähigkeit des Fleekfiebers so überaus ver¬ 
schieden ist, je nach den äußeren Verhältnissen, unter denen 
sich der Kranke befindet: während die Seuche bekanntlich 
in elenden, schmutzigen und verlausten Wohnungen — und 
insbesondere da., wo viele Menschen unter mangelhallen Be¬ 
dingungen der Reinlichkeit zusammengepfercht sind — rasend 
schnell um sich greift und, wo sie sieh einmal eingenistet hat, 
schwer nieder ausztirotten ist. zeigt dieselbe Infektionskrank¬ 
heit unter günstigen sozialen Bedingungen, da. wo Schmutz 
und I ngeziefer ausgeschlossen sind, eine nur ganz geringe 
oder überhaupt keine Kontagiosität. Aus Alexandrien kann 
ich über zweierlei Erfahrungen berichten, die durchaus in 
diesem Sinne sprechen. Erstens konnte ich zu wiederholten 
Malen selbst beobachten, wie Patienten in reinlicher l m- 
gt bung (z. B. die bereits erwähnten Fälle bei Aerzten) nie¬ 
mals zur Infektionsquelle für ihre Angehörigen wurden, und 
das, obgleich häufig genug fortdauernd ein innig’r Kontakt 
zwischen dem Kranken und seiner Eingebung staufand: da 
damals auch keine gesetzliche Handhabe zur Isolierung von 
Fleckfieberkranken vorhanden war (seit den letzten Jahren 
hat sieh das mit dem Inkrafttreten eines Seuchengesetzes ge¬ 
ändert), so wurden die Patienten in der eignen Wohnung ver¬ 
pflegt und es kam vor. daß die Angehörigen den Kranken um¬ 
ringten, ja den Sterbenden u m a r m t, e n und küßt e n , 
ohne daß. wie gesagt, je ein Fall von Ansteckung in rein¬ 
lichem Milieu vorgekommen wäre. Mau konnte das nicht 
etwa damit erklären, daß die Angehörigen der hygienisch 
< »mistig bestellten Klassen dank ihrer besseren Ernährung von 
der Seuche verschont geblieben wären: denn dieselben gut 
ernährten Personen (Aerzte) erkrankten ja, sobald sie sieh der 
Ansteckung an unreinlichen Orten aussetzten. Zweitens spricht 
in demselben Sinne die zunächst sehr auffallende Tatsache, 
daß in Alexandrien das Fleekfieber während der 18 Jahre, in 
denen ich die Verhältnisse aus eigner Anschauung kenne, fast 
immer nur als Gefängnisepidemie und nur ein einziges Mal 
in Form einer größeren Epidemie in der Stadt selbst auftrat 
uunl zwar dieses eine Mal ohne jeden Zusammenhang mit Ge- 


r i PiiMic he*i111 1 Reports Bd. '27. 
jl <• gl »> r und R r o w a % e k . 


Nr. 0. 

B. kl. \Y. 1013, 


8. 20:15. 


fängnisepidemien, sondern nach mehrfacher Einschleppung 
von außen), sowie daß von den Gefängnisepidemien (obgleich 
wiederholt die Seuche daselbst mehrere Hundert der Insassen 
ergriff) meist nur sporadische Fälle in die Stadtbevölkerung 
übertragen wurden. Im Lichte der neugewonnenen Erkennt¬ 
nis von der ätiologischen Bedeutung der Läuse als lieber träger 
erklären sich diese Verhältnisse ungezwungen. Die Gefäng¬ 
nisse waren der Infektion deshalb sehr ausgesetzt, weil da¬ 
selbst Angehörige der niedersten Bevölkerungsschichten aus 
den Dörfern des Nildeitas, wo das Fleekfieber endemisch 
herrscht, zusammenströmten: wenn diese Leute aber entlassen 
wurden, so geschah es nach Reinigungsbad und Desinfektion 
der Kleidung, sodaß eine Uebertragung der Seuche durch 
Läuse nach außen bin so gut wie ausgeschlossen war. 

Sehr charakteristisch sind auch die von Conseil in 
T u n i s gemachten Erfahrungen, daß die — sonst so ge¬ 
fürchteten — S p i t a 1 i n f e k t i o n e n mit Fleekfieber aus¬ 
nahmslos u u r a u f der A u f n a h in e s t a t i o n vorkanicn. 
wo die Leute mit ihren verlausten Kleidern ankamen, dagegen 
niemals im Innern des Hospitals, wohin die Kranken erst nach 
erfolgter Entlausung und Wechsel der Kleider verbracht wor¬ 
den waren. — Die genannten epidemiologischen Erfahrungen 
erlauben, in voller Uebercinstimmung mit der ätiologischen 
Forschung, den Schluß, daß die Läuse in praxi die 
e i n z i g e n Leb e r t r ä g e r des F 1 e c k f i e b e r s dar¬ 
stellen. Die Möglichkeit, daß durch direkte Blutübertragung 
eine Ansteckung Zustandekommen kann, soll damit natürlich 
nicht geleugnet- werden: aber das ist eben — genau wie hei 
Malaria und Gelbfieber — nur eine theoretische Möglichkeit, 
die unter den natürlichen Bedingungen der Uebertragung sich 
nur selten verwirklicht finden dürfte. Früher hat man einer 
(lin kten Ansteckung, namentlich durch die Luft, das Wort 
geredet, und deshalb auch immer die Notwendigkeit einer mög¬ 
lichst intensiven Ventilation der Räume, in denen Fleckfieber¬ 
kranke isoliert werden, betont. Daß eine solche direkte Au- 
steckung von Mensch zu Mensch (etwa durch Tröpfchen¬ 
infektion) unter natürlichen Verhältnissen nicht stattfindet, 
dafür sprechen ganz unzweideutig die oben mitgeteilten epi- 
demielugisi heu Tatsachen: und wie sehr die Rolle der Venti¬ 
lation überschätzt wurde, dafür als Beispiel aus meiner eignen 
Erfahrung nur. daß ich eine Floekfieberepidemie auch unter 
offenen Zelten auf einem Hafenquai sah. das heißt unter 
dauernder intensiver Luftbewegung! Wir sehen ja an den 
Beispielen der beiden durch ihren natürlichen l cbertragungs- 
modus dem Fleekfieber analogen Infektionskrankheiten Ma¬ 
laria und Gelbfieber, wie sehr unter dem Einfluß irriger theo¬ 
retischer Voraussetzungen an sieh richtige Beobachtungen doch 
zu falschen epidemiologischen Schlußfolgerungen fiihien 
können; bei diesen beiden Krankheiten nahm man die bnt- 
stchungsursaehe als in einem ..sieehhaften“ Boden liegend an 
und glaubte an Uebcriraguiig dureh die Luft, bis der Iolt¬ 
seh ritt. der ätiologischen Erkenntnis dartat. daß die Über¬ 
tragung einzig und allein durch gewisse Miickenarten Satt 
findet und daß Boden und Luft nur insoweit in betau it 
kommen, als die lokalen Verhältnisse für die Entwicklung w« 
den Transport der Mücken mehr oder minder günstig«? K 
hältnissc bieten. Beim Fleekfieber ist der Ursprung dei fiü' 1 ' 
(und bis heute noch) so verbreiteten Anschauung u>11 u ' 
Lebertragamg durch die Luft offenbar in der an sich dun u' u 
richtigen Beobachtung zu suchen, daß zuweilen schon < l 
ganz kurz dauernder Aulenthalt im Krankenzimmer z,, i ‘ ^ 
steckung genügte: daraus glaubte man auf ein -Hii« 11 -’ 
Kontagium". ähnlich wie bei den akuten Exanthemen '*■ 
sein, Scharlach, Pocken, Windpocken) — denen das y 
lieber ja früher angereiht wurde —, schließen zu müssen- ^ 
genannten akuten Exantheme zeigen aber nicht J enl ‘ 

| lallende Versrhiedenhrit .der Ansteckungsfähigkeit untm ^ 
sehiedenen äußeren Bedingungen, wie sie das Ideckfie >u ‘ 
raktevisiert: dieses Verhalten deutet auf die Mitwirkung 
vom Kleekfichervirus unabhängigen äußeren Faktors. ( 


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Vorhandensein oder Fehlen die verschiedene Ansteck migs- 
f/iliigkeit bedingt, und dieser Faktor ist eben durch die ätio- 
l^isrlie Forschung in der Laus gefunden, die den einzigen 
praktisch in Betracht kommenden Ueberträger des Fleckfiebers 
darstellt. 

I m m u 11 i tiit und Serumreaktione n. Das 
l'hckfieber hinterUißt bekanntlich eine langandauernde Im¬ 
munität. eine Tatsache, die durch die Tierversuche N i c o 11 e s 
voll und ganz bestätigt wird. Leider lassen diese' Tier¬ 
versuche die Hoffnung, daß es gelingen werde, eine Schutz¬ 
impfung mit allgeschwächtem Virus zu erzielen, nur als ge- 
rfurr erscheinen: Xi co 11 e fand nämlich, daß eine sichere, 
hi Uganda uernde aktive Immunität nur nach schweren Infek¬ 
tionen statthatte und daß nach erfolglosen Impfungen z. B. 
mit inaktiviertem Virus (durch Erhitzen auf 50 °) die Immu¬ 
nität völlig ausblieb. Dagegen ergab der Tierversuch die Mög- i 
lidikeit einer passiven Immunisierung durch Injektion von 
Jh konvaleszentenserum; das Serum muß zwischen dem neunten 
und zwölften Tage nach der Entfieberung entnommen werden, 
da sich die Schutzwirkung später bald wieder verliert. Auch 
eine gewisse Heilwirkung gegenüber der bereits ausgebrochenen 
Infektion ließ sieh im Tierversuche nachweisen; doch waren 
die Ergebnisse, die X i c o 11 e bei Heilversuchen an Menschen 
hatte, fast völlig negativ. — Verschiedene Autoren haben 
l’iitersuclumgcii über die Existenz einer Komplement- 
I) i n d u n g zwischen Serum von Fleckfieberkranken einerseits 
und nrganextrakt von Fleckfieberleiclien anderseits angestellt. 

Die erste kurze Notiz über positive Reaktionen stammt von 
tat hoi re aus Tunis; bei Fleckfieberfällen aus den Balkan- 
liinderii fand Mar kl*) nur geringe specifische Komplement- 
hindniig und Arzt und Kerl 2 ) hatten sogar durchaus nega¬ 
tive Ergebnisse. Ich habe im Frühjahr 1914 durch Herrn 
Dr. ('. Delta, Vorstand des bakteriologischen Laboratoriums 
am städtischen Gesundheitsamt in Alexandrien, Versuche über 
Konipleiiientbindung—teils mit speeifisehem Organextrakt von 
Fhrkfieber. in der Mehrzahl der Fälle mit luetischem Leber¬ 
extrakt — ansteilen lassen, aus denen sich ergab, daß fast in 
allen Fällen von Fleckfieber eine deutliche Komple* 
m eii 11) i n (1 u n g mit dem Krankenserum nachweisbar war, 
doch fa stim mererstin der Defervescenz oder 
g a r e r s t nach der Entfieberung; das macht natür¬ 
lich die Verwendbarkeit der Reaktion für die Frühdiagnose 
wofür eine zuverlässige serologische Methode gerade am 
meisten willkommen wäre) illusorisch; doch wäre die Methode 
vielleicht beim Ausbruch einer Epidemie für die nachträgliche 
Aufdeckung verdächtiger erster Fälle brauchbar. Auch hier- 
Imi ist jedoch zu bedenken, daß nach unsern Erfahrungen bei 
•Imi ägyptischen Fällen die Reaktion rasch wieder ver¬ 
schwindet. spätestens binnen einiger Wochen. 

Die T h e r a p i e des Fleckfiebers ist bisher rein sympto¬ 
matisch. da ein specifische* Mittel gegen das Virus noch un- 
bekannt ist. Salvarsan, Adrenalin und Emetin sind von X i - 
rn 10 ohne jeden Erfolg versucht worden; desgleichen hatten 
M ii h 1 e n s mit Arsalyt, sowie (I a v i n o und Girard mit 
Lypanblau durchaus negative Ergebnisse. Daß auch die In¬ 
jektion von Rekonvaleszentenserum nach X i c o 11 e beim er¬ 
krankten Menschen so gut wie wirkungslos ist, wurde schon 
'•l'cn erwähnt: da einige praktische Aerzte über günstige Er- 
h'lgc dieser Methode berichten (Angaben bei X i c o 11 e und 
^ ü h 1 e n si, su wäre immerhin ein Versuch zu machen; selbst- 
r ‘ 'Aämllieh müßte das Rekonvaleszentenserum, um die lieber- 
fragnng anderer Infektionen (Lues!) zu verhüten, keimfrei 
filtriert und mit einem Desiufiziens versetzt sein. — In sym¬ 
ptomatischer Beziehung ist besonders auf drei Punkte zu 
achten; l. Hebung der Herztätigkeit (durch kühle 
Abwaschungen, Darreichung von Alkohol, Campher und der- 
-lrichein. 2. V e r h ii t u n g s e k u n d ä r e r I n f e k t i o n e n 

b W. kl. W. 11)13. s. 12:54. 

9 kl. W. 1013, Nr. 20. 


855 


V U 11 | C 1 U' II U C I U U C i C II t\ t 111 ti II ^ o T. V. r - V.. 

Mundpflege), 3. Verhütung des D e c u b i t u s. 

Die Prophylaxe des Fleckfiebers ist jetzt, dank den 
Resultaten der neueren ätiologischen Forschung, auf eine 
sichere Basis gestellt. Als Leitsätze für d i e Bc- 
k ä m p f u n g u n d V e r h ü tun«: d e s F1 c c k f i e b e r s 
müssen gelten: 1. alle Erkrankungsfälle recht¬ 
zeitig zu erkennen und zu i s o 1 i e r e n : 2. s o - 
vv o h 1 die E r k r a n k te n a 1 s au c h alle m i t i h n e n 
in Berührung kom m e n d e n P e r so ne n z u ent- 
1 a u s e n. 

Die größte Schwierigkeit, die sich der rechtzeitigen Er¬ 
kennung aller Erkrankten entgegenstellt, besteht im Vor¬ 
handensein der leichten Fälle, von denen schon oben 
die Rede war. Das beste Mittel, um sich zu vergewissern, daß 
solche Fälle nicht der Beobachtung entgehen, besteht darin, 
daß man sämtliche Personen, die mit dem Erkrankten in Be- 
riihning waren, während zwei bis drei Wochen täglich mit dem 
Thermometer untersucht und jeden (nicht etwa anderweitig 
völlig klargestellten) Fall mit Temperaturerhöhung über 38° 
sofort als verdächtig behandelt. 

Die Entlausung der Erkrankten und ihrer Um¬ 
gebung erfolgt am besten durch Entkleiden, A b - 
waschen und A b s e i f e n des Körpers und 
Dampfdesinfektion der Kleider. (Die Kopf¬ 
läuse werden in bekannter Weise durch Abscheren des 
Kopfhaars und Anwendung von Sabadillessig, Petroleum 
und dergleichen beseitigt.) Beim Erkrankten soll die Ent¬ 
lausung auf einer besonderen Aufnahmestation erfolgen; in¬ 
fektionsverdächtige Personen werden gleichfalls am besten in 
einer besonderen, hierfür geeigneten Centrale (am einfachsten 
in Verbindung mit der Desinfektionsanstalt) entlaust; im Not¬ 
fall aber, z. B. bei einer weiteren Verbreitung des Fleckfiebers 
unter der Bevölkerung (wie das in Alexandrien im Frühjahr 
1914 der Fall war), können diese Maßnahmen auch in der 
Wohnung selbst, gleichzeitig mit der Wohnungsdesinfektion, 
vollzogen werden. Ich ging dabei in der Weise vor. daß eine 
besondere Desinfektionsmannschaft, mit einer tragbaren Bade¬ 
wanne ausgerüstet, in die Wohnung des Erkrankten geschickt 
wurde und daselbst — nach Transport des Erkrankten ins 
Hospital — alle Insassen der Wohnung entkleidet, abge- 
wasehen und abgeseift wurden (weibliche Personen unter Auf¬ 
sicht einer beamteten Pflegerin!): hierauf erhielten die Leute 
lös zur Rückkunft ihrer unterdessen nach der Desinfektions¬ 
anstalt gesandten Kleider reine (von der Desinfektionsmann¬ 
schaft in einem besonderen Sacke nutgeführte) Reservekleider 
(baumwollene Unterkleidung). Selbstverständlich wurden auch 
Matratzen, Bettzeug und alle andern der Berührung mit dem 
Kranken oder mit Läusen verdächtigen Effekten der Dampf¬ 
desinfektion zugeführt. Für die W o h n u n g s d e s i n f e k - 
ti on selbst bewährte sich mir bei Fleckfieber am besten eine 
5 °/ 0 i g e wäßrige Lösung von reiner € a r b o 1 - 
s ä ure, die mittels eines Verstäubungsapparats in alle Ritzen 
und Spalten zu bringen ist. Die genannten Desinfektions- 
maßnahmen ließen sieh in Alexandrien selbst unter ganz pri¬ 
mitiven Verhältnissen mit Erfolg durchführen. 

Von andern Desinfektion*verfahren kommt zunächst die 
Anwendung der schwefligen Säure in Betracht, ins¬ 
besondere für Ledersachen und Pelze (die bekanntlich der 
Dampfdesinfektion nicht ausgesetzt werden dürfen). Zu 
diesem Zweck empfiehlt G r a ß b e r g e r 1 ) den Schwefel, mit 
Spiritus überschüttet, in flachen Pfannen zu verbrennen, um 
eine vollständige Verbrennung zu erzielen; ferner werden 
neuerdings Präparate, wie „Salforkose“, „Forniakosin“, emp¬ 
fohlen, die im wesentlichen aus Schwefelkohlenstoff bestehen 
und denen eine gute Wirksamkeit nachgerülimt wird. Die 
Menge des zu verbrennenden Schwefelpräparats ist so zu he- 

v ) W. kl. W. 1014, Nr. 51. 


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messen, daß mindestens ein Gehalt von 4 °/ 0 S0 2 in der Luft 
des Raums erreicht wird; auch soll das Gas einige Stunden 
einwirken und Gasverluste müssen durch Abdichtung des 
Raums tunlichst vermieden werden. Die zu desinfizierenden 
Sachen müssen jedenfalls locker aufgehängt oder gelagert wer¬ 
den, da sonst zu befürchten steht, daß das desinfizierende Gas 
nicht überall eindringt. Ganz besonders energische Wirkungen 
lassen sich — nach meinen Erfahrungen in Alexandrien — 
durch Anwendung des Clayton-Apparats erzielen; in 
diesem Apparat wird Stangenschwefel unter reichlichem Luft¬ 
zutritte verbrannt und das erzeugte Gas (S0 2 ) nach Kühlung 
mittels eines mächtigen Ventilators in den zu desinfizierenden 
Raum hineingedrückt, während gleichzeitig an einer andern 
Stelle des Raums Luft abgesaugt und dadurch eine intensive 
Verteilung und tiefes Eindringen des S0 2 gewährleistet wird. 
Aber nur große Clayton-Apparate mit maschineller Ventilation 
erwiesen sich als zuverlässig, während kleinere Apparate mit 
Handbetrieb eine genügende Tiefenwirkung vermissen ließen. 
Der allgemeinen Anwendung des Clayton-Apparats steht 
freilich sein hoher Preis im Wege. 

Schließlich ist noch der Maßnahmen zu gedenken, durch 
die sich gesunde, läusefreie Personen, die mit verlausten Fleck¬ 
fieberkranken Zusammenkommen, der drohenden Infektion mit 
Läusen und Fleckfieber erwehren könnten. Für Aerzte und 
Pfleger ist das Tragen eines am Hals und an den Handgelenken 
dicht anschließenden Leinenmantels zu empfehlen; die Bein¬ 
kleider sind gleichfalls unten fest zuzubinden und durch Ein¬ 
streuen von Insektenpulver vor dem Eindringen von Läusen zu 
sichern. In letzter Zeit ist mehrfach — auch schon durch Ver¬ 
suche von Dr. Delta im Frühjahr 1914 in Alexandrien — 
die Möglichkeit der Bekämpfung der Läuseplage 
durch Riechstoffe in Angriff genommen worden; 
Dr. Delta konnte durch Vorversuche im Laboratorium 
zeigen, daß durch Anwendung ätherischer Oele Läuse 
nicht nur femgehalten, sondern auch direkt abgetötet werden; 
legt man z B. in die Mitte einer (etwa 18 cm im Durchmesser 
haltenden) Drigalskischale, auf deren Boden sich Kleiderläuse 
befinden, einen kleinen Wattebausch, der mit Anisöl oder mit 
einer Lösung von künstlichem Moschus getränkt ist, so er¬ 
weisen sich binnen einer Stunde sämtliche in der Schale befind¬ 
lichen Läuse als abgetötet. Eine andere Frage, auf deren 
Bedeutung bei allen für die Entlausung in Betracht kommen¬ 
den Maßnahmen neuerdings FI ti g g e ! ) hingewiesen hat, ist 
es freilich, ob auch die Nissen abgetötet werden; auch wäre 
bei fortdauernder Gefahr der Verlausung das Verfahren oft 
zu wiederholen oder überhaupt dauernd anzuwenden, und es 
fragt sich, ob durch die Einwirkung ätherischer Oele nicht 
Hautreizungen hervorgerufen werden. Blaschko empfiehlt 
neuerdings zum gleichen Zwecke das Einstreuen von Naphtha¬ 
lin in die Kleider. _ 

Aus der Medizinischen Klinik (Reservelazarett VI) am Hospital 
„Zum heiligen Geist“, Frankfurt a. M. 

Kriegsärztliche Herzfragen*) 

von 

Direktor Prof. Dr. G. Treupel, Frankfurt a. M., 
zurzeit konsult. Arzt im Bereiche der Res.-Lazarette des 18. Armeekorps. 

M. H.! Als ich das letztemal hier vor Ihnen über 
die neueren Methoden in der Diagnostik der Herz¬ 
krankheiten und über die Funktionsprüfung 
des Herzens sprach, da habe ich betont, daß trotz der unleug¬ 
baren Fortschritte, die wir in der Erkenntnis der Herzkrank¬ 
heiten in den letzten Jahren gemacht hätten, doch bei der Be¬ 
urteilung der tatsächlichen Leistungsfähig¬ 
keit des Herzens große Vorsicht und Zurückhaltung geboten 
sei. Der Krieg mit seinen ungeheuren Anforderungen an 

“ «) Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung 1914, Nr. 23. 

*) Nach einem im Aerztlichen Verein am 1. Mürz gehaltenen 
Vortrag. 


die körperliche Konstitution und die seelische Verfassung der 
Kämpfenden hat uns eine Funktionsprüfung des 
Herzens im größten Stile gebracht. 

Es verlohnt sich wohl, die Erfahrungen, die wir bis dahin 
gesammelt haben, hier zur Diskussion zu stellen. Auf der 
einen Seite sehen wir die Träger ganz zweifelloser, aber in 
der Friedenszeit gut und dauernd kompensiert ge¬ 
bliebener Klappenfehler die Anstrengungen des Krieges ohne 
nennenswerte Einbuße überwinden, auf der andern Seite in 
der Blüte des Lebens stehende Männer, die sich bis dahin für 
herzgesund hielten, mit erheblichen Herzbeschwerden zu¬ 
sammenbrechen. 

Zur ersten Gruppe gehören nach unsem Erfahrungen 
besonders solche Leute, die schon in Friedenszeiten an ein be¬ 
stimmtes Maß täglicher körperlicher Arbeit ge¬ 
wöhnt waren (Gelegenheitsarbeiter, Taglöhner, Handwerker 
und dergleichen), mit einfacher und seit Jahren trotz der 
Arbeit kompensiert gebliebener Mitral¬ 
insuffizienz. Die Frage, ob man diese Leute in den 
zwanziger und dreißiger Jahren, die gern und mit Begeiste¬ 
rung hinausziehen, schon deshalb zurückstellen soll, weil sie 
einen solchen Klappenfehler haben, ist nicht einfach zu be¬ 
jahen. Allerdings scheint mir dabei auf das psychische 
Moment des „In-den-Kampf-ziehen-W o 11 e n s“ besonderer 
Nachdruck zu legen zu sein. 

Die anfänglich vielleicht vorhandenen Herzbeschwerden 
werden unter dem Einfluß des Willens bald Überwunden, und 
das Herz paßt sich den größeren Anforderungen verhältnis¬ 
mäßig rasch an. Die Anpassungsfähigkeit der 
Kreislauforgane an die neuen Lebensbedingungen 
oder an veränderte Widerstände, die sich im Körper aus¬ 
bilden, z. B. bei Lungenschüssen und ihren Folgen, Pneumo¬ 
thorax usw., die wir ja auch in Friedenszeiten bereits 
kannten, geht weit über das Erwartete hinaus. 

Aber ich kenne auch Fälle folgender Art: Der Träger 
eines gut kompensierten Klappenfehlers wird bei der Aus¬ 
musterung wegen des Herzens zurückgestellt, und nun geht 
ein solcher Mann täglich auf die Jagd. Stundenlang marschiert 
er da durch hügeliges Gelände, schleppt seine Jagdbeute im 
Rucksack und kehrt nach vielstündiger, nicht geringer An¬ 
strengung wohl und munter wieder heim. 

„Wer das kann, der könnte auch wohl draußen im Fehle 
sein“, heißt es da wohl. Ich glaube dennoch, daß man solche 
Leute nicht einstellen soll. Denn es ist etwas anderes, ob je¬ 
mand freiwillig und nach seinem Behagen eine solche Arbeit 
leistet oder ob er sie Tag und Nacht, mehr der Not gehorchend 
als dem eignen Triebe, mit Herausgabe der letzten Kraft tun 
muß. Hier werden zweifellos sich gar bald subjektive Be¬ 
schwerden einstellen, und es muß dann doch, da ja die objek¬ 
tive Grundlage nicht fehlt, zum mindesten Felddienstunfähig* 
keit attestiert werden. 

H. K., 27 jähriger städtischer Beamter, Reserve-Gefreiter. In¬ 
fanterist. Häufig Anginen. Gelenkrheumatismus. Schon wahren 
seiner aktiven Dienstzeit „wegen seines Herzfehlers ' 
Bureau beschäftig t“. Jetzt eingestellt. Nach vier Marscowg 
bereits Zusammenbruch: Herzstiche, Herzklopfen, Atemnot. 

Das Herz, kaum vergrößert (3,7 :8,7), hat an der Spitze ne * 
dem ersten Ton ein langes, blasendes, systolisches Geräusch, der 
Pulmonalton ist akzentuiert. Die Herzaktion ist frequent und ' 
Keinerlei Dekompensationserscheinungen. Der Puls, von nom 
Spannung, regelmäßig, schwankt zwischen 98 und 120 während sie 
wöchiger Bettruhe. Blutdruck: 130 :105. R. R. , . 

Hier haben wir also eine einfache Mitralinsuffizienz, 
der der Herzmuskel jedenfalls noch nicht wesentlich in * 
leidenschaft gezogen ist (Herzmaße!), die sofort versagt ■ 

Der Wille allein tut es natürlich auch nicht, ^vl* 
uns einfache und kombinierte Klappeinen ' 
Mitralinsuffizienzen ohne und mit Mitralstenosen, g 01 Jr 
deren Träger durchaus als Freiwillige haben mitka®P 
wollen. Wenn solche Herzen versagen, dann hat das vor * r 
darin seinen Grund, daß neben dem Klappen i e ^ 
auch der Herzmuskel mehr oder weniger angegrin 


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28. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


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oder durch eine kurz voraugegangene 
neuerdings geschädigt war. 

J. W., 23 jähriger Schlosser, Reserve-Infanterist. Häufig An¬ 
ginen. Gelenkrheumatismus. Wenige Wochen vor der 
Mobilmachung vierwöchiges Rezidiv! Vom Oberstabs¬ 
arzt als untauglich erklärt, meldet er sich dennoch als Freiwilliger, 
weil er durchaus in die Front wollte. Kaum im Feld, erkrankt er mit 
Herzbeschwerden und beginnender Dekompensation. Nach einigen 
Wochen Bettruhe Besserung. Während unserer Beobachtung bestand 
immer regelmäßige, aber frequente Herzaktion. Der Puls, sonst ohne 
Besonderheit, schnellte beim Aufsein auf 100 bis 120 hinauf. Das 
Herz (4:8) ließ an der Spitze ein den ersten Ton fast ganz 
ersetzendes lautes, blasendes Geräusch erkennen. Der 
zweite Pulmonalton war akzentuiert. 

H. W., 22 jähriger Kaufmann, Ersatz-Reservist, Infanterist. 
Trotz ausgesprochener Mitralinsuffizienz und -steno.se ein¬ 
gestellt. Nicht ganz zwei Wochen in der Front. Mit hochgradigen 
Herzbeschwerden und beginnender Dekompensation ins Lazarett über¬ 
führt. 

Das Herz (4,5:10) hat besonders über der Spitze ein lautes | 
systolisches und präsystolisches Geräusch. Der zweite Pulmonalton j 
ist klappend. Sonst beginnende Stauung in allen Organen, die aber | 
bei Bettruhe rasch wieder zurückgeht. j 

Die Kombination einer Mitralinsuffizienz mit | 
Mitralstenose, wie sie das letzte Beispiel zeigt, gehört I 
zu den schweren Vitien und sollte von vornherein die Ein- | 
Stellung in den Felddienst ausschließen. Es ist wohl möglich, I 
«laß bei e i n e r Untersuchung das präsystolische Geräusch [ 
übersehen wird, aber dann sollte die klappende Be¬ 
schaffenheit des ersten Tones, die fast immer 


vorhanden ist, und die Vergrößerung der Herz¬ 
silhouette, die auch bei der Perkussion nicht entgehen 
kann, stutzig machen. Ueberhaupt alle kombinierten 
Vitien, und unter den einfachen die A o r t e n i n s Uf¬ 
fizien zen, bei denen ja stets der linke Ventrikel neben 
der Hypertrophie auch eine deutliche Dilatation auf weist, 
sind nach unsern Erfahrungen bei der Musterung zuriickzu- 
stellen. Für die Aorteninsuffizienz kommt außer¬ 
dem noch hinzu, daß hier viel häufiger, als bisher angenommen 
wurde, eine luetische Grundlage des Prozesses mit 
im Spiel ist. 

Die Mitbeteiligung des Herzmuskels 
durch sch wie lige Prozesse in seiner Muskulatur ist 
ja sehr häufig. Es sind das entweder die Folgen von u n - 
mittelbar vom Endokard auf das Myokard 
übergegangenen Entzündungen oder die Be¬ 
gleitzustände umschriebener athero sklerotischer 
Veränderungen an den Gefäßen des Herzens selbst. 

Wir sind schon seit langem der Meinung, daß die infolge 
der verschiedensten Infektionskrankheiten er¬ 
worbenen atherosklerotischen Verände¬ 
rungen am Anfangsteil der Aorta und an den 
Gefäßen des Herzens in der Aetiologie der Herz¬ 
beschwerden und der Herzmuskelstörungen, wie man sie so 
häufig nach Infektionskrankheiten beobachten kann, die 
Hauptrolle spielen. Kürzlich hat Mönckeberg 1 ) gezeigt, 
daß fast neun Zwanzigstel der in der Blüte 
des Lebens stehenden Männer, im Alter von 20 
bis 43 Jahren und aus den mannigfachsten Berufen Athero- 
s k 1 e r o s e derAorta oder der Kranzarterien 
°der beider Gefäße erkennen lassen. 

Es ist auch nach seinen Untersuchungen wahrscheinlich 
geworden, daß vorangegangene Infektionskrank¬ 
heiten in der Pathogenese der Athero¬ 
sklerose von großer Bedeutung sind. Dabei ist allerdings 
zu beachten, daß nicht jede schwere Infektionskrankheit eine 
Atherosklerose unbedingt zur Folge haben muß. 

Man kann also wohl sagen, daß da, wo neben den bis 
dahin kompensiert gebliebenen Klappenfehlern die Residuen 
früherer Infektionen, z. B. von Syphilis, Tuberkulose, pleu- 
ntischen Verwachsungen, arthritischen Prozessen, septischen 
Infektionen usw. nachweisbar sind, das Herz den Anstren- 

. *) lieber die Atherosklerose der Kombattanten (nach Obduktions- 

wden). Zbl. f. Herz- u. Gefäßkrkh. 1915, Bd. 7, Nr. 1. 


gungen des Felddienstes nicht gewachsen sein wird. Denn 
wenn auch bei der jetzt geübten Untersuchung nicht immer 
nachweisbar, muß hier doch mit dem Vorhandensein einer 
Atherosklerose in obigem Sinne und daraus sich entwickelnder 
Herzmuskelstörungen gerechnet werden. 

0. W., 26 jähriger Schiffer, Reserse-Infanterist. 1910 Gelenk¬ 
rheumatismus. Damals und auch nachher keinerlei Herzbeschwerden. 
Jetzt vier Monate im Felde. Wegen Herzklopfen, Herzstichen und 
Atemnot zurück. 

Das Herz (5:10,5), mit rollendem, systolischem Geräusch neben 
dem ersten Ton über allen Ostien und Verstärkung der zweiten Töne, 
hat eine sehr frequente und labile Aktion. Blutdruck im Durchschnitt 
160 bis 125. R. R. Auch in der Ruhe immer hohe Pulslage, die nach 
körperlichen Anstrengungen noch höher hinaufschnellt, ohne innerhalb 
der nächsten zwei Minuten auf die anfängliche Höhe zurückzukehren. 

Hier drückt sich also die Mitbeteiligung des Herzmuskels 
im Perkussions-, Auskultationsbefund und im Verhalten des 
Pulses deutlich aus. 

Hierher gehören auch alle diejenigen Fälle, bei denen 
das Herz, und zwar der Herzmuskel, bei intaktem 
Klappenapparat aus andern Gründen bereits 
stärker, als es dem Alter des Trägers entspricht, „verbraucht“ 
ist. Also die Fälle, bei denen erhöhte Widerstände 
im kleinen oder großen Kreisläufe bestehen, ohne 
daß bis dahin erheblichere Beschwerden aufgetreten sind: 
das Lungenemphysem und die chronischen Katarrhe der Luft¬ 
wege, die Atherosklerose auf luetischer Grundlage, latente, 
interstitielle Prozesse an Leber, Nieren und am Herzmuskel 
selbst und die Fälle von dauernd erhöhtem Blutdruck. 

P. Schm., 24 jähriger Steinhauer, Reserve-Infanterist. 
Früher nie Herzbeschwerden und durchaus leistungsfähig. Seit zwei 
Monaten im Felde, bekam er bald Herzstiche und anfallswei>** auf- 
tretende Atemnot. 

S t e i n h a u e r 1 u n g e ! Das Herz (4 :10.5) hat ein den ersten 
Ton begleitendes kurzes, rollendes systolisches Geräusch an der Spitze. 
Die zweiten Töne sind akzentuiert. 

Der Puls, entsprechend der Herzaktion, ist frequent, irregulär 
und inäqual. Die Pulslage ist erhöht, mit dem charakteristischen Aus¬ 
schlag nach Bewegung. 

Bei all diesen Leuten ergibt die Untersuchung stets ein 
vergrößertes Herz. 

Demgegenüber steht eine nicht unbeträchtliche Zahl von 
jugendlichen, also an sich nochunverbrauchten 
Herzen, die versagen, weil sie zu klein sind oder weil sie 
für die großen Anstrengungen, die draußen ihrer warten, 
nicht genügend und nicht lange genug vor¬ 
bereitet sind. Der eigenartigen Herzsilhouette, die man 
als „T r o p f e n h e r z“ bezeichnet hat, sind wir auch jetzt 
wieder häufiger bei den jungen Freiwilligen begegnet. Die 
mittels Röntgenstrahlen oder durch Schwellenwertsperkussion 
gewonnene Herzfigur zeigt sich, besonders in den Quermaßen, 
z u k 1 e i n. Es ist ohne weiteres verständlich, daß solche 
Herzen versagen. Denn außer dem kleinen Herzen findet sich 
meistens auch eine schwächliche Gesamtkonstitution 
und eine allgemeine reizbare Schwäche, sodaß der 
Träger dieser Trias weder den körperlichen Strapazen noch 
den seelischen Erregungen des Kriegs gewachsen bleibt. 

Bei diesen Herzen und bei den nicht genügend 
vorbereiteten Herzen Jugendlicher hört man 
sehr häufig an der Spitze oder an der B a s i s ein kurzes 
rollendes systolisches Geräusch neben dem 
erstenTone. Man muß sich hüten, aus dem Vorhandensein 
dieses Geräusches, das den ersten „Ton“ begleitet, aber nicht 
ersetzt, gleich auf einen organischen Klappenfehler zu 
schließen. Systolische, auch präsystolische Geräusche treten 
nach meiner Erfahrung beim wachsenden Herzen häufig 
auf, und sie deuten entweder auf eine Störung am Klappen¬ 
apparat relativer Art oder auf eine funktionelle 
Störung in der normalen Abwicklung der Herztätigkeit hin. 

P. Kn., 19 jähriger Kellner, Kriegsfreiwilliger, Infanterist. An¬ 
geblich nie krank, nie Herzbeschwerden. 12. Oktober ins Feld, vier 
Wochen später beim Sturmangriff Ohnmachtsanfall, seitdem 
Herzstiche und Herzklopfen. 

Grazil gebauter, hochgewachsener, schwächlicher Patient. Das 
Herz (4,7:8,2) hat kurzes rollendes systolisches Geräusch neben dem 


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358 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


ersten Tone. Puts in der Ruhe 95, nach gelingen Anstrengungen stark 
beschleunigt und* deutlich irregulär. Nach einem Uebungsspaziergange 
von einer Stunde Puls trotz Bettruhe 142. 

Ich habe schon vor zehn Jahren *) und, glaube ich, da¬ 
mals als erster darauf hingewiesen, wie häufig wir bei der 
Untersuchung einen unreinen ersten Ton oder das ! 
eben charakterisierte kurze systolische Geräusch 
hören, auch wenn dabei «alle Klappenfehler 
und alle anämischen Geräusche ausge¬ 
schlossenwerden. So haben wir jetzt aus dem gegen¬ 
wärtigen Bestände der Klinik 100 Fälle (Soldaten, Zivilisten 
aus allen Berufen) mit sonst normalem Herzen auf das Vor¬ 
handensein dieses Geräusches hin untersucht. Es fand sich 
in 76 Prozent dieser Fälle. Gewiß ist schon mancher, bei 
dem sich z. B. unter der nervösen Erregung bei der erstmaligen 
Untersuchung ein solches Geräusch fand, als „herzfehler- 
krank stigmatisiert worden, der es in Wirklichkeit nicht war. 

Das sind also rein funktionelle, vorüber¬ 
gehe n d e Störungen am Herzen, die sich früher oder 
später ausgleichen. 

Sie führen uns hinüber zu einer Gruppe von Fällen, die 
wir besonders in den ersten Monaten des Kriegs zu 
beobachten Gelegenheit hatten: Fällen mit funktionellen 
Störungen am Herzen auf nervöser Grundlage und durch 
akute Uebera n streng ungen. Sie stellen sich 
dar als Bradykardien, Tachykardien und 
A rhythmien. 

Zunächst haben wir gleich zu Beginn des Kriegs, im 
August vorigen Jahres, mehrere Fälle von „llitz- 
schläge n“ lind deren Folgen bekommen. In drei dieser 
Fälle stand die Bradykardie ganz im Vordergründe. 

Die Pulsverlangsamung schwankte zwischen 
42 bis 60, und ihr entsprach die ebenso verlangsamte Herz¬ 
aktion. Der Puls blieb dabei stets regelmäßig und gleich¬ 
mäßig. Herzgröße und Blutdruck hielten sich während der 
ganzen Beobachtung innerhalb normaler Grenzen. Die 
Bradykardie dauerte zwischen 10 und 27 Tagen und 
machte dann einer kürzeren Periode der Pulsbesehleunigung 
Platz (80 bis 112), ehe wieder alles ganz normal wurde und 
blieb. 

K. G., 25 jähriger Steinhauer, Reservist, Jägerbataillon. Am 
12. August 1914 „Hitzschlag“, im Anschluß daran stechende Schmerzen 
in der Herzgegend. Außer einem kurzen rollenden, systolischen Ge¬ 
räusch an der Spitze, Verstärkung des zweiten Pulmonaltons und dei 
verlangsamten, gleich- und regelmäßigen Aktion (48) ist an dem 
Herzen nichts nachzuweisen. Gelegentlich auch nur 42 Pulse. Arterien- 
wand und Pulsspannung o. B. Blutdruck nie erhöht. Dieser Zu¬ 
stand dauerte bis zum 8 , September 1914. Dann wurde der Puts leb- 
hafter, gelegentlich bis 112 (17. September 1914)* In den nächsten 
Wochen bei Bettruhe und ohne jede Medikation Rückkehr zur Norm. 

Viel zahlreicher als solche Bradykardien haben wir 
Tachykardien gesehen. Die Fälle sind sich alle sehr 
ähnlich. Der tachykardische Anfall stellt sich nach einer 
erheblichen körperlichen Anstrengung, meist des Marsches 
ein. Auch während der Krankenhausbehandlung bleibt d i e 
Pulslage meist hoch und schnellt bei nur gering¬ 
fügiger Bewegung, oft nur durch schnelles Aufsitzen im Bett 
veranlaßt, in die Höhe. Wie sehr sich die Fälle im einzelnen 
gleichen, dafür hier zwei Beispiele: , A 

v F *0 jähriger Student, Kriegsfreiwilliger, Infanterist. An¬ 
geblich nie krank. !m. Oktober 1914 ins Feld. Bei großer Marsch¬ 
leistung plötzlich Herzstiche und Herzklopfen. 

H L (4 5-9) mit hebendem Stoß und kurzem rollenden, systo- 
Geräusch über allen Ostien. Der erste Ton leicht paukend. 
Dte ist gleich- und regelmäßig aber sehr labil. Puls in 

fW Ruhe 85 nach leichter Bewegung 120. bonst o. B. 
der R p ^ iübriger Landwirt, Artillerist. Nie krank. Am 31. Oktober 
hei körperlicher Anstrengung plötzlich HerzBtiche, Herzklopfen und 

Zusammenbruch^ ^ ( 4 . 9 ) m it hebendem Stoß und kurzem rollenden 
irtrotfriisehen Geräusch über allen Ostien. Der erste Ton leicht pau- 
rnd Aküon gleich- und regelmäßig, labil. Puls in der Ruhe 90, 
Lch leichter Bewegung 120. Sonst 0 . B. 


ix rj Treupel, Bemerkungen zur Diagnose, Prognose und 
Therapie der Herzkrankheiten. (M. tu. W. 1905, Nr. 41.) 


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Mit diesen letzten Fällen haben wir uns schon dem 
großen Gebiet der Herz- und K re i slau f neurosen 
genähert. Ich hatte schon früher Gelegenheit, auch vor 
Ihnen über Herzneurosen zu sprechen, sodaß ich mich hier 
kurz fassen kann, indem ich auf eine früher gegebene Dar¬ 
stellung dieses Kapitels verweisen darf 1 ). 

Die Diagnose ist nur bei längerer Beobach¬ 
tung zu stellen und nur auf Grund wiederholter und 
genauer physikalischer Untersuchung des 
Herzens. Das psychische Moment spielt bei der Aus¬ 
lösung der Anfälle und in dem Aufbau des Krankheits¬ 
bildes die größte Rolle. 

Bei den Herzneurosen steigern sich die im Vorder¬ 
gründe stehenden subjektiven Beschwerden anfalls¬ 
weise: Angst- und Druckgefühl auf der Brust, Herzklopfen. 
Stiche, meist etwas nach unten und außen von der Herzspitze 
lokalisiert, vasomotorische Störungen, mit Schweißaus¬ 
brüchen und gelegentlichen Ohnmachtsanfällen. Alle 
Formen der Arhythmie kommen vor. Die 
arhythmisehe Herztätigkeit besteht bisweilen monatelang und 
kann sich mit kürzeren oder längeren Pausen normaler Herz¬ 
tätigkeit ablösen. Vielfach besteht eine Abhängigkeit 
der Beschwerden vom Füllungszustande des 
Magens und Abdomens, und häufig ist die Herz¬ 
neurose mit einer Neurose des Magendarmkanals 
(Hvpersekretion, Gastro- und Colospasmen) vergesellschaftet. 

Die H e r z g r ö ß e hält sich innerhalb der normalen 
G renzen. Im tachykardischen Anfall und unmittel¬ 
bar danach kann das Herzvolumen vermindert sein. 
Nicht selten begegnet man hier der Tropfenform des 
Herzens und abnormer Beweglichkeit beim Lage¬ 
wechsel. Fast immer hört man neben dem auffallend stark be¬ 
tonten ersten Tone das kurze rollende systolische Ge¬ 
räusch, von dem schon vorhin die Rede war. Puls- 
Beschaffenheit und Blutdruck sind sehr wechselnd, 
entsprechend der Labilität des Vasomotoren- 
Systems. . 

Es war interessant, zu erfahren, wie sich solche Herzen 
den körperlichen Strapazen und seelischen Erregungen des 
Kriegs gegenüber stellen würden. Nach dem, was ich dariibei 
bei mir bekannten Herzneurotikem habe in Erfahrung bringen 
können, halten sich viele dieser Herzen überraschend gut- 
veränderte Umwelt mit ihren ganz neuen Ansprüchen an 
Körper und Seele hat hier meist im Sinne der dauernden 
und sicheren Ablenkung von den subje - 
t i v e n Beschwerden und damit zu einem sehr )voi - 
tuenden Erstarken des Vertrauens in die korper 
liehe Leistungsfähigkeit geführt. Versager kommen a>er 
auch vor. 

Kann man also die Einstellung solcher Leute nur 
billigen, so hat es mich einigermaßen gewundert, bei den a 
kriegstauglieh Befundenen häufiger Fällen zu begegnen. 
denen die zwei hier mitgeteilten als typisch gelten können. 

G. Oh, 21 jähriger Portefeuiller, Infanterist. Mit elf ■D ,r .. 
Chorea minor. Vor vier Jahren ,,L u n g e n s p i t z e n k a• • , 

Zur Ausbildung eingestellt. Beim Laufen, Turnen und 
tiges Herzklopfen und Herzstiche. Gelegentlich einer solche 
auf dem Kasernenhofe bewußtlos zusammengebrochen. , 

Struma, Exophthalmus, Tremor der ■ 

Schweißausbrüche. an 

Das Herz (4,8 :8,0) mit deutlichem systolischen {lt , r 

der Spitze, der zweite Pulmonalton ist akzentuiert. Ger ru ? 
Bettruhe 54 bis 96, geht bei ganz leichter Bewegung una 
Aufsitzen auf 100, bei ganz kurzem Laufen auf 156 ninaui. 
leicht erhöht (140:100. R. R.). 

Blutbild: Lymphocyten 41% 

Neutrophile 55% 

Eosinophile 3% 

Basophile 1% - t i« 

J. K., 21 jähriger Fabrikarbeiter, Infanterist. 1912 P . e ' <r PI1 . 
und Pneumonie. Im Dezember 1914 zur Ausbildung *^ 
Wegen Herzbeschwerden und Erschöpfung bald ins Revier p 

| D G. Treupel, Ueber Jlerzneurosen. (M. m. V. l-Hi.K - 

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UNIVERSUM OF IOWA 



28. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


359 


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M’ 


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, • 


Struma, geringer Exophthalmus, Tremor. 

Das Herz (4.2:8.5) ist stehend, langgestreckt, die Piilmonnlis 
stark ausgelun iitet. Deutliches systolisches Geräusch an der Spitze, 
der zweite Pulmonalton akzentuiert. 

Der Puls schwankt in der Bettruhe zwischen 58 und 96 und 
schnellt beim Aufsitzen auf 108 und bei leichter Bewegung auf 168 
hinauf. 

Blutbild: Lymphocyten 45% 

Neutrophile 53% 

Eosinophile 2% 

Also in beiden Fällen — und das sind nicht die einzigen 
dieser Art — die typischen Symptome des Base¬ 
dow und Erscheinungen am Herzen, die eigent¬ 
lich nicht übersehen werden können. Der Massenandrang hei 
deu Untersuchungen und die kurze, nur einmalige und unter 
den denkbar ungünstigsten Bedingungen vorgenommene 
körperliche Untersuchung erklären solche Irrtümer zur Genüge, j 
M. H.! Ich bin am Ende meiner heutigen Ausfüh- 
rangen, und ich schließe mit den Worten, mit denen ich auch, 
als ich hier das letztemal über die neueren Untersuchungs- 
niethoden des Herzens zu Ihnen sprach, geschlossen habe: 

Nichts ist schwerer, als ein Herz richtig zu beurteilen 
und in seiner Leistungsfähigkeit abzuschätzen. Irrtümer nach 
der positiven und negativen Seite sind da wohl kaum zu ver¬ 
meiden. Nie aber sollte man die B e g u t a c h t ti n g eines 
Herzens nur auf eine einmalige Unter- 
suchungstützen. 


Aus der Medizinischen Poliklinik zu Wiirzburg. 


Es bleibt also nur übrig, festzustellen, ob unterhalb der 
Nahtstelle durch Reizung des Nerven eine Empfindung her¬ 
vorgerufen werden kann, die in das sensibel gelähmte Gebiet 
lokalisiert wird, und es wäre damit der Nachweis erbracht, 
daß die Nahtstelle leitet, daß also ein Auswachsen der Fasern 
wirklich erfolgt. Die Stelle der Naht ist unzweifelhaft die 
kritische Stelle, hat der wachsende Nerv diese überwunden, 
so ist die Restitution der Funktion äußerst wahrscheinlich 
geworden. 

Versuche haben mir nun gezeigt, daß dies Verfahren 
bei passenden Fällen durchaus gangbar ist. Ich will sein« 1 
Eigenheiten an zwei typischen Vergleichsfällen darstellen. 

I. Unteroffizier, 22 Jahre alt, verwundet am 20. August 1914. 
Oberarmschuß rechts. Durchtremiung des N. radialis. Leichte 
Splitterung des Humerus, die Unterbrechung des Nerven liegt 8 cm 
von der Ellenbeuge (siehe Abb. 1). Sensible Lähmung des 
N. radialis im Handgebiete desselben deutlich nachweisbar. (Es 
empfiehlt sich zur schnellen Feststellung einer derartigen Einplin- 
dungslähmung mehr die Prüfung des Kaltsinns als des Drucksinns. 
Bei der Driicksinnprüfung in der klinisch üblichen Methode täuscht 
uns die Uebertragung der Deformation auf die Umgebung sehr oft 
vor, daß keine völlige Lähmung bestellt. Es ist durch v. F r e v 
nachgewiesen worden, daß diese Uebertragung der Deformation im 
größten Ausmaße fähig ist, derartig«' Untersuchungen zu er¬ 
schweren; ist doch die ganze Annahme eines „Tiefendrueksinns 4 * 
lediglich auf die Vernachlässigung dieser mechanischen Ueber¬ 
tragung zurückzuführen.) 

Nervennaht am 8. Oktober 1914. Völlige Durchtrennung fest- 
gestellt. 


Ueber eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht 
zu beurteilen 

von 

Priv.-Doz. Dr. Paul Hoffmann. 

Die nachstehenden Erörterungen beziehen sich auf Be¬ 
obachtungen an Verwundeten, die sich in Würzburger Laza¬ 
retten befinden, und von denen ein Teil in der Medizinischen 
Poliklinik daselbst regelmäßig elektrisiert und beobachtet 
wurde. 

Nervenverletzungen stellen an die Geduld sowohl des 
Arztes als des Patienten große Ansprüche. Selbst nach ge¬ 
lungener Nervennaht ist erst nach vielen Wochen eine Resti¬ 
tution zu erwarten. Es wäre ein großer Trost für den un- | 
geduldig wartenden Patienten, wenn man den Erfolg der Naht 
>fhon früher beurteilen könnte. Die nachfolgenden Zeilen 
werden zeigen, daß dies in vielen Fällen in sehr einfacher 
^ eise möglich ist. 

Nehmen wir an, daß der Nervus radialis etwa in der 
Mitte des Oberarms durchschossen wurde und daß die Nervcn- 
uäht erfolgte, so vergeht naturgemäß eine längere Zeit, bis 
sich wieder eine Bewegung in den gelähmten Muskeln ein- 
Ntellen kann, denn die Nervenfaser muß vom centralen 
Mnnipfe bis zum Muskel hin wachsen. Während dieser Zeit 
im'is.soi] wi r einfach Zusehen und können eigentlich über den 
Erfolg der Naht nichts aussagen. 

Ls ist zweifellos sowohl für den Arzt, wie für den 
1 atienteii von der größten Wichtigkeit, festzustellen, ob der 
• erv an der Stelle der Narbe leitfähig ist, also ob die Fasern 
''achsen oder nicht. Fast immer sind nun bei schweren 
Visionen des Nerven neben motorischen Ausfallserschei¬ 
nungen auch sensible vorhanden, ja das Ausbleiben der sen- 
H 1,4,1 Störung ist gelegentlich dafür als Beweis angeführt 
""rdeu. daß keine Kontinuitätstrennung vorliegt. Mag dem 
wolle, in den meisten Fällen vollendeter Nerven- 
nau *j n, J erhebliche sensible Störungen vorhanden. 

für die sensibel gelähmte Stelle sind im centralen 
Rumpfe des verletzten Nerven nun auch Fasern mit dem ent- 
■Mwrhenden Lokalzeichen da, und Reizung dieser Nerven- 
eine Empfindung hervorrufen, die in das un¬ 
endliche Gebiet verlegt wird. Nun gehören diese Fasern 
Zu Gien, die nach der erfolgten Nervennaht auswachsen. 


Stelle, von der 
Empfindung hervor¬ 
gerufen werden kann, 
die ins anästhetische 
Gebiet verlegt wird. 


15. Januar 1915. Durch mäßigen Fingerdruck auf das in 
Abb. 1 bezeiehnete Gebiet des Unterarms ist eine prickelnde 
Empfindung auszulösen, die in das sensibel gelähmte Handgebiet 
des Radialis verlegt wird. Weiter peripher ist die Empfindung 
nicht auszulösen. Die Grenze des Gebiets ist ziemlich scharf. Zur 
Auslösung eignet sich am besten der Fingerdruek, auch faradisch 
ist ('s möglich, doch geht es nicht so gut. 

15. Februar. Be¬ 
ginn der Wiederherstel¬ 
lung der Funktion, Pa¬ 
tient kann die Hand 
in klein wenig strecken. 

Hier konnte also 
schon vier Wochen vor 
der Wiederherstellung 
der Funktion mit völli¬ 
ger Sicherheit nachge¬ 
wiesen werden, daß die 
Nahtstelle leitfähig war. 

II. Leutnant, 20 Jahre, verwundet am 20. August. Schuß an 
der gleichen Stelle, nur ausgedehnter Splitterbruch des Os humeri 
(ileiche sensible Störung-. Es wirrt länger gewartet, da sich ein 
starker Callus an der Bruchstelle entwickelt. Nervennaht und 
Lösung vom Gallus an 

14. Dezember 1914. Seit An,is )« h *i t , i . s * h(is ; ste,,e > von . rf © r Empfindung 



Stelle der Verletzung und Naht. 

Abb. 1. 


hervorgerufen werden kann, 
die ins anästhetische 
Gebiet verlegt wird. 



dieser Zeit keine Verände¬ 
rung des motorischen Be¬ 
fundes, doch ist am 15. Fe¬ 
bruar 1915 deutlich etwas , 
distal von der Ellenbeuge 
durch Druck auf die in 
Abb. 2 angezeigte Stellt 
eine Empfindung hervorzu¬ 
rufen, die in das sensibel 
gelähmte Gebiet der Hand 
verlegt wird. Es dokumen¬ 
tiert sieh dadurch mit physiologischer Sicherheit, daß die Naht 
gelungen und die Nahtstelle leitfähig ist. 

Es handelt sieh, wie aus dem vorstehenden ersichtlich 
ist, einfach um eine Reizung der neuauswachsenden Fasern. 
Das eigentümliche ist, daß sie durch Druck am besten gereizt 
werden können, für gewöhnlich ist die faradische Reizung 
von Nerven die am leichtesten zu bewirkende, die jungen 
Fasern sind aber offenbar in hohem Maße mechanisch er¬ 
regbar. 


Stelle der Verletzung und Naht 
Abb. 2. 


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Original frn-rri 

UNiVERSUY OF IOWA 



3W 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 28. März. 


Es ist keineswegs starker Druck notwendig, um die 
Empfindung hervorzurufen, am allerbesten erreicht man es 
durch Klopfen mit dem gestreckten Finger (wie man es bei 
der Perkussion nicht machen soll). Die falsche Lokalisation 
wird von den Patienten mit vollkommener Sicherheit ange- 
zeigt, es gehört dazu offenbar nur eine sehr geringe Aufmerk¬ 
samkeit, eine viel geringere, als sie bei der Hautsinnprüfung 
notwendig ist. 

Dies ist insofern wichtig, als daher diese Methode auch 
dann Wert hat, wenn man theoretisch eine Restitution durch 
Verkleinerung der sensibel gelähmten Fläche feststellen 
könnte. Die Wiederherstellung einer derartigen Empfindungs¬ 
lähmung zu verfolgen, erfordert eine sehr große Mühe und 
eine gespannte Aufmerksamkeit des Patienten, sie ist des¬ 
halb in der Klinik kaum anzuwenden. Ich zweifle so auch 
nicht, daß bei den beiden beschriebenen Fällen eine Empfin¬ 
dungslähmung am Unterarm bestand (bei Fall t ist sie sicher, 
bei Fall 2 nicht vollkommen sicher beobachtet), aber die Ver¬ 


folgung der Wiederherstellung ist vorläufig zu schwierig und 
langwierig für klinische und vor allem poliklinische Verhält¬ 
nisse. Ein derartiges positives Zeichen der vorhandenen 
Restitution, wie es die hier beschriebene Methode innerhalb 
weniger Sekunden ermöglicht, ist also auch da von Wert, wo 
die genaueste Verfolgung der Empfindungslähmung die Wie¬ 
derherstellung ebenso früh ermöglichen würde. 

Es ist klar, daß die Methode nicht für alle Fälle paßt. 
Es fallen vor allem die keineswegs seltenen Fälle fort, in 
denen im anästhetischen Gebiete Parästhesien und Schmerzen 
vorhanden sind. 

Es ist ferner klar, daß man diese Methode auch dazu 
benutzen kann, um gegebenenfalls zu erweisen, daß eine 
Restitution des Nerven auch ohne Naht erfolgt. In solchem 
Falle würde der Nachweis einer derartigen Druckfläche 
peripher von der Verletzungsstelle beweisen, daß ein Aus¬ 
wachsen des Nerven erfolgt und daß daher eine Nervennaht 
nicht notwendig ist. 


Umfrage 

über die 

sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges. 


Die Kriegsverletzungen des Auges schaffen vielfach Zustände, die die Befürchtung erwecken, daß das gesunde Auge 
durch eine sympathische Entzündung mit Erblindung bedroht wird. Die sympathische Augenentzündung mit ihren verhängnis¬ 
vollen Folgen kann verhütet werden durch rechtzeitige Entfernung des verletzten Augapfels. Nun ist die Enucleation eines 
Auges, das noch eine leidlich erhaltene Sehkraft besitzt, ein Schritt, zu dem der Arzt und der Kranke sich nicht leicht und nicht 
ohne dringende Anzeige entschließen werden. Die Aufstellung der Anzeigen aber zu einem operativen Eingriff pflegt um so 
einfacher und leichter zu sein, je vollständiger die Entstehungsweise und der Verlauf der Krankheit bekannt ist. Die sympathische 
Ophthalmie ist nun ein in klinischer und theoretischer Beziehung schwieriges Kapitel, bei dem die Zusammenhänge nach ver¬ 
schiedener Richtung hin noch ihrer Erklärung harren. Daher ist es wohl auch zu verstehen, daß die Frage, ob und wann 
enucleiert werden soll, in vielen Fällen nicht leicht zu beantworten ist und nicht einheitlich beantwortet wird. 

Angesichts der großen praktischen Bedeutung der sympathischen Ophthalmie erschien es angezeigt, von einer Reihe von 
namhaftem Augenärzten über verschiedene wichtige Fragen eine Auskunft zu erbitten. Innerhalb des Rahmens einer solchen 
Umfrage kann das Thema nicht erschöpfend behandelt werden, es war vielmehr geboten, die Umfrage auf einzelne vorwiegend 
klinische Fragen zu beschränken. Diese Fragen lauteten: 

L Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen? 

2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt? 

3. Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enucleation 

warten zu können? 

4. Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie? 

5. Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie? 

6 Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht? 

7 . Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie? 

8. Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologie der sympathischen Ophthalmie vertoertet werden 

können? 

Dank der Unterstützung erfahrener Augenärzte ist auf diesem Weg ein Stoff gesammelt worden, der geeignet ist, über 
die an den verschiedenen Stellen geltenden Anschauungen zu unterrichten und auch den nicht augenärztlich Geschulten zu 
belehren und anzuregen. 

Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder: 


Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. v. Heß, Universitäts-Augenklinik, 
München: 

1. Alle, bei welchen es zur Perforation des Augapfels ge¬ 
kommen und im Anschluß an diese eine Entzündung des letzteren 
aufgetreten ist. 

2. Siehe Frage 1. 

3. Wenn das verletzte Auge nur durch wenige Tage ciliare 
Reizung und Iritis zeigt, ist es s o f o r t zu enucleieren. 

4. Eine drohende sympathische Ophthalmie ist überhaupt 
nicht zu erkennen; eine ausgebrochene zeigt sich im Beginn 
als leichte Iritis mit Tränen, Druckempfindlichkeit, Lichtscheu, 
ciliarer Injektion. 

5. Siehe unter 4. 

6. Nein. 

7. Energische Schmier- und Schwitzkur, Atropin, heiße Um¬ 
schläge. 

8. Nein. _ 

Prof. Dr. L. Heine, Universitäts-Augenklinik, Kiel: 

1. Alle die Bulbushüllen perforierenden. 

2. Wenn sich das verletzte Auge nicht — je nach der Schwere 
der Verletzung — innerhalb von zwei bis vier Wochen beruhigt 
und abblaßt. 


3. Hängt ganz von dem Heilungsverlauf ab. Ist keine Hoff¬ 
nung auf Erhaltung eines gewissen Sehvermögens, so enucleitre 
oder exenteriere man sobald wie möglich. 

4. Lichtscheu und andere subjektive Symptome. Es kann 

auch ohne alle subjektiven Symptome eine sympathische Ophtha - 
mie drohen. r 

5. Descemetsehe Beschläge, Glaskörpertrübungen, Nennt 1 ? 
optici. 

6. Wenn die Funktionen erloschen sind — ja, sonst nit 
da das sympathisierende Auge das bessere bleiben kann. 

7. Hg, Jod, Salvarsan, Tuberkulin. Lokal: möglichst wen* 

chirurgisch. , 

8. Die große Aehnlichkeit mit Tbc. scheint mir für die ß 
fektionstheorie zu sprechen. 

Prof. Dr. Birch-Hirschfeld, Universitäts-Augenklinik) 

Königsberg i. P.: , ,.i 0 . 

1. Jede den Bulbus perforierende Verletzung, die xu 
cyclitis führt. .. .. {e[ 

j 2. Sobald das verletzte Auge Zeichen von Iridocyclitis ^ 

j fpericorneale Injektion, Irishyperämie, hintere Synechien, 

1 cipitate), halte ich das gesunde Auge für gefährdet, 
j 3. Nicht länger als zwei Wochen. 


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9 s. März. • 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


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l Leichter — oft vorübergehender — Reizzustand, Vermin¬ 
derung der Akkommodationsbreite. 

5 . Pericorneale Injektion, Zeichen von Iritis und Cyclitis. 

6. Das hängt von der Sehschärfe beider Augen ab. Ist das 
verletzte Auge erblindet und schwer entzündet, so würde ich es 
auch nach Ausbruch der Erkrankung des andern Auges entfernen, 
bat es bessere Sehschärfe als das zweiterkrankte, so ist es unbe¬ 
dingt zu erhalten. 

7. Intern: Calomel; Einreibungskur mit Quecksilber, Salicyl- 
präparate. 

8. Ich halte die sympathische Ophthalmie für eine infektiöse 
Erkrankung, nicht für einen anaphylaktischen Prozeß oder eine 
reine Toxin Wirkung. Hierfür scheint mir in erster Linie das ana¬ 
tomische Bild der Veränderungen zu sprechen, die denen der 
Tuberkulose recht ähnlich sind. 

Prof.Dr. A. ßielschowsky, Universitäts-Augenklinik, Marburg a.L.: 

1. Aus allen Verletzungen, die zu einer, wenn auch noch so 
kleinen Eröffnung des Bulbus führen, kann sympathische Ophthal¬ 
mie entstehen. Je unregelmäßiger die Wunde ist, je näher der Iris- 
wurzel oder dem Ciliarkörper sie liegt, um so größer ist die Gefahr. 
Auch bei stumpfen Tratunen, die eine anscheinend subkonjunkti- 
vale Bulbusruptur erzeugen, ist an die Möglichkeit zu denken, daß 
die Bindehaut in Wirklichkeit nicht unversehrt ist, sondern daß 
eine feinste Spalte den Mikroorganismen Zutritt ins Bulbusinnere 
gestattet. 

2. Wenn die im Anschluß an die Verletzung entstehende 
Iridocyditis trotz rationeller Therapie nicht innerhalb von zwei bis 
drei Wochen abklingt, sondern der Reizzustand (Rötung, Licht- j 
scheu, Tränenfluß) fortbesteht, und das verletzte Auge namentlich j 


Es kann aber auch gelegentlich zuerst die Papille leichte "Ver¬ 
änderungen zeigen. 

6. Ja, wenn das verletzte Auge erblindet ist. Ist noch Seh¬ 
vermögen vorhanden und die sympathische Erkrankung noch im 
Beginne, dann entferne ich auch das sehende verletzte Auge. Ist 

! dagegen die sympathische Erkrankung schon weit fortgeschritten, 
sodaß schwere Sehstörung vorliegt, so habe ich das verletzte Auge, 
besonders wenn es noch bessere Sehkraft hatte als das sym¬ 
pathisch erkrankte, erhalten. 

7. Schmierkur, hohe Gaben von Aspirin; auch Salvarsan und 
Tuberkulin haben wir versucht. 

8. Nein. _„ (Fortsetzung folgt.) 

Aus dem k. und k. Reservespital in Bröka, Bosnien. 

Typhus abdominalis mit hämorrhagischer Diathese 

von 

Prof. Dr. Kar! Walko, k. k. Landsturm-Oberarzt. 

(Schluß aus Nr. 12) 

Ein besonderes Interesse beansprucht folgender Fall 
wegen der hochgradigen B r a d y k a r die: 

Infanterist Petracic St„ 25 Jahre alt, aufgenonmwn am 5. No- 
vmnber 1914. Seit 14 Tagen Fieber. Brustschmerzen. Husten. Schmerzen 
in den Beinen. Schwerhörigkeit: erkrankt an (’rny Yrch in Serbien. 
Mittelgroßer, sehr magerer Mann. Temperatur 87.5. Zunge stark belegt. 
Bauch aufgetrieben, sehr druekemplindlich, Nalnung.-aiilnähme sehr 
gering, Puls 90. schwach. 

6. November. Temperatur sehr niedrig, nicht über 87.5 hinan - 
gehend, Milztumor, Puls sehr klein, etwas inägnial. A n d e r B r u s t 
z a h 1 r e i e h e H ä m o r r h a g i e n. 

9. November. Zunehmende Schwäche. Puls sehr lam^ain, 
schwach, Tempelatur niedtig. 


im Bereich des Ciliarkörpers gegen Berührung empfindlich ist. Je 
rascher dabei das Sehvermögen sinkt, um so früher kann man 
oiakleieren. 

3. Da es (frühestens) schon acht Tage nach der Verletzung 
mul bei einem sehr milden Verlauf der traumatischen Iridocyditis 
zu einer schweren sympathischen Erkrankung des andern Auges 
kommen kann, muß inan in jedem Falle von infizierter Verletzung 
die Enukleation — Eviszeration bei Panophthalmie — so früh wie 
möglich machen, namentlich wenn die Herstellung eines brauch¬ 
baren Sehvermögens am verletzten Auge ausgeschlossen erscheint. ' 
4. In Klagen des Patienten (die allerdings oft erst bei Be- J 
fragen geäußert werden) über rasche Ermüdung des Auges I 
(Akkommodationsschw’äche), über Lichtscheu und Tränen, sowie 
im Nachweis einer zunächst nur temporären Ciliarinjektion. 

o. Ciliarinjektion, Hornhautpräzipitate, Verfärbung der Iris, 
verengte und schwerfällig reagierende Pupille, Bildung hinterer I 
Synechien. | 

6. Ja, außer in Fällen, wo die Funktion des verletzten Auges i 
noch wesentlich besser ist, als die des sympathisch erkrankten. | 

7. Salvarsan- und Hg-Kur (kombiniert), eventuell Diaphorese 

mit großen Dosen von Benzosalin. j 


11. November. Schwerer Verlauf. Audi auf <1 >* r Bauch- 
h a U t z ah 1 r e i e h e klein p H ä m orrhag i e n . 11 e r z t ä I i - 
keit unregelmäßig, starke Schmerzen in den dütlcni 
(Knochen). 

10. November. Hochgradiger Schwiichezustand. Bronchitis. ;:ul.c 
Abmagerung, Cvanose. Extiemitäton kühl, blau. Puls 1'r ii li IS. 
T e m p e r a t u r 87.5. a b e u d s 8S.2, Puls 80. klein. C n »n jiher- 
i n j e k t i o n. W i d a 1 s e h e Probe 1:50. 1:100. 1 : 2<KI. 1:8110 
sofort prompt positiv. 

17. November. Die Untersuchung des Bluts (Färbung 
üaeh Jenner) ergibt starke Leukopenie, vorherrschend kleine und 
große Lymphocyten. Die Urinuntersuchung ergibt weder Eiweiß mu h 
Zucker. 

18. November. Sehwächeznstand etwas besser. Morgontemperatur 
37 ü C. Puls 40 bis 44. nachmittag* 88° C. Puls 80 bis 90. Setzt man 
len Patienten während der niedrigen Pulszahl auf. so steigt der Puls 
iuf 90 bis 100. bleibt aber in gleicher Intensität. Zweiter Aortenton 
dark akzentuiert. 

19. November. Patient, sehr blaß, cyanotisch. Extremitäten kühl, 
[laut trocken. Am B r u s t k o r b a n d e n b e i d e n Seit e n z a h 1 - 
• e i e h e n e u e s t r e i f e n f ö r mi g e II a u t b 1 u t u n g e, n von rotv r 
Air ho, die dein Drucke der Hemdfalten oder der Unterlage entsprechen. 
)ie Temperatur schwankt zwischen 86,8 und 87.6° C. der Puls zwischen 
10 und 68 abends. Cvanose. 


20. November. Im Hypogastrium beiderseits z a h 1 - 


Prof. Dr. Hertel, Universitäts-Augenklinik, Straßburg i. Eis. 

L Alle die, hei denen durch Perforation der Bulbuskapsel die 
Möglichkeit der Infektion des Augeninnern vorliegt. Wegen der 
diagnostischen Schwierigkeiten möchte ich besonders auf im 
Kriege häufiger auftretende Fälle hinweisen, in denen die Bulbus- 
perforation im hinteren Abschnitt innerhalb der Orbitahöhle erfolgt 
81. zum Beispiel durch seitlich durch die Lider oder Schäricl- 
Ivnochen eindringende Geschoßteile, aber auch durch Splitter von 
Knochen oder durch Kontusion usw. Die Infektionsgefahr ist in 
'hVsen Fällen besonders dann groß, wenn gleichzeitig eine Nasen¬ 
nebenhöhlen Verletzung eintrat. 

2. Wenn die Zunahme des Reizzustandes, der iritischen Svm- 
pfome, die Abnahme des Druckes dafür sprechen, daß das ver- 
ir izte Auge einen chronisch verlaufenden, infektiösen Prozeß 
d'irrhzumachen hat und die therapeutischen Bestrebungen keine 

■ sening erzielen können. 

3. Zwei, höchstens drei Wochen nach der Verletzung. 

I- Das Auftreten von Lichtscheu und Ermüdbarkeit beim 

sind zuweilen die ersten subjektiven Symptome einer 
1 fohenden sympathischen Ophthalmie. Objektiv lassen sich der 
iwizzustand, Abnahme des Akkommodationsvermögens, manch- 
!' ja] a,,c b leichte Druck Veränderungen im Auge nachweisen. Es 
8t aber daran zu erinnern, daß oft jedes Prodromalzeiehen fehlt. 

Feinste Beschläge an der Descemet sehen Membran, : 
teilen noch bei reizfreiein Auge und nur mit Lupe zu erkennen. | 


reiche n c u v d u n k c I v i o 1 e 11 e Hautblutung e n , starke 
vasomotorische Labilität. Puls früh 44, nachmittags 48, Tomuerntur 
zwischen 86.9 und 37.6. 

22. November. Der Gesamtzustand bessert sieh, die Cvanose 
verschwindet, der Puls vormittags und nachmittags gleich langsam 40 
(86.4). nachmittags 46 (87.2). 

23. November. Puls früh zwischen 38 und 40. Temperatur 
36.7, die Herztätigkeit regelmäßig klüftig, der Blutdruck dem Gefühle 
na-h normal, Herztöne: der systolische Ton über der Herzbasis unrein, 
der zweite Aortenton stark akzentuiert. Nach mehrmaligem Aufsetzen 
steigt die Pulszahl auf 64. 

Der Verlauf dieses Falles war ein sehr schwerer, und 
der Kranke war beinahe aufgegeben. Infolge der stetig zu¬ 
nehmenden Schwäche und der geringen Nahrungsaufnahme 
konnte er sieh allein nicht mehr erheben. Die Herztätigkeit 
war von allein Anfang an eine schlechte, ihre Unregelmäßig- 
i keit in der ersten Woche ließauf degenerative Ver- 
| änderungen des Herzmuskels schließen ; die 
j Kreislaufstörungen äußerten sieh in starker Cvanose, Kühle 
! der peripheren Körperteile, Verringerung der Urinsekretion: 
dabei waren die Temperaturen subfebril mit einem einmaligen 
Maximum von 38,2 0 C. Nach der ersten Woche stellte sich eine 
zunehmende P u 1 s v e r 1 a n g s a in u n g ein. wobei die 
geringste Schlagzahl in den Morgenstunden bestand, durch¬ 
schnittlich 40 bis 44. Da der Kranke nur anfangs einige 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


Digaleninjektionen, später nur Campher bekam, ist die 
Bradykardie nicht auf die Rechnung der Digitalis zu 
setzen, sondern eher auf die funktionellen Störungen 
respektive die anatomischen Veränderungen des 
Herzens durch das Typhusgift zu beziehen. 

Mit zunehmender Kräftigung der Füllung und Span¬ 
nung des Pulses und Besserung des Allgemeinbefindens, 
Sinken der Temperatur verlangsamte sich der Puls auch 
tagsüber und am Abend immer mehr, sodaß schließlich die 
Pulszahl zwischen 38 und 44 in der Minute schwankte 
(23. November); dabei war die Herzaktion etwas verstärkt, 
der zweite Aortenton stark akzentuiert, der Blutdruck 
dem Gefühle nach ein normaler. Es entspricht dieses Bild 
vollständig den Angaben Ortners, der diese Erscheinungen 
als kompensatorische Zeichen für die toxische Lähmung der 
Vasomotoren der oberflächlichen und tiefen Blutgefäße 
(Splanchnicusgebiet) hält. Auch bei den übrigen Fällen von 
Typhus gelangte die Bradykardie öfter zur Beobachtung, 
allerdings nicht während der eigentlichen Erkrankung selbst, 
sondern meist nach der Entfieberung bis in die späte Re- 
konvalescenz andauernd. Die Pulsverlangsamung ging auf 
GO, in vereinzelten Fällen auf 50 und 44 herunter. Am 
Herzen zeigten sich ähnliche Erscheinungen wie die des 
oben beschriebenen Falles. 

Stabsfeldwebel Franz BL, 42 Jahre alt, angenommen am 
30. Oktober. Vor zwei Wochen am Cray Vreh in Serbien mit Fieber 
und Hasten erkrankt. Großer, kräftiger Mann, schweres Krankheitsbild, 
hohes Fieber, 39,6, trockene, belegte Zunge, Roseolen, Milztnmor. 
Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Bronchitis, Nasenbluten. Im weiteren 
Verlaufe nehmen die Erscheinungen an Intensität zu, besonders die 
Bronchitis; am 4, November tritt unter Schüttelfrost eine linksseitige 
Pneumonie im Unterlappen auf; hochgradige Atemnot. Puls 110, 
schwach. In den nächsten Tagen über dem linken Unterlappen Dämp¬ 
fung, reichlicher, rein blutiger Auswurf. Unter starkem Tempe- 
rAturabfall erfolgt am 8. November eine hochgradige Darmblutung 
von 1 bis l 1 /» 1. Nachher Kollaps, der durch wiederholte Digalen-, 
Ergotin- und Campherinjektionen wieder behoben wird. Der Puls bleibt 
klein und frequent, die Temperatur sehr niedrig. Am 9. November 
stärkere Hämoptoö, die den ganzen Tag und die Nacht andauert, 
zunehmende Schwäche, Puls 120, klein, schwach, blutige Stühle. 
11. November: Ausgebreitete Bronchitis beiderseits, auch rechts iu den 
abhängigen Partien Dämpfung, katarrhalische Pneumonie, Sputum 
rein blutig, hochgradige Atemnot, Temperatur wieder subfebril, großer 
Milztumor, blutige Diarrhöen. 13. November hohes Fieber, Sen- 
8orium benommen, starker Husten mit eitrig-blutigem Auswurfe, Puls 130, 
klein. Die Widalsche Probe positiv. 

Am 15. November leichte, öftere Kollapse mit Temperaturabfall, 
Puls über 140, sehr schwach, Atemnot, Sensorium zeitweilig völlig be¬ 
nommen, neuerliche Hämoptoö, die den ganzen nächsten Tag an¬ 
dauert. Am Abdomen und an Brusthaut zahlreiche kleinere 
stecknadelkopfgroße bis bohnengroße Hamorrhagien hellrot 
gefärbt. 

Die Untersuchung des Bluts (Färbung nach Jenner) ergibt 
eine auffällige Leukopenie, vorwiegend kleinere und große Lymphocyten. 
Die Urinuntersuchung ergibt normale Verhältnisse. 

18. November. Großer Schwächezustand. Sensorium benommen, 
Puls 140, starke Bronchitis, trache&les Hasseln, Temperatur 35,9. 
Durchfälle. 

19. November. Puls 120, kräftiger, die Blutungen am Bauch im 
Rückgänge. Widalsche Probe 1:50 sofort positiv, 1:100 inkompl. 
positiv. 

20. November. Der Rücken mit zahlreichen erbsengroßen Eiter¬ 

blasen bedeckt, die nach dem Aufspringen kraterförmige Vertiefungen 
hinterlassen. . . 

21. November. Sputum nicht mehr blutig, aber eitng, aashaft 
stinkend, Kräfteverfall, Puls 140, klein. Starke Durchfälle von licht¬ 
brauner Farbe mit blutigen Beimengungen and reichlich Schleim. 
Unter zunehmender Herzschwäche erfolgt am 24. November früh 
der Exitus. 

Die Obduktion am 24. November vormittags (Dr. BoziSkoviö). 
Die Schleimhaut des Kehlkopfs und der Luftröhre blaß, beiderseits 
Bronchitis, im linken Unterlappen Bronchopneumonie, der rechte Unter¬ 
lappen in eine gangränöse Masse umgewandelt. Fibrinöse Pleuritis. Das 
Herz weich, leicht zerreißlich. An der Aorta und den Aortenklappen 
kleine, gelblich gefärbte Verdickungen. Sehr großer Milztumor, paren¬ 
chymatöse Degeneration. Im ganzen Ileum Schwellung der Peyer¬ 
sehen Plaques und zahlreiche typhöse Geschwüre, zum größten 
Teil in Heilung begriffen. Die Wand des ganzen Dickdarms verdickt, 
knirscht beim Durchschneiden. Die Schleimhaut allenthalben entzündlich 
geschwollen, blaurot verfärbt, mit grauem Schleime bedeckt, stellenweise 
unregelmäßig begrenzte, tiefergehende Schleimhautnekrose (Dysenterie). 


Der Verlauf der Krankheit war ein ungemein schwerer, 
offenbar bedingt durch die Doppelinfektion von Typhus 
und Dysenterie sowie durch das Hinzutreten einer Lungen¬ 
entzündung mit Lungengangrän, die schließlich unter Herz¬ 
schwäche zum Tode führte. Doppelinfektionen beider Er¬ 
krankungen sind auf Grund der Beobachtungen in meiner 
Abteilung keineswegs eine Seltenheit. In der Mehrzahl der 
Fälle, auf welche ich in einer späteren Arbeit ausführlicher 
zurückkomme, überstanden die Kranken zuerst Ruhr und 
infizierten sich nachher mit Typhus; nur in einzelnen Fällen 
traten beide gleichzeitig auf. Die hämorrhagische Dia- 
these äußerte sich in Nasenbluten, rein blutigem Auswurfe 
während der Pneumonie mit zweimaliger Hämoptoe und 
abundante Darmblutungen durch drei Tage, schließlich durch 
die Hautblutungen. 

Infanterist Z. Branko, Freiwilliger, 17 Jahre alt, anfgenommen am 
29. September 1914. Erkrankt vor 14 Tagen bei Amalja in den Deckungen 
an der Drina mit Fieber; schlanker, kräftiger Bursche, Temperatur zwischen 
39 und 40° C. 

2. Oktober. Milztnmor, Bronchitis, Obstipation. 

3. Oktober. Widalsche Probe positiv. 

5. Oktober. Febris continua. Pnls zwischen 80 und 90, kräftig, 
Roseola. Benommenheit des Sensoriums, Unruhe, Delirien. 

10. Oktober. Linke Parotisgegend geschwollen, hochgradige Schwäche, 
Bewußtlosigkeit, andauernd Erbrechen, Nahrangsverweigerung, Temperatur 
zwischen 89 und 40° C, Puls 90 bis 100. 

14. Oktober. Durchbruch des Abscesses an der Wange, starke 
Anämie. Blntuntersuchnng ergibt im nativen Präparat starke Anämie 
der Blutscheiben, Poikilocytose, starke Leokocytose, im gefärbten Prä¬ 
parat (Jenner) auffallende Leokocytose, vorwiegend polynucleäre neutro- 
phüe, vereinzelte mononucleäre neutrophile Lenkocyten und Lymphocyten, 

20. Oktober. Die Temperaturen seit einigen Tagen intermittierend, 
Sensorium noch getrübt. Puls 96 bis 100, sehr schwach und klein. 

21. Oktober. Mehrere multiple Blasenbildungen und Ab- 
scesse am rechten Ober- and Unterschenkel mit rasch eintre¬ 
tender Lymphadenitis in in^nine. 

Gleichzeitig aasgebreitete H&ntblntangen am rechten 
Oberschenkel, Unterschenkel undFuß, bestehend aus dicht neben¬ 
einanderliegenden punktförmigen Hämorrhagien. Nach Incision sämtlicher 
Abscesse und deB Bubos in mgnine geht die Temperatur rasch herunter 
und hält sich eine Woche auf mittlerer Höhe. 

Am 30. Oktober sind die Hämorrhagien verschwunden. Der Kranke 
sehr schwach und hinfällig. 

Anfang November treten öfter leichte fliegende Oedeme and 
Infiltrationen auf, so am 8. November eine ausgebreitete Infiltration 
der rechten Wange, die nach Jodpinselung wieder zurückgeht Die Eite* 
i rang Bämtücher Wanden noch andauernd. 

Am 10. November Oedem des rechten Fußrückens und Knöchel«, 
am nächsten Tage verschwunden. Es besteht hochgradige Anämie and 

Schwäche. Widalsche Probe JooJ nach drei Stunden komplett pos. 

1:200 inkomplett 

Von Mitte November ist der Kranke fieberfrei, die Wunden in 
Heilnngstendenz. 

Am 18. November treten zwei typische epileptische Anfälle mit 
allen charakteristischen Erscheinungen auf. 

In der weiteren Folge zunehmende Besserung und Genesung. 
Die Infektion bei diesem Falle war gleichfalls eine 
sehr schwere, auch hier zeigte das Krankheitsbild mehr die 
Erscheinungsform der Sepsis als eines Typhus. 

InfanteristJohannL.,33 Jahre. Aufgenommen am 16. September 191 j 
Seit drei Wochen krank mit Fieber und Gliederschmerzen. Patient mittel¬ 
groß, schwächlich, anämisch. Temperatur febril, Puls 130, leicht unter¬ 
drückbar. Blutungen ans dem Zahnfleisch, aus Mund und Na«e. 
An der Haut des ganzen Körpers zahlreiche Hämorrhagien 
In der nächsten Zeit Febris continua zwischen 89 bis 40°, Puls stets 
über 100, schwach, Roseola, Milztnmor, öftere Nachschübe kleiner 

hellroter Hantblutungen an verschiedenen Teilen des Körper«. 

Anfang Oktober beiderseits Schwellung der Parotis; die rasch entstan¬ 
denen Abscesse wurden gespalten, doch es folgte außerdem noch beider¬ 
seits eine Perforation in die “äußeren Gehörgänge. 

15. Oktober. Zunehmende Anämie und Schwäche, inter¬ 

mittierendes Fieber mit tiefen Remissionen. Puls zwischen 96 und iw 
starke Eiterung aus beiden Parotis wanden. Dieser Zustand besteht ® 
gleicher Weise mehrere Wochen fort, die Anämie nimmt zu, das natir 
Blut erscheint hellrosa gefärbt. , ,, 

Die hohen Temperaturen gehen allmählich herunter, die rnis** 
hinauf. Die Herztätigkeit sehr schlecht, Bewußtlosigkeit, Delirien. 

Am 8. November. Auf beiden Handrücken zahlreichekleii 1 
Hauthämorrhagien, die Haut sieht wie mit Blut bespritzt»™- 
Puls 120, klein, große körperliche Schwäche. In den nächsten 
neuerliche Hämorrhagien an der Haut von Brust, ö» ncu ' 


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28. Marz. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


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ii-meu aod Beinen. Temperaturen normal, Puls sehr frequent, klein, 
tfidi einigen Tagen sind die Hämorrhagien größtenteils geschwanden. 

Am 14 .November. Zusammenfallend mit neuerlichem Tem- 
peratnranstieg auf 39,5 bis 40» nnd starker Eiterung aus den 
Wanden auf der ganzen linken Brustseite bis zur Mitte des Bauches 
öin macnlopapulöses Exanthem von rötlichvioletter Farbe mit ziemlich 
dichtstehenden linsengroßen Efflorescenzen, die sich bis zum nächsten 
7ige hämorrhagisch nmwandeln. Am 17. ist Brust, Bauch und Röcken 
m dem gleichen Exanthem bedeckt, das unter starkem Hautjucken nnd 
dem Gefühl des Brennens hervortrat. Temperatur zwischen 37 und 38,2 o, 
Pali kräftig. Stuhl fest. , 

Blatantersuchung ergab im nativen und gefärbten Präparat 
eine starke Leakocjtose, vorwiegend polynucleäre neutrophile Lenkocyten. 
1:50 ) 

Widtlsche Probe 1:100 > prompt positiv. 

1:2 OO) 

Harnnntersuchung ergibt keine abnormen Bestandteile. 

18. November. In der Nacht erfolgte starker Schweißausbroch, 
das£jytbem hat zugenommen nnd beginnt sich auch auf die Extremitäten 
iDszabreiten, die dichtstehenden Efflorescenzen sind blutrot gefärbt, so- 
drf das Bild dem der hämorrhagischen Masern gleicht, Tem- 
peratar 37,3 bis 38°. 

19. November. Die Arme and Beine allenthalben mit den blau¬ 
roten Efflorescenzen bedeckt, die stellenweise confluieren, die Haut ist 
bdfl, targescenter, an einzelnen Stellen kleine Bläschen mit tröbem Inhalte; 
starker Juckreiz. An der Ellbogengegend, an den Oberschenkeln und an 
den Knien zahlreiche Hämorrhagien, auch an beiden Handrücken 
mehrere frische linsen- bis bohnengroße Blntnngen. Starke Eite- 
rarg der ParotiBwunden. 

20. November. Das Erythem überall stark vorhanden. 

21. November. Dasselbe im Abblassen mit Hinterlassung von kleinen 
Haatblatnngen and bräunlichen Stellen. Temperatur normal. Pals fre¬ 
quent. klein. 

22. November. An zahlreichen Stellen am Körper sind Bläschen 
and Pusteln zurückgeblieben. Der ganze linke Handrücken neuerlich von 
ßlatnngen bedeckt. Auch in den nächsten Tagen treten immer wieder 
neue Haatblatnngen an beiden Handrücken und an der rechten 
Toraiseito auf. 

25. November. Der Puls 96, kräftiger. Temperatur normal, sub¬ 
jektives Wohlbefinden. 

Auch hier ist die schwere Infektion und die erhöhte 
Toxin Wirkung durch das langdauernde starke Fieber, die 
rasch zunehmende Schwäche und Anämie, die Eiterungen 
und die immer wiederkehrenden Hautblutungen ersichtlich. 
Besonders deutlich war hier zu verfolgen, wie ein einfaches 
Erythem sich unter dem Einflüsse der Noxe hämorrhagisch 
c umwandelfce. 

ß. Nikols, Zivilarbeiter, 19 Jahre alt, aufgenommen am 9. No¬ 
vember 1914. Seit fünf Tagen mit Fieber, Appetitlosigkeit mit Glieder¬ 
schmerzen krank. Der Kranke mittelgroß von schwächlichem Körperbau, 
mager, blaß. Temperatur 39,6. Milztumor. In den nächsten Tagen kon¬ 
tinuierliches Fieber zwischen 39 und 40° C. Zange trocken, belegt. Puls 
Aber 100, dikrot, Sensorium benommen. 16. November Roseola, großer 
Miktomor, Delirien. 18. November. Ausgebreitete Bronchitis, dichtes Ras¬ 
seln in den unteren Partien. Temperatur andauernd hoch. Puls 120, 
schwach. 21. November. Sensorium stark benommen, Schwerhörigkeit, 
Temperatur 40,7 y C, Pnls 129, klein; Stuhl weich, erbsenbreiartig. 

21. November. Bewußtlosigkeit, Delirien, Pnls 112 bis 130, sehr 
schwach, unregelmäßig. Sämtliche Roseolaflecken zeigen eine 
deutliche hämorrhagische Umwandlung. 

22. November. Starker Kräfteverfall. Puls sehr schwach, unregel¬ 
mäßig, in den abhängigen beiderseits dichtes feuchtes Rasseln, bronchiales 
Atmen, großer Milztumor. 

Widalsche Probe: Die Urinuntersuchung ergibt normale Ver¬ 
hältnisse. 

23. November. Die Roseolen von blauschwarzer Farbe, 
tracheales Rissein, Cyanose, Pnls unregelmäßig, kaum tastbar. 24. No¬ 
vember frflb Exitus, 

Die Obduktion am 24. November vormittags (Dr. Bofcickoviß). 

An der Haut von Brost und Bauch vereinzelte schwärzlichblaue Flecken. 

Bie Lungenspitzen beiderseits adhäreat, daselbst mehrere frische und 
altere tuberkulöse Herde und bulböses Emphysem. In beiden Unterlappen 
Pneumonie (rote Hepatisation). Das Herz weich, leicht zerreiß lieh, 
klappen zart ; großer Milztumor mit starker parenchymatöser Degene¬ 
ration. Im Magen ein ausgebreiteter Katarrh. Die Schleimhaut des 
ganzen ileums und Coecums durchsetzt von zahlreichen frischen Ge¬ 
schwüren, die regionären Lymphdrüsen geschwollen. 

Die retroperitonealen Lymphdrüsen von Naßgröße, verkalkt mit 
Zerfall im Innern. Die Schleimhaut des Dickdarms normal, 
jroße Hufeisenniere, Parenchym nicht verändert. 

Pathologisch - anatomische Diagnose: Typhus abdominalis in der 
ntteu Woche, Tuberculosis spicum pulmonum, Pnenmonia bilateralis, 
UMrcalosis in gland. Iymph. retroperit. 


Da« Bemerkenswerte dieses Falles ist die hämorrha¬ 
gische Umwandlung der Roseolen selbst, die beim Ty¬ 
phus zu den seltensten Erscheinungen zählt. 

Infanterist Stefan S, 36 Jahre alt, aufgenommen am 9. September. 
Vor acht Tagen an der serbischen Grenze mit Fieber, starken Magen- 
und Bauchschmerzen erkrankt, schwächlicher kleiner Mann, Temperatur 
über 40° C, Puls 96, Mageugegend vorgetrieben, Äußerst druckempfind¬ 
lich, Meteorismus, auch perkussorische Schmerzemptindung, beiderseitiger 
Bronchialkatarrh. Diese Erscheinungen dauerten in gleicher Intensität 
weiter au. Keine Roseola, kein Milztumor. Obstipation. In den Vorder¬ 
grund treten die starken Magenschmerzen, daß Patient Tag und 
Nacht schreit; diese halten auch nach der Entfieberung (23 Septembbr) 
weiter an. 1. Oktober. Widalsche Probe positiv. Erst am 6. Ok¬ 
tober lassen die Schmerzen nach und der Kranke fängt wieder zu essen 
an, fieberfrei, hochgradige Abmagerung und Blutarmut. 8. Oktober. Am 
linken Oberschenkel, Brust, Bauch und Lendengegend zahl¬ 
reiche pnnktförmige Hämorrhagien, die in den nächsten 
Tagen an Größe und Ausbreitung zunehmen. Puls 100 bis 110, 
sehr labil. Temperatur normal. Obstipation später regelmäßig. Stuhl. Die 
Haulblutungen verlieren sich allmählich, der Patient beginnt sich zu er- 
holon, ist aber noch sehr schwach. Am 6. November, also 44 Tage 
nach der Entfieberung Beginn des Rezidivs mit hohem Tempe¬ 
raturanstiege, Puls über 100, kräftig. Neuerlich Febris continua, nur 
hie und da kommt es zu tiefen Remissionen, Zunahme des Schwäche¬ 
zustandes, hochgradigste Abmagerung, Patient gleicht einem mit Hant 
Überzogenen Skelett. 16. Oktober. Puls sehr klein, inäqual., Herztätig¬ 
keit schwach, am ganzen Rücken zahlreiche kleine frische Hä¬ 
morrhagien, vereinzelt auch an Armen nnd Beinen. 

Die Blutuntersuchung. Natives Präparat: Ganz blasse Schei¬ 
ben, PoikiJocytose, Leukopenie in jedem 15. bis 20. Gesichtsfeld ein Leuko- 
cyt. Färbung nach Jenner: Polynucleäre und neutrophile Leukocyten 
in gleichem Verhältnisse, hauptsächlich kleine Lymphocyten. 

Die Urinuntersuchung ergibt normale Verhältnisse. Durch 
längere Digitalisverabreichung gelingt es, die Herztätigkeit zu bessern. 
18. November. Temperatur noch andauernd hoch gegen 39°, Pols 100 
bis 110 kräftiger. 

Allmählich erfolgt lytischer Fieberabfall. Die körperliche Schwäche 
ist so hochgradig, daß der Kranke nur mit Mühe die Hände heben kann. 
Langsam zunehmende Besserung. 

Die Krankheit dauerte bis zur Entfieberung nach dem Rezidiv zwei¬ 
einhalb Monate und war eine der schwersten, die wir hier hatten. 

Ein Ueberblick über die beschriebenen elf Fälle zeigt 
uns trotz des vielfach recht verschiedenen Krankheitsbildes 
vor allem das Gemeinsame — die schwere Infektion. Ob 
diese nun zu rasch tödlichem Ausgange führt oder einen 
monatelang protrahierten Verlauf nimmt, immer sehen wir 
den Typhus in seiner Wechsel vollen Gestaltung als Allge¬ 
meininfektion des Körpers. Diese war auch in 75°/ 0 
aller andern Typhusfälle ersichtlich, bei denen die sonst 
vorwiegenden Darmerscheinungen klinisch so gut wie ganz 
fehlten. Und in der Mehrzahl der beschriebenen Fälle von 
hämorrhagischem Typhus entsprach der Verlauf auch klinisch 
dem Bilde einer septischen oder pyämischen Er¬ 
krankung mit Ausbreitung der Infektionserreger in die 
Blut- und Lymphbahnen des Körpers, öfters mit Bildung 
von metastatischen Entzündungen oder Eiterungen in den 
verschiedensten Teilen desselben. Dies Verhalten entspricht 
vollkommen der Auffassung Schottmüllers über die Patho¬ 
genese des Typhus überhaupt. Der Typhus abdominalis ist 
keine Erkrankung des Darmes, sondern eine Erkrankung des 
Lymphgefäßsystems, durch welche es zu einer Allgemein¬ 
erkrankung des Körpers kommt, und zwar infolge der stän¬ 
digen Anwesenheit der Typhuskeime in der Lymphe und im 
Blute. Der Verdauungstrakt ist nur die Eingangspforte des 
Typhus. Die schwächere oder stärkere Ausbreitung der 
Typhusbacillen in den einzelnen Teilen des Organismus er¬ 
klärt uns zusammen mit der Toxinwirkung am einfachsten 
jede Erscheinungsform oder Komplikation der Krankheit. 

Diese Annahme ist auch als Erklärung für das Auf¬ 
treten der Eiterungen hinreichend, die in manchen Ländern 
eine ungemein häufige Komplikation des Typhus bilden. Wie 
nun in zahlreichen Fällen nachgewiesen ist, kann der Typhus¬ 
bacillus unter günstigen Bedingungen allein die Eiterungen 
bedingen, selbst zum Eitererregor werden. Dafür spricht 
das frühe Auftreten der Abscesse, z. B. der Parotisabscesse 
schon in der zweiten Woche. Auch in zahlreichen andern 
Fällen von Typhus, die hier zur Beobachtung kamen, sah 


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UNiVERSUY OF IOWA 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


Ich gleich zu Anfang die Bildung von Abscessen, die ganz 
den Eindruck von kalten Abscessen machten. Bakterien- 
fftrbungen des Eiters ergaben keine Eiterkokken, eine Züch¬ 
tung war mir leider unmöglich. 

Das ausgesprochene Bild des Typhus septicus ist 
wohl zu unterscheiden von der posttyphösen Sepsis, 
die sehr häufig erst nach dem Abklingen des eigentlichen 
typhösen Prozesses mit Schüttelfrösten, Absceßbildungen, 
Vereiterungen von LymphdrÜsen, Venenthromben, Infarkten 
usw. auftritt. Hier handelt es sich zumeist um Misch¬ 
infektionen mit Eitererregern, in vielen Fällen können aber 
auch hier noch Typhusbacillen im Eiter nachgewiesen 
werden. 

In sporadischen Fällen hat die frühzeitige Unter¬ 
scheidung eines septischen Typhus von irgend¬ 
einem andern septischen Prozeß auch eine große 
praktische Bedeutung hinsichtlich der Infektionsgefahr. Es 
besteht mitunter eine vollständige Gleichartigkeit des 
Krankheitsbildes, bei beiden kommen Roseola, Milztumor, 
hohes, selbst kontinuierliches Fieber, trockene, belegte Zunge, 
Durchfälle, Störungen des Bewußtseins usw. vor. Auch der 
Puls gestattet meist keine Differentialdiagnose, da bei sep¬ 
tischem Typhus die relative Puls Verlangsamung nur selten 
und nicht von langer Dauer ist, da bald schwere Störungen 
des Herzens und Gefäßsystems hinzutreten. Fast immer 
vermißte ich bei den Fällen von septischem Typhus 
Schüttelfröste und das Vorhandensein einer frischen 
Endokarditis. Die Leukocytenzählung (Hyperleukocytose 
bei Sepsis, Leukopenie beim Typhus) ist infolge der häufigen 
Aenderungen des Bildes durch Komplikationen beim Typhus 
nicht absolut sicher. Eine verläßliche Unterscheidung ge¬ 
statten nur die Züchtung der Bakterien aus dem Blut und 
die Agglutination. 

Auf den septischen Charakter des Typhus (Bakteriämie 
und Toxinwirkung) sind auch die Veränderungen der Haut 
und die Erscheinungen der hämorrhagischen Diathese zu be¬ 
ziehen. 

Die hämorrhagische Diathese ist der Ausdruck 
einer Erkrankung der Gefäße. Fast in jedem Falle 
von halbwegs schwerem Typhus finden wir Störungen im 
Bereiche der Kreislaufsorgane der verschiedensten Art, deren 
genauere Kenntnis wir in der letzten Zeit den eingehenden 
Arbeiten Ortners verdanken. Ist doch schon die Dikrotie 
des Pulses, eines der charakteristischen Zeichen des Typhus, 
bereits der Ausdruck einer Erschlaffung der Gefäßwand. 
Und je nach der Schwere des Typhus, nach dem Grade der 
Infektion und Toxinwirkung können wir fast ausnahmslos 
die verschiedensten Erkrankungen des Gefäßsystems und des 
Herzens feststellen, angefangen von der vasomotorischen 
Lähmung bis zur schwersten anatomischen Schädigung der 
Gefäßwand selbst. Je schwerer die Infektion, desto früher 
und stärker treten diese Erscheinungen hervor. Das Auf¬ 
treten von Hämorrhagien an der Haut und in inneren Or¬ 
ganen, die hämorrhagische Umwandlung der Roseolen usw. 
sind der Ausdruck einer toxischen Schädigung der Ge¬ 
fäße, namentlich der Endothelien der Kapillaren, 
die nicht mehr imstande sind, die korpuskularen und flüs¬ 
sigen Bestandteile des Bluts zurückzuhalten. Daher sehen 
wir neben den Hämorrhagien auch das Auftreten von serös 
hämorrhagischen Exsudaten. Sehr selten erfolgten die Haut¬ 
blutungen noch während der Zeit einer gesteigerten Herz¬ 
aktion, die Ortner als kompensatorische Leistung für die vaso¬ 
motorische Lähmung der oberflächlichen und auch der tiefen 
Gefäße (Splanchnicusgebiet) auffaßt, trotzdem dabei oft ein 
Pulsieren der feineren Arterien, ein Capillarpuls, ja sogar 
ein dikroter Capillarpuls (Ortner) vorhanden ist. 

Es war fast in allen von mir beobachteten Fällen von 
Typbus haemorrhagicus auffallend, daß die Blutungen 
der Haut oder anderer Organe zeitlich mit dem 
Nachlassen der Herzkraft zusammentrafen. Darauf 


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aufmerksam geworden, untersuchten wir in allen schweren 
Fällen von Typhus beim Auftreten eines kleinen, unregel¬ 
mäßigen Pulses den Körper genau auf Blutungen und fanden 
so in der Tat wiederholt die ersten Hämorrhagien. Das gilt 
nicht allein für die letal endigenden Fälle, sondern auch 
für die andern, bei denen die Krankheit einen monatelangen 
schleppenden Verlauf nahm. 

Eine Gefäßwandschädigung als Ursache der Blutungen 
war auch daraus ersichtlich, daß in den schweren Fällen 
von septischem Typhus nach mechanischen Einwir¬ 
kungen auf die Haut, Kratzen, Reiben, Druck sich im 
ganzen Ausmaß des gereizten Gebiets binnen kurzer Zeit 
Hämorrhagien einstellten. 

Die hämorrhagische Diathese ist keine selbständige 
Erkrankung, sondern eine Begleiterscheinung aller jener 
Krankheiten, bei denen es zu Schädigungen der Gefäßwand 
kommt oder der Chemismus des Bluts schwere Veränderun¬ 
gen akfweist, so bei der chronischen Nephritis, bei allen 
septischen Erkrankungen, bei rasch eintretendem Marasmus 
bei allen Blutkrankheiten im Verlauf schwerer Infektionen, 
z. B. bei der hämorrhagischen Form der Masern, Blattern, 
des Scharlachs und Flecktyphus. 

Ein in der letzten Zeit beobachteter Fall von Purpura 
variolosa veranschaulicht den Vorgang sehr deutlich. Der 
Krauke wurde mit einem scarlatinösen Initialexanthem ein¬ 
geliefert, das sich über Nacht hämorrhagisch umwandelte. 
Innerhalb von 12 Stunden kam es zu einer enormen Ver¬ 
mehrung und Ausbreitung der Hautblutungen, sodaß die 
Haut auf große Strecken dunkelblauviolett verfärbt war. 
Erst dann stellte sich unter mächtiger Schwellung der Baut 
der Pockenausschlag ein. Am dritten Tage erlag der Patient 
der bösartigen Krankheit. 

Wichtig ist die Kenntnis des hämorrhagischen Typhus 
abdominalis bezüglich der Differentiaidiagnose mit dem 
Flecktyphus. Der klinische Verlauf und die Symptome 
können ziemlich gleichartig sein, so die Ausbreitung der 
Roseola über den ganzen Körper, die petechiale Umwandlung 
dieser und die allgemeine hämorrhagische Diathese, was für 
den Flecktyphus besonders typisch gilt. Die Roseolen bei 
letzteren sind weniger scharf begrenzt, meist blässer, zahl¬ 
reicher und zeigen keine Nachschübe; öfters tritt auch eine 
leichte Schuppung auf. Iu zweifelhaften Fällen ist der 
Nachweis der Typhusbacillen im Blute oder die Agglutination 
das einzig Beweisende. Erscheinungen der hämorrhagischen 
Diathese findet man nicht selten auch bei Darmkrankheiten 
besonders im Kindesalter. Derartige Fälle von Purpura 
mit Darmkoliken hat seinerzeit Henoch beschrieben. Die 
Aetiologie ist unbekannt, v. Jaksch beobachtete ein hämor¬ 
rhagisches Exanthem auf gonorrhoischer Basis. 

Beim hämorrhagischen Typbus kommen Blutungen 
der verschiedensten Art und Lokalisation vor, besonders 
aber in jenen Organen, die an und für sich durch den 
Krankheitsprozeß gewöhnlich schon schwer in Mitleiden¬ 
schaft gezogen sind, wie die Schleimhaut des Verdauungs¬ 
und Respirationstraktes und des Nierenbeckens. 

Am häufigsten trat (auch bei andern Typbuskranken) 
Nasenbluten in der ersten oder zweiten Woche auf, viel¬ 
fach auch Blutungen aus dom Zahnfleisch, d e m 
Rachen und den Lungen. Unter 400 Fällen von Typhös 
sah ich viermal Hämoptoe, zweimal im Beginne, zweimal 
während des Verlaufs der Krankheit. Diese unterschied 
sich aber von der gleichen Erscheinung beim hämorrha¬ 
gischen Typhus dadurch, daß sie nur einmal von kurzer 
Dauer erfolgte, während bei diesem die Blutung tagelang 
dauerte und in profuser Weise verlief. ... 

Auch die andern Blutungen zeigten bei einzelnen FaH 
von hämorrhagischem Typhus ausgesprochenen hämophi‘ e 
Charakter, so die Blutungen aus dem Zahnfleisch und e 
Nase, ebenso die langdauernden Darmblutungen. Eine N<ß* 
gung zu Blutungen, familiäre Veranlagung, wurde von keinc ra 


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UNIVERSITV OF IOWA 







28 . Marz. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


365 


Patienten zugegeben; gleichwohl ist es bekannt, daß in be- 
■«aa, c* stimmten Familien Darmblutungen beim Typhus häufiger und 
starker auftreten 1 ). 

*pai« ; Magen- und Darmblutungen waren nur in zwei 

sofidfiB l, rauen vorhanden und stellten sich bei dem einen terminal 

■niMaife ein. Bei den schwereren Fällen fand sich auch Blut im 

Urin, meist einer hämorrhagischen Nephritis entsprechend. 
xktBl® Bei der Sektion fanden sich zweimal ausgebreitete flächen- 
xtm'i hafte Blutungen auf der Pleura und dem Peritoneum, 
che: b im Falle V. auch starke Hämorrhagien in den 

Mt Muskeln und kleine Blutungen in der Schleimhaut des 

-en fa®; Nierenbeckens. 

Am konstantesten waren beim hämorrhagischen Typhus 
•inesfc die Hantblut ungen, die an Größe, Farbe und Verteilung 
u eine große Verschiedenheit aufwiesen, 

der In einigen Fällen sah die Haut wie mit frischem, 
■refe hellrotem Blute bespritzt aus und zeigte bei neuen 
.ntis. k Blutungen immer wieder dieselbe Art des Auftretens; dies 
idem fc: war namentlich bei sehr anämischen Kranken mit sehr 

rer Mc dünner Haut und wäßrigem lichten Blute der Fall. Bei 

;rnJ.i: andern kam es zu kleineren und größeren violetten bis 

blauschwarzen Flecken; bei diesen zeigte auch das ent¬ 
hob nommene native Blut eine auffallend dunkle, fast schwarze 
r dei: Farbe und schien bei äußerer Betrachtung direkt eingedickt. 

Jeiariii Bei diesen Patienten bestand meist auch Cyanose. Anfangs 
:t (heu: hegin^oD wir einigemal einen diagnostischen Irrtum, als wir 
sogenannte Täches bleues für leichte Blutungen ansahen. 1 
Ten,;:. Sehr bald aber belehrten uns die zahlreichen Läuse eines i 


wie sich solche kleine hämorrhagische Blasen aus der Roseola 
entwickelten. 

Die Prognose beim hämorrhagischen Typhus ist immer 
eine sehr ernste, doch ist der Ausgang nicht immer tödlich. 
Von 400 Typhusfällen verliefen elf mit hämorrhagischer 
Diathese, also nicht ganz 3°/o, von denen sieben starben 
(57%). 

In den Epidemiespitälern von Schabatz und Ujvidek 
konnte ich später unter weiteren 360 Fällen von Typhus 
abdominalis sechs Fälle von hämorrhagischem Typhus fest¬ 
stellen, von denen vier starben. 

Bei der Behandlung spielt die möglichst frühzeitige 
Berücksichtigung der rasch eintretenden Störungen der Kreis¬ 
lauforgane die Hauptrolle. Demzufolge verabreichen wir bei 
jedem halbwegs schweren Falle von Typhus während der 
Akme Digitalisinfus innerlich oderDigalen, Gampheröl, Coffein 
subcutan mit dem besten Erfolge. Es gelang uqs damit sehr 
häufig, schwere Herzstörungen zu beseitigen und einer Herz¬ 
schwäche vorzubeugen. 

Zusammenfassung: 

Der hämorrhagische Typhus ist nicht der Aus¬ 
druck einer eigenartigen Infektion, sondern kenn¬ 
zeichnet den Typhus nur als eine schwere Allge¬ 
meininfektion des Körpers septischen Charakters. 

Die hämorrhagische Diathese ist durch Gefä߬ 
schädigungen infolge erhöhter Einwirkung des 
Typhusgifts und individueller Disposition verur¬ 
sacht; ihr Auftreten fällt zeitlich mit Störungen 
der Herztätigkeit und des Kreislaufs zusammen. 


I;- r : In der Regel zeigten die Hämorrhagien einen rötlich- i 

.jujjif:, braunen Farbenton, der nach einigen Tagen ins bräunliche 

5 verblaßte; nur die größeren und tiefer gelegenen Blutungen I 
blieben längere Zeit unverändert bestehen, ehe sie die be- j 
: kannten Farben Veränderungen des Hämoglobins zeigten. j 

. Fast bei allen Fällen erschienen die Blutungen an der Haut | 

des Bauches und der Brust, erst später auch an den Ex- | 
tremitäten, an den Händen und Armen häufiger als an den 
; Beinen und mit Vorliebe in der Nähe der Gelenke. 

Neben den Blutungen bestanden beim hämorrhagischen 
Typhus noch die verschiedensten andern Hautver- 
änderungen, so Exantheme, Dermatitiden, Erytheme, 
Crticaria, fliegende Oedeme, Furunkeln, Abscesse, 
ja ausgebreitete Hautgangrän. 

Diese Hauterkrankungen sind zum Teil Folgen der 
vasomotorischen Störungen und der degenerativen Verände¬ 
rungen der Gefäßwand durch das Typhusgift, zum Teil Ent- 
zündungserscheinuDgen durch die lokale Anwesenheit von 
Typhusbacillen in den erweiterten BlutcapiHaren und Lymph¬ 
en, Ein charakteristisches Beispiel hierfür bietet der 
Zusammenhang von Entzündung und Blutung der Haut bei 
der hämorrhagischen Umwandlung der Roseolen, die 
ich in drei Fällen beobachtete, und anderer Hautaffek¬ 
tionen. 

So traten z. B. im Falle V. an verschiedenen Stellen 
des Körpers starke Schwellungen der Haut mit Rötung auf, 
an deren Stelle sich am nächsten Tag ausgebreitete Blutungen 
befanden. 

Im Falle L. entwickelte sich ein maculo-papulöses 
Exanthem, das nach und nach den ganzen Körper befiel 
und bei dem sich zahlreiche Efflorescenzen in Hämorrhagien 
oder hämorrhagische Blasen um wandelten. Auch in andern 
Fällen von septisch-hämorrhagischem Typhus schossen zuerst 
^serkiare Blasen auf, deren Inhalt und Umgebung sich 
°‘t über Nacht blutig verfärbte. Wie die Roseolen dürften 
auch diese Blasen als metastatische Ansiedlungen der Typhus- 
bacjilen gelten. In einem Falle konnte ich direkt beobachten, 

, . *1 Neben einer individuellen Veranlagung können hämophiie Eigen- 
* ■*. p öc ^ aQ ^ toxischer Basis beruhen. Das Auftreten von ander- 
b Fällen hämorrhagischer Diathese, Skorbut usw. wurde nicht 


Aus dem Kgl. Institut für Infektionskrankheiten „Robert Kooh u 
zu Berlin. 

Zur Bekämpfung des Pieckfiebers 

von 

F. Neufeld. 

1. Die Maßnahmen zur Entlausung. 

Die Uebertragung des Fleckflebers ist allen Beobachtungen 
zufolge au die Gegenwart von Kleiderläusen gebunden; gegen diese 
richten sieb daher unsere Abwehrmaßnahmen 1 ). 

Die Läuse und ihre Eier finden sich ganz überwiegend an 
der Wäsche und den Kleidern, insbesondere da, wo die Kleidung 
i eng anliegt (Halsbinde, Kragen, unter den Hosenträgern), ferner 
I in den Betten: bei starker Verlausung muß man auch mit dem 
Vorkommen der Tiere auf dem Fußboden und den Wänden 
rechnen. Läßt man aufs stärkste verlauste Personen sich aus- 
ziehen, so ist man Überrascht, wie schwer es gelingt, einzelne am 
Körper zurückgebliebene Läuse aufzufinden. 

Zur Befreiung der Kleider von Läusen und Läuseeiern 
dient vor allem die feuchte Hitze (Desinfektion mit strömendem 
Wasserdampfe), ferner die unten näher besprochene schweflige 
Säure. Auch kann man die trockne Hitze (eigne Trockenschränke, 
Bügeln von Kleidern und Wäsche mit heißem Eisen) anwenden. 
Ueber derartige Apparate und ihre Improvisierung hat kürzlich 
Hey mann (Kriegsärztlicher Abend im Langenbeckhaus am 
23. Februar) ausführlich berichtet; bei dem langsamen Eindringen 
der trocknen Hitze dürfte dieses Verfahren aber da, wo es sich 
um schnelle Entlausung größerer Mengen von Kleidern handelt, 
mit den andern nicht konkurrieren können. Welches Verfahren 
das zweckmäßigste und billigste ist, richtet sich im übrigen ganz 
nach den Umständen. 

Zur Entlausung der Wäsche kommen dieselben Verfahren 

') Wenn wir die Uebertragung durch Kleiderläuse offenbar als 
den normalen Infektionsweg anzusehen haben, so ist deshalb nicht aus¬ 
geschlossen, daß in seltenen Fällen einmal eine Infektion auf andere 
Weise, zum Beispiel dnreh unmittelbare Uebertragung des infektiösen 
Bluts durch Stich mit einem spitzen Instrument, erfolgen kann. Aus 
Tierversuchen wissen wir, daß das Blut den Infektionsstofl enthält: ob 
derselbe etwa (wie beim Recurrens) auch durch die unverletzte Haut 
eindringen kann, und wie lange etwa das Leichenblnt infektiös bleibt, 
wissen wir noch nicht. Fälle derartiger Uebertragung sind bisher nicht 
bekannt geworden, immerhin wird Vorsicht bei Blutentnahmen and 
Sektionen zu empfehlen sein 


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UNIVERSUM OF IOWA 






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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


in Frage, außerdem das Waschen mit heißer Lauge, sowie etwa 
(‘inständiges Einlegen in 5%ige Lysol- beziehungsweise Kresol- 
seifenlösung. Alle diese Verfahren gewährleisten 
eine sichere Abtötung der Läuse einschlie߬ 
lich ihrer Brut. 

Die am Körper befindlichen Läuse (im Vergleich zu den 
in der Wäsche und den Kleidern sitzenden sind es nur wenige) 
werden durch Abwaschen mit Schmierseife entfernt; aus prak¬ 
tischen Gründen wird es sich in der Regel empfehlen, bei der¬ 
selben Gelegenheit etwa vorhandene Kopf- und Filzläuse mit den 
bekannten Mitteln zu beseitigen. 

Die Räume, die mit Läusen von Fleckfieberkranken in¬ 
fiziert oder verdächtig sind, können nach Abdichten (wie bei der 
Formalindesinfektion) durch Einleiten von schwefliger Säure von 
den Läusen und ihrer Brut befreit werden; oft wird es zweck¬ 
mäßig sein, die infizierten Kleider, Wäsche und Betten in dem 
Zimmer zu belassen und gleichzeitig auszuschwefeln. Die schwef¬ 
lige Säure kann durch Verbrennen von Stangenschwefel nach 
Uebergießen mit Brennspiritus in geeigneten Pfannen (Technik 
siehe Grasberger, W. kl. W. 1914, S. 1615) oder durch Ver¬ 
brennen der (zu etwa 90% aus Schwefelkohlenstoff bestehenden) 
„Salforkose“ (Technik bei Bischoff, D. militärärztl. Zschr. 
1912, S. 681) oder aus einer Bombe mit komprimiertem Gase ge¬ 
wonnen werden. Das erstgenannte Verfahren ist das billigste; 
dabei dürfen aber, ebenso wie beim Salforkoseverfahren, im Um¬ 
kreise von etwa 1 m Entfernung vom Apparat keine leicht brenn¬ 
baren Gegenstände sich befinden. 

Zur Orientierung über die Technik und die Kosten der ver¬ 
schiedenen Methoden sowie zur Berechnung des Prozentgehalts 
der Zimmerluft an S0 2 bei den einzelnen Verfahren mögen fol¬ 
gende Angaben dienen. 

Will man zum Beispiel einen Raum von 25 chm auf einen Ge¬ 
halt von 4 % schwefliger Säure bringen, so braucht man dazu 1 chm 
des Gases; 1 cbm SO* ist aber annähernd gleich 3 kg *). Diese Menge 
entsteht durch Verbrennen von VA kg Stangenschwefel (0.88 bis 0,52 
Mark), der mit 60 ccm Brennspiritus übergossen wird, da er sonst nicht 
völlig ausbrennt; die Verbrennung geschieht in einer eisernen Pfanne, die. 
damit das Eisen nicht angegriffen wird, mit Schamotte oder dergleichen 
ausgekleidet und genügend groß sein muß. sodaß der brennende 
Schwefel nicht überlließt. Eine solche Pfanne, in der nach Gras- 
b c r g e r in zwei Stunden bis zu 8 kg Schwefel verbrennen, kostet 
fertig bezogen etwa 20 Mark, läßt sich aber billiger hersteilen. 

Von der Salforkose, die von der Firma A. S c h o 11 z in Ham¬ 
burg, Schulterblatt, vertrieben wird, sind zur Gewinnung von 1 cbm 
SOU etwa 2 kg erforderlich (Preis 8 Mark): der Apparat dazu kostet 
;}(j Mark und faßt 2A kg, die in etwa % Stunde ausl»rennen; zur 
Erzeugung größerer Mengen Gas muß man mehrere Apparate gleich¬ 
zeitig verwenden. Im Augenblick des Anzündens schlägt eine Sticli- 
(lammc hoch, dann brennt die Flüssigkeit gleichmäßig weiter. Als 
billigerer Ersatz wird eine Mischung von 90 Teilen Schwefelkohlenstoff 
und je fünf Teilen Wasser, Brennspiritus empfohlen. 

Die komprimierte schweflige Säure kommt in Bomben zu 50 kg 
in den Handel, eine solche Bombe kostet etwa 30 Mark (dazu 2 Mark 
monatliche Leihgebühr für die Stahlfla-sche), 1 kg also etwa 0,60 Mark, 

1 cbm 1,80 Mark. Das Gas wird von außen durch das Schlüsselloch 
eingeleitet; man stellt die Bombe auf eine Wage und liest direkt ab, 
wieviel Kilogramm ausströmen. In unsern Versuchen flössen bei einer 
Außentemperatur von 15° in zwei Stunden zirka 5 kg aus: um das 
Ausströmen zu besclileunigen und die bei längerer \ ersuchsdauer cin- 
tretemle Abkühlung, die zum Einfrieren des Gases an der Austluß- 
miindung führen kann, zu verhüten, kann man die Bombe mit heißem 
Wasser übergießen und darin stehen lassen. 

Gotschlich fordert in dem auszuschwefelnden Raum 
eine Konzentration von wenigstens 4% S0 2 , für Salforkose wer¬ 
den bei sechsstündiger Einwirkung auf 100 cbm Raum 2;>00 g vor¬ 
geschrieben, was eine Konzentration von 1,25% SO, ergeben 
würde; für kleinere Räume wird relativ etwas mehr vorgeschrieben. 

Im Institut wurden in den letzten Monaten eine Reihe von 
Versuchen über die Wirkung der schwefligen Säure in einem 
40 cbm großen Raum ausgeführt, in dem eine größere Anzahl von 
Uniformen, alten Kleidern und Wolldecken untergebracht war; da¬ 
bei tritt eine gewisse Absorption des Gases ein. Die Kleider wurden 
an Haken oder Bügeln mehrfach übereinander gehängt 
und die Proben von Läusen und Eiern in mit Watte verschlossenen 
Reagenzröhrchen in den Hosen- und Rocktaschen untergebracht. 
Bei einem Gehalte von etwa 33/2 bis 4% SO, trat in drei bis vier 
Stunden (einschließlich der Zeit der Einleitung des aus einer Bombe 
entnommenen Gases) Abtötung ein. ln einem andern Versuche 
packten wir einen großen Wäschekorb voll wollener Kleider und 

*) Genauer entsprechen 3 kg SO» bei 0” I.U.». bei 20" t' 1.125 cbm. 1 


legten noch zwei dicke Wolldecken darüber; in der Mitte des 
Korbes wurden die Proben, teils in Reagenzröhrchen, teils in ge¬ 
schlossenen Petrischalen, untergebracht. In diesem Falle 
leiteten wir etwa 1% Gas ein; innerhalb vier Stunden waren alle 
Läuse nebst Eiern abgetötet 

Wir haben Versuche unter derartig schweren Bedingungen 
aus dem Grund ausgeführt, weil es in der Praxis gelegentlich einen 
großen Unterschied ausmacht, ob man einem Desinfektor die ge¬ 
fährliche Aufgabe 1 ) zumuten muß, die Kleider lose auf Bügeln 
auszubreiten oder ob man die Bachen von den Leuten selbst ein¬ 
fach in einen Korb werfen lassen kann, der dann zweckmäßig 
mit einem in Kresolseife getauchten Tuch auszulegen und zuzu¬ 
decken wäre. 

Von sonstigen Mitteln zur Bekämpfung der Läuse in den 
Wohnungen hat Gotschlich die Verstaubung von 5 %iger 
Carbolsäure als wirksam erprobt Ferner wird gründliches Auf¬ 
wischen des Fußbodens mit reichlich Kresolseifenlösung und 
Tünchen der Wände mit frischer Kalkmilch empfohlen; Berichte 
ans der Praxis sind darüber meines Wissens nicht mitgeteilt wor¬ 
den. Sublimatlösung ist gegen Läuse unwirksam, ebenso Form- 
aldehydräuchenmg in den üblichen Konzentrationen. 

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, verfügen wir über 
mehrere ausgezeichnete Methoden zur Läuse Vertilgung: Sache des 
leitenden Arztes wird es sein, die Maßnahmen, die sieh auf die 
Entlausung der Personen, der Kleider und der Unterkunftsräuine 
beziehen, richtig ineinandergreifen zu lassen, sodaß nicht in¬ 
zwischen wieder eine Einschleppung stattfinden kann. 


2. Ueber persönlichen Schutz vor der An¬ 
steckung. 

Ein persönlicher Schutz der Aerzte und des Wartcpcrsonal 
erscheint nur da notwendig, wo noch Läuse vorhanden sind, also 
in einem gut geleiteten Krankenhaus in der Regel nicht mehr am 
Krankenbette, sondern bei der Aufnahme, vor allem aber natür¬ 
lich, wenn inan verlauste Kranke in ihren eignen unsauberen Quar¬ 
tieren aufsucht. Hier ist die Gefahr der Ansteckung bekanntlich 
sehr groß und sie wird um so größer sein, je dunkler die 
Räume sind; alsdann fehlt nicht nur jede Möglichkeit einer Kon¬ 
trolle, sondern die Läuse sind auch im Dunkeln viel beweglicher 
als im Hellen, man sollte solche Räume daher möglichst nicht 
ohne eine helle Acetylenlaterne betreten. Die Ansteckung geht 
in der Regel wohl so vor sich, daß die Läuse auf die Kleider 
da übergehen, wo man (am leichtesten vielleicht am Ellbogen 
und an den abstehenden Teilen des Rockes oder Mantels) ver¬ 
lauste Kleider oder Betten streift: von hier kriechen sie mit großer 
Schnelligkeit bis zu einer Umschlagstelle der Kleidung und gehen 
dort auf die Wäsche und den Körper über. Vereinzelte Läuse 
hier wiederzufinden, ist offenbar kaum möglich; ebensowenig 
fühlt man (ganz anders wie bei Flöhen und Wanzen) einzelne 
Läusestiehe! 

Für das einzige wirksame persönliche 
Schutzmittel in solchen Fällen halte ich 
ohne darin einen absoluten Schutz zu sehen — das Tragen 
einer Schutzkleidung aus völlig glatten 
Stoffen, w r ie Oeltuch; auf solchen Stoffen 
vermögen die Läuse, wie ich mich durch Ver¬ 
suche überzeugt habe, sich nicht dauernd fcst- 
zu halten und nicht auf- und abwärts, vor 
allem nicht an den Umschlagstellen a u f die 
Innenseite zu kriechen. Personen, die sich IänSj‘ re 
Zeit in solchen Räumen aufhalten, insbesondere 
infektoren, die mit verlauster Wäsche usw. hantieren 
sollten vollständige Anzüge aus Oeltuch tragen. Die Naj» ^ 
werden am besten durch Gummihandschuhe geschützt. 1 
Anwendung der üblichen weißen , ! ” 
mäntel möchte ich für zwecklos hal ,l * 
da die Läuse gern auf solche Stoffe übergehen, und bevor < 
Mantel nachher desinfiziert wird, längst Zeit gefunden n* 1 
auf die Wäsche und an den Körper zu gelangen. 


*) Nach Gotschlich (llandb. d. Hygiene von K ^ . 

r uber-Ficker, B. III. 2) wurde in Alexandrien an . ,(, \-wp 
efährdeten Stellen, insbesondere in der Aufnahmestation jo J ^ 


ieberhospitälern. d u 
liier solches zu Gebot 
lahme zu 1 reffen 


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• c hs (II eh t e S P e rsonal verwendet: 

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UNIVERSUY OF IOWA 



. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


367 


7 Am zweckmäßigsten und haltbarsten fand ich Anzüge aus 

al? - üfbwantem Oeltuche, die sich über die andere Kleidung überziehen 

. j assW i. von der Firma Peek & Cloppenburg, Berlin C, Gertraudten- 

,^ straße [Preis 20 bis 25 Mark] *); sie sind haltbar und haben den großen 

Vorzug. nicht auffallend auszusehen, sondern ganz ähnlich wie die 

schwarzen (Leder-) Uniformen der Kraftfahrertruppen. Ebenfalls gut, 
PS fu-. ater weniger haltbar und etwas auffallender sind die in verschiedenen 
• Geschäften unter der Bezeichnung „Aegirin“ erhältlichen gelben Oel- 

’.Y: tuche. Ja jedem Falle muß man die ganz glatten ..geschliffenen“ 

11 “ ’ Stoffe fordern. Unter den Hosen sind am besten hohe Stiefel zu tragen. 

® pj e Aermel sollen am Handgelenk eng abzuschließen sein, sodaß man 

* nicht unversehens sich eine Laus in die Aermelöflfnung hineinwischt; 

.ix >*-. einen so festen Abschluß der Kleider an Armen und Beinen zu er- 

reichen, daß keine Läuse hineinkrieehen können, halte ich dagegen 
nicht für erreichbar. Der Kopf wird am sichersten durch eine Lotsen¬ 
kappe aus glattem, geöltem, „geschliffenem“ Seidenstoffe 
f („Srhlnngenhaut“), die an den Ohren und am Nacken fest an liegt, 

!<■ geschützt; ich erhielt solche zum Preise von 5 Mark bei Rochlitz, Char¬ 

lottenburg. Joachimsthaler Straße 1 ). Meist wird auch eine Mütze aus 
irgendeinem glatten Stoffe genügen. 

(, , Für Personen, die sich nur kurze Zeit in infizierten Räumen 

aufbalten, dürfte ein nicht zu kurzer Mantel aus denselben Stoffen (Preis 
V etwa 12 bis 15 Mark) oder aus geölter Seide („Schlangenbaut“. Preis 

L ' 40 bis 60 Mark), wie er als Regenznantel vielfach benutzt wird, bereits 

einen weitgehenden Schutz gewähren, besonders wenn zugleich hohe 
Stiefel getragen werden. Vor der (meist wohl nicht allzu großen) Ge¬ 
fahr, daß vom Fußboden aus Läuse aufkriechen. schützen auch Gummi- 
' ' schuhe; lange Hosen bieten aber immer die Möglichkeit, daß die von 
einem glatten Mantel herabgleitenden Läuse daran haften bleiben. 

Eine eigentliche Desinfektion der Schutzanzüge nach dem Ge¬ 
brauche dürfte kaum notwendig sein; sie sollten aber, bevor man sie 
1 altlegt, genau darauf nachgesehen werden, ob sieh nicht etwa an 
«'teilen Stellen (auf den Schultern) oder in Falten doch einzelne Läuse 
r . , linden, die man dann natürlich nicht durch Abschütteln, sondern mit 
einem Watte- oder Gazebausche leicht entfernen würde. 

Was die vielbesprochene Anwendung von ätherischen 
v Oelen (insbesondere Anisöl) und andern Riechstoffen be¬ 
trifft, so töten dieselben, wie ich aus einer Reihe eigner Versuche 
■i und aus den Mitteilungen anderer Beobachter entnehme, die Läuse 

■ selbst in hoher Konzentration nur langsam. Auch habe ich nicht 

finden können, daß Stoffe, die mit solchen Mitteln imprägniert 
sind, von den Läusen etwa vollkommen gemieden würden. Dabei 
gingen die angewandten Konzentrationen sehr weit über die in 
der Praxis möglichen hinaus. Ich glaube daher, daß solche Mittel 
für die persönliche Prophylaxe nicht in Frage j 
kommen; in demselben Sinne sprechen wohl auch die kürzlich | 
v «m Hey mann mitgeteilten Beobachtungen. 

Eine andere Frage ist es, ob man durch derartige Mittel Per- 
> ( 'nen davor bewahren kann, von ihrer Umgehung her dauernd verlaust 
zu werden; hierzu könnten auch langsam wirkende Stoffe vielleicht 
g'-riü^n. Diese Frage kann wohl nur durch praktische Versuche in 
gj( ! ß«-rem Maßstab entschieden werden; überzeugende Beobachtungen 
fper Art habe ich in den zahlreichen Mitteilungen, die in letzter Zeit 
i 'er diesen Gegenstand erschienen sind, nicht gefunden. 

3. Absonderungsmaßnahmen bei Fleckfieber. 

Hesinfektions- und Absonderungsmaß- 
«ahmen sind, soweit sie sich nicht auf den 
‘ N . (; nutz vor Ungeziefer erstrecken, beim Fleck- 
lr ‘berim Grund überflüssig, zum mindesten ist darauf 
zu achten, daß durch solche Maßnahmen nicht, wie das bekannt- I 
if 'b weist geschieht, die Aufmerksamkeit von dem, was wirklich ' 
Notwendig' ist, abgelenkt wird. Bezüglich der Absonderung dürfte 
»otschlich das Richtige getroffen haben, wenn er sagt: 
^‘ f, Kfieberkranke (und -verdächtige) sind so ab- 
■^sondern, daß eine Verschleppung von Läusen 
ausgeschlossen i s t. 

Hiernach erfordert also das Fleekfieber ganz andere Be- 
'^iiphmpmaßnahmen als die meisten andern Infektionskrank- 
!'/ pn: 'Mier ist es bei der Seltenheit seines Auftretens und bei 
!.\ r großen Verantwortung', die dabei dem Arzte zufällt, begreif- 
lf '• gelegentlich unzweckmäßige und überflüssige Maß- 
jMbnien getroffen werden. Dazu kommt noch, daß die vom 
»'lnile.srat erlassene „Anweisung zur Bekämpfung des FJeok- 
l'V^ a,r * ^ ein # Jahre 1904 stammt, also aus einer Zeit, wo die 
' Hrtra gungsweise der Krankheit noch unbekannt war. 

7<ht eei ' a * jer Leiiaorkt, daß es zurzeit anscheinend nicht, ganz 
■“a-eit ■ • Gegenstände in den betreffenden Geschäften, 

Jl| :jßj„ rt zufällig noch vorrätig sind, schnell und in gleich- 

'^ r Kwchaffpnhrit zu erhalten. 


Insbesondere sind in den in letzter Zeit hier leider nicht selte¬ 
nen Fällen von Berufsinfektionen mancherlei Härten vorgekommen, 
die sich wohl leicht hätten vermeiden lassen; da wir mit dem Vor¬ 
kommen weiterer derartiger Infektionen rechnen müssen, so er¬ 
scheint es zweckmäßig, einiges davon hier zur Sprache zu bringen. 
So wurde bei der Erkrankung eines bekannten Gelehrten den aus 
dem Auslande herbeigeeilten Eltern der Zutritt zu dem Erkrankten 
verweigert, sodaß sie während der letzten Lebenstage ihres Sohnes 
am gleichen Orte weilten, ohne ihn sehen zu können; dem Vater 
wurde seitens eines Vertreters der Ortspolizeibehörde sogar das 
Ehrenwort abgenommen (l), die Isolierbaracke nicht zu betreten. 
Ein solches Vorgehen ist nicht nur zwecklos, da ja ein in einer 
sauberen Baracke isolierter Patient für seine Umgebung un¬ 
gefährlich ist, sondern es widerspricht auch der gesetzlichen 
Vorschrift, wonach Angehörigen der Zutritt zum Kranken zu ge¬ 
statten ist, soweit es zur Erledigung wichtiger und dringender An¬ 
gelegenheiten geboten erscheint. 

In einem andern Falle wurden die Familie und die Haus¬ 
genossen eines erkrankten Arztes zwangsweise im Krankenhaus 
isoliert, und es gelang nicht, den zuständigen beamteten Arzt 
zu bewegen, statt dessen die gesetzlich zulässige mildere Ma߬ 
nahme der Beobachtung anzuordnen. Eine solche Beobach¬ 
tung ist — im Gegensatz zu der Absonderung (das heißt 
Einsperrung), die, besonders wenn sie den ganzen Haushalt eines 
den gebildeten Ständen Angehörigen betrifft, eine überaus harte 
Maßnahme darstellt! — nach dem Gesetz in schonender Form vor¬ 
zunehmen, ohne daß dabei die Bewegungsfreiheit der Betreffenden 
beschränkt wird; sie soll sich in der Regel darauf beschränken, daß 
täglich Erkundigung über den Gesundheitszustand der über¬ 
wachten Personen eingezogen wird. Es dürfte kaum zweifelhaft 
sein, daß, da das Gesetz eine solche milde Maßnahme überhaupt 
zuläßt, kein FaH dafür geeigneter ist, als die Erkrankung eines 
Arztes, der eine geräumige, moderne und gewiß nicht verlauste 
Wohnung bewohnt — wobei ich von der aus menschlichen Gründen 
naheliegenden besonderen Rücksichtnahme gegenüber der Infektion 
eines Arztes im Berufe völlig absehe —; sind doch offenbar die 
gesetzlichen Vorschriften im allgemeinen darauf zugeschnitten, 
daß das Fleckfieber in der Regel nur in ganz verwahrlostem Milieu 
auf tritt, wo die zeitweise Evakuierung der Hausgenossen gewiß 
meist schon deswegen sehr zweckmäßig sein wird, weil sie die 
Vorbedingung für die Entlausung der Wohnung darstellt. Neuer¬ 
dings ist übrigens in einem-Erlasse des preußischen Ministeriums 
des Innern vom 27. Januar 1915*) vorgesehrieben, daß die mit 
Fleckfieberkranken und -verdächtigen in Wohnungsgemeinschaft 
befindlichen Personen („Ansteckungsverdächtige“) erforderlichen¬ 
falls zu entlausen und sodann einer 14 tägigen Beobachtung 
zu unterwerfen sind; hier wird also die mildere Maßnahme (nach¬ 
dem durch die Entlausung die eigentliche Gefahr für die Um¬ 
gebung beseitigt ist!) gewissermaßen als das normale Verfahren 
angegeben. 

Mehrfach sind weiterhin Zweifel darüber entstanden, ob die 
Vorschriften über Absonderung und Beobachtung der mit Fleck- 
fiobcrkrankeii in Berührung gekommenen Personen auch auf Aerzte 
auszudehnen sind, und es ist sogar einmal die Absonderung 
eines Arztes versucht worden. Natürlich können solche Ver¬ 
suche nicht von Erfolg sein, weil sich sonst kein Arzt mehr bereit 
finden würde, einen Fleckfieberkranken zu behandeln; es wäre ab<T 
zweckmäßig, wenn die gewiß vorhandene Absicht des Gesetz¬ 
gebers, die behandelnden Aerzte von Zwangsmaßregeln jeder 
Art frei zu lassen, einmal ausdrücklich zum Ausdruck gebracht 
würde. 

Auch bezüglich des Pflegepersonals bestehen meines Wissens 
keine besonderen gesetzlichen Vorschriften, und es sind Kranken¬ 
schwestern, die — läusefreie — Kranke gepflegt hatten, einer 
Absonderung unterworfen worden. Meines Erachtens würde in 
solchen Fällen eine Beobachtung durchaus genügen; eine solche 
Schwester dürfte für ihre Umgebung eine viel geringere Gefahr 
bieten, als wenn sie Diphtherie- oder Typhuskranke gepflegt hätte. 

Wer selbst Fleckfiebcrepidernien beobachtet hat, wird nicht 
leicht in den Fehler verfallen, die Ansteckungsgefahr zu unter¬ 
schätzen und irgendeine energische Maßnahme, sobald sie wirklich 
den Kern der Hache trifft, abzulehnen; zur wirksamen Seuchen¬ 
bekämpfung gehört es aber auch, Uebertreibungen und Ma߬ 
nahmen an falscher Stelle zu vermeiden, die erfahrungsgemäß 
immer den Blick von der Hauptsache ablenken. 

Minist. Blatt f. Med. Angel. S. 4L 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


Referatenteil. 


Redigiert von Oberarzt 

Aus dem Gebiete der Paediatrie 
Erkrankungen der Respirationsorgane II Lunge und Pleura 

(Literatur 1913/1914) 

von Prof. Dr. L. Langstein and Dr. W. Usener (Berlin). 

Auf Grund umfangreicher Messungen hat Zeltner (1) über 
die Entwicklung des kindlichen Thorax bis zur Reife berichtet. 
Als Maße dienen Brustumfänge (über die Mammillen und den 
Rippenbogen), Form des Rippenbogens und Länge des Sternums. 
Die emphysematöse Form des Thorax bei Säugling und Neu¬ 
geborenem mit überwiegend breiter Basis entspricht der Form 
und Entfaltung der Lungen zu dieser Zeit, ein Rippenbogen 
ist noch nicht vorhanden. Umformung und Längenwachstum 
setzen im dritten Lebens Vierteljahr ein, dann, wenn das Kind sitzen 
lernt, und sind im zweiten Lebensjahre zur Zeit des Stehen- und 
Gehenlernens am stärksten. Die Entwicklung der Thorax-, Rücken- 
und Schultermuskeln und der Zug der Bauchorgane wirken dabei 
wesentlich mit, es entwickelt sich der Rippenbogen und die ge¬ 
streckte Thoraxform. Vom dritten Lebensjahr ab ist das Wachs¬ 
tum des Thorax stabil und tritt hinter dem des übrigen Körpers 
sehr zurück, bis in der Pubertätszeit ein zweites, stärkeres Thorax¬ 
wachstum unter bedeutendem Knorpelansatz am Rippenbogen einsetzt. 
Die Lungen wachsen zu gleicher Zeit (12.—20. Lebensjahr) auf 
das Doppelte ihres Volumens an. Zunächst beginnt stärkere 
Streckung und Längenwachstum des Thorax, dann erst Breiten¬ 
wachstum, gleichzeitig wächst das Sternum bedeutend in der Länge. 
Die Rachitis übt einen bestimmenden Einfluß vor allem auf das 
Längenwachstum des Thorax aus infolge der Muskelschlaffheit, der 
Rückständigkeit der statischen Funktionen und des Froschbauchs; 
dies gilt allerdings nur für schwerere Formen, von denen ein 
großer Teil die schwerste Zeit der Erkrankung im Liegen durch¬ 
macht, um nachher das Versäumte nachzuholen. Und wenn auch 
ästhetische Defekte bleiben, gleichen sich funktionelle Defekte nur 
bei schwersten Fällen nicht mehr ganz aus. Anders dürften na¬ 
türlich die gleichzeitigen funktionellen Störungen für die Atmung 
(bei Lungenaffektionen) zu bewerten sein. 

Die direkte Laryngoskopie und Bronchoskopie sind inzwischen 
auch für das Säuglings- und Kindesalter erfolgreich verwendet 
worden. Mitteilungen von Paunz (2), Turner, Logan und 
Fraser (3) und Mouret und Burques (4) orientieren über das 
Anwendungsgebiet: Fremdkörper, lebensgefährliche Asphyxie infolge 
Durchbruchs verkäster Lymphdrüsenstlicke in Trachea oder rechten 
Bronchus (sechs Fälle von Paunz gerettet), Diagnostik tracheobron- 
chialer Affektionen und Therapie der Bronchialschleimhaut. Ein sub¬ 
glottisch fest sitzendes Muschelstück konnte mit Hilfe des Escat- 
schen Zungenspatels entfernt ^werden. Paunz empfiehlt auf Grund 
seiner Erfahrung die obere Bronchoskopie in Narkose bei sitzendem 
Kinde, nicht durch die Tracheotomiewunde, während Turner, 
Logan und Fraser letzteres bei Kindern unter sechs Jahren 
vorziehen. 

Mit den Ursachen und der Prophylaxe der Bronchial- und 
Lungenerkr&nkuDgen des Kindesalters beschäftigen sich mehrere Ar¬ 
beiten. Uebereinstimmend wird die Bedeutung der Kontaktinfektion 
und der Erkrankungen der oberen Luftwege für die Entwicklung 
der BronchitiB und Bronchopneumonie hervorgehoben. Kruse (5) 
orweist an der Hand großen statistischen Materials, daß die 
Häufigkeit der Pneumonicorkrankungen sicher nicht den Rauch- und 
Rußschäden (entsprechend Aschers Hypothese) parallel geht; 
dagegen entspricht die Häufigkeit der Pneumonien, z. B. in Münster, 
ganz der der Kinderinfektionskrankheiten, und die Häufigkeit der 
Pneumonien bei Erwachsenen der bei Kindern. Die Bedeutung der 
Erkältung als Gelegonheitsursache geht aus der Statistik der Leip¬ 
ziger Ortskrankonkasse hervor, da von Erwachsenen die Stuben¬ 
hocker bedeutend seltener an Lungenkatarrh erkrankten. Die 
wichtigste Aufgabe der Prophylaxe bleibt die Verhütung der Kinder- 
pneuroonien, besonders auch der die Infektionskrankheiten kom¬ 
plizierenden. Wohnungshygiene und strenge Isolierung, wo irgend 
nötig im Krankenhause, sei das wichtigste. Auch Feer (6) legt 
großen Wert auf die Isolierung Grippekranker, die den Haupt- 
anteil an der Uebertragung haben, und verlangt, daß grippekranke 
Kinder wie Maseru- und Keuchhustenkranke isoliert werden sollten. 
Neh,»n den gleichen Gesichtspunkten der strengen Trennung von 
Grippekranken, auch Erwachsenen, bespricht Vogt (7) die thera- 
pv-uU-cho Bedeutung der Ernährungstberapie, die Verhütung der 
Inanilion einerseits und die Erzielung eines kräftigen Muskellonus 


r. Waller Wollt, Berlin. 

anderseits. Er hebt hervor, wie wichtig kräftige BauchmuBkulatur 
für die Regulation der Zwerch fellatm ung und kräftige Muskulatur 
des ganzen Rumpfes bei der Paravertebralpneumonie sind. Einen 
besondern Wert will er dem Fette beigemessen haben, da es die 
Immunität hebt im Gegensatz zu einer vorwiegenden Kohlehydrat- 
ernährung. Es wiederholen sich hier naturgemäß alle die Gesichts¬ 
punkte, die schon in der Therapie und Prophylaxe (Hospitalismus!) 
der Erkrankungen der oberen Luftwege besprochen wurden. Es 
erübrigt sich daher, hier nochmals näher darauf einzugehen. 
Sutherland und Jubb (8) heben zudem noch den Wert der 
Freiluftschulen in der Behandlung der häufigen chronischen 
Pneumokokkeninfektionen und der Abtrennung dieser Kinder von 
gesunden hervor. 

In der Behandlung der akuten Bronchitis, Broncheolitis und 
Bronchopneumonie empfiehlt Arneth bei jungen Säuglingen und 
Kindern mit abgeküblten Extremitäten mehrmals täglich heiße 
Bäder, bei einer Körperwärme von unter 39° mit zehn Minuten 
und über 39 () mit fünf Minuten Dauer; am Schlüsse folgt eine 
kurze kühle Abgießung. Allgemeinbefinden, Schlaftiefe und Atmung 
werden günstig beeinflußt; Temperaturerhöhungen infolge des Bads 
kommen nicht vor; so lange die Kinder husten, werden die Bäder 
fortgesetzt. Seine guten Erfahrungen werden von Stepp (10) be¬ 
stätigt, der die gleiche Wirkung auch mit heißen (42—43°) Ab¬ 
reibungen erzielt. Kalte Uebergießungen nach warmem Bade will 
er für nachteilig halten. Indessen dürften die Vorteile der An¬ 
regung der Respiration und der Haut etwaige Nachteile überwiegen. 

Mehrere Arbeiten bringen Neues und Beachtenswertes über 
Folgezustände der Bronchialerkrankungen des Kindesalters. Aus 
Beobachtungen, die Lederer berichtet (11), geht hervor, daß nicht 
selten chronische Lungenkrankheiten des Kindes- und Reifealters 
auf solche der Säuglingszeit zurückgehen. In der Teilnahme der 
traeheobronchialen Lymphdrüsen und in ihrer chronisch entzünd¬ 
lichen Hyperplasie sieht er ein Moment, das zum Wiederaufflammen 
entzündlicher Lungenkatarrhe disponiert; daneben spielen bleibende 
Indurationen eine auslüsende Rolle. Eine Beobachtung im letzteren 
Sinne teilt Bahr dt (12) mit: bei einem Säuglinge bestand eine 
rechtsseitige Oberlappenpneumonie ein halbes Jahr lang und kom¬ 
plizierte sich sekundär mit Atrophie, Bronchiektase und Trommel- 
schlägelfingern. Nach der Ausheilung nach einem Jahre bestand 
noch Schallverkürzung. 

Göppert (13) berichtet über Lungenblähungszustände bei 
chronisch hustenden Kindern, die besondere Beachtung verdienen, 
da sie Zustände darstellen, die zu Emphysem «disponieren, ander¬ 
seits aber in diesem Alter noch einer erfolgreichen Therapie zu¬ 
gänglich sind. Neben jenen bekannteren Fällen, die bei Unter¬ 
suchung schon eine nachweisbare Lungenblähung haben, weist 
Verfasser besonders auf solche hin, die erst bei Aufforderung, tief 
zu atmen, eine deutliche Erweiterung der Lungengrenzen um 
mehrere Centimeter zeigen (latente Lungenblähung), die mit der 
Ausatmung von ihnen nicht mehr spontan überwindbar ist Es 
ergibt sich hieraus die Annahme einer bereits bestehenden erwor¬ 
benen Insuffizienz der Exspiration, welche, wenn sie nicht noch 
therapeutisch beeinflußbar wäre, das Bild des beginnenden emphy¬ 
sematosen Dauerzustandes bietet. Nun zeigt sich aber, dsß beide, 
sowohl der manifeste wie der latente Zustand, durch systematische 
Uebung gesteigerter, durch Thoraxkompression von seiten des 
Arztes oder der Eltern gleichsinnig unterstützter Exspiration, bei 
gleichzeitiger Anleitung zu geringer, auf das notwendige Maß be¬ 
schränkter Inspiration zu überwinden sind. Häufig stellt sich er 
unter solchen Uebungen Überhaupt oder vermehrt Auswurf ein. 
Die Häufigkeit exsudativ-diathetiseber Zeichen bei den befallenen 
Kindern weist in erster Linie auf den Anteil des konstitutione 
Moments für die Entstehung hin. Die Vermehrung des Aus w ur 
unter der Ausatmungsübung deckt in chronisch-katarrbalisc 
Schwellungen der Bronchialschleimhaut eine weitere Ursache • 
Nicht erweisbar ist, etwa aus anfallsweisen Steigerungen 
Beschwerden, eine Beziehung zu asthmatischen .Zuständen. 01 
spielt die Art oder Schwere der primär den Zustand bedinge 
Infektion keine Rollo Als dritter Faktor ist eine Herabae 
der Elastizität der Lunge und eine Schwächung des die ^ 
rationsphase versehenden muskulären Apparats anzuuehmen. 
fasser kommt zu dora Schlüsse, daß für die Dinercidial i ^ 
der den chronischen Husten bedingenden Zusiäude der 
Ein- und Ausatmungsversuch den Wert eit er funktionellen 1 ” 
der Exspii atiouskratt hat und daß bei nachweisbarer iu^u 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 






28. Marz. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


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die systematische Exspirationstherapie die Kinder vor ernsten 
chronischen Dauerzuständen bewahrt: zwei- bis dreimal am Tage 
werden jedesmal mit Pausen von zwei bis drei Minuten Ruhe je 
drei- bis viermal drei Exspirationen unter Aufsicht und Mithilfe 
in der Exspirationsphase vorgenommen. Bei stärkerer Expekto¬ 
ration läßt man zehn Minuten lang nachher Eucalyptusdämpfe 
trocken durch eine Maske einatmen. Bei schwereren Fällen ist 
Aufenthalt an der Nordsee oder im Hochgebirge mit dieser The¬ 
rapie zu verbinden. 

Hutinei hält Bronchiektasen bei Kindern für häuf^er als 
bekannt. Außer akuten und protrahierten bronchopneumonischen 
Erkrankungen (besonders chronisch indurierender Form) spielen 
Kompression der Bronchien und Pleuraadhäsionen, ferner die 
Kombination von Tuberkulose mit Lues eine Rolle, während Tu¬ 
berkulose allein, da es sich meist um verkäsende, nicht indurie- 
rende Prozesse handelt, selten zu Bronchiektasen führt. Bei 
gutem Allgemeinbefinden und intermittierendem Verlaufe findet er 
Dämpfung der unteren Lungenpartien, Verschärfung des Atem- 
geräusohs und grobe Ronchi. Er behandelt diese Kinder mit 
Freiluftkuren and Atemgymnastik. 

Zur Theorie und Genese des Asthmas äußern sich Ephraim 
(15) und Weber (16). Der erstere fand stets da, wo asthmatis he 
Anfälle Vorlagen, in der Ruhezeit mittels Bronchoskopie einen 
sicher nachweisbaren chronischen Entzündungszustand der Bron- 
chisischleimhaut. Bei Aufstäuben von Adrenalin sah er dann ein 
zähgraues Sekret entstehen, in dem kleine, aus abgestoßenen 
Flimmerepithelien bestehende Partikel suspendiert waren. Der 
Asthmaanfall ist nach seiner Anschauung durch eine zeitweise 
Steigerung dieses Schleimhautkatarrhs bedingt, der einen nervösen 
Reflexreiz ausübt, wahrscheinlich analog dem von Quincke be¬ 
schriebenen Auftreten sensibler Reize in den oberen Luftwegen 
bei Reizung der Bronchialschleimhaut von einer Lungenfistel aus. 
Weber konnte außer durch elektrische Reizung des Vagusendes 
mit Muscarin eine Erregung der Bronchialmuskeln erzielen. Die 
verengende Wirkung des Muscarins ist central, sie wird besonders 
durch Nicotin unterbrochen, außerdem durch Nitroglycerin, Morphin 
und Alkohol. Außer diesem experimentellen Bronchialmuskel- 
krampfe konnte er experimentell durch aktive Erweiterung der 
Lungengeßße Asthma hervorrufen, das einzig durch Adrenalin er- 
!'i& : folgreicb behoben werden konnte. Ebenso wie Ephraim wendet 

k - sich auch Stäubli (17) gegen die Ueberschätzung des psychischen 
s -,P Faktors bei Entstehung des Asthma. Sowohl bei der broneho- 
spastischen wie bei der vasomotorisch-sekretorischen Form des 
Asthmas kommt es zu der „fehlerhaften“ Atmung im Anfalle, zu 
«Der Verschlechterung des Ventilationskoeffizienten (Verhältnis der 
«»geatmeten, vermehrt durch die in den Alveolen retinierte Luft, 
n der ausgeatmeten). Eine konstitutionelle Uebererregbarkeit der 
die Bronchialmuskulatur und Schleimhautinnervation regelnden 
Centralapparate ist bestimmend für die Entstehung. In der Therapie 
ist die ausgezeichnete Wirkung des Hochgebirges zu erwähnen 
neben einer Adrenalintherapie in Form der Inhalation mit von ihm 
angegebenem Apparat. 

Smith (18) berichtet über 36 Fälle von Asthma im Kindes¬ 
alter. Nur in sechs Fällen war keine Erkrankung an Asthma in der 
Ascendenz nachweisbar. Fast in zwei Dritteln der Fälle war der 
Beginn im Säuglingsalter nachzuweisen. Auffallend hoch war im 
Verhältnis zur sonstigen Zusammensetzung seiner Klientel der 
Prozentsatz von Kindern jüdischer Abstammung. Der infantile 
Typus der Erkrankung vor dem fünften Lebensjahre kann in zwei 
klinischen Formen auftreten. Einmal, das Kind kann unter Husten 
eine intensive Dyspnöe bei geringem physikalischen Befunde mit 
graubläulicher Gesichtsfarbe, einer an Katzenschnurren erinnernden 
keuchenden Atmung bei wenig gestörtem subjektiven Wohlbefinden 
aaf weisen; solche Anfälle können Stunden bis Tage dauern; oder 
aber es kommt zu akut einsetzender, oft hochgradiger Dyspnöe 
Mit anschließender Bronchitis von 2—3 Wochen Dauer. Schwer 
sind solche Fälle, bei denen sich die Attacken häufen und sich 
eine zweite Attacke vor Ablauf der Bronchitis ein stellt. Die 
oberen Lungenteile sind dabei erweitert, die unteren eher ver¬ 
kleinert; während des verlängerten Exspiriums sind Ronchi zu 
hören. Oft setzen die Attacken nach Mitternacht ein (während 
f sf'Udocroupanfälle häußger vor Mitternacht sich ereignen). Einige 
fälle zeigten gleichzeitig Ekzem oder Urticaria oder funktionelle 
'eurosen. Für die Differentialdiagnose ist an Stridor laryngis 
ongenitus, Diphthorie und Pseudocroup , Masernlaryngitis, Keuch- 
usfen, Bronchialdrüsenhusten , Retropharyngealabsceß und Ge - 
hwüre oder Fremdkörper im Uarynx zu denken. Der asthma- 
che Zustand des älteren Kindes gleicht dem des Erwachsenen. 


Häufige Attacken oft nach Mitternacht mit starker Dyspnöe hei 
nachweisbarem Volumen pulmonum auctum und verlängertem Ex- 
spirium, selten mit Ronchi; meist mehrere Stunden dauernd und 
das Allgemeinbefinden für einige Tage alterierend. Klimatische 
und psychische Therapie ist die wichtigste; medikamentöse Therapie 
ist nur im Notfall anzuwenden. Caiciumsalze haben keinen Ein¬ 
fluß; während der akuten Attacke haben sich ihm heiße Bäder 
und Adrenalin (0,2—0,3 mg subcutan) bewährt. Bei nächtlichen 
Attacken gibt er abends eine Mixtur aus Jodkali, Tinctura Bella- 
donnae und Tinctura Lobeliae aether. 

Als spastische Bronchitis zeichnet Göpp er t (19) ein Krank¬ 
heitsbild ähnlich der zweiten Form des nach Smith oben be¬ 
schriebenen frühinfantilen Asthmatypus. Sie wird von Comby 
zum Asthma, von Czerny zu den typischen Manifestationen der 
exsudativen Diathese gerechnet. Die Erscheinungen hochgradiger 
Dyspnöe und qualvoller Erregung stehen im Vordergründe, An¬ 
zeichen von Bronchitis können schon vor dem ersten Anfalle da 
sein, deutlich wird eine Bronchitis stets anschließend an den Anfall. 
Die wichtigste therapeutische Indikation ist nach seiner Ansicht 
die Bekämpfung des qualvollen, durch ängstliches andauerndes 
Schreien gesteigerten Erregungszustandes. Hierzu bewährt sich 
am besten das Urethan, ein Sedativum und Schlafmittel, das in 
wirksamen, nur verhältnismäßig großen Dosen gegenüber dem 
Chloral für das erste Lebenshalbjahr als unschädlich bezeichnet 
werden darf. Im ersten Lebensvierteljahr ist 0,5, im Verlaufe des 
ersten Lebensjahrs bis 1,5 und im zweiten Jahre bis 2,0 per os 
als Einzeldose nötig, um gute Schlafwirkung zu erzielen. Per 
Klysma gegeben ist statt 0,5 bis 1,0, statt der größeren Dosen das 
IV 2 fache zu wählen. 

Czerny (20) sucht anschließend an frühere Untersuchungen 
seiner Schüler und neuere Erfahrungen die Zusammenhänge in der 
Entstehung und Paravertebralpneumonie der Säuglingszeit aufzu- 
klären. Bartenstein und Tada hatten nachgewiesen, daß es sich 
primär nicht um einen Entzöndungsprozeß, sondern um Blutungen 
im Lungenparenchym handelt, in deren Peripherie erst sich ein¬ 
gewanderte (nachgewiesenermaßen häufig der Stuhlflora genau ent¬ 
sprechende) Bakterien ansiedeln und entzündliche Veränderungen 
setzen. Nun konnte Behrend inzwischen den Nachweis führen, 
daß dieser primäre Prozeß in die Zeit des rapiden Gewichtssturzes 
(infolge einer Ernährungsstörung) fällt (von Thomas bestritten). 
Das weitere wichtige Symptom der Paravertebralpneumonie, das 
Volumen pulmonis auctum, ist nach pathologisch-anatomen Befunden 
als Steigerung des Blutgehalts und Oedem der Lunge zu erklären. Da 
nun, im Gegensatz zu der gleichen Häufigkeit der Grippe und der bron- 
chitischen und bronchopneumonischen Erkrankungen, eine deutliche 
Abnahme der Fälle der auftretenden Paravertebralpneumonien parallel 
den Fortschritten in der Ernährungstechnik festzustellen ist, kommt 
Czerny zu der Ueberzeugung, daß die vermittelnde Ursache in 
einer Herabsetzung des Muskeltonus, speziell in einer Alteration 
der Funktion des Zwerchfells zu suchen ist, welche ihrerseits die 
Veränderung der Blutverteilung zugunsten der Lunge bedingt. 
Der normale Zwerchfelltonus wird durch den intraabdominellen 
Druck wesentlich mitbedingt: bei Meteorisraus Anspannung, bei 
Erschlaffung der Bauchdecken Entspannung. Wie es einerseits 
gelingt, bei gewöhnlicher Pneumonie den gefürchteten, die Zwerch¬ 
fellatmung hindernden Meteorismus durch Einschränkung des 
gärungsfähigen Nahrungsanteils zu mindern, so gelingt os auch, 
durch Vermeidung der Inanition bei akuten Ernährungsstörungen 
Gewichfcssturz, conseeutive Herabsetzung des Tonus und der Zwerch¬ 
fellfunktion und somit hypostatische Pneumonie zu verhüten. 

Thaysen (20) behandelt die akuten nicht speciflschen Pneu¬ 
monien der drei ersten Lebenstage hinsichtlich ihrer Pathologie und 
pathologischen Anatomie. Der größte Teil entgeht ohne mikro¬ 
skopische Untersuchung bei der Sektion der Diagnose (42% Pneu¬ 
monien bei sorgfältiger Untersuchung gegen 8% sonst im gleichen 
Institut). Bei in den ersten 14—15 Stunden Verstorbenen sind 
nur mikroskopisch erkennbare Infiltrate vorhanden, später sind die 
Herde deutlicher mit Leukocyten durchsetzt. Verwechslung der 
einfachen Reaktion auf Fremdkörper (besonders aspiriertes Frucht¬ 
wasser) ist kaum möglich, da Leukocytenemigration hier im wesent¬ 
lichen fehlt. Die hauptsächliche Aetiologie wird die Aspiration 
von Vaginalkeimen während des Goburtsverlaufs sein. Ver¬ 
fasser gibt vier Typen an, und zwar: 1. placentare Infektionen 
meist Lues, Tuberkulose und Pneumokokkeninfektion, während 
Streptokokken und Staphylokokken selten placentar übertragen 
werden, 2. Aspirationspneumonien, die entweder als septische vom 
infizierten Uterusinbalt, oder von den Geburtswegen oder auch 
post partum von Milchaspiration ihren Anfang nehmen, 3. aerogene 


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370 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 28. Man 


Infektionen, die gewiß in den ersten acht Lebenstagen seiten sind 
und endlich 4. metastatische so früh jedenfalls auch äußerst 
seltene Infektionen. 

In gewissem Gegensatz zu der in der deutschen Literatur 
vertretenen Auffassung glaubt Pironneau (22), daß die croupöse 
Pneumonie beim Säuglinge häufiger sei. Stets fand er Pneumo¬ 
kokken, einen kurzen, höchstens einwöchigen Verlauf und fast 
immer Befallensein des Oberlappens. Säuglinge der ersten Wochen 
sterben am ersten oder zweiten Krankheitstage. 

Wertvolle, durch den radioskopischen Vergleich gesicherte 
Beiträge geben Weill und Mouriquand (23) zum Verlauf und 
Sitze der Pneumonie. Danach nehmen auch sie die Häufigkeit 
der croupÖsen lobären Pneumonie beim Säugling an. Ihr Sitz ist 
überaus häufig der rechte Oberlappen, mit meist günstiger Pro¬ 
gnose. Die röntgenoskopische Form ist ein dreieckiger Schatten, 
dessen Basis stets dem Hilus abgewandt, cortical und meist in der 
Achselhöhle liegt,. Diese seitliche Schattenbasis kann sich im Ver¬ 
laufe verbreitern, verschwindet bei der Lösung dann zuerst. 
Bronchopneumonien sollen nie diesen Schattentypus geben. Auf 
Grund von tausenden von Röntgenbildern geben sie in einer 
weiteren Mitteilung an, daß sie im Röntgenbilde nie eine centrale 
Pneumonie gesehen haben, daß vielmehr stets der Hauptteil, die 
Basis des Herdes, der Außenfläche der Lunge angehört und ins¬ 
besondere, daß sie diesen Röntgenschatten auch in Fällen ohne 
jeden physikalischen Befund antreffen konnten. An Beispielen 
weisen sie nach, daß schon zur Zeit der Allgemeininfoktion, der 
Ueberschwemmung des Körpers mit Pneumokokken ohne lokalen 
Befund sich röntgenoskopisch diese Herde nach weisen lassen. 
Auch weiterhin fanden sie die rechte Spitze prädisponiert, was sie 
mit einer besonders schlechten Lüftung des rechten Oberlappens er¬ 
klären wollen. Jedoch haben sie auch bei nachweisbarem pneumo¬ 
nischen Herde den typischen Schatten vermißt, oder dort, wo nach 
dem physikalischen Befunde zwei Herde Vorlagen, nur einen 
Schatten gesehen, ohne daß deshalb die Diagnose Broncho¬ 
pneumonie berechtigt wäre. Diese Befunde lohnen eine weitere 
Nachprüfung. 

Von Komplikationen der akuten Pneumonie sind besonders 
die Miterkrankung des Darmes und der Meningen beschrieben. 

Triboulet (24) nimmt an, daß die Pneumokokken auf der 
Blutbabn in den ganzen Körper dringen, aber eine besondere 
Affinität zur Lunge haben. Im günstigen Falle bleibt dann die 
Lunge das Organ, in dem sie sich specifisch krankheiterregend 
halten, während sie sonst untergehen. Im ungünstigen Falle sehen wir 
fortlaufende Durchfälle und neben ihnen noch Pleuritis, Empyem, 
Peritonitis, Otitis media auftreten: alle diese Komplikationen deuten 
auf ein Fortbestehen der Blutinfektion, durch Pneumokokken. In 
allen septischen Fällen besteht eine Neigung zur Infektion des 
Magendarmkanals. Auch Joch mann (25) sah sehr häufig bei 
Kindern Durchfälle auftreten. Während noch Lenhartz alle 
Pneumoniefälle mit positivem Bakterienblutbefund als septische 
deutete, lehnt Jochmann und ebenso Schottmüller diese Be¬ 
zeichnung ab wegen der überwiegenden Häufigkeit der positiven 
Blutbefunde (Bakteriämie). Nur Fälle mit metastatischen Pneumo¬ 
kokkeneiterungen sind nach Jochmann als septische zu be¬ 
zeichnen; das entspricht auch dem strengeren Sepsisbegriffe, wie 
ihn SchottmAller auf Grund klinischer und bakteriologischer Be¬ 
funde analysiert hat. Riva-Rocci (26) sah am vierten bis fünften 
Tag einer croupÖsen Pneumonie eine starke Enterorrhagie auf¬ 
treten. Alle andern ätiologisch in Frage kommenden Erkran¬ 
kungen glaubt er ausschließen zu können, es lag keine Aenderung 
der Blutzusammensetzung vor. Er glaubt, daß es sich um einen 
embolischen Prozeß gehandelt habe. 

Edgeworth (27) fand unter 63 Fällen von croupöser Pneu¬ 
monie des Kindesalters acht mit ausgesprochen cerebralen Sym¬ 
ptomen, Erbrechen, Kopfschmerz intensiver Art, Konvulsionen, 
positives Kernigsches Symptom, Babinski und Nackenstarre, 
mehrfach bald komatöse bald manische Zustände. Die Cerebro- 
spinalflüssigkeit soll aber in allen Fällen normal gewesen sein. 
Nach dem kasuistischen Beitrag an meningitischen Symptomen, 
besonders bei croupöser Pneumonie, welche Blühdorn (28) als 
„Meningitis serosa“ zusammengestellt und beschrieben hat, darf 
man annehmen, daß es sich auch bei Edgeworth um Fälle von 
Meningitis serosa gehandelt hat. Blühdorn definiert das Krank¬ 
heitsbild der Miningitis serosa als eine Hirnhauterkrankung mit 
selbständigem klinischen Verlaufe, deren Merkmale neben den 
klinischen Symptomen der Meningitis (mehr weniger ausgeprägt), 
von denen insbesondere auch die Neuritis optica nicht so selten 


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ist, in einer Erhöhung des Liquordrucks bei chemisch und bakte¬ 
riologisch normalem Liquor bestehen (keine Erhöhung des Eiwei߬ 
gehalts, vorhandene Zuckerreaktion, Fehlen von Zellen und 
Bakterien). Es ist nicht das Bild, wie es Boeninghaus als 
Uebergangspha8e zur eitrigen Meningitis beschrieben hat. Aller¬ 
dings fand sich in einem der drei von ihm mitgeteilten Fällen, der 
letal endete, am siebenten Beobachtungstag, am Tage vor dem 
Tode bei dem dritten vorgenommenen Lumbalpunktat ein positiver 
Pneumokokkenbefund, der durch den Tierversuch noch sicher- 
gestellt wurde (hohe Virulenz und Tod des Versuchstiers, während 
das mit dem Liquor der zweiten Lumbalpunktion sechs Tage vor 
dem Tode des Kindes behandelte Versuchstier nicht erkrankte). 
Dieser Liquor zeigte nun erhöhten Eiweißgehalt und fehlenden 
Zuckergehalt; auch Osazonprobe negativ. Alle drei Fälle hatten 
klinisch ausgesprochen meningitische Symptome, Kernig, Nacken¬ 
starre, Papillitis, Benommenheit; zwei von den dreien starben. 
Der eine mit rein serösem Liquorpunktat wurde seziert: Sub¬ 
arachnoidalflüssigkeit vermehrt. Piaödem, mikroskopisch keine ent¬ 
zündlichen Veränderungen. 

Von neuen Behandlungsmethoden der croupÖsen Pneumonie 
sind das Neufeld-Händelsche Pneumokokkenserum und die 
Optochintherapie bemerkenswert; beide allerdings stehen noch zur 
Diskussion und bedürfen für die Bestimmung ihres Wertes der 
Nachprüfung. Bei dem Neufeld-Händel sehen Pneumokokken- 
serum handelt es sich um ein am Pferde gewonnenes Immunsermn. 
Neu fei d und Händel haben nun nachgewiesen (Arbeiten aus dem 
Kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. 34), daß bei der Pneumokokken¬ 
infektion das Gesetz der Multipla nicht gilt und daß (und dies 
scheint auch für das Römersehe Serum zu gelten) nur große 
Serumdosen auch sicher gegen große Kulturmengen wirken. Sie 
empfehlen deshalb auch die schneller und gleichzeitig wirkende intra¬ 
venöse Applikation. Weitz nur an Erwachsenen und Gdronne(29) 
auch bei drei Kindern haben Erfolge mit intravenöser Darreichung 
erzielt. Die injizierte Menge für das Kind waren 10 ccm, für den 
Erwachsenen 20 ccm. Der Erfolg bestand in Besserung des 
Allgemeinbefindens, freierer Atmung und in einigen Fällen wahr¬ 
scheinlich auch in Abkürzung der Fieberdauer, während der Ab¬ 
lauf des Lungenprozesses unbeeinflußt blieb. Die gleiche Er¬ 
fahrung machte Reuss (30) mit meist 20 ccm Serum: Die Ent¬ 
fieberung trat etwa zwei Tage früher ein, einmal auch kritische 
Entfieberung kurz nach der Injektion, dagegen wurde weder die 
Schwere des klinischen Bildes noch die Mortalität beeinflußt und 
das Fortschreiten der Erkrankung auf weitere Lungenteile und die 
Pleura (Empyem) wurde nicht verhütet. Er hofft mit höheren 
Dosen bessere Resultate zu erzielen, entsprechend den Erfahrungen 
von Weitz (20 bis 40 ccm auch zweimal am Tage bei Er¬ 
wachsenen). Unangenehme Nebenerscheinungen sind nicht be¬ 
obachtet. 

Die Chemotherapie der Pneumonie und der Pneumokokken- 
infektion mit Optochin (Aethylhydrocuprein) ist von Morgenroth 
1912 angegeben und vielfach angewandt worden. Während im 
Tierversuche (Maus) bei relativ größeren Dosen eine sichere 
Wirksamkeit des Optochin auf die Pneumokokken (Abtötnng) 
nachweisbar war, ist der Anwendung beim Menschen wegen der 
toxischen Nebenerscheinungen (insbesondere Amblyopie) eine Grenze 
gesetzt. Die ganze über die Dosierungsfrage und optimale Dar¬ 
reichung handelnde Literatur findet sich in einer letzten zusammen- 
fassenden Arbeit von Morgenroth (31) über die bisherigen Er¬ 
folge und therapeutischen Gesichtspunkte. Die Gefahr der ner¬ 
vösen SehStörung ist danach einmal durch Frühbehandlung mit 
Optochin wesentlich einzuschränken, anderseits glaubt Morgen¬ 
roth für sie ein Ineinandergreifen individueller Idiosynkrasie mit 
besonderen, durch die Infektion als solche bedingten Momenten 
verantwortlich machen zu können. Auch er hält die Dosierungs¬ 
frage noch nicht für geklärt: Bei einer bisher üblichen Einzeldosis 
0,5 (in einer 5%igen Sesamöllösung) soll man keinesfalls über 
eine Tagesdosis 1,5 herausgehen und im ganzen nicht mehr 81 ® 

4 bis 5 g geben. Das gilt für den Erwachsenen. Optimal® 1111 “ 
Grenzdosis für das Kind sind noch nicht bestimmt. Von ®m ein 
andern Gesichtspunkt ausgehend, sind Boehncke (32) im l ier ' 
versuch und Lennd (33) in klinischtberapeutischen Beobachtungen 
zu gleich günstigem Resultat gekommen. Neufeld und Hün ® 
hatten schon gezeigt, wie wichtig die Erreichung einer Schwellen 
Wertkonzentration ihres Pneumokokkenserums für di® 
kokkeninfektionsbehandlung sei. Da nun das Serum nur * 
Toxine unschädlich macht, das Optochin dagegen die P ne, J! n 
kokken abtötet, so versuchen sie eine therapeutische Kombina i* • 
Boehnke sah an weißen Mäusen mit kleinen Dosen Optoc 


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28. März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


371 


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wmisdi; oder Serum allein 89 o/o Mortalität nach Pneumokokkeninfektion, 

ÄH?*-- cflteris paribus sah er, bei einer Kombination von gleichen Dosen 

m'h, : Serum mit gleichen (sehr kleinen) Dosen Optochin kombiniert, nur 

Imlm. 17% Mortalität. Je früher die kombinierte Behandlung einsetzte, 

rieben t : desto besser war der Erfolg. Gleiche Resultate hatte auch 

ettil&fc Engwer (34). Lennö fand bei der Kombination von Serum und 

Mlf Optochin 16,5 o/ 0 (gegen 30o/ 0 bei unspecifischer Behandlung) 

ttbti;.. Mortalität, mit Serum allein 38 °/ 0 . Da er bei Optochinbehand- 

m® ■:>: lang nur 11,8% Mortalität hatte, glaubt er allerdings, diesem 

uchstisift die größere Bedeutung beimessen zu müssen. Sein für statistische 

id sechs b Abschätzung etwas kleines Material enthält keine Kinder (der 

iib: ?r: jüngste Patient, zwölf Jahre alt, starb). Nun haben inzwischen 

alt 3 iä Wolff und Lehmann (84) über drei Fälle von Pnenmokokken- 

■ drei Fü* infektion und Optochintherapie im Kindesalter berichtet, 
fe: , Der erste, 14 Jahre alt, mit schwerer Pneumokokken- 

?d die:*:-: meningitis, bekam, neben wiederholter Ausführung der Lumbal- 

rde m punktion und intralumbaler Injektion von sechsmal je 10 ccm 

kpiV-.i. Pneumokokkenserum (Römer) in acht Tagen mit je einer Unter¬ 

brechung, am vierten und siebenten Tage sechsmal 0,75 Optochin 
(dreimal 0,25 am Tage) per os. Aber auch noch bei der letzten 
Lombalpunktion wurden Pneumokokken virulent gefunden, ein 
Zeichen, daß eine Einwirkung des Optochins hier nicht statt- 
gefanden hatte. Der zweite Fall betrifft einen acht Monate alten 
Säugling, der an Pneumonie und vom elften Tag ab an Meningitis 
erkrankt war. Im Lumbalpunktat wurden Pneumokokken gefunden. 
Sofort wurde mit dem Römer sehen Serum (10 ccm intralumbal, 
20 oem intramuskulär) behandelt und an den drei folgenden Tagen 
noch je 10 ccm intralumbal injiziert; ohne Erfolg. Nunmehr 
wurden an 20 hintereinander folgenden Tagen mit viermal je einen 
Tag Pause in 16 Injektionen zweimal intralumbal (0,03), einmal 
intraventriiuJär (0,07), sonst subcutan von 0,06 aufwärts bis 0,15 
pro Tag, im ganzen 1,25 g Optochin angewandt, mit dem Erfolge, 
daß aus dem typisch (chemisch-bakteriologisch) meningitischen 
Lumbalpunktat allmählich ein normales wurde, und der Säugling 
genas. Im dritten Falle handelte es sich um ein 12% jähriges 
Kind mit Pneumokokkensepsis, ausgehend von einer Angina und 
^ r Otitis media mit positivem Pneumokokkenbefund auch in der Blut- 
Kultur. Etwa 14 Tage wurde mit Collargol und Serum ohne Er- 
- folg behandelt. Da die zweite Blutkultur wieder positiv ausfiel, 
a j : wurde jetzt sechs Tage lang zweimal täglich 0,5 (!) Chinin sulfur. 

D r: . • os gegeben. Vom fünften Tag ab Entfieberung, im Laufe des 
i[ > sechsten Tags verschwanden alle (vorher noch schweren) menin- 
gidschen Symptome. Der zweitgeheilte Fall erlag aber, nachdem 
er gesund entlassen war, einer späteren Grippeinfektion mit 
Mutigem Schnupfen und Pachymeningitis haemorrhagica mit 
Hydrocephalus internus. In beiden Paukenhöhlen war Eiter mit 
grampositiven Diplokokken. 

Die mitgeteilten Krankenberichte können wohl einen Anhalt 
rar Frage der Dosierung, noch nicht dagegen den Beweis der 
Wirksamkeit der angewandten Dosen erbringen. 

Klinik und Therapie des Pleuraempyems, speziell beim 
Säuglinge, hat Zybell (35) zusammenfassend bearbeitet. Das 
oäoglingsempyem ist nicht metapneumonisch (Gerhardt), son- 
deru synpneumonisoh (Finkeistein) oder parapneumonisch 
(A elf er, Lemoine), das heißt es entwickelt sich stets als früh- 
^^-gleichzeitiger Prozeß und entsteht durch entzündliche, auf 
dem Bronchial- oder Lympbwege nach der Lungenperipherie fort- 
geleitete Prozesse, Die Diagnose ist in häufigen atypischen i 
men schwer , die wichtigsten Hilfsmomente sind Aenderungen I 
Allgemeinbeßnden, im Pneumonieverlauf, und die Punktion dort, 
wo ein Verdacht erweckt ist. Bakteriologisch wurden bei 
-v Fällen Pneumokokken, sonst Streptokokken und Staphylokokken 
gefunden. Die Prognose ist abhängig von der Virulenz der Bak¬ 
terien, der Lokalisation und Multiplizität der Herde. Therapeu¬ 
tisch wird die Rippenresektion gänzlich verworfen und die Punk- 
tionsbehandlung empfohlen. Der Einseitigkeit dieser Auffassung 
sjud mit Recht Buttermilch und Stettiner (36) entgegen- 
getreten. Gegenüber der rein therapeutischen Frage gehen sie 
auf einige der wichtigen diagnostischen Fragen ein, die für die 
Prognose ausschlaggebend sind: auf die Bakterienvirulenz und die 
'eitlicben und genetischen Beziehungen des Empyem verlaufe zu 
cm der Pneumonie. Die Virulenz wollen sie nach der Reaktion 
Punktionsstich kanals, eventuell nach dem Tierversuch ab- 
tffen und befürworten Je nach dem Ausfälle Punktionsbehandlung 


vergessen, daß für den Erwachsenen ähnliche Gesichtspunkte 
gelten, daß aber gerade die diagnostischen Schwierigkeiten, nicht 
minder die prognostischen (Abgrenzung von septischen Prozessen), 
beim Säuglinge größer sind. Während Zybell die ungewöhnlich 
hohe Zahl von 84,5% Mortalität (116 Fälle) hat, fand Werner 
(87) bei 178 Fällen beim Säugling und jungen Kinde 21,9%. 
Besonders häufig fanden sich septische Erkrankungsformen, bei 
denen jede Therapie beim Säuglinge wirkungslos wird. Schon 
während des Hautschnitts starben drei. Hirano (88) hat unter 
98 Kindern, davon 17 im ersten, 86 im zweiten Lebensjahre, nur 
14% Mortalität bei ausschließlicher Anwendung der Rippen¬ 
resektion. Cannata (89), Savariaud (40), Dunlop (41) wenden 
individualisierend in leichteren Fällen Punktion, in schwereren 
Fällen (Bestimmung nach bakteriologischem und klinischem All¬ 
gemeinbefunde) Thoracotomie und Rippenresektion an. Dunlop 
hatte bei diesem Verfahren bei Kindern unter zwei Jahren 36%, 
Über zwei Jahre 13 % Mortalität. Bei 40% der Todesfälle sah 
er eitrige Perikarditis. Die Statistik von Zybell muß also als 
ungewöhnlich ungünstig und durch Faktoren mitbedingt bezeichnet 
werden, die weiterer Aufklärung bedarf, da z. B. auch Finkei¬ 
stein bei seinem Material ungünstiges sah. Die Aufklärung ist 
im Sinne fortschreitender Diagnostik (vielleicht zum Teil durch 
das Röntgenbild), vielleicht auch der technischen Details zu 
suchen. Spontanen langsamen Durchbruch eines Empyems durch 
den Bronchus haben Ad. Schmidt (42), danach auch Maillet 
und Aime (43) beschrieben. 

Literatur: 1. Zeltner, Die Entwicklung des Thorax. (Jb. f. Kindhlk. 
Bd. 78, Erg.-Bd.). — 2. Pauni, Verwendung der direkten Laryngoskopie und 
Tracbeobronchoskopie bei Kindern. (Pest. m. chir. Presse 1913, Bd. 49.) — 
3. Turner, A. Legan und Fraser, Direct laryngoscopy, tracheobronchoscopy and 
oesoplagoscopy. (Edinburgh ined. j. 1913, Bd. 10.) — 4. Mouret und Burgues, 
Quelques cas de tracheobronchoscopie. (Montpellier med. 36.) — 5. Kruse, Ur¬ 
sachen der Lungenentzündung. (Zbl. f. allg. Gesundheitspfl. 1913, Bd. 32.) — 
6. Feer, Broncheolitis und Bronchopneumonie bei kleinen Kindern (M. Kl. 

1912. ) — 7. Vogt, Prophylaxe und Ernährungtberapio der Lungenkrankheiten im 
Kindesalter. (Ther. Mh. 1912, Nr. 26.) — 8. Sutherland und Jub, Chronic 
pneumocncc. infection of the lungs in children. (Br. med. J. 1913, Nr. 2735.) — 
9. Arneth, Behandlung der acuten Bronchitis, Broncheolitis, Bronchopneumonie 
bei Säuglingen und jungen Kindern speziell mit heißen Bädern. (D, m. W. 1913, 
Nr. 39.)— 10. Stepp, Zur Behandlung der Bronchitis und Pneumonie bei Kindern. 
(Fortschr. d. M. 1914, Bd. 32.) — 11. Lederer, Ueber chronische nichttuberku¬ 
löse Lungenprozesse im Säuglings- und frühesten Kindesalter. (Jb. f. Kindhlk. 

1913, Bd. 78.) — 12. Bahrdt, Chron. Bronchopneumonie mit Bronchiektasen 
beim Säugling. (Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde Berlin, 11. No¬ 
vember 1912.) — 13. Göppert, Ueber manifeste und latente Insuffizienz der 
Exspiration im Kindesalter. (B. kl. W. 1914, Nr. 30.) — 14. Hutinel, Dilatation 
des bronchies cliez l’enfant. (Clinique, Paris, August 1913.) — 15. Ephraim, 
Zur Theorie des Bronchialasthma. (B. kL W. 1913.) — 16. Weber, Experimen¬ 
telles Asthma. (Arch, f. Anat, Pbys. 1914.) — 17. StXubli, Beitrag zur Kennt¬ 
nis und Therapie des Asthma. (M. med. W. 1918.) — 18. Smith, Asthma in 
children. (Pract. 1913, Bd. 90.) — 19. Göppert, Zar Behandlung der akuten 
spastischen Bronchitis des frühesten Kindesalters im Anfall. (B. kl. W. 1912.) — 

20. Czerny, Paravertebrale hypostatische Pneumonie. (D. in. W. 1914.) — 

21. Thayssen, Die akute nichtspecifische Pneumonie der ersten Lebenstage. 
(Jb f. Kindhlk. 1914, Bd. 79.) - 22. Pironneau, La pneumonie franche du 
nourrisson. (Clin, infant 1913. Bd. 11.) — 23. Weill et Monriquand, 1. Notes 
clinique8 et radiologiques sur la pneumonie du nourrisson, 2. Les foyers d'he- 
patisation pneumonique „silencieux“ de la radioscopie, 3. Les loealisations 
pneumonairs de la pneumococcie sans images radiologiques. (Bull de la soc. de 
Pädiatrie de Paris 1913, Bd. 15, S. 182, 187, 193.) — 24. Triboulet, Pneumo¬ 
coccie et reaction intestinale (Bull, et mem. de la soc. med. de Paris 1913, 
Bd. 29) und Les manifeetations congestives sur le tractus digestif au cour des 
toxi infections (ebenda 1913. Bd. 29). — 25. Jochmann, Infektionskrankheiten 

1914. — 26, Riva-Rocci, Una complicazione rara della polmonite crupale infan¬ 
tile. (Gazz. mod. ital. 1914, Bd. 65.) — 27. Edgeworth, On the oerebral Symp¬ 
toms of Iobar pneumonia in children. (Br. med. J. 1913, Bd. 31.) — 28. Blühdorn, 

I Meningitis serosa und verwandte Zustände im Kindesalter. (B. kl. W. 1912 
1 Nr. 28.) — 29. Glronne, Die Behandlung mit dem Neufeld-Händelschen Pneumo^ 
kokkenserum. (B. kl. W. Nr. 49.) — 30. Reuas, Beiträge zur Behandlung mit 
dem Neufeld-Händclschen Pneumokokkenserum. (D. m. W. 1914, Nr. 40.) — 
81. Morgenroth, Die Chemotherapie der Pneumokokkeninfektion. (B. ki. W. 
1914, Nr. 47/48.) — 32. Boehncke, Beobachtungen bei der Chemotherapie der 
Pneumokokkeninfektion. (M. m. W. 1913, Nr. 8.) — 33. Lenn6, Zur Behandlung 
der Pneumonie mit Aethylhydrocuprein und Pneumokokkenserum, (B. kl. W 
1913.) — 34. Wolff und Lehmann, Ueber Pnenmokokkenmeningitis und ihre 
Behandlung mit Optochin. (Jb. f. Kindhlk. 1914, Bd. 80.) — 35. Zybell, Zur 
Klinik und Therapie des Pleuraempyems beim Säugling (Mschr. f. Kindlik. 1912, 
Bd. 9) und Das Empyem im Säuglingsalter (Erg. d. Inn M 1913, Bd. 11) — 

36. Buttermilch, Stettiner, Zur Empyembehandlung im Säuglings- und frühen 
Kindesalter. (Verhandlungen der deutschen Ges. f. Kinderhlk., Wien 1913) — 

37. Werner, Resultate der operativeu Therapie des Pleuraempyems der Kinder. 
(D. Zscbr. I. Chir. 1918, Bd. 124.) — 88. Hirano, 118 operativ behandelte 
Empyem fälle. (D. Zschr. f. Chir. Bd. 124.) — 89. Cannata, Contributo alle 
pleurife purulenta nell’infantia. (Pediatria 1913, Jg. 21.) — 40. Savariand, 
Les pleurösies purulentes cbez l’enfant leur traitement Chirurg. (J. de med. 
1913.) — 41. Dunlop , Empyema in children. (Edinburgh möd. j. 1914, Bd. 143.) 
— 42. Ad. Schmidt, Ueber langsamen Durchbruch Meiner Pleuraempyeme in 
die Lunge. (M. m. W. 1912 ) — 43. Maillet and AhnL Vomiquee ofaez l’enfant. 

■ i „ u:_ -truo d j . i-r \ 


■ r bei hoher Virulenz sofortige Rippeuresektion . Man darf nicht 1 (Ann. de med. et Chirurg, inf. 1913, Bd. 17.) 


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UNiVERSUY OF IOWA 



372 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. MRrz. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 . Nr. 11. 

Oppenheim: Der Krieg und die traumatischen Neurosen. Wenn 
von Begehrungs'Vorstellungen die Rede sein konnte, waren sie gerade in 
den typischen Füllen nicht auf die Krankheit und nicht auf die Invalidi¬ 
sierung, sondern auf die Genesung gerichtet. 

Meitzer (New York): Magnesiumsulfat bei Tetanus. Die An¬ 
wesenheit des Magnesiums zwischen den Neuronen unterbricht die Kon- 
duktivität in der Neuronenkette sowohl in efferenter als auch inefferenter 
Richtung, was selbstverständlich auch für die X e tiron e n ve rb i n dun gen des 
Cortex cerebri seine Gültigkeit hat. Daher die Narkose, Analgesie und 
Erschlaffung nach der intraspinalen Einspritzung einer Losung des 
Magnesimnsalzes. Intraspinale Einspritzungen von Mugnesiumlösungen 
sind vielleicht nicht nur eine symptomatische, sondern in einem gewissen 
Sinne auch eine kausale Therapie. Das Magnesium dringt in die Zwischen¬ 
räume der Neuronenkette ein und blockiert den Weg für weitere loxin- 
nachschübe. Die subcutano Einspritzung des Magnesimnsalzes, welche 
ihre W irksamkeit nur langsam entfaltet, bewirkt auch beim erwachsenen 
Menschen in relativ kleinen, scheinbar unwirksamen Dosen schließlich 
einen definitiven hemmenden Effekt und kann, offenbar durch eine 
kumulative Wirkung, zur Heilung führen. 

Hirschfeld (Berlin): Der Eiweißbedarf des Menschen. Der Eiwei߬ 
bedarf eines kräftigen Mannes von 70 kg ist auf etw a 40 g Gesamt ei weiß 
täglich zu veranschlagen, wobei durch Verbrennung von Eiweiß im Or¬ 
ganismus etwa ß% der gesamten Wärmemenge gedeckt werden. Die 
Festsetzung von 70 bis 80 g verdaulichem Eiweiß-, entsprechend 80 bis 
100 g Gesamteiweiß, als notwendige Eiweißnorm, ist nicht gerechtfertigt, 
auch wenn bisher selbst bei Arbeitern, die unter den beschenk u>ten 
Verhältnissen lebten, nicht unter 70 g verdaulichem Eiweiß gefunden 
wurden, weil gegenwärtig bei der reichlicheren Verwendung von Kar¬ 
toffeln und der geringeren von Fleisch der Eiweißumsatz sieh voran!* 
sichtlich in weiteren Kreisen noch etwas geringer stellen wird. \ on 
physiologischer Seite ist der Anbau von Kartuffeln, Hackfrüchten und 
Zuckerrüben als möglichst wünschenswert zu bezeichnen, der von llidsen- 
friiehten dagegen nur insoweit, als die Erfahrung ihre Unentbehrlichkeit 
für die Konservenfabrikation ergibt. 

Goldscheider (Lille): Klinische Beobachtungen über Tetanus im 
Felde. (Schluß) Die Regel: lange Inkubationszeit, leichter Verlauf, hat 
auch Ausnahmen. Für die Prognose ist ferner von Bedeutung, in 
welchem Maße die Atmung, das Schluckvermögen, der Kehlkopf be¬ 
troffen sind. Endlich ist gute Reaktion der Krampfzustände auf die 
Nurkotiea prognostisch günstig, wahrend das Gegenteil zwar nicht gerade 
ungünstig ist, aber doch auf einen schweren Verlauf deutet. Die ver¬ 
hütende Wirkung der prophylaktischen Antitoxininjektion scheint ge¬ 
sichert zu sein. | 

Enger (Berlin): Zur Bekämpfung des Pyocyaneuseiters. Man j 
setzt einer Kochsalz- oder Essigsauretonerdelösung einige Tropfen reiner 
Salzsäure zu (fünf bis acht Tropfen auf einen halben Liter), verbindet ! 
mit dieser Flüssigkeit auf 24 oder 48 Stunden die Wunde feucht, und i 
fast stets verschwindet die grünblaue Farbe des Eiters aus den Verband- | 
stoffen, die Sekretion ist erheblich eingediimmt und rote, frische Granu- 1 
lat innen kleiden die Wunde aus. Die Wirkung ist so zu erklären, daß I 
der Pyocyaneus gern auf alkalischem Nährboden wächst, aber auf saurem ] 
nicht gedeiht. Reckzeh (Berlin) j 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 11. j 

Albers-Schönberg und Lorenz (Hamburg): Die Schutzmittel 
für Aerzte und Personal bei der Arbeit mit Röntgenstrahlen. Zunächst | 
wird besprochen, wie sich der Röntgenarzt schützen soll gegen die Aus¬ 
beutung von seiten der Patienten, die, ohne daß ein fahrlässiges Verfehlen 
seinerseits vorliegt, durch Röntgenstrahlen geschädigt worden sind oder 
sich eine solche Schädigung einbilden. Da es nun nach gewiesen ist, daß 
trotz Beachtung aller Vorschriften und trotz Anwendung aller Vorsichts¬ 
maßregeln Verbrennungen von Patienten vorgekommen sind, scheint eine 
gewisse Idiosynkrasie einzelner Individuen gegen Röntgenstrahlen be¬ 
wiesen zu sein. Um sich gegen solche Fülle zu schützen, muß man sich 
in eine Haftpflichtversicherung gegen Röntgenschädenanspriiche aufnehmen 
lassen. Da der Röntgenarzt auch für den Schutz seines Personals ver¬ 
antwortlich ist und ferner für die Fehler seiner Angestellten haftet, so 
muß die Versicherung dementsprechend ausgedehnt werden. Der Inhalt 
einer Police wird angegeben. Empfehlenswert ist der Abschluß mit rück¬ 
wirkender Kraft, ferner die Ausdehnung der Versicherung auf Vertretungs¬ 
fälle. Dann werden die direkten Schutzmaßregeln eingehend angeführt 
und der „absolute Röntgenschutz 14 von neuem gefordert, und zwar im 
Anschluß an eine ausführliche Beschreibung des im Krankeuhauso 
St. Georg in Hamburg neuerrichte ton Instituts. 


Aus den neuesten Zeitschriften. 

P. Schmidt (Gießen): Hygienische Winke Ihr Senchenabteilinfen. 

Zu beachten sind ganz besonders alle Typhusfälle, bei denen eine 
Massenausscheidung von Bacillen stattfindet, noch dazu, wenn die Stühle 
diarrhoisoh sind und leicht verspritzt werden. Wichtig ist ferner die 
typhöse Angina, wobei in und auf den Tonsillen Unmengen von Typhus¬ 
bacillen gefunden werden, die, falls Husten besteht, durch Tröpfchen¬ 
infektion leicht verbreitet werden. Auch beim Erbrochen kann das Er¬ 
brochene, besonders wenn es gallige Beimengungen und damit große 
Mengen von Tvphusbacillen enthält, häufig zur Infektion Anlaß geben. 
Also die besonders gefährlichen Fälle müssen in erster Linie beachtet 
werden. Auch sollte das Pflegepersonal davor gewarnt werden, etwas 
lässiger zu sein, weil cs gegen Typhus geimpft ist. Ein solches Gefahren 
hat sich in vielen Fallen bitter gerächt. 

A. Kissmeyer (Kopenhagen): Agglutination der Spirochäte 
pal 1!da. Serum von Syphilitikern agglutiniert in specifischer Weise die 
Spirochaete pallida. Die Reaktion ist nicht konstant vorhanden, aber in 
allen Stadien von Syphilis nachgewiesen. Durch intravenöse Injektion 
von Kulturen der Spirochaete pallida auf Kaninchen kann man eine 
kräftige Agglutininbilduug in deren Blut erzeugen. 

J. Schumacher (Berlin): Ucber Entgiftung von Diphtherie- wd 
Tetanotoxin. Dem Ammoniumpersulfat, einem sehr starken Oxydations¬ 
mittel, kommt, wie sich auf Grund von Tierversuchen nachweisen läßt, 
kraft seines Sauerstoffgehalts eine große toxinzerstörende Fähigkeit zu. 

Thedering (Oldenburg): Ucber Teerbehandlung des chronischen 
Ekzems. Bei sehr veraltetem Ekzem mit mächtig entwickelter Infiltration 
der Haut sind die Uöntgenstrahlen absolut dominierend. Sonst empfiehlt 
sich der Teer als Uäutrei/uiitte], wobei bei möglichst geringer Heizung 
der Haut eine nämlichst große Tiefenwirkung zu erzielen ist. Dazu ist 
ein Verbot der Seife notwendig. Auch ist die eingeteerte ekzem- 
kranke Haut äußerst empfindlich gegen Wasser. Man verfahre daher 
folgendermaßen: Vier Tage lang wird der Ekzemherd mit Teer morgens 
und abends eingopinselt ohne Seifenwaschung. Die nächsten drei 
Tage morgens und abends Einreibung mit 2%iger Salicylsalbe ohne 
Se i f enw asc h u n g. Am achten Tag einmalige Waschung mit Kali¬ 
seife zur Entfernung des gelösten Tecrsehorfs. Dann kann der gleiche 
Turnus wiederholt werden. Selbst nässende chronische EkzemherJe 
trocknen auf diese Weise fast immer überraschend schnell aus. 

Albert Wolff (Berlin-Grunewald): Eine medizinische Verwend¬ 
barkeit des Ozons. Zur Gewinnung des Ozons dient eine Siemenssclie 
Ozonrölire. Der Verfasser empfiehlt das Ozon bei allen ärztlichen Unter¬ 
suchungen, bei denen sich unangenehme Gerüche bemerkbar machen, mr 
allem bei Untersuchungen jauchender Mastdarmcarcinome. Für Unter¬ 
suchungen in der Nasenhöhle ist es jedoch nicht zu empfehlen, weil 
dabei zu leicht Ozon vom Patienten eingeatmet wird, 
j Schottelius (Freiburg i. Br.): Der Wert des Kaninchenfleisch« 

j für die Volksernährung. Das Kaninchenfleisch ist nicht billig: denn die 
Aufzucht von Kaninchen ist wesentlich teurer als die des Großviehes, 

1 namentlich aber als die der Schweine. „Kleinere Tiere gebrauchen bei 
i einem lebhafteren Stoffwechsel für dasselbe Körpergewicht mehr Nähr- 
j stoffe als große Tiere“ (König). Das Schwein dagegen nützt die au- 
, genommene Nahrung mehr als doppelt so gut aus wie das Kaninchen. 

| Daher müssen in jetziger Zeit die Abfälle nicht etwa zur Kaninchenzucht, 
j sondern als Schweinefuttcr verwendet werden. Zur Anreicherung eiwci 
| reicher Nahrungsmittel sollten die großen Mengen Blut aus den Schlacht- 
i häusern in Form von Blutwurst, Bhitbrot, Blutkuchen verwendet werden. 

Der Verfasser empfiehlt schließlich das Pferdefleisch, um so mehr, als iw 
Kriege viele gesunde, kräftige Pferde altgeschossen werden. Nur um « 
Fleisch solcher rasch verendeter Tiere würde es sich handeln, nicht a u 
um das von Pferden, die an Entkräftung oder an schweren \ erletzungen 
eingegangen sind. Während der kalten Jahreszeit steht dem Iran»!*^ 
und der Konservierung großer Mengen Pferdefleisch nichts im 'W 
(namentlich für die Ernährung der Kriegsgefangenen 1). Auch die aib 
Pferdefleisch hergestellten Dauerwaren kämen in Betracht. 

Kirschnev (Königsberg i. Pr.): Ueber SchußverietzMJ*® * r 
peripherischen Nerven. Die klinischen Zeichen sind: motorische, seasm« 
Lähmungen, ausstrahlende Sehmerzeu, vasomotorische und tropbiscitf 
Störungen. Besprochen werden die bei der operativen Freilegung w 
hobenen pathologisch-anatomischen. Befunde. Nach diesen richten sic 
die operativen Maßnahmen. Wann solche indiziert sind, wird genau an 
gegeben. Sie sollen aber wegen vorhandener motorischer Lähmung nie' 
vor Ablauf von sechs Wochen einsetzen. Wichtig ist, daß m c ^ F . 
durch einen Schuß hcrvorgeruiene Nervenverletzung von einem lunk l0IL 
I ausfalle gefolgt ist. 

S. Korach (Hamburg): Der Torfmoosverband in der Kn^ 
j Chirurgie. Vor allem geeignet sind die zerkleinerten Moosblätter, 

I GazüSäckcken gefüllt, ein sehr weiches, elastisches Verbandmaterial na- 


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28 . März. 


1015 — MEDIZINISCHE KEIN TIC — Nr. 13. 


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stellen (Tor/mooskissen). Tor/moos ist außerordentlich aufsaugungsfähig 
and ermöglicht eine rasche Verdunstung der aufgenommenen Flüssigkeit, 
rodurch einer Zersetzung des Wundsekrets vorgebeugt wird. Das Ein¬ 
trocknen des Wundsekrets im Torfmoosverband erfolgt so rasch, daß, 
selbst wenn nach der Operation eine stärkere Blutung erfolgt war, bereits 
nach 24 bis 36 Stunden der Verband vollständig trocken gefunden wurde. 
Daher eignet sich Torfmoos vorzüglich zu Dauer verbänden. 

Thomas von Marschalkö (Koloszvär): Die Bekämpfung der 
LiMsepiigt im Felde. Bei der Behandlung der Pediculi hat sich dem 
Verfasser seit 17 Jahren Oleum terebinthinae rectificatum ausgezeichnet 
bewfihrt, und zwar auch zur Vertilgung jedes andern Ungeziefers. Die 
Respirationsorgane der Insekten sind außerordentlich empfindlich gegen 
Terpeotindämpfe (Tod durch Erstickung I). Auch die Eier werden da¬ 
durch getötet. Nur rohes Terpentinöl reizt die Haut. Das Einatmen 
der Dämpfe von reinem Terpentinöl, wenn man für genügende Luft¬ 
zufuhr sorgt, ruft beim Menschen auch keine Nierenreizung hervor. Bei 
Ped/cnli capitis wird die Kopfhaut tüchtig mit dem reinen Oel benetzt 
und außerdem ein in dieses eingetauchter Flanellappen mit einer Mull¬ 
binde über dem Kopf lose befestigt (während der Nacht). Man trägt das 
Mittel gegen Kleiderläuse am besten mit einem Spray oder auch mit 
einem Wattebausch auf. Auch Salben, die 50 bis 65 % reines Terpentinöl 
enthalten, in Tuben dürften empfehlenswert sein. Schafpelze könnten 
mittels Terpentinsprays leicht vom Ungeziefer befreit werden. 

H. Strauss (Berlin): Sparsamkeit mit Oelküstferen während des 
Kriegs. Oliven-, Sesam- und Mohnöl sollten nicht mehr zu Klistieren 
benutzt werden, da sie für Nahrungszwecke wertvoll sind. An ihrer 
Stelle sollte für Klistiere Rüböl (nicht ranzig!) verwandt werden. Im 
allgemeinen können aber die Oelklistiere jetzt eingeschränkt werden. Meist 
genügen Klistiere aus Wasser. Aber auch beim Oelklistier kann das 
Quantum Oel reduziert werden (50 bis 100 ccm wirken meist aus- , 
reichend). F. Bruck. 


Ludwig Thieme (Adorf im Vogtland): KriegsdlensttaugHchkelt 
ehemaliger Lungenheilstfltfenpfleglinge. Der Verfasser konnte feststellen, 
daß aus seiner Heilstätte fast 9 Prozent aller Verpflegten für kriegsdienst¬ 
tauglich erklärt worden seien. Das spreche für die Brehmersehe Lehre 
von der Heilbarkeit der Tuberkulose. 

Eis (Bonn): Einseitige renale Hämaturie infolge Kresolschwefel- 
säureintoxikation, geheilt durch Dekapsulation. Der Kranke hatte in den 
letzten Wochen eine große Menge von seuchenverdächtigen Viehwagen 
zu desinfizieren und mußte daher die Eisenbahnwagen mit einem Kresol- 
schwefelsäuregernisch ausspritzen, sodaß er vom Morgen bis Abend in 
der Sprayfliissigkeit stand. Es kam zu Sehstörungen. Schwarzfarbung 
des Urins, Geruch des Atems nach der inhalierten Substanz. Die eine 
Niere lieferte beim Ureterenkatheterismus absolut klaren, eiweiß-, zylinder- 
und blutfreien Urin. Trotzdem muß die Möglichkeit konzediert werden, 
daß auch sie mitergriffen war; denn das Gegenteil kann nur anatomisch 
bewiesen werden. Praktisch jedoch stand nur die andere Niere mit ihren 
starken, bis ins Gesäß ausstrahlenden Schmerzen und ihrer abundanten 
Blutung im Vordergründe des Bildes. Die Therapie und die Gründe, die 
zu dem operativen Eingriff führen mußten, werden zum Schlüsse be¬ 
sprochen. 

Feldärztliche Beilage jVr. 11. 

J. Kaup (München): Ueber den Wert der Choleraschutzimpfnng 
im Felde. Der Impfstoff bestand aus Choleravibrionen, aufgeschw T emmt 




Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 11. 

R. Gaupp (Tübingen): Hysterie and Kriegsdienst Im großen und 
ganzen bat sich das Nervensystem unserer Soldaten als kräftig und gut 
gezeigt, Ausnahmen jedoch sind hervorgetreten. So bei Personen, in 
deren nächster Nähe Granaten geplatzt waren. Hier kann es zu krank¬ 
haften Erregungszuständen und nervösen Zusammenbrüchen kommen, 
einzig und allein herbeigeführt durch den Anblick der toten Kameraden. 
Hut sich der Zustand soweit gebessert, daß den Kranken vorgeschlagen 
wird, es wieder mit dem Dienst zu versuchen, so kommt es mitimter 
sofort zur Angst vor der erneuten Gefahr, zum Grauen vor dem Kriege. 
Fällt aber diese Angst weg, indem man die Kranken ihrem bürgerlichen 
Beruf überläßt oder ihnen im militärischen Dienst einen Posten zuweist, 
der sie von der Front fernhält, so werden sie voll erwerbsfähig. Andern¬ 
falls, wenn man sie in dem Glauben läßt, von neuem zum Kriege heran¬ 
gezogen zu werden, bleibt die traumatische Hysterie bis zum Friedens¬ 
schluß und dann kommt das Verlangen nach der Kriegsrente. Daher 
rechtzeitig — noch zur Zeit des Kriegs — Rückverweisung des im 
Feld Erkrankten nnd von den akuten Hysteriesymptomen wieder Geheilten j 
zur Berufsarbeit. Solange der Krieg dauert, ist der also Behandelte froh, 
der erneuten Gefahr entronnen zu sein und wieder im bürgerlichen 
Berufe zu arbeiten. Neben der Gruppe der im Kriege hysterisch Erkrankten 
tntt eine Zahl bisher ungedienter Soldaten (eingezogener Landsturm ohne 
^Vaffe, Ersatzreserve), bei denen bald nach der Einstellung hysterische 
•Vmptome auftreten. Auch hier verschlimmert oft der nach einer Pause 
wieder au/genommene Dienst die Symptome. Dagegen tritt Heilung ein, 
wenn man diese hysterischen Menschen am richtigen Ort in richtiger 
♦veise tätig sein läßt, ihren Kenntnissen entsprechend. Mit der Wahl 
dieses passenden Postens sollten sich die Aerzte der Reservelazarette, 
unter ihnen namentlich die Nervenärzte, von Amts wegen zu befassen 
naben. Deren Rat sollte nach dem Vorschläge des Verfassers an das 
stellvertretende Generalkommando eines Armeekorps weitergegeben 
werden, das eine Art von militärischem „Arbeitsnachweisbureau“ für diese 
albtauglichen nervösen Mannschaften bilden müßte. 

Erich Leschke (Berlin): Dfe Tuberkulose im Kriege. Ausführlich 
roitgeteüt werden drei Fälle von Ausbruch der Tuberkulose im Kriege 
«j bisher gesunden Leuten. Sie sprechen für die Auffassung der Tuber- 
uose als einer metastasierenden Autoinfektion infolge des Aufflammens 
f er mehr O( * 0r weniger ausgedehnten latenten tuberkulösen Herde, die 
as jeder Erwachsene in seinen Bronchialdrüsen (oder Lungenspitzen) 

■ V auc k Möglichkeit einer Erstinfektion oder einer Neu- 
e ton im Felde nicht geleugnet werden kann, so ist doch eine solche 
iogene Infektion eine sehr große Seltenheit. Auch die nur ganz leicht 
. ul torkulose Erkrankten sollen znöglicht umgehend in die Heimat 

^^portiert werden und hier am besten Heilstätten oder Tuberkulose- 
an tf eQ 40 Kliniken und Krankenhäusern überwiesen werden. | 


in steriler, 0,5 %ige Carbolsäure enthaltender Kochsalzlösung, die durch 
einstündiges Erhitzen auf 53° im Wasserbade abgetötet waren. Der Wert 
der Choleraschutzimpfung hat sich auch in diesem Kriege bei der An¬ 
wendung an Millionen Personen der österreichisch-ungarischen Heere 
deutlich gezeigt. Bei einigen Armeen wurde ein Teil der Mannschaften 
in den Schützengräben geimpft, oft im Bewegungskriege während be¬ 
sonders anstrengender Aktionen. Eine neuerliche Impfung der Armeen 
in verseuchten Gebieten ist erst sechs Monate nach der ersten Impfung 
[ in Aussicht zu nehmen. 

Stursberg und Klose: Zur Frage der Bewertung der französi¬ 
schen Typhusschatzimpfung und der diagnostischen Bedeutung der Gruber- 
Widalschen Reaktion bei Typhusgeimpften. Die Impfung gewährt keinen 
unbedingten Schutz gegen Typhus, scheint aber das Haften der Infektion 
einigermaßen zu erschweren und den Verlauf einer Erkrankung zu 
mildern. Die Gruber-Widalsche Reaktion läßt sich auch bei gegen 
Typhus Geimpften, wenigstens in vielen Fällen, sehr wohl zur Diagnose des 
Typhus und Paratyphus verwerten, wie die Verfasser auf Grund der 
Feststellungen der Agglutinationswerte nachweisen. 

Werner Rosenthal (Göttingen) und Emil Werz (Nürnberg): 
Vibrionenträger im deutschen Heer. Auch Individuen mit leichtesten 
Darmerkrankungen, die eine abortive Cholera darstellen, und auch Leute 
ohne jedes Krankheitszeichen können Choleravibrionen ausscheiden. Auf 
diese Weise kann unvermutet die Cholera eingeschleppt werden. Ab¬ 
sonderung aller irgendwie Ansteckungsfähigen, Heraussuchung aller 
Vibrionenträger und deren Einschließung, bis sie sicher vibrionenfrei 
geworden sind, können das Unheil abwehren. 

Carl Mirtl (Graz): Beitrag zum Kapitel Herzbefunde bei Ver¬ 
wundeten und krank vom Felddienste Heimkehrenden. Die Größe der 
absoluten Herzdämpfung ist insofern leicht trügerisch, als ungemein 
häufig eine aus Strapazen hervorgegangene Lungenblähung vorhanden ist. 
Es ist also die Größe der relativen Herzdämpfung, besonders in leicht 
vorgebeugtem Stehen, verläßlicher, als die der absoluten in Rückenlage. 
Auf diese Weise läßt sich in einer Reihe von Fällen eine Ueberdehnung des 
Herzmuskels, eventuell mit den Geräuschen der relativen Klappeninsuffizienz 
feststellen. Hier muß man ähnliche Reparationsbedingungen schaffen 
wie beim physiologisch - hypertrophierten Herzen der Wöchnerinnen, 
also die ersten Wochen größte körperliche Ruhe, auch bei Leicht 
verletzten. 

H. Pape (Nordhausen): FunkHonelle Stimmbandlähmung im Feld. 

In sechs Fällen, die an starker Heiserkeit, ja fast völliger Aphonie litten 
und dem Verfasser innerhalb einiger Tage begegneten, handelte es sich 
um eine typische funktionelle Stimmbandlähmung. Bei der laryngoskopi- 
schen Untersuchung zeigte sich niemals ein anatomischer Befund; die 
Stimmbänder bewegten sich und konnten vorübergehend zu völligem 
Schluß gebracht werden. Es ist einleuchtend, daß ein Feldzug mit 
seinen vielfachen psychischen Traumen zu funktionellen Nervenstörungen 
verschiedenster Art Anlaß geben kann. 

Rudolf Pichler (Villach): WasserstoHsuperoxydsalbe zur Be¬ 
handlung der Kriegsverwundungen. Angelegentlichst empfohlen wird eine 
1 und 2 o/o ige Peraquinsalbe, namentlich bei jauchigen Wunden. 

Ernst Holzbach (Tübingen): Vom Truppenverbandplatz. Für 
den Ort der ersten Hilfeleistung im Gefecht dürften sich wohl Oertlich- 
keiten finden — ein Haus, ein Hohlweg, eine Waldlichtung —, die unter 
den Infanterie geschossen nicht viel zu leiden haben. Dagegen kennt der 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


moderne Krieg keinen Truppenverbandplatz mehr, der vor dem feind¬ 
lichen Artilleriefeuer Schutz gewährt. Bei der Einrichtung des Truppen¬ 
verbandplatzes muß unterschieden werden zwischen dein ärztlichen Ver¬ 
halten bei Positionskämpfen und dem in der Bewegung, beim Begegnungs¬ 
gefecht zum Beispiel. Beides wird genau besprochen. Enter den rein 
ärztlichen Maßnahmen wird betont, daß, wenn glatte, perforierende Bauch¬ 
schüsse imoperiert drei bis vier Tage lang unter Morphium und rigorosei 
Nahrungs-und Flüssigkeitsentziehung mit einem einfachen Deckverband aufs 
Stroh gelegt wurden, der Patient wiederholt mit völlig weichem Leib, ruhigem, 
vollem Pulse und beginnender Flatulenz an die Sanitätskompagnie ab- 
goliefert werden konnte. Die Verwendung der Jodtinktur hält der Vei- 
fasser hei Bauch feil verlet zungen direkt wünschenswert. Denn nichts 
unterstützt die Einschließung und Verklebung des Gehihrherdes dim h 
die plastischen Produkte des Bauchfells, also die Abkapselung, mehr als 
die Jodtinktur, die sofort reizt und Adhäsionen hervorruft. 

Madelung: Kriegsärztliche Erfahrungen ln England und Frank¬ 
reich. Schluß. Ein sehr ausführlicher Bericht. Den wertvollsten Teil 
seines Materials gewann der Verfasser aus einigen ihm zugänglich ge¬ 
wordenen nordamerikanischen medizinischen Wochenblättern, die Berichte 
aus der Kriegszeit“, Briefe aus London und Paris, vor allem Referate 
über den’Inhalt mehrerer wichtiger englischer Journale brachten. 

H. Lief mann (Dortmund): Zur Behandlung der Rückenmarks¬ 
verletzungen Im Kriege. Gegen die bei Kückenmarksverletzungen infolge 
einer Infektion des uropoetischen Apparats durch das Bacterium coli 
bestehende Gefahr empfiehlt der Verfasser prophylaktische Immunisie¬ 
rungen mit einer Vaccine, hergestellt aus einer Kolireinkultur au» den 

Faeces des Patienten. . . 

Grützner: Ueber eine Fliegerpfeil Verletzung. Berichtigung be¬ 
treffend die Durchschlagskraft der Pfeile. ^ • Bmick. 

Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 9. 


E. Csernel und A Märton: Die Therapie des Abdominaltyphus 
mit nicht sensibilisierter Vaccine. An der Königlich ungarischen Uentral- 
üntcrsuchungsstation des Ministeriums des Innern hergestellte (Kaiser- 
Csernelschc) Vaccine. In einigen Fällen wurde kritische Entfieberung 
heihemeführt, in andern wurde die Continua unterbrochen und die Inten¬ 
sität der Krankheit herabgesetzt. Darmkomplikationen, irreguläre Herz¬ 
tätigkeit und starke Delirien kontraindizieren die Anwendung der Vaccine. 

C. Feistraantel: Ueber Prophylaxe und Therapie des Typhus 
abdominalis mittels Impfstoffen. Es wird gleichfalls über sehr günstige 

Erfolge berichtet. , _ . _ , . 

E Haim: Ueber Gangrän der Lunge nach Schußverletzungen 
derselben. Eine gar nicht so seltene Komplikation, die chirurgische 
Behandlung — oft mit gutem Erfolge — verlangt. 

Mathilde und Dr. R. Grassberger: Ein laussicheres Ueber- 
g-ewand. Nach dem beigegebenen Schnitte kann der Anzug von jeder 
Näherin hergestellt werden. Die Kosten betragen 18 Kronen. Abbildun¬ 
gen und Angabe von Bezugsquellen. .. . . 

K. Wal ko: Ueber kombinierte Infektionen mit epidemischen 
Krankheiten. (Schluß.) Dysenterie und Cholera, Recurrens und Cholera. 
Typhus und Dvsenterie sind in ihrer Kombination nicht vereinzelte 
Kuriosa, sondern häufige schwere Komplikationen epidemischer Krank- 
liciten. Es wurden bis zu JO % Mischinfekt innen beobachtet. Am 
schwersten verliefen die Fälle bei gleichzeitigem Bestehen von Typhus und 
Ruhr doch war ihr Ausgang oft günstiger, als wenn die zweite Infektion 
einen schon mehr oder weniger geschwächten Menschen befiel. Misch. 

Wiener medizinische Wochenschrift 1 915, Nr. 9 u. 10. 

Xr 9 0 Zajicek: Die Schutzimpfung gegen Typhus und die mit ihr 
in der amerikanischen Armee erzielten Erfolge Statt aller Worte me» 
„ur folgende Zahlen aus dem amerikanischen Armeejournal vom Januar 191., 
angeführt, die den Wert der Vaccination illustrieren: 

n Zahl der Tvnhimfjül*» heil 

Soldaten lypliusfalle an Typhu9 

1 Spanisch-amerikanischer Krieg 18U8 (kt ine ^ 

I,“ viele Farntyplmufälle als Typlms diagnostiziert werden, wird 
empfohlen, eine bivalent« Vaccine zu gebrauchen, die gegen beide Krank¬ 
heiten y'iyyyT Ueber d | e Befreiung der Truppen von Kleiderläusen. 
Der Eisenbahnzug als Desinfektionszug. Ein Güterwagen durch liinein- 
h-iten des Dampfes der Lokomotive zu einem Dainpfdesinfektionstewren 
nimrestaltet Das Verfahren hat sich bereits gut bewährt. 

h T Fodor: Pfrysikalische Heilmethoden in der Verwundetenfürsorge 
und Organisation dieses ärztlichen Hilfsdienstes. Es ist geplant, eine 


Centralstelle der ärztlichen Hilfsorganisation für physikalische Medizin za 
schaffen, in welcher eine Liste aller dienstbereiten Aerzte mul Institute 
mit Angabe ihres speziellen Fachgebiets und ihrer Kurbt helfe aufliegen soll. 

Nr. 10. v. Pirquet: Wesen und Wert der Schutzimpfung gegen die 
Blattern. Der Vortrag will fiir die obligatorische Einführung der Impfung in 
Oesterreich Propaganda machen. Wie unpopulär muß aber die Impfung in 
Oesterreich sein, wenn die Veröffentlichung dieses elementaren Vortrags 
an so führender Stelle notwendig ist. 

P. Saxl: Ueber das Vorkommen und den Nachweis von Pepsin 
im Blutserum. Ira Serum 20 normaler Menschen konnte Pepsin nach- 
gewiesen werden*, es verdauten noch l /s Vis ccm Serum. Die klinische 
Bedeutung dieses Befundes soll noch näher studiert werden. 

A.^Kron fehl: Zur Impftechnik. Empfehlung eines neu kon- 
struierten Impftrepan, für dessen Einführung aber — wenigstens in 
Deutschland — keine Veranlassung vorliegt. Misch. 

Zentralblatt für Herz- und Gefäßkrankheiten 1915 , Nr. 3 u. 4. 

F. Gaisböck und L. Jurak: Klinische und anatomisch- 

histologische Untersuchungen über einen Fall mit Adams-Stokesschcm 
Symptomenkomplex. a) Klinischer Teil. 71 jähriger Manu mit 
Arteriosklerose der fühlbaren Gefäße, hohem Blutdruck (200 mm 11g), 
arteriosklerotischen Aortengeräuschen und Nierenveränderungen. Bradv- 
kardie (20-82 Schläge) bekommt zeitweise schwere Anfälle von Be- 
wußUosigkeit, Stillstand von Herz und Atmung mit folgen¬ 
der stoßweiser tiefer Atmung und Tachykardie bis 100 Schläge, Wahrend 
der Bradykardie wird nur jeder vierte Vorhofschlag von der Kammer auf- 
genommen, also Lei tungsst ö rung in V cbergangsbiindel. Bei der Tachy¬ 
kardie handelt es sich um gehäufte Kammerextrasystolen infolge Aecelemus- 
reizung. Adrenalin (zweimal täglich 1 mg) machte gleichfalls 
schnelleren Puls und zugMfch Besserung der Beschwerden. b) Ana* 
tomisch - bis t o 1 ogiseher Teil. I>ie Autopsie ergab: schwere 
Atherosklerose der Aorta, (’oronar- und Uehirnarterien, . chronische 
Nicrenentartunu: tuberkulöse Pleuritis und Peritonitis. Die histahgisdie 
Untersuchung des U eberlei tun gssyste ms ergab: Das atrioventri¬ 
kuläre Verbimlungsbiindel ist bis zur Teilungsstelle intakt, dagegen ist der 
linke Sehenkel im Anfangsteil unterbrochen durch sklero¬ 
tisches Gewebe, das von der rechten Aortenklappe bis zum Septum 
membranaceum reicht. 

C. Fromberir: Historische Korrektur. Frmnberg stellt durch 
Quellenstudien fest, daß Leonardo Botallo das offene Forainen ovale be¬ 
schrieben hat. das aber sehon Galen und Vesal bekannt war, den Rnctus 
arteriosus Botalli aber wahrschoinlieh gar nicht gekannt, bat. Die in der 
deutschen Literatur übliche Bezeichnung ist also falsch, richtiger ist »fe 
im Französischen und Italienischen übliche Trou de Botal ouyert für da> 
offene Foramen ovale. Am zutreffendsten wäre es, den Nu inen ces 
Botallo zu streichen, da ihm für keines der foetalen BluQeh-'* 
Verbindungen eine Priorität zukommt. k. bg. 


17B0 

282 


2060 

11H 


248 

22 


ÖAG 

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Zentralblatt für Chirurgie. 191 5, Nr . 10. 

F. Neugebauer: Seltene Gefäßveränderungen nach Schuft- 

v&rletzung. In zwei Fällen von Schuß durch den Oberschenkel miur- 
halb der Leistenbeuge fand sich unter dem Poupnrtschen Band über 
-roßen Gefäßen eine liandtellerhreite Pulsation mit fühl- und barhaM» 
Schwirren ohne jede Geschwulstbildung. Die Freilegung der groben .*• 
fiiße zeigte derbe narbige Verwachsungen zwischen Arterien um 
Venen, keim* Aneurysinabildung. Ibis Schwirren aus den ay* 
Verwachsungen zu erklären war nicht möglich bei einem dritten a v 
von Schußverletzung der Kieferhöhle mit Bruch des Felsenbein, m 
Taubheit durch Zerstörung des Nervus eochlearis, wo über dem 1 
fort salze Pulsation und Schwirren gefunden wurde ohne Aneiinsnun ^ 
Unterbindung der Arteria oc.cipitalis und Carotis externa beseiti- 
übergehend das Schwirren. ... ■« 

Hasse: Ein verbesserter Amputations-Refraktor. Zwei ^ >' ^ 
refraktoren werden dadurch miteinander verbunden, daß du em» . 
in einem Falz des andern verschiebbar ist, wodurch die Mitte o m ^ 
verschiedener Größe einstellbar wird (C. und G. Streißgut i- , :tm ^ 

Zentralblatt für Gynäkologie 1915, NgJO; 

L. Proctiownick: Ein Beitrag zu den Vergehen 
Befruchtung beim Menschen. Die Unfruchtbarkeit der Ehe a*i c ^ ( 
kann auf Bildimgsfehlern des Mannes oder auf vei min ( < r ^ yx 
beruhen, bei den Frauen mit normal gebildeten Zeugung^» 1 
Folgezust linden von Entzündungen der Anhänge. Bei dei e . ( | 

uterine Einspritzung des Sperma mit Bvaunscher Spi ityO '* 
legen auf rasches Arbeiten, auf ruhiges Verhalten der I»au *'^ • lfV w 
Wiederholungen des Versuchs) und auf günstigen Zcitpun' 


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Got igle 


Original frnrri 

UNIVERSUM OF IOWA 





MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. VA. 


j; T n r„) 22. Tag nach Beginn der letzten Regel). Am entschiedensten 
|. !f ,j,, r \*crstic/i versagt hei Unfruchtbarkeit infolge von Adne.verkram 
. jt'i.'iire/i der Frau. 

?!* joh. Untre: Neues über die Klammern v. Herffs. Angaben 

ijjier neiierd/ngK vorgenommene Verbesserungen: Kreisbogenform der ab- 
^•keeiMi ^Vhenkefteile. Abplattung des Domes. 

Th e Journal of the American Medical Association, Bd. 64, Nr. 1. 

**' L Harris: Erfahrungen der New Yorker Abteilung für öe- 

sundhe’'<pflege über Typhusframunisierung. Nur in vereinzelten Fällen, 
l„ i ,|envji darin eine Zunahme von Morbiiität und Mortalität zti konsta- 
(i,war. zeigten sieb Mißerfolge der Immunisierung. 

He/tUe Beaktienen waren selten: diese wurden begünstigt durch 
Krankheit. Tuberkulose usw, Als llauptiegel muß festgebalten 
«-■nkri. mir gesunde Personen zu immunisieren. Die Punktion von 
Vrjieü, ebenso die intramuskuläre Injektion muß vermieden, auch sollen 
Shwafigorc. Menstruierende nicht geimpil werden. 

Am besten ist eine Reinigung der Impfstelle mit Jod, auch soll 
bei wirderboltrr Impfung die verhärtete erste Impfstelle vermieden werden. 

Ki/jiler müssen vor Sonne g«sehiitzt, Alkohol und härte Arbeit 
miili dem Beimpften verluden werden. Nach begonnener Inkubation ist 
die Zeit fiir Tyjduisimmunisiening' vorbei. 

b'ei engem Kontakt mit Typhwsknmken (Epidemien) läßt die Wirk- 
^.utrNt der Schutzimpfung nach und eine Infektion kann dann trotz 
iiielirnialiger fmmiuiisierung erfolgen. 

Jiii grüßen und ganzen kann die Immunitätsdauer von zwei Jahren 
.u'gvir-mmeii werden. 

A. .1. Parlson: Beiträge zur Physiologie des Magens. XXL Die 
den bitteren Ton/ca zugeschriebene Wirkung auf die Magensaftsekretion 

beim MenscJ-en und Bund. Verfasser weist im Menschen- und Tier- 
vrr'iirbt 1 tini,;}]. daß die häufig verordneten Tonira (('liiui/i und Striehiiin, 
»♦m«? dir init Alkohol gemischten ausgenommen) keinerlei Wirkung auf die i 
.Mu.viis.dtsckretion haben, meint indes, daß ihnen eine psychische Wirkung 
find rin manchmal dadurch erreichter Erfolg nicht ubzusprerhen ist. 

A. RaudaII: Die endoskopische Behandlung nächtlicher Pol¬ 
lutionen. Randall gibt einen Ueherbliek über (’rsarlien «ler niicfit- 
••'■•ca R'dhitioneii und ist der Ansicht, daß die cndoskopiM-hr I ’ntcr- 
sniiiiiig in ihip meisten Fällen die Ursache des Leidens aufdeekt uml 
'iii' 1 zur Heilung führende Behandlung ermöglicht. Cordes (Dresden». 


getreulich wiedergibt. Das ist wohl die beste Empfehlung, die man dem 
Werke mit auf den Weg geben kann. Der erste Teil behandelt in 20 Ka¬ 
piteln die allgemeine Chirurgie. Die Anordnung des Stoffes ist dabei so 
gewählt, wie sie den Bedürfnissen des praktischen Arztes am meisten 
entspricht. Die Einrichtung des Operationsraums, das notwendigste 
Instrumentarium, die Vorbereitungen zu einer Operation, die üblichen 
Verfahren zur Schmerzbetäubung werden in den ersten Abschnitten be¬ 
sprochen. Es folgen Kapitel über die Wundbehandlung und die Storungen 
des normalen Wundverlaiifs durch Infektionen. Besondere Abschnitte 
sind der Behandlung der Phlegmone, der Lymphgefäß- und Lymphdrüsen¬ 
entzündung, der Furunkel und Carbunkel und der septischen Allgemein- 
infektion gewidmet. Im allgemeinen Teil werden auch die Verletzungen 
und akuten Entzündungen der Gelenke, die akute Osteomyelitis und dm' 
Diabetes in der Chirurgie in besonderen Kapiteln ahgehandelt. Den Schluß 
des allgemeinen Teils bilden die Behandlung der chirurgischen Tuberkulose 
[ und eine Besprechung der praktisch wichtigen Gesichtspunkte für die 
Diagnose und Therapie der Geschwülste. 90 teils farbige, sehr gute Ab¬ 
bildungen tragen vielfach zum Verständnisse des Textes bei. 

Der zweite Band, der 400 Seiten umfaßt und auch reich mit guten 
Abbildungen ausgestattet ist, enthält die spezielle Chirurgie, die hier, 
wie in den meisten Lehrbüchern, mit dem Kopfe beginnt und mit den 
Extremitäten aufhört. Wir finden in diesem Band in gedränut«'!’ Ueber- 
sielit die wichtigsten Krankheiten behandelt, die Gegenstand chirurgischer 
Eingriffe werden können. Dabei wird nicht nur der Gang der Operation 
bi*>proe!ien, sondern es finden sich auch überall Hinweise auf die Diagnose 
und Differcntiuldiagnose, alles dies auf Grund einer reichen persönlichen 
Erfahrung und mit einem nicht gewöhnlichen Blicke für das Wesent¬ 
lichste. Das Buch ist als Leitfaden für Aerzte. chirurgische Assistenten 
und M' dizinalprakt ikanten geschrieben und erfüllt diese Aufgabe wie 
selten eins. Es wird aber auch darüber hinaus manchem dienen, der 
sich über die bewährten Methoden eines so bedeutend«*!) Chirurgen wie 
Körte orientieren will. Ein zuverlässiges Sachregister am Schlüsse dos 
zh eiton Bandes erleichtert dies. Brentano (Berlin). 


Dermatologisches Zentralblatt , 1915, Nr. 5. 

Willy Lohn: lieber vier Fälle von Pifyriasis lichenoides chronica. 

eVLdi. S. 66-— (18.). Die histologische Untersuchung ergab Parakera- 
("W liful Jeiehlcs perivaskuläres Infiltrat. Bei der DiffcrentialfJiagno.se 
i't an /Wiasis und an Syphilis zu denken. Die Therapie mit Salvarsan 
#@| äußeren Mitteln war erfolglos. 

Hygienische Rundschau 1915, Nr. 3. 

fUiiifind: Die Bolusfherapfe bei infektiösen Darmerkrankungen 
ond Cholera asiatica im Licht experimenteller Forschungen. Ver- 

'•S-'cr erinnert an frühere Untersuchungen von Emmerich und ihm, 
'och «ieii<*n bestimmte Lehmarten in vitro eine stark bactericide Wirkung, 
li ’ 1 S'n«lrTs auf Oml«*ravibrionen ausüben. Die Wirkung ist nicht durch 
ui U«ung gehende Substanzen bedingt. Sie muß «iaher als mechanische 
«nbLUt werden, vielleicht in der Weise, daß durch die Toiipart ikdehen 
!:e Dherfläclie der Bakterien verletzt und dadurch Plasmolyse liorvor- 
i.'‘ : 'iif»‘n wird. Für diese Annahme spricht die Beobachtung, daß in fester 
"Etine. die die Vibrionen und die Lehmpartikelrhen immobilisiert, «lie 
•\n< tum' nicht erfolgt. Für die Praxis ist von Bedeutung, daß di«* bac- 
r "! icide Wirkung der einzelnen Leb märten verschieden stark ist. Sehr 
- r,, ß ist sie bei Ilaidhau-oner und Deggendorfcr Lehm. Eie übertrifft 
l * , ' r Ik'bts alba bedeutend, sodaß die therapeutische Anwendung 
::: K - ser L‘hmart«»n an Stelle der Bolus zu versuchen wäre. Iiei der natiir- 
‘'J'en iLdem-cjniguug dürfte die bactericide Wirkung der Lehmarten 
»t nichtige Rolle spielen. _ Jv. M. 

ßücherbesprechuiigea j 

0* Nordmann, Praktikum der Chirurgie. Ein Leitfaden für Aerzte 
!! fHl y'hulieionde. Erster Teil: Allgemeine Chirurgie. Zweiter Teil: 
Chirurgie. Mit 251 teils farbigen Abbildungen. Berlin und ! 
, iefl 11H5. Urban & Schwarzenberg. 032 S. Broschiert M 15, — , ; 
gebunden M lß.50. ' 

di- V ^ rUD, ^ a - e des Nord mann sehen Buches bilden die Lehren. 
sCH . er ) ‘ asser ; er in der Einleitung sagt, als Assistent Kört es im 
j/ ll “ c en Krankenhaus am Urban zu Berlin empfangen hat. Referent ! 
Da aüÄ 01 o Der Erfahrung bezeugen, daß das Praktikum diese Lehren , 


F. Pels-Leusden, Chirurgische Opera t i onslehre für St. mlierendo 
und Aerzte. 2. wesentlich verbesserte Auflage. Mit 7ßß Abbildungen. 
Berlin und Wien 1915. Urban A Schwarzenberg. 7SS S. M 20. — . 

Die zweite Auflage dio>er ausgezeichneten Operationslolire ist 
wesentlich verbessert und erweitert. Ihr Ilaupt.vorteil gegenüber ähn¬ 
lichen Werken bestellt darin, daß nicht nur die Technik der Operationen 
an «ler Leiche beschrieben. ist, sondern auch die klinische Vor- und 
Nachbehandlung der Kranken eingehend geschildert ist. Die Sprache ist 
klar und verständlich', die Abbildungen sind gerade dadurch, dal sie 
schematisch gehalten sind, anßerordentlieh instruktiv. Verfasser hat auf 
die I >urslellimg der ge.sehirlitlirhcH Entwieklunu wichtiger Operations- 
Verfahren besonderen Wert gelebt, wodurch das Werk für den Chirurgen 
sehr interessant wird. Es kann in jeder Hinsicht gar nicht genug emp¬ 
fohlen werden. 0. Nord mann (z. Z. Lötzen). 

G. Harter, D as Rätsel der denkenden Tiere. Wien und Leipzig 
1914. Wilhelm Bruumiiller. 7(i S. AI 1,40. 

Harter macht in diesem sehr interessanten Schriftchcn auf eine 
neue Erklärungsmöglichkeit der bei den sogenannten „denkenden Tieren“ 
(den Elberfelder Pferden, dem Mannheimer Hund Rolf usw.) beobachteten 
Phänomene aufmerksam, die sich seiner Ansicht nach als die einfachste 
uml nächstliegemle darbietet. Diese Phänomene sind nämlich nach ihm 
nicht aus der tierischen, sondern vielmehr aus der menschlichen 
Psyche heraus zu begründen. Die vermeintliche „Intelligenz” dieser 
Tiere gleicht durchaus der der klopfenden Tische der spiritistischen 
Seancen: wie das vom Tische Geklopfte dem unterbewußten Ideen- 
kreis einer am Tische sitzenden Person entstammt (uud keineswegs 
einem dafür verantwortlich gemachten „Geiste”) — so entstammt auch 
das von den denkendeu Tieren Geklopfte lediglich dem instinktiv erken¬ 
nenden Unterbewußtsein der mit ihnen Arbeitenden, es ist so zu sagen 
ein Echo des menschlichen Unterbewußtseins: die Antworten der Tiere 
sind „tatsächlich nichts anderes, als der Widerhall des unbewußten 
Gedankens der Fragesteller“. Um diese Hypothese konsequent durch - 
zufiihren, muß der Verfasser allerdings die Möglichkeit einer äußer- 
sinnlichen, telepathischen Gedankeniibertragung• als erwiesen 
annelimen, und zwar nicht bloß aus dem Unterbewußtsein von Mensch 
zu Mensch, sondern ebenso auch von Mensch zu Tier — ja sogar auf 
leblose Objekte und durch deren Vermittlung erst wieder auf damit in 
Berührung kommende Personen: Verfasser beruft sich dafür besonders 
auf die Versuche von Nauni Kotik, sowie auch auf eigne Beobachtun¬ 
gen („psychometrische“ Gedankenübertragung durch in die Hand genom¬ 
mene Objekte, Ringe, Spielkarten). — Daß diesem wie auch immer 
plausibel gemachten Erklärungsversuche noch manche Schwierigkeiten 
und Bedenken entgegenstehen, ist dem Verfasser selbst vermutlich am 
wenigsten entgangen. A. Eulen bürg (Berlin). 


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376 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse**, Redigiert von Priv.-Doz. Dr . Anton Bum, Wim. 


K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wies. 

Jahresversammlung vom 19. März 1915. 

Pregl (Graz) bespricht das Entlausungsverfahren durch 


Ammoniak, welches er mit Prof. Stummer erprobt hat. Bei den a ] 

Versuchen wurden Läuse in einer Eprouvette durch einen in der Z( 

Mitte derselben befindlichen Wattebausch abgeschlossen, über dem ß 
letzteren wurde in einiger Entfernung ein Wattepfropf eingeführt, g 
welcher mit ein paar Tropfen Ammoniakflüssigkeit getränkt war. w 
Das sich verflüchtigende Ammoniak durchdrang den Abschluß- d; 
pfropf und tötete die Läuse in höchstens 2 Minuten. Dadurch war g 
erwiesen, daß das Ammoniak wegen seiner leichten Diffusion auch s j 
durch dickere Stoffe durchdringen und das Ungeziefer abtöten g 
kann. Bei der praktischen Erprobung hat sich diese Annahme be- ^ 
stätigt gefunden. Im Garnisonspital Nr. 7 in Graz wurde eine ver- \ 
lauste Abteilung dadurch entlaust, daß die unreinen Kleidungs- e 
stücke mit 25°/ 0 iger Ammoniaklösung besprengt und in einer j 
Kiste verschlossen wurden. Nach einer Stunde waren die Läuse > 
und die Nisse abgetötet. Die Soldaten wuschen sich den Körper \ 
mit Seife und ammoniakhaltigem Wasser und zogen darauf die <] 
gereinigten Kleider sofort an. Uniformen, Lederzeug und Pelzwerk a 
werden durch Ammoniak nicht geschädigt. Beim Reinigen von c 
Zimmern ist das Waschen des Bodens mit Ammoniaklösung und ^ 
Seife empfehlenswert. Größere Stücke, wie Matratzen, werden mit ^ 
Ammoniaklösung bespritzt und 4 Stunden in einem geschlossenen ] 
Raum liegen gelassen. Das Verfahren ist für große Entlausungs- j 
aktionen empfehlenswert. Die Entlausung nasser Kleider durch , 
Ammoniak ist nicht vorteilhaft, weil Wasser viel Ammoniak bindet. 

J. Wagner v. Jauregg: Versuche über die Kropfötio- 
logie. Vortr. hat im Verein mit Landsteiner und Schlagen¬ 
hau f er Versuche über die Aetiologie des Kropfes vorgenommen. 

Die Häufigkeit des letzteren ergibt sich daraus, daß im Militär¬ 
territorialbezirk Graz im Lauf von 12 Jahren unter 1000 zur 
Assentierung vorgeführten Männern 144 wegen Kropfes ausge¬ 
schieden wurden, abgesehen von denjenigen, welche einen Kropf 
hatten, aber wegen anderer Gebrechen zurückgestellt wurden. In 
derselben Zeit fand sich im Militärterritorialbezirk Zara unter 
10000 Stellungspflichtigen nur ein Kropfiger. Bezüglich der Aetio¬ 
logie des Kropfes steht nur die Tatsache fest, daß der Ort eine große 
Rolle spielt; was den Kropf erzeugt, ist nicht bekannt. Hierüber 
gibt es mehrere Theorien, den größten Anklang hat bisher die 
Trinkwassertheorie gefunden. Vortr. hat vor allem letztere experi¬ 
mentell geprüft. Der Versuch mußte nach zwei Seiten geführt 
werden: 1. ob es gelingt, in Kropforten Tiere durch Aenderung 
des Trinkwassers kropffrei zu erhalten, und 2. ob Tiere an einem 
kropffreieu Ort durch das Trinkwasser aus einem verseuchten 
Ort kropfig werden. Als Versuchstiere sind Hunde und Ratten 
geeignet, Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen bekommen sehr 
schwer einen Kropf. Vortr. hat zu seinen Versuchen weiße Ratten 
benützt, und zwar wurden diese aus Berlin eingeführt, wo sie 
immer kropffrei sind, während in Wien gezogene Ratten sehr oft 
einen Kropf haben. Auch an Menschen sind bereits Versuche an¬ 
gestellt worden, so von Breitner und Bircher sen. Letzterer 
kam zu der Ansicht, daß der Kropf von der geologischen Forma¬ 
tion des Bodens abhängig ist und daß das Trink wasser auch dabei 
eine Rolle spielt; es hat sich aber herausgestellt, daß manche 
geologische Formationen in der Schweiz einen Kropf tragen, in 
anderen Ländern dagegen nicht. Bircher hat in Rupperswyl 
einen Versuch im großen angestellt. Der Ort liegt auf Meermolasse ! 
und es war daselbst Kropf in Menge vorhanden; es wurde nun 
eine neue Wasserleitung aus einer kropffreien geologischen For¬ 
mation (Jura) eingeleitet, worauf der Kropf nahezu verschwand. 
Nachuntersuchungen ergaben jedoch, daß die Angaben nicht 
stimmen; das früher gebrauchte und das eingeleitete Wasser 
stammten beide aus derselben Formation und die Kinder bekamen 
ebenso wie früher einen Kropf. Bei den Versuchen hat V ortr sich 
stets durch die Obduktion von dem Zustand der Schilddrüse 
überzeugt. Als Ort des Versuches wurde ein von Kropf ver¬ 
seuchtes alleinstehendes Bauernhaus in einem Seitental des Mur¬ 
tales in Obersteiermark gewählt, das Wasser des Hausbrunnens 
kam aus Schiefergestein. Alle Einwohner des Bauernhauses hatten 
entweder einen Kropf oder waren Kretins. Es mußte nun außer¬ 
dem zu dem Versuch ein kropffreier Ort gewählt werden. Ganz 
kropffrei ist die Meeresküste; es ist unentschieden, ob dies die Folge 


davon ist, weil dort die den Kropf erzeugenden Schädlichkeiten fehlen, 
oder ob dort eine den Kropf verhindernde Substanz vorhanden ist, 
z. B. Jod. Als relativ kropffreier Ort wurde vom Vortr. Wien gewählt. 

Bei den Ratten liegt die Thyreoidea zu beiden Seiten der Trachea ! 
als kleine Knoten, welche durch einen Isthmus verbunden sind. Sie 
zeigt große Alveolen mit weitem Lumen, welche mit kubischem 
Epithel ausgekleidet und von einem mit Eosin sich färbenden 
Kolloidkörper ausgefüllt sind; der Rattenkropf weist enge Alveolen 
mit kleinem Lumen, reichliche Gefäße und eine dicke Kapsel auf, 
das Kolloid färbt sich mit Hämatoxylin. Wurden Ratten auf dem 
Kropf ort durch 6 Monate mit Kropf wasser gefüttert, so bekamen 
sie Kröpfe, ebenso wenn sie dort mit gekochtem Wiener Wasser 
getränkt wurden. Es ergab sich also in bezug auf die Kropfbüdung 
kein Unterschied zwischen dem Kropf wasser und dem Wiener 
Wasser, der Kropf muß daher nicht notwendig durch Trinkwasser 
entstehen, sondern er kann auch unabhängig davon am Ort der 
Endemie auftreten. In Wien mit Kropfwasser oder mit gekochtem 
Wiener Wasser getränkte Ratten bekamen keinen Kropf. Bei diesen 
Versuchen könnte vielleicht nur der Einw^and gemacht werden, 
daß das Kropf wasser durch die Verschickung an kropferzeugender 
Wirkung verliert.— v. Kutschera hat die Theorie aufgesteilt, 
daß der Kropf durch Uebertragung entstehe. Vortr. hat auch diese 
Theorie nachgeprüft. Es wurden Ratten an den Kropfort gebracht, 
wo sie kropfig wurden. Dann wurden sie mit gesunden Berliner 
Ratten in demselben Käfig gehalten und alle mit Wiener Wasser 
getränkt. Die normalen Ratten bekamen dabei keinen Kropf, bei 
den kropfigen Ratten hat der Kropf sogar etwas abgenommen, 
selbst bei Tränkung mit ungekochtem Wiener Wasser. Dieser 
Versuch beweist, daß Wien als relativ kropffreier Ort zu be¬ 
zeichnen ist, ferner daß die Uebertragung kaum eine Rolle spielt. 
Durch Fortzüchtung von Ratten auf dem Kropfort pflanzte sich 
der Kropf in den folgenden Generationen fort, er trat sogar sehr 
frühzeitig auf. Vortr. hat ferner au dem Ort der Endemie Ver¬ 
suche bezüglich der Einwirkung des kropfigen Menschen au! die 
Versuchstiere angestellt. Es wurden normale Ratten in einer Hütte 
in der Nähe des Wohnhauses, ferner im Bauernhaus und in ent¬ 
fernteren Gebäuden gehalten. Die Versuche wurden zwar durch 
den Krieg gestört und sind noch nicht beweisend, ergaben aber 
schon bis jetzt, daß die Kropfbildung mit der Entfernung vom 
kropfigen Menschen abnimmt; sie müssen noch ergänzend fort¬ 
gesetzt werden. Die Tiere wurden dabei mit Wiener Wasser und 
zur Kontrolle mit Kropfwasser getränkt. In der Hütte abseits des 
Wohnhauses trat weder bei Tränkung mit Wiener Wasser noch 
mit Kropfwasser Kropfbildung auf, dagegen wurde eine solche bei 
Tieren im Wohnhause und in einem Nebenhause in mehreren 
Fällen beobachtet. Es ist noch daran zu denken, ob nicht die 
Uebertragung durch Ungeziefer erfolgt. Vortr. hat einen Vor¬ 
versuch gemacht, weitere Versuche sind notwendig. In Brasilien 
gibt es eine Krankheit, bei welcher die chronische Form mit 
Kropfbildung oder mit kretinischem Habitus einhergeht. ie 
Krankheit ist endemisch und wird durch den Stich einer Wanze 
erzeugt, durch welchen eine Flagellate ins Blut übertragen ■ 
Dies würde einen Hinweis für weitere ätiologische Forschung« 
geben. 


Rriegschirorgische Abend© in Budapest. 

Sitzungen im Januar 1915. 

J. Dollinger: Ueber InvalidenfiirBorge. Obwohl 
Krieg noch andauert, hat die segensreiche Aktion znr 
Stützung der invalid gewordenen Soldaten bereits • er 

Stefan Tis za, der Leiter der Regierung, hat nämlich i 

Eigenschaft als Präsident der Kriegsfürsorgekommission 
Rundschreibens an die Kliniken und Kriegshospitäler 
skription der Invaliden unter den in Budapest in Pfleg 6 ^ 
liehen Soldaten angeordnet. Eine gleiche Initiative S lfl ? ^ 
Kriegs Verwaltung aus, die für Prothesen der Extremi ^ 

I mechanische Behandlung zur Reduktion der Invalidität J en 
schließlich vom Roten Kreuz-Verein, der Invalidenheime z g ^ 
bestrebt ist. Nicht nur durch Verletzungen, SOI £? rl[1 a ,, ^er la- 
interne Leiden kann der Soldat invalid werden. Die Aa ^ 
validen kann verringert werden durch gut geschulte A. 
reichlichst zur Verfügung gestellte Heilbehelfe. Sowohl ^ 
heilung als auch die Nachbehandlung ist wichtig. B® 


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UNiVERSITY OF IOWA 





28 März. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


377 


% kommt der Massage, der fleißigen aktiven Gelenkbewegung und der 
zur Muskelübung dienenden sogenannten schwedischen Gymnastik, 
den elektro- und baineotherapeutischen Prozeduren durch Warm- 
^ k wasser- und Schlammapplikation eine Rolle zu. Zu Massageproze- 
. duren verwendet D. über Vorschlag des Okulisten v. Szily Er- 

r . hlindete wegen ihres feineren Tastgefühles. Zur Nachbehandlung 

i.der Verletzten ist eine Zentralisation der Invaliden in Haupt- und 
Universitätsstädten ratsam, wo Spezialärzte und Institute der Uni- 
versität, die hier etablierten orthopädischen Privatinstitute, in 
'~ 1 Budapest die vielen Schwefelthermen und deren eingeübtes Per- 
Ä ./-‘ sonale zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck sind die Invaliden 
rt 7 in hauptstädtischen Heimstätten unterzubringen. Auch unsere auf 
p- “' dem Gebiet der Knochen- und Gelenkheilung einen Weltruf ge- 
*fließenden Badeorte sind in Anspruch zu nehmen, da die Kriegs- 
! ' r . : Verwaltung für jeden kranken Soldaten pekuniär auf kommt. Hier- 

durch wird ein Teil der Invaliden ihre alte Beschäftigung wieder 
aufnebmen können, ein anderer Teil wird durch Berufswechsel für 
® v sich sorgen können. Der staatliche Gewerbeinspektor wird mit 
; 5are ^* jedem einzelnen der letzten Kategorie, die ein anderes Gewerbe 
ergreifen müssen, verhandeln und für ihre Unterweisung in Go¬ 
towerbeschulen sorgen. — Die zweite Gruppe der Invaliden bilden 
ik?'- die Amputierten, die wieder in solche zu sondern sind, denen 

1 die untere Extremität, und in jene, denen die obere Extremität 

J (Arm, Hand) amputiert worden ist. Den ersteren ist durch ein 

fkri c Runstbein leicht zu helfen, das bei der heutigen Technik schon 

nr i : um 100—250 K in dauerhafter und kosmetisch entsprechender 

Form zu beschaffen ist. Bei der Bestellung des Kunstbeins ist die 
J*.::: Beschäftigung des Invaliden in Betracht zu ziehen. So ist für einen 

^ • Landbauer der künstliche Stelzfuß z weckmäßiger als ein mit Schuhen 

iici versehenes Kunstbein. Der Arzt hat einfach von der amputierten , 

rviüt unteren Extremität ein Gipsmodell zu machen, worauf der Bandagist 
r auf Grund der ebenfalls eingesandten Maße des anderen gesunden 

• / Beins in 1—2 Wochen aus Stahl und Leder ein Kunstbein an- 

fertigen kann, ohne den Pat. sehen zu müssen. Komplizierter ist 
- : : aber die Aufgabe bei Kriegskrüppeln, denen die obere Extremität 

e: ;j : amputiert worden ist. Die Hand ist nämlich maschinell nur schwer 

; zu ersetzen und ist bei der Anschaffung eines Kunstarras stets 

die Beschäftigung des Amputierten za berücksichtigen. Am Ende 
der künstlichen oberen Extremität wird eine kosmetische Hand 
::j . ; augehängt, die je nach Bedarf des Arbeiters durch einen Haken 

, ' resp. eine Schraube ersetzt wird, in der er ein Instrument be¬ 

festigen kann. Bei Verlust der ganzen oberen Extremität wird der I 
Rimstarm nur schwer vertragen, eher noch die Hand der vorhan- 
denen Extremität zur Fingerfertigkeit soweit ausgebildet, daß der 
Einbändige das Auslangen findet. Künstliche Extremitäten werden 
laut Gesetz anf Rechnung des gemeinschaftlichen Kriegsministe- I 
rinms, aber auch vom Roten Kreuz gekauft, ja die Kosten selbst I 
aiB der Privatschatulle des Erzherzogs Franz Salvator bestritten. 

Für invalid bleibende Soldaten hat bei uns nach dem Muster des I j 
Wiener Vereins eine Hilfskommission zu wirken, die aus Privat- 
wobltätigkeit namhafte Summen auf bringen kann. — In die dritte ] 
Gruppe der Invaliden gehören die vollständig Erwerbs- I j 
unfähigen. Diese sind in Invalidenhäusern unterzubringen. Bis I * 
zur Gründung derselben können sie aber in einigen gut adjustierten I g 
KriegshospitäJern ein Asyl finden. Die Konskription der Invaliden I f 
auch auf die in der Provinz und in Oesterreich befindlichen I t 
invaliden, die ungarische Staatsangehörige sind, auszudehnen und I ^ 
lief aus Gefühlsgründen die Behandlung der Ungarn resp. Oester- n 
reicher iß ihrer engeren Heimat stattzufinden. I K 

E. v, Grosz beschäftigt sich mit dem Lose der an beiden Augen I g\ 
erblindeten Invaliden. Er sandte Zählbogen an die Spitäler Oesterreich- I 
Lngiinis und konskribierte auf Grund der eingelangten Antworten etwa | 
up mg ungarländische doppelseitig Erblindete. Letztere können sich mit I __ 
Korbflechterei, Bürstenbinden ihr Brot verdienen. Auf Grund eines I — 
Alliierten Gesetzes aus dem Jahr 1875 wird ein doppelseitig er- I 
'linder Soldat mir mit 360 K jährlich beteilt , dagegen in Bayern laut 
aus dem Jahr 1906 mit vollen 1500 K pro Jahr. Bis zur 
'ungend notwendigen Revision unseres Gesetzes tut eine soziale Für- I 
rire Not. Es gelang ihm , bisher 60000 K zu sammeln. I 

•V. v. Horvath: Großdeutschland verfügt über 111 Krüppelheime I 
ml Vereine, die mit 221 Werkstätten versehen sind und in 51 Hand- J 
x&keiten unterrichten. In Ungarn besteht hierfür leider nicht einmal I 
r ^te Anfang. I 

J- Donäth: Konsultierende Spezialisten , insbesondere Neurologen, I 
f,ac b Muster des deutschen Heeres auch bei unserer Armee zu vei- I 
den. I 

Kv.Kopits: Schulen sind in medikomechanischc Institute zu I 
andeln. ^ | 

P v. Knzmik: Die Umgestaltung größerer Spitäler in der Haupt- / 
und Provinz in orthopädische Anstalten sei notwendig. 


E. Deutsch tritt ira Sinne Biesalskis (Berlin) für die Pro" 
paganda durch illustrierte Hefte und Wanderausstellungen zur Aufklä¬ 
rung des Volkes ein. 

A. v. B6kay: Die Fürsorge der Invaliden bleibe Sache des Staates, 
in dessen Interesse der Soldat sich die Invalidität zuzog. Die Gesell¬ 
schaft wird das zu kreierende Gesetz mit Sympathie aufnehmeu. Die 
materiellen Mittel sind durch Besteuerung zu beschaffen. 

J. Do Hing er: Der Staat allein vermag die Frage nicht zu lösen. 
Unumgänglich notwendig sei die Mithilfe der Gesellschaft. Das Rote 
Kreuz ist berufen, die Aktion in dieser Richtung zu organisieren. Da 
maschinelle Anlagen mangeln, sind die freiwilligen Krankenpflegerinnen 
in mechanotherapeutischen Prozeduren zu unterrichten. S. 


3* Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 
r- in Bonn. 

■ r Sitzung vom 18. Jänner 1915. 

it Finkelnburg stellt einen Soldaten vor, der infolge eines 

e Rückenschusses an Blasen-Masfcdarmlähmung und Lähmung beider 

>- Beine litt. Einige Wochen nach der Aufnahme wurde neben der 

n Wirbelsäule, etwa der Höhe der zweiten bis fünften Lendenwirbels 
n entsprechend, eine fluktuierende Geschwulst bemerkt. Bei stärkerem 
t Druck auf die Geschwulst tritt Gefühl von Schwindel, bei noch 
a stärkerem ein typischer epileptischer Anfall auf. Auch die Unter- 
i suchung der durch Punktion gewonnenen wasserhellen Flüssigkeit 
p ließ keinen Zweifel darüber, daß es sich um eine Meningokele 
0 spinalis traumatica handelte. — Sodann spricht F. über Knochen- 
i Veränderungen nach Neuritis, die er in einer Reihe von Schuß- 
i Verletzungen der peripheren Nerven beobachtet hat, und zwar 
l hauptsächlich an den Knochen der Hand und Finger sowie der 
; Epiphysen der Unterarmknochen. Es handelte sich um eine Knocheu- 
l atrophie, welche im Röntgenbild durch die scheckige Aufhellung 
und Lückenbildung im Knochen sich darstellt. Diese Verände¬ 
rungen sind praktisch wichtig, denn sie führen zu hochgradiger 
Versteifung der betroffenen Gelenke. 

Schnitze: Ueber Typhus und Typhusimpfung. Unter 
anderem wies er darauf hin, daß der Typhus gelegentlich mit einem 
Schüttelfrost beginnen kann, der sich auch im Verlauf der Krank¬ 
heit noch mehrmals wiederholen kann. Sehr häufig ist Kopfweh; 
möglicherweise verursachen die Toxine eine Vermehrung der 
Liquormengen und dadurch die Kopfschmerzen, oder dieselben 
wirken direkt auf die Meniugealnerveu. Mau kann aber auch an 
eine Zunahme der Gehirnmasse durch Schwellung oder durch 
Oedem denken. Schließlich ist auch noch eine Wirkung auf peri¬ 
phere sensible Nerven, z. B. den Trigeminus, möglich. Schwindel¬ 
gefühl beim Typhus ist häufig, Nasenbluten nicht selten, Herpes 
aber sehr selten. Für die frühzeitige Diagnose ist wichtig, daß 
die Bazillen gleich in den ersten Tagen im Blutstrome kreisen, 
sehr wichtig die Leukopenie, die bei keiner anderen Krankheit 
vorkommt. Die Widalsche Reaktion tritt erst sehr spät auf, 

I bleibt aber lange nachweisbar. So wurde sie von Widal selbst 
noch 7 Jahre nach der Erkrankung festgestellt. Sch. selbst hat 
vor 43 Jahren Typhus überstanden; jetzt ist bei ihm die Widal¬ 
sche Reaktion bei 1: 50 noch positiv. Für die Behandlung ist die 
flüssige Diät in erster Linie zu empfehlen, doch können mit Vor¬ 
teil größere Mengen konsistenter Nahrung gegeben werden. Sch. 
wendet zur Bekämpfung des Fiebers Pyramidon in kleinen regel¬ 
mäßigen Gaben gern an. Eine spezifische Therapie gegen die 
Krankheit gibt es nicht, doch scheint die Schutzimpfung von 
gutem Erfolg zu sein. Wichtig ist, daran zu denken, daß nach 
der Schutzimpfung die Widalsche Reaktion positiv werden kann. 

Ls. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den off\ Verlustlisten . 

1. Tot: 

A.-A.-St. Dr. Franz Primsar, I.-R. Nr. 89 (Liste Nr. 144). 

O.-A. Dr. Mor. Günsz, u. L.-I.-R. Nr. 29 (Liste Nr. 144). 

2. Verwundet: 

A.-A.-St. Dr. Eugen Weissberg, I.-R. Nr. 85 (Liste Nr. 139). 
A.-A. d. Res. Dr. Heinrich Urbanek, I.-R. Nr. 56 (Liste Nr. 142). 
O.-A. Dr. Adam Majewski, L.-F.-K.-D. Nr. 43 (Liste Nr. 143). 
Lst.-A.-A. Dr. Georg Pavlinec (Liste Nr. 143). 

O.-A. d. Ev. Dr. Gottlieb Ruzicka, Lst.-I.-R. Nr. 25 (Liste Nr. 143). 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 


28. März. 



3. Kriefjsgefamjcn: 

R.-A. Dr. Walter Fuchs. L.-I.-R. Nr. 33 (Sehitta-Riißland, Liste 
Nr. 142). 

A.-A. Dr. Josef Wiesor, L.-I.-R. Nr. 34 (Riisk-Rußland, Liste 
Nr. 1431. 

R.-A. Dr. Johann Braun, l.-R. Nr. 45 (Nishnij Nowgorod-Rußland, 
Liste Nr. 143). 

A.-A. d. Res. Dr. Leo Tausig, I.-R. Nr. 45 (Nishnij Nowgorod-Ru߬ 
land, Liste Nr. 143). 

R.-A. Dr. Emmerich Török, H.-R. Nr. 1 (Omsk-Rußland, Liste 
Nr. 143). 

R.-A. Dr. Zoltan Zsigmondy, u. L.-H.-R. Nr. 1 (Korsun-Rußland, 
Liste Nr. 144». 

R.-A. Dr. S. Wächter, U.-R. Nr. 1 (Tomsk-Rußland, Liste Nr. 145). 

* * 

* 

In Knittelfeld (Steiermark) ist der dem dortigen russischen 
Gefangenenlager zugeteilt gewesene Distriktsarzt Dr. Karl Krautner 
(St. Marein) einer Flecktyphusinfektion erlegen. - Ehre seinem 
Andenken! 


(Militärärztliches.) In Anerkennung-tapferen und aufopfe- den ( 
rungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem 
Feinde ist den O.-St.-Ae. I. Kl. DDr. A. v. Pattantyus, San.-Chef lllld 2 
des 5. Korps, A. Pausz beim 4. Korpskmdo. und den O.-St.-Ae. so UJ] 

II. Kl. DDr. J. Scheidl beim 1. Armeekmdo., H. Retschnigg, UDSer 

Kommand. des I.-Div.-San.-A. Nr. 6 das Offizierskreuz des Franz schal 1 
Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, dem ull te 
St.-A. Dr. R. Doerr des 1. Armee-Etapp.-Kmdo. die Kriegsdekora- jeden 
tion zum Orden der Eisernen Krone I1L KL, den O.-St.-Ae. ]Aste 
II. KL DDr. J. Arzt, San.-Chef des 24. I.-Div., A. Knobel, 5 ak 
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 12, K. Karowski, Kommand. kläru 
des mob. Res.-Sp. Nr 2/4, L. Dabrowski der 12. I.-Div., den Q esc 

St.-Ae. DDr. J. Zini des Garn.-Sp. Nr. 10, L. Kolbe der s(dbs 

24. I.-Div., B. v. Zadurowicz, Kommand. der I.-Div.-San.-A. Ruft 1 
Nr. 12, J. Fischl der 31. I.-Div., A. Bakowski. Kommand. des und 
Feld-Sp. Nr. 1/1, 11 . Kropf, Kommand. des Feld-Sp. Nr. S/2, durc 

B. v. Sandor, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/4, A. v. Söter, Q esl 

Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 9/4, dem St.-A. d. Res. Dr. Z. unse 

Köszeghy des l.-R. Nr. ST. den R.-Ae. l>Dr. J. M ii l ler des don 

Feld-Sp. Nr. 1/5, H. Koder, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 3 2, A. (j e f a 
Dögl des 2. Armee-Etapp.-Kmdo., R. Schultert des 2. Korpskmdo. ordl 
und dem R.-A. d. Res. Dr. I.. Wicherek, Kommand. der Brigade- druc 
S.-A. Nr. 1, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des ba { 
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. 0. Kasparek des Feld-Sp. ( j er 
Nr. 3. P. Metzger des H.-R. Nr. (I, den R.-Ae. d. Res. DDr. A. ud t 2 
Neudörfer der I.-Div.-San.-A. Nr. 44, S. Cukor des I.-R. Nr. DO, koni 
dem R.-A. d. Ev. Dr. E. Steinschneider der I.-Div.-San.-A. ent ^ 
Nr. 31, R.-A. i. P. Dr. S. Sikowski des L.-Marodenhauses in Neu- Kr j 
Sandec, O.-A. Dr. J. Bardocz der I.-Div.-San.-A. Nr, 33. den O.-Ao. s j cb 
d. Res. DDr. N. Dregan des u. L.-I.-R. Nr. 24, B. Dedek des ein ^ 
l.-R. Nr. 75, Z. Wurmfeld der I.-Div.-San.-A. Nr. 33. F. Hampel den 
des F.-J.-B. Nr. 31, R. Strisower des I.-R. Nr. 77, M. Sogar noc 
des L-Div.-San.-A. Nr. 14, J. Mayer und E. Stein der l.-l)iv.- n - ir 

San.-A. Nr. 2, den O.-Ae. d. Ev. DDr. S. Kostlivy der I.-Div.- k;v? 

San.-A. Nr. 31, E. Zielinski des L.-Marodenhauses in Neu-Samlcc, ij c j, 

J. Popper des Feld-Sp. Nr. 4/1, den A.-Ae. d. Res. DDr. L. 
Plasoller des Epidemie-Sp. in Mitrovica, A. Hacke» des I.-R. j^ a 

Sr. 2b, L. Dienes des 2. Ärmee-Etapp.-Komdo., A. Bilz d<>s I.-R. arz 

Nr. 31 und dem Lst.-A.-A. Dr. E. Benda der L-Div.-San.-A. cnt 

Nr. 12 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der aD( 

Tapferkeitsmedaille verliehen, dem St.-A. Dr. J. Buril des I.-R. j kr 

Nr. 12, den R.-Ae. DDr. E. Bekey des F.-K.-R. Nr. ID, W. Müller c , n1 

des I-R Nr. 04, A. Rozsvpal des F.-K.-R. Nr. 30, A. Stöhr des 
J-R Nr 4 M. Rozner des U.-R. Nr. 5, F. Grotte des F.-J.-1L dii 
Nr 10, R. Blümel des F.-J.-B. Nr. 31, K. Dobnigg der I.-Div.- an 
San-A Nr. 44, L. Tichy und E. Novak des Ldsch.-R. Nr. I, den sc ] 
ll-Äe d Res. DDr. P. Kortsak des l.-R. Nr. 32, A. Morus des ab 
L.-I.-R. Nr. 16, den R.-Ae. d. Ev. DDr. J. Hubik und A. Jonza „ r 
des Lst-l.-R. Nr. 25, R. Bukowski des L.-I.-R. Nr. 2, dem O.-A. 

Dr. J. Bazai des D.-R. Nr. 4, den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Horak be 

des D.-R. Nr. 1, V- Cernarin des I.-R. Nr. 31, H. Glanz des y A 

I.-R. Nr. 10, B. Hochstetter des F.-J.-B. Nr. 5, L. Dumitz des ^ 

I -R. Nr. 29. P. Erlacher des L.-I.-R. Nr. 3, R. Pfeifer des rc 

L.-I.-R. Nr. 24, den O.-Ae. d. Ev. DDr. W. Neumann der I.-Div.- 
San.-A. Nr. 31, A. Winder des L.-l.-R. Nr. 21, P. G meiner des 
L.-I.-R. Nr. 21, den A.-Ae. d. Res. DDr. A. Weisz des I.-R. Nr. 79, 

G Kalocsav des I.-R. Nr. 5, J. Segall des I.-R. Nr. 77, K. 
Tschiassny des D.-R. Nr. 12, G. Graciun des I.-R. Nr. 04, 

Tmraunffebor, KigontrtWer und VeilcRor: Urban & Sehwarftcnliarg, Wien und Heidin. 

Druck von (iottlieb GUtel <S Cie.. 


J. Krist des F.-J.-B. Nr. 17 und S. Stein des I.-R. Nr. 99 die 
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. 

(K. k. Gesellschaft der Aerzte.) In der am 19. März ab¬ 
gehaltenen diesjährigen Hauptversammlung dieser Gesellschaft 
erstattete der Sekretär Reg.-R. Prof. 0. Bergmeister den Bericht 
über die wissenschaftliche Tätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen 
Vereinsjahr, Prof. Paschkis den Bibliotheksbericht. Zu korrespon- . 
dierenden Mitgliedern wurden Prof. H. Albrecht (Graz) und ! 
Prof. R. Kraus (Buenos-Aires), zu ordentlichen Mitgliedern die 
Doktoren J. Bauer, A. Böhm, R. Ekler, F. Groak, J. Hass, 

Frau A. Hirsch, J. Kowarschik, M. Kraus, A. Perutz, R. 
Rezniöek, J. Schneyer und Prof. K. H. Wenckebach, zu Vor¬ 
sitzenden der wissenschaftlichen Sitzungen die Professoren S. Klein, 

CI. Frh. v. Pirquet und J. Schaffer gewählt. ~“ 

(Wiener medizinisches Doktorenkollegium.) Die am 
22. März abgehaltene ordentliche Generalversammlung hat den 
Stadtphysikus Dr. Rudolf Jahn zum Präsidenten und den Primarius 
Dr. Siegmund Politzer zu einem der Vizepräsidenten neu-,sowie 
die abtretenden Mitglieder des Geschäftsrates wiedergewählt. In 
den Geschäftsrat wurde ferner Dr. Max Morgenstern berufen. 

(Aus Berlin) wird uns geschrieben’. Es ist eine auffallende 
und zugleich betrübliche Tatsache, daß der jetzige Krieg, der schon 
so unendlich viele Opfer an Gut und Blut gefordert hat, auch 1 
unser Sanitätskorps in ganz ungewöhnlichem Maße in Mitleiden¬ 
schaft zieht. Die Zahl der Verwundeten und Gefallenen 
unter den Aerzten ist eine erschreckend große, sehr viel größer 
jedenfalls als in irgend einem Kriege bisher. In den amtlichen ^ 

Listen sind bis Mitte Jänner mehr als 200 Aerzte als gefallen, 

5 als verunglückt und 210 als verwundet gemeldet. Die Er¬ 
klärungen liegen auf der Hand. Einmal reichen die modernen 
Geschosse so weit, daß die Tätigkeitssteilen der Aerzte und diese 
selbst nicht mehr gesichert sind; dann aber fordern gerade die 
Luftwaffen — Fliegerbomben und Fliegerpfeile — manche Opfer, 
und schließlich hat ja auch die Mißachtung des Genfer Abkommens 
durch unsere Gegner verschiedentlich deutschen Sanitätsoffizieren 
Gesundheit und Leben gekostet. Nicht vergessen werden soll, daß 
unsere Aerzte selbst auch unter den schwierigsten Verhältnissen 
den Verwundeten ihre Hille zuteil werden lassen und vor keiner 
Gefahr zurückschrecken — ein Verhalten, das schon in der außer¬ 
ordentlich en Zahl von Ordensdekorationen seinen Aus¬ 
druck findet. Eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl von Aerzten 
hat sogar das Eiserne Kreuz erster Klasse erhalten. — Die Not 
der Zeit hat auch im Schoße der Aerzteschaft mancherlei gemein¬ 
nützige Wohlfahrtseinrichtungen erstehen lassen. Keine von ihnen 
kommt den durch die Kriegslage bedingten Verhältnissen mehr 
entgegen als das jetzt ins Leben gerufene Kuratorium für 
Kriegsentschädigung Groß-Berliner Aerzte. Es handelt 
sich dabei um eine von der Berlin-Brandenburger Aerztekammer 
eingesetzte Zentralstelle, deren Aufgabe es sein soll, den Schaden, 
den Groß-Berliner Aerzte durch den Krieg erlitten haben oder 
noch erleiden werden, wenigstens zum Teil zu ersetzen. Die hier¬ 
für erforderlichen Mittel sollen besonders durch Zuschüsse der 
kassenärztliehen Vereinigungen aufgebracht werden. Ein anselin- 
' lieber Grundstock ist von der Aerztekammer seihst in Form einer 
Zuwendung von 55 000 Mark gestiftet worden. Der Verein Beniner 
Kassenarzt.! wird 5°/,> und der Verein der freigewählten Kassen 
äizte 10" o der ärztlichen Honorare für die Zwecke der Krieg; 
ent Schädigung beisteuern. Es besteht kein Zweifel, daß auch iw 
r anderen kassenärztlichen Gruppen — je nach ihrer Größe un 

*• ihrem Vermögen — sieb an dem edlen Werk beteiligen und eine 

r entsprechenden Teil des kassenärztlichen Honorars an die Acn 
s stelle, mindestens für ein Jahr, abfiihren werden. NVahrschem 
dürften auch begüterte Kollegen, die daheim geblieben sin • - 
an Zuwendungen nicht fehlen lassen. Die Verteilung der > 

11 Schädigungsgelder soll erst nach Beendigung des Krieges erfolg 
- s abgesehen von dringenden Fällen, in denen ein sofortige» 
a greifen für notwendig erachtet wird. Die Festsetzung von ^ 
\ führungsbestiminungen über die Verteilung der Gelder blei 

behalten; doch soll gerade den größeren Verbänden em ,. 
es Zuschüssen entsprechender Einfluß auf die Verteilung 
es werden. Alles in allem eine großzügige Organisation, die sw 

es reichen Segen stiften und manche Kriegsnot lindern ^ ir • 


Sitzungs-Kalendarium. 

Osterf e rien. 


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— Verantwortlicher Redakteur itir Österreich Ungarn : Karl Urban, 
Wien, 111., Münssgsispe 6. 


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UNiVERSITY OF IOWA 





Nr. 14. Wien, 4. April 1915. _XI. Jahrgang. 













382 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


und Schulter. Hysterisches Wesen, konfabuliert. phantasiert nachts 
über seine Kriegserlebnisse. Im übrigen frei, keine Anfälle mehr. 

5. K., Gefreiter. Vater nervös, sonst keine Heredität. Brüher 
stets gesund. Im Kriege verschiedene Traumen hintereinander. Ueber- 
fahren durch einen Bagagewagen (keine Fraktur, vorübergehende 
Hämaturie), hierauf Schuß in den linken Oberschenkel, dann in Kleidung 
durch den Marnekanal geschwommen und am andern Ffer durchnäßt 
neun Stunden liegengebliehen. Seit dieser Zeit Lähmung beider Beine 
psychogenen Charakters. Schmerzempfindung an den unteren Extremi- 
täten aufgehoben. Sphineteren, Reflexe usw. normal. Jetzt rechts 
noch Parese, die links fast ganz verschwunden ist. Nach operativer 
Entfernung der Kugel aus dem Oberschenkel stundenlanger Dämmer¬ 
zustand. , .. „ 

(i. R., Soldat Keine Heredität, stets leicht erregbar, schlaff, 
energielos, Sturz vom Bagagewagen auf Kopf und Rücken. Hierauf 
Lähmung beider Beine, Kopfschmerzen. Schwindel. Kommt hier ge¬ 
lähmt an, etwas theatralisches Wesen. Analgesie an den Beinen. 

Reflexe usw, normal. Schnelle Besserung, konnte bald mit s tocken, 
ietzt ohne Stütze gehen. Sensible Störung noch vorhanden. 

7. P., Soldat, Ein Vetter geisteskrank. Bruder des Vaters 
nervös. Patient litt schon früher zeitweilig an „nervösem Erbrechen . 

Nach Verwundung mit Granatsplitter am rechten Handrücken bei 
(Jefahr der Gefangennahme allgemeines Zittern, besonders des rechten 
Beins. Tachykardie. Jetzt noch grobschlägiges Zittern der oberen 
Extremitäten.* Sensibilitätsstörungen, Analgesie des rechten Armes, 
Neigung zu Brechanfällen. 

8 II Musketier. Stets schwächlich. Im zehnten Jahre vorüber¬ 
gehend Gesichtszucken“, öfters Bettnässen. Nach starker Erschöpfung 
Tm Kriege (Durchfälle, Erbrechen. Husten mit Auswurf) Auftreten von 
allgemeinem Köiperzittem. Dieses hier zuerst in sehr intensiver Weise 
vt -ihandelt, es kommt zu förmlichen Schlittel- und Zitteranfällen zeit- , 
wedig Tachvkardie: gesteigerte Sehnenretlexe. Cyanose der Hantle, all¬ 
gemeine Hyperästhesie. Auf suggestivem Wege schnelle Besserung, 
jetzt fast völlige Heilung. Nur selten noch leichtes Zucken im 

M. h“ 01 ^ p Soldat, Vater nervenleidend. Patient selbst stets nervös. 
Leichte GranatspUtterverletzung am linken Kniegelenk. Danach 
Zittern sehr große Schreckhaftigkeit. Tachykardie (Tu s 1.10 bis 140). 
DermographitL allgemeine Hyperalgesie. Beim I ntersuchen Zuckungen 
am ganzen Körper. Schnelle Besserung. Noch hypochondrisches, 
wehleidiges Wesen. 

10. L., Reservist, Stets sehr reizbar. Graiiatsplitterverletzung 
an linker Schulter und Gewehrschuß im Nacken. Nach Heilung der 
Wunden andauernd steife, unbewegliche Haltung von Kopf und Hals. 

Diese Zwamrsstellung anscheinend unbeeinflußbar. Marke Hyper¬ 
ästhesie der Haut an Hals und Nacken. Keine Narbcneontraetur. 
Wirbelsäule auf dem Röntgenbild intakt, # 

11 V. Offizierstellvertreter 1 ). Mutter sehr nervös, Patient selbst 
stets leicht erregbar und ermüdbar. „Angewohnheit“ die Mim oft m 
Palten zu legen. Sonst gesund. Verwundungen am 8. September am 
Fuß und Oberschenkel. Die Wunden heilten gut. Im Lazarett sehr 
schlechter Schlaf, beängstigende Träume von Knegsbildern. Bei den 
ersten Gehversuchen Auftreten des Gesichtzuckens. Es besteht ein 
sehr lebhafter Tic der Gesichts- und Halsmuskeln, dabei ist der Kopf 
meist nach der Seite und hinten geneigt. Das Gnrnassieren ist an¬ 
dauernd, durch den Willen nur wenig beeinflußbar. Keine Sprach¬ 
störung kein zwangsmüßiges Ausstößen von Lauten, per Gang is 
langsam tripprind, starker Tremor der oberen Extremitäten. Mitunter 
ergreift das Zittern den ganzen Körper.. Le.chto Hemihv^e astbes e. 
Sehr lebhafte Sehneim-flexe. Vasomotorische Störungen (Kältegefühl. 
Schweißausbrüche). 

io g Reservist. Stets nervös gewesen. Erkrankte infolge von 
Granalexplosion in seiner Nahe, durch die mehrere Kameraden g.dWet 
wurden War zuerst eine Zeitlang völlig stumm. Allinahluh stellt,. 
S die Sprache in ihrer jetzigen gestörten W Oise wieder ein. Die « 
Sprache zeigt die Erscheinung des „hysterischen Motte«.»>»t al.pi- j 
hackt explosiv. Worte und Silben werden wiedeiholt. Heu jeder Er- i 
rojmng z.nkende Ilcwegmigen in Gesichts- und Korju-rmuskHlatur, die j 
mitunter einen ticartigen Charakter »tagen. Gang zittrig, mit kleinen | 

■ trippe mlen Sehritten, mitunter auch schwankend und taumelnd. Keine , 
SensibÜ'isitätsstörungen. Sehnenreflexe gesteigert. Mitunter lacbykardte , 

(Puls 120 Ins ^ (lwelirmann Kcine Belastung, früher angeblich stets 
gesund' Tm Schützengraben beim Platzen.einer Granate m seiner Nähe 
fon Erde Überschüttet. Hierauf zirka vier Woeb.-n voll.« sprachlos, 
mußte alles aufschreiben. Als die Sprache wiederkam. zeigte sie die 
Z.h letzt bestehende Störung. Patient, spricht aphomseh, etwas an- i 
stoßend mit leiser piepsender Stimme. Cyanose der Hände. Tachy- 
kardie. ’ Keine SensibiUätRstörungen. 

Diese Fälle zeigen in deutlicher Weise das Vorkommen 
mannigfaltiger und recht verschiedenartiger nervöser Er¬ 
krankungsformen bei Kriegsteilnehmern. Hie stellen nur einen 
kleinen Teil der hier wegen nervöser Krankheitserscheinungen 

i, An m während der Korrektur. Dieser Patient ist 
ict/.t Bis auf geringfügige tn-artigo Zuckungen im M. frontalis geheilt. 


zur Beobachtung gelangten Soldaten dar, von denen uns fast 
jeder Tag neue Fälle liefert, sodaß nach unseren Erfahrungen 
das Auftreten von „traumatischen Neurosen“ im Kriege 
keineswegs ein seltenes oder kaum vorkommendes Ereignis 
darstellt, wie es Horstmann auf Grund seines Kranken- 
materials anzunehmen geneigt ist. Eine weitere Frage ist es, 
ob diese Erkrankungen ausschließlich oder vorwiegend Indi¬ 
viduen betreffen, bei denen hereditäre Belastung eine Rolle 
spielt, bei denen schon vor dem Kriege nervöse Erscheinungen 
bestanden haben, oder ob sie auch bei vorher ganz gesunden 
Personen zur Entwicklung kommen. Meine Erfahrungen 
hierüber stimmen, wie auch aus den Anamnesen der demon¬ 
strierten Fälle hervorgeht, durchaus mit denen Oppen¬ 
heims überein, daß diese nervösen Störungen des Kriegs 
„zwar nicht ausschließlich, aber fast durchweg 1, bei 
Disponierten aufzutreten pflegen. Nur bei vereinzelten Fällen 
waren wir nicht imstande, Momente nachzuweisen. weiche auf 
eine endogene krankhafte Veranlagung des Nervensystem* 
hinwiesen. Enter den auslösenden Ursachen scheint n ir in 
Uebereinstimmung mit den Erfahrungen W o 11 e n h e r g l. 
Bonhöffers und Anderer die psychische Einwirkung 
von in der Nähe platzenden Granaten, auch wenn eine Ver¬ 
letzung nicht stattgefunden hat, von besonderer Bedeutung zu 
sein. Wir finden unter den demonstrierten Fällen diese 
i Schädigung wiederholt hervorgehoben, 
i D i es e s o genannte ..U r a n a t k o m m o t ioir 

stellt eine so intensive E i n wir k u n g auf das 
Nervensystem dar, daß sie auch bei vorher 
nicht n a c hweishar nervösen I n d i v i d u n 
j schwere nervöse K r a n k h e i t ^ e r s c h e i n u u g e n 
l h e r v o r z u r u f e n imstande ist , wie Beobachtungen 
| () p p e n h e i m s und einige meiner Fälle zeigen, 
j Ueberblieken wir die demonstrierten Fälle, so treten un* 

1 recht mannigfaltige nervöse Erscheinungen von vorwiegend 
I hysterischem Charakter entgegen, wie die Patienten m 
Abasie, Lähmungserseheinungen an den Extremitäten M 
und 6), den verschiedenen Formen eines allgemeinen oder 


mehr lokalisierten Tremors (Fall 7, 8, 9), den Störungen der 
Sprache (Stottern) (Fall 12) oder der Stimmbildung (lall w 
(Aphonie), die sich aus einem Mutismus entwickelt hatten, 
usw. zeigen. Auch der Fall von eigenartigem Contraeuu 
zustand der Halsmuskeln (Fall 10) ist zweifellos psychogener 
Natur 1 ). In dem Falle von ausgebreiteter schwerer in- 
Erkrankung (Fall 11) handelt es sich um einen hereditär be¬ 
lasteten, stets nervösen Mann, bei dem vielleicht schon nt 
dem Trauma ganz leichte Andeutungen des Leidens M 
runzeln) vorhanden waren. 

Die vier ersten Fälle stellen Dämmerzustände dar, ™ 
denen Fall 2, 3 und 4 nach Art und Verlauf der Bewußheuv 
Störung, nach der Natur der Anfälle sowie der hegen 1 
körperlichen Störungen (Herabsetzungen der Gonieamn_ 
usw.) hysterischer Natur sind. Eine besondere ^ ’ 
scheint mir Fall 1 einzunehmen. Die lange Dauer un »- 
ders die Tiefe der Bewußtseinsstörung, bei einem bui ‘ 
scheinend stets gesunden Mann, im direkten Aiw 
schwere äußere emotive Schädlichkeiten, macht es nu * 
scheinlieh, daß es sieh um einen der sogenann en _ ^ 

epilepsie nahestehenden Dämmerzustand gc nnn . 
i Aelmliche Beobachtungen sind 1870/71 im Warnas ^ 
unseres Heeres, im Russisch- Japanischen 
I Awtokratow, jetzt von Bonhöffe r und i 11 _ 

! schildert worden. Die mannigfachen, nach Au i 
| Dämmerzustandes bestehenbleibenden nervösen ^ ^ 
I innigen machen es mir wahrscheinlich, daß m ui s? 
j konstitutionelle endogene Momente neben en 
Schädlichkeiten eine Rolle gespielt haben. 

In sämtlichen demonstrierten Fällen konn 

J ) IVbcr seltene Formen von Gontraoturzustänfien , 

Natur bei Kriegsteilnehmern weide ich an anderer - 


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Original frn-rri 

UNiVERSUY OF IOWA 



L April. 


1015 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


383 


hysterischen Symptomen mannigfache n e u r asthe¬ 
nische Erscheinungen, besonders Kopfschmerzen, Schwin¬ 
del. Schlaflosigkeit, vasomotorische Störungen, am häufigsten 
Tachykardien, beobachtet werden, sodaß die Kombination 
dieser Symptome das bekannte Bild der traumatischen 
Neurose 1 ) in ihren verschiedenen Gestaltungsforme» 
wiedergiht. In einer Reihe von Fällen, besonders solchen von 
sogenannter „Granatkommotion“, war eine bald allgemeine, 
bald mehr lokalisierte sensible und sensorische Hyperästhesie 
eine auffallende und oft lange anhaltende Erscheinung. 

Die Prognose der traumatischen Neurose des Krieges 
scheint mir nach meinen bisherigen Erfahrungen für einen 
Teil der Fälle eine günstigere zu sein, als die der Rentcn- 
hysterie im allgemeinen. , Die demonstrierten Fälle zeigen, 
daß auch Fälle mit ausgesprochenen Lähmungs- und Reiz- 
ereeheinungen mitunter schnell zur Heilung gelangen — ein 
Erfolg, der bei dem Bestehen von Entschädigungsansprüchen 
gewiß nicht häutig zu konstatieren ist. Endgültiges über die 
Prognose dieser Kriegsneurosen, besonders auch mit Hinsicht 
auf die nach dem Friedensschluß zu erwartende schwierige 
Frage der „Kriegsrente 44 kann erst die Zukunft lehren. 
Bei einigen Fällen von Schußverletzungen des Nervensystems, 
smA' nhl des Gehirns wie der peripherischen Nerven, konnten 
wir interessante Ueberiagerungen von organisch bedingten 
Symptomen durch psychogene Störungen beobachten, so in 
einem Falle von motorischer Aphasie -) (großes Projektil im 
Hemisphärenmark links, etwas hinter der Brokasehen 
Stelle; einen Contracturzustand der linken Zungenhälfte, der 
sich durch die in ihr auftretenden Zuckungen und durch die 
suggestive Beeinflußbarkeit als ein hysterischer herausstellto: 
in finem Falle leichter Verletzung des N. ulnaris bestand 
komplette Armlähmung mit charakteristisch hysterischer j 
NMbibilitätsstörung, hysterischen Anfällen usw. 

hu Vethältnis zu der Häufigkeitdernervösen * 
^ ll r u n g e n und der sogenannten Grenzfälle bei j 
Kursteilnehmern, ist die Zahl der bisher hier zur Beobachtung ! 
gHiiiigteii Fälle von Psychosen im engeren Sinn eine | 
relativ geringe. 1 

Die Formen der Kriegspsychosen sind dieselben wie die i 
Frieden zu beobachtenden, aber die Symptome erhalten 
mitunter eine bestimmte Färbung durch den auf die Kriegs- 
erlchnisse eingestellten Gedankengang. Besonders deutlich 
plkgt bei manisch-depressivem Irresein die Ideenflucht und 
der Betätigungsdrang der manischen Phase an die Kriegs- 
erkbnisse anzuknüpfen, während im depressiven Stadium die 
Wahnideen häufig mit dem Krieg in Zusammenhang stehende 
^erarmungs- und Verkleinerungsvorstellungen zum Inhalte 
haben. Mit sehr starkem AngstafTekt, großer motorischer 
Unruhe, völliger Schlaflosigkeit einhergehende Fälle kamen 
vereinzelt zur Beobachtung. Verhältnismäßig selten sahen 
w ir in das Gebiet der Dementia praecox gehörige Fälle, eine 
bei den vorwiegend in Frage kommenden jugendlichen Alters- 
&hifen der Soldaten bemerkenswerte Erscheinung. Dreimal 
beobachteten wir Fälle von stürmischer Erregung, großer 
motorischer Unruhe, deliriöser Verwirrtheit und Benommen¬ 
heit, die sämtlich in akuter Weise zugrunde gingen, ohne daß 
die •Sektion eine Erklärung des Krankheitsbildes brachte. Die 
mikroskopische Untersuchung der Gehirne steht noch aus'D. 
3er Krankheitsverlauf entspracli dem Bilde des sogenannten 
«Delirium acutum“. Anamnestische Angaben fehlten leider, 
sodaß die Fälle ätiologisch nicht geklärt sind. Für das Be¬ 
stehen einer alkoholischen Grundlage lagen keine Anhalts¬ 
punkte vor, ohne daß eine solche mit Bestimmtheit auszu- 
sehließen war. Es ist in dicker Hinsicht bemerkenswert, daß 

\i Anmerkung während der Korektur. Vgl. die Aus¬ 
führungen Oppenheims. (B. kl. W. 1915, Nr. 7, S. 167.) 

D Vgl. die Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für 
‘o’cbiatrie und Nervenkrankheiten. (Neur. Zbl. 1915, Nr. 2, 8. 7o) 

./) Aebnliche in akutester Weise tödlich verlaufende Psychosen 
Word 01 Halkankriege von Oekonomakis (Athen) beobachtet 


W o 11 e n b e r g (1. c.) bei Kriegsteilnehmern alkoholische 
Delirien beschrieben hat, die durch besondere tiefe Bewußt¬ 
seinsstörung, sehr starke motorische Erregung, Fehlen 
der charakteristischen Tierhalluzinationen ausgezeichnet 
waren und zum nicht geringen Teile schnell tötlich 
endeten. Es ist daran zu denken, daß ein Teil unserer Fälle 
vielleicht solchen atypischen Alkoholdelirien entspricht. In 
das Gebiet der Amentia gehörige Fälle konnten wir bisher 
nicht mit Sicherheit feststellen. Die Aufmerksamkeit wird 
sich bei der Häufigkeit der erschöpfenden, infektiösen und 
I toxischen Schädlichkeiten des Krieges, der Frage des Vor- 
i kommens und der Verlaufweisen dieser im Frieden hei unserem 
Krankenmateiial nur sehr selten zu beobachtenden Fälle be¬ 
sonders zuzuwenden haben. 

Was schließlich die „metasyphilitischen“ Erkrankungen 
des Centralnervensystems betrifft, möchte ich nur kurz er¬ 
wähnen, daß ich mehrere Fälle sah, bei denen die ersten 
paralytischen respektive tabisehen Symptome (Größenwahn, 
lauzinierende Schmerzen, Augenmuskellühmungen usw.) irn 
Felde zuerst hei Männern auftraten, bei denen früher niemals 
psychische oder somatische Störungen irgendwelcher Art 
beobachtet worden waren. Es ist leicht verständlich, daß 
die Summation der schädigenden Einflüsse eines Feldzugs hier 
als auslösendes Moment gewirkt hat. (Schluß foigrt.) 

Aus der 111. medizinischen Abteilung des k. k. allgemeinen 
Krankenhauses in Wien. 

Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern 

von 

Prof. Dr. Hermann Schlesinger. 

(Mit 2 Abbildungen.) 

Die Nervenentzündungen bei Ruhr und ruhrartigen 
Affektionen haben, soweit ich die Literatur überblicken kann, 
nur wenig Beachtung gefunden. 

Die meisten großen Bearbeitungen der Polyneuritis, so die 
von W e r t h e i in , S a 1 o m o n s o n . H e in a k - F1 a t a u , Oppen¬ 
heim und Andern erwähnen entweder überhaupt nicht die Ruhr als 
ätiologischen Faktor oder zählen sie nur nebenbei auf. ohne nähere 
Angaben zu machen. Auch die Monographien über die Bacillenruhr, 
so die von L ü d k e , Rüge, V a i 11 a r d , S h i g a erwähnen nur 
gelegentlich das Vorkommnis. Rüge teilt mit, daß in den Tropen 
sieh nicht selten an Bacillendysenterie eine multiple Neuritis an¬ 
schließe, welche an Bm-Beri ei innere. Brav ton Ball hat nach 
i Ruhr vorwiegend motorische Lälimungsor.scheiniuigen centraler (nicht 
peripJirier; Natur und nur sehr selten sensible Störungen gesehen. 
Auch Liidko hat nur Symptome im Bei eiche der motorischen Sphäre 
beobachtet;-nie war Paraplegie, nur mitunter Schwäche der Beine vor- 
j handen. Einmal wurde von ihm eine erheblichere atrophische Parese 
! an einer oberen Extremität mit Entartungsreaktion gesehen. Akute 
| neuritische Eiseheimmgen im Peroneus- und (’ruralisgehiete sollen 
| noch R u g e L u c e und M e i n e c k e beschrieben haben. Die andern 
: Beobachtungen betreffen die ältere, namentlich die französische 
j Literatur, in welcher einige Male das Auftreten sekundärer Lähmungen 
l nach Ruhr mitgeteilt wird, so bei Trous.se au, A. Laveran, 

| B a r a 11 i e r und Andern. In manchen Fällen scheint eine Erkrankung 
des Rückenmarks Vorgelegen zu haben (Gärtner und Andere). 

Wenn man die vorliegenden Mitteilungen durchsieht, 
kommt man zu dem Ergebnisse, daß bis nun charakteristische 
Nervenstörungen nach Dysenterie nicht beschrieben sind und 
daß auch gute Kenner dieser Krankheit nervöse Folgeerschei¬ 
nungen für selten halten. Und doch gibt es ziemlich häutig 
nach Ruhr eine Form der Polyneuritis, welche in den von 
mir beobachteten Fällen im wesentlichen gleiche Züge auf¬ 
wies und anscheinend in der Literatur noch nicht beachtet ist. 

Im September und Oktober 1914 wurden meiner Ab¬ 
teilung wiederholt kranke Soldaten mit unbestimmten, an¬ 
scheinend rheumatischen Beschwerden überwiesen, bei wel¬ 
chen die genauere Untersuchung das Bestehen einer Polynou- 
vitis ergab. Mit Arbeit überlastet, konnten wir keine ein- 

D Historisch ist es nicht uninteressant., fostziistellciu daß im 
Sanitätsberichte des deutschen Heeres vorn Jahre 1870/71 uno r 10') 
Fällen von Tabes sich nur 7 11% fnödeii. „bei welchen möglich. rwrDc 
eine luetische Prädisposiliou vorlag' 


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UMIVERSITY OF IOWA 



1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


gehenden Anamnesen erheben. Bei einem gelegentlichen E: 
Gespräch erwähnte Kollege A. v o n M ü 11 e r, welcher ein m 
großes Epidemiespital leitet, daß er jetzt auch wiederholt E: 
eigenartige Polyneuritiden nach Dysenterie beobachte. Da- fä 
durch aufmerksam gemacht, forschten wir bei den noch in ui 
Pflege befindlichen Kranken anamnestisch nach Ruhr und si 
konnten wirklich feststellen, daß in allen Fällen eine, zumeist A 
leichte ruhrartige Erkrankung (mit blutigen, häufigen Stuhl- zi 
entleerungen und Tenesmus) im Felde vorausgegangen war. si 
Bald hatte ich auch Gelegenheit, bei Kranken, deren Dys- U 
enterie unter meiner Beobachtung abgelaufen war, die Ent- g 
Stellung von Polyneuritiden zu beobachten. Diese Nerven- ä: 
entzündungen verhielten sich ganz wie die früher von mir li 
beobachteten. Die Gesamtzahl der von mir im letzten halben A 
Jahr untersuchten Fälle dürfte mehr als zwanzig (durchwegs S 
Soldaten) betragen. Ich bin davon überzeugt, daß viele so- li 
genannte Myalgien nach Dysenterie nichts anderes als mul¬ 
tiple Nervenentzündungen sind. Die Polyneuritis dysenterica 
ist also kein seltenes Leiden, sondern einer der häufigeren 
Folgezustände der bacillären Dysenterie. Wahrscheinlich ist 
sie toxischen Ursprungs, da sie in der Regel zu einer Zeit auf- 
tritt, zu welcher in den Faeces Dysenteriebacillen nicht mehr 
nachweisbar sind. Wir können zurzeit noch nicht angeben, 
ob Polyneuritis häufiger nach Flexner- oder Kruse-Shiga- 
Dysenterie auftritt, da wiederholt das bakteriologische 
Ergebnis der Stuhluntersuchungen in unseren Fällen negativ 
war. Es ist möglich, daß die vorangegangenen schweren 
körperlichen Anstrengungen im Verein mit rheumatischen 
Schädlichkeiten den Organismus für die Entwicklung einer 
Polyneuritis präpariert und daß dann die hinzutretende 
Infektionskrankheit die Nervenentzündung auslöst. Doch 
selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, ist es nicht wahr¬ 
scheinlich, daß die früher erwähnten Momente ganz ohne Ein¬ 
fluß auf das Nervenleiden sein sollten. Vielleicht bestimmten 
sie den eigenartigen Typus der Polyneuritis in unsem Fällen. 

Die dominierenden Symptome sind Schmerzen, Parästhe- 
sien und auch objektiv nachweisbare Sensibilitätsstörungen, 
während wenigstens in unsem Fällen die Erscheinungen im 
Bereiche der motorischen Sphäre auffallend zurücktreten. 

Die Schmerzen sind namentlich an den unteren Extre¬ 
mitäten heftig, jedoch hatten wir auch Kranke, bei welchen 
die Arme stärker betroffen waren. Bisweilen hatten sie den 
Charakter von Ischialgien, häufiger lokalisierten die Patienten 
die Schmerzen in die Muskulatur, besonders in die der Wade. 

In einigen unserer Beobachtungen waren hauptsächlich die 
Gelenkgegenden der Sitz schmerzhafter Sensationen. In 
keinem unserer Fälle waren Schmerzen im Gesicht oder auf 
dem Kopfe vorhanden. 

, Die Parästhesien fehlten fast in keinem Falle. Zumeist 
waren sie an den distalen Extremitätenabschnitten lebhaft. 
Die Kranken klagten über ein Vertotungsgefühl der Finger 
und Zehen, öfter über intensives Hitze- oder Kältegefühl an 
diesen Körperregionen. Die Parästhesien stören nicht selten 
den Schlaf, scheinen aber doch zumeist nachts schwächer zu 
werden. Bewegung scheint sie ungünstig zu beeinflussen. I 
Bettruhe und ein Watteverband an den Extremitäten pflegten 
die Heftigkeit der sensiblen Reizerscheinungen zu vermin¬ 
dern, Kälteeinwirkung hingegen dieselbe noch zu steigern. 

Die Nervenstämme an den oberen und unteren Extre¬ 
mitäten sind druckempfindlich; fast nie erreicht die Druck¬ 
schmerzhaftigkeit excessive Grade. Auch der Plexus brachia- 
lis war öfter gegen Druck empfindlich, hingegen fehlten in 
der Regel paravertebrale Druckpunkte, auch war keine Rigi¬ 
dität der Wirbelsäule vorhanden. Die Extremitätenmuskula¬ 
tur ist in der Regel gegen Kneifen empfindlich, besonders gilt 
dies von der Waden- und Oberschenkelmuskulatur. Eine 
besondere Empfindlichkeit der Rumpfmuskulatur habe ich nie 
gesehen. 

Sensible Ausfallerscheinungen sind häufig. Sie sind oft 
vollkommen symmetrisch an beiden oberen und beiden unteren 


Extremitäten entwickelt, sind aber mitunter auch mehr oder 
minder asymmetrisch. Mehrmals waren nur an den unteren 
Extremitäten Anästhesien ausgebildet. Die Sensibilitätsaus¬ 
fälle sind an den gipfelnden Abschnitten am hochgradigsten 
und nehmen gegen den Rumpf zu allmählich ab, verhalten 
sich also in dieser Hinsicht so wie Polyneuritiden anderer 
Aetiologie. Die Empfindungsstörung betrifft alle Qualitäten 
ziemlich gleichmäßig. In keinem einzigen unserer Fälle war 
sie sehr ausgedehnt, sondern klang in der Regel schon am 
Unterschenkel respektive am Vorderarm ab. Die bei¬ 
gedruckten Abbildungen zeigen die Ausdehnung der An¬ 
ästhesie in einem Falle, welcher sich jetzt an meiner Abtei¬ 
lung befindet. (Die schraffierten Stellen entsprechen der 
Ausdehnung der Hypästhesie, dlÖ' dunklen der Anästhesie.) 
Selten ist das Territorium der Empfindungsstörung umfäng¬ 
licher als in dieser Beobachtung. 




1 Analgesie. 


Hypalgesie. 


Im auffallenden Gegensätze zu den deutlichen sensiblen 
Störungen standen in meinen Fällen die relativ geringfügigen 
auf motorischem Gebiete. Schwere Lähmungen sowohl 
ganzer Extremitäten wie größerer Muskelgruppen wurden 
nicht beobachtet. Die Paresen waren mäßigen Grads und 
behinderten nur die Bewegungen, ohne sie ganz aufzuheben. 
So konnten alle unsere Kranken herumgehen, w r enn dies auch 
nur mühsam und mit Hilfe eines Stockes möglich war. Auch 
die Bewegungen der oberen Extremitäten waren nur ein¬ 
geschränkt, nie aufgehoben. Ein Prävalieren der Paresen 
in bestimmten Muskelgruppen, so in den vom N. radialis oder 
peroneus versorgten, konnte nicht festgestellt werden. Die 
Amyotrophien hielten sich in mäßigen Grenzen. In unsem 
Fällen war nie hochgradiger Muskelschwund ausgebildet, je¬ 
doch war öfter die ganze Untersehenkelmuskulatur, beson¬ 
ders an der Vorderseite des Unterschenkels, etw r as dürftig. 
Fibrilläre Zuckungen waren nur bisweilen vorhanden, nie sehr 
reichlich, Spontanbewegungen der Extremitäten bisher nicht 
gesehen worden. Die elektrische Untersuchung ergab in einer 
Reihe von Fällen — es wurden nicht alle Kranken geprüft 
normales Verhalten. Entartungsreaktion haben wir bisher 
bei dysenterischer Polyneuritis nicht beobachtet. Die Sehne'!' 
reflexe, namentlich die Patellarr^iftexe, fehlten in einem h ! 
der Fälle, aber auch dann nur höchstens einige Wochen. n 
etwa der Hälfte der Fälle waren aber die Sehnenreflexe >0 
wohl an den oberen als auch an den unteren Extremitäten 
während der ganzen Beobachtungsdauer erhalten gebhe en. 

Trophische Störungen waren nur einige Male 
worden und erwiesen sich als ziemlich geringfügig. wb* 


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UNiVERSUY OF IOWA 


4. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


385 


sahen wir Glarizhaut an den Fingern, einmal wurde Abstoßung 
der Nägel an den Zehen wahrgenommen. 

Der Verlauf der Erkrankung war ein ziemlich gut¬ 
artiger. In wenigen Wochen pflegten die sensiblen Reiz- und 
Ausfallserscheinungen abzuklingen, die motorische Schwäche 
zu verschwinden, sodaß klinisch Heilung anzunehmen war. 

Die Therapie beschränkte sich auf leichte Schwitz- 
und Salicylkuren. Die Kranken machten eine strenge Ruhe¬ 
kur durch, bekamen häufig lauwarme Bäder und, wie früher 
erwähnt, einen Watteverband um die schmerzenden Glied¬ 
maßen. Gegen die Schmerzen erwies sich bisweilen auch eine 
Mischung von Pyramidon-Phenacetin und Coffein natr. sal. 
als vorteilhaft. , f . 

Die weitere Beobachtung muß lehren, ob es neben 
diesen, wie früher erwähnt recht häufigen, leichten Formen 
der Ruhr-Polyneuritis noch schwerere, prognostisch infaustere 
gibt. Auch wird man darauf achten müssen, ob die dys¬ 
enterische Polyneuritis sich bei körperlich überanstrengten 
Kriegsteilnehmern anders verhält als die im Frieden er¬ 
worbene. 

Literatur: H. Lüdke. Die Baelllenruhr. (Jena 1911. G. Fischer.) — 
R. Rüge. Baeillenruhr. (Menses Handbuch der Tropenkrankheiten. 2. Bd. 
Leipzig 1905.) — L. Vaillard, Dysenterie. (Nouveau Traitö de Mödecine. v. 
Brouardel-Gilbert. Paris 1906.) — K. Shiga, Bacillary Dvsentery. (A System 
of Medieine by Osler and Mc Crae. Volume 11. London 1907.) — Oppen¬ 
heim. Uhrbuch der Nervenkrankheiten. (6. Aufl. Berlin 1913.) — I. K. A. 
Wertheim Salomonson. Neuritis und Polyneuritis. (Handbuch der Neu¬ 
rologie. 2. Bd. von Lewandowsky. Berlin 1911.) — J. Babinski, Les Poiy- 
nevrites. (Traitf de Mldecine. T. VI. Chareot-Bouchard.) — Brayton 
Ball, Symptome und Komplikationen der Dysenterie. (Therapeutic Gazette 
1S92. Juli-August) — Gärtner, Generalsanitätsbericht über die Kaiserliche 
Schutztruppe. (Arb. Kais. Ges. Bd. 13.) 


lieber Sepsis 1 ) 

von 

Stabsarzt a. D. Dr. Fuhrmann. 


In den kriegsärztlich-wissensehaftliehen Abenden und auch 
in der diesbezüglichen Literatur hat bis jetzt das Feld wohl die 
Tetanusfrage behauptet. Aus der Fülle der Vorschläge, die sich 
zwischen völlig negativem therapeutischen Verhalten und mehr 
minder eingreifenden chirurgischen Maßnahmen (Tracheotomie, 
doppelseitige Phrenicotomie) bewegten, hat sich im Laufe des Aus¬ 
tausches der Erfahrungen eine ziemlich bestimmte Therapie heraus- 
gesehält. 

Sie gipfelt in einer kausal-specifisehen Behandlung mit 
großen Dosen Antitoxin, das dem Körper auf den verschiedensten 
Wegen, subcutan, intraarteriell, intravenös, intradural zugeführt 
wird und in einer nebenhergehenden symptomatisch allgemeinen 
Behandlung, bei welcher wiederum die 40 °/ 0 ige Bittersalzlösung- 
injektion Melzer-Auer die Hauptsache ist. Immerhin ist er¬ 
reicht, daß die furchtbare Mortalität von 96,7 °/ 0 gefallen ist, in 
den Erlanger Reservelazaretten z. B. auf etwa 35 °/ 0 . 

Ich selbst, hatte in Landau im August und September eine 
Mortalität von 84,8 °/o. 

Die italienische Mortalitätsziffer von 20 °/o lasse ich als nicht 
beweisend außer acht. 


Wenn also die Erörterungen über Tetanus nach Kriegsver- 
jetzungen uns als Frucht einigermaßen bestimmte Richtlinien ge¬ 
bracht und dadurch dieser Krankheit den unheimlichen Charakter 
teilweise genommen haben, so tritt dafür eine andere Infektions- 
£r'ippe in den Vordergrund, ein Symptomenkomplex, der kaum 
minder unheimlich ist, dessen erschreckend hoher Mortalität wir 
J! 1 ! derselben Ohnmacht gegenüberstehen wie dem Tetanus beim 
änegsausbruch, ich meine die Sepsis. 

Ich habe in der mir im Felde zugänglichen Literatur oder durch 
kh II n< . n ^’ n Kollegen eine Mortalitätszahl nicht erfahren 
. nat ‘h allem ist sie wohl nicht geringer als diejenige des 
11 P r K^ nne Krieges, das ist zwischen 90 und 100 %. 
rr. Le[) erhaupt sind ja die septischen Erkrankungen nach 
Rnr e ? Ver etzun ^ en noc ^ pfcht Gegenstand eingehender Be- 
liU° t n,g: ^ ewesen ’ un d auw in der jüngst enstandenen feldärzt- 
lte [ atur sicher Beitrag. Angesichts dieser Tat- 

AsenV'- v raan beinahe das Wort wagen, daß man über der 
* e ^e die Sepsis fast vergessen habe. Angesichts eines 
l__ en Franken ist man sich auf den ersten Blick über die 


Jnnua r ° r i g i^ e ^‘ l ^ eD “ n Kriegsärztlichen Abend in Lille am 


Situation im klaren. Auch ohne Einsicht in die großzackige Tem¬ 
peraturlinie, ohne Prüfung des frequenten, kleinen Pulses, ohne 
Untersuchung der mehr weniger übelriechenden Wunde läßt uns 
das Aussehen des Verletzten über sein Schicksal nicht im Zweifel. 
Der charakteristische Gesichtsausdruck des Schwerkranken mit 
seinen tiefliegenden Augen, die ledertrockne Zunge, von der nur 
die Spitze und die Ränder rote Schleimhaut zeigen, und vor allem 
die gelbliche Gesichtsfarbe, die einen Stich ins Grün¬ 
liche hat, sagen uns genug. Diese bezeichnende Farbe des Ge¬ 
sichts und auch der übrigen Körperhaut, ein Signum pessimi 
ominis, hängt offenbar mit der schweren Veränderung, die das Blut 
erfahren hat, zusammen. Diese Blutfarbenänderung zeigt sich auch 
dort evident, wo wir die Blutflüssigkeit selbst sehen können, ich 
meine an der Wunde. Sie sieht dort anders aus, als wir gewohnt 
sind, sie an Blutgesunden zu beobachten; sie ähnelt weder dem 
hellen arteriellen noch dem dunkeln venösen, sondern hat eine 
Mittelfarbe angenommen, einen bräunlichen Ton, und ihre Kon¬ 
sistenz ist wäßriger geworden. 

Offenbar hängt mit dieser Blutveränderung auch die Beob¬ 
achtung zusammen, daß das Blut Septischer seine Gerinnungs¬ 
fähigkeit beinahe oder ganz eingebüßt hat, was man aus den 
üblichen Nachblutungen aus Wunden Septischer wohl schließen 
darf. Ob nicht auch die beschleunigte Atmung mit dieser Blut¬ 
änderung zu tun hat, ist keineswegs ausgemacht. Wenn es der 
Fall wäre, so hätte man damit einen Hinweis auf das Wesen der 
Veränderung, nämlich eine Verringerung des Hämoglobingehalts, 
des O-Trägers im Blut, also eine Zerstörung der roten Blutzellen, 
womit auch die blässere Blutfarbe erklärt wäre. An dieser Stelle 
sei auch erwähnt, daß zu diesem typischen pathologischen Blut- 
befund auch die Hyperleukocy tose gehört, genau wie etwa 
bei der eitrigen Appendicitis. 

Beim pathologisch-anatomischen Befund ist charakteristisch 
für die Sepsis eigentlich nur die Milz, der „Milztumor“. Der 
septische Milztumor ist weich und zeigt eine ganz leicht abstreif¬ 
bare Pulpa, ähnelt dem typhösen Milztumor, dem wir jetzt öfter 
auf dem Sektionstische begegnen und der allerdings weniger weich 
ist, mit weniger zerfließender Pulpa. Ob diese für die Sepsis 
charakteristische Milz die Folge der Blutveränderung ist oder 
etwa ihre Ursache oder ob beide das Resultat des septischen Pro¬ 
zesses, das heißt der Arbeit der Bakterien, sind, erscheint nicht 
ausgemacht. 

Neben der Milz interessiert uns, bei dem auffallenden, immer 
vorhandenen Blutbefunde, noch Knochenmark und Kreislauf¬ 
organe. Der Knochenmarkbefund enttäuscht, wenn 
man so sagen darf. Er zeigt die erwartete Entzündung oder die 
Abscesse nicht, selbst dann nicht, wenn die Quelle der Sepsis 
eine Gelenkeiterung ist, ja auch dann nicht, wenn eine Knochen¬ 
wunde selbst der Ausgangspunkt ist. In diesem Falle sehen wir 
höchstens in unmittelbarer Nähe des septischen Ursprungsherds 
eine streckenweise Osteomyelitis. 

Das Gefäßsystem weist schon positiveren Befund auf, wenn 
auch nichts, was für die Sepsis specifisch wäre. Das Herz ist 
schlaff, mit den Zeichen ulceröser Klappenentzündung der linken 
Hälfte, die rechte ist frei. An den kleinen Gefäßen finden sich die 
bekannten embolischen Abscesse, aus welchen die Krankheits¬ 
erreger, also meist Streptokokken-, seltener Staphylokokkenarten, 
in Reinkulturen zu züchten sind. 

Bei zwei in R. Verstorbenen, bei welchen es sich überein¬ 
stimmend um eine Sepsis aus einer infizierten Knoehenwunde der 
unteren Extremität handelte, habe ich das betreffende Hüftgelenk in 
dem einen Falle vereitert, in dem andern leer gefunden. Und gerade 
der Verletzte mit freiem Hüftgelenk war einer Kniegelenkseiterung — 
trotz Arthrotomie und breiter Spaltung der weit hinauf eitrig einge¬ 
schmolzenen Oberschenkelweichteile — erlegen. Also auch nichts 
Charakteristisches. Ja, noch mehr; es kommt vor, daß das nächste, 
ja alle proximalen Gelenke frei bleiben, während ein distales Gelenk 
(vom Eiterherd aus gerechnet) vereitert. 

Prof. Herxheimer kennt einen Fall, bei welcher eine Sepsis 
vorlaff, ausgehend von einer Verletzung des oberen Drittels des Ober¬ 
schenkelknochens ganz nahe am Gelenk. Aber das Hüftgelenk war 
frei, das Kniegelenk derselben Seite aber vereitert. 

Woran sterben nun die Septiker? Gibt uns der pathologische 
Anatom darauf die Antwort oder etwa der Bakteriologe? Geben 
sie uns einen Anhaltspunkt für unser therapeutisches Handeln? 
Mit andern Worten, treiben wir mit dem, was wir jetzt bei einer 
Sepsis zu tun pflegen, treiben wir mit ihm rein symptoma¬ 
tische Therapie oder handeln wir kausal? Wir pflegen 
infizierte Wunden breit zu erweitern, zu drainagieren und die” so 
behandelte Wunde — an der eventuell immobilisierten Extremität 
— trocken oder auch feucht zu verbinden. Daneben pflegen wir 


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Original ffom 

UNIVERSUM OF IOWA 



1015 — MEDIZINISCHE KLINIK: — Nr. 14. 


4. April, 


Analcptica zu verabreichen, um, wie wir sagen, die Re-orvekräfte 
des Herzens heranzuziehen. Damit handeln wir — das ist keine 
Frage — rein symptomatisch. Wir hätten auch keinen Grund, 
an dieser Therapie Kritik zu üben, wenn sie genügte; aber sie ge¬ 
nügt n i e h t; denn alle unsere Septiker verfallen demselben | 
Schicksal. * Wie bei jeder Besprechung einer Therapie die Pro¬ 
phylaxe berücksichtigt wird, soll diese auch hier, wenn auch nur 
ganz kurz, gestreift werden. 

So zweifellos richtig der Satz ist. daß der erste Verband und 
der Transport das Schicksal eines Kriegsverletzten entscheidet, 
so gilt er offenbar nur für Verletzungen, die nicht infiziert ihren 
ersten Verband erhalten, l'nser erster Verband im Krieg ist ein 
aseptischer und vermeidet hei reiner Wunde eine Infektion, hei 
infizierter Wunde ändert er nichts. Die eingedrungenen Keime 
machen unter ihm ungestört ihre Arbeit und ihren Weg. Wir 
k ö nnen daran nichts ändern, denn erstens kann man einer frisch- 
gesetzten Wunde nicht ansehen, ob sic rein ist oder nicht, und 
zweitens können wir bei den Verhältnis en im Kriege keine andere 
Behandlung vornehmen, als eben rasch einen Verband anlegen. 
Prophylaktische Maßnahmen lassen hier also im Stich, 
und wir haben mit infizierten Wunden und ihrer Folge, der Sepsis, 
zu rechnen. 

Damit hin ich auf die Frage zuriickgckominen. ob wir nicht 
anstatt oder neben unserer symptomatischen Therapie eine 
kausale anstreben sollten. Die einzige charakteristische Verände¬ 
rung findet sich im Blut in Blutbereitungs- und Blutbefönlerungs- 
organen: Hyperleukocytose und Abseesse, aus welcher die Sepsis¬ 
keime darstellbar sind. Beide Befunde, ßakterionabscesse und 
Hyperleukocytose, stehen natürlich im Kausalzusammenhänge, 
die letztere ist die Folge der erstcren; sie ist als eine Reaktion, 
eine Abwehrmaßregel des Organismus aufzufassen, die wir auch 
hei andern Sopscn. bei der eitrigen Appendicitis und der Endo¬ 
metritis puerporalis, beobachten. Können wir den Körper dabei 
nicht unterstützen, die etwa ungenügende Hyperleukocytose ver¬ 
mehren oder die fehlende hervorrufen, anregen? 

Tatsächlich haben wir ein solches Mittel, das auch bei 
septischen Erkrankungen verschiedener Herkunft häufig ver¬ 
wendet, von vielen Aerzten gepriesen, von andern allerdings ab¬ 
gelehnt wird. Daß das Mittel., ich meine das Argentum eolioidale 
Crede, das Kollargol, eine Hyperleukocytose macht, ist einwand¬ 
frei nachgewiesen. Daß es hei Sepsis — intravenös gegeben - 
imstande ist, unter Schweißausbruch die hohe Temperatur kritisch 
abfallen zu lassen, ist hundertmal beobachtet. Allerdings steift 
das Fieber — meist allmählich wieder an, aber eine neue In¬ 
jektion hat einen neuen Abfall zur Folge. Und so kann man mit 
einem halben Dutzend oder wenig mehr Injektionen (die einzelne 
Ampulle enthält 10 cem einer 2 " ( ,igen Emulsion) doch viele 
Septiker über die ersten stürmischen Tage oder Wochen seiner 
Infektion hinwegbringen. Störend macht sieh, wenn viele Injek¬ 
tionen bei ein und demselben Patienten nötig sind, bemerkbar, daß 
für eine neue Injektion kaum mehr eine geeignete Stelle an einer 
Vene aufzufinden ist. Um so mehr, als es sieh ja meist um Pa¬ 
tienten in elendem Zustande mit dünnen, schlecht gefüllten (;<>- 
füßclien handelt. Die alte Injcktion>stelle ist dann thmmhosiert, 
die Vene kollabiert, und man muß sieh wohl oder übel um eine 
andere umsehen; denn das Kollargol neben die Vene unter 
die Haut gespritzt macht erhebliche Beschwerden. Diesem Uobel- 
stand ist durch zwei neuere Präparate, das Elektrargol einer franzö¬ 
sischen und das Fulinargin einer deutschen Firma, begegnet. Man 
kann sie beide siibeutan einverleihen. Ich will aber nicht ver¬ 
schweigen, daß auch sie — intravenös gegeben -- prompter zu 
wirken scheinen. 

Jedenfalls — und deswegen erlaube ich mir eine ausgedehnte 
Anwendung dieser Kolloidpräparate der Erwägung anheimzugehen 
— jedenfalls kann man damit nichts schaden, eine Gewißheit, die 
wir bekanntlich hoi einem andern., ähnlich wirkenden Silbermedi¬ 
kament, dem Argatoxyl, nicht haben, weil nach seiner Injektion, 
wie bei seinem Verwandten, dem Salvarsan. Erblindungen beob¬ 
achtet sind. Die sogenannte ..innere Desinfektion“ durch intra¬ 
venöse Injektion von 5 mg Sublimat tibergehe ich, weil ich mir 
nicht denken kann, daß Sublimat in der 1000 fachen Verdünnung 
der als bactericid erkannten 1 °/ 0l( -Lösung noch wirken kann. 

Wenn man das Bestreben der Kausaltherapie auf den Aus¬ 
gangsherd, also auf die infizierte Wunde, überträgt, so erscheint, 
wie beim Tetanus, wieder als das wirksamste die Desinfektion der 
Wunde, das heißt die Vernichtung der eingedrungenen Schädlinge. 

Daß wir unter den FeldvorhältnLsen nicht imstande sind _selbst 

wenn es anatomisch möglich wäre —, die v< rletzte Stelle sofort 



nach der Verw undung zu desinfizieren, die Keime sozusagen au! 
der Tat zu ertappen und unschädlich zu machen, habe ich ohen 
schon gesagt; später aber, bei ausgebrochener Sepsis, haben die 
Streptokokken und Staphylokokken die Pforte bereits über¬ 
schritten und vermehren sieh bereits im Innern. Immerhin könnte 
man sich vorstellen, daß die infizierte Wunde als Keimnest, von 
dem aus immer neue Nachschübe an schädlichstem Material 
(Bakterien, chemische Gifte, Thromben) erfolgen, sich als beson¬ 
ders übel erweist und deshalb besondere kausale Maßnahmen er¬ 
fordert. 

Von diesem Gesichtspunkt aus könnte man die Entfernung 
des Herdes erlangen, deren mildeste Form die von Voelker 1 ' 

(all» rdings für Tetanuswunden) empfohlene energische Actzung 
mit konzentrierter Carbolsäure (Add. garbolieum liquefactum) nach ■ 
breiter Erweiterung der Wunde (lur^h Hilfsschnitte ist. „Die*., . 

Vorgehen“, sagt Voelker, „hat sehr zu einer raschen Reini¬ 
gung der Wunde beigetragen und die Oarholätzung dringt bekannt¬ 
lich viel mehr in die Tief»* der Gewebe ein. weil sie keinen festen 
Schorf erzeugt wie andere Aetzmittel und damit ihre eigne Wir¬ 
kung in die Tiefe nicht begrenzt.“ Die Reinigungs- und Tiefen¬ 
wirkung des Mittels wäre ja gerade das, was wir in unserm Falle 
wünschen, und es ist nicht einzusehen, warum wir von ihm nh-lu 
ausgiebigen Gebrauch machen sollen, auch schon in den Verband- ’ 
plätzen der vorderen Linien bei nur verdächtigem Wunden. 

Auf ein anderes Mittel, das dasselbe Ziel anstrebt, darf ich 
vielleicht die Aufmerksamkeit lenken, ich meine das von 
Riehl-) (auch für Tetanuswunden) empfohlene Gemenge von 
Chlorkalk-Bolus alba (Calcium hvpochlorosum 1 : Bolus alb;i 9). 

Das Mittel ist ein Pulver, kann also bequem auf oberflächliche 
Wunden aufgestreut und in die Tiefe eingeblasen werden und ent¬ 
wickelt langsam Chlorgas. Das Chlorgas aber zerstört Bakterien 
der verschiedenstem Art rasch und ,,es erfolgt nach kurzer b\\ 
Abstoßung nekrotischer Gowebsteile, Desodorisierung und Onuui- 
lationshildung hei Verringerung der Sekretion". 

Auch der ausgiebigem Anwendung dieses beejuem trans¬ 
portablen. unter den ungünstigsten äußeren Umständen applikahkr 
Mittels stände werhl nichts im Wege. Allerdings würde, wie idi 
glaube, nicht eine unterschiedlose Anwendung dieser beiden Mittel 
sich empfehlen, sondern das Chlorkalk-Boluspulver wäre mehr für 
oberflächliche Wirkung, die konzentrierte Carholsäure mehr für 
Tiefenwirkung, also älterer Wunden (im allgemeinen) geboten. 

Gerade für Wundem älteren Datums, die widerlich riecht), 
überreichliches Sekret haben und deren Sehleierbelag allen feuchten 
Verbände n trotzt, während Fieber und Puls beunruhigender m 
werden beginnen, habe ich eine jüngste Empfehlung bewährt 
fundeii: eine 0,2 “ ige sterile Salzsäurelösung, eine Llii.-igkö 
also, w ie sie chemisch der menschliche Magensaft (ohne Lerntet!' 
darstelU. Feuchter Verband damit ändert schon nach 24. imA 
deutlicher nach 48 Stunden Aussehen, Geruch und Sekretion dif 
Wunde völlig. Der hartnäckige golblichgraue Schleier ist ver¬ 
schwunden und hat einer gesunden, roten Granulationsfarbe Platz 
gemacht. 

ln einem Falle war eine Amputation w r cit im Gesunden ver¬ 
nommen. und der Stumpf hatte trotzdem ein ominöses Aussehen nach, 
einigen Jagen angenommen. Puls. Temperatur und Verholten 
Operierten legten einem das Wort ..Sepsis“ sozusagen föuiuiel» aoi 
die Zunge, da nahm der Verlauf durch zwei Verbände mit 0.2",'oigvr 
HCl-Eosung und nachfolgender Lufthehandlung der Stumpfwor.de da* 
unerwartet günstige Wendung. 

Eine Phlegmone am Unterarme nach Weicbteilsehuß mit alh-u 
Zeichen der < kispblegmoiie — auch das Rasiermesser!ünen fehlte M ! ! 

nahm nach Reinigung der mißfarhigoii schmierigen Munde im’ 
dem Mittel ebenfalls einen guten Verlauf. 

enn man eine Erklärung für diese günstige Wirkung <k' 
Chlorwasserstoffgascs sucht, so besteht sie wohl zunächst in der 
bactericiden Wirkung der ( hlorkomponente, die wir ja auch vnin 
Magensäfte kennen und die Riehl bei seiner Chlorkalk-lUhi-- 
misehung auch benutzt. Oh die reinigende Wirkung unddic AnnguiiL 
gesunder Gewehshildung auf eine Zerstöru ng des Uelags inio 
der oberflächlichen Wundsehieht wie heim Lhlorgase der Rj' 1 * 1 ' 
sehen Mischung oder hei der konzentrierten Carbolsäure^' 1 ' 
kers zurüekführbar ist oder aber ob die verdauendem^ 
der Salzsäure eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Man müßte. '" !l 
dahinter zu kommen, »las spärliche Wundsekret auf AbbauproÄ 
des Eiweiß»*? (AUuunos»‘n, Albumine) untersueh»*n. 

Bei einem Vortrag über Behandlung septischer Kriegs" r 

. L ^ eelk »-r. Zur Behamllung des Tetanus. (M. m. F e '*d 

l'.l] t, Ar. 

K i «.■ h 1, Zur Tctanusbohainllung. (M. Kl. 1515, Nr. 2.) 


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UNiVERSUY OF IOWA 



4. April. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 387 


letzungen darf die radikalste Therapie, die Amputation, nicht un¬ 
erwähnt bleiben. Ich meine damit nicht die primäre Amputation, 
die der sozusagen anatomischen Indikation genügt, sondern die 
sekundäre, aus der Indicatio vitalis heraus, das Ultimum refugium 
unserer konservativen Therapie. Es fragt sich, ob wir recht 
daran tun, den Eingriff als Ultimum refugium aufzusparen. Es 
fragt sieh, ob wir nicht besser täten, bei Extremitätenverletzungen, 
die wir offenbar infiziert erhalten, statt unter allen Umständen mit 
der (sekundären) Absetzung zu warten, bis ein Zweifel über die 
drohende Katastrophe nicht mehr besteht, ob wir nicht besser 
täten, aus unserm Zögern herauszutreten und frühzeitig zu ampu¬ 
tieren. Jetzt begegnet es so häufig, daß man im Glauben, weit im 
Gesunden zu sein, beim Weichteilschnitt unangenehm überrascht 
ist, auf das ominöse wachsgelhe, saftreiche Unterhautzellgewebe 
zu treffen, das sich dann na'dh der Amputation nicht mehr erholt. 
Nichts braucht diesen Zustand des inneren Gewebes zu verraten, 
krine Rötung, kein Oedern, keine Empfindlichkeit der äußeren 
Haut, Versucht man das kranke Gewebe zu vermeiden und legt 
den Weichteilschnitt weiter oben, so steht man vor derselben Kala¬ 
mität. und mancher Operateur will eine tiefe Oberschenkelampu- 
tation machen und sieht sich einer Exartikulation des Hüftgelenks 
gegenüber. Bei der hohen Mortalität dieses großen Eingriffs aber 
scheut er davor zurück, ohne den schlimmen Ausgang aufzuhalten. 
Hätte er den Entschluß früher gefaßt, so wären die Bedingungen 
günstiger gewesen. 

Natürlich ist es ein schwerer Schritt, dem Verwundeten die 
verstümmelnde Operation Voranschlägen, wenn noch nicht jede 
Hoffnung, daß es vielleicht auch so noch geht, geschwunden ist; 
um so schwerer für den Arzt, wenn ihm, wie hier, jedes eindeutige 
Anzeichen für die unabwendbare Gefahr fehlt. Er ist rein auf 
sein subjektives Gefühl, das heißt seine Erfahrung, angewiesen. 

Und es sei Zweck dieser kurzen Ausführungen, die Kriegs- 
chirurgen mit großer Erfahrung darum anzugehen, bei infizierten 
Verletzungen uns die! Indikation zu geben, wann wir die ultra- 
konservative Therapie verlassen dürfen, um einen rechtzeitigen, 
das heißt frühzeitigeren Eingriff vorzunehmen. 

Daß der Allgemeinbehandlung — mit und ohne chirurgischen 
Eingriff — eine große Rolle zufällt, ist Regel geworden. Neben 
peinlichster Mundpflege, auf die besonders aufmerksam gemacht 
sei. sorgfältiger Reinhaltung der Haut durch tägliche Alkohol¬ 
waschungen oder 32 0 ige Vollbäder, eventuell bei abgenommenem 
Wundverband, ist die Ernährung der erste Gesichtspunkt, 35 Ka¬ 
lorien pro Kilogramm und Tag ist nach Romberg 1 ) das Mindest¬ 
maß für Schwerkranke, 40 bis 50 Kalorien seien wünschenswert; 
damit kommt man auf etwa 2500 Kalorien in 24 Stunden, eine 
Menge, die auch von Strauß als genügend erachtet wird. Die 
Form der zuzuführenden Nahrung kann natürlich nur flüssig oder 


dünnbreiig sein. Am besten genügt immer noch die Milch allen 
Ansprüchen. Pj 2 bis 2 1 neben vier bis fünf Eiern bringen die 
genannte Kalorienmenge auf. Begegnet die Milch Widerwillen 
oder macht sie Durchfall, dann treten Zusätze auf den Plan: 
Natrium bicarbonicum, Kognak, Rum, Zucker, besonders Milch¬ 
zucker (50 g pro Tag), Zwieback, Mehl, Opium. Katzen- 
stein sehe Tropfklystiere mit 0,9 °/ 0 iger Kochsalzlösung (2 bis 
3 1 im Tag) oder wegen der bestehenden Eiweißtrübung im Urin 
besser isotonische Traubenzuckerlösung (4 %\g) mit Colodal- oder 
besser Abderhaldens Ereptonzusatz sind, wenn keine septi¬ 
schen Durchfälle bestehen, ein vorzügliches Mittel zur Erhaltung 
der Kräfte und Vermeidung des quälenden Durstes. 

Mit Herzreizmitteln würde ich zurückhaltend sein und auf 
die Herzreizung verzichten zugunsten der Herzkräftigung (eben 
durch Betonung der Nahrungszufuhr). Tritt trotzdem die Indi¬ 
kation zur Heranziehung der Herareserve auf (das heißt unregel¬ 
mäßiger, dabei kleiner Puls, dauernd 120 und darüber, Größer¬ 
werden der absoluten Dämpfung), so halte ich es mit der Appli- 
zierung allmählich anschwellender Reize. Beginnend mit 1 g 
Campheröl, achtstündlich intramuskulär, geht man bei Bedarf über 
auf 1 dg Coff. natriobenzoic., achtstündlich subcutan, weiter auf 
1 cg Digalen, achtstündlich subcutan oder intravenös, um schlie߬ 
lich als stärksten Reiz 1 mg Strophantin intravenös zu ver¬ 
abreichen (nicht vor 36 Stunden zu wiederholen). 

Gegen die erschöpfende Schlaflosigkeit halte ich die auch 
sonst indizierten Waschungen oder Vollbäder als das beste: sieht 
man sich wider Willen zu einem medikamentösen Schlafmittel 
veranlaßt, so vermeide ich das die Temperaturkurven störende 
Pyramidon und gebe Veronal, allerdings zusammen mit einer 
halben Tablette Digipuratum, weil doch eingestandenermaßen alle 
Schlafmittel Lähmungserscheinungen im Gehirn erzeugen und eine 
— durch Vagusparese bewirkte — Pulsbeschleunigung her- 
vorrufen. 

Die Bewahrung absoluter Ruhe im — womöglich Einzel- 

Krankenzimmer eines Septikers ist ein Teil der Allgemeinbehand¬ 
lung, eine Forderung, der man nur im Kriegs-, Etappen- oder 
Resevelazarett genügen kann. Eine weitere Forderung, die 
keineswegs an letzter Stelle stehen sollte, ist die Durchführung 
einer weiten Belegung bei Kranken mit Allgemeinsepsis und auch 
schon mit lokaler Infektion. Gerade die Gewährung eines splen¬ 
diden Luftraums bei täglich zweimaliger Lufterneuerung im 
Krankenzimmer, wobei die Erniedrigung der Temperatur des 
Raums durchaus nicht zu fürchten, starke Bewegung der Luft aber 
zu vermeiden sein wird, dürfte günstigste Wirkung äußern. Un- 
sern Verwundeten allerdings die Wohltat eines Sonnenstrahls auf 
der Bettdecke angedeihen zu lassen, bleibt unter diesem Himmels¬ 
striche zu dieser Jahreszeit ein pium desiderium. 


Umfrage 

Über die 

sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges. 


Wir wiederholen die Fragen: (Fortsetzung aus Nr. 13 .) 

1. Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen? 

2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt? 

3 Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enudeation 
warten zu können? 

i Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie? 

5 Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie? 

6 Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht? 

7. Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie? 

8 . Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologie der sympathischen Ophthalmie verwertet werden 

können? 


Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder: 


Prof. Dr. A. Elschnig, Uni vereitäts-Augenklinik, Prag: 
v f besonders gefährdet erscheinen mir die unerwartet 
Fr ! 'r! 1 - von Augenv<erletzungen mit kleinen und kleinsten 
(•nrnkorpern, und zwar besonders dann, wenn sie, wie es vielfach 
let 7 t° nimt p n * C * lt 80 * 0rfc * n angenärztliche Behandlung kommen. In 
erem Falle bleiben die Fremdkörper oft unerkannt im Auge, 
eintritf 6 ! 11 £? eic h e * ne schmerzhafte Entzündung der Uvea 
es leicht zur sympathischen Ophthalmie kommen. 

> Die Behandlung des Unterleibstyphus. (M. m. W. 


2. Mit Rücksicht auf die Arbeitsüberhäufung und die an den 
stabilen Augenstationen reduzierte Aerztezahl soll man alle ver¬ 
letzten erblindeten Augen in der Regel sofort entfernen; meist 
sind die Verletzungen ja so schwer, daß nicht einmal an Ex¬ 
enteration zu denken ist. Im übrigen sind erfahrungsgemäß be¬ 
sonders die Fälle schleichender Iridocyclitis nach Verletzung be¬ 
sonders gefährlich für das Auftreten'sympathischer Ophthalmie, 
und zwar um so mehr, je mehr krankhafte Allgememerscheinungen, 
konstitutionelle Anomalien und dergleichen nachweisbar sind, 
welche die Grundlage für das Auftreten der Sympathischen bHden. 

3. Es kommt hier überhaupt nur die erstgenannte Kategorie 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


von Fällen in Betracht, da man bei allen schweren Verletzungen 
mit Erblindung sofort enucleieren soll. Bei der erstgenannten 
Kategorie ist unbedingt, auch wenn noch etwas Sehvermögen vor¬ 
handen ist, zu enucleieren, sofern eine, wenn auch leichte, Irido- 
cyclitis eintritt und das Sehvermögen (Lichtempfindung und Pro¬ 
jektion) abnimmt. Sehr suspekt halte ich auch insbesondere Fälle, 
in denen eine rasch zunehmende Verfärbung (Depigmentierung) der 
Iris eintritt. 

4. Solche Zeichen gibt es meines Erachtens nicht. 

5. In manchen Fällen, wenn die sympathische Affektion in 
der Uvea des hinteren Bulbusabschnitts beginnt, ist die erste 
Erscheinung eine Hyperämie der Papille-Retina. Hier gehen auch 
mitunter subjektive Sehstörungen dem Ausbruche der Er¬ 
krankung voraus. Ebenso kann in solchen Fällen die kleinfleckige 
Chorioditis svmpathica zuerst sichtbar werden. In den häufigeren 
Fällen des Beginns im vorderen Uvealteile sind neben Ciliar¬ 
injektion, Verfärbung der Iris und Verengerung der Pupille Prä- 
cipitate an der C'orneahinterfläche die erste Erscheinung. 

6 . Jedenfalls. Ausgenommen den seltenen Fall, wenn das 
verletzte Auge noch ein relativ gutes Sehvermögen hat (wenigstens 
Kerze in 6 m bei normaler Lichtlokalisation). 

7. Je nach den durch eventuelle Allgemeinanomalien ge¬ 
gebenen Grundsätzen; fehlen ausgesprochene Allgemeinerkran¬ 
kungen, so wird die gewöhnliche Therapie der lridocyelitis un¬ 
bekannter Aetiologie, hinter denen sich zweifellos eine große Zahl 
von durch Autointoxikation bedingten Fällen verbirgt, angewendet. 

8 . Im Kriege nicht. Im übrigen stelle ich nach wie vor auf 
dem durch meine Untersuchungen über die Aetiologie der sym¬ 
pathischen Ophthalmie bekanntgewordenen Standpunkte, daß die 
sympathische Ophthalmie durch specifische Sensibilisierung der 
Uvea des zweiten Auges zufolge antigener Resorption von Uvea¬ 
gewebe (Pigment) im ersterkrankten verursacht wird, und daß das 
auslösende Moment der „anaphylaktischen Ophthlamie a in patho¬ 
logischen Zuständen des Gesamtorganismus (Stoffwechselstörun¬ 
gen, Autointoxikation, insbesondere vom Gastrointestinaltrakt aus. 
Konstitutionsanomalien, aber auch das gaVze Heer anderer besser 
bekannter und studierter Erkrankungen) gegeben ist. 

Prof. Dr. S. Klein (Bäringer), Allgem. Poliklinik, Wien: 

1. Jene: 

a) bei welchen Fremdkörper — die keine Eiterung erregen, 
also niehtinfizierende — dauernd im Augeninnern 
bleiben (Eisen-, Kupfer- und dergleichen Splitter). 
Linsentrümmer sind Fremdkörpern gleich zu achten, 
und das um so mehr, je älter das Individuum an 
Lebensjahren ist; 

b) welche mit ausgedehnter Spaltung oder Zertrümmerung 
des Bulbus ohne übermäßige Entleerung von Augapfel¬ 
inhalt, aber mit Vorfall und Einklemmung der 
Iris oder des Ciliarkörpers einhergehen; 

c) welche mit Scleralruptur verbunden sind; 

d) welche mit Linsenluxation verbunden sind; 

e) welche trotz geringfügiger Continuitätstrennung sehr 
bald von Iritis oder Iridoeylitis gefolgt sind; 

folglich: 

f) jede Form von perforierender Schnitt-, 
Stich-, Schußverletzung, sowie von stumpfer, den Aug¬ 
apfel zum Bersten bringender Gewalt, insofern die Ver¬ 
letzung nicht sehr bald zu Panophthalmitis oder zu 
eitriger Schmelzung der Hornhaut führt. 

2. Beantwortet sich von selbst durch das in Punkt 1 Gesagte. 


3. So wenig als möglich; bei derartiger Zerstörung des Au»es, 
welche jedes zukünftige Sehvermögen ausschließt, soll sofort 
enueleiert werden. Beiläufig eine Woche kann man in den meisten 
— nicht in allen — Fällen w arten, länger als zwei Wochen ist 
immer bedenklich. Je weniger Zeichen von Iritis (Cyclitis) am ver¬ 
letzten Auge sichtbar sind, um so länger kann die Wartezeit he- 
messen werden. Das erste Zeichen von selbst leichtester Ciliar- 
reizung am nichtverletzten Auge ist auch ein Zeichen von Ueber- 
schrittensein des Wartetermins. In einem Falle (von mir nritgetcjfg 
„Wiener medizinische Presse" 1874 Oktober; „Ueber sympathische 
Ophthalmie") schien die sympathische Erkrankung schon in den ! 
ersten Stunden nach der Verletzung sich anzukündigen. 

4. In Asthenopie, die vorher nicht da war und die nicht ! 
durch die gewöhnlichen Ursachen der Asthenopie begründet ist. i 

In Lichtscheu, selbst minimalster Intensität. 

In Ciliarinjektion. 

In abnormen, das heißt subjektiven spontanen Lichterschei¬ 
nungen. 

In zweifelloser Herabsetzung der zentralen Sehschärfe. 

In Einschränkung des Gesichtsfeldes. j 

Alles beim Fehlen deutlicher Symptome von 
Entzündung im vorderen Augapfelabsclmitto. ! 

Entschiedener Druckschmerz ist sehon mehr als ; 
Drohung, ist schon die Erkrankung selbst. j 

Leichte Spontanschmerzen sind unzuverlässig. 

5. In stärkerer Ciliarinjektion, also Rötung mit oder ohne 
Schmerzen, sowie charakteristischem Druckschmerz auch ohm* 
Rötung. 

6 . Ja. Das habe ich durch Demonstration eines ein¬ 
schlägigen Falles in der Wiener ophthalmologischen Gesellschaft 
1904 (oder 1905?) erhärtet. 

7. a) Enucleation des verletzten Auges. 

b) Durch alle gebräuchlichen lokalen und allgemeinen 
Methoden, die für Iritis (Cyclitis) gangbar sind. ri 
gibt keine für sympathische Ophthalmie spezielle 
Therapie, wenigstens ist mir keine bekannt. 

8 . Leider sehr wenig. Alle meine zahlreichen klinischen Be¬ 
obachtungen lassen die Antwort auf diese Frage noch immer in 

j tiefstem Dunkel. Außer etwa konstantem, durch sonstiges nicht 
motiviertem Kopfschmerz 1 ), der in der dritten Woche hei- 
läufig einzusetzen pflegt, der aber mehr für die Pathogenese mul 
für den Verbreitungsweg verwertet werden kann, als für die 
Aetiologie, und der ein viel sichereres Zeichen der 
d rohe n d e n sympathischen Ophthalmie ist, als alle Svmptoim- 
am gesunden Bulbus. 

Prof. Dr. R. Kümmel, Universitäts-Augenklinik, Erringen: 

1. Sämtliche, die mit Zertrümmerung von Teilen der Uvea 
einhergehen. 

2. Bei schleichenden Entzündungen der Uvea de? verletzten 
Auges. 

3. Risiko besteht immer. 

4. Ist vor Ausbruch nicht festzustellen. Die vielfrch als Vor¬ 
zeichen angegebenen Symptome sind bereits Zeichen der aus- 
brechenden sympathischen Ophthalmie. 

. ,r J' * n ( l° n Erichen der Irido-cyclo-chorioiditis oder eine- 
. , derselben. Ebenso Neuritis optica in Verbindung damit fudd 
isoliert). 

6 . Nur im Einzelfalle zu entscheiden. Nie, wann das ver¬ 
letzte Auge noch einen Rest irgendwelchen Sehvermögens hat. 

7. Mit Schwermetallen (Quecksilber, Silber) und lokal, W 
andere Lveitiden. (Vorübergehend Benzosalin.) Schwitzkur. 

--- (Schloß folgt.) 


Abhandlungen. 


Ueber die Basedowsche Krankheit 

von 

Prosektor Dr. C. Hart, Berlin - Schöneberg. 

Ueber das rätselhafte Leiden, auf dessen charakteri¬ 
stischen Symptomenkomplex zuerst der Merseburger Arzt 
Basedow unsere Aufmerksamkeit gelenkt hat, herrschten 
früher die verschiedensten Anschauungen, bis schließlich 
mehr und mehr die vonMoebius verfochtene und glanzend 
begründete die Oberhand gewann. Nach ihr ist die Base¬ 
dowsche Krankheit der Ausdruck einer Funktions¬ 


störung der Schilddrüse und die wissensclu ftliche For¬ 
schung^ hat es sich angelegen sein lassen, diese inutinaß- 
liehe Funktionsstörung näher zu ergründen. In diesem 1k* 
streben aber stieß sie zunächst auf schier unii »erwindlichc 
Schwierigkeiten. Gehört doch die Schilddrüse zu jenem 
jor noch gar nicht langer Zeit sehr vernachlässigten und 
teilweise überhaupt noch unerforschten System \ on Organen. 
(10 xvir kurz als endokrine bezeichnen und deren. 


uml^lOiT K L* in, Grundriß der Augenheilkumri, Wien 1^' 


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UMIVERSITY OF IOWA 



4. April. 


1915 __ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


380 


wie wir jetzt wissen, außerordentlich wichtige Funktion in 
,l,. r Alnrabe specifischor Produkte direkt an das Blut (daher 
'utd'Tsektvtorische) und weitgehenden regulatorischen Ein- 
Clibscn auf den gesamten Stoffwechsel des Organismus be¬ 
ruht. Ist uns nun auch von diesen Organen die Schilddrüse 
(H j{ das best bekanntes* so dürfen wir doch keineswegs ver- 
kcuiKMi. daß wir auch heute noch keinen vollen Einblick in 
iuiv Funktion und Bedeutung für den Organismus gewonnen 
hüben, was sich naturgemäß auch in der speziellen Ergrün- 
,tim- des Wesens der Basedowschen Krankheit geltend 
nnihiM) muß. Immerhin scheint, heute als ein wesentliche» 
Ergebnis langen Forschens sich die Tatsache darzustellen, 
dni; hei der Basedowschen Krankheit nicht eine Hyper- 
futskiion. wie man eine Zeitlang annahm, sondern eine Dys¬ 
funktion der Schilddrüse in Frage kommt, was neuerdings 
auch Kraus an aus dem Prager pathologischen Institut 
stammenden histologischen Untersuchungen wahrscheinlich 
gemacht hat. 

Die Moebiusschc Lehre von der thyreogenen Natur 
der Basedowschen Krankheit setzt sich im (1 runde gar 
nicht in einen allzu großen Gegensatz zu der Anschauung 
jener, denen das Leiden als eine Nervenkrankheit galt und 
teilweise noch heute gilt. Denn wir kennen jetzt den innigen 
Zusammenhang, der zwischen dem Nervensystem und den 
eirdiikrinen Organen im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit 
besteht, und insbesondere hat in letzter Zeit Münzer nach¬ 
drücklich betont, es lasse sich das Wesen der zwischen dem 
endokrinen und dem Nervensystem bestehenden Wechsel¬ 
beziehungen so erklären, daß die Sekrete der Blutdrüsen 
dazu dienen, den Tonus der beeinflußten Nerveiigehiete zu 
regulieren. Da eine gegenseitige Beeinflussung statt findet 
und für ein dauerndes physiologisches Gleichgewicht zu 
sauren strebt, kann man sich also bald vorstellen, daß ner¬ 
vosa peripherische und centrale Einflüsse die Schilddriisen- 
fmiktion stören, bald meinen; daß umgekehrt eine primäre 
Krkrankung der Schilddrüse insbesondere Sympathien« und 
Vagus alteriore. So ließe sich eine Brücke zwischen An- 
»hauungen schlagen, die sich früher schroff gegenüber- 
standen. 

Aber zu der Zeit, als Moebius mit seinen Ausfüh- 
nmmm hervortrat, fehlten diese Kenntnisse, die seiner Lehre 
fiK/Jiidi sein konnten. Was ihr dennoch schnell den Weg 
g*-balmt hat, war vor allem der Umstand, daß sie die Uausa 
uiorbi in das einzige, sichtbar und jedem leicht erkenntlich 
■anatomisch veränderte Organ, die Schilddrüse, verlegte und 
ni'hr mul mehr sich auf die Ergebnisse der chirurgischen 
Therapie stützen konnte. 

In dem Maße, als man sich zu der heute so glänzend 
aussrehauten und segensreichen operativen Inangriffnahme 
der Basedowstruma entschloß, stieg seither die Erfahrung 
zur (iewißheit, daß der strumosen Erkrankung dieses Or- 
-ans eine wesentliche ätiologische Bedeutung für den Morbus 
Basedowii zukomme, wenngleich auch gewisse Mißerfolge 
immer wieder auf Lücken unserer Erkenntnis hinwiesen. 

Doch dem praktischen Arzt und im wesentlichen auch 
dem Chirurgen schien mit der Moebius sehen Lehre Ge- 
mim* getan. In der Fülle der klinischen Erscheinungen wies 
S!t auf eine lokale Veränderung hin, die direkt zugänglich 
JJ? r un d eine ätiologische Therapie gestattete, sofern sie die 
U i'rzei alles Uebels war. Wieweit Erfüllung dieses idealen 
dunsches cingetreten ist, dürfte jedem Arzte wohlbekannt 
' j n Zieles muß ihn dennoch nachdenklich stimmen. Je 
l(11 . !I ' die Erfahrung wird, um so deutlicher treten Ver- 
^'hiedenheiten der einzelnen Fälle hervor, die bald in aus- 
kc^proenener Weise den vollkommenen typischen Svniptomen- 
omiplex, bald nur einzelne Symptome in so leiser Andeu- 
ang zeigen, daß sie nur bei geübtem Blick und sorgfältigster 
■"'naditung erkennbar werden, die unabhängig von der 
v Neigung des Krankheitsbildes bald schwer, bald leicht 
^laufen, Remissionen zeigen oder gar ausheilen, während 


bei andern alle ärztliche Kunst sich vergeblich erweist, die 
endlich bald anscheinend spontan und langsam entstehen, 
bald stürmisch sich im Anschluß an schwere wie leichte, an 
körperliche wie psychische Traumen entwickeln. Wenn die 
in anatomischen Veränderungen sich kundgehende Erkran¬ 
kung der Schilddrüse zur Ausprägung dieser Krank heit s- 
bilder führt, worauf beruht denn dann die erstere? Tn dieser 
Frage nach der unserer Erkenntnis letzten Ursache, der 
Basedowschen Krankheit begegnen sich Praktiker und 
Forscher, wie denn auch Moebius selbst schon es als die 
allerwichtigste Aufgabe bezeichnet hat, die Ursache der 
Schilddrüseiierkrankung festzustellen. Nicht immer hat man 
sich vor Augen gehalten, daß hinter dieser ein uns dunkles 
Prinnim movens steht. Und dazu kommt noch etwas. So 
schön die Erfolge der chirurgischen Therapie waren und so 
sehr sie sich mit dem Ausbau der Technik steigerten, so 
unbehaglich muß jedem Praktiker zu Mute sein beim Ge¬ 
denken an die plötzlichen Todesfälle während und bald nach 
der Operation, die lange Zeit ebenso unerklärlich wie allen 
Chirurgen ein Schrecken waren. Denn sie erkannten wohl, 
daß hier nicht mit den Worten Narkosetod“ und „Opcra- 
tionsshock„“, die ja heute überhaupt ihren Wert verloren 
haben, auszukommen war, sondern, daß ein Rätsel seiner 
Lösung in exakter wissenschaftlicher Forschung harre. Und 
in der Tat leiten sich aus dem Bemühen, diese* unglück¬ 
lichen und gefürchteten Zufälle zu erklären, wesentlich die 
Fortschritte unserer Kenntnis vom Wesen der Basedow¬ 
schen Krankheit her. Dazu kam noch die Gunst der Zeit, 
in der nicht allein das Interesse für die Gruppe der inner¬ 
sekretorischen Organe und namentlich auch für die so stief¬ 
mütterlich behandelte Thymus erwacht war, sondern man 
auch begonnen hatte, die Bedeutung der Konstitution zu 
würdigen, die nach unsern jetzt fest begründeten Vor¬ 
stellungen als sogenannte „innere Krankheitsursache.“ ein 
wichtiger Faktor bei allen Erkrankungen des menschlichen 
Organismus ist. 

Schon wiederholt war mail auf abnorme Thymusbefunde 
hei der Sektion Basedowleidender aufmerksam geworden und 
kein geringerer als der weitblickende Moebius selbst 
schreibt in seiner Monographie über die Basedowsche 
Krankheit: „Sollte die Größe der Thymus bei Basedow- 
kranken mehr sein als ein zufälliger Befund, so würde damit 
dargetan, daß angeborene Bedingungen vorhanden sind, 
wenn auch die Basedowsche Krankheit erst relativ spät 
im Leben zu beginnen scheint,“ Dieser fast prophetische, 
erst von mir später ausgegrabene Satz blieb zunächst unbe¬ 
kannt, aber Schlag auf Schlag folgten sich plötzlich be¬ 
merkenswerte Abhandlungen, aus denen hervorging, daß 
eine abnorm große Thymus wirklich kein Zuiällsbefund hei 
Basedowscher Krankheit ist, sondern im Gegenteil in 
solcher Häufigkeit vorkommt und in so enger Beziehung zu 
der Schwere und dem Ausgange des Leidens steht, daß der 
Zusammenhang zwischen Thymusanomalie und Morbus Base- 
dowii sich geradezu aufdrängt. Insbesondere erbrachte die 
Arbeit Capelles den statistischen Beweis, daß eine abnorm 
große Thymus um so häufiger bei diesem Leiden gefunden 
wird, je schwerer die klinischen Symptome sind, und daß 
sie vor allem fast nie in solchen Fällen fehlt, in denen es 
sich um den Tod an der Magnitudo morbi oder nach einer 
Strumaoperation handelt. Ein Zweifel konnte kaum noch be¬ 
stehen, daß die Thymus einen sehr deletären Einfluß auf den 
Verlauf der Krankheit ausübt, wobei ihm namentlich die Wider¬ 
standslosigkeit des Herzens zur Last fällt. Zwar hat es 
nicht an Versuchen gefehlt, die abnorme Thymusgröße als 
eine harmlose sekundäre Erscheinung darzustellen und eine 
Parallele zu der häufig bei Basedowkranken nachweisbaren 
lokalen, ausgebreiteteren und selbst allgemeinen Lympli- 
drüsenschwellung zu ziehen, aber offenbar verkannte'diese 
Vorstellung den epithelialen- Charakter, die drüsige, mit 
specifischer Funktion ausgestattete Grundnatur des Organs 


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und fand daher fast allgemeine Ablehnung. Auch der an¬ 
fängliche Versuch Reh ns, den postoperativen Basedow! od 
rein mechanisch zu erklären, derart, daß infolge der Struma¬ 
resektion eine kollaterale Fluxion die Thymus vergrößere 
und sie befähige, durch Druck auf die Trachea einen Er- ; 
stickungstod herbeizuführen, erwies sich nur zu schnell als 
verfehlt. Es blieb kaum eine andere Möglichkeit, als eine 
Giftwirkung der Thymus anzunehmen, über die freilich die 
Meinungen auseinander gingen und eine Klärung nicht 
brachten. Es lag das daran, daß die Natur der Thymus 
noch umstritten war, man so gut wie nichts Sicheres über 
ihre Funktion wußte und daher auch alle ätiologischen Be¬ 
trachtungen außerstande waren, in die als revisionsbedürftig 
anerkannte Frage des Thymustods Licht zu bringen. 

Vor einiger Zeit habe ich auch in dieser Zeitschrift 
diese Frage auf Grund meiner eigenen langjährigen Unter- I 
Buchungen besprochen und dargelegt daß der sogenannte 
Thymustod — abgesehen von verhältnismäßig seltenen Füllen, 
in denen die mechanische Theorie zu Beeilt besteht — auf 
eine Vergiftung des Organismus durch die übermäßig und 
krankhaft funktionierende Thymus (Hyper- und Dvsthyini- 
sation) zurückzuführen ist und daß auf dieser chronischen 
Vergiftung ein körperlicher Zustand der mehr oder weniger 
ausgesprochenen Minderwertigkeit beruht, den wir als Status 
thymicolymphaticus beziehungsweise besser thymicus be¬ 
zeichnen. 

Schon bald nach Beginn meiner Untersuchungen über 
die Thymus fiel mir nun auf, daß eine große Aehnliclikeit 
zwischen dem sogenannten Thymnstod und dem post opera¬ 
tiven Basedowtode bestehe, daß ferner die schworen Herz¬ 
symptome der Basedowkranken sieh aus der speeifischcn 
Thymuswirkung erklären lassen, während zugleich der Be¬ 
fund der abnorm großen Thymus als das sichtbare Zeichen 
einer pathologischen Konstitution gelten kann. Und als ich 
über einen plötzlich verstorbenen jungen Mann, dessen Or¬ 
gane bis auf eine große Thymus sämtlich der Norm ent¬ 
sprachen. nachträglich in Erfahrung bringen konnte, daß er 
an basedowartigen Beschwerden gelitten hatte, stellte ich 
meine Lehre des Thymusbasedow auf. die jetzt so erfreuliche j 
und weitgehende Anerkennung gefunden hat. ' 

Meine Meinung war die, daß die Thymus allein im- j 
stände ist, durch abnorme Funktion diejenigen klinischen j 
Symptome seitens des Herzens im Bilde der Basedowschen 
Krankheit zu erzeugen, die man bisher ausschließlich der j 
krankhaften SchiUldrüscnfnnktion zur Last gelegt batte, daß j 
man also von einem „Thymusherz“ sprechen dürfe, wie man 
vom „Kropfherz“ zu reden gewohnt war. Es stützt sich 
diese Anschauung auf die pulsbesehleunigende und blutdruck- 
erniedrigende Wirkung des Thymussafts. Für die Mehr¬ 
zahl der Basedowfälle nahm ich eine sekundäre. Erkrankung 
der Schilddrüse an teils unter dem direkten Einflüsse der 
Thymus, teils auf dem Boden einer durch die abnorme Größe 1 
dieses Organs gekennzeichneten abnormen Konstitution. ; 
Schon damals aber erkannte ich, daß die Thymustheorie der i 
Basedowschen Krankheit nicht zu verallgemeinern sei und 
schrieb entsprechend den Anschauungen von Moebius: I 
„Bei dieser Frage darf man aber nicht vergessen, daß die 
Basedowsche Krankheit keine einheitliche Erscheinung ist. 
sondern ganz unzweifelhaft ein krankhafter Symptomen- 
komplcx, welcher den verschiedensten Ursachen entspringen 
kann.“ Diesem Satze wird man immer Rechnung tragen 
müssen. 

Indem ich nun zunächst zu zeigen suche, welche hohe 
ätiologische Bedeutung dem konstitutionellen Moment in der 
Pathogenese der Basedowschen Krankheit, zukommt, will 
ich einleitend die Worte des bedeutenden Wiener Klinikers 
Chvostek anführen, der in neuester Zeit diesem Problem 
eine eingehende Studie gewidmet hat. 

Krnnken mit Morbus Basedowii“, so schreibt er, „findet siel» 
in der Ascendenz eine Reihe von Momenten, durch welche die Möglich¬ 


keit gegeben ist, daß abnormes Reimplasina zum Aufbau zur Verwendung 
gelaugte. Als solche sind in erster Linie Erkrankungen anzuführen, die 
mit Anomalien in der Konstitution im Zusammenhänge stehen: Gicht. 
Diabetes, Fettleibigkeit, Asthma, Chlorose und degenerative Erkrankungen 
des Nervensystems. Diese Momente lassen sich so häufig Auffinden. daß 
ein bloß zufälliges Vorkommen auszuschließen ist. Als Ausdruck der 
stattgehabten Behaftung finden sich dann in der Anamnese solcher 
Kranken Daten über abnorme Entwicklung und über das Auftreten von 
Erkrankungen, die mit abnormer Konstitution in Verbindung gebracht 
werden (Chlorose itsw.). Wir finden schließlich in einer so großen Zahl 
dieser Fälle, daß auch hier eine bloße Zufälligkeit ausgeschlossen ist. 
anatomisch nachweisbare Veränderungen an den Organen, die als Aus* 
druck einer abnormen Verfassung gedeutet werden müssen. 

Alle diese Momente lassen nur den einen Schluß zu: Tn der Patho¬ 
genese des Morbus Basedowii kommt konstitutionellen Momenten ein 
hervorragender Einfluß zu. Als solche haben wir bereits die im Ge¬ 
le blechte gelegenen physiologischen Differenzen in der Körpervcrfassiuur 
und die. durch das Alter bedingten angeführt. Diesen müssen wir ab 
weiteres Moment von maßgebender Bedeutung, ohne welches uns das 
Zustandekommen und die Eigenart der Erscheinungen des Morbus Ba>e- 
dowii unverständlich blieben, anfiihren: die durch die degenerative An¬ 
lage bedingte abnorme Körperverfassung.“ 

Wendet man nun diesem bisher wenig gewürdigten 
Momente, fiir das sieh unser Blick erst mit dem modernen, 
streng wissenschaftlichen Aushau der Konstitutionslehre zu 
schärfen begonnen hat. die Aufmerksamkeit zu und sucht 
entsprechend meiner Forderung nach einem anatomisch- 
funktionell prädominierenden Stigma gerade für die Anlage 
zur Basedowschen Krankheit, so kommt man fast unwillkür¬ 
lich auf die Thymus. In ihrer abnormen Größe gilt sie 
heute vielen Klinikern und Pathologen als das Zeichen einer 
konstitutionellen Anomalie, die sich weiterhin in der äußeren 
Erscheinung (z. B. auffallende Körperlänge), in Hypoplasie 
des Herzens und Aortcnsystcms, des chromaffinen Systems 
und des Geschlechtsapparats kundgibt: auch bei psychisch 
nicht vollwertigen Individuen (psychischer In fantilismus 
nach Anton) begegnen wir der abnorm großen Thymus, 
und immer häufiger stößt man auf sie bei jugendlichen 
Selbstmördern, seitdem man. auf das Organ zu achten ge¬ 
lernt hat. Und wenn wir uns schließlich auch hier wieder 
des PaItaufscheu Status thymicolymphaticus erinnern und 
wie bei diesem, so auch hei der Basedowschen Krankheit 
die Uymphdriisonhyperplasie als ein von der abnormen 
Thymusfunktiun abhängiges Kriterium der pathologischen 
Konstitution betrachten, so sind Anhaltspunkte genug für 
die Annahme der konstitutionellen Bedeutung der Thymus 
auch für die Basedowsche Krankheit gegeben. 

Zugleich stellt damit aber auch eine überaus wichtige 
Tatsache fest. Wir wissen, daß die Thymus im frühesten 
Kindesalter auf der Höhe ihrer Funktion steht, wir sehen 
die abnorme Konstitution schon zu dieser Zeit sich geltend 
machen und erkennen in ihr einen angeborenen Zustand, in 
denn die Thymus demnach eine gleichfalls angeborene, be¬ 
herrschende Holle spielt. Aber von der Schilddrüse wissen 
wir so etwas nicht, sie verändert sich nachweisbar krank¬ 
haft erst in späterer Zeit, und so dürfen wir schließen, daß 
die Thymus das primär abnorme Organ, die Basedowstrunia 
aber erst ein sekundär verändertes darstellt. In diesem 
Sinn ist es vielleicht nicht unwichtig, wenn Rössle und ich 
die nicht seltenen Befunde einer abnorm großen Thymus bei 
einfachem Kropfe so deuten, daß wir zwar nicht an einen 
latenten Morbus Basedowii, wohl aber an ein Vorstadium 
1 des Leidens denken, das ja auch Kocher als wahrscheinlich 
an nimmt. Jedenfalls muß man auf die Erfahrungstatsache 
j das größte Gewicht legen, daß man der Hyper- und Dys* 

| thvmisation bereits bei Kindern begegnet, nicht aber dem 
I Hyper- und Dysthyreoidismus, der vielmehr erst zu einer 
( Zeit, autzutreten pflegt, zu der gewöhnlich die Thymus ihre . 
j Überwiegende Bedeutung verliert. Und wenn man nun ge* j 
rade in diesen Fällen abnormer Schilddrüsenfunktion dm ( 
physiologische Thymusinvolution nicht cintrcten sieht su ; 
scheint damit ein Hinweis auf die Ursache der Schilddrüsen* , 
erkrankung gegeben, deren Ergründung Moebius so nach- ; 
1 drücklich gefordert hat. An Erfahrungen der Wissenscbai . 


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4. April. 


— MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


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und menschlichen Pathologie, aus denen die Beeinflußbarkeit 
der Schilddrüsenfunktion durch die Thymus hervorgeht, fehlt 
es nicht. 

Ich muß aber hier des beschränkten Raums wegen darauf ver¬ 
zichten. sie aufzuziihlen, und begnüge mich mit dem Hinweis auf meine 
zahlreichen Thymusarbeiten in Virch. Arch. und meine im Arch. f. klin. 
Ohir. erschienene erschöpfende Abhandlung über die Bedeutung der 
Uiviiuis für Entstehung und Verlauf des Morbus Basedowii. 

Neben den interessanten Tierversuchen Birchers, der 
durch Implantation von Basedowstruma bei Hunden außer 
dcrSehilddrüscnvergrößerungcharakteristischeErscheinungen, 
wie Tachykardie, Exophthalmus, Tremor und Lymphoeytose 
hervoiTufen konnte, werden immer die Erfolge der Thymus¬ 
exstirpation beim basedowkranken Menschen ausschlaggebend 
bleiben. 

Indem ich mich nun der Beantwortung der Frage zu- 
wernlc, in welcher Weise die Thymus das klinische Bild 
und den Verlauf der Basedowschen Krankheit beeinflußt, 
muß ich hervorheben, daß es kaum leicht ist, im Einzelfalle 
Thymus- und Schilddriisenwirkung zu erkennen und scharf 
zu scheiden. Die Bedeutung der Thymus ist gewiß eine 
vielseitige. Fast mit jeder einzelnen Erscheinung der 
Basedowschen Krankheit finden wir Persistenz beziehungs¬ 
weise Hyperplasie der Thymus vereint auftreten, ohne daß 
gerade das Kranklieitsbild in seiner typischen Form in Er¬ 
scheinung tritt, so die Struma, die Adrenalinämie, Verände¬ 
rungen des Herzens, Tachykardie, präkordiale Angstzustände, 
Lymphoeytose, hypoplastische Zustände an Genitalien und 
Nebennieren, Labilität des Nervensystems. Müssen und dürfen 
wir nun bei Ausprägung des klassischen Symptomenkomplexes 
alle diese Erscheinungen und Veränderungen der Thymus zur 
Last legen? Das wäre sicher viel zu weitgegangen und 
anderseits auch zweifellos falsch, wollte man nun der Schild- 
drüsenerkrankung eine ganz untergeordnete Bedeutung bei¬ 
messen. 

Schon aus den. ersten Arbeiten über die Basedow¬ 
thymus ging der deletäre Einfluß des Organs hervor, und 
im wesentlichen darf auch heute noch der Ausspruch 
Capelles Anspruch auf Gültigkeit machen, das Verhalten 
der Thymus sei als ein Indikator für die Schwere der 
Basedowschen Krankheit anzusprechen und die Basedow¬ 
thymus sei sozusagen pathognomoniseh für ein widerstands¬ 
loses Herz. Aber diese Labilität des Herzens beruht nicht 
auf einer unbestimmten Beeinflussung durch die Gesamt¬ 
konstitution dos Organismus, sondern auf der specifischen 
Giftwirkung der Thymus. Diese Giftwirkung, wie sie 
namentlich. beim sogenannten Thymustode zur Geltung 
kommt, läßt sich nicht nur experimentell zeigen, sondern 
iteht namentlich aus den schönen Erfolgen, welche Chirurgen, 
wie Garr&, Kehn, Bireher, Sauerbruch und v. Haberer, 
mit der Thymektomie erzielt haben, hervor. Gerade die 
schweren Herzsymptome und die postoperativen Aufregungs¬ 
zustände, wie die sich bis zum Tode steigernde Tachykardie, 
werden durch Entfernung der Thymus günstig beeinflußt 
oder ganz zum Schwinden gebracht, und nach den jüngsten 
Ausführungen v. Haberers lassen sich auch durch vorauf¬ 
gehende Thymusresektion jene transitorischen Erscheinungen j 
nach Strumektomie in leichteren Basedowfällen vermeiden, 
oio man bisher mit einer Mobilisation des Schilddrüsen- 
fcokreis zu erklären versuchte. Somit scheint es zweifellos, 
als schädige die Thymus das Herz direkt und seien auf ihre 
toxischen Stoffwechselprodukte die Herzerscheinungen bei 
Basedowscher Krankheit zurückzuführen. Darüber hinaus 
, a , 2 ehen zurzeit unsere Kenntnisse nicht, und ich 
palte den Versuch, im Sinne der von Epp in ge r und Hess 
inaugurierten Lehre je nach dem Vorherrschen der Tbymus- 
0 er der Schilddriisenwirkung eine vagotonische und eine 
svmpathikotonische Form des Morbus Basedowii zu unter¬ 
scheiden, für verfehlt, besonders da die Aufstellung solcher 
°nnen an sich keine allgemeine Anerkennung gefunden hat. 


Einen weiteren unmittelbaren Einfluß der pathologisch 
funktionierenden Thymus darf man in der Vermehrung der 
Lymphocyten erblicken. Faßt man, wie ich das früher 
mehrfach ausgeführt und zu begründen versucht habe, beim 
Status thymico-lymphaticus die Lymphdrüsensehwellung als 
eine sekundäre, von der Thymus abhängige Erscheinung 
auf, sodaß man also besser nur von einem Status thymicus 
spricht, so ist es nur folgerichtig, wenn man auch die bei 
der Basedowschen Krankheit zu beobachtende Hyperplasie 
des lymphatischen Apparats, mag sie lokal oder allgemein 
sein, auf die Thymuswirkung zurückführt. Namentlich aber 
kommt diese in der Veränderung des Blutbildes in einer so 
typischen Weise zum Ausdrucke, daß dessen Verhalten zur 
Diagnose einer abnorm großen Thymus verwertet werden 
kann. Besonders Klose hat die Abhängigkeit der Blut- 
lymphocytose, die wir beim Morbus Basedowii als Kocbar¬ 
sches Blutbild kennen, von der Thymus bewiesen. Die Ent¬ 
fernung der Thymus mindert bei den Versuchstieren die 
Zahl der Blutlymphocyten herab, Injektion von Thymus- 
preßsaft, namentlich von Basedowthymussaft, steigert sie, 
die partielle Thymusresektion bei Status thymicus der 
Kinder wie bei Basedowkranken reduziert gleichfalls die 
Blutlymphocytose. wie namentlich auch die Erfahrungen 
Garres und Sauerbruchs gezeigt haben. Auch hat so¬ 
eben noch Heirnann in Uebereinstimmung mit Kloses, 
Birchers und meinen eignen Tierversuchen gezeigt, daß 
die Thymus dem Blute Stoffe übermittelt, welche die Lympho¬ 
eytose anregen. 

Nun hat sich in letzter Zeit mehr und mehr gezeigt, 
daß das Kochersche Blutbild weder eine konstante Er¬ 
scheinung bei der Basedowschen Krankheit ist, noch bei 
dieser ausschließlich vorkommt. Im Gegenteil haben wir 
es mit einer ziemlich weitverbreiteten Erscheinung zu tun. 
die nicht allein bei der Erkrankung der verschiedensten 
endokrinen Drüsen festzustellen ist, sondern vor allem bei 
livpoplastisclior Konstitution sich findet. So dürfen wir 
auch in der Veränderung des Blutbildes einen Beweis für 
die Behauptung erblicken, daß die Thymus beim Morbus 
Basedowii ein primär verändertes Organ ist, und zwar nicht 
auf irgendeine Specifität schließen, wohl aber über das ein¬ 
zelne Leiden hinaus in ihr das Kriterium einer pathologischen 
Konstitution erkennen, das allerdings die Einzelkrankheit, 
wie z B. den Morbus Basedowii, in einem besonderen Lieht 
erscheinen läßt, 

Ucber diese Feststellungen hinaus läßt sieh vorerst ein 
sicheres Urteil über den Einfluß der Thymus auf das kli¬ 
nische Bild der Basedowschen Krankheit nicht fällen. 
Unsere noch immer mangelhaften Kenntnisse dieses Organs. 

! anderseits die Gewißheit, daß sich im endokrinen System 
weitgehende Wechselbeziehungen von erheblicher Bedeutung 
für alle Lebensäußerungen der zu ihm gehörigen Organe 
geltend machen, heischen die größte Vorsicht des Urteils. 
Hierauf soll hier ebensowenig näher eingegangen werden, 
wie auf die für die ätiologische Bedeutung der Thymus hoch¬ 
wichtige anatomische Untersuchung des Baues der Basedow¬ 
thymus. 

Die bisherigen Ausführungen werden aber genügen, 
meine Anschauungen über die Basedowsche Krankheit ver¬ 
ständlich zu machen. Ich unterscheide drei große Formen¬ 
gruppen: 

I. Der reine thyreogene Morbus Basedowii 
beruht nicht auf einer pathologischen, hypoplastischen Kon¬ 
stitution, eine pathologische Thymus läßt sich bei ihm nicht 
nachweisen und seine Aetiologic dürfte, soweit die Störung 
in Bau und Funktion der Schilddrüse zu erklären ist, eine 
mannigfaltige sein. In Uebereinstimmung mit v. Haberer 
habe ich die Ueberzeugung, daß in vielen Fällen von Morbus 
Basedowii die Thymus nicht die geringste Rolle spielt, was 
kein Beweis etwa gegen die Richtigkeit der soeben dar- 
geJcgten Thymusthcorie ist; denn es gibt eine ganze Menge 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


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von Krankheitserscheinungen, wie beispielsweise den Diabetes 
mellitus, die bald au! konstitutioneller Basis, bald auf 
während des Lebens irgendwie entstandenen Organverände- 
rimgen beruhen und sich völlig gleichen, vielleicht mit dem 
einzigen Unterschiede, daß erstere Formen die schwereren sind. 

II. Der reine thymogene Morbus Basedowii, der 
auf dem Boden einer pathologischen Konstitution entsteht, 
ist selten, kommt aber zweifellos vor und zeigt dann einen 
besonders bösartigen Charakter. Daß hier die Thymus allein 
das Krankheitsbild beherrscht, lehren die Erfahrungen der 
Chirurgen, die Schilddrüsenoperationen ohne jeden Erfolg 
Vornahmen, dann aber mit der Resektion der Thymus alle 
Krankheitserscheinungen wie mit einem Schlage zum 
Schwinden brachten. Ein Fall v. Haberers ist besonders 
überzeugend, während auch die Rehnsche und Garrösche 
Schule das Vorkommen des thymogencn Morbus Basedowii 
anerkennen. Hier handelt es sich um reinen Dysthymismus 
und es bestehen die allerengsten Beziehungen zwischen dem 
Basedowtod und dem plötzlichen Thymustode. Bei den 
letzterem verfallenden Individuen treten zu Lebzeiten charak¬ 
teristische Symptome nicht hervor, könnten wir aber ihr 
Schicksal vorhersehen und würden wir sie eingehend unter¬ 
suchen, so kämen wir vielleicht zu dem Schlüsse, daß sie 
nach der geläufigen Auffassung als Basedowkranke zu be¬ 
zeichnen wären, oder es kämen die Erscheinungen der 
Basedowschen Krankheit zum vollen Ausbruche, wenn sie 
nicht einem plötzlichen Herztode verfielen. Offenbar ist bei 
ihnen das Herz besonders widerstandslos, sodaß es bei an 
sich schon geringfügigem Anlasse versagen kann. 

III. Der thymo-thyreogene Morbus Basedowii ist 
die häufigste Form, bei der Thymus und Schilddrüse in 
gleicher Weise toxisch auf den Organismus wirken und ent¬ 
sprechend an der Erzeugung der klinischen Erscheinungen 
beteiligt sind. Die Thymus ist das primär veränderte Organ 
und Stigma der abnormen Konstitution. In der Intensität 
der krankhaften Organfunktion kann jeder nur mögliche 
Grad gegeben sein und so könnte man die rein thyreogene 
und rein thymogene Form der Basedowschen Krankheit als 
die Endglieder einer Reihe von 0 bis 00 ansehen, in der 
alle nur denkbaren Kombinationen Vorkommen. Je mehr 
aber die Thymuswirkung prävaliert, um so schwerer ist 
wahrscheinlich das Leiden, um so größer die Gefahr für den 
Kranken. Aber auch überwiegend thyreogene Formen können 
schwer verlaufen. Wollen wir der Schilddrüse wie der 
Thvmus gleiche Bedeutung zugestehen, so wird es gut sein, 
die besondere Gefährdung der Thymusträger in der Gesamt- 
konstitution des Organismus zu erblicken und etwa anzu- 
nehmen, daß die Thymuswirkung eine um so intensivere ist, 


je mehr der hypoplastische Charakter der Körperbeschaflen- 
heit ausgesprochen ist. Je früher das Krankheitsbild deut¬ 
lich wird um so höher dürfte das konstitutionelle Moment 
im allgemeinen in seiner Pathogenese zu bewerten sein. , 

Deshalb können wir auch die reine thymogene Form be- j 

sonders bei Jugendlichen erwarten, während die thymo- 
thyreogene Form in jedem Lebensalter jenseits der Pubertät 
eine Bedeutung besitzt. 

Man wird aus diesen Darlegungen erkennen, daß sich 
die von mir aufgestellte Thymustheorie von jedem Schema¬ 
tismus fernhält und dennoch allen Erscheinungen der rätsel¬ 
haften Basedowschen Krankheit, im wesentlichen gerecht 
wird. Noch einmal muß betont, werden, daß es sich nicht 
um eine ätiologisch einheitliche Erscheinung handelt, wie ja 
schon oft von Moebius und vielen andern Autoren hervor- 
gehoben ist. Die Abartung der.; Schilddrüse behält ihre Be¬ 
deutung, aber sie, der sich bisher wegen ihres scharfen 
anatomischen Hervortretens das Hauptaugenmerk zuwandte, 
findet nun in tieferliegenden Momenten eine Erklärung, 
von der man hoffen darf, daß sie uns dem vollkommenen 
Verständnisse des Morbus Basedowii näher führt. 

Aber auch vom rein praktischen Gesichtspunkt ist der 
Gewinn, der sich aus der Berücksichtigung des Verhaltens 
der Thymus ergibt, ein ganz außerordentlicher und hoch- 
erfreulicher. Seitdem man die deletäre. Bedeutung der 
Thymus erkannt hat, sind die Chirurgen mit vollem Erfolge 
darangegangen, bei Basedowkranken auch dieses Organ 
operativ anzugreifen. Ich kann auf die Erfahrungen Rehns, 
Garrös, Sauerbruchs, v. Habere^,und anderer nam¬ 
hafter Chirurgen verweisen. Wie aus‘.der Mitteilung des 
letztgenannten hervorgeht, dürfte sich eine Thymusresektion 
nicht nur bei Basedowkranken empfehlen, sondern immer 
bei solchen zu operierenden Individuen angebracht sein, die 
Thymusträger von pathologischer Konstitution sind. Für die 
Basedowsche Krankheit selbst aber wird, in Zukunft ment 
die reine Thymektomie, sondern die kombinierte Verkleinerung 
der Thymus und Schilddrüse in Betracht kommen, ^ 
Klose und v. Haberer näher begründet haben. Dieses 
Vorgehen hat schon heute den praktischen Nutzen unserer 
Erfahrungen über die Bedeutung der Basedowthymus un¬ 
verkennbar gemacht und scheint berufen zu sein, den ge¬ 
fürchteten Thymustod bei der Basedowschen Krankheit aus 
der Welt zu schaffen. Indem jetzt der erste chirurgische 
Eingriff der Thymus gilt, kann man auch den schwel- 
leidenden Basedowkranken Hilfe bringen, die man noch 101 
wenigen Jahren wegen abnorm großer Thymus von jedei 
Operation ausgeschlossen wissen wollte, und damit sozusagen 
ihrem Schicksal überließ. 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus der Inneren Abteilung des St.-Georg-Krankenhauses 
zu Breslau. 

Gehimabsceß nach Zahnerkrankung. 
Mißerfolg der Leitungsanästhesie? 

Von 

Dr. Bannes, Primärarzt der Abteilung, 
z. Zt. Stabsarzt und Bataillonsarzt. 

Gehirnabscesse sind embolisch-metastatischenUrsprungs, oder 
riu vei danken ihre Entstehung einem Infektionsvorgange, der sieh 
in der Nähe des Gehirns abspielt (T). 

rnter den auf die letztgenannte Art entstandenen Abscessen 
'-iml die otirischen und traumatischen weitaus die häufigsten. In 
'weitem Abstande folgen diejenigen, welche nach eitrigen Er¬ 
krankungen der Schädelknochen und -höhlen (Siebbein, Keilbein, 
(Vbita'i oder dev Sehädelweichteile (Erysipelas faciei) sieh ent¬ 
wickeln. . , . . ~. .p,, 

Fast ausschließlich pflanzt sieh die Eiterung in diesen Fällen 
längs der Blut- und Lymphwege fort (2), selten nur scheint es vor¬ 


zukommen, daß der Infektionsprozeß dem Wege von Nervenbahn^ 
folgt, wie es Oppenheim (3) für den Acusticus und ra<w 
erwähnt. 

Eigenartigerweise ist hoch niemals ein Gehimabsceß nad 
einer Zahnerkrankung beobachtet worden, obwohl diese Er¬ 
krankungen doch häufig unter sehr lebhafter Eiterung verlauf' 1 
sehr zahlreich sind, und wegen ihrer nachbarlichen Lage w 11 
Schädelinhalt theoretisch ein Zusammentreffen beider Erkran 
kungen erwarten lassen müßten. Offenbar liegt dies. an <<\ 
anatomischen Verhältnissen, insbesondere soweit die Fascien a 
in Betracht kommen. ; 

Um so mittei lens werter erscheint mir ein Fall von Gehirn 
absceß im Anschluß an eine Zahmrrkrankung, der auf meineT L. 
teilung zur Beobachtung gekommen ist, und den ich h^" n 
auch deswegen beschreiben will, weil er zu gewichten ^ 
wägungen über die Anwendung der Leitungsanästhesie bei 01 iv 
1 Zahnerkrankungen Veranlassung gibt. Schließlich ist er auch 
j halb interessant, weil er einer der seltenen Fälle ist» in ^ e( v 
sieh die Eiterung am Nerven — und zwar hier dem Nervus ma 
| bularis — entlang fortpflanzt. 




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4 April. 


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Sir. - : 



Vorgeschichte: Am 12. Januar 1912 wurde der 27 Jahre 
alte Landwirt J. T. aus Kr. auf die innere Abteilung des St-Georg- 
Krankenhauses aufgenommen. 

Der Kranke gab damals an, daß sein Vater nervenleidend sei; 
Mutter und Geschwister seien gesund. Er selbst habe als Kind zweimal 
Lungenentzündung durchgemacht, sei sonst niemals ernstlich krank 
gewesen und habe in der Landwirtschaft seines Bruders bis zum Herbst 
1911 tüchtig mitgearbeitet 

Im November 1911, also zwei Monate vor seinem Eintritt ins 
Krankenhaus, habe er sich fünf Zähne ziehen lassen. Dabei habe er 
eine Einspritzung in den linken Unterkiefer bekommen, und seit diesem 
Tage datiere sein Leiden. Es seien damals Schmerzen in der linken 
Seite des Kopfes aufgetreten, die außerordentlich heftig noch jetzt 
anhielten und ihn gar nicht sqhlafen ließen. Seit Ende Dezember 1911 
bähe er nichts mehr beißen ktonen. Damals habe sich auch heftiges 
Erbrechen eingestellt, zumeist’ bald nach der Mahlzeit. Er sei schon 
ärztlich behandelt worden, aW’Mittel hätten aber nichts geholfen. 

Potus, Morbus sexualis, abusus nicotini negantur. 

Aufnahmebefund: T., ein mittelgroßer Mann in leidlichem 
Ernährungszustände, von kräftigtem Knochenbau und gut entwickelter 
Muskulatur, macht einen schwerkranken Eindruck und liegt mit 
schmerzlich verzogenem Gesicht im Bett 

Es besteht eine leichte linksseitige Ptosis. Die Pupillen reagie¬ 
ren gut auf Lichteinfall und Konvergenz. Augenbewegungen gut, kein 
Xvstaginus. Starke Druckempfindlichkeit auf der ganzen linken Kopf¬ 
hälfte, besonders an dem Foramen suprar und infraorbitale, vor dem 
linken Ohr und am Foramen mentale. Die Haut ist auf der linken Ge- 
siehtshälfte gegen Berührung und Stich überempfindlich, während da« 
Zahnfleisch und die Lippen auf der linken Seite eine leichte Ver¬ 
minderung der Empfindlichkeit zeigen. 

Das Gebiß ist sehr defekt, in den großen Zahnlücken sind ver¬ 
schiedene stark gerötete und gedunsene, granulierende Stellen sicht¬ 
bar. besonders im hinteren Abschnitt des linken Unterkiefers. Dort 
quillt aus den sehr druckempfindlichen Stellen, an welchen die hinter¬ 
sten Backzähne gesessen haben, Eiter heraus. 

Rachenschleimhaut leicht gerötet. 

Der Befund der inneren Organe bietet nichts besonders Regel¬ 
widriges dar. 

Puls: mittelvoll, etwas weich, regelmäßig, gleichmäßig, im 
Liegen 80. 

Temperatur (Achselhöhle) vormittags 8 Uhr: 37,5°. 

Kniesehnen- und Achillessehnenreflexe beiderseits lebhaft. 
Babinski und Romberg negativ. Bauchreflexe lebhaft, ebenso die 
Periost- und Sehnenreflexe der oberen Extremitäten. 

l T rin frei von Eiweiß und Zucker. 

Der Augenhintergrund ist (Augenarzt Prof. Dr. Groenouw) 
frei von Veränderungen. 

Diagnose: Neuritis infectiosa n. Trigemini sin. 

Therapie: Warme Kompressen, Antipyrin-Brom-Morphium- 
Piüver. Desinfizierende Mundspülungen. 

Verlauf: Die Klagen des Kranken wurden zunächst vor¬ 
übergehend besser, das Erbrechen trat am ersten und dritten Behand¬ 
lungstage je einmal auf, blieb dann ganz weg, um sich am sechsten 
und neunten Tage erst wieder einzustellen. Bald wurden die Schmerzen 
auch wieder lebhafter. Zuzeiten verlegte der Kranke sie in das linke 
(, br. das aber ebenso wie die Stirn- und Oberkieferhöhlen von otologi- 
■'dier Seite als gesund befunden wurde (Prof. Dr. B ö n n i n g h a u s). 

Vorübergehend schwoll die Gegend des linken Kieferwinkels an, 
der Knochen war dort verdickt. Dies schwand auf feuchte Verbände. 
Stetig blieben die offenbar sehr starken Schmerzen in der linken Kopf¬ 
hälfte mit den geschilderten Druckpunkten. Der Kranke lag zumeist 
wimmernd im Bett, teilnahmslos gegen seine Umgebung. Für die 
^aeht waren zur Erzielung einiger Ruhe fast tägliche Morphiumein- 
"pritzungen nötig. 

Am 24. Januar (13. Behandlungstage) war eine Andeutung von 
•Vickemstarre vorhanden; ebenso in den nächsten Tagen wiederholt, 
wr nicht ständig. Auch Kernig trat einige Male auf. Dabei schwankte 
w* Achselhöhlentemperatur zwischen 36,8 und 38,1, der Puls zwischen 
w U P ( 1 98. Stuhlgang war angehalten und konnte nur durch Einguß 
• rzjfiit werden. 066 

Am 25. Januar trat wiederholt Erbrechen auf, ebenso am 26. Ja¬ 
nuar. 

Spinalpunktion am 26. Januar ergab: klare Flüssigkeit, Druck 
-ou mm Wasser (Quincke). Vom hygienischen Institut der Universität 
, Hu . r<len " m ^ro8kopisch und bei Kultur auf den gebräuchlichen Nähr- 
vden Mikroorganismen nicbli »darin gefunden“. Das Seiisoriuni be- 

sjch zii trüben, die Temperatur stieg an und bewegte sich jetzt 
V( |p Ch ® n . 3^ und 39. Erbrechen trat nicht mehr auf. Der Kranke lag 
wig teilnahmslos wimmernd da und klagte auf Anrufen immer nur 
1 ber den Kopf. -• 

T i ^P ?na lp un ktion am 31. Januar ergab das gleiche Resultat wie am 
- • Januar, Augenhintergrund frei. 

Tt Februar verlangsamte sich der Puls bei gleichbleibender 

P ratur stark/ Es wurde wegen dringenden Verdachts eines Ge- 


hirnabscesses in der Gegend des Gass ersehen Ganglions zur Tre¬ 
panation geschritten. 

Operation (Prof. Dr. Mos t): Unter lokaler Anästhesie mit 
Zuhilfenahme einiger Tropfen Chloroform Schnitt nach Krause mit 
der Basis am Os zygomaticum, Zurückklappen des Haut-Knochen- 
lappens, Abtragen des unteren Knochensaums bis zum Niveau der 
Schädelbasis. 

Die Dura ist überall in der Knochenliicke prall gespannt; 
nirgends Pulsation. Matter Glanz. Nahe dem vorderen Kamin, etwa 
zwei Zentimeter oberhalb der Basis, wölbt sich an umschriebener Stelle 
die Dura zeltförmig vor, erscheint verdünnt und etwas mißfarben. 
Aufheben des Gehirns mit Dura mittels Spatels. Es ist nicht möglich, 
die Gegend des Ganglion Gasseri zu übersehen, da die Spannung 
groß ist. Auf der Unterfläche pulsiert das Gehirn. Nirgends Eiter, 
überall normale Färbung der Gewebe. 

Nach Einschneiden der Dura an der vorgewölbten Stelle quillt 
weiche, matsche Gehirnmasse unter großem Druck vor. Gehirnober¬ 
fläche glänzend, ohne Auflagerungen, Pia zart. 

Punktion des Gehirns an dieser Stelle mit Neigung der Kanüle 
nach der Schädelbasis ergibt in der Tiefe von 4 bis 5 cm 8 ccm 
dünnen, sehr mißfarbenen, stark stinkenden Eiters (an Parulis-Eiter- 
geruch erinnernd!). Man hat das Gefühl, mit der Nadel in einer Höhle 
1 zu sein. Nacbsondieren mit Pean an der Nadel entlang, Einschieben 
eines Drainrohrs in die Absceßhühle. 

Sofort nach der Entleerung des Eiters pulsiert die freigeb*gte 
Dura in ganzer Ausdehnung 1 ). 

Fixierung des Haut-Periost-Knochenlappens unter Herausleitung 
des Drains am hinteren Lappenende, aseptischer Verband. 

Bald nach der Operation ist der Puls auf 104 gestiegen, das 
Sensorium bleibt getrübt. 

Weiterer Verlauf: Eine Aufhellung des Bewußtseins trat 
auch in der Folge nicht auf. Am nächsten Tage Lähmung der rechten 
Extremitäten. Beim Entfernen des Drainrohrs am 2. Februar war die 
Wunde reizlos, der Tampon mäßig durchtränkt; es entleerten sich nur 
einige Tropfen Eiter. 

Der Zustand blieb unverändert, nur der Puls verschlechterte sich 
rasch. Am 3. Februar ging der Kranke unter den Erscheinungen der 
Herzschwäche im Lungenödem zugrunde. 

Obduktion (12 Stunden post mortem): Wunde ohne Be¬ 
sonderheiten, Tampon mäßig serös durchtränkt. 

Der Schädel wurde in typischer Weise eröffnet. Dabei zeigten 
sich die Blutleiter sowie die Blutgefäße der harten Hirnhaut und der 
Gehirnoberfläche strotzend mit Blut gefüllt In der Nähe der Ope- 
rationswunde waren in den Gefäßfurchen einige fibrinös-eitrige Auf¬ 
lagerungen sichtbar, sonst erwies sich die weiche Hirnhaut überall als 
glatt und spiegelnd. Bei der Herausnahme des Gehirns zeigte sich »1er 
linke Schläfenlappen im medialen Teile der mittleren Schädelgrube 
in einem etwa pfennigstückgroßen Bezirk adhärent. Der linke V. wurde 
möglichst nahe der Schädelbasis durchschnitten, die Verwachsung da 
neben vorsichtig stumpf abgelöst, wobei Eiter auf der Ablösungsfläche 
sichtbar wurde. 

Bei der Betrachtung der Gehimbasis erschien der linke Sehiidel- 
lappen diffus aufgetrieben und leicht eingesunken. In der Nähe der 
Ablösungsstelle waren auf dem Gehirn einige fibrinöse Auflagerungen 
zu sehen. 

Es fehlte jede weitere Veränderung der Hirnhäute. 

Nun wurde die harte Hirnhaut nach Eröffnung der stark blut¬ 
gefüllten Blutleiter sorgfältig von der Schädelbasis im Bereich der 
linken vorderen und mittleren Schädelgrube abpräpariert. Dabei quoll 
aus dem Foramen rotundum ebenso wie aus dem Foramen ovale Eiter 
heraus. Darauf wurde die Schädelbasis der mittleren linken Schädel¬ 
grube in einiger Entfernung um die genannten Durchtrittsstellen des 
zweiten und dritten V.-Astes durchgemeißelt und nebst den darunter¬ 
gelegenen Weichteilen entfernt. Bei der Betrachtung konnte fest¬ 
gestellt werden, daß Eiter lediglich in den Nervenscheiden der Tri- 
geminusäste vorhanden war, die umgebenden Weichteile (Muskeln usw.) 
erschienen unverändert. 


Da« Gehirn und die abgelösten Dura-Nerven-Muskel-Knochen- 
teile wurden zur weiteren Untersuchung in 4 °/ n ige Formalinlösung ein¬ 
gelegt 


Der Durchschnitt durch da« gehärtete Gehirn ergab, ..daß es 
sich um eine etwa 2 cm in die Substanz hineinragende flächenartige 
Eiterung handelte, die in den Seitenventrikel durchgebroehen wir“ 
(Pathol. Inst der Königl. Universität Breslau). 

J ”P ie mikroskopische Untersuchung des Ramus mandibularis in 
der Nahe des Ganglion Gassen zeigt eine sehr starke Leukocvten- 
infiltration des epineuralen Bindegewebes. 


Da« Ganglion selbst zeigt diese Rundzelleneinlagerung in be¬ 
sonders schöner Weise, sowohl um die Ganglionzellen herum wie um 
die Nervenfasern. Manchmal liegen die Leukocvten so dicht' daß die 
normale Struktur des Knotens völlig verwischt wird. 

.. Der Nervus ophthalmicus bietet völlig normale Verhältnisse dar“ 
(Pathol. Inst, der Kgl. Universität- Breslau). 


*) Die bakteriologische Untersuchung des Eiters ist leider infolge 
eines Mißverständnisses unterblieben. ö 


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Original frnrri 

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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. _ 4. April, 


Es handelt sich demnach in dem vorliegenden Fall um einen 
Gehirnabsceß, der im Anschluß an eine Zahnerkrankung entstanden 
ist, und zwar nach dem pathologisch-anatomischen und mikro¬ 
skopischen Befunde durch Fortleitung des Infektionsprozesses in 
der Nervenscheide des Ramus mandibularis trigemini. 

Ob die tödliche Erkrankung durch spontanes Uebergreifen des 
infektiösen Zahnleidens auf die Nervenscheide des Nervus mandi¬ 
bularis entstanden ist, oder ob die an den Zähnen vorgenommen en 
Eingriffe, insbesondere die Injektion zum Zwecke der Mandibular¬ 
anästhesie dabei ursächlich mitgewirkt haben, läßt sich nicht 
kurzerhand entscheiden. 

Das Gebiß des Kranken scheint vor der zahnärztlichen Be¬ 
handlung im Herbste 1911 in sehr schlechtem Zustande gewesen 
zu sein. 

Der Zahnarzt, in dessen Behandlung sich T. befand, teilte 
mir auf Anfrage mit, daß der Kranke am 1. November 1911 in seine 
poliklinische Behandlung getreten sei. „Es wurden ihm an diesem 
Tage 1x7"’ zum wegen Periostitis oder deswegen, 

weil die Wurzeln nicht mehr zu erhalten waren, unter Anwendung 
der Leitungsanästhesie extrahiert. Am 8. November wurde im 
linken Unterkiefer der 3. Molar, der ebenfalls tief cariös war, wieder 
unter Leitungsanästhesie, extrahiert. Am 8. Oktober 1912 und 

16. November wurden außerdem noch--— 2 —wurzol- 

behandelt und gefüllt.“ In der ganzen Behandlungszeit sei von 
gestörtem Wundverlauf oder einer sonstigen Besonderheit nichts 
bemerkt worden. „Für die Extraktionen im Unterkiefer wurde 
die Leitungsanästhesie am Nervus mandibularis mittels einer 
2 u / 0 igen Novocainlösung mit Suprareninzusatz vorgenommen.“ 

Der Kranke hatte also sehr umfangreiche Zahnerkrankungen, 
welche die Möglichkeit der spontanen Fortpflanzung eines an und 
für sich progredienten infektiösen Prozesses auf die Nervenscheide 
offenlassen. 

Möglich wäre es auch, daß die vielfachen Eingriffe, die ohne 
Weichteil- und Knochenverletzungen nicht denkbar sind, im Sinn 
einer Mobilisierung von Keimen gewirkt und die Weiterwanderung 
auf verletzten Unterkieferknochen und schließlich Nervenstamm 
verursacht haben. 

Mindestens ebenso möglich ist es aber auch, daß die Ein¬ 
schleppung von Keimen in die Nervenseheide durch eine Injektion 
zum Zwecke der mehrfach angewandten Mandibularaiiüsthesie er¬ 
folgt ist. Der Kranke gab, ebenso wie seine besonders befragten 
Angehörigen, immer an, daß unmittelbar nach einer Einspritzung 
die iieuiitisehen Symptome einsetzten. Das muß doch hei der 
langsam verlaufenden Krankheit, berücksichtigt werden, wenn man 
auch dem bei allen Kranken vorhandenen Bestreben Rechnung 
trägt, Aenderungen, und zwar hauptsächlich gerade Verschlechte¬ 
rungen, in ihrem Befinden auf ärztliche Eingriffe zurückzuführen. 

Daß nun in einer modernen und gut geleiteten großstädti¬ 
schen Zahnpoliklinik alle sterilisierbaren Materialien, die bei einer 
solchen Einspritzung gebraucht werden (Nadel, Spritze, Lösung), 
auch wirklich sterilisiert in Anwendung kommen, erscheint mir 
selbstverständlich. Schwieriger ist es schon, auch bei sorgfältiger 
Isolierung des Operationsfeldes und Anwendung des Jodstrichs, 
die für Operationen wünschenswerte Asepsis in der Mundhöhle 
zu erreichen. Ganz unmöglich ist es aber, die Verschleppung von 
Infektionsmaterial zu vermeiden, wenn man genötigt ist, bei einer 
Injektion durch infiziertes Gewebe mit der Kanüle hindurch¬ 
zugehen. Damit ist die Möglichkeit der Nervenscheideninfektion 
durch die Einspritzung zum Zwecke der Leitungsanästhesie ge¬ 
geben, und im beschriebenen Fall erscheint mir diese Möglichkeit 
als die wahrscheinlichste. 

Häufig ist dieser Vorgang sicher nicht, sonst müßte bei der 
doch täglich angewandten Mandibularanästhesie wohl einmal ein 
ähnlicher Fall beobachtet worden sein. Die zahnärztliche Literatur 
kennt allerdings Mißerfolge der Leitungsanästhesie, die fast aus¬ 
schließlich der Infektionsverschleppung zugeschrieben werden 
müssen. 

So berichtet Parts eh (4) schon 1908 über nach Mandibulav- 
anästhesie entstandene lange dauernde Kieferklemme, die durch Ent¬ 
zündungsprozesse im M. ptei ygoideus oder an den Oberflächen des 
Knochens im Bereiche seines Ansatzes erklärt wird. 

Alfred ('oh n stein (5) sah (1909) nach demselben Eingriff 
einen Fall von a 11 g e m e i n e r I n f e k t i o n , die eine nach zwei 
.Iahten noch nicht geschwundene Lähmung der Beine infolge von 
Embolie des Lumbalmarks zur Folge hatte. 

t i eigentliche S c h 1 u e k - und S e h l i n g b e s e h w e r d e n 
werden auch von Bünte und Moral (6; als unbeabsichtigte Folgen 
der Mat dibulataiiästhesio angegeben. 


L u n i a t s c h e k (7) spricht von Verletzungen größerer Ge¬ 
fäße, Schluck- und Schlingbeschwerden, Parästhesien, Sprach¬ 
störungen von langmonatlicher Dauer, Geschmacksstörungei), 
Funktionsstörungen der Glandula submaxillaris und sublingualis. 

Schaff endlich beschreibt (8) eine Daueranästhesie, 
welche nach sechs Monaten noch einen talergroßen anästhetischen 
Bezirk hinterlassen hatte. 

Im Vergleich zu einem Gehirnabsceß sind diese Mißerfolge 
der Mandibularanästhesie — vielleicht mit Ausnahme der Cohn¬ 
heim sehen Allgemeininfektion — allerdings ziemlich geringfügig. 
Dieser Umstand erklärt es wohl auch, daß die meisten Autoren die 
Gefahren der Leitungsanästhesie als gering betrachten. Sie führen 
die Mißerfolge zumeist auf die ja gut vermeidbare mangelhafte 
Technik und unzureichende Sterilität von Lösung, Nadel und 
Spritze zurück. Einige nennen als Kontraindikationen schon 
schwere eitrige Periostitiden und Phlegmonen, so besonders 
Fischer in seinem Lehrbuche (7). Anderseits gibt z. B. Froh- 
mann ausdrücklich an, daß er auch bei eitrigen Prozessen die 
Lcitungsanästhesie mit gutem Erfolg angewendet habe. 

Gerade darüber gibt unser Fall sehr zu denken. Daß eine 
schwere Infektion im Bereiche des linken Unterkiefers vorlag, die 
bei den Eingriffen wohl schon nicht mehr ganz oberflächlich war, 
als deren Reste noch zwei Monate nach der Zahnbehandlung 
eiternde Wunden vorhanden waren, und in deren Folge periosti- 
tische Vorgänge auftraten, ist nach dem zahnärztlichen Befund 
anzunehmen. Aus dem infizierten Gewebe wurde offenbar der 
Krankheitsstoff mit der Kanüle in die Nervenseheide fortgefiihrt 
und bei der Injektion noch weiter hineingepreßt In derartig 
liegenden Fällen die Leitungsanästhesie am Mandibularis auch 
nach Bekanntwerden unseres Falles noch anzuwenden, dürfte wohl 
trotz Froh in a n n s Optimismus nicht mehr als ratsam erscheinen. 

Wenn man also aus dem Vorstehenden nur die entfernte Mög¬ 
lichkeit der Entstehung eines Gehirnabscesses durch Mandibular¬ 
anästhesie ersieht, so wird man die Folgerung daraus ziehen 
müssen, daß die Lcitungsanästhesie bei infektiösen Prozessen in 
der Nähe des Foramen mandibulare absolut kontraindiziert ist. 

Literatur: 1. H. Oppenheim und H. Cassirer, Der Hirnabsceß. 
(2. Aufl. Wien und Leipzig 1909, S. 3ff.) — 2. M. Lewandowsky. Hand¬ 
buch der Neurologie. (3. Bd. Spee. Neurol. II. Berlin 1912, S. 199ff.) - 
3. Oppenheim. Lehrbuch der Nervenkrankheiten f. Aerzte u. Studierende 
U. Aufl. Berlin 1905. S. 858.) -**•■-. 4. D. Mschr. f. Zahnhlk. XXVI. Jahrg. 
(Berlin I90S. S. 002.) — 5. Verh. des V. internat. zahnärztlichen Kongr. (Berlin 

1909. Bd. 2. S. 31.) — 0. H. Bünte, und H. Moral, Die Leitungsanaesthesie 
im Ober- und Unterkiefer auf Grund der anatomischen Verhältnisse. (Berlin 

1910. S 5S.) 7. Ergebnisse der gesamten Zahnheilkunde. (Wiesbaden 1910. 

I. dahrg.. 3. Heft. S. 1218.) — 8. Guido Fischer. Die lokale Anaesthesiein 
der Zühnneilkundc mit spec. Berücksicht, der Schleimhaut- und Leitungs- 
anaesthesic. (Berlin 1911, S. 40) 


Die Technik der Thermalbadekuren beim 
funktionsuntfichtigen Herzen 1 ) 

von 

Dr. Jul. Havas, 

Kurarzfc in Bad Pöstyön. 

Sollen Leute, deren Herz durch Krankheit, Alter, unzweck¬ 
mäßige Lebensweise und dergleichen einen Teil seiner Leistung 
fäliigkeit eingebüßt hat., Thermalbadekuren mitmachen oder nicht- 
ist eine Frage, die sich dem Praktiker oft aufdrängt,^ sich atw 
kategorisch nicht beantworten läßt. Auf der einen Seite steht 
das Leiden, welches die Thermalbehandlung fast unausweichlich 
erheischt, auf der andern Seite die begründete Furcht, daß durch 
„zu starke“ Prozeduren das Herz geschädigt werden könnte. - 
Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Krankheiten, bei welchen 
mit Thermalbädern die besten, fast specifische Erfolge zu erzielen 
sind, ich nenne nur die chronischen Gelenkleiden, Muskelknink- 
heiten, Gicht und Neuralgien, anderseits aber bedeuten diese Binler 
für ein schon geschwächtes Herz weitere ungünstige Bedingung- 
die eventuell zu einer Herzschädigung führen können, und dw> 
um so eher, als wir zur Erzielung der bestmöglichen Heilwirkung 
meistens je höhere Temperaturen anwenden möchten. 

Letzteres Moment, die Laien durch seine scheinbare PlätisibilM 
bestechend, erklärt jene Fälle von Herzschädigung, welche ent^n* • 
wenn die Kranken stärkere Bäder benutzen oder in den Bädern lan?' 
Zeit verweilen, als vom Arzt verordnet, oder gar ohne ärztliche x 
i trolle baden, wie es liier und da noch geschieht. Es kann nicht gt 

; „ L . V) Vortrag, gehalten auf dem 35. Balneologenkongreß, Hamburg. 
1 1L bis 16. März 1914. 


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4. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


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Itctont werden, wie wünschenswert es ist, daß der behandelnde Arzt den 
in das Thermalbad reisenden Kranken aufmerksam mache, die Anord- 
mmoeii des Kurarztes streng einzuhalten. — Unzulässig erscheint cs 
mir auch, daß Kranke in den Kurort mit strikten Anweisungen betreffs 
Qualität Intensität der Bäder oder Dauer der Kur geschickt werden. 
Per Charakter eines Heilbads ist in allen Fällen ein solch specifischer. 
daß die zweckentsprechendste Applikation seiner Kurbehelfe dem Kur¬ 
arzt Vorbehalten sein muß. 

Die Symptome der Ueberanstrengung sind in den aus¬ 
gesprochenen Fällen eindeutig. Vorausgesetzt, daß wir den Status 
der Kreislauforgane zu Beginn der Badekur pünktlich aufgenommen 
haben, wird die Diagnose durch den Nachweis einer Verschlim¬ 
merung des klinischen Befundes gesichert sein. 

So beobachtete ich z. B. Verbreiterung der Herzdämpfung. dumpfe 
Hentene, Verdoppelung des systolischen Tons, funktionelles Ge¬ 
räusch, Irregularität des Pulses, gesteigerte Frequenz und große Labili¬ 
tät derselben, Bradykardie, Extrasystolen nnd auch tachykardische 
Anfälle. 

Zwei Symptome möchte ich besonders hcrvoiheben. Das eine ist 
diesturzartigeBlutd rucksenk ung: Der Blutdruck in der 
Sprechstunde erscheint im Vergleiche zu der letzten Messung um 20 
bis 30 min Hg oder mehr gesunken. Ich habe dieses Symptom einigemal 
in der zweiten bis vierten Badewoche beobachtet und erklärte es da¬ 
durch. daß die negative Nachperiode — die Zeitspanne, während wel¬ 
cher der durch die Thermalprozedur gesunkene Blutdruck wieder zum 
Anfangswerte zuriiekkehrt, durch die überanstrengenden Bäder sich 
pathologisch verlängert und zirka 6 bis 10 Stunden andauernd, in der 
Sprechstunde eine sturzartige Blutdrucksenkung vortäuscht. Diese 
gleicht sich bis zum nächsten Tag immer wieder aus. Sie ist ein 
sicheres Zeichen einer Herzüberanstrengung, und zwar um so eher, 
je mehr Zeit zwischen der letzten Thermalprozedur und der Blutdruck¬ 
messung verflossen ist. 

Ein weiteres wichtiges Symptom sind die nervösen 
Störungen: Die Kranken klagen über Mattigkeit, leichte Er¬ 
müdbarkeit, Erregbarkeit, Kopfweh, Schwindel, Herzklopfen, 


welche wir erkennen können, ob das einzelne Thermalbad von 
bestimmter Intensität das Herz innerhalb der Grenzen seiner 
Leistungsfähigkeit trifft oder es angestrengt hat. 

Wenn dies gelingt, wird es nicht zur Summierung von überan¬ 
strengenden Bädern kommen und wir werden die Kur zu Ende leiten, 
ohne daß die vorher beschriebenen Symptome auftreten würden. 

Indem ich betreffs Einzelheiten der Untersuchungen und Motivie¬ 
rung auf das Original verweise 1 ), wiederhole nur kurz das Wichtigste. 
Ich lasse den in der 23 bis 25 °C warmen Badezelle entkleideten 
Kranken eine Zeitlang liegend ruhen, zähle dann den Puls und be¬ 
stimme mit dem Tonometer den Anfangswert des Blutdrucks. Im Bade 
messe ich ein- bis zweimal. Hernach folgt eine leichte Trockenpaekung 
von 25 bis 30 Minuten Dauer, welche die die Blutdruckmessung stören¬ 
den äußeren Einwirkungen auszusehalten gestattet, die sonst entstehen 
würden, wenn der Kranke sich nach dem Bade sofort ankleiden winde. 
Hier wird in Abständen von zehn Minuten gemessen. Die wichtigsten 
sind die End werte. 

Während des Bads selbst besteht in dem Verhalten von Puls 
und Blutdruck zwischen gesundem und insuffizientem Kreisläufe 
kein wesentlicher Unterschied. 

Charakteristische Unterschiede finden wir nur nach dem 
B a d in der Trockenpaekung. Während nämlich beim Gesunden 
der Blutdruck, nachdem er zu Beginn der Packung seinen Tief¬ 
punkt erreicht, allmählich ansteigt und am Ende derselben nie 
tiefer als 15 bis 20 mm Hg unter dem Anfangswerte steht, ist d i e 
Differenz zwischen Anfangs- und K n d wert bei 
dun funktionsuntüchtigen Herzen nach einem überanstrengenden 
Bade mindestens 20 respektive 25 mm Hg < der noch größer, je 
nachdem der Anfangswert unter respektive über 110 mm Hg war. 

In solchen Fällen klagen die Kranken oft zu Beginn der Packung 
über Herzklopfen, Beklemmungen, was wahrscheinlich eine Begleit¬ 
erscheinung des hier exzessiv gesunkenen Blutdrucks und ebenfalls 
als Insuffizienzsymptom aufzufassen ist. 

Einige Kurven werden dieses Verhalten besser demonstrieren. 



Abb. 1. Normales Verhalten. 

(Vollbad 39° 0 18 Min. Puls zu Beginn 76.) 
BI).-Diff. am Ende d. TP < 20 mm Hg. 



w ZC 30 f V So 6oJ6^n % 



Ahb. 2. Verhalten bei Insuffizienz. 
(Vollbad 36° C 20 Min. Puls zu Beginn 80.) 
a) Anfanuswert d BHs. < 110 mm Hg. 
BD.-lMit am Ende d. TP > 20 mm Hg. 


40 10 Jo Vo SO 60&H+ 



Abb 3. Verhalten bei Insuffizienz. 
(Volllmd 38 0 C 16 Min. Puls zu Beginn 62.) 
bi Anfangswert d. BDs. > 110 mm Hg. 
BD -D;iT. am Ende d. TP > 25 mm Hg. 


eil S : 

fr 

frt - 
e fr’ 


rti : 

hr-K; 


schlechten Schlaf, Atembesclnverden. Es muß wohl zugegeben wer- 
den, daß bei vasomotorischen Neurasthenikern durch Thermal¬ 
bäder — besonders in den warmen Sommermonaten — gelegentlich 
Fälle von nervöser Abspannung Vorkommen können; es sind dies 
aber meistens jüngere Personen mit neurasthenischen Merkmalen 
und intakten Kreislauforganen, wohingegen bei den andern 
Kranken neben den nervösen Störungen fast immer auch eines oder 
mehrere der obenerwähnten objektiven Symptome zu finden sein 
werden. 

Die nervösen Störungen sind wertvolle Hinweise auf die be¬ 
ruhende Uebermüdung des Myokards und fehlen nur selten, wenn 
s * c h tatsächlich darum handelt. Ohne andere Zeichen ermäch¬ 
tigen sie uns aber noch nicht zur Annahme einer Ueberanstrengung 
dw Herzmuskels. 

Dies erklärt auch, daß eine leichte Ueberanstrengung manchmal, 
wenn sieh die Kontrolle nur auf die Untersuchung in der Sprechstunde 
beschränkt, eine Zeitlang übersehen werden kann, weil es zu den objek- 
,ven fyniptomen noch nicht gekommen ist. 

p n.. *. s * übrigens charakteristisch, daß bei unserm Kurpublikum in 

Bad Postycn die Meinung verbreitet ist, daß die Bäder „nervös“ machen, 
h?. S i db-^ yine Art Brunnenrausch sein, der aber meines Erachtens, 
esonders hoi Kranken jenseits des 40. Lebensjahrs, meist auf eine Herz- 
J ^ranMrengimg zurückzuführen ist. 

"ir können uns aber nicht begnügen, die Symptome der 
„h entwickelten Ueberanstrengung zu erkennen, sondern wir 
müssen trachten, daß es so w r eit überhaupt nicht komme. Ich habe 
Vorjahr an dieser Stelle eine Untersuchungsinethode angegeben, 
le ,( di funktionelle Herzkontrolle nannte, durch 


Aus diesen Kurven ist aber noch ein zweites diagnostisches 
Merkmal ersichtlich. Pulsfrequenz und Blutdruck sind beim Ge¬ 
sunden sehr leicht veränderliche Weite: Abb. 1 zeigt graphisch, 
wie rasch der Kreislauf sich den veränderten Verhältnissen anzu¬ 
passen sucht. Bei Insuffizienz (Abb. 2 und 3) sehen wir hingegen 
eine auffallende T r ä g h e i t d i e s e r Werte, der zweite 
Teil der Kurve nähert sich der geraden Linie; ein Zeichen, daß die 
Anpassungsfähigkeit des Herzmuskels abgenommen hat. 

Die funktionelle Herzkontrolle ist daher geeignet, durch ihre 
zwei Kriterien: Blutdruckdifferenz und Charakter der Puls- und 
Blutdruckkurven, Insuffizienzen auch leichteren 
Grads rasch erkennen zu lassen. Zeigt sie uns, daß ein be¬ 
stimmtes Thermalbad gut vertragen wurde, so wird auch eine län¬ 
gere Serie Bäder derselben Intensität das Herz nicht anstrengen; 
diese bedeuten sogar ein Training für die stärkeren Bäder. Ergibt 
aber die Kontrolle, daß das Bad das Herz angestrengt hat, so 
kehren wir zu den schwächeren Bädern zurück oder verordnen 
andere, leichtere Prozeduren. 

* * 

* 

In welchen Fällen sollen wir die funktio¬ 
nelle Herzkontrolle im Thermalbad ausführen? 
Durch eine gründliche Untersuchung der Kruslauforgane zu Beginn 
der Badekur konnte ich — nach Ausscheiden der jungen kräftigen 
herzgesunden Personen — folgende drei Gruppen aufstellen, "bei 
welchen die Herzkontrolle nötig ist. 

v ) M. Kl. 1913. Nr. 32, S. 1293. 


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UMIVERSITY OF IOWA 





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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


1. Kranke mit organischen Veränderungen der Kreislauf- . nüg« 

organe: Vitium, Hypertrophie, Arteriosklerose usw. Va\i 

2. Kranke, hei welchen ohne nachweisbare anatomische und erze 

klinische Zeichen andere UroBtände die Möglichkeit einer Insuffi- Blu^ 
zienz nahelegen, z. B. hohes Alter, Potus, Verdacht auf Arterio- Kon 
sklerose, niederer Blutdruck, ausgesprochene Fettsucht, durch das ®im 
Grundleiden verursachte Temperaturerhöhungen, wenn in der in 1 
Anamnese Herzsymptome, Dyspnöe erwähnt werden und ähn¬ 
liches. er *j 

3. Bei Neurasthenikern, furchtsamen Patienten, anämischen 
Frauen und Kindern. 

Ad 1. Alle inkompensierten Zustände Bind von Thormalbadekuren __ 
auszuschließen. Aber auch kompensierte Zustände erheischen große Vor- 
sicht. Arteriosklerose bildet keine Kontraindikation, solange das Herz 
gut ist und man mit Vollbädern nicht über 39 0 C geht. Da der Blut- ^ 
druck in solchen Bädern sinkt, ist Apoplexie nicht zu befürchten. Im 
Stadium der Präsklerose scheinen Thermalbadekuren auf den Kreislauf ^ 
günstig zu wirken. — Im allgemeinen vertragen Kranke mit erhöhtem nj 
Blutdruck die Bäder besser, als solche mit niederem. 

Ad 2. Bei älteren Personen mit anscheinend intaktem Kreisläufe ^ 
zeigt die Herzkontrolle manchmal unerwarteterweise Insuffizienz. — Potus ^ 
vermindert die Leistungsfähigkeit des Herzens auffallend. — Niederen | ö 
Blutdruck fand ich a) als Folge von Herzmuskelschwäche; solche Kranke I 
vertrugen Vollbäder über 37° C schlecht; b) als Folge einer großen In- a 
aktivität des Muskelsystems, z. B. bei einer ankylosierenden Polyarthritis, l c 
bei schwerer chronischer Ischias usw. — In diesen Fällen wurden die < 
Bäder in vorsichtig steigender Dosierung sehr gut vertragen; es konnte l ] 
sogar öfter ein Ansteigen des Blutdrucks gegen den Normalwert beob- ( 
achtet werdeD. Hier sind die Thermalbäder ein fein dosierbares Training 
des schlaffen Herzmuskels. 

Fettsüchtige vertragen oft das Nachschwitzen schlecht. — Leichte 
Temperaturerhöhungen, z. B. bei einer subchronischen Polyarthritis, be¬ 
einflussen bei sonst intaktem Kreisläufe die Leistungsfähigkeit im Bade 
fast gar nicht, sodaß auch heiße Prozeduren ohne Bedenken appliziert 
worden können. Fieber über 38 0 C kontraindiziert Vollbäder über 37« C, 
meist schon wegen der Aknität der Erkrankung. Nach akuten Poly¬ 
arthritiden ist an die Möglichkeit einer symptomlosen Herzmuskelschwäche 
zu denken. 

Ad 3. Hier geschieht die funktionelle Herzkontrolle teils zur Be¬ 
ruhigung des Kranken, teils um uns Belbst zu vergewissern, daß der 
Kreislauf suffizient ist und daß eventuelle nervöse Symptome nicht von 
einer Ueberanstrengung des Herzens stammen. 

Bei allen insuffizienzverdächtigen Kranken sollen die ersten 
Vollbäder nicht über 30 bis 37° C und 10 bis 15 Minuten Dauer 
sein. Sie können dann gradatim verstärkt werden, solange es die 
genügend oft wiederholte Herzkontrolle gestattet, respektive die 
Krankheit erheischt; über 40° C zu gehen, ist aber im allgemeinen 
nicht zu empfehlen. 

StärkereVollbäder können eventuell durch Lokalprozeduren 
(Halbbäder von 38 bis 42 o C, Schlammpackungen und Umschläge 
von 40 bis 50° C) ersetzt werden. 

Ihr Einfluß auf die Größe der Herzarbeit hängt neben der Tem¬ 
peratur iu erster Linie von der Größe der Körperober fläche ab, die mit 
dem heißen Medium in Berührung ist. Eine Ganzpackung mit Schlamm 
oder Moor bedeutet für das Herz eine kaum geringere Anstrengung als 
ein gleichtemperiertes Vollbad, weil sie eine Wärmestauung ebenso ver¬ 
ursacht. Die Teilprozeduren hingegen fordern vom Herzen eine um so 
geriogere Mehrarbeit, je kleiner die eingepackte Körperoberfläche ist; sie 
steigern den Blutdruck nie, sind daher betreffs Wirkung auf den Kreis¬ 
lauf den Vollbädern bis zu 39 bis 40° C gleichzustellen. — Gut haben 
sich mir die Lokalprozeduren abwechselnd mit Vollbädern bewährt: Die 
Kranken bezeichneten es als angenehm, wenn „leichtere“ Tage mit 
.schwereren“ abwechselten. Aber auch solche Kuren, die vollends aus 
Lokalprozeduren bestehen, lassen sieb besonders bei älteren Leuten gut 
und mit entsprechendem Erfolg anstellen. Mein ältester Patient, der so 
gebadet hat, war 76 Jahre alt Die Kur dauert dann etwas länger, weil 
*?• _i:_ur;.i,nn n onf Orannismus trerinerer ist. — Auch di« 


die umstimmende Wirkung auf den Organismus geringer ist. — Auch die 
Einschaltung von COa-Bädern (nicht unter 34° C), besonders in der 
zweiten Hälfte der Badekur, unterstützte in mehreren Fällen kräftig das 


empfindliche Herz. — , . , 

Erleichtern können wir die Thermalprozedur, indem wir 
auf das Nachschwitzen verzichten. 

Der Kranke soll dann nach dem Bad einige Minuten auf dem Ruhe¬ 
bette leicht zugedeckt liegen, bis die normale Blutverteilung zwischen 
Peripherie und inneren Organen teilweise wieder zustande gekommen ist. 
Es ist dies besonders bei korpulenten Personen empfohlen, weil sonst 
beim Ankleiden leicht Schwindel oder gar ein Ohnmachtsanfall entstehen 
kann. Wollen wir aber auf das therapeutisch oft sehr wertvolle Nach- 
schwitzen nicht verzichten, dann müssen wir das Bad selbst entsprechend 
abschwächen. 

Die Hirnanämie, die besonders bei Lokalprozeduren der 
untern Körporhälfte, sowie bei schwächlichen, nervösen Kranken 
mit niederem Blutdruck leicht eintritt, bekämpfen wir durch ge¬ 


nügend oft gewechselte kalte Kompressen auf den Kopf. Auch 
Validol, in die Haut der Stirn und Schläfen leicht eingerieben, 
erzeugt ein andauerndes Kältegefühl, wahrscheinlich auch ein« 

Blut Verschiebung in gleichem Sinne wie die Kompressen. Kalte 
Kompressen oder der Leitersche Kühler auf das Herz haben 
eine vorzügliche Wirkung auf den Kreislauf und sind besonders 
in der Trockenpackung sowie bei Lokalprozeduren empfohlen. 

1 Diese Wirkung läßt sich nach Hirschfeld und Lewin dadurch 

erklären, daß die Hautgefäße der gesamten Körperobetfläche sich auf 
reflektorischem Wege kontrahieren, wodurch es zum Steigen des Blut¬ 
drucks kommt. Wir befördern daher diirch Berzktthlung das Heri in 
dem Bestreben, die optimalen KreislaufverhältnisBe wieder herzustellen. 

— Vielleicht bewirkt die Herzkühlung auch eine bessere Durchblutung 
des Myokards im Weg einer Erweiterung der Coronargefäße. Diese Mög- . 
lichkeit ergibt sieb aus dem bekannten Antagonismus zwischen Haut- I i 
und tiefen Gefäßen. \ 

Bei der funktionellen Herzkontrolle sind alle Kompressen zu meiden. ) 
da sie den Blutdruck beeinflussen würden.* Die Trockenpackung muß 
natürlich aus denselben Ursachen beibehalten werden. 

Bei Kranken mit hohem Blutdruck lasse ich Lokalprozeluren 
| der untern Körperhälfte gern in halb aufgerichteter oder sitzender j 
t Stellung applizieren. \ 

3 I Die Thermalprozeduren geschehen am besten früh morgens j 

- I auf nüchternem Magen, weil es nicht erwünscht ist, daß durch \ 

i, I die Verdauung dem Gehirn noeh mehr Blut entzogen werde. Soll 
o dennoch etwas genommen werden, so empfehle ich schwächlichen 
6 Personen ein Glas Milch, bei Kranken mit niederem Blutdruck 
)_ eine Tasse Tee, mindestens eine Stunde vor dem Bade. Ansonsten 

8 soll die Diät kräftig, reizlos und ohne Alkohol sein, unbeschadet 

^ der speziellen Vorschriften, die wegen der Gicht, Diabetes, Vor- 

e _ fettung u. dergl. notwendig sind. — Wichtig ist, für tägliche 

DaTmentleerung zu sorgen. Wenn Abführmittel notwendig, 

:rt sind dio saUuischen, besonders bei Korpulenten, am Platze. 

C, Ein Gemisch von Magnesium und Natrium sulf. sa, davon ein 

ly- Kaffeelöffel auf ein Glas unseres Thermalwassers knapp vor dem 

he Bade genommen, hat sich mir am besten bewährt. Die Wirkung 
tritt nach drei bis fünf Stunden ein. Abmagerungskuren in Yer- 
j e \ bindung mit Thermalkuren, wie es manche Kranke gerne sehen 
* er würden, sind bei herzgeschwächten Personen vollends zu ver¬ 
werfen. 

Nach dem Bad ist eine längere Bettruhe bis zu zwei bis drei 
j6n Stunden von guter beruhigender Wirkung. Die Nachtruhe soll, 
wenn nötig, durch Analgetica gesichert werden, deren Wirkung 
! e ich gerne mit kleinen Dosen Morphin oder Kodein verstärke. — 

16 Sehr erfrischend und den Kreislauf fördernd wirkt eine leichte 
11611 allgemeine Muskelmassago oder passivo maschinelle Gymnastik. 

Ruhetage, wie sie bei Thermalkuren oft gehalten werden, 
ren verordne ich gewöhnlich nur einmal in der Woche. Von dem 

üge Prinzip ausgehend, daß auch das einzelne Bad die Leistungsfähig¬ 

keit des Herzens nicht übersteigen soll, sind Ruhetage für da» 
Herz nicht nötig. Zur Erholung des Nervensystems genügt meist 
wöchentlich ein Ruhetag; nur Neurasthenikern gestatte ich, be- 
lD al8 eonc ^ ers im Hochsommer, mehr. 

ver _ Die geeignetste Zeit für Thermalkuren für Kranke mit weniger 

n g0 leistungsfähigem Herzen sind bei uns die Monate Mai, Juni und ^p- 
. s j e tember. Die erfrischende Wirkung der kühleren Luft auf den von den 
reis- warmen Prozeduren, Schwitzen und Bettruhe ermatteten Kranken ist &u - 
a j, en fallend. Nicht verschweigen möchte ich auch jenes praktische Momep. 
Die daß * n dieser Zeit die Aufmerksamkeit des Arztes sich eher dem ein- 
zelnen Kranken zuwendon kann, weil der große Strom der Heilsachen en 
an a noch fehlt-, respektive schon stark abgenommen hat. Die pünktliche 

obachtung des Kreislaufs und die funktionelle Herzkontrolle erfordert vi 

> r so Zeit und Geduld. 

weil Sollte es trotz dieser Vorsichtsmaßregeln oder aus andern 

hdie Ursachen zu einer Herzüberanstrengung kommen oder so e 
der der Kranke sich mit einer schon entwickelten Ueberanstrengur- 
; das Torstellen, so schwinden deren Symptome meist in zwei bi» 1 *! 
Tagen Ruhe. Strenge Bettruhe ist schon wegen der stark depr 


mierenden Wirkung auf den vorher mobilen Kranken nur aui < 
zu beschränken, wo sie unvermeidlich ist. So mußte ich nur oi 
mal, und zwar bei einer paroxysmalen Tachykardie, zu dies*. 
Mittel greifen. Sonst verordnete ich kalte Kompressen au ‘ 
Herz, dreimal täglich nach den Mahlzeiten auf je eine btw ■ 
eventuell etwas Morphin, und erreichte damit jedesmal, d* 
objektiven Symptome der Ueberanstrengung schon am ^ac - 
Tage verschwunden w T aren. Die nervösen Störungen dau ^ 
meist etwas länger. »Sind auch diese gewichen, und so ^ 
Wiederaufnahme der Bäder geschritten worden, dann , ffer t n vor . 
nach den besprochenen Prinzipien vorsichtig einschleicnen 
gehen. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


Mit solchen Maßregeln wird es uns meistens ge¬ 
lingen, Thermalkuren auch bei Kranken mit weniger 
leistungsfähigem Herzen durchzuführen, und wird der 
gute Erfolg, den wir oft erreichen werden, uns für die größere 
Habe und gesteigerte Aufmerksamkeit entschädigen. 


Ueber die Epidemie der Maul- und Klauenseuche 
in der Frankfurter Milchkuranstalt 1915 

von 

Eugen Cahen-Brach, Frankfurt a. M. 

Indem ich der Aufforderung der Schriftleitung dieser Zeit¬ 
schrift nachkomme, über die letzte Epidemie von Maul- und Klauen¬ 
seuche zu berichten, die anfangs Januar in dem Gehöfte der 
Frankfurter Milchkuranstalt ausbrach, möchte ich betreffs dieser 
Molkerei einige Bemerkungen vorausschicken. 

Die erwähnte Anstalt, die von einer Kommission des Aerzt- 
lichen Vereins seit über 30 Jahren überwacht wird, hat sich ver¬ 
pflichtet, mustergültige Milch und einen ebensolchen aus ihr be¬ 
reiteten Yoghurt zu liefern. Dieser Aufgabe, zu der im wesent¬ 
lichen Höhenvieh herangezogen wird, kommt man in dem Maße 
nach, daß bei minimalem Schmutzgehalt und einem zwischen 3,5 und 
4 % schwankenden Fettreichtume der Bakteriengehalt der selbst 
in Sommerhitze stundenlang herumgefahrenen Milch selten mehr 
als einige Tausend Keime im Kubikzentimeter beträgt. Solange die ! 
Anstalt für denVertrieb einer solchen Mustermilch in dem Weich- i 
bilde von Frankfurt allein in Betracht kam, konnte die Produktion 
bis zu 1200 1 pro Tag bei einem Stande von über 100 Kühen ge¬ 
steigert werden. Die zunehmende Konkurrenz, die ungünstigere 
wirtschaftliche All gemein läge, vor allem nach Ausbruch des Kriegs, 
brachten eine erhebliche Reduktion mit sich, zumal da bei den 
strengen, vom Aerztiichen Vereine festgesetzten Vorschriften für 
den Bezug und die Haltung der Kühe und die Wahl des Futters von 
dem ziemlich hohen Preise von 0,60 M für 1 1 Milch, 0,20 M für 
1 4 1 Yoghurt nicht abgegangen werden konnte. So kam es denn, 
daß zu Anfang Januar dieses Jahres, da die Maul- und Klauen¬ 
seuche hereinkam, der Stall nur noch über einen Bestand von 
47 Kühen mit einer täglichen Milchabgabe von etwa 550 1 verfügte. 

Die erwähnte Krankheit, die seit längerer Zeit den Kreis 
Frankfurt heimsucht, steht im Zusammenhänge mit der großen 
Seuche, die 1910 aus Rußland und Rumänien einbrach und inner¬ 
halb zwei Jahren alle kontinentalen Staaten erfaßte. Bekanntlich 
befällt die Affektion vorzugsweise das Rindvieh, weit weniger 
Schweine, Schafe und Ziegen. Nach einer Inkubation von etwa 
zwei bis sieben Tagen tritt nach vorherigem Fieber eine Eruption 
von Bläschen an der Mundschleimhaut und den Klauen auf, die 
platzen und zu Erosions- und Geschwürsbildung Veranlassung 
geben. Bei Rindern wird auch das Euter häufig ergriffen, und es 
kann sich ein Katarrh der Milcbgänge anschließen, der zu einer 
starken Verminderung und colostrumäbnlichen Veränderung der 
Milch führt. 

Während die Krankheit zumeist günstig verläuft und in zwei 
bis drei Wochen oder noch rascher abheilt, gibt es auch Fälle, in 
denen der Tod unter den Erscheinungen der Intoxikation eintritfc. 
Die Mortalität dieser bösartigen Aphthenseuche beträgt 50 bis 70 % 
gegenüber 0,2 bis 0,3% bei der gutartigen Form. 

Welche Bedeutung der Maul- und Klauenseuche für die ge¬ 
samte Volkswirtschaft zukommt, zeigt der vorhin berichtete, augen¬ 
blicklich immer noch nicht beendete große europäische Seuchen- 
von dem bereits im zweiten Jahre nach der Invasion in 
Deuischland 29877 Gemeinden mit 3% Millionen Rindern, 1 % Mil¬ 
lionen Schafen, Über 50000 Ziegen und 2V 2 Millionen Schweinen be¬ 
troffen wurden. Die Verluste, die den Besitzern der erkrankten 
Tiere durch deren Arbeitsunfähigkeit, Abnahme des Körper¬ 
gewichts, Verminderung der Milchproduktion, ferner die Beschrän¬ 
kung des Viehverkehrs sowie den Abgang an Nutztieren erwachsen, 
werden in Deutschland auf etwa 30 Mark pro Rind geschätzt. Die 
Bekämpfung dieser Krankheit bildet darum auch seit langem die 
borge der verschiedenen Staatsregierungen. Hierzu dient eine 
,“ B ve terinärpolizeilicher Maßnahmen, wie strenge Hof- und Ge- 
memdesperre, die Verfügung, die Milch aus verseuchten Molkereien 
wir in abgekochtem Zustand oder nach Erwärmung auf 8 o 0 in 
Verkehr zu bringen. 

Während eine specifische therapeutische Beeinflussung dos 
rankheitsprozeafies, dessen Erreger wir nicht kennen, noch nicht 


gelungen ist, haben Immunisierungsversuche, wie sie unter Andern 
von Löffler erfolgreich angestellt wurden, zu einem gewissen be¬ 
friedigenden Abschluß geführt. Da jedoch die Kosten pro Kuh 
sich auf 20 bis 30 Mark, pro Schwein auf 2 bis 3 Mark belaufen, 
so ist an eine Anwendung in großem Maßstabe noch nicht zu 
denken. 

Um nun auf den Verlauf der Seuche in der Frankfurter Milch¬ 
kuranstalt zu kommen, so wurde sie am 7. Januar d. J. zuerst fest¬ 
gestellt, nachdem acht Tage vorher frische Kühe eingebracht wor¬ 
den waren. Letztere waren wahrscheinlich auf dem Transport 
infiziert worden. Im Gegensatz zu früheren Epidemien verlief die 
Krankheit diesmal gutartig. Nach zwei Wochen waren sämtliche 
Tiere durchseucht. Acht Tage später waren die Munderosionen 
bei sämtlichen Kühen abgeheilt. Kein Tier ging ein. Nur eine Kuh 
mußte wegen Entzündung der Klauenhaut geschlachtet werden. 
Bei sieben Tieren kam es zu parenchymatösen Veränderungen der 
Milchdrüse mit ihren Folgen, Verhärtung, Atrophie, infolgedessen 
sie bei der Milchproduktion später vollständig ausschieden. Nach 
Ablauf des Krankheitsprozesses erholten sich die übrigen Tiere 
sehr bald. 

Der Milchertrag, der vor Ausbruch der Seuche 12 1 pro Kopf 
ausmachte, war auf der Höhe der Krankheit um 50% zurück¬ 
gegangen. Er betrug Mitte Februar wieder 10 1 und hat sich 
bis jetzt, Ende Februar, sogar auf 12 1 pro Kopf gehoben. 

Die Milch, die während der Seuche mittels Dampf auf 
85° erhitzt wurde, ist polizeilich längst (seit 27. Januar) wiedor 
! freigegeben und wird wieder roh in den Handel gebracht. Daß 
keinerlei Klagen über schlechte Bekömmlichkeit der Milch seitens 
der Abnehmer bekannt geworden sind, muß man zum Teil darauf 
zurückfiihren, daß von den am stärksten erkrankten Tieren die 
Milch überhaupt nicht zur Ausgabe gelangte. Um den Ausfall an 
Milch zu decken, mußte zeitweilig aus einer auswärtigen Sanitäts¬ 
milchkuranstalt Milch in Kannen bezogen werden, die in bezug auf 
Fettgehalt, Keimzahl zwar nicht die Frankfurter Milch erreichte, 
jedoch immer ein befriedigendes Ergebnis aufwies. 


Aus dem Reservespitale vom Roten Kreuz in Icici bei Abbazia. 

Ortizon in der Wundbehandlung 

von 

Chefarzt Kais. Rat Dr. Franz Tripold. 

Angeregt durch die Abhandlung Prof. Dr. Walters 
[„Wasserstoffsuperoxyd und seine Präparate in der Wundbehand¬ 
lung“ 1 )] habe ich Ortizon von der Firma Farbenfabriken vorm. 
Friedr. Bayer & Co. in Leverkusen erbeten und erhalten, wofür ich 
genannter Firma sogleich an dieser Stelle meinen verbindlichsten 
Dank ausspreche. 

Das Ortizon ist ein zirka 34 %iges Wasserstoffsuperoxyd 
in fester, dauernd haltbarer Form und kommt als Ortizontabletteu, 
Ortizonwundstifte, Ortizonpulver und als Ortizon-Mundwasser- 
kugeln in den Handel. 

Für meino Zwecke, die Behandlung im Krieg erfolgter Ver¬ 
letzungen, dienten mir ausschließlich nur die Ortizonwundstifte 
und das Ortizonpulver. 

Die Ortizonstifte sind in dreierlei Größen von 15 bis 22 Milli¬ 
meter Länge und 2,5 bis ö Millimeter Dicke vorrätig, während das 
Ortizonpulver eine feinkörnige, weiße Masse darstellt. — Die Wirkung 
der Präparate ist eine zweifache, eine stark oxydierende auf totes 
Eiweiß, Blut, Gewebstrümmer durch reichliche Abspaltung von aktivem 
Sauerstoff, und eine mechanische, bedingt durch die unter mäch¬ 
tiger Schaumbildung sich vollziehende Sauerstoffentwicklung. 

Die Anwendung des Ortizons ermöglicht die streDge Ein¬ 
haltung der wichtigsten Grundsätze moderner Wundbehandlung: 
Trockenverfahren, möglichste Vermeidung der Tam¬ 
ponade. 

Für Wundflächen eignet sich besonders das Ortizonpulver. 
Zeigt die Wunde nach Abnahme des Verbandes viel eitriges Sekret-, 
so wird dasselbe mit sterilem Tupfer abgesaugt, die Wunde darauf 
mit Ortizonpulver bestreut und rasch trocken verbunden. Bei 
geringer Absonderung kann das Abtupfen wegbleiben und Ortizon 
sogleich zur Anwendung kommen. 

Höhlen- und Fistelwunden erheischen die Ortizonwundstift- 


*) Feldärztliche Beilage zur M. m. W. 1Ü14, Nr. 44. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


behandlung. Ohne weitere Hantierungen wird der Wundstift ein¬ 
geführt und raschestens sterile Gaze darüber gelegt und fixiert. 
Raschheit ist deshalb vonnöten, weil sonst die gewaltige Seluium- 
bildung den Stift schon nach wenigen Sekunden aus dem YYund- 
kanale heraustreiben würde. 

Durch die mächtige Sauerstoffentwicklung wird eine aus¬ 
giebige Reinigung des Wundkanals und Tiefenwirkung erzielt; e s 
entfällt die Notwendigkeit der Einführung von 
Gazestreifen oder Drains, da der Gasdruck den Wund¬ 
kanal offenhält, die Schaumbildung Eiter und Geweb partikel an 
die Oberfläche befördert. Da der Sauerstoff keine ge webs¬ 
zerstörenden Eigenschaften, keine eigentliche Aetzwirkung hat, 
können die Wundstifte ruhig im Wundkanale belassen werden. 

Die von mir reichlich geübte Ortizonbehandlung hat mich 
das Präparat außerordentlich schätzen gelehrt und veranlaßt mich, 
das Ortizon allen chirurgisch tätigen Kollegen bestens zu emp¬ 
fehlen. 

Seine Vorzüge sind: Einfachheit der Anwendung; Zeit¬ 
ersparnis; energische Reinigung der Wunde ohne Gcweb Schädi¬ 
gung, ohne Aetzwirkung; Ungiftigkeit; ausgiebige, verläßliche 


Tiefenwirkung; rasche Granulationsbeförderung; Wegfall der Ein¬ 
führung von Gazestreifen oder Drains. 

I Literatur. 1. Blessing, Ortizcn. ein festes Wasserstoffsupmxyd- 

1 präparat. (1). zahnärztl. \V. 1012. -Jg. 15. Nr. 52.) 2, Strauss, Ortizon. ein 

! neues Wasserstoffsuperoxydpri pnrat in fester Perm. (Allg. med. Zentralzeit. 

1013. Nr. H.) 3. Blessing, GjrirlZon-Wurdstehi hen. (I). zahnärztl. \V. 1913. 

' -)g. 16, Nr. 30.) 4. Engelhard. Ueber Verwendung von Ortizon usw. 

(I). Medizinalzeit. 1013, Nr. 41.) 5. Trümmer. Uel:er Ortizon. tM. m. W. 

1013. Nr. 40) 0. Kranke. Ein Beitrag zur Behandlung der Ul cm miris. 

(Ther. d. Gegemv. 1914. Jg. 10. 11. !.) 7. Derselbe. Ueher Mundpllege. 

(Allg. med. Zentralzeit. 1014. Nr. 22) 8. Walther. Wasserstollsuperoxyd 

und seine Präparate in der Wundbehandlung. (M. m. W. 1014. Nr. 44.) - 
0. Ruhemann. Ueber Ortizon-Wumistilte. (1). in. W. 1014. Nr. 45.) - 
10. Müller. Einige Ratschläge lür die Behandlung des Wundstarrkrampf«,. 
(M. m. W. 1014. Nr. 40.) — 11. Rindfleisch. Ortizon. (M. m. \V. IHR. 

| Nr. 40.) -- 12. Sehellenberg. Ueber Ortizon. ein festes Wassmtoffsupor- 
oxvdpräparat. (Württ. med. Korr. Bl. 1014.) - 13. Weintraud, Zur He- 
handlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der Magnes. sulfat,- 
Tlierapie. (B. kl. W. 1014. Nr. 42.) — 14. Hans, Technisches und Thera- 
, peutisches aus <’em Reservelazarett zu Limburg. (M. K\. 1014. Nr. 51.) - 
| 15. Strauss. Die Behandlung der Gasgangräu im Felde. (M. Kl. 1014. 
Nr. 52.) — 10. Fraenkel. Ueber die Verwendung des Wasserstoffsuperoxyds 
bei der Wundbehandlung. (D. m W. 1015. Nr. 3.) - 17. Krecke. Ortizou. 
(M. m. W. 1015. Nr. 8. Ther. Notizen.) 18. Rapp. Ortizon. tEbenda.t - 
10. Hinterstoisser, Behandlung des Wundstarrkrampfs. (W. kl. \V. 1915, 
j Nr. 7.) 



Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft. 


Zum 10jährigen Jubiläum der Entdeckung der 
Spirochaeta paliida 

von 

Dr. med. R. Kaufmann, Frankfurt a. M. 

Unterm 10. April 1905 machten Schaudinn und E. H o f f - 
mann in der Abhandlung „Vorläufiger Bericht über das Vor¬ 
kommen von Spirochäten in syphilitischen Krankheitsprodukten 
und bei Papillomen“ l ) zuerst Mitteilung: von der Entdeckung des 
Syphiliserregers. Daß eine so ansteckende Krankheit wie die 
Syphilis nur von einem lebenden Organismus verursacht werden 
konnte, war im Zeitalter der Bakteriologie selbstverständlich, und 
es fehlte natürlich nicht an Bemühungen, den Erreger mit Hilft* der 
bakteriologischen Methoden nachzuweisen. Erwähnung verdienen 
in dieser Richtung die von Lustgarten 1884 zuerst beschriebe¬ 
nen säurefesten Bacillen, die lange Zeit als Syphiliserreger galt tau 
bis Alvarez und Tavel sowie Kieniper er naihwksen, 
daß es sich um Saprophvten handelte. Auch die von J o s e p h 
und Piorkow ski beschriebenen Bacillen hielten der Nach¬ 
prüfung nicht lange Stand, ebenso wie der von N i e ß e n sehe 
Bacillus. Weiter verdienen Erwähnung die von Do chic 1892 
beschriebenen geißeltragenden Protoplasmagebilde in Sehauker- 
geschwiiren. Aufsehen erregten dann die von John Siegel 
im Jahre 1904 als Cytorrhyctes luis beschriebenen Protozoen. B< i 
Nachprüfung der Siegel sehen Befunde wurde dann von F r i t z 
Schaudinn bei gemeinsamer Arbeit mit Erich Hoff in a n u 
die Spirochaeta paliida in einer fast geschlossenen Genitalpapel 
entdeckt, und dann konnten sie auf Grund ihrer Untersuchungen, 
die in Gemeinschaft mit N e u f e 1 d und G o n d e r im Februar 
1905 begonnen worden waren, die Spirochäten in syphilitischen 
Papeln, Primäraffekten und indolenten Leistendrüsen in frischem 
und gefärbtem Zustande nachweisen. Wie jede große Entdeckung 
begegnete auch diese anfangs vielem Zweifel und Widerspruch. 

i e i_.4.- „v. io* ir-rmitsülie "Rpmorkmio- ries; Vor. 


I 


und charakteristisch hierfür ist die ironische Bemerkung des Vor¬ 
sitzenden der Berliner medizinischen Gesellschaft, Ernst von 
Bergmann, in der Sitzung vom 17. Mai 1905 nach Schluß der 
an den Vortrag von Schaudinn und Hoffmann geknüpften 
Debatte- „Damit ist die Diskussion geschlossen, bis wieder ein 
anderer Syphiliserreger unsere Aufmerksamkeit in Anspruch 
nimmt“ Ater die Nachprüfung ergab bald die Richtigkeit der 
Entdeckung S c haudinns und nicht nur bei der menschlichen 
Syphilis sondern auch bei der experimentellen Syphilis wurde die 
S’n roclrlte nachgewiesen, und die hervorragendsten Syphili- 
dX™ U E. besser, Frankel. Met.chnlkoff und 
vor allem A Neisser traten warm für die Entdeckung ein, so- 
daß der kurz darauf allzu früh für die Wissenschaft versuldedene 
Fritz Schaudinn (gestorben am 2. Juni l'JOIn die An- 
i rL-iiminc seiner Entdeckung noch erlebte. 

r *' Hatte wie Neisser zutreffend bemerkte, die Syphilis- 
forsehung am Ende des 19. Jahrhunderts an einem toten Funkte 

-<7 Arbeiten aus dem Kaiseriielien liesundheitemnt 22. IM. liviii, 

Seite 527. 


gestanden, so eröffnete neben der Entdeckung der Uehortragbar- 
keit der Syphilis auf Tiere durch Roux und MetschnikoH 
im Jahre 1903 die Entdeckung des Syphiliserregers eine Fülle un¬ 
geahnter Erkenntnisse. 

Naturgemäß beschäftigten sieh die Forscher zunächst mittler 
Morphologie und dem Vorkommen von Spirochäten im Gewebe 
und Verbesserung der ITitersuehungsmelhoden. Während Schau* 
d i n n und E. H off m a n n nur im Ausstrichpräparat die Spiro- 
| (-bäten nachweisen konnten, bedeutete die Einführung der Siltet- 
imprägnierung von V o 1 p i n o und B e r t a r e 11 i einen wichtigen 
Fortschritt, da es dadurch möglich wurde, die Spirochäten im Ge¬ 
webe nachzuweisen. Heute bedient man sich zu diesem Nachweis.* j 
fast ausschließlich der von Levaditi angegebenen Silber- " 

lm thode. einer Modifikation des R a m o n - V - U a j a 1 sehen Yw- j 
fabrens zur PuvsOUung von Nervennitrillen. Zur Darstellung von 
Ausstrichpräparaten wurden eine Ruhe von Färbemethoden emp¬ 
fohlen. Am he.den bewährt sieh di** schon von Schaudinn 
und E. Iloffniann empfohlene Untersuchung mit Giemsn- 
Lösuug. Doch erzielt man wirklich gute Resultate nur climh 
längt re Fäilmng. Daher war sehr bedeutsam die von 
K. 11 e rxheimer im Jali.tr* 19t', 5 zuerst eingeführte DuukelfcW- 
ini thode. die auf dem von Z s i g m o n d i und S i e d e n t o pf o- 
fundenen Prinzip des ITtramikroskops beruht. l)h*se Methode p- 
stattet in geradezu idealer Weise in wenigen Minuten den Nach¬ 
weis lohender Spirochäten. Weit, weniger leisten das von Burn 
1909 angegebene Tuscheverfahren und die KoVlargolmethodo. 

Mittels diiser Verfahren sind dann die Spirochäten rtudkrt 
worden. Von S e h a u d i n n und K. H erxh e i m c* r wurden qu¬ 
erst (h ißeln heseliriehen. In neuester Zeit hat dann Meirowsk,. 
Feinheiten in der Struktur der Spirochäten in mühsamen Arbeite'' 
nachgewiesen. Doch steht eine Bestätigung dieser Funde von #- 
derer Seite noch aus. 

Weiter ist bemerkenswert die Heinzüchtung der Spirochad.i 
paliida. Es gelang zuerst E. H o f f m a n n die Züchtung der Spn«- 
chaeta paliida im Kaninchenaugi* bis zur dreißigsten l’assag''- "■ 
Jahre 1909 gelang es dann S e h e r e s c h e w s k >; auf erstarrten 
Ff erdesei um die Spirochäten zu züchten. Seine Kulturen mm 
aber Mischkulturen. M ü h 1 e n s , W. A. H o f f m a n o und ' 

N o g u c h i konnten dann wirkliche Reinkulturen von Spircc u i. • 
paliida züchten. Und X o g u c li i glückte es dann 1911. m\ * ^ 
kulturen typische syphilitische Läsionen bei Kaninchen ^ 
zeugen. Mithin sind dadurch die von Robert Koch u 
Aetiolcgie einer Infektionskrankheit- auf gestellten Fostuia a \ ^ 

und damit die Kette der Beweise, daß die Spirochaeta P <1 ‘ 
Erregerin der Syphilis ist, geschlossen. Noguchi ‘ 
weiter aus Spiroehätonreinkulturen ein(*n von ihm m p :■ 

nannten Körper extrahiert, der, ähnlich wie die ( utiroa ^ ^^ 

Tuberkulose, auf der Haut eine Reaktion lu vvorrutt. die Au ; 
W a s s e r m a nnreaktion für die Diagnostik h 

schliisso vor allem bei tertiärer Lues zu gehen schein • 

Medizin wurde diurh dm ; • 
efordert, Iruher^ 


Aber auch die praktische 
deckung der Spirochaeta paliida mächtig 


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Gougle 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


auch dem geübtesten Svphilidologen nicht möglich, vor dem Auf¬ 
treten von Exanthemen mit Sicherheit Syphilis zu diagnostizieren, 
and es galt daher als Regel, bis zum Auftreten unzweifelhafter 
sekundärer Erscheinungen auch mit der Therapie zu warten. 
Welche seelischen Qualen durch eine Wartezeit, die sich oft auf 
mehrere Monate erstreckte, die Patienten durchmachten, davon 
kann jeder ältere Praktiker erzählen. Nicht minder groß war der 
Gewissenskonflikt nicht nur für den Patienten, sondern auch für 
den gewissenhaften Arzt, wenn es sich z. B. um die Frage des Ehe- 
konsenses bei frisch Infizierten oder bei Patienten mit zweifel¬ 
hafter Syphilisanamnese handelte. Mittels der oben bereits be¬ 
schriebenen Untersuchungsmethoden kann man fast immer in 
kurzer Zeit die Diagnose stellen. Aber auch für die Therapie ist 
damit viel gewonnen. Während frühere Svphilidologen, vor allein 
die der Wiener Schule, rieten, mit der specifischen Behandlung bis 
zum sicheren Auftreten des Exanthems zu warten, gilt jetzt die 
Regel, sofort nach Feststellung der Diagnose mit der Behandlung 
zu beginnen, und es erscheint jetzt schon als fast sicher, daß man in 
der Mehrzahl der Fälle mit einer Kur die Syphilis heilen kann. 

Die Entdeckung der Spirochäte warf aber auch ein ganz 
neues Licht auf die Beziehung der Syphilis zu andern Krank¬ 
heiten. Es stellten sich nahe Beziehungen heraus zum RUckfall- 
fieher (Fehris recurrens), zur Schlafkrankheit und zur Frambösie, 
die gleichfalls durch zur Gruppe der Treponemen gehörige Mikro¬ 
organismen hervorgerufen werden. Aus der Tierpathologie sei 
dann noch erwähnt die Hühnerspirillose. Nun wurde von Robert 
Koch und von Laveran zuerst nachgewiesen, daß die durch 
Trypanosomen hervorgerufene Schlafkrankheit von Arsenikalien, 
vor allem vom Atoxyl günstig beeinflußt wird. In Konsequenz 


dieser Beobachtung hat dann Uhlenhuth in Gemeinschaft mit 
Groß und Bickel im Jahre 1907 die Tiersyphilis mit Atoxyl 
erfolgreich behandelt, und Salmon, Lassar und Andere er¬ 
zielten auch bei menschlicher Syphilis mit diesem Arsenpräparat 
gute Erfolge. Bekannt sind dann die erfolgreichen chemotherapeu¬ 
tischen Versuche Paul E h r 1 i c h s , die schließlich zur Ent¬ 
deckung des Salvarsans führten. Somit ist die Großtat von Paul 
Ehrlich auch als eine Folge der Entdeckung der Spirochaete 
pallida zu betrachten. 

Schließlich sei noch erwähnt die Erledigung der alten 
Streitfrage über die Beziehung der Paralyse und Tabes zur Syphilis. 
Wohl hatten Fournier, Erb und N e i s s e r auf Grund eines 
reichen statistischen Materials einen Zusammenhang dieser Krank¬ 
heiten wahrscheinlich gemacht. Aber ein so hervorragender 
Kliniker wie E. von Leyden hatte diesen Zusammenhang be¬ 
stritten und selbst ein Rudolf Vircho w betrachtete diese 
Fälle als ein .,non liquet“. Wenn auch die W a s s e r m a n n sehe 
Reaktion einen weiteren Schritt zur Klärung dieser Frage be¬ 
deutete, so ist doch erst durch die Entdeckung von Noguchi, 
der im Februar 1913 unter 70 Fällen von Paralyse zwölfmal und 
unter zwölf Fällen von Tabes einmal Spirochäten im Gehirne be¬ 
ziehungsweise Rückenmark nachwies, die Sache entschieden, und 
wir müssen nach diesen, auch von anderer Seite bestätigten Fest¬ 
stellungen heute die Paralyse und Tabes als Spirillosen des Hirnes 
und Rückenmarks bezeichnen (Nonne). 

Somit können wir heute schon die Entdeckung des Syphilis¬ 
erregers als eine der wichtigsten und folgenreichsten auf dem Ge¬ 
biete der Medizin bezeichnen, und mit Stolz dürfen wir darauf hin- 
weisen, daß wir sic deutscher Forschung verdanken. 


Referatenteil. 


Redigiert von Oberarzt 

Sammelreferat 


Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914 

von Dr. roed. Werner Schnitz, Oberarzt der II. inneren Abteilung 
des Krankenhauses Charlottenburg-Westend. 

Von klinischen Arbeiten sei zunächst eine ausführlichere 
Mitteilung über Ergebnisse der Milzexstirpation b e i 
perniziöser Anämie wiedergegeben. Kohan (1) be¬ 
richtet über 14 Fälle, die auf der Abteilung G. K 1 e m p e r e r s 
beobachtet und durch Mühsam splenektomiert wurden. A on 
den Operierten starben drei im Anschluß an die Operation: eine 
61jährige Frau mit eitriger Bronchitis, eine 28 jährige Patientin 
mit schwerer hämorrhagischer Diathese und eine 52 jährige Frau, 
die im Anschluß an den Eingriff eine schwere Pneumonie bekam. 
Die (ihrigen elf Kranken überstanden die Operation als solche 
snit. Bei neun Patienten war ein Besserungserfolg zu 
verzeichnen. Im Blutbefunde wurden Hb-Werte bis zu 
bis 80 ° n erzielt, während die Erythrocytenwerte nicht in 
Reichem Maß anstiegen, sodaß es noch zu einer weiteren Erhöhung 
des an sich bei perniziöser Anämie hohen Färbeindex kam. ^ Auf¬ 
fallend war die gleich nach der Operation einsetzende Ucbcr- 
*<h\ymnmng des Bluts mit kernhaltigen roten Blutkörperchen 
»wie das Auftreten zahlreicher Jollykörper in den Ervthrocyten 
«h Zeichen einer ungewöhnlich starken Reizung des Knochen¬ 
marks, welche zur Ausschwemmung zahlreicher unreifer Element!’ 
fährt. Es ist unentschieden, ob die Milzexstir¬ 
pation durch den Ausfall eines die Erythro- 
P o iese hemmenden Hormons wirkt, oder d u r c li 
0 dp nutritive Reizungdes Knochenmarks durch 
Schlacken von Erythrocyten, welche nicht 
mehr wie vorher in der Milz abgefangen, ab* 
gebaut und der Leber zugeführt werden. Koh an 
empfiehlt die Therapie in allen Fällen von perniziöser Anämie, 
"° andere Behandlungsmethoden nicht vorwärts führen. Die Ope¬ 
ration dauerte durchschnittlich 20 Minuten. 

Einen eigenartigen, als „akute ap 1 as ti s ch e An- 
ä m i e“ bezeiclmeten Fall beschreibt F. P a r k e s W e b e r (2). Es 
handelt sich um einen 18 jährigen früher gesunden, nicht 
wischen jungen Mann, der an Gingivitis und phlegmonöser 
nduration der rechten Wange fieberhaft erkrankte. Von diesen 
Affektumen erholte er sich. Jedoch entwickelte sich seit Beginn 
‘- r MiindafLktion eine schwere fortschreitende Anämie, du* in 

Wochen zum Tode führte. Salvarsaubehandlung war ohne 
We $cnt)icheu Einfluß. Das Blutbild zeichnete sich durch nahezu 


r. Walter Woltt, Berlin. 

vollständiges Fehlen regenerativer Elemente (Megalo-, Ervthro- 
biasten, Polychromatophilen) aus, auch waren Poikilocytose und 
Anisocytose gering. Der Färbeindex schwankte zwischen 
und 1. Die Leukocytenzahlen bewegten sich um 2000. Es be¬ 
stand beträchtliche relative Lymphocytose (74,7 °/ n bis 43,4 °/ w ) und 
Verminderung der Blutplättchen. Aus den pathologischen Be¬ 
funden sei erwähnt, daß keine Lymphdrüsenveränderungen nach¬ 
weisbar waren und daß das beinahe vollständig als Fettmark 
imponierende Oberschenkel- und Humerusmark lediglich am 
oberen Ende eine leicht rötlichbraune Färbung aufwies. Im 
Diaphysenmark wies besonders der Humerus einige wenige rote 
Flecke auf. In gefärbten Schnitten fand man außer Fettzellen und 
Erythrocyten Erythroblasten, wenn auch ein großer Teil von 
diesen fast nur aus Kern mit kaum sichtbar umgebendem Proto¬ 
plasma bestand. Einige waren Megablasten, viele hatten 
polychromatophiles oder basophiles Protoplasma. Ferner fanden 
sieh hier mommucleäre eosinophile Zellen und Megakaryocyten. 
An Stelle der Bezeichnung „akute apiastische Anämie 4 .* wird der 
Ausdruck „Aplastikämie“ vorgeschlagen, der Ausdruck Hypo- 
plastikämie für chronische Formen und Hyperplastikämie für Zu¬ 
stände abnormer hämopoetischer Knochenmarks-reaktion. 

Durch therapeutische Darreichung von „P h y t i n“ 
(inositphosphorsauremCalcium und Magnesium) glaubt W ol p e (3) 
in Fällen von Anämie, Chlorose und Neurasthenie eine Erhöhung 
der Erythrocyten- und Leukocytenzahl erreicht zu haben. 

Atypische Leukämiefälle beschreiben P a n t o n 
und Tidy (3). In vier Fällen sind die Zellen vom Typus der 
Myeloblasten oder Lymphoidocvten, in vier weiteren vom Monu- 
cytentvpus der Monocyten des Normalbluts. Der neunte Fall 
ist durch große, den Abbildungen nach breitleibige Lympho- 
cytenformen ohne Agargranula ausgezeichnet. Der letztere 
Fall ist besonders dadurch bemerkenswert, daß die Krank¬ 
heitsdauer mindestens fünf Jahre betrug, während 
sonst großlymphocytäre Formen akut zu verlaufen pflegen. Das 
Alter des Patienten betrug 47 Jahre. Als beobachtete Leuko¬ 
cytenzahlen sind 84 000 bis 107 000 pro Kubikmillimeter ange¬ 
geben. Bei den Monocytenleukämien gleichen die Zellen 
am meisten den Monocyten des Normalbluts. Sie sind oft azurophil 
granuliert, und die Kerne sind gewöhnlich stark gekerbt und 
lappig. Einzelne Myeloblasten finden sieh meist in den Präparaten, 
ferner Zellen mit Myeloblastencytoplasma und Monoevtenkern. 
Diese Zellen zeigten in einem hierauf geprüften Falle Fhagocytose 
für Kokken im Gegensatz zu Myeloblasten. Von den M velo- 
b 1 a s t e n 1 e u k ä m i e n ist Fall 2, eines 12 jährigen jungen 
Menschen, ausgezeichnet durch die seltenen Mikromyelo- 


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b 1 a s t e n. Diese Zellen zeigten im Protoplasma einen purpur- 
ähnlichen Ton, der möglicherweise ein Frühstadium von Granula¬ 
produktion darstellt. Einige der Zellen zeigten undeutliche purpur¬ 
farbige Granula. Bei der zwei Tage vor dem Tod angestellten 
Blutuutersuchung fanden sich 30 00t) Leukocyten pro Kubikmilli¬ 
meter. Die Differentialzählung ergab: 88,5 °/ 0 Myeloblasten, 9,5 °/ 0 
kleine Lvmphocyten und 2 °/ 0 Polynucleäre. Vorher wurde zwei¬ 
mal ein leukopenischer Blutbefund erhoben: 3400 bis 4600 Leuko¬ 
cyten pro Kubikmillimeter. Gefärbt w T ar nach Lei sh man. 

Ueber eigenartige Einschlüsse in den Leber¬ 
zellen in einem Falle von Lymphocytenleuk- 
ä m i e bei einem 13 jährigen Knaben, deren Beschreibung hier ein¬ 
geschaltet sei, berichtet Krjukow (5). Es handelt sich um 
eigenartige Einschlüsse im auf gequellten Zellprotoplasma in Form 
von rundlichen oder ovalen Gebilden, die in vielen Exemplaren 
eine deutliche konzentrisch geschichtete Struktur aufweisen. Die 
Substanz nimmt häufig die Form von Fasern und Fäden an, 
welche ein Netz bilden, in dem auch rundliche Gebilde enthalten 
sein können. Bisweilen sieht man im Protoplasma nur einzelne 
Bruchstücke der Fäden in Form von Häkchen und Kommas. Die 
Dimensionen der Einschlüsse sind ziemlich einförmig, jedoch sind 
manche sehr klein, andere dagegen so groß, daß sie bisweilen die 
Größe des Zellkerns erreichen. Die Gebilde färben sich deutlich 
mit Hämatoxylin, bei Färbung mit Methylgrün-Pvronin rot- 
violett, mit May-Giemsa bläulich. Außerdem gibt es noch solche 
Gewebspartien, wo das Protoplasma der Leberzellen in unregel¬ 
mäßige, eckige und rundliche, kleinere oder größere homogene 
Schölleben zerfällt, die dem Farbstoffe gegenüber sich ebenso ver¬ 
halten wie die beschriebenen Einschlüsse. Diese sind 
also wahrscheinlich protoplas ma tischen Ur¬ 
sprungs und auf dem Weg einer Nekrose ent¬ 
stände n. 

Einen eigenartigen Fall, der in das Gebiet der plasma- 
cellulären Form von Pseudoleukämie gehört, be¬ 
schreibt L. K r e i b i c h (6). Es handelt sich um den Erkrankungs¬ 
fall einer 78 jährigen weiblichen Person, dessen Krankheitsdauer 
vom Beginne bis zum Tode nicht ganz 8 l / 2 Monate betrug. Die 
Affektion begann mit einer „Watze“ des Nasenrückens, 
zu der sich dann davon unabhängig Infiltrationen der Nasenflügel 
hinzugesellten. Allmählich wurde das ganze mittlere Gesicht in¬ 
filtriert. Acht Wochen später traten am rechten Unterschenkel 
Knochenveränderungen auf, die zu Spontanfraktur 
führten, während sich gleichzeitig wieder neue Tumoren über der 
rechten Wange und in der Haut des Oberarms ausbildeten. Dann 
folgten Knochenveränderungen im rechten Sprunggelenk, in der 
linken Ulna, Tumoren in der Exeisionsnarbe der Oberaruihaut.. Ge¬ 
schwülste im Gesicht, Tumoren im rechten Humerus und Radius 
und an verschiedenen Hautstellen. Die Sektion konstatierte dann 
noch Tumoren in der linken Fibula, in den inguinalen und in 
einigen Drüsen am Halse. Das Blut war fortgesetzt normal. Nach 
dem mikroskopischen Befunde lagenTumoren von plasmacellularem 
Typus vor. Da es auch plasmacelluläre Myelome gibt, könnte der 
Fall als medulläre plasmacelluläre Pseudoleuk¬ 
ämie mit lokal malignem, mehr blastomatösem 
Charakter gedeutet werden. 

Die Cytologie der Blutzellen bei Malaria behandelt 
Rieux (7). Seine Beobachtungen beziehen sich hauptsächlich 
auf Rezidive von Tertiana- und Tropicafieber, beziehungsweise auf 
deren gemischte Krankheitsform. Das rote Blutbild steht unter 
dem Zeichen einer sekundären Anämie mit regenerativen und 
de generativen Elementen. Sehr selten wurden leere Erythrocyten 
mit Schüffnertüpfelung beobachtet. Die Plättchen sind meist ver¬ 
mindert. Den Anfällen selbst folgt eine Vermehrung der Plattchen- 
zahl (Plättchenkrise). Das weiße Blutbild, das zuweilen etwas im 
\ r n e t h sehen Sinne nach links verschoben ist, zeigt eine 
1 eukonenie (meist 2000 bis 4000 Leukocyten im Kubikmilli¬ 
meter) d e auf der Höhe des Fieberanfalls einer Hyperleukocytose 
Platz macht, in dem Moment, in welchem die Merozoiten m die 
Blutkörperchen eindringen. Wenn Leukopenie besteht, kommt 
l ese auf Kosten der polynucleären Leukocyten zustande bei 
«lMfrivoi- T vmnhocvtose und M^>nocytose. Die Mono- 
evten ( können außer* andern Einschlüssen Melanin enthalten. 

‘ yelien sind häufig. Nach Rieux dauert die Leukopenie 
bei so lange wie die Malariainfektion. Man findet sie noch, wenn 
ln Vnfälle auf gehört haben und die Parasiten verschwunden sind. 

■ \flnnrui c 1 posc (bis 25 %) kann besonders bei Anwesenheit von 
di« Diagnose der latenten Malaria 

führen. 




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Ueber Knochenmarksriesenzellen im strö- 
mendenBlute werden von H. O e 1 h a f e n (8) Beobachtungen 
mitgeteilt. Man teilte die Knoehenmarksriesenzellen nach Hoff¬ 
man n und Langerhans ein in echte Riesenzellen mit 
mehreren Kernen und Riesenzellen mit einem stark gelappten 
Kerne, die man heute nach dt o b i n als ,,M y e l o p 1 a x e n“ 
oder nach Ho well als „Megakary ocy ten“ bezeichnet 
Normalerweise sind nach der Literatur Kuochenmarksrie&enzellen 
m den Capillaren der Lunge zu finden, ferner im myeloisch-meta¬ 
plastischen Gewebe in Milz, Leber und Lymphdrüsen. Bei 
myeloischer Leukämie sind sie im Knochenmarke meist vermehrt. 

Im Blutausstriche werden die Riesenzellen nach Oelhafen ent¬ 
weder in relativ kleinen Exemplaren angetroffen oder in vor- j , v 
zerrter Form, beziehungsweise nur in ihren einzelnen Teilen, 

Kernen oder Plasmaresten, die aber noch genügend Unterschei¬ 
dungsmerkmale besitzen, um identifiziert zu werden. 0 e 1 h a f e n 
fand Riesenzellen bei c h t o n i s c h e r M y e 1 o s e 11 mal positiv, 

1 mal negativ, bei aleukämischer Myelose2mal positiv, 

2 mal negativ, bei P o 1 y c y t ä m i e 2 mal positiv, 1 mal nega¬ 

tiv, bei Leukocytosen 1 mal positiv, sonst negativ. Bei 
lymphatischen Hyperplasien und bei akuter 
myeloischer Leukämie wie bei Infektions¬ 
krankheiten (Pneumonie, Lymphogranulom) waren die Be- ' 

funde negativ. Bezüglich des Zusammenhangs der 
Blutplättchen mit Abschnürungsvorgängen m 
Protoplasma der Riesenzellen neigt der Autor der Ansicht 

zu, daß zwar Differenzen besonders im Kaliber der Granulierung 
beider Gebilde bestehen, daß aber in den Plättchen ein Ver¬ 
schmelzen einzelner Granula der Riesenzellen zu gröberen Körn¬ 
chen angenommen werden kann. Weitere Ausführungen enthält 
St. Kleins 1914 erschienene Monographie über die „Myelo- 
gonie“. 

Als Beitrag zur Cytologie der Exsudate beschreibt 
R. Kipp (9) einen Fall von tuberkulöser Pleuritis mit wech¬ 
selndem eytologiselien Befunde bei einem 66 jährigen Manne. Die 
durch Probepunktion gewonnene, fast klare und bernsteingelbe 
Flüssigkeit zeigte 17 °/ 0 Erythrocyten, 83 °/ 0 weiße Elemente. 
Letztere zerfielen in 46,3 °/ 0 Neutrophile, zum Teil atypische 
Formen (Pseudomvelocyten, das heißt große neutrophile Zellen mit 
breitem Protoplasma und einem kleinen, centralen pyknotischen 
Kerne, ferner Neutrophile mit zwei bis drei meist getrennten, zu¬ 
weilen noch miteinander verbundenen kleinen pyknotisdien 
Kernen, Zellen, die degenerierte polymorphkernige Neutrophile 
darstellen, aus denen als Teilungsprodukte die Ehrlich sehen 
sogenannten Pseudoly mphocy ten hervorgehen), jedoch 
keine echten Myelocyten, 0,2 °/ 0 zum Teil einkernige eosino¬ 
phile, 0,1 °( fl basophilgekörnte und 53,5 °( ft lym- 
phoide Zellen, unter denen man Endothelien, Myeloblasten 
und Ly mphocy ten unterschied, also ein m y e 1 o 1 e u k ä m o i d e s 
Bild. Bei der zweiten Punktion fanden sich vorzugsweise auf Kosten 
der Neutrophilen besonders die Lymphocyten vermehrt, sodaß 
von einem lymphocytär-myeloleukämoiden Bilde 
gesprochen werden konnte. 

Bei einer weiteren Punktion wurde ein lymphocv t-är- 
eosinophiler Befund erhoben, mit 7 °/ 0 Eosinophilen und 
0.5 Basophilgekörnten, auch deren myelocytären Formen. Bei 
der letzten Punktion bestand fast reine Ly mph ocy tose. 

Z.ur Erklärung dieses wechselnden Verhaltens erinnert Kipp an 
die Beziehungen der verschiedenen Leukocytenformen: der Neu¬ 
trophilen zu Bakterieneiweiß und Nucleoproteiden, der Eosino¬ 
philen zu Wurmgiftabbauprodukten und den bei Anaphylaxie au- 
tret,enden Produkten allgemein, schließlich der Lymphocyten w 
Bacterienlipoiden. 

Mit Untersuchungen über die Viscosität des Bluts 1* 

schäftigt sich M. Waisser (10). Die Bestimmungen gescham ' 

mit dem Heß sehen Viscosimeter. Außerdem wurden Hämog o' 
gehalt des Bluts sowie die Zahlen der roten und weißen 
körperchen festgestellt. Ferner wurde im Anschluß an He 
Bachmann mittels Division des Hämoglobingeualts 

durch die Viscosität (*?) der Quotient —— berechnet, welcher 

Gesunden infolge eines weitgehenden Parallelismus beider’ 
ziemlich konstant zwischen 17 und 21 liegt (normale > isc • 

Hb __ 96 — -20. 

normaler Hb-Gehalt 85 bis 90 % (Sahli), — 4 5 

Neben den bekannten Beziehungen, welche zwischen Ep 
zahl und Hämoglobin einerseits 


und V iscositätswert anders« 1 * 


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bestehen, wandte W a i s s e r seine Aufmerksamkeit dem Verhalten 
der weißen Blutkörperchen zu. Nur bei hohen Leukocytenzahlen, 
speziell bei Leukämien mit großen, myeloischen Elementen, war 
ein Einfluß im Sinne einer Viscositätssteigerung konstatierbar. 
Die Holmgrensehe Angabe, daß der Viseositätswert mit dem 
Quotienten Polymorphkernige : Lymphocyten steigt und fällt, 
glaubt Waisser nur für Tuberkulose zugeben zu dürfen, obwohl 
seine Beobachtungen sich mit denen Holmgrens zum Teil 
decken. Bei Diabetes mellitus wurden meist erhöhte Werte ge¬ 
funden, desgleichen bei Ikterus. Bei kompensierten chronischen 
Nephritiden waren die Werte normal, bei dekompensierten, die mit 
Hvdrämie einhergingen, herabgesetzt. Schilddrüsenerkrankungen 
zeigten herabgesetzte Werte, vielleicht in Zusammenhang mit ver¬ 
mehrtem Jodgehalte des Bluts. Die medikamentöse Herabsetzung 
der Viscosität durch Joddarreichung gelang Waisser in drei 
von vier Fällen. Blutkrankheiten, speziell Anämien, wiesen die 
Viscositätsveränderungen auf, die nach dem Verhalten von Hb 
und Ervthrocytenzahl zu erw r arten waren. Careinomfälle zeigten 
nichts Charakteristisches. 

Klinische Untersuchungen über das Resistenzverhal¬ 
ten menschlicher Erythroeyten bringt eine Arbeit 
von F. Ottiker (11). 

Die angewandte Methode ist die von Widal modifizierte 
Hamburger sehe Resistenzprüfung: Eine Anzahl von Zentrifugen¬ 
rührehen werden mit NaOl-Lösung von verschiedener Konzentration 
beschickt und in die Lösungen mit der S a h 1 i sehen Pipette, die mit 
einem kleinen Gebläse versehen wurde, je 20 emm Blut gebracht. Nach 
einer Stunde wurde zentrifugiert und totale. Hämolyse dann ange¬ 
nommen, wenn bei verschiedenen Präparaten in je zehn Gesichts¬ 
feldern keine intakten roten Blutkörperchen mehr gefunden wurden. 

Bei Temperaturdifferenzen zwischen 15 bis 37 0 änderte sich 
weder die minimale (0,50 °/ 0 bis 0,46 °/ 0 ) noch die maximale 
(0.26 0 (1 bis 0,22 °/ 0 ) Resistenz. Defibriniertes Blut zeigte gegenüber 
Capillarblut eine leichte Erhöhung der minimalen Resistenz, zum 
Beispiel von 0,48 °/ 0 auf 0,46 °/ 0 . Erythroeyten, die in physio¬ 
logischer Kochsalzlösung oder im eignen Serum unter sterilen Kau- 
telen 24 Stunden auf bewahrt waren, zeigten eine hochgradige 
Rcsistenzverminderung (auf 0,56 °/ 0 bis 0,58 °/ 0 bi s 
M'VJ. Erwärmen auf 47° bewirkte ebenfalls Resistenzvermin- 
deruiig. Einwirkung minimaler Saponinmengen erzeugte keine 
sichere Veränderung der osmotischen Resistenz. Hierzu ist eine 
Saponinnienge nötig, die derjenigen, welche eine beginnende 
Himolyse zu erzeugen vermag, ziemlich nahe steht. Bedeutend 
größer ist die osmotische Resistenzverminderung beim gemein¬ 
samen Einwirken von Saponin und C0 2 auf die Erythroeyten. ln 
zwei klinischen Fällen (Haemoglobinuria paroxysmalis, Anaeinia 
pcrnic.j fand sich normale Resistenz im Capillarblute, stark ver¬ 
minderte im defibrinierten. Möglicherweise beruht dies auf 
Hiimolysinverankerung während der Bearbeitung in vitro, und zwar 
in einer Menge, die an sich noch nicht genügte, Hämolyse zu er¬ 
zeugen. Auch die Saponinresistenz der Erythroeyten wird durch 
vermehrten CO s -Gehalt derselben herabgesetzt. Herabgesetzte 
osmotische Resistenz der Erythroeyten ist irreversibel, wenn 
de durch Erwärmen auf 45° oder C0 2 -Wirkung herbeigeführt war. 
öffenbar bewirken die betreffenden Agentien eine direkte chemische 
Prämierung der Erythroeyten, beziehungsweise irgend eines 
Kunstituanten der Mischung von absorbierenden Kolloiden des 
Stromas, die zu einer Aenderung der Adsorptionsfähigkeit für 
Hämoglobin führt. Auch die Verminderung der Saponinresistenz 

Erythroeyten durch C0 2 -Einwirkung ist nicht reversibel, so- 
daß auch für die Saponinhämolyse kolloidchemische Verhältnisse 
anzunehmen sind. 

Eine weitere Arbeit auf diesem Gebiete führt in das Kapitel 
der experimenellen Physiologie und Pathologie. 

A. Kagan (12) stellte Versuche über die Erythro- 
eytenresisten zgegenüber Saponin in verschiedenen 
Medien sowie bei Vergiftung mit Saponin selbst an. Es wurden 
‘Vrien von Saponinlösungen in 0,9°/ (1 iger CINa-Lösung sowie in 
IfcOtonischer) 8°/„iger Rohrzuckerlösung hergestellt und die 
Resistenz von gewaschenen normalen Kaninchen- und Hamrnel- 
erythroeyten gegenüber ersteren festgestellt. Es ergab sich eine 
erhöhte Saponinzuckerresis tenz gegenüber der 
Saponinkochsalzresistenz. Nach teils subcutaner, 
teils intravenöser Einverleibung von 35 mg Saponin 
fand sich beim Kaninchen keine R e s i s t e n z s t e i g e r u n g 
der Erythroeyten gegenüber Saponin, dagegen eine geringe Ver¬ 
minderung. Auch nach Cyclaminvergiftung war eine Resistenz- 
Steigerung gegenüber Saponin nicht feststellbar. Auffallende 


morphologische anämische Veränderungen konnten im saponiu- 
vergifteten Tiere nicht nachgewiesen werden. 

Zur Pathogenese des hämolytischen Ikterus 
bringen Daumann und Pappenheim (13) experimentelle 
Beiträge. Sie fanden, daß beim Hunde die Injektion von 
arteignem Lackfarbenblute, defibriniertem Blut oder gewaschenen 
arteignen Erythroeyten nicht zu Cholurie führt. Wohl aber läßt 
sich Cholurie herbeiführen, wenn man mit der Einverlei¬ 
bung von defibriniertem oder gewaschenem 
Blut eine Toluylendiamininjektion kombiniert, 
beziehungsweise der ersteren Applikation folgen läßt, und zwar in 
einer Dosenhöhe des Toluylendiamins, die für sieh allein nicht zu 
Cholurie führt. Der negative Ausfall, das heißt das Ausbleiben 
der Cholurie, bei Verwendung von lackfarbenem Blut und 
kleiner Toluylendiamindosis wird auf zu schnelle Diffusion des ge¬ 
lösten Hämoglobins durch das Milz- und Nierenfilter zurückgeführt. 
Auf die ausführlicheren Erörterungen der Autoren über hämo¬ 
lytischen Ikterus kann hier nur verwiesen werden. 

Während durch Applikation genügender Dosen von Toluylen¬ 
diamin beim Hund eine Vergiftung hervorgerufen wird, die mit 
Ikterus einhergeht, fehlt hei der Toluylendiaminvergiftung des 
Kaninchens die Gelbsucht, und zwar auch dann, wie Versuche 
A. L. v. Friedrichs 1 ) zeigen, wenn man der Einverleibung des 
genannten Giftes Kollargolinjektionen vorausgehen läßt. 

Das Toluylendiamin gehört zu den sogenannten ..p las- 
mo tropen“ Giften, das heißt solchen, welche nicht direkt hämo¬ 
lytisch wirken, sondern auf indirektem Wege. Die Erklärung des 
T o 1 u y 1 e n d i a m i n i k t e r u s beim Hunde wurde in 
Frankreich zum Teil in der Annahme einer Leberhyperaktivität 
und der Entstehung einer besonders hohen Fragilität der Erytliro- 
cyten gesucht, des näheren in einer besonders starken hämo¬ 
lytischen beziehungsweise resistenzherabsetzenden Wirkung der 
Milz und des Knochenmarks; auch die Leber kam in Krage. Ls 
zeigte sich in Reagensglasversuchen von Milos Netou- 
§ek (14), daß der Milzextrakt toluylendiaminvergifteter (und nor¬ 
maler) Hunde weder eine hämolytische noch eine resistenzverän¬ 
dernde Wirkung auf arteigne normale oder giftanämische Erythro- 
cyten hat. Dagegen hümolysiert Toluylendiaminhundeserum nor¬ 
male Hundeerythrocyten, sodaß es anscheinend gewisse iin Blut¬ 
plasma suspendierte Stoffe sind, die eine zum Ikterus führende 
Hämolyse verursachen. Nach Milos Net o u s e k tritt deutliche 
Hyporesistenz der Erythroeyten nur bei schweren Toluylendiamin- 
Vergiftungen der Hunde auf, sonst zeigt das Verhalten der 
Resistenz keine wesentliche Abweichung von der Norm. 

Mit der Frage der experimentellen myelois c h e n 
Milzmetaplasie und der Wirkung von Toluylen¬ 
diamin beschäftigt sich eine Arbeit von R. Hertz (15). Der 
Autor steht auf dem Standpunkte, daß die extramedulläre 
B 1 u t b i 1 d u n g keine vicariierende regenerative 
Erscheinung darstellt, sondern auf die m y e 1 o m e t a - 
plastische Wirkung eines Giftes zurüekzuführei. ist. 
Bei 11 a m i s Versuchen, der Kaninchen durch Aderlässe anämisiert 
und dann lackfarbenes Kaninchenblut injiziert hatte, scheint 
diese Giftwirkung durch Erythroeytenzerfallsprodukte hervor¬ 
gerufen zu werden. Hertz fand keine myeloische Milzmetaplasie 
in Kaninehenversuchen, w r enn er Tiere anämisierte und körpereignes 
Blut intraperitoneal oder subperitoneal injizierte oder körper¬ 
fremdes Kaninchenblut wiederholt injizierte, auch dann nicht, Avenn 
Aderlässe des Versuchstiers vorgenommen wurden. Dagegen 
w r urde myeloische Milzinetaplasie nachgewiesen bei Kaninchen, 
denen zwecks Erzeugung von Hvperglobulie ganz kleine Mengen 
Toluylendiamins subcutan injiziert waren. 

Chemische Untersuchungen über die Zusammensetzung der 
Heinzkörperchen der Erythroeyten, welche bei Tieren auf- 
treten, die mit Phenylhydrazin vergiftet sind, enthält eine 
auf Veranlassung von Morawitz durchgeführte Arbeit von 
F. Heuer (16), welche über die Zusammensetzung der genannten 
Gebilde zu andern Gesichtspunkten gelangt als die vorigjährige 
(1913) Arbeit K u n k e 1 s. Heuer nimmt an, daß die Heinz¬ 
körperchen bildung fast ausschließlich aus Eiweißstoffen erfolgt, 
die keinen Phosphor enthalten, daß der gefundene Nueleinphosphor 
daher auf das Stroma zu beziehen ist. Der Gehalt des Sediments 
an Phosphorsäure (P 2 O ß ) schwankt zwischen 0,6 und 2 0 „ der 
Trockensubstanz. Davon dürften über 50 % Nueleinphosphor 
sein, etw r a 5 bis 20 °/ 0 sind Lipoidphosphor, der Rest anorganischer 
Phosphor. Der Gehalt an Cholesterin beträgt 2 bis 6,5 der 

') Fol. lmemat. Bd. 18. H. 4. f 


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402 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


Stickstoffgehalt 9,8 bis 14,2 °/ 0 der Trockensubstanz. Ein Phosphor¬ 
proteid (Nueleo-Albmnin) scheint nicht vorhanden zu sein. 

Während man im allgemeinen die hauptsächlichste Quelle 
für die Entstehung des Urobilinogens in der Reduk¬ 
tion des Bilirubins durch die Darmbakterien annimmt, entbehrt 
die Frage der Möglichkeit der direkten Bildung 
von Urobilinogen und Urobilin aus Hämoglobin 
noch genügender experimenteller Unterlagen. Versuche in der 
letzteren Richtung bringt eine Arbeit von Giovanni 
Q u a d r i (17). Dieser Autor mischte Hämoglobinlösungen aus ge- ! 
waschenen Ochsenblutkörperchen mit Kulturbouillon und säte in | 
jede Röhre eine Oese einer 24 sttindigen Bouillonkultur von 
Typhus, Paratyphus A und B, Colibacillus, M. melitensis, B. dys- 
enteriae (S h i g a - K r u s e), Streptococcus, Staphylococeus, Ba¬ 
cillus aeidi lactici und Diplococcus Fraenkel. Die Röhren wurden 
bei 37° im Dunkeln gehalten und in wechselnden Abständen, an¬ 
fangs in Tagen, bis zu einem Monat sowohl spektroskopisch wie 
chemisch untersucht. Die Umwandlungen, welche das Hämoglobin 
erfuhr, gingen in keinem Fall über das Methämoglobin und das 
Schwefelhämoglobin hinaus. Es wurde durch die Einwir- 


4. April. 


k u n g der Bakterien in vitro k eine U rn w a n d 1 u n g 
von Hämoglobin in Urobilin erhalten. 

Beobachtungen über das Verhalten des normalen 
j Hundeblutes sind in einer Arbeit von J. H. Muss er mul 
! L. B. Krumbha a r (18) enthalten. Bei 47 Hunden wurden 5,978 
Millionen Erythrocyten und 98% Hb (nach Fleischl) als 
Durchschnittszahlen festge: eilt. Als durchschnittliche Lcuko- 
eytenzahl wurde 15 900 gefunden. Die Leukocytendifferential- 
zählung ergab von 22 Hunden folgendes Durehschnittsbild: Poly- 
nucleäre 66,6 °/ n , Lymphocyten (kleine) 22,1°/ n , große Mononucleäre 
und Uebergaugsformen 0,8 °/ 0 , Eosinophile 5 °/ 0 , Mastzellen 
selten. Die« durchschnittliche Resistenz von ungewaschenen Ery¬ 
throcyten 22 normaler Hunde war wie folgt: Beginnende Hämo¬ 
lyse bei 0,462 °/ 0 OlNa, vollständige bei 0,33 °/ 0 CINa. 

Die Fehlerquellen der Blutkörpe'rchenzählung und 
deren Vermeidung behandelt Roerdansz (19). Der Autor be¬ 
schreibt sein neues Instrument, welches nach dem Prinzip der 
Thoma-Zeißschen Pipette konstruiert, aber mit einem besonderen 
Mischraum oberhalb des oberen (kurzen) Capillarrohrs ver¬ 
sehen ist. (Schluß folgt.) 


Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 79/5, Nr. 12. 

Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Aus 

der an und liir sich guten antiekzernatösen Diachylonsalbe Hebras läßt 
sich eine Paste nicht herstellen, wohl aber aus der Zinksalbe Wilsons, 
und zwar einfach durch Hinzufügen von je 10% Schwefel und Kreide. 
Gegenüber den Ekzemkokken versagt nicht bloß die Borsalbe, sondern 
jedes gewöhnliche Antisepticum. Dagegen sterben diese ab unter dem 
Einflüsse von eintrocknenden und reduzierenden Mitteln. 

Meyer (Königsberg): Die Frage der Laminektomie bei Schuß- 
verletznngen vom neurologischen Standpunkt In allen Fällen von Schu߬ 
verletzungen der Wirbelsäule mit spinalen Folgeerscheinungen sollte, 
wenn nicht sehr bald weitgehendste Besserung eintritt, ein frühzeitiger 
operativer Eingriff zum mindesten sehr ernstlich erwogen und, wenn 
irgend angängig, ausgeführt werden. 

Salkowski (Berlin): lieber die Deckung des Eiweißbedarfs im 
Kriege. Die größere Morbidität und geringere Lebensdauer der ärmeren 
Bevölkerung unter andern hängt auch von einer zu geringen Zufuhr des 
teuren Eiweißes ab. Die Quellen des Eiweißes für die ärmere Bevölke¬ 
rung sind, abgesehen vom Fleisch und den Kartoffeln, die Aufnahme des 
Eiweißes im Brot, ferner Magermilch und Magerkäse, Heringe. Relativ 
billiges Eiweiß ist in den Hülsenfrüchten vorhanden. Ein gutes Fleisch- 1 
ersatzmittel ist schließlich das Blut der geschlachteten Tiere und die ; 
daraus herstellbaren, für die menschliche Ernälirung geeigneten Produkte. 

Pel (Amsterdam): Familienmagenkrebs. In einer Familie, in 
welcher bisher niemals Krebsfälle vorkamen, starben von sieben Kindern 
fünf i durch Magenkrebs, ohne daß für die Entwicklung der Krankheit 
disponierende Momente (Alkoholmißbrauch, Trauma) mitwirkten. Der 
Verfasser behandelte außerdem eine Kranke, welche mit Symptomen von 
Oesctphaguskrcbs kam, von deren acht Geschwistern eine Schwester im 
Aitel von 66 .Jahren an Magenkrebs und ein Bruder, 68 Jahre alt, nn 
Oesojphnguskrebs starben; von der gesund gebliebenen Schwester starb 
gleichfalls eine Tochter, 40 Jahre alt, an Magenkrebs und zwei Brüder 
jhrei Mutter an Carcinoma faciei und Carcinoma faciei et linguae, während 
der Vater (40 Jahre alt) an Magenkrebs und drei Brüder des Vaters 
irlcichfalls an Krebskrankheit gestorben sind; das sind also neun bis zehn 
Fülle} von Krebs in einer Familie, davon sechs in zwei Generationen. 
Bekannt ist außerdem die Disposition zu Krebs in der Familie Bonaparte. 
Die statistische Krcbsuutersuchung (1900 in Holland 878 Personen) konnte 
in 10% der Fälle bei den Eltern und Großeltern Krebs nachweisen, und 
in 1^,1% in der Familie überhaupt. 

Wiewiorowski: Die Blutstillung auf dem Schlachtfelde. Not¬ 
wendige Unterbindungen müssen in der Wunde vurgenommen werden; 
es ist jedoch ein Fehler, auf dem Truppenverbandplatz in der Wunde j 


sehe 
offizi 
oder 

dom Truppenverbandplatz ist zu widerraten. Der Abtransport bei jeder 
Blutung ist vorsichtig, möglichst durch Tragen, zu bewerkstelligen, doch 
sind die Grenzen der Transportfähigkeit möglichst weit zu stecken. Auf 
ruhige Lagerung (eventuell fixierender Verband) und sorgfältige Aus¬ 
füllung der Verwundetentäfelchen ist besonderer Wert zu legen. Bei 
Venepblutungen ist in die Wunde ein Tampon einzulegen und die äußere 


zuzerren und geronnene Blutmassen auszur.mmen. in einzelnen ! 
läßt man am besten eine angelegte Klemme liegen. Die Esnmrch- ! 
Blutleere ist nur durch Aerzte oder sehr geübte Sanitätsunter- j 
»re anzulegen; vor der Anlegung der Blutleere durch Krankenträger 
Laien ist zu warnen. Die Unterbringung am Orte der Wahl auf 


Wunde fest zusammenzuziehen. Im Feldlazarett ist unmittelbar nach der 
Einlieferung Ausgebluteter die Kocbsalzinfusion zu empfehlen. 

Indemans (Maastricht): Hypertrophia congenita glandularum 
salivarium cum lymphomate colli congenito. In den mitgeteiltcn Fällen 
fand sich eine angeborene starke Hypertrophie der Speicheldrüsen neben 
einer cystischen Lymphgeschwulst im Halse. Das Kind war stertorös 
und beim Zappeln und Schreien entstand sofort eine ziemlich heftige 
Cyanose des Gesichts. Es starb an akutem Magendarmkatarrh. 

Gigon (Basel): Bemerkungen über die Kost der Arbeiter. Wichtig 
ist weniger die quantitative (Gesamtstoffbedarf, Gesamtgewicht) als die 
qualitative Zusammensetzung der Kost. Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 12. 

Hugo Ribbert (Bonn): Die funktionelle Brauchbarkeit nekroti¬ 
scher Gewebe. Während Weichteilnekroson als tote Massen nichts mehr 
leisten, sondern lediglich zu unbrauchbaren, als Fremdkörper wirkenden 
Substanzen geworden sind, und als solche, wenn sie rings in lebende 
Teile eingeschlossen sind, resorbiert oder durch neugebildetes Binde¬ 
gewebe ersetzt werden, kann die abgestorbene Knochensubstanz auch im 
toten Zustand ihren mechanischen Anforderungen genügen. So ist es 
auch bei der Transplantation. Als weitere Beispiele führt der Verfasser 
an: Die mit zunehmendem Alter so häufige Verkalkung des Tracheal- 
und Bronchialknorpels, der, soweit er Kalk enthält, abgestorben ist. Auch 
hier sieht man nicht die geringsten Anzeichen einer Sequestierung, wohl 
aber einen teilweisen Ersatz der verkalkten Teile durch Mark- und 
Knochengewebe. Aber in seinem größten Umfange bleibt der abgestor¬ 
bene Knorpel bestehen und genügt den Ansprüchen eines Stützapparats. 
Ebenso ist es mit den verkalkten Abschnitten der Media von Arterien. 
Es handelt sich dabei ebenfalls um nekrotisches Gewebe, das, wie nach 
Entkalkung deutlich hervortritt, in die Continuität eingefügt bleibt und 
die äußeren Formen der Wand erhalten und stützen hilft. Die hierdurch 
erwiesene Möglichkeit einer dauernden mechanisch-fuDktionellen Einfügung 
toten Gewebes in lebendes erfährt noch durch experimentelle Unter¬ 
suchungen des Verfassers, die eingehender erwähnt werden, eine weitere 
Stütze. 

Heinrich Loeb (Mannheim): Salvarsannatrium. Das Präparat, 
das ebenso leicht und bequem anwendbar ist wie das Neosalvarsan, hat 
sich dem Verfasser sehr bewährt, und zwar meist in Dosen von 0,3 oder 
0,45. Immer wird gleichzeitig Quecksilber verabfolgt, meist in Form von 
1 [ydrargymm salicylicum- oder Mercinolinjektionen, und zwar wöchentlich 
zwei Hg-Injektionen und eine Salvarsannatriuminfusion auf die Dauer 
von 4 bis 5 Wochen. 

H. Weitz (Bardenberg b. Aachen): Zar sabdiaphragmafischen 
Herzmassage. Da sie sehr angreifend, sogar gefährlich ist, darf sie erst 
dann angewandt werden, wenn Zungentraktionen, künstliche Atmung, 
präkordiale Herzmassage (rhythmische Stöße mit der flachen Hand auf 
die Herzgegend!) nicht mehr zum Ziele führen. Gelegenheit dazu gab 
dem Verfasser eine Chloroformnarkose, bei der es nicht zu der respira¬ 
torischen, blauen, sondern zu der ungleich gefährlicheren circulatori- 
schen, weißen Synkope kam. Darauf: Desinfektion des Epigastriums 
mit Jodtinktur, Laparotomie durch Mittelschnitt, bei dem keim Tropfen 
Blut floß, Eingehen mit der rechten Hand gegen das Zwerchfell hin, da9 
vollständig schlaff war, Erfassen der Herzspitze mit der rechten Han 
und Ausführung der subdiaphragmatiachen Herzmassage, die teilweise 


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L April. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 403 


binianuell war, indem die auf die Präkordialgebend aufgelegte linke Hand 
die im Bauche befindliche unterstützte. Nach etwa drei Minuten plötz¬ 
licher Schlag gegen tlie Hand des Massierenden: Das Herz schlug wieder. 
Auch die Atmung setzte wieder ein. Der Erfolg hielt aber nur 
30 Stunden an. Dann trat der Exitus ein 

\V. Gross (Harburg-E.)' Zur Behandlung von Rippenbrücheru 
Empfohlen wird ein einfacher Heftpflastcrverband, der in der Form eines 
Laagsstreifens von Heftpflaster unterhalb der Bruchstelle beginnt und 
dann über die entgegengesetzte Schulter zieht. 

Tietze und Korbsch: Zum Kapitel der Gasphlegmone („Gas- 
phlegmone der Pia mater“). An der Hand eines recht seltenen Falles 
von Tangentialschuß der linken Stirnseite, wobei es zu einer durch 
direkte Einimpfung erzeugten „Gasphlegmono der Pia mator“ kam, 
empfehlen die Verfasser, bei jedem Tangentialschuß, der frisch zur 
Behandlung kommt, die Wunde zu erweitern oder zu exzidieren. Ergibt 
die Revision des Knochens eine auch nur oberflächliche Verletzung 
dieses, so solle man trepanieren. Handelt es sich um eine Hirnzertrüm¬ 
merung, so müssen die zertrümmerten, mit Blut versetzten und ver¬ 
backenen Massen reinlich, aber schonend (durch Ansaugen, Berieseln mit 
Wasserstoffsuperoxyd) entfernt werden. 

Heppe (Guntershausen bei Kassel): Vereinfachung und Verbesse¬ 
rung der maschinellen Gymnastik durch die Heermannschen Apparate. 
Es handelt sich hierbei um ein neues System von Bewegungsapparaten, 
das vor den Zanderapparaten und ähnlichen Systemen außerordentliche 
Vorzüge aufweist, die der Verfasser hervorhebt. Einige dieser He er¬ 
mann schon Apparate werden beschrieben und durch Abbildungen er¬ 
läutert. Während die Anschaffung der notwendigsten Zanderappnvate 
wenigstens 1500 M kostet, werden die sämtlichen Heermannschen 
Apparate in dauerhafter Ausführung von B. Braun in Melsungen zum 
Preise von 300 M geliefert. 

Richter (Königsberg i. Pr.): Die Bekämpfung der Kriegsseuchen. 

Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königs¬ 
berg i. Pr. am 21. Dezember 1914. 

Hilmar Teske: Die Bekämpfung der Läuseplage, insbesondere 
mit Behelfsdampfdesinfektionsapparaten. v. Drigalski warnt vor An¬ 
wendung der ätherischen Oele gegen Läuse, weil man damit die Läuse 
von einem Befallenen durch die ganze Kompagnie treiben könne. 
Resser ist cs, wenn Läuse in einer Truppe drin sind, die Besatzung des 
ganzen Schlafraums (Unterstands) herauszuziehen. Der Unterstand wird 
dann dadurch gereinigt, daß man das ganze alte Stroh entfernt, Wände, 
Decken und Boden mit Spaten abschabt, den Kehricht mit Sublimat 
besprengt und ihn dann vergräbt. Die befallenen Mannschaften werden 
in einen Revierraura gebracht, wo sie sich gründlich abseifen, dann er¬ 
halten sie reine Hemden und werden in die Decken des Sanitätswagens 
gebettet. Ein gutes Mittel ist auch das Bügeln der Kleider über einem 
feuchten Tuche, wobei der entstehende Dampf auch die Nissen abtötet. Es 
ist aber zeitraubend und verlangt einen guten Bügler. Am sichersten 
wirken die Dampfdesinfektionsapparate. Der beste Behelfsapparat besteht 
aus einer Lokomobile, aus deren Kolbcncylindcr der Dampf mittels Blei- 
rohrs in einen Desinfektionsvaum geleitet wird. Dieser wird genau be¬ 
schrieben. Der Verfasser erwähnt dann zum Schlüsse die von ihm her- 
gestelite „Lauseahwehrkanone*. Ein französischer Kochkessel mit Unter- 
feuening wird mit Wasser beschickt, auf den Hand kommt eine Tonne 
160 cm Bodendurchmesser). Der Boden der Tonne ist durchlöchert, der 
Dockei aber nicht Mit zwei solchen Apparaten hatte der Verfasser die 
Kleider von 20 Leuten in fünf Stunden desinfiziert. Wenn man die 
Kleider einige Zeit in einem warmen Raum läßt, bevor sie in den 
Apparat kommen, ist Kondenswasser nicht zu fürchten. Tornister (das 
Leder) werden mit Sublimat abgerieben. Man darf nicht vergessen, 
die Kleider nach dem Desinfizieren auszuklopfen. 

F. Rabe (Sonderburg): Zur Bekämpfung der Läuseplage. An- 
peiegenüichstc Empfehlung von gemahlenem schwarzen Pfeffer zur Ver- 
tveibung von Ungeziefer fast jeder Art. Das unverfälschte Pfefferpulver 
'yrd in "Wäsche und Kleidung gestreut (nicht auf den nackten Körper). 
L-> ist auch das idealste Mottenpulver in Kleiderschränken, für Stoff- 
n "ibd, Pelzwaren. Man soll daher jedem Feldpo.st.paket eine Zehnpfennig- 
Rk'cliscliaditel voll Pfefferpulver mit kurzer Gebrauchsanweisung bei- 
fücen Gegen Filzläuse ist 30°/ 0 iges Unguentum cinereum (in Blech- 
schachteln) am bequemsten. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 12. 

"W.Pfeiler und G. Scheyer (Bromberg): lieber die gleichzeitige Var« 
Wendung des Hämolysins and Hämagglutinins als Indikatoren bei der Kom- 
plementablenkungsreaktion zur Peststellung der Syphilis. Die Verfasser he- 
nutzten für ihre Versuche Pferdekomplement in Verbindung mit alko- 
10 *»chcm Ochsenherz-Cholesterinextrakt uad Rinderserum und verwandten 
2ur Sichtbarmachung des Eintritts der Ablenkung eine l ü /o igo Meer¬ 


schweinchenblutaufschwemmung, und zwar nur einen Tropfen. In dieser 
Weise prüften sie eine ganze Anzahl von Seren, die teils von Gesunden, 
teils von Syphilitikern oder andern Kranken stammten, und erhielten fast 
stets Resultate, die mit den Ergebnissen der Komplementablenkung nach 
Wassermann übereinstiramten. Ja sie fanden sogar, daß bei der 
Kombination von Komplementbindung und Hämagglutination der Anti¬ 
körpernachweis bei allen positiven Seris noch bei bedeutend kleineren 
Serummengen deutlich wird, als dies bei der Ablenkung allein der Fall ist. 

W. Plange und H. Schmitz (Dresden): lieber das Vorkommen 
und die Verbreitung von Diphtheriebacillen im menschlichen Körper. Zur 
Erzielung einwandfreier Resultate ist äußerst wichtig, daß die Organe 
unmittelbar nach der Entnahme aus dem Körper untersucht, also sofort 
aus dem Sektionsraum und von der Diphtherieleiche entfernt werden. 
Auch besteht ein Unterschied bei traeheotomierten und nicht tracheoto- 
raierten Füllen, da durch den Luftröhrenschnitt eine leichtere Verbreitung 
der Krankheitskeirae über den Körper möglich ist. Auf Grund ihrer 
Untersuchungen ziehen die Verfasser den Schluß, daß bei tödlich ver¬ 
laufenden Diphtherien die Bacillen wohl in die Organe des Körpers ein- 
dringen können, daß dies aber bei nicht traeheotomierten Fällen zum 
mindesten zu den Ausnahmen gehöre. 

Rail (Eppendorf): lieber das Vorkommen von Diphtheriebacillen 
in Herpesbläschen bei Diphtherie. Der Nachweis gelingt bei einer relativ 
großen Zahl von Patienten, und zwar bei leichten, ganz besonders aber 
bei schweren Fällen. Irgendwelche prognostische Bedeutung kommt aber 
diesem Befunde nicht zu. Die Bacillen sind auch nicht das ausschlag¬ 
gebende Moment für das Auftreten eines Herpes, sondern ganz andere 
Einflüsse (mechanische, toxische oder neuritische). Die Infektion der an 
sich sterilen Herpesblasen mit Diphtheriebacillen kann nur sekundärer 
Natur sein, sie erfolgt auch nicht au! dem Blut- und Lymphwege — nur 
äußerst selten fanden sich im Blute Diphtheriekranker Bacillen — sondern 
von außen her. Durch das Aufschießen von Blasen wird nämlich die 
oberste HauDchichfc durch Lockerung des ZeUverbandes geschädigt, auch 
wird die Umgebung von Mund und Nase mit reichlichem Sekret bespült 
und dadurch die Haut erheblich raaceriort. 

V. Engelmann (Hamburg): Zar Frage der sogenannten Diphtherie- 
bacillenträger. In erster Linie muß die Nase untersucht werden. In 
dieser finden sich oft bei klinisch gesunden Individuen reichlich Diphtherie¬ 
bacillen. 

Georg B. Gr über (München): Zur Kasuistik und Kritik der 
umschriebenen Muskelverknöcherung (Myositis ossilicans circumscripta). 

Es handelt sich um Verknöcherungen im Bereiche von Muskelschüssen 
oder Muskelstichverletzungen. Dabei kann gelegentlich das Projektil 
oder der Metallsplitter im Gewebe liegen bleiben und hier von einem 
Knochenmantel umschlossen werden. Für die Entstehung der Muskel¬ 
knochen ist die traumatische Einwirkung als ursächlicher Faktor be¬ 
kannt. Doch ist das Trauma nicht der alleinige Grund zur Muskel¬ 
verknöcherung. Anscheinend spielt der Kalksalzwechsel im Organismus 
eine große Rolle bei der Disposition zur Verknöcherung. 

L. W. Weber (Chemnitz): Zur Entstehung der Unfallneurosen. 
Das Schicksal der „Unfallncurosen“ wird durch die erste Untersuchung 
und Begutachtung bestimmt: was dabei an Erweckung von Krankheits¬ 
vorstellungen durch den Arzt zuviel getan oder an Erhebung eines ge¬ 
nauen Nervenstatus versäumt wird, kann später kaum mehr gut gemacht 
werden. Die Nachuntersuchungen gipfeln ja immer in der Frage, ob seit 
der letzten Begutachtung eine Besserung eingcirctcn sei: wenn aber das 
vorausgehende Gutachten überhaupt keine objektiven Symptome enthält, 
ist es schwer, eine Besserung zu konstatieren. 

Hans L. Heusner (Gießen): Ueber die Verwendung von Pikrin¬ 
säure bei Verbrennungen and Erkrankungen der Hanf. Da die Pikrin¬ 
säure auf der Haut eine gerbende Wirkung ausübt, empfiehlt sie sich 
bei Verbrennungen. Der Verfasser verordnet: Pikrinsäure 2,0 GIvkasine 
(Beiersdorf) ad 100,0. Eine solche fertig zusammengesetzte Mischung 
kommt in Tuben als „Pikrasine“ in den Handel. Ara besten ist es, das 
Präparat,, ehe noch Blasenbildung entsteht, unmittelbar nach der Ver¬ 
brennung aufzutragen. Es tritt dann meist gar keine Blasenbildung ein. 
Man streiche die Pikrasine auch noch auf dio Umgebung der Brandstelle 
dünn auf. Nach 10 bis 15 Minuten kann man den Uebersehuß weg- 
wischen. Dio gelbliche Verfärbung der Haut verschwindet allerdings erst 
nach längerer Zeit. Auch bei schwereren Verbrennungen kann man auf 
eine bereits bostehende Wuudfläche das Präparat aufstreichen. Es kommt 
dann zur Schorfbildung. Auch bei Furunkulose, Ulcera cruris, nässenden 
Ekzemen und dergleichen hat sich die Pikrasine bewährt. 

Fehl ärztliche Beilage Nr. 12 . 

H. A. Gins und E. Selig mann. Zur Bakteriologie des Typhus 
im Kriege. Es scheint, als ob unter den Bedingungen im Felde die 
Typhusbacillen die Tendenz haben, länger im Blute selbst zu verweilen 
als in Friedenszeiten. Man findet sie in allen Stadien der Erkrankung 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


relativ häufig im Blute. Damit rückt die Blutkultur an die erste Stelle 
aller bakteriologischen Untersuchungsmethoden; die Stuhluntersuchung 
bleibt als Hilfsuntersuchung bestehen, gewinnt ihre Hauptbedeutung aber 
erst als Kontrolle der bakteriologischen Genesung. In einer groben 
Zahl von Fällen fand sich ein erheblich verspätetes Auftreten der Typhus- 
agglutinine im Blutserum der Erkrankten. Daraus folgt, daß auch ein 
längeres Negativbleiben der Gruber-Widnlschen Reaktion durchaus nicht 
gegen die Typhusnatur der vorliegenden Erkrankung zu sprechen braucht. 

Otto Jüngling: Zur Versorgung der Oberschenkelfrakturen Im 
Felde. Man soll sobald wie möglich immobilisieren, nicht nur, um dem 
Verwundeten Schmerzen zu ersparen, sondern um dem Ausbruche der 
Infektion vorzubeugen, ln den vom Verfasser beschriebenen ungenügend 
immobilisierten Fällen konnte die nachweisbare Temperatursteigerung nicht 
auf Sekretverhaltung zurückgefiihrt, mußte vielmehr der mangelnden Ruhig¬ 
stellung zugeschrieben werden. Die richtige Versorgung der Oher- 
schenkelschußfraktur ira Felde, die nur für den Heimtransport genügen 
soll, kann aber nicht durch irgendeine Schienenkonslruktion erfolgen. 
Es empfiehlt sich vielmehr einzig und allein eiu Gipsverband in Semi¬ 
flexion mit Fenster und offene Wundbehandlung. (Bei der Semiflexion 
nach Zuppinger wird eine gleichmäßige Entspannung aller Muskel- 
gnippen erreicht und die Gelenkfunktion am wenigsten geschädigt.) Durch 
den gefensterten Gipsverband läßt sieh eine vollständige Ruhigstellung 
erzielen, die auch beim Verbandwechsel nicht gestört wird. 

Albert Angerer: Zur Behandlung der Oberschenkelfrakturen. 
Verwundete mit Oberschenkelfrakturen sollen möglichst rasch in stabile 
Lazarette transportiert worden, wo sie bis zur endgültigen Heilung 
bleiben können. Daselbst sollen sie durch Extension in Semiflexion be¬ 
handelt werden. 

Wilhelm Danielsen (Beuthen O.-Schl.): Zur Behandlung der 
Oberschenkeibruchc im Felde: der Drahtschienen-Gipsverband. Es handelt 
sich um eine Verbindung des Gipses mit einem Drahtgeflechte, das durch 
einen Strebepfeiler verstärkt wird und so eine ungeheure Festigkeit er¬ 
hält. Der Verband fixiert und extendiert den Bruch. Er läßt lange 
und schwierige Transporte zu und kann bis zur Aufnahme in ein Heimat- 
lazarett liegen bleiben. 

K a h 1 e y s s (Dessau): Apparat zur leichten und sicheren Reposition und 
Fixation schwerer Frakturen der Extremitäten. Nach einer auf dem Kriegs¬ 
ärztlichen Abend der Leipziger Lazarettärzte gehaltenen Demonstration. 

Lenz (Gießen): Zur Behandlung der Kriegsbrüche des Ober¬ 
schenkels. Empfehlung der Bruns sehen Schiene für den Oberschenkel. 
Sie stemmt sich mit einem gepolsterten Ringe gegen das Becken. Unter¬ 
schenkel und Fuß werden als Angriffsstelle der Extension benutzt, die 
ihren Halt an dem die beiden Längsstäbe der Schiene verbindenden 
Querholze findet. Die zwischen den beiden Stäben durchgezogenen Gurte 
sichern dem verletzten Gliede bequeme Auflage. Der Apparat scheint 
für den ersten Transport das einzige bis jetzt wirklich praktische Hilfs¬ 
mittel zu sein. (Außerdem braucht mau nur noch ein paar Streifen Heft¬ 
pflaster.) ln wenigen Minuten kann so ein komplizierter Oberscheukol- 
bruch transportfähig gemacht werden. 

Arnold Wittek: Zur Behandlung der Erfrierungen. Die Be¬ 
handlung der Erfrierungsnekrosen besteht in dem Verfahren, das Noesske 
zur Verhütung der Nekrose schwer gequetschter und nur an einer 
schmalen Hautbrücke hängender Finger angegeben hat: Queres Ein- 
sohneiden über die Fingerkuppe bis auf den Knochen, der Ausdehnung 
der Endphalange entsprechend. Dadurch wird die venöse Stase behoben 
und ein zentrifugaler Blut-und Saftstrom ermöglicht. Bei dieser Methode 
tritt die phlegmonöse Komplikation der Erfrierungen gar nicht ein. Es 
entsteht so die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Abtragung der endgültigen 
Nekrose beliebig weit hinauszu.schieben. Schließlich trägt man eine, von 
gesunden Granulationen wohl abgegrenzte Nekrose von nur geringer 
Ausdehnung ab. 

Ed. Bundschuh (Freiburg i. B.): Ueber die Behandlung der Er¬ 
frierungen von Fingern und Zehen. Empfehlung der Noesskescheu 
Methode, wodurch die drohende Gangrän nach Erfrierungen vermieden 
wird. Der Gedanken gang, der dieser Behandlung der Erfrierungen zu¬ 
grunde liegt, ist, dem venösen Blute, das gestaut ist, durch Incisionen 
Abfluß zu verschaffen; das arterielle Blut kann dann ungestört zufließen, 
die erfrorene Partie wird dadurch richtig ernährt. Der Eingriff, der 
ohne jedes Betäubungsmittel gemacht werden kann, da die erfrorenen 
Teile gefühllos sind, wird genauer beschrieben. Die Schnitte bluten 
meist nicht sofort, weil eben die Blutcirculation schon völlig stillsteht. 
Um dem Verkleben der Incisionswunden vorzubeugen, werden diese mit 
in steriles Del (z. B. Campherül) getauchter Gaze tamponiert. Dann wird 
mit einer Fiugersnugglocke unter mäßigem Druck das venöse Blut ab- 
uud das arterielle Blut angesaugt. 

A. Neisser (Breslau): Syphilisbehandlung mit Mcrcinol (01. einer.) 
im Felde. Das beste Quecksübermittel ist nach dem Verfasser das Oleum 
cinereum, und zwar wegen der Nachhaltigkeit der Hg-Wirkung, ent- 


! sprechend der Langsamkeit der Hg-Resorption aus den Mercinoldepots 
(das Salieylqueeksilber wird zwar in ungelöster Form injiziert, aber fast 
ebenso rasch wie ein gelöstes Salz resorbiert und ausgeschieden). Es wird 
wöchentlich eine. Injektion gemacht (fünf bis sieben Injektionen genügen 
im ganzen). Man benutze dazu die Spritze von Zieler oderBarth£lemv. 
Eiu Teilstrich dieser enthält 1 cg Hg. Man injiziere bei Männern pro 
dosi zehn Teilstriche ( = lOeg Hg), bei Frauen sieben Teilstriche (= 7cg Hg). 
Die Einstichstelle ist außen oben in der Glutäalgegend (sodaß der Kranke 
nicht auf dem eingeführten Depot sitzt), in der Linie von dem höchsten 
Punkte der Crista der Beekenschaufel zum oberen Ende der Crena ani. 
Das Depot soll nicht ira Muskel, sondern auf derFascie liegen. (Sticht 
man nicht gar zu gewaltsam ein, so fühlt man deutlich den Widerstand 
der Nadel, wenn sie auf der Fascie aufstößt.) Nach dem Einstiche muß 
man die Spritze von der Nadel abnehmen, um zu sehen, ob Blut aus der 
Nadel austritt. oder man zieht den Stempel der nicht ganz gefüllten 
Spritze etwas zurück, um eventuell Blut anzusaugen. Nadel und Spritze 
bewahre man dauernd in Paraffin, liquid, auf. Bei schwerer Stomatitis 
muß an jedem Zahn, auch an den hinteren Backenzähnen der Kaum 
zwischen Zalm und Zahnfleisch mit einem spitzen, mit Watte umwickelten 
Holzsfäbchen, das dann mit unverdünnter Karbolsäure getränkt wird, 
gereinigt werden. 

B. Coglievina (Graz); Behandlung des Fleckfiebers mit Hexa¬ 
methylentetramin. Empfohlen wird, am ersten Tage dreimal, ani zweiten 
viermal und von da an fünfmal je 1,0 g Urotropin zu geben. Das Mittel 
spaltet bekanntlich im Körper Formaldehyd ab. Es empfiehlt sich, bei 
dieser Medikation den Harn täglich zu kontrollieren. 

P. Schrumpf und W. F. v. Dettingen: Das Pyoktanin Inder 
Kriegschirurgie. Das Mittel wird angelegentlichst empfohlen, seine An- 
wendungsweise an einigen Beispielen erläutert. Die Methode hat auch 
den Vorzug der großen Einfachheit und Billigkeit, da sie häufigen Ver¬ 
bandwechsel unnötig macht. Der einzige Nachteil der Behandlung ist 
die durchdringliche Farbe des Mittels, namentlich bei ungeschickter Hand¬ 
habung. Flecken in der Wäsche verschwinden jedoch beim Waschen 
dieser mit Soda. F. Bruck. 


Wiener klinische Wochenschrift 1915 t Nr. 10. 

R. Pal tauf; Ueber das Vorkommen von Influenza bei Flecktyphus. 

Die bakteriologisch nachgewieseno Kombination mit Influenza erklärt 
nicht mir den häufig zu beobachtenden Beginn des Flecktyphus unter 
katarrhalischen, inlluenzaartigen Erscheinungen, sondern auch die noch 
immer verbreitete Ansicht mancher Aerzte von der Bedeutung der Luft- 
Infektion beim Flecktyphus, gegen welche Respiratorien, Gesichtsmasken 
empfohlen und getragen werden. Für diese Anschauung gibt es aber 
weder epidemiologisch noch experimentell Anhaltspunkte. Nur die Kleider¬ 
laus ist der Ueberträger des Flecktyphus. 

P. v. Wa lzel: Zur Frage der operativen Tätigkeit und des Verband¬ 
wechsels auf Spitalzügen. Namentlich für die Phlegmonen und putriden In¬ 
fektionen bewährte der Spitalzug sich, aber auch für alle andern Eingriffe 
wird über gute Operatiunsmögliehkeit während vollster Zugfahrt berichtet. 

V. Plant er: Ueber die Behandlung schwerer Erfrierungen. Es 
wird konservative Behandlung bis zuin äußersten empfohlen; die ulte 
Erfahrung, daß bei Erfrierungen im Anfang eine PrognoscnstUlung 
möglich ist, hat sich wieder bestätigt. Die Gefahr der Sepsis ist bei 
Erfrierungen wegen der Jugend der Patienten durchaus nicht so groß 
wie bei andern Gangränformen. Für die Behandlung bewährter sich be¬ 
sonders warm und kühl wechselnde Luftduschen als schmerzstillend und 
die gelähmten Hautgeläße belebend. — Auffallend ist die außerordentlich 
selten beobachtete Erfrierung der oberen gegenüber der Häufigkeit der 
Erfrierungen der unteren Extremität. 

M. Maroseh: Zur Kasuistik der Peripherieschüsse. Jcr Sto߬ 
spiegel eines Schrapnells, eine Eisenscheibe von 58 mm Durchmesser und 
7 min Dic ke, war neben der Wirbelsäule in den Körper eingcdrmigen 
und hatto seinen Weg über der achten, neunten, zehnten Rippe ziuiiek- 
gelegt, um endlich unterhalb der Mammilla stecken zu bleiben; das Gescko 
batte also fast die halbe Thoraxperipherie berührt. Misch. 


Die Therapie der Gegenwart , März 1915. _ 
Schmidt (Hallt»): Volksernährung und Diätetik in Kriegs zelten. 

Daß Leute mit Nierenleiden und Stoffwechselkrankheiten, die e uer sün¬ 
digen diätetischen Behandlung bedürfen, nicht als diensttauglich angese in 
i werden können, ist seihst verständlich. Es läuft alles darauf hi.iaus, |£M 
| wir uns in dem Konsum der liclmewurdenen und wohlschiueckem 
I Speisen, speziell von Fleisch, Eiern. Butter und Mehlspeisei, die zu- 
i gleich die leichtest verdaulichen und nahrhaftesten sind, einschrünken um* 
J uns dafür an den minder begehrten und gröberen Dingen, nämlich Schwaiz 
I brot. Kartoffeln, Gemüsen und Obst, sattessen müssen. Das Pi'obleim 
I unserem in bezug auf das Essen zweifellos verwöhnten Volke die neue 


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Original fram 

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4. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 405 


Ernährungsweise mundgerecht und verträglich zu machen, ist vor allem 
ein Küchenproblem. 

Klemperer (Berlin-Reinickendorf): Ueber intravenöse Jod« 
tberaple. Hei den großen Dosen von 20 bis 50 g Jodnatrium wurde 
regelmäßig eine nicht lange anhaltende Pulsbeschleunigung konstatiert, 
sonst aber keinerlei Nebenerscheinungen, weder von seiten des Nerven¬ 
systems, noch der Nieren, noch des Magendarms. Die Verträglichkeit 
des Jodnatriums bei der intravenösen Injektion war eine außerordentlich 
gute, eine größere als bei der Eingabe per os. Es empfiehlt sich, alle 
Fülle von innerer Lues — des Centralnervensystems, auch Tabes, der 
Circulationsorgane, der Leber usw. — neben Quecksilber beziehungsweise 
Salvarsan von vornherein mit Jod zu behandeln und dabei in allen ernster 
gelegenen Fällen größere Dosen als die bisher gebräuchlichen, im all¬ 
gemeinen Dosen von 5 bis 10 g Jodnatrium täglich, zu verwenden. 
Dabei wird oft von der intravenösen Beibringung Gebrauch gemacht 
werden können. Die intravenöse Jodtherapie beschränkt sich nicht auf 
die Fidle von Lues. 

Levy (Berlin) und Wolf! (Berlin-Wilmersdorf): Camphertherapie 
mit künstlichem Campher. Wir besitzen im künstlichen Campher ein 
Präparat, das in den allermeisten Fällen den früher allein verwandten 
Japancampher ersetzen kann. Nur bei der Verwendung von Dosen, die 1 g 
Campher pro dosi überschreiten, sei man bei dem künstlichen Campberöl 
etwas vorsichtiger, als es bei dem natürlichen erforderlich gewesen ist. 

Kisner (Hothau i. E.): Ueber die kombinierte Bolus-alba-Blut- 
Ticrkohle- Behandlung diarrhoischer Prozesse. Die Bolus-Tierkohlebchand- 
limg ist eine Immunotherapie, und zwar eine neue, überaus aussichts¬ 
reiche. da es ihr bei den ersten Versuchen schon gelungen ist. Gifte zu 
binden, die der Serumtherapie unzugänglich waren und schon im ersten 
Anläufe die Mortalität einer schweren Erkrankung, wie der Cholera, 
t$tf erheblich zu verringern. 

Lauritzen (Kopenhagen): Blutzuckerbestimmungeti (Ivar Bangs 
Alikromethode) bei Diabetikern and ihre klinische Bedeutung. (Schluß.) 
Nach den vorliegenden Resultaten kann man ohne Uebortroibring sagen, 
daß Ivar Hangs neue Mikromethode eine große klinische Bedeutung 
erlangen wird 1. bei der Differentialdiagnose: Diabetes mit Hyperglykämie 
oder Diabetes ohne Hyperglykämie, die wiederholte Bestimmungen des 
Blutzuckers erfordert. 2. Bei der Beurteilung der Prognoso in den Fällen, 
wo die Acetonurio und Diaceturie uns keine Aufklärung über die schlechte 
Prognose geben. B. Zur Kontrolle der Resultate unserer therapeutischen 
Bestrebungen, wo gerade die häufigen Blutzuckeranalysen notwendig sind. 
Mährend wir uns früher mit der Aglvkosurie als Richtschnur für unsere 
Behandlung begnügen mußten, können wir jetzt die Diät fest stellen, die 
keine Hyperglykämie nach den Mahlzeiten macht, und diese Diät müssen 
die Patienten so lange, wie sio sich durchführen läßt, beibehalten. 

Linck (Königsberg): Das Wesen und die Grundlagen des Ohren- 
kopf schmerz es und seine Feststellung durch die ärztliche Unter¬ 
suchung. (Schluß.) Der Kopfschmerz in seiner mancherlei Gestalt wird 
häufig auch durch Erkrankungen im Ohrgebiete hervorgerufen, unter 
denen die entzündlichen Prozesse im Mittelohre praktisch eine sehr be¬ 
deutsame Rolle spielen. In zahlreichen Fällen kann die Ohraffektion 
ohne Schwierigkeiten als Kopfschmerzursache diagnostiziert werden, aber 
nur wenn man an dio Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs denkt 
und daraufhin eine genauere Untersuchung des Ohrgebiets vornimmt. 

Klemperer (Berlin-Reinickendorf): Caramelkuren bei Diabetikern. 
Carainel verdient als willkommene Zugabe zum Kohlehydrattisch An¬ 
wendung bei allen Diabetikern; bei den leichteren Fällen vermehrt es die 
diätetischen Möglichkeiten in sehr vernünftiger Weise: bei den schweren 
Ldkn kann es außerdem, in ähnlicher Weise wie die Mehlsuppen, zur Ver¬ 
minderung der Acidosis und zur Hebung der Toleranz beitragen. Die indi¬ 
viduelle Bekömmlichkeit wird in jedem Falle besonders zu prüfen sein. 

Gerson (Schlachtensee): Ein einfacher Handgriff zur Auslösung 
des Pateliarreflexes. Man setze sich an die rechte Seite des sitzenden 
Patienten, dessen Füße auf dem Boden ausruhen, führe den linken Unter¬ 
em unter den rechten Oberschenkel des Patienten und lege die linke 
Hand auf seinen linken Oberschenkel oberhalb des Knies. Alsdann prüfe 
ffian den Patellarreflex auf die übliche Weise. 

Stern (Bad Reinerz): Zur Behandlung der Rhinitis sicc. ant. 
hirch Anwendung einer 5—10%igen Europhensalbe erreicht man, daß 
!r Absonderung geringer wird und die Schleimhaut normale Farbe und 
succulenz annimmt. Reckzeh (Berlin). 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 2 u. 4. 

c ^ ^tedberger (Berlin): Die Pocken als Kriegsseuche. Statisti¬ 
scher Nachweis der Wirkung der Schiitzpockenimpfung; ihre Verhältnisse 
tß den kriegführenden Staaten. Die Zivilbevölkerung stobt in größerer 
jefahr, von einer Pockenepidemie heimgesucht zu werden als das Militär. 

0 die letzte Impfung zehn Jahre zurückliegt, muß wieder geimpft 


werden. Die Guarnieri sehen Körperchen sind zwar nicht die Pockcu- 
erreger, ihr Nachweis stellt aber die Diagnose sicher. 

A. Schloßmann (Düsseldorf): Die Grundlagen der Ernährungs¬ 
physiologie des Säuglings als Richtlinien für die praktische Diätetik. Muß 

im Original naehgelesen werden, eignet sich nicht zu einem kurzen Referat. 

Nr. 4. H. Oppenheim (Berlin): Ueber Kriegsverletzungen des peri¬ 
pheren und centralen Nervensystems. Der Vater des Ausdrucks „traumatisch# 
Neurose“ sagt hier, daß er nach 25jähriger Erfahrung im Blick auf die 
Kriegsbeobachtungen daran festhalte, „daß es sich bei den nach Traumen 
auftretenden Krankheitsbildern der Hysterie, Neurasthenie und Hystero- 
ncurusthenie um durchaus reelle Krankheitszustände handle, bei denen 
wohl einzelne Symptome und Symptomenkomplexe auf psychogenem Weg 
entstanden seien, aber nicht Kunstprodukte und auch nicht Ergebnisse 
vun Begehrungsvorstellnngen bildeten“. 

Ewald (Berlin): Ein bemerkenswerter Fall von Abdomlnaltyphus. 
Ein Typhusbacillenträger hatte eine penetrierende Schußwunde der rechten 
Schulter erlitten. Er hatte vier Wochen mit mäßigem Fieber im Lazarett 
gelegen, als die Wunde erweitert, Abscesse gespalten und nekrotische 
Knochenstücke entfernt wurden. Tags darauf 40° Fieber, nach sechs 
Tagen Exitus. Befund: Typhöse Geschwüre älteren Datums, im Absepß- 
eiter Typhusbacillen in Reinkultur. Gisler. 

Korrespondenzblatt für Schweizer Aerzte 7.915, Nr. 7. 

Bleuler: Die senilen Psychosen. Eine Gruppe von Symptomen 
der senilen Geisteskrankheiten ist die Folge der diffusen Reduktion der 
Hirnmasse. Dazu gehört die Gedächtnisschwäche (Merkfähigkeit), die 
sich mit zunehmender Erkrankung auf immer ältere Ereignisse erstreckt. 
Dio Kranken ersetzen die Leere im Gedächtnis durch willkürlich ge¬ 
schaffene Zusammenhänge (Konfabulationen). Die Associationen sind ab¬ 
hängig von den gerade herrschenden Affekten, unbekümmert um logische 
Erwägungen. Labilität, das heißt abnormer Ablauf der Affekte, ist 
weiterhin charakteristisch. Als akzessorische Symptome kommen Gesichts- 
und Gehörshalluzinationen, besonders unsinnige Wahnideen sowie inter- 
currente Zustände schwerer Verwirrtheit in Betracht. Verfasser bespricht 
zunächst das arteriosklerotische Irresein, dessen Symptome durch 
„lakunäres“ Auftreten sich auszeichnen. Die Persönlichkeit kann dabei 
lange erhalten bleiben. Bei der Dementia senilis kommen als akzesso¬ 
rische Symptome melancholische und VerfoJgungsvorstellungeu vor. Das 
modernste senile Krankheitsbild, die Presbyophrenie, verläuft rasch mit 
Erregungszuständen psychischer und motorischer Art. Im Gehirne hat 
Fischer „Drusen“ entdeckt. Kn. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr. 12. 

Riedel: Erfahrungen über die Benutzung des künstlichen Beins. 

Patient soll sofort mit einer guten Prothese anfangen, die erst drei bis 
sechs Monate nach Heilung der Amputationswunde an zu fertigen 
ist wegen der Schrümpfung des Stumpfes. Dabei empfiehlt sicli von 
Anfang an ein bewegliches Kniegelenk ohne den vorderen elastischen 
Gurt. D«*r obere Rand der Oborsehenkelhülso ist horizontal zu schneiden, 
weil der Stumpfs trumpf um den Rand außen befestigt werden muß. 
Der lange wollene Stumpfst rümpf liegt, innen auf einem in Gaze ein¬ 
gewickelten Gummischwamm. Auf den gut zu polsternden oberen 
mittleren Rand der Hülse stützt sieh der Amputierte mit den 
Adduktoren des Oberschenkels und dem aufsteigenden Si tzbein¬ 
ast o, nur vorübergehend auf das Tuber ischii. Das Fußgelenk ist be¬ 
weglieh zu halten wegen des besseren Begehen« ansteigender Bahn._ 

Wichtig ist, daß der Amputiert# eine aus bestem Material hergestellte 
Prothese erhält. Bei der Rentenfestsetzung ist zu bedenken, daß die 
finanziellen Opfer für Kleider, Strümpfe, Neupolsterung nicht gering sind. 

K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie , 1915 , Nr. 11 u. 12. 

Nr. 11. Stocekel: Die extraperitoneale Tubenverlagerung als 
Methode der Sterilisierung. Bei dem neuen Vorschläge für die Technik 
der operativen Sterilisierung soll erstens die Menstruation erhalten 
bleiben und zweitens die Möglichkeit gegeben sein, die Tube später für 
den Eitransport wieder freizugeben, also einer fakultativen 
Sterilisierung (Beutlincr, Seilheim). Die von Stoeckel bei einer 
Frau mit schweren Psychosen in den letzten Schwangerschaften aus- 
gefülirte Operation bestand in Freilegung des Leist en k anal s, wie 
bei der Alexander-Adamsscben Operation mit Eröffnung des 
Peritoneums, in dem Herausleiten der Tuben aus dem Leist on- 
kanal und in ihrer extraperitonealen Einbettung zwischen Baucli- 
deckenmuskulatur und vorderer Bauch decken fas eie. — Die extra¬ 
peritoneale Lagerung und Einheilung der Tuben verlief ohne Beschwerden. 
Fraglich bleibt es, ob die ausgeschaltete Tube später wieder nach Zurück- 
verlegung das Ei zu leiten vermag, oder ob dauernde Sterilität oder die 
Gefahr extrauteriner Schwangerschaft besteht. 


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KDIZINISCIIE KLINIK — Nr. U. 


Nr. 12. Küstner: Nachruf auf v. Olshauscn. 

Döüerlein: Zur Strahlenbehandlung de« Krebses. Dfidcrlein 
vertritt den Standpunkt, daß die Erfolge der Strahlenbehandlung von 
keiner andern Behandlungswoise des Krebses erreicht werden und daü 

bei ausschließlicher Strahlenbehandlung die Daucrcrgebnisse 

günstiger sind als bei der operativen. Aufgabe der Technik ist es, 
den Weg zu finden dafür, daß unter Schonung der gesunden behebe 
nur die specifisch beeinflußbaren Krebszellen zerstört werden. Ais 
Minimaldose gilt für Uteruskrebse 50 mg; für große Cervixkrejse 
auch 200 bis 300 mg. Die Dauer der Bestrahlung ist jedesmal L4 Stunden, 
die Wiederholung anfänglich nach zwei, später nach drei bis vier Wochen. 
Als Filter dient das vernickelte Messing mit ParagumnuÜberzug Im 
für das gesunde Gewebe den nötigen Abstand zu erhalten, wird das 
Filter in einem Strahlenkolpeurynter, der mit Lysöform in der 
Scheide prallgefüllt wird, eiiigesehlossen. Für die Nachbehandlung genug 
ein ein- bis zweitägiger Aufenthalt in der Anstalt. — Die Ergebnisse 
hängen von dem Stadium der Krankheit und ihrer Ansbreitung und der 
Eigenart der Krebse ab: die hypertrophischen, oberflächlichen Formen 
sind günstiger als die induriercmlen, tiefergreifenden. — In der Behand¬ 
lung des Rectumkrebses werden die Striktliren durch hohe Darm¬ 
eingießungen überwunden. Beim Mammakrebs wird die Kapsel mit 
einem Druinrohr in einen unter dem Herd angelegten Tunnel ein ge fahrt. 

K Mir. 


Therapeutische Notiz. 


Ortizon. ' 

Von Pr. Paul Frey, Berlin, zurzeit im Fehle. 

Ortizon stellt eine chemische Verbindung dar, welche zirka 34 % 
Hs Os enthält, säurefrei ist und sich in Wasser leicht löst. Es kommt 
als Ortizon-Mnndwasserkiigeln, als Ortizon-Wundstifte und in Pulver¬ 
form in den Handel. Diese Präparate hatte ich Gelegenheit, längere 

Zeit hindurch zu prüfen. . , 

Die Ortizon-Mundwasserkugeln erweisen sieh als ein sehr 
schätzenswertes Mittel in der Zahn- und Mundpflege, im Hause und 
noch mehr auf der Reise. Es ist ja bekannt und durch eine Reihe un¬ 
zweifelhafter Versuche bewiesen, daß bei der Einwirkung von Hs O, 
auf lebende Gewebe, besonders auf Schleimhäute — durch Katalyse — 
aktiver Sauerstoff frei wird. Darin allein wäre schon die Frische und 
die Verbesserung des Geschmacks nach Anwendung von Ortizon 
Mundwasserspillungen zu erklären. Hierzu kommt aber noch die ein¬ 
wandfrei nacligewiesene baeiericide und desinfizierende Wirkung, 
um dieses Präparat für die Mund- und Zahnpflege fast unentbehrlich 
zu machen. Man beobachtet regelmäßig, daß bei Anwendung von 
Ortizon-Spülungen sowohl Speisereste als Bakterien oxydiert, das heißt 
unschädlich gemacht werden, ohne daß das Gewebe angegriffen wird. 
Ein weiterer Vorteil des IIP», ist seine bleichende Wirkung, die es auf 
die Zähne ausiibt. Zudem wiikt. wie bekannt. HjOj auch blutstillend, 
weshalb es mit Vorteil bei Wundsein des Gaumens, Blutungen aus dem 
Zahnfleisch, Entzündungen der Schleimhäute und nach Zahnoperationen 
verwendet wird. Nicht unerwähnt bleibe die Beseitigung des 1‘oeter 
ox ore durch Ortizon. mag derselbe eariösen Zähnen oder starkem 
Bauchen entstammen. Schließlich kommt Hs Os bei allen möglichen 
.Wirktinnen der Tonsillen in Betracht, sei es bei bereits vorhandenen 
oder sei es zur Prophylaxe. 

Die Anwendung der Ortizon-Mundwassrrkugeln ist mehr als ein- 

faeh. Zwei bis drei Kugeln in einem Glase Wasser gelöst, ergeben ein 
vm v 1 ""liebes Mundwasser. Die Kugeln losen sich außerordentlich Icuht 
„,„1 sT-Im. ll. ln Füllen frrolW Eile «der t.ei der Un.imjrlU-l.koit, «las 
und Wasser zu besorgen, genügt, es, solche Kugel in den Mund zu 
11 «Innen, die sieli prompt in.' Mundspeiehel löst. Die Wirkung ist genau 
,lie--elbe. vielleicht noch größer. Verschiedene Autoren bezweifeln ja 
schon lange den Wert und die Wirksamkeit von Gut-gelungen uber- 

h,IU,,t ’Besonders auf Reisen möchte ich die Mundwasserkugeln ihrer 
be,meinen Anwendbarkeit wegen nicht gern vermissen Fm mich auch 
v . n dem therapeutischen Werte des Präparats zu überzeugen, habe 
ich cs nicht, nur selbst gebraucht, ich habe auch auf Sehulorwande- 
nnmen durch ihre Führer Beobachtungen machen lassen. Sowohl als 
Mundwasser als auch bei Halsaffektioi.cn hat es sieh vorzüglich be¬ 
währt sodaß ich es getrost zu weiteren Versuchen nur empfehlen 
kann ’ Vielleicht ist jetzt gerade die beste Gelegenheit, zu erproben, 
ob nicht solche Kugeln, in den Mund genommen, den Tapferen in den 
Schützengräben das gewohnte Mundwasser zu ersetzen vermag. 

Worauf ich in der Literatur einen Hinweis nicht fand, das ist der 
günstige Einfluß des IE (h auf die Nausea. Sowohl ich selber als 
auch eine Reihe von Petsonen. denen ich es auf einer Ozeanfahrt ver- 
(U ;j„ete verspürten nach dem Gebrauch von IEO, in Tablettenform 
eine große Erleichterung insofern, als die bekannten Nauscaersclieinun- 


gen, insbesondere der unangenehme Kopfdmck schwanden. Zweifels¬ 
ohne ist der CfVDruck bei der Nausea erheblich gesteigert. Vielleicht 
regt diese Beobachtung die Schiffskollegen zu weiteren Versuchen an. 

Die Ortizon-Wundstifte habe ich seit mehr als einem Jahre 
vielfach mit Erfolg verwendet. Sie bieten einen vorzüglichen Ersatz 
für die Argentum nitricum-Stifte, schon darum, weil die unangenehmen 
Nebenwirkungen des Argentum nitricum fortfallen. Ganz hervorragend 
und von Dauer erwies sich ihre Wirkung bei der Behandlung des chro¬ 
nischen, torpiden Wundseins bei Säuglingen, besonders wenn große 
Flächen in Betracht kamen, sodann auch bei Soor und Aphten. Das 
ist besonders beachtenswert wegen der absoluten Ungiftigkeit des 
Ortizons. Prompt ist auch seine Wirkung bei üppiger Granulations- 
Wirkung sowohl an operierten Wunden wde bei solchen, bei denen ich 
Heilung per primam vermißte. Nicht unerwähnt sei schließlich die 
Anweisung der Ortizon-Wundstifte bei übelriechenden, jauchenden 
Wunden und torpiden Geschwüren, z. B. bei Ulcera cruris. 

Bücherbesprechungen. 

H. Lehndorff, Kurzes Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Wien 
und Leipzig 1914, Josef Safär. 228 S. M. 5.60. 

Auf wenig Seiten ist hier ein übersichtliches, alles Notwendige 
enthaltendes Buch zustande gekommen. Von der alten Filatowschen 
Kinderheilkunde, als deren zweite Auflage es erscheint, ist allerdings 
wonm mehr übritry«‘blieben; nicht zum Schaden des Studenten und vor 
allein des praktmehen Arztes, der mit Nutzen zu diesem Buche greifen 
wird, in welchem er die Kinderheilkunde so dargestellt findet, wie sie 
Gegenwärtig die deutschen und österreichischen Pädiater lehren. Wer 
einen guten Ratgeber für die Praxis haben will, sei das äußerst preis¬ 
werte Buch bestens empfohlen. " ,sc * 

ThorkHd Rovsing, Die Gastro - Coloptosis, ihre pathologische 
Bedeutung, ihre Krankheitsbilder, Diagnose und Bchan 
Jung. Aus dem Dänischen übersetzt von Dr. Georg Saxinger. 
Leipzig 1914. F. C. W. \ ogel. 273 S. MIO, .. 

Ein Werk, das trotz mancher Einseitigkeit, einer Unterschntzuiy 
der Bedeutung der Rüntgenstrahlcn für die Physiologie und Pathologe 
dos Magendarmkanals, trotz manchen schroffen Gegensatzes zur Deutschen 
Schule "größte Beachtung und Interesse verdient. _ 

Der Verfasser schildert in seiner Gastro-Coloptosis em typis 
Krankheitsbild, das er als eine Folge hauptsächlich beim weiblichea 
Geschlecht© sich geltend machender mechanischer Momente: des Kore * 
drucks, des Schnüren« und der Erschlaffung der Bauchwand ansieht. IM 
Still ersehe Theorie, die die Gastro-Coloptose lediglich als ein 
einer congenitalen, universellen Asthenie auf faßt, ist nach seiner. = 
vollkommen unhaltbar. . , , ., . j., m 

Die Tirjfinelle Form des Leidens »«Bert sich bald nach 
Eintritte der Pubertät in hartnäckiger Obstipation, zu der SIC * 
geschlagenhcit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit gesellen. F 
kommt es zu einer heftigen Cardialgie, die unmittelbar nac 
eintritt. aber bei horizontaler Lage der Patientin sofoi yer 
Als Spiitsymptomc sind Erbrechen, Abmagerung und eine ur 
typische Kachexie zu erwähnen. _ p : st 

Dagegen wird bei der maternellen Form des Leidens, 
durch Dehnung und Schlaffheit der Hauchwand und dei u _ 

der Intestina infolge von Schwangerschaften hervorgerufen ist, * » ^ 

Bild von der Obstipation beherrscht, zu der dann im Laufe der m 
W irkung der Autointoxikation vom Darme her hinzutritt. 

Therapeutisch genügt in leichten Fällen der maternellen - 
konservative Behandlung, bei der Verfasser namentlich für V ern , 
Fnterleibsgürtel eintritt. Tu der überwiegenden Mehrzahl de 
bringt nur die operative Behandlung Hilfe, und zwar J®" {läcbeD . 

eine von ihm angegebene Technik der Gastropexie an, di dea 

haften Fixierung der kleinen Kurvatur an dem paneta en ^ 

Peritoneums besteht. 300 ausführliche Krankengeschic en ., pr j e 

glänzenden Erfolge des Verfahrens. Hervorgehoben sei die ' , ktion 

Gebotene vorzügliche Ausstattung, besonders die vorbildliche i P 
der Böntgenliilder. B. Hahn (Magaeburg)^ 

F. v. Winckler, 305 Speisezettel für Zuckerkranke und 

leibige mit Rezepten über Zubereitung von A e gerjQ 

Mehlspeisen und Getränken. 5. Auflage. h deQ 1914, 

Tode heransgegeben von F. Broxner in München. » ie - 
J. F. Bergmann. 143 S. M. 2.40. „innrer neuer 

Die vorliegende fünfte Auflage ist durch HiDZufügen . " j e j cben i 

Diabetikergericbte und Rezepte ergänzt. Zusammen mit 1 j 8t 

| Verlag erschienenen Kochbuche für Zuckerkranke un e ^ n (( [ t 

i i dieses kleine Werk ein zuverlässiger Ratgeber und Helfer 11 r - ^ 

■ I heiklgn Küchenkniender der Zuckerkranken. Priugsheim 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14 


407 


4 . April. 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse «. Redigiert am Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wim. 


K. k. Gesellschaft der Aerzte in 1/Vien. 

Sitzung vom 26. März 1915. 

Gl. v. Pirquet demonstriert zwei Kinder mit Paravakzine. 
Diese nach der Impfung aufgetretenen Effloreszenzen bilden 
himbeerrote Knötchen von ungefähr 5 mm Durchmesser mit einem 
zart aigedeuteten Hof. Die Papel wächst langsam heran, bildet 
keine Blase und bleibt, ziemlich lange bestehen. Diese Affektion 
wurde bisher als Impfkeloid gedeutet. Sie beruht wahrscheinlich 
auf einer parasitären Infektion durch Keime, welche in der Impf¬ 
lymphe vorhanden sind; in der jetzigen Impfperiode sieht, man 
diese Knötchen häufiger als früher. Diese Paravakzine verleiht 
keine Immunität gegen Blattern, sie ist jedoch ohne besondere 
pathologische Bedeutung. Zur Vermeidung der Paravakzine soll 
man ausgiebige Impfwunden setzen und aus dem Impfröhrchen 
den dickeren Anteil der Lymphe zur Impfung verwenden. 

J. v. Wagner stellt den in einer früheren Sitzung demon¬ 
strierten Soldaten mit allgemeinem Schiitteltremor vor. Pat. 
saß immer zusammengekauert, bekam bei der geringsten Bewegung 
einen universellen Schütteltremor und hüpfte beim Versuch zu 
gehen immer nach rückwärts. Nach kurzer Behandlung ist Pat. 
gebeilt, sein Gang ist nur noch etwas schleppend. Die Therapie 
bestand in Isolierung, reizloser Kost, Verabreichung von Asa foetida 
dreimal täglich. Am längsten hat die gekrümmte Haltung unge¬ 
halten, sie verschwand auf energische Faradisation. 

H. Lauber und K. Henning demonstrieren die Nachbehand¬ 
lung und die Anwendung von Prothesen nach Augenzerstörung. 
Yoitr. bekamen die Soldaten, welche den Bulbus durch eine Sclniß- 
verletzung verloren hatten, mit ausgeheilter Verletzung, so daß 
nur die Verstümmlungen zu behandeln waren. Um eine Prothese 
einzosetzen, mußten kleinere Operationen an dem geschrumpften 
Konjunktivalsack und an den verkrümmten Augenlidern vorge- 
nommen werden. Es wurden die Tränendrüse, die Konjunktival- 
und akzessorischen Drüsen entfernt, weil ihre Sekretion die Prothese 
aus der Augenhöhle drängte, es wurden ferner an den Lid rändern 
korrigierende Operationen vorgenommen, damit die Prothese vod 
den Lidern festgehalten wird. Sie ist nur im Bereich des Augen¬ 
sternes aus Glas gemacht, die umliegende Sklera wird aus einer 
eigenen Masse vom Pat. nach Bedarf hergestellt, welcher zu diesem 
Zweck ein Gipsmodell erhält. Auf diese Weise kann die Prothese 
immer neu hergestellt werden, wenn sie zerbricht oder unansehn¬ 
lich wird. Wenn der Pat. graue Gläser trägt, wird das Tragen 
der Prothese nicht bemerkt. 

Fr. Dimmer stellt zwei Soldaten mit einer traumatischen 
Läsion der zentralen Sehbahnen vor. Der erste Pat. erhielt einen 
Durchschuß in der linken Schläfengegend; er war nicht bewußtlos, 
zeigte eine erhebliche Sprachstörung und Verlust des Namens¬ 
gedächtnisses. Die Sprachstörung bat sich zurückgebildet, es 
blieben geringe amnestische Aphasie und rechtsseitige Hemianopsie 
zurück. Im zweiten Fall wurde durch einen Durchschuß der rück- 
wärtigi' Pol des Großhirns in beiden Hemisphären verletzt. Pat. 
war längere Zeit bewußtlos und sah fast gar nichts, ln zwei 
Operationen wurden die Knochensplitter entfernt und es wurde 
eine Verletzung der Hirnrinde im Gebiet des Hinterhauptlappens 
festgestellt. Die zentrale Sehschärfe war auf 1/10 herabgesetzt, 
Fat. konnte nur große Schrift bei exzentrischer Fixation lesen. Die 
Augenuntersuchung ergab homonyme zentrale Skotome und eine 
genüge Einschränkung der Gesichtsfeldgrenzen. Man muß hier 
eine Verletzung der Sehstrahlung annehmen. Der zweite Fall gibt 
einen Aufschluß über die Verbindung der Retina mit dem Seh- 
ze ^ m ' über welche zwei Theorien bestehen. Nach Wilbrand 
nnd Henschen hat die Netzhaut eine vollständige Projektion im 
senzentrum der Nähe der Fissura calcarina, wobei die Makula¬ 
gegend von beiden Hemisphären versorgt wird. Nach Monakow 
a r m 8 . ^kufafasern einen Zusammenhang mit einem sehr 
großen Teil in der Rinde der Hinterhauptlappen, Der zweite Fall 
klarer ^ ^ ^ eor * e von Wilbrand und Henschen zu er- 

feldflii a ni^ ail ? er ^ * n e * üem Fall auf einer Seite totalen Gesichts- 
sehpn r ’ . ( * er frieren Seite keine vollständige Hemianopsie ge- 
sirh -i p( ä riphere Grenze des Sehfeldes war intakt. Das Skotom hat 

sich xuruckgebildet. 

Entlto * ränk . el bespricht die Wirksamkeit verschiedener 

8 ®ngsmittel und zeigt die Abtötung von Läusen in vitro 


durch einige derselben. Er hat die bisher empfohlenen Ent¬ 
lausungsmittel untersucht und hat als billigste und ain raschesten 
wirksame Mittel für die große Desinfektion das Chlor, für den 
persönlichen Schutz das Anisol gefunden. Beide Mittel töten die 
Läuse sehr rasch. Naphthalin, Kresol- oder Benzolverbindungen 
mit Chlor wirken langsamer oder unsicher, das Texan ist wenig 
wirksam. Die Anwendung des Anisols in Form von Salbe hat 
manche Unbequemlichkeiten, besser ist die Applikation in Pulver¬ 
form. Das Ammoniak ist wegen seines Geruches schwer anwendbar. 
Ein sehr gutes Entlausungsmittel, welches in Australien zum 
Waschen von verlausten Schafen benützt wird, ist das Nikotin in 
Form des Tabakextraktes, es tötet in einer Verdünnung 1:1000 
sehr schnell Läuse. 

E. K n a f f 1-Len z möchte“ vor der Anwendung von Nikotin wegen 
dessen zu großer Giftigkeit warnen. Die meisten empfohlenen Mittel 
sind nur Vorbeugungsmittel gegen Läuse und vertreiben diese von den 
verlausten auf die nirln. verlausten Personen. Aetherische Gele ver¬ 
dampfen zu schnell. Line definitive Entlausung des Körpers ist nur so 
durc.hzui'ühreu, daß der Verlauste in einen geschlossenen Sack kriecht 
und die betreffende leicht verdampfende Substanz in den Sack gießt, so 
daß die Kleider von dem die Läuse tötenden Dampf vollständig durch¬ 
drungen werden. Nach den im pharmakologischen Institut diirchgcfiihrtrU 
Versuchen beeinflußt Ammoniak, bis zu H",,, der Luft zugemischt. Läuse 
überhaupt nicht, in stärkerer Konzentration werden sie gelahmt, erholen 
sich aber in frischer Luft wieder. Ein sehr gutes Mittel für die Sack- 
desinfektion ist der Schwefelwasserstoff, welcher, zu 2,5° ö der Luft bei- 
gemischt, Läuse nach 12 Minuten tötet, ln einer solchen Konzentration, 
welche ungefähr gleich stark wie ein Schwefelthermalwasser riecht, 
wirkt der Schwefelwasserstoff nicht giftig. Er kann aus Alkalisulfiden 
sehr leicht und billig iiergestellt werden. Der Entlauste kann dann die 
Läuse durch Anwendung von ätherischen Gelen von sich feruhalteu. 

S. Frankel erwidert, daß die praktischen Versuche die gute 
Desinfektionskraft des Chlors und des Anisols ergeben haben. H. 


Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde 
in Wien. 

Sitzung vom 11. März 1915. 

Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Heber die 
Klinik und Therapie der Dysenterie* (Schluß.) 

Fr. Spieler bemerkt, daß in der Debatte der relativ milde Cha¬ 
rakter der in Wien beobachteten Dysenteriefälle hervorgehoben wurde. 
Dagegen möchte er nach persönlichen Erfahrungen auf dem nördlichen 
Kriegsschauplatz betonen, daß der Eindruck, den die Epidemie dort bot, 
ein wesentlich ungun-tigerer und die Mortalität eine recht beträchtliche 
war. Das kann dadurch erklä't werden, daß die Kranken in die Spitäler 
in der Nähe des Kriegsschauplatzes meist unmittelbar nach den schwer¬ 
sten Strapazen und Entbehrungen von der Front, also in viel schlech¬ 
terem Zustande gelangen als ins Hinterland, wohin überdies doch nur 
die von Vornherein leichteren oder schon im Etappenraum bedeutend 
gebesserten Fälle transportiert werden. Außerdem ist auch der Verlauf 
der Erkrankungen in den Elappenspilälorn mit den primitiveren, grö߬ 
tenteils improvisierten therapeutische« Behelfen ein viel ungünstigerer 
als in den modern eingerichtete» Krankenanstalten des Hinterlandes. Zu 
den wichtigsten therapeutischen Behelfen bei der Dysenteriebehandlung 
gehören ein warmes Bett und ein möglichst bequemes Stuhlgefäß. die 
in den Etappenspitäleni oft nur schwer oder gar nicht zu beschaffen 
waren. Redner kann nach seiner Erfahrung berichten, daß durch primäre 
Verabreichung großer Opiumdosen Schädigungen herbeigeführt worden 
können, während das ganze Krankheitsbild im Frühstadium durch ent¬ 
sprechend gewählte Rizinusgaben günstig beeinflußt wird. Vor der pri¬ 
mären Opiumbehandlung der Dysenterie möchte er daher warnen. 

E. Pfibram betont, daß die bakteriologische Diagnose der Dys¬ 
enterie nicht ganz einfach ist. Dem Bakteriologen stehen folgende Me¬ 
thoden zur Verfügung: die Reinkultur aus dem Stuhl, die Differenzie¬ 
rung und Identifizierung mittelst Agglutination, die Agglutination mit¬ 
telst des Patientenserums zur Sicherstellung der Diagnose. Die Reinkultur 
aus dem Stuhl macht größere Schwierigkeiten als bei der Cholera: aus 
dem großen Bakteriengemisch, in welchem sich einander sehr ähnliche 
Bakterien finden, ist es nur auf einem langwierigen Wege möglich, 
Reinkulturen zu Züchtern Dabei ist noch zu bemerken, daß den Dysen¬ 
teriebazillen ähnliche Bakterien mit verdorbener Nahrung in die Fäzes 
gelangen können. Der Weg, zur Identifizierung von Bakterien ihre Fer¬ 
mente zu verwenden, führt nicht immer zum Ziel, da die fermentativen 
Eigenschaften zur Aufstellung neuer Typen nicht immer zu verwenden 
sind und bei Massenuntersuchungen auch nicht alle fermentativen Eigen¬ 
schaften berücksichtigt werden können. Die Fermentproduktion der Bak¬ 
terien wird außerdem auch durch die Zusammensetzung des Nährbodens 
modifiziert, ferner können junge Kulturen andere Fermente bilden als 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. Aprjl 


ältere. Bei der Agglutination sind verschiedene Vorsichtsmaßregeln zu 
beobachten, die Anwendung der Castcllanischen Absättigungsmethode 
zur Differenzierung der Bakterien erfordert längcro Zeit. Die mikro¬ 
skopische Agglutination muß mit einiger Vorsicht bewertet werden, weil 
manche Stämme spontan ngglutinieren. Ein vorzügliches diagnostisches 
Mittel ist die Agglutination mittelst des Patientenserums, sie verlängert 
aber sehr die Zeit der Untersuchung. Der Kliniker verlangt vom Bakte¬ 
riologen Aufschluß darüber, ob eine echte Dysenterie vorliegt, ob eine 
toxische oder eine atoxische Form des Dickdarmkatiirrhs vorhanden ist. 

Es bleibt eich gleichgültig, welcher Art dio infektiösen Bakterien sind, 
da die Therapie, abgesehen von der Amöbendysenterio, ungefähr die 
gleiche bleibt, ebenso die Prophylaxe, welche in jedem verdächtigen Fall 
angewendet werden muß. Bazillenträger sind bei Shiga- oder F lex ne r- 
Formen gefährlich, bei anderen Vibrionen erfahrungsgemäß weniger zu 
fürchten. Die Unterscheidung, ob ein toxischer oder atoxischer Dickdarm¬ 
katarrh vorliegt, kann der Bakteriologe in einigen Tagen treffen: selbst¬ 
verständlich wird unterdessen der Kliniker sofort eine Seruminjektion 
vornehmen: das Ergebnis der Untersuchung wird ihm zeigen, ob er weiter 
das Serum anwonden soll. Im Kriege ist dies freilich anders, da nur 
beschränkte Serummengen zur Verfügung stehen. Vom serbischen Kriegs¬ 
schauplatz kamen meist Dysenteriefälle mit Fl ex n e r-Bakterien, vom 
nordöstlichen mit Shiga-Kruse-Bazillen. Es ist. nicht Aufgabe des Bak¬ 
teriologen, gegenwärtig große Forschungen vorzunehmen, sondern er hat 
nur die Aufgabe, durch rasche Diagnosenstellung die Armee und Zivil¬ 
bevölkerung vor der Seuche zu schützen. Es wäre am besten, eine ein¬ 
fache, einheitliche Methode zur bakteriologischen Untersuchung auszu¬ 
arbeiten, was auch wegen der Beschaffung des Materials wichtig wäre. 

A. v. Müller fragt, wie sich Redner zum Befunde z. B. eines nicht 
agglutinablen Shiga-Kruse-Stammes hei Dysenterie stellen würde. 

E. Pf ihr am antwortet, daß man immer von der ungünstigeren 
Voraussetzung ausgeht und daher solche Fälle als Dysenteriefälle an¬ 
sieht. Bazillenträger wird man zu Diensten verwenden, wo sie keinen 
Schaden anrichten können. 

A. Edelmann hat auf der Abteilung Wcchsberg im Wilhel- 
minenspital Magoninhaltsuntersuchungen bei Soldaten vorgenommen, die 
vom Kriegsschauplatz wegen verschiedener Erkrankungen eingeliefert 
worden sind. In der Mehrzahl der Fälle fand sich Anazidität, resp. starke 
Hypazidität, oft mit dem mikroskopischen Bild eines Katarrhs. Häufig 
wurden auch in diesen Fällen Enteritiden mit stark gärenden Stühlen 
beobachtet, mikroskopisch fanden sich unverdaute Muskelfasern, reichliche 
Fettsäurenadeln und Schleim. Es war eine deutliche Zunahme der gram¬ 
positiven Flora nachweisbar. Diese Veränderungen des Magendarmkanals 
scheinen in der Pathogenese der Dysenterie eine wichtige Rolle zu 
spielen, sie haben ihre Ursache in den körperlichen Anstrengungen der 
Soldaten im Feld und in den Schädlichkeiten der Ernährung. Bekannt¬ 
lich wirken körperliche Anstrengungen und Ermüdung hemmend auf die 
Drüsen- und Magenschleimhaut Sekretion, es dürfte dem Kochsalzverluste 
eine Bedeutung zukommen. Das schlechte Wasser, der Genuß von rohem 
Obst und Pllanzeiinahnmg, kalte Speisen können katarrhalische Affek- 
tionen der Magenschleimhaut hervorrufen. Auf diese Weise wird der 
Organismus des natürlichen Schutzes, welchen der Magensaft gegen ein¬ 
dringende Bakterien bietet, beraubt und es wird der Grund für eine 
Dysenterieinfektiuu vorbereitet. Redner konnte auch beobachten, wie sich 
im Laufe der Zeit das Bild der Transporte änderte, indem ein Ueber- 
gang durch Enteritis gastrischen Ursprungs zur Dysenterie und zur 
Cholera bemerkbar war. Bei der Behandlung der Dysenterie und der 
dysenterischen Nachkrankheiten wurde von der Salzsäure mit Erfolg 
Gebrauch gemacht. Auch prophylaktisch ist die Salzsäure empfehlens¬ 
wert, besonders die trockenen Ersatzpräparate (Azidol oder Azidolpepsin). 
Als wichtiges günstiges prognostisches Symptom gilt ein allgemeiner 
Schweißausbruch mit besonderer Beteiligung des Kopfes, der einige 
Stunden bis 2 Tage andauert und einer völligen Genesung vorausgeht. 
Das Krankheitsbild ändert sich bald darauf. Ein höchst ungünstiges 
Symptom ist der Singultus; Redner sah keinen Fall mit Singultus durch- | 
kommen, in keinem Fall war bei der Obduktion eine Peritonitis zu 
finden. In der A Woche der Erkrankung wurden an der Abteilung bei 
einem Viertel der Put. typische, stark saure Gärungsstühle als Ueher¬ 
gang zu breiigen Stühlen gesellen. Diese Periode hat. 1—B Tage gedauert, 
sie spricht für eine mindestens funktionelle Mitbeteiligung der oberen 
Darmabschnitte. Von selteneren Komplikationen wurden ein Leberabszeß 
und in einigen Fällen abgesackto Abszesse in der Bauchhöhle gesehen, 
auch ein Douglas-Abszeß wurde beobachtet, welcher durch das Foramen 
ischiadicum majus durchbrach. Im allgemeinen scheinen dio abgesackten 
Abszese in der Bauchhöhle durch ihre Tendenz zur Schwartenbildung 
keine große Gefahr der allgemeinen Peritonitis zu bilden. Für die Dia¬ 
gnose solcher Abszesse sind der Nachweis von okkultem Blut im Stuhl 
und die Fermentuntersuchung auf Agglutination mit, Shiga-Kmse und 
Flexner von Bedeutuug. Von der Serumtherapie hat Redner viel Gutes 
gesehen, außerdem wurde Salzsäure gegeben, besonders in den schon in 
Heilung begriffenen Fällen. 

A. v. Müller erwidert, daß die beobachteten Muskelschmerzen 
wohl identisch mit ncuritischen Schmerzen sein dürften. Bezüglich der 
Ahführtherapie scheine ein Mißverständnis vorzuliegen; er habe nicht ge¬ 
meint, daß das Opium aus der Therapie der Dysenterie ausgeschlossen 
werden soll, sondern er habe sich nur gegen die systematische Opium¬ 
darreichung ausgesprochen, ln manchen Fällen ist das Opium indiziert. 
Nach seinen Beobachtungen befreit die Kalomeltherapie den Pat. rasch 


von seinen Beschwerden, namentlich vom Tenesmus. Bezüglich der Mor¬ 
talität möchte Vortr. erwähnen, daß auch in Wien Dysenteriefällo beob¬ 
achtet wurden, welche vor 2 Tagen das Schlachtfeld verlassen und einen 
schweren Transport durchgemacht hatten. Die idealsten Heilungsverhält¬ 
nisse würde man in gut ausgestatteten Spitälern in der Nähe der Er- 
krankungsherde schaffen. Die Bakteriologie hat bei klinisch nachge¬ 
wiesener Dysenterie einen ziemlich hohen Prozentsatz von negativen Be¬ 
funden, in manchen Fällen wurde erst durch wiederholte Untersuchung 
ein positiver Befund erzielt. Als gefährliche Bazillenträger sind solche 
anzusehen, welclio viele Bazillen ausscheiden. Eine Schwierigkeit bilden 
in der Diagnostik atypische Stämme: Vortr. steht auf dom Standpunkt, 
daß auch Erkrankto mit diesem Bakterienbofund als Dysenteriekranke zu 
behandeln sind. In der jetzigen Epidemie haben wir es nicht mit hart¬ 
näckigen Bazillenträgern zu tun, sie verloren bisher die Bazillen in 
kurzer Zeit. Bei Dysenterie ist fast immer Anazidität des Magensaftes 
zu finden, die Wertung dieser Tatsache muß durch weitere Unter¬ 
suchungen geklärt werden. Es handelt sich um die Frage, ob die Dysen¬ 
terie oder Anazidität das Primäre ist; Vortr. ist der Ansicht, daß in 
sehr vielen Fällen die Anazidität infolge von Anstrengungen auftritt, 
welche dann den Boden für die Infektion vorbereitet. In einem Teil der 
Fälle geht die Anazidität rasch vorbei, in anderen bleibt sie bestehen. 

H. 


Oesterreichische (Unlogische Gesellschaft. 

E. Urbantschitsch: Traumatische Ruptur des abge¬ 
schlagenen Trommelfellappens 7 Wochen nach der Ver¬ 
letzung. U. stellt einen Leutnant vor, der auf dem Schlachtfeld 
vom Pferd stürzte und von diesem einen Huftritt erhielt. An¬ 
schließend daran eine Kommotio und Verletzung des linken Gehör¬ 
organs. Diese bestand in einer vollständigen Durchtrennung des 
Ohrläppchens, außerdem Schwerhörigkeit und Schwindelerschei¬ 
nungen. Im linken Ohr ein großer Defekt im hinteren oberen 
Trommelfellquadranten, durch den die normale Paukenschleimhaut 
zu sehen ist. Der ausgeschlagene Trommelfellquadrant war nach 
außen umgclegt. Spontannystagmus nach beiden Seiten. Schwache 
Drehreaktion. Mit einer Sonde wird der umgeschlagene Trommel¬ 
fellteil aufgerichtet und in seine ursprüngliche Lage gebracht. 
Durch ein Karbolglyzerin-Wattebäuschchen wird das Trommelfell 
in seiner Lage erhalten. Nach 7 Wochen war der Lappen tadellos 
eingeheilt. 

E. Fröschels stellt einen Infanteristen vor, der im An¬ 
schluß an die Explosion eines Schrapnells ein fast rein tonisches 
Stottern zeigte. Die Therapie dürfte Besserung bringen. 

0. Mayer: Fall von Sinusthrombose mit spontaner 
Abgrenzung. Es handelte sich um einen, wie die Operation zeigte, 
großen Extraduralabszeß. Der Sinus war thrombosiert, seine äußere 
Wand vereitert. Ferner bestand eine ausgedehnte Paebytneningitis. 
Bei der Inzision der lateralen Sinuswand zeigte sich, daß derselbe 
unmittelbar vor der Einmündung in den Bulbus durch Bindegewebe 
verschlossen war. — Sodann demonstriert M. einen geheilten Fall 
von Abszeß im Hinterhauptlappen, Extradnralabszeß, Sinns-, 
Bulbus-, Jugulumthrombose, Halsphlegmone und Mediasti¬ 
nitis infolge Cholesteatom des Mittelohres. lOjähriges Mädchen, 
das im Anschluß an eine chronische Mittelohreiterung unter den 
Symptomen einer Meningitis eingeliefort wurde und eine über die 
ganze Halsseite bis zur Klavikula reichende Phlegmone zeigte. 
Bei der Operation wird der Bulbus nach Voss eröffnet, der 
thrombosierte Sinus petr. sup. bis in die Höhe des hinteren Bogen¬ 
ganges verfolgt. Eröffnung der vom Bulbus bis ins Mediastinum 
reichenden Abszeßhöhle. Drainage des Mediastinums. Außerdem 
bestand ein Hirnprolaps nach Inzision eines Abszesses im Hinter¬ 
hauptslappen. Dieser Prolaps wurde später abgetragen und der 
Duradefekt durch einen gestielten Periostlappen nach Hacker 
gedeckt. 

E. Ruttin: Kriegsverletzungen des Gehörorgans. I. Fall 
mit Einschuß über dem rechten Tragus und Durchschuß der Gehör- 
gangswände im knorpelig membranösen Teil. Pat. ist taub. Die 
kalorische Reaktion ist erhalten. Totale Fazialisparalyse. — H. Ein¬ 
schuß am rechten Grus helicis, fluktuierende Schwellung über dem 
I Jochfortsatz. Im Röntgenbild daselbst zwei Schrapnellsplitter 2 
sehen. Entfernung des Projektils. Pat. hört jetzt 2 m.— Hl. M® 
schuß in der Höhe der Helixwurzel vor dem linken Ohr, A > 
schuß in der Mitte der hinteren Ohrfalte. Ruptur des Trommelle *■ 
Schwere Läsion des Kochlearapparates, geringe Symptome Y 
seiten des Vestibülarapparates. — IV. Einschuß drei Querfing 
vor dem rechten Ohr, Ausschuß in der Mitte des hinteren R aD 
des Proc. mast. Pat. ist taub. Kalorische Reaktion nach Rec s 


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^ l April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


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drehen# fast erloschen. — V. Einschuß in der rechten Augenbraue, 
Ausschuß in der vorderen Gehörgangswand, knapp hinter dem 
Tragus. Hintere Gehörgangswand vom Projektil gestreift. Häraato- 
(jmpafluro. Blindheit rechts infolge Netzhautruptur. — VI. Hie 
hintere und vordere Gehörgangswand sind etwa am üebergang 
des knorpeligen in den knöchernen Gehörgang durchschossen. 
Kleine Granulationen im hinteren unteren Trommelfellquadranten. 
Mäßige Mittelohreiterung. Pat. ist taub. Vestibuläre Reaktion er¬ 
halten. Fazialisparese links. — VII. Einschuß ein Querfinger unter 
dem rechten Augenlid, eiternd. Projektil am hinteren Rande des 
Sternokleidomastoideus tastbar. Schwellung und Rötung an dieser 
Stelle. Oedem der mittleren Nasenmuschel. Diffuse Suffusion am 
hinteren Gaamenbogen. Es besteht Hämatotympanum. — Bei den 
beobachteten Kriegsverletzungen ist auffallend, daß der knorpelig- 
membraoöse Gehörgang viel häufiger durchschossen war, als der 
knöcherne. Die Atresie ließ sich durch Tamponade stets verhüten, 
in 3 Fällen kam es zu einer mäßigen Stenose. 

0. Beck. Zerebrale Lues. Zeigereaktion. Vestibnlar- 
beftmd. 38jähriger Pat. 1911 Sklerose am Penis. Seine Kuren 
scheinen sehr energische gewesen zu sein, da er im Juni 1913 
mit einer Sklerose an der Lippe wieder erschien. Uebermäßige Be¬ 
handlung mit Neosalvarsan und Quecksilber. Im Oktober 1913, 

2 Wochen nach Beendigung einer antiluetischen Kur plötzliche 
Ertaubung links und akute Meniere-Attacken. Rechtes Ohr fast 
normal, links komplette Taubheit. Spontannystagmus nach rechts. 
Spontanes Vorbeizeigen mit der linken Hand, und zwar immer 
nach außen. Bei allen vorgenommenen Labyrinthreizungen zeigt 
die rechte Hand richtig, dagegen ist das spontane Naehaußen- 
zeigen der linken Hand durch keine Labyrinthreizung zu ändern. 
Lumbalpunktion wird vom Pat. nicht gestattet. Im weiteren Ver¬ 
lauf der Behandlung verschwindet das Vorbeizeigen. Die subjek¬ 
tiven Begleiterscheinungen für die kalorische Reaktion sind deut¬ 
lich herabgesetzt, für Drehreaktion ergeben sich besonders hohe 
Werte und starke Schwindelerscheinungen^ Wassermann seit Be- 
ginn der Ohrerkrankung negativ. — Vestibularbefund bei 
einem Fall von JDiastase der Schadelnfihte. Es handelt sich 
um einen Soldaten, der im Anschluß an eine Schrapnellexplosion 
von einem Bergbang herabgeschleudert wurde und bewußtlos liegen 
blieb. Darnach starker Schwindel und Schlechthören. Die Röntgen¬ 
untersuchung ergibt eine Diastase sämtlicher Schädelnähto. Die 
vestibulären Reaktionen bei diesem Pat. verhalten sich genau so 
wie bei Fällen, die nach der Lumbalpunktion auf den Zustand 
ihres Vestibularapparates untersucht werden. B. hält dieses atypische 
Verhalten des Vestibularapparates nicht für zentral bedingt und 
glaubt es mit den veränderten Druck Verhältnissen im Schädel in 
Zusammenhang bringen zu sollen. — Vestibularbefund bei 
Schrspnellneurose. Der 27jährige Soldat, in dessen Nähe ein 
Schrapnell krepierte, war hernach einige Tage bewußtlos. Klinisch 
und neurologisch keine Erkrankung des Schädels nachweisbar. 

Der Gang des Pat. ist unsicher. Starkes Schwindelgeftihl, herab¬ 
gesetztes Gehör rechts. Die Ohruntersuchung ergibt Verhältnisse, 
wie man sie in Friedenszeiten bei traumatischer Neurose^ finden 
kann, jedoch hier mit dem Unterschiede, daß sämtliche Erschei¬ 
nungen bedeutend gesteigert sind. Die vorhandenen kalorischen 
Erscheinungen sind als funktionelle zu deuten. — Sinusthrombose 
unter dem Bild einer Meningitis. Das Merkwürdige in diesem 
Fall ist darin gelegen, daß das klinische Bild zur Zeit der Ein¬ 
bringung des Pat. nach allen Richtungen dem einer Meningitis 
entsprach. Nach der wegen chronischer Eiterung vorgenoin menen 
Kadikaloperation Temperaturabfall durch 3 Tage mit Verschwinden 
der Hirnsjmptome. Dann Uebliehkeit und hohes Fieber, Freilegung 
des Sinus und der hinteren Schädelgrube. Vorziehung des Sinus 
lateralis, Unterbindung der Jugularis interna. Heilung. Es handelt 
sich um eine seröse Meningitis, bedingt durch Hirnödem um den 
Ihrombosierten Sinus. 


Auch er wurde von anderer Seite als unheilbar bezeichnet und 
durch Faradisation geheilt. — III. Der dritte Fall erkrankte auf 
dem Marsche an Hitzschlag, war eine Stunde bewußtlos und wurde 
im Spital mit kaltem Wasser übergossen. Hierauf Krämpfe, und 
zwar Beugekontrakturen der oberen und unteren Extremitäten. 
Nach wiedererlangtem Bewußtsein war er völlig stumm, hörte aber 
beiderseits. Auch hier Heilung. Alle drei Pat. lernten sich erst im 
Spital kennen, so daß von einer psychischen Infektion keino 
Rede sein kann. 

V. Urbantschitsnh bemerkt, daß auch an seiner Klinik sich 
ein Mann befand, der infolge eines in seiner Nähe explodierenden Ge¬ 
schosses olmmächtig wurde und nacli Wiederkehr des Bewußtseins taub 
und stumm erschien. Bei der 2 Wochen nach dem Unfall vorgenommenen 
Untersuchung fand U. beiderseits völlige Taubheit. Massage brachte keine 
Aenderung des Zustandes. Deshalb wandte U. einen äußerst kräftigen In¬ 
duktionsstrom durch 8—10 Sekunden an, den er auf den Kopf einwirken 
ließ. Der Pat. stieß dabei keinen Laut der Ueberraschmig oder des 
Schmerzes aus. Am nächsten Tage war das Gehör für Harmonikatöne 
wiedergekehrt. U. 


&; Urbantschitsch: Im Kriege erworbene hysterische 
iaubheit bzw. Stummheit, durch Faradisation geheilt. I. Der 

^gestellte Soldat wurde durch in seiner Nähe erfolgende 
£t ra PnellexpJosion in die Luft geschleudert, liel auf die rechte 
(iJte aQ f und verfiel in Bewußtlosigkeit. Beim Erwachen war er 
Mmm und rechtseitig taub. Er wurde an fünf Spitäler abgegeben 
!, y° D Jedem als unheilbar entlassen, bis er schließlich dem 
s arnis °flsspital Nr. 2 überstellt wurde, woselbst U. nach Ver- 
a ^ er anderen Mittel einen Versuch mit Faradisierung an- 
j-* ^ er ?ura Ziele führte. — II. Der vorgestellte Korporal er- 
<rf u D Trauma; darnach Bewußtlosigkeit und Tobsuchts- 

‘ a e< dem Erwachen war Pat. stumm und beiderseits taub. 


\ortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort¬ 
bildungswesen in Preußen. 

Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates. 

III. 

Wollenberg (Berlin): Gelenkmobilisation. Zur Verhütung 
der Gelenksteifigkeit muß man die Fixierung der verletzten Glieder 
auf das mindeste Maß beschränken, besonders bei der Hand und 
deu Fingern. Man unterscheidet. Kontrakturen, bei denen es sich 
um die Weichteilschrumpfung handelt, und Ankylosen bei der 
Versteifung der Gelenke. Erstere kommen bei Oberflächenwunden 
zustande und werden durch aktive und passive Bewegungen im 
Seifenbad bekämpft. Wenn der Erfolg ausbleibt, muß man die 
Narben herausschneiden und plastische Operationen vornehmen. 
Schwieriger wird die Behandlung, sobald durch Schrumpfung der 
Muskeln und Faszien, oft infolge der langen Fixierung der Ge¬ 
lenke, die Gewebe erheblich verkürzt sind. Am schwersten sind 
die Fälle von Verwachsungen im Gelenk selbst, wenn Spreng- 
stiieke hineingelangt sind, die jede Bewegung unmöglich machen. 
Bei den durch Muskelnarben bewirkten Versteifungen ist die offene 
Durchsclmeidung der Sehnen und eventuell plastische Tenotomie 
erforderlich, für die Gelenkversteifungen, die Ankylosen, kommt 
nur das forcierte Redressement in Frage. Von der bei der Ver¬ 
wundung etwa vorhandenen Infektion hängt die Nachbehandlung 
ab. Lag keine Infektion vor, besteht nur eine traumatische 
Arthritis, hervorgerufen durch Blutergüsse, Verdickung der Syno¬ 
vialhaut, so muß die Schrumpfung mit frühzeitigen aktiven und 
passiven Bewegungen behandelt werden und mit Wärme; Massage 
ist aber zu vermeiden. Bei Gelenkschüssen und mäßigen Verände¬ 
rungen des Gelenks muß längere Ruhigstellung des Gelenks er¬ 
folgen, und die Behandlung ist eine ähnliche. Bei völliger Zerstö¬ 
rung des Gelenks durch das Geschoß und Anwesenheit vieler 
Knocbenfragmente muß man ruhigstellen und erst die Bildung des 
Gallus abwarten. Liegt aber eine stärkere gleichzeitige Inrektion 
vor, sei es von der Weicht eil Verletzung ausgehend oder direkt 
durch den Gelenkschuß, so muß man bei mildem Verlauf früh¬ 
zeitig vorsichtige Mobilisierungsversuche machen, mindestens bei 
jedem Verbandwechsel eine Aenderung der Stellung vornehmen. 
Jeder blutigen oder unblutigen forcierten Maßnahme muß die 
physikalische Behandlung vorausgehen und folgen. Nach dem 
forcierten Redressement ist vorübergehende Ruhigstellung erforder¬ 
lich. Es treten oft Zirkulationsstörungen auf, bei Fettreichtum 
auch Fettembolie, und infektiöse Prozesse können wieder auf¬ 
brechen. Man muß während des Redressements, das gewöhnlich 
manuell vorgenommen wird, alle physiologischen Bewegungen er¬ 
giebig ausführen und darauf Alkoholumschläge machen, Morphium 
geben und nach Abklingen der Schmerzen erst kleine, später 
größere Bewegungen passiv ausführen. Das Verfahren mit langsam 
wirkenden Extensions- und Schienenapparaten ist weniger zu emp¬ 
fehlen. Nur bei Subluxationen kann man durch Gewichtsextension 
auf einen Ausgleich der Verschiebung rechnen. Die blutige Methode 
besteht in der Eröffnung der Gelenke und Herausnahme der die 
Bewegung hindernden Teile unter Zurücklassen eines Faszien¬ 
lappens. Oft ist aber ein Schlottergelenk die Folge, das für einen 
Arbeiter viel schlimmer ist, als ein in guter Stellung fixiertes 
Gelenk. Wenn die Bew'eglichmachung nicht gelingt, soll man eine 
passende Mittelstellung erstreben. Eine solche ist für den Ell¬ 
bogen der rechte Winkel, die Schulter mäßige Abduktion, Hüfte 


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UNiVERSUY OF IOWA 




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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. U. 


4. April, 


mäßige Abduktion und Außenrotation, das Knie die gestreckte 
Stellung und den Fuß der rechte Winkel. 

Holtmann (Königsberg): Heber Prothesen und ihre 
Verwendung. Vortr. ist seit vielen Jahren mit glänzendem 
Erfolge bemüht, für Amputierte geeignete, billige Prothesen zu 
erfinden. Was er auf Kongressen und in diesem Vortrag an Appa¬ 
raten und Lichtbildern gezeigt hat, ist so überzeugend, daß man 
das Problem des zweckmäßigsten Ersatzes für fehlende Gliedmaßen 
durch ihn für gelöst halten mochte. Man sah im kinematographi- 
sehen Bild einen früheren Soldaten, dem nach Erfrieren vor sieben 
Jahren beide Arme und Beine abgenommen waren, sieh ankleiden, 
waschen, kämmen, frühstücken, in der Arbeitsstube eiue Schlosser¬ 
tätigkeit ausiiben und spazieren gehen, sogar eine Gartentür ver¬ 
schließen. Der allerdings sehr geschickte Manu ist Vorarbeiter und 
wirkt äußerst günstig auf Unfallverletzte durch sein Beispiel. Man 
sah einen Kunsttischler feine Arbeit mit einem künstlichen Arme 
verrichten, einen ehemaligen Monteur, dem beide Arme fehlen, in 
der Ausübung seines Amtes als Kontrolleur der Gas- und elektri¬ 
schen Uhren. Mädchen sah man beim Stricken, Nähen, Häkeln, 
Zuschneiden, ländliche Arbeiter bei der Handhabung aller ihrer 
Geräte, wie Sense, Heugabel, Harke, Spaten. Man sah auch einen 
Hauptmann, der in diesem Kriege das eine Bein verloren hatte, 
mit seiner Prothese aufs Pferd springen und hörte, daß er die Ab¬ 
sicht habe, wieder seinen Dienst im Felde zu tun, nachdem er zum 
Garnisonsdienst bereits zugelassen wurde. H. erreicht diese wunder¬ 
vollen Resultate durch einfache Mittel. Die Hüllen sind leicht ge¬ 
arbeitet und haben an dem peripheren Ende Vorrichtungen, an die 
man bequem verschiedene Werkzeuge, Messer, Gabel, Löffel, 
Bürste, Zange, Federhalter usw. stecken kann. Nur zum Zierrat 
wird eine hölzerne Hand angebracht. Am Bein legt Vortr. 
großes Gewicht auf die rechtwinklige Fixierung des Fußgelenks, 
weil alle künstlichen Gelenkverbindungen nur Unsicherheit hervor- 
rufen. Das Kniegelenk wird dagegen durch ein nach vorn offenes 
Scharniergelenk ersetzt, das beim Auftreten die Festigkeit ermög¬ 
licht und beim Sitzen die Beugung gestattet. Die am Bein Ampu¬ 
tierten erhalten zuerst kurze Prothesen, um sich an ihr Tragen zu 
gewöhnen. Im Gegensatz zu den unwilligen Unfallverletzten erklärt 
auch H., daß es eine Freude sei, es mit unseren Soldaten zu tun 
zu haben. Es ist wohl anzunehmen, daß den Sanitätsbehörden des 
deutschen Heeres die vorzüglichen Erfolge des Königsberger 
Orthopäden bekannt sind. Aber im Interesse des Vaterlandes wäre 
es unzweifelhaft, wenn alle Orthopäden, besonders unsere Militär¬ 
ärzte sich die genaue Kenntnis seiner Arbeiten und Apparate ver¬ 
schaffen würden, am besten in einem kurzen Kursus in Königsberg 
selbst. L. F. 


bazillose führt übrigens auch häufig zu wenig bekannten und oft 
verkannten Allgemoininfektionen. 

Finkelnburg: Verieteungen der peripherischen Nerven. 

Dieselben machen 2—2,5°/ 0 aller Verletzungen im Kriege aus. 
Totale Durchtrennung der Nerven findet sich in 4—5°/ 0 . Außerdem 
kommen partielle Durchtrennungen, Quetschungen, Kompressionen 
durch Narben, Knochensplitter oder Kallusbildung sowie echte 
Entzündung zur Beobachtung. Die totale Querschnittsläsion führt 
natürlich sofort zur Aufhebung der Motilität, der nach einiger 
Zeit Atrophie der befallenen Muskeln und elektrische Verände¬ 
rungen in denselben folgen. Die Sensibilität braucht nicht im 
ganzen Gebiet der betroffenen Nerven aufgehoben zu sein wegen 
der bekannten Ueberlagerung von anderen Nervenzweigen her. 
Die partielle Durchtrennung kann klinisch das Bild einer voll¬ 
ständigen machen: nach 4—G Wochen etwa kann spontan die Be¬ 
weglichkeit wiederkehren. Bis zur sechsten Woche ist also keine 
Entscheidung über eine Operation zu treffen. Auffällig ist das 
Verhalten der Schmerzhaftigkeit. In einem Teil der Fälle sofort 
nach der Verletzung Schmerzen, in einem zweiten erst. Lähmung 
und Anästhesie und erst nach einiger Zeit Schmerzen. Hier handelt 
es sich um eine Neuritis. Zur Diagnose der Neuritis muß man 
Zorrungsschmerz und Muskelentzündung ausschließen. Die Schmerzen 
werden hauptsächlich in die distalen Enden der Glieder verlegt. 
Die Nervonstämme sind druckempfindlich, oft allerdings nur sehr 
wenig. Wichtig sind trophische Störungen der Haut, und des 
Knochensystems (akute Atrophie der Epiphysen der Finger und 
Handgelenke). Bei Kompression durch Knochenkallus soll man 
nach 4 5 Wochen operieren, wenn nicht Besserung eintritt 

(Wiederkehren der faradischen Erregbarkeit). Bei Verletzungen des 
Nerven kann man ruhig 4—5 Monate warten, da durch ein solches 
Warten die Prognose nicht verschlechtert wird, wenn man Gelenks¬ 
steifigkeiten und Muskelatrophie durch Wärme, Elektrisieren, 
Hebungen verhütet. Schwerer ist die Behandlung der Neuritis in 
vielen Fällen. Von 17 Fällen heilten zehn spontan bei absoluter 
Bettruhe und Narkotizis in kleinen Dosen im Vereine mit Heißluft- 
bädern. Von sieben Fällen, die auf diese Behandlung nicht reagierten, 
wurden vier operiert. Bei zweien war der Befund völlig negativ, 
bei den zwei anderen die Neurolyse ohne jeden Nutzen. In solchen 
schwersten Fällen, die zur Amputation des betroffenen Gliedes 
führen können, rät F. zu einer systematischen Morphiumkur von 
kleinsten zu größeren Dosen langsam ansteigend und dann wieder 
zurückgehend. Ls. 

Kricgscliirurgiseher Abend zu Lille (Frankreich). 

Sitzung vom 13. Jänner 1915. 


Kriegsärztliche Abende in Bonn. 

Sitzungen vom 18. Dezember 1914 und 15. Jänner 1915. 

Ungar: Erfahrungen an der inneren Abteilung des 

Reservelazaretts. Auffällig groß war die Zahl der Erkrankungen 
an Ischias. Er empfiehlt als besonders gutes therapeutisches 
Mittel dagegen die spanische Fliege. Besonders eingehend ver¬ 
weilte U. bei der Schwierigkeit der Typhusdiagnose, die 
manchmal nur per exclusionem zu stellen ist, da oft im Anfänge 
der Erkrankung sämtliche diagnostischen Hilfsmittel versagen. Ein 
Fall von Diphtherie verlief trotz schwerster Erkrankung doch 
noch günstig: Beginn als lakunäre Tonsillitis. Der Verdacht einer 
Diphtherie konnte erst am dritten Tage bestätigt werden. Die 
Erkrankung verbreitete sich tief in die Bronchialverästelungen 
hinein, so daß vollständige Ausgüsse derselben ausgehustet 
wurden. Es kamen Myokarditis, Nephritis, Augenmuskel- und 
Gaumensegellähmung, Sensibilitätsstörungen in den Extremitäten 
mit Fehlen der Patellarreflexe hinzu. Oeftor wurde eine akute 
Lungenblähung infolge der großen Anstrengungen beobachtet. 
Von Herzstörungen sind für den Feldarzt am wichtigsten die 
funktionellen Schwächezustände, die sich bei genügend langer 
Schonung wieder völlig ausgleichen können, bei denen aber immer 
die Entscheidung schwierig ist, ob nicht doch organische Verände¬ 
rungen dein Leiden zugrunde liegen. Interessant war weiter ein 
Fall von Trauma des Pankreas; dem Manne war eine Kiste auf 
den Bauch gefallen. Es fand sich ein Erguß in die Bauchhöhle 
und in der Gegend des Pankreaskopfes konnte man eine unbe¬ 
stimmte Härte fühlen. Einen Tag lang schied Pat. Zucker aus: 
1,6; nachher war der Urin stets frei. Von Nierenstörungeu 
kamen mehrere Fälle von orthotischer Albuminurie zur Beobach¬ 
tung sowie Fälle von Koliinfektionen des Nierenbeckens. Die Koli- 


Borst zeigt Schädelknochenpräparate, au denen er die 
Geschoßwirkung am knöchernen Schädel zeigte. Es war in letzterer 
Zeit öfter die Beobachtung gemacht, daß Tangentialsehiisse häufig 
auch große, sekundäre Sprünge setzen, und zwar in radiärer An¬ 
ordnung, namentlich an prominenten Teilen des Schädeldachs. 
Diese starken Sprünge des Knochens führt Vortr. auf die ^Innen¬ 
architektur“ und gewisse Spannungen des Schädels zurück, die 
er als Kuppelgewölbe auffaßt. — B. zeigt ferner ein Herz mit 
Aorta: Vor einem Manne war eine Granate geplatzt und hatte 
ihn umgeworfen. Zunächst keine besonderen Störungen, am andern 
Tag plötzlicher Tod. Sektion: Ruptur der Aorta an typischer 
Stelle; Aorta descendens, im Anfangsteile verschlossen. 

Weber (Straßburg) demonstriert ein interessantes Herz« 
präparat: Soldat mit Granatverletzung; Einschuß, zirka fünfzig - 
pfennigstückgroß, etwas einwärts vom rechten Sternalrand in der 
Höhe der vierten Rippe. Kein Zeichen stärkerer Blutung; keine 
Verbreiterung der Herzdämpfung, keine pathologischen Geräusche 
am Herzen. Rechtsseitiger Pneumothorax. Bald darauf schwere 
Dyspnoe, Preßatmung, Zyanose, schlechter Puls. Verbreiterung der 
Herzdärnpfung um das Vierfache, Herztöne hörbar, aber schwächer 

und vollständig rein. Druckempfindlichkeit über dem Sternum und 
dem Jugulum. Die Operation (Sauerbruch) ergab eine breite 
Eröffnung des Brustfells. Die zertrümmerte vierte Rippe WUI y 
reseziert, und ebenso einige Splitter aus dem Brustbein entfern ■ 
Beträchtliches Hämatom im vorderen Mittelfellraum. Die Q ue f 
der Blutung konnte zunächst nicht gefunden werden. Bei der 
Revision des Herzbeutels sah mau dann ein etwa 2 cm grölte* 
Loch in der Wand des rechten Ventrikels, aus dein Blut iro 
Strahle hervordrang. Erweiterung des Loches, Vorziehen ^ 
Herzens, aus dessen rechtem Ventrikel aus einer etwa iC“ 
langen Wunde in der Systole Blut spritzt. Naht der Ilerzwun 




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■1 April. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 14. 


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<if> Herzbeutels, Tamponade des Mittelfells. Am dritten Tag Exitus. 
Hei der Sektion wird festgestellt, daß der Granatsplittor die Ven- 
trikefwand 2 cm weiter unten zum zweitenmal durchbohrt hat und 
o in £ in diesem Ausschuß als Tampon steckengeblieben ist. 

L.V •/ Menzer (Bochum) führt an der Hand von Fieberkurven 

eoAV~ Typhoskranker, die teils geimpft, teils nicht geimpft waren, 

i , aus. daß im großen und ganzen ein wesentlicher Unterschied in 

den Temperaturen nicht besteht, und daß der Typhus bei Ge« 
$$ impften und Nichtgeimpften bei seinen Pat. den gleichen Ver- 

jittvK lauf batte. 

hm Fortsetzung der Diskussion über die Tetanusfrage. (Siehe 

n ij : . Sr. fl dieser Zeitschrift.) 

. Friedbercfer nimmt auf Grund von Laboratoriumsversuchen an, 

J« L".-; d:iß der Tetaflusbazillus nicht der einzige Tetanuserreger ist, sondern 
q daß iiorb andere in Betracht kommen. Bezügliche Versuche seien im 

idk- - (lange. Der Tetanus, wie wir ihn hier beobachten, braucht nicht in allen 

Ffc eine bazilläre Erkrankung zu sein, vielmehr scheint hierbei auch 
i'iV.' die Resorption eignen Körpereiweißes in Betracht (große Weich teil vr- 
1 letzongl zu kommen. 

^ ‘ Solle sab in seinem Lazarett im ganzen 34 Tetanusfälle; unter 

diesen befanden sich 18 schwere Granatverletzungen, die übrigen waren 
V: ' kleinere Verletzungen. Je kürzer die Inkubation, desto .schwerer der 

• - ' FäU. Der neunte Krankheitstag stellt etwa die Grenze dar, doch kommen 

:r J. . auch große Schwankungen vor. Ungünstige Erfahrungen hat er nach der 

Amputation bei Tetanusfällen gemacht. Ob dies auf die große Shock- 
,r Wirkung ziiriirkzufiihren ist oder auf die Tetanusinfektion, kann er nicht 

u ';‘\ angeben. U'em'g Zutrauen ist in die prophylaktischen Maßnahmen bei 

Tetanus zu setzen. 

Laeven fand im Gewebe eines amputierten Vorderarms Tetanus- 
‘ bazilleu Erscheinungen hatte Pat. noch nicht. Nach einer dreimaligen 

1 Injektion in den Plexus brachialis erkrankte Pat. nicht an Tetanus. 

Menzer sah bei schon Erkrankten keine Erfolge nach Antitoxinbehand- 
J Jung, dagegen gute bei prophylaktischer Injektion; durch heiße Bäder, 

1 die er sehr empfiehlt, sollen "die Krämpfe wesentlich gemildert werden. 

• Enderlen (Würzburg) mahnt zur Vorsicht bei Ploxusinjektionen 

wegen der Plexuslähmung, die folgen kann. Sie erscheint ihm heim lokalen 
Tetanus wirken zu können; wenn allgemeiner Tetanus ausgebrochen ist, 
t: ist sie ebenso nutzlos wie die Amputation. 

Sauerbruch (Zürich) macht darauf aufmerksam, daß Fälle mit 
tetanischer Starre der Atemmuskulatur an Kohlensäureintoxikation zu¬ 
grunde geben können und schlägt in solchen Fällen chirurgische Hilfe 
vor (Phre/iikusdurchtrennung). 

Koile (Schlußwort) bemerkt zur Typbusschutzimpfung, daß wir 
in unserer Armee relativ wenig Fälle von Typhus haben, was auf die 
zunehmende Assanierung des Heeres zurückzuführen sei. Zur trage der 
Tetanuschutzimpfung stellt Referent folgende Thesen auf: 

1. Der Tetanus ist vermeidbar. 

2. An der Art und dem Aussehen der Wunde ist nicht 
zu erkennen, ob ein Tetanus folgt oder nicht. 

3. Jeder Verwundete ist prinzipiell mit Tetanusserum 
zu behandeln. 

4. Die Injektion ist so früh wie möglich vorzunehmen; 
eine Wiederholung erfolge nach fünf Tagen. 

5. Man injiziere nicht unter 20 Einheiten. B. 


Kleine Mitteilungen. 


Kriegschronik. 

Aus den off» Verlustlisten. 

I Tot: 

A.-A. d. Res. Dr. Friedrich Plaseller, Epidemiespital Mitrovica 
'Liste i\r. 150 ). 

2. Verwundet: 

Lst.-A.-A. Dr. Josef Koller, Lst.-Bez.-Kmdo. Nr. 4 (Liste Nr. 146). 
J. Kriegsgefangen: 

A.-A. d. Res. Dr. Viktor Fried m a nn, T.-R. Nr. 9 (Liste Nr. 147). 
O.-A. Dr. Alfred Meissner, Lst.-B. Nr. 10 (Liste Nr. 147). 


(Militärärztliches.) St.-A. Dr.B. Fuchs, Leiter des Spital¬ 
zuges Nr. 3, R.-A. d. Kes. Dr. J. Dotal, Lst.-O.-A. Dr. A. Szili 
uod Dr. F. Födisch, Chefarzt der Staatsbahndirektion in Wien, 
erhielten das Ehrenzeichen II. Kl. vom Koten Kreuz mit der Kriegs- 
dt'koration. — In Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen 
bzw. vorzüglichen Verhaltens vor dem Feinde ist dem (i<*n.-St.-A. 
Dr. A. Grossmann, San.-Chel des 1. Korps, das Offizierskreuz des 
braoz Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, 
® efl °*St,-Ae. II. KI. DDr. R. Bartelt, San.-Chef der 25. I.-Div., 


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J. Pol lach, San.-Chef der 8. I.-I)iv.. J. Mark. San.-(Mief der 
1. K.-Div., E. Illes, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/7, G. Mega 
des Feld-Sp.'Nr. 3/11, den St.-Ae. DDr. N. Mosing, Kommand. des 
mob. Res.-Sp. Nr. 2/11, K. Matauschek, Kommand. des Feld.-Sp. 
Nr. 4/11, F. Välek, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 5/4, A. Lang er, 
Kommand. des Feld.-Sp. Nr. 5 9, E. Hollan des mob. Res.-Sp. 
Nr. 3/11, F. Schütz beim 1. Korps, A. Hayn, Koramaud. der 
I.-Div.-San.-A. Nr. 4, F. Müller, Kommand. der I.-Div.-San.-A. 
Nr. 2, B. Bardach des b.-h. I.-R. Nr. 4, P. Fried mann, Kommand. 
der I.-Div.-San.-A. Nr. 28, den R.-Ae. DDr. K. Dallik beim 
Feld.-Sp. Nr. 9/7 und J. Tasner des I.-R. Nr. 47 das Ritterkreuz 
des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dein 
St.-A. Dr. P. Geislor, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 4/11. den 
R.-Ae. DDr. 0. Settmachcr der I.-Div.-San.-A. Nr. 4. F. Wein- 
furter des 1. Armee-Etapp.-Kmdo., K. Visy des mob. Rcs.-Sp. 
Nr. 6 4. A. Mann, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 6/1, L. Thic- 
ring, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 3/5, F. Maksai des I.-R. 
Nr. 50, R. Wysocki beim I.-R. Nr. 80, W. Burian der 5. I.-Div., 
den O.-Ac. DDr. J. Bochskanl der I.-Div.-San.-A. Nr. 3, H. Ernst 
des H.-R. Nr. 16, den O.-Ae. der Res. DDr. V. Gegenbauer 
des 1. Armee-Etapp.-Kmdo., K. Varga des I.-R. Nr. 46. W. Le- 
nard des I.-R. Nr. 29, A. Isall des F.-K.-R. Nr. 5, W. Huzar 
des I.-R. Nr. 30, G. Fekete der T.-Div. Nr. 5, den A.-Ao. d. Res. 
DDr. Z. Duducz des b.-h. I.-R. Nr. 2, J.Strancz der I.-Div.-San.-A. 
Nr. 22 und D. Borka des mob. Res.-Sp. Nr. 1/7 das Goldene Ver¬ 
dienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille ver¬ 
liehen, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. S. Zeilendorf, Kommand. des 
mob. Res.-Sp. Nr. 1/5, J. Smidrkal des I.-R. Nr. 54, den R.-Ae. 
DDr. R. Keller des U.-R. Nr. 13, A. Botein beim l.-R. Nr. 50, 
L. Stieböck des F.-J.-B. Nr. 30, K. Komberer des I.-R. Nr. S, 
J. Novak des l.-R. Nr. 44, W. Wessely der 28. I.-Div., A. Zva- 
rinyi, Kommand. der K.-Div.-San.-A. Nr. 1, W. Wolfenstein 
des I.-R. Nr. 1, A. v. Szilassy des F.-H.-R. Nr. 5, A. Steidl, 
Kommand. der K.-Div.-San.-A. Nr. 2, E. Paiker des I.-R. Nr. 81, 
den Ö.-Ae. DDr. H. Liehtenegger des F.-K.-R. Nr. 7, M. Just in 
der I.-Div.-San.-A. Nr. 6, J. Molnar der I.-Div.-San.-A. Nr. 28, 
den O.-Ae. d. Res. DDr. L. Plaesko des I.-R. Nr. 101, M. Strass¬ 
berger des I.-R. Nr. 15, A. Schlemmer des I.-R. Nr. 8, G. ßu- 
rianek des I.-R. Nr. 13, J. Willander der I.-Div.-San.-A. Nr. 28, 
S. Gozdziewski des I.-R. Nr. 80, P. Nistor des I.-R. Nr. 33, 

J. Uran des D.-R. Nr. 5, den A.-Ae. d. Res. DDr. V. Wurzinger, 

K. Mulley und P. Savnik der I.-Div.-San.-A. Nr. 6, L. Holtza- 
beck der K.-Div.-San.-A. Nr. 1, K. Szamek des I.-R. Nr. 72 und 
J. Katz des D.-R. Nr. 9 die a. h. belobende Anerkennung aus¬ 
gesprochen worden. — Ernannt wurden zu effektiven Fregatten¬ 
ärzten die provisorischen Fregattenärzte DDr. J. Zeehmeister, 
F. Medgyesy, F. Waga und Z. Zzumrak. — Die St.-Ae. Dok¬ 
toren H. Tyl des I.-R. Nr. 11 und J. Wiktor des L.-Kmdo. Lem¬ 
berg sind in den Ruhestand versetzt worden. 

(Vorkehrungen gegen Typhuskeimträger.) Die n.-ö. 
Statthaltern hat mit dem Runderlasse vom 10. Februar 1915 dem 
Wiener Magistrate folgendes eröffnet; Das häufige Auftreten von 
Abdominaltyphus unter den vom Kriegsschauplätze eingetrolfenen 
Personen läßt es geboten erscheinen, dieser Krankhoit, dio er¬ 
fahrungsgemäß iu Kriegszeiten eine wichtige Rolle spielt, erhöhte 
Aufmerksamkeit zuzuwenden und insbesondere ein Uebergreifen 
auf die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit zu verhüten. Bei Be¬ 
kämpfung des Abdominnltyphus wird darauf Bedacht zu nehmen 
sein, daß die Weiterverbreitung vor allem durch Kontaktinfektionen 
stattfindet und deshalb die in dieser Hinsicht erforderlichen fallweisen 
Erhebungen und Verfügungen niemals gegenüber der allgemeinen 
Obsorge fiir unbedenkliche Beseitigung der Abfallstoffe und ein¬ 
wandfreie Wasserversorgung iu den Hintergrund treten dürfen. 
Dies ist um so mehr begründet, als die Feststellung der Keim¬ 
träger und ihre Absonderung direkte Maßnahmen bilden, während 
dio Erschwerung bzw. Ausschaltung der Uebertragungsmöglich- 
keiten durch vermittelnde Medien, wie Wasser, Milch usw. (allge¬ 
meine hygienische Verbesserungen) als indirekte Bekämpfungs- 
maßregelu anzusehen sind. Im Sinne einer geordneten Seuchen¬ 
bekämpfung ist daher bei Einlangen einer Anzeige über 
Abdominaltyphus die Feststellung nicht nur der Krauken, sondern 
auch der sonstigen Typhuswirte, d. h. solcher Personen, 
welche entweder nach überstandener Krankheit Typhusbazillen 
ausscheiden (Dauerausscheider) oder ohne nachweisbar krank ge¬ 
wesen zu sein, Typhusbazillen iu ihren Ausscheidungen beherbergen 
(Bazillenträger), durch Einleitung systematischer bakteriologischer 
Untersuchungen (Harn, Stuhl, Blut usw.) unter der un mittel baren 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 


4. April. 


Umgebung Typbuskranker von größter Bedeutung. Aut die er¬ 
mittelten Typhuswirte, die stets evident zu halten sind, finden je 
nach der Lage der Verhältnisse auf Grund des Gutachtens des 
zuständigen, im Öffentlichen Sanitätsdienste stehenden Arztes die 
einschlägigen Bestimmungen des Epidemiegosetzes vom 14. April 
1913, § 7 (Absonderung Kranker) bzw. § 17 (Ueberwachung be¬ 
stimmter Personen) Anwendung, wobei in der Hegel nachstehende 
Richtlinien einzuhalten sind: 

Bei der Absonderung der Typhuskra iken bzw. Typhusrekon¬ 
valeszenten in Krankenanstalten wird auf Unterbringung in Isolier- 
zimrnern, Isolierabteilungen, Infektionsbaracken u. dgl. zu dringen 
sein. Die gemeinsame Unterbringung von Typhuskranken mit anderen 
Kranken ist nicht zu dulden. — Bei Typhusrekonvaleszenten ist vor 
Aufhebung der Absonderung die zweimalige bakteriologische Unter¬ 
suchung in' einem Zeitraum von 5—7 Tagen zu veranlassen. Bei 
Fortbestehen der Typhusbazillen in den Abgängen können die Typhus- 
rekonvaleszenten (Dauerausscheider) bis zum Ablauf von zehn 
Wochen, vom Beginne der Erkrankung gerechnet, abgesondert ge¬ 
halten werden. Hierbei ist zu beachten, daß die Häufigkeit der 
Stuhldauerausscheider verhältnismäßig nicht so groß ist, wie jene 
der Harndauerausscheider (3—5" n gegen 10—15%). Letztere können 
aber im Gegensätze zu den erstgenannten durch eine unschädliche 
Therapie von ihrem Zustande dauernd geheilt werden. Zu diesem 
Zwecke empfiehlt es sich, daß jeder Typhusrekonvaleszente vor seiner 
Entlassung durch 4—5 Tage täglich 1,5 —3 g von Hexamethylen¬ 
tetramin (Urotropin) oder ähnlichen Präparaten (Helmitol. Hetralin, 
Borovertin) in Dosen von 0,5—1 g nehme. — Die Namen der sich 
als Dauerausscheider erweisenden Personen sind bei Entlassung aus 
der isolierten Behandlung den politischen Behörden des Aufenthalts¬ 
ortes behufs Veranlassung einer entsprechenden, ihre Bewegungs¬ 
freiheit jedoch tunlichst wenig behindernden und soweit möglich 
unauffälligen Ueberwachung mitzuteilen, die Personen selbst ent¬ 
sprechend über ihren Zustand, die ihnen selbst drohende Gefahr 
(Wiedererkrankung, Reinfektion) und die von ihnen zu beobachtenden 
Vorsiehtsmaßregeln aufzuklären. Im besonderen sind Dauerausscheider 
zur größten Reinlichkeit, hauptsächlich zum gründlichen Waschen 
der Hände nach jeder Harn- oder Stuhlentleerung zu ermahnen und 
aufzufordern, ihre Ausscheidungen womöglich zu desinfizieren (Kalk¬ 
milch u. dgl.), jedenfalls nie frei an öffentlich zugänglichen Orten 
oder in der Nähe von Wohnstätten, Gärten. Brunnen, (Quellen usw. 
abzusetzen, die Leib- und Bettwäsche beim Wechseln in eine starke 
Seifenlauge oder in eine andere desinfizierende Lösung einzuweichen 
und dann erst mit anderer Wäsche zusammenbringen zu lassen. 
Dauerausscheider sind von allen Betrieben, in welchen Lebensmittel 
erzeugt oder verkauft werden, fernzuhalten. Wo dies untunlich ist, 
ist wenigstens dafür zu sorgen, daß unter allen Umständen diese 
Personen jede Berührung mit Lebensmitteln, welche im rohen Zu¬ 
stande genossen werden, vermeiden. Ferner kann den Daueraus¬ 
scheidern eine besondere Meldepflicht auferlegt und der Auftrag 
erteilt werden, sich von Zeit zu Zeit (etwa alle 3 Monate) beim zu¬ 
ständigen im öffentlichen Sanitätsdienst stehenden Arzt vorzustellen, 
der zugleich die bakteriologische Untersuchung der Ausscheidungen 
zu veranlassen hat. — Analog den vorstehenden Weisungen ist auch 
hinsichtlich der sogenannten Typhusbazillenträger vorzugehen. 
Werden Träger von Typhuskeimen in geschlossenen Anstalten, 
namentlich in Irrenanstalten ermittelt, so sind dieselben strenge zu 
isolieren: das neu eintretende Personal, insbesondere für Küchcn- 
und Wäschebetrieb, ist der bakteriologischen Untersuchung zu unter¬ 
ziehen. Das gleiche Verfahren erscheint auch gegenüber den neu 
aufgenommenen Pfleglingen, vor allem gegenüber jenen, die aus be¬ 
kannten Typhusorten stammen, geboten. 

Hinsichtlich der näheren Vorschriften über die Art der 
Durchführung der fortlaufenden Desinfektion und der Schlußdes- 
infektion beim Abdominaltyphus wird auf den Leitfaden für den 
Unterricht in der praktischen Desinfektion von Obersanitätsrat 
Universitätsprofessor Dr. WilhelmPraussnitz, Graz, „Oesterreichi- 
sches Sanitätswesen“, 1914, Nr. 40, verwiesen. Das Pflegepersonal 
ist entsprechend zu belehren und zu größter persönlicher Reinlich¬ 
keit anzuhalten. Die Heranziehung freiwilliger Hilfspflegerinnen 
zur Wartung und Pflege Typhuskranker kann laut Erlaß des 
Ministeriums des Innern vom 2. Oktober 1914 nur in ganz be¬ 
sonderen Ausnahmsfällen in Betracht kommen. Die sonst in Frage 
kommenden Bestimmungen des bezogenen Epidemiegesetzes bzw. 
der Durchführungsverordnungen vom 5. Mai 1914 und vom 29. Sep¬ 
tember 1914 sind unter Anpassung an die sich von Fall zu Fall 
ergebenden Verhältnisse genauestens durchzuführen. Außer den 
besprochenen Maßnahmen ist stets nach wie vor auf die allge¬ 
meine Assanierung, namentlich auf die Beschaffung gesunden 
Trinkwassers und auf die einwandfreie Beseitigung der Abfalistoffe 
unter gleichzeitiger Ueberwachung des Lebensmittelverkehres mit 
allem Nachdruck hinzuwirken. 

(Aktion gegen die „Spezialitäten“ des feindlichen 
Auslands.) Die österreichischen pharmazeutischen Korporationen 


haben die vollständige Auflassung der sogenannten „Spezialitäten“, 
insoweit sie aus dem feindlichen Ausland stammen, beschlossen. 
Dieser Beschluß stutzt sich auf die Tatsache, daß sowohl im In¬ 
land als in Deutschland und auch in anderen Staaten Heilmittel 
und Spezialitäten hergestellt werden, die vollen Ersatz für die aus 
Feindesland lierrlihrenden Präparate bieten und denselben zu¬ 
mindest gleichwertig seien. Die Aktion gewinnt dadurch eine noch 
viel weiter reichende Bedeutung, daß auch die aus feindlichen 
Ländern massenhaft bezogenen Parfümeriespezialitäten ausgeschaltet 
werden sollen, die mit einem ungeheuren Reklameaufwand zu hohen 
Preisen hier abgesetzt werden, obgleich die heimische Produktion 
gleichwertige Erzeugnisse billiger liefert. Es wird seitens der be¬ 
treffenden Korporationen unter Führung des Allgemeinen öster¬ 
reichischen Apothekervereins eine Liste jener Artikel vorbereitet, 
für welche das Einfuhr- und Verkaufsverbot seitens der Regierung 
an gestrebt wird. 

(Aus Budapest) wird uns berichtet: Der auch in der 
deutschen medizinischen Literatur durch Fleiß und Schaffensfreude 
riihinlichst bekannte hiesige Neurologe Prof. Julius Donath schied 
wegen erreichter Altersgrenze dieser Tage aus dem Verband des 
Sankt Stephanspitales, wo er die Stelle eines Primararztes be¬ 
kleidete. Donath entstammt der Wiener Schule. Ursprünglich 
wirkte er neben Maly in Innsbruck als Chemiker, wo er die 
Dozentur erwarb. Donath bildete sich in Wien und Berlin zum 
Neurologen heran und produzierte eine große Reihe von neuro¬ 
logischen Arbeiten, die sich durch scharfe Beobachtung auszeichnen 
und durchwegs bleibenden Wert besitzen. S. 

(Aus Feindesland.) In der Sitzung der Socidtö de Chirurgie 
vom 20. Jänner machte Dr. Tuffier nähere Angaben über die bis¬ 
herigen Verluste an Aerzten im französischen Heer. Ende 
Dezember waren unter den 14 000 in die Armee eingestellten 
Aerzten 0500 an der Front, 793 waren tot, verwundet oder ver¬ 
mißt (90 gefallen, HO auf dem Schlachtfelde, 13 später an ihren 
Wunden gestorben, 260 verwundet, 440 vermißt) und 507 krank. 
Zu etwa der gleichen Zeit wurden auf deutscher Seite gezählt: 
132 Aerzte im Kampfe gefallen, 22 verwundet, 45 an inneren 
Krankheiten gestorben und 160 vermißt. — Die sanitären Ver¬ 
hältnisse in Serbien lassen nach den letzten Nachrichten so 
ziemlich alles zu wünschen übrig. Ganz besonders stark wütet das 
Fleckfieber. Die Seuche hat einen derartigen Umfang angenommen, 
daß die Nachbarstaaten sich zu den schärfsten Absperrungsma߬ 
regeln gezwungen sehen. In Monastir haben die Behörden infolge 
des Mangels an Krankenpflegerinnen beschlossen, eine größere 
Anzahl von Frauen gewaltsam zum Dienst in den Lazaretten anzu¬ 
halten. Auch die Aerzte, die in den Lazaretten tätig sind, fallen 
dem Fleckfieber in größerer Zahl zum Opfer. Schon ganz im 
Anfang starben 40 serbische und 23 ausländische Aerzte. 

(Todesfälle.) Gestorben sind: In Prag der Extraordinarius 
für Augenheilkunde an der dortigen Universität Prof. Dr. Alois 
Birnbacher, ein Schüler Blodigs und Hirschfelds, 66 Jahre 
alt; in Sarajevo der O.-St.-A. I. Kl. Dr. Siegmund Dynes; in 
Breslau der Primararzt der otiatrisehen Abteilung des Allerheiligen- 
spitals Prof. Oskar Brieger; in Wiirzburg der Professor der 
Chirurgie Hofrat J. Rosenberger, 67 Jahre alt; in Braunschweig 
der Oberarzt der chirurgischen Abteilung des herzoglichen Kranken¬ 
hauses Prof. Otto Sprengel im 63. Lebensjahre; in Frankfurt a. M. 
Prof. Hugo Apolant, der langjährige Mitarbeiter Ehrlichs; im 
Berliner Virchow-Kraakenhause der Tuberkuloseforscher Prot 
Cornet an Flecktyphus. 

(Statistik.) Vom 2t. bis inklusive 27. März 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 14.444 Personen behandelt. Hiervon wurden 
3012 entlassen, 224 sind gestorben (0-9 0 / 0 des Abganges). In diesem Zeit¬ 
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An 
Blattern 63, Scharlach SS, Varizellen —, Diphtheritis 66, Mumps — , 
Influenza —, Abdominaltvphus 2, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom —> 
Milzbrand —, Woclienbettfieber 1, Flecktyphus 1, Cholera asiatica 
epidemische Genickstarre 9. ln der Woche vom 14. bis 20. März 19lo sind 
in Wien 840 Personen gestorben (-f- 71 gegen die Vorwoche). 


Sitzungs-Kalendarium. 

Osterferien. 


w . V ‘% r, twmtHcf,«r Redakteur für ÖHterrnich Ungarn: Karl Urban, Wien. 
VN lon, lli., Xiüuy.gaspe 6. 


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UNIVERSUM OF IOWA 





Nr. 15. 


Wien, 11. April 1915. 


XI. Jahrgang. 




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Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert tob 

Pmimmv Dr. Kort Bnodeibarf 

Berlin 


Verlag ton 

Urban & Sehwanenbarf 
Wlan 


IXHALT: Die Vertorfung der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Westphal und Prof. Dr. A. H. Hübner, 
t>ber nervöse und psychische Erkrankungen im Kriege (Schluß aus Nr. 14). Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn und Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers, 
Hygienische Erfahrungen im Felde. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Flügge. Schutzkleidung gegen Flecktyphusiibertragung. Primarius Dr. 0. Grosser, 
Behandlung von Schußfrakturen mittelst Gipsbrückenverbänden (mit 3 Abbildungen). Umfrage über die sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge 
rnit den Kriegsverletzungen des Auges, (Schluß aus Nr. 14). — Abhandlungen: Prof. Dr. 0. Bachem, Zur Anwendung des synthetischen Camphers. — 
Bericht« aber Krankheitsfälle and Behandlungsverfahren : Dr. Paul Rißmann, Weitere Beiträge zur diätetischen und medikamentösen Beein¬ 
flussung der Schwangerschaft und zur Eklampsiebehandlung. Dr. Hans Bab, Zur medikamentösen Behandlung der innersekretorischen Ovari&linsuffi- 
zienz. Dr. Ivan Bloch. Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen. — Referatenteil: Saminelreferat: Dr. Peter Misch, Soziale Hygiene und De¬ 
mographie. Oberarzt Dr. Werner Schultz. Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914 (Schluß aus Nr. 14). — Ans den neuesten Zeitschriften. 
- Bflcherhesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen : Wiener Dermatologische Gesellschaft. KriegsürzUiche Abende der Aerztegesellschaft 
in Franzensbad. Kriegssanitätswissonbchaftliehe Versammlungen in Lodz. Wissenschaftliche Versammlung der Sanitätsoffiziere des VII. deutschen 

Reservekorps in Braveres (Frankreich). Wilhelm Konrad Roentgen. — Berufs« and Standesfragen. — Kleine Mitteilungen. 

Dir Vertag bekdU sieh da» aussekHgßHche Rieht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dteeer Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden Originelbeiträge vor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


. Aas der psychiatrischen und Nervenklinik in Bonn Patient* 1 

(Geh.-Rat Westphal). er erwac 

so im \Y 

’ lieber nervöse und psychische Erkrankungen b< 

5- - 4P Kriege*) JStt 

V . i von sonst ga 

A. Westphal und A. H. Hfihner. ^!^ n - 

\ tt A. H. Hübner: Sachverständigentätigkeit, dem Tru 

In einer der ersten Arbeiten Über Kriegspsychosen ist vorher ai 
*■;■ —vonßonhöffer 1 ) — auf die Tatsache hingewiesen 

worden, daß die Geistesstörungen in Kriegszeiten noch von d “ r 
häufiger soziale Konsequenzen nach sich ziehen, als im später wi 
Frieden. Es ist deshalb auch erklärlich, wenn sich — nament- Ein 

hch in den Grenzprovinzen — ein beträchtliches Gutachten- 
material ansaiwnelt. Ueber die reichen Erfahrungen, welche Ankunft, < 
^ir in dieser Beziehung gewinnen konnten, soll im folgenden mannseha 
berichtet werden: volver ab. 

Es sind drei Fragen, die wir bisher zu entscheiden maliger" a 

hatten, nämlich 1. die nach der Dienstfähigkeit, 2. nach der un d im Al 

Berechtigung gestellter Versorgungsansprüche und 3. nach begann, ei 

der strafrechtlichen Verantwortlichkeit. eintritt^ii 

E Das Problem der Dienstfähigkeit hat seine Kranke b; 

wei Seiten. Die Behörde muß einmal diejenigen Elemente, verneint, 

welche für den Heeresdienst ungeeignet sind, von vornherein Es 

( ier Truppe femhalten. Anderseits muß sie die Angaben krassen 
solcher Heerespflichtiger, die sich selbst für unfähig halten, wichtig i 
n ‘it der Waffe zu dienen, nachprüfen. Es hat sich uns nun, Truppent 
namentlich in den ersten Wochen der Mobilmachung, mehr- nicht aus 
& eze ig*t, daß zum Teil von den Eltern, teilweise von den Deshalb € 
ranken selbst, der Versuch gemacht wurde, die Annahme militärärz 
einer Truppe zu erreichen, obwohl sichere Dienstuntaug- Störung 
KMkeit vorlag. Mehrere dieser Kranken reisten von einem würden < 
ruppenteil zum andern. Einige hatten schließlich auch hindern k 
Zu wie bedenklichen Konsequenzen das führen kann, Was 

z. B. der folgende Fall: von mir 

Im Auf. ^ «ä? 19 Jahre alt, stammt aus psychopathischer Familie. neinen. 1 
Hinifp V°! ™ * Jahren wird er von einem Homosexuellen attackiert. Truppenai 
^^vocoen später neben hysterischen Erscheinungen ^eit zu G< 

j n n ®iöeni Demonstrationsvortrag gehalten am 4. Dezember 1914 *) An 

tonn? Her Vereinigung, veröffentlicht mit Genehmi- lange Jahre 

Militärbehörde. * Armverbänc 

J ü. io. w. 1914. zu betteln. 


Schlafzustände, die in Abstünden von 5 bis 8 Tagen auftraten. Wenn 
Patient in Schlaf verfiel, konnte man ihn oft schütteln, ohne daß 
er erwachte. Dauer der Zustände V* bis 5 Stunden. Referent hat ihn 
so im Wintersemester 1909/1910 im Kolleg vorgestellt. 

Bei Beginn der Mobilmachung meldete sich Patient bei einem 
Jägerbataillon als Kriegsfrei williger und kam rasch an die Front. Aus 
dem Schützengraben schrieb er dann den Eltern, er könne den Dienst 
sonst ganz gut vertragen, nur auf Vorposten sei er wiederholt einge¬ 
schlafen. Die Eltern hatten ebenso, wie der Kriegsfreiwillige, das 
Leiden verschwiegen. Als wir von dem Fall erfuhren, machten wir 
^ dem Truppenteil sofort Mitteilung. 

In einem andern Falle brachte ein Vater seinen drei Wochen 
t vorher aus einer Heilanstalt als ungeheilt entlassenen Sohn (Dementia 
i praecox) bei einem Infanterieregiment unter, ohne von der Geistes¬ 
störung etwas zu sagen. Fünf Tage später entfernte sich der Kranke 
1 von der Truppe unerlaubt und wurde zunächst gerichtlich verfolgt, 
i Später wurde das Verfahren niedergeschlagen. 

Ein dritter Fall betraf einen wegen manisch-depressiven Irreseins 
früher für dienstunbrauchbar erklärten Mann, dem es in beginnender 
Manie gelang, bei einem Infanteriebataillon eingestellt zu werden. Bei 
1 Ankunft eines Gefangenentransports gehörte er zu den Absperrungs- 
mannsehaften. Hierbei schoß er einen mitgebrachten sechsläufigen Re¬ 
volver ab, „um das stark vordrängende Publikum zurückzutreiben“, v. 

Einmal bin ich auch vor die Frage gestellt worden, ob ein ehe¬ 
maliger aktiver Soldat, der wegen ImbeciÜität hatte abgehen müssen 
und im Alter von 22 Jahren entmündigt worden war (weil er zu trinken 
begann, einer Dirne ein schriftliches Heiratsversprechen gegeben hatte, 
sein elterliches Vermögen verpraßte usw.), zum Zwecke des Wieder¬ 
eintritts in die Armee bemündigt werden könne. Der jetzt 28 jährige 
Kranke hatte sich zwar „sozial“ gebessert, trotzdem wurde die Frage 
verneint. 

Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß die 
krassen Fälle*) nur ganz selten Vorkommen. Praktisch 
wichtig ist auch, daß niemals durch die Einstellung dem 
Truppenteil ein Nachteil erwachsen ist. Immerhin ist doch 
nicht auszuschließen, daß dies in Zukunft einmal geschieht. 
Deshalb erheben sich zwei Fragen; nämlich: 1. Hätte bei der 
militärärztlichen Untersuchung vor der Einstellung die geistige 
Störung bemerkt werden können? 2. Welche Maßnahmen 
würden die Einstellung derartiger Kranker wirksam ver¬ 
hindern können? 

Was die erste Frage anlangt, so möchte ich sie für die 
' von mir oben wiedergegebenen Fälle uneingeschränkt ver¬ 
neinen. Es handelte sich ausnahmslos um Zustände, die vom 
Truppenarzt auch dann, wenn ihm zur Untersuchung mehr 
Zeit zu Gebote gestanden hätte, als er in Wirklichkeit hatte, 

D Anhangsweise sei erwähnt, daß ein Geisteskranker, den wir 
lange Jahre kannten, eine Zeitlang in Infanterieuniform und mit großen 
Armverbänden herumlief, um sich interessant zu machen und wohl auch 


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UNIVERS1TY OF IOWA 





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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April 


kaum richtig erkannt werden konnten. Gewisse Vorbeugung»- 1 
maßnahmen sind schon früher getroffen worden. Die Hilfs¬ 
schulen lind Irrenanstalten müssen den zuständigen Ersatz¬ 
behörden von der Aufnahme des in Betracht kommenden 
Kranken Mitteilung machen 1 ). Unzureichend sind diese 
Maßnahmen insofern, als manche Patienten, die in Anstalts¬ 
pflege niemals kommen, dadurch den Ersatzbehörden auch 
nicht bekannt werden. 

Es bliebe zu erwägen, ob nicht, ähnlich wie bei der 
Seuchengesetzgebung, solche Krankheiten, welche den 
Kranken dauernd dienstunfähig machen, fiir meldepflichtig zu 
erklären wären. Daß eine derartige Bestimmung nicht unbe¬ 
denklich ist (Durchbrechung der Schweigepflicht, Förderung 
des Drückebergertums!), darf nicht verkannt werden. Einen 
Fortschritt würde. sie wohl bedeuten, wenngleich man sich 
darüber klar sein muß, daß dadurch Vorkommnisse, wie die 
oben geschilderten, immer noch nicht immöglich gemacht 
werden. 

Neben diesen offiziellen Maßnahmen ist vor allen Dingen 
aber auch die Aufklärung des Publikums in der ärztlichen 
Sprechstunde ein wichtiger Punkt. Wo Krankheiten, die 
sicher militärdienstunfähig machen, bei einem Jugendlichen 
vorliegen, sollen die Eltern genügend informiert werden. Ich 
habe in einigen Fällen auch ausführliche, den wesent¬ 
lichsten Teil des objektiven Befundes enthaltende und des¬ 
halb nachprüfbare Atteste ausgestellt. 

Der Arzt muß in jedem Fall allerdings sorgfältig prüfen, 
ob wirkliche Untauglichkeit vorliegt, denn es darf nicht ver¬ 
gessen werden, daß derartige Atteste, wenn sie nicht be¬ 
gründet sind, dem Patienten in späteren Jahren unter Um¬ 
ständen viel Schaden bringen können. Folgendes Beispiel 
mag das beweisen: 

Einem Kutscherssohn, den der Vater gern militärfrei haben 
wollte, bescheinigte ein Arzt, er sei schwachsinnig. Der Mann wurde 
für dienstunbrauchbar erklärt. Er batte Schiffer gelernt, bildete sich zum 
Motorbootführer aus, bestand die für diesen Erwerbszweig vorgesehene 
Prüfung mit ..gut“, führte auch eine Zcitlang ein Boot, ohne den Be¬ 
rechtigungsschein zu haben. Als er den letzteren zu erhalten suchte, 
wurde ihm derselbe im Hinblick auf den ärztlich attestierten Schwach¬ 
sinn verweigert. Eine spätere psychiatrische Untersuchung ergab, daß 
der Patient intellektuell nicht besonders hoch stand, aber auch nicht als 
schwachsinnig zu bezeichnen war. 

Der Mann beging einige Jahre später ein kleines Delikt. Bei der 
Verhaftung war zufällig die Tatsache der Ausmusterung wegen 
Schwachsinns bekannt geworden. Es wurde infolgedessen eine 
psychiatrische Untersuchung veranlaßt, die ergab, daß X. zurechnungs¬ 
fähig war, die aber zur Folge hatte, daß die Untersuchungshaft mehrere 
Wochen länger dauerte, als sie sonst nötig gewesen wäre. 

Wir kommen nun zu denjenigen Heerespflichtigen, 
welche sich wegen nervöser oder psychischer Krankheiten 
selbst fiir dienstunfähig halten, deren Angaben aber nach¬ 
geprüft werden müssen. Weiter sind die bereits Ausgebildeten 
hier mitzubesprechen, die bei erneuter Einberufung in der 
Truppe auffallen. 

Leicht ist die Beurteilung, wenn es sich um ausge¬ 
sprochene Psychosen handelt (Paralyse, Dementia praecox, 
Amentia, Paranoia, Manie und Melancholie). Bei den zuletzt 
genannten beiden Krankheiten wird man sich wegen der Mög¬ 
lichkeit eines Rückfalls stets für dauernde Dienstunfähigkeit 
auszusprechen haben. Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß 
sich unter den ersten, nach der Mobilmachung eingelieferten 
Soldaten verhältnismäßig viel Manische und Melancholische 
befanden. Auch in der hiesigen Zivilbevölkerung haben wir 
eine Reihe von Melancholien in direktem Anschluß an den 
Feldzug auftreten sehen. Das beweist, wie Weygandt 2 ), 
E. Meyer 3 ) und Andere hervorheben, daß gerade die 
kriegerischen Ereignisse solche Zustände besonders leicht aus- 
lösen. 


J ) Auch die Bezirkskommandos berücksichtigen in ihren öffent¬ 
lichen Ankündigungen die Geisteskranken, Epileptischen usw. be¬ 


sonders. 

2 ) 

3 ) 


M. m. W. 1914. 
D. m. W. 1914. 


Weiterhin kommen die akuten Bewußtseinstrübungen 
in Betracht, die bei Entarteten, Hysterischen usw., im Felde 
auftraten. Ein Beispiel hat A. Westphal oben skizziert. 
Diese Störungen können sehr rasch, das heißt in einigen 
Tagen, vorübergehen. Trotzdem wird man die Träger der¬ 
selben zum mindesten nicht mehr für felddienstfähig, häufig 
sogar für ganz dienstunbrauchbar erklären müssen, denn auch 
hier besteht die Möglichkeit eines Rückfalls. Abgesehen 
davon, haben sie nach dem Abklingen des akuten psychischen 
Zustandes häutig soviel hysterische, hypochondrische oder 
degenerative Züge, daß .sie schon deshalb dienstunbrauch¬ 
bar sind. 

Daß Zwangsvorstellungen einen Grund zur Dienst¬ 
unbrauchbarkeit abgeben können, lehrt uns der folgende Fall: 

W„ Offizierstellvertreter, im Zivilberuf Lehrer, bekam bald nach 
der Einstellung die Zwangsvorstellung, er habe den Kameraden etwas 
fortgenommen, ihnen die Löhnung nicht richtig ausgezahlt.. Im Schrift¬ 
verkehr hatte er fortwährend Angst, etwas „Verhängnisvolles 1 ' ge¬ 
schrieben zu haben. Er wurde ferner zwanggmäßig dazu getrieben, 
Leute körperlich zu berühren. 

Da sich der Zustand so steigerte, daß W. den Dienst nicht mehr 
verrichten konnte, wurde er entlassen 1 ). 

Die mittelschweren Fälle von Neurasthenie und Hysterie 
sind bei der Truppe im Felde nicht lange zu verwenden. 
Einige von ihnen leisten zwar im Anfang unter Umständen 
vorübergehend mehr als die Kameraden. Den dauernden 
Schädigungen, welche ein längerer Feldzug mit sieh bringt 
(z. B. mehrwöchiger Aufenthalt im Schützengraben, häufige 
Beschießung mit Granaten), sind sie jedoch meist nicht 
gewachsen. Wir haben auch eine ganze Anzahl von 
Hysterikern gesehen, die sich durch Tapferkeit bei einer oder 
einigen Gelegenheiten auszeichneten und dann mit dem 
Eisernen Kreuze dekoriert, häufig in unmittelbarem Anschluß 
an ihre Tat, zusammenbrachen (hysterische Abasie, Mutisraiis, 
Taubheit und Mutismus, Monoparesen usw.) Feld dienst¬ 
fähig wurden von ihnen nur wenige. 

Im übrigen möchte ich die Erfahrungen bezüglich der 
Dienstfähigkeit der ..Nervösen“ dahin zusammenfassen, daß 
da, wo endogene Momente im Krankheitshilde vorherrschen, 
die Prognose quoad Felddienstfähigkeit ungünstig war, allen¬ 
falls Garnisondienstfähigkeit erreicht wurde. 

Diejenigen Fälle, in denen vor dem Krieg eine schwere 
traumatische Neurose bestanden hatte, waren nur selten im 
Felde zu brauchen. Nur die leichteren Formen haben bis jetzt 
durchgehalten. 

Hinzuzufügen ist noch, daß die mit Krämpfen Behafteten 
(namentlich die Hysteriker) verhältnismäßig oft als 
Simulanten angesehen worden waren, obwohl sie neben den 
Anfällen auch noch andere Symptome (z. B. Analgesien) dar¬ 
boten. Durch klinische Beobachtung ließ sich der Tatbestand 
fast stets genügend klären. 

Die Zahl der reinen Simulanten war nicht groß. 

Einer von ihnen, ein Degenerierter (ehemaliger Fremdenlegionilri, 
litt an „Anfällen 4 und Dämmerzuständen, die jedesmal dann auftraten, 
wenn er sich unerlaubt entfernt hatte oder sonst unangenehm 
fallen war. Er bekam die Zustände nur dann, wenn Aerzte ment an¬ 
wesend waren. In der Klinik hatte er sie überhaupt nicht, wohl am 
informierte er hier andere gemäß § 81 St.P.0. eingelieferte Kranfee 
heimlich über die Symptomatologie der Dämmerzustände. 

Zu erwähnen ist an dieser Stelle ferner ein Hysteriker, der nai 
unserer Ansicht sieh künstlich tiefe Hautwunden bei brachte, um mf 
ins Feld geschickt zu werden. Zwei weitere Patienten (beides 
pathen) kamen aus dem Felde mit oberflächlichen Messerstichen m “ 
Oberschenkeln wieder. Den Aerzten gaben sie an, sie hätten die 
von Franktireurs erhalten. Einzelnen Kameraden erzählten sie, si 
hätten eie sich selbst beigebracht. 

Keiner dieser Fälle war so eindeutig, daß eine strafroch j 
liehe Verfolgung gemäß § 81 M.Str.G.B. hätte durchgei ,1Jirt 
werden können. 

Mehrfach erklärten sich „Nervöse“ zum Garotaondien>t 
selbst bereit. Wenn sie dann wieder ins Feld zurück sollten, 
äußerten sie die Befürchtung, dort zu versagen. Sic v ' ,irfl1 

’) Ich habe inzwischen Aehnliches noch bei einem hulurtn 
1 Offizier und einem Kriegsfreiwilligen gesehen. 




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11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


415 


aber fast ausnahmslos einer entsprechenden ärztlichen Auf¬ 
klärung zugänglich. 

n. Was dieVersorgungsansprüche, über die 
wir ärztlich befragt wurden, anlangt, so betraf das Gros der 
Fälle solche Kranke, die in das Gebiet der Unfallneurose ge¬ 
hörten. Wir haben vor genauester Klärung der Anamnese 
niemals definitiv den ursächlichen Zusammenhang anerkannt 
oder Rentenabschätzungen vorgenommen. Wie zweckmäßig 
dieses Verfahren ist, zeigte sich sehr bald. Wir fanden näm¬ 
lich rasch drei Kranke, die früher bereits versucht hatten auf 
Grund einer traumatischen Neurose von andern Behörden 
Kenten zu erhalten, und nun, da der Erfolg ihren Erwartungen 
dort nicht entsprochen hatte, beim Militärfiskus etwas zu er¬ 
langen suchten. 

Frühere Krankheiten wurden oft verschwiegen und Ent¬ 
schädigungsansprüche sehr häufig gestellt. Bisweilen venti¬ 
lierte der Patient die Rentenfrage bereits beim Eintritt in die 


Klinik. 

Die Behandlungsversuche bei der Neurasthenie und 
Hysterie ergaben häufig recht gute Erfolge. Wir haben im 
übrigen Wert darauf gelegt, die Kranken möglichst rasch aus 
der Klinik herauszubringen. Leichter Dienst beziehungsweise 
die — sei es auch nur teilweise — Aufnahme der früheren 
Beschäftigung hat manchen vor länger dauernder Erwerbs¬ 
unfähigkeit bewahrt. 

Als berechtigt haben wir die Ansprüche in einem Falle 
von progressiver Paralyse (Wassermann +), 'zwei Fällen 
von Dementia praecox, einer Melancholie und drei Manien 
sowie einer Reihe nach Schreck (Granatfeuer) oder Gehirn¬ 
erschütterung auftretenden psychisch-nervösen Störungen an¬ 
erkannt. 

III. Den bedeutungsvollsten Teil der Sachverständigen¬ 
tätigkeit stellten die strafrechtlichen Begut¬ 
achtungen dar. 

Im ganzen habe ich seit Beginn der Mobilmachung 
23 strafrechtliche Gutachten erstattet. 

Die Delikte waren nur dreimal in der Front, in allen 
übrigen Fällen im Inlande begangen. 

Xiehtmilitärische Verbrechen fanden sich nur 7 mal 
(3 Diebstähle, 1 Betrug, 1 Sittlichkeitsverbrechen, 1 Beleidi¬ 
gung. 1 mal unerlaubtes Tragen des Eisernen Kreuzes). 

Die militärischen Delikte verteilten sich folgen¬ 
dermaßen: Unerlaubte Entfernung 10 Fälle, Achtungsver- 
fezung 2, tätlicher Angriff 2, Beleidigung eines Vor¬ 
gesetzten 1, Mißbrauch der Waffe 3, Feigheit 1 mal. 

Einige Male waren von derselben Person mehrere Be¬ 
stimmungen der Strafgesetze übertreten. 

Berücksichtigt man die Tatsache, daß die Angeschni¬ 
tten zu uns erst geschickt wurden, wenn das Gericht Zweifel 
;in ihrer Zurechnungsfähigkeit hatte, so wird es niemanden 
Wunder nehmen, daß keiner der Untersuchten im 
klinischen Sinne als gesund bezeichnet werden konnte. 

Für unzurechnungsfähig im Sinne des § 51 
■•t.G.B. wurden 8 Kranke erklärt, und zwar handelte es sich 
3 mal um Manien, 1 mal um Verwirrtheit, 1 epileptischer 
Dämmerzustand, 1 Paralyse, 1 Dementia praecox und 2 Fälle 
. VOn pathologischem Rausch. Nur die beiden letzteren bieten 
besonderes Interesse. 


» . .Bode Male handelte es sich um Mißbrauch der Waffen (§ 149 
■r'• v in Betracht kommenden Kranken waren Psychopathen, 
ijf ^ r ‘* ne Zeitlang größeren Anstrengungen bei ungenügender 
f l *“ > run h r and völliger Alkoholabstinenz ausgesetzt waren. Als sie 
i ' 11 ! 1 !' 1 ) 111 ersten Male wieder einige Gläser Wein tranken, verfielen sie 
J effI RErregungszustände, in denen sie ihre Umgebung mit der 
w s n , e . mißhandelten. Nach tiefem Schlaf erwachten beide mit voll- 
NJMijrer Amnesie. 

Frf voryte ^ en< 5 en Beobachtungen reihen sich einigen 
-willigen an, die wir bei Begutachtung von ehemaligen 
muehmern am südwestafrikanischen Feldzuge machen 


konnten*). 


W f. b * l Hl* Hübner. Foren s. 
r - Bonn, Kap. Tropenkoller. 


Forens. Psychiatrie 1914. Marcus u. 


Da der Alkohol auch bei noch einigen weiteren Delikten 
von Einfluß auf das Handeln des Täters war, erhebt sich die 
Frage: Kann der Genuß alkoholischer Getränke im Felde 
ganz oder teilweise verhindert werden oder nicht? 

Daß strengste Abstinenz wünschenswert wäre, darüber 
ist kein Wort zu verlieren. Meines Erachtens läßt sie sich in 
einem großen Heer aber überhaupt nicht durchführen, 
namentlich dann nicht, wenn die Truppen sich in den besten 
Weingegenden Frankreichs befinden J ). 

Was erreicht werden soll, ist zweierlei: 1. soll die 
Leistungsfähigkeit des einzelnen durch den Alkoholgenuß 
nicht beeinträchtigt werden, 2. sollen Alkoholexzesse ver¬ 
mieden werden. Beides wird meines Erachtens am leichtesten 
erreicht, wenn die nächsten Vorgesetzten auf diejenigen 
Mannschaften ihr besonderes Augenmerk richten, die im 
Rausche durch Unbotmäßigkeit, Streitsucht usw. auffallen 
oder infolge regelmäßigen Alkoholgenusses den Dienst ver¬ 
nachlässigen. 

Ebenso wichtig ist es, daß, wenn möglich, nach längerer 
Abstinenz der einzelne nur kleine Alkoholgaben erhält, weil 
ein Teil der Leute durch die Strapazen und unzureichende 
Ernährung intolerant geworden ist. Wir haben einige 
Fälle gesehen, in denen ein Mann sich von den Kameraden, 
die nicht tranken, ihre Ration geben ließ, sie neben der seinen 
genoß und dann Alkoholexzesse beging. Daraus folgt weiter, 
daß die Verteilung und der Verbrauch möglichst genau kon¬ 
trolliert werden muß. 

Schließlich bleibt als besonders wichtig noch zu berück¬ 
sichtigen, daß schlechte Schnapssorten, wie überhaupt jeder 
Schnaps, viel gefährlicher sind, als die leichteren Getränke. 
Es kommt also auch darauf an, welche Spirituosen der 
Truppe zur Verfügung stehen. 

Bei den beiden Fällen, in denen die Zurechnungs¬ 
fähigkeit als zweifelhaft bezeichnet wurde, spielte 
der Alkohol, soweit ermittelt werden konnte, gleichfalls eine 
gewisse Rolle. 

C. Br.. 27 .Jahre, im Zivilberuf Apotheker, hatte in der Jugend 
Anfälle von Schlafwandeln und Angstzustände. Einige Male lief er im 
Hemd auf den Hof, verschleppte auch öfters Gegenstände. 

In der Schule mäßige Erfolge. Deshalb aus Obersekunda abge¬ 
gangen. Wurde Apothekerlehrling. Drei Monate später Mittelohr¬ 
entzündung. Seitdem verändert. Er wurde energielos, gleichgültig, 
begann zu trinken. Ermahnungen fruchteten nichts. Sehr bald begann 
[ er auch stark zu trinken. Unehrlichkeiten sollen früher nie vor- 
gekommen sein. 

Ende August durch Gewehrkugel verwundet (Kopfstreifschuß). 
Danach schwere Störungen. Vor vollständiger Heilung der Kopfwunde 
Erysipel im Gesicht und Furunkulose. 

Im Lazarett erschien er den Kameraden „merkwürdig“. Bald 
mehr scheu und zurückhaltend, bald zu Exzessen geneigt. Bei 
Beurlaubungen kehrte er fast jedesmal angetrunken zurück. Im An¬ 
schluß an solche Alkoholexzesse ging er nachts einigemal in die 
Zimmer von Kameraden und nahm aus deren Portemonnaies Gehl 
(1 bis 2 M). Sein Benehmen dabei war nach den Zeugenaussagen zum 
Teil sehr raffiniert zum Teil sehr ungeschickt (z. B. drehte er einige 1 
Male das elektrische Licht an). Nicht immer, wenn er die Stuben 
betrat, stahl er auch. Einmal gab er das gestohlene Geld am nächsten 
Tage zurück. Durch Zeugenvernehmungen wurde ermittelt, daß die 
Alkoholmengen, welche er bei zwei derartigen Vorkommnissen ge¬ 
trunken hatte, sehr groß waren. Ein Zeuge bekundete, B. habe einen 
„unzurechnungsfähigen Eindruck“ auf ihn gemacht, als sie sich 
trennten. B. seihst entschuldigte sieh rnit Schlafwandeln. 

Durch den Alkoholversuch wurde in der Klinik, wo der Kranke 
im übrigen nichts Neues bot, kein Schlafwandeln ausgelöst. Das Ver¬ 
fahren ist in diesem Fall eingestellt worden. Wir haben bei der Be- 
uiteilung ausgeführt, daß Schlafzustände zur Zeit der Tat nicht zu er¬ 
weisen gewesen seien. Wohl aber sei nach allen Zeugenaussagen und 
der hiesigen Beobachtung B. ein schwer psychopathischer Mensch, der 
kurz vorher eine schwere Kopfverletzung erlitten, eine Gesichtsrose 
durchgemacht und dazu noch zur Zeit der Begehung der strafbare» 
Handlungen unter Alkohol gestanden hatte. 

Daß in somnambulen Zuständen ähnliche Handlungen, 
wie die dem B. zur Last gelegten, begangen werden, Unbe¬ 
kannt (vgl. Hübner, Forens. Psych. 1914, Bonn, unter 
Schlafzustände). 


*) Weygands Annahme, daß das russische Heer wirklich 
abstinent lebt, ist durch Zeitungsberichte bereits korrigiert. 


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UMIVERSITY OF IOWA 



416 


1915 — MED1Z.1NISCI1E KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


Auch die nachstehende Beobachtung verdient etwas 
genauer mitgeteilt zu werden. 

L. H., 30 Jahre, Großvater und ein Großonkel, Vater und zwei 
Brüder desselben, außerdem mehrere Brüder des Patienten selbst starke 
Trinker, hatten zum Teil Delirien durchgemacht. Die Mutter behauptet, 
daß H. als Kind und auch noch später Krämpfe gehabt habe. H. selbst 
und seine Frau leugnen das. 

H. stottert, hat die Schule unregelmäßig besucht, machte den 
Lehrern viel zu schaffen. Zeitweise roh gegen die Kameraden, schlug 
dieselben mit Gummischläuchen, warf den Nachbarn die Scheiben ein, 
stahl, usw. 

Nach der Schulentlassung Buchdruckerlehrling. Vier Lehr¬ 
stellen; lernte nicht aus. Lief häufig unmotiviert fort, kehrte stets nach 
ein paar Tagen wieder, ohne zu sagen wo er gewesen war. 

Wurde schließlich ungelernter Arbeiter an den verschiedensten 
Stellen. Oft entlassen, weil er sehr reizbar war. 

1903 Soldat. In den zwei Jahren 85 Tage strengen Arrest wegen 
Disziplinwidrigkeiten. 

16 mal bestraft wegen Roheitsdelikten, Raub, Diebstählen, Be¬ 
leidigung und viermal wegen Erregung öffentlichen Aergemisses. Er 
holte jedesmal sein Glied hervor, wenn Frauenspersonen in der Nähe 
waren. Dreimal berührte er dieselben auch unsittlich. Stets behauptete 
er, sinnlos betrunken zu sein. Zweimal sprach die halsbrecherische Art, 
wie er seine Flucht bewerkstelligte, gegen sinnlose Trunkenheit (Ansicht 
des Gerichts). 

1908 Lues. Außerdem seit Jahren starker Trinker. 

Jetzt angeschuldigt: 1. unerlaubter Entfernung, 2. Erregung 
öffentlichen Aergernisses und unzüchtiger Handlungen mit Kindern, be¬ 
gangen durch Exhibitionieren und Berührung der Kinder mit der Hand 
beziehungsweise dem Gliede, 3. Beleidigung des hinzukommenden 
Vaters des einen Kindes. 

Da Patient behauptete, unzurechnungsfähig gewesen zu sein 
(sinnloser Rausch), Beobachtung hier. Dieselbe ergab: Gleichmäßig 
mürrische Stimmung, zeitweilige Reizbarkeit, Ungenauigkeiten in ein¬ 
zelnen Angaben (bewußt?), zweimaliger Fluchtversuch, schlechter 
Schlaf. Keine Krämpfe, keine Dämmerzustände. Körperlich: Positiver 
Wassermann im Blute, starkes Stottern, viel Degenerationszeichen. 

Große Zurückhaltung bei Angabe über Vorleben (Zuhälter?). Die 
Frau macht den Eindruck einer Puella publica, kann der Lüge über¬ 
führt werden, will vor Gericht Aussage verweigern. 

Nach Rückführung ins Gefängnis während einer Nacht unruhig. 
Gießt Wasserkrug und Nachtgeschirr aus, wirft das Bettzeug in den 
Unrat. Will am nächsten Tage nichts davon wissen. In die Klinik 
zurückgebracht, zwei Nächte lang unruhiger Schlaf, sonst nichts. 

Patient selbst gibt zu den Delikten noch an, er sei in den letzten 
Jahren sehr sinnlich geworden. Namentlich, wenn er etwas getrunken 
hatte, habe er sofort onanieren müssen, gleichgültig, wo er sich befand. 
Diese Sinnlichkeit habe ihn wohl auch zur Begehung der Sexualdelikte 
verleitet. Im übrigen wisse er nie, was er getan habe. Das erfahre 
er erst durch die Polizei. Vor der letzten strafbaren Handlung habe 
er 24 Stunden lang getrunken. Von 10,40 M. hatte er nach dem Er¬ 
wachen nur noch 85 Pf. 

Wir beurteilten den Fall folgendermaßen: Die Abstammung von 
Trinkern, die Anfälle in der Kindheit, das sinnlose Fortlaufen während 
der Lehrzeit, die Verstimmungszustände, die zeitweilige Reizbarkeit, 
das Verhalten im Gefängnis (Dämmerzustand?) legen den Y e r d acht 
der Epilepsie nahe. Delikte, wie die von H. begangenen, werden von 
Epileptikern häufig ausgeführt. Für die Frage der Zurechnungsfähig¬ 
keit kommt auch in Betracht, daß H. höchstwahrscheinlich bei Begebung 
der Tat unter Alkohol gestanden hat (Zeugen). Anderseits stammen 
die Angaben zum Teil von ihm selbst und den Angehörigen. Alle sind 
nicht sehr zuverlässig, sodaß mehr als ein Verdacht auf Epilepsie 
nicht begründet werden kann. Sollte sieh derselbe durch weitere Nach¬ 
forschungen nicht bestätigen, dann bliebe H. immer noch ein schwer 
entarteter Mensch, wie seine ganze Lebensführung beweist, der bei 
Berücksichtigung des Alkoholmißbrauchs zum mindesten in der Zu¬ 
rechnungsfähigkeit erheblich beschränkt war. Was wir an dem 
Patienten selbst beobachten konnten, war nur die mürrische Stimmung 
mit Neigung zu Zornesausbrüchen und eine zeitweilige Störung des 
Schlafs. Alles andere Material war nur durch Befragung des H. und 
der Zeugen zu erlangen. Soweit diese letzteren nun mit dem Kranken 
verwandt waren, konnte ihnen nachgewiesen werden, daß sie zum 
mindesten in einigen das sonstige Vorleben des Kranken betreffenden 
Punkten gelogen hatten. Das Gericht hatte bei dieser Sachlage den 
IL auch in zwei Instanzen verurteilt. 

Der Arzt wird zugunsten der Diagnose „psychische 
Epilepsie“ zugeben müssen, daß trotz der Unglaubwürdigkeit 
der Ilauptbeteiligten alle wesentlichen, von ihnen geschil¬ 
derten Symptome in das genannte Krankheitsbild hinein¬ 
passen. — 

Traten schon in dem eben beschriebenen Falle die 
Schwierigkeiten der Materialsammlung sehr deutlich hervor, 
so steigerten sich dieselben bei der nachstehend wieder¬ 
gegebenen Beobachtung noch erheblich, indem sämtliche 


Zeugen sich im Felde befanden, der Hauptzeuge sogar bald 
nach der Tat fiel, 

D. S., 20 Jahre, Kavallerist. Mutter nervös, sonBt keine Be¬ 
lastung. Schule mit gutem Erfolge. Mit 18 Jahren Abitur. Dann 
Landwirt, später Soldat. Wird von seinem Regiment zur Infanterie 
abkommandiert . Deswegen bedrückt. Kannte den Dienst dort auch 
nicht. Kommt direkt in den Schützengraben, der zwei Tage stark 
beschossen wird. Kein Schlaf, ungenügende Ernährung. Als in der 
Nacht zum dritten Tag ein Volltreffer in den Graben schlägt, entfernt 
er sich in einen rückwärts gelegenen Schützengraben, bleibt dort 
neben einigen Leichen etwa eine Stunde liegen und läuft dann zu den 
600 Meter nach hinten gelegenen Artilleriestellungen. Dort ängstlich, 
zuckt bei Erwähnung des Wortes Granate zusammen, zittert, erzählt, 
er habe das Granatfeuer nicht vertragen können, das sei schrecklich. 
Er habe schon die beiden Tage vorher nichts tun können, sein 
Kompagnieführer habe ihm beim Schanzen deshalb einen Unteroffizier 
beigegeben. Er sei total nervös geworden und deshalb weggelaufen. 
Man gab ihm Essen und bereitete ihm ein Lager, worauf er mehrere 
Stunden schlief. Danach Abnahme der Erregung. Die Untersuchung 
durch die Militärärzte, welche im Laufe des Tags nach der Tat er¬ 
folgte, ergab nur eine Pulsbeschleunigung und gesteigerte Kniereflexe. 
Die Diagnose lautete: Neurasthenie. Es wurde Anklage wegen Feig¬ 
heit vor dem Feind erhoben (§ 85 M.St.G.B.). Da der Verteidiger die 
Zurechnungsfähigkeit anzweifelte. Beobachtung in der hiesigen Klinik. 
Die Zeugen hatten ihn für ängstlich und nervös gehalten. 

Hier körperlich zeitweilige geringe Pulsbeschleunigung, leichte 
Steigerung der Kniesehnenreflexe und zahlreiche Entartungszeichen am 
Kopf. Appetit, Schlaf gut. Stimmung meist heiter, trotz des schweben¬ 
den Verfahrens nicht gedrückt. Für seine Verfehlung einsichtslos, er¬ 
zählt Fremden davon. Weiß sämtliche Einzelheiten seiner Flucht, 
berichtet darüber in zerfahrener Weise. Wenig rücksichtsvoll gegen¬ 
über seiner jeweiligen Umgebung, unstät im Handeln, Neigung zu 
Indiskretionen. Die übrigen Sachverständigen erklärten S, für 
zurechnungsfähig. Wir sagten: Es handelt sich um einen Psycho¬ 
pathen, der unter den besonderen Anstrengungen des Feldzugs nervös 
geworden ist. Bei Beurteilung der Zurcehnungsfähigkeitsfrage bleibt 
zu berücksichtigen: 1. die pathologische Charakterveranlagung; 2. der 
voraufgegangene Nahrungs- und Schlafmangel; 3. der ungewohnte 
Dienst bei der Infanterie; 4. die Heftigkeit des Granatfeuere. Mildere 
Beurteilung erscheint deshalb angebracht. 

Das Gericht nahm an, daß die Voraussetzungen des § 51 St.G.B. 
erfüllt seien. — 

Was in der eben kurz skizzierten Krankheitsgeschichte 
wiedergegeben ist. war das Resultat langwieriger Ermitt¬ 
lungen, die bei verschiedenen, im Felde stehenden Truppen 
angestellt werden mußten. Unvollständig blieben dieselben, 
weil der Hauptzeuge, der Kompagnieführer nur einmal ver¬ 
nommen werden konnte. Dann fiel er. Die ganze Unter¬ 
suchung, soweit sie die vom Sachverständigen gestellten 
Fragen anlangte, mußte schriftlich geführt werden, sodaß 
Ergänzungen, wie sie in der mündlichen Verhandlung rasch 
erreicht werden können, nicht möglich waren. Ich habe mich 
deshalb gefragt, ob eine Vertagung zweckmäßig gewesen 
wäre, habe mir diese Frage aber im Interesse des Angeklagten 
verneint, denn später hätten die Zeugen vielleicht noch 
weniger von der Sache gewußt, möglicherweise wären auch 
noch einige von ihnen gefallen, anderseits war ein Dännnei- 
oder Verwirrtheitszustand schon nach dem bisher Ermittelten 
wenig wahrscheinlich. 

Dieser Fall ist noch nach einer andern Richtung hin 
interessant. Feigheit ist „Furcht vor persönlicher Gefahr“ 
(Motive zum M.St.G.B.). Daß S. von dieser Furcht beseelt 
war, steht außer Zweifel (Zeugenaussagen). 

Ihm selbst ist sie wohl nicht ganz zum Bewußtsein ge¬ 
kommen. Seine Furcht entsprang einer psychopathischen 
Persönlichkeit, die unter verschiedenen schädigenden Ein¬ 
flüssen stand. 

Wo ist nun die Grenze zwischen normaler und patho¬ 
logischer Furcht? Welche Kriterien gibt es für die Er¬ 
kennung der pathologischen? 

Ich habe keine andern finden können, als die Berück¬ 
sichtigung der Gesamtpersönlichkeit und das auffallend 
rasche Zurücktreten der neurasthenischen Erscheinungen. 

Unter welchen Begleitumständen sich sonst die Feigheit 
im Felde äußert, weiß ich nicht. Wenn man aber die Er¬ 
fahrungen bei Mensuren und bei Begehung mancher Affekt¬ 
verbrechen heranzieheii darf, dann kann man wohl aiinehmcn* 
daß die psychologischen Vorgänge bei vielen Fähen unge 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 



11. April. 


fahr die gleichen sein werden, wie im Falle S. Eine Frei¬ 
sprechung derartiger Angeklagter gemäß § 51 St.G.B. engt 
die Anwendbarkeit des § 85 M.St.G.B. also beträchtlich ein. 

Schließlich noch eins: S. fühlte sich krank. Er wollte 
sich auch krank melden, erreichte aber den Kompagniefiihrer 
nicht. Lag bei dieser Sachlage nicht etwa nur eine unerlaubte 
Entfernung vor? Man muß berücksichtigen, daß Angst zum 
Krankheitshilde der Neurasthenie gehört. 

Enter den Delikten, welche bei den Zurechnungsfähigen 
häufiger Vorkommen, nimmt die unerlaubte Ent¬ 
fernung (§§ 64, 65, 6t>, 67 M.St.G.B.) insofern eine Sonder¬ 
stellung ein, als sie zeigt, wie rasch sich bei den Grenz¬ 
zuständen (solche wurden bei den uns überwiesenen Tätern 
meist festgestellt), in dem Milieu des Feldlagers der Maßstab 
für die Bewertung der kleineren, im Frieden selbstverständ¬ 
lichen Pflichten des Soldaten ändert. 

Kaum in einem der von uns begutachteten Fälle hat das 
Gericht auch nur einen Augenblick daran gedacht, daß der 
Täler sich der Dienstpflicht da u e r n d (§ 69 M.St.G.B.) ent¬ 
ziehen wollte. Die Unregelmäßigkeit des Lebens im Felde, 
die relative Vogelfreiheit von Leben und Eigentum, die 
größere Selbständigkeit, die der einzelne draußen betätigen 
muß, und das zeitweilige engere Zusammenleben mit den Vor¬ 
gesetzten verringert bei den minderwertigen Elementen die 
Achtung vor dem Alltagsdienst. Wenn sie dann aus dem 
Feld in die früheren Verhältnisse zurückkehren, finden sie 
sich in denselben nicht zurecht, und so kommt es zu Disziplin¬ 
widrigkeiten gegen Vorgesetzte und Urlaubsüberschreitungen. 

Meist spielt übrigens der Alkohol dabei auch eine ge¬ 
wisse Rolle v ). Hinzu kam weiter im Anfänge des Feldzugs 
das unzweckmäßige Verhalten des Publikums, das die aus dem 
Felde Ziiriickgekehrten häufig geradezu verwöhnte, indem 
es für den einzelnen allerlei Vergünstigungen erbat, die sich 
mit einer im Krieg absolut notwendigen straffen Disziplin 
nicht vertrugen. 

Bei Besprechung der für zurechnungsfähig Erklärten 
ist weiter einer Gruppe zu gedenken, die ich als die „sozial 
schwierigen Fälle* 4 bezeichnen möchte. Es handelt sich um 
ImhecilK Hysteriker, Psychopathen usw., die sehr bald als 
ungeeignet zum Heeresdienst erkannt werden, meist während 
ihrer kurzen Dienstzeit aber bereits strafbare Handlungen be¬ 
gangen haben, und dazu ein Vorleben auf weisen, das sie in 
•hm Grenzprovinzen in Kriegszeiten geradezu staatsgefährlich 
erscheinen läßt. 

Es traf sich glücklich 2 ), daß sie sämtlich für noch zu¬ 
rechnungsfähig erklärt werden konnten und demgemäß zu 
längeren Strafen verurteilt werden mußten. Im Falle der 
l nziirecluumgsfähigkeit wären sie höchstens für kurze Zeit in 
eine Irrenanstalt gekommen und hatten von dort sehr bald in 
die Freiheit entlassen werden müssen. 


Hygienische Erfahrungen im Felde 

von 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn 
Chefarzt eines Feldlazaretts 
und 

Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers, 

Hygieniker beim Korpsarzt 

bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes. 

Bie im folgenden geschilderten hygienischen Erfahrungen 
ln, l auf verschiedenen Kriegsschauplätzen im Westen gesammelt, 
auf denen unser Armeekorps seit den ersten Augusttagen des ver¬ 
gangenen Jahres im Kampfe steht. 

Auf die Einzelheiten hygienischer Einrichtungen und An- 
ordnuugen, die sich bewährt haben, geben wir in der Darstellung 

l ) Daher ist das Schnaps verbot, welches in verschiedenen Korps- 
H'zakwi erlassen ist. mit Freuden zu begrüßen. 

. 1 A n rn e r k u n g b e Uder K o r r e k t u r. In der Zwischen- 

1 babf* ich zwei Fälle gesehen- in denen das Endresultat nicht so 
fe un >t'g für die Allgemeinheit war. 


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näher ein, weil wir glauben, daß ihre Bekanntgabe manchem für 
den weiteren Verlauf des Kriegs willkommen sein wird. Wir 
halten uns an die bestehende Organisation des deutschen Sanitäts¬ 
wesen?, wie sie in der Kriegs-Sanitätsordnung vorgesehen ist, ohne 
grundsätzliche Aenderungsvorschläge in Betracht zu zieht n. 

1 . Allgemeine Hygiene. Wir beginnen mit den 
hygienischen Maßnahmen, die der Stellungskrieg seiner Natur nach 
einerseits erfordert, anderseits aber auch in weitem Umfange zu¬ 
läßt. Vor allem ist eine sorgfältige ärztliche Ueberwachung aller 
im Bereiche der militärischen Operationen liegenden Städte, Dörfer. 
Weiler und Gehöfte, insbesondere auch der Farmen (fermes) durch¬ 
zuführen. Die ärztliche Ueberwachung der einem Heere teile zu¬ 
gewiesenen Gegend wird im allgemeinen Sache der Aerzte der 
einzelnen Truppenteile sein. 

In größeren Garnisonen aber erscheint es zweckmäßig, daß 
ein „G e s u n d h e i t s a u s s c h u ß“ von mehreren Sanitätsoffi¬ 
zieren unter Leitung eines älteren Garnisonarztes sich in die Ar¬ 
beit teilt. Dadurch wird erreicht, daß die hygienischen Mißstämlo 
des Ortes schnell erkannt und abgestellt werden, und daß eine 
Vielheit von Personen die hygienischen Gesichtspunkte vertritt 
und in weitere Kreise trägt, ganz abgesehen davon, daß die 
dauernde Aufsicht eines größeren Ortes und die dauernde Aufgabe, 
Mißstände zu bekämpfen, vielfach die Arbeitskraft eines einzelnen 
übersteigt. 

Bei dieser Arbeit macht es einen erheblichen Unterschied, ob 
die Zivilbehörde des Ortes weiterarbeitet und die Sanitätspolizoi 
wie in Friedenszeit unter der bürgerlichen Bevölkerung weiterfülivt, 
oder ob die militärische Gewalt beim Fehlen oder Versagen der 
Verwaltung alle Anordnungen selbst durchführen muß. 

In dem gegenwärtigen Standort unseres Generalkommandos, 
einem kleinen Städtchen von früher 10 000, jetzt 9000 Einwohnern, 
in dem von den bürgerlichen Behörden nur noch untergeordnete 
Personen in Tätigkeit sind, vollzieht sich die UeU ruacliung 
folgendermaßen: 

Das Weichbild der Stadt ist in neun Bezirke geschnitten und 
unter nejm Militärärzte des Gesundheitsau'Schusses verteilt. Der 
Gesundheitsausschuß tritt unter Vorsitz des Garnisonarztes 
von Zeit zu Zeit zu Sitzungen zusammen, in denen die 
Richtlinien des Vorgehens und die Erfahrungen der einzelnen 
Mitglieder besprochen werden. Ebenso finden gemeinsame 
Sitzungen mit den Mitgliedern der Ortskommandantur statt; 
auch werden die einheimischen Aerzte von Zeit zu Zeit zu den Be¬ 
sprechungen zugezegen. Dem Garnisonarzte steht ein Unterarzt 
als Schriftführer zur Seite, der über jede Sitzung eine Niederschrift 
mit den Beschlüssen anzufertigen hat. Im übrigen hat jedes Mit¬ 
glied die Sorge für seinen Bezirk unmittelbar und selbständig; der 
Vorsitzende wird von allem Wichtigen in Kenntnis gesetzt und 
vermittelt seinerseits wieder die von irgendeiner Seite bei ihm ein¬ 
laufenden Meldungen über Krankheitsfälle und Miß tändc an den 
zuständigen Sanitätsoffizier. Sämtliche Bezirke der Stadt sind so 
hygienisch durchsucht worden. Es wurde als oberster Leitsatz der 
Gedanke verfolgt, daß auch bei der Seuchenverbreitung der 
Mensch des Menschen größter Feind ist und daß vor allem die 
an ansteckenden Krankheiten leidenden Zivilisten ermittelt und 
unschädlich gemacht werden müßten. 

Es wurde bei unsern Wohnungsbesuchen besonders auf 
Typhus, Ruhr, Tuberkulose, Syphilis, Krätze und Läuse geachtet. 
Ruhr und Syphilis wurden nicht gefunden. Typhus wurde bei der 
ersten Durchsuchung in zwei Fällen ermittelt. Offene Tuberkulose 
fand sich 16 mal. Läuse wurden bei einer Person festgestellt. 

Die Bezirke werden von den Aerzten dauernd unter Aufsicht 
gehalten; erfahrene Unteroffiziere, auch besonders gewandte 
Militärkrankenwärter, dienen dabei als Gesundheitsauf- 
seher nach dem Muster des Hamburger Hafensanitätsdienstes. 
Sie begehen die Bezirke, achten auf Kranke und Mißstände und 
machen über alles Ge?ehene Mitteilung. Die Aerzte sehen überall 
da nach, wo die Gesundheitsaufseher etwas in Unordnung treffen. 
Natürlich finden von Zeit zu Zeit auch Besichtigungen durch die 
Aerzte statt. Diese machen dem Garnisonarzt unverzüglich von 
allem Wichtigen Meldung und stellen die Mißstände wenn möglich 
sofort selbst ab. 

Es wurden nach Abschluß der erstmaligen Durchsuchung 
innerhalb der nächsten 14 Tage elf Typhusfälle festgestellt. Außer¬ 
dem fanden sich fünf Personen mit Krätze. 

Im Zusammenhänge mit dieser Arbeit standen folgende Ma߬ 
nahmen : 

a) Anknüpfung von kollegialen Beziehungen zwischen den 
im Amte verbliebenen Zivilärzten und den Sanitätsoffizieren des 


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Gesundheitsausschusses, um über alle im Orte vorhandenen Krank¬ 
heitsherde und hygienischen Einrichtungen Auskunft zu erhalten. 

b) Errichtung von unentgeltlichen ärztlichen Sprechstunden 
für die ärmere Bevölkerung durch Sanitätsoffiziere, da den Zivil- 
ärzten hierzu die Zeit fehlte. Diese Polikliniken erfreuten sich bald 
großen Vertrauens und guten Zuspruchs und schafften den Zivil¬ 
ärzten eine erhebliche Erleichterung. Dadurch wurde die Ueber- 
wachung der Infektionskrankheiten, namentlich des Typhus, ganz 
besonders erleichtert. Zum Teil wurden Typhusfälle durch die 
Poliklinik entdeckt, sodann konnten auch die einheimischen Aerzte 
mehr Sorgfalt auf ihre Besuche verwenden und brachten manchen 
Fall zur Anzeige, der ihnen bei hastender Praxis entgangen wäre. 
Die Behandlung von Kranken in den Wohnungen erfolgte nur dann 
durch die Militärärzte, wenn die Zivilärzte infolge Mangels an 
Zeit dazu nicht imstande waren. Ansteckende Krankheitsfälle 
werden dem Garnisonarzte sofort mitgeteilt, der die Benachrichti¬ 
gung des zuständigen Sanitätsoffiziers bewirkt. Letzterer ver¬ 
anlaßt dann alles Nötige, insbesondere die Verbringung von 
Typhuskranken in Krankenhäuser, die Desinfektion der Woh¬ 
nungen und die Untersuchung der Angehörigen, welche unter Auf¬ 
sicht bleiben. 

c) Die Einrichtung von Krankenhäusern für die Zivilbevölke¬ 
rung. Das Zivilkrankenhaus der Stadt war als Feldlazarett für 
unsere Truppen eingerichtet und der Zivilbevölkerung nur zwei 
kleine Säle darin verblieben, welche aber nicht genügten. Es 
wurden daher in dem Greisenhause der Stadt weitere Krankensiile 
für innerlich Kranke eingerichtet, darunter eine besondere Ab¬ 
teilung für Typhuskranke. Ein zweites Typhuskrankenhaus wurde 
in einem benachbarten Dorf angelegt. Ohne Ausnahme wurde 
jeder Fall von Typhus unter der einheimischen Bevölkerung aus 
dem Bereiche des Armeekorps einem dieser Krankenhäuser über¬ 
wiesen und durch den Wagen eines bestimmten Feldlazaretts über¬ 
führt. Die Wohnungen der Kranken wurden von Einquartierung 
befreit und desinfiziert und die Mitbewohner unter Aufsicht ge¬ 
lullten. 

d) Die Einrichtung einer Desinfektionsanstalt. Zu diesem 
Zwecke wurde in einer mit Dampfkesseln ausgestatteten Fabrik 
ein Kaum hergerichtet, in den der strömende Dampf geleitet wird. 
Die zu desinfizierenden Gegenstände werden auf einen Holzrost 
gelegt, unter dem die zuführenden, mit Öffnungen versehenen 
Dampfrohre laufen. Dinge, die den Dampf nicht vertragen, werden 
in Bottichen mit Kresolseifenlösung oder in trockener Hitze des¬ 
infiziert. Für diese Anstalt wurden zwei Wagen zur Verfügung 
gestellt, ein „unreiner“, der infizierte Sachen abholt, und ein 
..reiner“, der die keimfrei gemachten wieder abfährt. Fremde 
Wagen, die infiziertes Material anfahren, werden mit heißer Kresol- 
sclhnlösung sorgfältig abgewaschqp. Das Personal trägt bei der 
Arbeit Mäntel, die oft gewechselt 'werden. 

e) Schaffung einer Desinfektionskolonne von sechs Zivil- 
nrbeitern, die unter Aufsicht eines älteren Sanitätsunteroffiziers 
stellen und infizierte Wohnungen sowie Aborte desinfizieren. 

Ihr Handwerkszeug besteht aus: 1 Schubwagen, 6 Gießkannen, 
|» Eimern, Ü Besen, 2 Eisenstangen, 2 Hämmern. 2 Beißzangen, Nägeln 
verschiedener Art, 4 Schaufeln, 4 Spaten. 0 Wischtüchern. An Des¬ 
infektionsmitteln verwenden sie Kreosolseifenlösung und Chlorkalk. 

f) Mitbenutzung des Sanitätsbads der Truppe (siehe unten) 
für die Leute aus der Zivilbevölkerung, die mit Krätze und Läusen 
behaftet sind. Sie finden an manchen Tagen zu bestimmten 
Stunden Aufnahme. Während der Aufnahme werden ihre Betten 
abgeholt und desinfiziert und die Wohnungen gereinigt. 

Die Entfernung der Typhuskranken fand unter der belgisch¬ 
französischen Zivilbevölkerung zunächst etwas Widerstand, da die 
Leute eine Scheu vor dem Krankenhause haben und Verständnis 
für die Wichtigkeit der Absonderung kaum vorhanden ist. Auch 
bei der deutschen Truppe ist dieser leitende Gedanke der modernen 
Seuchenbekämpfung noch nicht Allgemeingut geworden. Sie ist 
vielfach nur in der Anschauung erzogen, daß Schmutz und Unrat 
zu bekämpfen und daß verdächtiges Wasser vermieden oder durch 
Köchi n unschädlich gemacht werden muß. Ein lehrreiches Bei¬ 
spiel für die Wichtigkeit der Isolierungsmaßnahmen bietet die 
weiter unten geschilderte Typhusepidemie auf einer Farm, die da¬ 
durch eine so große Ausbreitung erlangte, daß die Truppe auf die 
kranken Eingeborenen nicht genügend achtete. Anderseits müssen 
die Ausscheidungen der Kranken, namentlich Kot und Urin, mit 
allen Mitteln unschädlich gemacht werden. Um das zu erreichen, 
müssen die alten Bekämpfungsmaßnahmeii in voller Kraft bleiben. 
Hierzu kommt, daß die moralische Wirkung des Kampfes gegen 
jedweden Schmutz erheblich ist und daß die Errungenschaft unserer 


I sanitären Aufklärungsarbeit nicht verloren gehen darf, auch wenn 
im einzelnen Falle der Schmutz eine nebensächliche Holle bei der 
Weiter Verbreitung von Erkrankungen spielt. 

Von diesen Ueberlegungen aus wurde in allen Häusern und 
Gehöften auf Mißstände geachtet: unsaubere Aborte, Brunnen in 
der Nähe von Aborten, Kehricht- und Misthaufen auf den Höfen 
und vor den Häusern. Besonders üble Zustände wurden vielfach 
in den von den Bewohnern verlassenen Häusern vorgefumlen. Es 
wurde durch die Ortskommandantur eine Müllabfuhr eingerichtet, 
zu der unsere Feldlazarette Gespanne stellen. So konnte durch 
diese Hilfe aller Unrat aus den Häusern und Höfen der Stadt 
entfernt werden. Unhygieniseh angelegte Brunnen wurden ge¬ 
sperrt und mit der Aufschrift „Kein Trinkwasser“ versehen. 
Feuchte Quartiere wurden gesperrt. Offene Fenster wurden aus¬ 
gebessert. Ueberbelegte Häuser wurden ganz oder zum Teil ge¬ 
räumt. Vor allem wurde für Ordnung und Aufsicht in den Mann¬ 
schaftsquartieren gesorgt. Wenn nämlich Mannschaften in ver¬ 
lassenen Bürgerhäusern allein hausen, ist es viel schwerer, die 
Bäume sauber zu halten, als da, wo die Bevölkerung im Hause 
geblieben ist und die Frauen die Reinigung behalten haben, ln 
den zuerstgenannten Quartieren ist eine strenge Beaufsichtigung 
unerläßlich Zur Durchführung der hygienischen Maßnahmen 
wurde ein Ortsbefehl erlassen, aus dem folgendes mitgetcilt sei: 

„1. In jedem Quartier ist ein Quartierältester zu bestimmen, 
dessen Name an der Tür des Zimmers anzubringen ist. Dersdhi* ist 
für Ordnung und Reinlichkeit im Unterkunftsraume verantwortlich, be¬ 
sonders dafür, daß die Betten gemacht werden, daß das Stroh jeden 
Tag zusammengelegt, der Hoden auf gekehrt wird, Papier und Reste 
von Eßwaren entfernt werden. 

in jedem Hause ist der Quartierälteste dafür verantwortlich, 
daß. die Aborte täglich zweimal gründlich gesäubert werden und aller 
Müll und Unrat in einer Tonne gesammelt und für die Abfuhr bereit- 
gestellt wild. 

Ferner hat jeder Truppenteil in seinem Quartierbeivich einen für 
die Ordnung verantwortlichen Offizier zu bestimmen, dessen Name der 
Ortskomnumdantur zu melden ist. 

2. Jeder Truppenteil ist für die Abfuhr des Unrats und Dunges 
verantwortlich, der außerhalb des Unterkunftsorts auf freiem Kehle al>- 
geladen und tunlichst verbrannt werden muß. 

3. Fehlende Fenster und Türen sind der Ortskommandantur an- 
zu/.eigen.“ 

Da öffentliche Bedürfnisanstalten in dem Orte fehlten, wurde 
ihre Errichtung an den Hauptansammlungspunkten der Mann¬ 
schaften in die Wege geleitet. 

Ein besonderes Augenmerk wurde dem Kneipenwesen und 
der Prostitution gewidmet. Auf den Ort kommen etwa 300, also 
auf etwa 30 Einwohner eine Schankstätte. Sie waren meist sauber 
gehalten, sodaß sie kaum als Herde von Infektionskrankheit) er¬ 
scheinen. Unsaubere Wirtschaften wurden unter scharfem Zwange 
gehalten. 

Die Frage der Prostitution, die natürlich von erheblichem Einfluß 
auf die Gesundheit unserer Truppen ist, soll in einem späteren Ab¬ 
schnitt unserer Arbeit einer besonderen Betrachtung gewürdigt werden. 

2. Trinkwasserversorgung. Die Versorgung des 
Heers mit einem einwandfreien Trinkwasser gehört zu den wich¬ 
tigsten Aufgaben der Truppenärzte. Nach unserer Erfahrung ist es 
auf dem Marsch und in der Unterkunft durchaus zweckmäßig, 
sich bei den Laudesbewohnern nach der Beschaffenheit der \Va>ser- 
Versorgungsanlagen zu erkundigen und sie ruhig zu benutzen, 
sofern die Bevölkerung selbst das Wasser ohne Scheu und ohne 
Schaden für die Gesundheit genießt. Das gilt besonders für be¬ 
freundetes und eignes Gebiet. Aber auch in Feindesland haben 
wir keine ungünstigen Erfahrungen gemacht. Man kann hier die 
Vorsicht gebrauchen, daß man die Einheimischen auffordert, da* 
Wasser vor unsern Augen zu trinken. Die französischen und bel¬ 
gischen Kollegen gaben uns bei den gesundheitlichen Ermittlungen 
durchweg auf das bereitwilligste über alle hygienischen hrigen 
Auskunft. Auch fanden wir wiederholt in den eroberten Uebietj 1 « 
Frankreichs und Belgiens an Häusern und Brunnen franzfoi.w 
oder flämische an die Bevölkerung gerichtete Plakate mit dem 
Hinweise vor, daß das betreffende Wasser zum Genuß ungeeignet 
sei. Zu beanstanden ist namentlich schlecht schmeckendes »n 
übelriechendes, unappetitliches Wasser, ferner solches, das wegen 
hohen Gehalts an Kalksalzen Verdauungsstörungen hervorntft- um 
endlich Wasser mit Arsen- und Bleigehalt. In kleinen Städten 
und auf dem Lande waren vielfach die primitiven Brunnen in 11,1 
mittelbarer Nähe von Misthaufen oder Dunggnibe» und Aboitin 
ungelegt, sodaß die Fäkalien in das Wasser gelangen konntet). i ,(1 


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zahlreichen Untersuchungen erwies sich ein hoher Gehalt an sal¬ 
petriger vSiiure, Chlor, Ammoniak und organischer Substanz. 

^Sofern es möglich ist, aus andern in der Nähe gelegenen 
Brunnen einwandfreies Trinkwasser in ausreichenden Mengen zu 
erhalten, wird man beanstandete Brunnen am besten schließen. Da 
auf dem Kriegsschauplätze des Westens der Typhus in der Be¬ 
völkerung überall endemisch herrscht, muß im Stellungskriege 
verlangt werden, daß Wasser nur gekocht genossen wird. 

Um den faden Geschmack des abgekochten Wassers zu ver¬ 
meiden. empfiehlt sich die Verabreichung von Tee und Kaffee. 
Auch für den Marsch ist Kaffee oder Tee — ungesüßt — die beste 
Füllung für die Feldflaschen. Die Mannschaften sind immer wieder 
an sparsamen Gebrauch der Feldflasche zu erinnern und besonders 
aufzufordern, daß sie nicht gleich dem ersten Durstgefühl allzusehr 
nachgeben und die ganze Flasche leeren sollen. Gute Dienste 
halten auch die beim Armeearzt anzufordernden Trinkwasser- 
hmiter geleistet, in denen das Wasser keimfrei gemacht wird, aber 
Ävhnuiekhaft bleibt. Sofern der vorhandene Wasservorrat oder die 
tägliche Gebrauchsmenge gering ist, genügt es, den Apparat nur 
einige Stunden des Tags in Betrieb zu halten und das gewonnene 
Trinkwasser entweder in großen Kübeln oder in Fässern zur Ab¬ 
holung bereitzustellen. Die fahrbaren Trinkwasserbereiter, denen 
ein technisch vorgebildeter Begleiter beigegeben ist, bedürfen einer 
dauernden, sorgfältigen Ueberwachung. Zum Schutze gegen die 
l'nbilden der Witterung, insbesondere gegen Regen und Ein¬ 
frieren, werden sie in einem Schuppen oder einer Scheune auf ge¬ 
stellt. Ist dies infolge zu weiter Entfernung von der Wasserquelle 
nicht möglich, so kann man sich durch Aufschlagen eines Sclmtz- 
zelts oder besser eines Holzverschlags um den Apparat helfen. Für 
die wärmere Jahreszeit ist in Aussicht genommen, im Anschluß 
an die Trinkwasserbereiter in den einzelnen Ortsunterkünften 
künstliches Selterwasser herzustellen, wie dies im Frieden schon 
in vielen Mannschaftskantinen mit gutem Erfolge geschieht. In 
sulchen Gegenden, in denen die vorhandenen Brunnenanlagen un¬ 
dicht, verunreinigt oder in der Nähe von Abortgruben gelegen 
sind, empfiehlt sich ferner die Verwendung der abessinischen 
Brunnen, welche in dem von uns besetzten Teile Flanderns aus 
einer Tiefe von 10 bis 20 m in der Regel ein tadelloses Trinkwasser 
lieft rn. 

In manchen Gegenden ist das Wasser infolge der Bei¬ 
mengungen von Bodenbestandteilen so getrübt, daß es auch zum 
Kochen ungeeignet erscheint. In diesen Fällen kann es vor dem 
Abkochen durch Tücher geklärt werden. Vielfach genügt es, 
wenn man das Wasser in entsprechend großen Bottichen einige 
Zeit stehen läßt, da dann die beigemengten Erdbestandteile zu 
Boden sinken. 

Für die Versorgung von größeren Truppenabteilungen 
kommen Wasserfiltrierapparate praktisch schon aus dem Grunde 
nicht in Betracht, weil sie in der Regel leicht zerbrechlich und 
wenig leistungsfähig sind, da zum Durchlaufen von wenigen 
Litern schmutzigen Wassers oft ein Zeitraum von mehreren 
Munden notwendig ist. Zudem ist zu beachten, daß auch das 
Inste Filter niemals ein sicher keimfreies Wasser liefert, sondern 
«laß das verdächtige Wasser auf jeden Fall nach der Filtrierung 
abgekocht werden muß. 

Bei den centralen Wasserleitungen der großen Städte wird 
man nach Erkundigungen bei der Stadtverwaltung und den Aerzten 
‘len Genuß des VVassers in ungekochtem Zustand unbedenklich 
Platten können. 

Die Hauptgesichtspunkte bei der Trinkwasserversorgung der 
Truppen lassen sich in folgenden Sätzen kurz ausdrücken: 

1. Erkundigung bei einheimischen Aerzten oder andern ver¬ 
trauenswürdigen Personen, ob bereits irgendwelche ungünstigen 
r°lgen nach dem Genüsse des betreffenden Wassers ein- 
gotreten sind. 

-• Oertliche Besichtigung der Wasserentnahmestellen. 

3. Im Stellungskriege darf Wasser nur abgekocht oder als 
et- und Kaffee getrunken werden. Auch für den Marsch im 
ewegungskriege ist der ausschließliche Gebrauch von gekochtem 
asser °'^ r v on Tee und Kaffee anzustreben. 

Auf die Trinkwasserversorgung der Schützengräben werden 
' lr in einem späteren Abschnitte weiter eingehen. 

. . ^ ^ ö r p e r p f 1 e g e. Bäder. Die Gewährung von Bädern 
Brr .Ki Winter von unsern Mannschaften, zumal im 

fffi ' | e "!7 kämpfenden Truppe, sehr begrüßt. Die Ausdünstun- 
Snd 'i? v rpew wer ^ en ,n den Unterständen der Schützengräben 
' (en Hassenquartiereil besonders unangenehm empfunden, und ; 


wohl ein jeder hat das Bedürfnis, sich des Schmutzes so oft wie 
möglich zu entledigen. Dazu kommt, daß das Vernachlässigen 
jeder Körperpflege die Verunreinigung der Wunden und das Ent¬ 
stehen von Gasbrand, Sepsis und Starrkrampf begünstigt und den 
Hautkrankheiten und dem Ungeziefer aller Art den besten Boden 
bietet. Endlich wird durch die Bäder neben den Vorteilen für den 
Körper auch das geistige Wohl der Truppe günstig beeinflußt. Die 
in den Unterständen und Höhlen der vordersten Linie lebenden Sol¬ 
daten empfinden das wohltuende Bad und die Sauberkeit der Bade¬ 
räume als ein Zeichen, daß sie trotz allem inmitten der Kultur 
ihres Volkes stehen, der Sinn für die Reinlichkeit der Kleidung, 
für die Pflege der Haare wird beiebt, ein besonders fröhlicher 
Geist zieht ein. Es ist eine Freude, die glückselig strahlenden 
Mannschaften im warmen Bade sitzen und plansehen zu sehen, 
die wochenlang in den Schützengräben gelegen haben. Unsere 
Erfahrung hat weiter gelehrt, daß regelmäßige Bäder der Mann¬ 
schaften in gut beaufsichtigten Badeanstalten die Bekämpfung des 
Ungeziefers erleichtern, weil die Behafteten beim Baden leicht her¬ 
ausgefunden werden. 

In dem Unterkunftsbereich unseres Armeekorps standen Bade¬ 
anstalten nicht zur Verfügung. Unsere erste Militärbadeanstalt 
wurde am Standorte des Generalkommandos zur gemeinsamen Be¬ 
nutzung für unser Korps und eine benachbarte Division in einer 
Schnürriemenfabrik errichtet, in der sieh mächtige Räume mit 
großen, langen Holzbottichen zum Waschen und Färben von 
Garnen vorfanden. Das Wasser wird in große Behälter gepumpt 
und durch Einleiten von heißem Dampf erwärmt, sodaß es ge¬ 
brauchsfertig in die Bottiche geleitet werden kann. Die Bade¬ 
anstalt wurde am 23. Dezember 1914 dem Betriebe für Mann¬ 
schaften übergeben und ist bis zum 15. Februar 1915 von 35 228 
Mann benutzt worden. In der angesehlossenen Offizierbadeanstalt 
wurden im Verlaufe des ersten Betriebsmonats über 1000 Einzel¬ 
wannenbäder in Zellen verabreicht. Auf Grund der bisher vor¬ 
liegenden Erfahrungen hat sich folgende Einrichtung bewährt: 

Die Anstalt zerfällt, abgesehen von der Maschinenanlage der 
Fabrik, welche den Dampf liefert, und dem Hof, in dem eine Halle zum 
Ablegen von Gepäck und Waffen und Aborte errichtet sind, in vier 
Haupträume. Der erste Raum dient den Mannschaften zum Warten 
vor dem Baden (Warteraum). In dem nächsten Raume nimmt der auf- 
sichtführende Unteroffizier die Anmeldungen für das Baden d'*r 
Truppenteile entgegen und bewahrt die Wertsachen der Badenden auf. 
Nach dein Baden erhalten die Mannschaften hier eine Tasse Tee (Tee¬ 
raum). Neben dem Eingang ist hinter einem Verschlag die reine Wäsche 
untergebraeht. Jeder Mann erhält ein Handtuch. Dann betreten die 
Mannschaften den dritten Raum, den Ausklcideraum. Es hat sieh 
herausgestellt, daß dieser am zweckmäßigsten in drei Teile zerfällt, 
damit für drei Gruppen von Mannschaften Platz zum Auskleiden und 
Ablegen der Sachen vorhanden ist. Jede dieser Abteilungen muß so viel 
Fächer haben, wie Mannschaften gleichzeitig baden können. Die Er¬ 
fahrung hat gelehrt-, daß für Auskleiden. Baden, Ankleiden und Aufent¬ 
halt im Teeraum etwa die gleiche Zeit, je eine Viertelstunde, notwendig 
ist. Dabei braucht man die Mannschaften nicht zu hetzen, kann aber 
doch die Zeit ausnutzen. Der folgende Stundenplanauszug zeigt, daß 
dadurch drei Abteilungen des Auskleideraums bedingt werden: 


Gruppen der Badenden: 



8—8 15 

| 8 16 —8 30 

1 8*-8« 

8 15 —9 

9-9« 

QI5 gw 

9»__9«5 

1 9«--10 

a) 

Ans¬ 

ziehen 

in 

Abt. I 

Baden 

An¬ 

ziehen 

in 

Abt I 

Tee¬ 

trinken 





b) 


Aus¬ 

ziehen 

in 

Abt II 

Baden 

An¬ 

ziehen 

in 

Abt. n 

Tee¬ 

trinken 


! 

i 

! 


c) 



Aus¬ 

ziehen 

in 

Abt. III 

Baden 

An¬ 

ziehen 

in 

Abt. III 

Tan. 

trinken 

1 


d) 



I 

Aus¬ 

ziehen 

in 

Abt I 

Baden 

An¬ 

ziehen 

in 

Abt. I 

Tee¬ 

trinken 


e) 





i Aus- 
1 ziehen 
in 

Abt. II 1 

Baden 

An¬ 

ziehen 

in 

Abt. II 

Tee¬ 

trinken 


Es ist ersichtlich, daß während je drei Viertelstunden die Fächer 
der Abteilungen mit den Kleidern der gleichen Mannschaften belegt 
sind und in der vierten Viertelstunde wieder, eine Abteilung frei wird. 
Bereits im Ausklcideraum achtet ein Sanitiitsunferoffizier ganz be¬ 
sonders auf Kleiderläuse. Leuten mit Krätze und Läusen'ist das 
Baden hier verboten, sie werden dem 8anitäfsbade (siehe unten) über¬ 
wiesen. 


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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


Im vierten Raume, dem Badc.raume, befinden sich Brausen, sowie | 
daneben die erwähnten Bottiche, fünf an der Zahl, bis zum Ueberlaufen j . 
gefüllt. .Jeder nimmt sechs bis acht Mann auf, das Wasser erneuert ; 
sich durch ständiges Zulließen. Mittags und abends werden die Bottiche : 
entleert und ausgescheuert. Die Mannschaften treten zunächst unter 
die Brausen und werden mit warmem Wasser abgebraust; hierzu 
empfängt jeder etwas Schmierseife. Nach gründlicher Reinigung 
steigen sie in die Bottiche. Beim Betreten des Baderaums werden sie 
nochmals auf Läuse sowie auf Krätze und andere Hautkrankheiten 
untersucht. Badezeit ist vormittags von 8 bis 12 und nachmittags von 1 
2 bis 6 Uhr. j 

Die Anstalt erfordert folgendes Personal: 

Aufsicht im Warteraum: 1 Sanitätsunteroffizier: 

Aufsicht im Teeraum, Annahme der Anmeldungen, Listen¬ 
führung, .Wertsachenabgabe: 1 Sanitätsunteroffizier; 

Wäscheausgabe: 1 Militär-Krankenwärter; 

Aufsicht im Auskleideraum: 1 Sanitätsunteroffizier; 

Aufsicht im Baderaum: 1 Sanitätsunteroffizier; 

Arbeit an den Bottichen im Baderaum: 1 Militär-Krankenwärter, 

Heizung: 1 Pionier und 1 Zivilheizer; 

Für Arbeiten an den Maschinen: 1 Pionier und 1 Zivilarbeiter. 

Außerdem sind eine Köchin für die Bereitung und Ausgabe des 
Tees und mehrere Arbeiterinnen zur Reinigung der Räume angestellt. 

Es können täglich bei achtstündiger Betriebszeit in aller 
Ruhe 1200 bis 1300 Mann baden. Wenn die Benutzungszeit ver¬ 
längert und die Zeit des einzelnen Bads etwas gekürzt wird, können 
täglich bis zu 2000 Bäder verabfolgt werden. Wenn die Räum¬ 
lichkeiten im Verhältnis zur Zahl der Badenden stehen, so wird auf 
die geschilderte Weise jedes Stocken des Betriebs vermieden und 
eine schnelle Abfertigung der Truppenteile gewährleistet. 

Der Aufenthalt der Mannschaften im Teoraum ist notwendig, 
damit nach dem warmen ungewohnten Bad eine Abkühlung statttindet. 
Wenn die drei letzten Räume in einer Flucht liegen und eine gemein¬ 
same Dampfheizung haben, so ergibt es sich von selbst, daß der letzte 
Raum, in dem die Bäder verabfolgt, werden, der wärmste, und <h*r 
erste Raum, der mit der Außenluft in Verbindung steht, der kühlste ist. 
In diesem erfolgt also beim Warten eine willkommene Abkühlung. 
Diese Wartezeit ist aber noch aus einem andern Grunde wertvoll. 
Das wanne Bad strengt die Mannschaften, die dieses Genusses entwöhnt 
sind, meist ziemlich an. Sie werden von einem Gefühl wohliger Schlaff¬ 
heit befallen. Diesem können sie in dem Teeraume nachgehen. in dem 
Bänke an den Wänden stehen. Aus diesem Grunde ist auch die er¬ 
frischende Tasse Tee, die jedem auf seinen Wunsch gereicht wird, 
keine überflüssige Beigabe. Zur Bereitung eines Liters Tee werden 10 g 
Tee und 10 g Zucker verwandt. Der Teeraum ist mit Ptlanzcngruppon 
und Bildern geschmückt und mit den Karten der Kriegsschauplätze 
und einem Brett für Tagesneuigkeiten versehen, um den Aufenthalt für 
die Mannschaften angenehm zu gestalten. 

ln dem Offizierbad, in dem fünf Einzelzellen vorgesehen sind, die 
gleichzeitig zum Auskleiden und Baden dienen, ist cs gleicherweise 
notwendig, daß ein Vorraum mit Wartezimmer, Haarschneidezimmer 
und Wäscheausgabe durch eine Wand von den Badezellen getrennt 
und kühl gehalten wird. Sonst entsteht Zugluft und eine Abkühlung 
nach dem Baden ist unmöglich. 

Um auch den etwas entfernter liegenden Truppenteilen die 
Benutzung der Bäder zu erleichtern, fährt täglich ein geheizter 
„Badezug“ aus zwei benachbarten Garnisonen, der 300 bis 400 Be¬ 
sucher bringt. 

Der Verbrauch an Kohlen beträgt täglich 1750 kg. 

Die vorstehend beschriebene Badeanstalt fand bei den 
Truppenteilen allgemeinen Anklang, und es dauerte nur wenige 
Wochen, bis auch in den andern Unterkunftsorten des Armeekorps 
weitere Badeanstalten nach ähnlichen Gesichtspunkten ins Leben 
gerufen wurden. Hierbei zeigte sich ein erfreulicher Eifer der 
Aerzte, die Anlagen immer vollkommener zu gestalten, dem das 
technische Geschick und die unermüdliche Arbeitsfreudigkeit un¬ 
serer Pioniere aufs bereitwilligste nachkamen, trotzdem ihre Zeit 
durch ihre eignen Aufgaben sehr in Anspruch genommen war. 

In einer als Divisionsstabsquartier dienenden Stadt von über 
10 000 Einwohnern wurde eine Flachswäscherei zur Militärbade¬ 
anstalt umgebaut. 

Als Badewannen dienen hier zehn große runde Holzbottiche von 
etwa 1K m Tiefe, welche in der Mitte einen Zufluß von heißem, von 
außen einen solchen von kaltem Wasser haben. In jedem Bottich halten 
acht Mann Platz. Der Dienstbetrieb ist hier so geregelt, daß der Bottich 
nach zweimaliger Benutzung von je acht. Mann entleert und gereinigt 
wird, sodaß in einem Badezeitraum in jeder der vorhandenen zehn 
Wannen 16 Mann baden. 

Täglich um 8 und 11 Uhr vormittags und 2 und 5 Uhr nach¬ 
mittags treffen je 160 Mann zum Baden ein, sodaß an einem Tag 
in dieser Anstalt rund 600 Mann ein warmes Vollbad erhalten. 

In einem dritten Ort, einem mittleren Dorf, ist eine Dampf¬ 
molkerei zur Badeanstalt umgebaut. 


Als Badewannen dienen acht steinerne Wannen, die sonst zur i 
Aufbewahrung von Milch benutzt wurden und jetzt je zwei Badende 
aufnehmen. Der Betrieb ist hier so geregelt, daß die badenden Mann¬ 
schaften zunächst auf einer Bank sitzend ein warmes Fußbad in 
Seifenwasser erhalten und dann in die Badewannen zum Vollbad 
steigen. Darauf spülen sie unter warmer Brause die Seife ah und 1 
kommen zum Schluß in ein etwa 1 m hohes Holzbecken mit leineni, 
warmem Wasser und darüber befindlicher kalter Brause, wo gleich¬ 
zeitig nebeneinander etwa 12 Mann Platz haben. 

In dieser Anstalt baden täglich vier Gruppen zu 100 Mann, 
insgesamt also etwa 400 Manu. 

Weiterhin ist in einem Wirtshaus eines andern kleinen, in 
der Nähe der Gefechtsstellungen gelegenen Dorfes ein Brausebad 
entstanden, das täglich etwa 300 Bäder verabfolgen kann. 

Auf dem Speicher des Hauses ist ein heizbarer Kessel aufge¬ 
stellt, in den das Wasser aus dem Hofbrunnen mittels einer Feuerwehr¬ 
pumpe hinaufgepumpt wird. Das heiße Wasser w-ird einem Bottich 
mit kaltem Wasser zugeleitet. Das Mischwasser wird durch Rohre 
nach unten in den Brauseraum geleitet, in dem 15 Brausen vorhanden 
sind. Außerdem ist ein Auskleideraum in demselben Gebäude ein¬ 
gerichtet und eine Tee- und Wartehalle aus Holz aufgeführt. 

Endlich ist in einer weiter rückwärts gelegenen Stadt ein 
Brausebad mit 56 Brausen entstanden, von denen drei für Unter¬ 
offiziere und zwei für Offiziere abgeteilt sind. In allen Bädern 
wird nach dem Baden Tee verabreicht. So sind wir bei unserm 
Armeekorps zurzeit in der Lage, wöchentlich etwa 25 000 Bäder 
an die Mannschaften zu verabreichen. 

Wo die Anlage von Badeanstalten nicht möglich ist, ist die 
segensreiche Einrichtung von Brausebädern in Eisenbahnzügen zu 
; empfehlen, die in einem andern Armeekorps eingeführt sind. Solche 
I Züge fahren im Bereiche der Truppen hin und her und verabfolgen 
an den Halteorten Brausebäder. Die Wagen bieten Ausklcide- 
räume und Brauseraum, die Lokomotive besorgt die Heizung und 
Warmwasserversorgung. 

Spiele und Sport. Bei einem Feldlazarett unseres 
Armeekorps haben sieh turnerische Spiele bisher als ein wertvolles 
Mittel bewährt, um die Gewandtheit des Körpers und einen frischen 
heiteren Sinn bei den Mannschaften zu erhalten. Es wurde Bar¬ 
lauf, Wettlauf, Hürdenlauf und Stafettenlauf gepflegt. Diese 
Spiele bedürfen keiner teuren Geräte, sondern nur eines brauchbaren 
Platzes. Um einen feuchten Grund festzumachen, sind die Back¬ 
steine eingeschossener Häuser ein gutes Mittel. Als Belag emp¬ 
fiehlt sieh in Fabrikgegenden Kohlenschlacke, die zweckmäßig mit 
einer Walze bearbeitet wird. Durch das Aussetzen von Preisen 
kann der Frohsinn der Mannschaften besonders gesteigert werden, 
der in diesem Kriege der Nerven ein besserer Helfer ist als das 
Absitzen von Erholungszeiten in den Wirtshäusern. 

Wir haben mehrfach abfällige Urteile über die Engländer 
i gehört, die hinter ihrer Front Sport treiben. Solche Aeußerungeii 
lassen dem Werte der Spiele für die körperliche Gewandtheit und 
die geistige Frische der Mannschaften keine Gerechtigkeit, wider¬ 
fahren. (Fortsetzung folgt) 

Schutzkleidung gegen Flecktyphusübertragung 

von 

Prof. Dr. C. Flügge, Berlin. 

Die Mitteilung von Prof. N e u f e 1 d in Nr. 13 dieser Wochen¬ 
schrift veranlaßt mich, auch meinerseits kurze Angaben zu machen 
über einige von Prof. Heymann und mir mit einer läusesicheren 
Schutzkleidung für Aerzte und Pflegepersonal angestellte Ge¬ 
suche. Die betrübende Erfahrung, daß in der jetzigen Flecktyphus- 
epidemie bereits 23 deutsche Wärter und 12 deutsche Aerzte er 
krankt, und daß von letzteren acht — unter diesen hoch verdien e 
Forscher wie Jochmann, v. Prowazek, Cornet — ^ 
Krankheit erlegen sind, sowie anderseits die mehr und m e ' ir J K . 
festigende Ueberzeugung, daß die Uebertragung dieser Krank w 
ausschließlich durch Kleiderläuse erfolgt, müssen uns anspornc. 
möglichst bald Mittel und Wege zu finden, durch die den Aery' 
und Wärtern ein Schutz gegen dieses Ungeziefer gewährt "ent 
kann. 

Die Läuse pflegen vom Körper, von den Kleidern, ^ 
und gelegentlich vom Fußboden aus den mit dem Kranken 
schädigten zu befallen und auf der Kleideroberfläche mi 
kriechen, bis sie eine Oeffnung* finden, durch die sie in 
Kleiderschichten und auf die Haut gelangen können, 
gänge sind an den Beinen, am oberen Ende der Stiefel. v0 ^! j e 
an den mit Gummihandschuhen geschützten Händen am Ar 


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11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


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der Handschuhe; ferner an den Stellen, wo die Oberkleidung zu¬ 
geknöpft wird; namentlich aber an der Halsöffnung, von wo die 
Läuse leicht einen ihrer Lieblingssitze, den Nacken, erreichen. 

Der Versuch, diese Zugangsstellen durch Einreiben mit 
Salben, ätherischen Oelen und dergleichen unpassierbar für Läuse 
zu machen, ist völlig aussichtslos. Eine auch nur annähernd ge¬ 
nügende. von der Passage abschreckende Wirkung kommt 
k q\ n e m der bis jetzt bekannten Mittel zu. 

Es bleiben dann zwei Möglichkeiten: entweder alle jene Zu- 
i'angsöffnungen der Kleidung sicher zu verschließen, oder die Ober¬ 
kleidung des ganzen Körpers aus einem Stoffe zu wählen, der das 
Haften und die Fortbewegung der Läuse vollkommen verhindert. 

Das erste Prinzip ist in dem Grassberger sehen, aus 
grauem dichten Baumwollstoffe hergestellten Anzuge versucht 1 ). 
Die Zugangsöffnung an den Beinen fällt dadurch weg, daß die 
unten geschlossene, schlitzlose Hose über die Stiefel und die ge¬ 
wöhnlichen Beinkleider gezogen und in der Körpermitte über der 
Bluse befestigt wird; darüber wird ein Gürtel gebunden. Die 
Bluse geht oben in eine Kopfkapuze über, die nur das Gesicht frei¬ 
läßt. Auch bei dieser Anordnung bleibt aber das Einkriechen der 
Läuse am Gürtel, am Kopf und an den Annen möglich; Grass- 
berjjers Empfehlung, Gürtel und Aermelenden mit Salben und 
dergleichen einzureiben, verringert die Gefahr durchaus nicht. 

Soll wirklicher Verschluß der Oeffnungen erzielt 
werden, so gelingt dies nur durch Verkleben mit Heft¬ 
pflaster-(L eu k o p 1 a s t-) s tr ei f e n. An den Beinen ist das 
schwierig; daher empfiehlt sich hier das Ueberziehen einer unten 
geschlossenen, schutzlosen Hose, wie beim Grassberger sehen 
Modell. An den Armen ist der Spalt zwischen dem unentbehrlichen 
(Jummihandschuh und dem Aermel mit einem Heftpflasterstreifen 
leicht, zu decken, namentlich wenn der Aermel eine etwas steife, 
gut schließende Manschette trägt. Hose und Bluse sind zweck¬ 
mäßig fest aneinander genäht; um in die so entstandene Hemdhose 
hineinzukommen, muß aber ein langer Schlitz vom Hals etwa 40 
bis 50 ent abwärts über Brust oder Rücken sich erstrecken. Dieser 
Schlitz ist, nachdem er durch Druckknöpfe oberflächlich ge- 
■ schlossen ist, mit einem Streifen Leukoplast zu überkleben. Eine 
feste Einlage im Stoff, entlang dem Schlitz, erleichtert das Haften 
i • des Pflasterstreifens. 

Die größte Schwierigkeit bietet der Abschluß am Hals. 
Eine Dichtung mit Leukoplast läßt sich hier schwer und bei Leuten 
mit Bartwuchs gar nicht herstellen. Man kann sich aber helfen 
durch Anbringen einer Art von Barriere aus klebriger, dicker 
Flüssig!, it, welche die Läuse abfängt, wie der Wachsring an 
,1 Bärnm-n die Raupen. Würde man den steifen Kragen des Sebutz- 
kleids außen mit einem Striche Fliegenleim oder Kanadabalsam 
versehen, so würde man in einfachster Weise eine Sicherung gegen 
das leberkriechen von Läusen in die Halsöffnung erreichen. Damit 
aber die klebrige Masse nicht störend wirkt und leicht wieder be¬ 
seitigt werden kann, ist es zweckmäßig, einen Leukoplaststreifen 
von etwa 6 cm Breite zu nehmen, auf der Klebseite in der ganzen 
Länge des Streifens zwei Schnüre (Vorhangschnur) aufzulegen und 
mit dem Heftpflaster so zu umfassen, daß sie auf der nicht kieben- 
jbfrft den Seite zwei vorspringende Leisten bilden, die zwischen sich 
rine Rinne (etwa von der Breite der Schnur) haben. In diese Rinne 
hnngt man aus einer Tube etwas Kanadabalsam oder dicken 
Hiegenleim und verstreicht diesen mit einem Holzstückchen zu 
, |ncr dünnen, die Rinne auskleidenden Schicht; der so armierte 
; dcftptlasterstreifen wird auf den steifen Kragen des Schutzkleides 
t /r ^ufgeklebt. Ein PassierendieserSchrankevonKleb- 
I rt°ff durch Läuse ist völlig unmöglich; sie werden sicher 
m der Klebmasse fixiert. Die vorspringenden Leisten schützen 
dahei gegen unerwünschte Klebewirkungen. — Auch am Arm und 
|*in lassen sich erforderlichenfalls die gleichen Schranken an- 
i )n JKeri; doch ist hier meist das Verkleben der Spalten das ein- 
\ f . fächere. 

Den Kopf zu schützen, wird im allgemeinen nicht nötig sein. 
J;° es geschehen, so ist die von N e u f e 1 d empfohlene Lotsen- 
appe zu benutzen, deren äußerer Rand ebenfalls mit einer 
enranke von Klebstoff zu versehen ist. 

Das zweite Prinzip, die Herstellung eines Schutzkleides 
s glatten Stoffen, welche den Läusen das Haften und Kriechen 
unmöglich machen, ist von Neufeld befolgt. — Nach Ver- 
möD *^ e ? e ^ mann * m hiesigen Institut angestellt hat, 
durch ^ nicJlt an . ne hmen, daß namentlich die jungen Läuse 
Stoffe sicher ferngehalten und au der Fortbewegung 

V *) W.kl. VV, 1915, Nr. 9. 


auf horizontaler und mäßig steigender Fläche gehindert werden. 
Auch vermindert sich die Glätte mit der Gebrauchszeit; und außer¬ 
dem sind die durch ihre Glätte wirklich stärker hemmenden Stoffe, 
wie geölte Seide, leicht zerreißlich und sehr teuer. Eine voll¬ 
ständige Sicherheit wird nach meiner Meinung auch bei Ver¬ 
wendung dieser Stoffe erst dadurch gewährt, daß die Oeffnungen 
in der oben beschriebenen Weise verklebt beziehungsweise mit 
Klebstoffbarriere versehen werden. 

Das Ablegen der Anzüge muß mit ruhigen Bewegungen ge¬ 
schehen. Ein Abwaschen mittels eines in Kresollösung (AnisolV) 
getauchten Schwammes, während der Träger des Anzugs auf einem 
Laken aus grober Leinwand steht, sollte vorausgehen. Dann wer¬ 
den die Heftpflasterstreifen abgenommen, der Anzug vorsichtig 
nach unten abgestreift, in das Laken eingesehlagen und sogleich 
in den Dampfofen gebracht. 

Wenn Aerzte und Pfleger nur mit sicher entlausten Fleck- 
fieberkranken zu tun haben, brauchen wir überhaupt keine Schutz¬ 
anzüge. Die sorgfältige Entlausung der Kranken und Verdäch¬ 
tigen ist daher selbstverständlich in erster Linie anzustreben. Vor¬ 
läufig rechtfertigen aber die Zustände in den Gefangenenlagern 
und in manchen Bevölkerungsschichten das Bestreben, für den 
Bedarfsfall ein sicheres Schutzkleid zu haben. Namentlich sind die 
Desinfektoren, welche die Entlausung zu überwachen haben, ferner 
die Wärter, welche dauernd mit Fleckfieberkranken, und darunter 
häutig auch mit unvollkommen entlausten, zu tun haben, stark ex¬ 
poniert; weniger, aber immer noch in gewissem Grade, die bi han¬ 
delnden Aerzte, die bei der Untersuchung der Kranken leicht ein¬ 
zelne Läuse aufnehmen, zumal die Fiebertemperatur diesen unbe¬ 
haglich ist und sie zum Aufsuchen eines andern Wirts antreibt. 
Will man aber der Gefahr der Uebertragung durch einen Schutz« 
anzug begegnen, dann darf man meines Erachtens nicht damit 
zufrieden sein, daß der Anzug „einigermaßen“ Schutz gewährt, 
sondern dann muß dieser wirklich verläßlich sein; und 
das ist er nach unsern Versuchen nur, wenn jede Zugangs¬ 
öffnung mit Heftpflaster abgedichtet und d i e 
Hals Öffnung durch eine Klebstoffschranke ge¬ 
schützt ist. Dagegen halte ich es für weniger wesentlich, ob der 
Anzug aus dichtem Leinenstoff oder aus glattem Oeltuch oder 
Gummi hergestellt wird. 

Einige Modelle, mit denen noch praktische Versuche ange- 
stellt werden sollen, hat das „Medizinische Warenhaus“, Berlin 
NW 6, nach unsern Angaben angefertigt. Auch Leukoplast¬ 
streifen mit Schutzrinne können von dieser Firma bezogen werden, 
falls nicht die sehr einfache eigne Herstellung vorgezogen wird. 


Aus dem Sofienspital in Mühlbach (Szaszsebes, Siebenbürgen). 

Behandlung von Schußfrakturen mittels 
Gipsbrückenverbänden 

von 

Primarius Dr. 0. Grasser. 

Wohl selten wird man Gelegenheit haben, den Gipsverband 
bei komplizierten Knochenbrüchen so häufig in Anwendung zu 
ziehen, als in diesem Weltkriege. Verwundete Soldaten, zusam¬ 
mengewürfelt aus der ganzen Monarchie, sind in unserm verhält¬ 
nismäßig kleinen Landspitale versammelt und anerkennen dank¬ 
bar die Wohltat eines Gipsbrückenverbandes nach den schlimmen 
Erfahrungen, die sie vorher mit den meist schlecht sitzenden 
Blechstiefeln auf ihren weiten Transporten und den verschiedenen 
Uebergangstationen gemacht haben. 

Trotz aller Vorsicht und häufigem Verbandwechsel war es 
nicht möglich, zu verhüten, daß sich bei den meist stark seeer- 
nierenden Wunden Wundsekret auch in die vom Gips überdeckten 
Watteschichten verteilte und zu Reizungen der Haut, Ekzem, Ver¬ 
anlassung gab. Die verunreinigten Schichten mußten mühsam ent¬ 
fernt und durch frische Watte ersetzt werden, was viel Zeit 
in Anspruch nahm. Dies veranlaßte mich, wie wohl manchen an¬ 
dern Kollegen, der die gleiche Erfahrung machte, auf Abhilfe zu 
sinnen, und wurden daher von nun an die Verbände aus zwei Gips¬ 
hälften, die durch einen Bogen oder Brücke miteinander ver¬ 
bunden wurden, hergestellt, während die Stelle der Weichteil¬ 
verletzung circulär frei blieb und so der Behandlung leicht zu¬ 
gänglich gemacht wurde. 

Zur Herstellung der Brücken wurde 5 bis 6 mm starker ver¬ 
zinkter Eisendraht verwendet. 


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422 


1915 


MEDIZINISCHE KLINIK ~ Nr - 15 ~ 


11. April. 


Der Eisendraht besitzt den und'ewUiisch^ 

kann seine Elastizität <l»zu benut ^ ausilbe n zu können. Bei den 
ist, einen leichten Grad von t gen ^ , kr( . is0 gebogen, die Enden 

5ÄÄÄ“ Gipsverband angepaßt und mit- 

,mge ' Da die Elastizität sich besse^au^ditzen^heß^wenn mm* au8 

nebeneinander liegende Drahte Rechteck von zirka 5 cm 

nem 160 bis 180 cm langen D r » ht e “ n ^n ff el>offen, daß die freien 
Rrcite und 60 bis 80 cm Lange so ,£ J rt | pn . Der Draht- 

Enden mit Hcftpflasterstreifen f Jf (ii ,,iii.letoiiren ttber- 

bogen oder Brücke kann zure eh gelogt n m« > rfcn< odcr man 

den 

- u-* - 

Brücke.zwischen ^^^.inTam'^b-schenkel, so ist es 

ilei gut zu polstern und den ein 11 k j m aufruhP „ zu 
8-Gipstouren um das Becken aut * ' befestigen, 

lassen und mit «! nl S. e ""Ä rt G Ä verbunden. Nach 
Die Wunde am Oberschenkel m dsterte Bein, vom 

Erhärten dieses Yer- 

Fuß angefangen bis zu der tir ^ faUg n0 ch 

letzungsstelle, eingegipst. . ‘ ül)en will, den distalen 

einen leichten extedierenden i r. j Bo , r( ,„ spannen 

SSSfÄÄ» 

"« tÄ'25 -SV'”;», m.igll.hei. Konihin»- 

tionen^fri Zertrümmerung im oberen drittel de^^ ordi^ 

arms nalie dem Ellbogcngeleiike "" *"/ n-estrecklem Arm 

starken Dislokation ad axim di* Blockt. - .. , un d 

um das Ellbogengelenk an dessen "jcdmlim A (1( , r '^smidcn Hand die 
SÄ« - Stirn verletzten Arme die ihm bequernste 

Eagerimg zmeü werden lassen zu louinmi. ^^ ^^ sowie den Ver¬ 
bund* e,sei mh^ als eine große Erleichterung, 

bandwechsel voUküInm( . n zersplitterten Hdbogmige enke 

mußten alle meist losen verjauchten 

werden, sodaß das operative Ergebnis eine u e/.u v . ^ 

Ellbogcnresektion gle.chkam. Auch in ta» ra . rp( . h ,_ 

ein »eiipste Drainstucke miteinander verbunden le erras. henrt 
sebneü reinigte siel, die Wunde, heilte ? u » ^Wotte" 

vo »komme,,bewegliches,. dabei aber 

gelenk. Der Patient ist inrntunle. den Arn ™1 lk «mm 

Um das' Einfließen von Wumlsckret unter den Gips- 
verband nach Möglichkeit zu verhüten, wird >' le Watte a 
zirka Handbreite vor dem beabsichtigten Abschluß des O.ps- 
vertandes durch Bestreichen der Haut „nt Klebemasse auf¬ 
geleimt. sterilen Bauehoporationen 

Die Klebemasse, d e he allen mkpit ,,Usiehten 
und vielen sonstigen Vtrlunhn • ^1^ un( , sid , trotl ,l c r 

venet.^gesetzt wird. ^ Verl)ände: 1 . Leichter Verband¬ 
wechsel. Sch<mung der Haut, da Wundsekret nicht so leicht 

unter dem Gipsverband fließen und dort maeerierend und reizend 

wirken k J''"’ Kranke kann sdbst an dem als Handgriff dienenden 
Bügel sein Glied leicht bewegen und in die ihm am angenehmsten 
erscheinende Lage bringen. Ebenso leicht kann das Glied am 
Bügel^su^endmrt^werd sn^ ^ jgt Mg auf eine gew j S8e Ent- 

i) Siehe Abb. -• Zertrümmerung der Patella. Breite Eröffnung 
der Eitertaschen nach oben, unten und der andern Seite. 


fernung ringsherum frei und sichtbar daher leicht zu kontrolliere,, 
was bei den in Rede stehenden Verletzungen wo sieh auch nach 
eventuell vorgenommenem Debridement leicht neue Fistelginge 
Ode? Äbscesse infolge Knochensequester bilden, von großem Wert 
?st da solche frühzeitig gespalten, eventuell ausgekratzt werden 
l.^va.io i niinp don Verband abnehmen zu müssen. 

° 5.’ Leichter und schmerzloser Transport des Verletzten. 

6 Größere Reinlichkeit. 

7 Es besteht die Möglichkeit, das verwendete Material, 

gerade weil es nicht rostender, verzinkter Eisendraht ist, immer 
wieder zu verwenden, daher auch billig. . n . ,. 

8. Man kann diese Drahtvorrichtung auch als Gipsschiene 

benutzen.^ die sich mir namentlich bei unkomplizierten 

Unterschenkclbrüchen schon seit Jahren bewährt hat und die 
gerade 0 jetzt zeitgemäß sein dürfte, möchte ich empfehlen. 



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Abb. 2. . . aU f und 

Knoten, reiht nun auf jedes Rctochn.trendy 
schiebt, es bis zum Knoten vor. Nun w i,L n kel die der Gips?® 1 . ( 

Fuß angefangen bis zu der Stele am ebe^ zur stelle ^ 

erreichen soll, gut eingefettet (Vaselin, Oe Auch d* W 

mit besonderer Berücksichtigung der Knöchel^ Drain§ armierte R 

rohre werden gut eingefettet. Kun wird die und die K 

schnür um die Knöchelgegend des Ul J^ r ^ { ^ t angezogen, sodaß 
Enden der Rebschnur einmal geknotet und n f ^ ote J pleiten. 
Drainrohre gut gegen den zuerst gebildeten K t zum andeni 

Das eine Drainrohr kommt von einem K ^ z „ liegen. 

über dem Fußrist, das andere über der Achiü ^ ^ einh ak • 
Man kann nun in die gebildete Schlinge f re i e n Reh?ehn 

auf der andern Seite auch auf zirka 30 cm a 



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11. April, 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


423 



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enden verknüpfen und daran den Zug ausüben. Es wird nun ohne 
Rücksicht auf das Drainrohr Fuß, Ferse und Unterschenkel mit ge¬ 
leimter Watte gepolstert, die Watte mit einer Mullbinde fixiert 
und nun der Gipsverband von den Zehen angefangen bis zur 
Mitte des Oberschenkels angelegt und unter fortwährendem Zuge 
der Gipsverband zum Erhärten gebracht. Ist der Gips verband er¬ 
härtet, so knotet man die Rebschnur der einen Knöchelseite auf 


daß zur Extension ein Flaschenzug und zur Benutzung der Zug¬ 
kraft eine, wenn auch primitive, sogenannte Mondwage verwendet 
wurde. Dies ändert aber gar nichts am Prinzip, und gerade die Ein¬ 
fachheit, die Möglichkeit, in beliebiger Art Extension und Kontra¬ 
extension vorzunehmen, ermöglicht die vielseitige Anwendung. Ob 
man in einer Privatwohnung ist oder auf freiem Felde und hier den 
Gipsverband anzulegen hat, überall wird sich die Gelegenheit 
finden, auf die eine oder andere Art eine Beckenstütze zu 
bilden, um die Kontraextension ausüben zu können. 

Man kann diese Verbände ohne Narkose ausführen, 
doch findet man häufig Kranke, die sich lieber narkotisieren 
lassen wollen, und da genügt eine kurze Rauschnarkose, 
Chloräthylnarkose, eventuell auch Novocaininjektion, voll¬ 
kommen. In der Spitalsbehandlung wurde hiervon meist aus¬ 
giebiger Gebrauch gemacht und ist dieselbe sehr zu emp¬ 
fehlen, weil man ja auch schon durch die eintretende Er¬ 
schlaffung der Muskulatur, namentlich bei der Aethernarkose 
mit W a n d scher Maske, viel leichter und angenehmer ar¬ 
beiten kann und dem Patienten Schmerzen erspart. 

Als Vorteile können zusammenfassend angeführt 
werden: 1. Es läßt sich ein gutsitzender Verband auch ohne 
jede geschulte Assistenz ausführen. 

2 . Man kann den Bruch einrichten, mittels Zentimeter 
nachmessen und in vollkommen korrigierter Stellung ein¬ 
gipsen. 

3. Eine Polsterung der frakturierten Stelle ist bei 
frischen Verletzungen meist nicht erforderlich, es liegt daher 

der Gipsverband exakt an. Freilich wird man dann beim 
Abschneiden des Gipsverbandes die Tibiakante vermeiden müssen, 
wenn man nicht Hautabschürfungen verursachen will. Dies sollte 
ja übrigens bei jeder Verbandabnahme berücksichtigt werden. 

4. Man hat es gerade bei den so häufigen Knöehelfrakturen 
in der Hand, die richtige Stellung des Fußes herbeizuführen. 

5. Die nötigen Behelfe sind überall leicht zu beschaffen und 
können keinen Schaden zufügen. 



Abb. 3. 


und zieht die Rebschnur an der Schlinge heraus. Mit Leichtigkeit 
können die Drainrohre mit einer Kornzange herausgeholt werden. 

Ein Einschneiden und Drucknekrose an den Stellen, wo die 
Drains liegen, ist bei einer Belastung von über 50 kg nicht zu 
befürchten. Ich habe diese Verbände nun schon seit einer Reihe 
von Jahren so oft ausgeführt, daß ich sie ohne Bedenken emp¬ 
fehlen kann. Es ist ja wohl selbstverständlich, daß diese primi¬ 
tivste Einrichtung im Spitalbetriebe sich etwas anders gestaltete, 


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5- 


Umfrage 

über die 

sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges. 

Wir wiederholen die Fragen: (Schluß aus Nr. 13 und 14.) 1 * * * * * 7 


1. Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen? 

2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt? 

3. Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enucleation 

warten zu können? 

4. Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie? 

5. Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie? 

6. Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht? 

?. Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie? 

8. Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologig der sympathischen Ophthalmie verwertet werden 
können? 


Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder: 


I Geheimrat Prof. Dr. Sattler, Universitäts-Augenklinik, Leipzig. 
1. Nur solche Verletzungen, die eine Perforation der 
•Augapfelwand hervorrufen, besonders Granatsplitter, sowohl wenn 

''T Fremdkörper in der Wunde stecken bleibt oder gleich entfernt 
als auch wenn er in das Innere des Auges dringt und dort 

verbleibt oder (etwa mit Hilfe eineä starken Magneten) entfernt 

w errfen kann. Findet die Heilung oder Einheilung völlig 

^eptisch statt, so ist die Gefahr der sympathischen Ophtha I- 
ziemlich sicher auszuschließen. Ebenso bei akuter Vereiterung 

des Auges (Panophthalmie). 

7 Wenn die Verletzung von einer auf den Uvealtraktus sieh 
Reitenden, mehr oder weniger schleichenden Entzündung ge- 
.^ er ?^ e die wenig stürmischen Entzündungen des Uveal- 
rdktus > die nicht mit eiteriger Exsudation einhergehen, sondern 
f 1!ir zu geringer Fibrinausscheidung in der Kammer und im Pupillar- 
'»rfa ?. n< * zu me ^ r °^ er weniger reichlicher Präcipitatbildung 
der hinteren Hornhautwand führen, sowie zu diffuser Glas- 
.^ertrübung, sind am gefährlichsten; ganz besonders, wenn man 
r i mit ( ^ er (hinokulären) Lupe überzeugen kann, daß die Iris be- 
''geschwellt ist und ihr Gewebe ein eigentümlich schwammiges 
Ansehen annimmt. 


3. Wenn die oben angeführten Zeichen deutlich ausgeprägt 
sind und das Sehvermögen schon stark herabgesetzt ist, soll s o - 
fort enucleiert werden. Unter keinen Umständen darf man 
warten, bis am nicht verletzten Auge die ersten Erscheinungen der 
sympathischen Entzündungen auftreten. Sind die nach der Ver¬ 
letzung folgenden Veränderungen der Art, daß, wie oben aus¬ 
geführt, die Befürchtung für das Auftreten einer sympathischen 
Ophthalmie einigermaßen begründet erscheint, und ist eine Wieder¬ 
herstellung eines einigermaßen brauchbaren Sehvermögens am ver¬ 
letzten Auge nicht zu erwarten, so soll am besten innerhalb 
der zweiten Woche nach der Verletzung enu¬ 
cleiert werden. 

4. Im Auftreten einer leichten Ciliarinjektion und feiner 
punktförmiger Beschläge an der hinteren Hornhautwand. Gewöhn¬ 
lich kommt es auch schon frühzeitig zu Verklebungen des Pupillar- 
randes mit der vorderen Linsenkapselfläche und bekommt die 
Iris ein etwas trübes, verwaschenes Aussehen. DamSchmerzen 
nicht vorhanden sind und manchmal in diesem Stadium das Seh¬ 
vermögen noch wenig gestört ist, so können die ersten Anzeichen 
leicht übersehen werden, wenn nicht der Arzt, eingedenk der Mög¬ 
lichkeit des Auftretens einer sympathischen Ophthalmie in solchen 


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424 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 11. April, 


Fällen, das nicht vorletzte Auge sorgfältig kontrolliert. Manchmal 
sieht, man, solange die Medien noch klar sind, eine leichte Schwel¬ 
lung“ des Sehnerveneintritts. 

5. Boi Nummer 4 bereits beantwortet; denn andere 
drohende Symptome der ausbrechenden sympathischen 
Ophthalmie als die ersten objektiven Symptome gibt es nicht. 
Trägheit der Pupillenreaktion und Beschränkung der Akkomoda¬ 
tion, die von manchen als drohende Zeichen angeführt werden, 
sind durchaus nicht immer vorhanden und dürften wohl meist der 
Beobachtung entgehen. 

6 . Unbedingt ja, falls nicht das verletzte Auge noch ein leid¬ 
lich gutes Sehvermögen besitzt und zur Zeit des Ausbruchs der 
sympathischen Ophthalmie die Erscheinungen am verletzten Auge 
der Art sind, daß ein baldiger Ablauf der Entzündung* hier zu er¬ 
warten ist. Es sind mir Fälle bekannt, in denen das sympathisch j 
erkrankte Auge unaufhaltsam zugrunde ging, das verletzte aber , 
nach Ausführung einer geeigneten Operation recht gut brauchbar 
wurde. 

7. Ein Specifieum besitzen wir leider nicht, da wir das er¬ 
regende Agens noch nicht sicher kennen. Früher hatte ich Calomel 
innerlich und Hg-Einreibungen, wie bei der regelrechten Schmier¬ 
kur, angewendet, in letzterer Zeit größere Dosen von Benzosalin 
innerlich oder Apyron zu subkutaner Injektion. Salvarsan, das auch 
empfohlen w'orden ist, habe ich nicht versucht. Ich habe bei den ver¬ 
schiedenen Mitteln bei konsecjuenter Durchführung günstige, ja 
manchmal überraschende Erfolge, aber auch Fehlschläge gesehen. 
Operative Eingriffe soll man verschieben, bis ein gewisser Still¬ 
stand eingetreten ist, falls nicht etwa dringende Indikationen ein 
früheres Eingreifen erfordern. 

8 . Klinische Beobachtungen in dieser Beziehung stehen mir 
nicht zur Verfügung. In ätiologischer Beziehung wegen der Frage 
einer anaphylaktischen Genese wäre es wichtig, darauf zu achten, 
ob bei Kontusionen des Auges ohne Kontinuitätstrennung der 
Bulbuswand, z. B. bei Orbitalschüssen, wo im hinteren Abschnitt 
Rupturen der Aderhaut und starke Pigmentlockerung und -ver- . 

S prengung zustande kommen und eine antigene Resorption von 
Uvealgewebe und besonders von Elementen des Pigmentepithels er¬ 
folgen könnte, etwa eine sympathische Ophthalmie auftreten 
würde. Mir persönlich scheint dies allerdings w*enig walir- 
scheinlich. 

Dr. Oskar Fehr, Rudolf-Virchow^-Krankenhaus, Berlin: 

1. Wie in Friedenszeiten alle perforierenden Bulbusver- 

h tzungen, die nicht zur Vereiterung des Auges, sondern zu schlei¬ 
chender Iridocyclitis führen; vor allem die Verletzungen der Ciliar- 
körpergegend oder solche mit eingedrungenem Fremdkörper. Aus 
diesem Grunde sind die Kriegsverletzungen besonders gefährlich, 
bei denen so häufig kleine Fremdkörper, die durch aufprallende 
Geschosse in Bewegung gesetzt worden sind, oder feinste Granat¬ 
splitter, die nicht aus Eisen bestehen, also nicht extrahiert werden 
können, ins Auge dringen. Ich habe eine ganze Reihe von Sol¬ 
datenaugen enucleiert, die mehrere sehr feine Mctallsplitter ent¬ 
hielten, auf die der Magnet keine Einwirkung batte. ! 

2. Bei ausgesprochener Iridocyclitis, die sich kenntlich macht 
durch andauernde Reizung, Druckempfindlichkeit, Descemet¬ 
beschläge, Irisverfärbung, Glaskörperexsudate und hochgradige 
Herabsetzung der Sehkraft. Je schlechter die Sehkraft, um so 
bedrohlicher der Zustand. 

3. 14 Tage nach der Verletzung kann ohne Gefahr immer ge¬ 
wartet werden. Der Patient soll sich in dieser Zeit selbst von der 
Notwendigkeit der Entfernung des Auges überzeugen und später 
nicht den Gedanken aufkommen lassen, daß vielleicht übereilt vor¬ 
gegangen ist. 

4. Das eben ist das Heimtückische an der Krankheit, daß 
diese fehlen. 

5. Ciliare Injektion, Descemetbeschläge, träge Pupillen¬ 
reaktion und manchmal Neuritis optica. 

6 . Nur dann nicht, wenn die sympathische Ophthalmie schon 

vorgeschritten ist und das verletzte Auge noch brauchbare Seh¬ 
kraft besitzt. . . . „ 

7. Dunkelkur, reichliche Atropmeinträuflung, da die Nei¬ 
gung zur Pupillenverengerung und Anwachsung sehr groß ist. heiße 
Umschläge, Quecksilber- und Salvarsankuren. Alle Operationen 
sind vor Ablauf des Prozesses, also vor etwa einem Jahre, mög¬ 
lichst zu vermeiden. 

8 . Nein. Auffallend nur war mir stets die große Ärmlich¬ 
keit des klinischen Bildes mit der Tuberkulose. Die Annahme, 


daß vom verletzten Auge aus eine Reizübertragung stattfimlet. 
die dazu führt, daß im Blute kreisende Keime in der Uvea sich 
ansiedeln oder Toxine dort ihre schädigende Wirkung entfalten, 
hat daher für mich etwas Verlockendes. Fordert doch auch 
E I s e h n i g J s Theorie von der sympathischen Ophthalmie ah 
anaphylaktische Erkrankung, wenn auch in anderm Sinne, eine 
Erkrankung des Gesamtorganismus. 

Prof. Dr. Stock, Universitäts-Augenklinik, Jena. 

1. Perforierende Bulbusverletzungen, wenn sieh an die Ver¬ 
letzung eine Entzündung chronischer Natur anschließt. 

2. Wenn das kranke Auge vollständig blind ist, halte ich 
eine Entfernung eines solchen gefährlichen Stumpfes immer 
für gut. Ich habe jedenfalls einen ganz geschrumpften Stumpf 
herausgenommen, der nach dem anatomischen Befunde arm- 
pathiegefährlich w*ar, ebenso bei einem Falle von perforierender 
Scleraverletzung. 

3. Gar keine — sofort enueleieren. 

4. a) Sympathische Reizung. 

b) Akkonimodationsparese. 

c) Iridocyclitis. 

5. cf. 4. b und c. 

6. Ja. 

7. Mit hohen Dosen von Salicvl. Im übrigen je nach dem 

Fall. 

8. Das ist nicht so ohne weiteres zu beantworten. 

Prof, Dr. Salzmann, Universitäts-Augenklinik, Graz: 

1. Ich habe bis jetzt keinen Fall von sympathischer 
Ophthalmie nach Kriegsverletzung gesehen; daher muß ich sagen, 
hinsichtlich der Kriegsverletzungen gelten dieselben Grundsätze 
für Diagnose und Therapie wie für die Verletzungen im Frieden. 
Die sympathische Ophthalmie ist eine Krankheit sui generis, welche 
jede Art von Verletzung komplizieren kann, mit Ausnahme der 
echten, eitrigen Panophthalmitis. 

2. In allen Fällen, wo dauernde Reizzustände Zurückbleiben, 
wo keine völlige Ausheilung mit Wiederherstellung der Funktion 
erfolgt, insbesondere in jenen Fällen wo Schrumpfung eintritt (mit 
Ausnahme der völligen Vereiterung des Augapfels: Panophthalmitis 
mit Vortreibung und Durchbruch des Eiters). 

3. Sobald das gesunde Auge für gefährdet erachtet wird, ist 
die Enueleation vorzunehmen — die Patienten sorgen schon selber 
dafür, daß der Zeitpunkt der Enueleation hinausgeschoben werden 
muß. 

4. Es gibt keine sicheren Zeichen der drohenden sym¬ 
pathischen Ophthalmie. Allenfalls Einschränkung der Akkommo¬ 
dationsbreite. Ciliarinjektion. 

5. Präcipitate. 

6. Wenn das verletzte Auge noch Sehvermögen besitzt, ist 
Enueleation nicht angezeigt, sonst ja. 

7. Symptomatisch, eventuell Hg-Kur, hohe Dosen von Na¬ 
trium salicvl. 

8. Nein. 

Prof. Dr. C. Adam, Berlin: 

1. Perforierende Verletzungen, die zu einer Entzündung (F 
verletzten Auges führen. 

2. Besonders gefährlich sind diejenigen Augen, bei denen 
die Verletzungsstelle in der Nähe der Corpus ciliare liegt, die eine 
eingezogene Narbe an der Verletzungsstelle zeigen und bei denen 
sich ein Fremdkörper im Auge befindet. 

3. Höchstens 14 Tage. 

4. 1. In der Abnahme der Akkommodationsfähigkeit de| nie j 

verletzten Auges, das heißt einer Erschwerung des Lesens. ‘-. An ¬ 
treten von Lichtscheu und einem feinen rosaroten Ringe (ci ja 
Injektion) um die Hornhaut herum. 3. Auftreten von Präcipita • 
das heißt minimal kleinen (Lupe!) rundlichen Niederschlagen * 
der Rückseite der Hornhaut. . n 

5. Auftreten einer Verfärbung der Iris, Synechien, kurz i 

Zeichen einer Iridocyclitis. „ a 

6. Wenn das verletzte Auge erblindet ist: ja; wenn ef 

Sehvermögen zeigt: nein. . . : n 

7. Wie eine Iridocyclitis anderer Aetiologie: - 
Wärme, später eventuell Iridektomie, eventuell Sehmierkur. 

Im übrigen verweise auf „Adam Taschenbuch der. e 
heilkunde“ und „Adam Augenverletzungen im Kriege . 


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11. April. 


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425 


Abhandlungen. 


Aus dem Pharmakologischen Institut der Universität Bonn 
(Direktor Geh.-Rat Prof. Dr. H. Leo). 

Zur Anwendung des synthetischen Camphers 

von 

Prof. Dr. C. Bachem. 

Die Ausfuhr des aus Cinnainomuin Camphora gewonne¬ 
nen Laurineeneamphers, auch Rechts-Campher genannt, aus 
Japan und einigen andern Inseln des ostasiatischen Archipels 
ist eine recht beträchtliche. Die Menge schwankt natürlich 
nach der jeweiligen Ernte, immerhin beträgt die Gesamt- 
‘uisfuhr etwa 12 bis 15 Millionen M jährlich; hiervon wandert 

bis ! / m nach Deutschland: ebensoviel oder noch mehr geht 
nach Britiseh-Indien, Frankreich, Nordamerika und neuer- 
dings nach England. In Japan befassen sich etwa 3000 Be¬ 
triebe mit der Verarbeitung von Campher; die japanische 
Regierung hat den Campherhandel seit einer Reihe von 
Jahren monopolisiert. 

Der weitaus größte Teil der in Deutschland einge- 
fiihrten Menge (1,5 Millionen Kilogramm) Campher wird für 
die einheimische Celluloidfabrikation gebraucht, der Rest zur 
Bereitung des rauchlosen Pulvers und in der Medizin. 

Bei der gegenwärtigen Kriegslage ist nun damit zu 
rechnen, daß nicht nur keine weitere Einfuhr aus Japan nach 
Ik'uOchland stattfindet, sondern, daß die vorhandenen Lager- 
besiämle unserer Groß-Drogenhandlungen bald erschöpft sein 
werden, oder daß sämtliche Vorräte von der Militärverwaltung 
mit Beschlag belegt werden. 

Es war nun naheliegend, daß man an Stelle des natür¬ 
lichen (japanischen) Camphers den seit etwa zwölf Jahren im 
Handel befindlichen synthetischen Campher als Ersatz des 
frsteren in Betracht zog. Auf Veranlassung des Ministeriums 
des Innern hat die Königliche wissenschaftliche Deputation 
für Medizinal wesen am 7. Oktober vorigen Jahres dem ge¬ 
nannten Ministerium ein Gutachten ausgefertigt, das sich mit 
der Frage des Ersatzes durch synthetischen Campher zu Heil¬ 
zwecken beschäftigt. Der Kernpunkt dieses Gutachtens liegt 
darin, daß der synthetische Campher zu äußerlicher An¬ 
wendung geeignet erscheine, daß dagegen der innerliche Ge- 
l»nuuh von einer eingehenden Prüfung am Krankenbett ab¬ 
hängig gemacht werden müsse. 

Der synthetische Campher wird gewonnen aus 
Terpentinöl beziehungsweise dem darin enthaltenen 
Piaen; dieses wird mit Hilfe organischer Säuren (Oxalsäure, 
Salizylsäure) in Bomeol oder Isobomeol (C 10 H 17 OH) ver¬ 
wandelt und weiter durch Oxydation in Campher (C 10 H lß O) 
iil»ergeführt. In seinen physikalischen und chemischen Eigen- 
scliaft-en stimmt der synthetische mit dem natürlichen überein 
bis auf den Unterschied im optischen Drehlings vermögen: das 
Naturprodukt ist stark rechtsdrehend, während der 
synthetische optisch inaktiv ist. Zur Identi¬ 
fizierung der beiden Arten kann außerdem folgende Probe 
dienen: Natürlicher Campher färbt sich mit Vanillinsalzsäure 
ö Lan.; 100 Salzsäure) beim Erwärmen auf 60 bis 100 0 blau 
oder hlaugrün; synthetischer Campher gibt dagegen weder in 
Jer Kälte noch in der Wärme diese Reaktion *). 

Der synthetische Campher ist billiger als der natürliche; 

1 kg des ersteren kostet zu Friedenszeiten etwa 4 M, der 
natürliche 4 bis 8 bis 10 M je nach der Ernte und den Aus- 
u iVerhältnissen; zurzeit (Anfang März) kostet in pharma¬ 
zeutisch-chemischen Großhandlungen 1 kg synthetischer 
nmpher 6 M, 1 kg natürlicher Campher zirka 8 M; von einem 
'oertrieben hohem Preise kann also noch keine Rede sein. 
* ist jedoch die Befürchtung nicht unberechtigt, daß bei den 
J- zigen schwierigen Verkehrsverhältnissen kein oder nur 

) HagersHandbuch d. pharmaz. Praxis (Berlin 1908), Bd.3,S.156. 


wenig Terpentinöl nach Deutschland eingeführt wird, sodaß 
vielleicht auch die Herstellung des künstlichen Produkts auf 
Schwierigkeiten stoßen kann, falls der Krieg länger andauert. 

Pharmakologische Untersuchungen über 
den synthetischen, optisch inaktiven (razemischen) Campher 
liegen nur ganz vereinzelt vor. Die ersten diesbezüglichen 
Untersuchungen stammen von Langgaard und Maaß 1 ), 
Sie prüften dabei nicht nur den Rechts- und den razemischen 
Campher, sondern auch den Links-Campher. Am normalen 
Froschherzen konnten sie — wie das bereits ältere Autoren 
für den Rechts-Campher konstatiert hatten — bei keiner der 
drei Campherarten eine Steigerung der Herztätigkeit fest¬ 
stellen; wohl war eine solche erregende Wirkung an dem mit 
Chloralhydrat vergifteten Froschherzen nach Aufträufelung 
einer wässerigen Lösung bei allen drei Campherarten zu 
beobachten. Ein nennenswerter Unterschied zwischen dem 
Rechts- und dem razemischen Campher ergab sich dabei nicht. 
Bei allen drei Campherarten war sodann eine starke Erregung 
des Centralnervensystems festzustellen, die sich nach großen 
Gaben in starken, mit Trismus beginnenden Krämpfen 
äußerte. Hierbei wollen die genannten Autoren allerdings 
einen Unterschied insofern festgestellt haben, als der Links- 
Campher am stärksten wirkt, am schwächsten der Rechts- 
Campher; zwischen beiden steht der synthetische Campher. 
Sassen 2 ) konnte diese Beobachtungen allerdings nicht be¬ 
stätigen. Langgaard und Maaß fanden den Einfluß auf 
die Atmung in der gleichen Art bei den drei Campherarten 
abgestuft wie bei der Herzwirkung: stets war eine Steigerung 
der Atemfrequenz und des Volumens zu erkennen. 

Hämäläinen 3 ) hat ebenfalls vergleichende Unter¬ 
suchungen mit den verschiedenen Campherarten am Frosch¬ 
herzen angestellt und kommt auch zu dem Ergebnisse, daß 
der Chloralstillstand am Froschherzen durch Rechts- und 
razemischen Campher aufgehoben werden kann, nicht dagegen 
durch Links-Campher. 

Weitere Autoren, die sich mit der medizinischen be¬ 
ziehungsweise pharmakologischen Seite des synthetischen 
(razemischen) Camphers befassen, sind mir nicht bekannt 4 ); 
offenbar hat man der Frage nach dem Ersatz des natürlichen 
durch den synthetischen Campher in der Medizin in den 
letzten Jahren zu wenig Wert heigelegt, da man anscheinend 
mit einem Aufhören der Camphereinfuhr aus Japan nie ge¬ 
rechnet hat. 

Ich habe nun selbst, als die Frage des Campherersatzes 
aktuell wurde, eine Reihe von Tierversuchen ange¬ 
stellt, über deren Verlauf ich kürzlich in der „Niederrheini¬ 
schen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde“ hierselbst be¬ 
richtet habe 5 ). Das Ergebnis ist in Kürze folgendes: 

Am ehloralisierten Froschherzen zeigte sich kein Unter¬ 
schied in der Wirkung der beiden Campherarten, das heißt, es 
wurde das durch Chloralhydrat zum Stillstand gebrachte Herz 
in gleicher Weise wieder zum Schlagen gebracht. Das 
Resultat stimmt also mit dem der zitierten Autoren überein. 

Eine höhere Giftigkeit als dem Japancampher scheint 
dem synthetischen nicht zuzukommen, da Kaninchen Gaben 
von 1,5 g pro kg vertragen; es zeigten sich in gleicher Weise 
und etwa in der gleichen Stärke Krämpfe (Trismus, Opistho¬ 
tonus), die aber meist ohne Schaden vorübergingen. 

Weiterhin wurde die erregende Wirkung auf nar¬ 
kotisierte Tiere (Kaninchen) geprüft und mit der 
Wirkung des natürlichen Camphers verglichen. In diesen 
und den folgenden Versuchen (intravenöse Injektionen) diente 

D Langgaard und Maaß, Ther. Mh., 1907, S. 573. 

*) Sassen, Inaug. Dissert., Bern, 1909. 

*) Hämäläinen, Skandin. Areh. f. Physiol., 1909, Bd. 21, S. 64. 

*) Ueber die bei Langgaard und Maaß erwähnten Versuche 
von G r a w i t z am Menschen wird später die Rede sein. 

*) Referiert M. Kl. 1915, S. 176. 


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426 


1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


mir eine wäßrige Canipherlösung, und zwar die von Leo ’) 
angegebene in R i n g e r scher Lösung gesättigte Lösung des 
Campher». Die benutzten Lösungen waren annähernd gleicher 
Konzentration, für den Japancampher 1 : 560 und für den 
synthetischen Campher 1 :580 (die geringe Differenz ist für 
unsere Versuche, was die Dosierung angeht, praktisch belang¬ 
los, daher wurde zum Vergleich der beiden stets das gleiche 
Volumen eingespritzt.). 

Mittelschwere Kaninchen, die durch 0,6 bis 0,5 g Isopral 
per os innerhalb, weniger Minuten in tiefen Schlaf versetzt 
wurden, erwachten regelmäßig, wenn ihnen 20 ccm der ge¬ 
nannten Lösung (annähernd 0,085 g Campher) in die Ohrvene 
injiziert wurden; die Tiere wurden munter und versuchten 
Kriechbewegungen, allerdings verfielen sie schon nach sehr 
kurzer Zeit wieder in den tiefen Isopralschlaf, aus dem sie 
durch eine erneute Campherinjektion erweckt werden 
konnten. Ein Unterschied in der erregenden 
Wirkung der beiden Camp herarten ließ sich 
nicht feststellen; beide waren von gleicher 
W i r k u n g s i n t e n s i t ä t. Aehnliche Resultate mit andern 
Schlafmitteln hat auch Isaak 2 ) für den Japancampher er¬ 
halten. 

Von Interesse ist sodann das Verhalten der A t m u n g 
nach synthetischem Campher im Vergleiche zu natürlichem. 
War schon bei den eben erwähnten Versuchen bei den mit 
Isopral narkotisierten Tieren auf den ersten Blick eine Er¬ 
regung der Atmung sowohl an Tiefe als an Frequenz wahr¬ 
zunehmen, so wird dieses Verhalten besonders deutlich bei 
genauen Messungen an der Gasuhr: 

Kaninchen, deren Atomeentrum durch intravenöse Morphium- 
injektionen gelähmt war, erhielten beide Arten Campher in wäßriger 
Lösung (auf 85° erwärmt] in die Jugularwne eingespritzt. Von den 
Versuchsprotokollen seien nur zwei hier angeführt: 

Kaninchen (2700 g). 

10,35 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3 ) 2800 ccm, Atemzüge pro 
Minute 40, 

.10.89 Uhr, 0,015 Morphium, danach fast Apnoe, 

10,48 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 700 ecm, Atemzüge' pro 
Minute 7 bis 8. 

10.40 Uhr. 10 ccm synthetischer Campher intravenös: bald 
darauf krampfartige Zuckungen, die nach ein bis zwei 
Minuten aufhören. 

10.50 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2420 com, Atemzüge pro 
Minute 10, 

11,00 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2540 ccm. Atemzüge pro 
Minute 18. 

11,10 Uhr, Atomgröße in fünf Minuten 2000 ccm. Atemzüge pro 
Minute 15, 

11,55 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2040 ccm, Atemzüge pro 
Minute 16, 

12,00 Uhr, 10 ccm Japancampherlösung; danach keine Krämpfe, 

12,05 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2140 ccm, Atemzüge pro 
Minute 20. 

12.18 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2500 ccm, Atemzüge pro 
Minute 21. 

Kaninchen (2800 g). 

10.80 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2020 ccm, Atemzüge pro 
Minute 82. 

10.39 Uhr, 0.01 g Morphium, 

10.41 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 1280 ecm. Atemzüge pro 
Minute 15, 

10.45 Uhr, 10 ccm Japancampherlösung; keine Krämpfe. 

10*47 Uhr, Atem grüße in fünf Minuten 1420 ccm, Atemzüge pro 
Minute 24, 

10.50 Uhr, 10 ccm synthetische Canipherlösung. Zuckungen, 
nach deren Aufhören: 

10.53 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2120 ecm, Atemzüge pro 
Minute 24, 

11.00 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2900 ecm, Atemzüge pro 
3!inute 27, 

1104 Uhr, 0.01 g Morphium, 

11.06 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2460 ccm, Atemzüge pro 
Minute 18, 

11,09 Uhr, 0,01 g Morphium, 


U Leo B in. W. 1913, 8. 591, und M. m. W. 1913. S. 2397. 

*j Isaak, Pflüg. Areh. 1913, Bd. 153. S. 491. 

•/’) res5 p. auf fünf Minuten berechnet, stets Mittel aus fünf bis 
zehn Ablesungen. 


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11,11 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2160 ccm, Atemzüge uro 
Minute 17, 

11,17 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2070 ccm, Atemzüge pro 
Minute 17, 

11.25 Uhr, 10 ecm synthetische Campherlosung, 

11.26 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3000 ccm, Atemzüge pro 
Minute 26, 

11,30 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3200 ccm, Atemzüge pro 
Minute 27. 

Andere Versuche dieser Art verliefen in ähnlicher 
Weise, in einigen Fällen war die Wirkungsstärke beider 
Campherarten ziemlich gleich, nur selten schien es, als ob der 
natürliche dem künstlichen überlegen wäre. Jedenfalls läßt 
sich aus dem Gesamtresultat dieser Versuchsreihe der Schluß 
ziehen, daß auch der synthetische Campher — oft noch er- 
heblicherals der natürliche — die Atmung mäch¬ 
tig anregt, und zwar sowohl die Atemgröße wie auch die 
Atemfrequenz. 

Endlich wurden auch einige Versuche, die uns über das? 
Verhalten des Blutdrucks nach den beiden Campherarten in¬ 
formieren, angestellt, doch war hier das Resultat kein ein¬ 
deutiges. Kaninchen wuirde eine größere Menge Chloral- 
hydrat subcutan injiziert, wonach der Blutdruck erheblich ab¬ 
sank; wurde in diesem Zustande Campher injiziert, so stieg 
der Druck nach beiden Campherarten nur ganz vorüber¬ 
gehend um 10 bis 20 mm Hg, um nach 1 [ 4 bis 1 / 2 Minute 
wieder abzusinken. Krämpfe traten hierbei — offenbar in¬ 
folge der Chlorahvirkung — nie auf. 

Von Interesse wäre noch die Beantwortung der Frage, 
wie sich der synthetische Campher pneumokokkeninfizierten 
Tieren gegenüber verhält; leider war es mir aus äußerlichen 
Gründen unmöglich, diese Frage experimentell zu prüfen. 

Der Schwerpunkt der ganzen Frage gipfelt nun darin, oh 
und inwieweit sich der synthetische Campher auch am 
Krankenbett an Stelle des natürlichen benutzen läßt. 
Was zunächst den äußerlichen Gebrauch der Droge in ihren 
verschiedenen Zubereitungen angeht, so hat es bereits der 
Wissenschaftlichen Deputation für Medizinalwesen in ihrem 
oben erwähnten Gutachten unbedenklich geschienen, die zur 
äußerlichen Anwendung bestimmten Präparate Spiritus 
eamphoratus, Linimentum saponato cainphoratum, Unguentum 
cerussae cainphoratum usw. mit synthetischem Campher an¬ 
fertigen zu lassen. Nach dieser Seite hin ist das synthetische 
Produkt bereits von Kaufmann 1 ) mit Erfolg. verwandt 
worden. Kauf m a n n hat in der Frankfurter Universitäts¬ 
hautklinik eine Anzahl Fälle von Ulcus cruris varicosÄ 
Careinom des Gesichts, Schußwunden, Furunkel, vereiterten 
Bubonen, gummösen Geschwüren, Uleera dura und inollia, zum 
Teil mit phagedänischem Charakter, mit synthetischem 
Campher äußerlich behandelt und kommt zu dem Urteil, daß 
dieser dem natürlichen hierbei nicht nur ebenbürtig 
ist, sondern ihn an Wirksamkeit noch übertrifft. Als 
dessen weitere Vorzüge vor der natürlichen Droge nennt er 
seine Reinheit, seine desodorierende Wirkung und seinen 
billigen Preis. 

Wie weit reichen nun unsere heutigen Erfahrungen' mit 
synthetischem Campher beim innerlichen Gebräu e h. 
In der erwähnten Arbeit von Langgaard und Maaß wmI 
anhangsweise erwähnt, daß G r a w i t z (im Charlottenburger 
Krankenhause) den synthetischen Campher an Stelle 
natürlichen versucht hat. Das ganze Ergebnis dieser y r ' 
suche wird in den kurzen Satz zusammengefaßt: „Hierbei Im 
sieh irgendein Unterschied weder bei äußerlicher, noch w 
innerlicher Anwendung ergeben.“ Ich habe mir Miihe g* 
geben, zu erfahren, bei welchen Erkrankungen, in welchen 
Gaben der synthetische Campher innerlich oder subcutan y 
gewandt worden war, ob und welche Nebenwirkungen 
beobachtet, wurden, konnte aber (da G r a w i t z mzwrm n 
gestorben) nirgends hierüber Bescheid erhalten. Einige * s e * 
versuche, die ich anstellte, besagten mir nur, daß Gaben vo 


*) K a u f m a n n , M. in. \Y. 1915, 8. 319. 


Original from 

UNIVERS1TY OF IOWA 





11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 427 


1 g (mit etwas Zucker verrieben) ohne Beschwerden ver¬ 
tragen werden. 

Als meine Versuche bereits zu Ende geführt waren, er¬ 
schien die erste rein klinische Arbeit über „Camphertherapie ' 
mit künstlichem Campher“ von Levy und W o 1 f f *), die in 
der I. medizinischen Universitätsklinik Berlin (II i s) seit 
einigen Monaten den synthetischen Campher ausschließlich an 
Stelle des natürlichen verwenden. Die Indikationen waren die 
bekannten: Herzschwäche aus verschiedener Ursache mit 
deren Folgeerscheinungen, ferner Bronchitis, Pneumonie, I 
Lungentuberkulose, die Dosierung die gleiche wie beim natür- ! 
liehen Präparat: es wurde meistens 0,2 bis 0,5 g, oft aber 
erheblich mehr subcutan verabfolgt; doch warnen die Ver¬ 
fasser, über 1 g als Einzeldosis hinauszugehen, da der 
synthetische Campher aus Rechts- und Links-Campher besteht 
und letzterer eine etwa 13 mal größere Giftigkeit besitzt als 
der natürliche. 

In den angeführten Fällen war hinsichtlich Pulsfrequenz, 
Atmung und Blutdruck kein Unterschied zwischen 


natürlichem und synthetischem Campher 
festzustellen, ja sogar die (spärlichen) Nebenwirkungen nach 
größeren Dosen waren bei beiden Präparaten die gleichen 
(starke Transpiration, geringe Müdigkeit). Auch hei längerem 
Gebrauche, wie bei Lungentuberkulose, hat sieh der synthe¬ 
tische Campher den beiden Autoren ebenso wirksam und 
ebenso unschädlich wie der natürliche erwiesen; insbesondere 
kamen keine Nieretischädigungen zur Beobachtung. 

Soweit die bisher vorliegende Literatur über die Ver¬ 
wendung des künstlichen Camphers am Krankenbett. Aus 
ihr geht, in guter Uebereinstiminung mit den von anderen und 
mir angestellten Tierversuchen deutlich hervor, daß d i e 
Heilwirkung der synthetischen Droge min¬ 
destens die g 1 ei c h e ist wie die der natür¬ 
lichen. Unter den g e g e n w ä r t i g e n Z e i t v e r - 
li ä 1 tnissen verdient also der synthetisch-:# 
() am pher in a u s g i e b i g e r W eise zu therapeu¬ 
tischen Z vv e c- k e n her a n g e z o gen z u w e r d e n 
a n Stelle des N a t u r p r o d u k t s 1 ). 


Berichte Aber Krankheitsfälle 

Weitere Beiträge zur diätetischen und medikamen¬ 
tösen Beeinflussung der Schwangerschaft und zur 
Eklampsiebehandlung 

von 

Dr. Paul Rißmann, 

Direktor der Hebammensehnle in Osnabrück. 

•Stlmn von alters her war bekannt, daß jede Schwangor- 
>chaft eine gewaltige Einwirkung auf den Gesamtkörper der Frau 
ausiibt. So behauptete man, die Blutmenge der Schwangeren sei 
vermehrt und die Gerinnbarkeit des Bluts erhöht. Gut bekannt 
waren auch die zahlreichen krankhaften Erscheinungen von seiten 
fe Magemlarmkanals, wie Sodbrennen, Aufstoßen, Speichelfluß 
und anderes, und es ist deshalb schon aus diesem Grunde auf¬ 
fällig, daß bis auf den heutigen Tag der Ernährung der 
Schwangeren so wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das 
neueste" preußische Hebammenlehrbuch z. B. sagt: „Essen kann die 
Schwangere, was sie gewöhnt ist, nur schwer verdauliche Speisen 
mode sie.“ Die Lehrbücher der Geburtshilfe für Aerzt-e drücken 
t»! 111 demselben Sinn aus. Besonders auffallend ist aber die 
<Hviehgültigkoit der Aerzte gegenüber einer Emährungstherapie 
des schwangeren Zustandes seit der Zeit, wo Stoffwechselunter- 
Michungen klar bewiesen hatten, daß die schwangere Frau unter 
ganz andern Bedingungen ihren Körperhaushalt abzuwickeln hat 
wie gewöhnlich. Wenn nicht nur der Eiweißabbau in der Schwanger¬ 
schaft verändert ist, sondern auch der Salzgehalt des Bluts, so lag 
es eigentlich nach Bekanntwerden dieser Tatsachen nahe, durch 
LiätVorschriften diese Abweichungen auszugleichen oder doch 
wenigstens zu versuchen, einer schädlichen Verschlimmerung vor- 
zufvugen. Nun wurden aber noch weitere Veränderungen des 
■Noffwcchsels schwangerer Frauen bekannt: die fixen Säuren des 
ßhd> sind auf Kosten der Kohlensäure vermehrt. Auch der Alkali- 
gvhalt des Bluts zeigt interessante Veränderungen, deren Berüek- 
yhrigung schon jetzt, wie wir sehen werden, für die Therapie 
nützlich gewesen ist. 

Aus einer Reihe von Analysen über den Alkaligehalt des 
hihre ich hier nur die bemerkenswertesten Befunde an: 

II Bat das gesunde Weib nach C. Schmidt 0,1903% Na und 
im-S o" ^ 11111 ßhite. so fand ich bei einer gesunden Schwangeren 
fr Na und (1.1716% K, also relativ weniger Na. als K. Es ist 
^alirsclieiiilieh, daß der Mutter durch den Fötus Na entzogen 
\ * 1,11,1 l,( ‘i gesunden Neugeborenen schwankte der Na-Gehalt 
0.1877 und 0,1933%, während für K 0,1507 bis 0,1551% 
IU(1: ^vvicsen wurden. 

timf \v' f lI,, ‘ r F rau - <h e bei der Geburt Eklampsie hatte, fand sich 
nmnu<h,n post partum für Na die hohe Zahl von 0.2263%, während 
ah gewöhnlich gefunden wurde (0.1210%). 

!}Levy und Wolff, Ther. d. Gogenw. 1915, S. 88. 
flussim i 10 Zllr diätetischen und medikamentösen Beein- 

Liiti'/j ^ tr ^ ( ‘^ wail l 5 ers( 'haft“ (Verlag von Benno Konegen in 


und Behandlungsverfahren. 


Es besteht also kein Zweifel, daß der 
Stoffwechsel in der nor m a I e n »S c h \v a n g er¬ 
schaff auf die mannigfachste Weis e v e r ä n d <* r t 
i s t. Daß eine völlig gesunde Frau, die ein in jeder Beziehung 
hygienisch günstiges Lehen führt, sich diesen Veränderungen 
akkommodieren kann, sehen wir alle Tage. Es wird aber nicht ge¬ 
nügend berücksichtigt, d a ß etwa zwei Drittel aller 
Schwangeren deutlich erkennbare Störungen 
ihres Befindens auf weisen. Teilweise sind diese 
Schwangeren, die man ebensogut zu den Kranken rechnen kann 
wie einen Gichtiker oder Diabetiker, von Hause aus mit invaliden 
Organen behaftet. Es gibt aber noch zahlreiche andere Ursachen, 
die die gewöhnlichen Stoffweehselveränderungen in der 
Schwangerschaft zu einer objektiv wahrnehmbaren Störung nus- 
waehsen lassen, wie stärkere Kompression der Organe der Umst¬ 
und Bauchhöhle, hartnäckige Stuhlverstopfung, Placentar- 
erkrankungen usw. Nicht selten haben akute Krankheiten der 
Mutter, wie Mandelentzündungen, Magenkatarrh mit Ikterus und 
ähnliches, eine solch bedenkliche Wirkung. 

Auf alle Fälle erscheint es natürlich, daß man die schwangeren 
Frauen, deren veränderten Stoffwechsel wir kennen lernten, nicht 
erst abwartend ohne Diät Vorschriften dahinleben läßt, bis sie 
Beschwerden haben oder deutliche Krankheitszeichen darbieten. 
Wie kein Arzt hei einem Gichtiker erst die Komplikationen ab- 
warten wird, ehe er ein diätetisches Regime vorschreibt, so 
empfehle ich auch für jede gesunde Frau nach 
Eintritt der Graviditas bestimmte D i ä t Vor¬ 
schriften. Fleisch ist in der ganzen Schwangerschaft weniger 
zu genießen, Kaffee, Tee, Alkohol, Gewürze (außer Kochsalz) sind 
stark einzuschränken. Zu verbieten sind Bouillon, Fleischsäfte, 
pikante Saucen und Reizmittel aller Art (Fleisch, das reich an 
Extraktivstoffen und Nudein ist, Sellerie, Rettich usw.). Gemüse, 
gröbere Brotsorten, Obst sollen reichlich genossen werden. Auch 
ist reichlich zu trinken zur Ausschwemmung der N-haltigen 
Schlacken, am besten ein Kohlensäure enthaltendes Mineralwasser. 
Alle Magenüberladungen (fünf kleinere Mahlzeiten!) sind ebenso 
wie Verstopfung peinlichst zu meiden. Grobe Diätfehler und 
stärkere Stuhlverhaltung in der Schwangerschaft halte ich für 
bedenklich. 

Die Grenze zu bezeichnen, wo die in jeder Schwangerschaft 
auftretenden Stoffweehseländerungen als Stoffwechsel s t ö ran¬ 
gen anzusehen sind, ist oft nicht leicht, hauptsächlich, weil jede 
Gravidität gewisse Unbequemlichkeiten für die Frau mit sich 
bringt. Tritt man aber überhaupt nur mit diesen Gedanken- 


l ) Nach Fertigstellung dieser Arbeit gelangte eine kurze Notiz 
von Kobert (Pharrnaz. Zentralhalle 1914, S. 1035) zu meiner Kennt¬ 
nis. in der Kobert sich wörtlich äußert: „Ich halte den synthetischen 
das heißt aus Terpentinöl dargestellten Campher für völlig brauchbar 
auch zu innerlicher, subcutaner und intravenöser Darreichung. Zu 
subcutaner Darreichung ist er in Mandel-, Oliven- oder Sesamöl t : 10 
zu lösen, zu intravenöser in Solutio natrii chlorati physiologiea ge- 
I sättigt zu lösen. — An die giftigen Wirkungen glaube ich nicht.“ 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



428 


1915 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


gangen an die mannigfachen Klagen, die so häufig von Schwan¬ 
geren vorgebracht werden, heran, macht man chemische, mikro¬ 
skopische und Kochsalzbestimmungen des Harnes und Funktions- 
priifungen derNieren, so wird man fast immer objektiv nachweisbar 
Veränderungen der Sekrete oder gar Organveränderungen finden. 
Die Lehrbücher der Geburtshilfe waren bislang bei den Initial- 
Symptomen dieser S t o f f w e # h s e 1 s t ö r u n g e n , wie 
blassem, gedunsenem Gesicht, allgemeiner Mattigkeit mit Herz- 
bcschleunigung, Ohnmächten, Sensibilitätsveränderungen, Kopf¬ 
schmerzen, Magenbeschwerden verschiedenster Art und anderem, 
geneigt, von „nervösen Erscheinungen" zu sprechen. Ich halte 
diese Erklärung für ebensowenig richtig wie die sogenannten 
placentaren Theorien, die zum mindesten einseitig und ungenügend 
sind. Wertlos waren die placentaren Theorien auch für die The¬ 
rapie, während eine rationelle Diät, eventuell in Verbindung mit 
einer medikamentösen Therapie, die besten Erfolge verbürgt. 
Wenigstens möchte ich dieses nach meinen jetzigen Erfahrungen 
für die aufgeführten leichteren Erkrankungen behaupten. Zwar 
ist noch manches aufzuklären, auch muß man sagen, daß es für , 
die schwersten Stoffwechselerkrankungen, zu denen ich die 
Eklampsie mit oder ohne Krämpfen *) rechne, wohl überhaupt 
nicht möglich sein wird, eine in jedem Fall erfolgreiche Therapie 
aufzufinden, ebensowenig wie die Internisten das Coma diabetieum 
oder die Urämie stets überwinden können. Augenblicklich bin ich 
mit Magnesiumbestimmungen des mütterlichen und kindlichen Bluts 
beschäftigt, und in therapeutischer Beziehung versuche ich Organo¬ 
therapie, und zwar will ich jetzt Ovarienpräparate und Salze ver¬ 
wenden, nachdem ich von Schilddrüsentabletten (bei stärkerer 


Zustande im Stiche. Das hier gebackene Kriegsbrot scheint übrigens 
oft von Schwangeren gerade sehr schlecht vertragen zu werden. 

Obwohl ich in letzter Zeit nur eine Eklamptische 
behandelte, bei der ich wegen engen Beckens den ldassischen 
Kaiserschnitt ausführte und deshalb nicht lange vor der Geburt 
Zeit zu therapeutischen Versuchen hatte, so gibt dieser Fall mir 
doch Veranlassung, einige pathogenetische und therapeutische Er¬ 
wägungen anzustellen, und ich folge damit einem von der Re¬ 
daktion dieser Zeitschrift ausgesprochenen Wunsche. Die Eklampsie 
ist meiner Ansicht nach, ebenso wie die Urämie und das Coma 
diabetieum, der Emlausgang einer wahren Stoffwechselerkrankung. 
Daß die „Krämpfe meist ganz plötzlich ohne Vorboten“ auftreten, 
wie leider das preußische Hebainmenlehrbuch sagt, habe ich nie¬ 
mals erlebt. Würden die mannigfachen Warnungssignaleder 
Eklampsie in der Schwangerschaft beachtet, so würde wohl immer 
der Ambrueh der Krämpfe durch eine Prophylaxe, even¬ 
tuell durch künstliche Frühgeburt, zu verhindern sein. Deshalb 
soll, wie oben ausgeführt, jede gesunde Schwangere Diätvor¬ 
schriften auf erlegt bekommen. Sind objektive oder subjektive 
Anzeichen einer Stoffwechselstörung vorhanden, so sind jene Vor¬ 
schriften zu verschärfen, und zwar entsprechend unsern jetzigen 
Kenntnissen nach zwei Richtungen. Da nach unsern Alkalibestim- 
mungen sowohl bei schwerer Nephritis wie bei Eklampsie Na meist 
r<?tiliiert ist (0,1871 bis 0,2072 0 / o ) und zuweilen auch K, so sind 
nach Ausbruch der Krämpfe die beliebten Kochsalzinfusio¬ 
nen (oder von Ringerscher Lösung) kontra- 
indiziert. Dafür könnte man bei Eklampsie nach Magnus- 
| Lev y 3—5 °/ 0 ige Mononatriumcarbonatlösungen geben, da in der 


Nephritis) Erfolge nicht gesehen habe. j 

Anschließend gebe ich in Kürze die Krankengeschichte j 
einiger typischer Fälle von Stoffwechselstörungen in der 
Schwangerschaft, die ich in den letzten Monaten nach Erscheinen 
der oben zitierten Arbeit mit Diät oder mit Salzlösungen be¬ 
handelt habe. 

1. Geringe Nephritis und Benommenheit, wahrscheinlich infolge 
von Stuhlvcihaltung. Die 25 jährige Lp. wurde im vorletzten »Sehwan- 
gcrschaftsmonat abends in benommenenem Zustand aufgemmnnen. 
machte einen schweikranken Eindruck. Temperatur normal. Puls 100. 
Die Benommenheit war nicht nur der Familie, sondern auch dem be¬ 
handelnden Arzte, der diohende Eklampsie diagnostiziert hatte, seit 
zwei Tagen aufgefallen. Stuhlgang fohlt seit 4*/a Tagen. Der Urin 
ist dunkelbraun und enthält Eiweiß in Spuren (Koch- und Sehicht- 
probe). Therapie: Flüssige kaliarme Diät und sofort und an den i 
beiden folgenden Tagen Kly.stiere von einem Liter, die ganz kolossale i 
Mengen Stuhl herausbefördern. Schon am folgenden Abend ist Patientin 
klar und verlangt aus dem Bett und am dritten Tage verläßt die Frau 
auf Wunsch die Klinik. Der Urin ist zwar heller geworden, enthält j 
aber noch die gleichen Eiweißmengen. Kein vegetarische Kost, Stuhl- , 
regelnng und reichliches Trinken eines alkalisch-muriatischen Sauer- j 
liiigs bewirkt, daß acht Tage nach der Entlassung der Urin bernstoin- j 
gi.ib ist und kein Eiweiß enthält: subjektives Wohlbefinden. j 


2. Juckende Dermatosen wurden dreimal mit vegetarischer Diät 
und Cale. lact. (dreimal täglich 1 g) behandelt-, und zwar zweimal 
mit gutem, wenn auch langsamem Erfolge. Die Besserung pflegt nach 
drei bis fünf Tagen einzutreten und nach acht Tagen völlig zu sein. 
Der dritte Fall, der nach acht Tagen nur geringe Besserung zeigte, 
wurde nach abermals drei Tagen geheilt durch dreimal täglich 1 g von 

Natr. chlor. 

Natr. bicarb. 

Natr. phosphor. 

Ferr. oxyd. sacch. solub. aa 3,0 

Calc- phosphor. 12.0. 

Rezidive kommen nach Aussetzen der Therapie vor. und wer 
außerdem promptere Wirkung haben mag, wähle die von mir emp¬ 
fohlene intramuskuläre Injektion von 200 g Ringer scher Lösung *j 
3 Sodbrennen, über das so häufig in der Schwangerschaft 
"t?klagt* wird, konnte ich zweimal durch diätetische Vorschriften er¬ 
folgreich behandeln. Bekanntlich läßt die medicamentöse Behandlung 
(Magn usta und ähnliches) meist bei diesem doch oft sehr quälenden 


i\ iy l(i sogenannte Gelbsucht der Schwangeren gehört in sehr 
seltenen Fällen zur Eklampsie ohne Krämpfe, recht häufig lag bei den 
unter dem Namen ..Gelbsucht der Schwangeren“ veröffentlichten 
Krankengeschichten gar keine- StofTweebseh rkrankung vor. sondern 
wohlcharakterisierte chirurgische Erkrankungen der Gallengänge usw. 
Man sollte deshalb endlich den Begriff ..Gelbsucht der Schwangere# 
in den o-ehurtshilflichen Lehrbüchern ausmerzen (vgl. Ausführlicheres 
in meinen Arbeiten in der Zschr. f. Geburtsh. Bd. 65 und nn Frauenarzt 




Schwangerschaft- die Kohlensäure gegenüber den freien Säuren 
herabgesetzt ist. Vor Ausbruch der Krämpfe oder bei Nephritis 
in der Zeit, wo das Kind noch nicht lebensfähig ist, ist dem¬ 
entsprechend der Salzgehalt der Nahrung zu regeln. Daneben 
muß, da der Reststickstoff stets vermehrt ist, eine N-arnie Kost 
gereicht werden. Die E i w e i ß z u f u h r muß bei schlim¬ 
meren Stoffwechselstörungen in der Schwan¬ 
gerschaft bis unter das Eiw eiß m i nim u m b e - 
s e h rank t w e r d e n. Die interne Medizin hat bewiesen, daß 
hei Nephritis die N-arme Kost eine Verbesserung des Allgemein¬ 
befindens herbeiführen kann. Auf diese Weise wird sich wahr¬ 
scheinlich der Ausbruch eklamptischer Krämpfe verhüten lassen. 
Sobald das Kind lebensfähig ist, wird bei allen schlimmeren Sym¬ 
ptomen einer bestehenden Stoffweehselstörung die künstliche Früh¬ 
geburt eingeleitet. Sind die eklamptischen Krämpfe ausgebrochen, 
so bleibt eine möglichst schnelle Entbindung immer noch das beste. 
Für die allgemeine Praxis kann man die in den 
letzten Jahren wieder aufgewärmte Behand¬ 
lung mit Morphium und C h 1 o r a 1 auf k e i n e n Fall 
rechtfertigen. Die Kinder leiden nach meinen Erfahrungen 
ohne Frage, und für die Mütter sind gerade Morphium und Chloral 
die am schlechtesten gewählten Narkotica. Morphium erscheint un¬ 
geeignet, weil es die Medulla oblongata ergreift, ehe die Wirkung 
auf das Rückenmark eintritt. Bei Uebererregbarkeit des Gehirns 
ist das Morphium nicht angebracht, sondern die Hvpnotica, die die 
Reizschwelle des Gehirns erhöhen und die Sinnesreize vom Bewußt¬ 
sein fernhalten (M ev er und G o 111 i e b). Chloralhydrat würde 
diesen Forderungen zwar entsprechen, ist aber ein starkes Zellgift 
und bedeutet für die Nieren, durch die es unverändert ausgeschieden 
wird, eine hohe Gefahr, ebenso für das Herz. Nach den praktischen 
Erfahrungen, die H. W i n t e r n i t z und E. v. d. Porten 1 )®^ 
dem Veronalnatrium gemacht haben, ist dieses als Narkoticum 
auch bei Eklampsie geeignet (10 ccm einer 10°/ 0 igen Lösung suo- 
cutan oder 0,5 per rectum), weil es die sensiblen Centren des Zen¬ 
tralnervensystems in der richtigen Reihenfolge ergreift und keine 
Reizwirkung auf die motorischen Centren hat. Empfehlenswert niu 
auch das Luminal (0,4 subcutan) als Narkoticum erscheinen, 
neben würde ich 10 g einer 25°/„igen Magnesiumsulfatlösung >u 
cutan oder intramuskulär mehrmals täglich einspritzen 2 ). ^ a n kan 
auch eine 5 °/ 0 ige Lösung rectal geben. In verzweifelten ra ^ 
würde ich lieber, als die Nierendekapsulation zu machen, • ■ 
intralumbale Einspritzung von Magnesium der subcutanea^ 
Wendung dieses Mittels hinzufügen. Im übrigen glauben ? 
daß das Heil der E k 1 a m p s i e b e h and 1 u n g ^ ae 
Prophylaxe liegt. 

M D. m. W. 1915, Nr. 2. 

Vgl. loc. eit. 


1013. H. 12). 

a ) D. m. W. 1912, Nr. 24. 


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11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


429 


Zur medikamentösen Behandlung der innersekretori¬ 
schen Ovarialinsuffizienz 

von 

Dr. Hans Bab, 

Assistent der Kgl. II. gynäkologischen Klinik zu München. 

Aus (1er ausgezeichneten Feder des bekannten Forschers 
Iwan Bloch finden wir 1 ) einen Aufsatz zur Einführung eines 
angeblich neuartigen Organpräparats, das der Autor fiir die Be¬ 
handlung sexueller Insuffizienz empfiehlt (1). Bedauerlicherweise 
sind ihm dabei meine Arbeiten völlig entgangen, die nicht nur eine 
analoge theoretische Begründung einer solchen Therapie gaben, 
sondern bereits vor sechs Jahren die von ihm jetzt befürwortete 
Kombination von Ovarialextrakt und Yohimbin unserm Arznei¬ 
schatz einverleihten (2). 

Deswegen seien mir hier einige Worte zu diesem Thema ge¬ 
stattet, die nicht nur meiner wohl deutlich auf der Hand liegenden 
Priorität fiir diese Organtherapie gelten, sondern auch zur Sache 
selbst sprechen und sich mit dem heutigen Stande der Frage be¬ 
fassen wollen. 

Man kann Bloch nur beistimmen, wenn er unter Beiseite¬ 
schieben der „nervösen und psychischen Impotenz“ (das Central¬ 
nervensystem wird nur sekundär beeinflußt) die chemische Bedingt¬ 
heit aller psychophysischen. Geschlechtschäraktere, ihrer Aus¬ 
bildung und Funktion betont und in Uebereinstimmung wohl mit 
allen heutigen Forschern auf die Abhängigkeit der Genitalorgane 
von der Tätigkeit sämtlicher innersekretorischen Drüsen hinweist. 
Schon 1909 habe ich in meiner Studie „lieber die Pathologie der 
lnfantdistisehen Sterilität; 4 (S. 100/101) eingehend dasselbe dar- 
gohgt und die Beeinflussung der Genitalausbildung und Funktion 
durch das hormonale Zusammenwirken von Thymus, Langerhans- 
sehen Inseln des Pankreas, Epithelkörperchen, * Hvpophvse, Glan¬ 
dula pincalis, Thyreoidea, Nebennieren. Parovarium, ' Mammae, 
Prostata mit Ovarium respektive Testikel, nach dem damals ver¬ 
wenden wissenschaftlichen Material charakterisiert; das war zu 
einer Zeit, als die Betrachtung des genitalen Infantilismus, der 
Hypoplasie mul Atrophie sowie der genitalen Dysfunktion gewiß 
noch nicht allgemein unter solchen kausalen Gesichtspunkten er- 
°lgte. Diese Betrachtungsweise, das endokrine System für Stö¬ 
rungen un Genitalsystem verantwortlich zu machen, führte mich 
oben damals schon auf die organotherapeutischeKonsequenz, gleich¬ 
zeitig die Keimdrüsen und das übrige Genitale zu hyperämisieren, 
nr chemisches Sekretionsprodukt dem Körper zuzuführen und das 
Gmralnervensystem zu kräftigen. Mit Hilfe der ausgezeichneten 
und rührigen Berliner Fabrik organoth er a p e u t i - 
? ( , 1 r [ r JParat e, Dr. Freund und Dr. Redlich, konnte 
i<h Oophorin-Yohimbin-Lecithintabletten für langdauernde Kuren 
Mgen infantilistische Sterilität, genitale Hypoplasie, Atrophie und 
miktion, gegen Amenorrhoe, Dys- und Obligomenorrhöe, Frigi- 
,!. ■ Stoffwechselstörungen (z. B. Adipositas) und be- 

Hmmto innersekretorische Affektionen empfehlen unter genauer 

und eingehender Indikationsstellung. Ich 
. * . r damals schon auf die Begrenztheit der ovariellen Organ- 
inerapie hingewiesen (S. 115 und 121/122), was wir in den Bloch- 
_ n Ausführungen ganz vermissen, und auf die Wichtigkeit, der 
| ou m,r * n ^ er Folgezeit bei Akromegalie und bei Amenorrhoe 
a ,7 a «;?eführten — Ovarialtransplantationen (S. 123—127) die 
ii merksamkeit der gynäkologischen Chirurgen zu lenken gesucht, 
bute, da wir viel detaillierter die Harmonien und Disharmonien 
h lnn ^ s ekretorischeii Konzerts studiert haben, müssen wir uns 
V [ e ., sa " ei b daß die Darreichung des Extrakts einer einzigen, 
rrnch willkürlich herausgegriffenen Drüse, noch dazu in einer 
antuativ recht fragwürdigen Dosierung, nicht das organothera- 
He ^ n kann, und daß wir in Zukunft quantitativ und 
J sutativ viel exakter fehlende Hormone und Kombinationen von 
ornioncn dem Organismus werden zuführen müssen. Bei dieser 

esserung unserer organotherapeutischen Bestrebungen helfen 
<u, <m n * c ^ nur die Gewinnung früher nicht verwandter 
r ?! !k * xlra ^^’ so aus Placenta, Uterus, Nebennierenrinde (die ich j 
1 ° . (>r ‘ s ter erprobe), sondern auch die diffizile Unterscheidung | 
^ innersekretorisch differenten Drüsenbestandteile, so der Pars j 
J. lonür * intermedia und posterior bei der Hypophyse, so des j 
. r ] n , u l eu, . n lI11 d der übrigen Ovarialsub-tanz. Wenn Bloch j 
• u !" u J n ö (, hilddrüsenmangel mit seiner Konsequenz für die Keim- I 
^■^ninnktion erwähnt, so versäumt er doch, die Kombination 

l ) M. K. 1915 Nr. 8. I 


einer Schilddrüsen- mit Ovarialtherapie zu befürworten. Gegen 
seine Empfehlung von Hypophysenpräparaten bei Hypophysen¬ 
tumoren anderseits könnten wohl schwere Bedenken geltend ge¬ 
macht werden; ich verweise hierfür nur auf meine diesbezügliche 
Arbeit „Akromegalie und Ovarialtherapie“ (3). Pituitrin ist viel¬ 
mehr, w ie ich zeigen konnte, als Tl.erapeuticum bei der mit Ovarial- 
hyperfunktion einhergehenden Osteomalaeie (4) indiziert, vielleicht 
weil es den an einer Schwäche des chromaffinen Systems kranken¬ 
den Körper für das Adrenalin sensibilisiert. 

Die 1909 vom mir speziell für Infantilismen inaugurierte kom¬ 
binierte Oophorin-Yohimbin-Lecithintherapie habe ich in vierjähriger 
Tätigkeit gleichzeitig mit den zahlreichen andern opotherapeuti- 
schen Heilbestrebungen an dem großen Krankenmaterial der Wiener 
Frauenklinik Wertheim prüfen können, und eingehende Publika¬ 
tionen sollen meine dort gewonnenen Erlebnisse noch bekannt¬ 
geben. Heute nur soviel, daß ich beim Durchblättern meiner 
Krankenjournale als Effekt der Ovarial-Yohimbinkur beispielsweise 
den Wiedereintritt von Menstruationen, die Beseitigung dys- 
menorrhöischer Beschwerden und von Blutwallungen als erzielten 
Effekt verzeichnet finde. Daß diese Therapie auch völlig fehl- 
schlagen kann, genau wie eine Ovarialtherapie allein oder wie 
irgendeine andere Organtherapie, das sei auch ausdrücklich her¬ 
vorgehoben und ist nach den ganzen Grundlagen dieser Kuren 
auch nicht anders zu erwarten. 

Wenn im übrigen ich sowie auch Bloch da* Yohimbin 
mit dem Ovarialextrakt kombinierte, und wenn Bloch sogar aus¬ 
drücklich dieses als das zweifellos beste und erprobteste Aphrodi- 
siacum bezeichnet, so kann ich auf Grund meiner Erfahrungen 
an der Wiener Klinik nur sagen, daß ich das Yohimbin nicht derart 
monopolisieren möchte, sondern daß das vom Kontor chemischer 
Präparate in den Handel gebrachte Muiracithin dem Yohimbin 
völlig ebenbürtig ist und mindestens ebensolche Wirkungen hervor- 
rufen kann, daß also auch einer Kombination Oophorin-Muiracithin 
nichts im Wege stehen würde. 

Die psychische Einwirkung einer kombinierten Behandlung 
mit Keimdriisenextrakten und mit Aphrodisiaea. die auch Bloch 
hervorhebt, ist eine, oftmals verblüffende, besonders auch im all¬ 
gemein seelischen Empfinden der Patienten, in ihrer Stimmung, 
ihrem Kraftgefühl und im Schwänden lästiger „Nervosität 44 . Eine 
offene Frage scheint jedoch noch zu sein, ob Keimdrüsenextrakte 
wirklich nur streng specifisch auf das homologe Geschlecht wirken! 
Vieles spricht dafür, daß auch das Testieulin (Dr. Freund und 
Dr. Red lieh).durchaus nicht indifferent für das weibliche Ge¬ 
schlecht ist. Dies muß noch eingehender studiert werden. 

Wenn ich nur den Eierstockextrakt mit Yohimbin 
kombinierte, so ist das aus meiner Fachstellung als Gynäkologe 
und aus meinen rein gynäkologischen Bestrebungen zu erklären. 
Bloch hat mit seinem „Thelygan“ keineswegs ein neues 
P r ü parat angegeben, sondern einer im wesentlichen alten Sache 
nur einen neuen Namen beigelegt; wenn er jedoch als allgemeiner 
Sexolog und Sexualtherapeut entsprechend die Testikelsubstanz 
für das männliche Geschlecht verwertet, so ist das ein konsequenter, 
logischer, neuer Schritt, und Bl ochs Erfahrungen mit diesem 
Präparat verdienen das ärztliche Interesse. 


„ n . i. iwau uiui-ij. 4iur nenanaiuiig aer sexue en Insnf- 

fizicnz. (M. Kl. 191a. Nr. 8.) — 2. Hans Bab. Die Pathologie der infanti- 
listischen Sterilität und ihre Therapie auf alten und neuen WWen (Sml 
klin. Vortr. 1909, Nr. 598/540. Verl. Job. A. Harth.) - Derselbe tän Vor¬ 
schlag zur medikamentösen Therapie der infantilistischen Sterilität (Zbl f 
Gvn. 1909. Nr. 45) Derselbe, Organothcrapeutische Erfahrungen und 
Anwendung von Aphrodisiaka in der Gynäkologie. (KJin.ther. Wschr. 1918 
Jahrg. 20 Nr 31 .) 3. Derselbe. Akromegalie und Ovarialtherapie. (Zbl! 

f. Gyn. 1914. Nr. 1.) — 4. Derselbe, Die Behandlung der Osteomalaeie'mit 
Hypophysenextrakt. (M. m. W. 1911, Nr. 34.) e 11111 


Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen 

von 

Dr. Iwan Bloch, 

zurzeit ordinierender Arzt am Reservelazarett Beeskow (Mark). 

Da ich augenblicklich hier nicht in der Lage bin, die früheren 
Arbeiten des Herrn Kollegen Bab genauer nachzuprüfen, beschränke ich 
mich auf folgende vorläufige Erklärung: 

i. Die von Dr. Bab angegebenen Oophorin-Yohimbin-Lecithin- 
tabletten waren mir bei Herstellung und Versuchen mit dem Testogan 
und später dem Thelygan nicht bekannt. Ich teile allerdings diese 
Unkenntnis mit den Bearbeitern des neuen, 1914 erschienenen und die 
gesamte moderne organtherapeutische Literatur in Betracht ziehenden 
„Lehrbuchs der Organotherapie“ von Wagner v. Jauregg und 
G. Bayer, das ich Kir die Literatur hauptsächlich benutzt habe. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


2. Der „konsequente, logische neue Schritt“ der Testogantherapie 
hei sexueller Insuffizienz geschah ja meinerseits hauptsächlich vom i 
Standpunkte des Andrologen und, wie ich ausdrücklich hervorhob, infolge j 
der Anregung durch die Oktober 1913 veröffentlichten epochemachenden 
Versuche von E u ge n Steinac h. 

3. Ich habe keineswegs, wie Herr Bab mir vorwirft, die kombi¬ 
nierte Organtherapie der sexuellen Insuffizienz mit Substanzen anderer 
endokriner Drüsen vernachlässigt, sondern sie als „indirekte Behand¬ 
lung“ der „direkten Organotherapie“ gegenübergestellt und ebenfalls 
erklärt, daß die genauere Erforschung dieser indirekten Beeinflussung 


neue Perspektiven für die Therapie der Sexualinsuffizienz eröffnen 
werde. Gerade für die Schilddrüsentherapio dieser letzteren habe 
ich ja klar und deutlich die genaueren Indikationen angegeben. Wenn 
ich auch zunächst nur die bisherigen Ergebnisse der direkten Opotherapie 
veröffentlichte, so habe ich doch bereits von Anfang an die ja schon 
seit längerer Zeit übliche Schilddrüsentherapie der Sterilität und Impo¬ 
tenz der Fettleibigen durch Herstellung und Versuche mit „Thvreo- 
Testogan“ rationeller zu gestalten versucht. Ebenso habe ich in anderem, 
später genauer zu präzisierendem Zusammenhänge das Adrenalin heran¬ 
gezogen. 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin. 


Sammetreferat 

Soziale Hygiene und Demographie 

von Dr. Peter Misch, Charlottenbnrg. 

Was bereits für Oesterreich-Ungarn nachgewiesen und in 
dieser Wochenschrift (Nr. 51, 1914) referiert werden konnte, be¬ 
stätigt sieh auch in Untersuchungen Uber die Wehrkraft der 
Schweiz (1), daß nämlich die Behauptung, die landwirtschaftliche 
Bevölkerung sei an Wehrfähigkeit der industriellen überlegen, ins 
Reich der Fabel gehört. Die neuere wissenschaftliche Forschung 
und Statistik zeigt vielmehr, daß die höhere Militärtauglichkeit 
auf seiten der industriellen Arbeiterschaft zu finden ist, die sieh 
mittels des machtvollen Instruments ihrer gewerkschaftlichen und 
politischen Organisationen zuträglichere Arbeitsbedingungen, 
höhere Löhne, geregeltere Arbeitszeit, gesündere Wohnungen, 
Kräftigere Ernährung und bessere Schulen errungen hat als den 
landwirtschaftlichen Arbeitern gegeben sind. So miserabel die 
proletarischen Wohnungsverhältnisse in den Industriestädten viel¬ 
fach sind, der landwirtschaftliche Lohnarbeiter wohnt noch elender. 
Die gesundheitlichen Vorzüge des Landlebens und der landwirt¬ 
schaftlichen Arbeit gegenüber dem Stadtleben und der Fabrik¬ 
stättenarbeit werden aufgewogen durch die stiefmütterliche Be¬ 
handlung des ländlichen Proletariats durch den Staat in puncto 
Sozialpolitik. Der Kausalnexus zwischen Sozialpolitik, öffentlicher 
Gesundheit und Wehrfähigkeit ist nicht zu verkennen. — Von be¬ 
sonderem Interesse sind auch die verschiedenen Krankheiten als 
Ursachen der Dienstunfähigkeit und ihre Unterschiede für Stadt 
und Land, wobei übrigens zu berücksichtigen ist, daß die Er- 
krankungszahl für die landwirtschaftlichen Berufsarten durch die 
weniger sorgfältige statistische Krankheitsbeobachtung zu gering 
wird. Schämt sich doch auf dem Lande der junge Mann, den 
Kropf oder die Hernie oder die „schlechten“ Krankheiten der 
Harnorgane zu verraten. Die Schwindsuchtszahlen vor allen wür¬ 
den in den landwirtschaftliehen Berufskreisen rapide hochschnellen, 
wenn dort nur annähernd so energisch wie in den Städten gegen 
die Vt i breitnng der Lungentuberkulose vorgegangen würde. — 
Die Rekruticnmgsresultate sind aber nicht nur von der öffent¬ 
lichen Hygiene, der sozial-sanitären und ökonomischen Wohl¬ 
fahrtspflege. sondern auch vom Entwicklungsgrade des Volksschul- 
wosens abhängig. Gerade über die Verbreitung geistiger Be¬ 
schränktheit und Idiotie besitzt die schweizerische Statistik ein 
sehr ergiebiges Zahlenmaterial, weil der schweizerische Rekrut, 
welchem Stand und Beruf er auch angehören mag, auch im Lesen, 
Aufsatz, Rechnen und Vaterlandskunde geprüft wird. So dürfte 
< s von Interesse sein, zu erfahren, daß sowohl 1885 als auch 1886 
je ein Student wegen geistiger Beschränktheit für dienstuntauglich 
i rklärt wurde. Bei einigen Studenten haperte es im Lesen; zwei 
bekamen im Rechnen die schlechtesten Noten. Nicht alle Lehrer 
waren imstande, die Aufgaben im Aufsatz und Rechnen ganz oder 
fast ganz fehlerfrei zu lösen. Auch bei den Öffentlichen Beamten 
haperte es im Lesen und Schreiben! 

Literatur: 1. V. Noack, Die Wehrkraft der Schweiz. Unterschiede 
zwischen Stadt und Land. Areh. f. soz. Hyg. u. Demogr., Bd. X. H. 3. 


Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914 

von I)r. med. Werner Schnitz, Oberarzt der II. inneren Abteilung 
des Krankenhauses Charlottenburg-Westend. 

(Schloß aas Nr. 14 .) 

Auf dem Gebiete der Morphologie stehen die Ergebnisse 
der V i t a 1 f ä r b ti n g im Mittelpunkte des Interesses. 

In einer früheren Mitteilung hatten A s c h o f f und K i y o n o 
auf Grund i n t r a vitaler L i t h i o n c a r m i n f ä r b u n g c n 


angenommen, daß im kreisenden Blute neben Zellen der myeloi¬ 
schen und lymphatischen Reihe als dritte Zellart carmmspeichmide 
„H i s t i o c y t e n“, vom Charakter der großen Mononucloareti. 
Vorkommen. Diese „Makrophagen“ entstehen teils durch Ab¬ 
rundung und Loslösung aus den Reticuloeiulothelien der Milz, dir 
Lymphdrüsen und des Knochenmarks, teils aus den specifischen 
Endothelzellen der Leber (K u p f f e r sehen Stenizellen) und der 
Nebenniere. Für die Reticuloendothelien der hämatopuctischcn 
Organe, die den specifisehen Endothelzellen der erwähnten Organe 
sehr nahestehen, schlägt K i v o n o (20) in einer weiteren Arbeit 
den Namen „H i s t i o b 1 a s t e n“, Mullerzellen der Histioiyten. 
vor. Außerdem gibt es noch Histioeyten im Bindegewebe. Zeih a 
in ruhender und wandernder Form, welche im serösen Gewebe. v<r 
allem in den Milchflecken, sich zahlreich entwickeln und mit den 
Klasmatoeyten R a n v i e r s und adventiellen Zellen M a r- 
c h a n d s identisch sind. Nach vitaler K o 11 a r g o 1 s p e i e h e * 
r u n g, zum Teil gleichzeitig mit Carmininjektion, fand K i y o n o 
bei sonst gleichem Verhalten gegenüber den in Frage stehenden 
Zellen einen Unterschied der beiden Methoden insofern, als die 
K l a s m a t o c v t e n des Interstitiums der parenchymatösen Or¬ 
gane zwar deutliche Carmingranulierung. dagegen meist nur einige 
wenige Kollargolkürner aufwiesen, und die Plasmatoeyten der 
Milchflecken sowie diejenigen des serösen Gewebes nur in der 
Nähe der Gefäße beide Granula zeigten, während die Zellen, 
welche von der Gefäßwand entfernt lagen, bei reichlicher Cannin- 
körnelung nur ganz wenige Kollargolkörner aufwiesen. Die Re¬ 
sultate der vitalen Färbung mit T o 1 i d i n b 1 a u decken sich im 
wesentlichen mit den Befunden bei Oarmin- respektive Trypan- 
förbung. Abweichend ist, daß bei tolidinblauinjizierten Tieren 
nach dem Tode, wohl unter dem Einflüsse des Sauerstoffs der Luft, 
eine feine blaue Granulation in der Mehrzahl der myeloischen 
Zellen, mit Ausnahme einiger rundkerniger Knochenmarkseieinente, 
die sich wie Zellen der lymphatischen Reihe verhalten, auftritt. 
Wiederholte intravenöse Einverleibung der drei genannten Färb¬ 
st ofTe, auch von Kollargol, bewirkt eine mehr oder weniger ausge¬ 
sprochene Histiocythämie. 

Nach K i y o n o s Untersuchungen kommen die Histioeyten 
auch normalerweise im strömenden Blute der Venen, insbesondere 
dem der Leber- und Milzvenen, vor, wenn auch in geringer Zahl 

Die großen M o n o n u e 1 e ä r e n u n d lieber- 
g a ii g s f o r m e n gehören beim normalen Kaninchen in der 
Mehrzahl nicht zu den H i s t i o c y t e n. Man kann 
durch die T o 1 i d i n b I a u i n j e k t i o n e n drei Arten 
von einkernigen Zellen der h ä m a t o p o e t i s c h e n 
Organe unters e h e i d e n : eine intravital granulierte (histio- 
eytäre) Zellart, eine postvital granulierte (myeloische) Zellart. eine 
dritte, sowohl intravital als postmortal ungekörnte (lvmplm- 
cytäre) Zellart. Danach könnten wenigstens drei Arten der 
großen Mononucleären und U e b e r g a n g s f o r in <■ n 
des Bluts zur Beobachtung kommen, was nicht ausschließt, daß 
deren noch mehr existieren. 

Mit der Frage der Beziehung e n z w i s c h e n E n d <> * 
t h e 1 i e n und M o n o c v t e n beschäftigen sieh zwei Arbeiten 
von Milos NetouSek ‘(21, 22). Im Gegensatz zu A sc b off* 
K i y o n o , die bei lithioncarmingespeicberten Tieren im Bhitc 
carminophile mononueleäre Elemente gefunden hatten, die sie ab 
Blutmonocyten ansahen lind Histioeyten nannten, konnte Milej* 
Netou&ek bei seinen Carmintieren keine Carminzellen im strö¬ 
menden Blute finden und h ä 1 tdie As c li o f f s e hon Histid¬ 
in o n o c y te n für passiv d e s q u a in i e r t e Endo¬ 
thel i e n der Blut- oder auch der lymphatischen Wege. Daß <■'« 
solches Vorkommnis, daß heißt das Auftreten echter Gefaßemto- 
thelien im Blute, möglich ist. ließ sich im Tierexperiiuent duren 


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11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


451 


experimentelle Gefäßläsionen dartun. Bei diesen Versuchen er¬ 
hielten die Versuchstiere (Meerschweinchen) Injektionen von Sta¬ 
phylokokken, Diphtherietoxin und B. typhi abdominalis, oder 
es’wurden Gefäßligaturen angebracht, im Anschluß an die von 
Kfizenecky beim Frosche gewonnene Beobachtung, daß 
nach Unterbindung der ganzen Extremität schon nach sechs Stunden 
im großen Kreislauf endotheliale Elemente auftreten. In k 1 i n i - 
$clien Untersuchungen wurden endotheliale Elemente 
im Blute gefunden bei Typhus abdominalis, Endo¬ 
kardaffektionen, Cholera asiatica, in einem Falle 
von M age n c a r c i n o m , bei Kinderanämien (Anaemia 
J a k S c h - L u z e t und schwere Dekomposition), in zwei Fällen 
voii myeloischer Leukämie, bei Chorea und schlie߬ 
lich spärliche Formen bei Chlorose und Morbus Base- 
il (• w i i. Bei Atherosklerose und nach heftigen oder andauern¬ 
den Körperbewegungen waren die Befunde negativ. 

Einen Beitrag zur Cytologie der Entzündung mit 
Hilfe der vitalen Carminfärbung und anderer Methoden liefern 
Pappen heim und Fukushi (23). Die Arbeit befaßt sich 
speziell mit der Natur der lymphoiden peritonealen 
Entzündungszellen. 

Technisch gingen die Autoren so vor, daß sie bei Versuchstieren 
«Meerschweinchen, Ratten, Kaninchen), die mit Farbstoffen (Lithion- 
TrypnnMau) vorbehandelt waren, durch Tuberkulininjektion 
IVritunealcxsudate erzeugten. Ein gleiches geschah beim Thoriumtier, 
lassen Blut leukocytenfrei wurde. 

Die großen monocytoiden Zellen der Exsudate 
erwiesen sich als vital gefärbt, während die Deckzellen 
«1 e r S e r o s a ungefärbt waren. Auch die monocytären Blut¬ 
zöllen waren farbstofffrei. Danach konnten die vital gefärbten 
Exsutlatzellen nur den perithelialen Carmin- und Trypanzellen 
des Netzes entsprechen, beziehungsweise freigewordene Derivate 
dieser sein. Es bilden somit lokal entstandene Mesenchymzellen 
hbliugener Abkunft im Peritoneum den Bestand der lymphoiden 
Exsutlatzellen. Da die großen carminophilen Exsudatzellen in 
fortlaufender Uebergangsfolge mit den kleinen, ebenfalls chromo- 
l'hilcn lymphocytiformen Zellformen Zusammenhängen, dürften 
auch diese nicht aus dem Blute stammen, sondern Mikrohistioeyten 
imSinn A s c h o f f s vorstellen. Zusammengefaßt lautet die An- 
Mcht der Autoren: Die Exsudatzellen seröser Höhlen 
jind nicht hämatogener Natur, auch nicht Ab¬ 
kömmlinge der Deckzellen, sondern höchst¬ 
wahrscheinlich Abkömmlinge der Marchand- 
*chen Adventitialzellen, beziehungsweise der Maxi - 
mowachen ubiquitären Wandermesenchvmzelle des subserövsen 
Bindegewebes. 

Die vielumstrittene Frage der sogenannten „ruhenden 
« anderze 11 en“ Maximows und ihrer Beziehungen zu den 
andern Zellformen des Bindegewebes und zu den Lvniphocyten 
V T i * n e,ner experimentellen und kritischen Arbeit von 
v |, s 1 ^ a 8 c B 1 n # (24) abgehandelt. Die Versuche betreffen 
Kollargolimprägnation und intravitale Färbung mit Isamin- und 
lrypanblau na °h Gold mann bei Tieren (Ratten, Kaninchen) 
unter sonst normalen Verhältnissen, sowie mit Entzündung durch 
Einbringen von Celloidinfremdkörpem nach Maximow oder 
hauterisieren. Nach den gewonnenen Ergebnissen bestehen im 
gewöhnlichen lockeren Bindegewebe im postembryonalen Leben 
Hauptzellformen: Fibroblasten und ruhende 
" a n d e r z e 11 e n. 

Letztere sind mit den Klasmatocyten R an v ier s, den „Uellules 
nagKwrmcs“ von U e n a u t und den „Pyrrolzellen“ G o 1 d in a n n s 
'•ij lötnnfizir-ren. Auch die ..Lipoidzellen“ Ciaccios und „Nephro- 
Von ^ erc * er ? Bpillmann und Bruntz gehören 

Die ,,ruhenden Wanderzellen“ weisen in ihrem 
Mtoplasma vital färbbare granulierte Chondriosomen auf, die sich 
'n sekretorische Granula verwandeln können, während die 
mudriosomen der Fibroblasten in Form von Fäden er- 
''■lieinen. Wie die „ruhenden Wanderzellen“ verhalten sich ferner 
[!!'. •'pkrophagen der „täches laiteases“ im Netz und in der 
iu»sigkcit der Bauchhöhle, die sogenannten „adventitiellen“ 
^ - n der Papillären im Netz und im übrigen Peritoneum, die 
‘Uiuzrllen im Endothel der Lebercapillaren, und in den blut- 
'idf tiden Organen endlich die Reticulum- respektive Endothel- 

11 nn, l die Makrophagen. Die Deckepithelzellen haben mit 
* ,ni Ppe nichts Gemeinsames. Nach Tsc haschin finden 
sk li xiv.olil im normalen wie im entzündeten Gewebe Uebergänge 
!. r Blutlymphoeyten identischen, kleinen wandernden 
Jtupuoiden Zellen, der „h i s t i o g e n e n“ L y m p h o c y t e n 


zu den „ruhenden Wand er zellen“. Bei der Entzündung 
geben nach demselben Autor beide Formen ein und dieselbe große 
gemeinsame Gruppe von phagocytierenden polymorphen Zellen. 
Maximows Polyblaste n. Die Polyblasten können sieh 
dann unter Umständen (Narbenbildung) in Fibroblasten umuan- 
deln, während letztere sich nicht wieder in echte amöboide Gebilde 
zurückverwandeln können. Ihre Abrundung bei besonders starken 
entzündlichen Reizen ist eine vorübergehende Erscheinung. 

Die ebenfalls noch strittige Frage der Verwandtschaft der 
verschiedenen Zellelemente der Milz wird in einer Ar¬ 
beit von R. Steudemann (25) aus dem Institut von Asch o f f 
experimentell beleuchtet. Zum Studium der Phagocy tose der Milz 
wurden Kaninchen mit Lithioncarmin vital gefärbt, außer¬ 
dem wurde die Milzvene unterbunden. Durch die Uar- 
mininjektion entsteht eine Ervthrocytenschädigung und Hämo¬ 
siderinbildung. Die Milzvenenunterbindung verursacht Leuko- 
evtenaustritt und -zerfall. Pulpazellen, Sinusendothelien und freie 
Makrophagen zeigen, außer für Carmin, Phagoevtose für Erythro- 
eyten und polymorphkernige Leukocyten. Die Zellen der Lymph¬ 
knötchen sind ganz frei von Phagocytoseerscheinimgen. Dieser 
Umstand spricht für eine genetische und funktionelle 
Trennung von Lymphocyten einerseits und 
Pulpazellen, Sinusendothelien, Reticulum- 
endothelien der Pulpa anderseits. 

Die vitale Färbung embryonaler Zellen in Ge- 
webskulturen gelang P. Hofmann (26). Er ging so vor, daß 
er einem trächtigen Meerschweinchen 0,8 ccm einer 1 °: o igen 
Lösung von Trypanblau in Ringer scher Flüssigkeit intravenös 
injizierte, das Blut nach einigen Minuten durch Punktion des linken 
Ventrikels gewann und im leicht blaugefärbten Plasma Leber¬ 
stückchen des etwa 5 cm großen Embryos kultivierte. Die Fibro¬ 
blasten waren frei von Trypan, während"andere Zellen, anscheinend 
K u p f f e r sehe Sternzellen, Histiocyten (Klasmotocyten), voll¬ 
gestopft mit Farbstoffkörnchen waren. Im lebenden Tiere hält 
offenbar die Placenta kolloidale Lösungen zurück. 

Einige weitere Arbeiten beschäftigen sich mit E r y t b r o - 
cytenfärb ungen. Studien über den Entstehungsnieehanis- 
mus der C a b o t sehen R i n g k ö r p e r in Erythroeyten bilden 
den Gegenstand einer Arbeit von V. Juspa (27). Die experi¬ 
mentellen Ergebnisse stammen von Blutpräparaten von Meer¬ 
schweinchen, die mit Bleiessig und Toluylendiamin unter Iler- 
vorrufung von Abscessen vorbehandelt waren. Ferner standen 
klinische Beobachtungen von schwerer akuter Leukämie und j»re¬ 
gressiver perniziöser Anämie zur Verfügung. Die Färbung geschah 
nach der kombinierten May-Grünwald-Giemsa - Methode. 
Juspa nimmt an, daß die Cabotkörper den p e r i p h erst e n 
Teil des Kernes, mit großer Wahrscheinlichkeit seine Mem¬ 
bran darstellen. Sie entstehen in einem atypischen Reifungspro- 
zesse dadurch, daß nach Auflösung und Vakuolisierung der Kern 
Substanzen nur der periphere Teil persistiert. Die Kompliziertheit 
der Cabotkörper ist aus den vielfältigen und komplizierten Koni¬ 
formen zu erklären, ihre zuweilen vorkommende Multiplizität aus 
amitotischen Kernteilungen oder Kariorhexis. Die Cabotkörju r 
färben sieh weder wie Kernchromatin noch Parachromati» oder 
Basoplastin. Semiotisch sind sie im Sinn einer pathologischen 
Regeneration zu deuten. 

Kronberger veröffentlichte 1912 Resultate einer 
Methylenblau - Pikrinsäure - Färbern etho de, 
durch welche in menschlichen reifen Normocyten 
karmoisinrote kreisrunde Gebilde, „centrale Chro¬ 
matinkörper“, dargestellt wurden. Grosso (28) prüfte das Ver¬ 
fahren außer an Menschenblut bei Affen, Pferden, Rindern, Schafen, 
Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Mäusen nach. Die be- 
zeichneten Gebilde waren im Affen-, Meerschweinchen-, Ratten- 
und Mäuseblute deutlich nachweisbar, färbten sich bei Kaninchen-, 
Rinder- und Schafblut schwer und waren auch im Pferdeblute’ 
schwer zu entdecken, weil die Erythroeyten eine zu dunkle, oliv¬ 
grüne Farbe einnahmen. Auffallend war das Fehlen der „Kern¬ 
reste“ bei einer anämischen Patientin sowie der Umstand, daß 
bei Kaninchen durch Einspritzung von hämolytischem Serum mit 
conseeutiver reger Blutbildung ein Deutlicherwerden der Ge¬ 
bilde nicht zu erzielen war. Ebenso ließ der Befund bei Kaninehen¬ 
embryonen im Stich. Grosso trägt, daher Bedenken, 
die Gebilde als Kernreste zu deuten, zumal sie ge¬ 
rade bei den meisten jugendlichen polychromatischen Erythro- 
cytenformen fehlen. Simultanfärbcvcrsuche mit einem von 
Grosso hergestellten M e t h y 1 g r ii n p i k r i n a t ergaben be¬ 
züglich der K r o n b e r g e r sehen Gebilde negative Resultate. 


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432 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


il. April. 


In Analogie mit den Döhle sehen Leukocyteneinschlüssen j 
bei Scharlach beschreibt MilosNetouSek (29) inErythro- 
cyten bei Mäusen unter scheinbar normalen Verhältnissen I 
isolierte Einschlüsse, welche nach dem Ausfälle der 
mikrochemischen Reaktion als singuläre Spongio- 
plasmarückstände aufzufassen sind. Die Einschlüsse er¬ 
scheinen im May-Giemsa-Präparat dunkelblau. Aus der Methyl- 
griin-Pyroninmischung nehmen sie das Pyronin auf. 

Eine von der modernen Theorie über die Herkunft der 
Blutplättchen von Megakaryocyten abweichende Auffassung 
vertritt Winogradow (30). Der Autor gehört zu denjenigen, 
welche nach der Nucleoidtheorie die Herkunft der Blutplättchen 
auf Derivate des Erythrocytenkerns zurückführen. Nach der von 
Winogradow* angegebenen Technik (Giemsafärbung), bei 
welcher die Methylalkoholfixierung des noch feuchten Prä¬ 
parats zu bemerken ist, finden sich in den Erythrocyten normaler 
und anämischer Menschen endoglobuläre Gebilde von purpurroter 
Färbung, in denen sich ein sternförmiger Bau unterscheiden läßt 
Bei einigen von ihnen ist im Centrum ein intensiv gefärbter, einem 
Jollykörper ähnlicher Punkt zu bemerken. Hiernach soll das Oxy- 
chromatin des Kernes als Baumaterial der Blutplättchen dienen. 
Die Abnahme der Menge der Blutplättchen in Fällen von perni¬ 
ziöser Anämie scheint nach Winogradow dadurch zu erklären 
zu sein, daß ihr Austritt aus den roten Blutkörperchen infolge der 
Erhöhung der osmotischen Resistenz eine Verzögerung erfährt. 

Neue Vorschriften über die Darstellung der Oxvdase- 
g r a n u 1 a mit «-Naphthol-Gentianaviolett bringt L o e 1 e (31): 

1. Uebergießen des lufttrocknen Ausstrichs mit einer alko¬ 
holischen (zur Fixierung) Gentianaviolettlösung (drei Teile Alkohol 
[75 u / 0 ig|, ein Teil wäßrige Gentianaviolettlösung). Einige Minuten. 

2. Abspiilen mit Wasser. Uebergießen mit alkalischer 


«-Naphthollösung (ein Teil Naphthol in einem Teile Kalilauge 
[95 °/ 0 igj gelöst auf 200 Teile Wasser). Eine Minute. 

3. Alkohol, Nachfärbung mit Eosin. Einbettung in Balsam 
nach Alkohol, Xylolbehandlung. 

Die Färbung ist nach L o e 1 e besonders zur schnellen Orien¬ 
tierung für Blut- und Milzausstriche usw. geeignet. 

Literatur: 1. J. Kohan, Milzexstirpation bei pernieiöser Anämie. Fol. 
haemat, Bd. 19, H. 1. — 2. F. Parkes Weber, Apiastische Anämie. Ebenda. 
Bd. 19, H. 1. — 3. J. M. Wolpe, Einfluß des Pflanzenphosphors auf den Blm- 
bestand. Ebenda, Bd. 18. H. 2. — 4. Pan im und Tidy, Atypische Leukämie- 
fäile. Ebenda, 1913, Bd. 17, H. 3 u. 4. — 5. A. Krjukow, Einschlüsse in Leber¬ 
zellen bei Lymphocytenleukftmie. Ebenda, ßd. 18. H. 1. — 6. C. Kreibich, 
Plasmomyeloni der Haut. Ebenda. Bd. 18, H. 2. — 7. J. Rieux, Sote sur ta 
cytologic* du sang dans le paludisme. Ebenda, Bd. 17, H. 4. ~ 8. H. Oelhafen, 
Knochenmarksriesenzellen im strömenden Blut. Ebenda, Bd. 18, H. 3. - 9. 
R. Kipp, Cytologischer Befund bei Pleuritis exsud. tub. Ebenda, Bd. 18, R 1. 
— 10. M. Walsser, Klinische Viscosimetrie. Ebenda. Bd. 19. H. 1. — 11. F. 0t- 
tiker, Erythrocytenresistenzprüfung und Wesen der Hämolyse. Ebenda, Bd. 18, 
H. 2. — *12. A. Kagan, Erythrocytenresistenz und Saponinvergiftung. Ebenda. 
Bd. 17. H. 3. — 13. Daumänn und Pappenheim, Hämolytischer Ikterus. Ebenda. 
Bd. 18. H. 4. — 14. Milos Netousek, Experimentelle Toluylendianiinvergiftung. 
Ebenda. Bd. 18. H, 4. — ln. R. Hertz, Experimentelle myeloische Milzmeta- 
piasje. Ebenda, Bd. 18. H. 3. 1(5. F. Heuer, Zusammensetzung der Heinz- 

körper bei Phenylhydrazinanämie. Ebenda, Bd. 18. H. 2. — 17. G. Quadri, 
Bildung von Urobilin aus Hämoglobin. Ebenda, Bd. 19. H. 1. — 18. Muster 
und Krumbhaar. Normales Hundeblut. Ebenda, Bd. 18, H. 4. — 19. W. Roer* 
dansz, Blutkörperchenzählung. Ebenda, Bd. 18, H. 1. -- 20. R. Kiyono, Histio- 
cytäre Blutzellen. Ebenda, Bd. 18, H. 3. — 21. Milos Netouiek, Enriothelieu 
im strömenden Blut. Ebenda. Bd. 17. H. 3. 22. Derselbe, Endothelien und 

Monoeyten. Ebenda. Bd. 19, H. 1. — 23. Pappenhein) und Fukushi, Natur der 
lymphöiden. peritonealen Exsudatzellen. Ebenda, Bd. 17, H. 3. - 24. S. Tscba* 
schin, «Ruhende Wanderzellen“. Ebenda. Bd. 17, H. 3. — 25. K. Steudemani, 
Phagocytose in der Milz. Ebenda. Bd. 18. H. 2. — 26. P. Hofmann, Vitale 
Färbung embryonaler Zellen in Gewebskulturen. Ebenda, Bd. 18, H. 2. - 27. 
V. Juspa, Cabotsche Körper. Ebenda. Bd. 17, H. 4. 28. G. Grosso, Kern- 

I persistenz bei reifen Säugetiererythroevten. Ebenda. Bd. 18. H. 1. 29. Milos 

Netousek, Singuläre plastinische Basoplasmareste inMäuseerythroeyten. Ebenda, 

I Bd. 19, H. 1. — 30. W. Winogradow, Herkunft der Blutplättchen. Ebenda. 

I Bd. 18, H. 3. — 31. W. Loele, Oxydasereaktion. Ebenda, Bd. 18. H. 4. 


Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 13. 

Bernhardt: Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven. 

Aus den bisher vorliegenden Berichten der Autoren, die Gelegenheit 
hatten, Kriegsverwundete zu beobachten und zu behandeln, geht hervor, 
daß Lähmungen des Nervus radialis sehr häufig sind, daß Plexuslähmungen 
(Plexus cervicaliß) sich ihnen, was die Häufigkeit betrifft, ansehließen; in 
der Reihenfolge nehmen Verletzungen des Nervus isclnadiens beziehungs¬ 
weise seiner Aeste die nächste Stelle ein, es folgen dann Läsionen 
einzelner Armnerven (isoliert beziehungsweise kombiniert). Verletzungen 
von Hirnnerven sind in nicht geringer Anzahl beobachtet, nehmen aber 
immerhin keine so hervorragende Stellung, was ihre Zahl betrifft, ein, wie 
die Lähmungen der Nerven der oberen und unteren Extremität. Die 
Neurolyse, das Loslösen der geschädigten Nerven beziehungsweise des 
Nerveoastes aus seinen narbigen Verwachsungen, ist eiue von nickt 
wenigen Autoren, speziell Chirurgen, dringend empfohlene Maßnahme. 
Wanne Bäder, Heißluftbehandlung, Novocain-Suprarenineinspritzungen 
lindern in manchen Fällen diese Schmerzen. (Schluß folgt.) 

Rosenfeld (Breslau): Krieg und Ernährung. Es gilt zunächst 
als Grundgesetz: „Nichts vergeuden“ und „nicht über den Bedarf essen"! 
Jetzt heißt es, gerade mit dem Brote sparsam zu sein, damit das Brot¬ 
korn bis zur nächsten Ernte und darüber ausreicht. Eine weitere Auf¬ 
gabe ist, mit dem Fette zu sparen. Das Sparen geschieht, indem wir das 
Fett ersetzen durch Pflaumenmus, Sirup, Honig, Marmeladen oder durch 
Quark (mit Salz oder Zucker abgeschmeckt), durch Streichen des Brots 
mit weicher Wurst. Das Sparen mit Fleisch ist eine einfach zu befolgende 
Vorschrift. Man genieße jedenfalls nur einmal am Tage Fleisch. 

Edel (Berlin-Wilmersdorf): Beitrag zur Entstehung und Verhütung 
von Herzkfappenfehlem bei Soldaten. Zu den bisherigen Untersuchungs¬ 
methoden muß eine Prüfung des Herzmuskels treten in bezug auf die 
Widerstandskraft (Pulszahl) und in bezug auf die Zeit, nach welcher das 
Herz zur normalen Pulszahl zurückkehrt. Man läßt die jungen Leute, 
deren Herz man geprüft und notiert hat, etwa 10 mal schnell die Treppe laufen, 
untersucht dann das Herz auf Geräusch und Schlagfolge und prüft nach 
einer halben bis einer Minute, ob die vorher notierte Schlagfolge wieder 
zurückkehrt oder ob jetzt ein Geräusch zu hören ist. Solche Unter¬ 
suchungen an einem großen Rckrutenmaterial, nach dem Turnen, nach 
starken Märschen usw. fortgesetzt, müssen eine Formel ergeben, nach 
welcher man die Kraft des Herzens mißt aus der Zeit, die nach be¬ 
stimmten Anstrengungen bis zur Erholung gebraucht wird. 

Ebeler imd Löhnberg (Köln): Weitere Erfahrungen mit der Ab- 
derhaldenschen Fermentreaktion. Nach den vorliegenden Untersuchungs¬ 
ergebnissen gibt das Abderhaldensche Dialysierverfahren für die Schwanger¬ 


schafts- und Carcinomdiagnose zwar keine einwandfreien, doch immerhin 
ziemlich gute Resultate. Wenn auch die zahlreichen positiven Befunde 
der Nichtgraviden auf den ersten Kindluck die Specifität der Reaktion 
stark in Zweifel zu stellen scheinen, so ist es angesichts der gegenwärtig 
herrschenden Anschauungen entschieden verfrüht, diese Frage schon heute 
beantworten zu wollen. 

Lutz (Berlin-Pankow): Untersuchungen über die Wirkung des 
künstlichen Camphers. Irgendwelche schädlichen Nebenerscheinungen 
sind bei der subcutanea Anwendung des künstlichen Camphers der drei 
genannten Marken selbst bei häufigster Anwendung hei keinem Patienten 
beobachtet worden. Nach den Ergebnissen der Herzfunktionspriifungen 
nach Kat zen sie in muß auch der künstliche Campher als ein Mittel be¬ 
trachtet werden, das wohl imstande ist, den natürlichen Campher zu er¬ 
setzen. Doch müssen weitere Untersuchuugsresultate noch abgewartet 
werden. 

Lieske (Leipzig): Aerztliche Rechtsfragen. Uebersichtsreferat. 

Reckzeh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 191 5. Nr. 13. 

Goldscheider und Aust: Usber die speclfische Behandlung d« 
Typhus abdominalis mit abgetöteten Kulturen von Typhusbacillen. Es 

wurden im ganzen 57 Typhuskranke, mit Ausschluß solcher Falle, die 
von vornherein sehr leicht erschienen, und solcher, bei denen Kompli¬ 
kationen (Pneumonie. Herzschwäche, Darmblutung usw.) bestanden, in 
verschiedenen Stadien behandelt. Benutzt wurde der Marx sehe Imp* 
stoff. Durch die Injektion der Typhusbakterienleiber, die doch Toxin 
enthalten, wird zwar die Aufgabe des typhusdurchseuchten OrganUmu?. 
anzukämpfen gegen die schon in ihm vorhandenen Typhusbakterien, ohne 
Zweifel erschwert. Aber man darf sich auf Grund von Analogien vor- 
stellen, daß dadurch unter Umständen ein Anreiz zur erhöhten Bildung 
von Schutz- und Abwehrstoffen geliefert wird. Der Organismus soll zu 
einer Mehrarbeit gezwungen werden. Der Erfolg dieser künst ic ^ 
Reizung wird aber davon abhängen, ob der Organismus über die rii * 
verfügt, diese Belastungsprobe nicht bloß auszuhalten, sondern mit ein? 
Mehrleistung zu beantworten. Man wird aber an die Grenze der 
lastung am leichtesten gelangen oder sie überschreiten, wenn n)^ 
bei einem schweren Typhus oder in der Continua eines solchen eine gw 
Vaecinedosis einverleibt. Bei bereits fallender Tendenz der Fieberen 
wird aber eine höhere Dosis den Organismus eher zu verstärkter 8c > tn 
Stoffbildung anregen. Daraus ergibt sich die scheinbar paradoxe ^ C1 
bei schweren Fällen, bei strenger Continua kleine Dosen: bei ^ eic ,l. e f. 
zu Remissionen neigenden Fullen, in den mehr remittierenden 
Stadien größer© Dosen. Die Antigenbchandlung des Typhus 


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UMIVERSITY OF IOWA 







433 


11 . April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


nach den Verfassern ein weiteres Studium, denn ihr kommt unter ge¬ 
wissen, genauer milgetcilten Umständen eine Heilwirkung zu. Tm ganzen 
war freilich in den obigen Fällen die therapeutische Ausbeute nicht groß. 
Wenn die Vuccination ein spcci fisch es Heilmittel des Typhus wäre, 
so müßten sich die therapeutischen Ergebnisse ganz anders darstcllen. 

Carl Maase und Hermann Zondek (Berlin): Herzbefunde bei 
Kriegsteilnehmern. Es handelte sich durchweg um Soldaten, die kurz 
nach Beendigung von sehr großen strapaziösen Märschen leicht verwundet 
iuifgenommen wurden. Ihre Marschleistungen beliefen sich im Durch¬ 
schnitt auf etwa 40 bis 45 km täglich, bisweilen vier Wochen lang, und 
zwar ohne größere Ruhepausen, häufig ohne vorheriges Training und 
unter starken seelischen Aufregungen. Es zeigten daher in einem erstaun¬ 
lich hohen Prozentsätze der Fälle die Herzen der betreffenden Soldaten 
in bezug auf ihr Volumen auffallend große Abweichungen von der Norm 
lauf dem Röntgenbildc wurde der Ordinatenabstand der beiden äußersten, 
in der Horizontalebene gelegenen Punkte des Herzens gemessen, ferner die 
Linge des Herzens von der Herzspitze bis zum rechten Gefiißvorliofs- 
winkel). Das in der Mehrzahl vorhandene Bild war das des gleichmäßig 
ddatierten Herzens (Kugelherz). Daneben fand man aber auch isolierte 
Erweiterungen des einen Herzteils, namentlich des rechten. Der Unter¬ 
schied dieses Infanteristenherzens ist, wie an einem Röntgenbilde gezeigt 
wird, gegenüber den Herzen von Kavalleristen, besonders aber von Feld- 
; ' 1, :tnilleristen so evident, daß jede andere Entstehungsursache als die 

enormen Marschleistungen kaum in Betracht kommt. Die Funktion des 
^>L Herzens war im ganzen gut. Die Funktionsprobe zeigte nach kurzen, 

einmaligen Anstrengungen (zehnmaliges Hinauf- und Hinunterlaufen einer 
iv-.v Treppe) ein allmähliches Absinken der hochangestiegenen Pulsfrequenz. 

Die Leute konnten schließlich bis auf wenige Ausnahmen als felddienst- 
ij-i 1 * hihig entlassen werden. 

August Fischer (Darrastadt): Ein Beitrag zur Explosivwirknng 
des Mantelgeschosses. Es ist nicht angängig, aus dem Befund einer 
r on: *n auf die Verwendung von Dumdumgeschossen zu schließen. 

Aber auch wenn Wunden außer den Merkmalen der Sprengwirkung Reste 
des explodierten Geschosses, Mantelreste und den auseinandenresprühten 
Hleikern aufweisen, braucht es sich nicht um ein Dumdumgeschoß ge- 
Welt zu haben, wie der Verfasser an einem Falle zeigt. Hier erhielt 
ein deutscher Soldat einen Schuß aus der eignen Schützenlinie. Es 
kam zu einer Explosivwirkung eines Mantelgeschosses (der Nickelgeschoß- 
mautel wies auf ein deutsches Geschoß hin). Man fand den zersprengten, 
vom Bleikerne gelösten Geschoßmantel oberflächlich in der Wunde liegend, 
er atte im Zerspringen einen Tuchfetzen mitgerissen. Das Geschoß 
.. | V rau , e f fort beira Auftreffen auf den Knochen 'zerschellt worden sein, 
wahrend der zerstiebende Bleikern die weitere Zerstörung besorgte. Es 
war nber rucht die Wirkung eines „Nahschusses“ (dabei trennt sich 
mcht der Mantel vom Kerne, das Geschoß bleibt vielmehr an sich intakt). 
ie Eigentümlichkeit, beim Aufschlagen zu zerspringen, können nur Ge¬ 
schosse haben, die fehlerhaft sind, deren Mantel einen Defekt hat. Daß 
in m vorliegenden Fall an dem Geschoss nicht etwa die Spitze des 
.vhmtels gefeldt hat, war noch am zertrümmerten Mantel zu sehen. Auf 
‘-Ciiicliplatzen sind solche Geschosse als Mantelreißer bekannt. 

Hönck. Zur Bekämpfung der Kleiderläuse. Beschreibung einer 
n den Kaumen einer Brauerei ad hoc eingerichteten „Bade- und Reinigungs- 
■' p nst ' 1 ’ ^ ^ ausnahmslos unter Benutzung der vorhandenen Maschinen, 
llm Pcn, asstns, Dampfkochapparate, der Dampf- und Wasserleitung 
C ? e& 1 Wüf den Die Soldaten bekommen unter stetem Gebrauche 
1 Uv^T . ! hre warme brause, gleichzeitig werden Kleidungsstücke und 
•V . , ■ e m e * serue Kessel gelegt, in die Dampf aus einem Dampfkessel 

, '^eingelassen wird. Bei einem Druck von etwa l / 4 Atmosphäre zeigt 
i s ermoraeter etwa 115° C an. Stetig strömt aus dem Sicherheitsventil 

/zl, i ^ ^ er Fessel Dampf ab. Nach 25 Minuten ist die Desinfektion 

ot (aüe Läuse und Eier sind abgetötet). Die Kleider werden durch 
ra iges Schütteln von dem sie durchdringenden Dampfe befreit und 
sind warm und trocken. 

k Richard Steinebach (Dortmund): lieber die Cerebrospinalflßssig- 
«na über die Wirkung der Lumbalpunktion beim Dilirium potatorum. 

, er T mc ^ ^ Liquors ist hierbei meist gesteigert. Die günstige Wirkung 
er . -iimbalpunktion ist daher zum Teil wohl die Folge der Druck- 
J§fU. wahrscheinlich aber spielt die Verringerung einer im Liquor 

J5 p " tenen / J iftmenge die Hauptrolle. Der Alkoholgehalt des Liquors 
i. U d' a , er * n Beziehung zum Delirium. Er ist wohl abhängig von 
er zui e t z t genossenen Menge geistiger Getränke und der seitdem ver- 
i ' a ^ enen Aber da ein Delirium häufig während der Alkohol- 
_ ^ s inenz ausbricht, kann auch die Drucksteigerung des Liquors beim 

f irium nicht durch Alkohol ausgelöst sein. Der Reizzustand der 
, jj nin jj en eQtste ht somit beim Delirium auf ganz andere Weise als beim 
t ■ Ma n kann hierfür vielleicht ein besonderes Gift annebmen, das 

m ^ lrn brper durch die chronische Gewebsschädigung des Intestinaltruktus 
ent5tv ^ ,lm ' ( l urcb irgendwelche Umstände (Störungen des Atmungs- 


| apparats oder des Gaswechsels?) nicht zur Ausscheidung gelangt. Da¬ 
durch reizt es die durch den chronischen Alkoholismus geschädigten 
Hirnhäute und vermehrt die Liquormenge. 

R. Koch (Frankfurt a. M.): Gibt es eine erfolgreiche Scharlach* 
! behandlung? Angelegentlichste Empfehlung des Rekonvaleszenten- 
! serums, das starker wirkt als das allerdings leichter zu beschaffende 
! normale Menschenserum. Man gibt intravenös ganz kleinen Kindern 
j 50, sonst mindestens 100 ccm. Da man keine Methode hat, den Anti- 
1 toxingehalt des Serums zu bestimmen, geht man sicherer, wenn man 
Sera, die von mehreren Rekonvaleszenten stammen, mischt. Das in 
Ampullen eingeschmolzene Serum muß durch mehrtägiges Ablagern in¬ 
aktiviert werden. Bei der Infusion lege man in den Glastrichter ein 
steriles Papierfilter, damit nicht Gerinnsel in die Blwthahn gelangen. 
Einwandfrei ist nur die Einwirkung auf schwer toxischen, unkompli¬ 
zierten Scharlach in den ersten zwei oder drei Krankheitstagen. 

Friedrich Karl (Berlin): Magencarcinora bei einem neunjährigen 
Jungen. Der Kranke war zum Skelett abgemagert (Gewicht 2S Pfund) 
Bei der Operation wurde am Pylorus ein kindsfaustgroßer, unregelmäßiger, 
höckeriger Tumor gefunden, der leidlich gut beweglich war. Die mikro¬ 
skopische Untersuchung der entfernten Geschwulst ergab einen infil- 
| trierenden, kleinzelligen Cancer, der sämtliche Schichten der Magenwand 
bis auf die So rosa durchsetzt hatte. Drei bis vier Wochen nach der 
Operation hatte der Knabe 18 Pfund zugenommen. Einen Monat darauf 
betrug die inzwischen weiter erfolgte Gewichtszunahme zehn Pfund. Trotz 
1 dieses beträchtlichen Erfolges dürfte nach den allgemeinen Erfahrungen 
j die Prognose bei so jugendlichem Carcinom sehr ungünstig zu stellen sein 
I Karl H irsch (Berlin): lieber ankylosierende traumatische Arthritis, 

j Infolge alleiniger Einwirkung eines Traumas kann es in wenigen Woehen 
I zur Ausbildung knöcherner (ielenkankylosen kommen, die mit oder ohne 
j Knochenatrophie verlaufen. Man sollte in Zukunft bei den traumatischen 
1 Arthritiden mehr auf diesen Punkt achten. 

! Fr. Hammer (Stuttgart): Zur Behandlung der Hämorrhoiden und 
des Eczema anale. Der Verfasser bestätigt die Ansicht v. Lenhosseks 
1 von der Schädlichkeit der in den Analfalten zurückbleibenden Fäkalreste 
! und empfiehlt daher gleichfalls in der Hauptsache das Aiisspülen des 
Anus nacli der jedesmaligen Defiikation mit kleinen Fh'issigkeitsmengen. 
Danach hat sich eine Trockenlegung der Analgegeud anzuschließen, und 
zwar durch spirituüse Waschung und Einpudemng. Zum Schluß wird die 
j Behandlung der Analfissuren besprochen. 

| Hans Rosentlval (Charlottenburg): Zur Behandlung des 

i Schnupfens. Sie geschieht bei den ersten Anzeichen mit dem Salicvl- 
! präparat Piplosal (zweistündlich, und zwar sechsmal pro die 1 Tu- 
j blette) und zwischendurch ein- bis zweimal Dion in 0,03 mit Sacch. 0,5. 

! Das Dionin wirkt auf die peripherischen NervenemJigungen ein und he- 
j seitigt die Hyperämie, wodurch die Sekretion versiegt. Beim Diplosal 
tritt die Wirkung der Salicylsäure nicht so stürmisch ein, und dadurch 
I kommt es nicht zur Schweißbildung. Mit dieser Methode kann man 
häufig einen ausbrechenden Schnupfen kupieren. Um ihn ganz zu be¬ 
seitigen, läßt man nach ein bis zwei Tagen dieselbe Kur wiederholen 
und, falls Husten dabei ist, abends noch ein Dioninpulver nehmen. 

H. Boruttau (Berlin): Strohpulver als Nahrungsmittel und 
FutterstoH? Die Verwendung des auf Friedenthals Anregung hin 
hergestellten pulverisierten Haferstrohs für die menschliche Ernährung 
wird vom Verfasser abgelehnt. Zur Ersparnis und zum Ersatz der so 
knappen vorhandenen Futtermittel aber könnte ein durch mecha¬ 
nische Aufschlioßuug besser auszunützendes Stroh wertvoll sein. 
Die praktische Durchführung dieser Methode ist aber vorläufig noch tech¬ 
nisch so schwierig und daher so kostspielig, daß sie sich ökonomisch 
nicht lohnen dürfte. p Bruck 

Münchner medizinische Wochenschrift 191 5. Nr. 13 . 

v. Taborn (Straßburg): Die Typhusbehandlung im Felde. Die 

Bäderbehandlung wird verworfen, dagegen die Pyramidontherapie warm 
empfohlen. Verabfolgt werden pro die sieben Eßlöffel (zirka 105 ccm) einer 
1 %igen Lösung (und zwar davon fünf Eßlöffel am Tage, zwei des Nachts). 
Es empfiehlt sich ferner eine prinzipielle energische Digitalisierung. Alle 
höher Fiebernden oder sonst als mindestens mittelschwer imponierenden 
Fälle erhalten zunächst fiinfTage lang je sechsmal 0,1 Digipurat (bei besonders 
schweren wird das erste Gramm in 24 Stunden gegeben). Die weitere 
Verabreichung richtet sich nach dem Verlauf des Leidens. Die Toleranz 
der Typhuskranken gegen das Digipurat ist erstaunlich. Der Erfolg dieser 
Digitalistherapie war überaus nachhaltig; der Verfasser hat wiederholt 
Fidle gesehen, bei denen trotz eingetretener Periorationsperitonitis oder 
Lobärpneumonie der Puls tagelang, fast usque ad finain, gut blieb- 
Ebenso sah er Herzstörungen in der Rekonvaleszenz sehr selten. Die 
von ihm erreichte geringe Mortalitätsziffcr glaubt er vor allem dieser 
energischen Digitnlisthempie zuschreiben zu müssen. Es empfiehlt sich 
dringend, solange die Rekonvaleszenz dauert, immer wieder in siebentägigen 


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UNiVERSUY OF IOWA 




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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


Zeitabschnitten Stuhl und Urin bakteriologisch zu untersuchen, ehe man 
den Genesenden entläßt. 

M. Rhein (Straßburg): Zur Bakteriotheraple des Typhus abdomi¬ 
nalis. Zur Abortiv bchandlung de9 Typhus wurden intravenöse Injektionen 
von abgetöteten Tvplmsbacillen verwandt, und zwar bei 33 Patienten. 

Da in 48% der Falle eine wesentliche Abkürzung der Fieberdauer ein- 
Irat und in 30% eine Heilung in zwei Tagen erfolgte, dürfte bei jedem 
Fidle von unkompliziertem Typhus ein Versuch mit der Bakterio- 
therapie angezeigt sein. 

M. Matthes und A. Kannenborg: Ueber die Wirkung von 
tryptischen Verdauungsprodukten aus Typhusbacillen. Es handelt sich 
vorläufig um Tierversuche. Es gelang, bereits infizierte Tiere noch durch 
nachträgliche Injektion des Präparats zu retten und die Typhusbacillen 
zu vernichten. 

Erich Toenniessen (Erlangen): Längerdauemde Krankheits¬ 
erscheinungen in zeitlichem Zusammenhang mit der Typhusschutzimpfung. 

In zwei Fällen war kurz nach der zweiten beziehungsweise dritten Impfung 
eine Venenthromhose eingetreten. Diese ist bekanntlich beim Typhus nicht 
selten. Sie ist wahrscheinlich auf Schädigungen der Venen durch die 
Wirkung der Endotoxine (aus den toten Typhusbacillen) zurückzuführen. 
Auch bei der Immunisierung dürften die Thrombosen auf gleiche Weise 
zu erklären sein (denn die Impfung mit toten Bacillen kann die gleichen 
Veränderungen bewirken wie die lebenden Bacillen). Dann wird über den 
eigentümlichen Verlauf zweier typhöser Erkrankungen berichtet, bei 
denen die Impfung in die Inkubationszeit fiel beziehungsweise einer Pura- 
typhusinfektion vorausging. Alle diese Fälle können aber nach dem 
Verfasser den Wert der prophylaktischen Typhusschutzimpfung nicht beein¬ 
trächtigen. 

Wolf gang Weichardt (Erlangen): Ueber Typhusimmunisierung. | 
Zu beachten sind hierbei alle Kautclen, um die hin und wieder auf¬ 
tretenden geringen Schädigungen durch die Typhusendotoxine nach Mög¬ 
lichkeit auszuselmlten. 

Eugen Schlesinger (Straßburg): Die Begleiterscheinungen der 
Typhusschutzimpfung auf Grund von 1340 Impfungen. Besprochen werden 
ausführlich: die Lokalreaktion, die Erhöhung der Körpertemperatur, die 
Störung des Allgemeinbefindens und Folgeerscheinungen an einzelnen 
Organen. Selbst wenn die Begleiterscheinungen stärker auftreten, ver¬ 
schwinden sie doch fast ausnahmslos sehr rasch wieder. Wichtig ist 
eine vorsichtige, individualisierende Dosierung. Betont wird, daß es er¬ 
fahrungsmüßig mehrere Wochen dauert, bis die Schutzwirkung voll 
e intritt. 

Wolfgang Löwenfeld (Wien): Ueber eine Methode des raschen 
Typhusbacillennachweises. Der Verfasser versuchte, den üblichen kul¬ 
turellen Nachweis aus dem Blute zeitlich abzukürzen und einfacher zu 
gestalten. Dabei bediente er sich einer Methode, die zuerst Ban di für 
den Nachweis der Choleravibrionen aus dem Stuhl angegeben hat. Die 
Verwendung der Bandisehen Methode auf die Typhusdiagnostik ver¬ 
suchte er auch bei Stuhluntersuchungen. Er beschreibt sein Verfahren 
ausführlich. Damit konnte er auch in der Leiche aus der Gallenblase, 
aus einer Lymphdrüse und aus dem Liquor cerebrospinalis Typhusbacillen 
nachweiscn. In gleicher Weise ließe sich das Verfahren auch auf die 
Untersuchung des Harnes auf Typhusbacillen anwenden. 

Miilhens (Eslorf-Sieg): Zur Typhusdiagnose im Felde. Zur 
Prüfung kam die von Weis angegebene Modifikation der Diazoreaktion. 
Sic konnte aber nicht zur Klärung der Typhusdiagnose beitragen, da die 
Truppen meist gegen Typhus geimpft sind und hierbei ebenso wie eine 
positive G ruber-Widalsche Reaktion auch eine Diazoreaktion des 
Urins auf*ritt. 

Anna Perl mann: Farbmethode der Gruber-Wldal-Reaktion. Die 

geimpften Röhrchen wurden vor Ablesung der Resultate gefärbt, und 
zwar mit 0J>%iger alkoholischer Methylorangelösung. Die Farbe ge¬ 
stattet eine präzise Unterscheidung zwischen schwach positiven und 
negativen Fällen, während beim Ablesen der ungefärbten Flüssigkeit deren 
weiße milchige Trübung das Auge bald ermüdet. 

Jos. Rossie (Düsseldorf): Ortizon und Ort!tonstifte In der Wund- 
behandlung. Die Ortizonstifte enthalten 10 mal soviel Wasserstoffsuper¬ 
oxyd wie die 3%ige Ha Oa-Lösung, auch bringen sie eine Dauer¬ 
wirkung hervor, weil in der Wunde der Sauerstoff ist und vor Verbin¬ 
dung (Ortizon ist H a Os + Karbamid) allmählich abgespalten wird. 

A. Ne iss er (Breslau): Zur Salvarsantherapie bei Ulcus molle- 
Fällen. Man soll in bestimmter Lage auch ohne sichere Syphilisdiagnosc 
eine solche Behandlung einleiten, dabei aber dieses Vorgehen nicht zur 
allgemeinen Methode erheben, sondern für einzelne Fälle und Menschen 
reservieren. 

Fel<lürztlirh* Beilape Nr. 13. 

G. Perthes: Beitrag zur Prognose und Behandlung der Bauch¬ 
schüsse im Kriege. Besprochen wird zunächst nur die Prognose. Von 


134 in den dem Verfasser zugänglichen Feldlazaretten Gestorbenen 
starben 104 innerhalb der ersten drei Tage. Diese Tatsache eröffnet 
vielleicht das Verständnis dafür, daß die Prognose der Bauchschüsse bisher 
vielfach für ralativ günstig gehalten wurde. Weiter vou der Front ent¬ 
fernten Lazaretten geht ein filtriertes Material zu. Wer nur Bauchschüsse 
zu sehen bekommt, die den dritten odor einen noch späteren Tag der Ver¬ 
letzung erlebt haben, muß zu einer viel günstigeren Anschauung von der 
Mortalität der Bauchschüsse gelangen. 

Hosemann (Rostock): Das Operieren im Felde. Durch die Dauer¬ 
stellungen der kämpfenden Truppen im „Stellungskrieg“ ist ein weit ruhigeres 
ärztliches Arbeiten auch in den vorderen Linien, auf den Verbandplätzen, 
möglich. Man darf ungestraft den Verwundeten längere Zeit, Tage und 
Wochen, dicht hinter den Truppenstellungen belassen und pflegen, eine 
Möglichkeit, die für alle Verletzte voll auszimutzen ist, für die absolute 
Ruhe die erste Bedingung und auch ein kürzerer Transport direkt ge¬ 
fährlich ist (in erster Linie für Schädel- und Bauchschüsse). 

Walter Armknecht (Worms): Beitrag zum Wesen und zur 
Therapie der Gasphlegmone. Die starke Beschleunigung des Pulses 
(100 bis 120 pro Minute) ist eine wichtige Anfangserscheinung, bei der 
sofort operativ einzugreifen ist. Die Wunden werden mit Mull aus- 
tamponiert, der mit 10 %iger Ichthy olglycerinlösung getränkt ist. Um 
die ganze Extremität wird, wie beim Erysipel, bis oberhalb des Oedera> 
ein Verband gelegt aus icht hyolglyceringetränkten Lagen Mull. Diesen 
Verband bedeckt man mit gewöhnlicher Polsterwatte, die das Ichthyol 
nicht aufsaugt. Der Verfasser hat nach dieser Methode in der letzten 
Zeit zwölf, zum Teil sehr schwere Gasphlegmonen behandelt und alle 
durchgebracht. Auch bei ausgedehnten und beschmutzten Weichteilver- 
letzungen empfiehlt sich diese Behandlung (1 kg 10°/oiges Ichthyol¬ 
glycerin kostet höchstens 4 M, 1 kg Perubalsam dagegen 20 M). 

1 F. Weissgerber: Zur Behandlung der Frakturen im Kriege mit 

der Extensionslatte. Die Extensionslatte ist billig und überall zu be¬ 
schaffen. paßt für jede Körperhälfte und fördert das verletzte Glied so 
sicher, wie im Gips verbände. Wenn Sanitätskompagnien und Feldlaza¬ 
rette mit den leicht aus der Heimat zu beschaffenden Spiralfedern, Arcn- 
bligeln, Krampen und starken Bindfäden ausgestattet sind, ist es mög¬ 
lich, den Streckverband auch unter den primitivsten Verhältnissen im 
Feld anzuwenden. 

Bert hold Goldberg (Wildungen und Köln): Zur Behandlung 
der Harnverhaltung bei Rückenmarksschüssen. Die von Schum vor¬ 
geschlagene Cystostomie ist bei Rückenmarksverletzten nicht zulässig. 
Sie verhütet keineswegs die Urosepsis (diese entsteht, wenn die Bakterien 
durch Continuitütstrenuungen, durch Wunden der Harnwege in die Blut¬ 
balm dringen). Denn zur Urosepsis kommt es auch bei ungehindertem 
Harnabfluß; und die durch die Operation geschaffenen Wundflachen 
werden im Gegenteil den Eintritt der Harnkeime ins Blut erleichtern. 
Aber auch der Dauerkatheter kommt nur als Notbehelf in Frage. Schon 
bei Gesunden bewirkt der Dauerdruek des Verweilkatheters eine Ent¬ 
zündung der Harnröhre, die am ärgsten den prostatischen Teil schädigt, 
der sich der unmittelbaren Beobachtung entzieht. Bei Rückenmarks- 
verletzten wird sicli diese Urethritis zum Decubitus urethrae steigern. 
Der Verfasser empfiehlt als Regel: Vom Tage der Verwundung an* 
innerlich reichlich Salol oder Urotropin und Entleerung der Blase »narb 
Heißwasserseifenwaschung des Penis) dreimal in 24 Stunden mit einem 
| ausgekochten mittelstarken, mit Olivenöl angeschütteten Nelaton, wobei 
' jede Einspritzung, Spülung usw. zu unterlasseu ist. Die weitere Be¬ 
handlung muß einem Inlaudlazarett überlassen bleiben. 

I Ehrenfried Crämer: Ueber die völlige Ausreißong (avulslv) 

des Augapfels mit allen Muskeln durch Gewehrschuß. Eingehende Be¬ 
schreibung des seltenen Falles und Schilderung der schließlich von Erfo g 
gekrönten Versuche, ein normal großes Kunstauge einzusetzen, das bei 
ganz vorgebracht geöffneter Lidspalte festgehalten wurde. 

Otto v. Her ff: Zur Vertilgung der Läuse. Kopfläuse werden 
bei Frauen in folgender Weise beseitigt: Die Haare werden mit ts* 
badilltinktur (Semen sabadillae 1 zu Spiritus 10 von 83 bis 8b) 
tüchtig eingerieben und recht naß durchfeuchtet, wobei man die Augeu 
schützen muß. Nunmehr werden die Haare in ein Leinentuch ein 
geschlagen, das um Stirn, Ohrengegend und Nacken so fest unigebun *n 
wird, daß die Kopfläuse nicht herauskriechen können. Dieser Aernm» 
bleibt 12, höchstens 24 Stunden, je nach der Dichte des Haarwuc ^ 
liegen. Bei besonders langen Haaren und besonders zahlreichen 1 ^- eD 
empfiehlt es sich, die Prozedur nach sechs bis acht Tagen zu ^ 
holen. Bei Männern kommt Petroleum in erster Linie in ^ 
z. B. eine Mischung von Petroleum und Gel aa, die mehrmals am a r 
eingerieben wird. Je kürzer die Haare, desto besser. Gegebenen 1 > 
wären die Einreibungen nach sechs Tagen zu wiederholen. Bei K 61 
lausen werden die Kleider, wenn strömender Dampf nicht zur\ er ^» UI ^ n^. 
den Dämpfen der schwefligen Säure ausgesetzt. In einer größeren 
kiste, deren Fugen gut verdichtet werden müssen, etwa durch \ er' 1 


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11. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


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mit Papier, damit die Tiere nicht herauskriechen, werden in einer eisernen 
oder irdenen Pfanne Stangenschwefel oder Schwefelblumen abgebrannt. 
Die Kleider werden so verstaut, daß sie nicht anbrennen können, und 
der Deckel wird dicht geschlossen. Nach zwölf Stunden sind die Tiere 
und ihre Eier abgetötet. 

Schultz: Nltrobenzolvergiftong dnrch Einatmen eines Lätuemlttels. 
Sechs Soldaten hatten sich mit einer vermutlich Nitrobenzol enthaltenden 
Flüssigkeit eingerieben und waren der Einwirkung der Dämpfe ver¬ 
schieden lange Zeit ausgesetzt gewesen. Bei allen wurde danach die 
Hautfarbe gelblichweiß mit einem leichten Stich ins Graue, die Lippen 
lilaugrau. Im Zimmer war ein bittermandelähnlicher Geruch, mit 
j.eir 'oleumätherähnlichem Dunste gemischt, nachweisbar. Sämtliche 
Patienten wurden schließlich gerettet. 

Otto Jüngling: Zur Versorgung der Oberschenkelfrakturen im 
Felde. Im allgemeinen soll eine Oberschenkelfraktur nur im gefensterten 
liijisverband in die Heimat transportiert werden. Dessen Anlegung ist 
aber nur bei Sanitätsformationen und unter diesen meist erst beim Feld- 
lawreit möglich. Dem Truppenarzt stehen nur die bescheidensten Mittel 
m Verfügung. Die Technik des gefensterten Gipsverbandes wird genau 
beschrieben. Der Zug wird niemals am gestreckten Bein ausgeübt, 
sondern in Venenflexion und leichter Abduction (Uebertragung des 
für die Eltensionsbehandlung maßgebenden Prinzips auf den Gips verband). 
Eine Oberschenkelschußfraktur im gefensterten Verbände darf aber nur' 
im Lazarettzuge, nicht im Transportzuge befördert werden, dahier keine 
Wundkontrolle möglich ist. Bei infizierten Fällen sollte vor dem Ab¬ 
transport die Entfieberung unbedingt abgewartet werden, da ein 
Weit ergehen der Infektion möglich ist, was einen Eingriff erfordern 
kann, der auch im Lazarettzuge nicht durchführbar ist. Der Gipsverband 
muß aber in der Heimat dem Extensionsverbande mit folgender mediko- 
me< haniseber Behandlung und Massage Platz machen. Denn er ermög¬ 
licht eine genügende Stellungskorrektur in der Hegel nicht. Er im¬ 
mobilisiert nur und wirkt dadurch der Infektion entgegen. 

Hans Al brecht (München): Kriegschirurgische Erfahrungen aus 
dem Feldlazarett. Schluß. Die Aufgabe des Feldlazaretts wird außer¬ 
ordentlich erschwert durch die plötzliche Uebersehwemmung mit Ver¬ 
wundeten und durch die Notwendigkeit des alsbaldigen Weitertransports 
dieser in die rückwärtigen Lazarette. Die Feldlazarette sollten nicht 
weiter als 4 bis 6 km von dem Schlachtfeld entfernt eingesetzt werden, 
sonst können die Sanitätskompagnien ihrer Aufgabe, alle Verwundeten 
möglichst bald in die Feldlazarette zu führen, nicht gerecht werden. Be¬ 
sprochen werden eingehend die verschiedenartigsten zur Beobachtung 
gekommenen Verletzungen. Der Verfasser konnte übrigens konstatieren, 
daß die vom Hauptverbandplätze kommenden Mastisolwundverbände eine 
durchaus ideale Wundbedeckung darstellfcen, während die Verbände mit 
den \ erbandpäckchen, auch wenn sie noch mit Heftpflasterstreifen be¬ 
festigt waren, sehr häufig Bich verschoben und zur Entblößung der 
unde geführt hatten. Die Narkose geschah nur mit Chloroform 
Schema: jede Minute 30 Tropfen!). Die Aethernarkose dagegen verlangt 
'he Mitführung erheblich größerer Mengen des Narkoticums (für den 
Aetherrausch allein pro narcosi 50 bis 60 gl), Aether ist ferner bei 
offenem Licht (in der Nacht) zu feuergefährlich, und endlich erfordert die 
Aethernarkose einen geübteren Narkotiseur als die Chloroformtropfnarkose. 

Fürst: Ein Improvisierter Desinfektionsapparat für den Feld- 
wreübetrieb. Als Dampfquelle wird die Benutzung der Feldküche 
empfohlen. 

v i^ ius Herbst (Nürnberg): Ersatz für Gummlklssen. Angelegent- 
c rto Empfehlung von Hirsespreukissen, die beliebig oft ausgekocht 
je en können fdabei werden sie durch ein paar Backsteine beschwert, 
amit sie vollständig vom Wasser bedeckt sind). Dem Wasser wird 
? l enpulver zugesetzt (Schneehase oder Persil). Die Kissen werden zum 

r „ en auf die Heizung gelegt und sind in 24 Stunden wieder ver¬ 
wendbar. 

Lruner: Krampfadern und Diensttauglichkeit Bei einer Moste - 
des ungedienten Landsturms zeigte ein 27 jähriger gesunder, kräf" 
l - n "® ann Erweiterungen der Blutadern beider Beine, wie sie stärker kaum 
werden können: Ueber die Haut des ganzen Beins erhoben sich 
jneranndicke Stränge, zum Teil zu Knäueln zusammengeschlossen. Die 
1 r ‘ iQ ^ Ahlten sieh weich an; das in ihnen enthaltene Blut ließ sich 
wöralwärts gut verstreichen. Die Haut batte die gewöhnliche Färbung 
lü> \f^ te n ' r ^ eQ( * s ^’beu oder Flecken. Es bestanden keine Oedeme. 

,'7 ^ aDn durchaus bei der Infanterie eingestellt werden und wies i 
seine großen Leistungen im Marschieren lind Turnen hin, An- 
eD * die sich bei der Nachprüfung bestätigten. Man sollte daher 
eue auch mit hochgradigen Blutadererweiterungen, die selbstverständ- 
Dlc ht zum Aufbrechen neigen dürfen und ohne Oedeme bestehen 
nach ihren Leistungen erforschen und eventuell „versuchs- 
einatellen. F. Bruck. 


Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr, tl , 

J. Ballner: Ueber die Tragfähigkeit des Amputationsstampfs. 

Mit einem Nachworte von Prof. Freiherrn v. Eiseisberg. Diese sehr ein¬ 
gehende, noch in Friedenszeiten entstandene Arbeit sei allen Feldiirzten 
bestens empfohlen. Es wird das Bunge sehe (modifizierte Biersche) Ver¬ 
fahren für die Amputation angeraten. In einem Nachwort empfiehlt 
v. Eißelsberg gleichfalls die Operation nach Bunge: sie ist gegenwärtig 
die am leichtesten auszuführende Methode zur Erzielung eines tragfähigen 
Stumpfes, so leicht und einfach, daß sie jeder Arzt, selbst wenn er unter 
den einfachsten Verhältnissen tätig ist, ausführen kann. 

Prof. Riehl: Bemerkungen über Erfrierung. Aus den sehr inter¬ 
essanten, aber mehr theoretischen Erörterungen sei für die Praxis der 
Rat zu konservativster Therapie und die Empfehlung hervorgehoben, 
bereits einmal erfroren gewesene Hautpartien schon im Herbste mit 
Wolle oder Seide zu bekleiden, anliegende enge Schuhe und Handschuhe 
zu vermeiden und durch Tragen von Pulswärmern und Muff schon lauge 
vor dem Winter dem Ausktihlen der Hände und Füße vorzubauen, weil 
bei langer Einwirkung schon die kühlere Lufttemperatur in den Herbst¬ 
monaten, die sich zwischen •+■ 2 und 5 0 bewegt, Erfrierungen ersten 
und zweiten Grads hervorruft. 

P. Blau: Ueber einen Fall von Tetanie bei einem Landsturmmanne, 
kombiniert mit anfallsweise auftretenden Krämpfen in willkürlich bewegten 
Muskeln. (Myotonia congenita? Thomsensche Krankheit) Der Fall 
konnte an der entlegenen Küstenstation, wo er zur Beobachtung kam, 
nur ungenau, elektrisch gar nicht untersucht werden. Kombinationen 
von Thomsenscher Krankheit mit Tetanie sind im übrigen in der 
Literatur bereits beschrieben. 

N. v. Jagic: Ueber das Verhalten der Körpertemperatur bei 
Dysenterierekonvaleszenten. Dem Fieber kommt bei Dysenterie eine 
weit geringere klinische Bedeutung zu als bei andern Infektionskrank¬ 
heiten. Es können bei normalem subjektiven Befinden und normalen 
Stuhlentleerungen noch rektoskopisch nachweisbare geschwürige Darm¬ 
veränderungen vorhanden sein. Subfebrile Teraperattuen stillten ge¬ 
legentlich auf eine im Felde überstandene Dysenterie aufmerksam machen. 

Misch. 

Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 12. 

L. v. Liebermann: Einige Gesichtspunkte für die hygienische 
Beurteilung industrieller Abwässer. Die Mannigfaltigkeit der Industrien 
mit der Verschiedenheit ihrer Abwässer und die Verschiedenheit der 
örtlichen Verhältnisse lassen für die Beurteilung der Abwässer keine 
allgemeingültigen Regeln geben. Es werden indessen einige für die 
Praxis wichtige Gesichtspunkte für die Neugründungen industrieller An¬ 
lagen in bezug auf die Schädigung der Fischzucht, der Luftverpestun" 
und für das Trinkwasser gegeben. ° 

F. Demmer: Erfahrungen einer Chirnrgengruppe Im Beterrelchisch- 
russischen Feldzuge 1914, IS. Es sind in Oesterreich sogenannte Chirurgen- 
gruppen aus den einzelnen Kliniken, chirurgische Arbeitseinheiten 
gebildet worden, wobei durch die gleiche Schule und die geschulte Zu¬ 
sammenarbeit größere Leistungsfähigkeit erzielt werden konnte Ueber 
ihre Erfahrungen wird bei Abschluß der Veröffentlichung berichtet werden 

Val. Lucas: Partus nnllateralls In utero dydelpho. Der Fall ist 
wegen der diagnostischen Schwierigkeiten sehr instruktiv, die sich unter 
den ungünstigen Untersuchungsverhiiltnissen ergaben, weil man digital 
immer in die Scheide des nicht graviden Uterus hinein kam. Misch. 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915. Nr. 5. 

, P. Trendelenburg (Nikolassee): Ueber Nosokomlalgangrtn. Die 
durch die Vmcentschen Bacillen erzeugte Wundkrankheit ist zum Glück 
dank der Antisepsis selten geworden, aber nicht erloschen. Gelegentlich 
zeigt Bie sich bei vernachlässigten Beingeschwüren. Daa beste Mittel ist 
Anwendung des veralteten Glüheisens in Chloroformnarkose oder Aul 
legen von Wattebänschcken, die mit konzentrierter Chlorzinklfisung ire 
tränkt sind. 6 6C ‘ 

n. W - Kö ® h ® (Berlin > : Ueber die Aassichten der chirurgischen Be¬ 
handlung der Gallenwegerkrankungen. Gewisse Nachbeschwerden bleiben 
bei einem Teil der Operierten zurück oder treten später wieder auf 
Rechtzeitige Ausführung der Operation, namentlich bei der akuten und 
chronischen infektiösen Cholecystitis und beim Vorhandensein von Hepaticus 
Choledochussteinen füliren die Beschwerden auf ein Minimum zurück 
ebenso die Mortalität, vorausgesetzt, daß keine Komplikationen vorhanden 
sind. Bei einfacher, nicht entzündlicher und nicht infektiöser Cholecystitis 
;enügt die interne Behandlung. 

J. Enge (Strecknitz-Lübeck): Ueber die Bedeutung der progressiven 
Paralyse und ihre Behandlung in der allgemeinen Praxis. Abgrenzung 
en Neurasthenie, gegen Tabes, multiple Sklerose. Tumor, Himlues! 


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1915 — MI' lMZlXISOIIE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 


alkoholische Pseudoparalyse, posttramnatisehe und senile Demenz wird ge¬ 
schildert. Von den therapeutischen Versuchen sind die von v. Wagner 
empfohlenen Injektionen vou Alttuberkulin zur Erzeugung künstlichen 
Fiebers erwähnenswert. Sie wurden im Anschluß an eine nntiluetisehe 
Kur vorgenommen und haben beachtenswerte Resultate geliefert. 

A. Laqueur (Berlin): Die Nachbehandlung der Kriegsverletzungen 
des Bewegungsapparats mit Bädern, Wärmeanwendungen und Elektrizität. 
Besonders hervorgehoben zu werden verdient die wohltätige Wirkung der 
feuchten Wärme auf Schmerz und Steifigkeit in Muskeln und Gelenken- 

G isler. 

Korrespondenz-Blatt für Schweizer Aerzte 1915 , Nr. 2. 

Hans Guggisberg. Ueber Wehenmittel. Zur Prüfung der Wehen¬ 
mittel dient neben der klinischen Beobachtung die 1 lahncrikammethode 
und die Untersuchung am überlebenden Uterus. Beim Menschen ist es 
schwer, ein genaues Bild der Wirksamkeit der Wehenmittel zu be¬ 
kommen. Das Secale ruft starke Tonussteigerung der I'terusnuiskulatur 
hervor. Es greift wahrscheinlich in der Uteruswand an. Von Neben- | 
Wirkungen sind bekannt die Eigenschaften, Gangrän und Krämpfe zu er¬ 
zeugen Bei intravenöser Zufuhr setzt es — wohl auf cardialem Wege — den 
Blutdruck herab, der sonst, vermöge des Secaleeiiiflnsses auf die Arterien¬ 
wand, steigt. Versuche, den auf die glatte Muskulatur wirkenden Stoff 
zu isolieren, sind nicht gelungen. Das Hydrastin aus der Hvdrastis 
canadensis beeinflußt den Tonus des Uterus nur wenig, ist aber ein 
starkes 11 erzgift. Dagegen reagiert die Uterusmuskulatur auf Hydra stimm 
das Herz wird nicht angegriffen. Ein gütet Wehrnmittel ist weiterhin 
das Chinin. Das aus der Hypophyse bergest eilte Pituitrin wirkt sehr 
prompt, doch kommen auch hier unerklärliche Versager vor: es ist 
relativ ungefährlich, erzeugt aber in großen Po>on Tetanus. Adrenalin, 
das st uk blutdrueksteigernd wirkt, ist in der Geburtshilfe nicht zu ge¬ 
brauchen. da es bald nach der Injektion im Körper verändert wird. 

Achilles Nord mann. Zur Bewertung des Kopfhochstandes vor 
der Geburt bei Erstgebärenden. Verfasser haben im Gegensatz zu den 
Angaben vieler Lehrbücher bei zirka K«Kt Fällen Erstgebärenden in 30 % 
feststellen können, daß der Kopf am Ende des neunten Schwangerschaft s- 
monats nicht ins kleine Becken oingetreien war. ohne daß pathologische 
Verhalt ni^e Vorlagen Er führt dies auf eine Atonie der Uteriismu.sku- 
latur in den letzten Wochen zurück. K 11 . 

Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 12. 

Eichhorst: lieber okkulte Nierenbeckenblutungen. Bei einem 
Kranken mit Harnsteinen im linken Nierenbecken fand E. im zentri¬ 
fugierten klaren Urin sechs Monate nach einem Anfalle von Kolik mit 
Blut harnen große RundzeUen mit Blutfarbstoff. Diese Blut- 
pieiitcntzcHen weisen darauf hin, daß sich im Nierenbecken unter dem 
Steinreize kleinere Blutungen bilden. Die Blu Harbs tofl/a llen sind also ein 
Zeichen für okkulte Blutungen bei Nierenleiden. Sie können, im Gegen¬ 
satz zu den Ilerzfehlerzellen, nur von farblosen Blutkörperchen her¬ 
stammen. K. Bg. 


Böcherbesprechungest 

P. v. Bruns, C. Garrb, H. Kuttner, Handbuch der praktischen 
Chirurgie, vierte umgearbeitete Auflage. Stuttgart 1014, Fer¬ 
dinand Enke. IV. Band: Chirurgie der Wirbelsäule und des Beckens, 
Mit 303 teils farbigen Abbildungen. 1128 Seiten. M 30,20. Y. Bund: 
Chirurgie der Extremitäten. Mit 770 teils farbigen Abbildungen. 1313 
Seiten. M 35,20. 

Der in der letzten Auflage schmale 1 vierte Band ist recht stattlich 
geworden. Die Hälfte der neuen 450 Seiten allerdings fällt auf die früher 
in Band II untergebrachte Chirurgie der Wirbelsäule, die wiederum 
Ile nie (Dortmund) bearbeitet. Der Abschnitt Skoliose nur hat zum Mit¬ 
verfasser Dreh in an n (Breslau): auffallen mag da, daß das Verfahren nach 
Abott mit keinem Wort erwähnt wird. Die Foerstersche Operation 
hat eingehende Berücksichtigung gefunden. 

Stcinthal (Stuttgart), Kümmel (Hamburg), Graff (Bonn) haben 
verstanden, den Abschnitten über Chirurgie des Beckens und Chirurgie 
der Niercu und Harnleiter eine angeucbm empfundene größere üeber- 
sichtlichkeit zu geben. Ganz neu bearbeitet sind die Abschnitte: Chir¬ 
urgie der männlichen Harnblase (Zuckerkandl-Wien) und Chirurgie 
der Prostata (Schlange-Hannover). Remmstedt (Münster i. W.) hat 
in den früher mit Bramaun gemeinsam herausgegebenen Kapiteln: Chir¬ 
urgie der männlichen Harnröhre, Chirurgie des Hodens und seiner Hüllen 
und Chirurgie des Penis zu weitgehenden Aeuderungen keine Veranlassung 
gehabt. Zum ersten Male hat jetzt auch die Chirurgie der weiblichen 
Harnorgane ausführlich in das Handbuch Aufnahme gefunden; der be¬ 
rufene Verfasser dieser 140 Seiten ist Stöckel (Kiel). 

Beim fünften Bande, der Chirurgie der Extremitäten, lag begreif¬ 
licherweise am wenigsten Grund vor zu prinzipiellen Aenderiuigen. Es 
blieben die altbewährten Bearbeiter: Hoffmeister (Stuttgart) und 
Schreiber (Augsburg): Die Chirurgie der Schulter und des Oberarms, 
Wilms (Heidelberg); Die Chirurgie des Vorderarms und Ellbogens, 
Friedrich (Königsberg*: Chirurgie des Handgelenks und der Hand, 
Reichel (Chemnitz): Chirurgie des Kniegelenks und Unterschenkels. 
Für Hüfte und Oberschenkel nur ist an Stelle des verstorbenen Hoffa 
v. Brunn (Bochum) getreten, für Fußgelenk und Fuß zeichnet jetzt 
Borchardt (Berlin) allein. Es ist begreiflich, daß diese beiden Abschnitte 
die größte Umarbeitung erfahren haben. Aber, in welchem Abschnitt 
immer man den Baud aufschlägt, allüberall zoigt sich die sorgfältige 
Verwertung neuester Forschung und Erfahrung. 

Ilervorheben möchte ich noch, daß in Band IV die Zahl der Ab¬ 
bildungen um mehr denn 100, in Band V um mehr denn 200 vermehrt 
worden ist; einzelne ältere Abbildungen dürften noch ersetzt werden. 

So ist denn die vierte Auflage des Handbuchs der praktischen 
Chirurgie vollständig. Wir dürfen uns des Werkes erneut a.ütnchtig 
freuen. Dem in praktischer Arbeit stehenden Chirurgen ist es Hingt 
unentbehrlich geworden. Wir können nur wünschen, daß auch mögliche 
viele praktische Aerzte in das gleiche Verhältnis zu diesem vorzüg¬ 
lichen Werke kommen. Es hat nicht seinesgleichen. 

Albert Wettstein (St. Gallen). 


Zentralblatt für Herz- und Gefäßkrankheiten 1915, Nr. 5 u. 6. 

Nr. 5. Fromberg: Experimentelle Stodie über die Circulaiions- 
verhällnisse im Ductus arteriosus post partum. Der Pulsadergaug durch¬ 
bohrt die Aortenwand in schräger Richtung in einem Winkel von TI 0 
in einem schlitzart igen Spalte, der von einem klappenarlKen Fort¬ 
sätze der Mümhutgswand überdacht wird. Durch diesen Vorhang kann 
die Hoffnung verschlossen werden. Wurden die Herzkammern von 
Fnitcielmrten*'(und auch von einem acht Monate alten Kinde) mit ge¬ 
färbten Flüssigkeiten gelullt, sodaß in Nachahmung der natürlichen 
Druckverlnihnisse das Aorteublut mit dreifachem Druckübergewichte 
oo-Muiüber der Blutsäule in der Arteria pulmonalis stand, so wurde doch 
niemals der Ductus arteriosus aus der Aorta gefüllt, 
sondern stets aus der Lungenarterie. Es findet also im Ductus 
keine Umkehr der Stromrichtung post partum statt. 

Nr <>. R. .Tores: Vorübergehender Pulsus irregularis perpetuus 
(absolutus) auf Grund einer thyreotoxischen Störung. Bei einem 
(55 jährigen Fräulein mit einem seit 15 Jahren bestehenden Kropf ent¬ 
wickelten sich in den letzten Jahren die Erscheinungen der Basedow¬ 
schen Krankheit mit Pulsbescbleunigung und tachvkardischeri Anfällen. 
Am Herzen wurde absolut unregelmäßige Schlagfolge mit fehlen¬ 
der Vorhofzacke im Elektrokardiogramm gefunden. Es ist, nun be¬ 
merkenswert, daß einige Wochen nach der Strumcktomie die Unruhe 
und die Anfälle von Uerzjagen nachließon und zugleich der Puls ganz 
regelmäßig gefunden wurde mit ausgeprägter Vorhofzacke. Es 
la^ also hier ^dieser Pulsform nicht wie in der Regel eine dauernde 
organische Läsion zugrunde, sondern eine rückbildungsf iihige 
Schädigung iufolge der thyreotoxischen Erkrankung. K. Bg. 


inist Mangold, Hypnose und Katalepsie bei Tieren im Ver¬ 
gleiche zur menschlichen Hypnose. Mit 18 Abbildungen i® 
Text. Jena 11414. Gustav Fischer. 81 Seiten. M 2,50. 

Verfasser gibt eine systematische und nach physiologischen 
ichtspunkten geordnete Dai Stellung alter und neuer Erfahrungen ü er 
ierische Hypnose. Bewegungslosigkeit, Totstellungsreflex und Katalepsie. 
)ie einzelnen Tierklassen werden gesondert behandelt, die Phänomene 
er tierischen Hypnose werden durch gute Abbildungen verarischaulic i 
angehend wird sodann die tierische mit der menschlichen Hypnose >er 
fliehen. Die tierische Hypnose stellt einen wohl charakterisierten 
nmptomenkomplex dar, einen schlafähnlichen Zustand mit leiden er 
)rtsi>ewcguüg und Lagekorrektion, mit Veränderungen des Muskeltonus 
trid der Sinnestätigkeit (Analgesie). Die Frage, ob die tierische H.'P'jj® 
ler menschlichen Hypnose als analog oder identisch an die feite ge *J 
verdon kann, wird vom Verfasser bejaht, indem er den ausfiihr tetf 
Nachweis erbringt, daß in allen Einzelheiten des Eintritts um ^ 
\blaufs wie der physiologischen Symptome die weitgehendste 1- e 
Stimmung bei den Tieren und bei den Menschen besteht. Allerdings vi 
lie zur Horvorrufung der menschlichen Hypnose notwendige 
ifferenier Erregung nicht wie beim Tiere durch die mechanische. * on 
lureh die suggestive psychische Beeinflussung bedingt. Da^er au 
psychische Defizit beim Tiere zurückzuführende psychologische 
schied kann uns jedoch nicht hindern, die physiologische Gleii mru r ^ 
ler Zustände anzuerkennen. Die Darstellung, die \ erfassei 
knapp und sehr übersichtlich. Die Arbeit ist sehr geeignet, raw 
Thema einzuführen. Die angeführte Literatur erieLhtert ein * 
Eindringen in den Gegenstand. Henneberg (ß tr 


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II. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


487 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Bernfs- and Standesfragen. 

jVcae Folgt der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien. 


Wiener Dermatologische Gesellschaft. 

H. Koch: Exanthem hei Diabetes mellitus. Das vorge¬ 
stellte 12jährige Mädchen erkrankte vor einem Monat an Diabetes 
und zeigt derzeit ein vornehmlich an den Extremitäten lokalisiertes, 
mehr minder reichlich entwickeltes, Taches bleues ähnliches, maku¬ 
löses Exanthem aus erbsen- bis linsengroßen, kreisrunden oder 
oralen, bläulich lividen Effloreszenzen, von denen viele im Zentrum 
ein rotes Pünktchen tragen. K. hat dieses rasch abblassende und 
ohne Residuen verschwindende Exanthem bereits in 8 Fällen von 
schwerem Diabetes mit Azeton im Harn gesehen, in zwei leichteren 
Fällen ohne Azetonurie war es nicht vorhanden. Alle 11 Fälle 
betreffen Kinder (aus der Klinik v. Pirquet). Es scheint ein 
Exanthem auf toxischer Grundlage vorzuliegen. 

Nach G. Riehl, der ähnliche Exantheme noch nie gesehen hat, 
dürfte die Kombination von jugendlichem Alter und Azetonurie hier 
ätiologisch in Betracht kommen. 

Nach 0. Kren kommt Purpura bei Diabetes meist nur an den 
unteren Extremitäten vor und ist als schweres Symptom anzusehen. 

0. Sachs stellt eine 40jährige Frau mit serpiginösejn 
Syphilid am Stamm und rechter unterer Extremität vor. Mög¬ 
licherweise liegt eine Kombination mit Psoriasis vulgaris vor. Die 
seit 30 Jahren erkrankte und wiederholt mit Salvarsan, Hg und 
Merlusan behandelte Pat. zeigt konstant negativen Wassermann. 

0. Kren führt einen 42jährigen Mann vor, bei dem vor 
4 Wochen unter Jucken eine an follikuläres papulöses Ekzem 
erinnernde Dermatose auftrat, die auf den behaarten Kopf, die 
Stirne, Nasolabialfalten, Ohren, Hals, Sternum, Nabel, Mons veneris 
und Sakralregion lokalisiert ist. Auch die Mundschleimhaut ist 
ergriffen. Es handelt sich um eine Psorospennosis Darier. 

H. Fasal: Anfangsstadium von Xeroderma pigmen¬ 
tosum. Bei dem 24jährjgen Pat. sind an Stirn, Gesicht und 
Wangen gelbbraune Pigmentationen, zahlreiche kleine Teleangi¬ 
ektasien nnd vereinzelt atrophische Stellen sichtbar. Der Fall ge¬ 
hört zu jenen, welche auf einer geringen Entwicklungsstufe stehen 
geblieben sind. Die Pigmentationen sind therapeutisch nicht zu 
beeinflussen, blassen auch im Winter nicht ab. Prophylaktisch ist 
Venneidung von Sonnenbestrahlung anzuraten. 

^P mann beobachtet seit mehreren Jahren ein jetzt 2S jähriges 
Mädchen mit zahlreichen epithelartigen Pigmentationen, bei dem schon 
zweimal kleine Hautkarzinome exstirpierfc wurden. Der Vater der Pat. 
darb vor einigen Jahren an multipler Hautkarzinose. 

ein 21jähriges Mädchen vor, das seit dem 
ln. Lebensjahr an Erythema induratum Bazin leidet. An den 
unteren Extremitäten zahlreiche subkutane, teilweise aufgebroehene, 
häufig durch subkutane, thrombosierten Venen entsprechende 
otränge verbundene Knoten. Es besteht auch eine Conjunctivitis 
phlyctaenulosa. 

0. Kren teilt mit, daß schon durch wenige Tiefenbestrahlung mit 
er Quarzlampe bei Erythema induratum Bazin die Infiltrate restlos 
zum \ ersebwinden gebracht werden. 

y . Rjehl hebt hervor, daß das Erythema nodosurn und induratum 
>wn klinisch und ätiologisch verschiedene Krankheiten sind, ebenso 

Ü 1 Dt. eine ^ en tihzierung des Erythema induratum mit Syphilis nicht 
3ii) rlatz. 

0. Neugebauer zeigt einen Fall von Erythema multiforme 
auptsächlich mit Irisformen an beiden Armen (10. Rezidiv). 

W.Balban: Drei Fälle von Koilonychie. Im ersten Fall 
jeigea die befallenen Nägel Abflachung oder konkave Wölbung. 
n/) VeitCI1 ^ man eine vornehmlich am Daumen ausge- 

j??? 6 ; su ^ungale Hyperkeratose. Der Nagel ist eie viert und zeigt 
* husselbildung. Der Pat. ist Buchdrucker und arbeitet, mit Kupfer- 
l r iol und Schwefelsäure. Der dritte Pat., ebenfalls Buchdrucker, 
m'u i vor Jahren in gleicher Art wie der zweite und be- 
ierk ' e Besserung des Zustandes nach Aenderung des Berufes. 

E. Spitzer stellt einen Pat. mit luetischem Rezidiv vor. 

seinem ersten Exanthem besteht noch ein Leukoderma 
nBchae und des Penis, ferner eine beginnende Alopecia specifica 
apj utn. — Dann einen Pat., der neben einer Rezidiv roseola 
^ Wirderarmcn, Bauch und Thorax eine Pityriasis rosea auf- 
. ElHoreszmen beider Erkrankungen lassen sich deutlich 
aneinander unterscheiden. — Hierauf einen Fall von Liehen 
«‘hionieus : Handtellergroße Plaques über eleu Körper 
2 erstreut ohne nässendes oder krustöses Vorstadium; starker Juck¬ 


reiz. — Weiter einen schwach pigmentierten Naevus der Wange, 
der infolge kleinster Hornkegelchen an den Haarfollikeln ein cha- 
griniertos Aussehen zeigt. — Schließlich eine Pat. mit Hydroa 
vaeciniformis oder Aene varioliformis. An beiden Haudrücken 
sieht man kleine Knötchen mit einem serösen Bläschen auf der 
Spitze. Dasselbe trocknet zu einer kleinen festhaftenden Borke 
ein, die unter Hinterlassung einer leicht gedellten Narbe abfällt. 
Die Affektion tritt immer im Sommer auf. 

K. Ullmann: Zur Behandlung hartnäckiger Urtikaria- 
formen mit innerlicher Darreichung von Formol. Von einer 
l°/ 0 igen Forraollösung wird ein Tropfen in Kohlenpulver verteilt, 
in keratinierten Kapseln eingeschlossen. Täglich werden 8—10 
solcher Kapseln genommen. Diese Therapie bewährte sich auch 
in einem Fall, in dem die Linsersche Serumtherapie versagte. 

R. O. Stein berichtet über gelungene Uebertragungs- 
versuche der Blastomycosis americana Gilchrist auf Ka¬ 
ninchen und Affen. Die Kaninchen wurden mit parasitenhältigem, 

I aus der erkrankten Lymphdriise eines Pat. stammendem Material 
in die Hoden geimpft. Es trat eine diffuse Orchitis mit Schwellung 
auf das Doppelte ein. Auf dem Durchschnitt zeigen sich zahlreiche 
tuherkclähnliche Knötchen im Hodengewebe, die mikroskopisch aus 
Granulationsgewebe mit vielen Riesenzellen bestehen, in denen die 
hefeähnlichen Erreger enthalten sind. Die Impfung der Affen 
(Rhesus) erfolgte mit demselben Ausgangsmaterial kutan-subkutan 
in die Augenbrauen. Am IS. Tag zeigte sich ein linsengroßes 
pustulösos Exanthem, indessen im Eiter zahlreiche Parasiten nach¬ 
weisbar waren. — Ferner stellte St. ein lOjähriges Mädchen mit 
typischem Favus des Kopfes vor, bei dem auch der Nagel des 
rechten Daumens erkrankt ist. 

G. Scherber zeigte 1. eine 40jährige Frau mit einem 2 1 /* cm 
langen, 4mm dicken, an der Basis durch traumatischen Reiz ge¬ 
röteten Cornu cutaneum an der Wangenhalsgrenze. Ein beginnen¬ 
der Tumor hinter demselben in Form einer Da cm hohen zylindri¬ 
schen Walze und eine ähnliche Bildung am rechten Joch bogen. 
2. Eine 27jährige Frau mit einem vielgestaltigen Exanthem von 
Lupus erythematosus. Am Kopf narbige, teilweise von infil¬ 
trierten Rändern umgebene Stellen, im Gesicht große, diffus 
braune, verfärbte Partien über die Ohren bis zu den Schultern 
ziehend, in denen sich rosarot-weißliche atrophische Stellen finden, 
so daß das Gesicht ein buntes Aussehen annimmt (Poikilodermia 
Jakobi-Müller). An Händen und Füßen Infiltrate mit violettem 
Stich von normalen Stellen durchsetzt. Am Stamm steek- 
nadelkopf- bis linsengroße Infiltrate von unregelmäßiger Form. 
Die jüngsten Effloreszenzen sind von zarten Schuppen bedeckt, 
die älteren Herde leicht eingesunken. Inguinaldriiscn geschwollen! 
Nach einigen Injektionen von Tuberkulomucin Weleminsky zeigen 
die frischen Effloreszenzen eine deutliche Sukkulenzzunahtne. Der 
Fall ist als Lupus erythematosus disseminatus aufzufassen. 
8. Ein (»jähriges Mädchen mit Lupus exulceratus an der linken 
Wange, exulzeriertem Skrofuloderma am linken Ellbogen und 
über der linken Tibia. Lokal wurde nur Borvaselin angewendet. 
Sonst 18 Injektionen von Tuberkulomuzin steigend von 0,5 — 2 mg, 
wöchentlich einmal. Es trat nur lokale Reaktion auf, alle Ulzera 
reinigten sich und verheilten. 

W. Kerl führt einen 50jährigen Mann mit ausgebreitetem 
Naevus angiomatosus vor. An den Wangen und Ohrmuscheln 
zahlreiche Flecke und prominente Knötchen von bläulichroter Farbe 
und schwammiger Konsistenz, die auf Fingerdruck verschwinden. 
Aehnliche Herde am Stamm, Kopf, oberen Extremitäten, Dersum 
manus und unter der Nagelplatte. Auch an den Lippen, der Zunge, 
dem harten Gaumen und der Konjunktiva finden sich kleine 
Angiome. 

G. Riehl weist «lar.-mf hin, daß in diesem Fall die Verteilung 
der Geschw idstehen an Morbus Recklinghausen erinnert. Fs finden sich 
gelbbraune Verfärbungen uud^ ein Albinismus partialis der Kopfhaut 
indem au einer Stelle, srit Kindheit nur weiße Haare wachsen; auch 
besteht ein akquirierter Vitiligo, der bereits zahlreiche Pigmentationen 
konsumiert bat. Therapeutisch wirkte am besten die Applikation von 
Aetzmitteln von seiten eines Laien. 

0. Kren erwähnt, daß Kelly auf dem letzten Wiener Larvimo- 
logenkongreß über eine größere Anzahl solcher Fälle berichtet hat. doch 
haben diese Naevi mit dem sogenannten Naevus Pringle nichts zu tun. 

O. Werl demonstriert einen Tierfellnaevus hei einem 
Elfjährigen Mädchen. Neben zahlreichen Herden am Stamm und 


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438 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


II. April, 


Extremitäten mit starker Pigmentierung und Behaarung sieht man 
mehrere handtellergroße Herde an der rechten Kopfseite, auch am 
rechten Ohr. Die Haare an diesen Stellen sind teilweise pigmentlos. 

K. Uli in an n erinnert an einen seinerzeit hier vorgestellten Fall 
von Angiomatose bei einer älteren Frau, wo an Kopfhaut, Schleimhäuten 
und auch an inneren Organen (besonders Leber) zahlreiche Angionae auf¬ 
traten. Durch heftige Blutungen und septische Infektionen kam es zum 
Exitus. Es dürfte sich um eine angeborene Schwäche des Kapillargefä߬ 
systems handeln. 

W. Kerl zeigte schließlich einen 12jährigen Knaben, der 
wegen Epilepsie große Dosen Brom nimmt und im Gesicht zahl¬ 
reiche große, blaurote Knötchen mit zentraler Pustel aufweist. 
Aehnliche Knötchen sowie einzelne größere Bromoderinalierde 
finden sich an den unteren Extremitäten. 

M. Schramek demonstriert ein lßjähriges Mädchen mit 
Trichostaxis spinulosa. 

G. Riehl macht auf die histologischen Untersuchungen aufmerksam, 
die* deutlich einen ausschließlich den Haarfollikel betreffenden patho¬ 
logischen Verhornnngsprozeß aufweisen. 

M. Schramek stellt ferner eine 32jährige Frau, die im 
Gesicht blaßrötliche, linsengroße Flecke, stellenweise mit brauner 
Pigmentierung auf weist, vor. Am Rand sieht man oberflächlich 
polygonale bläuliche Knötchen, ebensolche am Handrücken. Es 
handelt sich bei der an ein zartes makulöses Syphilid resp. an 
eine Corona venerea erinnernden Affektion um einen Lichen ruber 
planus. — Schließlich führt Sch. eine 53jährige Frau vor, bei der 
sich oberhalb der linken Mamma eine bogenförmig verlaufende, 
6 cm lange, 1cm breite Vorwölbung findet, die bis in die tiefen 
Schichten reicht und histologisch als Sklerodermie bestimmt 
wurde. 

P. Rusch zeigt die Photographie von einem Ulcus len- 
caeiiiicunt des Genitales. Bei dem seit 1 % Jahren an chronischer 
lymphatischer Leukämie leidenden Mann findet sich an der unteren 
Fläche der Glans penis ein seit Jahren bestehendes, jeder Behand¬ 
lung trotzendes, schar/randiges, dunkelrotes, nässendes, seichtes 
Geschwür mit glatter Basis. Histologisch sieht man ein dichtes 
Infiltrat von Lymphozyten. Solche singuläre exulzerierte leukämische 
Infiltrate geben oft Anlaß zur Verwechslung mit luetischen Primär¬ 
affekten. So hat R. bei einer 33jährigen Frau 4—5 kleine Efflo- 
reszenzen nebst universeller Drüsenschwellung beobachtet und erst 
nach Verschlechterung auf Hg-Kur, die zu einer enormen Drüsen¬ 
schwellung Anlaß gab, eine Blutuntersuchung vorgenomraen, die 
eine chronische lymphatische Leukämie aufdeckte. — Ferner zeigt 
R. die Photographie eines Falles von Lymphogranulomatosis 
cutis. Ein 39jähriger Mann erkrankte an Adenitis inguinalis. 
Wassermann negativ. Pirquet positiv. Keine Milz- oder Leber¬ 
schwellung. Die histologische Untersuchung einer exstirpierten 
Leistendrüse ergab ein leicht vaskularisiertes Granulationsgewebe 
mit den mannigfachsten Zellformen. Röntgenbestrahlung und Neo- 
salvarsan erfolglos. Exitus unter zunehmender Kachexie. Fünf 
Wochen vorher trat ein papulöses Exanthem in der Trochanter¬ 
gegend und in der Innenfläche der Oberschenkel auf. Es bestand 
aus tief in die Kutis reichenden Knoten, die auf der Haut als 
rosarote Flecke erschienen und schließlich hämorrhagischen Cha¬ 
rakter annahmen. Auch sie erwiesen sich als Granulationsgewebe. 
Bei der Obduktion fanden sich ein älterer Herd der rechten 
Lungenspitze und mächtige retroperitoneale Drüsentumoron. 

S. Grosz stellte einen 36jährigen Mann mit Erythrodermia 
Brocq vor. Die Affektion ist hauptsächlich an den oberen Ex¬ 
tremitäten und über der rechten Hüftgegend, von hier aus auf 
die Innenfläche des rechten Oberschenkels übergreifend, lokalisiert 
und zeigt dicht gedrängte feinste Hämorrhagien, so daß manche 
der Strecken an die Purpura Majochi erinnern. — Ferner demon¬ 
strierte G. einen Pat. mit vereitertem submaxillaren Drüsenturaor 
und einem besonders an den unteren Extremitäten sehr dicht 
angeordneten, zu Plaques zusammenfließenden papulonekrotischen 
Tuberkulid. 

L. Arzt demonstriert eine Reihe von Fällen aus der Gruppe 
der Geschwülste: 1. Multiple Tumoren der Unterbauehgegend (histo¬ 
logisch als Fibrome mit vielleicht beginnender sarkomatöser 
Degeneration bestimmt), 2. ein Ojähriges Mädchen mit einem 
zirka handtellergroßenJLymphangioma eysticum in der Sakral- 
jregend der linken Seite, 3. eine 53jährige Frau mit einem Rezidiv 
in der Haut der rechten Mamma nach Exstirpation der knrzino- 
matösen linken Mamma, 4. 37jährige Frau, bei der nach Exstir¬ 
pation der rechten karzinomatösen Mamma in der Brusthaut zahl¬ 
reiche Zystchen mit klarem oder hämorrhagischem Inhalt sich 


fanden, die bei der histologischen Untersuchung als durch kleinste 
Metastasen bedingt sich herausstellten. 5 ; Anschließend projiziert A. 
Diapositive und Präparate von Karzinomen, die eine Rudiarn- 
behandlung erfahren hatten und im Haemalaun-Eosinschnitt 
die schon vielfach beschriebenen Zellveränderuugeu, insbesondere 
die Vakuolenbildung zeigen. An mit Sudan III gefärbten Gefrier¬ 
schnitten kann man, erkennen, daß sich in dem Protoplasma der 
Zellen eine sudanophiie Substanz findet; jedoch konnten keine 
doppeltbrechenden Eigenschaften nachgewiesen werden. U. 


Kriegsärztliche Abende der Aerztegesellschnft in 
Franzensbad. 

Sitzung vom 8. März 1915, 

Steinbach stellt einen Mann mit Lungenschuß vor; der 
Einschuß am Sternum war bald verheilt, der Ausschuß jedoch, am 
äußeren Rand der Skapula sitzend, von einem mäßigen Hämatom 
umgeben. Das Ganze stellte einen apfelgroßen, prall gefüllten Blut- 
sack dar. Eines Nachts wird St. zu dem Mann gerufen, der 
fieberte und aus dem Hämatom blutete. Er verordnet^ kalte Um¬ 
schläge und innerlich Sekale. Am nächsten Morgen wieder Blutung; 
nun wurde Eis aufgelegt und eine Ergotininjektion gemacht; die 
Blutung sistierte einen Tag und kehrte dann wieder. St. machte 
nun eine Digitalkompression und legte Eis auf, die Blutung 
stand für 1—2 Stunden und als sie wiederkehrte, führte er einen 
langen Kabelgazetampon ein und nun stand die Blutung vollends. 

Reichl demonstriert eine Sehrapneilschußverletzung. Die 
Verwundung betrifft den linken Vorderarm; Einschuß an der 
Beugeseite ca. 2 Querfinger unterhalb des Ellbogengelenkes, Aus¬ 
schuß an der Streckseite 3 Querfinger unterhalb des Olekranons, 
daselbst eine 2 cm lange, mit dem Knochen verwachsene Narbe. 
Die Verletzung betraf die Weichteile und Röhrenknochen, insbe¬ 
sondere ist die Ulna frakturiert; das Röntgenbild zeigt dieselbe in 
drei Stücke zertrümmert, am Radius sieht man an der korrespon¬ 
dierenden Stelle einen kleinen Knochendefekt. Als Pat. Mitte Jänner 
im hiesigen Spital aufgenommen wurde, konnte er den Vorderarm 
nicht rotieren. Dorsal- und Volarflexion der Hand waren sehr ein¬ 
geschränkt, der Händedruck gleich Null. Heute ist die Pronation 
des Vorderarmes vollkommen, die Supination fast vollkommen 
möglich, Volar- und Dorsalflexion unbehindert, Händedruck mittel¬ 
kräftig. Pat. kann Arm und Hand bereits gut gebrauchen und es 
ist die vollständige Gebrauchsfähigkeit wohl zu erwarten. Die 
Therapie bestand in täglichen Moorbädern, aktiven und 
passiven Bewegungen und Zanderübungen. 

Selig stellt einen Fall von intermittierendem Hinken bei 
einem 37jährigen Soldaten vor. Die Krankheit besteht seit 5 Jahren, 
wurde früher als Muskelrheumatismus behandelt, hat sich infolge 
der Kriegsstrapazen bedeutend verschlimmert. Er hat immer im 
Winter die größten Schmerzen, speziell beim Gehen, nach 12 bis 
1;> Schritten muß er plötzlich stehen bleiben, dann geht es wieder; 
der Fuß fühlt sich stets eiskalt au. Pat. hat ein taubes Gefühl im 
rechten Bein, Ziehen in den Sehnen, bei Ueberanstrengung Krampf¬ 
gefühl in der Fußsohle und besonders in der Wade. Beide Fu߬ 
pulse fehlen in der rechten Unterextremitfit, während dieselben in 
der linken Arteria tibialis postica sehr kräftig sind; außerdem ist 
eine fast vollständige Anästhesie des rechten Unterschenkels, selbst 
gegenüber vehementen Nadelstichen, Temperaturdifferenzen werden 
nicht wahrgenommen. Der rechte Unterschenkel ist l'/s cm 
schwächer gegenüber dem linken. Patellarsehnenreflexe auf beiden 
Seiten bedeutend gesteigert, Bauchreflex lebhaft. Als ätiologisches 
Moment kommt Tabakabusus (45—60 Zigaretten täglich und bl 
bayerisches Bier) in Betracht. Am Herzen ist außer einer leichten 
Akzciituation des zweiten Aortentones nichts abnormes. Der Blut¬ 
druck beträgt 110, die Radiatarterie ist leicht rigid. I® Ur jI J 
j Eiweiß Null, Zucker Null. Therapie: Alle bisher angewandten Mit 1 ® 
vollständig wirkungslos, ebenso Faradisation, Galvanisation, vier 
zellenbäder, Gliihlichtbad, so daß Pat. bei Morphium angelang! 
war. S. versuchte IS Moorfußbäder von 35° R. Di e Sc-binefZö 
ließen bedeutend nach und auch das objektiv wahrnehmbare 
gefiihl im Bein ist im Schwinden. Die Therapie wird fortgese 
alle auderen Medikamente sind überflüssig geworden. 

Kieglor: Nach Huchurd und Erb ist der Tabakinißbr«' 1 ^; 
Hauptnoxe für das Zustandekommen der Dybasin angiosclen> i< 
sehen, demnach ist die Einschränkung des Rauchens ein HaupjP tg 
Von baineologischen Methoden bewähren sich am besten prf* V j er 
lauwarme Moorfußbäder, 26 — 28° R, und CO s - Bäder mit ,mr l ^ {V 
Bürstenabreibung der ganzen betroffenen Extremität. Lctztgeiia« 


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II. April. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


zedur wirkte auch sehr günstig auf die Hyperästhesie des betroffenen 
Beinen. 

L. Steinsberg berichtet über sehr günstige Erfolge mit heißen 
Moorfußbädern (35 rt R) und 25% Jodipininjektionen in die Glutaei. 

Steinbarh hält heiße Moorpackungen (37—40° R) für an- 
aezeigt. 

Steinsberg demonstriert an einem Verwundeten einen Hebe¬ 
apparat für Hand und Finger bei Radialislähnmng nach Spitzy. 
Der Kranke, der bisher trotz vielwöchentlicher elektrischer und 
Massagebehandlung seine Hängehand in keiner Woise recht ver- 


Sommer teilt mit. daß er in einem Fall mit der Bestrahlung 
von blauem Licht in den anästhetischen Gebieten sehr gute Resultate 
erzielt hat. 

Selig stellt einen Fall von Vagotonie vor. Pat. war früher 
gesund, erkrankte anfangs Februar im Felde an einer Gastritis 
und Enteritis, hatte durch (S Tage 13 diarrhoische Stühle täglich, 
kein Blut. Pat. zeigt das Bild einer ausgesprochenen Vagotonie. 
Her Puls bis 4b, rhythmisch, klein, schwach, der Blutdruck sehr 
niedrig HO—85. Außerdem bestehen zeitweilig Schwindelanfälie. 
Bezeichnend für diesen Fall, wie für viele andere, welche infolge 


wenden konnte, hat fast unmittelbar nach Anlegen des Apparates ' ra “’ wie ,ur . vie,e « WW0UB T** 

die Finger mit Kraft zu beugen und strecken begonnen. Er kann ^^rmstornngen zu einer exzessiven yagushemninng fuhren, 
jetzt mit der Hand essen, schreiben, und es ist die Arbeitsfähig- 5 ’ abg f sehe " V0D der Br 2 d f, k< V rdle ’ eine Mtaormnle K«pw 

teit Ws zu einem hohen Grad „ledw hergestellt. Die Konstruktion t p e ®P era,ur - la unserem Fall be. mehrwochentlieber Beobach ung 
desselben ist dem natürlichen Muskeimechanismus der Hand abge- Pulsfrequenzen vcn 4<>-o2 und Körpertemperaturen von 35,S-.«.,*. 

. - - - • - - - - - - - - 6 Nach vollständigem Ablauf der Magendarmstorungen soll eine 

Atropinkur versucht werden. 


lauscht und beruht, auf dem Prinzip, daß die unverletzten Muskel- 
fhl krä/te fiir unsere Zwecke ausgeniitzt werden. 

Steinbach hält die Prognose der Radialislähmung niclit für ganz 

]i:: ' 'ufaust insoferne als eine Heilung auch ohne Naht stattfinden kann. Kriegssaiutiitswissenscliaftliche Versammlungen in Lodz. 

?: r , Steiosoerg bemerkt über die Aussichten der Xervennaht, daß 

die primäre Naht bessere Chancen gebe, doch wird sie im Anschluß an Sitzung vom 20. .Jänner 1914. 

die Verwundung selten ausgeführt. Nach erfolgter Ausheilung wird die Die Behandlung der Bauchschüsse, 

prima intentio durch im Gewebe abgelagerten Eitererreger, oft auch durch rr- , oni 

rk übermäßigen Knocheokallns ungünstig beeinflnßt. .. K °, rte . Referent, hat 201 Bauchschüsse m t sicher Ultra- 

P- . ‘ „ . . _ „ _ _ peritonealem Weg in Belgien gesehen. Die 191 konservativ be- 

L. bei ln er sen. stellt 1. einen Fall von Basedow vor, handelten Fälle ergaben eine Mortalität von 47,1%, hinzugerechnet 

weicher nahezu geheilt ist. Derselbe kam als Rekonvaleszent nach die 5 e i der Sanitätskompagnie verzeichneten Todesfälle, 54%. Die 

ir Pneumonie und akutem Gelenksrheumatismus; 2 Wochen später Sterblichkeitsziffer der 10 primär operierten Bauchschüsse betrug 
isr , Symptome des Basedow’ auf: Tachykardie (120 bis 88 %. Die Beobachtung erstreckte sich über 3 Wochen (8 Tage 

m ^ 0Puise )i Stroma, Exophthalmus, Gräfe, Tremor der Hände. Am Hauptverbandplatz, 14 Tage Feldlazarett), so daß die gewonnenen 
Heizen war zeitweilig ein systolisches Geräusch wahrnehmbar, Zahlen als relative zu bezeichnen sind. Sprechen diese im Westen 
!* zweiter PulmonaJton verstärkt. Später schwand das Geräusch, die gemachten Erfahrungen schon fiir konservatives Vorgehen, so ist 
Tose wurden sehr laut, Herzspitzenstoß verstärkt. Pat. nahm CO..- dasselbe auf dem östlichen Kriegsschauplatz angesichts der sich 
Jjäder, wurde auf laktovegetabilische Kost gesetzt, nahm innerlich liier in besonderem Maße bietenden, außerordentlich schwierigen 

Hromarseoik und galvanisierte täglich den Sympathikus. Inter- äußeren Verhältnisse unbedingt am Platz. Prinzipielles Operieren 

kurrent trat eine katarrhalische Pneumonie auf, welche 8 Tage au f dem Hauptverbandplatz ist unmöglich, während das Feldlazarett 

dauerte. Nach deren Heilung wurde die Behandlung des Basedow j n den seltensten Fällen in Tätigkeit treten kann, ohne einen fiir 

wieder au/genommen. Die Erscheinungen desselben nahmen allmäh- die Verwundeten langwierigen, beschwerlichen und dadurch für 

lieh ab, der Exophthalmus und der Tremor schwanden, die Struma d en Bauchschuß sehr gefährlichen Transport notwendig zu machen, 

wurde viel kleiner, nur die Tachykardie hielt an (102—130 Pulse). Zudem bietet die Asepsis des Feldlazaretts nicht immer genügend 

DaDigjtahs nicht half, versuchte ich Atropin, und zwar Atropin i Sicherheit, um skrupellos an größere Bauch Operationen herantreten 

sul/. 0,w, auf 50 g Wasser dreimal täglich 3 Tropfen. Nach 2U können 

ÜSr-t PuIs,r . e . < l uw,z auf , 72 S e ? unk ? n - d “ ™ wurde Ref. stellt folgende Nonnen auf: 

ausgesetzt, o Tage spater war der Puls wieder 90—100, nach 6 ... „ , _ 

abermaliger Verabreichung des Atropins trat wieder Verlangsamung T , Bie Bauchschüsse sollen nach Möglichkeit 0—8 Tage auf 

des Pulses ein, 8 Tage später war der Puls abermals beschleunigt I dem Hauptverbandplatz liegen bleiben; dann hat schonender 
!<l—100, es wurde hierauf wieder das Mittel durch 0 Tage ge- Abtransport zum Feldlazarett zu erfolgen. . 

geben und seit mehr als 8 Tagen ist die Frequenz 88 — 92 in der I . ,, ere Kingewoidevorfalle s,n d baldigst m Narkose 

* Minute; 2. einen Fall von vasotonischer Störung im linken mlt Kochsalzlösung abzuspülen und zu reponieren. - Kleine Darm- 
Full infolge einer Schußverletzung oberhalb des Sprunggelenkes. Vorfälle bleiben liegen da sie -eich von selbst zuriiekziehen. - 
Die Kogel blieb in der Tibia stecken und wurde nach voraus- Vorgefallenes Netz bleibt ebenfalls draußen liegen und wird sekundär 

gegangener Durchleuchtung operativ entfernt. Die Heilung der abgetragen. . . 

Operationswunde dauerte sehr lange, ging unter starker Eite- JK ei l Lrgwssen mit chronischer Peritonitis wird 

rang und heftigen Entzündungserscheinungen vor sich, da in der £ ei * Bauch eröffnet und der Erguß ausgetupft, wie dies K. in einem 

Schußwunde um die Kugel herum schon Eiter war. Nach ungefähr Kall mit Erfolg ausfuhren konnte. 

* Wochen war die Wunde geheilt, es blieb eine Inaktivitäts- 4. K. laßt den Bauchschuß nicht hungern, sondern empfiehlt, 

atrophie der Unterschenkeln!uskulatur und eine dunkellivide Ver- vom e J TS ^ en ^ a K e an flüssige Kost zu reichen, 
ßrbnug und Kältegefühl des Fußes zurück. Pat. bekam 32* R , ). Ausnahmen von diesem exspe ktativen Verhalten sind 

warme Moorfußbäder. Fuß und Unterschenkel wurden massiert, unte f Umstünden gegeben, doch mag nur der geübte Chirurg 
laradisiert, mit Alkohol eingerieben. Die Muskulatur des Unter- operieren. Blasenschusse sind der Operation zu unterwerfen. 
Schenkels nahm an Umfang zu (die Sensibilität hatte nicht ge- | Perthes (Tübingen) berichtet über 218 Bauchschüsse, die er in 

Wen), aber die Zyanose des Fußes blieb. Nach Faradisation des I Frankreich und Rußland gesehen hat; von diesen gingen, konservativ 

Fußes mit der elektrischen Bürste hat seit ungefähr 9 Wochen behandelt, 92 lebond ab, wahrend 120 Verwundete starben. Die an den 

<üe Jirfde VflrfSrhni.«. a* Bürste hat sejt ung - 48 , n Rußland beobachteten Fällen mit konservativer Behandlung er- 

nommen g UDd daS 61Slge Kältegefl,hl ,m Fuße ab * e ‘ zielten günstigeren Resultate (25 lebend ab), sind nicht ganz einwand¬ 

frei , weil eine genaue Sichtung in extra- und iutraperitoneale Ver- 
Selig macht auf die auffallende Häufung der Basedowfälle infolge letzungen nicht vorgenommen wurde. Die höchste Mortalität ergab der 
,itr kneggaufregungen aufmerksam. zweite Tag nach der Verletzung. Von den 13 operierten Verwundeten 

«WOWWIM mit sehr ausgedehnten Weichteilverletzungen Erfolg operierten Bauchschüssen handelte es sieh um Verletzung der 
') rarirr .ÄterfÖnniger Ausschußwunde, so daß der Plexus Blase oder Darmvorfall. P. hält operatives Vorgehen nur für ausnahms- 

jfirh h 18 s , icbtf)ar war * Verheilung der Wunde in 4 Wochen, weise berechtigt, uud zwar wenn: 1 . die Operation innerhalb der ersten 
e,ne niächtige Infiltration, der Arm war unbeweg- 12 Stunden ausgeführt werden kann; 2 . Anhaltspunkte (klinisch) für 

11 und an einzelnen Zonen unempfindlich. Infolge der starken Darmverletzungen gegeben sind; 3. die äußeren Verhältnisse auf Haupt- 

frnarbung mit dem umliegenden Gewebe war der Radialpuls Verbandplatz oder im Feldlazarett derartige sind, daß man seiner Asepsis 

eht fühlbar. Nach ADDlifeatinn von hftißen Moorhädern ging sicber *5, 801,1 ? laubt * Unbedingte Nahrungsentziehung hält P. nicht für 

ie Infiltration ailmählichzurück und derRadia^sste^^^^^^ s“h '^tig.Blasenschüssc ergeben für die operative Behandlung eine recht 

■leder ein Fo .' lxna . fl V 7 ö J zurucK und der Kadiaipuis stellte sicn gute Prognose, es kann bei solchen auch am zweiten Tag noch erfolg- 

hwer V i 1 MCh ^ daran 2U zweif eln, daß trotz der äußerst reich operiert werden. % 

.j c lb 11 y^lzung die Brauchbarkeit des Armes wieder er- I Flath ist unbedingter Anhänger möglichst frühzeitiger 

S 01 H wird. I Operation im Feld- oder Kriegslazarett. Um den Bauchschuß der- 


. ^ ü J or demonstriert eine Schrapnelljsohaüyerletzung des 
cotea Oberarmes mit sehr ausgedehnten Weichteilverletzungen 
. ^f er tjaterförmiger Ausschußwunde, so daß der Plexus 
d h k 8 s ,^ cb ^ bar war * Verheilung der Wunde in 4 Wochen, 
iirh . e,ne mä chtige Infiltration, der Arm war unbeweg- 

y ^ M einzelnen Zonen unempfindlich. Infolge der starken 
nirhlrkD? dera um Hegenden Gewebe war der Radialpuls 
diWnfiu • ^ acb ^PpHkation von heißen Moorbädern ging 
«ioH« 011 • atl0n ^Hmählich zurück und der Radialpuls stellte sich 
schupr ^ daran zu zweifeln, daß trotz der äußerst 

en ySetzung die Brauchbarkeit des Armes wieder er- 
r ltf,,) ar sein wird. 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


II- April. 


selb«»» zugängig zu machen, verlangt F. Revision der Transportmittel. yj 
Der Krankenwagen der Sunitäiskonipagnie erscheint ihm durchaus un¬ 
zweckmäßig: er schlägt vor, denselben durch kleinere, leichtere, besser 
gefederte Gefährte zu ersetzen. Durch frühzeitige Operation der auf diese 
Weise schonend abtransportierten Bauchschusses muß sich nach F. die 
MortaHtätsziffer erheblich verringern lassen. 

Borchard (Posen): Perforierende Bauchschüsse können unter n 
konservativer Behandlung heilen, das beweisen die nachträglichen Kot- h 
fisteln und die Sektionen aus andern Oründen Gestorbener. B. hat der- d 
artige Fälle seziert, die 8 —14 Tage nach der Verwundung die Dann- { 

Verletzung mir als kleine Narbe erkennen ließen. Bei der Beurteilung s 

der Mortalität müssen die Bauchwandschüsse abgezogen werdet. Dies 1 
ist niehl immer leicht, da oft Verwundete mit Dannverletzungen anfangs ^ 
gar keine derartigen Symptome bieten, bis eine plötzlich einsetzende 
Peritonitis Klarheit gibt. Sicherlich gibt es Schüsse, welche durch die 
Bauchhöhle gehen, ohne den Dann zu verletzen, auch an Stellen, wo 
nur Dann liegt. Die Schüsse von vorn nach hinten und umgekehrt sind 
in dieser Beziehung günstiger als die «juer durch den Bauch gehenden 
Schüsse. Sichere Symptome innerer Verletzungen treten oft erst nach 
Stunden auf. Die Baiichdeckenspannung erfolgt hei Blutung eher als hei 
reiner Darmverletzung. Die Operationsfrage hängt viel von äußeren Ver¬ 
hältnissen (mangelhafte Asepsis, schlechte Beleuchtung), Mangel an Zeit, 
zu spätem Eintreffen der Verwundeten ab. Operieren in jedem Fall 
würde sehr viel Opfer fordern. Die Resultate bei konservativem Verhalten 
sind nicht schlecht. Beim XXV. Reserve-Armeekorps wurde in den Ueserve- 
lazaretten eine Heilung von 37.1"... auf den Hauptverbandplätzen von 
50% erzielt. Völlige Xabruiursenthaltung während der ersten 5 Tage. 
Ausnahmsweise Gewährung von Nahrung in dieser Zeit nur auf ürztliehe 
Anordnung. Prolapse des Darmes sind, wenn sehou leichte Verklebungen 
eingetreten sind, nicht zu reponieren, ebenso nicht Netzprolapse. Fälle 
in den ersten t) Stunden, bei denen wegen der Schwere der Symptome 
konservative Behandlung aussichtslos erscheint, können bei günstigen 
äußeren Verhältnissen operiert werdon. Die Resultate sind schlecht. 
(Vier Fälle, sämtlich gestorben.) Blasenverletzungen gehen eine wesent¬ 
lich günstigere Prognose. Vier Fälle mit großen Perforationen, teilweiser 
gleichzeitiger Mastdarmverletzung, Blutung aus der Art er in glutaea, ge¬ 
heilt. Frühzeitige Operationen (Sectio alta) in den Fällen, Leherver- 
letzungen geben trotz eventueller späterer Nekrose eine günstige Pro¬ 
gnose, ebenso die der Niere und Milz. B. stellt auf dem konservativen 
Standpunkt, hält aber die Operation hei besonders günstigen äußeren 
Verhältnisse?!, eindeutigen Symptomen, in den ersten <i Stunden für einen 
geübten Operateur zulässig. Feber die operativen Resultate soll man 
sich keinen Illusionen hingeben. Der Transport ist nach Möglichkeit 
innerhalb der ersten 12-14 Tage zu vermeiden. Die Verwundeten sollen ' 
am Ort der Aufnahme, wenn möglich, liegen bleiben. 

Reh n {.Jena) berichtet über die Art des einschlägigen Materials, 
wie es auf dem östlichen Kriegsschauplatz i?n allgemeinen zur Behand¬ 
lung überwiesen wird. Nur einmal war ihm Gelegenheit gegeben, eine 
Anzahl Bauchschüsse bald nach der Verwundung zu sehen, doch waren 
auch hier mehr als 24 Stunden seitdem verstrichen. Von zwölf konser¬ 
vativ behandelten Fällen starben vier. und zwar, wie R. durch Sektion 
feststellte, sämtlich an ausgedehntesten Darmzerreißungen, welche, auch 
frühzeitig unter allergünstigsten Verhältnissen operiert, kaum durch- 
gekommen wären. Ein trotzdem operierter fünfter Fall bestätigte diese 
Annahme. Was den operierenden Feldlazaretten im allgemeinen an Bauch¬ 
schüssen zu Gesicht kommt, ist ein gesichtes Material, und nur ein 
Bruchteil der Fälle, wie sie auf dem Hauptverbandplatz und in einigen 
vorgeschobenen Feldlazaretten zur Behandlung gelangen. Letztere aber 
sind, ebenso wie die Hauptverbandplätze, durch die unglaublich schwierigen 
äußeren Verhältnisse in Polen gezwungen, lediglich Verband- und 
Durchgangsstation zu bilden. Es hat sieh herausgestellt, daß auch der 
frühzeitige Transport den Verwundeten zu spät zur Operation liefert, 
und daß der schlechte Abtransport, wie er in Polen die Regel zu sein 
pflegt, wobei nach R. mehr die Wege als die Wagen eine verderbliche 
Rolfe spielen, mehr verdirbt, als beste Behandlung und Pflege wieder 
irut machen können. Im übrigen weist R. auf einen ihm persönlich von 
Reim T (XVIII. Armeekorps) gegebenen Bericht hin, nach welchem von 
letzterem konservativ ausgezeichnete Erfolge bei den Bauchschüssen er¬ 
zielt wurden. Rehn I hob dabei hervor, daß .Soldaten wie Offiziere seines 
Korps darüber informiert seien, daß der durch den Bauch Geschossene 
bis zu seiner Versorgung keine feste Nahrung zu sich nehmen dürfe. 

Schnitzen ist für Nahrungsenthaltung auf dem Schlachtfeld mul 
will nur Nahrungsaufnahme unter Aufsicht des Arztes gestatten. Für 
eine jetzt vorzunehmende Aenderung des Transportwesens ist er nicht. 
Die Sanitätstrage der deutschen Armee hat sich ausgezeichnet bewährt, 

Grund hat alle Operierten durch den Tod verloren. 

Muschold hält den jetzigen Sanitätswagen für ein ausgezeich¬ 
netes Beförderungsmittel. . 

Körte (Schlußwort) stellt als Ergebnis der 1 agung fest, daß die 
konservative Behandlung der Bauchschüsse als Regel, die chirur¬ 
gische als Ausnahme zu betrachten sei. An dieser übereinstimmend 
frewo/inenen Ansicht ändert der stark optimistisch gehaltene Einwand 
Flnths vorläufig nichts. Wenn der Betätigungsdrang der Herren Kollegen 
ein größeres Feld suche, so könne er eine Vervollkommnung der Ver¬ 
bandtechnik, die besonders in der Frakturbehandlung stark zu wünschen 
übrig lasse, nur empfehlen. R- 


Wissenschaftliche Versammlung der Sanitätsoffiziere drs r 

VII. deutschen Reservekorps zu Bruyeres (Frankreich). ! 1 

Sitzung vom 7. Februar 1915. ' 

St.-A. Busch demonstriert die Präparate von zwei Rucken. ! : 

marksschußverletzunpen ohne Duraverletzung mit ausgedehnten ' 
Erweichungsherden inv Mark. Die Nieren und Blase des einen Palles. j ^ 
der an profusen Blutungen aus diesen Organen (wohl trophnneuro- 
tischer Natur) zugrunde gegangen war, werden ebenfalls tlemott- , 
striert, j 

Prof. Roepkc: In Lille wurde darauf aufmerksam gemacht, daß 
bei Rüekenmarksschüssen Blutungen aus deu Harnwegen sowie Ulzera- 

i tionen derselben Vorkommen, die als trophoneurotisehe auf gehaßt werden. 

Prof. Hotter demonstriert die Präparate einer Kniegelenk, 
resektion. Das Gelenk war breit eröffnet, und vereitert, die Pa¬ 
tella zertrümmert , im Femurgeleukende sowohl als wie im Tibia- 
gelenkende steckte ein fast walnußgroßes Scbrapnellsprengstuck. 
Wundverlauf gut. 

Prof. Rotter: Ueber Brustschüsse. (Im wesentlichen als 
Original in Nr. 4 dieser Wochenschrift erschienen.) 

Busch berichtet kurz über weitere im Reservefeldlazardt 34 be¬ 
handelte 36 Brust Verletzungen. 12 BrustwandsehiiBse heilten glatt : von 
24 Lungenschüssen starben 7, 17 heilten ohne Drainage, 4 mit einer 

I olchen. Die verhältnismäßig hohe Mortalität von 28% führte er darauf 
uriiek, daß sich unter den Fällen vier befanden, die sofort vom Schlacht- 
sld ins Lazarett transportiert wurden und hier nur wenige Stunden 
tach der Aufnahme an innerer Verblutung zugrunde gingen. 

Roepke (Barmen): In dm* vorgeführten Statistik fällt der geringe 
.'itterschied im Verhältnis der Sterblichkeitsziffern der durch klein- 
talibrige und großkalibrige Geschosse hervorgerufenen Lungeuverletzun- 
jen auf. Da nach seiner Erfahrung die durch Gewehrgeschosse gesetzten 
uingenverletzuiigen oft genug, besonders wenn sie periphere Teile der 
Lunge betreffen, zu den leichteren Verletzungen gehören, die durch 
Schrapnell- und Granatsplitter hervovgerufenen meist zu den schwersten 
Zerstörungen im Lungengewehe führen, zum offenen Pyopneumothom. 
zu rasch sich ausbreitender Lungengangrän und im Anschluß an die 
jauchige Infektion oft äußerst rasch zum Exitus führen, so kann R. 
sich den geringen Unterschied nur dadurch erklären, daß ein größerer 
Teil der durch großkalibrige Geschosse hervorgerufenen Lungenver¬ 
letzungen infolge frühzeitigen Abtransports nicht genügend lauge beob¬ 
achtet werden konnte. Gerade die Granatsplitterverletzungen gehören zu 
den schlimmsten Verletzungen der Lunge. R. hat mehrfach durch Sek¬ 
tion feststellen können, daß selbst erbsengroße Splitter neben erheblicher 
Zertrümmerung der Rippe weitgehende Zerstörung des Lungengewebes 
gemacht haben. Das muß wohl an der unregelmäßigen Form, an der zer¬ 
rissenen Oberfläche der Granatsplitter liegen, daß das Limgengewebe so¬ 
weit zerfetzt und über die Grenzen der Geschoßbahn zerstört wird. Beim 
Hämothorax ist Redner auch möglichst konservativ gewesen: es wurde 
nur punktiert, wenn Verdrängungserscheinungen dazu zwangen. Daß im 
weiteren Verlauf anhaltende Fiebersteigerungen durch eine Punktion des 
Hämothorax, auch wenn nur ein mäßiger Teil des Blutergusses abge¬ 
lassen wurde, kupiert werden können, konnte des öfteren beobachtet 
werden. Die Behandlung des Pyo- und Pyopneumothorax hat nach den 
allgemein gültigen Hegeln der Chirurgie stattgefunden. Beim offenen 
Pyopneumothorax wurde immer von Fall zu Fall entschieden, ob eine 
Rippenresoktion oder eine Punktion neben der Thorax wunde angebracht 
sei. Mit Rücksicht auf den meist nach der Verletzung einsetzenden 
schlechten Allgemeinzustand ist die Frage, ob eingegriffen werden soll 
oder nicht, allgemein nicht zu beantworten; hier hat die Erfahrung zu 
urteilen. Kleine, abgesackte Empveme sind zunächst durch Punktion % 
zugreifen, da sie bei den stark angegriffenen Pat. oft genug auf diese 
Weise zur Ausheilung kommen. 

O.-A. Flörcken (Paderborn): Die wegen der Ablieferung der 
Krankengeschichten nicht klargestellten, vom Vortr. zitierten ralte 
waren beides Fälle mit geringem Thoraxdefekt, durch den nachträglic 
ein Empyem drainiert wurde. In frischen Fällen von Lungenschiissen mi 
offenem Pneumothorax ging End er len so vor. daß der Defekt angefnst 
und die Lunge rings um den Defekt an der Thoraxwand fixiert wur e. 
ein Verfahren , wie es vor Anwendung von Druckdifferenz bei in r 
thorakalen Eingriffen vielfach geübt wurde: von 14 Fällen wurden L = ' 
F. halte bislang keine Gelegen heil* das Verfahren anzuwenden. bei 
schlechten Prognose der angeführten Fälle müßte man es versuchen. 
Von Interesse sind 2 Fälle von Verletzung des Perikards > 
Granatsplitter: der erste Pat, starb plötzlich, 3 Tage nach < der‘ _ 
letzung (GranatVerletzung der linken Brustseite) unter den Erschein 5 
einer akuten Insuffizienz des Herzens. Die Sektion deckte ne ® ^ 

Verletzung der linken Lunge einen großen Granatspitter im * / 
auf und, davon ausgehend, eine ausgesprochene serofibrinüse 1en 
mit Cor% iIlosum. In einem zweiten Fall wurde der Herzbeutel pu . 
(300 ccm seröser Flüssigkeit), und es trat gleich darauf eine d« 
Besserung ein. Später wurde noch eine Rippenresektion we « eil m g n 3i li 
der verletzten linken Brustseite nötig, darauf Heilung. Mau riprzbeutd 
Schußverletzung des Thorax bei Dyspnoe immer an Herz und 
denken, damit man die richtige Therapie aowenden kann. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



11. ApriJ. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


441 


Rotter: Die Differenz zwischen den von ihm vorgetragenen und 
W fre Huschs Resultaten erklärt sieh daraus, daß R. bei seiner Zusammen- 
Stellung die auf dem Hauptverbandplätze Gustorbenou nicht mit berück * 
?iditi?r hat. Wie Nachträglich festgestellt wurde, starben auf den Haupt- 
e|^ f . jj Verbandplätzen noch RI Verwundete mit Brust Schüssen: diese mitge- 
nelmet. kommt Redner zu Ähnlichen Zahlen. 

4^ O.-A. Flörcken (Paderborn): Zur Frage des Transportes 

iäv ] Lungen verletzter. Nach einer persönlichen Mitteilung von 

rü H r Prof. v. Dettingen bekamen Pat. mit Lungenschiissen 14 Tage 

nach der Verletzung im Lazarettzug bisweilen Fieber, Hämoptoe. 
er i. . Man sollte Lungenschiisse erst nach einer fieberfreien Periode von 
3 Wochen transportieren. Von einer Reihe solcher Pat., die im 
Feldlazarett behandelt wurden, liegen günstige Nachrichten vor. 
einerGen.-A. Nickel warnt vor zu schnellem Abtransport der Ver- 
jr^‘ wrindeten mit Lungensrhiisficn: selbst der Transport vom Hauptverband- 

i platz direkt ins Kriegslnzarett schade häufig. Am meisten sei diesen 

1 ,* Verwundeten, die besonders der Ruhe bedürften, gedient, wenn sie. so- 

$1V- bald sie sich von den Shockersclteinimgen erholt hätten, in ein nie t. zu 
weit irelegenes Feldlazarett gebracht würden, und dort, je nach der Art 
hu,h. r Verletzung. 10-14 Tage verblieben, bis zur Ueberfiihrung ins 
MLI Kriegslazarett. Ueber den Abtransport in die Heimat müsse der weitere 

, , Verlauf entscheiden. 

re ; Rotter möchte speziell die Truppenärzte darauf hinweisen, daß 

seit 4 Monaten prinzipiell die Darmschüsse operativ behandelt werden, 

1 ■ ; sofern sie innerhalb der ersten 12 Stunden kommen und die bekannten 
Kontraindikationen nicht vorliegen. 6 Fälle konnten bereits operativ ge- 
: heilt werden. 

; . f Jiuhrerkrankunffen des VII, Armeekorps. 

St.-A. Fromme: Krankheitserreger und Verlauf der 
j ; Epidemie. Die Epidemie dauerte von Mitte September bis Mitte 

u Dezember 1914. Sie nahm ihren Ausgang von einer Radfahrer- 

^ kompagnie und verbreitete sich auf benachbarte Truppenteile. Ein 
Herd ffir sich bestand bei einem abseits gelegenen Truppenteil. 
Höhepunkt Anfang Oktober, vorübergehender Anstieg Ende Oktober, 
j Ais Erreger wurde der y-Ruhrbazillus gefunden. Im Blut der Er¬ 
krankten fanden sich Agglutinine, andere Erreger konnten nicht 
naebgewieseu werden. Wahrscheinlich sind die Keime aus dem 
RekrutieruDgsgebiet eingeschleppt. Begünstigt wurde die Infektion 
durch besondere körperliche und seelische Anstrengungen. Auf¬ 
fallend ist die gleichzeitige Zunahme der Erkrankungen bei ein¬ 
zelnen, unabhängig voneinander liegenden Truppenteilen. Aus dem 
Vergleich der Krankenzugangs- und meteorologischen Kurven konnte 
über Zusammenhang von Klima usw. und Epidemieverlauf sicherer 
Aufschluß nicht gewonnen werden. Von Bekämpfungsmaßnahmen i 
^ wurde frühzeitige Errichtung von Darmkrankensammelstellen als 
besonders wichtig angesehen, die dicht hinter der Front lagen und 
alle Darmkranken mit schleimigen oder schleimigblutigen Stuhl¬ 
beimengungen aufnahmen. Beschreibung der Einrichtung der 
Sammelsteilen. Unter 864 Erkrankten zwei Todesfälle. Neuerkran- 
kungen einwandfrei nicht festgestellt. Anscheinend wird durch 
t’eberstehen der Krankheit Immunität geschaffen. Andere Ma߬ 
nahmen allgemein-hygienischer Art. 

St.-A. Has: Krankheitsverlauf und Behandlung* der 
Ruhr. Vom 16. Oktober bis 18. Jänner 1915 wurden 136 Kranke 
in die vom Vortr. geleitete Darmkrankonsammelstelle aufgenommen. 

RR schieden als nicht ruhrkrank aus, 6 Kranke wurden ausgeheilt 
dem Kriegslazarett überwiesen, so daß Vortr. über ca. 100 definitiv 
geheilte Fälle verfügt. Die lukubation betrug 2—3 Tage, die Erschei¬ 
nungen waren im allgemeinen milde; nebea Tenesmen, schleimig- 
blutigen und schleimig-eitrigen Stühlen, wurde über Kreuz-, Kopf-, 
Gliederschmerzen und das Gefühl allgemeiner Ermattung geklagt. 
Vereinzelt bestand Erbrechen, Harndrang, Milztumor. Die leichten 
Tempera!ursteigerungen bestanden nur vorübergehend. Die Krank- 
beitsdauer betrug im Durchschnitt 7—8 Tage, die längste, mit 
Ausgang in Heilung, 19 Tage. Rückfälle waren nur selten. Die 
Behandlung war vorwiegend diätetisch, zunächst nur Tee. später 
Hafer-, Gersten-, Reisschleim, Kakao, Milch, allmählich Uebergang 
zu konsistenterer Kost.; Entlassung erfolgte, wenn die „Feldküche“ 
wieder vertragen wurde. Medikamentös wurden im Anfang bei 
Abwesenheit größerer ßlutmengcn Rizinusöl und Kalomel gegeben. 
Nützlich erwiesen sich Bismut. subgallic. und Tannalbin. Opium 
wurde sehr sparsam verwendet, da es Koliken macht und das 
Krankheilsbild verschleiert. Von Bolusanwendung würde kein 
Nulzen gesehen, Poiyakutes Ruhrserum wurde bei drei sehr schweren 
Lilien gegeben, ohne Besserung. Zwei davon starben im Kriegs¬ 
bereit, einer unter peritonitischon Symptomen. 

, , H.-Nt.-A. Buch hi n der: Bei Betrachtung der Tabellen sieht man, 

l,r ^ 'he Huiiptiwkninkungsziffeni auf die großen YcrkehrssLraßen bin- 
«eisen. Von hier aus erfolgt die Weiterverbreitung. 


O.-Gen.-A. Schmiedicke weist an der Ha ml der in den letzten 
.fahren in der Armee beobachteten Epidemien auf die verschiedenen Kulir- 
oiTeger hin und auf deren Bewertung für die prophylaktischen Ja.- 
nahmen. Aus dem vereinzelten Vorkommen von klinisch nrmveuleutigei 
Ruhr ohne bakteriologischen Befund ist zu schließen, daß auch noch 
andere Ursachen oder Erreger in Betracht kommen, und es ist wohl 
möglich, daß z. B. das BacL coli durch -ewiss* Veränderungen der Er¬ 
reger wird. Jm Kriege wird immer der größte Wert auf Bammels!eilen 
für Verdächtige und auf sorgfültiirste Ueber warli mig der Latrinen zu 
legen sein, sowie auf Beseitigung der Fliegen. Bei Mangel sonstiger 
geeigneter Nährmittel kann der Kalorienhedarf für kurze /eit wohl durch 
Zucker und Alkohol (Glühwein) gedeckt werden. 

Gen.-A. Nickel halt die Ko ntakt i nfe ktion für die haupt¬ 
sächlichste Form der Uebert.ragung bei der Ruhr und legt daher den 
Hauptwert hinsichtlich der Ruhrbekiimpfnng auf die Beseitigung dei 
Ansteeklingsquellen durch schleunigste Ueberweisung der Ruhrkranken 
und Ruhrvordiichtigen an die „Darmkrankensammolstellen'\ welche so 
nahe an die vorderen Stellungen der Truppen herangerückt werden 
müssen, daß Kranke und Verdächtige sie. leicht erreichen können. Die 
Ueberweisung der Erkrankten au besondere beucbenlazarette ist, wenn 
die Krankheit so leicht wiftrift, wie es hier im allgemeinen der Fall 
war, für gewöhnlich nicht nöiig, und ist auf die schwerer verlaufenden 
Ausnahmsfälle zu beschränken. 

O.-A. Schilling (Düsseldorf): „Wie würde sich der Sani¬ 
tätsdienst in der Schlacht bei Laon am 9.—10. Marz 1814 
nach nnsern jetzigen Vorschriften gestaltet haben? 46 (Eine 
sanitätstaktische Studie.) 

Eine vom Armeeoberkommando ... in Laon verteilte Ueber- 
setzung aus dem Werke von Henry Houssaye „1HS4“, „Die 
Schlachten bei Craonne und Laon im März 1814“, hat den Vortr. 
angeregt-, ein Bild des Sanitätsdienstes in der Schlacht von Laon 
an der Hand der persönlich erworbenen Geländekenntnis zu ent¬ 
werfen. Auf die Sanitätsvorschriften damaliger Zeit konnte nicht 
zurückgegriffen werden, weil sio nicht zur Verfügung standeu. 
Ferner würden sie wohl auch in ihrer Primitivität im Vergleich 
mit denjenigen der Jetztzeit weniger Interesse für eine sanitäts- 
taktisehe Studie bieten. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriß 
der Vorgeschichte der Schlacht und der Schlacht, selbst entwickelt 
S., wo, in welcher Weise und zu welchem Zeitpunkte die betreffen¬ 
den Aerzte (Truppenarzt, Chefärzte der Sanitätsformationen, 
Divisions- und Korpsärzte) ihre Truppenverbandplätze, Hauptver¬ 
bandplätze und Feldlazarette nach unsern jetzigen Vorschriften 
einzusetzen gehabt haben würden. 

Gen.-O.-A. Neuburger zeigt eine von ihm angegebene und 
bei der 13. Reservedivision in Gebrauch befindliche „Riepentrage* 4 
nach Art der in Gebirgsgegenden zum Tragen von Lasten üblichen 
Kiepen. Mit dieser wird der Verwundete in sitzender Stellung 
(Rücken gegen Rücken) von einem Krankenträger getragen, während 
ein zweiter die Beine unterstützt. 

Gen.-A. Nickel berichtet, daß er schon vor .Jahren Versuche zum 
Abtransport Verwundeter im Gebirge (Vogesen) mit verschiedenen. Tragen 
gemacht habe. Hierbei habe sieh die vorn Schweizer Oberstabsarzt 
Dr. Fröhlich konstruierte Rückentrage (Brust des Verwundeten am 
Rücken des Trägers) am besten bewährt. Für Schützengräben würde sie 
wohl zu breit sein. 

St.-A. Iiuhz demonstriert einen Feld röntgen wagen der 
Firma Reiniger, Gebbert & Schall, der sehr zweckmäßig und 
reichhaltig zusammengestellt ist. Ein Benz-Motor im Wagen er¬ 
zeugt Gleichstrom, die Einrichtung kann aber auch an jeder Gleich¬ 
oder Wechselstromleitung sofort angeschlosson werden. Ein Dunkel¬ 
zelt ermöglicht Aufstellung unter freiem Himmel. R. 


Wilhelm Konrad Roentgen. 

Zu seinem 70. Geburtstage. 

Am 27. März beging ein Forscher seinen 70. Geburtstag, 
dessen Entdeckung einen Triumph der jetzt von unseren Feinden 
so herabgesetzten deutschen Wissenschaft bedeutet. — Es ist 
Wilhelm Konrad Roentgen, der im Dezember 1895 durch 
eine vorläufige (!) Mitteilung „Ueber eine neue Art von Strahlen“ 
in der Würzburger physikalisch-medizinischen Gesellschaft seine 
bahnbrechende Entdeckung der Welt verkündete. — Das erste 
Knochonbild der lebendigen Hand zeigte der staunenden Welt, 
daß die undurchdringliche Hülle gefallen sei, die bisher das Innere 
des lebenden Menschen unseren Blicken verschloß. 

Es gab einige Leute, die da meinten, den Ruhm Roentgons 
herabdrücken zu können, indem sie behaupteten, daß Roentgens 
Entdeckung auf Zufall beruhe. Ganz abgesehen davon, daß bei 


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UMIVERSITY OF IOWA 



MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 


11. April. 



fast allen Entdeckungen ein Zufall, d. h. eine glückliche Verkettung I 
von Umständen eine Rolle spielt, haben zweifelsohne vielo Experi- K 
mentatoren vor Roentgen ganz ähnliche Versuche wie er ange- b 
stellt, aber nicht die Eingebung des Roentgenschen Genius er- I 
halten, daß dabei ein bisher unbekanntes Agens auftritt. — u 
Roentgen hat dieses nicht nur als solches erkannt, sondern auch I 
mustergültig erforscht und beschrieben. 1 

Durch die rastlose Arbeit zahlreicher Kräfte, insbesondere 1 
von Aerzten und Technikern, gelang es in den folgenden — noch 1 
nicht 20 — Jahren, auch die inneren Organe, wie Lunge, Herz, < 
Verdauungs- und Harntraktus, außer den Knochen, Verknöcherungen 
und Fremdkörpern, den Strahlen zugänglich zu machen und in 
ihnen überdies ein wertvolles Heilmittel im Kampfe gegen viele, j 
selbst bösartige Krankheiten zu erkennen. 

Während anfangs Aufnahmen eine halbe Stunde und dar¬ 
über dauerten, gelingen heute selbst schwierige Aufnahmen in 
einem kleinen Teil einer Sekunde, sogar kinematographische Se¬ 
rien- und Momentaufnahmen sind jetzt möglich. 

Roentgen fügte der Bekanntgabe seiner Entdeckung bereits 
eine fast erschöpfende Darstellung der physikalischen Eigenschaf¬ 
ten seiner Strahlen bei. Nur wenige bedeutungsvolle Zutaten sind 
seitdem hinzugekommen, wie von Laue (1012), der die moleku¬ 
laren Raumgitter der Kristalle benutzte, um die Wellenlänge der 
Röntgenstrahlen zu ermitteln, und damit zugleich einen Weg zeigte, 
wie die Struktur der kristallisierten Materie ergründet werden kann. 

Für die medizinische Wissenschaft hat Roentgen lediglich 
den gewaltigen Grundstein gelegt, während er den weiteren Auf¬ 
bau anderen überließ. Der Gebrauch des Leuchtschirms wie der 
photographischen Platte zum Erkennen der Bilder, die grundsätz¬ 
liche Feststellung, daß sich die Knochen darstellen lassen und 
daß mit der Härte der Strahlen die Schattentiefe wechselt, stammt 
unmittelbar von Roentgen selbst. Andere Dinge ergaben sich 
ohne weiteres aus seiner Entdeckung, wie insbesondere das Auf¬ 
finden der Fremdkörper. Der Ausbau des Instrumentariums aber, 
des Hochspannungsapparats, wie der Roentgenröhre für die großen 
Ansprüche, die der Arzt stellen muß, die medizinischen Anwen¬ 
dungen und Methoden der Untersuchung und Behandlung, die 
Schutzmaßregeln, Lokalisationsverfahren und dergleichen mehr 
wurden erst von anderen geschaffen. 

Itoent-gen begann sein Studium iu Utrecht, setzte dasselbe 
in Zürich’ fort und promovierte dort 18(18. Im Jahre 1870 ging 
Roentgen als Assistent von Kundt nach Würzburg, 1872 nach 
Straßburg; 1874 habilitierte er sich dort. 1875 wurde Roentgen 
Privatdozent, 1876 Professor an der landwirtschaftlichen Akademie 
in Hohenheim, 1879 außerordentlicher Professor in Straßburg, 
1879 erfolgte seine Berufung als Ordinarius nach Gießen. Hier 
lehrte Roentgen 9 Jahre und hat darauf seine stille emsige 
Tätigkeit in Würzburg fortgesetzt, wohin er 1888 als Nachfolger 
von Kohl rausch berufen wurde. Seit 1899 lehrt Roentgen in 
München. 

Roentgen wurde mit wohlverdienten Ehrungen überhäuft, 
allen öffentlichen Huldigungen ist aber der bescheidene Gelehrte 
stets ausgewichen. Möge es dem berühmten Forscher vergönnt 
sein, noch lange in frischer Kraft der Wissenschaft zu dienen und 
sich an den Segnungen zu erfreuen, die seine große Entdeckung 
der Menschheit brachte und von denen gerade die gewaltige Gegen¬ 
wart ein so beredtes Zeugnis ablegt. Lewy-Dorn (Berlin). 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

In Wien ist am 4. d. M. der ehemalige Primararzt des All¬ 
gemeinen Krankenhauses zu Przemysl Dr. Hugo Ehrlich einer 
Tvphusinfektion erlegen, die er als Arzt der Abteilung für Infek¬ 
tionskrankheiten des Reservespitals in Kagran akquiriert hat. Ehre 
seinem Andenken! __ 


I.-R. Nr. 82, M. Grossmaun, San.-Chef der 27.1.-Div., E. Popper, 
Romm&nd. des Res.-Sp. Nr. 3/2, den R.-Ae. DDr. 0. Ranasiewicz 
beim 12. Korpskmdo., W. Zeman des Feld-Sp. Nr. 3/12, dem 
Lst.-R.-A. Dr. F. Veress, Kommand. des Ros.-Sp. in Vereczke, 
und San.-Inspektor Dr. E. Mayer iu Tuzla das Ritterkreuz des 
Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem 
R.-A. Dr. J. Meszaros, Kommand. des Feldm&rodenhauses, dem 
R.-A. i. P. F. Ruziöska beim F.-J.-B. Nr. 13, den O.-Ae. DDr. A. \ 

Lumnitzer beim 6. Korpskmdo., L. Gulyas des Feld-Sp. Nr. 9(4, [ 

dem O.-A. d. Ev. K. Tadra des Feld-Sp. Nr. 1/11, den O.-Ae. d. Res. 

DDr. A. Jung des I.-R. Nr. 40, F. Felegyhazi des u. L.-1.-R. 

Nr. 24, K. Kovacs des l.-R. Nr. 100, den A.-Ae. d. Res. DDr. S. 

I Magyari des I.-R. Nr. 40, L. Szauto des l.-R. Nr. 52, J.Za- 
iwski des F.-K.-R. Nr. 1 und dem prak. Arzt Dr. S. v. Po- 
lalski des L.-1.-R. Nr. i das Goldene Verdienstkreuz mit der 
rone am Bande der Tapferkeitsmedaille verlieben worden. ^ 

(Frequenz der österreichischen medizinischen Fa- 1 
ultäten.) Im Wintersemester 1914/1915 waren an der medizmi- 
jhen Fakultät in Wien 1038 ordentliche Hörer, 288 ordentliche 
[örerinnen, 13 außerordentliche Hörer und 2 hospitierende Höre- i 
innen, in Graz 257 ordentliche, 3 außerordentliche Hörer und 
0 Hörerinnen, in Innsbruck 145 ordentliche, 1 außerordentlicher 
lörer, 8 ordentliche Hörerinnen und 1 Hospitantin, an der deutschen 
Fakultät in Prag 240 ordentliche, 5 außerordentliche Hörer und 
10 ordentliche Hörerinnen, an der tschechischen Fakultät in Prag 
t90 ordentliche, 8 außerordentliche Hörer, 120 ordentliche, 2 außet- 
irdentliche Hörerinnen und 1 Hospitantin inskribiert. — An den 
ünf medizinischen Fakultäten waren insgesamt 2078 Studierende 
2176 ordentliche, 30 außerordentliche Hörer, 406 ordentliche, 

1 außerordentliche Hörerinnen, 1 Hospitant und 3 Hospit&ntinncn) 
inskribiert. 

(Krankenverein der Aerzte W iens.) Am 31. März hat die 
diesjährige Generalversammlung stattgefunden. Dem Bericht ist zn 
entnehmen, daß auch das vergangene Jahr sich günstig gestaltete. 

Es hörte wohl mit Kriegsbeginn der Zufluß neuer Mitglieder auf. 
doch schon im ersten Halbjahr waren 71 beigetreten, so daß deT 
Verein am Schlüsse des Jahres 1130 Mitglieder zählte. Der Ge¬ 
barungsüberschuß pro 1914 beträgt über K 25000, das Vereins- 
Vermögen über K 254000. — Viel Studium und eingehende Be¬ 
ratungen erforderte die Sachlage, welche durch die Kriegsereignisse 
geschaffen wurde. Laut § 27 des Statuts haben zur Dienstleistung 
im Mobilisierungsfalle einberufene Mitglieder während derselben 
keine Beiträge zu zahlen, haben aber auch keinerlei Ansprüche an 
den Verein. Die von verschiedenen Seiten angestrebte Beseitigung 
dieses Paragraphen ist unmöglich, da der Verein, auf versiche¬ 
rungstechnischer Grundlage aufgebaut, den Schutz dieses Para¬ 
graphen vor gänzlichem Ruin durch die Kriegsereignisse nicht 
entbehren kann. Ueberdies gestattet auch die Aufsichtsbehörde 
nicht die Eliminierung desselben, es sei denn, daß der Jahresbei¬ 
trag um das Mehrfache erhöht würde, wodurch aber die Mitglieder 
scharenweise aus dem Verein getrieben wurden. Um nun eine 
Milderung der Situation — besonders für die weniger bemittelten 
Mitglieder — zu schaffen, schlug der Ausschuß der 
Sammlung vor, „einen Kriegshilfsfonds bis zur Höhe von K 50000 
zu schaffen, an welchen sich die Mitglieder oder ihre Angehörigen, 
die nach §27 nicht bezugsberechtigt sind, wenden können. 
Die Bestimmung der Höhe der Unterstützungsbeiträge bleibt dein 
Vorstande überlassen.“ Dieser Antrag wurde einstimmig ange¬ 
nommen. 

(Statistik.) Vom 28. März bis inklusive 3. April 1915 wurden in 
den Zivilspitälern Wiens 13.918 Personen behandelt. Hiervon wura 
2689 entlassen, 184 sind gestorben (0'4% Jos Abganges). In Ji 08 ®® J , 
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außernaiü 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt g e _ me | r de ' _ 
Blattern 58, Scharlach 87, Varizellen —, Diphtheritis 51, hfujaP“ j 
Influenza —, Abdom in altyphus 7, Dysenterie 1, Rotlauf — , Tracn J 
Milzbrand —, Wochenbetlfieber —, Flecktyphus 1, Cholera asiat q 
epidemische Genickstarre 5. In der Woche vom 21. bis 27. März W 
in Wien 762 Personen gestorben (— 78 gegen die Vorwoche). 


(Militär ärztlich es.) In Anerkennung tapferen und aufopfe- - 

rrni^svollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem . ilBM 

Feinde ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. F. Radey, San.-Chef des 9. Korps, SitZtmgS-KalOHdariUIU. 

und 0.-St.-A. II. Kl. Dr. W. Rasehofszky, Kommand. des mob. Dienstag, 13. April, 7 Uhr. Verein für Psychiatrie nnd 

Res.-Sp. Nr. 2/2, das Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens mit Hörsaal v. Wagnor (IX., Lazarettgasse 14). DemonstraU 1 

dem Bande des Militärverdienstkreuzes, den. O.-St.-Ae. II. Kl. (Gerstmunn, Deutsch, Fröschels, Pötzl). 

DDr. Z. Belschan des I.-R. Nr. 35, F. Makszim, Kommand. des Mittwoch, 14. April, 7 Uhr. Wiener Laryngologlsche Gesellt • 
Res -Sd Nr. 1/3, A. Ferenczy, San.-Chef des 16.1.-Div., L. Rupp, Hörsaal Chiari (IX., Lazarettgasse 14). Demonstrationen. 

Kommand. des Feld-Sp. Nr. 4/6, den St.-Ae. DDr. J. Stark des Freitag, 16. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-, 

b -h I.-R. Nr. 3, E. Schön bei der 38. I.-Div., M. Engländer des gasse 8.) _ _ _ 

—-“ Eigentümer nndVurleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Koriin. — Verantwortlicher Redaktuar !«r öeterreicb Ungarn: Karl Urban, Wien 

Heranngeb« , Druck von Gottlieb Gürtel 4 Cie., Wien, III., Münzgasse 6. 


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Nr. 16. 


Wien, 18. April 1915. 


XI. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 

rivr.- 

Wochenschrift für praktische Ärzte 

k .. 

i ; redigiert von 1) Verlag von 

Professor Dr. Kurt Brandenburg | Urban & Schwanenberg 

Berlin 8 Wien 

m-. 

lies 11 - ~ , . . I __ — : — : —L ' ' r—i f—;— 

; 2 ;,i,, INHALT: Bie Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. R. Schmidt, Ueber Herzbeschwerden bei Kriegsteilnehmern 
V'. und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei der Beurteilung derselben (mit 2 Abbildungen). Oberstabsarzt Prof. Dr. P. Uhlenhuth und Dr. Olbrich, 
Improvisation von Dampfdesinfektionsapparaten und „Entlausungsanstalten“ im Felde (mit 0 Abbildungen). Medizinalrat Dr. H. Boral, Ueber Kriegs- 
trphus (mit Kurven). — Klinische Vorträge: Dr. Emil Schepelmann, Trauma und Wundinfektionskrankbeiten. — Berichte über Krankheitsfälle 
spife:: and Btlasdhsp?erfahren : Stabsarzt Dr. E. Kuhn, Die Entfernung von Kleiderläusen durch Schwefeldämpfe. Stabsarzt Dr. Eugen Brodfeld, Be- 
handlung der Syphilis mit Embarin. — Aus der Praxis für die Praxis: Dr. Ferd. Münzker, Abortivbehandlung von Wund- und Gesichtsrotlauf. 
?.ik r :::-: Dr. Wi icke. Zur Wundbehandlung. — Aentliehe Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens: San.-Ilat Dr. Rings, Diabetes nach Trauma, 
aok:: - Referaten teil: Sammelreferat: Prof. Dr. C. Adam, Aus der neuesten Augenliteratur. — Aus den neuesten Zeitschriften, — Bücherbespre- 
* 1 ^;. chongen. — Wissenschaftliche Verhandlungen: Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien. Kriegschirurgische Abende in Budapest. Berliner 

kriegsärztliche Abende. — Berufs- und St&ndesfragen. — Kleine Mitteilungen. 

Tkar Vtrlug I Mit tieh 4at ausuhH^ßHeto Ruht der VcrvMf&tHgung und Vtrhrtihmj dir M diwr ZHUehrtft mm Brtchtimn fiiangmdr* Orifinalbtiträfi vor. 


P V 

^ pf: 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


. p Aus der I. deutschen medizinischen Klinik in Prag. 

" nj :J (Vorstand Prof. R. Schmidt). 

Ueber Herzbeschwerden bei Kriegsteilnehmern 

f| ; und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei der 

: Beurteilung derselben 

B;f von 

Prof. Dr. R. Schmidt. 

l ’ Unsere moderne Herzgefäßdiagnostik bemüht sieh, mög- 
^ liehst wenig „spezialistisch“ zu sein, berücksichtigt in ganz be- 
; soliderem Ausmaße den Rahmen der Gesamtkonstitiition und 
stellt den funktionalen Inhalt über die anatomische Form. 

<- Ich habe gerade in letzter Zeit verschiedentlich den 

Eindruck gewonnen, daß diesem berechtigten und von bin- 
- log/seheu Gesichtspunkten außerordentlich erfreulichen 
IWhsci der Anschauungen nicht allenthalben Rechnung ge- 
!j,;, geri wird und man vielfach noeli allzusehr einseitige physi- 
kalisobe „Geräuschdiagnostik“ betreibt. 

Es wäre ungerecht, die großen Schwierigkeiten zu ver- 
k#‘mien, die sich auf diesem Gebiete bei militärärztliclior Be- 
»rteiJung von Herzgefäßerkrankungen ergeben und die teils 
1,1 der außerordentlichen Ueberbürdung, teils in der Not¬ 
wendigkeit gelegen sind, sich in allerkürzester Zeit ein Urteil 
ln bilden, wo vielfach nur die Vertiefung in das Problem des 
einzelnen Falles zu einem klaren und berechtigten Urteile 
führen kann. 

Uh folge deshalb gerne der Aufforderung der Redaktion 
M.KL, dieses zurzeit praktisch sehr wichtige Gebiet von 
Äschen Gesichtspunkten aus zu beleuchten. 

Es ist nicht zu bezweifeln — so paradox der Gedanke 
Zunächst auch erscheint —, daß die Kriegsstrapazen für ge- 
n ^ se Störungen des kardiovasculären Systems eine Art 
-Eurt darsteilen. Ich denke hier an Individuen von 
Ionischem Typus mit leichter präsklerotischer Blut - 
dnc'ksleigenmg, sitzender Lebensweise, Luxuskonsumption, 
r, diige/n phlegmatischen Temperament. Hier ist durch- 
^ denkbar, daß trotz forcierter mechanischer Arbeits¬ 
tag, falls dieselbe nicht dauernd ein gewisses Mittel- , 


maß überschreitet, durch die Anregung der peripheren 
Triebkräfte die Blutdrucksteigerung zurückgeht und die 
Kriegsstrapazen günstig ein wirken im Sinn einer schweren 
Tcrraingymiiastik nach 0 e r t e 1. 

Muskelarbeit, Vertiefung der Atmung, das damit ver¬ 
bundene Training der Zwerchfell- und Bauchnmskulatur und 
die gleichzeitig erfolgende Anregung der Stoffweehselvor- 
gänge stellen ebenso viele günstige Momente dar für die 
Sanierung geringer Kreislaufstörungen, nicht zu vergessen der 
fördernden psychischen Impulse, die sieh besonders bei einer 
siegreichen Truppe auch in entsprechend günstige circulato- 
rische Impulse umsetzen. 

Anderseits führen aber, wie die Erfahrung lehrt, die oft 
ganz außerordentlichen seelischen und körperlichen Stra¬ 
pazen zu vorübergehender oder dauernder schwerer Betriebs¬ 
störung in ganz leidlieh funktionierenden Kreislaufsystemen. 

Da hierbei vielfach „Geräusche“ fehlen und die Größen¬ 
verhältnisse des Herzens nicht wesentlich verändert zu sein 
brauchen,, ergeben sieh mannigfache Schwierigkeiten in der 
Beurteilung derartiger Zustände, seihst bei ausgesprochenen 
anatomischen Veränderungen, so in Fällen von Angina 
p e e t o r i s u n d „A o r t a 1 g i e n“ 1 ). 

Hier kann der Blutdruck nahezu normal sein, Herz- und 
Aortensilhouette auch im Röntgenbilde keine Abweichung von 
der Norm ergeben und doch bestellen echte Aortalgien, die 
bei jeder körperlichen Anstrengung, wie Steigen, raschem 
Gehen, gesetzmäßig in der typischen Sehmerzfigur mit Aus¬ 
strahlung in die linke oder beide obere Extremitäten sieh 
äußern. Hier wird gelegentlich bei der besonders intimen 
Beziehung zwischen Lues und Aortalgie die serologische 
Untersuchung auf ,Wassermann* entscheidend sein. Anamne¬ 
stisch datieren die Beschwerden oft — trotz organischer Fun¬ 
dierung — auf viele Jahre zurück. Die funktionelle Form 
der Aortalgie, bei Männern ungleich seltener als bei Frauen, 


*) R. Schmidt: ,,Die Schmerzphänomene bei Inneren Er¬ 
krankungen.“ 2. Auflage. W. ßraumüller, Wien. 

R. Schmidt: „Ueber Angina pectoris und Aortalgie.“ Prag, 
m. Wsc-hr. 1914, Nr. 30. . „ 


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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


ist im allgemeinen nicht so gesetzmäßig nach Art eines gut 
vorbereiteten Experiments durch mechanische Momente aus¬ 
lösbar. 

Nervöse Dekorationen des Krankheitsbildes sind an und 
für sich für die Differentialdiagnostik nicht verwertbar, da 
Luetiker mit echter Angina pectoris sehr häufig e lue schwere 
Neuropathen sind. 

In den Bereich schwieriger militärärztlicher Entschei¬ 
dung in puncto Leistungsfähigkeit des Herzens und Gefä߬ 
systems fallen auch Individuen mit Yirchowscher 
„Hosenträgeraorta“. Bei Durchleuchtung in nach 
rechts gedrehter Stellung (Abb. 1) sind wir meistens in der 
Lage, ein sehr präzises Urteil über die Breite der Aorta ab¬ 
zugeben und finden oft genug eine pathologisch schmale 
Aorta in einer Breite von unter zwei Querfingern oder selbst 
nur Daumenbreite. Die schmale Aorta ist fast stets gleich¬ 
zeitig eine lange Aorta, die bis zum untersten Rande des 
Stemalendes der Clavicula reicht, trotzdem aber — paradoxer¬ 
weise — in der Fossa suprastemalis gewöhnlich nicht palpabel 
ist. Der zweite linke Bogen ist oft sehr deutlich entwickelt 
und die Herzspitze stark abgerundet im Sinne einer links¬ 
seitigen konzentrischen Herzhypertrophie. Das verhältnis¬ 
mäßig kleine Herz (Abb. 2) ist dabei median gestellt (Tropfen- 




Bei Strahleng&ag von links hinten Bel dorsoventrelem Strahlengang, 

nach rechts vorn. 

herz!). Dieses Röntgensyndrom ist vom Stand¬ 
punkte felddienstlicher Leistungsfähigkeit ernster Be¬ 
achtung wert. 

In welchem konstitutionellen Milieu finden wir es am 
häufigsten? Gewiß häufig bei den Laenne eschen 
„Pappelbäumen“, bei abnorm hochgeschossener, dabei eng¬ 
brüstiger Statur, aber auch — und darauf möchte ich mit 
Nachdruck verweisen — gelegentlich bei Habitus 
quadratus. 

Gerade bei diesen zwei Typen scheint mir das Röntgen- 


Mephistoartige Facies mit schräg abfallenden Augenbrauen, Ge¬ 
sicht gerötet, 66 kg. Sitzt häufig im Bett, angestrengt, aber geräuscli- 1 
los atmend. Expirium frei. Adrenalininjektion ohne Einfluß. Anfall 
von Atemnot besonders nach dem Mittag- und Abendessen durch zirka 1 
eine Stunde. Erleichterung durch Aufstoßen von Gasen (Asthma 
dvspepticum!). Litt besonders in der Lehrzeit oft an Herzklopfen, ist ! 
schreckhaft, furchtsam. Seit zwei Monaten gehäufte Pollutionen. P.S.R. 
gesteigert. Feinwelliger, frequenter Tremor der Hände. Puls labil; 
liegend 90, stehend 124. Im dyspnoischen Anfall Pulsfrequenz 120, 
mit Druck Riva-Rocci 150/85, nach drei Stunden bei ruhiger Atmung 
110/60. Radialgefäße etwas verdickt. Spitzenstoß sehr deutlich, leicht i 
hebend, hie und da Extrasystolen. Bei Verharren in maxi¬ 
maler Inspirationsstellung ab und zu,besonders im j 
Stehen, Verschwinden des Radialpulses ein- oder bei¬ 
derseitig, solange die Inspirationsstellung an dauert 
(funktioneller Pulsus paradoxu 8!). Blutdruck sinkt l.ci 
tiefem Inspirium bis auf 65 mm Riva-Rocci ab. Nach Adrenalin 
injektion 1 ccm (1:1000) länger andauernde 'Glykosurie (nach nein 
Stunden Zucker noch positiv). Blutbefund: 5,6 Millionen Rote. 
Haemoglobin 100%, Leuk. 7000, Polynucl. 55,3%, kleine Lympli. 
25,3 %, große Mononucl. 16,3 %, Eos. 2,3 %, Mastzellen 1,3%. - 
Röntgenbefund: Aorta nur zwei Querfinger breit, bis 
Clavicula reichend. Herzspitze abgerundet. 

F a 11 2. A. W., 22 Jahre. Klinische Vorlesung am 27. Juni 1913. ! 

Glotzaugen und hochgradige Kurzsichtigkeit, Stirne ziirtkk- 
tretend, Nase vogelschnabelartig vorspringend, Turmsehädel. Oft 
Magenkrämpfe, z. B. nach Genuß von Speck, Rettig. Durchfälle be¬ 
sonders bei Aufregungen. Emotionelles Herzklopfen, nächtliche An¬ 
fälle von Beklemmungsgefühl auf der Brust, vorübergehend Ausschei¬ 
dung von zirka 10 Liter Harn im Tage. Bei Urinlassen ver¬ 
mehrtes Herzklopfen. Hatte bis zum vierten Jahre Rachitis, mit 
14 Jahren Tonsillotomie; Nachtschweiße; Spitzenstoß besonder? in 
linker Seitenlage hebend und breit. Kurzes systolisches Geräusch an j 
der Herzspitze. 122 mm Rica-Rocci. Femininer Typus der Crim* 
pubis. Gewicht 45 kg. Neigung zu Hypothermie mit abendlichen 
Temperaturen von 36,0. Röntgenbefund: Aorta sehr 
schmal, konzentrische Hyperthrophie des Unken Ventrikels. 

Fall 3. H. W., 28 Jahre, Sänger. — Klinische Vorlesung am 
3. Juli 1913. 

Am 21. Mai d. J. eigenartige Anfälle mit Bewußtlosigkeit. 
Drückende Schmerzen in der unteren Bauchgegend, Ausstrahlung gegen 
die Herzgegend. Dyspnöe, Hitzegefühl im Kopf, Ausbruch kalten \ 
Schweißes. „Rot und schwarz vor den Augen“; stürzte bewußtlos zu¬ 
sammen und war 20 Minuten ohne Bewußtsein, das Gesicht gerötet, 
heiß, Daumen eingeschlagen, starkes Herzklopfen, versuchte, sich in 
die Hände zu beißen. Seit Kindheit kurzsichtig, Glotzaugen. Vater 
an Magenkrebs, Mutter an Gebärmutterkrebs gestorben. Poly¬ 
dipsie, und zwar Sommer und Winter gleich. Ab und zu schwindrt 
Durstgefühl vollkommen. Bei abnorm großem Durst heftige Kopl 
schmerzen im Hinterhaupt und in der Stirn, Trockenheit in Mund 
und Rachen, Schüttelfrost, oft achttägige Obstipation. 0eft<c 
Schmerzen in der Appendixgegend und gleichzeitig Kopfschmerz. 
Objektiver Befund: Vorübergehend halbseitige Hyperästhesie link-. 
P.S.R. gesteigert. Bei linker Seitenlage stark hebender SpUzensb'k 
Gewicht 55 kg. Es werden an manchen Tagen bis 12 Liter Ir)" 
ausgeschieden, gelegentlich aber nur 2 Liter. Nach 15 Minuten Kmj ,r > 
große Blässe und Ohnmachtsanwandlung. Nach Prohefrühstiick <■' 
samtaeidität 74. Salzsäureacidität 64. Blutbefund: 4,6 Millionen R' ,, ‘• 
5000 Leuk., 52,8% Polynucl., 2 2,8% Ly mph., 14,0% groll' 
Mononucl., 8,4%, Eos., 2% Mastzellen. — Röntgenbefund 
Schmale, hochstehende Aorta, linker Ventrikel konzentrisch hyp* r 
trophiert. 

Fall 4. Sch. H., 17 Jahre, Bauer. — Klinische Vorlesung am 
27. Juni 1913. 


syndrom der Hypoplasie von größerer Bedeutung zu sein als I 
beim kongenitalen Astheniker von mittlerer Statur. Hier 
scheint zwischen schwächlichem Kreislauf und schwächlichem 
kleinen Organismus eine gewisse Harmonie zu bestehen, wäh¬ 
rend bei abnormen Längendimensionen und besonders bei 
Habitus quadratus mit kräftig entwicklter Muskulatur sich 
offenbar eine funktionell bedenkliche Diskrepanz ergibt. 

So mancher Fettleibige mit Habitus quadratus war übri¬ 
gens ursprünglich seinem Habitus nach Astheniker; nach 
eigner Beobachtung scheinen derartige „Umstimmungen“ ge¬ 
legentlich unter dem Einflüsse von Infektionen (ausheilende 
Tuberkulose!, Lues!) zu erfolgen. 

Durch einige abgekürzte Krankengeschichten möchte 
ich das symptomatische Milieu skizzieren, in das Hypoplasie 
des Gefäßsystems sich oft einfügt. 

Fall 1. 8. F„ 29 Jahre, Tischler. — Klinische Vorlesung 

am 19. November 1912. 


War stets einer der kräftigsten unter seinen Altersheime 
1910 mußte er viermal wöchentlich eine Last von 30 kg auf t u' 
Schutzhütte tragen (4 l A ständiger Weg) und 20 kg herunter. 

1910 spürte er hei schwerer Arbeit und Aufwärtsgehen Hmkloptj- 

1911 mußte er schwere Lasten heben. Starkes Herzklopfen sclmii je 

leichter Arbeit. Hat das Zigarettenrauchen sei zwei Jahren aufgeg'^ 
Andauerndes Herzklopfen bei Aufregung, Steigen und Heben 
Lasten. Ain günstigsten ist mäßige Bewegung, absolute m' 1 
wirkt ungünstig. Herzklopfen auch schon nach Genuß von /» >- 
Wein oder A Liter Bier. Keine Struma. Objektive Benin' 
Gesicht auffallend gerötet, Hände und Füße abwechselnd sehr ■ 
oder sehr warm. Starke Erschütterung der Herzgegend. 
gesteigert. Tonsillen vergrößert. Besonders in linker seitenlag , _ 
verstärkter und verbreiterter Spitzenstoß. Einwärts von der ' 1 
spitze ein kurzes, leises, systolisches Geräusch, besonders auch ^ 
der Arteria pulmonalis. Herzspitze in der Mammillarlinie. 1 ui> - 
Blutdruck 110 mm. Zweiter Pulmonalton vielfach gespalten unf , 
Zahlreiche kleine Drüsen im Halse beiderseits. Synophns, kn , 
Crines pubis. Gewicht 55 kg. Hagere Statur. Blutbefunji: , 

Leuk., Polynucl. 58,8%, große Ly mph. 2 0%, kleine 
12,6%, große Mononucl. 2,3%/Eos. 4.3%, Mastzellen M* 
Röntgenbefund: Größte quere Herzbreite 10,2 cm gej 


>n«b’ 


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18. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IG. 


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12 cm der Norm. Herzspitze abgerundet, Aorta hochstehend und 
schmal. 

Fall 5. N. N., Studierender der Medizin; von großer Statur, 
auffallend blaß. Ermüdet leicht bei längerem Stehen, wird bei Steigen 
leicht kurzatmig. Hat sich seinerzeit bei Skitouren überanstrengt. 
Schlaf sehr schlecht. Seit dem zehnten Lebensjahre fehlen nachweislich 
die P.S.R. (konstitutionelle Areflexie!). Sehr, ausgesprochene respira¬ 
torische Arhythmie. Reagiert auf Genuß von dunklem Bier mit Durch¬ 
fällen. — Röntgenbefund: Aorta sehr schmal; ausgesprochene 
linksseitige Herzhypertrophie. 

Fall 6. P. P., 30 Jahre, Reserveleutnant, kommt vom Kriegs¬ 
schauplätze. Kräftige Statur, 177 cm lang, breitschultrig. Klagt dar¬ 
über. daß er bei starken körperlichen Anstrengungen sofort kurzatmig 
wird. Erwacht besonders in der Nacht mit Gefühl der Atemnot und 
tnoßem Hitzegefühl; feuchte Hände. Wurde zweimal ohnmächtig, als 
er mit schwerer Bepackung eine Anhöhe ersteigen mußte. — Rönt¬ 
genbefund: Größte quere Herzbreite 12,2 cm gegenüber 
13,2, Aorta bis Clavicula reichend, bei seitlicher Durchleuchtung 
kaum daumenbreit. 

Aus den vorstehenden, nur in flüchtigen Umrissen 
skizzierten Beobachtungen ist zu entnehmen, daß enge Aorta 
verhältnismäßig häufig nur Partialsymptom einer in vielen 
Details anatomisch und funktionell verfehlten Konstitution 
darstellt und vielfach in den Rahmen konstitutioneller Neuro¬ 
pathien fällt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der 
anatomischen Minderwertigkeit des hypoplastisch angelegten 
kardiovasculären Systems auch eine Minderwertigkeit und 
abnorme Einstellung auf funktionellem Gebiet entspricht. Es 
handelt sich um Individuen mit meist großer Labilität der 
Schlagfrequenz und des Blutdrucks, abnormer vasomotorischer 
Erregbarkeit mit dauernder oder besonders paroxysmal 
schlechter Durchblutung in verschiedenen Organabschnitten. 

. So kommt es zu Ohnmachtsanfällen, oft besteht abnorme 
Blässe des Gesichts, Kälte der Extremitätenenden, leichte Er¬ 
müdung bei körperlicher Anstrengung. 

In dieses Milieu fällt auch gelegentlich „1 ordo¬ 
rische“ Albuminurie und Pulsus paradoxus. 
So realisiert die folgende Beobachtung das Syndrom: Enge 
Aorta + lordotische Albuminurie + Pulsus paradoxus + 
Mononucleose. 

K. F., 19. Jahre. — Klinische Vorlesung am 20. Februar 1914. 

Hochaufgeschossenes, hageres Individuum. Acne am Nacken. 
Hände und Füße feucht und kühl. Feminine Crines pubis. Zur Zeit 
der Untersuchung im Ablaufe begriffener Icterus catarrhalis. Objektive 
Bpfunde: Andeutung von Dorsalclonus. Bauchdeckenreflexe lebhaft. 
Arterien leicht verdickt. Puls labil, im Stehen viel rascher als im 
biegen. 116 mm Riva-Roeci. Erster Ton an der Herzspitze im 
Stehen sehr unrein. Töne überall über den meisten Ostien gespalten, 
unrein. Bei tiefem Einatmen im Stehen gelegentlich voll¬ 
kommenes Verschwinden des Radiaipulses. 

10 Minuten nach Knien reichliche Eiweißausscheidung. Blut- 
Wund: 6,512,000 Rote. 120% Hämoglobin, Leuk. 5330, Polyn. 
<M*utr. und Eos.) 49,6 % (2646), große Mononucl. und Gelappt kernige 

(554), Lymph. 3 8,7% (2066), Mastzellen 1,3% (66). — 
Hont gen bef und: Sehr schmale und hochstehende Aorta. 
Tropfenherz! 

Bezüglich der interessanten Beziehungen zwischen 
Pulsus paradoxus und „I o rd o t i s c h e r“ Albu¬ 
minurie verweise ich auf die noch aus meiner Innsbrucker 
Klinik erschienene Arbeit von F. G a i s b ö c k (M. Kl. 1914, 
^ r * 4). Hier wird mit besonderem Nachdruck auf die be¬ 
sondere Wichtigkeit abnormer vasomotorischer Erregbarkeit 
für das gelegentliche Zustandekommen eines Pulsuspara- 
d ° x u s und des damit in manchen Fällen biologisch ver¬ 
knüpften Symptoms der „lordotischen“ Albumin¬ 
urie hingewiesen. 

Bei der Suche nach objektiven Sym¬ 
ptomen, welche gelegentlich imstande sind, bestehende 
subjektive Herzbeschwerden und die Glaubwürdigkeit dies- 
^üglicher Angaben zu stützen, sollte in dem früher 
skizzierten konstitutionellen Milieu neben „lordotischer 
Albuminurie respektive Cylindrurie“ gleichzeitig auf 
11 1 s u s paradoxus besonders geachtet werden. Schon 
'Auslöstmgsbedingungen haben eine gewisse Aehnlichkeit. 
Auch Pulsus paradoxus ist häufig launenhaft in seinem Auf¬ 


treten, im Liegen nicht auslösbar, wohl aber im Stehen, be¬ 
sonders auch nach längerem Knien, und geht eventuell einher 
mit „lordotischem“ Schwindel und ..lordotischer“ Ohnmacht. 
Auch das von Pollitzeran Ortners Klinik beobachtete 
Phänomen: Verschwinden des Pulses bei 

Habtachtstellung dürfte im Sinne eines vasomoto¬ 
risch bedingten Pulsus inspiratione intermittens aufzu¬ 
fassen sein. 

In diese Gruppe von Phänomenen gehört auch das von 
F. G a i s b Ö c k *) in zwei Fällen beobachtete Verschwin¬ 
den des Radialpulses bei forcierter, bis zur 
Ermüdung fortgesetzter Arbeit, z. B. Fechten, Hantel¬ 
stemmen, in der entsprechenden Extremität. Das früher 
skizzierte Röntgensyndrom (vergleiche Abb. 1 und 2!), Pulsus 
paradoxus (Auslösung durch tiefe Inspiration, Habtachtstel¬ 
lung, Muskelarbeit, des Armes bis zur Ermüdung) und „lordo¬ 
tische“ Albuminurie stehen jedenfalls in biologischer Wechsel¬ 
beziehung und wäre, das entsprechende konstitutionelle Milieu 
und entsprechende subjektive Beschwerden vorausgesetzt, 
an diese Symptomenkette zu denken. 

Gerade durch derartige funktionelle Beitaten gewinnt 
deT anatomische Befund der V i r c h o w sehen „Hosenträger¬ 
aorta“ und die dazugehörige linksseitige Herzhypertrophie 
an Bedeutung von militärärztlichen Gesichtspunkten. 

Es muß nämlich betont werden, daß durchaus nicht alle 
FäUe von schmaler Aorta das Symptom abnorm rascher Er¬ 
müdbarkeit und des Versagens bei großer körperlicher An¬ 
strengung zeigen. Ja, es will mir auf Grund eigner Beob¬ 
achtung scheinen, daß es gerade auf diesem Gebiet Individuen 
gibt, bei welchen der Regulationsmechanismus 
des Ermüdungsgefühls gegen das andere 
Extrem verschoben ist, indem selbst bei viel- 
stündiger körperlicher Anstrengung, wie Skitouren und der- 
I gleichen, das Ermüdungsgefühl ausbleibt, wodurch sportlichen 
Exzessen Tür und Tor geöffnet sind. 

Wir sehen es ja auch sonst oft genug in neuropathischem 
Milieu — Hypoplasie der Aorta und Neuropathie scheinen mir 
sehr oft Hand in Hand zu gehen —, daß die großen Regu¬ 
lationsmechanismen (Hunger, Durstgefühl, sexuelle Appetenz) 
in ihrem Niveau bald nach oben, bald nach unten abnorm 
eingestellt sind. So hatte ich besonders im Berglande Tirol 
Gelegenheit Aortenhypoplastiker zu sehen, welche nach sport¬ 
lichen Exzessen, die sie längere Zeit erstaunlich gut ohne 
richtiges Ermüdungsgefühl ertragen hatten, ziemlich unver¬ 
mittelt ausgesprochene funktionelle Störungen des Herzens 
von erethischem Typus aufwiesen und gelegentlich körper¬ 
lich und psychisch kollabierten. 

Das in Abb. 1 und 2 skizzierte Röntgensyndrom des 
hypoplastischen Herzgefäßsystems findet sich bekanntlich 
auch bei den verschiedenen Formen des Kropfherzens. 
Für eine militärärztliche Beurteilung kommen, da exquisite 
Kropfträger a priori ausseheiden, weniger die mechanischen, 
als vielmehr die thyreotoxischen Formen; in Be¬ 
tracht, wie sie auch bei geringer anatomischer Veränderung 
der Schilddrüsen auftreten können. Ich halte aUerdings in 
den meisten derartigen Fällen eine ,unicentrische‘ Auffassung 
in dem Sinne, daß die Schilddrüsenstörungen in das Centrum 
des ursächlichen Bereichs der Herzstörungen gestellt werden, 
für verfehlt. Schon der Umstand, daß das Röntgen¬ 
syndrom des Kropfherzens ebenso ganz unab¬ 
hängig von jeder Schilddrüsenstörung ge¬ 
funden wird, muß zur Annahme führen, daß vielleicht eben 
nur eine gewisse konstitutionelle Minderwertigkeit gleicher¬ 
maßen in Schilddrüsenstörungen wie in anatomisch-funktio¬ 
nellen Störungen des Kreislaufsystems sich äußert; also 
pathogenetisch mehr eine Gleichstellung als eine Unter- und 
Ueberordnung. 


J ) L. c. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



446 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


WB« 


Immerhin wäre bei Kriegsteilnehmern unter dem Ein¬ 
flüsse psychischer Traumen gelegentlich auch mit dem Ein¬ 
setzen von Basedowschen Zuständen zu rechnen. 

Die Röntgensilhoutte von Herz und Aorta sollte bei der 
militärärztlichen Ueberprüfung nach Tunlichkeit berücksich¬ 
tigt werden, da sie oft schon an und für sich auch ohne ge¬ 
nauere Messung äußerst instruktiv ist, konstitutionell minder¬ 
wertige Herzen aufdeckt, über linksseitige Herzhypertrophien, 
Dilatationszustände usw. raschestens orientiert. 

Hier käme weiterhin von eireulatorisch bedeutsamen 
Momenten in Betracht der eventuelle Nachweis von Ver¬ 
knöcherung der Rippenknorpel, wie sie ge¬ 
legentlich auch schon bei sehr jugendlichen Individuen an¬ 
getroffen wird, von Pleurasynechien, die Kreislauf¬ 
störungen sehr ungünstig beeinflussen können. Das Ein¬ 
dringen bindegewebiger Züge vom Herzrande schräg ab¬ 
steigend in die Lunge kann den Gedanken an pleuro¬ 
perikardiale Verwachsungen erwecken. 

Neben Kleinheit des Herzens und medianer Lagerung 
desselben (Tropfherz!), stark abgerundeter Herzspitze (links¬ 
seitige Herzhypertrophie!), langer und schmaler Aorta wird | 
auch der zweite linke Bogen (Pulmonalis + Vorhof) 
besonders in seiner pulmonalen Perspektive bei Drehung nach 
links zu berücksichtigen sein. Er scheint mir weniger wichtig 
als Mitralsymptom, wie gerade als gelegentlicher Indikator 
anatomisch-funktionell abnorm eingestellter Konstitution des 
kardiovasculären Systems. 

Von besonderer Aktualität sind zweifellos jene Herz¬ 
zustände, welche erst kürzlich im Rahmen dieser Wochenschrift 
(S. 270) von M ü n t e r kurz besprochen wurden. Ich möchte 
für diesen Typus den in ätiologischer Hinsicht nichts präjudi- 
zierenden Terminus „e r e t h i s c h e s K r i e g s h e r z“ vor¬ 
schlagen, wobei allerdings sofort betont werden muß, daß wir 
diesen Typus von Herzstörungen auch in den Friedenszeiten 
oft genug gesehen haben, und zwar, was mir wesentlich er¬ 
scheint, auch ohne vorausgegangene schwere körper¬ 
liche Anstrengung. 

Ausgesprochene Neigung zu Tachykardie auch im Ruhe¬ 
zustände, leichte Celerität des Pulses, verdickte Gefäße 
(Hypertonie!), besondere Labilität der Pulszahl und des Blut¬ 
drucks, gelegentlich Extrasystolen, vasomotorische Ueber- 
erregbarkeit, kongestive Zustände, Herzklopfen, Schmerzen in 
der Herzgegend, breiter und hebender Spitzenstoß, besonders 
in linker Seitenlage, wechselnde systolische Geräusche, oft 
durch Lage in ganz besonderem Maße beeinflußbar, Kurz¬ 
atmigkeit bei Anstrengung, Tremor der Hände, sind die pro¬ 
minentesten klinischen Symptome. 

Dieses „erethische Kriegsherz“ ist zweifellos 
in sehr vielen Fällen konstitutionellen Ursprungs, und kann 
ich nachdrücklich auf das früher über „Hosenträgeraorta“, 
Pulsus paradoxus, lordotische Albuminurie und dergleichen 
Gesagte verweisen. 

In vielen derartigen Fällen wird die Röntgenunter¬ 
suchung typische Befunde, wie starke Rundung der Herzspitze, 
zweiten linken Bogen, schmale und lange Aorta, aufdecken. 

Im familiären Milieu stößt man nicht selten auf Psy¬ 
chosen, Gicht, Asthma, Gallensteine und dergleichen. In 
besonderem Maße, ungleich mehr als dies für typische orga¬ 
nische Herzerkrankungen gilt, sind derartige Herzen vom 
Digestionstrakt, besonders durch Genuß blähender 
Speisen, beeinflußbar und sollten daher stets besonders 
auch nach Nahrungsaufnahme überprüft werden. Gelegent¬ 
lich vikariieren diese Herzstörungen mit Verdauungsneurosen. 

Unter den auslösenden und fördernden Momenten spielt 
besonders auch Nicotinabusus eine Rolle, und wäre 
auch bei den „erethisehen Kriegsherzen“ auf dieses Moment 
besonders zu achten. 

Feinwelliger und frequenter Tremor der Hände 


verdient als häufiges Begleitsymptom, das, kaum simulations- 
fähig ist, diagnostische Beachtung. 

Obwohl das „erethische Kriegsherz“ der eben besproche¬ 
nen Art in Anbetracht des Fehlens grobanatomischer Herz¬ 
muskelläsionen und bei der Intaktheit des Klappenapparat* 
keine Lebensgefahr in sich schließt, wird doch in den einzelnen 
Fällen mit aller Umsicht die Frage zu erwägen sein, inwieweit 
eine Felddienstfähigkeit noch zu erwarten ist. Diese Frage 
läßt sich wohl nicht allein von herzspezialistischem Stand¬ 
punkte, sondern nur von allgemeinen, biologischen Gesicht*, 
punkten entscheiden. Eine konstitutionelle Neuropathie mit 
entsprechender Ascendenz (Psychosen, Diabetes, Gicht usw.) 
mit bestehenden gehäuften Bildunganomalien (Synophri*. 
Lingua plicata, überzähligen Brustwarzen und dergleichen 
wird eine viel ungünstigere Voraussage ergeben als eine 
akute erworbene Neurasthenie. 

Auch wird es von Wichtigkeit sein, die S u m m e zu er¬ 
mitteln aus den noch einwirkenden oder vorausgegangenen 
kreislaufschädigenden exogenen 1 ) und endogenen 
Noxen. Hier kämen neben körperlicher Ueberanstrengnn: 
und psychischer Shockeinwirkung in Betracht: Exzesse in 
Alkohol und Nicotin, Blei, Lues, Tuberkulose, in letzter Zeit 
überstandene Infektionsprozesse, wie Typhus, Gelenkrheuma¬ 
tismus, Pneumonie, Influenza, Diphtheritis, Dysenterie und 
dergleichen, von endogenen Schädigungen Gicht und Adi¬ 
positas. 

Von der jeweiligen „S c h ä d 1 i c h k e i t s s u m m t 
wird natürlich auch in besonderem Maße die Voraussage aii- 
hängen. Die Differentialdiagnose dieses „erethisehen Krieg*- 
herzens“ gegenüber obsoleter oder akuter Endokarditis an 
den Mitralklappen wird auch dem erfahrenen Kliniker ge¬ 
legentlich Schwierigkeiten bereiten. 

Für die Diagnose auf „erethisches Kriegsherz“ spricht 
unter andern die ganz besondere Neigung zu Tachykardie. Ihm 
hüpfender Beschaffenheit des Pulses, vasomotorische Phäno¬ 
mene, wie kalte Hände und Füße, Kongestionen gegen den 
Kopf, Tremor der Hände. Systolische Geräusche über Herz¬ 
spitze oder Pulmonalis sind, wenn überhaupt hörbar, oft nur 
in bestimmter Lage deutlich und ihre Intensität sehr wechselnd, 
der erste Ton an der Herzspitze gut erhalten. Auffallend ist 
nicht selten die besondere Akzentuation und klingende 
Beschaffenheit des zweiten Aorten ton*, 
ohne entsprechende Erhöhung des arteriellen Druckes. 

Eine Herzverbreiterung sowohl nach links als rechts 
kann gerade durch den diffusen eventuell hebenden Spitzen¬ 
stoß leicht vorgetäuscht werden und ist gerade zur raschen 
Demaskierung derartiger Pseudodilatationen, wie sie ja auch 
bei Basedowherzen oft vorliegen, die Röntgenuntersuchung 
sehr am Platze. Für besonders wichtig halte ich sie, wie schon 
mehrfach betont, behufs Aufdeckung konstitutioneller Herz- 
gefäßhypoplasie. 

Mit der Tachykardie des „erethisehen Kriegsherzen*" 
dürfte nicht verwechselt werden die Tachykardie des im 
Krieg und durch den Krieg aus einem latenten zu einem 
manifesten Phthisiker gewordenen Soldaten. 

Hier fehlt im allgemeinen der starke Ictus cordis, der in 
seiner Intensität ja allerdings auch beim erethisehen Kriegs¬ 
herzen von Tiefe und Breite des Brustkorbs und Krümmung 
der vorderen Thoraxwand beeinflußt wird. Auch ist da* 
Phthisikerherz im allgemeinen „geräuschlos“. 

.Jedenfalls wird es sich empfehlen, in jedem Falle von 
„erethischem Kriegsherz“ die Körpertemperatur in 
Evidenz zu halten. Geringe, subfebrile Temperatursteigc- 
rungen von 37 bis 37,5 0 dürften allerdings nicht ohne weitem* 
für die Diagnose einer Tuberkulose oder Endokarditis heran 


. 1 ) Hier wäre gelegentlich auch mit der Möglichkeit eine* ^ 
sichtlichen Mißbrauches cardialer Pharmaka wie Digitalis und * 
gleichen zu rechnen. 


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18. April. 


1915 — 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


447 


«rezogen werden, da sie besonders bei „erethischem Kriegs¬ 
hetzen“ auch neurogen-vasomotorisch bedingt sein können. 

Gegenüber dem ganz überragenden Interesse, welches 
den Tachykardien von iriilitärärztlichen Gesichtspunkten 
zukommt, ist eine gelegentliche bradykardische Ein¬ 
stellung des Herzens unter Umständen insofern von 
Wichtigkeit, als es sich um postinfektiöse Brady- 
k a rdie handeln könnte. Die konstitutionelle 
B r a d y k a r d i e, die nach eigner Beobachtung nicht selten 
mit konstitutioneller Achylie einhergeht, oder auch mit 
lonlotischer Albuminurie verknüpft ist, hat weniger an und 
fiir sich, sondern als Indikator gelegentlicher konstitutioneller 
Minderwertigkeit militärärztliche Bedeutung. In unkompli¬ 
zierten Fällen liegt ja in körperlicher Anstrengung gewisser¬ 
maßen eine Korrektur der verlangsamten Schlagfolge des 
Herzens. 

Einige Bemerkungen noch über eventuell anzustellende 
..Funkt ionsprüf urigen“ des Herzens. 

Hei der großen Bedeutung der mannigfachen neurogenen 
Förderung und Hemmung, bei der sicherlich weitgehenden 
Automatic der einzelnen Teile des Kreislaufsystems, in An- 
hciracht der großen Bedeutung vasomotorischer Funktionen, 
der verschiedenen auxiliären Triebkräfte (inspiratorische Saug- 
wirknng, Zwerchfell-, Bauchmuskelaktion usw.) ist jede ein¬ 
stige Fntersuchungsniethode a priori von Hebel und kann 
mir eine möglichst a 11 s e i t i g e B c r ü c k s i e h t i g u n g 
des K r e i s 1 a u f p r o b 1 e m s unter besonderer 
Heranziehung konstitutioneller Gesichts¬ 
punkte befriedigende Resultate ergeben. 

Jede ,,monomanische“ Anschauung^- und Untersuchiings- 
nicthodc ist da von Uebel. 

Die natürlichste funktionelle Ueberprüfung erfolgt durch 
dosierte Arbeitsleistung, wobei man vielleicht gut tun wird, 
Kontrollpersonen von ähnlicher Statur und normaler Kreislauf- 
fmikrion zum Vergleich heranzuziehen. 

Je mehr sich die geforderte Arbeitsleistung den tatsäch¬ 
lich im Felddienste geforderten Leistungen (Marschieren, 
Steigen, Laufen, Lastentragen usw.) anpaßt, um so besser: 
als Surrogat mögen immerhin die obligaten zolin Knie¬ 
beugen gelten. 

Bestimmt man „vor“ und „nach“ Beschaffenheit und 
Zahl der Pulse, Blutdruck und Atmungsfrequenz, achtet dabei 
auf die Fühlbarkeit der Herzaktion, auf Gesichtsfarbe, 
Nhweißausbrueli usw., so werden sich sehr schätzbare An¬ 
haltspunkte für die Beurteilung der Kreislaufverhältnisse er- 
laboii. Von besonderer Wichtigkeit ist natürlich dabei, fest¬ 
zustellen, in welcher Zeit der Status quo wieder erreicht ist. 


(Ans dem Laboratorium des Beratenden Hygienikers . . .) 

Improvisation von Dampfdesinfektionsapparaten 
und „Entlausungsanstalten“ im Felde 1 ) 


f| l"TÄl;il.sarzt Prof. Dr. Uhlenhuttl, Beratender Hygieniker . . . 
und 

Dr. Olbrich, zugeteilt dem Beratenden Hygieniker . . . 

. .^Desinfektion mit strömendem Dampf ist eine der mächtig- 
ii •! . a "^ n im Kampfe gegen die Infektionskrankheiten, besonders 
‘ _ l . lm Fel f \ e - Dazu kommt, daß auch für die Beseitigung der 
(hi f S ° ( ‘ m ’ ne . nfc wichtigen Läuseplage der strömende 
• np unentbehrlich ist. Alle andern Mittel sind nicht so sicher; 
r:*'*' ' en,, riitet der Dampf zugleich das Ungeziefer und die 
'-ffeger der ansteckenden Krankheiten. 

a »me Dampfdesinfektion im Felde betrifft, 


Hialtcnei 


am ö. März 1915 vor den Bahnheauftragten i 

' "cn \ ortrage. 


in Ch. 


so stehen der Truppe ausgezeichnete fahrbare Desinfektions¬ 
apparate zur Verfügung. Diese sind aber bekanntlich recht teuer 
und lassen sich naturgemäß nicht immer in der erforderlichen 
Anzahl beschaffen. Unter den mehr stationären Verhält¬ 
nissen des Feld-, Kriegs- und Etappenlazaretts — zumal im Stel¬ 
lungskrieg — ist man bald dazu übergegangen, sich größere und 
große Dampfdesinfektionsapparate zu improvisieren. 

Wir wollen im folgenden über einige von uns in unserer 
Armee improvisierte Desinfektionsapparate und -anlagen kurz be¬ 
richten. 

1. Zunächst wurde das bekannte Desinfektions¬ 
faß angewandt (Abb. 1). Große Kessel, bis zu 125 Liter, sind in 
Frankreich in großer Zahl fast überall zu haben; sie dienen ge¬ 
wöhnlich zum Kochen des Viehfutters. Fässer sind auch überall 
zu finden. 


Von diesen Fässern wurde Boden und Deckel entfernt; an Stolle 
des Bodens wurde ein Holz ro st (Abb. 1. b) eingefügt und ein neuer 
iibergreifender abnehmbarer Deckel mit Haken an der Innenseite 
— zum Aufhäugen der zu desinfizierenden Objekte — gefertigt 
(Abb. 1, a). Nun wurde das Faß über den offenen Kessel gestellt und 
gut abgedichtet. Auch der abnehmbare Deckel bekam einen Dich¬ 
tungsring und wurde nötigenfalls mit Steinen beschwert. Der im 
Kessel entwickelte Dampf strömt nach oben und erreicht eine 
Temperatur von annähernd 100 °C (3 % iger Schrägargar wurde ge¬ 
schmolzen). Die notwendige Trennung von reiner und unrein e r 
Seite wurde dadurch erzielt, «laß der Apparat so aufgestellt wurde, daß 
nach beendeter Desinfektion der Deckel mit den desinfizierten Ofegen- 
stünden mittels einer drehbaren Winde hochgezogen und jenseits 
e i » e r Hof- oder Gartenmauer entleert wurde. 

2. Da zu den erwähnten Kesseln auch passende Eisendeckel 
£ zu haben waren, wurden später 

N diese Deckel mitten ausgebohrt 




und ein senkrechtes, oben rechtwinklig gebogenes, mit schlecht 
wärmeleitenden Stoffen gut umwickeltes D a m p f 1 e i t u n g s - 
rohr eingefügt (Abb. 2) und Deckelrand und Bohrloch fest ab¬ 
gedichtet (Zementabsehluß). Der Deckel erhielt noch ein zweites 
verschließbares Loch fiir Wasserzufuhr beziehungsweise Wasser¬ 
standmessung (a). Auf diese Weise war es möglich, den Wasser¬ 
dampf vorschriftsmäßig von oben her in das Faß einzu¬ 
leiten und mit einem Abzugsloche für Luft und Kondenswasser (l>) 
eine reine gesättigte Wasserdampfatmosp h ärn 
zu erzielen. 

3. Beim Herannahen der schlechten Jahreszeit wurde es 
notwendig, den Dampfdesinfektionsapparat in einem geschlosstmen 
Schuppen unterzubringen. Wo keine geeigneten Schuppen vor¬ 
handen waren, wurden solche eigens errichtet. Auch Zelte sind 
geeignet. Es lag uns daran, nun wieder eine Trennung zwischen 
reiner und unreiner Abteilung möglichst scharf durchzuführen. 

In eine Trennungswand wurde ein 2 m langer, 1 m breiter und 
hoher, gut gefalzter Kasten aus Holz (Abb. 3) fest eingebaut. Der 



Kasten hat vorne wie hinten eine Tür fa) — reine und unreine Seite —, 
unten oberhalb des Bodens einen Holzrost (b) und oben einen auszieh¬ 
baren Schieberahinen mit Haken (c). Dampf wird in einem der geschil¬ 
derten Kochkessel mit durchbohrtem Deckel erzeugt und von oben 


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her eingeleitet. Um einen Wärmeverlust möglichst zu vermeiden, 
wurde das Dampfleitungsrohr im Innern des Holzkastens bis 
dicht unter die Decke hochgeführt (d, e, f). Für die abströmende Luft 
und das Kondenswasser dient unten ein Loch, das durch einen Bierhahn 
verschließbar gemacht wird. Ein Thermometer wird unten seitlich 
eingesteckt. 

Diese Kastendesinfektionsapparate wurden auf unsere Ver¬ 
anlassung unter Leitung des Chefarztes bei der Kriegslazarettabteilung 
.... (Oberstabsarzt Dr. Friedrich) vom Personal der freiwilligen 
Krankenpflege (mit dankenswerter Unterstützung des Delegierten, Frei¬ 
herrn Roeder von Diers¬ 
burg) angefertigt und in¬ 
nerhalb des Armeegebiets 
vielfach gebrauchsfertig auf¬ 
gestellt. Ein derartiger Kas¬ 
ten erfordert eine Arbeits¬ 
zeit von etwa drei Tagen. 

4. Seit einiger Zeit 
benutzen wir, um Holz zu 
sparen, wieder Tonnen. 

In außer Betrieb 
gesetzten Brauereien fin¬ 
den sich zahllose Tonnen 
großen und größten 
Kalibers, die auch schon 
größeren Anforderungen an eine Desinfektion und Entlausung 
entsprechen. Wir lassen in diese quer gelegten Tonnen 
(Abb. 4) vorn und hinten eine Türöffnung einsägen, gut¬ 
passende Türen, Holzrost und Schieberahmen anfertigen und 
bringen sie — bei großen Tonnen — in Verbindung mit 
einer Dampfquelle (Maschinenhaus einer Fabrik, Loko¬ 
mobile, Lokomotive, Dampfkessel von Hei- 
z u n g s a n 1 a g e n). Diese Behelfstonne „Diogenes“, wie wir sie 
genannt haben, vermag je nach Größe 50 und mehr Monturen 
auf zune Innen und eignet sich, wo Dampfquellen vorhanden sind, 
vornehmlich für Entlausungsstationen dicht hinter der 
Front. Die bei Entlausungsstationen unbedingt not- 
w endige Trennung von reiner und unreiner Abteilung läßt sich 
unschwer durchführen, und die Dampfquelle muß meist auch noch 
das B a d e w a s s e r (Duschebäder, Wannenbäder) erwärmen. 
Denn es ist bei der Entlausung unumgänglich notwendig, Des¬ 
infektionsapparate und Badeanstalten zu verbinden. 

5. Die in der Armee eingeführten fahrbaren Desinfektions¬ 
apparate, die mit Pferden gezogen werden, haben sich aus¬ 
gezeichnet bewahrt. Entsprechend der Entwicklung und Be¬ 
deutung des Kraftwagenwesens für das Heer wäre es 
unseres Erachtens zweckmäßig, größere Dampfdesinfektions- 
apparate auch auf Lastkraftwagen zu montieren und 
zwischen den Quartierorten der Truppen nach Bedarf verkehren 
zu lassen. Jedes 
Armeekorps sollte 
nach unsera Er¬ 
fahrungen über 
mehrere Dampf¬ 
desinfektions¬ 
kraftwagen verfü¬ 
gen, wie auch Last¬ 
kraft wagen für 

andere Zwecke 
(Krankentrans¬ 
port usw.) zur Ver- ___^ 

fügung stehen. Für Abb. 5. 

ein Korps haben 

wir bereits folgende Behelfseinrichtung als Muster ge¬ 
schaffen und improvisiert (Abb. 5). 

Ein aufgefundenes Dampf automobil mit Oel- 
feuerung wurde wieder instand gesetzt. Die Oelfeuerung wurde in 
unsenn Kraft Wagenpark aus betriebstechnischen Gründen in eine 
Benzolfeuerung (a) umgearbeitet. Der damit in dem Dampfkessel (b) 
am Vorderteile des Wagens erzeugte Dampf wird aber nicht nur als 
Triebkraft für die Hinterradachsen verwandt (zum Transport des 
Wagens von einem Orte zum andern), sondern bei Stillstand des Wagens 
(Drosselung bei c) zur Desinfektion in eine große Behelfstonne 
„Diogenes“ eingeleitet. Diese Tonne wird liegend und quer auf das 
Hinterteil des Dampfautomobils (Lastkraftwagen mit Vollgummireifen) 
aufmontiert; die verwandte Tonne hat einen Durchmesser von 1,90 m 
und eine Höhe (Länge) von 1,75 m. Die Leistungsfähigkeit dieses 
Apparats beträgt entsprechend der Größe der Tonne ein Mehrfaches 
von der eines gewöhnlichen fahrbaren Desinfektionsapparats. 

Die Offiziere unseres Kraftwagenparks (Hauptmann Schimmel- 
pfeng, Hauptmann Babst, Leutnant Leicht), die mit Eifer und 




a) Lckomobile; b) Dampfleitung; c) Behelfstonne 
„Diogenes“; d) Thürraum; e) Thermometer; 
f) Ablaßhahn. 


Interesse diesen ersten Dampfdesinfektions-Kraftwagen mit uns zu¬ 
sammen improvisiert haben, sind bereit, auf einem Kraftwagen- 
Anhänger noch eine zweite Improvisation zu schaffen (Abb. 6). Ein 



aufgefundener geeigneter freistehender gußeiserner Gliederkessel von 
etwa 6 qm Heizfläche für Niederdruckdampf von etwa 0,45 Atmo¬ 
sphären wird auf einem Anhängewagen in der Mitte aufmontiert. Der 
entströmende Dampf wird alternierend in zwei Behelfstonnen 
„Diogenes“ eingeleitet in der Weise, daß er in der einen Tonne wirksam 
ist. während die andere entladen und wieder beladen wird. Außer Vor¬ 
richtung zum Anhängen an einen entsprechend starken Kraftwagen 
erhält dieser Desinfcktionswagcn noch eine einsteckbare Deichsel and 
Zugvorrichtung für Pferdebetrieb. Dieser Anhänger wird zweckmäßig 
dem Sanitäts-Kraftwagendepot zugewieaen und jeweils dort ange¬ 
fordert. — Die Bedeutung derartiger großer Apparate für eine schnelle 
und sichere Desinfektion und Entlausung liegt auf der Hand. 

6. Auf der Suche nach einer stationären Dampfquelie stießen 
wir kürzlich in einer Geldschrankfabrik auf eine große 
Anzahl roher Geldschränke aller Größen. Bekanntlich eignet sich 
für die einfache Entlausung von Ledersaehen 
(Tornister usw.) nichts besser als t r o c k n e H i t z e. Die Kleider¬ 
läuse gehen bei 60 0 C bereits nach 15 bis 20 Minuten, ihre Nissen 
bei 60 0 C nach einer Stunde zugrunde. Ledersachen vertragen 
trockne Erhitzung bis zu 110 0 C. Es lag nahe, die großen Geld¬ 
schränke an Ort und Stelle dafür nutzbar zu machen. 

Sie eignen sich besonders gut, weil sie absolut dicht sind und 
massive wärmeschutzhaltige Wände haben. Notwendig ist lediglich, 
in dieselben Heizrohre und Thermometer einzufügen; Dampf ist. wie 
gesagt, vorhanden. Eine Anzahl von Behelfstonnen „Diogenes“ werden 
zur Desinfektion und Entlausung der Kleider usw. außerdem dort 
aufgestellt werden, ebenso ausreichende Brausebadeinrichtungen. 

7. Meist führt mehr oder weniger nahe hinter der Front 
die Eisenbahn entlang. Diese auch für die Kriegshygiene, 
insbesondere für die Desinfektion und Entlausung in Anspruch zu 
nehmen, liegt nahe. So entstand der zunächst als Improvisation 
gedachte „Entlausungszug“. 


r 



r 



:;... unfair 


Abb. 7 (Entlansaogszng, schematisch). 

I. Lokomotive (zugleich Dampfquelie für Desinfektiousapparat); ID Ablageraum für ^ 
desinfizierten Kleider; 1U. Desinfektionswagen, /■>/// Desinfektionsapparat, ft) unreine 
Abteilung, b) reine Abteilung; IV. Auskleideraum (Wagen 4. Kl.); V. DuschebMer* 
wagen; VI. Ruher&um für die gebadeten Mannschaften (zugleich Ankleideraumj. 

Zu einem zweckmäßigen „Entlausungszuge“ (vergleiche 
schematische Darstellung in Abb. 7) bedarf es der Neubeschaffung 
des Desinfektionswagens und einiger Dusche bäder- 
wagen. Für die übrigen noch notwendigen Räume kommen ge¬ 
eignete Wagen dritter oder vierter Klasse ohne jede bauliche Pr¬ 
ämierung in Betracht. 

Der Desinfektionswagen (Nr. 111) muß folgendermaßen 
eingerichtet sein. Die mittleren zwei Viertel der Bodenfläcne ei 
größeren Güterwagens werden von einem großen viereckigen Pamp 
desinfektionsapparate vollkommen eingenommen (eventuell lmp 
sation mit eisernen Bottichen aus Zuckerfabriken oder große l° n 
„Diogenes“). Der Desinfektionsapparat hat hinten eine lür (»J 1 . 
Seite, unreine Seite, a) und vorne eine Tür (Entladeseite, reme -em e,h 
innen Vorkehrungen für Vorwärmung und Nachtrocknung. f^ n 
wendigen Dampf liefert die Lokomotive. Das hintere >ieri *• 
entspricht der unreinen Abteilung (Beladeraum) einer w y 
desinfektionsanstalt und hat ähnlich wie die D-Zug-Packwag e 
Türen: an den Seiten große Schiebetüren, in der Zugnehtung 


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18. ApriL 


449 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


Durchjiangstür nach der sogenannten Plattform und damit zum Aus- 
fc 1 ei de wagen (Nr. IV). in der unreinen Abteilung müssen noch Ein¬ 
richtungen fiir die Selbstdesinfektion des Desinfektors (Waschgelegen- 
lieit, Brause) Platz finden. Ebenso wie die unreine Abteilung ist hin¬ 
sichtlich Tiiren das vordere Viertel (b) als reine Abteilung (Ent¬ 
laderaum,) beschaffen. — Um Abkühlung des Dampfkastens nach Mög¬ 
lichkeit zu verhindern, wird er von vier Seiten (oben, unten und seit¬ 
lich) von dem hölzernen Wagengehäuse mitumschlossen, nötigenfalls 
noch unter Einschaltung einer schlecht wärmeleitenden Zwischen¬ 
schicht. 

Die Duschebäderwa^en (Nr. V) — ihre Anzahl ist ab¬ 
hängig von der Leistungsfähigkeit des Desinfektionsapparats (Anzahl 
der Monturen, Desinfektionsdauer) — haben je nach ihrer Länge eine 
möglichst große Zahl von Brausevorrichtungen an der Decke und ent¬ 
sprechende Wasserbehälter. Kaltes Wasser liefern die sogenannten 
Wasserkräne für die Lokomotiven; durch Zuführung von Dampf von 
der Lokomotive her wird das Wasser genügend erwärmt. Das ver¬ 
brauchte Badewasser wird am besten in die dem Bahndamme gewöhn¬ 
lich entlangführenden Gräben geleitet 

Für die übrigen notwendigen Wagen (Entkleideraum, Nr. IV; 
Ruhe* beziehungsweise Ankleideraum, Nr. VI; Wagen mit den des¬ 
infizierten Stücken, Nr. II) können ohne weiteres geeignete Wagen 
i Durchgangs wagen) dritter oder vierter Klasse genommen werden. 
Außer einigen Gestellen und Geräten sind kaum andere Vorrichtungen 
notwendig. 

Wir sind überzeugt, daß sowohl der Desinfektions-Eisenbahn¬ 
wagen wie die Brausebäder-Eisenbahnwagen auch im Frieden ihre 
Bedeutung haben und praktische Verwendung finden können, besonders 
in den Eisenbahndirektionsbezirken des Ostens. 


8. Zuweilen kann es notwendig werden, Desinfektions- und 
Entlausungsstationen größten Stils einzurichten, um in der Lage 
zu sein, ganze Truppenteile (Bataillone, Regimenter, Ko¬ 
lonnen) in kürzester Zeit zu entlausen und zu desinfizieren. Bei 
etwaigem Auftreten von Fleckfieberfällen, Cholera dürften sie 
sofort in Tätigkeit treten. Auch ist es oft angezeigt, die Kriegs¬ 
gefangenen vor dem Abtransport nach den Gefangenenlagern 
durch eine derartige Anstalt durchgehen zu lassen, sowie auch 
Truppen, die aus der Front herausgezogen und zu neuen Ver¬ 
bänden zusammengestellt werden. — Wir haben es für nötig ge¬ 
halten, für unsere Armee eine solche M a s s e n ent¬ 
laus» ngs- und Desinfektionsanstalt einzurichten, 
'vie ja auch im Osten darauf Bedacht genommen ist. Wir haben 
uns eine Anzahl von Zuckerfabriken daraufhin angesehen 
und die, welche die günstigsten Verhältnisse bot, im Benehmen 
mit dem Armee- und Etappenarzte, der Etappeninspektion zur 
Imwandlung in eine Desinfektions- und Entlausungsanstalt vor¬ 
geschlagen. Die Etappeninspektion hat danach die Ausführung 
unserer Pläne kurzerhand befohlen und mit derselben den Leut¬ 
nant Eckey vom Eisenbahnregiment . . . beauftragt. 

Die allgemeinen Verhältnisse der gewählten Fabrik sind kurz 

folgende. Die kleine Ortschaft., zu der die Zuckerfabrik gehört, 

hegt 2,5 km nordnordwestlich von., Station der Eisenbahn- 

‘. tr - c ^ e ..., der Verbindung von Etappenhauptort mit 

Ucrn Hauptquartier unseres Armeeoberkommandos. Von Bahnhof .... 
fuhrt nach der Zuckerfabrik ein normalspuriges Gleis. Auf dem 
•elände der Zuckerfabrik besteht schon jetzt einige Rangiermöglich- 
Kcit. Die Gleisanlagen lassen sich verhältnismäßig leicht und schnell 
erw eitern, sodaß ganze Züge dort abgestellt w erden können. 

f i ^ er ^.hegt von der Zuckerfabrik völlig getrennt; indes 

Ä 1 Verkehrsstraße hart an der Zuckerfabrik vorbei. Der 

I ?! • e f r f.» der zurzeit von einem Seuchenlazarett zum Teil 

ls o le £? am an dern Dorfausgange von.und ist durch 

en i Park von der Verkehrsstraße geschieden. 

I i i PUC imS* az ? rp tL i fi dem sich nur noch wenige Rekonvaleszenten 
rn r/»I. ^ Slt l 1 s °f° rt entleeren, sodaß für etwaige Kranke gegen 
, n ? ur Verfügung stehen. Ihre Zahl läßt sich beliebig er- 
itärh/ 11 '. 1 J IM 1 ‘^‘Idoßbezirk allein noch 3000 qm überdachte Boden- 
lassen V, n ^ en Auch die etwa 170 Einwohner des Dorfes 

S(-nr)i ( ,n. r i 'u Vrn , n nö %’ leicht anderweitig unterbringen. Bei etwaigem 
Krank-, 11,1 1 u ? L * er _ver dacht ist daher die Unterbringung von 
Mcht krankheits- und Ansteckungsverdächtigen außerordentlich 


bandeni?«bersieht über die in der Zuckerfabrik selbst vor- 
ZwecknrK n me un( * ^ eren Verwendung für den beabsichtigten 
d en So n ( ! ,,t aai ^sten aus dem W 7 ege, den a) die zu entlausen- 
l’nifomJn i ^ a . s ver ^ aus fe Unterzeug und die verlausten 
r, w.) f n i , 8 Läusen behaftete Lederzeug (Tornister 

l'ntemmi zw ? r desinfizierte, aber noch nicht gewaschene 
keimen; a 8 e r e 1 b e t r i e b), e) das mit Krankheits- 
die zu riJ 1 . r* ^ e Lommene Lederzeug, f) die Offiziere, 

an der Ihn, fa* n eiK * en . Eisenbahnwagen zu durchlaufen haben 
er wähnt aiß e ? ~ r . u Wrisses in Abb. 8. Dabei sei ausdrücklich 
} ® fediglieh die vorhandenen Räume 


für den Ausbau der Entlausungs- und Des¬ 
infektionsanstalt nutzbar gemacht wurden. 

a) Die entweder in Eisenbahnwagen (normalspuriges Gleis 1) 
oder in Fußmarsch von Eisenbahnstation . . . ankonimewlen 
j Truppenteile (Bataillone) sammeln sieh in den Räumen 2 und 3, 
einem 500 M m großen Stallgebäude. Durch Zelte oder dergleichen 
kann dieser Sammelraum beliebig vergrößert werden. Nach Zu¬ 
rückziehen des Zugs bis an die sogenannte „Rübenwüsche 1 * (ver¬ 
gleiche Abschnitt g, Desinfektion der Eisenbahnwagen) begehen 
sich die Leute in Trupps bis zu 144 Mann — so viele können auf 
einmal ein Brausebad erhalten — an dem zur Trennung dev reinen 
von der unreinen Seite aufgeführten Bretterzaun 4 entlang (im 
Grundrisse links) zur Halle 5 (vergleiche Abschnitt e, Des¬ 
infektion des Lederzeugs). 

In der Abteilung 5 a geben sie ihre Wertsachen ab und erhalten 
die nötige Anzahl von Kontrollmarken (vorhandene „Rüben¬ 
marken“ verschiedener Fabriken oder selbstgemachte Marken). Die 
übrigen Abteilungen der Halle 5 interessieren zunächst nicht weiter, 
da angenommen wird, daß es sich um einfache Entlaus un g 
handelt. Mit ihren Kontrollmarken verlassen sie am andern Ende die 
Abteilung 5 a, Diejenigen, bei denen Rasieren und Haarschneiden not¬ 
wendig ist (Vernichtung der Kopfläuse!), finden dazu Gelegenheit 
in der Rasierstube 7 beziehungsweise in der Haarschneidestube 8. Als¬ 
dann betreten die Mannschaften durch die Tür 9 den annähernd 
S-förmigen Auskleideraum 10. Für die Unteroffiziere ist Raum 11 
reserviert. Sollte der Raum 10 einmal nicht hinlängen, so steht die 
umfangreiche (345 qm) Galerie 14 der Maschinenhalle 54 noch zur 
Verfügung. Diese befindet sieh in Höhe eines ersten Stockwerks und 
ist von Raum 10 aus mittels der Treppe 13 zugänglich. Für gewöhnlich 
wird sie aber an der Treppe unten abgesperrt. 

Die Auskleideräume erhielten durchgebends Zementfußboden 
und Wände mit abwaschbarem Oelfarbenanstricb, um sie schnell 
und leicht reinigen zu können. 

Die im strömenden Dampfe zu desinfizierenden Stücke 
(Waffenrock, gewöhnliche Hose, Mütze, Mantel und Unterzeug) 
j werden durch den Schalter 16 (Durchbruch in der Wand!) nach 
der Dampfdesinfektionsanstalt 18 (vergleiche Abschnitt b) hin¬ 
durehgereicht, die durch trockne Hitze zu entlausenden Leder¬ 
sachen (Tornister, Reithose, Stiefeln, Helm usw.) werden durch 
den Schalter 17 (Durchbruch in der Wand!) hindurchgegeben und 
gelangen auf der Laufbahn 19 nach der „Läusedarre“ 20 (vergleiche 
Abschnitt c). Die völlig entkleideten Leute selbst, begeben sich 
durch die Tiir 55 (Durchbruch in der Wand!) nach dem Dusche- 
bäderraum 15. 

Seine besondere Einrichtung wird am Schlüsse dieses Abschnitts 
beschrieben werden. 

Durch die aufwärts führende Treppe 21 gelangen die noch 
nassen Leute in den in Höhe eines ersten Stockwerks gelegenen 
Raum 22 (vergleiche auch Nebenskizze, rechts von 49), einen gut 
geheizten Speicher, in dem sie sich abtrocknen und eine Decke 
erhalten. Ein Teil der Leute kann dort bereits der Ruhe pflegen; 
der Raum 22 ist 393 qm groß. Der Hauptteil der Gebadeten und 
Abgetrockneten begibt sich durch die Tür 56 nach dem 
Speicher 57 vorderster Teil (a) und gibt im Vorbeigehen durch 
einen Schalter zur linken Hand 58 die benutzten Handtücher nach 
dein hinteren Speicherteile 57b, wo sie zum Trocknen auf¬ 
gehängt werden können. Der ganze Speicher 57 liegt ebenso wie 
der Speicher 22 nicht zu ebener Erde, sondern etwa in Höhe 
eines ersten Stockwerks, und zwar über der Des- 
infektionsanlage 18. 

Die gebadeten und abgetrockneten Leute gelangen nunmehr 
durch die Tiir 59 auf der abwärtsführenden Treppe 24 (vergleiche 
Nebenskizze und Hauptskizze) nach dem großen Raume 25 und 
halten dort, in Decken und reine (desinfizierte und gewaschene) 
Unterkleidung gehüllt, Ruhe bis zum Empfang ihrer Kleidung und 
ihres Lederzeugs (vergleiche Abschnitt b und e, sowie d und e). 
Sobald sie diese erhalten haben, verlassen sie den Raum 25 durch 
die Tür 26 und die Tür 27 des angelegten Ganges 60 und rücken 
nach den Erfrischungsräumen 28 und 29 (ein großer Getreide¬ 
doppelschuppen zu 750 qm). Zwei dicht dabei befindliche Ar- 
beiteihäuser werden als Kantinen eingerichtet (52 und 53 Auf¬ 
bewahrungsraum für Nahrungs- und Genußmittel, 51 Küche 
50 Speise- und Getränkeausgabe). Durch die jenseitigen Türen der 
Erfnschungshalle erreichen die Soldaten den Bahnsteig 30 und 
besteigen die inzwischen desinfizierten Eisenbahnwagen (vergleiche 
Abschnitt g). * 

Das ist der Weg, den die zu entlausenden Mannschaften 
nehmen. Es ist Wert darauf gelegt, deß tine s t r e n g e S e h e i - 
düng der Verlausten und E n t I a u s t e n .stattfindet, 


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450 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1(5. 18. April. 


damit eine neue Uebertragung ausgeschlossen wird. Um dies zu 
erreichen, wurden die Bretterzäune 4 und 6 aufgeführt und der 
allseitig geschlossene (nur durch Fenster belichtete) Gang 60 an¬ 
gelegt. Ueberdies wurden diese Bretterverschläge gut mit Car- 
bolineum getränkt; dieser Anstrich soll nach Bedürfnis wiederholt 
werden. 


576 Bäder verabreicht werden, in 24 Stunden mithin 
13824, das heißt für rund eine Brigade. Hochreservoire 
und Dampf pumpe: Dampfleitung und Abw r asserbeseitigung (nach 
der sogenannten „Rübenwäscherei“, vergleiche Hauptskizze) sind 
zum Teil schon vorhanden, zum Teil verhältnismäßig leicht an¬ 
zulegen. 



Es erübrigt nunmehr noch, die genauere Beschreibung der 
Badeanstalt zu geben. In dem Raume 15 stehen acht etwa 
mannshohe, viereckige, nach oben offene (sonst für die Zucker¬ 
bereitung dienende) schmiedeeiserne Bottiche, über welchen 
-ich je 18 Brause Vorrichtungen anbringen lassen, sodaß gleich¬ 
zeitig 144 Mann baden können. Rechnet man für ein Bad alles 
in allem eine Viertelstunde, so können in d p r 8 t u n d e 


b) Wie wir gesehen haben, geben die Mannschaften i 
Uniform (Waffenrock, gewöhnliche Hose, Mütze und 
und ihr Unterzeug durch den Schalter 16 nach der 
desinfektionsanlage 18. 

Die einzelnen Pakete werden innerhalb des langen h ; uin'8 w 
Hilfe der schon vorhandenen Hängelaufbahn 1Ü befördert- 
Baume 18 ?*^hen in einer Reihe sechs große (der Zuckci >< 1 


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18. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


io 1 


dienemlel viereckige, nach oben offene, eiserne Bottiche ä 50 cbm 
i-1.60 m mal 3,70 m mal 3,00 m). Im Innern derselben finden sich längs- 
uml quergehende Eisenstreben, geeignet zum Aufhängen der zu des¬ 
infizierenden Objekte an Fleischhaken. — Nach unseren Berechnungen 
können meinem solchen Bottich 375 Anzüge (Uniform und Unterzeug) 
Platz linden, mithin in den sechs Kesseln 2250 Anzüge gleich¬ 
zeitigdesinfiziert respektive entlaust werden. Bei 
Vorwärmung und guter Nachtrocknung kann man in 24 Stunden bequem 
sechs Desinfektionsschichten einrichten, d. h. insgesamt 13 500 Mon¬ 
turen desinfizieren — rund eine Brigade. 

Dampfzuleitung zu jedem Bottich ist da; der Dampf muß 
innerhalb des eisernen Bottichs mit dem nötigen Ueberdruck aus 
einer Serie von Röhren durch feine Oeffnungen ausströmen 
(Sprühdampf), um alle eingebrachten Objekte unter reine 
Wasserdampfatmosphäre von 100° C und etwas mehr zu setzen. 
Für Austreiben und Abströmen der Luft (nach unten zu) muß 
durch zweckmäßige Führung des eingelassenen Dampfes (von 
oben nach unten) Sorge getragen werden. Zur Feststellung, 
wann die Luft verdrängt und der Apparat mit Dampf ungefüllt 
ist, ist in dieser Abzugsleitung ein Thermometer vorgesehen. Durch 
Einfügung von Heizkörpern beziehungsweise Heizrohren wird eine 
genügende Vorwärmung, vor allem aber ein gutes N a c h - 
t rock ne n der eingebrachten Stücke erzielt. Daß nebenher 
jeder Kessel eigne Doppelschaltung hat, das heißt eiue 
fiir den Sprühdampf nach dem Innenraume hin, eine für den Dampf 
nach dem wärniestrahlenden Rohrsystem (trockne Erhitzung zur 
einfachen Entlausung), ist gleichfalls vorgesehen. Ebenso wird 
für eine gründliche Lüftung des Apparats (von der reinen 
Seite aus) gesorgt. Die Decke der Bottiche besteht lediglich aus 
zwei Lagen Holzbrettern, eine längs, eine quer; die Abdichtung 
erfolgt mit Oelpappe beziehungsweise Filz. 


Die Scheidung von reiner und 
unreiner Seite und die Belade¬ 
öffnung einerseits, die Entlade¬ 
öffnung anderseits, sind ersichtlich 
aus der Skizze in Abb. 9. Die 
schraffierten Felder zeigen die völ¬ 
lige Abdeckung des Eisenkastens 
von oben, b bedeutet die E i n - 
lade Öffnung, die durch eine Fall¬ 
tür verschließbar ist. deren Schar¬ 
niere auf das Mittelfeld e zu liegen 
kommen; a bedeutet die sogenannte 
unreine Seite in dem Desinfek¬ 
tionsraume 18; d bezeichnet die 
A u s 1 a d e Öffnung, die gleichfalls 
durch eine Falltür geschlossen wird, 
deren Scharniere auf dem Felde f 
befestigt sind; c bezeichnet die 
reine Abteilung. Sie wird durch 
den Schalter 36 (Durchbruch in der 
Wand!) nach dem Ankleiderauine 25 
'•ulken (vergleiche das große Gesamtbild). 

Die durch Dampf zu desinfizierenden Stücke passieren also 
® Pn kalter 16ausAuskleideraum 10, alsdann die unreine 
Abteilung in der Desinfektionsanstalt 18, einen der sechs großen 
Mnfektionsapparate und gelangen „rein“ durch einen der drei 
xiialtcr 36 nach dem Ankleideraume 25, wo sie von den Mann¬ 
schaften wieder in Empfang genommen werden. 

°) So oft es sich um eine bloße Entlausung des 
bederzeugs (Reithose, Tornister, Stiefel, Helm usw.) handelt, 
Kann die einfache trockne Durchhitzung unbedenklich 
lUT Anwendung kommen, dagegen nicht ohne weiteres, wenn es 
. um Kranke, Krankheitsverdächtige und Ansteckungsverdäeh- 
!!* e l)e * I n f e k t i o n s k r a n k h e i t e n (Fleckfieber, Pest, 
\plms, Cholera) handelt. Hier müßte die trockne Hitze zu lange 
Ä, -it einwirken. 


Raum 18 



Abb. 9. 

lDwinfektionsbottich von oben gesehen. 


Trockne Hitze wird auch von Ledersachen bis zu 110 Wfirine- 
snwen noch vertragen. Wenn man eine Temperatur von 60 °C eine 
v- nüe einwirken läßt, kann man sicher sein, daß Läuse und 

l fr f en ^'getötet sind und daß das Lederzeug keinen Schaden ge- 
nnt!r n i ,at i- ^ ese Form der Entlausung wird der Raum 20 be- 
«Ier ri. *,, ? em stehen neun ebensolche große Bottiche wie in 
richtet* 1 ^ f t ,1 l ) mj. s infektionsanstalt 18. Sie werden auch ebenso einge- 


findpt 11 j. ■'•'.iiuciem ; 

und *^rdmgg zunächst nur die erzielte trockne Hitze, die oben 
untMl Thermometern kontrolliert wird. 

Ausklpn r ^ ei ! das Lederzeug nimmt, ist folgender. Von dem 
10 eR durch den Schalter 17 hindurehgegeben und 
- ' ot0| t a, is Raum 18 mit Hilfe der bereits erwähnten Laufbahn 


für Hängekörbe 19 unter Speicher 22 hinweg nach der „Läuscdarrc“ 20. 
Die entlausten Stücke verlassen durch die beiden Schalter 37 < Durch 
brueh in der Wand!) die Trockenkammern und werden in Feldbahn- 
karren auf den vorhandenen Feldbahnsträngen 38 in der Richtung des 
doppelt gefiederten Pfeils an den Schalter 39 im Ruheraum 25 gefahren. 
In diesem Speicher 25 sehen sich nun Mannschaften, Uni¬ 
formen und Lederzeug wieder. 

d) Das Seuehenlazarett . . . hat sich bereits früher eine eigne 
Waschanstalt in der Zuckerfabrik geschaffen, bestehend aus 
den Räumen 41 (Waschküche), 42 (Trockenraum), 43 tWäscheroll- 
und -bügelraum) und 44 (Wäschelager). Es lag nahe, die von den 
Aerzten des Seucheniazaretts dort improvisierten mustergültigen 
Einrichtungen für den neuen Betrieb mit zu verwenden, nötigen¬ 
falls durch eine transportable Armee Wäscherei zu ergänzen. 
Soweit durchführbar, sollen die Mannschaften läusefreie reine 
(das heißt neue beziehungsweise gewaschene) Wäsche erhalten. 
Obwohl über große Vorräte an neuem Unterzeuge (g roßten- 
teils Liebesgaben!) berichtet wird, wird es doch nicht mög¬ 
lich sein, bei umfangreicher Inanspruchnahme der Entlausungs¬ 
anstalt alle zu bedenken. Dann ist eine »Schnellwäscherei mit 
Heißlufttrocknung und heizbarer Wäscherolle am Platze. 

Die Wäschezufuhr und -abfuhr würde sich in unserer Anstalt 
folgendermaßen abspielen. Die aus den Schaltern 36 kommende, in 
strömendem Dampf desinfizierte, aber naturgemäß n i c h t - 
gereinigte Wäsche würde im Raum 39 gesammelt werden und auf 
den Feldbahnsträngen 38 und 40 zur Waschanstalt gelangen. 
Die gereinigte und gerollte Wäsche würde von der Waschanstalt 
(Wäschelager 44) auf den Feldbahngleisen 40, 38 und 45 nach der 
Wäscheausgabe 46 im Ankleideraum 25 durch den Schalter 47 verab¬ 
folgt werden können. 

Es ist, zumal im Hinblick auf die bevorstehende wärmere 
Jahreszeit, denkbar, den Wäsehereibetrieb so zu regeln, daß bei¬ 
spielsweise die am Ersten eines Monats Entlausten die inzwischen 
auch gereinigten Wäschestücke der am Letzten oder Vorletzten 
des vorausgegangenen Monats Entlausten erhalten. Wir ver¬ 
kennen nicht die möglichen Unzuträglichkeiten, die ein derartiger 
„Wäschewechsel“ mit sieh bringt, und haben ihn nur für 
den Fall der Dringlichkeit ins Auge gefaßt. 

e) Im Abschnitt c haben wir die einfache Entlausung der 
Ledersachen mittels troekner Hitze auseinandergesetzt und den 
Weg beschrieben, den dieselben in unserer Anstalt nehmen müssen. 
Wir haben bereits hervorgehoben, daß mit diesem Verfahren 
keineswegs eine Desinfektion des Lederzeugs erreicht ist. 
Muß nach Lage cler Sache angenommen werden, daß das Leder¬ 
zeug mit Krankheitskeimen behaftet ist oder auch nur 
sein kann, dann ist die mechanisch-chemisch e Des¬ 
infektion desselben notwendig, da eine Desinfektion mit heißer 
troekner Luft zu lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Die be¬ 
währte 5%ige Kresolseifenlösung, die gleichzeitig entlausend und 
desinfizierend wirkt, ist dann am Platze. 

Die Desinfektion damit, das heißt Abwaschen, Abreiben, Ab¬ 
wischen. Abbürsten mit darin eingetauchten Lappen und Bürsten von: 
Reithosen, Tornistern, Helmen, Koppeln, Waffen und Geräten usw., soll 
in der Halle 5 (der bisherigen Kalkbrennerei) vorgenommen werden. 
Durch Einbauen von Sehranken, Schaltern und Vorschlägen haben wir 
sie in vier Abteilungen geteilt: Le d e r z e u ga b gäbe (5 a). Des¬ 
infektion des Lederzeugs (5b), Trocken- und Auf¬ 
bewahrungsraum für Lederzeug (5c), Lederzeugaus¬ 
gabe (5 d). An die letztere Abteilung haben wir einen gedeckten 
Gang angefügt (60), der zur Ausgangstür aus dem Ankleideraum 25 
hinführt. 

Diese Desinfektionsanlage ist danach so gelegen und ein¬ 
geteilt, daß die zur Hauptdesinfektionsanstalt und zum Brausehade 
wandernden Leute unter allen Umständen zunächst durch die Ab¬ 
teilung 5 a schreiten müssen, ehe sie zu den andern Räumen (Ra¬ 
sier-, Haarschneide-, Entkleidungsraum usf.) gelangen. Wird nicht 
die einfache Entlausung, sondern vielmehr die gründliche 
Desinfektion befohlen, so passieren Lederzeug und die an¬ 
dern genannten Dinge die ganze Abteilung 5 in der oben an¬ 
gegebenen Reihenfolge und werden schließlich durch den Gang 60 
nach dem Sammelspeicher 25 gebracht, wo sich immer wieder 
zu den Leuten ihre Uniform, ihre Wehr und Waffen einfinden. 
Völlig bekleidet und ausgerüstet verlassen sie diesen Raum 25. 
es mag die oder jene Form des Verfahrens angeordnet sein. 

f) Die Verteilung der Räume in der Zuckerfabrik ist so 
außergewöhnlich günstig, daß für die Offiziere eine zum Teil 
besondere Abteilung eingerichtet werden konnte. Hinter 
dem Auskleideraume der Mannschaften 10 liegt das vormalige 


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452 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


chemische Laboratorium der Fabrik und daneben zwei Räume, 
die früher als Geschäftszimmer dienten. 

Das Laboratorium 12 haben wir zum Auskleidezimmer 
der Offiziere und das anschließende Zimmer 32 zum Bade¬ 
zimmer bestimmt und mit Badewannen und Duschen aus¬ 
gestattet, während der zum Teil verandaartig ausgebaute Raum 34 als 
Ruhe-, Rauch- und Lesezimmer dient. Ihre Sachen er¬ 
halten sie durch die Tür 35 von ihren vorher entlausten Barschen aus 
dem nahen Speicher 25 zugetragen, in dem sich, wie mehrfach erwähnt, 
alles wieder zusammenfindet. Nach beendetem Desinfektions- und 
Badeakt begeben sich die Offiziere in das Hintergelämle der Fabrik 
(den freien Platz jenseits der Abteilung 5d und des Ganges 00) und 
ergehen sich dort oder lassen sich um das Häuschen 40, das zum 
Offiziererfrischungsraum umgewandelt wird, an Tischen, 
Stühlen oder Bänken nieder. Von dieser Stelle aus haben sie auch ihre 
Leute ständig im Auge. 

g) Die Zeit, während der ein Bataillon entlaust und des¬ 
infiziert wird, kann dafür benutzt werden, den Zug, mit dem es 
ankam, an Ort und Stelle zu desinfizieren. Die.se Desinfektion 
wird in der Regel mit dem Dampfstrahl oder 5 %iger Kresolseifen- 
lösung vorzunehmen sein und in einem energischen Aus- und Ab¬ 
scheuern beziehungsweise Abreiben, Abspritzen und Abbürsten mit 
dieser Flüssigkeit zu geschehen haben. Das Schinutzwasser kann 
ziemlich leicht ebenfalls in die sogenannte „Rübenwäseherei“ ge¬ 
leitet beziehungsweise geschüttet werden, sodaß es noch als Des¬ 
infektionsmittel für das gleichfalls dahin abgeleitete Badewasser 
in Betracht kommt. Die „Rübenwäscherei“ besteht aus einer An¬ 
zahl von tiefen, zum Teil zementierten Gräben mit mäßigem 
Gefälle und regulierbarem Abflüsse. 

Die Gleisanlage auf dem Fabrikgelände läßt sich zweifellos 
noch erweitern. Anderseits steht aber auch nichts im Wege, die 
Transportzüge nach der zugehörigen Eisenbahnstation zurück¬ 
zuziehen oder nach einer Nachbarstation zu fahren und dort der 
Desinfektion zu unterwerfen, da diese sogenannte „Abstellgleise“ 
aufweisen. 

Daß bei der Einrichtung dieser Massenentlausungs- und -des- 
infektionsanstalt noch eine Reihe anderer wichtiger hygienisch- 
technischer und organisatorischer Fragen gelöst werden mußten, 
braucht kaum gesagt zu werden. Es sei nur hingewiesen auf die 
Versorgung mit guter Luft, auf ausreichende Beleuchtung bei Tag 
und Nacht (Instandsetzung der elektrischen Lichtanlage), auf 
Schaffung von ausgedehnten Latrinenanlagen auf der reinen und 
unreinen Seite, auf die Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser 
und auskömmlichem Gebrauchswasser und dergleichen mehr. 

Eine Anzahl von Räumen, die auf dem Grundrisse verzeichnet 
sind, ist bisher noch nicht erwähnt worden. Als erster bleibt zu 
nennen das Kesselhaus (Nr. 48), in dem sich fünf riesige 
Dampfkessel befinde?), von denen drei in Gang gesetzt wurden 
(III, IV und V), zwei als Betriebs-, einer als Reservekessel. Die 
Räume links vom Kesselhaus 48 und links von der Maschinen¬ 
halle 54 enthalten Spezialmaschinen für die Zuckerbereitung, Werk¬ 
stätten und Lager von Maschinenteilen und kamen für uns nicht 
in Frage. Dagegen wurden die Wohnhäuser 61 und 62 (an 
der Verkehrsstraße) für die Unterkunft des Aufsiehts- und Är- 
beitspersonals bestimmt. 

Zur Zuckerfabrik gehören noch zwei abseits gelegene Fer- 
men (Vorwerke); sie sind durch Feldbahnen mit der Fabrik ver¬ 
bunden. Die eine weist an Stallungen, Schuppen, Scheunen, 
Speichern und sonstigen Wirtschaftsgebäuden 1900 qm überdachte 
Bodenfläche auf, die andere sogar 2500 qm. Ihrer Größe und 
Lage nach eignen sie sich vorzüglich als Quarantäne- 
Stationen. 

Alles in allem muß man sagen, daß die all¬ 
gemeinen und besonderen Verhältnisse dieser 
Fabrik geradezu herausforderten, daselbst 
eine derartige Massenentlausungs- und -des- 
infektionsanstalt einzu richten. Man hat fast den 
Eindruck, als ob der Baumeister dieser Fabrik geahnt hätte, 
welchen Zwecken sie einmal nutzbar gemacht werden sollte. 
Grundriß und Ausführung dieser Anstalt bieten förmlich ein Mo¬ 
dell für Entlausungs- und Desinfektionszentralen größten Stils, 
wie sie auch für Friedensverhältnisse in der H e i ra a t da und dort 
ano-ezeigt sind (Grenzübergänge für sogenannte Saisonarbeiter, 
Aiiswandererbahlihöfe, Hafenanlagen und dergleichen). 


Aus der k. k. Verwundeten- und Krankenstation 
in Mährisch-'Weißkirchen. 

Ueber Kriegstyphus 1 ) j 

von j 

Medizinalrat Dr. H. Boral, Vorstand der medizinischen Abteilung. ' 

M. H.! Aus den Erfahrungen, die man in den früheren Kriegen 
gesammelt hat, wissen wir, daß stets zwei gewaltige Faktoren im 
Kriege miteinander wetteifern, das Heer kampfunfähig zu machen, 
und zwar der sichtbare Feind durch seine Waffen und Gcschos e, 
der andere unsichtbar, doch um so gefährlicher, der mystisch, mit 
unheimlicher Kraft und Schnelligkeit Milliarden seiner Hilfstruppen 
in Gestalt von Mikroorganismen nach allen Richtungen versendend. 
Krankheit und Tod um sich schonungs- und rücksichtlos verbreitet. 

Das Verhältnis der Verlustzahlen (luich beide Feinde war in 
einzelnen Kriegen verschieden, und so waren im Krieg 18(Vö in linden 
Armeen die Verluste durch die Seuchen größer als durch die Waffen. 

Im russisch-türkischen Kriege starben an Typhus allein 44 0 )0. während 
nur 34 700 an Verwundungen Starben. Im Jahre 1870/71 erkrankten 
im deutschen Heere 74 000 an Typhus und davon starben 00)0. Je 
besser die sanitär-hygienischen Verhältnisse im Kriege geschaffen 
werden können, desto weniger Opfer der Epidemien. Wir sehen im 
russisch-japanischen Kriege, daß die Japaner, die die ihnen in den 
deutschen und österreichischen medizinischen Instituten gewährte 
Gastfreundschaft ausnützten, um das Beste aufzufangen und in ihre 
Heimat zu verpflanzen, in sanitärer Hinsicht nach deutschem Muster 
so gut für ihre Truppen sorgten, daß bei ihnen die Zahl der Fi krankten 
kaum halb so groß war, wie die der Verwundeten. 

Im jetzigen Kriege müssen wir leider auf eine große Anzahl 
der Seuehenopfer gefaßt sein, da in Galizien und in Russisch-Pcbn 
auch in Friedenszeiten die meisten Seuchen, speziell auch der 
Typhus, endemisch sind. Mit diesen Verhältnissen mußte man 
a priori rechnen, und der medizinische Generalstab mit seinen aus¬ 
gezeichneten Hygienikern und Bakteriologen hat sich auch ent¬ 
sprechend gerüstet, um möglichst erfolgreich den Gefahren der 
Seuchen zu begegnen und dieselben abzuwehren. Leider kann man 
mit Mörsern und Motorbatterien nicht Bacillen töten, und die 
von der Wissenschaft geschmiedeten Waffen treffen schwieriger 
den unsichtbaren, als die Geschosse den sichtbaren Feind. Man 
kann eben nur durch prophylaktische Maßregeln die Entstehung, 
durch rasche Diagnosenstellung und Anwendung dementsprechen¬ 
der Mittel die Verbreitung einschränken. 

Als wir im Oktober vorigen Jahres die Krankenstation er- 
öffneten, standen wir zuerst ganz unter der Herrschaft der Waffen und 
unsere medizinische Abteilung mit nahezu tausend Betten mußte sich 
mit den von unsem Chirurgen zurückgewiesenen Leichtverwundeten 
begnügen. Während der Quarantäne fanden wir schon aus diesen 
Reihen die ersten Typhusfälle heraus, nachher kamen ganze Trans¬ 
porte mit Typhuskranken, sodaß allmählich von den 15 Sälen «kr 
internen Abteilung 12 Säle komplett für Typhuskranke dement¬ 
sprechend ausgestattet und isoliert wurden. 

Natürlich muß jeder Kranke, bevor er in den Krankcnsaal 
hineingebracht wird, zuerst die Reinigungsprozedur durehmaeheii. 
Sämtliche vom Kriegsschauplatz Angekommenen gelangen zuerst in 
einen Saal, wo die Gehenden auf Pritschen ausruhen, die Kranken, 
die liegend gebracht werden, auf ihren Tragbahren verbleiben. 

, Von dort erfolgt nach entsprechender Labung mit warmem Tee und 
Brot gruppenweise die Reinigung. Die Leute kommen zunächst itt 
einen Raum, wo sie ausgezogen, gründlich geschoren, die Kleider m 
plombierten Säcken zur Dampfdesinfektion genommen werden, von 
dort in den Baderaum, wo Dusche Vorrichtungen mit warmem IVasser 
vorhanden und wo gründliche Seifenwaschung erfolgt; im dritten 
Raume werden sie. mit reiner Wäsche versehen, vorn Arzte der be¬ 
treffenden Abteilung zugewiesen. Für Offiziere sind auch Badewannen 
vorhanden. Schwerkranke werden geschoren, ausgezogen, auf , > , ‘ r 
Bahre gewaschen, gereinigt, und gelangen mit reiner Wäsche m 
Zimmer. Diese Maßregel besteht von Anfang an und dadurch wurden 
auch die Krankenzimmer vor jedem Ungeziefer geschützt. 

Im folgenden will ich kurz eine Darstellung über die Be¬ 
sonderheiten der auf meiner Abteilung behandelten TypluisiaK 
vom nördlichen Kriegsschauplätze geben, da ja das gewolmlu t». 
klinische Bild des Typhus wohlbekannt ist. Bezüglich der u 
reichen Variationen bietet der Typhus entschieden eine der e . 
essantesten Krankheiten dar« sodaß es mir nicht leicht wird, ei 
so großes Bild in den kleinen Rahmen eines Vortrags nmei 
zubringen. 

Ich habe auf meiner Abteilung seit Oktober vorigen ^ 

Mitte Februar dieses Jahres 760 Typbusfälle beobachtet. ^ 
die ersten Typhusfälle zeigten hier deutliche Kriegsfärbung. 

J ) Nach einem Vortrag am kriegsärztlichen Abend 

1 24. Februar 1915. 


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18. April. 


1915 


MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


453 


war eine ganze Menge sehr schwer delirierender Kranken, wobei 
eben die Delirien stets das Kriegsleben betrafen. Die Kranken 
konnten nicht begreifen, daß sie jetzt, während des Kriegs, im Bett 
bleiben dürfen und machten mit Temperaturen von 40° per¬ 
manente Fluchtversuche. 

So erinnere ich mich im November vorigen Jahres in einem 
Krankenzimmer unter 22 Kranken zehn derartig unruhig delirierende 
gehabt zu haben, daß dieselben Tag und Nacht bewacht werden 
mußten, oft war man sogar gezwungen, mit kräftiger Männerhand sie 
im Bette festzuhalten, da die Schwester dieselben kaum zurückhalten 
konnte. Als in einer Nacht die Bewachung ungenügend war, gelang 
auch einem dieser Kranken, Bett und Zimmer zu verlassen und in 
raschem Tempo fluchtartig die Stiegen, den Hof zu erreichen, und erst 
weit beim Nachbargebäude konnte man den armen Kranken festhalten. 

Einzelne Ideen während dieser Delirien entwickelten sich 
dann zu Wahnideen, es kamen Psychosen mit Militärcharakter zum 
Vorschein. In 15 Fällen traten Symptome einer Paranoia 
auf. Ich will einige Beispiele erwähnen: 

Ein junger Wiener stellte sich mir bei seiner Ankunft als Ober¬ 
arzt vor, wurde daher ins Offizier-Typhuszimmer (Typhus wurde bei 
ihm schon diagnostiziert, Temperatur war 39,6 bis 40°) gebracht. 
Nachher erzählte er mir, er sei jetzt schon zum Regimentsarzt, bald 
darauf zum Stabsarzt ernannt worden, bis er am nächsten Tage mich 
fnig, ob er schon nach Wien reisen dürfte, da er von Seiner Majestät 
berufen wäre. Schmunzelnd, glückselig fügte er hinzu, er vermute, 
daß es sich bei dieser Berufung um seine Ernennung als Nachfolger 
von Geheimrat Dr. Kerzl zum Leibarzt Seiner Majestät handle. Er 
beantwortete alle Fragen bezüglich seines Befindens, Temperatur, 
Stühle usw. ganz präzise und ruhig, sein Gesicht nahm erst den glück¬ 
seligen Ausdruck an, wenn er paranoisch von seinen Auszeichnungen 
zu sprechen anfing, und mit Würde erzählte er immer von seiner hohen 
Ernennung zum Leibarzt, wobei ihm der Kaiser die Rigorosen erlassen 
und ihn im Felde sub auspicius promovieren ließ. Diese fixe Idee ver¬ 
folgte ihn noch in den ersten Tagen nach der Entfieberung — in 
Wirklichkeit ging der Patient nicht als Leibarzt, nur vom Typhus 
und seinen Wahnideen geheilt nach Wien als einjährig-freiwilliger 
Medizinerkorporal zurück. 

Ein anderer einjährig-freiwilliger Mediziner suchte stets seinen 
Rock, wo er angeblich 10 000 Rubel habe, die er als ärztliches Honorar 
bekommen habe, da er im Krieg einen kranken russischen General, ohne 
noch Doktor zu sein, so ausgezeichnet behandelte. 

Ein Leutnant stellte sich als Oberleutnant vor und erzählte mir, 
er sei eben im Kriege durch das Eiserne Kreuz und außertourliche 
Beförderung zum Oberleutnant für seine Verdienste ausgezeichnet — 
beide Auszeichnungen waren nur in seiner Phantasie erfolgt. Einzelne 
Soldaten verstiegen sich sogar so hoch, daß sie erzählten, Generäle zu 
sein mit roten Streifen an den Hosen. 

Während der ganzen Zeit waren 24 Fälle von Psychosen, 
darunter zwei Fälle von der Gruppe der Dementia praecox mit 
kindlichem Wesen, wobei bei einem dieser Fälle während des 
Typhus dysarthrische Sprachstörung auftrat, die noch jetzt, nach 
Nochen, allerdings gebessert, andauert. Dreimal zeigte sich patho¬ 
logischer Drang zum Stehlen. Der Ausgang war nahezu überall 
gut ■). 

Je nach der Dauer der Krankheit, bevor die Patienten zu uns 
Kamen, waren natürlich auch die Ankunftssymptome verschieden. 
T( niperatursteigerungen ohne oder meist mit Bronchitis, Kopf- 
N'hmerzen, Mattigkeit waren die Symptome der ersten Tage. Oft 
* ann riie erhöhte Temperatur, Hinfälligkeit und 
Kopfschmerz, undefinierbare Schmerzen im ganzen Körper, schon 
gomigewfer Anhaltspunkt für den Verdacht auf Typhus, dann stieg 
allmählich die Temperatur und, mit der höheren Temperatur ver¬ 
enden. die Schwerhörigkeit. Ich betrachte sie als recht 
«H'htigeg Symptom, das specifisch für Typhus ist, da Leute mit 
«eiben Temperaturen bei andern Krankheiten Schwerhörigkeit 
ment .so auffallend häufig aufweisen. Die Verlangsamung des 
fubos im Verhältnis zur Temperatur fehlte nahezu nie, und ich 
Raube, daß diesen beiden schon längst gewürdigten Symptomen 
,J r dm Diagnose des Typhus eine sehr wichtige Rolle zukommt, 
'o von Ortner als diagnostisch wertvoll befundene Epi- 
* a x 1 s a l fi Initialsyraptom konnte ich weder bei den von Anfang 

l,ns beobachteten Typhusfällen, noch bei denen in späterem 
■ ‘Uuum aus der Anamnese bestätigt finden, zweimal war Nasen- 

während der Continua aufgetreten. 

klin'^ 6 ^ ^ er ers ^ en Hälfte unserer Typhusfälle nur aus den 
wfol * n *Symptomen gestellte Diagnose wurde bei der nachher 
5r n Aktivierung der bakteriologischen Station durch die posi- 
_ r u 0 e r - W i d a 1 sehe Reaktion nahezu vollzählig bestätigt. 

Ata.!?*' ^ ! u 8 8 e r wir< l über diese posttyphösen Psychosen meiner 
* einer Publikation mitteilen. ' 


□ igitized by Google 


Diazoreaktion wurde nur in über einem Drittel (in 21 FäLen) 
der bakteriologisch festgestellten 57 Typhusfälle bei täglicher 
Untersuchung während der ganzen Continua positiv gefunden. Die 
Ansicht von L e u b e und Ortner, daß sie sich nicht entschließen 
würden, einen Fall als Typhus zu diagnostizieren, bei welchem die 
Diazoreaktion konstant negativ ist, wird dadurch entschieden 
widerlegt. Sehr interessant ist auch die gemachte Beobachtung, 
daß in jenen Typhusfällen, wo die Diazoreaktion positiv war, die- 
i selbe wieder auftrat, falls der Kranke ein Rezidiv bekam. Man 
| konnte dieses Neuauftreten der Diazoreaktion als sicheres diffe¬ 
rentialdiagnostisches Merkmal für ein eingetretenes Rezidiv ver- 
' werten, indem beim Auftreten von Fieber in der Rekonvaleszenz 
[ aus einem andern Grunde (Eiterungen, Otitis, Abscesse) die Diazo- 
, reaktion negativ war, bei Rezidiv allein wieder positiv wurde. 

| Dies galt, wie gesagt, jedoch nur für diese Fälle, bei denen während 
I des Typhus positive Diazoreaktion schon bestand, die beim Ent- 
| stehen eines Rezidivs als Begleiterscheinung wieder auftrat O. 

Das Fieber zeigte in den seltensten Fällen die für Typhus 
charakteristische Kurve, die Continua blieb meist kurz, remittieren- 
| der Charakter blieb längere Zeit, mitunter auch intermittierend, 
mit großen Temperaturschwankungen. 

Roseola war meist nicht sehr reichlich, nur in zwei Fällen 
war sie am ganzen Stamm ausgebreitet und weckte anfangs den 
Verdacht auf Typhus exanthematicus, einmal war ein variolaartiges 
Exanthem, fünfmal pemphigoide Blasen. 

Milz war nahezu immer zu Ende der ersten und in der zweiten 
Woche deutlich palpabel, doch meist war sie nicht sehr groß. 

Die Muskulatur zeigte in einem großen Teil der Fälle Schwäche, 
die sich im Zittern der Zunge, der Beine und Arme bei Bewegungs¬ 
versuchen äußerte. Der Herzmuskel war infolge der überstandenen 
Kriegsstrapazen sehr labil, er wurde leicht insuffizient, was be¬ 
sondere Aufmerksamkeit sowohl während der Krankheit wie auch 
während der Rekonvaleszenz erheischt. Man muß in den ersten 
Tagen nach der Entfieberung im Anfänge der Rekonvaleszenz mit 
diesem Umstande rechnen und mit der Dosierung der Bewegung 
vorsichtig sein, wenn der Puls dabei sehr frequent und arhythmisch 
wird. Die Rekonvaleszenz nimmt daher auffallend lange Zeit in 
Anspruch. Ich entlasse gerne die Typhuskranken als Gesunde, 
nicht als Rekonvaleszenten, da ich so oft beobachtet habe, daß 
die Transporte der Kranken aus andern Spitälern im Anfänge der 
Rekonvaleszenz oft sehr schlechten Einfluß hatten, indem die 
dort schon entfieberten Patienten durch die Anstrengungen des 
Transporte wieder zu fiebern anfingen. Die Kranken sollten in der 
Rekonvaleszenz in einem dazu bestimmten Genesungsheime sich 
erst wieder trainieren, dabei durch Massage und zweckmäßige 
Uebungen die Körpermuskulatur kräftigen, da man sich oft wun¬ 
dern muß, wie die Patienten, sicher infolge der Kriegsanstren¬ 
gungen vor der Erkrankung, langsam ihre physische Kraft wieder¬ 
erlangen. 

Es starben an Typhus 73 Kranke, davon jedoch neun Fälle sicht¬ 
bar infolge des während der zweiten oder dritten Woche erfolgten 
Transports aus andern evakuierten Spitälern an Kollaps oder Darm¬ 
blutung. Wenn ich nun diese Fälle abrechne, so beträgt die Morta¬ 
lität 9 °/ 0 , also ein sehr günstiges Resultat für einen Typhus nach 
den Kriegsstrapazen. Aus den kriegsärztlichen Berichten vom 
deutschen Kriegsschauplätze beträgt die Mortalität an Typhus in 
Namur 13 °/ 0 , in Lille 11,1 °/ 0 . Gesund sind bisher 410 entlassen. 

Was nun die Komplikationen betrifft, so beherrschten das 
Bild in ganz auffallender Weise pyämische Prozesse, die 
meist in der Rekonvaleszenz auftraten. Nach kürzerer oder 
längerer fieberfreier Zeit kam plötzlich wieder Fieber, manchmal 
nur für einige Tage und entweder bald anschließend daran oder 
kurze Zeit später konnte man an irgendeiner Körperstelle einen 
Absceß entdecken. Mitunter trat kaum Fieber auf, die Haut war 
nicht gerötet, oft ganz schmerzlos, das Bild eines kalten Abseesses. 
Der erste Bauehdeckenabsceß verursachte auch durch diese Eigen¬ 
tümlichkeiten zunächst diagnostische Schwierigkeiten, nachher, 
beim häufigeren Auftreten derselben, fahndeten wir schon nach 
Abscessen und gelangten öfter in dieser Beziehung zu Schnell¬ 
diagnosen. Die Bauchdeckenabscesse machen oft den 
Eindruck eines soliden Tumors (Lipoms), zumal dieselben im fieber¬ 
freien Stadium zur Beobachtung kommen. Manchmal war der 
Verlauf ganz eigentümlich symptomlos. 

*) Dr. Pick machte über das Verhalten der Diazo- sowie auch 
der Aldehyd reaktion und des Verhältnisses beider zueinander auf meiner 
Abteilung sehr genaue Studien und wird nach Verwertung dieses 
großen Materials die Resultate in diesbezüglicher Arbeit bekanntgeben. 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



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Bei einem schon längere Zeit entfieberten Rekonvaleszenten, der 
hermngeht, findet inan beim Waschen des Patienten eine faustgroße 
Heivorwülbung über der Symphyse in der Mittellinie des Abdomens 
bei normaler Temperatur. Die Geschwulst ist bei Druck unempfindlich, 
hat keine gerötete Haut, deutlich fluktuierend, macht beim Gehen keine 
Schmerzen, etwas beim Husten. Zur Eröffnung des Ahscesses geht 
Patient zu Fuß, und im Eiter sind im bakteriologischen Institute 
Typhusbacillen in Reinkulturen gefunden worden. 

Ein Patient, den nachher Pr. Cahanesen demonstrieren wird, 
hat seit vielen Wochen faustgroßes Infiltrat der linkem Hälfte der 
Rauchwand ohne Fieber, ohne Schmerzen beim Herumgehen. 

Ein so häufiges Auftreten von Mtiskelabscessen gehört wohl 
nicht zu den sonst gewöhnlichen Komplikationen. 

Von Komplikationen sind folgende zu verzeichnen: 


Subfasciale und Muskel- 



Pleuritis (1 mal hämor- 



ahseesse, phlegmonöse 



rhagisch. 1 Empyem) 

13 

Tille 

Prozesse ..... 

3h 

Fälle 

Croupöse Pneumonie 

7 

M 

Bauchdeekenahseesse . 

11 


Endoearditis. 

2 

?» 

Otitis media suppurativa 



Darmblutung .... 

36 

•? 

(akute Fälle während 



Neuralgien. 

H» 


der Krankheit und der 



Psychosen . 

34 


Rekonvaleszenz J ) . . 

31 


Sprachstörung .... 

1 

” 

Parotitis. 

15 


S.ihilddriisenlappeu- 



Mastoiditis. 

4 


aiiseeß iStrmnucvste 



Drüseneitermigen . . . 

12 

M 

mit Eiter;. 

1 


Furunkulose. 

21 

m 

Rezidive. 

24 


Oiehitis. 

10 


Parese der Extremitäten 

2 


Erysipel. 

5 


Jlämoptöe während der 



Sepsis. 

1 

V 

(’ontinua. 

o 

j 

Decubitus. 

27 

?? 

Meningismus .... 

4 

.. i 

Cholecystitis .... 

5 


Blatternaitiges Exanthem 

1 


Appciidieitis .... 

1 

.. 

Hautabschürfung . . . 

o 

1- | 

Thrombose ..... 

5 


Pemphigoide P.'asen . . 

5 

^ | 

Peritonitis. 

5 

M 

Eczema hupet iginat um . 

1 

1 

Oystitis. 

1 





Nephritis. 

1 






heit unter hohem Fieber auftrat, von nicht sehr benignem Cha¬ 
rakter (vier Todesfälle) und sehr langsamem Heiluugstriebe nach 
der Operation. Von den vier Mastoiditisfällen starb einer an Me 
ningitis, zwei sind mit Erfolg operiert, einer ging ohne Ope¬ 
ration vorüber. Von Orchitis hatten wir zehn Fälle, wuM 
in einem Falle der Hoden vom Primarius Zahradnickv 
kastriert werden mußte und Typhusbacillen in Reinkultur im Eiter 
aufwies. Nur in einem Falle war früher Parotitis vorhanden. Ver¬ 
lauf war gutartig. 

Sehr interessant war ein Fall mit Vereiterung des rechten Schild- 
driiNcnlappens, wo nach der Eröffnung in der Strumacyste Typlms- 
baeillen in Reinkulturen im bakteriologischen Institute gefunden 
wurden. 

In 36 Fällen waren Darmblutungen, einzelne auch 
schwerer und zwei- bis dreimal sich wiederholend, bei denen uns 
intravenöse Injektion 10%iger NaCl-Lösung 10 ccm, subnitan nor¬ 
males Pferdeserum, die Darreichung von Gelatine, Opium, t'lilor- 
caleium, Adrenalin intern und in Klysmen sich oft bewährten. 

Tuberkulose, die wir hier im allgemeinen unter den 
Soldaten recht oft konstatieren, war mit Typhus in 25 Fällen kom¬ 
biniert, wodurch die Fieberkurve ganz atypischen Charakter an¬ 
nimmt. 

Bronchitiden gehörten zu dem gewöhnlichen Bilde, in 
36 Fällen kam es zu katarrhalischen Pneumonien, siebenmal zu 
eroupöser Pneumonie. 

R e z i d i v e traten in 24 Fällen auf und dauerten meistens 7 
bis 14 Tage, zweimal 24 und 25 Tage und einmal über vier Wochen 
(Kurve 1). In vielen Fällen wird die Angabe gemacht, daß Patient, 
nachdem er von einem bereits gesunden Kameraden Wurst oder 
Schwarzbrot in den ersten Tagen der Entfieberung gegessen hat, 


Krblkopfaffcktiun mit 
Aphonie .... 
1 Vriostitale Abscesso 
(Röhrenknochen! . 
Tuberkulose .... 
Kiloiiiöse Bronchitis . 
Katarrhalische Pneu¬ 
monie . 


16 


1 

30 


> //. /.' >u\ 'A'iTdÄn. nu 

10. 



Unter den 30 subfaseialen und Muskclahscesscn waren auch 
einige Fälle mit multiplen tiefen Abseemen an verschiedenen 
Körperstellen, Oberschenkel-, Rücken-, Olutüal-, Oberarm-. Nacken-, 
Perineum-, Unterschenkel-. Sehnenselieidenabseesse, wobei sieh bei 
der Eröffnung oft 1 l Eiter entleerte. 

Auffallend waren die elf Fälle von Baiielulrekenahscossen, 
vornehmlich des Musculus rectus abdominis. In einem von Pri¬ 
marius K e schm a uti eröffneten Bamdideckenabsceß in der 
Mittellinie über der Symphyse (über faustgroß) fand sich ein 
in Eiterung begriffenes Hämatom mit bakteriologisch liaehgewiese- 
nen Typhusbacillen in Reinkulturen. Die hei den Obduktionen stets 
gefundene wachsartige Degeneration der Muskulatur bei Typhus 
dürfte auch im Iieetus abdominis (wahrscheinlich durch die An¬ 
strengung beim Aufsitzen und die Bauelipresse) zu Zerreißungen 
der Muskel, Blutergüssen und nachheriger Vereiterung führen. 
Dies würde das häufigere Auftreten in diesem oft in Aktion treten¬ 
den Muskel, wie auch in ähnlicher Weise in den Obersehenkel- 
glutüalinuskeln erklären U. 

Von andern Komplikationen waren 15 Fälle von Paro¬ 
titis, die 14 mal einseitig war, meist noch während der Krank- 


Kurve 1. Schwere Rezidive. 

bald wieder Fieber und Rezidiv bekam. Daß 
stopfung (Kurve 2). oder Veränderungen 


geringe Stuhl ver¬ 
lier Kost kurz¬ 


dauernde Temperatursteigerung hervorrufen können, habe ich sehr 
oft beobachtet, ob aber als Folge* eines DiUtfehlers wirkliche Uezi- 
dive mit Milztumor, manchmal Roseola, Diazoreaktion dort, wo 





:: t I 


Kurve 2- 

sie während der Erkrankung waren, erfolgten, bezweifle ich sehr, 
leb erkläre mir das Auftreten des Rezidivs als frisches Mobil- 
machen der noch im Körper zurückgebliebenen Gifte, wozu ver¬ 
schiedene (auch diätetische) Anlässe den Anstoß geben kenn» 
Ist der Organismus schon entgiftet, so ruft derselbe Diätfohkr 
wahrscheinlich kein Rezidiv hervor. (Schluß folgt) 


Klinische Vorträge 

Aus dein Krankenhaus« Bergmannslieil in lim-lmm i. \V. 

(Chefarzt: Prof. I)r. W u 11 s t c i n). 

Trauma und Wundinfektionskrankheiten 2 ) 

von 

Dr. Emil Schepelmann, Oberarzt des Krankenhauses. 


M. H.! Die Kürze der Zeit, die mir für diesen’Vortrag zur 
Verfügung steht, gestattet natürlich nicht die Erschöpfung des 
heutigen Themas über den Einfluß des Traumas auf die Entstellung 

i) p) r# pick hat die ersten fünf Reetusabseesse von unserer Ab- 
teilunfr in der Prag. m. Wscli. lit sehih'bcn 

*) Aus einem am 13. Juni 1614 lin Acrztefortbilduiigskursus des 
Krankenhauses Bergmannsheil gehaltenen Vortrag: „lieber den Ein- 
l!ul.) des Traumas auf die Entstehung chirurgischer Krankheiten.“ 


chirurgischer Krankheiten, auch nicht die Abhandlung aller '" r ‘ 
kommenden chirurgischen Leiden; vielmehr werde ich mich -w 
einige auserwählte Krankheitsgruppen beschränken, »her 
Krankheitsgruppen, die wegen ihrer häufigen Wiederkehr wi •' 
gutaehtung von hervorragender Bedeutung sind. 

Wenn ich nun die verschiedenen Möglichkeit e a ' ir 
die traumatische Entstehung chirurgischer Krankheiten erer» '■ 
könnte es den Eindruck erwecken, als ob damit aiuM • J. 
gleich die \V a h r s c li e i n 1 i c h k e i t für den ursacli ” ^ 
Zusammenhang bewiesen sei. Um dieser irrigen Ansico 
gegenzutreten, muß ich gleich vorweg bemerken, daß m f ‘ - 
gaben der Untersuchten erfahrungsgemäß allzugern im ‘ Sl ! u \ ( tnM . 
Unfalls gefärbt sind und daher —- wie z. B. letzthin l/ 1111 '* 
in der Rheinisch-Westfälischen Oesellschaft für VePiriu^V, 
I niedizin an zahlreichen typischen Beispielen erläutert hat 


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Original fram 

UNiVERSUY OF IOWA 

















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mit äußerster Vorsicht verwertet werden dürfen. Aber gerade 
Sic. m. H., als die erstbehandelnden Aerzte, die Sie das Krank- 
heitsbild von Anfang an verfolgten, können für die Beurteilung 
eines Falles klärend wirken; denn während wir im Krankenhause 
bei den gutachtlichen Untersuchungen uns manchmal ganz auf 
die Angaben der Patienten verlassen müssen, sind Sie Augenzeuge 
der Entwicklung des Leidens. 

Aus der Reihe chirurgischer Krankheiten hebe ich nun als 
bedeutungsvoll für unser Thema hervor: die akuten Wund¬ 
infektionen (wie Erysipel, Phlegmonen, Abscesse), d i e 
chronischen Infektionen (wie Tuberkulose, Syphilis, 
Aktinomykose), die akuten und chronischen 
Knoeben-und Gelenkentzündungen, die Appen- 
dicitis, die Gewächse und endlich die Hernien. 

Trauma und Wundinfektionskrankheiten. 

Per Name besagt schon, daß zwei Vorbedingungen für ihren 
Ausbruch erfüllt sein müssen: Verwundung und Infektion. 
Wunde bedeutet hier im weitesten Sinne Gewebsläsion, In¬ 
fektion das Eindringen von kleinsten Lebewesen aus der Tier- 
und Pflanzenwelt in den menschlichen oder tierischen Organismus. 
Ihr Vorhandensein ist für das Entstehen einer Eiterung unbedingt 
erforderlich, ebenso notwendig auch das Vorhandensein einer Ge¬ 
websläsion. Es ist ausgeschlossen, daß Bakterien durch völlig 
intakte und gesunde Schleimhäute oder äußere Integumente in 
das Innere des Körpers einzudringen vermöchten. Wo man einen 
solchen Vorgang vermutet, wird sieh bei genauerer Untersuchung 
doch schon. _eine entsprechende Erklärung finden lassen. Das 
PureliwancTprn von Bakterien z. B. durch die Wand eines Wurm¬ 
fortsatzes, dessen proximales Ende durch einen Kotstein verstopft 
ist, oder durch die Wand eines eingeklemmten Darmstücks ist 
leicht verständlich im Hinblick auf die Schädigung der Schleimhaut 
durch die Sekretstauung im einen, die Blutstauung im andern 
Fall. Auch die Versuche Garr6s und Fraenkels, welche 
durch Einreiben von Traubenstäbchenkulturen auf die unversehrte 
menschliche Haut respektive von Tuberkelbacillen auf die rasierte 
Meerschweinchenhaut Infektionen zu erzeugen vermochten, sind 
nicht einwandfrei, weil ja sowohl das Einreiben als das Rasieren 
kleinste Epitheldefekte setzt. Man ist also heute nur noch be¬ 
rechtigt, den von L e u b e eingeführten Namen der kryptogeneti¬ 
schen Septicopyämie in d e m Sinne zu gebrauchen, daß man die 
Eintrittspforte der Infektion nicht kennt, nicht, daß man eine 
Läsion ausschließt. Auch tiefer gelegene seröse Häute und Höhlen 
innerer Körperteile bieten einen Schutz gegen das Eindringen von 
Bakterien; es ist zweifellos, daß wir letztere experimentell in die 
Bluthalm bringen und durch die Nieren ausscheiden lassen 
können, ohne daß eine Infektion des Körpers elntritt; es ist zu 
htzterer stets noch außer dem Vorhandensein der Bakterien im 
Blut ein weiteres schädigendes Moment, welcher Art es auch sein 
mag. nötig. 

ln neuerer Zeit hat man den Tonsillen der Mund- und 
Buchenhöhle seine Aufmerksamkeit als den Eintrittspforten 
kleinster Lebewesen zugewandt und beobachtet, daß gerade bei 
vergrößerten und zerklüfteten Mandeln gewisse lokale und all¬ 
gemeine Infektionen Vorkommen. Die Gaumentonsillen bilden 
zwischen beiden Gaumenbögen jederseits eine ansehnliche An¬ 
häufung adenoiden Gewebes und entsprechen hinsichtlich ihres 
Baues einer Summe großer Zungenbälge, das heißt kugliger, 1 bis 
1 nun großer Adenoide, die, in der obersten Schicht der Tunica 
propria gelegen, makroskopisch leicht wahrnehmbare Erhaben- 
h'iten darstellen. In der Mitte derselben sieht man eine punkt¬ 
förmige Oeffnung, den Eingang in die Balghöhle, welche von 
( 'incr Fortsetzung des geschichteten Epithels der Mundschleimhaut 
ausgekleidet wird. Unter normalen Verhältnissen wandern fort¬ 
während zahlreiche Leukocyten des adenoiden Gewebes durch das 
Epithel in die Balghöhle und gelangen von da in die Mundhöhle, 
ju deren Sekret sie als Schleim- und Speichelkörperchen leicht ge¬ 
funden werden. Dabei wird das Epithel oft in großer Ausdehnung 
zerrissen, und es ist wohl nur der Anwesenheit der Leukocyten der 
«ehutz des Körpers vor Infektionen zu danken. Bei hypertrophi- 
1 j n UI *d zerklüfteten Tonsillen nun bilden sieh tiefe Buchten, 
ralten und Taschen aus, die der Ansammlung von Speiseresten, 
^gestoßenen Gewebsteilen, Mandelpfröpfen tisw. günstig sind 
Md einen wahren Brutofen für Bakterien darstellen. Kommt nun 
uoch eine stärkere Epithelläsion hinzu, sei es mechanisch durch 
iTi D ‘-Peichelstein, sei es chemisch durch Maceration des Gewebes 
niolge räulni.s rot inierter Gewebe in den Taschen, so ist den Bakterien 
or UI1 dTür geöffnet für eine lokale oder gar allgemeine Infektion. 


Sind nun durch irgendeine Wunde Keime in den Organismus 
eingedrungen, so ist die Zeit bis zum Auftreten der ersten klini¬ 
schen Symptome unter anderm abhängig von der Wachstums¬ 
energie der Pilze und von der Frage, ob sie sich lokal weiter 
vermehren oder eine allgemeine Ausbreitung auf dem Blut¬ 
weg erfahren. In den Blutstrom gelangen die Keime bei Schnitt¬ 
wunden natürlich allemal; Schimmelbusch konnte sie be¬ 
reits nach fünf Minuten im übrigen Körper wiederfinden. Die Blut¬ 
gefäße sind durch den Schnitt eröffnet und gestatten das unbe¬ 
schränkte Eintreten der Bakterien. Aber nicht alle Bakterien 
bleiben im Blute lebensfähig. Einmal kann der Körper mit seinen 
im Blut angehäuften Schutzstoffen besser als im festen Gewebe 
mit vereinzelten Keimen fertig werden; dann gibt es Mikro¬ 
organismen, die überhaupt nicht im lebenden Gewebe gedeihen, 
wie die Fäulniserreger oder Saprophyten, die nur auf toten Ge¬ 
websteilen, z. B. Nekrosen, oder auf außerhalb des Kreislaufs be¬ 
findlichen Flüssigkeiten zu wachsen vermögen, namentlich im Ver¬ 
ein mit Eitererregern, die ihnen durch Einschmelzung des Gewebes 
den Boden vorbereiten. 

Nun ist, wie gesagt, die Inkubationszeit einer Eiterung zwar 
umgekehrt proportional der Waelistumsenergie der Bakterien, 
doch haben letztere bei der Vermehrung iin tierischen Körper mit 
zahlreichen Widerständen und Eigentümlichkeiten zu rechnen, die 
in der Kultur nicht anzutreffen sind. Immerhin läßt sich sagen, 
daß die Eitererreger bereits nach mehreren Stunden, spätestens 
nach wenigen Tagen klinische Symptome machen, während z. B. 
die Erreger der Syphilis, des Typhus, der Tuberkulose oder gar 
der Lepra ganz bedeutend längerer Zeiträume dazu benötigen. 

Ebenfalls sehr kurz, ungefähr 15 bis 60 Stunden, ist die In¬ 
kubationszeit für das 

Erysipel, 

dessen klinischer Beginn etwa in die Zeit des Schüttelfrostes zu 
verlegen ist. Da die Streptokokken schon durch kleinste Haut¬ 
schrunden einzudringen pflegen, ist hier das ursächliche Trauma 
gewöhnlich ein so geringes, daß es meist nicht beachtet wird. 
Selbstverständlich können auch größere Wunden primär oder 
sekundär während des Heilungsverlaufs mit Streptokokken in¬ 
fiziert werden, sodaß die Möglichkeit des Ausbruchs einer 
Wundrose nach einer Unfall Verletzung erst dann als beseitigt gilt, 
wenn die Wunde absolut fest überhäutet und vernarbt ist. 

Im Gegensatz zu dem vorwiegend in den obersten Haut¬ 
partien sich ausbreitenden Erysipel spielen sich 

Phlegmonen und Abscesse 
gew öhnlich in den tieferen Teilen der Gewebe ab. 

Phlegmonen sind interstitielle Eiterungen in mehr 
diffuser, flächenhafter Ausbreitung, Abscesse solche in um¬ 
schriebener Form mit scharfer Abgrenzung. Bei beiden Formen 
kommt es zu einer Destruktion, einer eitrigen Einschmelzung des 
Gewebes, dessen Zellen teils regressive Veränderungen erleiden, 
teils in Wucherung geraten, wobei aber die jungen Elemente nicht 
neues Gewebe bilden, sondern sich aus dem Zusammenhänge 
lösen und sich den Eiterzellen heimischen. An die Stelle des ein- 
sehmelzenden Gewebes tritt eine Ansammlung des eitrigen Exsudats. 

Phlegmonen entwickeln sich nun zuweilen in der Um¬ 
gebung frischer oder granulierender Wunden, wenn Infektions¬ 
keime in jene mit den verletzenden Instrumenten oder später hin- 
eingetragen werden oder wenn die auf den Granulationen liegen¬ 
den Keime den Schutzwall der Leukocyten, gewöhnlich im An¬ 
schluß an eine Läsion der Granulationen, durchbrechen und in die 
Tiefe dringen. In diesem Fall ist der ursächliche Zusammenhang 
klar. Es ist nun aber auch möglich — und das sind für die gut¬ 
achtlichen Beurteilungen manchmal schon weniger durchsichtige 
Fälle —, daß sich ohne lokale Hautverletzung in der Tiefe 
eine Phlegmone oder ein Absceß entwickelt. Wir wissen, daß 
von Wunden, Entzündungsherden oder latenten Eiterherden aus 
Keime ins Blut gelangen können, aus dem sie mit der Zeit wieder 
durch die Nieren ausgeschieden oder durch Leukocyten entfernt 
werden. Es kommt aber vor, daß sie auf ihrem Kreisläufe durch 
den Körper auf widerstandsunfähige Gewebe stoßen und sich hier 
ansiedeln, um eine Phlegmone oder einen Absceß zu erzeugen. 
Fragen wir uns nun, was die Widerstandsfähigkeit des Körpers 
lokal herabsetzt, so sind es einmal Störungen des Blutkreislaufs 
in den betreffenden Geweben, Störungen der Innervation und be¬ 
sonders Schädigungen mechanischer, chemischer oder thermischer 
Natur. Mechanisch genügt schon eine Quetschung oder Zerrung, 
um mikroskopisch feine Wunden in der Tiefe zu setzen, durch die 
die Bakterien aus dem Blutgefäß«* heraus! refeu und ins Gewebe 


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18. April. 


cindringen. Ist nun neben der feinsten Wunde noch eine weiter¬ 
gehende Gewebsquetschung vorhanden, so können die abge¬ 
storbenen oder doch in ihrer Vitalität schwer geschädigten Zellen 
dem Vordringen der Eitererreger keinen Widerstand mehr leisten 
und geben zu rasch um sich greifenden Phlegmonen Anlaß. In 
dieser Tatsache ist einer der Faktoren für den Erfolg von Ope¬ 
rationen zu suchen; geschickte Operateure, die also die Gewebe 
mit raschen, glatten Schnitten durchtrennen, haben vielleicht trotz 
weniger exakter Asepsis oftmals einen geringeren Prozentsatz 
von Wundeiterungen als ungeschickte, die bei peinlichster Asepsis 
das Gewebe quetschen und mißhandeln. Denn absolute Sterilität 
ist selbstverständlich bei unsern Operationen ausgeschlossen; wir 
rechnen mit Keimarmut, nicht mit Keinlmangel und wissen, daß 
der Körper mit vereinzelten Keimen fertig wird, wenn keine wider¬ 
standsunfähigen Gewebe als Nährboden dienen. Als besonders 
gefährlich in dieser Hinsicht gelten deshalb freie Blutergüsse ins 
Gewebe; an sich enthält zwar das Blut viele »Schutzstoffe und 
»Schutzmittel gegen eirculiereude Bakterien; da jene aber in den 
Hämatomen bald aufgebraucht sind, so stellt das Blut dann einen 
hervorragenden Nährboden dar, in dem sich die Bakterien unge¬ 
stört. und unter günstigsten Bedingungen entwickeln. Solange 
flüssiges oder geronnenes Blut oder totes Gewebe vorhanden ist, 
solange besteht auch die Infektionsgefahr, Wie und in welcher 
Zeit der Körper diese Massen beseitigt, lehrt uns die pathologische 
Anatomie: Zunächst bezüglich des Hämatoms wissen wir, daß das 
dem Schutze der lebenden Gefäßwand entzogene Blut rasch einer 
Gerinnung anheimfällt, bei der — wie bei der Blutgerinnung außer¬ 
halb des Körpers — eine gewisse Menge Plasmas aus dem Blut- 
kuehen ausgepreßt und rasch resorbiert wird; der rote Farbstoff, 
das Hämoglobin, löst sich in den Intercellularflüssigkeiten auf und 
färbt die Zwischensubstanzen rötlich, um dann allmählich mit dem 
Lvmphstrome weitergeführt und in den allgemeinen Körperkreis¬ 
lauf gebracht zu werden, aus dem es von der Leber und den Nieren 


aufgefangen und zu Gallenfarbstoff verarbeitet respektive im 
Harn ausgeschieden wird. Das Fibrin wird entweder gleichfalls 
gelöst oder zerfällt zu einer detritusartigen Masse, die durch Zellen 
aufgenommen und weitertransportiert wird. Manchmal findet 
auch keine vollständige Aufsaugung der Blutergüsse statt, sondern 
es wächst junges Bindegewebe, wie bei der Thrombose, hinein u ul 
bewirkt damit eine sogenannte Organisierung des Hämatoms, die 
zur Narbenbildung führt. Dies ist die Regel bei abgestorbenen 
Geweben. Hier werden Teile von Zellen, Abschnitte von Proto¬ 
plasma und Kern oder auch ganze Kerne, Bruchstücke von quer¬ 
gestreiften Muskelfasern usw. von Phagocyten aufgenommen und 
fortgeführt; gleichzeitig aber durchwächst junges Bindegewebe die 
erweichten Massen und führt zu deren bindegewebiger Organi¬ 
sation, zur Narbe. 

Betrachten wir nochmals im Zusammenhänge die Entstehung 
der akuten Wundinfektionen, so haben wir gehört, daß zwei Mo¬ 
mente stets erforderlich sind, das ist das Trauma im weitesten 
»Sinne und die Anwesenheit von Bakterien. Nur Wunden, ge¬ 
quetschtes, in seiner Vitalität geschädigtes oder abgestorbenes Ge¬ 
webe, ferner Blutergüsse können zum Angriffspunkte der Keime 
werden, die entweder von außen, durch Läsionen des Integuments, 
in den Körper eindringen oder von innen, vom Blute her, 
Sind die Wunden geheilt, ist das Blut resorbiert und das abge¬ 
storbene Gewebe organisiert, so ist die Infektionsgefahr beseitig!; 
schon nach der Organisation der Thromben der Gefäße, die infolge 
der Zerreißung offen ins Hämatom oder in die Gcwebstriinnwr 
mündeten, also nach etwa 8 bis höchstens 14 Tagen, i.t <l ; e 
Gefahr einer Vereiterung der vom Trauma betroffenen Stelle so 
gering, daß sie praktisch kaum noch zu erwägen ist. 

Die rasche Folge von Trauma, Infektion und akuter Eiterung 
bringt es mit sich, daß Arzt und Patient den Zusammenhang des 
Leidens mit einem Unfall meist rasch erkennen und Zweifel be¬ 
züglich der Aetiologie selten auftauchen. 


Berichte fiber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Die Entfernung von Kleiderläusen durch 
Schwefeldämpfe 

von 

Stabsarzt Dr. E. Kuhn, Chefarzt eines Feldlazaretts. 

Die Kleiderläuseplage ist in diesem Kriege so ausgedehnt 
und die möglichst rasche Entfernung der Kleiderläuse wegen der 
Gefahr etwaiger Uebertrngung des Flecktyphus so wichtig, daß 
eine baldige Klärung über die Wirksamkeit der angewandten 
Mittel, durch Mitteilung möglichst zahlreicher Erfahrungen, not¬ 
wendig erscheint. 

Ich halte für das sicherste, schnellste und einfachste Mittel 
zur Entfernung der Kleiderläuse die Ausschweflung der Kleider. 
»Schwefel ist wenigstens auf dem westlichen Kriegsschauplatz, in¬ 
folge Fortfalls des sonst ausgedehnten Weinhandels in den von 
uns in Besitz genommenen Gebieten, anscheinend überall leicht 
aufzutreiben. Für kleinere Formationen genügt dann ein kleiner 
Kaum in einem leeren Hause, dessen Tür- und Fonsterritzen mit 
Watte verstopft werden. Die Kleider samt Tornister, »Stiefeln 
und anderm Lederzeug werden, ebenso wie die nicht auskochbaren 
Wollsachen und Decken, in dem Raum über ausgespannten Leinen 
oder improvisierten Riegeln frei aufgehängt. In einem eisernen 
Topfe werden etwa bis 1 kg S c b w e f e 1 (am besten »Schwefel- 
faden) angezündet und nach zirka zwölf »Stunden sind Läuse und 
dnvn Eier sicher vernichtet. Nach Entfernung der Schwefel- 
dämpfe durch Oeffnen der Türen werden die geschwefelten 
Kleider herausgenommen und tüchtig ausgeklopft. Die nicht 
wollenen Hemden und die übrige auskochbare Leibwäsche (auch 
aus den Tornistern) sind unterdessen in Kesseln (möglichst unter 
dem Zusätze von Schmier- oder Kresolseifenlösung) auszukoehen. 
Wünschenswert ist, daß die Leute, nach völliger Entkleidung, in 
einem Nebenraum in großen Zubern und dergleichen sich mit 
warmem Wasser und »Seife am ganzen Körper sauber waschen 
können, eine Einrichtung, die sich mit Hilfe der im Westen überall 
erhältlichen Wasserkessel (Ohaudieres) leicht herstcllen, ebensogut 
aber auch in einem gewöhnlichen Kessel über Kaminfeuer usw. 
erreichen läßt. In einem solchen Kessel kann dann auch an¬ 
schließend die aus der »Schwefelkammer, in einem besonderen des¬ 
infizierbaren Behälter oder in einem Laken eingeschlagen, mit¬ 
gebrachte Leibwäsche gekocht werden. Das Schwierigste bei dem 
Verfahren ist die Bereitstellung von einer Garnitur Leibwäsche, 


eines Lazarettanzugs und Pantoffeln, welches sich aber bei keinem 
sicher wirkenden Verfahren umgehen läßt, und zudem in allen, 
auch dicht an der Front gelegenen, Lazaretten zu ermöglichen ist. 
Die schnelle Trocknung der Wäsche geschieht entweder primitiv 
in den tüchtig geheizten Aufenthaltsräumeii der von den Kleider¬ 
läusen befreiter! Mannschaften oder in einem besonderen Trocken* 
zimmer“, in welchem durch einen stark gebeizten Ofen in kurzer 
Zeit zahlreiche Wäschestücke getrocknet werden können. 
Schnellsten kommt man natürlich zum Ziele, wenn von vornherein 
die nötige Anzahl von Wäschestücken bcreitliegt, sodaß die Mann¬ 
schaften sofort mit frischer, trockner Wäsche versehen entlassen 
werden können. Bei der glänzenden Versorgung des Heers mit 
Wäsche ist auch das stets leicht zu ermöglichen. Wo größerer 
Bedarf ist, wird zweckentsprechend eine besondere Waschküche 
zum Ausk< eben der Kleider mit Tisch zum gründlichen Aus¬ 
bürsten der Wäsche mit Wasserablauf usw. eingerichtet. Hr 
größeren Bedarf sind natürlich sowohl ein größerer Aufenthalts¬ 
raum mit »Strohschüttung für die neu ankommenden Leute, sowie 
Unterkunftsriiurne für die bereits gereinigten Mannschaften in 
sehaffen. Auch sind zur schnelleren Abfertigung der von den 
verschiedene» Truppenteilen gruppenweise zu verschiedenen 
Tageszeiten eintreffenden Leute mehrere Schwefdkammern not¬ 
wendig. Ich habe zur Bewältigung von 60 bis 80 Leuten innerhalb 
24 Stunden zeitweilig drei Schwefelkammcrn in Betrieb gesetzt- 
Man hat dem Sehwefelverfahrcn nachgesagt, daß besondic 
die Kleidernähte angegriffen würden. Dies tritt nach nitincn 
sieh über Monate erstreckenden Erfahrungen nicht ein. "cim du 
Schwefelkanunern trocken sind und infolgedessen die Kleider nu r 
dem bei der »Schwefelverbrennung zunächst entstehenden Schwele* 
dioxyd ausgesetzt werden, welches zur Abtötung des ln£fziefer> 
genügt. Die* für die Kleidernähte schädliche schweflige 
kann in größerer Menge ja nur entstehen, wenn die Kleider fpiii 
werden. Es ist deshalb auch notwendig, daß durch tüchtig 
Klopfen das »Schwefeldioxyd nach Möglichkeit wieder entie 
wird und daß die Leute möglichst nicht bei Regenwetter entlasse 
werden. ' . , 

Ich habe nur ein einziges Mal von einem Manne hinter er 
gehört, daß ihm Nähte gerissen »seien. Dieser ist aber sofort 
den frisch geschwefelten Kleidern im Regen herumgelaufen. (A 
die probeweise eine Reihe von Tagen durchgeführte Aufbang» g 
von dünnen Blusen und alten Röcken in der »Schwefelkammer 
eine Lockerung des Stoffes oder der Nähte nicht erkennen.} 


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18. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


457 


Von den sieh nach Tausenden belaufenden 
Desinfizierten sind sonst (auf mitgogebenen 
.«dressierten Karten) nur N a e li r i e h t e n e i n - 
,r | au f e n, d aß »i e v o in Ungeziefer freige- 
blieben sind, auch wenn sie in ihre alten 
Unterstünde zurückgekehrt waren. 

Ich glaube dies nicht zum geringsten Teil den Umständen 
zihehreiben zu müssen, daß der noch längere Zeit den Kleidern 
anhaftende Schwefelgeruch die Läuse f ernhält und daß bei 
»lhs«.m Verfahren auch das Lederzeug (Tornister, Stiefel) sicher 
mit desiufiziert werden kann. Daß auch die Eier der Läuse 
liviirh Schwefeldämpfe getötet werden, erkennt man einer- 
irs daran, daß die Eier völlig eintrocknen und durch ge¬ 
rinn Schütteln von den Kleidern abfallen, anderseits ist es da- 
täm-h praktisch erwiesen, daß eine Reihe von Tausenden von 
Maimsrluifteii noch nach Monaten von Kleiderläusen freigeblieben 
kt. 1 c Ii li a 11 e «1 e s h a 1 b die Entfernung der L ä u s e 
d u r c h S c h w e f e 1 d ä m p f e für ein rasch und leicht 
durchführbares, sicher wirkendes und unschäd¬ 
liches Mittel, welches an Einfachheit der 
Durchführung von keinem andern Mittel er¬ 
reicht wird. Denn die verschiedenen neuerdings empfohlenen 
Pulver und Streuniittel (Naphthalin, Kresolpuder und dergleichen) 
können doch sicherlich nur prophylaktischen Wert haben. 


Behandlung der Syphilis mit Embarin 

von 

Stabsarzt Dr. Eugen Brodfeld, j 

Abteilnngschefarzt im k. □. k. Qarnlsonspital Nr. 16 in Krakau. 

Das Bestreben, bei Behandlung der Syphilis große Dosen j 
von Quecksilber zu gebrauchen, um eine sicher und schnell ver¬ 
nichtende Wirkung auf die Spirochäten auszuüben, ohne aber dem 
< trganisinus dabei zu schaden, bewog die Chemotherapeuten in 
neuester Zeit, eine Reihe von Hg-Injektionsmitteln zu konstruieren, 
die obigen Anforderungen entsprechen. Ein solches ist das von 
der chemischen Fabrik „Heyden“ in Radeheul-Dresden konstruierte 
Embarin. Dasselbe ist eine 3°/ 0 Quecksilber enthaltende Lösung 
des merkurisalicylsulfonsauren Natriums mit */. °/o Acoin als an¬ 
ästhesierendem Zusatz. Das Präparat kommt in Ampullen zu 
13 ccm in den Handel. 

Ich habe das Präparat allein, nicht in Kombination mit andern 
Antilueticis (dm auf diese Weise seine Wirkung zu erproben) ver¬ 
wendet, und zwar nur als intragluteale Injektionen. Die Technik 
war folgende: Mittels der mit Nadel armierten Rekordspritze 
wwle aus der geöffneten Ampulle der Inhalt aufgesogen und in 
‘hu äußeren Gesäßquadranten oberhalb einer Linie, welche beide 
Tinhanteren verbindet, injiziert. Das Injektionsfeld wurde durch 
J«>dtinktunuistrich desinfiziert. Auf die Einstichöffnung kam ein 
Miickrhen Leukoplast 

Die Injektionen waren nach Angabe der meisten Patienten 
schmerzlos. Dies ist außer auf den Acoinzusatz auch wohl darauf 
zurückzuführen, daß Embarin, wie Hayek nachgewiesen hat, eine 
•'hr geringe Tendenz zur Nekrosebildung und eitrigen Ein- 
siiiiiclzung an der Injektionsstelle zeigt. Auch beobachtete ich 


niemals längerdauernde Infiltrate an der Injektionsstelle. Zurüok- 
zuführen ist dies auf die Eigenschaft des Embarins. daß dieses 
kein Eiweiß fällt; jedenfalls ein großer Vorteil, wenn man bedenkt., 
daß zu einer Kur mindestens 15 Injektionen, jeden zweiten Tag 
eine, notwendig sind. 

Unter 20 Fällen, die ich injizierte, mußte das Mittel einmal 
wegen starker Gingivitis, das andere Mal wegen blutiger Diarrhöen 
ausgesetzt werden. Eine Idiosynkrasie gegen das Mittel, sich 
äußernd in Kopfschmerzen, Schwindel, unregelmäßigem Puls, wie 
sie Salomo nsk i und Sowade beschreiben, habe ich nicht 
beobachtet. 

Bei einem Manne, dessen Primäraffekt nach drei Embarin- 
injektionen vernarbt war. trat einen Tag nach der sechsten In¬ 
jektion unter Steigerung der Temperatur auf 39,4 0 ein über den 
ganzen Körperstamm ausgebreitetes morbillenähnliehes Exanthem 
auf. Am nächsten Tage war die Temperatur auf 37.2 u gesunken, 
das Exanthem am zweiten Tage verschwunden. Dies dürfte auf 
einer Ucbersättigung des Organismus mit Quecksilber oder auf 
einer Idiosynkrasie gtgen Embarin beruhen. Nach einer mehr¬ 
tägigen Pause wurde die Kur mit Inunctionen zu Ende geführt. 

Primärsklerosen heilten gewöhnlich nach drei bis fünf In¬ 
jektionen, sekundäre Exantheme bis längstens sieben lnjektlomm. 
Auch Herxheim er sehe Reaktion wurde bei S; kumlär- 
exanthemen beobachtet. Betrachtet man dieselbe als eine „durch 
eine Ueberempfindlichkeit der syphilitisch erkrankten Zelle gegen¬ 
über dem Quecksilber hervorgerufene Reaktion“, so kann man aus 
der Geschwindigkeit, mit der die Reaktion bei Embarin auftritWuif 
die Wirksamkeit des Mittels schließen. Bei der Behandlung des 
Primäraffekts fiel mir mehrmals die Glätte der Narben, das viel¬ 
fache Fehlen der Induration auf. 

Wenn ich auch nicht in allen Fällen das Blut bezüglich der 
Wassermannsehen Reaktion zu untersuchen Gelegenheit 
hatte, so überzeugte ich mich doch in den untersuchten Fäll: n. daß 
die vor der Kur positive Reaktion nach Beendigung der Behand¬ 
lung meistens negativ wurde. 

Wenn ich ein Resunic aus meinen Beobachtungen ziehen soll, 
so muß ich bemerken: 

Embarin wird im allgemeinen gut vertragen, es treten bei 
demselben nicht mehr Nebenerscheinungen auf als hei den andern 
löslichen Quecksilberinjcktionsmitteln. Es kann als gutes Auti- 
syphiliticum bezeichnet werden, ist besonders in der ambulanten 
Praxis empfehlenswert. Es hat vor den andern löslichen Injektions¬ 
mitteln den großen Vorteil der Schmerzlosigkeit. Infolge der 
raschen Resorption schwinden die manifesten luetischen Erschei¬ 
nungen schnell, und der Effekt ist ein für den Patienten hand¬ 
greiflicher. Auch die Infektionsmöglichkeit wird schneller beseitigt. 
Berücksichtigt man jedoch, daß zur Vollendung einer Kur minde¬ 
stens 15 Injektionen, und zwar jeden zweiten Tag eine, erforderlich 
sind, während man mit den unlöslichen Injektionsmitteln, be¬ 
sonders mit den Quecksilber-Salieylinjektionen, denselben Effekt 
nach sechs Injektionen ä 1 ccm (jeden fünften Tag eine) erzielt, 
so ist letztere fiir den Patienten angenehmer und ndt weniger 
Zeitverlust für die Ambulanten verbunden, wobei infolge Dejmt- 
erzeugung die nachhaltige, längerdauernde Wirkung mit in Rech¬ 
nung zu ziehen ist. 


Aus der Praxis für die Praxis. 


Abortivbehandlung von Wund- und Qesichtsrotlauf 

von 

Dr. Ferd. Münzker, Wien. 

Es ist mir oft gelungen, Wund- und Gesichtsrotlauf in ein 
i? zwei Tagen durch folgendes Verfahren zu rascher Heilung zu 
nmgt.n: Die ervsipelitös erkrankte Partie wird in fcoto, besonders 
•'^faltig aber an den Rändern, und diese 1 bis 2 cm überragend, 
IJ|| t einer 20 % igon Formalinsalbe bedeckt. Man streicht die Salbe 
rrikkendick auf Streifen von hydrophiler Gaze, legt diese 
Jf ’ lIHi bleckt eventuell mit Billrothbattist. Die Salbe bleibt 
: 1 liegen. Während dieser Zeit wird drei- bis viermal je 
g Aspirin zur Herabsetzung des Fiebers gegeben. Das Fieber 
l *? Im nicht mehr an. der Rotlauf schreitet nicht weiter. Die 
l-'-iut ^igt mir leichte Rötung, erythematösen Reizstand. Ich habe 
. !< ^ a)e wiederholt auch 48 Stunden auflegen lassen; dann zeigte 
iJ jj 0 * 11 starkes Erythem, selbst Bläschenbildwig. Die Dermatitis 
ahlT au f kalte Umschläge in kurzer Zeit zurüekgegangem Es 


genügt im übrigen nach meiner Erfahrung einmaliges Auflegen der 
Salbe durch 24 bis 30 Stunden in folgender Zusammensetzung. 

Rp. Formalin n ‘ 

Thigenol .... aa 10,0 

Vaselin.30,0 

Ich glaube, daß es die austrocknende Wirkung des Formalins 
ist, die beim Erysipel zur Geltung kommt. Die gleichzeitige Dar¬ 
reichung von drei- bis viermal 1 g Aspirin in diesen 24 Stunden 
halte ich für die Erzielung des befriedigenden Erfolges für nötig. 

Zur Wundbehandlung 

von Dr. Wilcke, Könitz. 

Bei zerrissenen, eiternden Wunden, die man bei Verwundeten jetzt 
öfters sieht, ist das Eingießen von Jodum l./Paraffimim liq. 300 in die 
Wundhöhlen nützlich. Sind die Wunden gereinigt, ferner bei Frost¬ 
wunden empfiehlt sieh eine Salbe: Jodi nvü. 1. Kali jodati. 1./Vaselin. 100. 
Die gereizte Umgebung von Wunden, auch gereinigte Wnndflächcn pudere 
ich mit Terebinth. venet. 20,'Cale. praccip 100. 


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458 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-V er Sicherung). 

Redigiert von, Dr. Hermann Engel, Berlin W 80. 


Diabetes nach Trauma 

von 

San.-Rat Dr. Rings, M.-Gladbach. 

Das Versicherungsamt R. ersuchte mich auf Veranlassung der 
Hinterbliebenen des am 17. Oktober 1901 verletzten und am 
10. April 1914 infolge Zuckerharnruhr verstorbenen früheren Mon¬ 
teurs A. P. aus R. um ein Gutachten. Es handelte sieh dabei um 
die Frage, ob die Zuckerharnruhr, und damit auch der Tod, in ur¬ 
sächlichem Zusammenhänge stehe mit jenem im Oktober 1901 er¬ 
littenen Unfälle. 

Verfolgen wir den Fall an Hand der mir zur Verfügung ge¬ 
stellten Akten der Berufsgenossenschaft, so fiel P. am 17. Oktober 
1901 beim Demontieren einer alten Transmission etwa 6 in tief 
herab, mit dem Rücken auf eine Schwungradnabe. Nachdem Pa¬ 
tient mehrere Tage am Orte des Unfalls gelegen und in Behand¬ 
lung gestanden, wurde er nach Hause transportiert und kam in 
meine Behandlung. Die anfangs als eine schwere Kontusion im¬ 
ponierende Verletzung ließ sehr bald mit größter Wahrscheinlich¬ 
keit einen Bruch der Wirbelsäule vermuten, weshalb ich die Auf¬ 
nahme in eine chirurgische Klinik oder entsprechende Anstalt be¬ 
antragte. Nach Anlegung des zum Zwecke des Transports not¬ 
wendigen Gipsverbandes wurde P. in die Heilanstalt für Unfall¬ 
verletzte aufgenommen. Dort wurde eine starke Empfindlichkeit 
des sechsten bis achten Brustwirbels festgestellt und nach den 
Erscheinungen und dem ganzen Verlauf ein Bruch eines oder 
mehrerer Brustwirbel (sechsten bis achten) angenommen. 

Da die Einzelheiten, soweit sie die Behandlung usw. be¬ 
treffen, hier nicht interessieren, so erwähne ich aus den verschiede* 
neu in der Sache abgegebenen Gutachten nur das, was für die 
vorliegende Frage von Bedeutung und soweit es zum Verständnis 
erforderlich ist. 

Nachdem P. zirka drei Monate in besagter Anstalt in Be¬ 
handlung gestanden, hatte das Befinden allmählich sieh so ge¬ 
bessert , daß er am 7. März 1902 urlaubsweise aus der Heilanstalt 
entlassen werden konnte. Wegen zunehmender Verschlimmerung 
mußte schon anfangs April seine Aufnahme wieder erfolgen; bei 
dieser Gelegenheit wurde festgestellt, daß neben den durch den 
Bruch direkt verursachten Beschwerden inzwischen allgemein 
nervöse Störungen bei dem Patienten aufgetreten seien. Der Ent¬ 
lassungsbefund am 2. August 1902 besagt, daß „P. zeitweise Kopf¬ 
schmerzen habe, doch kein Erbrechen; Stuhl und Urinentleerung 
ungestört, der Urin enthalte kein Eiweiß, dagegen Zucker. Es 
habe sich ein nervöser Zustand entwickelt. Nach seinem ganzen 
Verhalten sei P. als ein sehr ordentlicher und glaubwürdiger Mann 
anzusehen, die bei P. vorhandene Zuckerausscheidung stehe mit 
dem Unfälle wohl nicht in Zusammenhang, abgesehen von öfterem 
Urinlasscn auch nachts mache die Erkrankung keine Erscheinun¬ 
gen, auch früher auf Montage habe P. schon öfters Urin las en 
müssen“. 

Nach der Entlassung kam P. wieder in meine Behandlung. 
Ich war nicht wenig erstaunt über die Veränderungen, die in dem 
Gemütszustände des Mannes vor sich gegangen. War P. in der 
ersten Zeit trotz der schweren Verletzung noch immer bei Humor 
und guter Dinge, wie in gesunden Tagen, so war er jetzt immer 
traurig gestimmt und sehr niedergeschlagen, schlief schlecht; <-s 
bestand Zittern in allen vier Extremitäten, Angstzustände waren 
vorhanden, kurz, es hatte sich, wie auch das Gutachten der Heil¬ 
anstalt vom 2. August besagte, ein nervöser Zustand, eine hoch¬ 
gradige traumatische Neurasthenie entwickelt. Die Angaben über 
Zuckerausscheidungen konnte ich bestätigen, war jedoch, ent¬ 
gegen der anderweitigen Ansicht, der Ueberzeugung. daß dieselbe 
hi ursächlichem Zusammenhänge stehe mit dem erlittenen Un¬ 
fälle, was ich auch in einem Gutachten an die Berufsgenossen¬ 
schaft schon damals zum Ausdrucke brachte. 

Die Berufsgenossenschaft überwies daraufhin am 21. No¬ 
vember 1902 den Patienten einer Klinik mit der Aufforderung, ein 
wissenschaftlich begründetes Obergutachten abzugeben, speziell 
darüber: ob die Zuckerausseheidung mit dem am 17. Oktober 1901 
erlittenen Unfall in ursächlichem Zusammenhang.* stehe, oder aus 
welchen Gründen dieses zu verneinen sei. 

Unter dem 5. Dezember äußerte sich Geheimrat Sch., ..daß 
es sich bei P. um einen sogenannten leichten Fall von Zucker¬ 
krankheil handele, da durch geeignete Ernährung die Zuckeraus¬ 


scheidung vollständig zum Verschwinden gebracht werden könne. 
Ein derartiger Zustand komme im vorgerückten Alter besonders 
bei solchen Menschen, die, wie der Untersuchte, einen gewissen 
Grad von Fettsucht zeigten, nicht allzu selten vor, ohne daß sieh 
irgendeine auslösende Ursache nach weisen ließe. Es sei daher als 
sehr wohl möglich und sogar wahrscheinlich zu bezeichnen, daß 
sich die Zuckerkrankheit ganz unabhängig von dem Unfall ent¬ 
wickelt habe, während anderseits zugegeben werden müsse, daß 
sich im Anschluß an Verletzungen oder während des Bestehen? 
einer durch einen Unfall ausgelösten Nervenschwäche diese Er¬ 
krankung entw ickeln könne. Da nicht bekannt sei, ob der Harn 
des P. vor der Verletzung zuckerfrei war, und da ferner irgend¬ 
welche auf die Zuckerkrankheit hinweisenden Beschwerden von 
ihm selbst weder vor, noch nach dem Unfälle beobachtet worden 
seien, so sei eine sichere Entscheidung nicht möglich, die Wahr¬ 
scheinlichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen dem 
Unfall und der Zuckerkrankheit sei keine große.“ 

Nachdem ich mich im November 1912 in einem längeren Gut¬ 
achten nochmals für einen solchen Zusammenhang ausgesprochen, 
wurde P. einer chirurgischen Klinik zur Begutachtung überwiesen. 
Profe ssor J. äußerte sich in seinem Gutachten bezüglich der 
Zuckt rkrankheit: „Außer den Unfallfolgen leidet P. an sehr starker 
Zuckerausseheidung im Harn. Dieses Leiden besteht schon seit 
langen Jahren, ein Zusammenhang mit dem Unfall besteht nicht“ 

Gehe ich nun auf die einzelnen Gutachten näher ein, so heißt 
es in dem Gutachten der Heilanstalt vom 2. August 1902, „daß der 
Urin Zucker enthalte, derselbe jedoch nicht in ursächlichem Zu¬ 
sammenhänge stelle mit dem erlittenen Unfall; abgesehen von 
öfterem Urinlassen auch nachts mache die Erkrankung keine Er¬ 
scheinung, auch früher auf Montage habe P. öfters Urin tan 
müssen.“ 

Daß P. auch schon vor dein Unfall speziell auf Montagen 
häufiger Urin hat lassen müssen, kann ernstlich doch nicht als Be¬ 
weis dafür angesehen werden, daß P. auch schon vor dem Unfall 
an Zuckerharnruhr gelitten, da die Harnmengen doch individuell 
stark schwanken und in weiten Grenzen vom Flüssigkcitsgcnuß 
abhängig sind, der die Harnmengen ganz erheblich steigern kau» 
(Urina potus). War P. auch durchaus kein Potator, so trank er 
doch regelmäßig in gesunden Tagen, wie mir bekannt, mehrere 
Glas Bier, was die Erscheinung des öfteren Harnlassens hin¬ 
reichend erklärt. Erst recht, wenn P. auf Montage und auf 
Wirtshaus angewiesen war, wird der Biergenuß naturgemäß ein 
größerer gewesen und damit ganz selbstverständlich das Harn¬ 
lassen häufiger notwendig geworden sein. Also eine ganz natür¬ 
liche und Selbstverständliche Erscheinung! 

Was das Gutachten der Klinik betrifft, so gibt dasselbe die 
Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs der Zuckerkrank¬ 
heit mit dem Unfall zu, die Wahrscheinlichkeit sei jedoch keine 
sehr große, es bilde sich im vorgerückten Alter vielfach Zucker- 
harnruhr bei solchen Menschen aus, die wie P. einen gewissen Grad 
von Fettsucht zeigten. 

Demgegenüber möchte ich erwähnen, daß P. nur seit dem 
Jahre 1884 genau bekannt war, und daß ich erforderlichen^ alle? 
regelmäßig von ihm konsultiert w urde. P. war ein ungewöhnlich 
kräftiger Mensch mit vorzüglich entwickelter Muskulatur, jedoco 
nur sehr mäßigem Fettansatz, ein vermehrter Fettansatz zeigt? 
sich erst, nachdem P. durch den Unfall zum Nichtstuen verurteilt 
wurde, wie ich das ausdrücklich dem Gutachten der k> ,r »’ 
gegenüber hei Vorlieben möchte. Zudem sagt Th i ein: „Derblobe 
Verdacht auf Anlage zur Zuckerharnruhr, der bei Fettleibigkeit 
und Gicht gehegt w erden kann, genügt noch nicht zur Amiant 
< hier schon vorhandenen Zuckerharnruhr. Auch warnt E i ■ 
ausdrücklich davor, diese krankhafte Disposition in Znsai» 1 ^' 11 ' 
hang mit traumatischer Neurose bei Abgabe des Sacbv erständigen 
urtcils in Unfallsachen zum Nachteile des Kranken auszulegeM 11 ' 
zwar schon desw egen, weil ihr Bestehen oder Nichthestelien ni ( i* 
wenigt r als erwiesen ist, sondern höchstens vermutet werden w • 
und ferner so die betreffenden Kranken himfür in keiner ■ 
verantwortlich gemacht werden können.“ (Becker, Lebrbiu 
ärztlichen Sachverständigentätigkeit.) . 

Im übrigen hat P. vor dem Unfälle nie Erscheinungen ^ 
gewiesen, wie sie der Zuekerharnruhr eigen sind. Er W , 
besondere nie an starkem Durst und unersättlichem Hunger-, 
gelitten. <s bestanden weder Abmagerung noch >ciiralgi' 11 


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j$April. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 459 


durch entsprechende Medikamente nicht zu beeinflussende Muskel- 
.-chnierzeii, kein Hautjucken, keine Ekzeme, keine Eurunkel- 
jjildunff, keine Sehsförungen, vor allen Dingen keine Andeutung 
von Impotenz oder selbst nachlassender Cupiditas, nichts von alle- 
, 1 * 111 . Alles dies drängt mit Notwendigkeit zu der Annahme, daß 
die Zuekerharnruhr infolge des am 17. Oktober 1901 erfolgten 
Bruches der Wirbelsäule aufgetreten ist. Ich will gerne zugeben, 
-laß diese meine Auffassung nicht „absolut“ beweiskräftig ist. Es 
isr dies auch in allen Fällen nicht möglich, wo nicht schon vor 
dem Unfall eine genaue Kontrolle des Urins aus irgendwelchen 
erfinden stattgefunden hat. Wenn indessen Zweifel bestehen 
sollten, so meine ich, müssen solche Zweifel unbedingt dem 
Patienten zugute kommen. Ist es schon bei jedem gerichtlichen Ver¬ 
fahren der Fall, daß Zweifel zugunsten des Angeklagten gedeutet 
«erden, so muß erst recht in dubio pro reo oberster Grundsatz für 
je,len Gutachter sein. Ich möchte hier auf Ausführungen von Pro¬ 
fessor v. Xoorden, eines unserer besten Kenner von Zucker- 
harnruhr, in seinem Buche: „Die Zuckerkrankheit und ihre Be¬ 
handlung“ himveisen, wo er über traumatischen Diabetes sagt: 
„Wenn der Arzt in diesen Fällen (Fälle der Wahrscheinlichkeit) 
die traumatische Herkunft des Diabetes bejaht, so wird er sich frei¬ 
lich manchmal irren. Vom theoretischen Standpunkt aus sind 
diese Fälle nicht zu verwerten, vom praktischen Stand¬ 
punkt der Unfallentschädigung erfüllt der 
Arzt durch Anerkenntnis des Zusammenhangs 
d e m Patienten g e g e n ü b e r eine Pflicht d c r 
Humanität und Gerechtigkeit, der er sich eben- 
*s« wenig, wie die zur Entschädigung ver¬ 
pflichtete Amtsstelle, entziehen darf.“ 

Hat v. No orden dabei auch in erster Linie, wie aus dem 
betreffenden Zusammenhänge hervorgeht, an Unfälle gedacht, bei 
'hinii cs sich um eine intrakranielle Verletzung oder Gehirn- 
tisrhüttcrung handelte, so gehören hierhin vor allen Dingen auch 
Verletzungen des Rumpfes. So sagt T h i e m in dem schon 
zitierten Werke § 220 E.: „Zuckerharnnihr nach Verletzungen von 
Kumpf und Gliedmaßen“. Hierbei wird es sich fast immer um eine 
Erschütterung: des ganzen Körpers mit Einwirkung auf das Nerven- 
-•*biet handeln. Dabei ist. es nicht nötig, daß die Erschütterung 
Ivipf und Rückenmark geschädigt hat. Es kann auch nur das 
>yiiipathische Nervengebiet getroffen sein. Als solche Ver¬ 
ätzungen sind zu nennen: „Fall auf das Gesäß, auf die Füße, auf 
den Rücken oder Bauch. Es ist dabei nicht nötig, daß es zu 
Kriocfunbriiclien oder Rückenmarkverletzungen kommt. Die 
Korperersoliiitterimg allein muß als schon ausreichend zur Hervor- 
bringung von Zuckerharnnihr angesehen werden. Sind Ver¬ 
ätzungen der Wirbelsäule nachweisbar, so spricht dies für die 
H (i ftigkeit der Gewalteinwirkung und macht 
dicEntstchung des Diabetes durch den Unfall 
noch wahrscheinliche r.“ Diesen Ausführungen brauche 
kh wohl nichts mehr hinzuzufügen. 

Meines Erachtens ist das Auftreten der Zuckerharnruhr bei P. 
zeitlich znsaminengefallcn mit den nervösen Störungen, wie sie 
zjer.'t in der Heilanstalt und nachher von mir beobachtet wurden, 
oie .-.-'hon oben angeführt, w'aren trotz der Schwere des Unfalls 
111 der ersten Zeit nach demselben bei P. absolut keine Erschei¬ 
nungen von solchen nervösen Störungen vorhanden; er schlief 
gut. war bei gutem Humor, kurz außer lokalen Beschwerden infolge 
"ar im übrigen nichts nachweisbar, bis etwa ein halbes 
•fahr später ganz deutlich die Erscheinungen schwerer Neurasthenie 
Mit raten. Gerade über den ursächlichen Zusammenhang zwischen 


Unfall. Nt ura.-thenio und Zuckerharnruhr liegen manche einwand- 
fr< it* Beobachtungen vor. W i n d s c h e i d beispielsweise sieht 
| es geradezu als charakteristisch für einen traumatischen Diabetes 
an. wenn gleichzeitig mehr oder minder ausgesprochene Zeichen 
von Nervenschwäche vorhanden sind. In solchen Fällen, sagt 
M a r m e t s e h k e (M. Kl. 1912, Nr. 8: Diabetes und Trauma), ge¬ 
schieht es gar nicht selten, daß die Zuckerausscheidutlg nicht un¬ 
mittelbar an den Unfall, sondern erst, mit Zunahme der nervösen 
Beschwerden auftritt. Dieser Zwischenraum kann sehr kurz sein, 
aber auch mehrere Monate, ja nach Thiem bis zwei Jahre 
betragen. Ich führe dies an, weil in dem Gutachten der Heil¬ 
anstalt erst nach zirka zehn Monaten der Zuckerausseheidung des 
P. Erwähnung geschieht. 

Zum Schluß erübrigt es sich, auf das Gutachten des Prof. J. 
zurückzukommen und im Zusammenhänge damit auf ein Schreihon 
der Berufsgenossenschaft, das dieselbe auf die Erstattung meines 
Gutachtens (November 1912) an mich richtete, folgenden Inhalts: 
„Dem Rentenempfänger A. P. haben Sie darüber ein Gutachten 
erstattet, daß die bei demselben vorhandene Zuckerkrankheit auf 
den Unfall vom Jahre 1911 zurückzuführen sei. Wir teilen Ihnen 
darauf mit, daß sieh über diesen Zusammenhang Oberarzt Prof. 
T)r. J. von den hiesigen Städtischen Krankenanstalten an Hand 
unserer Akten dahin gutachtlich geäußert, daß ein Zusammenhang 
zwischen Unfall und Zuckerkrankheit nicht bestehe. Schon kurz 
nach dem Unfall ist bei P. das Vorhandensein von Zucker fest¬ 
gestellt worden und die damals von P. den Aerzten gegenüber 
gemachten Angaben haben bestätigt, daß bereits vor dein Unfalb* 
die Zuckerkrankheit bestanden hat.“ 

Wie unzutreffend und irreführend diese Ausführungen sind, 
geht schon daraus hervor, daß nicht kurz nach dem Unfälle das 
Vorhandensein von Zucker bei P, festgestellt worden ist, sondern 
es geschieht zuerst davon Erwähnung in dem Gutachten der Heil¬ 
anstalt am 2. August 1902, also annähernd zehn Monate nach dein 
Unfall, und was die von P, den Aerzten gegenüber gemachten 
Angaben betrifft, so handelt es sich w r ohl darum, daß P. auf 
Befragen, ob er häufiger Harn lasse, diese Frage bejahte. Daraus 
zu folgern, daß schon vor dem Unfälle die Zuckerkrankheit be¬ 
standen, dürfte doch mehr als gewagt erscheinen, abgesehen davon, 
daß, wie ich dargetan habe, das häufige Urinieren bei P., speziell 
wenn er auf Montage war, die natürlichste Folgeerscheinung der 
vermehrten Fliissigkeitsaufnahme darstellte, die gerade dann stalt- 
fand, wenn P„ wie auf Montage, im Wirtshaus untergebracht war. 

Wie die Dinge liegen, gebe ich mein Gutachten dahin ab: 

1. P. hat an Zuckerharimihr gelitten und ist infolgedessen 
gestorben. 

2. Die Art des Unfalls (Bruch mehrerer Brustwirbel mit nach¬ 
folgender schwerer Neurasthenie) ist in hohem Maße geeignet, 
Zuckerharnruhr hervorzurufen. 

3. Nach dem ganzen Verlauf und der Entwicklung der 
Krankheitserscheinungen fällt der Beginn der Zuckerharnnihr zeit¬ 
lich zusammen mit dem Auftreten der bis dahin nicht gekannten 
nervösen Störungen, wie sie in der Heilanstalt im April 1902 
und nachher von mir bei P. festgestellt wurden. 

4. Mit an Sieberbeit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die 
Zuckerharnruhr bei P. und damit auch der Tod auf den am 
17. Oktober 1901 erlittenen Unfall zurüekzuführen. 

Nachdem noch Geheimrat R. auf Grund der Akten sich «•<*- 
äußert und sich meinen Ausführungen angeschlossen, wurden die 
Ansprüche der Hinterbliebenen auf Hinterbliebenenrente anerkannt 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Woül, Berlin. 


Sammelreferat 


Aus der neuesten Augenliteratur 

von Prof. Dr. Adam, Berlin. 

I • ? n efoem Falle von Gliorn der Netzhaut hat A x e n f e 1 d (1) 
( ;|- ,nn ^ m , a °ht Monate alten Kinde, dessen eines Auge wegen 
fnucleiert war, bei dem andern Auge eine intensive 
* i entherapie versucht. Es befand sieh oberhalb der Papille 
M'inil i T vm ) etwa dreifacher Papillengröße und unterhalb der 
dritte'^ 1 U u ein zwe ^ er von etwa achtfacher PapillengTöße, der 
,r. U | 7 *! er f ‘ aiJ Pttumor, lag auf der nasalen Seite nach vorn nicht 
r ' Es wurde eine Röntgenbestrahlung eingeleitet, 


wonacii sicn 


ximtung „er Deuten kleineren Herde einstellte 
wahrend der dritte eine deutliche Rückbildung zeigte Die Wir 
kung <ler Strahleiitherapie war eine deutlich elektive, sie hatte 
che Tumoren zerstört aber das übrige Gewebe, soweit es über¬ 
haupt klinisch erkennbar war, unverändert gelassen. Die Befunde 
assen einen Versuch einer Strahlentiefentherapie nicht nur gerecht 
fertigt, sondern geboten erscheinen, besonders bei Patienten von 

diruTÄ Mh0a Ver " Cigert Wir<1 ’ ebenS ° f " r s P ä tere' Sta- 

Bei der Behandlung kommt es darauf an. die R«nt«en- 
strahlen ln richtiger Weise zu filtern. Bei der experimentellen 
I ntersueliung am Rainnehenauge zeigten die mit u n gefilterten 


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Original frnrri 

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460 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


Strahlen in einer Dosis von 30 X behandelten Tiere schwere 
Veränderungen am Bulbus, besonders an der Retina. Ganz anders 
verhielten sich die mit der gleichen großen Dosis harter g e - 
f i 11 e r t e r Strahlen mehrfach über Wochen hin behandelten 
Tiere. Die Versuchsanordnung war so gewählt, daß in ein- bis 
zweitägigen Zwischenpausen Einzeldosen von zirka 15 X gegeben 
wurden, bei Fokushautbestand von 18 cm und Anwendung von 
S mm Aluminiumfilter. Es traten wohl leichte Conjunctival- 
reizungen, aber keinerlei Netzhautschädigungen auf. 

Die Bestrahlung des Gliomkindes wurde in vier Serien mit 
Pausen von vier beziehungsweise acht Wochen durchgeführt. Die 
in den ersten drei Wochen gemessene Oberfläehencnergie betrug 
148 X in der ersten, 190 in der zweiten und 95 in der dritten, 
wobei als Durchschnitt etwa 15 Minuten 20 X KO wählt wurde». 
Zweimal in der ersten und dritten Serie wurde mit Mesothorium 
bestrahlt, zuerst mit einem Präparat von 50, dann mit einem 
solchen von 150 mg. Beide Präparate lagen in einer 1 mm dicken 
Messinghülse, das kleine Präparat auf einer 4 mm dicken Alu- 
miniumplatte befestigt, während das größere auf einem L_> mm 
dicken Bleifilter plus einer 4 mm dicken Aluminiumplatte lag. 
durch Gaze und Watte 1 beziehungsweise 2 cm vom Auge ent¬ 
fernt. Die Bestrahlungszeit betrug das erstemal 12, später 
15 Stunden. 

Eine 38 jährige Frau mit Narhentrarhom bekam ein frische*.: 
weißliches centrales Hornhaut gesell wiir (2), das mit den üblichen 
Mitteln sich nicht besserte. Nach Anwendung von täglich zweimal 
Scharlaehrotsalbe war dasselbe innerhalb von zehn Tagen ge¬ 
schwunden. Ein am andern Auge auftretendes Infiltrat verschwand 
nach Scharlaehrotsalbe und Scopolamin innerhalb von drei Tagen. 

Aelmliches beobachtete Verfasser bei einem 55 jährigen 
Manne. Das Geschwür schien anfänglich gefährlich, sodaß schon 
die Galvanokaustik in Aussicht genommen war. die aber noch ver¬ 
schoben wurde, weil Patient sich nicht ins Krankenhaus aufnehmen 
lassen wollte. Auf Grund dieser und ähnlicher Fälle glaubt Ver¬ 
fasser, daß sich der Scharlaehrotsalbe bei traehomatösen Ge 
schwüren mit Hornhautverletzungen und infiltrierten Geschwüren 
unbekannter Herkunft ein neues Feld eröffnen wird. 

Ungefähr 200 Mann tranken versehentlich Methylalkohol (3j 
statt Schnaps aus einem Gefäße von zirka 40 Litern, welches 
sie auf einem Bahnhofe gefunden hatten. Die Wirkung war eine 
sehr deletäre. Zirka 50 Mann erkrankten unter mehr oder weniger 
schweren Vergiftungserscheinungen und zwölf von ihnen starben 
bald nach dem Genüsse des Methylalkohols; derselbe wurde zum 
Teil rein, zum Teil verdünnt getrunken. Ein Patient hatte nur 
etwa 40 ccm getrunken und konnte in den hehlen folgenden Tagen 
noch seinen Dienst versehen; am dritten Tage stellten sieh bei ihm 
unter Schwindel, Erbrechen usw. Sehstörungcn ein, die so schmäle 
Fortschritte machten, daß er innerhalb zwölf Stunden total er¬ 
blindete. Papillen waren deutlich getrübt, ebenso die nächst an¬ 
grenzenden Retinalpartien. Die Macula lutea normal. Die ab¬ 
solute Amaurose bestand im ganzen elf Tage. Nach weiteren 
14 Tagen konnte er Finger in % bezw. m erkennen. Die 
Papillen waren zu dieser Zeit wieder scharf konturiert und im 
ganzen abgeblaßt, die Arterien verengt. 

Aehnlich verlief ein zweiter Fall, bei dem aber das Seh¬ 
vermögen bis auf ein Zehntel respektive ein Viertel stieg mul 
schließlich sich fast, wieder bis zur Normalen besserte. Bei diesem 
Patienten waren die Allgemeinerseheinung n ziemlich gering 
24 andere dagegen zeigten mehr AllgcnieincrselK inungen. wie 
Schwindel, Kopfschmerzen, Schwäebegefühl. aber nur geringfügig* 
Sehstörungen, bedingt durch ein kleines centrales Skotom bei nor¬ 
malem ophthalmoskopischen Befunde. 

Uhthoff verweist auf die im Berliner Asyl für Obdach¬ 
lose 1911 vorgekommenen Fälle und ist der Ansicht, daß die Sch 
nervenatrophie nicht das Primäre sei, sondern daß sie sekundär 
auftrete nach Veränderungen in der Ganglien/.«■Ilcnschieht der Netz 
haut. Die Behandlung bestand in Diaphorese (elektrische Läden 
Strychnin, Jodkali, kräftiger Diät usw. 

Infolge einer starken Verletzung (4). welche die rechte Stirn¬ 
gegend betroffen und eine traumatische Sinusitis sowie eine Zer¬ 
splitterung des Orbitaldachs, auch wahrscheinlich des Ductus riaso- 
ifrontalis erzeugt hatte, entwickelte sieh eine Mueocele der Stirn¬ 
höhle die allmählich auch die vorderen und mittleren Siebbein¬ 


zellen mit umfaßte. Der hohe Druck in der Mueocele führte zu 
keiner Ausbuchtung der knöchernen Wandung, sondern nur zur 
partiellen Einschmelzung der Fissurränder und somit zur Ver¬ 
breiterung des Knochenspalts. In diese drängte sich die Stirn- 
höhlenschleimhaut hernienartig hinein und wurde bei zufälligen 
körperlichen Anstrengungen von den gratartigen Spitzen du- 
geritzt. Infolge davon trat der Mucoceleninhalt zwischen Peri¬ 
orbita und Schleimhaut, welche beide durch die hernionartigt» Ver¬ 
drängung der Schleimhaut bereits ihren Kontakt in umschriebener 
Ausdehnung verloren hatte. Der profuse Erguß veranlaßt!» die 
totale Abhebung der Periorbita vom Septum orbitale einerseits 
bis zum Foramen optieum und zu den Fissurae orbitales ander¬ 
seits; hierdurch mußte fast sofort hochgradiger Exophthalmus mit 
entzündlicher Schwellung der unteren Stirngegend, besonders aller 
des oberen Lids und wohl auch bis zu einem gewissen Grade des 
Aug< nhöhleninhalts auftreten. Die Unmöglichkeit des LidschlussK 
verursachte einen Epitheldefekt, Infiltration und schließlich 
Abscedierung in der Hornhaut. 

Um der Häßlichkeit, die nach der Enucleation (5) vor allem 
durch die bedeutende Einsenkung eintritt, zu begegnen, benutzt 
Schonte das von Schmidt angegebene Verfahren, welches 
darin bestellt, daß aus der spongiösen Substanz des Obersehenkel¬ 
kopfs des Kindes Kugeln gedreht werden, in welchen durch lau¬ 
teres Kihitzen alles Organische ausgeglüht wird, bis man ein sehr 
leichtes* poröses Skelett erhält. Eine solche Kugel im Durchmesser 
von 15 mm vernähte Verfasser nach Enucleation bei einem jungen 
Mädchen in die T e n o n sehe Kapsel, nähte darüber die vier ge- 
vaden Augenmuskeln und schloß die Bindehautwunde. Der ki¬ 
netische Erfolg war so gut, daß das Mädchen bei einem Chef, ife? 
io früher wegen dieser Entstellung abgewiesen hatte, nach der 
Opuation aufgenommen wurde, weil er nicht sah, daß sie nur ein 
Auge hatte. 

A d a in (ß) beschreibt zunächst die bei der Retinitis albumin¬ 
urica gravidarum auftretenden Augenveränderungen, wobei er 
j darauf hinweist, daß diese Form der Retinitis prognostisch nicht 
! ungünstig zu beurteilen sei, wie die bei andern Formen von 
Nephritis auftretenden Netzhautkomplikationen. Wenn man son<t 
im allgemeinen sagen kann, der Nephritiker, der eine Netzhaut- 
'lkranknng bekommt, hat durchschnittlich nicht länger als zwei 
bis drei Jahre zu leben, so ist diese üble Prognose den mit der 
Schwangerschaftsnephritis verbundenen Netzhautstörungen im 
allgemeinen nicht, zuzumessen. Hinsichtlich der Therapie ist er 
Irr Ansicht, daß die Unterbrechung der Schwangerschaft, wenn 
de unmittelbar nach dem Beginne der ersten Netzhauterseheinuii- 
gt» aufgehoben wird, eine Berechtigung hat, da hierdurch der 
Ausleihung der Netzhauterkrankung vorgebeugt wird. Id erd 
(initial die R< tinitis in weiterer Ausdehnung vorhanden, so hat 
j die Untcibiecliung der Schwangerschaft keinen großen Einfluß 
; mehr auf die zu erwartende Sehschärfe. 

Verfasser bespricht sodann die bei Eklampsie auftretenden 
'ddistörungcn. Sie äußern sich ineist in plötzlicher Erblindung, 
hne daß dafür ophthalmoskopisch eine Erklärung zu geben ist- 
; Die Erscheinungen sind wohl ähnlich wie bei der Urämie cerebraler 
i Natur, was dadurch besonders wahrscheinlich ist, daß trotz der 
j Erblindung Pupillenreaktion besteht. In einigen Fällen traten 
1 ab er auch objektiv sichtbare Erscheinungen auf, und zwar in form 
I von st genannten Aderhautblutungen und Thrombosen der Ader- 
j hautgefäße. 

j Hinsichtlich der Prognose sind die Fälle von Eklampsie mit 

i .(dinitisehen Erscheinungen wesentlich anders zu beurteilen ab 
i die reinen Fälle von Eklampsie, da erste re häufiger zum Exitus 
! führen als letztere. Ganz allgemein kann man sagen, je plötzlicher 
! und je intensiver bei Schwangeren Sehstörungen auftreten, desfe 
I günstiger ist die Prognose hinsichtlich der später zu erwartenden 
Sehschärfe. 


- 1. Axeufeld, Küpfcrte und Wiedersheim, GJioma re,l [ ; ia LT 

mtraoculnre Strnldentherapie. (Kl. Mou. f. Aughlk. Jan. ltÜ.D 7 " iw 
Gelter dt 11 l ieil wert der Scharlaehrotsalbe bei gewissen trachomntosen 
imutges •hwiiren. (Zschr. f. Aughlk. Februar lälo.) — 8 . Uhtbotf, ho 
den Sehst irungen durch Methvlalkoholvergiftungen. (Kl. f- ■ r ,. 

■hin. 4. Kuhnt, Mueocele der Stirnhöhle und des Siebbemlamn ; 

mit |)Iüt£ ie u*m hochgradigen Kxophthalznos. (Zschr. f. Aughlk. J» n - • 
ö. Schoute, Die S ■ämidtschen Beinprothesen. (Zschr. f. Aughlkrenr • - 
i>. Adam, Geber Augenverändenmgen bei Schwangerschaft und Geuiin. 
f. Geburtsh. Bd. 7ii. S. 023.) 


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iS. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


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Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 14. 

Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Die 

call^on Ekzeme müssen mit oxydierenden Mitteln behandelt werden, 
weil die sie auszeichnendc Verdickung der Horuschicht eine sauerstoff¬ 
arme. schwer durchdringliche Membran darstellt. Die Psoriasisflecke des 
ganzen übrigen Körpers, einschließlich der Hände, werden mit folgendem 
OolJndiiim eingrpinselt: Chrysarobin 2, Ol. tcrebinthin. 2, Collodiurn 16. 

Roth mann (Berlin): Die Hirnphysiologie im Dienste des Kriegs. 
Von besonderem Interesse sind die Affektionen der Gebiete hinter der 
Zpntralfuitlie (Gyrus centralis post, und Gynts supramarginalis). Sind 
Gvrtis centralis post, und supramarginalis gemeinschaftlich mtsgcsehaltet, 
jto greift der gekreuzte Arm beim horizontalen Greifen nach den Seiten 
vorbei, beim Greifen nach oben zu weit nach oben, beim Greifen nach 
unten zu weit nach unten. Angesehen vom Sehzentrum dos Hinterhanpt- 
lappens scheinen die Sprachzentren von allen Hirnrindenzcntrou am emp¬ 
findlichsten zu sein und am leichtesten in ihrer Punktion gestört zu 
werden. Auch bei den Kriegsverletzungen läßt sich die Erfahrung be¬ 
gütigen, daß die sensorische Aphasie nach linksseitigen Schläfenlappcn- 
vcrlct zungen sich rascher und vollkommener zurückbildct als die mo¬ 
torische. indem offenbar die bilaterale Einübung der sensorischen Sprach- 
komponente besser vorgcbildet und daher leichter einztiiiben ist. 

Gerönne und Lenz (Wiesbaden): Ueber den Versuch einer Be¬ 
handlung der Typhusbacillenträger mit Thymol-Kohle. Die Tierkohlc ist . 
ein rationelles Transportmittel, indem sie das Desinficiens adsorbiert und I 
in inniger Mischung mit dem Speisebrei auch in tiefere Darmabschnilte 
befördert, dabei eine langsame und gleichmäßige Resorption der wirk- j 
s:imcn Substanzen gewährleistend. Diese sehr wesentliche und bedeutungs¬ 
volle pharmakologische Aufgabe wird die Kohle schon in einer kleinen { 
hosiernng bei denjenigen Arzneimitteln erfüllen können, die an und fiir 
sich schwor löslich sind. Schon kleine Kohleniengcn verzögern die Re¬ 
sorption des schwerlöslichen Thymols wesentlich. 

Bernhardt: Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven 
iSclilußi. Was die therapeutischen Einwirkungen und den Nutzen der 
Elektrotherapie bei schweren Lähmungen betrifft, so ist bei den Schuß- j 
Verletzungen der Nerven nicht eher überhaupt etwas von der Elektrizität j 
zu erwarten, als bis etwaige Zerreißungen, Narbeneinschniirungcn, Ein¬ 
keilungen der Nerven in Kuochencallus usw. operativ gebessert sind. Die 
hauptsächlichst en Operationen sind die Lösung des Nerven oder des 
Plexus ans narbigem Bindegewebe oder bei tatsächlich getrennt Vorge¬ 
fundenen Nerven die Naht derselben. 

von Noorden (Frankfurt a. M.): Ueber Verdauungsbeschwerden 
nach dem Genuß von Kriegsbrot und ihre Behandlung. Durch fälle trugen 
•len Charakter der sogenannten Gärungsdyspepsie, mit Kolilehydratnach- 
träruBg im Kote. Sie stellten sich bei gewohnheitsmäßig starken Weiß- 
hroiessim ein. die nach Einführung dos Kriegsbrots dazu übergingen, 
sehr große Mengen desselben zu verzehren. Nach Einschränkung der 
Brotmeig'e und nach Angewöhnung guten Kauens sind diese Durchfälle 
»ieder völlig verschwunden. In einigen Fällen konnte nacligewiesen 
werden, daß die Acidität des Magenchymus um 20—30% höher lag als 
nach dem Genuß von Kriegsweißbrot. Gewöhnung erscheint schwierig; 

Mnt sich nicht, sie abzuwarten, da nach einigen kleinen Gaben von 
Natrium bicarbonicum der Uebergang zum Kriegsweißbrot die Hyperaci- 
ditatshrschwerden wieder völlig verschwinden ließ. Sorgfältige Erhebungen 
lehrten, daß fast ausschließlich solche Leute an Tympanie litten, die | 
früher nur oder fast nur feines Weizenbrot aßen. Es genügt, 2 —4 Blut- j 
kuiilc-Komprctten jeder Brotmahlzeit folgen zu lasseö, um der lästigen I 
bas'Pannung des Bauches vorzubeugen. Verstopfung entwickelt sich auf j 
bmnd des Genusses von Kriegsroggenbrot sehr selten. 

Traube (Charlottenburg): Das Wesen der Narkose. Die Narkotica ! 
Mü Katalysatoren, welche entsprechend ihrer narkotischen Wirkung die i 
'eischiedcnsten physikalischen Vorgänge, wie Flockung und Quellung, be- 
•^vcunigen und anderseits chemische Vorgänge, wie Oxydationen usw., | 
''vi •ingsnnien. Es dürften Reaktionshemroungen als die waliro Ursache 
es narI,:i, tl s chen Zustandes anzusehen sein. Reckzeh (Berlin). j 

De utsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr, 14. i 

«tofls ^ rl Nissk a lt (Königsberg): Eine Modifikation des Typhusimpf- 1 
t ’ a m Impfstoff um so weniger immunisiert, bei je höherer | 
Bacillen abgetötet worden sind, verzichtet der Verfasser 
in h öo? • aU Erhitzen bedient sich allein des Aufschwemmens 
nichts um 4ie Typhusbacillen abzutöten. Dabei wird I 

W'- . Dt *ff en zerstört. Aus diesem Grunde kann man auch die 
nnzersü-rt Veril | 1 ^ er [ l * Jedenfalls ist es besser, eine geringere Menge 
Aöiijfena ft"’ ^ i 6 - 00 ^ rö ^ ere ^ eu S e Hitze teilweise zerstörten 


| Frieda Schneider (Berlin): lieber Leukopenie and Aneosinophilie 

nach Typhusschutzimpfangen. Nach der Einspritzung von abgetöteten 
Typhusbakterien — Typhusimpfstoff — bilden sich nicht nur Typlius- 
agglutinine (Grubor-Widalsche Reaktion), sondern es tritt auch eine 
beträchtliche Leukopenie mit völligem Verschwinden der eosinophilen 
Lcukocyten ein. Diese für Typhus so charakteristischen morphologischen 
Blutveränderungen sind also diagnostisch nicht zu verwerten, wenn 
eine Typhusschutzimpfung vorausgegangen ist. 

R. Kraus und B. Barbarä (Buenos-Aires): lieber Adsorption 
durch Tierkohle. Die Tierkohle wirkt entgiftend gegenüber bakteriellen 
Toxinen, ist daher anwendbar bei Cholera und Dysenterie. Auf Grund 
von Versuchen mit Tetanustoxin dürfte es angezeigt sein, lokal in 
Wunden, die Sitz der Infektion sind, sterilisierte Tierkohle zu bringen- 

W. Neumann (Gießen): Experimentelles zur Wirkung des Benzols. 

I Benzol ist als ein Leukotoxin von sehr starker, aber sehr schwer zu 
I berechnender Wirkung anzusehen, da hierbei sehr große individuelle 
Verschiedenheiten mitsprechen. Dies stimmt mit den bekannt gewordenen 
Erfolgen und Mißerfolgen bei seiner Anwendung zur Bekämpfung der 
Leukämie sehr gut überein. 

G. di C'ristina (Palermo) und G. Caronia (Neapel): Ueber die 
Behandlung der inneren Leishmanlosis. Fünf Kinder, die an schweren 
Formen der Knla-Azar litten, wurden durch intravenöse Injektionen von 
Tartarus stibiatus geheilt (allmähliche Verkleinerung der Milz, Verminde¬ 
rung und schließl.ch Verschwinden der Parasiten im Milzsafte). 

Karl Kisskalt und Alexander Friedmann (Königsberg): Die 
Bekämpfung der Lauseplage. Dämpfe von Schwefelkohlenstoff sind 
ein vorzügliches Mittel zur Entlausung der Kleider. Auch Bügeln 
scheint sich sehr gut zu bewähren. Zehn Minuten langes Erhitzen auf 
70° tötet die Nissen sicher. Fiir Wollsachen darf die Temperatur Wesent¬ 
lich überschritten werden, nicht aber für Pelze. Was die seidene Unter¬ 
wäsche anbetrifft, so kommt ihre günstige Wirkung vielleicht daher, daß 
siel» Seide so dicht weben läßt wie kein anderer Faden, sodaß die Läuse, 
die sich zwischen Unterhemd und Hemd auf halten, den Kopf nicht durch¬ 
stecken können. Seidentrikot wäre also zwecklos. Weder reines noch 
unreines Insektenpulver schädigt die Läuse. Udingens sollte mau 
Palliativmittel überhaupt nie anwenden, wo systematische Entlausung 
möglich ist (z. ß. in Festungen. Gefangenen- und Flüchtlingslagern). 

Th. Axenfeld (Freiburg): Ist die Naphthalinabwehr der Läuse- 
plage für das Sehorgan bedenklich? Der Verfasser hält eine Schädigung 
der Augen durch das zwischen Hemd und Uniform zu tragende Naphth din- 
sückchcn, das heißt durch die daraus sich entwickelnden, nicht allzu 
konzentriert wirkenden Naphthalindämpfe fiir nicht wahrscheinlich. 

Paul Kays er (Berlin) : Erfahrungen des Feldlazaretts 6 des 
VI. Armeekorps. Die Verwundungen, die der Verfasser gesehen hat, sind' 
ausschließlich durch französische Geschosse verursacht worden. Dumdum¬ 
geschoßwirkungen hat er aber nicht gesehen. Wer über Versuchs- und 
jagdliche Erfahrungen fauch mit Vollnv.uitolgeschossen) verfügt, wird in 
der Deutung von Wunden, die explosiv entstanden scheinen, ohne Kennt¬ 
nis des Geschosses und der Nebenumstände der Verletzung äußerst vor¬ 
sichtig sein. Bedauerlich ist die Kritiklosigkeit, mit der harmlose, vorn 
abgeplattete Geschosse als Dumdumgeschosse abgebildet und Massiv- 


»----. *.ais lMimumn- 

geschosse aufgefaßt oder daselbst Wunden lediglich aus den Wimd- 
verhältnissen, oft wochenlang nach der Verletzung, als Folge solcher 
Geschosse gedeutet worden sind. Betont wird ferner, wie die Güte der 
Resultate mit der Entfernung vom Kriegsschauplatz wächst, weil alle 
Nichtinfizierten der Heimat zugeführt, die Infizierten, z. B. schwere 
Phlegmonen, an der Front behandelt werden. Die einzige Stätte, wo 
eine einwandfreie Statistik der Kriegsverletzungen möglich**wäre ist der 
Hauptverbandplatz. Aber gerade dort fehlt im modernen Krie- am 
meisten die Zeit dazu. Shockwirkung hat der Verfasser selten beob 
^Truppenärzte und Sanitätskompagnie mit Recht stets von der 
„Felddosis von 0,02 Morphium sofort Gebrauch gemacht hatten 

E. Glass (Charlottenburg-Westend): Zur Diagnose komnlhier^r 
Schußverletzungen. Beschrieben werden zwei'Fälle, die erst durch die 
Obduktion völlig geklart werden konnten. In dem einen, noch bei der 
R'ppenresekhon als Lungenschuß geltenden und vielfach untersuchten 
Fall hatte erst die Sektion die Mitbeteiligung des subphrenischen Raums 
gezeigt, m dem das Geschoß liegen geblieben war. Tn dem zweiten Falle Toi 
dem ein Gehirndurchschuß angenommen wurde, indem eine kleine kreis 
runde vordere Galeawumle als Einschuß imponierte, handelte cs sich 
nach der Obduktion um einen Tangcntialschuß, bei dem infi ierte 
kleine Knochensplitter tief in das Gehirn cingedrungen waren ! ■ 

sekundäre Meningitis erzeugt hatten. Der Knöchel unter de ' 
wuudo war völlig intakt. aU l 

Paul Jottkowitz (Charlottenburg); Zur Technik der Olpsverbände 


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462 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


im Felde. Tn einem Falle von Schußfraktur des Unterschenkels bestand 
der Verband in einem Gipsschuh für den Fuß imd einer Gipshülse für 
das Bein, verbunden durch eine schmale, aber feste Gipsschiene, die ge¬ 
wissermaßen eingelassen in den Verband war und die beiden Teile des 
circularen Verbandes völlig fest miteinander vereinigte, sodaß eine 
absolut sichere Fixation erreicht wurde. 

Willy Katz (Berlin): Unser orthopädisches Institut Es wurde 
mit den einfachsten Mitteln hergestellt. Von den Apparaten werden 
einige abgebildet und kurz beschrieben. 

W. Francke (Leipzig): Gabelmesser, ein Instrument für Ein¬ 
armige. Es gestattet, Fleisch und Brot mit einer Hand zu zerschneiden 
und dient, mit Leichtigkeit auseinandergenommen, gleichzeitig dazu, mit 
dem einen, gabelförmigen Teil die Speisen zum Munde zu führen. (Von 
L. A. Gündel in Leipzig, Peterstraße 20, in den Handel gebracht.) 

G. Brückner: Herrichten von Bettlagerstellen und Heizungsanlage 
Im Feldlazarett. In dem nächstgelegenen Walde wurde eine Anzahl 
junger, möglichst gerade gewachsener Bäume gefällt und aus diesen eine 
Reihe nebeneinander stehender Gestelle gefertigt nach Art der bekannten 
Holzpritschen. Auf diese Weise kann man die an ein Feldlazarett zu 
stellende Forderung, sich durchschnittlich für 200 Betten einzurichten, 
erfüllen. Der Verfasser beschreibt ferner eine Heizungsanlage für eine 
Scheune, bestehend aus zwei Heizöfen, von denen der eine innerhalb, der 
andere außerhalb der Scheune angelegt wurde. Der letzte wurde durch 
einen im Boden der Scheune gelegten Abzugskanal in den ersten geleitet. 

Haupt (Bautzen): Die Beschaffung von keimfreiem Oberflächen¬ 
wasser Im Felde mittels des Chlordesinfektionsverfahrens. Empfohlen 
wird die Chlorkalksterilisation, die ein zwar keimfreies, aber schlechter¬ 
dings ungenießbares Wasser liefert. Erst dadurch, daß man metallisches 
Eisen in feinverteilter Form für die Abbindung des Chlorüberschusses 
verwendet, erhält man ein völlig chlorfreies Filtrat. Dem so gewonnenen 
keimfreien Wasser haftet aber alsdann noch ein störender Eisengeschmack 
an, der je nach der Menge des angewendeten Chlorkalks mehr oder 
weniger stark ist. Durch zweckentsprechende Apparatur gelingt es indessen 
leicht, das gelöste Eisen bis auf so geringe Spuren aus dem Wasser zu 
entfernen, daß man ein völlig keimfreies, chlorfreies, geruch- und ge¬ 
schmackloses Wasser erhält. Die Firma David Grove in Berlin hat, 
damit das Verfahren im Feld an jedem beliebigen Ort ausgeübt werden 
kann, einen fahrbaren Apparat konstruiert, der stündlich 8000 Liter ein¬ 
wandfreien Wassers liefert. Die Ansaugung des Flußwassers kann durch 
Benzinmotorpumpe oder mit der Hand geschehen. F. Bruck. 


Buchung mehr stört als die Sekretansammlung. Verschiedene Prozeduren 
zur Entfernung der Sekrete aus dem Oesophagus werden vom Verfasser 
genau angegeben und empfohlen. 

Alfred Grotli: Bericht Aber die Ergebnisse der Schutzpocken- 
Impfung Im Königreiche Bayern im Jahre 1913. Betont wird in dem 
sehr ausführlichen Berichte, daß von der Bevölkerung keinerlei Abneigun» 
der Impfung entgegengebracht wurde trotz der Tätigkeit der Impfgegner. 
Nur in Bayreuth und Umgebung war es der heftigen Agitation der Impf, 
gegner gelungen, eine größere Zahl von Impfentziehungen herbeizuführen. 

Me hl iß (Altstadt-Magdeburg): Ueber akute Pankreatitis. (Schluß i 
Die akute Entzündung führt häufig zum Absterben einzelner Teile oder 
der ganzen Drüse, zur Pankreasnekrose. Diese beruht auf der verdauenden 
Wirkung des Pankreasferments. Das Pankreassekret hat neben seinen 
verdauenden auch toxische Eigenschaften und kann eine Vergiftung her- 
vorrufen. Späterhin kann zu der Nekrose eine sekundäre Infektion hin¬ 
zutreten, die zu eitriger Einschmelzung, Absceßbildung und Yerjanchnnü 
der Pankreas zu führen vermag. Es kann so zu einer eitrigen Peritonitis 
kommen. Acht Fälle beschreibt der Verfasser. In sieben davon warm 
die Patienten auffallend fett. Man sieht im allgemeinen Lipomatose als 
ein prädisponierendes Moment an. Die akute Pankreatitis ist sehr häufe« 
mit Oholelithiasis kombiniert. Dieses Uebergreifen entzündlicher Er¬ 
scheinungen erklärt sich leicht aus den nahen Beziehungen zwischen den 
Ausfühningsgängen von Leber und Pankreas in der Papilla Yateri. Charak¬ 
teristisch bei einer akuten Pankreatitis ist der äußerst heftige Schmerz, 
der oft einen typischen Bitz im linken Epigastrium hat. Bezeichnend 
ist die plötzlich oinsetzende Art dieser ungeheuren Schmerzen, die unter 
kollapsartigen Erscheinungen verlaufen, was an eine Vergiftung durch 
Pankreastoxine denken läßt, die sich bisweilen in Spuren von Eiweiß im 
Urin weiter zu erkennen gibt. Findet man unter diesen Umständen im 
Urin Zucker, so weist dies noch deutlicher auf das Pankreas hin. Regel¬ 
mäßig scheint bei der akuten Pankreatitis ein Ileus zu bestellen, der 
wohl mit einer Reizung des Peritoneums zn erklären ist. 

FeldärztUche Beilage Nr. 14. 

C. Jacobj (Tübingen): Erschöpfung und Ermüdung. Vortrag, ge¬ 
halten am 27. Februar 1915 im Medizinisch-naturwissenschaftlichen Verein 
zu Tübingen. 

Haenel: Ueber Wundbehandlung Im Kriege. Jede Kriegswumle 

ist von vornherein als infiziert anzusehen. Eingehend geschildert werden 
die allgemeinen Grundsätze, wie sie sich dem Verfasser bei der Behand¬ 
lung - der Verwundeten bewährt haben. Warm empfohlen wird unter 
andern das Mastisolverfahren. 

Franz v. Gröer (Wien): Ueber die Behandlung der bacillären 
Dysenterie mit Adrenalin. Ebenso wie dieses wirkt natürlich das 
Suprarenin (Höchst). Innerlich gibt man von der l°/ooigen L'sn'ig 
ein- bis zweistündlich zehn bis zwanzig Tropfen in etwas Wasser. E- 
nach schwinden die dysenterischen Schmerzen vollständig: auch der 
Brechreiz, vor allem aber der bei aller sch wersten Fällen vorkommend'. 
so furchtbar quälende Singultus wird dadurch beseitigt. Aber auch in 
Form von Einläufen (bis zwei Liter einer Lösung von 1:1000 000 bis 
500 000 physiologischer Kochsalzlösung) ist das Suprarenin äußerst wirk¬ 
sam bei der Bekämpfung der blutigen Stühle, indem es zugleich dir 
Schmerzen und den Tenesmus beseitigt. Die Einläufe (40° Temperatur 1 
werden in Knieellenbogen- oder (bei Schwerkranken) in Seitenlage mH 
Hilfe einer weichen, mindestens 1 m langen und zirka 8 mm dicken 
Magensonde gemacht, und zwar muß diese dieFlexura sigmoidea passieren- 
Um die hierbei entstehenden Schmerzen zu verhüten und den Pari« 
ruhig zu stellen, gibt man meist einige Minuten vor dem Einlauf zwanzig 
Tropfen Suprarenin intern. 

Walther Poppelreuter (Köln): Ueber psychische Ausfattserschei 
nungen nach Hirnverletzungen. Nach einem Vortrag in den „Kölner 
Kriegsärztlichen Abenden“ am 12. Januar 1915. 

Gustav Doberan er: Zur Drainage des Ellbogengelenks. I* 1 

einem Ellbogengelenkscluiß mit Einschuß durch das Olecranon und //r 
, trümmerung des Radiusköpfchens sowie eitriger, hoch fieberhafter, hü 
Wochen bestehender Gelenkentzündung erweiterte der Verfasser d‘n 
Schußkanal im Olecranon mit dem Trepanbohrer, bis in der MiM j- r 
Ineisura semilunaris ulnae eine genügend breite Eröffnung des Gewn■> 
geschaffen war. In diesen Knochenkanal wurde ein starkes Drains" 
eingelegt. Es erfolgte Heilung mit einer außerordentlich befriedige« ^ 
Beweglichkeit des Gelenks. Die Vorteile dieses Verfahrens sma: 1 ■’.> 
Drainage setzt am tiefsten Punkte des Gelenks ein, besonders bei am 
rechter Körperhaltung. Der ligamentöse Gelenkapparat wird völlkoffl®^ 
geschont, was für die spätere Beweglichkeit von entscheidender Bodeutuu- 
ist. Jede Gefahr einer Nebenverletzung von Nerven und Gefäßen 
vermieden. Schließlich wird das ganze Gelenk ausreichend 
gemacht, wodurch seine Revision und Reinigung von losen V rokturJ 1 ' 1 ’ 

I ermöglicht wird (deren Verbleib im Gelenk unterhält entweder du 


Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 14. 

L. Lewin (Berlin): Ueber Vergiftung durch kohlenoxydhalttge Ex¬ 
plosionsgase aus Geschossen. Die aus explodierenden organischen Ver¬ 
bindungen frei werdenden kohlenoxydhaltigen Gase können Menschen 
vergiften (dabei wird bekanntlich der lebenswichtige rote Blutfarbstoff in 
Kohlenoxydhämoglobin umgewandelt, und zwar ist die Affinität des Hämo¬ 
globins zum Kohlenoxyd 210 mal so groß wie zum Sauerstoff). Nicht nur 
in der Nahe des Krepierens eines Explosionsgeschosses können Menschen 
durch Kohlenoxyd vergiftet werden, sondern die Aufnahme von Kohlen- 
oxydgasen ist auch durch die Bedienungsmannschaft von Geschützen 
möglich. Namentlich durch Krepieren von Explosionskörpern entstellen 
ungeheure, unberechenbare Mengen von Kohlenoxyd. Das Gift wirkt 
somit auch dann, wenn seine Entwicklung im Freien erfolgt. 

Gustav Stümpke (Hannover): Mittels des Abderhaldenschen 
Dialyslerverfahrens gewonnene Ergebnisse auf dem Gebiete der Derma¬ 
tologie. Bei frischer sekundärer Syphilis fand fast durchweg ein starker 
Abbau von Nieren Substanz durch syphilitisches Serum statt. In 
zweiter Linie wurde lieber, dann erst Milz abgebaut. In einem Falle 
von maligner Syphilis zeigte sich ein äußerst .starker Abbau der Milz. 
Per Abbau der erwähnten Organe trat ganz besonders hervor, wenn sy¬ 
philitische Organe (eines syphilitischen Foetus) zum Versuche verwandt 
wurden. Auch Primäraffekte und syphilitische Papeln wurden von syphi¬ 
litischem Serum abgebaut. Bei verschiedenen Dermatosen (Psoriasis, 
.Pemphigus, Lichen ruber planus, Herpes zoster, toxischer Dermatitis, 
Ekzemen) wurde Niere stark abgebaut, was dafür spricht, daß bei diesen 
Leiden den Nieren eine gewisse Bedeutung zukommt. Psoriatikerserum 
baute auch Psoriusisschuppen ab. Ferner Epididymitikersermn: Prostata, 
Hoden und Nebenhoden; bei Prostatitis gonorrhoica fand ein Abbau von 
Prostata und Hoden statt. 

Joh. Henrichsen (Saeby, Höng in Dänemark): Confusio abdominit 
(Hufschlag), Ruptura intestioi, Peritonitis- — Heilung. Zeigt eine Bauch¬ 
verletzung auch nur das geringste Verdächtige, so ist der Kranke mög¬ 
lichst schnell in ein Krankenhaus zu bringen und innerhalb der ersten 
fünf Stunden zu operieren. 

Wilhelm Sternberg (Berlin): Die Sekretentfernung bei der Oeso- 
phagoskopie. gj e j s t notwendig, weil nichts die ösophagoskopisclie Unter 


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18. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


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rung oder führt zu Callusbildung und Knocheneinlagerung in die Kapsel 
und damit zur dauernden Ankylose). 

A. Hitschi (Freiburg i. B.): Elastische Schienenvorrichtung zur 

Streckung des Handgelenks. Der Verfasser empfiehlt eine von ihm genau 
beschriebene Vorrichtung, die man sich ohne viel Mühe aus billigstem 
Material selbst anfertigen kann. Der Patient ist durch die Schiene im 
Gebrauch seiner Hand so gut wie nicht gehindert. Die Vorrichtung hat 
sich seit vielen Jahren außerordentlich bewährt. 

Albert E. Stein (Wiesbaden): Heißluftmassage. Durch eine von 
der Firma Sanitas, Elektrizitätsgesellschaft in Berlin, hergestellte Vor¬ 
richtung wird erreicht, daß der behandelnde Arzt gleichzeitig bimanuell 
massiert und den Heißluftstrom selbst während der Massage auf die 
cerade massierte Stelle einwirken läßt. Das wird dadurch ermöglicht, 
daß die Heißluftvorrichtung an das eine Handgelenk des Arztes an- 
geschnallt ist. Mit Ausnahme des Tapotements, das ja auch sonst an 
den Schluß der Massagesitzung verlegt wird und vor dessen Vornahme 
man die Heißluftvorrichtung ablegt, lassen sich sämtliche übrigen Massage¬ 
bewegungen ohne weiteres durchführen. 

G. Perthes: Beitrag zur Prognose und Behandlung der Bauch¬ 
schüsse im Kriege (Schluß). Besprochen wird die Behandlung. An 
der konservativen Therapie ist als Regel festzuhalten, denn die bisher 
mit der Operation der Bauchschüsse erzielten Resultate lassen zu wünschen 
übrig. Oie Operation eines Bauchschusses im Feld ist nur zulässig für 
einen in der Bauchchirurgie sehr erfahrenen Chirurgen, Unter dieser 
Voraussetzung ist die Operation angezeigt, wenn der Verletzte 1. inner¬ 
halb der ersten zwölf Stunden post trauma zur Operation kommt, wenn 
2 deutliche Symptome der Verletzung eines Bauchorgaus vorliegen und 
wenn 3. der Allgemeinzustand keine irreparablen Verletzungen annehmen 
läßt. Da die Gesamtheit dieser Vorbedingungen aber selten erfüllt ist, 
bleibt trotz der wenig günstigen Prognose die konservative Behandlung 
die Regel. F. Bruck. 

Wiener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 13. 

F. Hamburger: Zur diätetischen Behandlung der Dysenterie. 

Empfehlung breiiger Fleisch- und Gemüsediät bei Unversehrtheit von 

^ Magert und Dünndarm, um nicht zu den Schäden der Dysenterie noch 
die des Hungerns zu setzen. 

F.Deramer: Erfahrungen einer Chirurgengruppe im österreichisch- 

russischen Feldzüge 1914/15. An der oberen Extremität fielen vielfach 
■ die strangulierenden Verbände auf, die am Hilfsplatz oder von Kameraden 
in der Schützenlinie unnötig fest angelegt waren, weil die frische Wund- 
blutung knapp nach der Verletzung bedrohlicher erscheint, als sie es 
^ wirklich ist. Dagegen war die obere Extremität oft wenig immobilisiert 

* und ihre Hochlagerung an den Thorax sollto öfter geübt werden. Für 

* die Briicbe der unteren Extremität werden bisher viel zu wenig die langen 

Lindenholzschienen und die Gram ersehen Drahtschienen benutzt. Der 
Gipsverband hat in den vorderen Linien viele Nachteile. Die Narkose 
war meist — ein Zeichen der Abspannung des Nervensystems — mit 
sehr wenig Chloroform zu erzielen. (Fortsetzung folgt.) Misch. 


Bücherbesprechungen. 

* C. A. Ewald, Diät und Diaetotherapie. Berlin-Wien 1015, Urban 
k Schwarzenberg. 470 S. Preis brosch. M 15,—, geh. M 17,—. 

Seit der dritten, von Ewald und Munk bearbeiteten Auflage des 
im .Jahre 1887 zuerst erschienenen Munk-Uffelmannschen Handbuchs 
.Ernährung des gesunden und kranken Menschen“ sind 20 Jahre ver- 
eichen. Munk, Uffelmann sind längst dahin, aber der immer noch 
jugendlich frische G. A. Ewald hat die große Arbeit nicht gescheut, 
0 , 1 *: m ‘ t e,f ier neuen Auflage des Werkes, das einst eine führende Rolle ge- 
^ hat, hervorzutreten. Die Ernährungslehre sowohl des gesunden 

*ie des kranken Menschen hat in diesen letzten zwei Dezennien viel- 
^lie Wandlung und Entwicklung erfahren, die mit den modernen Fort- 
Dritten der Physiologie und Klinik, speziell auf dem Gebiet der Magen- 
darmerkrankungen, der Nierenerkrankungen, der Stoffwechselkrankheiten, 
“and in Hand gegangen ist. Dementsprechend hat Ewald, der ja selbst 
an diesen Fortschritten unermüdlich aktiven Anteil genommen hat, das 
?rk auf eine ganz neue Basis gestellt. Das für die Praxis Wesentliche 
,il der so erfahrene Praktiker mit sicherem Griffe gefaßt und prägnant 
gestellt, unter Anlehnung an die physio-pathologischen Grundlagen, 
je für die Diätetik maßgebend sein müssen. Der klinische Charakter 
; s ® uc hes kommt dadurch viel mehr zur Geltung. Man vergleiche nur 
. einmal die Bearbeitung der vorhin hervorgehobenen klinischen Gebiete 
l lese ^ Neuauflage mit derjenigen der ersten Auflage! Nur das Kapitel 
, er * 1 Pr ®H 6 rkrankungen würde meines Erachtens noch gewinnen, wenn 
* biogenetische Auffassung der heutigen Klinik darin mehr hervor* 
rate ^ verschieden sind z. B. heute die Grundsätze für die diätetische 


Behandlung der zur sekundären Schrumpfniere führenden Glomerulo¬ 
nephritis. der Nephrose, und der arteriosklerotischen Nierenerkrankung. 
Sie gestatten nur bis zu einem gewissen Grade eine generelle einheit¬ 
liche Diätetik. Der Satz (S. 376), daß sich zur Ernährung der Kranken 
mit chronischen Nierenaffektionen eine Milchkur am besten eigne, ist heut 
so allgemein nicht mehr aufrechtzuerhalten. 

Einen großen praktischen Gewinn für das vorliegende Werk bringt 
die Ergänzung durch die pädiatrische Ernährungslehre. Sie hat ge¬ 
bührenden Raum gefunden in der vortrefflichen Darstellung durch 
M. Klotz, der als ehemaliger Czerny scher Assistent auf dem Boden der 
Czerny-Finkelsteinschen Lehren aufbaut. 

Ich bin überzeugt, daß diese ausgezeichnete neue Auflage den all¬ 
gemeinsten Beifall der ärztlichen Welt finden wird. 

F. Umber (Berlin-Charlottenburg). 

F. Krause, Die allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankbeiten. 
2. Teil. Mit 106 teils farbigen Textabbildungen. 402 Seiten. M 21,—. 
12. Band der „Neuen Deutschen Chirurgie“, von P. v. Bruns. Enke, 
Stuttgart 1914. 

Ein kurzer Abschnitt Hauptmanns (Freiburg) über „Hirnödem“, 
mit dem Leitsätze: Gehirnödem als isoliertes Krankheitsbild gibt es nicht 
und darum auch keine eigentliche Therapie des Oedems, leitet das Werk 
ein. Auf 80 Seiten folgt eine knappe, übersichtlich klare „Klinik der 
Hirngeschwülste“ von Bruns (Hannover), zu der Nonne (Hamburg) mit 
den Ausführungen über den „Pseudoturnor cerebri“ das ebenso wirksame 
wie notwendige Gegenstück liefert. 

In weiteren Abschnitten behandeln Haasler (Halle a. S.): Dia¬ 
gnostische und therapeutische Hirnpunktion, Anton (Halle a. S.): Den 
Balkcnstich, Holz mann (Hamburg) besonders eingehend die diagnostische 
und therapeutische Lumbalpunktion und die lmmunitätsreaktioncn. Hcr- 
ausgreifen möchte ich da die raitgeteilte Gerichtsentscheidung, wonach 
ein Unfallverletzter eine Lumbalpunktion zu LTntorsuchungszwecken nicht 
verweigern darf. 

ln der „Röntgendiagnostik der Gehirnkrankheiten“, der zehn schöne 
Tafeln beigegeben sind, zeigt Schüller (Wien) die großen Fortschritte, 
die uns die Radiographie auch für das Schädelinnere gebracht hat. Kri¬ 
tisch, doch unparteiisch bespricht im neunten Abschuitte Müller (Tü¬ 
bingen) die „Craniocorebrale Topographie“. 

Das Werk wird vom Herausgeber selbst beschlossen. Daß die 
Ausführungen über Trepanation, Osteoplastik, Duraplastik einen berufe¬ 
neren Bearbeiter als Fedor Krause nicht hätten finden können, bedarf 
keines besondern Beweises. Dieser letzte Abschnitt ist auch besonders 
reich illustriert. 

So ist durch glückliches Zusammenarbeiten von Anatomen und 
Physiologen, von Chirurgen, Internen und Neurologen in dieser „All¬ 
gemeinen Chirurgie der Gehirnkrankheiten“ ein Werk geschaffen, diis 
einen in keiner Frage im Stiche läßt. Ich wiederhole, was ich bei der 
Besprechung des ersten Bandes hier sagte: ein Werk, das ich nicht mehr 
missen möchte. Albert Wettstein (St. Gallen). 

Milner, Aerztlicher Ratgeber für die Soldaten im Felde. Leipzig 1915, 
Walter Möschke. 40 Seiten. M. 0,30. 

Das Heft verfolgt den Zweck, die Sanitätsoffiziere zu Vorträgen 
ärztlichen Inhalts an die Mannschaften anzuregen Die Regeln der 
Gesundheitspflege und Infektionsverhütung sind in kurzer, gemeinver¬ 
ständlicher Form, soweit sie für die Verhältnisse im Kriege in Fra fr c 
kommen, dnrgestellt. K. Bg. 

Fritz Zollinger, Verletzungen und Samariterhilfe. Mit einem Kapitel über 
nervöse Beschwerden nach Verletzungen von W. Pfenninger. Mit 
90 Figuren. Zürich 1915, Schulthess & Co. 230 Seiten. 

Die erste Samariterhilfe bei Verletzungen wird in zweckmäßiger 
Weise in dem mit zahlreichen schematischen Zeichnungen verschonen 
kleinen Buche behandelt. Es enthält alles das, was in einem gutgelcitoten 
Samariterkurs gelehrt werden soll und empfiehlt sich daher als Grund¬ 
lage bei der Abhaltung solcher Kurse und zur Ergänzung des Unterrichts 
für die Teilnehmer an den praktischen Uebungen. K.Bg. 

Port und Euler, Lehrbuch der Zahnheilkunde. Mit 606 teils 
farbigen Abbildungen. Wiesbaden 1915, J, F. Bergmann. 704 S. M 20,—. 

Das auf reiche Literatnrkenntnis und große praktische Erfahrung 
begründete neue Lehrbuch der Zahnheilkunde ist eine willkommene Be¬ 
reicherung der zahnärztlichen Literatur. Das Buch zerfällt in drei Teile: 
Anatomie, Physiologie und Pathologie. Die rein technischen Gebiete der 
Zahnheilkunde, die Zabntechnik, das Füllen der Zähne und die Ex- 
traktionsteebnik sind dagegen nicht berücksichtigt. Das mit guten Ab¬ 
bildungen ausgestattete Werk ist nicht nur den Studierenden angelegent¬ 
lichst zu empfehlen, es bietet auch, besonders durch die überall oin- 
gestreuteu praktischen Bemerkungen, dem Praktiker eine Fülle von 
Anregungen und manches Neue. HoffendahL 




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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April, 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“, Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien. 


Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 


J. Bauer stellt zwei Pat. mit Meningitis serosa spinalis I 
nach Schuß Verletzung der Wirbelsäule vor. Im ersten Fall n 
liegt der Einschuß in der linken Axilla, der Ausschuß in der d 
rechten hinteren Axillarlinie in der Höhe des Angulus scapulae. a 
Im zweiten Fall ist der Einschuß in der rechten Lendenregion, r 
Ausschuß nicht auffindbar, doch hatte das Projektil mit Rücksicht 
auf einen hochgradigen linksseitigen Hämatothorax sicherlich die J 
Mittellinie passiert. In beiden Fällen traten unmittelbar nach dem 1 

Trauma heftigste Schmerzen in den Beinen besonders bei Bewe- ^ 

gungen auf, die mehrere Wochen andauerten. Zeitweise Parästhesien , 
in den Beinen, Hyperalgesie und Hyperästhesie, auch zirkulär \ 
oberhalb der Analfurche. Die Motilität ist nur durch die Ueber- 
empfindlichkeit gestört. In beiden Fällen fehlen die Patellarreflexe. 

Bei der Lumbalpunktion entleerte sich absolut normaler, unter 
sehr hohem Drucke stehender Liquor. Die Wirbelsäule — radio¬ 
logisch normal — war in einem Fall im Bereiche des IX. und 
X. Brustwirbels druckempfindlich. Mit Rücksicht auf die nach 
Wochen’ aufgetretenen Symptome einer leichten Kompressions- 
Wirkung auf die untersten Rückenmarksabschnitte besteht die 
Möglichkeit einer im Bereiche des ersten Lumbalsegmentes be¬ 
findlichen zirkumskripten Liquorzyste (Arachnitis fibrosa circum¬ 
scripta). 

J. v. Wagner-Jauregg hebt hervor, daß derartige Folgeerschei¬ 
nungen nach Friedensverletzungen fast nie gesehen werden. Obzwar 
Sturz und Trauma der Wirbelsäule alltägliche Vorkommnisse sind, sind 
die geschilderten Phänomene sehr selten und er möchte mit aller Vor¬ 
sicht an die Möglichkeit denken, daß individuelle Disposition (als Folge 
von Erregung, Ueberanstrengung etc.) die geschilderten Symptome her- 
vorrufen können. In einem von ihm beobachteten Fall waren die Er¬ 
scheinungen progredient. Die Kompression kann alle möglichen Entwick¬ 
lungsstadien aufweisen und es kann demnach auch zur Leptomeningitis 
mit konsekutiven Verwachsungen und Bildung zirkumskripter Flüssig- 
keitsansammlungen kommen, wie man das bei Tumoren nicht selten be¬ 
obachtet. 

J. Karplus hat folgenden Fall beobachtet. Bei einem Offizier, in 
dessen Nähe eine Granate explodierte, ohne ihn zu verletzen, trat Be¬ 
wußtlosigkeit auf. Nach dem Schwinden derselben bestand eine Parese 
beider Beine und eine bis zum Nabel hinaufreichende Sensibilitätsstörung. 
Später entwickelten sich Spasmen an beiden Beinen. K. nimmt eine 
zirkumskripte Entzündung der Rückenmarkshäute an. 

0. Marburg erwähnt, daß er sieben einschlägige Fälle operieren 
ließ, von denen zwei ad exitum kamen. Das anatomische Substrat bildete 
fast immer eine Commotio medullae spinalis mit Zerreißung feinster ' 
Lymphgefäße innerhalb und außerhalb des Rückenmarks, der Pia und 
Arachnoidea. 

H. Oberstein er zweifelt, daß eine Hypersekretion der Pia des 
untersten Rückenmarksabschuifctes vorhanden sei; der Liquor werde vom 
Plexus chorioideus und der Pia cerebralis gebildet. 

H. Schlesinger hat nach Schrapnellveiletzungen in der Nähe der 
Wirbelsäule verschiedenartige Symptomenkomplexe mit Fehlen der 
Patellarreflexe beobachten können, wobei dieses Phänomen oft nur vor¬ 
übergehend war. 

0. Pötzl demonstriert einen Fall von Aphasie, der ein der 
reinen Worttaubheit sehr ähnliches Bild bietet. Der derzeit 
61jährige Pat. (Lokomotivführer) erlitt vor 6 Jahren einen Unfall 
mit nachfolgender 24stündiger Bewußtlosigkeit. Bei dem Trauma 
erfolgte auch eine schwere Verletzung hinter dem linken Ohr. 
Seither besteht nervöse Schwerhörigkeit links und Parese des 
linken Abduzens. Ein Jahr vor dem Trauma traten Schwindel¬ 
anfälle ein. Seit Mai a. c. besteht eine Hemiparese sowie auch 
Gehörhalluzinationen. Der Pat. schreibt jetzt gut, allerdings mit 
geringer Neigung zu Wortverwechslungen, liest und spricht auch 
gut. Es handelt sich hier um reine Worttaubheit, die in Rück¬ 
bildung begriffen ist. 

Reinicek berichtet über die von ihm beobachteten Fälle 
von Verletzungen peripherer Nerven, welche durch Knochen- 
und Gefäßverletzungen kompliziert erscheinen. Besonders häufig 
sind die Verletzungen des rechten Armes. Viele Pat. teilen mit, 
daß sie im Momente des Traumas keine Schmerzen verspürten. 
Die chirurgischen Eingriffe haben häufig gezeigt, daß bei schweren 
Funktionsstörungen keine Nervenverletzung, sondern nur eine 
Einbettung des Nerven im Narbengewebe vorliege. Die elektrische 
Untersuchung zeigt komplette oder partielle Entartungsreaktion. 
Chirurgische Eingriffe müssen nicht bald vorgenommen werden, 
weil ja Nervennaht auch Jahre nach erfolgter Verletzung möglich 


ist. Erwähnenswert ist, daß bei Ischiadikusverletzungen die Stö¬ 
rungen im Peronensgebiete oft außerordentlich ausgeprägt sind, 

0. Marburg erwähnt, daß die sensiblen Störungen stärker als die 

motorischen hervortreten, daß trotz motorischer und sensibler Störungen 
die elektrische Reaktion eine normale sei und bei Ischiadikusverletzunzen, 
auch wenn keine hohe Teilung dieses Nerven vorhanden ist, isolierte 
reine Symptome von Seite des Peroneus Vorkommen. 

J. Bauer beobachtete bei einer Tibialisverletzung Schmerzen an 
der Planta, welche durch die Einbettung des Nerven in eine Schwarte 
bedingt waren. 

Rezniöe k verweist zur Erklärung der isolierten Peroneusstörungen 
bei Verletzungen des Ischiadikus aul die Kabelstruktur der Nerven, 
welche dadurch bedingt sei, daß funktionell zusammengehörige Nerven¬ 
fasern in spezielle Bündel zusammengefaßt seien. fj. 


Kriegschirurgische Abende in Budapest. 

Sitzungen vom Februar 1915. 

A. Havas: Ueher Hautleiden im Felde und Kriege. Die 

pathogenen Parasiten können tierischen oder pflanzlichen Ursprunges 
sein. Ausführliche Biologie dieser Krankheitserreger. Die Krätze 
ist ein in diesem Kriege sehr verbreitetes Leiden, an das sich in¬ 
folge Unreinlichkeit sehr schwere Pyodermien anschließen können. 
Zur Behandlung empfiehlt er die offizmelle Unguentum sulluratum- 
oder Styraxsalbe. Furunkel bedeckt er mit Salizylpflaster und 
streicht die Umgebung mit einer austrocknenden, Leben und 
Vermehrung des Staphylokokkus vermindernden Zinkpaste ein: bei 
sehr großen Entzündungen Umschläge mit Burowlösung; kein 
Ausdrücken, womöglich keine Inzision. Gegen Sycosis vulgaris, 
die meist durch Koryza eingeleitet wird, verwendet er Hydr. oleini- 
cum-Pasfce. 

E. Kammer: Gegen die Läuseplage schützten sie sich im Felde 
dadurch, daß sie sich aus den Schneemänteln beim Handgelenk uni 
Hals straff verschlossene ärztliche Uutersuchungsmäntel machten. 

M. Porosz: 7 a\v Behandlung erfrorener Füße bewährte sich die 
hyperämische Behandlung. In Beuteln eingenähtes Kochsalz wird an 
Eisenofen des Zimmers erwärmt, auf die Füße aufgelegt. Dachziegelsteiue 
ebenso erwärmt auf die Fußsohlen. Gegen die bei Erfrierungen auftreten- 
I den Nervenschmerzen Heißluftbehandlung der Unterschenkel mit ausge¬ 
zeichnetem Erfolge. 

W. Goldzieher: Orbitale SchußverletEungeJi. Er be 
schränkt sich auf Fälle mit Intaktbleiben des Bulbus und unter¬ 
scheidet drei Typen: 1. Mit zur Schläfe senkrechtem Auffallendes 
Projektils, von dessen Kraft es abhängt, ob es in der getroffenen 
Orbita stecken bleibt oder auch die andere Orbita penetriert, wobei 
nur selten der eine oder beide Sehnerven verschont bleiben. 2. Nur 
an den Orbitalknochen Schaden stiftende, den Bulbus und die 
orbitalen Weich teile verschonende Projektile (meist Schrapnell¬ 
schüsse). 3. Unter- oder oberhalb des Orbitalrandes eindringende 
die Orbita schief durchkreuzende Projektile, die den Bulbus ver¬ 
schonen, oft jedoch den Sehnerv vernichten. Auch Schädelbasis¬ 
frakturen können den Optikus schädigen. Bei den geschilderten 
drei Formen ist aber der Augapfel nur äußerlich intakt, denn die 
ophthalmoskopische Untersuchung zeigt stets das vom Vortr. schon 
vor Jahren beschriebene Krankheitsbild der Chorioretinitis sclope- 
taria. Bei reinen Medien nämlich finden sich die Produkte einff 
vorgeschrittenen Chorioretinitis plastica in Form sehr au»r 
breiteter Pigmentherde resp. mitunter riesiger, ganz weißer, setoeQ- 
artiger Bindegewebswucherungen, die große Partien des 
Untergrundes bedecken, in den Glaskörper mit ihrer 
Dicke hineinragen können und früher irrig als typische GefwM* 
berstungen angesprochen wurden. Keinesfalls sind abei r diese 
retinalen Blutungen bei veränderten Blutgefäßen (durch bvp 
Arteriosklerosis) ähnlich. Er hält dafür, daß durch die keß 
letzung wie bei experimenteller Durchschneidung der retrobu,, 
Arterien (hinteren Ziliargefäße) eine Läsion der am ^ 
Augenpole eintretenden Arterien und Ziliarnerven stattna. 
durch Ernährungsstörung des Augenhintergrundes und ueur ■ * 
sehe Einflüsse zur geschilderten Chorioidealveränderung^^, 
Demonstration von drei einschlägigen Fällen. 

Operatives Verfahren gegen blennorrhoiscne 
geschwttre. Er hat über dasselbe schon am ^ 
Ophthalmologenkongreß berichtet. Scheinbar sch0 \ . gc t, w ör? 
oder im Zerfallen begriffene blennorrhoische Hornhamg • 
sind durch seine Methode der konjunktivalen Plastik 


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18. April- 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16 


retten. Ein geeigneter, von der Conj. bulbi abgelöster Lappen wird in 
tiefer Chloroformnarkose auf den Hornhautsubstanzverlust gezogen 
und nachher mit der benachbarten und genügend vorbereiteten 
’ä Bindehaut durch Nähte fixiert. Der korneale Substanzverlust kommt 
hiedurch in bessere Ernährungsverhältnisse, weil die gefäßlose 
Hornhaut in das Blut Versorgungsnetz der Konjunktiva eingeschaltet 
wird. Demonstration eines derart mit Erfolg operierten Soldaten. 

J. Donath: Fälle von Neuritis sclopetaria Nervi ulnaris, 
mediani et N. radinlis. Nachfolgende Hysterie resp. Psycho- 
neurosis. Auffallend ist die große Hyperästhesie und Hyperalgesie 
der lädierten Nerven in diesem Kriege, dies auch bei Nichtneur- 
asthenikern, die nicht immer mit neuritischen Prozessen erklärlich, 
nicht auf Simulation und Aggravation rückführbar ist. Ist der Nerv 
als unregelmäßig verdicktes, druckempfindliches Bündel in seinem 
Verlauf fühlbar, so liegt offenkundig eine Neuritis vor. Demon¬ 
stration samt ausführlicher Beschreibung von Fällen. In einem 
Fall gesellte sich hysterische Hemianästhesie und Hemiparese 
an der verletzten Seite hinzu, weshalb man eine wahrscheinlich 
nur oberflächliche Wirbelsäulenverletzung (Röntgen war negativ) 
annimmt. In einem anderen Fall traten psychoneurotische Sym- 
,, ptome, Furcht vor jeder Berührung seitens eines Fremden, ins- 
besondere mit trockener Hand, auf, während Berührung mit einem 
nassen Lappen toleriert wird. S. 

mp J 

ikiai 

ilktv 

Berliner kriegsürztliclie Abende. 

it Siiir' Sitzung vom 23. Februar 1915. 

.Jürgens: Feber Flecktyphus. Vortr. hat seine Erfah- 
rungen als ärztlicher Leiter des Gefangenenlagers in Kottbus ge¬ 
macht und gibt eine gute Darstellung über Diagnose und Verlauf 
dieser bisher in Deutschland fast unbekannten Infektionskrankheit. 
m ' Mit einer Störung des Allgemeinbefindens tritt das Fieber plötz¬ 

lich auf, unter Kopfschmerz, Frösteln, Gliederschmerzen, Licht- 
Empfindlichkeit, Rachenkatarrh, blutigen Flecken am weichen und 
^harten Gaumen, belegter Stimme, Husten, üblem Geschmack. 
Nach 3—4 Tagen zeigt sich eine Milz Vergrößerung, Eiweiß ist 
nachweisbar. Die Diazoreaktion positiv. Am vierten Tag beginnt 
; das Exanthem, das der Roseola typhosa ähnlich ist, sich aber 
•: bald über den ganzen Körper verbreitet und nach einigen Tagen 
einen hämorrhagischen Charakter annimmt. Ende der zweiten oder 
Anfang der dritten Woche tritt die Entfieberung ein, in günstigen 
Villen unter Schlaf, in den tödlichen Fällen unter schweren 
Zerebralerscheinungen. Häufig ist eine Nephritis, eine Pleuritis und 
u ff .in 2—3% der Fälle Gangrän der Füße eine Folgeerscheinung. Das 
, . Charakteristische der Krankheit besteht in dem Ausschlag, der 

. wesentlich von allen anderen Exanthemen durch Art, Aussehen 
• tmd Verbreitung verschieden ist, so von der Roseola typhosa durch 
fc ^ Fehlen der Nachschübe, ferner in der Fieberkurve, die ein 
schnelles Ansteigen, ein Verbleiben auf der Höhe ohne Remissionen 
• r und einen schnellen Abstieg auf weist, sich somit ganz erheblich 
5 von dem Verlaufe des Ileotyphus unterscheidet, und drittens in 
f Störung des Zentralnervensystems. Die Uebertragung scheint 
■ au r durch die Läuse als Zwischenträger des Infektionskeims zu 
geschehen. Die Prognose ist bei jüngeren Leuten günstiger als bei 
v l eD älteren, die Russen haben eine geringere Sterblichkeit als die 
et- l> Deutschen. Bisher ist es gelungen, die Verbreitung der Krankheit 
leL d engen Grenzen zu halten, und dies wird noch besser gelingen, 

:l 'V- Mc ^ em die Erfahrungen über Ursache und Verlauf gründlichere 
11 ‘ r {»worden sind. 

Hejmann: Bekämpfung der Läuse. In Ergänzung zu 
10 V em vorigen Vortrag gibt H. eine ausführliche Schilderung 
f.. Jf r Entwicklung, Vermehrung und Lebensdauer der Kleiderläuse, 
fr; c • a ^ € * n Ueberträger des Flecktyphus sind. Die Tiere haben 
v 3110 Vermehrungsfähigkeit und sind nach 15—18 Tagen 
: r l^chlechtsreif. Sie halten sich nur, wenn sie Blut saugen können, 

. besitzen eine große Unempfindlichkeit gegen die Kälte, während 
1 - Jf* »ei mäßiger Wärme schon absterben. Hierauf beruht vornehm- 
Methode der Vertilgung dieser gefährlichen Plage. In 
/> uer Temperatur von 60° kann man sie in 20 — 30 Minuten völlig 
toten. Vortr. hat mit großem Scharfsinn und mit Selbstverleug- 
, r .i ung viele Methoden geprüft, chemische und physikalische, aber 
■ J IDe ^ en ' we il unzweckmäßig, verworfen. So hält er die ätheri- 
,i ,rr ; :üen 0el e* auch das Insektenpulver, Naphthalin, den Vakuuw- 
pparat für unbrauchbar. Schweflige Säure, Sublimat sind besser, 
ij# ® besten strömender Dampf und trockene Hitze. Vortr. zeigt, 
lC! i> 0 man sich durch Improvisieren helfen könne, indem man einen 


Backofen verwendet, in den man Schamottesteine legt, oder heiße 
Flaschen oder Konservenbüchsen in die zu reinigenden Kleider 
bringt. Wichtig ist vor allem der persönliche Schutz. Man muß 
glatte Stoffe tragen, also Seide, und die Zugänge zum Körper 
durch Leukoplast gut abschließen. L. F. 


Kleine Mitteilungen. 


(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen bzw. vorzüglichen Verhaltens vor dem Feinde ist 
das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens mit dem Sterne am 
Bande des Militärverdienstkreuzes dem Gen.-St.-A. Dr. Z. v. Juch¬ 
no wicz, San.-Chef des 4. Armee-Etapp.-Kmdo., das Offizierskreuz 
des Franz Josef-Ordens mit dem Bande, des Militärverdienst¬ 
kreuzes dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Tyr man, San.-Chef des 
12. Korps, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des 
Militärverdienstkreuzes den St.-Ae. DDr. T. Beyer des Etapp.- 
Oberkmdo., H. Frachtmann des L.-I.-R. Nr. 17, H. Nettei, 
Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/9, den R.-Ae. DDr. H. Bichler, 
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 22, F. Mikule des L.-I.-R. 
Nr. 17, L. Nezval des L.-I.-R. Nr. 24, H. Lurtz, Kommand. des 
mob. Res.-Sp. Nr. 3/4, 0. Földl, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/4, 
E. Boboczky, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 2/4, den R.-Ae. d. Res. 
DDr. E. Schönberger des I.-R. Nr. 82, H. Raubitschek des 
Garn.-Sp. Nr. 1, R. v. Rauchenbichler des Ldsch.-R. Nr. 3, dem 
R.-A. d. Ev. 0. Nebesky des Feld-Sp. Nr. 1/9 und O.-A. d. Ev. 
Prof. J. Kaup beim Etapp.-Oberkmdo., das Goldene Verdienstkreuz 
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille den R.-Ae. 
DDr. A. Kugler des H.-R. Nr. 2, A. Somosi des H.-R. Nr. 10, 
A. Jaros des L.-I.-R. Nr. 29, P. Dömeny des L.-I.-R. Nr. 2, M. 
Lauer des 4. Korpskmdo., E. Hausz, Kommand. des Feld- 
marodenhauses Nr. 1/4, H. Stössler des L.-I.-R. Nr. 30, den 
R.-Ae. d. Res. DDr. K. Gütig des L.-l.-R. Nr. 31, T. Karas des 
L.-I.-R. Nr. 32, K. Sbarcea, San.-Chef der 56. I.-Div., den R.-Ae. 
d. Ev. DDr. R. Belan und W. Reiffenstuhl des Lst.-J.-R. Nr. 4, 
den O.-Ae. d. Res. A. Nisponszki des I.-R. Nr. 34, R. Petric des 

H.-R. Nr. 2, A. Hegediis des l.-R. Nr. 78, K. Holzer des Feld-Sp. 
Nr. 8/9, dem O.-A. d. E. Dr. J. Kneschaurek des mob. Res.-Sp. 
Nr. 1/3, den A.-Ae. d. Res. DDr. E. Renk des l.-R. Nr. 6, 0. Dirn¬ 
berger des L.-I.-R. Nr. 3, dem A.-A. d. Ev. Dr. F. Eysu des 
Lst.-I.-R. Nr. 3 und Lst.-A.-A. Dr. J. Reibmayer des mob. Epi¬ 
demielaboratoriums Nr. 8. das Goldene Verdienstkreuz am Bande der 
Tapferkeitsmedaille den A.-A.-St. DDr. B. Friedmann des I.-R. 
Nr. 61, N. Kocowski des Garn.-Sp. Nr. 14, J. Gergely beim 

2. Armee-Etapp.-Kmdo. und dem Lst.-A.-A. Dr. G. Bayer des mob. 
Epidemielaboratoriums Nr. 8 verliehen, die a. h. belobende Anerken¬ 
nung dem St.-A. Dr. R. Helbig, Kommand. des Rekonvaleszenten¬ 
hauses in Libiaz, den R.-Ae. DDr. A. Maniu des F.-K.-R. Nr. 31, J. 
Metzl, Kommand.derI.-Brgd.-San.-A.Nr.25, Qu.Matyas derl.-Div.- 
San.-A. Nr. 46, 0. Heinz des Feld-Sp. Nr.2/2, O. Kr aus des Lst.-l.-R. 
Nr. 3, K. War ko weil des Feld-Sp. Nr. 1/4, den R.-Ae. d. Res. DDr. 1 J . 
Zacher des I.-R. Nr. 67, R. Jenny des L.-I.-R. Nr. 2, L. Paw- 
licki des L.-I.-R. Nr. 21, A. Lantschner des L.-I.-R. Nr. 4, den 
R.-Ae. d. Ev. DDr. A. Preis der K.-Div.-San.-A. Nr. 6, R. v. Sa- 
gasser des Lst.-l.-R. Nr. 4, A. Linhart der I.-Div.-San.-A. Nr. 5, 
den O.-Ae. d. Res. DDr. G. Kar dos des H.-R. Nr. 15, K. 
Krzyszton des F.-K.-R. Nr. 31, J. Lettner beim L.-I.-R. Nr. 17, 
L. Häring des L.-I.-R. Nr. 27, E. Friedjung des L.-I.-R. Nr. 4, 
den O.-Ae. d. Ev. DDr. A. Schlesinger der Militärabteilung 
Nr. 1/89, L. Knecht des I.-R. Nr. 6, K. v. Planner, Kommand. 
der Krankenstation Nr. 1/3, 0. Hendrich der I.-Brgd.-San.-A. 
Nr. 1, K. Löbl der F.-H.-Div. Nr. 11/10, R. Steiner beim 

3. Korpskmdo., Z. Lapajne des L.-I.-R. Nr. 27, K. Binder des 
Feld-Sp. Nr. 1/3, den Lst.-O.-Ae. DDr. 0. Kaltenbrunner des 

I. -R. Nr. 65, L. Kovacs beim 2. K.-Div.-Ivmdo., dem A.-A. Dr. J. 
Svastic des I.-R. Nr. 48, den A.-A. d. R. DDr. K. Pollak des 
F.-K.-R. Nr. 32, S. Dioszilagyi des H.-R. Nr. 1, R. Hoch mann 
der Geb.-H.-Div. Nr. 12, dem A.-A. d. Ev. Dr. J. Susicky des 
F.-J.-B. Nr. 2 und Lst.-A.-A. Dr. B. Neumann des B. Nr. III/12 
ausgesprochen worden. — Das Ehrenzeichen I. Kl. vom Roten 
Kreuz mit der Kriegsdekoration erhielten die Gen.-St.-Ae. DDr. 
R. v. Töply, San.-Chef des 3. Armee-Etapp.-Kmdo., B. Majewski, 
San.-Chef des 2. Armee-Etapp.-Kmdo., A. Grossmann, San.-Chef 
des 1. Armee-Etappen-Koinmando, der O.-St.-A. I. Kl. Dr. G. Früh- 
auf, San.-Chef des 2. Armee-Kmdo., die O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. 

J. Kulka und E. Stehlik. 



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Original frnrri 

UNIVERSUM OF IOWA 












466 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 


18. April. 


(Wiener medizinische Fakultät.) Der soeben ausge¬ 
gebene Lektionskatalog für das Sommersemester 1915 kündigt 
368 Vorlesungen und Kurse (gegen 429 im gleichen Semester 
des Vorjahres) an, die von 30 (29) ordentlichen, 91 (99) außerordent¬ 
lichen Professoren und 100 (132) Privatdozenten und Assistenten 
gelesen werden. — Auf die einzelnen Disziplinen verteilen sich 
diese Kollegien wie folgt: 


Di.opn» 

Zahl der 
Vorlesungen 

0. Prof. 

A. o. Prof. 

Privatdoz. 

und 

Assistent. 

Geschichte der Medizin . . 

t 2 

_ 

1 

1 

Anatomie und Histologie . 

i 7 

3 


1 

Physiologie ....... 

13 

2 

3 

1 

Angewandte med. Chemie . 

i 9 

1 

1 

1 

Allgemeine Pathologie und 
pathologische Anatomie . 

1 

j 23 

2 

8 

3 

Heilmittellehre. 

13 

2 

4 

3 

Interne Medizin. 

1 72 

3 

21 

23 

Laryngo-Rhinologie .... 

! 22 

1 

7 

2 

Kinderheilkunde. 

| 23 

1 

4 

10 

Chirurgie. 

1 26 j 

2 

7 

10 

Zahnheilkunde. 

! 7 

l ; 

2 

2 

Ohrenheilkunde. 

25 

l 

5 

6 

Augenheilkunde. 

16 1 

o ! 

5 

4 

Gynäkologie. 

, 41 , 

2 i 

10 

13 

Hautkrankheiten u. Syphilis 

34 

2 

4 

12 

Psychiatrie. 

21 

2 

7 

7 

Gerichtl. Medizin, Hygiene 
und soziale Medizin . . . 

14 

3 

2 

! i 

Summe . . . 

368 

i ; 

1 91 

I 100 


Die Fakultät war im abgelaufenen Wintersemester von 1470 
ordentlichen Hörern (darunter 320 Frauen), 5 außerordentlichen 
Hörern, 14 Frequentanten und 2 Hospitantinnen frequentiert. Die 
Zahl der ordentlichen Hörer dieses Kriegssemesters hat gegenüber 
jener des Wintersemesters 1913/14 um 1348 (d. i. etwa 50°/ 0 ), die 
Zahl der außerordentlichen Hörer um 52, die der Frequentanten 
um 186 abgenommen. 

(Friedrich Löffler f.) Der große Schüler Robert Kochs 
und sein mittelbarer Nachfolger als Direktor des Berliner k. In¬ 
stitutes für Infektionskrankheiten, das Kochs Namen trägt, 
Geh. Med.-R. Professor Friedrich Löffler ist am 10. April, 62 Jahre 
alt, gestorben. Mit seinem Namen sind viele grundlegende Arbeiten 
verbunden; mit Koch hat er die wissenschaftliche Basis für die 
Dampfdesinfektion geschaffen; im Verein mit Schütz den Rotz¬ 
bazillus entdeckt; ihm sind als erstem Kulturen des Diphtherie¬ 
bazillus gelungen; seine Studien über den Mäuscbazillus, dessen 
Unschädlichkeit für Mensch und Tier er nachgewiesen, haben der 
Landwirtschaft ebenso große Dienste geleistet, wie seine Unter¬ 
suchungen über Maul- und Klauenseuche der Viehzucht. Unzählbar 
sind die bakteriologisch-technischen Errungenschaften, die seinen 
Namen tragen. Ein reiches, der Forschung und Lehre gewidmetes 
Leben ist frühzeitig zum Abschluß gelangt. 

(Der Verein zur Erbauung eines Aerztekurhauses 
in Franzensbad) eröffnet für den Monat Mai d. J. wieder zehn 
Freiplätzo für kurbedürftige Kollegen und deren Gattinnen. Die¬ 
selben umfassen folgende Benefizien: Freie Wohnung in Privat¬ 
häusern, unentgeltliche ärztliche Behandlung, unentgeltliche Kur- 
mittel, Befreiung von Kur- und Musiktaxen, freien Eintritt in die 
Lesesäle und zu allen kurörtlichen Veranstaltungen, ferner seitens 
der Theaterdirektion einen 50%iger Nachlaß der Eintrittspreise. Be¬ 
werber um einen Freiplatz mögen sich bis längstens 24. April beim 
Präsidium des obgenannten Vereines melden. 

(Die Aerzte im Kriege.) Im militärärztlichen Offiziers¬ 
korps dos Heeres, der Kriegsmarine und der Landwehr wurden nach 
der letzten Statistik rund 500 Aerzte, teils für tapferes und auf¬ 
opferungsvolles Verhalten vor dem Feinde, teils für hervorragende 
Dienstleistungen vor dem Feinde ausgezeichnet; in diese Uebersicht 
sind die Honvedärzte und die Assistenzarztstellvertreter, die mit 
Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet wurden, nicht aufgenommen. Diese 
Auszeichnungen sind: 172 Goldene Verdienstkreuze mit der Krone 
am Bande der Tapferkeitsmedaille; 168 Militärverdienstmedaillen 
am Bande des Militärverdienstkreuzes; 1 Militärverdienstkreuz mit 
der Kriegsdekoration; 135 Ritterkreuze des Franz Josef-Ordens 
am Bande des Militärverdienstkreuzes; 1 Orden der Eisernen 
Krone III. Kl.; 16 Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der 
Kriegsdekoration; 1 Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens am 


Bande des Militärverdienstkreuzes; 2 Komturkreuze des Franz 
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes und 4 Eiserne 
Kreuze. Sie verteilen sich auf alle Chargen vom Assistenzarzt- 
Stellvertreter bis zum Generalstabsarzt. 

(Cavete!) Gesperrt ist in Oberösterreich: Jede Arzt¬ 
stelle in Riedau (Auskunft: Dr. Reh, Neukirchen a. d. Enknacb). — 
Gewarnt: Mähren: Arztstelle bei Familienkrankenversicherung 
und Betriebskrankenkasse der Firma Thonet in Bistritz a. H. 
(Dr. Freundlich, Brünn). Steiermark: Arztstelle in Schwan¬ 
berg; Zahnarzt in Hartberg; Bruderladenarzt in Steieregg bei 
Wies; zweiter Arzt in Schladming; zweiter Arzt in Aflenz 
(Dr. Sattler, Heiligenkreuz a. Waasen). — Vorher anfragen: 
Salzburg: Alle ärztlichen Posten (Dr. Hummel, Salzburg). 
Schlesien: Zweiter Arzt in Karlsthal; Arzt in Engelsberg; zweiter 
Arzt in Bennisch (Dr. Stiller, Niklasdorf). Vorarlberg: Ge¬ 
meindearzt in Lingenau, Unter- und Oberlangeneggj; Gemeindearzt 
in Höchst (Dr. Rhomberg, Dornbirn). 

(Aus Budapest) wird uns berichtet: Wie grundverschieden 
unsere, der germanischen gerne Gefolgschaft leistende Kultur von 
gallischer Kultur ist, geht aus folgendem hervor: Während in der 
„Presse mtfdicale“ ein hirnverbrannter französischer Kollege namens 
Dupuy für den sonst kriminellen Abort von angeblich „zweifelhaft 
eugenetischen“ Kindern eintritt, die Folge einer sexuellen Gewalttat 
der verhaßten „Boches“ sind, daher die Fruchtabtreibung als ärzt¬ 
lich berechtigt proklamiert, findet sich im hiesigen Juristenblatt 
„Joptedomänyi Közlöny“ aus der Feder eines berühmten Krimina¬ 
listen ein sehr bemerkenswerter, ethisch hochstehender Vorschlag 
zur Lösung dieser auch bei uns aktuellen Frage, wo vandalische 
Sarmater unsere Mädchen und Weiber schänden. Der Antrag geht 
dahin, derlei arme Kinder staatlich als gesetzliche zu erklären, 
für deren Lebensunterhalt die Gesellschaft zu sorgen hätte, wie 
auch die unglückliche Mutter als Opfer des Vaterlandes zu erhalten 
wäre, wenn sie keinen Gatten bekommen könnte. Dieser Vorschlag 
kann ärztlich nur gebilligt werden; wissen wir doch seit Virchow, 
daß es keine sogenannte reine Menschenrasse gibt, und ein edler 
Sprosse unseres erhabenen Herrscherhauses sprach einst das schöne 
Wort aus: „Das kostbarste Kapital der Staaten ist der Mensch.“ 
Es ist an und für sich schon traurig genug, daß wir zum Schutze 
unseres Vaterlandes in diesem gewaltigen Kriege von diesem 
Kapital so viel verschwenden müssen; wir Aerzte müssen aber 
unter allen Umständen die Fahne der Humanität hochhalten. S. 

(Aus Berlin) wird uns berichtet: Während die Zahl der 
männlichen Studierenden im laufenden Semester unter dem 
Einflüsse des Krieges von 55 900 auf 48 600 zurückgegangen ist, 
hat sich die Zahl der weiblichen Studierenden von 3686 auf 
3920 erhöht. Noch vor 5 Jahren betrug die Zahl der studierenden 
Frauen nur 3% der Gesamtstudentenziffer; in diesem Semester ist 
der Prozentsatz auf 7,45 gestiegen. Das Ausland ist dabei nur mit 
rund 100 Studentinnen beteiligt, gegen 400 in Friedenszeiten. Im 
Winter 1914/15 studierten 24,1% Medizin und 74% zählten zur 
philosophischen Fakultät, der Rest von 1,9% verteilte sich auf die 
übrigen Studienfächer. Die einzelnen Besuchsziffern sind: Philo¬ 
sophie, Philologie und Geschichte 2012 Studentinnen, Medizin 944, 
Mathematik und Naturwissenschaften 691, Staats Wissenschaften 123, 
Rechtswissenschaft 62, Zahnheilkunde 66, Pharmazie 16 und evange¬ 
lische Theologie 12. An den preußischen Universitäten waren im 
Wintersemester 2701 Frauen eingeschrieben gegen 2303 im Vorjahr, 
an den bayerischen 390 gegen 509, an den zwei badischen 373 
gegen 459 und an den übrigen einzelstaatlichen Hochschulen 459 
gegen 415. Der Rückgang der süddeutschen Hochschulen beruht 
auf den Zeitverhältnissen, die offenbar die preußischen Studentinnen 
in höherem Maße als sonst an den heimatlichen Hochschulen zuriiek- 
hielten. 

(Statistik.) Vom 4. bis inklusive 11. April 1915 wurden in den 
Zivilspitälern Wiens 13.692 Personen behandelt. Hiervon wurden 
2243 entlassen, 223 sind gestorben (9 - 3°/ 0 des Abganges). In diesem ■ o ei * 
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb ae 
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: a 
B lattern 67, Scharlach 86, Varizellen —, Diphtheritis 70, Mumps • 
Influenza —, Abdominaltyphus 1, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom^ 
Milzbrand —, Wochenbettfieber 3, Flecktyphus 5, Cholera asiatica ^ 
epidemische Genickstarre 1. In der Woche vom 28. März bis 3. April 
sind in Wien 811 Personen gestorben (-f- 49 gegen die Vorwoche;. 


Sitzungs-Kalendarium. 

Freitag, 23. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank 
gasse 8.) 


HarftUBcreber Eigentümer and Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur illr Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien. 

Druck von Gottlieb Gißte! di Cie., W r ien, III., Miinzgasse 6. 


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UNIVERSUM OF IOWA 













/ 


Wien, 25. April 1915. 


XI. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 

Wochenschrift för praktische Ärzte 


redigiert von 

profeaior Dr. Kart Brandenburg 


Verlag ron 

Urban St Sehwaraenfcerf 


IVAALT: Die Vertorfung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Emil Redlich, Einige allgemeine Bemerkungen über den 
Krieg und unser Nervensystem. Prof. Dr. Ernst Weber, Die Behandlung der Folgezustände von Gehirner.scbiitterang (mit 2 Abhtldungen). Marine- 
üoJLt A R Tlr Ncnhert. Bemerkung zu der vorstehenden Abhandlung von Prof. Dr. E. Weber. Oberstabsarzt I rof. Dr. Ph. Ru in und Stabsarzt 


d^Xrschenkels (mit 2» - Therapeutische Notiz. - Bücherbesprechnngen. - Wissen- 

»chafUiche Verhandlungen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Kriegsärztliche Abende in Franzensbad. Vortragsreihe des /entraikomiteeb htfdas 
ärztliche Portbildungswesen in Preußen, IV. Kriegschinirgische Abende zu Lille (Frankreich). Deutsch-belgische-,Aerzteabende zu Namur. Berufs 

und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen. 

Dir Verleg Mi» siok it du mkü^ßlM* RuM imr Verviel/Utifmmf vmd VerbrtUwn « dtr Im dieser Zeitsohrifl mm BrscMmen §«bmgmäe* OriftnaiMtrifs vor. 

Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 

Finioe flllffempinp Remerkunpen Über den Krie? Kriegsperiode in Belgien und Frankreich, in Parallele zu stellen mit 
Einige allgemeine Bemerkungen uuer UCII ivncg waa mis aua rten offiziellen Berichten, den Schilderungen der 

und unser Nervensystem 1 ) Kii< ■gsberichterstatter oder den unmittellmr geschöpften Feldpost¬ 

briefen aus dem jetzigen Kriege bekannt geworden ist. Man lese 
von z. B. bei Goethe die Eroberung von Namur und M au beuge 

Prof. Dr. Emil Redlich, Wien. oder die Schilderung der Belagerung von Verdun nach; „der fiirchter- 

. . lieh donnernde Klang abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen 
Noch ist der große Krieg, der uns aufgezwungen wurde, ment o| ir unerträglich und ich mußte mich entfernen“. Das Feuer der 
vorüber, sodaß sich die Schäden, die er für die Volksgesundheit schrecklichen „zwei Batterien“ hinderte freilich Goethe nicht, mit 
bringen wird, noch nicht endgültig übersehen lassen. Aber er <lm Fanden Reuß XL einen nächtlichen Spaziergang zu unter¬ 
dauert anderseits schon lange genug, daß wir uns nach dem bisher nehmen und ein angeregtes Gespräch über die Farbenlehre zu führen. 
Ebenen und Erlebten wohl eine Vorstellung machen dürfen Ich milchte mir auch nicht versagen, die Schilderung der Wirkung 
j . . n . . , , , imhon /liirftnn einer in Verdun eingeschlageiu'ii Kanonenkugel anzuführen: „Das 

von dem, was wir in dieser Hinsicht zu en < ‘ ‘ untere Stockwerk eines Eckhauses auf dem Markte ließ einen von 

Wenn ich dies im folgenden vom Standpunkte des Nerven- v j e j on p>„ s t,>rn wohl erleuchteten Fayenceladen sehen; man machte 
.indes versuche, so stütze ich mich auf meine Erfahrungen an (fern aufmerksam, daß eine Bombe von dem Platze aufschlagejul, an den 
reichen Material, das mir in der von mir geleiteten Nerven- schwachen Steinpfosten des Ladens gefahren, von dem aber wieder 
lieilanstalt „Maria Theresien-Sehlössel“ der Nathanicl Freiherr abgewiesen, eine andere Richtung genommen hat. Der Pfosten war 
von Rothschildsehen Stiftung für Nervenkranke zu Gebote wirklich geschädigt, aber er hatte die Pflicht eines kräftigen Vor- 
a«ht- aii»‘h fln« nn« ieb in . 1 er Privatnrnxis (re sehen habe. fochters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans stand in 
t auth das, was ich in _. de . r s^wilkonirS wiederspiegelndcr Herrlichkeit hinter den vv asserhellen, wohl geputzten 

U l ich, speziell was das Verhalten der Zivi bevolkenmg F ^ di , Wirkung eines 42-cni-ClcsHn.sscs 

betrifft, mitheranziehen. Dabei will ich von allen Detail- odcr : . i0 _ em _Mürsors auf Freund und Feind. Odor man lese die etwas 
fragen, insbesondere soweit es sich um die organischen behaut- naiv klingenden Bemerkungen Goethes über das „Kanonentieber“ 
riiiigen des Nervensystems handelt, absehen, mich vielmehr auf Uöd stelle dem gegenüber, was wir von den Verwundeten, die unmittel- 
cino mehr allgemeine Erörterung der Frage, inwieweit unser bare Opfer nah auffallender .Granaten oder explodierender Schrapnells 
Nervensystem den ungewohnten, zum Teil ungeheuren Anforde- geworden sind, hören, oder von jenen, die, im Schützengraben liegend, 
rtingm, die der Krieg an uns stellt, sich gewachsen zeigt, respektive stunden- seihst tagelang den Sel.rapnellregen über sich ergehen lassen 
fl h • . .. B 1 x x t nan k.« n ie« n mußten. Nimmt man dazu noch die oft ganz enormen Marschleistungen 

1 mwicweit es versagt hat, beschranken. . unserer Truppen bei Sturm und Regen oder in der Winterkälte, mitunter 

Man hat unsere Zeit vielfach eine nervöse genannt, j.i « j )(l [ unzureichender Verproviantierung, so wird man zugeben müssen, 

liiit von einer fortschreitenden Degeneration dev Kulturnationen ( j a ß heute an unsere Soldaten in physischer, nervöser und moralischer 
gesprochen. Ich glaube, die Erfahrungen, die wir während dieses Eeriehung Anforderungen gestellt, werden, die früher niemals auch nur 
Kriegs zu machen Gelegenheit haben, dürften gezeigt haben, daß annähernd geleistet wurden. Und daß die allergrößte Mehr¬ 
en vielfach Einzelerscheinungen allzusehr verallgemeinert hat, zähl derselben — von den Ausnahmen später — diese 
daß unsere Zeit vielmehr eine Leistungsfähigkeit und nervöse Leistungen auch au fzu bringen vermag, das* zeigt 

"'i<lerstaii(lsFiihi"-keit aufzubrineen in derLas* ist, die allem, was C r w i B d a ß m a i. m 1 1 llnreri,! v»n euer nerv o« c n 
m.a 1 ‘*v L‘IuIzuurmgtiI m it : b ’ T n otlcr degenerierten Zeit oder Rasse gesprochen hat. 

in n kUnrtt -^ind’-iuch nur an- Dem Kenner der Verhältnisse kommt dieses Ergebnis frei- 

irihernrl niema ® * icümnf enden gestellt Kol» nicht überraschend. Das, was der moderne Großstadt men sch 

|;: 2 1 ? e, f re Anforderungen an die Kampfendi n gestillt und 8tündli( . h KU leiaten Uat> Rtdlt panz enorme Anforde- 

»/ in /l'«s em Kriege. q«i 1 :i l i,. r . m ir rungen an seine physische und nervöse Leistungsfähigkeit: das 

*T M tag«“" Antw"r P ™i «n,l‘ 1 .W 5 , die RlU auch , von der Arbeit eines Fabrikarbeiters der heutigen Zeit, 

drhill.r gibt, mit der jetzigen Belagerung und Eroberung Ant- ganz tu schweigen von der eines Lokomotivführers, des Heizers 
Erpens zu vergleichen oder die Kriegserlebnisse Goethes, gesehil- eines modernen Ozeandampfers usw. Was dieser viel verlästerte 
riyrt in der „Campagne in Frankreich vom Jahre 1792“, also eines Großstadtmensch zu leisten vermag, darüber konnte man sich auch 
G l'lzugs aus einer nicht allzuweit hinter uns liegenden Epoche, der Klarheit verschaffen auf den Sportplätzen, das zeigen unsere Hoch- 
/,!tiera ein en vielfach ähnlichen Gang nimmt wie die Kämpfe der ersten touristen. Als Gipfelpunkt menschlicher Leistungsfähigkeit in 
~ 7 # dieser Hinsicht sind aber vielleicht die Forschungsreisen der 1110 - 

, .. l j ^ie nach Fertigstellung des Manuskripts erschienenen Ar- dornen Nord- und Südpolbezwinger zu bezeichnen, die eine An- 
DU V"° 9 nj«\PR ee i (B* kl. W. 1915, 257), M e y e r (I . m. . spaiiriung der physischen, nervösen und moralischen Kräfte er- 

pV,,,,»., . „„,,. 1 . , .iK ... 

berücksichtigen, wie e« oeweaen wäre. hat > als klem erscheinen umß. 


l ) Die nach Fertigstellung des Manuskripts erschienenen Ar- 
°PPenheim (B. kl. W. 1915, S. 257), Meyer(I). m W. 
; 4, 8. 2085), G a u p p (M. m. W. 1915, &. 361), W e s t p h a 1 (M. KI. 
.' 381) und verschiedenen Anderen konnte ich nicht mehr so 

''.rueksichtigen, wie es wünschenswert gewesen W'ä-re. 



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UMIVERSITY OF IOWA 





470 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


Die Erfahrungen, die wir jetzt im Kriege zu machen Ge¬ 
legenheit haben, zeigen zu unserer Genugtuung, daß es sich da 
nicht um ganz vereinzelte Ausnahmen handelt, daß vielmehr unser 
Volk, wenigstens was seine jungen und gesunden Elemente betrifft, 
sich würdig an die besten Beispiele friiherer Zeiten anreiht. Es 
ist eben, wie sich wieder gezeigt hat, die Anpassungsfähigkeit des 
Menschen eine ganz enorme, sei es, daß es sich um positive Arbeit 
oder um das Ertragen von Entbehrungen handelt. 

Wir, die wir den Kämpfen fernstehen, ihre Schrecken und 
Härten nur aus den Mitteilungen der Beteiligten kennen, gewinnen 
eine wertvolle Bestätigung unserer Meinung über die Leistungs¬ 
und Widerstandsfähigkeit unserer Truppen durch das, was wir 
bei den uns eingelieferten Verwundeten und Kranken zu sehen 
Gelegenheit haben 1 ). Es handelt sich da um Menschen, die 
Wochen- und monatelang die schwersten Strapazen zu ertragen 
hatten; dazu kommt die Verwundung mit oft großem Blutverlust, 
die Sorge und Schwierigkeit, sich vor dem Feind in Sicherheit 
zu bringen, ein oft tagelanger Transport auf elenden Fuhrwerken 
über noch elendere Straßen und auf der Eisenbahn und anderes, 
was ich nicht im Detail anzuführen brauche. In diesem Zustande 
werden uns die Kranken eingeliefert. Was Wunder, wenn sie voll¬ 
ständig erschöpft ankommen und in die langentbehrten Betten 
gebracht in einen bleiernen Schlaf versinken. Und es hat uns 
immer wieder von neuem überrascht, wie sehr sich oft schon 
nach 24 Stunden ihr Aussehen verändert hat; es sind förmlich 
andere Menschen geworden. 

Zwei Dinge waren es freilich, die uns in der Folge oft auf¬ 
fielen. Der Schlaf der Verwundeten war, wenn der erste Schlaf 
der Erschöpfung vorüber war, oft durch längere Zeit gestört 
Bauern, einfache Arbeiter, die sonst gewiß nichts von Schlaflosig¬ 
keit wußten, klagten des öfteren gerade darüber, oder die 
Nachtwache berichtete, daß die Kranken schlecht schlafen, die 
halben Nächte auf den Korridoren herumgehen; die Kranken er¬ 
zählten auch oft, daß ihr Schlaf von schweren Träumen, die sich 
mit Vorliebe mit dem auf dem Kriegsschauplatz Erlebten be¬ 
schäftigten, gestört sei. Es ist dabei freilich nicht zu übersehen, 
daß die an die schwere Arbeit in freier Luft gewohnten Kranken 
nunmehr zur Untätigkeit und zum Stubenaufenthalte verurteilt 
waren, was zur Störung des Schlafs beitragen dürfte x ). Aber ge¬ 
wiß ist auch die nervöse Erschöpfung, die vorausgegangene, durch 
die äußeren Umstände bedingte, langandauernde Behinderung 
des Schlafs von Bedeutung. Wir wissen ja, daß Schlaflosigkeit oft 
gleichsam das feinste Reag ens auf eine Störung des nervösen Gleich¬ 
gewichts darstellt, und daß es nicht selten lange Zeit braucht, 
ehe sie trotz Beseitigung der sie auslösenden Ursachen wieder ver¬ 
schwindet. 

Auch eine gewisse Labilität der Körpertemperatur war auf¬ 
fällig; auch Oppenheim verzeichnet ähnliches. Wir sahen 
öfter, daß unsere Soldaten durch längere Zeit leichte Temperatur- 
Steigerungen, für die kein Grund nachzuweisen war, zeigten, oder 
daß sie auf pyrogene Reize in unverhältnismäßiger Stärke und 
langandauernder Weise reagierten, vielleicht entsprechend einer 
nervösen Störung der Wärmeregulation. Ebenso war eine gewisse 
Labilität und Beschleunigung der Herzaktion nicht selten. 

Das ist aber auch das Wesentliche, was wir bei dem Gros 
der Verwundeten an nervösen Erscheinungen konstatieren konnten, 
sonst war, wie schon erwähnt, sehr bald ihr Allgemeinbefinden ein 
ausgezeichnetes, die Erholung machte, wenn wir von den unmittel¬ 
baren Folgewirkungen der Verletzung absehen, rasche und 
dauernde Fortschritte. 

Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel, die wir ins¬ 
besondere in den letzten Monaten, wo wir ausschließlich Nerven¬ 
kranke zu behandeln haben, reichlich zu sehen Gelegenheit hatten. 
Unser Urteil über die nervösen Folgeerscheinungen des Kriegs 
kann natürlich kein endgültiges sein; denn es ist zweifellos, daß 
manche der Schädigungen, die der Krieg für das Nervensystem 
bringt, mit der Andauer desselben sich summieren müssen, ebenso 
wie manche der Nachwirkungen der Verletzungen des Nerven¬ 
systems auch nach Beendigung des Kriegs noch sich zeigen wer¬ 
den. Das gilt unter anderm von der traumatischen Epilepsie; aber 


i) zu Beginn des Kriegs übernahm unsere Anstalt direkt vom 
Kriegsschauplätze kommende, leichtverwundete Soldaten und Kranke 
ohne Rücksicht auf die Art des Leidens. 

a ) Auf gleiche Weise erklärt es sich wohl auch, daß der anfäng¬ 
lich fast unstillbare Heißhunger der Kranken sich bald verliert ünd 
bei längerem Spitalaufenthalt eher Appetitlosigkeit besteht. 


auch syphilogene Erkrankungen des Nervensystems, multiple Skle¬ 
rose und anderes werden vielfach erst später zur Beobachtung 
kommen. 

Beschränken wir uns im folgenden auf die sogenannten 
funktionellen Neurosen, so haben wir, was die sie 
auslösenden exogenen Ursachen und Verhältnisse betrifft, 
gleichsam ein Experiment in großem Stile vor uns. Dabei ist 
freilich zu betonen, daß es sich insofern um Ausnahme Verhält¬ 
nisse handelt, als diese Schädlichkeiten auf ein ausgesuchtes 
Menschenmaterial, die Auslese unserer jüngsten und gesündesten 
Männer, einwirken. Was wir jetzt beobachten, kann also nicht 
ohne weiteres auf das, was wir in der Friedenspraxis sehen, über¬ 
tragen werden. Aber die Eindrücke, die wir jetzt sammeln, wer¬ 
den darum doch nicht zu vernachlässigen sein; im Gegenteil, sie 
dürften zweifellos in mancher Hinsicht auf unsere Ansichten modi¬ 
fizierend wirken. 

Das gilt in erster Linie von den sogenannten trauma¬ 
tischen Neurosen. Es ist dies schon von den verschie¬ 
densten Seiten in den Diskussionen über die Erkrankungen des 
Nervensystems im Kriege hervorgehoben worden. 

Ich kann z. B. auf die Diskussion in der Berliner Gesellschaft 
für Psychiatrie und Nervenkrankheiten vom 14. Dezember 1914 *), auf 
eine Diskussion im Wiener psychiatrischen Verein, auf die Ausfüh¬ 
rungen von v. Wagner, mit dessen Anschauungen sich die meinigen 
zum großen Teile decken, auf Marburg, Karplus, Oppen¬ 
heim, Gaupp, Meyer, Westphal und verschiedene Andere 
hinweisen. 

Auch schon vor dem Kriege hat sich eine Aenderung unserer 
Anschauungen über die traumatische Neurose vielfach vorbereitet, 
zum Teil schon durchgerungen. Die Punkte, die bei einer un¬ 
voreingenommenen Betrachtung der Dinge *in die Augen springen, 
lassen sich etwa folgendermaßen formulieren: Es ist doch nur 
eine relativ kleine Zahl unter den Unfallsverletzten, bei denen sich 
das uns. geläufige Bild der traumatischen Neurose entwickelt. 
Es hat sich z. B. gezeigt — ich kann da auf die bekannte Arbeit 
von Sänger u. A. verweisen —, daß bei Unfällen, wo eine 
Unfallsentschädigung nicht in Frage kommt, relativ selten eine 
traumatische Neurose nach den bekannten Mustern zur Beob¬ 
achtung kommt. Auch Ermittlungen in großen, der Unfall¬ 
gesetzgebung unterstehenden Körperschaften haben gezeigt, 
daß die Zahl der Fälle, bei denen langandauernde nervöse 
Folgezustände eines Unfalls ■ Zurückbleiben, eine relativ be¬ 
grenzte ist. Das hat den Gedanken nahegelegt, daß es be¬ 
sondere, durch den Unfall selbst nicht unmittelbar gegebene Um¬ 
stände sind, die ein deutlicheres Hervortreten solcher nervöser 
Störungen begünstigen. Nervöse Disposition, respektive schon 
vor dem Unfälle bestehende Nervosität, anderseits durch die Un¬ 
fallgesetzgebung selbst bedingte besondere Verhältnisse, die man 
mit der Etikette „Begehrungsvorstellungen“, „Rentenkampfneu¬ 
rose“ und ähnlichem versehen hat, hat man wohl mit Recht als jene 
Momente beschuldigt, die oft eine im Mißverhältnis zur Geringfügig¬ 
keit des Unfalls stehende besondere Intensität und Andauer ner¬ 
vöser Unfallfolgen auslösen dürften. In Uebereinstimmung damit 
haben neuere Untersuchungen gezeigt, daß ein nicht unwesent¬ 
licher Unterschied besteht zwischen jenen Fällen, bei denen eine 
Rentenentschädigung, und jenen, die mit einer einmaligen Kapital- 
abfindung erledigt werden. 

Die Erfahrungen, die wir jetzt täglich zu machen Gelegen¬ 
heit haben, sind geeignet, diesen Einwänden eine Stütze zu geben. 
Die Zahl der Verletzten ist eine ungeheuer große, und eigent¬ 
lich hätten alle Ursache, an einer traumatischen Neurose zu 
erkranken. Denn abgesehen vom eigentlichen Trauma sind 
auch die begleitenden Umstände der Verletzung gewiß ge¬ 
eignet, schwere nervöse Folgeerscheinungen des Unfalls zu 
zeitigen. Und doch ist, wie wir gesehen haben, das Gegenteil 
richtig. Wir dürfen da nicht allein die Erfahrungen, die die h eu¬ 
rologen, speziell in Nervenspitälem, machen, also an einem m 
dieser Beziehung ausgewählten Material, als Maßstab nehmen, son¬ 
dern müssen den allgemeinen Durchschnitt suchen. Ich habe mici 
darüber schon oben ausgesprochen. Was speziell die nervöse 
Position oder vorausgegangene nervöse Zustände betrifft, so na 
z. B. Karplus 2 ) unsere Erfahrungen über die nach Schrapne^- 
und Granatexplosionen auftretenden nervösen Erscheinungen zu 
Gegenstand einer speziellen Untersuchung gemacht. Man wi 
zugeben müssen, daß stunden-, selbst tagelange Erduldung ' 


Siehe Neurol. Zbl. 1915, S. 73. 

*) Karplus, Ueber Erkrankungen nach 
W. kl. W. 1915, S. 145. 


Granatexplosionen. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


Schrapnell- und Granatfeuer mit zu den schrecklichsten Erlebnissen 
dieses Kriegs gehört Die natürliche Reaktion wäre das Zurück- 
weichen oder, da dies ja nicht möglich ist, wenigstens der Sturm¬ 
angriff, um den Gegner zum Schweigen zu bringen. Die Er¬ 
fahrungen aus der ersten Zeit des Kriegs haben uns ja gezeigt 
wie schwer es hielt, die Mannschaft vor dem voreiligen Sturm¬ 
angriff trotz Artilleriefeuer zurückzuhalten. Ich habe mir von 
< «fixieren erzählen lassen, daß es in der ersten Zeit vorkam daß 
ganze Kompagnien, die durch .längere Zeit dem Schrapnellregen 
aufgesetzt waren, von nervösen«. Zuständen, von Weinkrämpfen 
Erbrechen usw. befallen wurden. Kaum aber war die Mannschaft 
ahgelost und in die Reserve versetzt, erholte sie sich und das 
seelische Gleichgewicht war. bald wiederhergestellt. Einzelne aber 
erkrankten doch, oft ohne dirdkt. betroffen zu sein. Und auch 
dort, wo es sich um wirkliche Verletzungen handelte, sei es daß 
die Kranken von Projektilteilen getroffen oder zu Boden o*e- 
sehlemlert wurden, die Erscheinungen einer Hirnerschütterung 
«la von trugen usw., war es nur eine Minderzahl, bei denen sich die 
brsdieimiiigen einer richtigen, länger andauernden traumatischen 
Neurose entwickelten. Wie Kar plus aber zeigen konnte, 
lianihlte es sich bei diesen Fällen meist um nervös disponierte 
oft sogar schon vorher nervöse Individuen. Das gleiche gilt von 
anderweitig erlittenen Verletzungen durch Gewehrprojektile, 
>Um usw. * J ’ 

Noch ein zweiter Umstand kann für unsere Auffassung der 
traumatischen Neurose nicht ohne Einfluß bleiben, und das ist 
Ihre relative Benigpität bei den Verletzten des Kriegs, 
speziell was ihre Dauer .betrifft. Nach schweren Verletzungen 
hlHijen nicht selten dpreh einige Zeit nervöse Erscheinungen zu¬ 
rück; am häufigsten z. ß. nach Schädelverletzungen schwerer Kopf- 
schmerz, Schwindel usw., was wir ja unter gleichen Umständen 
, ,n " er l’riedenspraxis sehen. Man hat für solche Fälle unter 
amlcrm Dmcksteigerung im Liquor verantwortlich gemacht. Aber 
die Ginge nehmen m der Regel nicht den schleppenden Verlauf, 
der m der Unfallpraxis des Friedens, selbst nach relativ leichten 
1 Giädeltraumen, beinahe die Regel ist. 

‘»lii-üJll m ?t te da eil V ec ™ dra s ti! sches Beispiel anführen. Ein 
Äfm J Fhegßroffizier, der mich konsultierte, 

•? ^ Nov ^ mber 191 1 infolge eines plötzlichen, heftigen Wind- 

d'r \nn^fl n ? 1 i« AP , ?arat J U f eineF Höhe VOn etwa 150 * ab ’ wobei 
«tw<L J t ol,s \ Änd JS zertrümmert wurde. Der Offizier selbst blieb 
a„ßor,Irm *r, II,de - be ^. ßtlos lie £ en , blutete aus dem Munde, 
dwa thn t K?o- er - ei « e -f P i llt ^ rttng m T ehrerer Ri PP en davon. Er blieb 
er kl-L^P ll*T i P 'L aJe ll ®« en * Linen Monat später sah ich ihn; 
‘'Uchte** An il h Über beftl £ e Kopfschmerzen, weswegen er mich auf- 
J " dere nervöse Erscheinungen fehlten. Einige Zeit später 

& sein woiL 311 e r< ! nt ab ' Blsher war es rair leider nicht möglich, 

111 n sein weiteres Befinden etwas zu erfahren. 

Hppenbeim 1 ) hat gewiß recht, wenn er meint, daß die 
mntuiungen der traumatischen Neurose sich oft als ünmittel- 
‘ 0 ^ des Traumas entwickeln, noch bevor „Begehrungsvor- 
iilrK 11 ■"! irksamkeit treten können. Darum sind diese 
‘ oc ‘ nicllt ansgeschaltet (siehe auch Rothmann, Liep- 
j]i 1 1 Jj ! o n h ö f f e r, P e r i t z, G a u p p und Andere), speziell 

, 0 ,. wo s,cb solche Symptome stabilisieren. Zudem handelt 
w 5 ,]ler um den bewußten oder unbewußten Wunsch und die 
I jpng. nicht mehr den so unmittelbar empfundenen Gefahren 
.Hirn, ne f S aus ^ ese ^ z t zu sein, was gewiß noch wirksamer sein 
*„ as Bente nansprüche und Geldforderungen. Die starke 
V* , Andauer solcher nervösen Folge Wirkungen eines 
*°« nter Umständen als Maßstab für die Kriegs- 
vnr f 'p-' m Be ^ aBenen anzusehen; Gau pp spricht von „Angst 
Vur der Rückkehr ins Feld“. 1 

dpr l - 11 adgemeinen unsere Erfahrungen über die Prognose j 
fIi! . ma ' S( ‘ hen Neur ? sen jetzt günstiger sind als in der . 
7 nm s ?. ma £ d ^ es ’ w * e schon oben betont wurde, gewiß 

„ m .j. ? daran be ?en, daß es sich hier meist um bis dahin ge- . 
^uiß n >r<l i !'^n jugendliche Individuen handelt Das erklärt aber t 
laiiMin ^ 1 ■ a , a * * n der Friedenszeit wird der Anreiz zur Er- i 
äu&roVüt r , Iva P‘ ta U °der Rentenabfindung oft noch durch 1 

aniIpr - £ anz besonders begünstigt; das Beispiel, das ? 

v/> h ' och ^ Unfallkranke mit einer besonders geglückten Ent- 
nifht . en ’ der zweifellos schädliche Einfluß der Umgebung, 
ripmiPn 1 b- £ ew * sse »Unfallad vokalen“ und anderes sind da zu 

bei ansern jetzigen Unfallkranken handelt es sich da- Jj 

-um großen Teil um relativ einfache, naive Gemüter, speziell 


wag die Mannschaft betrifft. In erster Linie möchte ich aber doch 
me uns Aerzten heute zustehende, durch die militärischen Verhält¬ 
nisse bedingte, weitgehende Autorität, respektive 
disziplinäre Gewalt gegenüber den Kranken als wirksam 
nennen. Ich habe mich oft genug überzeugen können, wie günstig 
es wirkt, w T enn der Arzt die vielen großen und kleinen Beschwerden 
so cner Kranken nicht allzu hoch einschätzt, sie, selbst unter ge¬ 
wissem Zwange, dazu anregt, von ihren Beschwerden abstrahieren 
zu lernen. 

Hat sich der Kranke so einmal mit dem Gedanken ab¬ 
gefunden, daß er trotz seines nervösen Leidens in absehbarer Zeit 
doch wieder an die Front muß, dann ging es manchmal oft er¬ 
staunlich rasch mit der Genesung vorwärts, selbst bei Kranken, 
me bm dahin schon monatelang an andern Orten ohne den min- 
aesten Erfolg behandelt worden waren 1 ). Manche Fälle erweisen 
sich freilich refraktär; ich glaube aber, wir werden da nach 
Fnedensschluß noch manche Ueberraschung erleben. Mancher bis 
dahin unbeeinflußbare Fall wird dann, wenn nicht mehr die Wahl 
zwischen Krankenhaus oder Feld, sondern zwischen Kranken¬ 
haus oder Familie und Beruf stehen wird, rasch heilen. 

p-jii Da ^ , Was l ch eben aus geführt habe, gilt besonders für die 
fälle mit dem Typus der traumatischen Hysterie. Es 
ist ja richtig, daß die traumatischen Neurosen — darum wurde ia 
dieser Name gewählt — meist sowohl hysterische, wie neur- 
astbemsche respektive hypochondrische Symptome an sich tragen. 

rl g ‘ bb d0 . ch o Uch . ™ e ’ wo die eine oder andere Svmptomen- 
rtahe uberwiegt Speziell solche Fälle mit den Erscheinungen der 
traumatJschen Hysterie haben wir reichlich zu sehen Gelegenheit 
gehabt. Im Gegensatz zu Lewandowsky 2 ) und in Ueberein- 

möXp'^i w °PP. e 2 heim ’ Rothmann 8 ) und Andern 
möchte ich betonen, daß auch Fälle mit schweren Verletzungen 
aus Kesprochenen hysterischen Erscheinungen 
kompliziert sind, speziell bei organischen Schädigungen des cen- 
fnntLfu Per l phe " e1 . 1 ^ Terve usystems, deren Symptome dann von 
werden”) en ’ hysterischen Zutaten ergänzt respektive überdeckt 

i das eini S e Beis P iel e illustrieren, sie ent- 

£ Ja A b v k . a Puten Erfahrungen der Friedenspraxis. Ein Soldat 
erlitt einen W eichteilschuß durch den rechten Oberschenkel* dieses 
Eem zeigte eine typische hysterische Lähmung mit Anästhesie Gleiches 
sah ich bei einem Offizier, der eine Kontusion der rechten Hüfte davoii- 
ba ? e ' B,nem audem Offizier schlägt ein Projektil ge «reu 
den Feldstecher, den er an einem Riemen über dem Bauehe träirt 
durchbohrt dessen Futteral und schlägt noch gegen die Bauchhaut an* 
Sfnmm !? 6 g a «z oberflächliche Verletzung setzend. Er spürt in diesem 
Moment einen Schlag im linken Bein, das „wie tot“ wird. Er behält 
^! e i,i hySt T SChe Uahmung und Anästhesie dieses Beins. Einem 

JT Wag , en * den Boden fiel ‘ fährt Giü Wagen- 

Sreifen w a i Ha S; 68 ■ hat h, a er d ®f tKche 8puren in einem blauen 
IqIS? ,. 8 t’ yon eingepreßter Wagenschmiere herrührend, hinter- 

lassen. Sicherlich ist durch das Trauma der Kehlkopf verletzt worden. 

JnrWpii? let n T h ? me ! e ‘ chte Parese einzelner Kehlkopfmuskelii 
Irl h ^ b 7 De ^ Kranl ^ e wird “s mit einer kompletten hysterischen 
Aphonie und einer eigentümlichen Respirationsstörung' (Verlang¬ 
samung der Atmung bis zu 6 in der Minute) eingeliefert. Gleichzeitig 
mit der erwähnten Verletzung erhielt Patient auch einen Gewehrschuß 
m den rechten Arm, der eine partielle leichte Lähmung im Bereiche 
des rechten Nervus radialis mit quantitativer, aber nicht qualitativer 
Aenderung der elektrischen Erregbarkeit bedingte. Dieser rechte Ami 
\at in starker Contranturstellung an den Leib adduziert, komplett 
anästhetisch. Oder ein Kranker mit einem Durchschüsse durch den 
Schädel und leichtester, gerade nur angedeuteter rechtsseitiger Hemi- 
- daneben em A e Sehstörung mit deutlicher konzentrischer 
Gesichtsfeldeinengung, Ataxie und Sensibilitätsstörung zweifellos 
Iberischer Natur, wie auch der prompte Erfolg der Behandlung 


I Si, ' h '- NeuroL Zbl. 1915, S. 75. 


,7 a \^u le ^ rei F ,c H roit den Kranken wird, wenn sie wieder aus 
der Anstalt entlassen sind, darüber habe ich nur zum Teil Erfahrungen* 
einzelne sind nicht sehr günstig, denn sie zeigen, daß dann, wenn^der 
Druck von seiten des Arztes nachläßt, gar leicht das alte Spiel wieder 
beginnt (siehe auch G a u p p , der in dieser Beziehung sehr beherzigens¬ 
werte Vorschläge macht). * urnerzigf.ns 

2 ) Lewandowsky, B. kl. W. 1914, S. 193. 

3 ) R o t h m a n n , B. kl. W. 1915, S. 98. 

*) Selbstverständlich ist es auch möglich, daß in solchen Fällen 
traumatischer Hysterie auch feinere, bloß mikroskopische Läsionen dos 
Nervensystems diese organische Grundlage darstellen. Dann kann die 
Differenzierung besondere Schwierigkeiten machen. Das deckt mVIi 
freilich nicht mit dem, was v. Sarbö kürzlich (W. kl. W. 1915, s. 
auf „mikroorganische“ Veränderungen zuriiekffihren wollte. 


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25. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


In solchen Fällen drängt sich wohl die Vermutung auf, daß die 
durch das Trauma gesetzte Läsion, die oft nur eine relativ gering¬ 
fügige organische Läsion bedingte, in der Psyche des Kranken die 
Suggestion der Lähmung, des Abgestorbenseins erweckte, die sich 
dann als hysterische Lähmung und Anästhesie dokumentierte. 
Denn als eines der wichtigsten Merkmale der Hysterie müssen wir 
die erleichterte Umsetzbarkeit psychogen wirkender Momente und 
Schädlichkeiten in die Körpersphäre, die Fixierung affektbetonter 
Empfindungen, automatisch ausgelöster Bewegungskomplexe und 
Reaktionen (z. B. Schreckfolgen) ansehen; nicht zu vergessen des 
suggestiv wirkenden Einflusses der ärztlichen Untersuchung 1 ), 
zumal wenn der Arzt etwa eine ungünstige Prognose stellt, und 
anderes. 

Manchmal ist in dieser Weise tatsächlich der Zusammenhang 
zwischen Ursache und Wirkung leicht herzustellen, wofern wir die 
laienhaften Vorstellungen über Krankheitserscheinun¬ 
gen und Krankheitsfolgen mit in Betracht ziehen. In andern Fällen 
freilich sind die Dinge nicht so leicht zu übersehen, gewiß aber 
nur selten so, wie sie sich Freud und seine Schüler vorstellen, 
bei denen sich die ganze Psychogenese der Erscheinungen mit 
Ausschluß des Oberbewußtseins nach höchst komplizierten, nur 
von dem in der Psychoanalyse erfahrenen Untersucher feststell¬ 
baren Finessen im Unterbewußtsein abspielen soll. 

Die therapeutischen Erfolge, die wir in solchen 
Fällen nicht selten erzielen, geben mancherlei zu denken, thera¬ 
peutische Erfolge, die gewiß weniger durch das therapeutische 
Agens als durch die Energie, ja selbst Rücksichtslosigkeit, mit 
der wir es in Anwendung bringen — das Milieu und die besonderen 
Umstände der Zeit erfordern solches — zu erklären sind. Manche 
hysterische Lähmung und Anästhesie, Schüttelkrämpfe und Con- 
tracturen, allgemeine, auffällige Tremores, die merkwürdigsten 
Astasien und Abasien und anderes, die bei der üblichen 
Behandlung monatelang unbeeinflußt blieben, haben wir in 
einer oder einigen Sitzungen durch eine freilich sehr 
energische faradische Pinselung „geheilt“. So 
war es bei dem obenerwähnten Kranken mit hysterischer 
Aphonie, hysterischer Contractur und Anästhesie des Armes >2 ) 
Aehnlich in andern Fällen, z. B. solchen mit Contractur und 
Zittern der Beine, etwa entsprechend der „traumatischen Pseudo- 
contractur mit Parese und Zittern“, wie sie Fürstner be¬ 
schrieben hat, oder in Fällen mit Contractur des Kniegelenks, wo 
eine „Heilung“ dadurch gelang, daß wir den Kranken mit ge¬ 
strecktem Knie auf einen Stuhl setzten, wobei mitunter schon nach 
wenigen Minuten infolge der Ermüdung das Bein im Kniegelenk 
abgebogen wurde; damit war die Contractur verschwunden. Aehn- 
liche Erfahrungen sind ja auch anderwärts gemacht worden; 
v. Wagner-Jauregg hat in ganz obstinaten Fällen mit Iso¬ 
lierung und Milchdiät rasche Erfolge erzielt, was ich bestätigen 
kann. Das ist eine Psychotherapie, aber ganz 
eigner Art. Man könnte an die hohe suggestive Wirkung 
der erwähnten Maßnahmen denken; für manche Fälle mag dies 
zu treffen. Anderes aber läßt keine andere Deutung zu, als daß 
das Wesentliche dieser Behandlung durch die disziplinäre Ge¬ 
walt gegeben ist, die wir infolge des militärischen Milieus über 
die Kranken besitzen, wie sie in ähnlicher Art uns sonst vielleicht 
nur in einer psychiatrischen Klinik zur Verfügung steht 

Es liegt mir fern, diese Erfahrungen für geeignet zu halten, 
dem Problem der Hysterie selbst wirklich näher zu treten. Wir 
beseitigen auf diese Weise ja nur ein Symptom der Hysterie, nicht 
die Hysterie selbst, die hysterische Geistesverfassung. Man hat 
auch vielfach solche Fälle überhaupt nicht als Hysterie gelten lassen 
wollen, sondern hat von einer Schreckneuröse gesprochen. Die 
Erörterung solcher prinzipiellen Fragen bleibt aber vielleicht besser 
einer ruhigeren Zeit überlassen. 

Wichtiger ist der naheliegende Einwand, daß es sich in 
solchen Fällen nicht um Hysterie, sondern um Simulation 
handle. Die Frage der Simulation nervöser Symptome bei 
Unfallkranken kann nur mit großer Vorsicht behandelt werden, 
speziell im militärischen Milieu, wo ja nachgewiesene Simu¬ 
lation in der schwersten Weise bestraft wird. Es gibt Gutachter, 
die wirkliche Simulation für eine Rarität erklären, ja selbst in 
erwiesener Simulation ein psychopatbologisches Symptom sehen, 


J ) Für den Kenner der Frage brauche ich nicht erst zu betonen, 
inwieweit sich obige Ausführungen an die bekannten Ansichten von 

B a h i n s k i anlehnen. . . r . . 

*) Der Kranke ißt freilich nach seiner Entlassung wieder „reci- 
div“ geworden und wurde superarbitriert. 


oder die die Aggravation förmlich für ein zur traumatischen 
Neurose gehöriges Symptom erklären. Wie dem sei, unter den 
besonderen Verhältnissen, unter denen wir jetzt arbeiten, gibt es 
zweifellos regelrechte, auch eingestandene Simulation, von den ver¬ 
schiedenen Praktiken zur künstlichen Erzeugung von Fiebertempe¬ 
raturen angefangen bis zur Urinverhaltung, respektive „epilepti¬ 
schen Anfällen“ mit Urinverlust. Das haben wir zur Genüge 
erfahren. Die Versuchung zur Simulation ist ja allzu groß. Gewiß 
sind es nicht die Besten unseres yplkes, die Simulation versuchen, 
sie bieten mancherlei, was sie 1( pis psychopathologisch erscheinen 
läßt, es ist auch fraglich, ob wir durch die Entlarvung solcher 
Simulanten wirklich brauchbare Elemente für die Verteidigung 
des Vaterlandes gewinnen. Aber, Simulation ist Simulation. 

Die Frage, ob die oben skizzierten Erscheinungen, deren 
prompte Beseitigung durch unsere „Therapie“ wir erwähnten, 
Simulation oder hysterische Symptome sind, ist nicht leicht zu 
beantworten. Oft, ja meist handelt es sich um gewöhnliche 
Bilder, wie sie in allen Darstellungen der Hysterie zu finden sind, 
und der Ein wand der Simulation ist eigentlich erst post festum 
zu machen. Wenn wir aufrichtig sein wollen, müssen wir ge¬ 
stehen, daß eine sichere Differentialdiagnose zwischen vielen hyste¬ 
rischen Symptomen und Simulation oft nicht zu machen ist; von 
Wagner-Jauregg hat dies kürzlich J ) in geistreicher Weise 
dahin ausgedrückt, daß die Unterscheidung zwischen „Nichtwollen¬ 
können“ und „Nichtkönnenwollen“ nicht zu machen sei, respektive 
daß sich da fließende Uebergänge ergeben. Man hat auf das 
Typische gewisser hysterischer Symptome, auf die Konstanz der 
Stigmen hingewiesen und daraus geschlossen, daß bei der Hysterie, 
selbst wenn man den psychogenen Ursprung der Erscheinungen 
zugibt, doch bei der Auslösung derselben vorgebildete physio¬ 
logische oder pathologische Mechanismen in Anspruch genommen 
werden. Anderseits muß man zugeben, daß das Typische, Kon¬ 
stante der Symptome doch nur relativ zu nehmen ist, daß für ihre 
Gestaltung im Einzelfall auch äußere Umstände, unter anderm auch 
der Gang der ärztlichen Untersuchung von Bedeutung sind. Doch 
sollen, wie schon erwähnt, solche prinzipielle Fragen hier nicht 
weiter verfolgt werden. 

Es erübrigen sich noch einige Worte über die Neur¬ 
asthenie oder die neurastheniseben Symptome, die viele un¬ 
serer Kranken, solche mit Verletzungen, aber auch ohne solche, 
darbieten. (Auf die Häufigkeit und Wichtigkeit speziell der kardio- 
vasculären Symptome macht Oppenheim besonders auf¬ 
merksam.) 

Auch hier ist, wenn wir die Erfahrungen über den Einfluß 
der Kriegsereignisse, von Verletzungen und anderem auf das Mani¬ 
festwerden neurastheniseher Symptome heranziehen, der Ein¬ 
fluß der prä morbiden Persönlichkeit vollauf gel¬ 
tend. Meist sind es schon vorher nervöse Individuen, die durch 
die Anstrengungen, die Strapazen und Schrecken des Kriegs oder 
durch Verletzungen neurasthenisch geworden sind, wobei es sieh 
oft nur um ein Wiedererscheinen oder eine Verstärkung schon 
bestandener Symptome handelt. Gegenüber diesen konstitutio¬ 
nellen Neurasthenien sind die akuten Erschöpfungsneurasthenion 
seltener. Es ist anderseits von verschiedenen Seiten schon 
betont worden, daß manche Neurastheniker durch den 
Zwang der Verhältnisse die notwendige Anspannung aller 
Kräfte gewonnen haben, das heißt es ist geglückt, sie au? 
dem engen Kreis ihrer Uebelempfindungen, in die sie sich schon 
förmlich eingesponnen hatten, wieder zu befreien. Das kann ich 
bestätigen, aber es sind doch nur Ausnahmen, und der Auf¬ 
schwung, den solche Neurastheniker, fortgetragen von der Be¬ 
geisterung und Arbeitsenergie ihrer Kameraden, genommen haben, 
ist bisweilen nur ein temporärer, sie versagen doch bald wieder. 

In therapeutischer Beziehung bbsteht übrigens ein zweifelloser 
Unterschied zwischen Hysterie und Neurasthenie. Augenblicks¬ 
oder Wunderheilungen der Neurasthenie sind nicht zu sehen. Hier 
ist ein längerer Zeitraum notwendig, in dem oft unser ganzes 
Armentarium therapeutischer Behelfe notwendig ist. Das psy¬ 
chische Moment der Behandlung darf freilich auch bei diesen 
Fällen nicht außer acht gelassen werden. Vor allem ist es no 
wendig*, den Kranken die Ueberzeugung beizubringen, daß i r( 
Beschwerden keine organische Grundlage haben, daß bn 
empfindungen kein genügender Grund sind, sie für Kriegsaien*' 
untauglich zu erklären, daß der Spitalaufenthalt vielmehr nur u 
Zweck habe, ihre Widerstands- und Leistungsfähigkeit wie< er 


') Siehe W. kl. w. mir», S. 11)0. 


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25. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


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zur notwendigen Höhe zu bringen. Dann geht cs manchmal 


wieder. 

Unsere Erfahrungen über Psychosen bei Soldaten sind 
infolge der äußeren Verhältnisse, unter denen wir arbeiten, relativ 
geringfügig. Immerhin habe ich einzelnes davon gesehen, z. B. 
Depressionszustände, vor allem reaktive Depressionszustände bei 
Soldaten, die über das Schicksal ihrer Angehörigen, die in vom 
Feinde besetzten Gebieten zurückgeblieben waren, vollständig in 
Unkenntnis waren, und wo Uh|er Umständen die Depression im 
weiteren Verlauf einen ausgesprochen melancholischen Charakter 
aiiuahm. Dann sahen wir einzelne Fälle von Schizophrenie, die 
während des Kriegs zur Entwicklung kamen [siehe z. B. bei 
W e y g a n d t J ), B o n h ö f f e r a ) und Andern], wobei es zunächst 
dahingestellt bleiben mag, ob* 'nicht schon vor dem Krieg ein 
Initialstadium der Krankheit bestanden hat, respektive ob es sich 
bloß um ein Manifestwerden einer schon früher bestandenen Dis¬ 
position handelte, oder ob der Krieg oder Verletzungen des 
Gehirns selbst die Krankheit auslösen können, eine Annahme, für 
die uns die Friedenspraxis gewisse Anhaltspunkte liefert. Von 
andern Psychosen sind hysterische Dämmerzustände und Alkohol¬ 
psychosen zu nennen; vereinzelt sahen wir progressive Paralyse, 
die während des Feldzugs entstanden war, eine bekannte Erschei¬ 
nung, die mit der weiteren Andauer des Kriegs voraussichtlich 
noch häufiger werden dürfte. 

Unsere Ausführungen wären unvollständig, wenn wir uns 
nicht auch mit dem Verhalten der Zivilbevölkerung be¬ 
schäftigen würden. Durch die ungeheure Ausdehnung der Wehr¬ 
pflicht ist die Zahl derjenigen aus der Zivilbevölkerung, die An¬ 
gehörige im Felde haben, auf die also die Sorge um diese, die 
Trauer um den Verltfst oder schwere Verletzung und Erkrankung 
naher Verwandter einwirkt, viel größer denn je vorher. Die bis¬ 
herigen Ereignisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen 
haben es auch mit sich gebracht, daß ein Teil des eignen Landes 
vorübergehend oder dauernd vom Feinde besetzt wurde. 
Es ist klar, daß für diese Armen, die die Schrecken des 
Kriegs aus nächster Nähe erleben mußten, dies, dann die 
Flucht, Entbehrungen und Sorgen aller Art eine schwere Schädi¬ 
gung ihres Nervensystems darstellen. Auch bei den nur indirekt 
Beteiligten erzeugt die Sorge um den Ausgang der modernen, oft 
wochenlang dauernden Riesenschlachten eine schwere Unruhe und 
Ungewißheit, eine ewige Anspannung der Nerven, abgesehen da¬ 
von, daß dieser Krieg mit seinem maßlosen Unglück dem 
Menschenfreunde, der sich schon nahe dem Ideal des Inter- 
uationaliums wähnte, eine schwerste Enttäuschung brachte. 

Zieht man das alles in Betracht, so muß man sagen, daß, 
soweit die Erfahrungen bisher gezeigt haben 3), auch die Zivil¬ 
bevölkerung den Krieg besser vertragen hat, als eigentlich zu er¬ 
warten stand. Selbst die Flüchtlinge, die oft unter recht dürftigen, 
für sie ganz ungewohnten Verhältnissen zu leben gezwungen sind, 
zeugen für die schon obenerwähnte, staunenswerte Anpassungs¬ 
fähigkeit der Menschen. 

Die Ausnahmen davon, die wir sahen, sprechen auch wieder 
für die schon beim Militär betonte Bedeutung der Disposition 4 ). 
Disponierte oder gar schon früher krank gewesene Individuen er¬ 
kranken unter den gegebenen schwierigen Verhältnissen relativ 
leicht und oft an Nerven- und Geisteskrankheiten. Manche der 
mir bereits von früher her bekannten Patienten habe ich jetzt 
wiedergesehen, und zwar nicht selten mit ganz ähnlichen Sym¬ 
ptomen wie bei früheren Anlässen, oder sie zeigten bloß eine Ex¬ 
acerbation ihrer ständigen Beschwerden. Begreiflich, daß es vor 
allem Dcpressionszustände sind, die unter dem Einflüsse des Kriegs 
zur Entwicklung kommen, Angstzustände, Melancholien usw. Ein 
Teil der hierher gehörigen Fälle, die ich gesehen habe, rubriziert 
unter die periodischen Depres^ionszustände respektive unter die 
manisch-depressive Psychose. 

Ich will das durch einige kurz skizzierte Fälle illustrieren, 
die leicht zu vermehren w r ären. 

Eine 35 jährige Frau, die. ( y f or der Russeninvasion aus Galizien 
muhten mußte und sich seitdem in einem schweren Verstimmungs- 
zustamle befindet, zeigte schwersten Pessimismus, der dann mehr einer 
Apathie, Klagen über psychische Anästhesie Platz macht. Dabei be- 


3 Weygandt, Neurol. Zbl. 1915, S. 43. 

*)Bonhöffer, Psychiatrie und Krieg. D. m. TV. 1914, S.39. 
. ) Auch hier muß man freilich infolge der Summation der Heize 

wi weiterer Andauer des Kriegs noch mit einer nicht unwesentlichen 
> ersrhtahtening der Situation rechnen. 

) ln ähnlichem Sinne äußerte sich auch Samuel, B. kl. W. 
S. 141. 


stehen Angstzustände, Taedium vitae. Die hereditär nicht belastete 
Frau hat schon vor zehn Jahren im Anschluß an ein Puerperium einen 
ausgesprochen melancholischen Zustand durchgemacht, der nach drei¬ 
monatiger Dauer ausheilte. Ganz ähnlich ist es bei einer 48 jährigen 
Frau, die durch den Krieg eigentlich nicht direkt betroffen ist, die 
aber seit einigen Wochen an einer schweren Verstimmung leidet. Audi 
sie hat vor 19 Jahren, damals ohne bekannten Anlaß, eine Angst¬ 
psychose von viermonatiger Dauer durchgemacht. 

Ein 55 jähriger Advokat, der sich gleichfalls vor den Russen 
flüchten mußte und nun sich in einem schweren Depressionszustande 
befindet, sich schwersten, in diesem Fall unberechtigten Sorgen um die 
Zukunft hingibt, hat vor sechs Jahren, damals im Anschluß an eine 
Scheidungsaffäre, einen ähnlichen Zustand durchgemacht. 

Ein mir seit Jahren bekannter Architekt, Neurastheniker und 
an periodisch auftretenden Verstimmungszuständen leidend, zeigt seit 
Ausbruch des Kriegs neuerdings einen schweren Verstimmungszustand, 
in dessen Mittelpunkt — ähnlich übrigens wie in den früheren Er¬ 
krankungen — die Sorge um die Zukunft steht. Eigentlich unter¬ 
scheidet sich der diesmalige Zustand in nichts von den früheren. 

Freilich gibt es auch Fälle, wo ähnliche Zustände bisher 
nicht vorausgegangen sind, wo also anscheinend der Krieg das 
psychogene Auslösungsmoment der Depression darstellt. 

Ich erwähne z. B. eine 49 jährige Frau, die hereditär nicht be¬ 
lastet, aber immer etwas nervös^ seit Ausbruch des Kriegs (derselbe 
bedingte einzelne, freilich Übertrieben aufgefaßte Schwierigkeiten) an 
einem Depressionszustande mit Verstimmung, Angst, Pessimismus, 
Taedium vitae erkrankte. Aber trotz Fortdauer des Kriegs wurde die 
Kranke nach relativ kurzer Dauer wieder gesund, ein Hinweis dafür, 
daß cs sich bei der im Klimakterium stehendeu Kranken vielleicht nur 
um die erste Attacke einer periodischen Psychose handelte. 

Dann sah ich ausgesprochen hysterische Bilder, Zustände 
schwerer Nervosität, Agoraphobie und anderes bei mehreren 
Frauen, speziell Flüchtlingen; aber auch hier handelte es sich 
nahezu stets um schon vorher nervös gewesene Individuen. 

Die egocentrische Lebensauffassung vieler Nervösen wird 
uns übrigens auch während des Kriegs recht deutlich. Wie anders 
soll man es deuten, wenn an Tagen, zu Zeiten, wo unser ganzes 
Empfinden und Sehnen auf wichtige, die Lebensinteressen der All¬ 
gemeinheit und des einzelnen betreffende Ereignisse eingestellt 
ist, solche Nervöse in der Sprechstunde erscheinen mit ihren all¬ 
täglichen Klagen und Beschwerden, ganz eingesponnen in die 
Sorge um das eigne Ich. Nur w r enige von ihnen sind es, die, durch 
die große Zeit fortgerissen, lernen, von sich selbst zu abstrahieren 
und mit der Allgemeinheit zu denken und zu fühlen. 

* * 

* 

Diese zum großen Teil nur als aphoristisch und provisorisch 
zu betrachtenden Ausführungen über den Einfluß des Kriegs auf 
unser Nervensystem möchte ich zum Schluß mit einem tröstlichen 
Ausblick in die Zukunft abschließen. Nach dem, was wir bisher 
gesehen, steht zu hoffen, daß der Krieg doch nicht die schweren 
Schädigungen für unser Nervensystem zurücklassen dürfte, die 
man vielleicht hätte erwarten können, sofern wdr von den organi- 
j sehen Erkrankungen des Nervensystems und ihren Folgezuständen 
abselien. Es ist richtig, neuropsychopathische Individuen, die 
direkt oder indirekt vom Kriege betroffen werden, laufen große 
Gefahr, zu erkranken, viel seltener droht dies bis dahin nerven¬ 
gesunden Individuen. Diese Erfahrungen sind gewiß die treff¬ 
lichste Illustration für Goethes Worte: 

„Volk und Knecht und Ueberwinder 
Sie gestehn zu jeder Zeit: 

Höchstes Glück der Erdenkinder 
Sei nur die Persönlichkeit.“ 

So hat auch dieser Krieg trotz seines Massenaufgebots von 
Menschen und Waffen doch wieder gezeigt, daß die Persönlichkeit, 
die Individualität noch immer das Maßgebende bleibt. 

Ich hoffe, nicht nur die Aerzte und Theoretiker, sondern 
auch die Politiker und Staatsmänner werden sich fortab den For¬ 
derungen der Eugenik nicht mehr verschließen können, gleichwie 
die Bestrebungen, bei der Erziehung unserer Jugend neben der 
Ausbildung der Intelligenz die Stärkung des Gemüts und des 
Körpers nicht zu vernachlässigen, mehr denn je werden gefördert 
werden müssen. Die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wird 
wohl auch für die folgenden Zeiten noch Utopie bleiben. Darum 
werden wir alles tun müssen, um die Leistungsfähigkeit und 
Widerstandsfähigkeit unseres Volkes zu heben. Denn das Volk, 
das nicht mehr imstande ist, seine Kulturgüter, wenn es sein muß, 
mit den Waffen in der Hand zu verteidigen, hat keine Existenz¬ 
berechtigung. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


(Aus dem Festungslazarett Kiel.) 

Die Behandlung der Folgezustände von Gehirn- 
erschfitterung 

von 

Prof. Dr. Ernst Weber, an der Universität Berlin 
(zurzeit Festungslazarett Kiel). 

Die Fälle von Gehirnerschütterung, die seit Kriegsbeginn 
naturgemäß in stark vermehrter Anzahl zur Beobachtung ge¬ 
langen, rühren entweder von Fall auf den Kopf von einem 
erhöhten Punkte, oder von Schädelverletzung durch Kugel 
oder Granatsplitter her. Die Fälle, bei denen das Gehirn selbst 
verletzt wurde, rechne ich nicht mit zu den hier erörterten 
Fällen, da dann meist andere Störungen überwiegen, was sich 
auch deutlich bei der von mir angewendeten Untersuchungs¬ 
methode erkennen ließ. Als Zeichen für das Eintreten einer 
Gehirnerschütterung ist es zu betrachten, wenn der Patient 
nach der Verwundung eine Zeitlang bewußtlos war. 

Als Folgezustände -der Gehirnerschütterung bezeichne 
ich die nervösen Störungen, die zwar sofort nach der Ver¬ 
letzung einsetzen, aber die Heilung der Wunde meist monate¬ 
lang überdauern und wegen ihrer Stärke die Leute für diese 
Zeit völlig dienstunfähig machen. 

Diese Störungen bestehen in einem außerordentlich 
starken Kopfschmerz, der entweder dauernd, oder den größten 
Teil des Tages über, in gleicher Stärke besteht, oder sich drei- 
bis viermal täglich zu einstündigen, besonders starken An¬ 
fällen steigert. Dauernd besteht Kopfdruck, der Schlaf ist sehr 
schlecht, in allen Fällen sehr vermindert, oft ist ununter¬ 
brochen, in allen Fällen aber bei schnellerem Gehen oder 
Treppensteigen Schwindelgefühl vorhanden, und die Kranken 
sind zur Ausführung anstrengender Muskelarbeiten unfähig, 
geraten sofort dabei in Schweiß und müssen nach kurzem 
damit aufhören. Da es mir nun gelungen ist, unter Benutzung 
meiner besonderen, hierfür neuen Untersuchungsmethode eine 
Behandlungsweise festzustellen, durch die solche Kranke in 
kürzester Zeit von ihren Beschwerden befreit wurden, wobei 
sich mittels meiner Untersuchungsmethode der Erfolg der Be¬ 
handlung auch objektiv klar nachweisen ließ, dürfte es wohl 
nicht unangemessen sein, darüber Näheres zu berichten. 

Meine Untersuchungsmethode besteht in der Registrie¬ 
rung der Veränderungen der Blutverteilung im Körper, die bei 
gewissen äußeren Einwirkungen auf das Gehirn bei Gesunden 
in ganz bestimmter Weise eintreten müssen, wie ich das früher 
eingehend beschrieben habe l ). Bei Kranken benutze ich der 
Einfachheit halber nur die Registrierung der Gefäßweite an 
der Hand oder am Vorderarm, und es hat sich herausgestellt, 
daß am besten, ja ausschließlich, als äußeren Reiz bei den 
hier behandelten Fällen die kurzdauernde Ausführung einer 
völlig lokalisierten Muskelarbeit (Dorsalflexion des in be¬ 
stimmter Lage gehaltenen Fußes) angewendet wird. Das 
Instrumentarium besteht aus dem verbesserten Arm-Plethys¬ 
mograph von Mosso-Lehmann, einem Kymographion, 
einem Registrierapparat für die Atmungsgröße und zwei 
M a r e y sehen Registrierkapseln. Die Technik der Unter¬ 
suchung ist indessen nicht so einfach, wie manche Kliniker 
geglaubt haben, und es bedarf zur Beherrschung der zahl¬ 
reichen Fehlerquellen langer Uebung. 

Nach meinen langjährigen Feststellungen treten bei 
nicht ermüdeten Personen die auf die einzelnen äußeren Reize 
zu erwartenden vasomotorischen Veränderungen nur bei be¬ 
stimmten Krankheiten nicht in richtiger, oder gar in völlig 
umgekehrter Weise ein. So hatte ich auch schon früher in 
Berlin in einigen Fällen gefunden, daß noch monatelang nach 
dem Erleiden einer Gehirnerschütterung die Aenderung der 
Blutverteilung im Körper bei Muskelarbeit in umgekehrter 
Weise eintrat, und anstatt einer verstärkten Blutzufuhr zu 
sämtlichen äußeren muskulären Teilen während der Aus- 

~ >) ..Der Einfluß psychischer Vorgänge auf den Körper“, Berlin 

1910, und andere Publikationen. 


führung einer lokalisierten Muskelarbeit eine Verminderun»- 
eintrat, wodurch ein Zustand geschaffen wurde, der dem bei 
völliger Erschöpfung gleicht. 

Bei der Untersuchung der Fälle von Gehirnerschütterung 
die während des Krieges ins Festungslazarett Kiel kamen’ 
oder mir von andern dortigen Lazaretten zugesandt wurden, 
bestätigte sich dies frühere (noch nicht publizierte) Unter¬ 
suchungsergebnis vollkommen. Bei Ausführung einer kurzen, 
lokalisierten Muskelarbeit von fünf bis zehn Sekunden Dauer 
wurde eine starke Verengerung sämtlicher äußerer Blutgefäße 
registriert, anstatt der normalen Erweiterung. Wie schon her¬ 
vorgehoben, bezieht sich dies alles nur auf solche Fälle, bei 
denen eine Kopfverletzung, nicht allgemeiner Shock, die 
Ursache der Erkrankung war, und bei denen nach der Ver¬ 
letzung eine Bewußtlosigkeit eingetreten war, also auf Fälle 
von reiner Cominotio cerebri. 

Durch frühere Untersuchungen aller anderen Gefä߬ 
gebiete (wie auch der Bauchorgane) habe ich nun festgestellt, 
daß ein solch umgekehrtes Verhalten der Muskeln und Haut¬ 
gefäße immer auch von entsprechenden Störungen der 
vasomotorischen Innervation der andern Gefäßgebiete be¬ 
gleitet ist. Hier ist von besonderm Interesse, daß ich durch 
Volummessungen des Gehirns bei Personen mit Schädeldefekt 
feststellte, daß in solchen Fällen auch die normale Innervation 
der Hirngefäße gestört ist. (Ich füge hi^* ein, daß ich bewiesen 
habe, daß die Ursache aller dieser Störungen in einer Scliä- 
digung des centralen Innervationsmechani^ius der Blutgefäße 
liegt.) Da ich nun nach meinen früheren Erfahrungen aus den 
Störungen der Innervation der äußeren Gefäße auf eine gleich¬ 
zeitig bestehende der Hirngefäße schließen darf, ist es berech¬ 
tigt, diese Störungen als Ursache der Beschwerden der 
Kranken mit Commotio zu betrachten, denn zweifellos macht 
sich die Störung des Innervationsmechanismus der Hirngefäße 
nicht nur bei der Wirkung äußerer Reize, wie bei Muskel¬ 
arbeit, sondern auch im Ruhezustand bemerklich, und nach 
andern früheren, noch nicht publizierten Untersuchungen von 
mir ist es zweifellos, daß das Auftreten von Kopfschmerz und 
Schwindel in gewisser Beziehung zum Verhalten der Blutfülle 
des Gehirns steht. 

(Die Schwäche und Arbeitsunfähigkeit der Kranken er¬ 
klärt sich außerdem aus der pathologischen Verminderung der 
Blutzufuhr zu den arbeitenden Muskeln.)*) 

Wenn diese Vermutung richtig ist, so muß ich in der 
Registrierung des Verhaltens der Blutgefäße bei bestimmten 
äußeren Reizen, hier bei Ausführung von lokalisierter Muskel¬ 
arbeit, eine völlig objektive Untersuchungsmethode in der 
Hand haben, um das Fortschreiten der Besserung und den 
Zeitpunkt des Eintretens der Heilung zu bestimmen. 

Besonders muß ich aber damit auch die Wirkung jeder 
einzelnen therapeutischen Maßnahme feststellen können, was 
deshalb von Wert ist, weil die subjektiven Angaben der 
Kranken darüber auch bei ihrem besten Willen nicht immer 
völlig maßgebend zu sein brauchen. Uebrigens deckten sich 
bei den hier erwähnten Fällen die subjektiven Angaben voll¬ 
kommen mit dem objektiven Befunde. 

Da hierbei also die Störungen der Gefäßinnervation von 
mehr als nur diagnostischer Bedeutung sind, wie bei andern 
(zum Beispiel Herz-) Krankheitenf ämd die Ursache der Be¬ 
schwerden selbst darstellen köhhen, versuchte ich es, diese 
Störungen therapeutisch zu beeinflussen. 

Versuche mit verschiedenen Medikamenten waren voll¬ 
kommen ergebnislos. Eine gan$& erstaunlich gute Wirkung 
erzielte ich aber mit der Anwendung von Wechselduschen, und 
zwar wurde in genau gleichmäßiger Weise durch jede einzelne 
Dusche sowohl die objektiv nachweisbare Störung der Gefä߬ 
innervation, als auch die subjektiven Beschwerden des 
Kranken beseitigt., wodurch die Abhängigkeit der beiden Er¬ 
scheinungen voneinander bewiesen ist. Noch klarer tritt dies 

*) Siehe darüber meine Abhandlungen im Archiv f. (Anat. u.) 
Physiol. 1914. 


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UNIVERSUM OF IOWA 


25. April 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


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womöglich darin hervor, daß nach der Applikation der ersten 
Wechseldusche die gute Wirkung auf das Befinden des 
Kranken meist nur einige Stunden dauert und erst nach 
mehreren Wiederholungen dauernd wird, denn genau mit dem 
ziemlich scharfen Zeitpunkt der jedesmal wiedereintretenden 
Verschlechterung des Befindens geht auch das Wieder¬ 
erscheinen der objektiv nachweisbaren Innervationsstörung 
der Blutgefäße einher. 

Die Frage, ob die Ursache des Kopfschmerzes und 
Schwindels nach Commotio cerebri wirklich in der Störung 
der Innervation der Hirngefäße liegt, ist damit wohl endgültig 
im positiven Sinne erledigt. 


Kurve des 
Arrr,- 
volumens 


Klirre der 
Atmnngs- 
grüße 


Abb. 1. 

In der Zeit vom Zeichen X Ms — wird von dem Patienten eine 
kriiHicre, aber völlig lokalisierte Muskelarbeit geleistet (ab¬ 
wechselnde Dorsal- und Plantarflexion des freibilagenden Fußes). 

Beistehend ist in Figur 1 die typische Volumkurve des 
Armes eines derartigen Kranken bei Ausführung einer kurzen, 
lokalisierten Muskelarbeit, die vom Zeichen -f- bis — dauerte, 
allgebildet. Es tritt infolge der Muskelarbeit eine sehr starke 
Senkung der Volumkurve ein, ohne daß die Atmungsform da- 




Abb. 2. 

Dasselbe, wie in Abb, 1. Zwischen der Aufnahme von Abb. 1 und 
Abh, 2 erhielt: der Patient eine Wechseldnsche und die bei der Auf¬ 
nahme von Abb. 1 vorhandenen sehr heftigen Kopfschmerzen und 
Schwindel waren bei Aufnahme von Abb. 2 völlig verschw unden. 

sich ändert, also es erfolgt eine pathologische Gefäßver- 
Mgerung in den äußeren Körperteilen (Muskeln) des Kranken. 
^ nf die zahlreichen bei Aufnahme solcher Kurven zu beach¬ 


tenden Vorsichtsmaßregeln kann ich hier nicht eingehen und 
verweise auf mein oben zitiertes Buch.) 

Unmittelbar darauf wurde dem Kranken die erste 
Wechseldusche appliziert und etwa % Stunde später wurde 
in genau gleicher Weise, wie vorher, die Kurve von Figur 2 
aufgenommen. Bei völlig gleichbleibender Atmung ist jetzt 
die Gefäßreaktion bei der Muskelarbeit eine vollkommen 
normale, die Kurve zeigt eine gleichmäßige und starke 
Steigerung, die einen so großen Gegensatz zu der vor der 
Dusche aufgenommenen Kurve darstellt, daß Irrtümer bei ge¬ 
übten Untersuchen! indiesenFällen kaum möglich sind. 

Kopfschmerzen und Schwindel sind in diesem Zustande 
wie mit einem Schlage verschwunden, in einigen Fällen trat 
die beste Wirkung erst nach zirka Vfe Stunde auf, bisweilen 
ist es aber auch so, daß der Kranke, der vorher wegen des 
Schwindels sich nicht im Bett emporrichten konnte und zur 
Dusche halb getragen werden mußte, nach der Dusche den 
Baderaum allein und ohne Beschwerden verlassen konnte. 
Man kann also in allen Fällen, was ich hervorheben möchte, 
schon nach der Anwendung der ersten Dusche erkennen, ob 
die Behandlung erfolgreich ist. In einigen Fällen dauerte die 
gute Wirkung der Dusche schon nach der ersten Applikation 
einen halben Tag, bisweilen auch zunächst nur einige Stunden, 
immer genau solange, wie das normale Reagieren der Blut¬ 
gefäße auf Reize dauerte. Bei Wiederholung der Duschen ver¬ 
längert sieh die gute Wirkung der einzelnen Dusche immer 
mehr, bis schließlich nach ein- bis zweiwöchiger Behand¬ 
lung auch schon ohne jede Dusche das Befinden des Kranken 
und das Verhalten der Volumkurve dauernd völlig normal ist. 
Bisweilen tritt dieser Zustand aber schon viel eher ein, wäh¬ 
rend ohne diese Behandlung das Leiden monatelang dauern 
kann. 

Die Wechselduschen wurden in der Weise gegeben, daß 
etwa sechs bis sieben Minuten lang abwechselnd je VL> Minute 
lang heiße und kalte Dusche (14 0 und 45 0 mit Uebergängen) 
gegeben wurde, wobei die kalte eher etwas an Dauer die heiße 
übertreffen und in jedem Falle den Abschluß bilden muß. Wie 
verschiedene der Kranken übereinstimmend aussagten, und 
ich auch an den Kurven erkennen konnte, wirkte eine nur 
heiße Dusche auf diese Zustände nicht, ja eher schädlich, und 
eine nur kalte weniger, als eine Wechseldusche, während 
warme und heiße (35 und 40 °) Bäder direkt schädlich wirkten. 
Wahrscheinlich ist das wirksame Prinzip nur der Kältereiz, 
der durch Gegensatz des heißen Wassers noch verstärkt wird! 
(Neuerdings erzielte ich einmal Erfolg auch schon mit Um- 
spülung des Schädels durch ein aufgelegtes, vielfach gewun¬ 
denes Metallrohr.) 

Vielleicht ist es von Interesse, wenn ich einzelne der be¬ 
handelten Fälle sehr kurz hier erwähne, wobei ich hervorhebe 
daß ich als Fälle von Commotio natürlich nur solche betrachte, 
bei denen nach Erleiden der Verletzung deutlich eine gewisse 
Zeit der vollkommenen Bewußtlosigkeit bestand, nur bei 
diesen ist auch immer die erwähnte Störung der Gefäßinner¬ 
vation vorhanden J ). 

1. Fall. K. Drei Monate vor Untersuchung * Commotio mit 
sechsstündiger Bewußtlosigkeit, nachdem ihm ein Korb Kohlen auf den 
Kopf gestürzt war. Dauernd starker Kopfschmerz und Schwindel 
Arbeitsunfähigkeit. Zeigt deutliche Störung der Gefäßinnervation 
Nach jeder Wechseldusche sind alle Beschwerden zunächst auf zwei 
Stunden geschwunden, und ebensolange ist die Gefäßinnervation 
normal. Nach zwölftägiger Behandlung ist die Dauer der guten Wir¬ 
kung jeder Dusche auf acht Stunden gestiegen, und auch in der 
Zwischenzeit sind die Störungen nur noch von sehr geringfügiger 
Natur. Die Beobachtung mußte dann abgebrochen werden. 

2. Fall. L. Erlitt zwei Wochen vor der Untersuchung eine 
Commotio durch einen Sturz von einem Dach bei einem Fliegerangriff 
war danach eine halbe Stunde bewußtlos und hat dauernd so starken 
Kopfschmerz und Schwindel, daß er das Bett nicht verlassen kann. 
Gefäßreaktion umgekehrt. Nach der ersten Dusche kann Patient be¬ 
reits allein gehen, hat keine Kopfschmerzen mehr und normale Gefäß- 


*) Die Kranken stammen fast alle aus der chirurgischen Abtei¬ 
lung des Herrn Stabsarztes Dr. Neu her t, dem ich für seine Unter¬ 
stützung meiner Untersuchungen zu Dank verpflichtet bin. 






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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


reaktion. Die gute Wirkung dauert zunächst vier Stunden, und des¬ 
halb ist in der folgenden Nacht der Schlaf noch ebenso schlecht, wie 
in den vorhergehenden Tagen. Am nächsten Tage dauert die völlige 
Beseitigung des Kopfsclunerzes und Schwindels durch die morgens 
genommene Dusche bereits den ganzen Tilg an, und der Kranke hat 
zum ersten Male seit der Verletzung guten Schlaf. Am folgenden Tage 
fehlen Kopfschmerz und Schwindel bereits, ohne daß eine Dusche ge¬ 
nommen wird. Die Behandlung wird trotzdem noch eine Zeitlang 
fortgesetzt. 

3. Fall. W. Zwei Monate vor Untersuchung Granatsplitter in 
Schädeldecke mit folgender Lähmung des rechten Beins und kurz¬ 
dauernder Lähmung des rechten Annes und Sprachstörung von einer 
Woche Dauer. Fuß ist noch gelähmt. Starker Kopfschmerz. Um¬ 
gekehrte Gefäßreaktion und andere interessante Gefäß-Innervations- 
störungen. Nach Behandlung mit Duschen gehen die Störungen der 
Innervation der Blutgefäße und die Kopfschmerzen schnell völlig 
zurück. 

4. Fall. P. Blieb nach einem Sturze vom Mast zwei Tage be¬ 
wußtlos, seitdem dauernder Kopfschmerz, Schwindel und besonders 
außerordentlich starkes Zittern der Glieder. Störung der Gefäßinner¬ 
vation. Mehrere Monate nach dem Unfall begann die Behandlung mit 
Wechsclduschen. Schon nach der ersten Dusche ist das Zittern der 
Glieder völlig verschwunden, die vorher sehr bewegte Volumkurve 
sehr ruhig und die Gefäßreaktion völlig normal. Nach zweiwöchigem 
Gebrauch der Duschen ist das Aussehen des Kranken ein auf¬ 
fallend besseres, das Zittern ist dauernd verschwunden und nie wieder 
aufgetaucht, die Innervation der Blutgefäße auch ohne Dusche völlig 
normal. Der Kranke gibt an, noch Kopfstiche, w r enn auch in viel 
geringerer Stärke als früher, zu haben, doch lassen verschiedene Um¬ 
stände den behandelnden Arzt bezüglich des, wenn auch abgeschwäch¬ 
ten, Weiterbestehens des Kopfschmerzes Simulation vermuten. 

5. Fall. St. Neun Wochen vor Untersuchung Granatsplitter 
in Schädeldecke mit einhalbstündiger Bewußtlosigkeit und kurz¬ 
dauernder Lähmung der einen Seite, von der noch jetzt Reste vor¬ 
handen sind. Der seitdem bestehende sehr starke Kopfschmerz wurde 
nach zwei Schädeloperationen etwas besser, kommt aber jetzt noch 
täglich etwa viermal in je eine Stunde dauernden heftigen Anfällen 
wieder. Unaufhörlich besteht Schwindelgefühl und allgemeines Unwohl¬ 
sein usw. Schlaflosigkeit. Starke Störungen der Gefäßinnervation 
nachweisbar. Nach der ersten Wechseldusche sind die Beschwerden 
des Kranken, bis auf ein Summen im Kopfe, gleichzeitig mit der 
Störung der Gefäßinnervation verschwunden, nach Vi Stunde ist auch 
das Summen fort und Patient den ganzen Tag über wohl und ohne die 
gewohnten Anfälle. Der Schlaf ist zum ersten Male seit der Verwun¬ 
dung gut. Die Duschen wurden fortgesetzt und auch an den nächsten 
Tagen blieben die sonst regelmäßigen Anfälle von Kopfschmerz 
völlig aus. 

Selbst solche Fälle von Nachwirkungen von Commotio cerebri, 
deren Ursache jahrelang zurückliegt, wurden in sehr günstigem Sinne 
durch Wechselduschen beeinflußt. 

6. Fall. Th. Commotio vor zwei Jahren infolge eines Blitz¬ 
schlags mit schweren andern Verletzungen. Hat anfallsweise oft sehr 
starke Kopfschmerzen und in diesem Zustand ist bei ihm Störung der 
Gefäßinnervation nachweisbar. Jedesmal nach Applikation einer 
Wechseldusche ist beides verschwunden. Eine regelmäßige Kur wird 
vom Patienten nicht gemacht. 

7. Fall. A. Commotio vor acht Jahren mit Bewußtlosigkeit 
und folgender Trepanation. Seitdem dauernd Kopfstiche und Schwindel¬ 
gefühl, besonders bei jeder leichten Anstrengung, aber auch im Ruhe¬ 
zustand. Starke Störungen der Gefäßinnervation nachweisbar. Nach 
einer Wechseldusehe ist die Gefäßinnervation völlig normal und die 
Beschwerden sind vollkommen beseitigt. Durch mehrere in ver¬ 
schiedenen Zeiträumen vorgenommene Untersuchungen wird festge¬ 
stellt, daß die Störungen der Gefäßinnervation für genau denselben 
Zeitraum nach den Duschen fortbleiben, während dessen das Befinden 
des Kranken gut bleibt, ein Zeitraum, der schon nach den ersten 
Duschen jedesmal zirka sieben Stunden dauerte und sich allmählich 
verlängerte. Auch der Schlaf war schon nach Beginn der Duschen¬ 
applikationen gut. Die Beobachtung des fast geheilten Kranken mußte 
aus äußeren Gründen abgebrochen werden. 

Diese Beispiele werden genügen, und ich hoffe, daß diese 
Behandlungsweise, die wie kaum eine andere therapeutische 
Maßnahme durch die Veränderung des objektiven Unter¬ 
suchungsbefundes verfolgt und erklärt werden kann, und 
durch die zweifellos zahlreiche Kranke monatelang eher 
wieder dienstfähig werden, als es sonst der Fall wäre, auch in 
den Kriegslazaretten Anwendung findet. 

Die hier erörterte Behandlungsweise hat sich auch bei 
andern Krankheiten und pathologischen Zuständen, bei denen 
ich Störungen der Gefäßinnervation nachweisen konnte, als 
sehr vorteilhaft erwiesen (zum Beispiel auch bei den oft lang- 
dauernden nervösen Folgezuständen von chirurgischen 
Operationen in Narkose), da diese Beobachtungen aber noch 
nicht abgeschlossen sind, werde ich später darüber berichten. 


Bemerkung zu der vorstehenden Abhandlung von Prof. E. Weber 

von 

Marinestabsarzt d. R. Dr. Neubert, 

Oberarzt der chirurgischen Abteilung des Festungslazaretts Kiel, 
Spezialarzt für Chirurgie, Chemnitz. 

Jeder Arzt, chirurgischer Kliniker, Praktiker oder 
Neurologe, kennt die oft so langdauernden berechtigten oder 
unberechtigten Klagen der Patienten mit Gehirnerschütterung. 
Die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen und 
therapeutisch erfolgreichen Angaben des Herrn Prof. 
E. Weber an Fällen von Gehirnerschütterungen sind 
vom klinisch-praktischen Standpunkt aus außerordentlich 
zu begrüßen. Nichts ist wohltuender für den Arzt, als 
wenn er mit objektiven Untersuchungsmethoden den subjek¬ 
tiven Klagen seines Patienten nahekommen kann, nichts be¬ 
friedigender, als wenn er. endlich helfen kann, und gar bei 
einem pathologisch-anatomisch so nichtssagenden Gebiete wie 
der Commotio cerebri, dem meist so starke klinische Aeuße- 
rungen gegenüberstehen. 

Mit Hilfe eines nicht komplizierten Instrumentars gelingt 
es, die Tatsächlichkeit der Klagen von Schwindel, Kopf¬ 
schmerzen, Ermüdung usw. durch das abnorme Verhalten der 
Gefäßinnervation graphisch zu belegen, oder Uebertreibung 
oder gar Simulation festzustellen. 

Steht man damit einem prekären Teilgebiete der 
medizinischen Unfall-Lehre mit sehr erwünschten und sicheren 
diagnostischen Waffen gegenüber, so ist die einfache hydro¬ 
therapeutische Maßnahme der Wechselduschen auf den Kopf 
und Körper nicht minder schön und wirksam, und es ist er¬ 
freuend, zu sehen, mit welcher Sicherheit die subjektive 
Besserung im Befinden des Kranken der objektiven Fest¬ 
stellung auf der Kurve in den von uns beobachteten und mit 
überraschendem Erfolge behandelten Fällen parallel geht. 

Die Weber sehe Untersuchungsmethode der Gefä߬ 
reflexe bei Kopftraumen ist deshalb als sehr wertvoll zu be¬ 
zeichnen, obwohl die Technik erst durch Uebung zu erlernen 
ist, und der exakt durch sie kontrollierbaren Wechselduschen¬ 
therapie ist weiteste Verbreitung zu wünschen./ 


Hygienische Erfahrungen im Felde 

von 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn 
Chefarzt eines Feldlazaretts 
und 

Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers, 

Hygieniker beim Korpsarzt 

bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes. 

(Fortsetzungr ans Nr. Ift ) 

4. Bekämpfung des Ungeziefers. Unentbehrlich 
ist für die Truppenteile eine Anstalt, in der die Mannschaften von 
Ungeziefer, insbesondere Läusen, und Krätze befreit werden. Alle 
Bemühungen, durch Behandlung in der Truppe der Krätzeplage 
Herr zu werden, scheitern, weil die Kleider nicht befreit werden 
können. Aus demselben Grund ist der Truppenarzt gegen die 
Kleiderläuse machtlos. Die Einrichtung kleinerer Behandlungs- 
Stationen im Revier oder Lazarett für besonders stark befallene 
oder besonders empfindliche Leute zeitigt häufig keinen dauern¬ 
den Erfolg, zumal die Truppe die Reinigung der Quartiere 
und Unterstände nur dann mit Erfolg vorbereiten und durch¬ 
führen kann, wenn eine Massenbehandlung vorgenommen werden 
und ganze Kompagnien oder doch größere Teile davon gleich¬ 
zeitig befreit wurden können. 

Die durch eines unserer Feldlazarette am Standorte des 
Generalkommandos ins Leben gerufene Anstalt führt den Namen 
„Sanitätsbad“. Sie dient auch zur Reinigung von Truppenteilen, 
in denen sieh Fälle von ansteckenden Krankheiten gezeigt haben. 

Ebenso wie in der vorhergehend geschilderten Militärbade¬ 
anstalt sind die Färbereieinrichtungen einer großen Bandfabrik 
benutzt wurden. 

Diese Anstalt besteht, abgesehen von den Aborlanlageii, aii" 
folgenden Räumen: 


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Original frorri 

UNIVERSITY OF IOWA 



1915 — MEDIZINISCHE KLINIK 


25. April. 


1. dem Warteraum mit Wartehalle für unbehandelte Mann¬ 
schaften, 

2. dem Auskleideraum, 

3. dem Dampfraum, 

4. den Baderäumen, 

5. dem Waschraum für Wäsche und Kleider, 

6. dem Trockenraum für Wäsche und Kleider, 

7. dem Tagesraum für behandelte Mannschaften, 

8. dem Schlafraum für behandelte Mannschaften, 

0. dem Ankleideraum, 

10. der Kleiderkammer. 

Der (Jang der Behandlung Krätzekranker ist folgender: 

Die von der Truppe ein treffenden Mannschaften begeben sich in 
den Warteraum, wo sie solange verbleiben, bis sie in Gruppen von 
lti bis 20 Mann aufgerufen werden. Sie werden angehalten, darauf 
zu achten, daß der Raum nicht verunreinigt wird und in Ordnung 
bleibt. Aus dem Warteraum werden sie zum Auskleideraum geführt. 
Die zuletzt Herausgeführten haben vorher den Warteraum in Ordnung 
zu bringen. Mannschaften, die behandelt sind, dürfen den Warteraum 
nicht mehr betreten, da er ausschließlich für die Unbehandelten be¬ 
stimmt ist. In dem Auskleideraum ziehen sich die Leute aus. Die 
sämtlichen Kleidungs- und Ausrüstungsstücke, mit Ausnahme der 
Ledersachen, werden für jeden Mann getrennt auf ein Tuch gelegt 
und zu einem Bündel vereinigt. Die Bündel werden sodann 40 Minuten 
in strömendem Wasserdampfe sterilisiert. Das geschieht entweder 
in einem Dampfraume, wie er oben im Abschnitt 1 unter d erwähnt ist, 
oder in runden Dampfbottichen, auf die Blechtrichter aufgesetzt wer¬ 
den. ln das Abzugsrohr der Trichter ist eine Drosselklappe eingebaut, 
durch die der Dampfdruck vermehrt wird. Inzwischen erhalten die 
Mannschaften ein warmes Wannenbad von zehn Minuten Dauer, in 
dem sic sich gründlich abseifen. Nach dem Bade werden sie mit 
Solutio Flemming (liquor calcii sulfurat.) eingepinselt. 

Diese Lösung wird folgendermaßen bereitet: 1000 g gebrannter 
Kalk wird zu Pulver gelöscht und dann mit 2000 g Schwefel verrieben. 
Diese Mischung wird mit 20000 g Wasser angerührt und unter ständigem 
Ilmrühren einige Stunden gekocht und nach dem Abkühlen filtriert. 
Das Filtrat soll 12 000 g betragen. Das Aufsichtspersonal hat darauf 
zu achten, daß keine Stelle des Körpers, besonders an den Geschlechts¬ 
teilen. der Achselhöhle und den Fingern unbehandelt bleibt. Nachdem 
die Mannschaften sich reine Lazarettkleider angezogen haben, emp¬ 
fangen sie das inzwischen im Dampf desinfizierte Kleiderbündel zu¬ 
rück. Sie begeben sich damit in den Waschraum. Hier reinigt jeder 
s<iw ganzen Ausrüstungsstücke mit Wasser, Seife und Bürste gründ¬ 
lich. Die Sachen kommen dann in eine Zentrifuge, in der sie noch 
stattliche Mengen schmutzigen Waschwassers abgeben, und werden 
hierauf von jedem einzelnen in den über der Dampfmaschine gelegenen 
Trockenraum gebracht und dort dem Personal übergeben. Dieses ver¬ 
sieht die Sachen mit der Kontrollnummer und hängt sie auf Holzlatten 
zum Trocknen auf. Die Leute werden danach noch einmal an den 
l nterarmen und Händen eingepinselt und begeben sich in den Tages- 
raum. wo auch geraucht werden darf. Am ersten Nachmittag der Be¬ 
handlung hat jeder, nachdem er behandelt ist, seine Waffen zu reinigen 
timl instand zu setzen. Außerdem wird Unterricht über gesundheit¬ 
liche Fragen, insbesondere die Vermeidung des Ungeziefers, der Tv- 
phiisgefahr und der Geschlechtskrankheiten von einem Sanitätsoffizier 
erteilt. — Alle, die längeres Haar tragen, werden grundsätzlich ge¬ 
schoren. — Die Nacht verbringen die Mannschaften im Schlafsaal auf 
sterilisierten Strohsäcken. Ein Unteroffizier des Lazaretts schläft als 
Aufsicht im Saal. 

Am Morgen nach dem Aufstehen hat jeder seine Lagerstatt in 
Ordnung zu bringen. Die Behandlung dauert in der Regel zwei volle 
Tage. Der ersten Behandlung folgen noch zwei weitere, am Morgen 
des zweiten und am Morgen des dritten, des Entlassungstages. Jedesmal 
werden die Leute wieder gebadet und eingepinselt. Die zur Entlassung 
bestimmten Mannschaften empfangen aus dem Trockenraum ihre in¬ 
dischen getrockneten Sachen, ziehen sich im Ankleideraum an und 
geben die empfangene Lazarettkleidung ab. Vor der Entlassung be¬ 
kommt jeder eine Bescheinigung, die er zur Truppe mitnimmt. Der 
zweite Nachmittag wird durch Arbeitsdienst und sportliche Veranstal¬ 
tungen ausgefüllt, Auch wird wieder Unterricht erteilt. 

Die Mannschaften mit Läusen baden ebenfalls in Bottichen, 
mre Sachen werden desinfiziert. Es wird dahin gestrebt, daß sie mög¬ 
lichst noch am selben Tage wieder zum Truppenteil entlassen werden, 
i , Anstalt > io die täglich über 200 Mann neu aufgenommen 
erami können, erfordert zahlreiches Sanitätspersonal, weil der 
icnst von 7 Uhr früh bis zum späten Nachmittag ohne Unter- 
•reebung dauert, um möglichst viel Leute mit Läusen noch am selben 
,^ e , al)zu icrtigen, und weil überall die größte Ordnung und Sauber- 
y 11 herrschen muß, an welche die aus den Schützengräben kommenden 
nnschaften nicht mehr gewöhnt sind. Infolgedessen sind kn Bade- 
amn und Trockenraum zwei Schichten notwendig, die sich abwechseln: 

Warteraum: ein Polizei-Unteroffizier. 

Auskleideraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär- 
Krankenwärter, 

Baderaum (zwei Schichten): zwei Sanitäts-Unteroffiziere, 
acht Militär-Krankenwärter. 

Dampfraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär-Kranken¬ 
wärter. I 


Waschraum: zwei Militär-Krankenwärter. . 

Trockenraum (zwei Schichten): zwei Sanitäts-Unteroffiziere, 
vier Militär-Krankenwärter. 

Tagesraum: ein Sanitäts-Unteroffizier. 

Sehiafraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär-Kranken¬ 
wärter. 

Auskleideraum: ein Sanitäts-Unteroffizier. 

Kleiderkammer: ein Kammer-Unteroffizier, drei Militär- 

Für Regelung des Zu- und Abgangs: ein Sanitäts-Unter¬ 
offizier. 

In den Schlafräumen hat nachts immer ein anderer Sanitäts- 
Unteroffizier Wache. 

Zusammen: zwei Unteroffiziere, zehn Sanitäts-Unteroffiziere, 
20 Militär-Krankenwärter. 

Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß das Sanitätsunter- 
personal eines Feldlazaretts für ein größeres Sanitätsbad nicht aus¬ 
reicht. 

Zur Beaufsichtigung der Anstalt, zur Untersuchung der Mann¬ 
schaften vor dem Bade, Abhaltung des Revierdienstes und Erteilung 
<les Unterrichts sind zwei Sanitätsoffiziere erforderlich. Ein Lazarett- 
inspektor hat an der Erledigung des Schriftverkehrs mit den Truppen¬ 
teilen, der Führung der Listen, der Regelung des Wirtschaftsbetriebs 
reichlich Arbeit. Ferner sind zwei Mann für die Küche notwendig. 
Endlich müssen ständig etwa zehn Flauen die Wäsche und Kleider 
des Lazaretts waschen. 

Vom 19. Dezember 1914. dem Tage der Eröffnung an, wurden 
bis zuin 15. Februar 1915 3038 Mann im Sanitätsbad ausgenommen. 

Der Kohlcnverbrauch beträgt täglich 6000 kg Kohlen. 

Erwähnenswert ist, daß bei den Besuchern der Anstalt niemals 
etwas von einer Flohplage bemerkt wurde. 

Ein zweites Sanitäfsbad wird an einem andern Ort in den 
Räumen einer Dampf Wäscherei eingerichtet. 

5. Seuche n. T y p h u s. Unter allen Kriegsseuchen, 
welche für den westeuropäischen Kriegsschauplatz in Betracht 
kommen, spielt der Typhus die erste Rolle. Schon im letzten 
deutch-französischen Krieg erkrankten nicht weniger als 74 205 
Mann der deutschen Armee an Typhus, von denen 8904 der 
Krankheit erlagen. Auch die französische Feldarmee hatte da¬ 
mals unter dem Typhus sehr zu leiden; unter den nach Deutsch¬ 
land gebrachten kriegsgefangenen Franzosen kamen über 15 000 
Typhuserkrankungen mit 3835 Todesfällen zur Beobachtung. 
Dieses Vorherrschen des Typhus ist kein Wunder, da sich die 
militärischen Operationen in Gegenden abspielen, in denen Typhus¬ 
fälle in der Zivilbevölkerung häufig Vorkommen. 

Der Vorbeugung von Typhusinfektionen unter den kämpfen¬ 
den Truppen mußte daher von den ersten Tagen der Mobilmachung 
an eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden. 

Die seit etwa zehn Jahren im Südwesten des Deutschen 
Reiches, dem Aufmarschgebiete der deutschen Armee, durch¬ 
geführte planmäßige Typhusbekämpfung hat die erste große Probe 
ihrer militärischen Brauchbarkeit in diesem Feldzuge glänzend be¬ 
standen. 

Auf Grund der von den bakteriologischen Untersuchungs- 
anstalten geführten genauen Listen über alle in den einzelnen 
Kreisen vorhandenen Typhuserkrankungen und Typhusbacillen¬ 
träger waren die in das Aufmarschgebiet vorausgesandten Hygie¬ 
niker der Armeekorps in der Lage, alle in den einzelnen Ort¬ 
schaften erforderlichen Absperrungsraaßregeln anzuordnen. Be¬ 
sonderer Wert wurde darauf gelegt, nicht nur die Typhuskranken, 
sondern auch alle durch die Untersuchungen bekannten Typhus¬ 
bacillenträger während der Dauer der militärischen Operationen 
in geeigneten Zivilkrankenhäusern abzusondern, um so den häufig 
in Massenquartieren untergebrachten Mannschaften jede Möglich¬ 
keit des Zusammenkommens mit Infektionsträgern zu nehmen. 
Von demselben Gesichtspunkt ausgehend, wurden später auch in 
den besetzten Gebietsteilen Frankreichs und Belgiens die mit Hilfe 
der dortigen Zivilärzte ermittelten Typhuskranken und -verdäch¬ 
tigen teils in ihren Wohnungen beziehungsweise Gehöften, teils in 
eigens eingerichteten Zivilseuehenhospitälern isoliert und den 
Truppenteilen jede Berührung mit den Krankheitsherden streng 
verboten. Proben von Stuhl und Urin wurden mittels Kraftwagen 
an das Seuchenlaboratorium der Etappe gesandt, um Tvphus- 
kranke und Bacillenträger zu ermitteln. 

Im Vordergründe der Maßnahmen steht die Typhusschutz¬ 
impfung, die in diesem Krieg in größtem Maßstabe zur Anwendung 
kommt. 

Sie ist bekanntlich in verschiedenen Armeen seit Jahren mit 
günstigem Erfolg eingeführt: im deutschen Heere wurde sie zuerst 
1904 bis 1906 im südwestafrikanischen Aufstandsgebiet vorgenommen. 
Die endgültige Beurteilung der Ergebnisse der Impfung von seiten des 


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UMIVERSITY OF IOWA 



25. April. 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


Reichskolonialamts steht noch aus. Es ist aber als sicher anzunehmen, 
daß der Verlauf des Typhus bei den Geimpften leichter und die Sterb¬ 
lichkeit erheblich geringer gewesen, als bei den Ungeimpften. Nach 
einer Angabe von Kutsch e r *) traten Typhusfälle vom Hundert auf 
leichte mittel- schwere nicht¬ 
schwere ermittelte 

bei Geimpften . . . 71,54 20,20 1,79 1,00 

bei Ungeimpften . . . 55,70 22,50 4,80 4,60 

Von den Ungeimpften starben — die Todesfälle des Jahres 1904 
abgerechnet, in dem die Schutzimpfung noch nicht durchgeführt war 
— an Tvphus 12.40 °/o der Erkrankten, dagegen von Geimpften nur 
5,47 °/u. 

Auch die Zahl der Eikrankungen war bei den Cloimpften im Ver¬ 
hältnis geringer als bei den Ungeimpften. Während der Jahre 1905 bis 
1907 erkrankten von 10 935 Ungeimpften 2133 ~ 19,5°/«, von 7181 Ge¬ 
impften dagegen 1013 — 14.1 7«. 

In den späteren Jahren wurden die Ergebnisse der Typhusschutz- 
impfimgen anderer Völker immer günstiger. Es sei uns gestattet, die 
wichtigsten Zahlenangaben wiederzugeben, trotzdem sie in der Kriegs¬ 
literatur öfter wiederkehren. 

Von 5473 Geimpften der englischen Armee erkrankten nur 
0,38%, von 6610 Nichtgeimpften aber 2.83% an Typhus. Noch größer 
werden die Unterschiede, wenn man die Sterblichkeitsziffern vergleicht: 
von den Nichtgeimpften starben mehr als zehnmal soviel als von den 
Geimpften, nämlich 3,93 zu 0,36%. 

Besonders lehrreich sind die kürzlich mitgeteilten Erfahrungen 
der amerikanischen Armee, in der die Schutzimpfung seit 1909 fakul¬ 
tativ, seit 1911 obligatorisch eingeführt ist. Nach dem neuesten Bericht 
von 1914 sind bei einer Gesamtstärke von 90 646 Mann im Jahre 1913 
nur drei Typhuserkrankungen und überhaupt keine Todesfälle vorge- 
kommon: dabei waren von den drei Typhuskranken zwei bereits vor 
der Impfung infiziert gewesen. 

Auf Grund dieser günstigen Erfahrungen hat die Leitung des 
deutsehen Feldsanitätswesens die Vornahme der Typhusschutz¬ 
impfung bei den in typhusverseuchten Gegenden operierenden 
Truppenteilen veranlaßt. Ebenso werden seit Monaten auch fast 
alle neu eintreffenden Ersatzmannschaften bereits in der Heimat 
gegen Typhus geimpft. 

Als Impfstoff wurde allgemein die von den verschiedenen 
deutschen staatlichen und privaten wissenschaftlichen Instituten 
hergestellte Aufschwemmung von abgetöteten Typhusbacillen 
nach 24 ständigem Wachstum auf Agarnährböden verwendet. Da 
infolge des ungeheuer großen Bedarfs an Typhusimpfstoff in mög¬ 
lichst kurzer Zeit die Herstellung des Impftstoffs nicht eentralisiert 
werden konnte, sondern an alle dazu verwendbaren Laboratorien 
vergeben werden mußte, ist es nicht ausgeschlossen, daß der Ba¬ 
cillengehalt und die Wirksamkeit der an verschiedenen Stellen her¬ 
gestellten Präparate eine ungleichmäßige ist. Es dürfte sieh daher 
für die Folgezeit empfehlen, allen Laboratorien den gleichen 
Typhusstamm und die genau übereinstimmende Herstellungstechnik 
vorzuschreiben oder alle Impfstoffe in einer Centralstelle einer Prü¬ 
fung zu unterziehen, damit jede Ungleichheit der Wirksamkeit 
ausgeschlossen ist. Als Prüfungsmethode kommt hierbei neben der 
etwas umständlichen Feststellung der Zahl der im Kubikzentimeter 
enthaltenen Bacillen eine Vergleichung nach dem Grade der Trü¬ 
bung in Betracht, welche nach Auf-chütteln des Impfstoffs auftritt. 

Wir sind von vornherein darauf gefaßt, daß die Ergebnisse 
der Schutzimpfung in unserin Armeekorps, das seit dem ersten 
Mobilmachungstage dauernd im Gefecht steht und erst von Ende 
November an allgemein geimpft werden konnte, ungünstiger sein 
werden, als in solchen Korps, die bereits in der Heimat vollständig 
schutzgeimpft sind. Diese werden eher eindeutige Erfahrungen 
über den Wert der Impfung liefern. Wir werden zufrieden sein 
müssen, wenn wir die Ergebnisse der Impfung von Südwostafrika 
erzielen, wo die Verhältnisse mit den jetzigen unseres Korps sehr 
viel Aehnlichkeit hatten. 

Aus militärischen Gründen wurde zunächst mit den Mann¬ 
schaften der Kolonnen begonnen, während der größte Teil der 
Infanteristen und Artilleristen erst im Laufe des Monats Januar 
schutzgeimpft wurde. Inzwischen ist die Typhusseluitzimpfung 
bei sämtlichen Mannschaften des Korps durchgeführt. 

Da bei den Impfgahen von 0,5, 1,0 und 1,0 ccm, die der Vor¬ 
schrift entsprachen, etwa ein Sechstel der Mannschaften erhebliche 
Störungen des Wohlbefindens und der Arbeitsfähigkeit durchzunuichcn 
hatten, wurden die Impfgaben mit Rücksicht auf die Notwendigkeit 
einer dauernden Gefechtsbereitschaft alsbald auf 0,3. 0,6 und 1.0 ccm 
herabgesetzt. In diesen Mengen wurden die unter die Haut der vorderen 
Brustseite vorgenommenen Einspritzungen durchweg gut vertragen 
und es traten, allgesehen von einer kurzdauernden Druekempfindlieh- 

G Kutscher. Typhus. Lehrbuch der Militärhygiene von 
nUchoff. Hoffniann, Sehwiening. Berlin 1912. August Hirschwald. S. 225. 


keit in der Umgebung der Einstichstelle, in der Regel keine besonderen 
Beschwerden auf. 

Um die anfänglich bei einzelnen Stellen bestehende Abneigung 
gegen die Typhusschutzimpfung zu überwinden, wurde ein volkstüm¬ 
lich gehaltener, auf klärender Aufsatz über den Typhus und seine Be¬ 
kämpfung in der Kriegszeitung des Armeekorps veröffentlicht und 
außerdem durch Sonderabdrucke den Truppenärzten zugänglich ge¬ 
macht. Die Impfung ließ sich danach ohne Schwierigkeiten durch¬ 
führen. 

Durch reichliche Lieferung von Kanülen wurde es ermöglicht, 
sie während des Impftermins nach jedesmaligem Gebrauch neu aus¬ 
zukochen, sodaß die Möglichkeit einer Infektion ausgeschlossen war. 
Die Desinfektion der Haut wurde meistens durch Abreiben mit Alkohol 
teilweise auch durch Bepinseln mit Jodtinktur vorgenommen. 

Wir unterlassen es, aus dem bisherigen Verlaufe des Typhus 
bei unserm und bei andern Armeekorps schon jetzt irgendwelche 
Schlüsse bezüglich des Erfolges zu ziehen. Eiu abschließendes Ur¬ 
teil wird sich voraussichtlich erst nach Abschluß des Feldzugs 
fällen lassen, nachdem bei allen geimpften Fällen der genaue Zeit¬ 
punkt und die Gabe der Impfung festgestellt und das Verhältnis 
des Zeitpunkts der Impfung zum Ausbruch der Infektion in jedem 
Falle geklärt ist. Es wurde daher angeordnet, daß bei allen Mann¬ 
schaften der Zeitpunkt und die Gabe jeder Schutzimpfung sofort 
in dem Soldbuche vermerkt werden soll, um eine einwandfreie 
Unterlage für die spätere wissenschaftliche Bearbeitung dieser 
Frage zu haben. Außerdem wurden bei allen Truppenteilen 
namentliche Impflisten angelegt, in denen die Herkunft des Impf¬ 
stoffs, die Daten und Gaben jeder Impfung, sowie etwaige Re¬ 
aktionserscheinungen angegeben sind. Die abgeschlossenen Listen 
wurden zu einem bestimmten Termine durch den Korp?arzt ein¬ 
gefordert und verbleiben bei den Akten des Korpshygienikers. 
Schließlich ist es für die wissenschaftliche Ermittlung des Erfolgs 
der Impfung von besonderem Werte, wenn bereits während des 
Feldzugs über den klinischen Verlauf der genesenen Fälle fest¬ 
gestellt wird, ob sie „leicht“, „mittelschwer“ oder „schwer“ ver¬ 
laufen sind. 

i Neben der Schutzimpfung wurden aber selbstverständlich die 

im Frieden gewohnten und bewahrten hygienischen Bekämpf ungs- 
maßnahmen auch im Felde nicht außer acht gelassen, wie wir in 
1 den vorherigen Abschnitten über „Allgemeine Hygiene“ und 
I „Trinkwasserversorgung“ bereits erwähnt haben. Jeder beim Re- 
| vierdienst zur Beobachtung kommende Fall von Typhusverdacht 
| wurde sofort von den andern Kranken isoliert und in ein eigens 
hierfür bestimmtes Feldlazarett mittels Krankenwagens gebracht, 
dessen Tragen unmittelbar nach dem Transporte desinfiziert wur¬ 
den. Treten gehäufte Erkrankungen bei einem einzelnen Truppen¬ 
teil auf, so wird mit allen Mitteln dahin gewirkt, daß der Er- 
krankungpherd lokalisiert bleibt, damit nicht größere Truppen¬ 
einbeiten durch die Seuche außer Gefecht gesetzt werden. Ais 
Schulbeispiel für die in einem solchen Fall erforderlichen Ma߬ 
nahmen sei der Verlauf einer Typhusepidemie geschildert, die Mitte 
Dezember vorigen Jahres bei einer Feldartilleriebatterie ausbrach, 
und die zugleich die große Gefahr zeigt, welche der operierenden 
Truppe in einem dichtbevölkerten typhusdurchseuchten Gebiete 
durch die Anwesenheit der Zivilbevölkerung droht. 

In einem wenige Kilometer hinter der Feuerstellung der Batterie 
gelegenen einsamen Bauernhof (Ferme) waren 130 Mannschaften mit 
einer Familie von zehn Köpfen untergebracht. Die erste Erkrankung 
auf dem Hof betraf ein Kind. Darauf erkrankten einzelne Mannschaften 
unter typhusverdächtigen Erscheinungen. Die Ansteckung war hier 
offenbar auf dem Wege der Kontaktinfektion von dem erkrankten 
Kinde aus auf die mit den Bauern in enger Berührung lebenden Sol¬ 
daten iibergegangen. Daraufhin wurde das Gehöft sofort von allem 
Verkehr gesperrt. Die Familie, die in dem schmutzigen, feuchten Keller 
neben den Speisevorräten schlief, wurde in einem benachbarten einzeln 
stehenden Hause untergebracht. Die Mannschaft blieb in dem Gehöft 
bei den Geschützen und Pferden. Man dachte anfangs an eine Ver¬ 
legung der Leute in eine Beobachtungsstation: dann hätte man aber 
für die Pferde und Geschütze neue Mannschaften bestimmen müsse», 
was sich als unausführbar erwies. Zur ärztlichen Ueberwachiing aller 
Maßnahmen wurde ein Sanitätsoffizier dort einquartiert, der alle Mann¬ 
schaften jeden Morgen und Abend unter dauernder Kontrolle der 
Temperatur untersuchte. So konnte jeder verdächtige Fall sofort er¬ 
mittelt und in eigens dazu bestimmten Krankenwagen einer Darm- 
krankenstation in einem bestimmten Feldlazarett überwiesen werde», 
das gleiche geschah mit dem Vater des zuerst ei krankten Kimle>- 
der noch vor der Verlegung der Familie erkrankte. Die MannseJiaiten. 
die in Gruppen von etwa 20 Mann in verschiedenen Zimmern »m 
Bod( nräumen untergeb rächt w ? aren, wurden gruppenweise auf wage 
für je 24 Stunden in das oben erwähnte „Sanitätsbad“ aufgenoinmei. 
wo sie gebadet und mit Schmierseife gereinigt und ihre ) 

Ausrüstung»- und Kleidungsstücke und Deeken in strömendem wasse 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 


i 



25. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


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dampf beziehungsweise in Kresolseifenlösung desinfiziert wurden. Wäh¬ 
rend dieser Zeit wurde im Gehöft der von der Batterie bewohnte Raum 
«deichfalls einer gründlichen Reinigung und Desinfektion unterzogen, 
sodaß die gebadeten Mannschaften nach ihrer Rückkehr in infektions¬ 
freie Räume kamen. Die Latrinen wurden regelmäßig mit Chlor¬ 
kalk desinfiziert und in deren Nähe Waschschüsseln mit Sublimat¬ 
lösung und Handtüchern aufgestellt. Außerdem mußten die Mann¬ 
schaften vor jeder Mahlzeit sieh die Hände mit Alkohol abreiben, 
welcher in Spritzflaschen aufgestellt wurde. Der neben dem Dünger¬ 
haufen angelegte Pumpbrunnen wurde gesperrt und ein fahrbarer 
Trinkwasserbereiter aufgestellt, welcher keimfreies Wasser lieferte. 
Fenier wurde sofort die Typhussehutzimpfung aller Mannschaften ein¬ 
geleitet und in etwa siebentägigen Zwischenräumen mit vier Gaben zu 
0,3. 0.6. 1.0 und 1,5 ccm durchgeführt. Hierdurch konnte natürlich der 
Ausbruch des Typhus bei den im Inkubationsstadium der Erkran¬ 
kung befindlichen Mannschaften nicht verhindert werden; es wurde 
jedoch bei den später Erkrankten ein leichterer Verlauf der Krank¬ 
heit beobachtet und schließlich blieben Neuerkrankungen ganz aus. 
Im ganzen erkrankten im Verlauf der Epidemie 02 Mann an Typhus, 
von denen sechs starben. Es gelang jedoch, den Krankheitsherd auf das 
Gehöft zu beschränken und so weiteren Erkrankungen vorzubeugen. 

Da die Typhuserkrankungen in der Zivilbevölkerung, wie wir 
oben auseinandergesetzt haben, die Hauptquelle für den Typhus 
in unserer Armee bilden, so haben wir begonnen, jetzt die gesamte 
im Operationsgebiet unseres Armeekorps befindliche Zivilbevölke¬ 
rung durchzuiinpfen. Die Erfahrungen, die wir bei dieser Ge¬ 
legenheit sammeln werden, können vielleicht später bei der Be¬ 
kämpfung des Typhus in der Heimat verwertet werden. 

Es sei noch erwähnt, daß eine vierte Typhussehutzimpfung 
mit 1,0 ccm auch bei einem typhusbefallenen Infanterieregiment 
durchgeführt ist. 

Eine Wiederholung der Typhussehutzimpfung ist bei sämt¬ 
lichen Mannschaften des Armeekorps nach Ablauf von fünf 
Monaten beabsichtigt, um einem Nachlassen des Impfschutzes vor¬ 
zubeugen.; 

Ruhr. Die Ruhr gehört zu denjenigen Krankheiten, die 
unsere Truppen schon in Friedenszeiten wiederholt während der 
heißen Jahreszeit in Form von größeren und kleineren Epidemien 
auf Truppenübungsplätzen heinigesucht hat. Sie stellte sieh auch 
bei unsemi Armeekorps schon Ende August ein, verlief durchweg 
ebenso gutartig, wie wir es im Frieden gewohnt sind, und klang 
bei dem ersten Wechsel unseres Operationsgebiets Ende September 
wieder ab. In einzelnen Fällen wurden dabei die gewohnten 
\-Bacillen bakteriologisch nachgewiesen. Als begünstigende 
Ursachen kamen die mannigfaltigen Schädigungen in Betracht, 
denen unsere Mannschaften damals ausgesetzt waren: unzweck- 
mäßige Ernährung mit' naßgewordenem Brot und unreifem Obst, 
Erkältungen infolge Durchuässung, Erkrankungen an Grippe und 
anderes. 

Die Zahl der gleichzeitig an Durchfall erkrankten Mann¬ 
schaften war zeitweise so groß, daß es schon aus militärischen 
Gründen unmöglich war, alle verdächtigen Krankheitsfälle aus der 
front zu ziehen und zu isolieren. Man mußte sich daher darauf 
beschränken, nur diejenigen Mannschaften aus der Truppe heraus¬ 
zunehmen, welche entweder Blutbeimengungen im Stuhl oder 
höhere Temperatursteigerungen hatten. Diese Mannschaften 
'Mirden zur weiteren Beobachtung in eine eigens dazu durch ein 
Feldlazarett eingerichtete Darmkrankensaminelstelle gebracht, wo 
‘ ! e * e,(, hteren Fälle bis zur völligen Genesung verblieben, während 
me schweren dem nächsten Seuchenlazarett überwiesen wurden. 
p<i uen Übrigen Mannschaften ließ sich der Durchfall in der Regel 
in wenigen Tagen durch Verabreichung von Leibbinden, Ernährung 
mit Schleimsuppen und arzneiliche Behandlung beseitigen. 
r einem Infanteriebataillon wurden gehäufte Durchfall- 
jrkraiikungen dadurch zur Heilung gebracht, daß das ganze 
ataillon auf zehn Tage aus den nassen Schützengräben heraus- 
gmomrnen wurde und in einem rückwärts gelegenen größeren 
. Runequartier bezog, wo sich die Mannschaften unter ge- 
( -^eter Diät bald erholten. 

Tuberkulose. Die Bekämpfung der Tuberkulose in der 
. rmee wurde auch im Felde nach den bewährten Friedensgrund- 
w j Zen ri’irchg-eführt durch rücksichtslose Fernhaltung aller irgend- 
irp ( ^i^ en Mannschaften, welche in die Heimat zurück- 
7iv'» Uk -ii W,,rt ^ en ' der gesundheitlichen Ueberwachung der 

auf* j. ev ning wur de, wie bereits erwähnt, besondere Sorgfalt 
,i { 'r ,-h ^ n< * lm £ der Tuberkulösen gelegt, welche zum Teil in 
Rriin‘^Hkenhäusem isoliert wurden. Wo dies aus äußeren 
\Vnli 11 n| riit durchführbar war, wurden die Erkrankten in ihren 
nu ngen belassen und ihnen jeder Verkehr mit Soldaten streng 


untersagt. Die betreffenden Wohnungen wurden für Einquartierung 
gesperrt und entsprechend bezeichnet. 

Weitere Seuchen sind, abgesehen von den Geschlechtskrank¬ 
heiten, die noch besonders behandelt werden sollen, auf unsern 
Kriegsschauplätzen nicht beobachtet worden. Wir müssen aber 
darauf gefaßt sein, daß vom Osten her die Cholera auftaucht. Ihr 
werden wir am besten, abgesehen von den bereits beim Typhus 
besprochenen allgemeinen hygienischen Maßnahmen, durch die 
Schutzimpfung begegnen. 

Ebendaher, vielleicht auch von der feindlichen Front, droht 
uns noch eine andere Seuche, der Flecktyphus, der bereits einige 
Aerzte in den Gefangenenlagern Deutschlands weggerafft hat. 
Wenn auch andere Uebertragungsweisen nicht auszuschließen sind, 
so ist doch erwiesen, daß er durch Läuse übertragen wird. Im 
Hinblick auf diese Gefahr ist in unserm Armeekorps die Be¬ 
kämpfung der Läuseplage mit allen Mitteln, insbesondere durch 
die oben geschilderten Badeanstalten und die Sanitätsbäder ein¬ 
geleitet worden. 

(Abgeschlossen am 15. Februar 1915.) 

Aus der k. k. Verwundeten- und Krankenstation 
in Mährisch-Weißkirchen. 

Ueber Kriegstyphus 

von 

Medizinalrat Dr. H. Borat, Vorstand der medizinischen Abteilung. 

(Schluß aus Nr. lbj 

Nun gehe ich zur Frage der Therapie über. Den alten 
Grundsätzen gemäß lege ich stets auf die gründlichste Mund- und 
Hautpflege von Anfang an sehr großes Gewicht und betrachte 
jeden Decubitus als Vorwurf gegen die betreffende Schwester. Die 
27 Fälle von Decubitus waren nahezu alle von den Transporten 
mitgebracht, in vielen Fällen sehr schwere, tiefgehende Nekrosen, 
die, mit Ausnahme der au Kollaps bald Verstorbenen, bei der sorg¬ 
samsten Pflege unserer pflichttreuen Schwestern alle schön geheilt 
sind. Bei unsern Kranken sahen wir nur Andeutungen oder An¬ 
fangsstadien eines Decubitus, die bald zur Heilung kamen. Wäh¬ 
rend der ganzen Krankheit müssen stets alle Organe, besonders 
Lunge und Herz, kontrolliert werden. Der Puls tnuß besonders bei 
unsern Kranken mit labilem Herzmuskel sehr sorgfältig beachtet 
werden, damit man nicht unvorbereitet durch die unzuverlässige 
Leistung des Herzmuskels überrascht wird. 

In der Behandlung der schweren Typhusfülle kann ich nicht 
warm genug den reichlichsten Gebrauch von (’ a m p h e r - 
injektionen empfehlen und dabei sich nicht ängstlich an 
einige Gramm der 20%igen Lösung täglich zu halten, sondern 
dreist, wenigstens in 2-ccm-Dosen, auch bis 40 cem täglich in In¬ 
jektionen zu geben. Ich habe Fälle gehabt, wo man dies zwei bis 
drei Tage hindurch fortsetzen mußte, und glaube dadurch dem 
Herzmuskel zur Zeit seiner Insuffizienz bis zur Wiederkehr seiner 
Leistungsfähigkeit verholfen lind manches Menschenleben, eventuell 
mit gleichzeitigen Kochsalzinfusionen, vielleicht erhalten zu haben. 

Bei der Diät habe ich auf reichliche Zufuhr von Kohle¬ 
hydraten in Form von Breien, Kartoffelpüree als Träger von 
viel Butter geachtet, daneben Milch, Kufekemehlsuppen, Kakao. 
Eier mit Kognak, Weinsuppen mit Ei, bei Verstopfungen (ein 
Viertel der Fälle) auch Apfelpüree gegeben. 

Bäder mittels fahrbarer Wannen, beim Bett ausführbar, habe 
ich zeitweise bei einzelnen benommenen Kranken gern angewendet, 
sonst Packungen, Waschungen, Kreuzbinden je nach Bedarf. 
Daß in einem Typhuskrankenzimmer Tag lind Nacht wenig¬ 
stens ein Fenster offen bleiben muß, ist eine altbekannte, sehr 
nötige Maßregel. Die von vielen Autoren (V a 1 e n t i n i und An¬ 
dern) warm empfohlene Pvramidonbehandlung des Typhus in Dosen 
von 0,1 ein- bis zweistündlich habe auch ich anfangs in sehr vielen 
Fällen angewendet, konnte aber bei meinen Beobachtungen nicht 
den geringsten Einfluß auf das Befinden Benommener und Schwer- 
kranker bemerken. 

Nun will ich die jetzt so aktuelle Frage der Vaccine¬ 
therapie besprechen. Wie Sie, meine Herren, wissen, besteht 
das Prinzip der Behandlung darin, daß man dem Typhuskranken 
ein Antigen aus abgetöteten oder lebenden, doch sensibilisierten 
Typhusbacillen einführt. Die Vaccine von Besredka besteht 
aus lebenden, durch Vermischen mit Typhusserum abgesehwäehten 
Typhusbacillen und wird zu intravenösen Injektionen verwendet. 
Sie - wurde in letzterer Zeit von B i c d l und von Kor a n y i 
warn) als kritisch die Krankheit unterbrechend, empfohlen, von 



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480 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 25. April. 


andern Beobachtern dagegen wegen des dabei unter starker Tem¬ 
peratursteigerung und plötzlichem Sinken der Temperatur auf¬ 
tretenden gefährlichen Kollapses gefürchtet. 

Der von mir therapeutisch angewendete Vincent sehe Impfstoff 
ist aus dem k. k. serotherapeutischen Institut in Wien und besteht aus 
durch Aether abgetöteteu Typhusbacillen in CINa-Lösung. Die anti- 
genen Fähigkeiten des Impfstoffs sind nach Vincent durch Vermin¬ 
derung der Abtötungstemperatur auf 37,0° sehr gesteigert. 

Da die Behandlung besonders für Fälle in den ersten acht 
bis zehn Krankheitstagen empfohlen wurde, und ich erst seit Ende 
Dezember den Impfstoff zur Verwendung habe, konnte ich bisher 
denselben nur in 17 Fällen erproben. 

Da bis jetzt noch keine präzise, für alle Fälle passende Dosie¬ 
rungsmethode bekannt ist, habe ich je nach dem Krankheits¬ 
zustande verschiedene Variationen versucht, und zwar zuerst je 
1 ccm jeden zweiten Tag, dann, mit 1 ccm stets beginnend, doch 
jeden zweiten Tag steigend, 2, 3 bis zur Gesamtdosis von 10 ccm 
subcutan in die Infraclaviculargegend injiziert. Nach persönlicher 
Rücksprache mit Hofrat Prof. P a 11 a u f, dem ich für seine 
mir mehrfach in liebenswürdigster Weise erteilten Ratschläge zu 
größtem Danke verpflichtet bin, versuche ich nun, in kurzem Zeit¬ 
räume größere Mengen von Antigen durch tägliche Injektionen 
einzuverleiben, und so habe ich die letzten zwei sehr schweren 
Fälle (K u r v e 8 u n d 9) mit einer Gesamtdosis von je 12 ccm sehr 



Kurve 8. Casus gravissimus. Kurve 9. Casus gravlssimus. 


erfolgreich behandelt. Ich gab täglich je 1, 2, 2, 2, 3 und 2 ccm, 
und ich suchte gerade zwei Fälle aus, wo man nach dem klinischen 
Bilde (Benommenheit, sehr hohe Temperaturen, Stuhl und Urin¬ 
lassen hinter sich, schlechte Pulsqualität) einen sehr schweren, oft 
letalen Verlauf auzunehmen gewöhnt ist. Trotzdem schon in 
einzelnen Kurven der schwere Verlauf, in einigen auch 
die auffallende Wirkung der Injektionen sichtbar ist, so kann 
man doch aus den Kurven allein nicht das richtige Bild 
von dem wirklichen Erfolge der Vaccine erhalten. Man muß 
eben das klinische Bild beobachten, und da sieht man oft wäh¬ 
rend der Behandlung die bald auftretende Besserung des sub¬ 
jektiven Befindens, das Zurückgehen der schweren Erscheinungen 
(Kurve 3 bis 8), in manchen Fällen auffallende Euphorie, dann 


zeitig der sich für die Vaccinebehandlung auch sehr interessierende 
Dr. A1 d o r und mehrere Kollegen meiner Abteilung, wir alle 
haben den sicheren Eindruck gewonnen, daß wir durch die An¬ 
wendung der Vincent sehen Vaccine ein sehr schätz¬ 
bares, doch nicht unfehlbares Mittel zur Bekämp¬ 
fung der schweren, sonst oft letal ausgehenden Fälle gewonnen 
haben. 

Von der Ansicht ausgehend, daß durch die mit derVaccine reich¬ 
lich eingeführten Antigene das Auftreten eines Rezidivs erschwert 
ist, habe ich bei den damit Behandelten nach der Entfieberung sehr 
rasch gewöhnliche, allerdings gut zubereitete gemischte Kost 
verabreicht und habe in keinem der 17 Fälle Rezidiv beobachtet. 
Bei nicht entgiftetem Organismus kann eine schwerverdauliche Kost 
eine Gelegenheitsursache für die Entstehung eines Rezidivs ab¬ 
geben, doch betrachte ich die Kost wie auch andere Momente (z. B. 
zu rasches Verlassen des Bettes) als Komponenten, die nur dann 
ein Rezidiv hervorrufen, wenn nach der Krankheit noch Reste des 
Typhusgifts im Körper zurüekbehalten wurden, was wohl durch 
die Antigene und die dadurch gebildeten Antikörper zum großen 
Teil auch verhindert wird. 

Lokal gab es keine große Reaktion, geringe Schmerzhaftig¬ 
keit an der geröteten Injektionsstelle. Von allgemeinen Reaktions¬ 
erscheinungen waren in mehreren Fällen kurz andauernde Schüttel¬ 
fröste und manchmal danach auch Temperatursteigerung auf¬ 
getreten, in einem Falle kurzdauernder Kollaps mit nachherigem 
sehr guten Verlaufe, was jedoch schon zur vorsichtigen Auswahl 
der Fälle mahnt. 

Ich würde es sehr bedauern, wenn man durch überschwülstige, 
noch nicht gerechtfertigte Berichte das Mittel in Mißkredit bringen 
würde, wie es seinerzeit mit dem Koch sehen Tuberkulin nach 
der damals aufgetretenen Sturm- und Drangperiode geschah, wo 
überschwängliche Lobesberichte das gute Mittel durch Ent¬ 
täuschungen bei Kontrollversuchen für lange Zeit entwerteten. 

Da ich befriedigende Resultate mit der subcutanea Behandlung 
mit der Vincent sehen Vaccine erlangte, habe ich bis nun die intra¬ 
venösen Injektionen mit dem Bcsredka-lmpfstoffe noch nicht versucht 

Nach den bisherigen, wenn auch noch nicht zahlreichen Er¬ 
fahrungen glaube ich doch schon berechtigt zu sein, die thera¬ 
peutische Anwendung der Vaccine auch in schweren Fällen des 
Typhus (möglichst in den ersten 10 bis 14 Tagen) allen, die das 
Mittel noch nicht aus eigner Erfahrung kennen, empfehlen zu 
können. Schwerere Myokarddegeneration betrachte ich als 
Kontraindikation. 

Viele wichtige Fragen bleiben momentan noch offen und 
warten einer Entscheidung, und wir können von unsern gemein¬ 
samen Erfahrungen im weiteren Verlaufe des Kriegs eine voll¬ 
kommene Klärung dieser Zweifel erhoffen, ob die subcutanc oder 





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Sinken der Temperatur und eine ganz entschiedene Abkürzung der 
Krankheitsdauer. Ich bin an die Behandlung mit Vaccine objektiv 
und streng prüfend herangetreten und kann mit ruhigem Gewissen 
sagen, daß ich in Fällen, wo man das Bild des schwersten Typhus 
hat und sonst eher den Exitus, als günstigen Ausgang erwartet, 
so deutliche Erfolge sah, daß ich bei schärfster Kritik das post hoc 
auch als propter hoc betrachten mußte. Ich habe bei der ge¬ 
nauesten Beobachtung aller behandelten Fälle, und mit mir gleich- 


Kurve 7. Kurve 8. 

intravenöse Einfuhr der Vaccine die richtige ist, welche Dosen die 
wirksamsten und in welchen Abständen. Dies sind unsere wichtig¬ 
sten Zukunftsfragen bezüglich der aussichtsreichen Vaccinetherapie 
und zur Beantwortung der Frage, welche Fälle für diese Behang 
lung sich eignen, ist entschieden eine gewissenhafte Beobachtung 
und kritische, vorurteilslose, objektive Auffassung nötig. 

Die zweite aktuelle Frage betrifft die TyphusschuU- 
i rn p f u n g. 


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25. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


481 


Sie hat allerdings ihre Feuerproben bereits in vielen Armeen 
mehrfach glänzend bestanden, und zwar in der Armee der Vereinigten 
Staaten, wo von 12 600 Geimpften fünf erkrankten und keiner starb, 
bei Nichtgeimpften dagegen 418 Erkrankungen mit 32 Todesfällen 
vorkamen. Die Erkrankungen sind dort von 6,74% auf 0,82% ge¬ 
sunken. 

Bei den englischen Truppen in Indien sind auf 1000 Geimpfte 
5.39, auf 1000 Nichtgeimpfte 30,4 erkrankt unter ganz denselben Lebens¬ 
verhältnissen. 

In Marokko sind nach Vincent Geimpfte 7,75 °/oo, Nicht¬ 
geimpfte 64,97 °/oo erkrankt In den meisten Armeen der Vereinigten 
Staaten und in Japan besteht obligatorische Typhusschutzimpfung. 

Die Italiener haben in Lybien im Jahre 1912/13 bei Nichtge¬ 
impften 35,3 °/oo mit 7°/oo Todesfällen, bei Geimpften 0,3 bis 1,04 °/oo 
Erkrankungen und keinen Todesfall gehabt, in Tripolis bei Nicht¬ 
geimpften 1,9 bis 6,6 %o, Geimpften keinen Todesfall. 

Wir können aus diesen Erfahrungen ersehen, welche aus¬ 
gezeichnete, prophylaktische Handhabe durch die Schutzimpfung 
uns gegeben ist. In der deutschen Armee ist die Schutzimpfung 
noch nicht obligatorisch gewesen, doch meist überall durchgeführt 
worden, und dies müßte bei uns noch jetzt mit aller Energie nach¬ 
geholt werden. 

Ich habe bis jetzt bei 170 Personen prophylaktische 
Schutzimpfung vorgenommen. Da wir auf unserer Typhus- 
ahteilung bei dieser großen Krankenzahl, für die gewöhnliche Ar- 
Mt. ein sehr unintelligentes Bedienstetenpersonal von Landsturm- 
miinnern und jungen einheimischen, an Reinlichkeit nicht gewöhnten 
Mädchen haben, waren Hausinfektionen trotz permanenter Mah¬ 
nungen unvermeidlich, und es erkrankten von meiner Abteilung 
9 Personen, von der Ruhrabteilung 3 und von der Beobachtungs¬ 
station 2, zusammen 14 Personen. Diese häufigen Hausinfek¬ 
tionen bewogen mich, seit Ende Dezember die prophylaktische 
Typhusimpfung des ganzen ärztlichen und Hilfspersonals meiner 
Abteilung vorzunehmen. 


Es wurden von mir 10 Aerzte, 40 Schwestern und 120 andere 
auf unserer Abteilung beschäftigte Landsturmmänner, Dienstmädchen, 
Waschfrauen usw. geimpft. 

Ich habe den Vincent sehen Typhusimpfstoff verwendet, der 
polyvalent ist aus 10 bis 12 Typhuskulturen älterer unvirulenter 
Laboratorinmsstämme, denen noch Paratyphus-A- und B-Stämme in 
0,5% Carbollösung zugefügt sind (aus dem k. k. serotherapeutischen 
Institut in Wien). 

Ich habe stets drei Impfungen in achttägigen Zeitabständen, und 
zwar erste Impfung 1 ccm, zweite und dritte je 2 ccm, zusammen also 
5 ccm, wobei jedes Kubikzentimeter 500 Millionen Keime enthält, Vor¬ 
kommen. Als Injektionsstelle kann ich die Infraclaviculargegend 
ani ehesten empfehlen, nachdem ich zuerst am Unterarm, Oberarm und 
inurschenke] (nach Prof. Marx empfohlene Stelle zwischen Brust- 
warze und Rippenbogen) versucht habe und beobachten konnte, daß 
k k- * nn !. n hdraclaviculargegend die Beweglichkeit des Armes 
unbehindert läßt und noch verhältnismäßig am wenigsten schmerzt. 


Bei der Blutuntersuchung 24 Stunden nach der ersten In- 
jpKt ,o n war Widal negativ, die Agglutination trat erst fünf bis 
sechs Tage nach der ersten Injektion ein, bei den Untersuchungen 
nach der zweiten oder dritten Injektion stets positiv. Es mahnt 
jues zur Vorsicht bei der Verwertung der positiven Widalreaktion 
whufs Diagnose von Typhus ohne diesbezügliche Anamnese, ob 
Betreffender nicht prophylaktisch gegen Typhus geimpft wurde 
und dadurch den positiven Widal aufweist. Daß die Schutz¬ 
impfung nicht absoluten Schutz vor eventueller Typhuserkrankung 
gewahren kann, ist verständlich, da man durch die Impfung 
'eine Gewebsimmunität, wie nach überstandenem Typhus, er¬ 
warten kann. Die Schutzwirkung liegt ja darin, daß das Blut¬ 
ig® des Geimpften dieselbe Reaktion zeigt, wie das der an 
vpnus wirklich Erkrankten, das heißt, daß es Typhusbacillen be- 
ntiUf'Sen kann. Jedenfalls schützt die Impfung durch die aktive 
munisrnrung eine große Anzahl vor Erkrankung, vermindert also 
• e T? 1 v „ Typhuskranken, und da von den Typhuskranken, 
e diesbezügliche Untersuchungen beweisen, 4 °/ 0 zu Daueraus- 
K ei }® von Typhusbacillen und zu weiteren Verbreitern der 
Wo« u« fla( * ur . c * 1 werden, so wirkt die Schutzimpfung durch 
v“ 1 * dieser 4% auf diese Weise noch mehr auf die 
Minderung der Erkrankungszahlen ein. 

an doPr!-^^ 011 ist zwar an und für sich schmerzlos, macht aber 
und imar.^ 6 u 0DS8te ^ e Umgebung durch 48 Stunden Schmerzen 
nunwo MF*“ Spannungsgefühl; die allgemeinen Reaktionserschei- 
meist kJ? 61C ^ nwist nach fünf bis sechs Stunden ein, und zwar 
habe dio in-w- erz ’ ^ el3er auc h bis 39,0°, Unbehagen, Mattigkeit. Ich 
uehmpn p« k • en UI 9 6 Uhr abends gemacht, damit diese unange- 
sohrvioir.iJo ? inu . n f? en in der Nacht überwunden werden, trotzdem bei 
e rsohcinimo'oL e, ! n ^ fcen l< ? e Biaflosigkeit eintritt. Die stärksten Reaktions- 
gen traten eigentlich nur nach der ersten Injektion ein und 


äußerten sich in den oben angegebenen Symptomen, mitunter bestand 
auch Schüttelfrost, Uebelkeit. Am Abend eingenommenes Vs bis 1 g Aspi¬ 
rin beseitigte einen großen Teil der Erscheinungen, die auch sonst in der 
weitaus größten Anzahl der Fälle des Morgens schon schwanden, mit¬ 
unter noch am ganzen Vormittag andauerten. 

Unter den zehn geimpften Aerzten hatten nach der ersten In¬ 
jektion drei eine schlechte Nacht, Frösteln, Schlaflosigkeit, Unbehagen, 
schweren Kopf, und zwei waren am nächsten Morgen dienstunfähig. 
Von den 40 Schwestern hatten nach der ersten Injektion 12 Fieber. 
38,6 bis 39,5°, Schlaflosigkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, und fünf 
waren am nächsten Morgen dienstunfähig, von den 120 andern Be¬ 
diensteten waren zehn dienstunfähig am Morgen, mehrere konnten trotz 
der Injektion ungestört Nachtdienst machen. — Nachmittags fühlten 
sich schon nahezu alle Geimpfte gut, nur der lokale Schmerz war noch 
vorhanden. Nach der zweiten Injektion waren ein Arzt, zwei 
Schwestern und drei Bedienstete unfähig, den Dienst zu versehen. 
Diarrhöe und Uebelkeit trat in 500 Injektionen nur vereinzelt auf. 
Nach der dritten Injektion war niemand dienstunfähig, und diese rief 
überhaupt die geringsten Reaktionserseheinungen hervor. 

Ich selbst ließ mich stets vormittags impfen, um die Reaktions¬ 
erscheinungen aus eigner Erfahrung genau zu beobachten, doch gingen 
bei mir, wie auch bei andern Geimpften, alle Impfungen mit keinerlei 
Begleiterscheinungen einher, ich fühlte mich einmal etwas matter, 
konnte jedoch den ganzen Tag ungestört meine Tagestätigkeit fort¬ 
setzen. Ich sowie Dr. Aldor impften uns gegenseitig viermal (7 ccm). 
Die Beschwerden und Reaktionserscheinungen sind manchmal ganz 
unbedeutend, in allen Fällen aber von kurzer Dauer. 

Eine negative Phase ist nicht vorhanden, da alle Ge¬ 
impften während der 14 Tage von der ersten bis zur letzten 
Impfung auf der Abteilung permanent nur mit Typhuskranken be¬ 
schäftigt waren und man sicher von keiner erhöhten Empfäng¬ 
lichkeit für Typhus während dieser Zeit sprechen kann, wenn unter 
den 170 Geimpften nur zwei Personen nach der ersten Impfung an 
Typhus erkrankten. 

Von den Geimpften erkrankten ein Landsturmmann und eine 
Schwester 10 Tage nach der dritten prophylaktischen Impfung, und 
es war interessant zu beobachten, wie der Verlauf durch die Schutz¬ 
impfung gemildert war. Trotz des Fiebers war eine solche Euphorie, daß 
die Schwester immer vergnügt, nur gezwungen iin Bette blieb, ohne das 
Gefühl empfunden zu haben, durch die Krankheit unwillkürlich ans 
Bett gefesselt zu sein. Die Dauer des Fiebers war dabei gar nicht ab¬ 
gekürzt, nur wurden nie 39,0° erreicht, nur sehr selten war Kopf¬ 
schmerz. Milztumor war vorhanden, vereinzelte Roseolen, normaler 
Stuhl. Da die Schwester die ersten acht Tage mit dem Fieber herum- 
ging, ohne etwas zu sagen, wurden bei der bakteriologischen Unter¬ 
suchung im Blute nach dieser Zeit keine Bacillen gefunden, der Widal 
war dagegen durch die Schutzimpfung schon vor der Erkrankung 
positiv. Diese Schwester wurde therapeutisch nicht mit Vaccine be¬ 
handelt, da ich den einzigen Fall einer Erkrankung trotz dreimaliger 
Impfung unbeeinflußt durch therapeutische Eingriffe beobachten wollte. 

Die im Dezember aufgetretenen Hausinfektionen haben 
jedenfalls in den letzten Wochen aufgehört, und da die Be¬ 
deutung der Schutzimpfung durch die früher genannten Zahlen aus 
den Armeen sicher ist, so halte ich es für unbedingte Indikation, 
daß die mit Typhuskranken in ständigem Kontakt verbleibenden 
Aerzte, Pflege- und Wartepersonal obligatorisch pro¬ 
phylaktisch geimpft werden sollen. Der durch die Impfung 
in hohem Grade gewährte Schutz (angeblich durch zwei Jahre) 
gegen die Erkrankung verbleibt doch in keinem Verhältnis zu 
den ganz unbedeutenden damit verbundenen Unannehmlichkeiten. 
Es wundert mich daher, daß noch so viele sich scheuen, einem so 
kleinen Eingriffe sich zu unterziehen, um sieh mit so großer Wahr¬ 
scheinlichkeit gegen Typhus zu schützen, da ja zwar Erkrankungen 
trotzdem Vorkommen, doch in prozentual sicher sehr beschränkter 
Anzahl. 

Es ist zu hoffen, daß einerseits durch die allgemein einzu¬ 
führenden Schutzimpfungen die Zahl der Erkrankungen an Typhus 
sicher abnehmen, anderseits durch die therapeutische Vaccine¬ 
anwendung die Mortalität bedeutend herabgesetzt wird, sodaß der 
Typhus dadurch auch im Frieden aufhören würde, in der Morbidität 
und Mortalität der Menschheit seine bisherige Rolle zu spielen. 

M. H.I Ich bin mit meinen Ausführungen zu Ende und ich kann 
es zum Schlüsse nicht unterlassen, mit dankbarster Anerkennung 
hervorzuheben, daß unsere Behörden mit großzügiger, verständnis¬ 
voller Freigebigkeit unsere Anstalt durch vorzügliche Einrich¬ 
tungen, die Berufung ausgezeichneter Schwestern und entsprechen¬ 
der Anzahl von Aerzten, Einführung eigner Küchenregie, zu einem 
Musterspitale gestalteten, um unter Anwendung aller Behelfe unsere 
braven Soldaten, die ihr Leben fürs Vaterland einsetzten und deren 
Leben durch die schwere Krankheit in so hohem Grade bedroht 
ist, wieder gesund und kampffähig zu machen. 


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Gougle 


Original fram 

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482 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


Haut* und Geschlechtskrankheiten 
bei Kriegsteilnehmern 1 ) 

von 

Dr. E. Brinitzer, Altona, 

ordinierender Arzt am Reserve-Lazarett VI, Moortwiete. 

Während über die Zahl der Verwundeten und Gefallenen 
in unserm Heere schon jetzt regelmäßige Listen informieren, sind 
über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten wohl erst lange 
nach Friedensschluß genauere amtliche Mitteilungen zu erwarten. 
Die Schwierigkeiten einer genauen Zählung werden infolge der 
vielfachen Ueberweisungen, der Rückfälle, der Zurückstellungen 
der als krank Befundenen und der unter verschiedenen Diagnosen 
geführten Kranken recht groß sein. 

Seit dem Kriege 1870/71 hat sieh die Zahl der Geschlechts¬ 
kranken erheblich vermindert. Sie betrug 1870/71, nach jährlichem 
Zugänge berechnet, 44,3 :1000 Soldaten, in den nächstfolgenden 
Jahren, also in Friedensjahren, immer noch 43,3—38 :1000 
(Jahrgang 1873/74) und ist allmählich auf die jetzige Ziffer 
19,4 :1000 gesunken. Zu diesem Rückgänge hat die zweijährige 
Dienstzeit — erfahrungsgemäß wächst die Häufigkeit der Ge¬ 
schlechtserkrankungen mit der Länge der Dienstzeit —, der ver¬ 
ringerte Alkoholgenuß, die regelmäßige militärärztliche Kontrolle 
und die Prophylaxe, wenn sie auch vielleicht zumeist nur in einer 
größeren Reinlichkeit besteht, beigetragen. 

Die fremden Heere stehen in bezug auf die Verbreitung in den 
Friedensheeren wesentlich schlechter da als wir. Während wir 
1906/07 18,7 :1000 Zugang hatten, waren die Zahlen für Frankreich 
27,8, für das russische Heer 57, für das englische Heer 72 :1000. 

Es wäre möglich, w r enn einheitlich vorgegangen würde, die 
Kriegszeit zu benutzen zu einer intensiveren Bekämpfung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten als im Frieden. Es bietet sich die Gelegen¬ 
heit, klinisch-stationäre Behandlung durchzuführen in Fällen, in 
denen der Friedensberuf eine Arbeitseinstellung nicht gestatten 
würde, und für alle Geschlechtskrankheiten, Lues, Gonorrhöe und 
besonders den weichen Schanker, ist die Ruhe ein außerordentlich 
unterstützendes Moment. Des weiteren können wir, ohne erst 
immer ängstlich nach den Kosten fragen zu müssen, die Behand¬ 
lung so durchführen, wie wir es nach unserer wissenschaftlichen 
Ueberzeugung für das Beste halten. Das kommt insbesondere für 
die Salvarsanbchandlung und für die Wasser m a n n sehe Re¬ 
aktion in Betracht. Wir können auf Grund der Verträge mit sero¬ 
logischen Instituten in weitgehendstem Maße die Wasser¬ 
mann sehe Reaktion ausführen lassen. Ich habe in allen den 
Fällen — auch wenn keine Symptome da waren und irgendeine 
andere Krankheit (Gonorrhöe) die Aufnahme veranlaßt hatte — 
eine Wassermann sehe Reaktion machen lassen, in denen der 
Patient in der Anamnese angab, früher mal „Schanker“ gehabt zu 
haben. Die Zahl der Leute, die auf Grund einer solchen unklaren 
„Schanker“diagnose in der Ungewißheit und Furcht, Syphilis zu 
haben, herumlaiifen, ist außerordentlich groß. Wenn solche Leute 
niemals behandelt worden sind oder nur gänzlich unzureichend 
(Schmierkur acht bis vierzehn Tage), so kann man ihnen doch 
mit der negativen Wasserm an n sehen Reaktion eine Beruhi¬ 
gung verschaffen, die sie aus Mangel an Mitteln sich im Frieden 
nie hätten beschaffen können. In allen Fällen von Ulcus molle, 
wenn mindestens sechs Wochen nach dem letzten Verkehre ver¬ 
gangen waren, wurde die Blutuntersuchung gemacht, um zukünftig 
behandelnden Aerzten eine sichere Unterlage bieten zu können. 
In Fällen von positiver Wassermann scher Reaktion ohne 
Symptome haben wir uns ganz nach der Lage des Einzelfalls ge¬ 
richtet. Bei lange zurückliegender Infektion, und wenn einige 
Kuren* gemacht worden waren, haben wir nur den Patienten ge¬ 
raten sich nach dem Kriege behandeln zu lassen. Bei stark 
positiver Reaktion haben wir die Kur sofort durchführen lassen. 
F Bei weitem der größte Teil der Patienten hatte die Krankheit 
mitgebracht oder in der Garnison erworben. Von 750 besonders 
befragten Kranken hatten sich 13% im öffentlichen Hause, 27 % 
bei Straßendirnen und 60% „gelegentlich“ bei Verhältnissen usw. 
infiziert. 29% waren verheiratet. Dem Alter nach waren 72,6 % 
zwischen 20 und 30 Jahren, dann sinkt die Ziffer von Jahrfünft 
zu Jahrfünft auf 16, 8,8 und 2%. 22% waren an Syphilis, 71% 
an Tripper und 7% an weichem Schanker erkrankt. Auch von 
anderer Seite ist schon darauf hingewiesen worden, daß die Zahl 

' einem im Altonaer ärztlichen Verein am 20. Februar 191.5 

gehaltenen Vortrage. 


der weichen Schanker doch recht groß ist; vielleicht liegt das 
wohl auch an der sorgfältigeren „Schanker“diagnose. 

Wenden wir uns nun zu den Erfahrungen, die bei der Be¬ 
handlung gemacht wurden, so ist vor allem die Notwendigkeit 
zu betonen, daß die Haut- und Geschlechtskrankheiten sofort Spe¬ 
zialabteilungen zugeführt werden. Es wird meines Erachtens 
außerordentlich viel wertvolle Zeit dadurch verloren, daß Tripper¬ 
kranke in kleineren Lazaretten liegen, wo auch Verwundete unter- 
gebracht sind, und dann, wie es ja auch naheliegend ist, dem Arzte 
nur sekundäres Interesse abfordern. Sobald Platzmangel eintritt, 
werden sie einem andern Lazarett überwiesen; der Transport bei 
den derzeitigen Schwierigkeiten und die Formalitäten erfordern 
gewöhnlich zwei bis drei Tage, genügend Zeit, um ein Gonorrhöe- 
rezidiv möglich zu machen. Auch in bezug auf die Lues wird viel 
Zeit verloren dadurch, daß hei Auftreten eines Schankers erst auf 
sekundäre Erscheinungen gewartet wird, während eine rechtzeitige 
Spirochätenuntersuchung einen Zeit- und Behandlungsvorteil von 
einigen Wochen gebracht hätte. Und schließlich für die Haut¬ 
krankheiten ist eine Unterscheidung, ob sich überhaupt während 
der Kriegszeit eine Behandlung lohnt, außerordentlich wichtig. 
Wir haben eine Reibe von Krankheiten, Psoriasis, Lichen ruber, 
Alopecia areata, Ichthyosis usw., als „Friedenskrankheiten“ an¬ 
gesehen, das heißt gar nicht behandelt, beziehungsweise nur unter 
ganz besonderen Umständen (Lokalisation, Intensität). Ja, sogar 
Fälle von Lupus vulgaris bei aD' Oekonomiehandwerker beschäf¬ 
tigten Soldaten, die seit Jahren an nicht ulcerierenden Formen 
litten, haben wir dienstfähig belassen. Es läßt sich eine sorg¬ 
fältige Untersuchung und Behandlung der Haut- und Geschlechts¬ 
krankheiten ebensowenig in Allgemeinabteilungen durchführen, wie 
es für Augen- und Ohrenkrankheiten als selbstverständlich gilt. 

Die Zahl der als Gonorrhöe zugewiesenen Fälle, in denen 
mikroskopisch nur einfache Saprophyten zu finden waren, betrug 
etwa 10%. Diese Fälle wurden zumeist nach dreitägiger Beob¬ 
achtungszeit entlassen. Die großen körperlichen Anstrengungen 
haben zweifellos in Fällen von einfacher Urethritis eine Steigerung 
der Absonderung herbeigeführt; aber da man selbst bei wochen¬ 
langer Behandlung nicht versprechen kann, daß nicht bei Wieder¬ 
holung der Anstrengungen dieselben Erscheinungen wieder auf- 
treten werden, so kann man bei der Harmlosigkeit des Leidens 
die betreffenden Soldaten sofort wieder felddienstfähig bezeichnen. 

Recht häufig waren Fälle von sexueller Neurasthenie, leich¬ 
tere Fälle mit Klagen über Rückenschmerzen, Kreuzschmerzen 
usw., in denen die Beschwerden auf, früher durchgemachten 
Tripper, besonders Prostataerkrankungen, bezogen wurden, ohne 
daß objektiv ein pathologischer Befund erhoben werden konnte. 
Zumeist waren es Kaufleute, denen die Strapazen recht ungewohnt 
waren. Viel schwerer waren die Fälle, in denen eine neuropathi- 
sehe Anlage zugrunde lag. Bei Leuten, die zumeist bis zu ihrer 
Pubertät und vielfach auch noch nachher an Enuresis nocturna 
litten, war durch die seelischen Aufregungen des Felddienstes 
ein heftiger Tenesmus aufgetreten; es waren, da die betreffenden 
Patienten ihren Drang nicht zurückhalten konnten, sekundäre 
Cvstitiden entstanden. Diese Fälle, die fast durchweg ein familiäres 
Leiden darstellten und bei denen auffallend häufig Potus des 
Vaters festgestellt werden konnte, wurden nur als gamisondienst- 
fähig bezeichnet. 

Der Auffassung, daß spitze Kondylome für Gonorrhöe ohne 
weiteres pathognomonisch sind, begegnet man noch hier und da. 
Gonorrhöe liegt sehr häufig vor, ist aber nicht ausschließliche 
Ursache. 

Von ganz besonderer Bedeutung für die im Kriege so wich¬ 
tige Zeitersparnis scheint es mir zu sein, wie man sich zur Behand¬ 
lung der Urethralgonorrhöe bei Epididymitis stellt. Fast ganz all¬ 
gemein gilt noch der Grundsatz, bei Epididymitis jede Behandlung 
zu unterbrechen. Jadassohn hat stets darauf hingewiesen, 
daß man gerade in dieser Zeit, in der durch die Epididymitis» 
eine Abschwächung der Gonokokkenvirulenz eintritt, die Behand¬ 
lung der anterior und, wenn kein Fieberzustand da ist, auch der 
posterior fortführen solle. Verschlimmerung habe ich bei jahre¬ 
langem Vorgehen in dieser Weise niemals gesehen, dafür aber 
stets eine wesentliche Verkürzung des Verlaufs. 

Gegen den starken Blasen tenesmus möchte ich ganz beson¬ 
ders den zweimal täglichen Gebrauch von % mg Atropin, sult. 
in Pillenform oder in Lösung empfehlen. Die Wirkung ist doc 
eine viel promptere als mit den üblichen Suppositorien. 

Bei der Syphilisbehandlung haben wir in Pausen von zehn 
Tagen dreimal Neosalvarsan Dos. III gegeben. Früher wurden au 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


4SJ 


der Abteilung: sechs Altsalvarsaneinspritzungen zu 0,4 bis 0,6 ge- 
geben; hei der großen Zahl der Kranken wäre aber dieses Ver¬ 
fallt en doch wohl zu teuer geworden, und es erscheint auch ärzt¬ 
lich nicht erforderlich. Die von mir durch die Wassermannreaktion 
kontrollierten Erfolge, die; ich hei der Anwendung dieser mäßigen 
Menge von dreimal Dos. HI Neosalvarsan und gleichzeitiger aus¬ 
reichender Hg-Kur in meiner Privatpraxis hatte, sind durchaus 
befriedigend, wenn nur die Wiederholungskuren (also die 
chronisch-intermittierende Behandlung) richtig eingehalten wer¬ 
den. Als Hg-Kur wurden 10 bis 12 Hydr.-salieyl.- respektive 
Kalomelinjektionen von 0,1 beziehungsweise 0,05 gegeben. Vom 
01. einer, habe ich Abstand genommen, da es, wie kein anderes 
Hg-Mittel, bei nicht zureichender Mundpflege spät einsetzende 
und unangenehme Stomatitiden macht. 

Den Soldaten ist es nach der Entlassung doch unmöglich, 
den .Mund so sorgfältig wie erforderlich zu spülen. Ich habe keinen 
einzigen Fall von Stomatitis gehabt, trotzdem oder vielmehr weil 
ich keine Zahnbürsten brauchen ließ und mich nur auf recht häufi¬ 
ges Mundspülen mit Kalium-chlorium- beziehungsweise H,0 2 - 
Lösungen beschränkte. Besonderheiten im Verlaufe der Syphilis, 
durch den Krieg, konnte ich nicht feststellen. Die Zahl der extra¬ 
genitalen Fälle, der malignen und tertiären Fälle, der Tabes- und 
Paralysefälle, waren durchaus dem Verhältnis in der Zivilbevölke¬ 
rung entsprechend. Auffällig waren relativ viel einseitige Leisten- 
drüsenschweUungen in der Spätperiode bei positiver Wassermann¬ 
reaktion. Ob hier nicht neben den körperlichen Anstrengungen 
noch eine skrofulöse Veranlagung — zumeist waren latente Herde 
in der Lunge feststellbar — zur Entwicklung dieser Schwellungen 
beigetragen hat, scheint mir noch unentschieden. 

Zur Ulcera-mollis-Behandlung habe ich neben dem Jodoform 
mit gleich gutem Erfolge Natrium sozojodolicum verwandt. 

Unter den Dermatosen nahm den bei weitem ersten Platz die 
Scabies ein. Wenn auch zumeist die Krankheit beim Geschlechts¬ 
verkehr erworben wurde, so ließ sich doch in einer Reihe von 
Fällen der Ursprung auf gemeinsam benutzte Decken in den Ka- 
scruenstuben, auf nicht frischbezogene Wäsche in den Bürger¬ 
quartieren zurückführen. Außerordentlich zahlreich waren die 
fälle von Pyodermien, pustulöse Stellen an den verschiedensten 
Stellen des Körpers, die durch dienstliche Anstrengungen bei 
mangelnder Waschgelegenheit und wohl doch bei einer gewissen 
individuellen Empfänglichkeit entstanden waren. Die Behandlung 
id recht undankbar, recht lange dauernd. Am meisten Erfolg 
batte ich bei Ueherpinselung mit schwacher Jodtinktur (1 :10) 
und darüber Iehthiolzinkpaste. (Statt Amylum benutzte ich in der 


Die alkoholfreien Ersatzgetränke vom Standpunkte 
der öffentlichen Gesundheitspflege 

von 

Marine-Stabsarzt d. Res. Dr. med. Georg Fehsenfeid, Neuruppin, 
zurzeit Danzig. 

Die Alkoholfrage gewinnt immer mehr an Bedeutung und 
öffentlichem Interesse, seitdem das Wesen des Alkohols mehr 
jind mehr erforscht und seine unter gewissen Bedingungen vor¬ 
handenen Schädigungen erkannt worden sind. Dazu kommt., daß 
unsere Zeit einen großen Wert auf sportliche Betätigung und 
körperliche Ausübung jeder Art legt. Körperliche Leistungen 
81n jJ ja ebenso wie solche auf geistigem Gebiete bei längerem ge¬ 
wohnheitsmäßigen Alkoholgenusse nicht denkbar. Wie bei allen 
solchen Fragen, welche das öffentliche Interesse erregen, wird aber 
auch m der Alkoholfrage vielfach über das Ziel hinausgeschossen. 
i/ Zt A st au * e “ 1Ina l den Augen vieler der Alkohol der Feind 
gr ” uten unt * darum völlig abzutun, obwohl die Frage, ob ein 
mäßiger Alkoholgenuß schadet, noch gar nicht entschieden ist. 
aller rührt ja das Bestreben, wissenschaftliche Institute einzu- 
nehten, welche sich mit dieser Frage eingehend beschäftigen sollen. 
h . Doch der Alkohol hat auch seinen Wert. Die Wissenschaft 
at bewiesen, d a ß <j er Alkohol energetisch im Körper voll zur Ver¬ 
wertung kommt, daß er mit seinem kalorischen Wert entsprechende 
engen von Fett und Kohlehydraten vertreten kann. Aus diesem 
»runde ist auch z. B. seine Verwendung in reichlicher Menge zur 
oeKampfung der Acidosis bei Zuckerharnruhr [Lüthje (1)[, ferner 
da« Uten Erkrankungen, die von einer Herabsetzung des Ver- 
^vermögens begleitet sind, wie z. B. septischen Erkrankun- 
w *rm empfohlen worden. 


Zinkpaste Talcum.) Pediculosisfülle kamen nur vereinzelt vor, da 
ja die Heimatlazarette dieserhalb nicht in Anspruch genommen 
wurden. Vereinzelt kamen Trichophytiefälle (Gruppen von vier 
bis fünf Mann) zur Behandlung, Uebertragungen, die wohl im 
Massenquartier durch gemeinsam benutzte Handtücher usw. 
entstanden waren. Eine immerhin bemerkenswerte Zahl von 
Fällen, etwa 20, stellten die akuten nässenden Kopfekzeme, ent¬ 
standen durch das Tragen von alten Mützen. I)a die Zahl der 
Fälle aber, bei der großen Zahl von alten Mützen, die doch be¬ 
nutzt wurden, immerhin klein zu nennen ist, so muß doch wohl 
neben dem supponierten Erreger noch eine Prädispositiou 
(Seborrhöe) eine Rolle spielen. Die Behandlung mit 10 %igem 
Salicyl-Schweinefett (nach Veiel) bewirkte außerordentlich 
schnelle Abheilung. 

Neben den bisher getroffenen Maßnahmen zur Prophylaxe 
der Geschlechtskrankheiten, Verbot für die Soldaten, die öffent¬ 
lichen Häuser zu besuchen, st rengerer Sittenpolizei lieber lYbrr- 
wachung und Untersuchung der heimlichen Prostituierten und 
strengerer gerichtlicher Praxis ('Arbeitshausüberweisung) wäre es 
während der Kriegszeit nicht bloß im Felde, sondern auch in der 
Heimat geboten, den einzelnen Infektionsquellen mehr nachzu¬ 
gehen. Leider ist in einem recht großen Teil der Fälle eine 
genaue Ermittlung unmöglich, weil die Soldaten oft nur ungenaue 
Angaben machen können und es sehr häutig zweifelhaft bleiben 
muß, bei welcher von mehreren Frauen sie sich angesteckt haben. 
Ich stimme auch ganz den Autoren zu, die dafür eintreten, die 
Soldaten auf die prophylaktischen Maßnahmen hinzuweisen. Die 
Erfolge, die durch zielbewußte Prophylaxe unter allerdings wesent¬ 
lich einfacheren Verhältnissen bei der Marine erreicht sind, 
sprechen doch entgegen allen Einwänden dafür. Vor allem sollten 
aber die Soldaten darauf hingewiesen werden, sich sofort in 
ärztliche Behandlung zu begeben; die Fälle, in denen nicht schon 
ganz erhebliche Zeit nach der Infektion verstrichen ist, viele 
Wochen und Monate, sind selten. Hier in Hamburg-Altona werden 
in letzter Zeit von ärztlicher und von theologischer Seite am 
selben Abend Vorträge an größere Truppenninsscn gehalten, und 
ich möchte doch glauben, daß auch dadurch, daß an Verstand und 
Gefühl appelliert wird, einiges zu erreichen ist. 

Der Zeit nach dem Kriege wird es Vorbehalten bleiben 
müssen, in durchgreifender, systematischer Weise, unter Mitwir¬ 
kung der Schulärzte, Militärärzte, der Krankenkassen, genereller 
Blutuntersuchung aller Kranken in den Krankenhäusern, die Ge¬ 
schlechtskrankheiten, insbesondere die Syphilis, den eigentlichen 
„Erbfeind“, niederzukämpfen. 


Der Alkohol ist ohne Frage ein Nahrungsstoff. Als Nah¬ 
rungsmittel ini weiteren Sinne kann er aber nicht in Betracht 
kommen wegen seiner toxischen Eigenschaften. Aus demselben 
Grunde ist seine Verwendung als herzkräftigendes, herzanreizen¬ 
des Mittel zurüekgegangen. Manche „inneren Kliniker“ verwerfen 
den Alkohol als Stimulans vollständig. Denn auch Alkoholiker 
können ohne Alkohol über die Krisen hinweggeführt werden. — 
Dagegen ist der Alkohol als hervorragendes Genußmittel zu be¬ 
zeichnen. 

Als Genußmittel hat er seinen Wert, auch vom medizinischen 
Standpunkte. Denn wir müssen uns vor Augen halten, was wir 
von einem Genußmittel verlangen. Es soll auf die Geschmacks¬ 
und Riechnerven, auf Allgemeinbefinden und Appetit anregend 
wirken. Diese Bedingungen erfüllt das alkoholische Genußmittel. 
Dabei muß aber betont werden, daß nur geringfügige Mengen von 
Alkohol so wirken. Jeder übertriebene, also mißbräuchliche und 
gewohnheitsmäßige Genuß alkoholischer Genußmittel hat giftige, 
schädliche Folgen. Die richtige Bewertung dieser Wirkungen’ 
akuter und chronischer Natur hat zu der öffentlichen Bekämpfung 
des Mißbrauchs alkoholischer Getränke geführt. Das ist nur 
zu begrüßen. Die Folge ist auch deutlich bemerkbar. Beständig 
nimmt, der Verbrauch alkoholischer Genußmittel ab. Selbstver¬ 
ständlich kommen diese Erörterungen über den mäßigen Genuß 
des Alkohols nur für gesunde Menschen in Betracht; für gewisse 
Kranke, insbesondere Nervöse, ist er g a n z zu verbieten. 

Was aber bietet man an Stelle des alkoholischen Genu߬ 
mittels? Ein Ersatzgetränk ist notwendig. Denn der Mensch 
braucht Genußmittel nach der Ansicht vieler Autoren. Das geht 
aus ihrer physiologischen Bedeutung, welche in der von ihnen 
bewirkten Anregung zur Absonderung der Verdauungssäfte, in 


Abhandlungen. 


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der Anregung des Wohlbefindens überhaupt liegt, ohne weiteres 
hervor. Ferner muß man durch vollwertige Ersatzgetränke die 
Entsagung vom Alkohol auch möglichst erleichtern. Tee, Kaffee, 
Kakao, Mineralwässer sind Genußmittel, welche zum Teil die 
alkoholhaltigen Getränke zu ersetzen imstande sind. Sie finden 
infolgedessen z. B. bei Marschübungen des Militärs mit Vorteil 
ausgiebige Verwendung. Aber der Mensch verlangt noch etwas 
anderes, etwas, das gewissermaßen „gerade so schmeckt“, wie das 
alkoholische Genußmittel, ohne dessen schädliche Wirkung zu be¬ 
sitzen. 

Die Industrie hat es sich da zur Aufgabe gemacht, gleichsam 
als Ersatz an Stelle der zu vermeidenden alkoholischen Getränke 
solche zu schaffen, welche aus denselben Rohstoffen hergestelit 
werden, aber keinen Alkohol enthalten (2). Unter alkoholfreien 
Ersatzgetränken verstehen wir demnach hauptsächlich alkohol¬ 
freie Obst- und Fruchtsäfte und alkoholfreie 
Biere und Weine. 

Wie verhalten sich nun die alkoholfreien Ersatzgetränke vom 
Standpunkte der öffentlichen Gesundheitspflege? Können sie wirk¬ 
lich einen vollwertigen Ersatz darstellen für die alkoholischen Ge¬ 
nußmittel? Folgende Anforderungen müssen wir daher an sie 
stellen? 1. Sind sie unschädlich? 2. Haben sie Nahrungswerte? 
3. Sind sie ein Genußmittel? Das heißt, lassen sie sich längere Zeit 
ohne Widerwillen trinken? Sind sie ein gleichwertiges Genußmittel 
gegenüber den alkoholischen Getränken? 4. Sind sie nicht zu 
teuer im Preise? 

Die ersten beiden Fragen sind innig verbunden mit der Frage 
nach der Bedeutung und der Zusammensetzung der alkoholfreien 
Ersatzgetränke. 

Zum Keltern müssen die Früchte der Trauben- und Obst¬ 
sorten gesund und ausgereift sein. Die reifen haben einen größeren 
Zuckergehalt, besser entwickeltes Aroma und einen geringeren 
Säuregehalt als die weniger reifen. Die Beerenobstarten haben 
verhältnismäßig viel Fruchtsäure und mittelmäßigen oder geringe¬ 
ren Zuckergehalt. Ihre Säfte werden deshalb erst genießbar ge¬ 
macht durch Regulierung des Zucker- und Säuregehalts. Die 
Zusammensetzung der durch Keltern gewonnenen Säfte ist nicht 
immer gleich. Je nach der Witterung, von welcher die Reife ab¬ 
hängt, und nach der Obstsorte ist sie verschieden. Das zeigt z. B. 
folgende Analyse von Traubensaft (3). 


Zucker . . . 
Freie Säure . 
Eiweißstoffe . 
Extraktivstoffe 
und gebundene 
Säuren . . . 
Mineralstoffe . . 
Wasser . . . . 


Neroberger Steinberger 
Riesling Ausleso 
18,06 % 24,24 % 

0,42 „ 0,43 „ 

0,22 „ 0,18 „ 


4,11 „ 3,92 „ 

0,47 „ 0,45 „ 

76,72 „ 70,78 „ 


Hattenheimer 


1868 

1869 

23,56% 

16,67 % 

0,46 „ 

0,79 „ 

0,19 „ 

0,33 „ 


5,43 „ 5,17 „ 

0,44 „ 0,24 „ 

69,92 „ 76,80 „ 


Auf den ersten Blick fällt der hohe Gehalt an Fruchtzucker 
und an Pflanzensäuren und Mineralstoffen auf. Der Fruchtzucker- 
gehalt kann zwischen 10 und 30 °j n schwanken. Eine Apfelsaft¬ 
analyse (Norddeutsche Apfelkelterei Pomona in Rinteln) ergibt 
folgende Zusammenstellung (2): 


Gesamtextrakt . . . 

... 12 bis 14 g 

Gesamtzucker . . . 

... 10 

„ 12 „ 

Apfolsäure .... 

... 0,6 

n 0,8 „ 

Pflanzeneiweiß . . . 

... 2,4 

„ 3.2 „ 

Phosphorsäure . . . 


0,018 „ 

Schwefelsäure . . . 


0,008 „ 

Kali. 


0,173 „ 

Kalkerde. 


0,014 „ 

Magnesia. 


0,0125 „ 

Kieselsäure .... 


0,0026 „ 

Eisenoxyd. 


0,004 „ 


[Ausgegorene Traubensfifte enthalten demgegenüber meist 0,01 bis 
0,1, höchstens 0,25% Zucker (3). Nach Rubner finden sich in normalen 
Weinen Kohlehydrate beziehungsweise Zucker nicht (4).] 

Die Fruchtsäfte sind wegen des zersetzenden Einflusses der 
Fermente und Spaltpilze nicht ohne weiteres haltbar und müssen 
erst, damit sie nicht in Gärung übergehen, durch welche ihr 
Zucker in Kohlensäure und Alkohol übergeführt wird, haltbar ge¬ 
macht werden. Das kann entweder durch antiseptische Zusätze, 
wie Salicylsäure, Borsäure, Bora«x, Benzoesäure, Schwefeldioxyd, 
Thymol, Abrastol oder Asaprol, Formalin geschehen oder durch 
andere Verfahren, die im folgenden erörtert werden sollen. 

Die Salicylsäure mit ihrem unangenehmen widerlich süßen 
Geschmack wird in großen Mengen zum Konservieren verwendet. 
Ebenso gebräuchlich ist die schweflige Säure (5). Zur Vermeh¬ 


rung der Haltbarkeit halbverdorbener Getränke wird mit Vorliebe 
schweflige Säure gebraucht (3). 

Diese antiseptischen Konservierungsmittel werden in ganz 
geringen Mengen, die eben gerade zur Konservierung hinreichen, 
bei kurzdauerndem Genüsse, bei einem Gesunden Störungen des 
Befindens nicht veranlassen. Bei längerem Gebrauch aber wirkt 
schweflige Säure giftig, und ebenso muß von der Salicylsäure so¬ 
wie von den andern Konservierungsmitteln betont werden, daß 
die Möglichkeit einer Gesundheitschädigung gegeben ist, zumal 
wenn sie in dreister Weise zur Anwendung kommen. Magen-, 
Darm-, Gefäßstörungen (Erbrechen, Durchfälle, Blutungen), cere¬ 
brale Erscheinungen (Ohrensausen, Schwindel, Krämpfe), Nieren¬ 
reizungen können die Folgen sein (6). 

Ganz besonders ist das der Fall, wenn es sich um kranke 
schwächliche Menschen und um Kinder handelt. Außer der ge- 
sundheitsehadigenden Wirkung der Mittel selbst kommt aber noch 
ein anderes hinzu, wodurch sie als zur Konservierung nicht geeignet 
bezeichnet werden müssen. Durch ihre fäulniswidrige Wirkung 
ist die Möglichkeit zu unsauberem Hantieren gegeben. Die Sauber¬ 
keit wird zweifellos in vielen Fällen zu wünschen übrig lassen, 
wenn in den chemischen Zusätzen Mittel gegeben sind, welche die 
Folgen der Unsauberkeit, die Zersetzung der Genußmittel und 
Getränke, verhindern. Unreeller Handlungsweise wird dadurch 
Tor und Tür geöffnet. 

Aus diesen Gründen ist die Konservierung alkohol¬ 
freier Ersatzgetränke durch Zusetzen che¬ 
mischer Konservierungsmittel abzulehnen. Es 
ist dies um so eher möglich, als wir andere einwandfreie Methoden 
zur Konservierung der Frucht,säfte besitzen. 

Die Konservierung durch Wasserentziehung beruht auf der 
Erfahrung, daß die zersetzenden Keime nur lebensfähig sind bei 
Gegenwart einer gewissen Wassermenge (2). Eindicken von Zucker¬ 
lösungen über 40 °/ 0 macht diese haltbar; sie können infolge 
Wassermangels nicht mehr gären. Je mehr sich das Verhältnis 
von Zucker zu Wasser zugunsten des Zuckers ändert, d. h. je 
zuckerhaltiger die Lösung wird, desto mehr nimmt in ihr die 
Lebensfähigkeit der Keime ab. 

Eingedickte Fruchtsäfte, sogenannte Fruehtsirupe, halten 
sich, da sie einen hohen Zuckergehalt besitzen. Wegen des hohen 
Zuckergehalts sind sie unverdünnt als Ersatzgetränk ausge¬ 
schlossen, erst durch Verdünnen mit Wasser sind aus ihnen jeder¬ 
zeit erfrischende alkoholfreie Getränke herzustellen. 

Prof. Müller (Thurgau) hat zuerst eine Methode zur 
Sterilisierung von Fruchtsäften durch Wärme angegeben, welche 
auf dem Prinzip des Pasteurisierens beruht (7). Die entwickelten 
Keime werden bei 55 bis 60 0 vernichtet, ohne daß dabei die Frucht¬ 
säfte verändert werden. Die Säfte werden dadurch vollständig 
haltbar, weil eben die Gärung verhindert wird, und sind jahrelang 
in unverändertem Zustand aufzubewahren. Die Fruchtsäfte 
können unvermischt, oder nach Belieben mit Wasser oder kohlen¬ 
saurem Wasser versetzt, genossen werden. Die Kohlensäure, 
welche einen erheblichen Einfluß auf Frische und Wohlgeschmack 
hat, kann auch künstlich imprägniert oder durch unschädliche 
chemische Zusätze erzeugt werden. Unter dem Namen „Frada“ 
werden von der Allgemeinen Fradagesellschaft in Mainz kohlen¬ 
säurehaltige alkoholfreie Getränke aus Fruchtsäften hergestellt, 
bei denen die Kohlensäure durch Zuftigen von Zitronensäure und 
Natr. bicarbon. entsteht. Die Kohlensäure bleibt dabei in dem 
Getränke gelöst. 

So kann aus jeder beliebigen Fruchtart ein wohlschmecken¬ 
des alkoholfreies Getränk oder ein Sirup zur Bereitung von solchen 
gewonnen werden, indem man die durch Pasteurisieren oder 
durch Eindicken sterilisierten unvergorenen naturreinen Frucht¬ 
säfte dazu verwendet. Diese Getränke sind alkoholischen an 
Nahrungswert weit überlegen und haben nicht deren schädliche 
Alkoholwirkung. 

Ein anderes Verfahren, alkoholfreie Getränke zu bereiten, be¬ 
steht darin, daß vergorene Traubensäfte von dem bei der Gärung 
entstehenden Alkohol befreit werden. Es geschieht dies auf dem 
Wege der Vakuumdestillation (2). Dabei bleiben alle Bestandteile 
des Traubensaftes unverändert zurück mit Ausnahme des Alkohole 
und der Kohlensäure. Das Bukett des Weins wird teilweise er¬ 
halten, da die zusammengesetzten Aetherarten, die das Bukett 
bilden, einen hohen Siedepunkt besitzen (zirka 225 bis 230 °). Es 
soll auf diese Weise ein weinartiger Charakter des Getränks be¬ 
wahrt bleiben. Durcli Zusatz von Zucker und Imprägnieren von 
Kohlensäure wird ein dem Weinmost in der Zusammenstellung 
ähnliches Getränk erhalten. 


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UNiVERSITY OFI OW/ 
















25. April. 


Die Weinrückstände bei der Kognakdestillation können auf 
diese Weise verwertet und so ein billiges alkoholfreies Ge¬ 
tränk hergestellt werden. Auf dieselbe Art geschieht die Her¬ 
stellung alkoholfreien Bieres durch Vakuumdestillation (2). Alkohol 
und Kohlensäure entweichen, während die übrigen Stoffe unver¬ 
ändert bleiben. Aus dem Kondensat werden die riechenden Stoffe 
und das übergegangene Wasser durch fraktionierte Destillation 
vom Alkohol getrennt und dem Biere wieder zugesetzt, sodann 
das Bier mit Kohlensäure gesättigt. Man erhält ein Getränk, dem 
die gesundheitschädliche Wirkung durch Entfernung des Alkohols 
genommen worden ist. Eine andere Art der Herstellung von 
alkoholfreien Malzgetränken ist die Bereitung durch alkoholfreie 
Gärung (2). Unter Einwirkung eines Ferments, Leuconostoc dis- 
siliens, wird der Zucker in Kohlensäure und einen pflanzenschleim¬ 
artigen Nährstoff, die Dextranose, zerlegt. Geruch und Geschmack 
werden dabei nicht verändert. Das erzeugte Getränk ist bei Ab¬ 
schluß von Luft unveränderlich; es tritt keine Essigbildung auf, 
der z. B. die alkoholischen Getränke ausgesetzt sind. Es ist 
zweifellos ein unschädliches und an Nahrungswert gehaltreicheres 
Getränk, als das durch alkoholische Gärung aus der Malzwürze 
entstandene, da es die Dextranose, ein Nahrungsmittel, an Stelle 
des Alkohols enthält. 

Alkoholfreie Gärung bewirkt ferner die Milchsäure (2). Die 
Malzwürze wird durch Milchsäure angesäuert und der Ueberschuß 
an Säure durch Natr. bicarbonic. abgestumpft. Nach dem Im¬ 
prägnieren mit Kohlensäure wird so ein Getränk erhalten, das der 
einfachen sterilisierten Würze an Gescbinack und Haltbarkeit über¬ 
legen ist. 

Schließlich kommt entsprechend den unvergorenen Obstsäften 
die unvergorene Malzwürze als Getränk zur Verwendung, nach¬ 
dem ihr zur Verbesserung des Geschmacks Hopfenextrakt und 

S/Tn- re ir naCh X er8ch,edenen Vorschriften zugesetzt worden* 
sind (2) Die Konservierung geschieht auch hier am zweckmäßigsten 
durch das Pasteurisieren. In den alkoholfreien Malzgetränken 
steckt cm hoher Nährwert wegen des Gehalts an Malzextrakt und 
des Reichtums an Malzzucker, wodurch sie nahrhafter sind, als ge- 
i Hle u ,? erm in dem gegorenen Bier hat die Gärung auf 
rin % ' er ^ a to f e skGtgefunden, sodaß Zucker nur noch in ge¬ 
ringer Menge vorhanden ist. 6 

In 7u - C ;. deut schon und «sterreichischen Bieren schwankt der Zucker- 
« nd 1.2°?/o. Aus ihrem Alkoholgehalte, der 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


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q Q? j Ad, . ’ üiKonoicen 

(lii rh L 3 faT d r 4 ’1° /0 n SChwankt ’ kann n,an dehnen, wieviel Zucker 
AKolGäHmg zerlegt wird. Es entsteht ein Teil 
W T TO ?'°ol e r! 0n Zuckor ‘> al8 ° entsprechen 3,30 bis 
NahruVcrswcr? ?’ 72 bls , 8 ’f° /» Zucker der unvergorenen Würze, Dieser 
aanningswert geht demnach bei der Alkoholgärung teilweise verloren (3). 

schriphlnIn e Tr d ' ie aIkohoIfreien Ersatzgetränke in der eben be- 
SSf“ ^f lse e,nwand frei hergestellt, so haben sie ihre große 

erfüllt* ^ nSere l cr ®^ n . beiden Forderungen werden alsdann 
ertüllt, sie sind unschädlich und haben Nahrungswert. 

TrauhentlTl 6 ^ 1 * 611 ^ 11 S . afte be,ialten J a ihren ganzen Frucht- und 
mittel djuSim d n d ? n 0r £ anismus ein wertvolles Nahrungs- 
“ wird nhn • *, Der Zucker ist in d ^er Form leicht verdaulich, 
z ieh U nl wedere Umänderung assimiliert und ist in dieser Be- 
zucker^rniri^^y 0 ? a s der R °hrzucker, der erst in Trauben- 
lürden nmo F * niChtZU - cke i zerIegfc werden mi,ß - Der Zucker ist 
Muskehrh5? ni8mi l 8 f ne ^ uelIe der Energie, welche besonders der 
testgestellt kom , In . t u ”. d d ? ren Wirkung, wie physiologisch 

^ Tv sebr rasch in die Erscheinung tritt (8). 

sehen Sabel^wS^ e . 1 ! t J al ^ n f ornör einen Reichtum an minerali- 
Denn l mt * e ° ht auch Nährsalze genannt werden (9). 

zur Erhaltung* !r” ien 8,c ^ er ’ daß die mineralischen Bestandteile 
Nalirungsstoffe- ebenso wichtig sind wie die organischen 

leichter als d Ko? er verträ g fc eine völlige Karenz sogar 
zn erhalten a* 1 ^* Ohne Nährsalze ist das Leben nicht 
Durch sie wirri m dlG ist der Stoffwechsel gebunden, 

geschaffen und rnal!? 110 ^ 18 ^ 6 . S P annun g der Zellen im Organismus 
unserm Omanern ^ ll ^ rt * ist also von großer Bedeutung, daß 
geschieht in Z dl ? e Nah r salze ««geführt werden. Und das 
gen, namentlich 0inp IZ ! erter organischer Eiweißverbindun- 

ralstoffe nm?!™ d6 p Pf l a, ? zen reichs. Chemisch rein sind die Mine- 
und in unserer ? ? eicldlcker Obstgenuß ist daher zweckdienlich 
Schäden einer P ; n f v* W ° de 7 Kulturmensch sehr häufig an den 
s °nders zu emntehion^? U ? d falschen Ernährung krankt, ganz be- 
m alle lwL n ■?* , den '»'vergorenen Obstsäften haben wir 
h «ngt somit denliolh^ d ^ Obstes in flüssiger Form. Ihr Genuß 
dürfen dabpi »K fl S ■ f Nutzen, wie der der Früchte selbst. Wir 
r außer acht lassen, daß wir die Nährsalze 


auch durch andere Nahrung zu uns nehmen. Ihr Vorhandensein in 
den Fruchtsäften ist nicht etwas diesen allein Eigentümliches. 
Dennoch sind sie dadurch wertvoll. 

Der Reichtum der alkoholfreien Fruchtsäfte an milden Säuren 
hat nach Kühner (9) und Ahrenfeldt (10) noch eine andere 
Bedeutung. Die Fruchtsäuren haben eine keimtötende Wirkung, 
wie Robert Koch, Kitasato, von Noorden, Kellog 
und Andere nachgewiesen haben. Typhus-, Cholerabacillen gehen 
m Fruchtsäuren nach kurzer Zeit zugrunde. Diese Wirkung der 
Fruehtsäuren wird überschätzt. Denn der Magensaft desinfiziert 
infolge seines Gehalts von Salzsäure selbst, und für die 
Darmdesinfektion kommen die Fruehtsäuren gar nicht in Betracht, 
da sie in. tiefere Dannabschnitte überhaupt nicht gelangen. Im 
oberen Teile des Duodenums werden die Säuren sofort abgestumpft; 
das ist notwendig, weil sie sonst die Pankreassaftwirkung stören 
würden. 

Die alkoholfreien Fruchtsäfte sind demnach wegen ihres 
großen Gehalts an Stoffbildnern, an Zucker und Mineralstoffen, ein 
wirkliches Nahrungsmittel (11). Für Gesunde und auch für Kranke 
haben sie deshalb ihre große Bedeutung. Mit Vorteil werden sie 
bei allen Erkrankungen der Ernährung, der Erschöpfung, bei 
Anämischen und Chlorotischen, bei Fiebernden als erfrischendes 
und zugleich ernährendes und leichtverdauliches Getränk ver¬ 
ordnet (12). 

Von Abstinenzgegnern wird zuweilen behauptet, daß die un¬ 
vergorenen Fruchtsäfte einen ungünstigen Einfluß auf die Ver¬ 
dauungsorgane ausübten (7). Der reichliche Gehalt an Zucker kann 
unter Umstünden eine solche Wirkung hervorrufen. Menschen, die 
nicht an reichlich Zucker gewöhnt sind (z. B. bei schwachem 
l ankreas), können wohl nach dem Genuß von Fruchtsäften Durch- 
falle bekommen. Aber das dürfte zu den Ausnahmen gehören. 
Die leicht abführende Wirkung, die manche Fruchtsäfte haben 
kann anderseits nach Strauß (13) sogar von diätetischem Werte 
sein und darum Berücksichtigung verdienen. 

Im allgemeinen wird niemand von reifen Früchten sagen daß 
ihr Genuß schädlich sei. Und was sind denn die Fruchtsäfte 
anderes, als der ausgepreßte Saft reifer Früchte und Trauben, aller- 
dings in konzentrierter Form? Diese kann unter Umständen sogar 
für die Ernährung von großem Werte sein. Eine verdauungsschäd- 
Uche Wirkung könnte noch zustande kommen, wenn es sich um 
den Genuß bereits in Gärung befindlicher Fruchtsäfte handelt 
welche mit Zersetzungskeimen überladen sind und dadurch aller¬ 
dings zu Störungen infolge von Darmgärung führen können. Ganz 
anders verhält es sich aber bei dem Genüsse sterilisierter Frucht- 
safte, die ja völlig frei von Keimen sind. Gärungserscheinungen 
sind da völlig ausgeschlossen. 

Wir kommen nunmehr zu der dritten Forderung, die wir 
an die alkoholfreien Ersatzgetränke zu stellen haben: Sind die 
Er satz ge tränke ein Oenußmittel und als sol- 
ches gleichwertig den alkoholischen Genuß- 
in 11 v 01 n ; 

Man hört oftmals, daß der weiteren Verbreitung der alkohol¬ 
freien Ersatzgetränke der ausgeprägt süße Geschmack hindernd 
rntgegenstände (7). Bas trifft zweifellos zu. Zwar kann man dem 
bis zu einem gewissen Grade begegnen. Einmal ist es möglich 
sich an das Süße zu gewöhnen, seinen Geschmack allmählich um- 
zust'mmen. Sodann kann man den Zuckergehalt der Getränke 
selbst beeinflussen. Je nach dem Grade der Reife, ob die Vor- 

a Cr S rm ?, früh od :’ r 8 P ät stattgefunden hat. ist der Zucker¬ 
gehalt der Fruchte verschieden. Auch die einzelnen Sorten sind 
verschieden säure- und zuckerhaltig, sodaß durch Mischen der 
se hen eine gewisse Abstufung möglich ist und so den mann"- 
L.!f“- A j Pr \'r genügt werden kann. Schließlich erhalten 
BesHU 7- m de " hefever f : ' ,r ™™ Säften, denen der Alkohol durch 
Destillation genommen ist, Getränke, welche zwar den für die Er 

SÄf*» w,ch “^. n Z "<'äer größtenteils vermissen lassen abe7 

dafür auch nur wenig süß sind (9). ’ oer 

Trotz allem muß ich aber nach meinen eignen Erfahrenen 
3 e " ~• l Ch - ha -n d n Erzeugnisse von 14 Firmen durchgekosfet 
Undn " r ' st . e "! ™ ßer Geschmack an und für sich nicht un ngene m 
daß auf die Dauer der süße Geschmack widersteht. Aus dem 
selbem Grunde ist ja auch der Konsum süßer Biere geringer als 
der bitterer. Je ausgesprochener der siiße Gesehmafk isf desto 
rascher hört das Behagen daran auf. Es ist genau so wie bei einer 
wohischmeckenden Speise, die, zu ausgeprägt im Geschmack 

fVnnßm^i l"'Tri r r Da " n , lif 'F t cb «‘ n <>« Reiz des alkoholischen 
Gtnußm ttels, (laß dieser Ueberdruß viel weniger leicht eintritt. 

Mit dem Reichtum an Zucker hängt es auch zusammen, daß 


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4SG 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


so schnell das <i<‘fiilil von S:ltti*jrun<r ointritt. Nach zwei bis drei 
Weingläsern unverfrorenen Traubensaftes schon verspürt man ein 
lästiges Gefühl von Völligkeit im Magen, das vielen Menschen den 
Genuß der Ersatzgetränke verleiden wird. Man wird einwenden, 
daß es ja auch nicht nötig sei, mehr zu trinken. Gewiß, man kann 
sogar noch weniger trinken. Aber die Getränke sollen einen Er¬ 
satz darstellen, und dann muß man auch denselben Maßstab an sie 
legen wie an die alkoholhaltigen Getränke. 

Der Genuß, das Behagen an einem Getränke wird weiter 
bestimmt durch seinen Duft. Wie verhält es sich damit bei den 
ErsatzgetränkenV Ihnen fehlen die Gärbuketts. Diese Stoffe, äthe¬ 
rische Gele, entstehen erst bei der Gärung und sind in ihrer Zu¬ 
sammensetzung nicht bekannt. Denselben Duft können wir also 
bei alkoholfreien Getränken nicht haben. Bunge (14) sagt, das 
sei auch nicht nötig; man mache immer den Fehler, danach zu 
trachten, daß die alkoholfreien Getränke alle Eigenschaften der 
Weine und Biere haben sollten; und das sei verkehrt. Darin stimme 
ich ihm bei. Aber von ErsatzgetrÜnken muß man füglich erwarten, 
daß sie in jeder Beziehung einen gleichwertigen Ersatz tatsächlieh 
bitten. Und den gewähren sie, was die Duftstoffe anbelangt, nicht. 
Ein größere« Wohlgefallen linden die meisten Menschen zweifellos 
an dem Dufte der hefevergorenen Getränke, ln dein Dufte liegt 
zum großen Teile das Geheimnis ihres Genusses. Gewiß haben die 
alkoholfreien Trauben- und Gbstsäfte ebenfalls Geruchstoffe, ihr 
Aroma; Walderdbeeren, Ananas. Himbeeren, Mirabellen, verschie¬ 
dene Apfelsorten usw. duften ohne Frage sehr lieblich, übertreffen 
vielleicht sogar das Aroma vergorener Weine, wie M ii 11er (Thur¬ 
gau') (7) meint. Aber letzten Endes kommt es doch nicht darauf an, 
welcher Einzelgeruch hei dem einen oder dem andern Getränk 
In sser vorhanden ist, sondern der Gesamteindruek ist maßgebend, 
den die Riechnerven des Trinkenden empfangen, und da steht 
meines Erachtens der Duft der alkoholfreien Ersatzgetränke hinter 
dem der vergorenen Getränke zurück. Sie sind zwar ein Genuß- 
mittel, doch nicht in demselben Grade wie die alkoholische» Ge¬ 
tränke. 

Ich komme nunmehr zu der Besprechung des letzten Punktet* 
unserer Anforderungen an die alkoholfreien Ersatzgetränke. Wie 
v e r h a 11 e n sich die Herstellungskosten und d i e 
Preise i in H an d e 1 ? 

Die Methode der Pasteurisierung ermöglicht die Herstellung 
v«»ii alkoholfreien Ersatzgetränken aus Trauben- und Obstarten im 
Kleinbetriebe. Vorzügliche Sterilisierapparate, wie „Weck“ und 
..Rex",siml für dcnKleinhetrieh konstruiert worden! doch sind diese 
Apparate, welche immerhin zu Anfang größere Kosten verur¬ 
sachen, nicht durchaus notwendig. Rudolf L e u t h o 1 d (Wädens- 
wil) (15) hat ein offenes Sterilisierverfahren angegeben, welches 
keine Anschaffung von besonderem Material au Gläsern usw. ver¬ 
langt und daher einfacher und billiger als andere Verfahren ist. 
Für HM) Flaschen Birnensaft berechnet er die Kosten bei eigner 
Herstellung auf 20 M„ sodaß so ein billiges Hausgetränk herzu¬ 
stellen ist. Diese Berechnung ist für die hiesigen Verhältnisse 
entschieden zu niedrig. Das Obst ist hier nicht so billig, daß eine 
Herstellung von 100 Flaschen Saft für 20 M möglich wäre. In 
einem besseren Haushalte kann man zudem eine solche Herstellung 
von Säften wohl erwarten, nicht aber in einer Arbeiterfamilie. 
Denn die Herstellung erfordert außer den Kosten Zeit, und die 
fehlt gewöhnlich da. wo jedes Mitglied der Familie auf Arbeit, zu 
gellen gezwungen ist. Für sie wird meist das fabrikmäßig herge¬ 
stellte Getränk in Frage kommen. Wie sind die Kosten dafür? 

Die Preise der fabrikmäßigen Herstellung von alkoholfreien 
Ersatzgetränken, namentlich von Apfel- und Birnensäften, sind 
zwar nicht sehr beträchtlich, aber doch höher, als die Herstellung 
der alkoholischen Getränke kostet. Einigermaßen ausgeglichen 
wird nach Müller (Thurgau) (7) der Unterschied dadurch, daß 
von den Erzeugnissen der alkoholischen Gärung immer viel verdirbt 
und der Konsument dafür mitbezahlen muß. Der Verlust wird 
auf d! : Preise der zum Verkauf kommenden Weine und Biere auf- 
geschlagen. Boi den alkoholfreien pasteurisierten Getränken 
kommt ein Verderben so gut wie gar nicht vor; infolgedessen wird 
auch der Preis dadurch nicht mehr gesteigert. 

Die Preise im Handel für eine ganze Flasche OG | alkohol¬ 
freien Trauhen saftes bewegen sich zwischen den Werten von 

IjO_3 M, für alkoholfrei! Schaumweine zwischen 1,30—3 M. 

für Apfel-.. Birnen-, Beerensäfte zwischen 0,50—1 M. J 0 nach 
der Qualität der Trauben- und Obstsorten schwankt der Preis. 

Die Preise der alkoholfreien Biere sind etwas höher, als die 
der verlorenen Biere; konzentrierte Malzextrakte kosten mIk Mich 
mehr. Ein Kilogramm Schiffsmiimme kostet z. B. 3 M. Allerdings 


muß man bedenken, daß diese Extrakte meist nur stark verdünnt 
genossen werden. Immerhin, als Volksgetränk sind sie zu teuer. 

Fassen wir nun noch einmal zusammen, was wir über die 
alkoholfreien Ersatzgetränke entsprechend den eingangs aufge¬ 
stellten Anforderungen festgestellt haben. Wenn sie in der be¬ 
schriebenen Weise einwandfrei hergestellt sind, sind die alkohol¬ 
freien Ersatzgetränke nicht gesundheitschädlich. Sie haben ferner 
einen hohen Nährwert, sodaß sie geradezu als Nahrungsmittel be¬ 
zeichnet werden können. Sie sind wohlschmeckend und aromatisch 
und daher ein Genußmittel; doch sagt ihr Geschmack meist, gerade 
wegen ihres hohen Nahrungswerts an Zucker, auf die Dauer nicht 
zu. Der Genuß läßt allmählich nach. Ein gleichwertiges Genuß- 
mittel im Sinne der alkoholischen Getränke sind sie meines Er¬ 
achtens nicht. Ihr Preis ist an und für sich nicht beträchtlich, 
aber für ein allgemeines Volksgenußmittel dennoch zu hoch. Ins¬ 
besondere zum Ersatz für alkoholische Genußmittel sind sie zu 
teuer, da diese billiger sind. 

Trotzdem müssen wir sagen, daß die alkoholfreien Ersatz¬ 
getränke wegen ihres hygienischen Wertes die größte Beachtung 
verdienen. Die Industrie hat bereits einen gewaltigen Einfang 
angenommen und hat alle heimischen und viele fremdländischen 
Erzeugnisse der Obstkultur verarbeitet. Es sind recht gute alkohol¬ 
freie Getränke aus ihnen gewonnen, die man nur empfehlen kann. 

Bei der steigenden Nachfrage nach alkoholfreien Getränken 
und iiirer zunehmenden Bedeutung für die öffentliche Gesundheits¬ 
pflege liegt es auch nahe, festzustellen, ob die auf den Markt ge¬ 
brachten alkoholfreien Ersatzgetränke in ihrer Zusammensetzung 
auch wirklich immer den an sie zu stellenden Anforderungen ge¬ 
nügen. Es liegt ja auf der Hand, daß gerade bei dieser Art von 
Genußmitteln in unlauterer Absicht Fälschungen begangen werden. 
Die Untersuchungen an den öffentlichen und privaten Unter¬ 
suchungsämtern Indien ergeben, daß solche als alkoholfrei und 
naturrein angepriesenen und verkauften Fruchtsäfte, Biere und 
Weine oft gerade das Gegenteil von dem in ihrer Zusammensetzung 
darstrllen (16). 

Der Alkoholgehalt der beanstandeten Getränke geht trotz 
ihrer Aufschrift „a 1 k o h o 1 f r e i“ bis zu jedem Grade des Alkohol¬ 
gehalts alkoholischer Gcnußmittel. Nicht allein, daß aus Kern¬ 
gehäusen. Schalen und andern Abfällen der Dörrobstfabrikation 
sogenannte alkoholfreie < „F r u c h t s ä f t e“ hergestellt werden, 
eine Bezeichnung, welche ihnen laut Urteil des Kammergerichtsund 
Reichsgerichts nicht zukommt, da sie nur halbsoviel Extrakt als 
zum Beispiel echter Apfelsaft enthalten; es werden sogar mit den 
Namen „naturreine Fruchtsäfte“ Produkte belegt, die überhaupt 
keinen natürlichen Saft, enthalten. Es sind wertlose Kunstpro- 
dukte, aromatisierte und künstlich gefärbte Zuckerlösungen. Mit 
Anilin- und Teerfarben, Weinsäuren, Citronenöl, Phosphorsäure 
wird da viel gearbeitet. Als „alkoholfreier Sekt“ erscheinen Ge- 
Iranke im Handel, die den Eindruck erwecken, als ob sie aus 
Eriichtsäften hergesfellt seien, während sie in Wirklichkeit die 
Grundstoffe einer künstlichen Brauselimonade enthalten. Bas 
Schäumen von Limonaden wird vielfach durch Zusatz von saponin- 
haltigen Stoffen bewirkt, was hygienisch nicht einwandfrei ist 
Solange nicht die giftigen Saponine von den nicht giftigen zu 
unterscheiden sind, ist der Zusatz entschieden unzulässig. Als 
Fälschungen müssen auch stark gewässerte Fruchtsäfte oder mit 
Nachpresse verdünnte Fruchtsäfte gelten, wenn sie als alkohol¬ 
freie „Fruchtsäfte“ in den Handel gebracht werden. Denn es ist 
unter dieser Bezeichnung eben nur der reine, durch Auspressen 
gewonnene Fruchtsaft zu verstehen. Zur Erhöhung des Frucht* 
Zuckergehalts der Säfte wird Stärkesirup, Rohrzucker, Capillärsirup 
zugemischt. 

Zur Konservierung der Fruchtsäfte ferner ward sehr häufig 
Salicylsäure, schweflige Säure, Formalin zugesetzt (17). Zusätze 
von 0,3 bis 0,46"sind nicht ungewöhnlich, sind sogar bis 0,4 {0 
nachgewiesen. Wie schon früher dargelegt ist, müssen alle diese 
Konservierungsmittel als ungeeignet bezeichnet werden. Es sm 
dadurch Gesundheitschädigungen möglich (18). Nach einem Gu- 
achten der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinal wesen 
in Berlin ist jeder Zusatz von Salicylsäure unzulässig. Es mu 
sodann unbedingt verlangt werden, daß auf den Aufschriften de 
Flaschen unzweideutig über die Zusammensetzung des Getrau^ 
Aufschluß gegeben ist. Der Konsument darf darüber nicht 
täuscht werden durch Auslassungen oder Zweideutigkeiten. 
Urteil in diesem 8inn ist vom Strafsenat des Königlichen Kaiiinn 
! gerichts in Berlin vom 29. Dezember 1902 gefällt worden. 

' lieber den Begriff, was „alkoholfrei“ ist, heir^ 11 

| Meinungsverschiedenheiten. Als geistiges Getränk im 8mne 


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§ 33 RGO. ist nicht jedes weingeistige Getränk aufzufassen, son¬ 
dern nur, wenn es durch seinen Alkoholgehalt berauschend wirkt, j 
Als unterste Grenze gilt 1 bis 2 °/ 0 Alkoholgehalt. Dadurch ist 
es klar, daß Getränke mit weniger Alkoholgehalt als alkoholarm 
gelten oder sogar als alkoholfrei angesehen werden. Das Deutsche 
Nahrungsmittelbuch läßt 0,5 g Alkohol in 100 ccm als alkohol¬ 
frei gelten. Auf demselben Standpunkte stehen viele Unter¬ 
suchungsämter, während andere nur bis 0,3 °/ 0 als höchstes zu¬ 
lässiges Maß gelten lassen, mit der Begründung, die Bezeichnung 
„alkoholfrei“ habe nur Geltung in technischem Sinne, während in 
Wirklichkeit fast alle die alkoholfreien Getränke etwas Alkohol, 
biß 0,3 °/ 0 , enthielten. 

Bei der Bezeichnung „alkoholfrei“ sollte meines Erachtens 
auch wirklich auf absolute Alkoholfreiheit gesehen werden. Ge¬ 
stattet man erst einen gewissen Grad von Alkoholgehalt, so be¬ 
steht die Gefahr, daß unter diesen überhaupt kaum noch herunter¬ 
gegangen wird und schließlich auch die Grenze überschritten wird. 

Gerade im Interesse der völligen Abstinenz, zum Beispiel bei 
geretteten Trinkern, kann nicht dringend genug auch vor einem 
Minimum von Alkohol gewarnt werden. Der Einwand, daß wegen 
des Fernbezugs der Früchte diese oft schon in Gärung über¬ 
gegangen sind oder die Säfte wegen des Klärens aus gegorenen 
Säften hergestellt werden müssen und darum ein geringer Alkohol¬ 
gehalt nicht zu vermeiden sei, ist nicht zulässig. In solchen Fällen 
soll die Bezeichnung „alkoholfrei“ nicht angewandt und der 
Alkoholgehalt angegeben werden oder die Bezeichnung „alkohol¬ 
arm“ an die Stelle treten. 

In den letzten Jahren hat sieh in der Fabrikation alkohol¬ 
freier Ersatzgetränke eine erfreuliche Besserung bemerkbar ge¬ 
macht (16), seitdem von der Freien Vereinigung deutscher Nah- 
rungsmittelchemiker Grundsätze zur Beurteilung der Getränke auf¬ 
gestellt worden sind und die Fabrikanten wissen, worauf es an¬ 
kommt. Eine große Zahl sehr guter alkoholfreier Weine, Biere 
und sterilisierter Fruchtsäfte gibt es, und beständig erscheinen neue 
reelle Fabrikate. 

Nach allem, was wir gesehen haben über die alkoholfreien 
Ersatzgetränke, ist ihre weiteste Verbreitung zu wünschen und zu 
fördern. Und dennoch gelingt es so recht noch nicht, ihnen überall 
Eingang zu verschaffen. Woran liegt das? Die öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege hat ein zweifaches Interesse, nach den Gründen 
zu fragen. Denn in demselben Maße, wie der Konsum der alkohol¬ 
freien Ersatzgetränke zunimmt, nimmt ja der Alkoholgenuß ab. 
Zum Teil finden wir eine Erklärung in dem Preise, der für die 
Ersatzgetränke zu hoch ist, sodann in denjenigen Eigenschaften, 
welche die alkoholfreien Ersatzgetränke mehr als ein wohl¬ 
schmeckendes Nahrungsmittel denn als ein hervorragendes Genu߬ 
mittel erscheinen lassen. Allein ist es das aber nicht. Es sind 
noch andere Ursachen, auf die ich zum Schlusse kurz hinweisen 
möchte, die meines Erachtens nicht zu unterschätzen sind und 
außerhalb des Charakters der alkoholfreien Ersatzgetränke liegen. 

Es ist mit schuld daran der Despotismus der öffentlichen Mei¬ 
nung (19), die glaubt, daß ohne Alkohol heitere Geselligkeit nicht 
möglich sei, und dadurch die alkoholfreien Ersatzgetränke in Mi߬ 
kredit bringt. Ferner wird oft ein großer Mißbrauch mit der 
angeblichen Unschädlichkeit des sogenannten mäßigen Alkohol- 
genuases getrieben (19). Was für den einen einen mäßigen Alkohol- 
genuß bedeutet, ist für den andern schon viel. Und selbst der I 


mäßigste Genuß ist in vielen Fällen, weil schädlich, noch zu viel. 
Wie es zweifellos falsch ist, jeden Alkoholgcnuß überhaupt zu ver¬ 
urteilen, so verkehrt ist es, einen mäßigen Alkoholgenuß in jedem 
Fall als unschädlich zu bezeichnen. Damit w r erden falsche Vor¬ 
stellungen hervorgerufen und die Alkoholgefahr leicht als über¬ 
trieben eingeschätzt. Denn suggestiv wirkt auf alle Schichten der 
Bevölkerung das Schlagwort von dem mäßigen Alkoholgenusse, 
welches sich stützt auf tatsächliche oder gefälschte Aussprüche 
berühmter Männer über das Trinken, auf poetische Verherrlichun¬ 
gen des Alkohols, auf eine Reihe von Vorurteilen medizinischer 
und gesellschaftlicher Natur (20). Produzenten und Interessenten 
der Alkoholindustrie nutzen das aus und schüren soviel wie mög¬ 
lich gegen die Antialkoholbewegung. 

Der Kampf aber gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 
muß mit aller Energie geführt werden und kann nur von jedem ein¬ 
sichtigen Menschen aufs wärmste unterstützt und gefördert wer¬ 
den. Man braucht deshalb durchaus nicht ein Anhänger fanatischer 
Abstinenz zu sein, welche stets zu Uebertreibiingen gelangt 
ist (21, 22). Gewiß wird in vielen Fällen eine völlige Enthaltsam¬ 
keit zweckmäßig und notwendig sein. Das ist dann aber kein 
Schaden, denn man kann gesund, rüstig, heiter und gesellig sein 
ohne einen Tropfen Alkohol, 

Wenn man das erfaßt hat, wird man auch den Nutzen recht 
erkennen, den die alkoholfreien naturreinen Obst- und Fruchtsäfte 
uns bieten. Es möge Alkohol trinken, wer keine Gesundheits- 
Schädigung davon hat. Man soll aber auch duldsam sein gegen 
den, der sich vom Alkohol ab- und den alkoholfreien Ersatz- 
getränken zuwendet, sei es, daß er aus irgendwelchen Gründen 
dazu gezwungen ist, sei es, daß er freiwillig dazu kommt. Es ist 
durch nichts gerechtfertigt, jemand solchen Entschluß zu er¬ 
schweren und zu verleiden, aus Vorurteil und aus selbstsüchtigen 
Beweggründen, wie es so oft geschieht. Denn die alkoholfreien 
Ersatzgetränke sind hygienisch wertvoll und im Kampfe gegen 
den Mißbrauch alkoholischer Getränke von unzweifelhaftem 
Nutzen. 

Literatur: 1. H. Lüthje, Neuere Ergebnisse auf dem Gebiete des Dia¬ 
betes. (Jkurs. f. ärztl. Fortbild. 1910.) — 2. E. Luhmann, Die Industrie 
der alkoholfreien Getränke. (A. Hartlebens Verlag. 1905.) — 3. K. B. Leh¬ 
mann, Die Methoden der praktischen Hygione. (1901.) — 4. Max Rubner, 
Lehrbuch der Hygiene. (1900.) — 5. Hermann Walbaum, Die Gesundheits¬ 
schädlichkeit der schwefligen Säure und ihrer Verbindungen uuter besonderer 
Berücksichtigung der freion schwefligen Säure. — 6. Rudolf Robert, Lehr¬ 
buch der Intoxikationen. (1906, Bd. 2.) — 7. Müller (Thurgau), Die Herstellung 
unvergorener und alkoholfreier Obst- und Traubenweine. — 8. R. Tigerstedt, 
Lehrbuch der Physiologie des Menschen. (Bd. 1, 1897.) — 9. Kühner, Alko¬ 
holschäden, die Hilfe. — 10. Martin Ahrenfeldt, Alkoholfreie Obst- und 
Fruchtsäfte. — 11. Johannes Schneider, Alkoholfreie Getränke und Er¬ 
frischungen für Gesunde und Kranke. — 12. Jordy (Bern), VII. Congrös inter¬ 
national contre Tabus des Boissons Alcooliques: Boissons hygiöniques non alco- 
oliques. Des vins sans aicool. (Jus de raisins störilisös.) — 13. H. Strauss, 
Vorlesungen über Diätbehandlung innerer Krankheiten vor reiferen Studierenden 
und Aerzten. (1908.) — 14. G. Bunge, Was sollen wir trinken? (Int. Mschr. 
z. Bekämpf, d. Trinksitt.) — 15. Rudolf Leuthold (Wiidenswiel), Selbsther¬ 
stellung alkoholfreier Obst-, Trauben- und Beerensäfte. (Verlag für deutsche 
Kultur und soziale Hygiene, Renkingen.) — 16. Uober die Tätigkeit des chemi¬ 
schen Untersuchungsamts der Stadt Dresden im Jahre 1911. (Pharm. Zentral¬ 
halle.) — 17. Uebersicht über die Jahresberichte der öffentlichen Anstalten zur 
technischen Untersuchung von Nahruugs-nnd Genußmitteln im Deutschen Reiche 
für das Jahr 1906. — 18. L. Lew in, Die Nebenwirkungen der Arzneimittel. 
— 19. P. A. Ming, Durst und geistige Getränke. — 20. Georg Bonne, Ueber 
die Bedeutung der Suggestion in der Alkoholfrage. — 21. Sternberg, Ueher- 
treibungen der Abstinenz. (1911.) — 22. Kauffmann, Kritik der fanatischen 
Alkohol-Abstinenzbewegung. (1913.) 


Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus der Kinderheilstätte Bad Elster. 


Eine billige Oehhülse 

von 

San.-Rat Dr. P. Köhler. 


^ Kranke, bei denen es sich darum handelt, ein Bein ruhig¬ 
zustellen und zu entlasten, hat sich mir seit Jahren eine einfache 
mpsgehschiene bewährt, die rasch und billig, ohne die Hilfsmittel 
einer Bandagenwerkstatt, herzustellen ist und sich der Körperform 
m anpaßt. 

Ich habe sie zunächst in der orthopädischen Praxis speziell 
tn 1 die Zwecke der Krtippelfürsorge angewendet, bei denen die 
eisfrage für Bandagen eine Rolle spielt und bei denen es mir 
arauf ankam, die Bandage abnehmbar und luftig zu machen, im 
egensatz zu circulären Gipsverbänden. 

, Es kamen in erster Linie Fälle von tuberkulösen Hüft- und 


wegeienksentzündungen in Frage. Nehmen wir an, es handelt 


sich um ein Kind mit Hüftgelenksentzündung in subakutem Sta¬ 
dium, so verfahre ich folgendermaßen: Ich biege mir aus Band¬ 
eisen von 4 mm Stärke, 15 mm Breite, entsprechend den Konturen 
des Beins, eine Schiene zurecht, die auf der Außenseite bis in die 
Taille reicht, an der Innenseite bis zum Beinspalte, den Fuß in 
Form eines Gehbügels überragt. Diese Bandeisenschiene um¬ 
wickle ich mit einer Mullgipsbinde. Inzwischen wird der Patient 
in eine Kopfschwebe gehängt, das gesunde Bein belastend, während 
das kranke über dem Boden schwebt. Die Schiene wird von einem 
Assistenten an das Bein angehalten. Ich fertige Gipsbindenstreifen 
an, doppelt so lang als der halbe Umfang. Es wird zunächst der 
obere Streifen entsprechend der Gesäßfalte dem Körper angelegt 
und von der Innenseite her um die beiden Schienen herum¬ 
geschlagen. Der Streifen wird so anmodelliert, daß er einen guten 
Entlastungssitz abgibt. In ähnlicher Weise wird ein zweiter 
Streifen oberhalb des Knies und ein dritter an der Wade an¬ 
gebracht. In kurzer Zeit ist der ganze Apparat hart, sodaß er 
abgenommen werden kann. Ich brauche zehn Minuten zum An- 


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UNIVERSUM OF IOWA 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


biegen des Bandeisens, zehn bis zwölf Minuten zur Umwicklung 
und Herstellung der Schiene. Wenn die Bandage trocken ge¬ 
worden ist, wird sie entweder mit einer Nesselbinde an das Bein 
angewickelt oder es werden zwei Stoffstreifen mit Schnürösen für 
die Vorderseite der Schienen angenäht, am oberen Ende der Außen¬ 
schiene am Hüftgurte. Wenn eine Extension erwünscht ist, so 
gipse ich beim Umwickeln des Bandeisens an der Innen- und 
Außenschiene oberhalb des Gehbügels einen Ring ein, durch 



welchen die Bänder einer Streckgamasche gezogen werden können. 
Anstatt des Schwebehangs läßt sich die Schiene natürlich auch 
bequem im Liegen anpassen. 

Die Schienen sind recht haltbar. Bei den Kindern, die sich 
mit ihnen den ganzen Tag im Freien tummeln und nicht schonend 
mit ihnen umgehen, halten sie monatelang, es muß höchstens ein¬ 
mal der Sitzring verstärkt oder ersetzt werden, wenn der Gips 
in dieser Stelle ausgekrümelt ist. 

Nach den günstigen Erfahrungen bei Kindern habe ich der¬ 
artige Gipsbandeisenbandagen auch bei Erwachsenen verwendet, 
z. B. bei deformierenden Hüft- und Kniegelenksentzündungen, bei 
Knochenbrüchen usw. Bei letzteren z. B. kommt zustatten, daß 
die schnell und exakt anmodellierte Schiene bequem gestattet, 
eine Streckung anzubringen, und die Uebersicht und Behandlung 
der Hautoberfläche ermöglicht. 

Aus diesen Gründen eignen sich derartige Schienenverbände 
auch für die Zwecke der Kriegschirurgie. 


Aus dem Vereinslazarett Nikolassee b. Berlin. 

Eine ausziehbare Gehgipshose mit Extension bei 
Fraktur des Oberschenkels 1 ) 

von 

San.-Rat Dr. Karl Gerson, Schlachtensee b. Berlin. 

(Mit zwei Abbildungen.) 

M. H.! Sie sehen hier einen Soldaten, dessen am 9. Sep¬ 
tember 1914 erhaltene Schußfraktur des linken Oberschenkels 
mangels richtigen Streckverbandes in einem nach innen stumpfen 
Winkel mit 5 cm Verkürzung geheilt ist. Infolge Unterlassung 
rechtzeitiger aktiver und passiver Gelenkbewegungen konnte das 
Kniegelenk anfangs nur um 30 0 gebeugt., das Fußgelenk nur wenig 
dorsal- und plantarflektiert werden. Der Patient konnte schon 
mit einem Stocke leidlich gut gehen, als er am 10. Dezember 
vorigen Jahres durch eine ungeschickte Drehbewegung über seinen 
Stock stolperte und den gebrochenen Oberschenkel noch einmal 
brach. Während nun gewöhnlich die neue Bruchstelle eines schon 
vorher gebrochenen Knochens innerhalb des Callusbereichs der 
ersten Fraktur liegt, wohl infolge der geringeren Härte des frischen 
Gallus gegenüber dem normalen Knochengewebe, wurde in diesem 
Falle die zweite Fraktur unterhalb der ersten klinisch festgestellt 
*) Nach einer Demonstration in der Berliner medizinischen Ge¬ 
sellschaft am 17. März 1915. 


und später durch Röntgenaufnahme bestätigt Um den Patienten 
nun möglichst schnell wieder auf die Beine zu bringen, fertigte 
ich ihm eine ausziehbare Gehgipshose, wie sie ähnlich im Jahre 
1907 von mir beschrieben wurde 1 ). Der Patient liegt im Quer¬ 
bette mit etwas erhöhtem Becken. Mäßig dicke Pappe wurde in 
heißem Wasser etwas erweicht und von den Knöcheln bis zum 
Tuber ischii um das Bein herumgelegt, so weit zwar, daß die unten 
durch seitlichen Druck etwas ovalgeformte Papprolle bequem über 
den leicht plantarflektierten Fuß herübergeschoben werden kann. 
Das ist nötig, damit man die Gipshose später leicht an- und aus- 
ziehen kann. Da, wo der Oberschenkel am umfangreichsten ist, 
also in der Umgebung des Tuber ischii, liegt die Papprolle dem 
Bein unmittelbar an und wird am Tuber ischii durch Werg- oder 
Filzlagen reichlich gepolstert. Nun wickelt man, von unten 
beginnend, Gipsbinden um die Papprolle und muß dabei besondere 
Sorgfalt der Befestigung der Filzlage am Tuber ischii widmen, 
damit Patient eine hinreichend breite und feste Stützfläche am 
Tuber ischii erhält. Im allgemeinen, das heißt bei nicht abnormem 
Körpergewichte, genügt eine fünffache Lage von Gipsbinden, die 
noch durch Gipsbrei verstärkt wird. Während des Trocknens der 
Gipshose ist es nötig, auf ihren unteren Teil seitlich mit beiden 
Händen etwas zu drücken, damit der Durchmesser von vorn mach 
hinten vergrößert und so durch die ovale Form der unteren Oeff- 
nung das An- und Ausziehen der Hose erleichtert wird. Nach 
vollkommener Trocknung der Gipshose zieht man sie dem Patienten 
vorsichtig aus, schneidet mit einem Messer den vorderen unteren 
Gipsrand in einem nach oben konkaven Bogen aus, um eine aus¬ 
giebige Dorsalflexion des Fußes in der Hose zu ermöglichen, und 
befestigt mit Wasserglasgazebinden einen eisernen Gehbügel (siehe 
Abb. 1) an der Hose. Der Gehbügel soll so weit nach unten 
befestigt werden, daß sein 
horizontaler Teil 8 cm von 
der rechtwinklig zum Unter¬ 
schenkel gestellten Fu߬ 
sohle entfernt ist. Eine 
solche Entfernung zwischen 
Fußsohle und Gehbfigcl ist 
notwendig, damit genügen- 
derSpielraum zurExtension 
des Beins vorhanden ist. 

Die Extension des Beins 
wird nun erreicht, indem 
man um die Knöchel des 
Fußes eine (käufliche) Fu߬ 
lasche (siehe Abbildung) 
aus Filz schnürt, an deren 
seitlichen unteren Rändern 
zwei — elastische oder un¬ 
elastische — Riemen (siehe 
Abbildung) mit Schnallen 
angenäht sind. Die 
Riemen werden nun am 
inneren und äußeren Fu߬ 
rand entlang geführt und 
an dem Gehbügel be¬ 
festigt. Zur Verhinderung des Abrutschens werden die Riemen 
durch kleine Oeffnungen am Gehbügel festgebunden. Die so er¬ 
folgende Extension des Beins kann durch festeres oder loseres 
Schnallen der Riemen reguliert werden. In horizontaler Ruhelage 
ist nun diese Extension des Beins vollkommen ausreichend und 
jedenfalls einfacher, als die durch Streckverband mit Gewichts¬ 
extension. Denn die beschriebene Extension wird dadurch er¬ 
reicht-, daß durch den regulierbaren Zug der Fußlasche am Geh¬ 
bügel die Gipshose gegen das Tuber ischii gedrängt wird. Wollte 
nun aber der Patient mit der Gipshose sich aufrechtstellen, so 
würde die Extension illusorisch werden, weil das Gewicht der 
Gipshose die Extensionswirkung aufhöbe. Uns liegt aber besonders 
daran, den Patienten in seiner Gipshose umhergehen zu lassen, ohne 
daß er der Extension seines Beins verlustig geht. Um dies zu 
ermöglichen, ziehen wir über die Gipshose eine einfache Tuch¬ 
hose, die durch Bänder (siehe Abb. 2) beiderseits am Geh¬ 
bügel befestigt wird. Unten wird sie, wenn nötig, etwas ein¬ 
geschnitten und genäht. Oben wird die Tuchhose durch Hosen¬ 
träger gehalten. Beim Gehen des Patienten hält also die über- 
gezogene Tuchhose die Gipshose am Tuber ischii fest, weil die 


*) K. G e r 8 o n, Eine ausziehbare Gehgipshose. Zschr. f. ärztl. 
Fortbild. 1907, Nr. 17. 



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unten mit der Gipshose durch Bänder verbundene Tuchhose oben 
durch Hosenträger getragen wird. Man kann sich beim Gehen 
des Patienten durch Fingerdruck davon überzeugen, daß beim Er¬ 
heben des Beins der Kontakt zwischen Tuber isckii und Gipshose 
erhalten bleibt. Mit dieser Gehgipshose hat der Patient am dritten 
Tage nach dem Beinbruch an einem Stuhle sich schmerzlos fort¬ 
bewegen können und dabei die permanente Extension des Beins 
deutlich empfunden. Die permanente Extension dient nicht nur 
dazu, einen Zug auf die Frakturteile auszuüben, sondern immobili¬ 
siert auch das Bein in gewissem Grade. Letzteres ist notwendig, 
weil ja das Bein nur an seiner oberen Circumferenz mit der Gips¬ 
hose und am Fußgelenke mit der Fußlasche in Verbindung steht, 
im übrigen aber von der Hose unberührt bleibt. Die permanente 
Extension in Verbindung mit dem Zuge der Tuchhose hat noch 
den weiteren Vorteil, daß das Becken weder der kranken noch 
der gesunden Seite in den Verband einbezogen zu werden braucht, 
sodaß auch das Hüftgelenk der kranken Seite frei beweglich 
bleibt. Das bedeutet für den Patienten eine große Erleichterung 



im Vergleich zu den üblichen 
Gehgips verbänden, die das ganze 
Becken miteinschlossen, und ver¬ 
einfacht die Reinhaltung der Ge¬ 
säßgegend, weil die Abduction 
unbehindert ist. Der Gang der 
Behandlung im vorstehenden 
Falle war nun der, daß wir acht 
Tage nach Anfertigung der Gips¬ 
hose, in der Patient täglich in der 
Stube an einem Stuhle ging und 
in ihr auch ohne Beschwerden 
seine Bedürfnisse verrichtete, die 
Hose auszogen, um uns zunächst 
von der korrekten Stellung des 
Beins zu überzeugen. Das Aus¬ 
ziehen der Gipshose verlangt, in 
den ersten zwei Wochen einige 
Vorsicht, weil jadie Frakturenden 
noch nicht konsolidiert sind. 
Nach Lösung der Fußlaschen- 
riemcn vom Gehbügel, also nach 
Aufhebung der permanenten Ex¬ 
tension, und nach Abknöpfen der 
Hosenträger müssen zwei Ge¬ 
hilfen das Bein oben am Becken 
und am Fußgelenk extendiert 
halten, während ein dritter 
die Gipshose langsam über 
den Fuß nach unten abstreift. 
Der Fuß muß beim Abstreifen 
in starke Plantarflexion ge¬ 
bracht werden, indem man mit 
den Fingern den Fußrücken 
nach unten drückt. Nach 
dem Ausziehen der Gipshose wird die ganze Extremität, soweit 
sie im Liegen zugänglich ist, leicht massiert, auch die Fraktur¬ 
stelle. Eine Abreibung mit Franzbranntwein schließt sich an. 
Massage und Bewegungen des Fußgelenks, besonders Widerstands¬ 
bewegungen, können täglich vorgenommen werden, weil dazu das 
Ausziehen der Gipshose nicht nötig ist; nur die Riemen der Fu߬ 


laschen müssen vom Gehbügel gelöst werden. — Beim Wieder¬ 
anziehen der Gipshose greift eine Hand des Gehilfen von unten 
in die Hose hinein und zieht den Fuß, wieder unter starker 
Plantarflexion, langsam nach unten durch, während das Bein 
oben von einem zweiten Gehilfen gehalten wird. Acht Tage 
später w ? erden die ersten Kniebewegungen gemacht, indem man 
seine Hand unter die Kniekehle schiebt, sie zur Faust ballt, wo¬ 
durch das Kniegelenk schonend gehoben wird, und nun mit der 
andern Hand leichte Streck- und Beugebewegungen des Gelenks 
ausführt. Diesen Gelenkbewegungen, die alle zwei Tage und 
jedesmal ausgiebiger vorgenommen werden müssen, schließen sich 
in der dritten Woche vorsichtige Widerstandsbewegungen des 
Kniegelenks an. Da das Hüftgelenk der verletzten Seite nicht 
durch die Gipshose fixiert ist, sind besondere Bewegungen mit 
diesem Gelenk überflüssig. Vielmehr können Sie sich überzeugen, 
daß Patient beim Gang in der Gipshose freie Bewegungen 
im Hüftgelenke nach allen Seiten — Adduction, Abduction, Rota¬ 
tion, Flexion — ohne Schmerzen ausführen kann. Das ist ein 
weiterer Vorzug der permanenten Extension in meiner Gehgips¬ 
hose. Aber diese freie Beweglichkeit im Hüftgelenke läßt die 
Gehgipshose bei Coxitis nicht brauchbar erscheinen. 

Der Patient hat nun noch eine Fistel, von einem zurück¬ 
gebliebenen Geschoßteil ausgehend. Diese Fistel wird täglich mit 
H,0 2 nach Abzug der Hose ausgespritat und wieder mit Airol- 
salbe bedeckt. Die Versorgung der Wunde erfolgt vor der täg¬ 
lichen Massage und Bewegung des Beins und scheint mir doch 
erheblich reinlicher, als die übliche Versorgung von Wunden durch 
Gipsfenster in eng anmodellierten Gipsverbänden. 

Die Anfertigung meiner Gehgipshose erfordert keine tech¬ 
nische Vorbildung, kann vielmehr von jedem praktischen Arzt 
auch mit ungeschultem Personal hergestellt werden. Denn es ist 
ja doch nur nötig, über die von den Knöcheln bis zum Tuber 
isehii reichende, in richtiger Weite gehaltene, angefeuchtete Papp¬ 
rolle Gipsbinden zu wickeln und die Gegend des Tuber isehii ver¬ 
mittels Werg- oder Filzlagen und Gipsbindenlonguetten zu einer 
widerstandsfähigen und doch hinreichend weichen Gehstütze zu 
gestalten. Die Herstellung dieser erfordert zwar Uebung und Sorg¬ 
falt. Denn die Tuber-ischii-Gegend der Gipshose hat nicht nur 
die Körperlast zu tragen, sondern auch die permanente Zugwirkung 
auszuhalten, die von der am Gehbiigel befestigten Fußlasche aus¬ 
geübt wird. Alles übrige aber, die Anbringung des Gehbtigels 
mittels Wasserglasbinden, das Ueberziehen der Tuchhose über die 
Gipshose und ihre Befestigung an letzterer mittels Bändern und 
das Tragen der Hosen in der gewünschten Höhe und Nähe am 
Tuber isehii mittels Hosenträgern, ist einfach auszuführen. Als 
Fußlasche wählt man eine gewöhnliche käufliche Filzlasche, wie 
sie zur Extension bei Coxitisverbänden üblich ist und läßt sie nur 
seitlich mit elastischen oder unelastischen Riemen versehen, die 
zur Extension um den Gehbügel geschnallt werden. Die Riemen 
sind zur Verhütung des Abrutschens an einem Loch im Gehbügel 
mittels Bindfaden befestigt. 

Zusammenfassend können w f ir als Vorzüge der ausziehbaren 
Gehgipshose bei Frakturen nennen: 1. Reichte Anfertigung; 
2. Möglichkeit frühen Beginns von Hautpflege, Massage, Bewe¬ 
gungen; 3. freie Beweglichkeit des Hüftgelenks, und 4. Gehmög¬ 
lichkeit zwei Tage nach Anfertigung der Gehgipshose bei per¬ 
manenter Extension. 

Wegen der Einfachheit ihrer Anfertigung dürfte die aus¬ 
ziehbare Gehgipshose auch im Felde gute Dienste leisten. 


Aus den neuesten Zeitschriften. 



Otto Lentz (Berlin): Bereitung des Dieudonni-Agars mit Hilfe 
eines Blutalkali-Trockenpulvers. Unter den im Kriegslaboratorium vor¬ 
handenen Trockennährböden versagte der gepulverte Dieudonne-Trocken* 
agar. Und doch bedeutet dieser für die Stellung der Choleradiagnose 
eine so wertvolle Hilfe, daß man darauf gerade da, wo mit knappen 
Mitteln zu arbeiten ist, nicht verzichten kann. Der Verfasser empfiehlt 
daher, zwei Trockenpulver getrennt herzustellen — eins aus einem Blut- 
alkaligemisch und eins aus einem neutralen Agar (beispielsweise aus dem 
Merckschen Ragitagarpulver) — und diese beiden erst im Augenblicke 
des Bedarfs zu Dieudonne-Platten zu verarbeiten, die dann sofort ge¬ 
brauchsfähig sind und ihre elektive Wirkung acht bis zehn Tage lang be¬ 
wahren. 

K.E.p. Schmitz (Greifswald): Die Brauchbarkeit des Kongorot- 
nlbrbodeni tur bakteriologischen Typhusdiagnose. Der neue Kongorot¬ 


nährboden ist dem altbewährten Drigalski-Conradi-Nährboden überlegen. 
Denn durch ihn wurden unter 1 IG Untersuchungen 22 Fälle mehr 
diagnostiziert als durch den bisherigen (von 62 positiven Fällen wurden 
34 mittels des Drigalski-Conradi-, 56 dagegen mit dem Kongorot-Nähr¬ 
boden ermittelt). Trotzdem soll man sich bei der Typhusdiagnose nie 
auf einen Nährboden allein verlassen; denn ber sechs Fällen verhalf der 
Drigalski-Conradi-Nährboden zur Diagnose, nicht aber der mit Kongörot- 
lösung hergestellte. 

R. Tölken (Zwickau i. S.): Die Ekehornsche Operation des Mast- 

darmvorfalls bei Kindern. Das Verfahren stellt eine Itectopexie dar, bei 
der mittels einer einzigen Naht, percutan, der Darm am Kreuzbein auf¬ 
gehängt oder befestigt wird. Bis auf die zwei Einstiehpunkte wird keine 
Wunde gesetzt. Ferner wird die ganze Darmwand mitsamt der Schleim¬ 
haut, nicht bloß Serosa und Muscularis, fixiert. Tiefe Narkose ist nötig; 
das Kind muß still liegen und darf nicht mehr pressen; dann ist die 
Naht in wenigen Minuten gelegt. In sieben Fällen trat eine Dauerheilung 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


ein. Die Zahl der operierten Fälle ist deshalb nicht größer, weil zunächst 
immer die konservativen Methoden angewendet wurden (Reposition. Sus¬ 
pension des Beckens, Heftpflastorvorbund). Nur wenn diese nicht schnell 
zum Ziele führen oder aus sozialen und andern Gründen nicht durchgeführt 
werden können, sollte operativ vorgegangen werden, dann aber nach dem 
E k eh orn sehen Verfahren, das für Kinder das einfachste und ungefähr¬ 
lichste ist. 

Max Sold in und Fritz Losser (Berlin): Zar Kenntnis der con¬ 
genitalen Syphilis der Säuglinge. In den beschriebenen Fällen waren die 
Verdachtsmomente auf Syphilis so abgeschwacht, daß sie leicht übersehen 
werden konnten. Auch die Wasser mann sehe Reaktion fiel negativ 
aus, selbst wenn sie in größeren Intervallen wiederholt wurde. Erst die 
serologische Untersuchung der Mutter ergab konstant einen positiven 
Ausfall. Die Verfasser halten folgende Erklärung für die wahrschein¬ 
lichste. Es sind während des intrauterinen Lebens zunächst immunisierende 
Substanzen von der syphilitischen Mutter auf die Frucht übergegangen, 
die das klinische Krankheitsbild der Syphilis stark abschwächten, so daß 
typische syphilitische. Erscheinungen fehlten. Daher das Versagen der 
Wasser mann sehen Reaktion. Man soll sich daher bei dem leisesten 
Verdacht auf congenitale Syphilis nicht mit dem negativen Ausfall der 
Wassermannsehen Reaktion beim Kinde begnügen, soll vielmehr auch 
noch das Blut der Mutter serologisch prüfen. 

L. Voigt (Hamburg): Ueber Diabetes mellitus and Impfang. Der 
Verfasser wendet sich gegen Hermann Eichhorst, der über einen 
tödlich verlaufenen Fall von Diabetes mellitus im Anscliluß an die Kuh¬ 
pockenimpfung berichtet und ihn als eine Folge der Impfung angesehen 
hatte, weshalb der Staat den Hinterbliebenen des Gestorbenen eine Ent¬ 
schädigung zu gewähren hätte. Im Gegensatz dazu ist der Verfasser der 
Ansicht, daß der wiedergeimpfte Kranke — ein 20 jähriger Wehrmann — 
schon vorher zuckerkrank, aber noch leistungsfähig gewesen wäre, und 
daß erst, als die körperlichen Anstrengungen des Dienstes und die Impfung 
hinzukamen, das Leiden rapide Fortschritte gemacht hätte. 

Esch weil er und Cords: Ueber Schädelschfisse. Sie werden ein- 
geteilt in penetrierende Schüsse, bei denen ein oder zwei Löcher im 
Schädel vorhanden sind, und in Tangentialschüsse (ohne Dura- 
verletzung und mit Dura- und Gehirnverletzung). Das Charakteristische 
heim Tangentialschuß ist nur eine Seimßrinne im knöchernen Schädeldach, 
Besprochen wird die Symptomatologie der Kopfschüsse, ferner die patho¬ 
logische Anatomie der Kopfwunden. Das Rasieren in weitester Aus¬ 
dehnung ist das erste Erfordernis, die lokale Diagnose zu stellen. Einen 
erschöpfenden Ueberblick aber bekommt man erst nach Ineision und Ab¬ 
lösung der Kopfschwarte. Zur Besprechung kommen ferner: die Prognose 
und die Indikationen zum operativen Eingriffe. 

Ludwig Lovy: Kriegsgemäße Orthopädie der Extremitäten. 
Empfohlen wird eine „Wechselbehandlung“, und zwar nachts passive 
Korrektur (Dehnung) durch korsett- oder hülsenähnliche Apparate, tags 
aktive planmäßige Fehling. Die Apparate bestehen aus nichts anderm 
als aus Gipsbinden (12 cm breite Alabastergipsbinden, die zum Erweichen 
zwei Minuten in kaltes Wasser gelegt werden müssen), Aluminium¬ 
schienen, Gummiband und gewöhnlichem Bindfaden. Sie wirken durch 
Zug oder Druck. Der Verfasser beschreibt an der Hand von Abbildungen 
in kurzen Zügen die häutigst. gebrauchten Grundtypen der Apparate. Die 
aktiven Bewegungen geschehen am besten mit Hilfe der Zander- 
apparatc. Sind diese aber nicht vorhanden, so kann man sich für nicht 
zu komplizierte Bewegungen einen einfachen Apparat mit geringer Mühe 
und minimalen Kosten selbst hersteilen. Dieser „Rollenapparat“ wird 
in zwei Figuren vorgeführt und eingehend beschrieben. 

Herzfeld (Halle a. S.): Die Schwebeschiene. Dabei ruht der 
Körperteil „in Hang“ auf einem Stoffe von möglichst geringer Spannung. 
Dadurch läßt sich bei einiger Aufmerksamkeit der Decubitus vermeiden. 
Audi lassen sich die an der aufliegenden Körperfläche befindlichen 
Wunden, ohne daß die Fixation unterbrochen wird, freilegen und be¬ 
handeln. Ferner braucht man den Patienten zum Zwecke der Defäkation 
nicht aus seiner Lage zu bringen. Befestigt man mehrere Schwebe¬ 
schienen auf einer gemeinschaftlichen Grundlage, so läßt sich ein dem 
Körper eng anliegendes Dauerlager herstellen, das sowohl als Bett wie 
als Tragbahre dient. 

Solbrig (Königsberg i. Pr.): Organisation und Leistungen des 
„Roten Kreuzes“ im jetzigen Kriege, besonders in Ostpreußen. Vortrag, 
gehalten im Wissenschaftlichen Verein für Heilkunde in Königsberg i. Pr. 
am 11. Januar 1915. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 19 f 5, Nr. 15. 

K. Spiro (Straßburg i. Eis.): Die Wirkung von Wasserstoffsuper¬ 
oxyd und von Zucker auf die Anaerobier. Vortrag, gehalten in der Ver¬ 
einigung der kriegsärztlich beschäftigten Aerzte Straßburgs. 

Gustav Klein (München): Mehrjährige Erfolge der kombinierten 


Aktinotherapie bei Carcinom des Uterus und der Mamma. Vortrag, ge¬ 
halten in der Münchener Gynäkologischen Gesellschaft am 11. Februar 1915. 

Giovanni Galli (Bordighera): Ueber Spondylitis typhosa (Quincke). 

Sie dürfte nach Ansicht des Verfassers häufiger auftreten, als man glaubt. 
Der vorliegende Fall ist dadurch erwähnenswert, weil er einen 59 jährigen 
Mann betrifft, während bekanntlich der Typhus in der Regel eine Krank¬ 
heit der Jugendlichen ist. Der Kranke genas von seiner Spondylitis, und 
zwar nach Anlegung eines Gipskorsetts. Im allgemeinen gehört die 
Spondylitis zu den gutartigen Komplikationen des Typhus. Die Diagnose 
bietet keine Schwierigkeit, wenn der Patient kurz vorher den Typhus 
überstanden hat. Da, wo die spondylitische Komplikation erst lange nach 
dem Typhus auftritt, wird manchmal Pott sehe Krankheit diagnostiziert, 
doch tritt bei dieser der Symptomenkomplex nicht so brüsk auf wie bei 
Spondylitis typhosa. Die Serumdiagnose (Gruber-Widalsche Reaktion) 
bringt übrigens rasch Aufklärung. 

Frank Kornmann (Davos): Ein neuer, transportabler Pneomo* 
thoraxapparat mit Benutzung von Sauerstoff und Stickstoff in state 
nascendi. Der Apparat kann als kleiner geschlossener Handkoffer Überall 
bequem mitgenommen werden. Er ist stets gebrauchsfertig, die nötigen 
Chemikalien sind leicht erhältlich. (Der Apparat gestattet auch, in kleinen 
Flaschen Lösungen mitzunehmen, die für zwölf Nachfüllungen k 1 Liter 
Stickstoff und für sechs Nachfüllungen k l /z Liter Sauerstoff allsreichen.) 
Mit dem genau beschriebenen Apparat und einer besonderen, mit einem 
Metallmanometer konstruierten Nadel hat man alle denkbaren Sicherheiten 
gegen die technische Gasembolie. Es gibt aber noch eine mehr 
klinische Gasembolie: das ist das Eintreten von Luft in eine Vene, 
nicht aus der Atmosphäre, sondern aus der Lunge, was übrigens äußerst 
selten ist. Davor schützt aber kein Apparat, sondern nur genaueste 
Diagnose und gewissenhaftes Vorgehen. 

Feldürztliche Beilage Nr. 15. 

Sa enger (Hamburg-St. Georg): Ueber die durch den Krieg be¬ 
dingten Folgezustände im Nervensystem. Vortrag, gehalten im Aerztlichen 
Verein zu Hamburg am 26. Januar und 9. Februar 1915. 

H. T hie mann (Jena): Ungewöhnlich frühe Wiederherstellung der 
Leitungsfähigkeit im resezierten and genähten Nerven (Ischiadicus). Ein 
Schuß hatte den Nerven direkt verletzt, ohne ihn jedoch in seiner Kon¬ 
tinuität zu trennen. Es bildete sich ein Neurom aus, das zu äußeret 
heftigen Schmerzen führte. Es saß dicht über der Teiiungsstelle in 
Tibialis und Peroneus. Daneben bestand vollkommene Lähmung des 
Unterschenkels und Fußes. Die Operation wurde allerdings unter den 
günstigsten Bedingungen vorgenommen: bei aseptisch geheilter Wunde 
und schon vier Wochen nach der Verletzung. Sie bestand in Heraus¬ 
präparieren der kolbig angeschwollenen, narbig veränderten Partie des 
Ischiadicus aus den umgebenden Narbenmassen, querer Resektion eines 
3 cm langen Stückes und Naht der mobilisierten Stümpfe mit drei 
Catgutnähten. 

L. Huismans (Köln): Ueber Schußverletznngen am peripheren 
Nerven. Vortrag, gehalten auf dem Kölner kriegsärztlichen Abend am 
5. Februar 1915. 

Karl Döpfner (Düsseldorf): Zur Methodik der Naht an peripheren 
Nerven. Wenn nach konsequenter achtwöchiger Behandlung mit den an¬ 
erkannten Methoden der Neurologie keine Besserung eintritt, ißt die 
Operation (Neurolysis, partielle Nervennaht oder totale Nervennaht) an¬ 
gezeigt. Fast immer handelt es dabei um in fibröses oder knöchernes 
Narbengewebe eingezwängte Nerven oder um partielle oder totale 
Nervendurchtrennungen mit oder ohne Narbenbildung. Bei jeder Operation 
muß die Extremität in geeigneter entspannter Stellung gehalten 
werden. Vorbedingungen für jeden Eingriff sind: 1. keine Eiterung, 2. die 
gesunde Nervensubstanz darf so wenig wie möglich mit Instrumenten 
gefaßt werden (daher nur anatomische Pinzetten, feinste Darmnadeln 
und Seide, schärfste Messer, keine quetschenden Scheren) und schlie߬ 
lich drittens 3. ein Gipsschienenverband für die ersten zwei Wochen in 
Zweidrittelentspannung, darauf zunächst eine Woche noch mehr Ent¬ 
spannung und erst dann nach und nach Streckung. 

Steinthal (Stuttgart): Die Prognose der Nervennaht bei Ver* 
letzungen des peripherischen Nervensystems, Insbesondere bei Schoß* 
Verletzungen. Die Ergebnisse der Friedenspraxis sind durchaus nicht 
so günstig, wie allgemein angenommen wird, trotzdem in der Mehrzab 
der Fälle für die Operation durchaus günstige Verhältnisse vorliegen 
Bei den Schuß Verletzungen im Kriege handelt es sich aber um 
viel schwerere Zerstörungen als ira Frieden mit seinen einfachen Stich-, 
Hieb- und Sehnittverletzungen. Der Verfasser fand nämlich in äU en 
seinen Kriegsfällen, daß die verletzten Nerven in derben Narbenmassen 
lagen und daß sich diese Narben weit in die Nervenbahnen hineiner 
streckten. Mit der Operation muß man solange warten, bis die Wun 
vollständig geschlossen sind und noch einige Zeit länger, damit nian 
sicher in einem aseptischen Gebiet operiert. Auch kann eine schwere 


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25. April. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


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Kervenschiidigung (vollständige Lähmung mit totaler Entartungsreaktion) 
auch ohne Operation auslieilen. Immer sind dio Verletzten vor der 
Operation darauf aufmerksam zu machen, daß diese zwar notwendig sei, 
für einen vollen Erfolg aber nicht garantiert werden könne. 

Richard Sauter: Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven. 
Die Zahl der Läsionen großer Nervenstämme ist bei den modernen Ge¬ 
schossen mit ihrer immensen Durchschlagskraft, wo ein Ausweichen der 
.Verven unmöglich ist, sehr beträchtlich geworden. Werden solche Ver¬ 
letzten schließlich zu ihren Ersatztruppenteilen zuriickgcschickt, so ist 
es hier für die Aerzte, denen die definitive Versorgung dieser Kranken zu¬ 
kommt. sehr wichtig, vor Einleitung des Dienstunbrauchbarkeits Verfahrens 
mit Festsetzung einer Rente genau zu prüfen, ob nicht durch weitere 
Fortsetzung der bisherigen physikalischen Behandlung oder durch chirur¬ 
gische Eingriffe diese Nervenschädigungen zu beheben sind. Da, wo kompli¬ 
zierte Frakturen eine eitrige Sekretion unterhielten, muß die Nervennaht 
oder die Veurolysis eventuell bis zu vier und fünf Monaten hinaus¬ 
geschoben werden, weil sonst solbst bei vollständiger Abheilung der 
äußeren Wunden der frühere Infektionsprozeß wieder aufflackert und da¬ 
durch von neuem Eiterungen auftreten können, die die Operationsaus¬ 
sichten sehr verringern. 

Meisel (Konstanz): Ein nenes Lokalisationsverfahren mittels 
metallischer Koordinaten Systeme. Notwendig ist vor allem eine genaue 
Bestimmung der Lage des Fremdkörpers zur Körperoberfläche, wenn 
man zielbewußt handeln soll. Zu einer mathematisch genauen Lage. 
bestimmung braucht der Verfasser ein Stück gewöhnliches Drahtgitter, 
Blaustift und Zirkel, ein Blatt Papier und oinen Maßstub. Es werden 
zwei Aufnahmen auf zwei Platten in verschiedenen Richtungen gemacht. 
I>ie neue Methode wird ausführlich beschrieben. 

J. Basten: lieber bakteriologisches Arbeiten ln der Front Din 
bakteriologische Untersuchung des Wassers der an einem Orte nahe der 
frout vorhandenen Brunnen ergab eine außerordentlich hoho Keimzahl 
und im Verein mit der chemischen Untersuchung seine Unbrauchbarkeit 
als Trinkwasser in ungekochtem Zustande. Die bakteriologischen Unter¬ 
suchungen auf Typhus wurden in dem einige Kilometer rückwärts statio- 
oierten Feldlazarett vorgenommen. 

W. Porzelt (Wflrzburg): Ein einfacher Improvisationsverband für 
Oberarmbrache. Der genau beschriebene Verband ist in erster Linie als 
Transportverband gedacht. Er dürfte sich vor allem zur Verwendung 
auf dem Hauptverbandplatz empfehlen. 

Ruediger (Waldenburg i. Schlesien): Die Behandlung des Diabetes 
mellitus im Felde. Da eine diätetische Behandlung im Felde — von ganz 
geringen Ausnahmen abgesehen — ganz ausgeschlossen ist, muß man zur 
medikamentösen Therapie greifen, und zwar vor allem zum Opium, das 
bei leichten und mittelschweren Fällen — schwere werden sich kaum im 
beide befinden recht gute Dienste leisten kann. Das Opium ist nach 
Ebstein von guter Wirkung auf Zuckorausscheidung, Durst und Polyurie, 
sodaß dadurch der Gewichtsturz deutlich aufgehalten werden kann, 
»eiliger wirksam sind Brom urrd Natrium salicylicuiu. Schon bei An¬ 
wendung von 0,02 Opium dreimal täglich wird die Wirkung meist deutlich 
sem. Es ist nicht nötig und zweckmäßig, die Dosen über dreimal täglich 
,05 zu steigern. Nach einiger Zeit empfiehlt es sich, eine kurze Frist 
romnatrium, 3 bis 5 g pro die, zu reichen, um dann mit dem Opium 
wieder zu beginnen. Zu warnen ist vor den Pilulcs des I)r. Sejournet, 
ic wie die meisten Präparate von Leprince (Paris) ziemlich wirkungslos 
sind. Ihr Hauptbestandteil ist das Santonin. Ebenso wirkungslos ist das 
< cn Hauptbestandteil vieler Kurpfuschermittel gegen Diabetes bildende 
»yzygium jambolanum. 

p •luliug Schütz (Klagenfurt): Kochsalz bei länger dauernden 

tberzostinden. Da bei länger dauernder Milchdiät eine Kochsalz- 
verannung des Organismus eintreten muß, setzt der Verfasser hei länger 
auemdeni Heber zur Milch Kochsalz (4 bis 5 g pro die) hinzu. Dabei 
cs»ert sich namentlich der Appetit (HCI-Produktion!). Bei gleichzeitiger 
* lerenaffektion ist natürlich die Ueberwachting des Harnbildes geboten. 

~ . V h ^ ertens (Hindenburg O.-S.): Notizen znr Tetanusfrage, 
cion dreimal 24 Stunden nach einer Serumeinspritzung entwickelte sich 
ci einem Kranken, der noch nie eine Senuninjektion erhalten hatte, ein 
anaphylaktischer Zustand: es bildeten sich um die Injektionsstelle bis 
w urcihandtellergroße rote, zusammenhängende Exanthemstellen aus. 

& j 86 “ Aultreten des Exanthems keine Serumeinspritzung mehr gemacht 
neraen dürfte, wurde eine intradurale Magnesiumsulfatinjektion vor- 
~ ^.^fi^towsulfat in 10 ccm Flüssigkeit). Es entwickelte 
!! c “ arau * eia stürmischer Aufregungszustand mit gefahrdrohender 
eropemtursteigerimg. Der Zwischenfall nahm schließlich einen glück- 
'cicii erlauf, Jedenfalls ist die intradurale Magnosiumsulfateinverleibung 
ein harmloses Verfahren und sollte nur in Fällen schwerster Krampf- 
zustande io Anwendung kommen. 

L °scher: Verbandtisch nach Dr. Gärtner. Der Tisch ist zu- 
ammengeklappt auf dem Sanitätswagen leicht zu befördern und eignet 


l sich vorzüglich zum Arbeiten auf dem Truppenverbandplatz. Die bei- 
j gefügte Skizze setzt jedeu Schreiner in den Stand, den Tisch herxusteilen• 
j 'Billiger wird die maschinelle Herstellung sein. Gebr. Muck, Zuffen¬ 
hausen in Württemberg, liefern den Tisch bei Abnahme von einem Stück 
für 22 M). 

E. Pflanmer (Erlangen): Blinddarmentzündung im Felde. Auf 

Grund seiner unter recht einfachen Verhältnissen gewonnenen guten 
i Opcrationsrosultate tritt der Verfasser dafür ein, auch bei einer durchaus 
| primitiven Einrichtung die. Indikationen zur Operation bei der Heliond- 
lung der Appendieitis genau so zu stellen wie in der aufs li"stc ein¬ 
gerichteten Klinik. F. Bruck. 

Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 12. 

S. Fränkel: Ueber ein neues, sehr wirksames Mittel gegen die 

Kleiderlaus. (Methylphenyläther.) Phenylmethyläther, Anisol, ist eine 
für den menschlichen Organismus unschädliche Substanz, die aus Phenol 
durch Methylierung in beliebigen Quanten leicht darstellbar ist Die An¬ 
wendung seihst kann in beliebiger Form geschehen; ihre praktische Durch¬ 
führung ist noch Sache weiterer Erfahrung. 

R. Kraus: Zur Frage der persönlichen Prophylaxe gegen Typhus 
exanthematicus. Im Gegensatz zu der Auffassung, daß nur die Kleider¬ 
laus den Flecktyphus überträgt, wird hier die Meinung vertreten, d.d) 
vielleicht doch noch auch andere Uebertragungsinöglichkeiteii (durch 1 .n ft - 
infektion) bestehen. Es wird auf die Erfahrung aufmerksam gemacht, 
daß es bei der persönlichen Prophylaxe hauptsächlich darauf ankommt, 
daß das Krankenzimmer stets gelüftet ist. Es wird neben dem Trägem 
der Flüggeschen Maske zur Verhütung der Infektion mechanischer Schutz 
durch Gummimantel, Gummihandschuhe und hohe Gummischuhe 
empfohlen. 

E. Lindner: Zur Epidemiologie und Klinik des Flecktyphus. 

Bisher wurden nur Personen von Flecktyphus befallen, die direkt oder 
indirekt mit den Kriegsgefangenenlagern zu tun hatten. Die Erkrankung 
verläuft bei den russischen Gefangenen durchaus benigner als hei nicht 
durchseuchter Bevölkerung. Auch die Kopflaus kann als LV-berträgerin 
fungieren. I)a nach Curschmann die Erkrankung durch Kleider, Wäsche, 
Stroh noch nach Monaten übertragbar ist, die Laus aber ohne Nahrung nach 
vier bis fünf Tagen zugrunde geht, ist in diesen Fällen eine Vermittlung 
durch dieses Ungeziefer wohl auszuschließeu. Es sind auch Fälle be¬ 
kannt, wo Wärter sich innerhalb weniger Stunden an erkrankten Aerzten 
infizierten, die allein und vollständig gereinigt ohne Ungeziefer in einem 
größeren Zimmer lagen. Es wird hier die Auffassung vorgetragen, daß 
das Virus eine gewisse Tenaeitüt (eventuell als Dauerform) besitzt uud als 
solches nur für die Laus, nicht für uns infektiös ist ; diese nimmt es auf, 
gewissermaßen als Sensibilisator wirkend, und aktiviert es, indem der 
unbekannte Erreger im Organismus der Laus eine Entwicklung oder eine 
Virulenzsteigerung durchmaeht. Es braucht also nicht die Laus des 
Flecktyphuskranken zu sein, die uns die Krankheit (‘inimpft, sondern die 
eigne Laus tut dies, die mit dem Typhus kranken gar nicht in Berührung 
gekommen ist, dio wir akquirierten, noch bevor das Kontagium an unserer 
Person haften blieb, oder erst nachher. 

E. Freund: Die rheumatischen Erkrankungen im Kriege. Kehler 
akuter Gelenkrheumatismus, akute und chronische Arthritiden sind sollen 
und fast durchweg Rezidive oder Exacerbationen längst bestehender 
Leiden. Typische Neuralgien und echte Neuritiden sind recht zahlreich. 
Die große Mehrzahl der Fälle zeigt ein dem Muskelrheumatismus ähn¬ 
liches Krankheitsbild. Der Zustand ist ungemein konstant, dio gleichen 
Muskelgruppen bleiben während der ganzen Dauer der Erkrankung in 
konstanter Weise befallen: keine Neigung zum Wandern der Schmerzen: 
Fehlen von bevorzugten Druckpunkten. Besserung besonders durch 
physiko-therapcutische Maßnahmen. Die Wiederfehldiensttauglichkeit 
bleibt zweifelhaft; die bürgerliche Erwerbsfähigkeit ist fast immer zu 
erwarten. 

G. Engelmann: Uebergangsprothesen. Indirekte Prothesen mit 
freihängendem Stumpfe, mit denen der Patient bald nach der Amputation 
noch mit granulierender Wunde heruragehen kann. Die Herstellungs¬ 
kosten sind gering. 

W. Trend eien bürg: Berichtigung zu meinem Aufsatz über Raum- 
messung an stereoskopischen Aufnahmen. 

I. Fischer: Zur Geschichte des Flecktyphus (Flecktyphus ur.d 
Pediculosis). Dio Pcdiculi werden schon im 10. Jahrhundert als ätiolo¬ 
gische Faktoren für den Flecktyphus erwähnt. Nur ist der Zusammen¬ 
hang etwas anders als nach der heutigen Auffassung. Die Lüuseplage 
ruft dio heftigsten seelischen Erregungen hervor und diese sind es, die 
neben ungesunder Luft «sw. zum Ausbruche der „ungarischen Krankheit" 
führen. Auch die Empfehlung der Räucherung der Betten mit Majoran, 
Mentha usw., die Anpreisung von mit Camphcr gefüllten Amuletten 
weisen auf dio insektenvertilgenden Mittel der Gegenwart. Misch. 


II 


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25. April. 


1915 ___ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr J7. 


Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. J1 fl. 14. 

Nr. 11. C. Raths: Welche Krankheiten oder sonstigen Ur¬ 
sachen führen bei Bewohnern des Deutschen Reichs einerseits in 
der Jugend, anderseits im mittleren und vorgeschrittenen Lebens¬ 
alter am häufigsten zum Tode? Das Leben der Kinder im ersten 
Lebensjahr ist bekanntlich am meisten durch Verdauungskrankheiten, 
viel weniger durch ein Leiden der Atmungsorgane lind, was die Infek¬ 
tionskrankheiten betrifft, am meisten durch Keuchhusten bedroht. Vom 
1. bis 15. Jahr überwiegt die Lungenentzündung und die Infektionskrank¬ 
heiten und — noch etwas häufiger als Keuchhusten — der Unglückfall. 
Vom 15. Lebensjahr an dominiert bis zum 60. die Tuberkulose, die im 
übrigen trotz Zunahme der Lebenden in den letzten Jahren ebenso wie 
der Typhustod zuriickgegangen ist. Zugenommen haben die durch Krebs und 
andere Neubildungen verursachtenTodesfälle. Bemerkenswerterweise konnte 
auch an Kindbettfieber keine Abnahme der Todesfälle beobachtet werden. 

Berliner: Behandlung der Pneumonie, Pleuritis und Bronchitis 
mit Supersan. Supersan ist mit Antifebrin und Antipyrin versetztes 
Mentholeukalyptol. Es wurde mit Erfolg intraglutäal und anal appliziert. 

Nr. 14. M. Weinberger: Verhütung und Behandlung des Ab¬ 
dominaltyphus. Klinische Vorlesung. 

F. Demmer: Erfahrungen einer Chirurgengruppe im österreichisch- 
russischen Peldzug 1914/15. Die chirurgisch-operative Tätigkeit tritt 
selbst bei günstigster Lage der Sanitätsanstalt in den Hintergrund; die 
konservative Wundbehandlung und die orthopädisch-fixierenden Verbände 
stellen die größten Anforderungen an den Arzt. Die Ausführungen sind 
übrigens sehr interessant und lesenswert. Schluß folgt. 

L. Rethi: Der Luftverbrauch beim Singen. Experimentelle Unter¬ 
suchungen über den Luftverbrauch beim harten und beim weichen Ton- 
ansutz. Misch. 

Zentralblatt für innere Medizin 1915 , Nr. 14. 

K. Ollendorff: Die äußerliche Behandlung von Rheumatismus 
und Gicht mit Perrheumal. Die Salbe enthält zu 10% die Triclilor- 
butylester der Salicvlsäure und wird zweimal täglich dick auf die 
erkrankten Gelenke aufgerieben; doch ist bei akutem Gelenkrheumatismus 
die gleichzeitige innerliche Darreichung von Salicyl nicht zu entbehren. 

K. Bg. 

Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 13. 

L. Kredel: Ueber das Verhalten der auf operierte schuß verletzte 
Nerven überpflanzten Pascienlappen. Kredel hatte einen Nervus tibialL, 
der oberhalb der Kniekehle infolge Schußverletzung narbig verändert 
war, mit einem Fascienfettmantel lose umhüllt und 24 Tage später bei 
der Resektion dieses Stückes gefunden, daß der Mantel eng dem Nerven 
anlag und erheblich geschrumpft war. Angesichts dieser starken Fascien- 
sclmimpfung hält Kredel einen derartigen Schutz des Nerven nur bei 
Lagerung am Knochen für angezeigt und hier auch nur durch platt aus¬ 
gebreitete Fascia. 

Neumeister; Gelenkmobilisationsschlenen nach Dr. Schede. Die 

Schienen für Schulter, Ellbogen, Hand, Finger, Daumen, Knie ermög¬ 
lichen die abwechselnde Feststellung des zu bewegenden Glieds in den 
erreichbaren Endstollungen für Beugung und Streckung. Die Schienen, 
je acht bis zehn Stunden abwechselnd in Beugung und Streckungen ge¬ 
tragen, sind auch bei noeh nicht verheilten Wunden anwendbar. Zu 
erhalten bei der Apparatebau-G. m. b. H., München, Dachauer Str. 15. 

K. Bg. 

Zentralblatt für Gynäkologie , 1915 , Nr. 13—15. 

Nr. 13. Joh. Lange: Isochronisch heferoiope EHmplantation bei 
Myoma uteri und dadurch bedingter Retrodeviation des Gebärorgans. 

Nach Aufrichtung einer Retroflexion trat bei der seit neun Jahren kinder¬ 
losen Patientin Schwangerschaft ein, und zwar wurde im dritten Monat der 
vergrößerte, mit zwei subserösen Myomen besetzte Uterus auf einer 
Doiiglasgeschwulst liegend gefunden. Diese ergab sich bei der Operation 
als fubargraviditiit im ampullären Teil der linken Tube. Zugleich wurden 
die beiden bohnengroßen Myome und der Appendix entfernt. Nach der 
normalen Zeit erfi lgte ein normaler Partus. Es hatte also gleichzeitig 
eine Intrautoringravidität ungestört fortbestanden, die offenbar gleich¬ 
zeitig mit der extrauterinen erfolgt war. Die Myome waren die Ursache 
für die frühere Sterilität und für die Tubarschwangerschaft. 

Nr. 14. H. Füth und F. Ebeler: Röntgen- und Radiumtherapie des 
Uteruscarcinoms. Benutzt wurden Silberfilter mit Paragummiüberzug und 
Umwicklung mit Verbandgaze und gewöhnlich 27 mg Radium, das im Beginne 
der Behandlung 2—5, später 10—12 Stunden lang angeweudet und jede 
zweite Nacht eingelegt wurde. Gleichzeitig wurde teils vaginal teils 
abdominell mit Röntgenstrahlen behandelt. — Bei den operablen Fällen 
sind die krebsigen Partien geschwunden oder erheblich verkleinert und 


die Patienten arbeitsfähig. Von den inoperablen Fällen sind die aus¬ 
schließlich mit Röntgenstrahlen behandelten ohne Dauererfolg gewesen. 
Die mit Radium behandelten haben überwiegend eine anhaltende Besserung 
und Arbeitsfähigkeit erlangt, zum Teil mit völligem Verschwinden des 
Krebses. — Bei den prophylaktisch nach Totalexstirpation Bestrahlten 
blieb der überwiegende Teil rezidivfrei. Am ungünstigsten sind die Re¬ 
zidivbestrahlungen, wo das Wachstum in der Regel nicht aufgehalten 
werden konnte. — Das Allgemeinbefinden wurde gestört in etwa der 
Hälfte der behandelten Fälle, besonders lästig wurde der Reiz auf Blase 
und Mastdarm empfunden. Dagegen pflegen Blutung und Jauchung des 
Krebses schon nach kurzer Zeit zu verschwinden. 

Nr. 15. R. E. Liesegang: Ueber die puerperale Osieomalacie. 
Die Gravidität ist als ein Zustand mit vermehrter Säuerling des Organis¬ 
mus aufzufassen. Auch bei der Osteomalacie ist die Auflösung der 
Knochenerde der Knochon durch Säurewirkung bedingt. Der frühere 
Einwand, daß die kohlensauren und phosphorsauren Salze in diesem Falle 
nicht gleichsinnig, wie es der Fall ist, vermindert sein dürften, ist nicht 
richtig, weil im Knochen beide Salze in Bindegewebe eingehüllt sind und 
daher immer nur gleichzeitig aufgelöst werden können. Dabei findet die Er¬ 
höhung der Wasserstoffionenkonzentration wahrscheinlich nicht im Blute, 
sondern in den Geweben statt, während das im Gewebe aufgelöste Kalk¬ 
salz von dem neutralen Blut in kolloidaler ungelöster Form fortgoschafft 
wird. Die Säuretheorie der Osteomalacie ist also physiologisch-chemisch 
wohl zu begründen. K. Bg. 

Die Therapie der Gegenwart , April 1915 , 

Kirchberg (Charlottenburg); Physikalische Heitmethodeo Im 
Reservelazarett bei der Behandlung der Kriegsverletzungen. Jede Ruhig- 
stellung einer Extremität hat zwei unheilvolle Folgen, die Atrophie der 
gesamten zu dieser Extremität gehörigen Muskulatur und die Versteifung 
der Gelenke durch Verkürzung, Schrumpfung respektive Austrocknung der 
GelenkkapSeln. Nur die Bewegungsbreite, die der Patient aktiv erreicht 
hat, geht sozusagen in das Bewußtsein seiner Wiederherstellung über. 
Nur durch stundenlange, allmählich verstärkte Dehnung der Gelenke im 
entgegengesetzten Sinne der Versteifung sind schöne Erfolge zu erzielen. 

Dünner (Moabit, Berlin): Vorübergehende Pupillenstarre bei 
Diabetes. Bei einer 67 jährigen, seit neun Jahren an Diabetes leidenden 
Patientin, bei der nichts für Alkoholabusus spricht und bei der alle vier 
Reaktionen negativ sind, konnte man eine Zeitlang keine Patellarreflexe 
auslösen und ebenfalls zirka acht Tage lang keine Pupillcnreflexe kon¬ 
statieren. Diese Symptome blieben nur einige Tage. 

Brühl (Berlin): Beitrag zur Verwendung von Elsen-Elarsin- 
tablctten. Eisen und Arsen ergänzen sich in ihrer therapeutischen 
Wirkung und durch das Arsen wird die Eisenwirkung potenziert. Pie 
Wirkung des Präparats äußert sich in Zunahme des Blutfarbstoffs, durch 
eine geregelte Verdauung, einen guten, reichlichen Appetit, dement¬ 
sprechend auch Gewichtszunahme und allgemeines Wohlbefinden. 

W r aetzoldt (Berlin): Die Beurteilung leichter Herzslörangen bei 
Heeresangehörigen. Zusammenfassende Uebersicht. 

Dünner (Berlin): Neuere Arbeiten über Typhus. Zusammen¬ 
fassende Uebersicht. 

Rosznowski (Berlin): Einige klinische Beobachtungen über Te¬ 
tanus und praktische Gesichtspunkte bei seiner Behandlung. Intraspinal 
sollen pro 10 kg Körpergewicht 1 ccm 25 °/„igor MagnesiumsulfatlÖsimg 
injiziert werden. Nach kurzer Zeit vollkommenes Nachlassen der Krämpfe, 
Dauer der Ruhe 12 bis 28 Stunden. Nach Abklingen des Effekts erneute 
Injektion mit kleinerer Dosis. Die subcutane Dosis soll etwa 0,3 pro Kilo¬ 
gramm Körpergewicht für den erwachsenen Menschen betragen (1,2 ccm 
25 °/o iger Lösung pro Kilogramm) und viermal täglich gegeben werden. 

Krüger (Plauen i. V.): Tannoform bei Typhus und septischer 
Enteritis. Die Typhusbakterien scheinen viel stärker angegriffen zu 
werden als die des Erysipels, und die des Typhus auch wieder in ver¬ 
schiedenem Grade. Nach den ermutigenden Erfolgen beim Typhus ist 
dringend zu empfehlen, das Tannoform bei der Cholera zu versuchen. 

Reckzeh (Berlin). 

Therapeutische Monatshefte 1915 , Februar . 

Kowarschik (Wien): Ergebnisse der Elektrotherapie 1913/14- 

Der therapeutische Wert der Elektrizität wurde in der ersten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts wesentlich überschätzt; es folgte eine 
Reaktion, welche sich an den Namen Möbi us knüpfte, und in welcher er 
elektrischen Behandlung fast jeglicher Wert abgestritten wurde. Ei» 1 
letzten Jahrzehnt haben sich die Anschauungen geklärt. - Die wirksam* 
Strom form ist die Galvanisation. Die Verwendung großer b roj 
stärken wird durch die Benutzung großer Elektroden ermöglich • 
stärksten Stromstärken lassen sich bei der Hirtz sehen Methode ( 
versale Durchslrömung) und beim Vierzellenbade verwenden. P flS ai 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


imwendungsgebiel sind Neuritiden, Neuralgien, Ischias, sowie alle peripheren 
und centralen Läbmungeu. Die Wirkungsweise des galvanischen Stroms ist 
nach nnsera heutigen Auffassungen eine chemische und beruht auf Atom- 
veiSchiebung. Daher gelingt es auch, mittels des galvanischen Stroms 
Medik-uncnte percutan zu applizieren. Am häufigsten wird die Jontophose 
zur Kinführung von Zn oder Ag bei Haut- uud Haarkrankheiten, von J 
hei Lymphomen oder von Salicylionen bei Gelenkaffektionen verwendet. 
Ke oxydierende respektive reduzierende Wirkung des galvanischen Stroms 
an der' Anode respektive Kathode wird zur Beseitigung von Hypertrichose i 
(Weil und Andere), zur Behandlung des Rhiuophyma (Bordier), von Trige- 
miuu^euralgicn (Rethi), von Oesupliagusstrikturen (Guisor), ferner von J 
Gelenkankylosen (Leduc, Marques) benutzt. Interessant ist die gal vamsche 
Behandlung der Frostbeulen (Chuiton, Helbing). Die heilende Wirkung ; 
des galvanischen Stroms bei Basedowscher Krankheit, sowohl bei 
direkter Einwirkung auf die Schilddrüse, als auch auf den Sympathicus, 
wird durch neuere Arbeiten bestätigt. Das von Veraguth und Seyder- 
helm bei Leukämie beobachtete Sinken der Leukocvtenzahl unter Ein¬ 
wirkung geringer Stromstärken hat bis jetzt noch keine befriedigende 
theoretische Erklärung gefunden. — Die von B ergo nie inaugurierte 
Gvmriastique electriqne oder Ergotherapie passive bedeutet einen wesent¬ 
lichen Fortschritt in der Anwendung des faradiseben Stroms. Mit der 
Kritik dieser Verfahren beschäftigen sich die Arbeiten von Nagel- 
schmidt, Veith, Roemheld, Laquerriere und Nuytten, Labbe, 
Durig und Liebesny, Brommer, Bouchacourt. Technische Ab¬ 
änderungen am B er goni eschen Apparat haben Nagelschmidt, Schnee, 
Laquerriere und Nuytten, Carulla und Hergens publiziert. Stru- 
beil hat in eingehender Weise die blutdrucksenkende Wirkung von 
Wechselstrombädern bei Arteriosklerotikeru studiert. — Die Indi¬ 
kationen der Hochfrequenzbehandlung sind keine einheitlichen. 
Allgemein anerkannt ist die blutdruckherabsetzende Wirkung der Hoch- 
frequenzströmo bei Präsklerose und beginnender Arteriosklerose, be¬ 
sonders bei Verwendung des Solenoids oder des Kondensatorbetts 
(Schurig, Humphris, Bühler, Hiss); auch die lokale Anwendung der 
Hochfrequenzströme wirkt als Effluvium bei Herz- und Gefäßerkrankungen, 
besonders bei der Angina pectoris. Weitere Erfolge der Hochfrequenz- 
behandlung haben gesehen Walzer bei tabischen Schmerzen, Reicliard 
bei Tarsulgien, Arnalund Gremeaux bei Alveolarpyorrhüe, Cottenot und 
Mac-IntyrebeiEndometritis (Curettement electrique) und Meret bei Anal¬ 
fissuren. Die Diathermie, die letzte Entwicklungsstufe der Hochfrequenz¬ 
behandlung, hat im letzten Jahr ihr Indikationsgebiet wesentlich erweitert: 
Upra (Unna), Gonorrhöe (Santos), Augenerkrankungen (Krückmann, 
Zahn, Sattler, Claussnitzer, Qurin), Ohrenerkrankungen (Hamm, 
Weiser, Gerlach, Mendel). Die Zuführung von Wärme und Lebens- 
energie an schwächliche Personen durch Diathermie ist vorläufig noch 
nicht über Versuche hinausgekommen. 

Heynemann (Halle a. S.): Gynäkologische Strahlentherapie. Der 
Verfasser sieht von der Besprechung der Oberflächenbestrahlung ab, 
welche relativ selten in Betracht kommt (Pruritus vulvae, Vulvaekzeme) 
und den bekannten dermatologischen Prinzipien entspricht. Das An- I 
wendungsgebiet der Tiefenbestrahlung, ausgefiibrt durch Röntgenstrahlen 
oder radioaktive Substanzen (Radium, Mesothorium, Thorium X), sind sowohl 
gutartige als bösartige Erkrankungen. DieTiefenbestrahlung bei benignen 
Auktionen beschränkt sich im wesentlichen auf die Bestrahlung des Ovariums 
und Vernichtung seines Follikelsystems bei klimakterischen Blutungen, 
Myomen, Dysmenorrhöe, parametrischen Prozessen, gutartigen Ovarial¬ 
tumoren, Adnexitis und Osteomalacie. Die Erfolge sind meist be¬ 
friedigend. Von bösartigen Erkrankungen werden vor allem Car- 
cinome, aber auch Sarkome und Choreoepitheliome mit Bestrahlung 
behandelt, am geeignetsten Bind die tiefsitzenden Tumoren der Vulva, 
Vagina und Cervix. Eine Besserung ist in den meisten Fällen zu kon¬ 
statieren, von Dauerheilung kann jedoch selten gesprochen werden. Die 
Arbeit Heynemanns gibt auch genaue Angaben über die Technik der 
Tielenbestrahlung. 

Herxheimer und Nathan (Frankfurt a. M.): Zur Prophylaxe 
ssd Vertreibung des Ungeziefers Im Felde. Das Ungeziefer im Felde 
bedeutet nicht nur eine große Belästigung der Menschen, sondern kann 
Komplikationen (Impetigo, Furunkulose, Erysipel, Lymphangitis, 
Hepsis, Ekzemen) und zur Uebertragung schwerer Infektionskrankheiten 
(Flecktyphus, Rückfallfieber, Pest) führen. In dem jetzigen Feldzug ist 
lr Übertragung von Flecktyphus durch Kopf- und besonders Kleiderläuse 
v on besonderem Interesse. Zur persönlichen Prophylaxe im Felde eignen 
von den zahlreichen zum Schutze gegen Ungeziefer empfohlenen Mitteln 
(ätherische Oele, wie Nelkenöl, Anisöl, Bergamottöl, Fenchelöl, Euca- 
jptusöl und andere mehr, ferner graue Salbe, Naphthalin, Schwefel- 
äther, Perubalsam, Styrar, /S-Naphthol usw.) meist nicht, entweder weil 
!*“ 8lark hautreizend wirken, oder zu unhandlich sind, oder zu wenig 
!7 s ri rk - Die Laboratorium8versuche der Verfasser ergaben nach 
J' er Hinsicht die befriedigendsten Resultate mit 3 ü /oigem Kresolpmler. 


Dieses kommt unter dem Namen Trikresolpuder in handlichen Schachteln 
mit zirka 60 g Inhalt in den Handel. 

Wehmer und Kirchberg (Berlin): Wirkung der mechanischen 
Beeinflussung des Abdomens auf die Circulation. Die Verfasser haben 
an einer größeren Anzahl Fällen von Arteriosklerose und chronischer 
Nephritis folgendes von ihnen schon früher zur Lösung peritonealer \ er- 
waehsungen benutztes Verfahren angewandt. Große, das Abdomen voU- 
kommen umspannende Glassaugglocken werden auf den Bauch aufgesetzt 
und durch abwechselnde Saug- und Druckwirkung die Bauchorgane hoch 
in die Glocke hineingezogen und wieder auf ihr altes Niveau zuiück- 
gedrängt. Ueber die Einzelheiten der Technik muß auf das Original ver¬ 
wiesen werden. Es gelingt durch diese Behandlung^ weise, schon durch 
wenige Sitzungen den Blutdruck um 30 bis 50 bis tO mm zu senken. 
Außerdem tritt Regulierung des Stuhlgangs ein. 

Lapinski (Basel): Ueber die Wirkung des Aethylhydrocupreins 
(Optochlns) bei croupöser Pneumonie. Bericht über 35 Fälle von meist 
schweren Erkrankungen. Das Mittel wurde nur per os verabreicht, und 
zwar 4 bis 12 mal 0,5 g und in Gesamtmengen von 3 bis 4 bis 12 g. 
Von schädlichen Nebenwirkungen wurde häufig Erbrechen, in fünf Fällen 
zum Teil schwere, aber stets nach einigen Tagen vorübergehende Schädi¬ 
gung des Nervus opticus beobachtet. Der therapeutische Effekt des 
Optochins ist natürlich schwer zu beurteilen. Für den günstigen Einfluß 
spricht die Tatsache, daß in den 15 Fällen, in denen bei der Behandlung 
mit Optochin eine definitive Heilung nach der ersten Krisis eintrat, 
zwölfmal sich dieser Ausgang unmittelbar an die Darreichung des Mittels 
anschloß. In demselben Sinn ist die Tatsache zu verwerten, daß in den 
fünf respektive neun Fällen, in denen das Optochin am zweiten respektive 
dritten Krankheitstage gegeben werden konnte, zwei- beziehungsweise 
viermal sofortige Krisis und definitive Heilung auftrat. 

Szily (Budapest) und Friedenthal (Nikolassee): Chemotherapie 
der Syphilis mittels anorganischer Kombination von Quecksilber, Arsen 
und Jod. Die Verfasser empfehlen zur Behandlung der Syphilis in allen 
Stadion an Stelle der komplizierten uud teuren organischen Arsen- und 
Quecksilberpriiparate eine Mischung der Salze HgJji, JK und AsJ3 in n /ioo- 
bis n/,„-Lösungen. Von den n /io- bis o/ao-Lösungen werden 1 bis 2 cra intra¬ 
muskulär in zwei- bis dreitägigen Intervallen gut vertragen. Ausreichende 
Erfahrungen liegen vorläufig noch nicht vor. Pringsheim (Breslau). 

Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 6. 

Bier (Berlin): Prophylaxe des Kriegskrüppeltunis vom chirurgischen 
Standpunkte. Einzelne Sätze seien angeführt: Kein Lazarett darf ohne 
Röntgoneinrichtung sein. Bei Kriegsoperationen sind AUgemeinnarkosen 
weit vorzuziehen, und zwar mit Aether oder Mischnarkosen. Nach Steck¬ 
geschossen darf nicht gefahndet werden ohne vorherige Tiefenbestimmung. 
Es wird zuviel amputiert. Gegen Infektion und Wundfieber sind Ruhe, 
seltener Verbandwechsel und feuchte Verbände mit den ehrwürdigen 
Kamillen die dankbarsten Mittel. Mit Ausnahme des Facialis sollen alle 
übrigen verletzten Nerven so bald als möglich in operative Behandlung 
genommen werden. Bei Aneurysmen schützt nur Arteriennaht vor Circu- 
lationsstörungcn. Bei Rückenmarkschüssen mit spastischen Paresen und 
Paralysen sollte immer operiert werden. Ein Gelenk lange zu fixieren, 
das nicht der FcststeUung bedarf, ist ein Fehler. Die Hand des Arztes 
wirkt mehr als medico-mcclianische Apparate (cum grano salis). 

Baginsky (Berlin): Die wichtigsten Verdauungsstörungen des 
älteren Kindes nnd ihre Behandlung. In Betracht kommen das habituelle 
Erbrechen, auf funktioneller Störung von seiten des Nervensystems 
beruhend; das cyclische Erbrechen mit Acetonurie durch fehler¬ 
haften Abbau der Eiweißkörper, vielleicht auf Störung der Leberfunktion 
beruhend; die nervöse Anorexie, häufig verbunden mit Neigung zu 
pikanten und seltsamen Stoffen (z. B. Kalk, Asche), ebenfalls funktionellen 
LTrsprungs, meist durch fehlerhafte Ernährung, spätes Einsetzen fester 
Nahrungsmittel entstanden; die Magenatonie, ebenfaUs auf unzweck¬ 
mäßige Ernährung im Säuglingsalter zurückzuführen. Die Therapie be¬ 
steht in Veränderung der Umgebung und der bisherigen Ernährungs¬ 
weise. Zu den chronischen Zuständon gehören die auf Acylia gastrica 
sich aufbauenden Magendarmkatarrhe, die sich nur durch sorgfältige Beob¬ 
achtung genauer Diätvorschriften beseitigen lassen. 

Brettner (Berlin): Eigenartige Waffen ans Feindesland. Schilde¬ 
rung von Gewehrstock, Sportmesser und Fliegerpfeil mit kasuistischen 
Beiträgen und der Bitte um Pfeile für die kriegschirurgische Sammlung 
der Kaiser-Wilhelms-Akademie. 

Hygienische Rundschau 1915, Nr. 4 u. 5. 

Nr. 4. T. A. Venera a: Der Dibdinsche Schiefertafelkörper zur 
Reinigung von Abwasser. Der Dibdinsche Schiefertafelkörper soll die 
Faulkammer beim biologischen Ahwasserreinignngsverfahrcn ersetzen. Er 
besteht aus einem zementierten Becken, das e ine Reihe in kurzen AB 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


ständen übereinander liegender Schieferschichten enthält. Das durch 
Rechen von den gröbsten Bestandteilen befreite Abwasser wird von oben 
eingelassen und nach einigen Stunden unten abgelassen. Die auf den 
Schieferplatten niedergeschlagenen ungelösten Stoffe werden von den auf 
den Schieferplatten angesiedelten Mikroorganismen mit Hilfe des Sauer¬ 
stoffs zerstört. Der Haupt vorteil des Verfahrens liegt in der Geruch¬ 
losigkeit. Ueber seine Wirksamkeit liegen exakte Untersuchungen noch 
nicht vor. Die in der Praxis in England gemachten Erfahrungen wider¬ 
sprechen sich zum Teil. 

Nr. 5. Ratner: Die Kriegshygiene in der df jüdischen Literatur. 

Im Deuteronomium finden sich auch für den Kriegsfall hygienische Vor¬ 
schriften. Zura Teil decken sich diese mit denen der Friedenszeit unter 
Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse. Mit Rücksicht auf diese 
sind aber auch Ausnahmen von sonst bestehenden Geboten zugelassen. 

K. M. 

Journal of the American medical association 1914 , 

Bd , 64, Nr. 2 , 3, 4. 

Nr. 2. J. Whitridge: Grenzen und Möglichkeiten der vorgeburt¬ 
lichen Pursorge. Studie auf Grund von 705 Todesfällen bei Pöten in 
der geburtshilflichen Abteilung des John Hopkins Hospitals in Baltimore. 

Sehr interessante Studie über die zu treffenden Maßnahmen, um Todes¬ 
fälle bei Föten zu verhüten. Betont die Notwendigkeit der Ueberwachung 
der Mutter nicht nur durch die Hebamme, sondern auch durch den Arzt 
und die Notwendigkeit der sozialen Hilfe. 

Arthur W. M. Ellis, Cullen, Glenn E. Slyke. Donald: Der 
Gehalt an Aminosäure im Blut und der Spinalfiussigkeit bei syphi¬ 
litischen und nichtsyphilitischen Personen. Die Aminosäure im Blute 
variiert in bestimmten Grenzen bei verschiedenen Individuen (zwischen 
4,5 zu 8,5 mg), der Gehalt des Bluts der Syphilitiker und Nichtsyphilitiker 
zeigt diesbezüglich keine Unterschiede, auch besteht keine Beziehung, 
weder im Blute noch in der Spinalflüssigkeit, zur Wassermannreaktion. 

Kaplans und Mc Clellands Annahme, daß eine Verringerung 
des Aminosäurenitrogens bei Syphilitikern im Blute bestehe und als 
Diagnostikum gebraucht werden könne, erscheint nach den Unter¬ 
suchungen der Verfasser als unrichtig. 

Nr. 8. Harvey, Cushing: Ueber die chirurgischen Resultate 
bei Hirntumor. Gibt die Resultate an 142 Füllen von Hirntumoren 
der Bostoner Klinik und spricht sich zuversichtlich aus über die fort¬ 
schreitend besseren Resultate der Gehirnchirurgie. Betont eingehend die 
nötigen Grundlagen für zu erreichende Erfolge. 

Gge. Smith, Gilbert: Getrennte Nierenfunktion. Beobach¬ 
tungen gewonnen durch Anwendung des Ureterenkatheters und des 
Phenolsulphonephthaleins. Genaue Befunde bei einer Anzahl Fälle. Als 
Aussehcidungszeit des Phenolsulphonephthaleins wurde eine Pause von 
drei Minuten nach intravenöser Einspritzung von 6 mg gefunden und 
eine Ausscheidung von 15% in den nächsten 15 Minuten. Bei höherer 
Ausscheidung, wenn die eine Niere krank ist, ist anzunehmen, daß die 
gesunde Niere bereits die Funktion der erkrankten übernommen hat. In 
diesem Falle kann bis zu 30 % von der einen Niere ausgeschieden werden. 

Nr. 4. Louis A. Levißon: Auftreten von Oedemen nach 
großen Gaben von doppelkohlensaurem Natrium. Große Dosen von 
Natrium bicarbonicuro können eine Zunahme des Körpergewichts n er- 
ursachen, die unter dem Bilde von Oedem auftreten kann. Diese Ge¬ 
wichtszunahme ist veranlaßt durch Chlorid- und dadurch bedingte \\as>er- 
rctention im Körper. Diese Erscheinung wurde hauptsächlich bei kachek- 
tisehen Diabetikern bei bestehender Acidose beobachtet, kann aber auch 
an normalen Individuen auf experimentellem W eg erzeugt werden. 

Arthur J. Casselmann: Nicht erhitzte Vaccine. Vaccine sollten 
nicht über 37 0 C erhitzt, sondern auf eine Art behandelt werden, die 
zwar ihre vegetative Funktion zerstört, nicht aber die ^Tmmumtäts- 
reaktion von der lebender Bakterien verändert. Zu diesem Zweck emp¬ 
fiehlt sich eine 0,25 %igc Trikresollösung in der Anwendung von 
24 Stunden bei 37° C. Es ist möglich, daß auch irgendein anderes 
Glied der Phenolgruppe in der gleichen bakterientötemlen Konzentration 
befriedigende Resultate gibt. _ Cordes (Dresden). 

Therapeutische Notiz. 

(Aus dem Waldsanatorium Zehlendorf-West Dr. Hauffe, Vereinslazarett.) 

Perhydrit - Stäbchen 

von Dr. Heinrichsdorff. 

Pas Wasserstoffsuperoxyd in trockner und fester Form, Perhy¬ 
drit, ist eine sehr praktische Erfindung, weil mit dem Pulver oder den 
Tabletten bequem und schnell Lösungen von Ha Os hergestellt werden 
können Es ist eine Verbindung von Carbamid mit Perhydrol und 
bildet ein weißes Pulver, das sich in Wasser leicht löst. Ebenso wie 


Perhydrol hat es hohen Gehalt an Wasserstoffsuperoxyd (34 bis 35%), 
ist also mehr als zehnmal stärker als das käufliche Hydrogenium 
peroxydatum. Man hat es daher in der Hand, beliebig starke Lösungen 
herzustellen. Die Anwendung als Wundreinigungsmittel ist die gleiche 
wie mit dem flüssigen H*0*. Außerdem kann auch das Perhydrit- 
pulver, wenn es sich um tiefe, eitrige, schmierige Wunden handelt 
ohne weiteres auf gestreut werden. Das Wundsekret selbst bildet dann 
das Lösungsmittel, sodaß eine langsame, immer tiefergehende Des¬ 
infektion der Wunde vor sich geht. 

Im Vereinslazarett habe ich besonders häufig die Perhydrit- 
stäbchen verwandt. Das sind etwa 2 cm lange Stifte, von welchen 
zwei Sorten durch E. Merck (Darmstadt) hergestellt werden. Die 
einen haben die Dicke der bekannten Höllensteinstifte, die andern sind 
dünner, etwa wie Streichhölzer. Die ersteren benutze ich zum Aetzen 
von nekrotischen Schleimhäuten und zur Säuberung von Wundfalten 
und Buchten. Ein beigegebener Metallhalter erleichtert die Hand¬ 
habung. Die zu ätzende Stelle wird eventuell erst mit Wasser vor¬ 
berieselt und dann das Perhydritstäbchen darauf einwirken gelassen. 
Die Wundfläche wird nach und nach schwach w r eiß, milchig und 
schmerzt ein wenig. Aber der Erfolg ist gut; in kurzer Zeit, nach 
zwei bis drei Aetzungen, sind derartige nekrotische Partien ver¬ 
schwunden. Der Vorzug vor dem Lapis ist der, daß sich kein Aetz- 
schorf bildet. — Die dünneren Stäbchen verwende ich zur Reinigung 
von Fistelgängen, Schußkanälen und ähnlichem. Mit Hilfe der Pinzette 
schiebe ich ein bis zwei Stifte in die Wundöffnung möglichst tief. So¬ 
fort entsteht eine lebhafte Gasentwicklung, sodaß die Stifte wieder 
herausgepreßt werden, wenn nicht sofort die Oeffnung zugehalten 
wird. Zweckmäßig preßt man ein Stückchen Gaze über die Mündung, 
sodaß die herausschäumenden Eiterteilchen durch die Gaze hindurcli- 
treten und abgewischt werden können. Die Wundgänge, besonders 
auch Knochenwunden, erfahren auf diese Weise eine viel intensivere 
Desinfektion als durch das Ausspritzen mit Lösungen von HsOs; ihre 
Oberflächen werden infolge der längeren Einwirkung mehr durch¬ 
drungen. Die Behandlung mit den Perhydritstäbchen ist der früheren 
mittels Gazestreifentamponade überlegen, sie schafft günstigere Be¬ 
dingungen zur Heilung, ist für den Patienten äußerst schonend und 
erspart wesentlich an Verbandmaterial. 


Bficherbesprechungea. 

P. Klemm, Die akute und chronische infektiöse Osteomyelitis 
des Kindes alters. Mit 7 Abbildungen im Text und 1 Kurventalel. 
Berlin 1914, S. Karger. 261 Seiten. M 9,—. 

Das Wesentliche bei der Osteomyelitis ist die Erkrankung des 
lymphatischen Gewebes. Das Krankheitsbild der Osteomyelitis in tofco wird 
durch die Reaktion des Knochengewebes auf das erkrankte Mark erzeugt. 

320 eigne Beobachtungen führen Klemm zu dieser Grundanschauung, 
die er nun in überzeugenden, lebhaften Ausführungen vertritt. Sein 
Buch ist keine erschöpfende Behandlung der Frage der Osteomyelitis, 
will es auch gar nicht sein, aber es ist eine äußerst lehrreiche Mittei¬ 
lung und Verarbeitung großer eigner Erfahrungen. Daß dabei auch die 
Kasuistik nicht zu kurz kommt — sie enthält viele interessante Einzel- 
beobaehtungen — macht das Buch gerade für den Praktiker sehr nutz¬ 
bringend. Schade ist, daß die Brauchbarkeit durch eine geringe Ueber- 
sichllichkeit der Stoffanordnung erschwert wird. Man ist beinahe zu einer 
systematischen Lektüre gezwungen. Die Hauptsache: das Werk ver¬ 
dient auch ein solches Studium. Albert Wettstein (St. Gallen). 
Borntraeger, Der Geburtenrückgang in Deutschland, seine Be¬ 
wertung und Bekämpfung. Berlin 1912, Richard Schoetz. M3 f <o. 

Die für unsere Volksgesundheit und unsere Wehrfähigkeit so 
außerordentlich wuchtige Frage des Geburtenrückgangs ist in der vor¬ 
liegenden Studie in außerordentlich übersichtlicher und erschöpfender 
Weise behandelt, wobei nicht nur ärztliche, sondern auch soziale, religiöse 
und gesellschaftliche Gesichtspunkte eine eingehende Würdigung erfahren 
haben. Die Besprechung der Verhinderung der Conception und er 
Unterbrechung der Schwangerschaft bringt auch für Aerzte viel Wissens¬ 
wertes und Neues. Einen breiten Raum nimmt das Kapitel über die ®- 
kümpfungsmittel dieser Entartungserscheinung ein. Die Maßnahmen zur 
Förderung der Eheschließung beziehungsweise zur Bekämpfung der h ®- 
losigkeit, zur Begünstigung von Familien mit mehr als zwei hin ern, 
ferner die Maßnahmen gegen die w T oitcre Ausbreitung der Lehren ü er 
die Geburtenverhütung, die Unterdrückung des Handels mit anticoncep io* 
nellen Mitteln, die polizeilichen und richterlichen Anweisungen, sowie 
alle übrigen Maßnahmen hinsichtlich der Aerzte, Hebammen und Pflege 
rinnen werden so ausführlich und in einer auch für gebildete Laien 
so interessanten Weise erörtert, daß das Buch als ein ausgezeichne t 
Hilfsmittel für die vornehme Pflicht der Aufklärung im Interesse unserer 
\ olkserhaltung bezeichnet werden kann. Reckzeh (Beruh 


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UNIVERSUM OF IOWA 



•25. April. 


1935 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17 


495 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton J Bum, Wien. 


K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. 


Sitzung vom 16. April 1915. 


A. Fuchs führt einen 20jährigen Infanteristen vor, welcher 
Ergotismns convulsivus nach Genutt yon schlechtem Brot 
überstanden hat. Er bekam heftige Krämpfe in allen Extremi¬ 
täten, außerdem auch in allen großen Muskeln des Rumpfes und 
der Schultern. Die Krankheit bot das Bild der schwersten Tetanie. 
Das Chvosteksche Phänomen konnte durch leichtes Bestreichen 
der Haut mit. dem Fingernagel hervorgerufen werden, außerdem 
war elektrische Uebererregbarkeit vorhanden. An den großen 
Zehen trat während des Spitalsaufenthaltes des Kranken eine 
mumifizierende Gangrän der Haut auf, welche an Erfrierung denken 
ließ; Pat. war jedoch wohl in einem nassen Schützengraben ge¬ 
legen, war aber keiner besonders tiefen Temperatur ausgesetzt. Da 
Vortr. auf Grund seiner Beobachtungen zur Ansicht gelangt war, 
daß die Tetanie nur eine mildere Form des Ergotismus ist, wurden 
die Fäzes des Kranken auf das Vorhandensein von Mutterkorn 
nDtersucht, welches sich auch in großen Mengen fand. Es ergab 
sich, daß der Kranke in Russisch-Polen mehrere Tage von dem 
Brot der Zivilbevölkerung gelebt, welches sehr verunreinigt ist 
und viel Mutterkorn enthält. Dem Kranken wurden alle aus Mehl 
hergestellten Speisen verboten und darauf verschwand das Sekaie 
langsam aus dem Stuhl, damit hörten auch die Krämpfe auf. 
Gegenwärtig ist noch das Chvosteksche Phänomen angedeutet, 
das Trousseausche Phänomen kann nicht immer hervorgerufen 
werden. Spontankrämpfe kommen nicht mehr vor, die elektrische 
Erregbarkeit ist noch etwas erhöht. Der Nachweis des Mutter¬ 
korns im Mehl erfolgt nach Wasicki im Fluoreszenzmikroskop, 
aus dem Stuhl wird es mit Chloralhydratlösung zentrifugiert und 
im nativen Präparat untersucht. Charakteristisch für das Sekaie 
ist die rote Randpartie desselben. Nach der Erfahrung des Vortr. 
wird auch die Tetanie durch Mehlentziehung geheilt. 

J. Heyrovsky stellt aus der Klinik Hochenegg einen 
Mann vor, bei welchem er wegen Langen Verätzung eine ante- 
thorakale Oesophagoplastik vorgenommen hat. Es wurde eine 
Jejunumschlinge mit dem aboralen Ende des Oesophagus vernäht, 
unterhalb der Thoraxbaut bis zum Manubrium Storni hinaufgeführt 
und hier mit einem Hautschlauch verbunden, der mit dem oralen 
Teil des Oesophagus in Verbindung gesetzt wurde. Pat. kann jetzt 
jede Nahrung genießen und hat um 10 kg an Körpergewicht zu¬ 
genommen. Bisher wurden an der Klinik drei Oesophagoplastiken 
n&ch Roux vorgenommen, welche alle von Erfolg begleitet waren. 
Vortr. stellt die zwei anderen Fälle vor, welche im Jänner resp. 
im Mai 1914 operiert worden sind und an Körpergewicht beträcht¬ 
lich zogeuommen haben. 

A. Klein stellt zwei Typhusfälle vor, bei welchen Typhus- 
baziHen im Sputum nacbgewiesen wurden. Bei dein ersten 
Kranken wurden Fieber und Bronchialkat&rrh festgestellt, Milz- 
tumor und Roseola waren nicht vorhanden. Das schleimig-eitrige 
Sputum enthielt eine Reinkultur von Typhusbazillen. Am 19. Tag 
’ rale fl letztere auch im Harn auf. Hier wurde die Frühdiagnose 
des Typhus aus dem Sputum gestellt. Der zweite Fall erkrankte 
m ! 1 fiel'fr, am 9. Tag wurden Typhusbazillen im Blut nachge- 
J'iesen, in den Fäzes waren sie nicht zu finden. Vom 20. Tag 
er Erkrankung an war Pat. fieberfrei. Im Harn waren Typhus- 
aziiien erst am 35. Krankheitstag nachweisbar, seither nicht 
ehr. Nach einigen Wochen bekam Pat. beiderseitige Appendizitis, 
bputum fanden sich Typhusbazillen. Der seit 3 Monaten fiober- 
di i Pin Bazillenträger. Die beiden Fälle zeigen, daß 

fo) 6 011 auc h durch das Sputum (Tröpfcheninfektion) er- 


& Pal tauf fragt, ob dem Put. Urotropin gegeben wurde. 

,, ir erw idert, daß dies nur bei denjenigen Kranken der Fall 

ar - " eIc,ie Typhusbazillen im Harn aufwiesen. 

5' Pal tauf weist darauf hin, daß das Vorkommen von typhösen 
baziüeii e ^ kra ^bekannt ist (Bronchotyphus). Es können Typbus- 
lnfluen?i a J da !L Sputum verbreitet werden, aber nicht wie bei der 
bazillen 0 ;. i C , ^ l ) a Onen, sondern durch Verschlucken. Die Typhus- 
nirht zugruntl r "’^erstandsfähig und gehen auch durch Austroeknen 

einpc '^ r * sc k demonstriert zwei Soldaten, welche er wegen 
operiert h^ 8 ?- 88 < * er S^taea sap. nach Schußverletzung 
nat - Die Kugel war in der Gegend der Spina ant. sup. 


ilei eingedrungen und im Gesäß ausgetreten. Das Aneurysma 
wölbte die Gesäßbacke vor und verursachte heftige ausstrahlende 
Schmerzen, so daß die Kranken kaum sitzen und liegen konnten. 
Sie spürten auch die Pulsation des Aneurysmas; bei dem einen 
Pat. trat eine Ischiadikuslähmung infolge des Druckes durch das 
Aneurysma auf. Beide Pat. wurdeu in der Weise operiert, daß 
nach Laparotomie die A. hypogastrioa unterbunden wurde. Die 
Schmerzen ließen noch an demselben Tag nach. Dann wurden bei 
dem einen Pat. die Blutkoagula aus der Aneurysmahöhle ausge¬ 
räumt, bei dem anderen wurden sie der Resorption überlassen. Die 
Ischiadikuslähmung ist verschwunden. 

A. Frh. v. Eiseisberg bemerkt, daß auf dem letzten deutschen 
Kriegschirurgentag Bier die Operation der Aneurysmen der A. glutaea 
als schwierig bezeichnet und die Operation unter M om bürg scher Blut¬ 
leere angeraten hat. 

A. Hein dl stellt einen Soldaten vor, bei welchem er ein 
Projektil aus der Keilbeinhöhle entfernt hat. Pat. litt nach 
einer Schußverletzung an zunehmenden Kopfschmerzen und das 
Sehvermögen sank auf dem rechten Auge. Die Röntgenunter¬ 
suchung ergab, daß das Projektil in der vorderen Wand der Keil¬ 
beinhöhle steckt; es wurde nach Resektion der mittleren und 
unteren Nasenmuschel entfernt. In einem zweiten Fall wurde ein 
Projektil aus dem Siebbein entfernt. 

J. Zanietowski (Krakau): Die moderne Elektromedizin 
in der Kriegstherapie. Vortr. berichtet über die Ergebnisse der 
modernen Elektrodiagnostik und Elektrotherapie sowie über die 
eigenen Versuche, die er an Kriegsverwundeten in einigen Spitälern 
und besonders in der Wiener Invalidenschule durchgeführt hat. 
Er demonstriert den von den Veifa-Werken nach seinen Angaben 
konstruierten Kondensatorapparat, welcher auf dem letzten inter¬ 
nationalen Kongreß für Elektrologie und Radiologie mit einem 
Preis ausgezeichnet wurde. Die mit Hilfe dieses Apparates aufge¬ 
nommenen exzitomotorischen Kurven zeigen für die normalen Nerven 
einen charakteristischen Verlauf und Neigungswinkel. Diese Kurven 
werden so gewonnen, daß die mit Hilfe von beliebigen Konden¬ 
satorentladungen zur Hervorrufung einer minimalen Reaktion not¬ 
wendigen Elektrizität^mengen auf dem Koordinatensystem aufge¬ 
tragen und durch eine Gerade verbunden werden. Diese Linien 
sind symmetrisch nach oben oder unten verschoben, je nachdem 
die Erregbarkeit des Nerven herabgesetzt oder erhöht ist. Bei der 
Entartung haben sie einen asymmetrischen Verlauf. Der Vergleich 
der mit einer positiven und negativen Elektrode aufgenommenen 
Kurven orientiert außerdem über die normal oder abnormal tiefe 
Lage der Nerven. Ferner erwähnt Vortr. die Aufschlüsse, welche 
er auf Grund der Bestimmung von Kontrast- und Polarisations¬ 
koeffizienten sowie mit Hilfe der simultanen Reize und des faradi- 
schen Intervalls erhielt. Er skizzierte hierauf in kurzen Zügen die 
Ergebnisse der modernen Elektrotherapie und die Unterschiede 
der jede Behandlungsmethode charakterisierenden Faktoren, insbe¬ 
sondere betonte er, daß auch die übliche Faradisation und Galva¬ 
nisation je nach der Intensität, Spannung und Unterbrechungs¬ 
frequenz des Stromes verschiedene Resultate liefern. Zum Schluß 
erwähnt Vortr. die heutzutage noch wenig berücksichtigten Wir¬ 
kungen der von der Ionenart und lonenrichtung abhängigen loncn- 
therapie. n 


Kriegsärztliche Abende in Franzensbad. 

Sitzung vom 20. März 1915. 

L. Steins borg demonstriert einen Fall von geheiltem 
Tetanus. Am 3. November 1914 Kugeldurchschuß des linken 
Vorderarms im unteren Drittel. Ausschuß au der Volarfläche der 
Hand unterhalb des Daumens. Phlogmonöser Wund verlauf, Arrosion 
der Art. radialis, Unterbindung derselben wegen arterieller Blu¬ 
tung. Ausheilung der Wunde mit Versteifung des Handwurzel¬ 
gelenkes und des Daumens. 20. Jänner 1915, also ca. 2 1 /« Monate 
nach erfolgter Verletzung, große Unruhe in der Vorderhand, später 
Fingerkrampf und tonische Krämpfe der Armmuskulatur, Tempe¬ 
ratur normal, kein Trismus. Da auf Verabreichung von Suifonal 
und Chloralhydrat keine Besserung eintrat und in den nächsten 
2 Stunden 8 Anfälle zu zählen waren, wurden sofort 200 g Paltauf- 
Tetanusserum injiziert. Diese Dosis genügte, um eine Wiederholung 
der Anfälle hintanzuhalten. Dieser Fall ist auch aus dem Grunde 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


interessant, da im Anschluß an die Injektion, jedoch erst 6 Tage 
später, leichte Intoxikationserscheinungen aufgetreten sind, die 
entschieden auf dieselbe zurückgefiihrt werden müssen. Unmittelbar 
nach der Injektion trat an der Impfstelle starker Juckreiz auf. < 
Erst 6 Tage später meldete sich ein Exanthem am ganzen Vorder¬ 
arm, Urtikariaquaddeln und Schwellung der Axillardrüsen. Auch 
am Brustkorb waren vereinzelte Effloreszenzen zu sehen, dabei 
Fieber bis 38<>, allgemeine Mattigkeit, Muskelschmerzen. Puls 
klein, frequent. Auf essigsaure Tonerdeumschläge gingen die Er¬ 
scheinungen nach ca. 24 Stunden vollständig zurück. Das Antitoxin 
gilt im allgemeinen als harmlos, auch bei intravenöser, ja sub- 
duraler Injektion. Auch im vorliegenden Fall dürften die Intoxika¬ 
tionserscheinungen auf das artfremde Eiweiß zurückzuführen sein, 
doch berichteten auch letzthin Böen heim und Vogt über zwei 
ähnlich verlaufende Fälle nach Merckschem Serum. — St. berichtet 
über einen weiteren Fall von Tetanus. Dieser betrifft einen Soldaten, 
der mit einer Schußverletzung der rechten Mittelhand, mit ausge¬ 
breiteter Gewebs- und Knochenzertrümmerung Ende September v. J. 
eingeliefert wurde und bei dem nach bereits erfolgter, sehr lang¬ 
wieriger Ausheilung der Verletzung, 2 Monate nach erfolgter Ver¬ 
wundung und bei intakter Epidermisierung ein typischer Tetanus¬ 
anfall in der verletzten rechten Extremität aufgetreten ist. Bei 
bestem Allgemeinbefinden trat zeitlich früh der erste Starrkrampf 
in der verletzten Hand auf. Bis zur Morgenvisite konnte der 
Kranke bereits 4 Anfälle verzeichnen und auch über eine ganz 
leichte Steifigkeit im Nacken und über ein unangenehmes Gefühl 
im rechten Kiefergelenk berichten. Fieber bestand nicht. Es 
wurden gegen Mittag 200 A.-A. Tetanusserum Paltauf in die 
Gegend der Bracbialnerven injiziert , nebstdem 5 g Uhloralhydrat 
und Sulfonal verabreicht. Bis 3 Uhr nachmittags bestand noch 
eine gewisse Unruhe in der Hand, besonders an der Wundstelle, 
doch kam es zu keiner KrampfauslösuDg. Abends Reaktionsfieber 
38,5°. Bei normaler Temperatur trat am Nachmittag des nächsten 
Tages eine neuerliche Unruhe im Bereiche der seinerzeit verletzten 
zwei Finger auf. Es wurde deshalb abermals eine neuerliche Anti¬ 
toxininjektion 150 A.-E. verabreicht. Der Kranke wurde noch eine 
Zeitlang unter Einwirkung von Narkotizis gehalten und es ist bis 
zu seiner einen Monat später erfolgten Entlassung kein Anfall mehr 
aufgetreten. — Vortr. bespricht zum Schluß kurz die bisherigen 
Behandlungsmethoden des Tetanus. Neben der möglichst früh¬ 
zeitig, auch schon bei leisestem Verdacht auf Tetanus in Angriff 
zu nehmenden Antitoxintherapie und gleichzeitiger Darreichung 
großer Dosen von Narkotizis erscheint ihm die jüngst von 
Straub in Freiburg inaugurierte Dauerbebandlung mit Magnesium- 
sulphat im Hinblick auf eine optimale Magnesiumkonzentration im 
Organismus am aussichtsreichsten. 

Weissmann (Weißkirchlitz) als Gast berichtet über einen selbst 
beobachteten Fall von Tetanus, welcher mit der Diagnose Angina in das 
Ueservespital in B. eingebracht wurde. Am 40. Tag nach einer Ver¬ 
letzung des Zeigefingers trat hei dem Soldaten Tetanus auf. Die Symptome j 
waren: Spannung der Bauchdecken. Trismus. Beim Oeffnen des Mimdes 
mit der Mundklemme trat prompt ein Anfall auf. Beim Zurückziehen 
der Zunge kam es zu Erstickungsanfällen. Pat. wurde apnoisch, pulslos, 
so daß künstliche Atmung angewendet werden mußte. Während W. 
Tetanusserum requirierte, starb Pat. im Anfall. 

J. Hirsch: Bei einem schweren Fall von Tetanus mit Trismus, 
Krämpfen der Schluck- und Rcspiratiousmuskelu brachten waimc, feuchte 
Umschläge auf die Wangen, den Hals und auf die Brust große Beruhi¬ 
gung und Lösung der Krämpfe. Prolongierte, bis 2 Stunden währende 
dO°U warme Vollbäder wurden sehr angenehm empfunden und be¬ 
wirkten eine bedeutende Erleichterung. Chloralhydrat 8 g als Klysma 
machte die Anfälle seltener und kürzer. Dieser lall, welcher einige 
Jahre zurückreicht, betrifft einen Kollegen, der trotz aller angewandten 
Mittel dieser Erkrankung erlegen ist. 

Cu kor weist auf die Möglichkeit von Verwechslungen des Tetanus 
mit epileptischen Krämpfen, speziell während der Kriegsperiode, hin. 

Selig: Das Herz unter dem Einflüsse der Kriegs- 
Strapazen? Die Schädigungen des Herzens werden bedingt durch 
körperliche UeberanstreDgungon (Tagesmärsche von 50 km, bei 
32 kg Bepackung), daraus ergeben sich ausgesprochene Herzdilata¬ 
tionen mit entsprechender PulsbeschleuniguDg, schwere Insuffizienz- 
erscheinungen siud nicht zu beobachten. Ein häufiger Befund sind 
Geräusche an den Klappen, die in Anbetracht des wechselnden 
Auftretons nicht als organische anzusprechen, sondern als ein 
Zeichen der Schwäche des Herzmuskels zu deuten sind (relative 
Insuffizienzen der Klappen). Psychische Einwirkungen spielen mit 
eine Hauptrolle bei vielen Herzstörungen (Kriegsneurosen), auch 
ist eine Zunahme des Morbus Basedow durch die Aufregungen im 
Felde wahrnehmbar. Akute Erkrankungen, meist aber Exazerba¬ 


tionen von Muskel- und Gelenksrheumatismus führen zu endo- 
karditischen Prozessen. Magen-Darinkrankheiten erzeugen zwei 
verschiedene Gruppen von Herzsymptomen, Pulsbeschleunigung 
und Temperatursteigerung, aber auch Bradykardie und subnormale 
Temperaturen. Fast alle Herzen zeigen labilen Charakter. Extra¬ 
systolen sind eine häufige Begleiterscheinung. Die Hauptschädi- 
gung des Herzens erfolgt auf dem Wege des Nervensystems. 
Therapie: Wenig Medikamente, psychische Ruhe, abstufbare, in 
längeren Zwischenräumen verabfolgte Kohlensäurebäder, sich stets 
den Zirkulationsverbältnissen anpassend. 

Kiesler berichtet über 3 Fälle von Mitralinsuffizienz mit starker 
Hypertrophie des linken Ventrikels und Akzentuation des zweiten 
Pulmonaltones bei Soldaten, die bis zu ihrem Abgang ins Feld niemals 
welche Erscheinungen seitens des Herzens hatten. Es handelt sich hier 
offenbar um latente, gut kompensierte Vitien, die infolge der überstan¬ 
denen Kriegsstrapazen manifest wurden. Die Betreffenden, die bis dahin 
keine Herzbeschwerden hatten, boten jetzt die bekannten Zeichen leichter 
Herzinsuffizienz. 

Steinsberg hat an seinem Krankenmaterial die nervöse Kom¬ 
ponente bei den Herzstörungen im Kriege im Vordergründe gesehen. 
Viele Kranke melden sich mit subjektiven Beschwerden und allerlei 
Herzsensationen. Man findet Verbreiterung des Spitzenstoßes, so daß der 
Iktus außerhalb der Mamillarlinie liegt, doch handelt es sich meistens 
um keine wirkliche Verbreiterung des Herzens. Sehr oft findet man Ge¬ 
räusche an der Spitze, meistens oben im zweiten und dritten Interkostal¬ 
raum, in allen möglichen Abstufungen. Vielleicht sind es Venengeräuscbe 
oder entstammen sie der Art. pulnion. (Liitje). Der beschleunigte Puls 
geht bald in der Ruhe zurück. Respiratorische Arhythmie und Extra¬ 
systolen werden als Zeichen der Uebererregbarkeit des Vagus bezeichnet: 
das Nervensystem ist überaus alteriert, alle bekannten Nervensymptome 
sind feststellbar, hochgradige Sehnenreflexe, Verminderung der Schleim- 
hautreflexe. Nur eine präzise Anamnese, die Feststellung von Stauungs- 
erscheinungen in den Innenorganen und die Akzentuation des zweiten 
Pulmonaltoncs sowie der Harnbefund sind für die Differentialdiagnose ma߬ 
gebend. Vortr. lenkt auch die Aufmerksamkeit auf Strumaherzen 
und den übermäßigen Tabakabusus im Felde als prädisponierendes 
Moment. Auf die Therapie übergehend, betont er die überaus günstige 
Einwirkung der Franzensbader Kohlensäurebäder in ihren kühlen Tem¬ 
peraturen bis 24° R. Auch Ruhe und eine psychische Beeinflussung des 
Kranken bilden ein therapeutisches Moment Nicht zu leugnen ist das 
Aufflammen latenter Herzprozesse durch die Kriegsstrapazon und mau 
erhält sehr oft bei Verletzten als Nebenbefund ein krankes Herz: doch 
muß nochmals betont werden, daß die meisten objektiven Herzsymptcmc 
nur temporäre sind uad eine gute Prognose für die weitere Diensttaug¬ 
lichkeit der Kranken abgeben. 

Sommer weist auf die große Zahl von sogenannten larvierten 
Klappenfehlern hin, welche dem Träger unbekannt durch viele Jahre 
keine Beschwerden bereiten und erst bei bestimmten Anlässen zum Be¬ 
wußtsein kommen. Selbst anstrengende Bergtouren sind von solchen 
Kranken anstandslos unternommen worden, bis gelegentlich einer Leber- 
anstrengung einmal das Herz versagt oder bei einer interkurrente« Krank¬ 
heit der Herzfehler „entdeckt“ wird. 

Reicht berichtet über einen 69jährigen Pat. mit Aorteninsulfizmul 
und vorgeschrittenem Aneurysma, der schon hoi seiner ersten militäri¬ 
schen Stellung auf Grund seines Vitiums frei wurde und durch Jahr¬ 
zehnte seinen Herzfehler symptomlos getragen hat. 

Jakesch weist auf das Vorkommen von Herzflimmeni als Aus¬ 
druck einer nervösen Alteration des Herzens hin. 

Fellner sen. meint, daß wir bei den von uns behandelten Sol¬ 
daten vielleicht darum keine Kompensationsstörungen nach weisen können, 
weil Fälle mit. solchen in die der Kriegsfront näher gelegenen Spitaler 
aiifgenoinmen werden. Auch finden sich hei den Soldaten häufig organi¬ 
sche Herzfehler, welche nicht wegen Herzbeschwerden hierher geseii e 
werden und auch gar nicht oder vielleicht nur zufällig über das nerz 
klagen. Wenn wir über die Häufigkeit der Kriegsschädigungen de? Her¬ 
zens uns ein Urteil bilden wollen, können Erfahrungen, die wir bei & 
handhmg der Mannschaft allein machen, nicht maßgebend sein, da"' 
in den meisten Fällen über die Anamnese nichts erfahren, so dnb 
nicht wissen, ob ein Herzleiden schon früher bestanden lnü oder 
während des Feldzuges entstanden ist. Ganz anders ist das beim Kci 
kenmaterial der Offiziere, wo die Anamnese uns sicheren Aufschluß $> • 
So waren unter den Soldaten - - es sind dies 132 —, welche I. u* 
behandelt hat, mir 2 Pat., welche wegen Herzbeschwerden hierher nie 
feriert wurden, ferner ein Eall von Basedow, welchen V. Bier v ° r lj cs i 
hat, withrendfunter den 50 Offizieren sich viele Herzkranke um- ■- 
die Hauptsache ist. viele während des Feldzuges Erkrankte H \' in 'jj 
wie die Anamnese ergab, darunter 5 Fälle von Basedow, worunter ein 
friscli entstanden ist. Nun ist allerdings die Mannschaft zumeist wtg, 
Verwundungen. Erfrierungen oder als Rekonvaleszenten nach e P| 1 
scheu Krankheiten: Typhus, Ruhr, allerdings auch nach Rheuma 
Neuralgien und speziell Herzkrankheiten hierher gesandt worden, n 
hin ist aber die große Zahl der friscli erworbenen Herzkrank hm 1 ■ . 
diese beträgt die Hälfte aller, auffallend und läßt sich vieUcK'l't^^ 
erklären, daß einerseits die geistigen Aufregungen und Anfoi e - 


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April. 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


197 


:\u die Offiziere sehr große sind, andrerseits dieselben, besonders die 
Rosen»- und Luidsturmoffiziere infolge ihrer zarteren Konstitution und 
Ki> dahin mehr venveiehlicliten Lebensweise, den Strapazen und Ent¬ 
behrungen weniger gewachsen sind als der gemeine Soldat. 

Eine Schädlichkeit, welche sicher eine große Rolle spielen dürfte, 
ist der Mißbrauch des Nikotins. Die Offiziere rauchen in der Auf¬ 
regung des Krieges viel zu viel, iJO, 50, 60. sogar bis HX) Zigaretten 
des TageF, angeblich um ihre Nerven zu beruhigen. Das Gegenteil aber 
ist wahr. Dieser Mißbrauch schädigt die Nerven und das Herz und man 
kann nicht genug laut die Stimme dagegen erheben. Viele Beschwerden 
tthwantlen schnell während der Behandlung, als die Zahl der Zigaretten 
eingeschränkt wurde. 

Stein hach macht aufmerksam, daß Leute vom Gefeehtsfcld 
kommen, welche über Husten klagen. Bei vielen handelt es sich um 
einen Stauungshusten, welcher nach etwas Strophantus und kühleren 
(vohlensäurebädern verschwindet. 

Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort- 
bildungswesen in Preußen. 

IV. 

Moritz (Köln): Langenerkrankungen. Vortr. berichtet 
über die günstige Wirkung des Oplochins als Spezifikum gegen 
Pneumoniekokken. Ferner schildert er die in den gewöhnlichen 
Krankensälen jedes Lazaretts zu treffende Einrichtung, um günstige 
Bedingungen für Lungenkranke, besonders Tuberkulöse, herzu- 
sfellen und jeden Pat. in abgesonderten Räumen zu behandeln, 
indem namentlich für gründliche Ventilation gesorgt wird. 

Finder: Hals- und Nasenerkrankungen. Es gibt eine 
große Anzahl von Menschen mit Nasenverstopfung mittleren 
oder mäßigen Grads, die von dieser Anomalie im Frieden so gut 
wie gar keine Beschwerden haben, bei denen sie sich aber in sehr 
störender Weise fühlbar macht, wenn große körperliche Anforde¬ 
rungen an sie gestellt werden, wie z. B. langdauernde Märsche. 
Diese Menschen, die gewöhnlich des Nachts Mundatmer sind, er¬ 
scheinen ausgezeichnet durch eine sehr große Neigung zu ständigen 
Katarrhen der oberen* Luftwege, die sich nach unten auf die 
Bronchien festzusetzen pflegen. Man findet bei einer großen An¬ 
zahl der wegen ständigen Bronchialkatarrhs zurückgeschickten 
Kriegsteilnehmer den eigentlichen Grund ihres Leidens in einer 
oft geringen Anomalie des Naseninnern, wie Muschelhypertrophien, 
Septumverbiegungen. Unter den bei Kriegsteilnehmern besonders 
häufig zur Beobachtung gelangenden Nasenerkrankungen nehmen j 
die Nebenhöhlenaffektionen die erste Stelle ein, und zwar 
handelt es sich um neu entstandene akute oder subakute Fälle 
oder um Exazerbationen schon früher vorhanden gewesener chroni¬ 
scher Erkrankungen. Diese Nebenhöhlenerkrankungen sind auf In¬ 
fektionen zurückzufübren und unter diesen wieder besonders auf 
Influenza und auf den akuten und genuinen Schnupfen. Vortr. 
bespricht die Grundzüge der Diagnostik dieser Erkrankungen und 
ein paar Hauptregeln für ihre Therapie. Er erwähnt ferner, daß 
er zurzeit einige Militärpflichtige in Behandlung hat, die ihm von 
früher her als Heufieberkranke bekannt sind und die er im 
Hinblick auf die jetzt bevorstehende Heufiebersaison prophylaktisch 
ffiit Heufiebervakzine behandelt. Die Heufieberkranken werden im 
Kriege, wo sie sich gegen die Schädlichkeiten, wie Sonne, Staub, 
Nähe blühender Wiesen, nicht schützen können, besonders schwer 
zu leiden haben. Ueber den Wert der prophylaktischen Behandlung 
läßt sich naturgemäß noch nichts sagen. — Eine sehr häufige Er¬ 
krankung ist auch die Neigung zu immer wiederkehrenden An¬ 
ginen. Unter den Unbilden der Witterung, denen die Kriegsteil¬ 
nehmer ausgesetzt sind, kommt es immer wieder zu akuten Ent¬ 
zündungen der Mandeln. Bei vielen Soldaten, die in den Lazaretten 
«egen rheumatischer Affektionen liegen, ist sicher die Erkrankung 
von einer chronischen Tonsillitis ausgegangen. Ist ein solcher Zu¬ 
sammenhang erst einmal festgestellt, so kommt als Therapie nur 
die Enukleation der erkrankten Tonsillen in Frage. — Vortr. hat 
eine überraschend große Zahl von zum Teil sehr vorgeschrittenen 
und schweren Fällen von Larynxtuberkulose bei Soldaten ge¬ 
sehen. Es handelt sich wohl fast immer um Erkrankungen, die bei 
«er Einstellung schon in ihren ersten Anfängen vorhanden waren. 
a a * )er jH 0 Larynxtuberkulose in ihrem ersten Stadium, z. B. 
jenn es sich — wie so häufig — um eine kleine Verdickung an 
er Hmterwand handelt, so gut wie gar keine klinischen Er- 
aff t? UD ^ en *’ auc ^ * mmer gleichzeitig vorhandene Lungen- 
100 s ‘ c h noch nicht bemerkbar zu machen braucht, so 
. , en “ lese oft einen ganz gesunden und kräftigen Eindruck 
enden Leute eingestellt. Unter den ungünstigen hygienischen 


Verhältnissen des Kriegs und den Witterungsunbilden kommt es 
zu einem Aufflammen des Prozesses, und da die wahre Natur der 
Erkrankung oft nicht gleich erkannt wird, so verschlimmert sich 
der Zustand vielfach rapid. So kommt es, daß die Kranken häufig 
in einem recht weit vorgeschrittenen Stadium eingeliefert werdon. 
Dio besto Art der Behandlung ist die Aufnahme in eine Heil¬ 
anstalt; doch ist es unbedingt erforderlich, daß in den Anstalten 
für lungenkranke Soldaten die Larynxpatienten sachgemäße 
spezialistische Versorgung finden. (Autoreferat.) 

Schmidt (Halle): DArmerkrankungen. Der Magendarm¬ 
kanal ist durch die Seuchen und durch die Ernährung im Kriege 
gefährdet. Der Abdominaltyphus im Felde zeigt wesentliche Ab¬ 
weichungen von der gewöhnlichen Form. Wegen der Schutz¬ 
impfung ist der Vidal negativ, ferner ist der Fieberverlauf un¬ 
regelmäßig und die Abdominalerscheinungen treten gegenüber der 
Bronchitis und der Herzbeschwerden zurück. Als Naehkrankheiten 
kommen Parotiden, Gelenkrheumatismus und Gangrän der Hoden 
zur Beobachtung, wahrscheinlich wegen gleichzeitiger Verwundun¬ 
gen und septischer Infektion. Selten sind Narbenkontrakturen. Dio 
Ruhr tritt im allgemeinen auffallend leicht auf uad ohne Kompli¬ 
kationen. Niemals werden Narbenstenosen gesehen, was auch die 
amerikanische Statistik aus dem Sezessionskrieg bei 28000 Fällen 
von Ruhr bestätigt. Sehr häufig sind chronische Katarrhe des 
Darmes, zum Teil Erkrankungen des Dickdarms, zum Teil solcho 
des Dünndarms. Gewöhnlich bestehen erst dyspeptische Erschei¬ 
nungen und später katarrhalische. Die Ursache liegt in der schwer 
verdaulichen Nahrung und in Störungen der Drüsentätigkeit. Bei 
größeren Gefechten und bei schnellem Vorriicken der Truppen ist 
die Zubereitung der Speisen ungenügend. Dazu kommt, daß die 
Soldaten sehr überhungert schnell die harten, zum Teil rohen 
Massen herunterschlingen und daß der Magen wegen der Ueber- 
anstrenguog weniger Salzsäure liefert. Es ist bereits aus Arbeiten 
von Cohnheim bekannt, daß bei großen körperlichen Anstren¬ 
gungen gastrogene Diarrhöen und vorübergehende Insuffizienz des 
Magens entstehen, weil durch starkes Schwitzen das Kochsalz im 
Körper verringert wird. Auch kann die sekretorische Tätigkeit des 
Magens nach Bickel infolge großer Erregungen beeinträchtigt 
sein. Für die meisten Fälle dieser Art ist längere Behandlung in 
der Heimat erforderlich. Abgesehen von der Diät sind Pankreas¬ 
präparate und Salzsäure zu empfehlen, bei Hyperazidität Atropin 
und Papaverin, Tannin oder Wismut. Bemerkenswert ist, daß so 
wenig Fälle von Appendizitis im Kriege Vorkommen, was vielleicht 
durch die Tatsache erklärt wird, daß Anginen so wenig auftreten, 
die bekanntlich unter Vermittlung einer Infektion die Ursache für 
die Erkrankung des Wurmfortsatzes abgeben. Verstopfungen sind 
bei den Soldaten selten, wohl wegen der reichlichen Bewegung im 
Freien. Geschosse, die den Hauch getroffen haben, können noch 
! spät Beschwerden verursachen. Es kann zu Blutungen oder 
Abszessen kommen. Auch Narben oder chronische Infiltrationen 
im Bauchfellraum können sich bilden. 

P. F. Richter: Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen. 
Stoffwechselkrankheiten kommen nur bei Leuten in mittleren Jahren, 
bei üppiger Lebensweise und niemals plötzlich vor. Daher sind 
sie im Kriege selten. Aber der Diabetes kann durch psychische 
Erregungen und durch Traumen verursacht werden. Im Anfang 
des Krieges ging es allen Diabetikern schlechter. Bei den Soldaten 
ist der akut erworbene Diabetes gewöhnlich harmlos, weil er 
schnell vorübergeht. Ist er nur eine Teilerseheinung der Neurasthenie, 
so soll man ihn möglichst vernachlässigen. Nach Traumen tritt er 
selten auf und verschwindet schnell wieder. In manchen Fällen 
aber tritt er erst später auf und ist dann wohl ernster zu be¬ 
werten. Gicht kann natürlich durch Traumen ausgelöst werden, 
vor allem durch die großen Märsche. Die Fälle sind durch 
ihre Langwierigkeit gekennzeichnet und die langsame Ausheilung 
der begleitenden Gelenkaffektionen. Auch 2 Fälle von Basedovv-» 
scher Krankheit hat Vortr. bei Soldaten beobachtet, bei denen die 
Bestrahlung mit Röntgenlicht schnell Heilung gebracht hat. Nieren¬ 
leiden spielen im Krieg eine große Rolle wegen der Gelegenheit 
zu Erkältungen. Schwer ist im Felde die akute Nephritis zu be¬ 
handeln. Man soll die Fälle so lange wie möglich im Lazarett be¬ 
halten und erst entlassen, wenn bei forcierten Bewegungen kein 
Eiweiß mehr auftritt und weder Zylinder noch Leukozyten oder 
Erythrozyten im Urin zu finden sind. Pyelitis ist eine häufige 
Kriegserkrankung, weil alte Gonorrhöen bestehen, die zu aszen- 
dierenden Prozessen führen. Zuweilen ist es aber eine Koliinfek- 
tion, die vom Darm aus zur Erkrankung des Nierenbeckens Ver¬ 
anlassung gibt. Die Behandlung ist eine ahwartende. 


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UMIVERSITY OF IOWA 



498 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


A. Blasckko: Haut- uud Geschlechtsleideil. Die Haut- 
rankheiten spielen im Krieg eine geringe Rolle und sind leicht 
zu behandeln. Die Frage der Läusebekämpfung ist schon sehr viel 
besprochen worden. Neuerdings ist auch geriebener Pfeifer emp¬ 
fohlen worden. Der Mercolinschutz und graue Salbe können im 
einzelnen mit Nutzen angewandt werden. Vortr. glaubt, daß Lepra¬ 
fälle später in den Gegenden, die von der russischen Invasion 
heimgesucht wurden, zur Beobachtung kommen werden. Die Ge¬ 
schlechtskrankheiten haben eine große Bedeutung erlangt. Einen 
Schutz gibt es nicht, nur die Möglichkeit, die Zahl der Infek¬ 
tionen herabzudrücken. Wichtig ist, daß man eine Abortivbehand¬ 
lung sowohl des Trippers wie der Syphilis durchführen kann. Mit 
einer Injektion von 2—4%iger Protargollösung, die 2—3 Minuten 
m der Harnröhre bleibt, kann man die Gonorrhöe am ersten Tag 
der klinischen Erscheinungen zum Verschwinden bringen. Darum 
sollte jeder Soldat angehalten werden, sich sofort dem Arzt zu 
zeigen, wenn er die ersten Beschwerden verspürt, oder noch besser 
bald nach dem Beischlaf zur prophylaktischen Injektion. Häufige 
Untersuchung der Soldaten und der in Betracht kommenden 
Frauen ist anzustreben. Eine große Gefahr bilden die Urlauber, 
einmal weil sie ihre Frauen in der Heimat anstecken können, dann 
weil sie sich in der Heimat häufig die Geschlechtskrankheit 
holen. Nach dem Krieg sollten alle während der Kriegszeit in 
Behandlung gewesenen geschlechtskranken Soldaten weiter be¬ 
handelt werden. 

Weintraud (Wiesbaden): Gelenkkrankheiten. Der akute 
Gelenkrheumatismus ist in diesem Krieg auffallend selten, ebenso 
die eitrige Entzündung einzelner Gelenke im Anschluß an die 
Gonorrhöe. Es sind aber auch die Anginen selten, die in 80°/ 0 der 
Fälle von vielen Aerzten als alleinige Ursache des akuten Gelenk¬ 
rheumatismus angesehen werden. W. hält den Gelenkrheumatismus 
für eine Infektion mit schwachen, nicht mehr virulenten Infektions¬ 
keimen. Denn wirkliche eitrige Prozesse, wie Otitis und reine 
Sepsis, führen nie zum Gelenkrheumatismus, sondern zu lokali¬ 
sierten Eiterungen, zu Gelenkmetastasen. Jeder Fall von akutem 
Gelenkrheumatismus soll von Anfang an energisch behandelt wer¬ 
den. Das Mittel ist gleichgültig, ob Aspirin, also die Salizylreihe, 
oder Antipyrin oder Atophanpräparate, man muß nur große Dosen 
geben und lange Zeit hindurch, als G—8g Aspirin am Tag oder 
4—5 g Antipyrin oder 5—6 g Atophan. Eine spezifische Wirkung 
haben die Mittel nicht, aber sie wirken als schwache Narkotika 
auf das Großhirn und verringern die sensiblen Erregungen der 
Muskeln und Gelenke. Wegen Ohrensausen oder Schweißausbruch 
dürfe man nicht die Behandlung abbrechen. Falsch ist, daß so 
wenig Bäder gegeben werden. Man sollte bald nach den ersten Tagen 
mit beißen oder warmen Bädern beginnen. Auch Herzklappenfehler 
bilden keine Kontraindikation, wie gewöhnlich angenommen wird. 
Ganz verfehlt ist die Bevorzugung der kohlensauren Bäder, die 
eigentlich nur bei der Herzmuskelschwäche eine heilsame Wirkung 
haben. — Eine besondere Beachtung beanspruchen die Fälle von 
chronischem Rheumatismus, die sicher, wie nach dem Krieg von 
1870/71, nach diesem Krieg sich zeigen werden. Abgesehen von 
den rein traumatischen Fällen, von den durch Infektionskrank¬ 
heiten bei Typhus und Tripper verursachten und von den durch 
Konstitution oder durch Anomalien der inneren Sekretion be¬ 
dingten, kommen diejenigen in Betracht, die eine mechanische 
Genese haben. Statische Störungen haben sehr oft Schädigungen 
der Gelenke zur Folge, die lange Zeit nur in minimaler Weise 
wirksam sind, aber schließlich dauernde Beschwerden verursachen, 
sowohl in den unteren, wie in den oberen Extremitäten. Es liegt 
das an der durch Muskelermüdung veränderten Belastung der Ge¬ 
lenke, die gewöhnlich unter dem Muskeltonus hermetisch ge¬ 
schlossen bleiben. Wir sehen solche statische Veränderungen oft 
genug bei der Rachitis. Der Krieg bewirkt durch lange Märsche 
bei schlechtem Fußzeug, auch durch die Bevorzugung der Außen¬ 
rotation beim militärischen Exerzieren eine große Schädigung aller 
Gelenke der unteren Extremität. Muskelrheumatismus an den 
oberen Extremitäten kann gleichfalls durch einen veränderten 
Muskelzug Erkrankungen der Gelenke verursachen. Vortr. ist der 
Meinung, daß viele Fälle, die Goldscheider, als auf harnsaurer 
Diathese beruhend, in das Gebiet der Stoffwechselkrankheiten ver¬ 
weist und mit diätetischen Kuren behandelt, in diese Gruppe der 
durch fehlerhafte Statik bewirkten Gelenkkrankheiten gehören. 


Kriegschirurgische Abeude zu Lille (Frankreich). 

Sitzung vom 20. Jänner 1915. 

Flesch (Frankfurt a. M.): Die Ausbreitung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten im Kriege. Die Tatsache, daß im Feld¬ 
zug 1870/71 über 33500 Geschlechtskranke zur Behandlung 
kamen, bürgt für eine genügende Begründung des zu besprechen¬ 
den Themas, namentlich da in dem jetzigen Feldzug infolge der 
Aufstellung unserer Massenheere die Zahl der Geschlechtskrank¬ 
heiten noch eine viel größere sein dürfte. Die Verbreitung der 
venerischen Krankheiten wird am meisten gefördert durch das 
lange Verweilen der Truppen in großen Städten und anderen 
Dauerquartieren, mit denen wir im heutigen Stellungskrieg auf 
lange Dauer zu tun haben. Nach einer Statistik Neissers gab es 
1869 in der preußischen Armee 45°/ 00 venerische Krankheiten; 
diese Zahl sank im Bewegungskrieg 1870 auf 15<>/ 00 und stieg 
1871 wieder auf 50»/ 00 , ein Beweis für die große Infektionsgefahr 
im Stellungskrieg. Es kann für Vortr. nicht im' Interesse der 
Sache liegen, auf die Pathologie und Klinik der Geschlechtskrank¬ 
heiten einzugehen, dagegen muß unbedingt der Gesichtspunkt der 
Moral in Betracht gezogen werden. Unter dieser Moral versteht 
Ref. „die Summe von Einschränkungen, denen sich der einzelne 
und die Gesamtheit zu unterwerfen hat“, und in diesem Sinne soll 
der Arzt Moral treiben. Betreffs der Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten müssen wir im Krieg von allgemein akzeptierten 
Systemen abgehen. So können wir weder das System des Regiemen- 
tarismus noch das des Abolitionismus annehmen, wenn es sich 
auch nicht leugnen läßt, daß in einer gewissen Vereinigung beider 
viel Brauchbares liegt. Die Geschlechtskranken im Heer sind 
vorwiegend ältere und verheiratete Soldaten, wobei nicht die Ge¬ 
wohnheiten der Ehe, sondern das Alter, das mehr zur Geschlechts¬ 
betätigung neigt, maßgebend sind. So stellen das größte Kontingent 
in den Lazaretten Soldaten der Munitions- und Proviantkolonnen, 
ältere Landwehrmänner und Ersatzreservisten. Bei ihnen findet die 
venerische Infektion im allgemeinen in großen Städten statt, 
während im Feldheer die Hauptrolle die Orte spielen, die lange 
Zeit hindurch von der fechtenden Truppe belegt sind. Die größeren 
Städte treten dabei ganz in den Hintergrund. Die Hauptinfektions¬ 
quelle stellt die unterste Prostitutionsstufe dar, die von unseren 
Soldaten am meisten frequentiert wird. Dazu gesellt sich zuweilen 
die Klasse, die durch Not zur Prostitution getrieben wird (so 
gaben sich z. B. in St. Quentin Frauen für ein halbes Brot dem 
Soldaten preis). Die Hauptträger der Infektion sind — wie auch 
in Friedenszeiten — die jungen Prostituierten, denen es meist an 
Erfahrungen, Sauberkeit und anderen Maßregeln fehlt. Mann und 
Weib sind beide als gleich gefährliche Infektionsträger zu be¬ 
trachten. Eine Eigenart im Feld ist die Häufigkeit des Ulcus 
molle, das wir als „Schmutzkrankheit“ aufzufassen haben. Eine 
weitere Eigenart der Geschlechtskrankheiten im Feld ist der 
Wechsel in der Frequenz. Vortr. beantwortet sodann die Frage, 
wie wir die Geschlechtskrankheiten im Feldheer bekämpfen können, 
und stellt folgende Forderungen: 

1. Belehrung der Mannschaften bei der Zusammenstellung 
der Truppe; die Belehrung ist durch Ausgabe geeigneter Merk¬ 
blätter und regelmäßige Wiederholung in angemessenen Zwischen¬ 
räumen zu ergänzen. 

2. Oeftere Gesundheitsrevisionen, deren Stattfinden nicht 
vorher angekündigt wird. 

3. Tunlichste Beschränkung des Alkohols und Ersatz durch 
unentgeltliche Ausgabe von Tee uud Kaffee. 

4. In Städten Vermeidung von Einzelquartieren und mög¬ 
lichst kasernenweise Unterbringung der Mannschaften. 

5. Bei Einquartierung der Mannschaften ohne Naturalver¬ 
pflegung gemeinsames Kochen unter Verrechnung auf die Yer- 
pflegungsgelder und Aufbewahrung des Ueberschusses dieser 
Gelder zugunsten der Bezugsberechtigten bis nach Schluß des 
Feldzuges. 

6. Sexuelle Abstinenz als Pflicht für das gesamte Feldheer, 
Mannschaften und Vorgesetzte, für die Dauer des Feldzuges. 

7. Bestrafung jedes bei den Gesundheitsrevisionen geschlechts* 
krank Befundenen. Straffreiheit für die Mannschaften, die sich 
mindestens 6 Stunden nach einem Beischlaf zur desinfizierenden 
Behandlung gemeldet haben. 

8. Schließung aller Bordelle, Animierkneipen usf. an Urten, 
an denen sich Feldtruppen aufhalten. 

9. Gesundheitliche Untersuchung jeder zur Kenntnis gß‘ 
langenden Person, die mit Soldaten geschlechtlich verkehrt. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



jf>. April. 


1915 


MEDIZINISCHE KLINIK 


499 


— Nr. 17. 


10 Internierung jeder geschlechtskrank befundenen Dirne 
|»r die Dauer des Krieges bzw. des Aufenthaltes der Truppen. 

Betreffs der Forderung der Abstinenz im geschlechtlichen 
Verkehr an die im Felde stehenden Soldaten macht Vortr. geltend, 
daß diese moralisch und hygienisch absolut berechtigt ist und daß 
die Üebertreter sich strafbar machen, da sie sich einer gewissen 
Pflicht, die jeder ins Feld Ziehende auf sich genommen hat, ent¬ 
zogen haben. Die einzige Konzession, die hier gemacht werden 
tomn ist die der Straffreiheit für die sich freiwillig meldenden 
Mannschaften (siehe Ziffer 7), wie sie sich bei unserer Marine 
trefflich bewährt hat. Wenn Vortr. auch' eine individuelle Pro¬ 
phylaxe für möglich hält (Aufstellung von Automaten usw.), so 
kann er diese doch nur im ganzen als provozierendes Moment 
bezeichnen. Die persönliche Prophylaxe, die auch die einzige ist, 
wäre nur dann anzuraten, wenn sie im geheimen durchgeführt 
würde, was indes für die Allgemeinheit praktisch nicht durchzu- 
führen sein dürfte. Vortr. weist schließlich auf das Beispiel der 
Vorgesetzten hin, das als schweres Moment anzusehen ist und das 
den Leichtsinn des Soldaten bedenklich hebt. 

Stern betont, daß die Kontrolle der Prostituierten nur von unseren 
Aercten vorzunehmen ist, da den einheimischen Kollegen doch das nötige 
Interesse an der Sache fehlen dürfte. 

Ungar stellt die gleiche Forderung auf Grund seiner Erfahrungen 
in Lille. Von Belehrung der Truppen verspricht er sich wenig. Be¬ 
sonderes Gewicht legt er auf die dienstliche Meldung der Mannschaften 
nach dein Geschlechtsverkehr sowie auf ein gutes Beispiel von seiten der 
Offiziere. 

Menzer (Bochum) spricht sich gegen die Bestrafung der Mann¬ 
schaften aus, weil dadurch viel Heimlichtuerei großgezogen werde. B. 


Deutsch-belgische Aerzteabende zu Namiir. 

Sitzungen vom 28. Dezember 1914 und 9. Jänner 1915. 

Schlichting stellt einen Fall von geheilter totaler Thorako- 
plastik vor. Es bestand bei dem Pat. ein großes Pleuraempyem 
infolge Lungenschusses, das nach anfänglicher Rippenresektion 
totale Thorakoplastik erforderte. Meyer erwähnte im Anschluß 
hieran einzelne neuere Operationsmethoden, z. B. die Friedrich- 
sche Verbesserung der Schedeschen Methode und die Phreniko¬ 
tomie. 

Schilling sprach über die in einer Leichtkrankenabteilung 
beobachteten Typhusfälle. In der Leichtkrankenabteilung sieben 
Pille, völlig atypisch; drei mit Pneumonie; wegen Typhusverdachts 
Blut und Stuhl untersucht, sämtlich Widal positiv, Stühle negativ. 
Im Seuchenlazarett isoliert. Darauf sämtliches Personal auf Typhus¬ 
bazillenträger untersucht: drei Keimträger, darunter einer in der 
Küche. Unter den Kranken mehrere mit positivem Widal. Da aber 
Geimpfte darunter, ist Widal nicht beweisend; diese sonst wert¬ 
volle diagnostische Methode ist also für die vorliegenden Ver¬ 
hältnisse ohne Bedeutung. Jetzt werden Neuankömmlinge in 
Quarantäne gelegt, bis Stuhluntersuchung negativ. — Gleichzeitig 
im Dorf kleine Hausepidemie festgestellt, darunter ein zweijähriges 
Kind. Typhusschutzimpfung bei S6°/ 0 der Bevölkerung ohne Wider¬ 
stand durchgeführt. 

Lampe (Brüssel) hat auf seiner chirurgischen Abteilung in 
der Zeit vom 1. Oktober bis Mitte Dezember 51 Fälle von Ver¬ 
letzungen der Schlagadern beobachtet, und zwar haben sich 
diese Verletzungen 44mal in Form von Nachblutungen, 7mal in 
Form von falschen Aneurysmen geäußert. Die Nachblutungen 
beten zumeist in der zweiten Woche nach der Verletzung auf. 
Aus der Kasuistik sind folgende Fälle besonders hervorzuheben: 
Die Unterbindung der Carotis communis wurde zweimal notwendig, 
*•0 führte bei einem 23jährigen Mann zu halbseitiger Lähmung, 
hei einem 33jährigen Mann zum Tod unter komatösen Erschei- 
®®gen. Nach Unterbindung der Arteria axillaris trat in einem 
Fall Gangrän der oberen Extremität (bei kompliziertem Bruche 
des Humerus) ein, die die Absetzung des Armes in Höhe des 
Ptn? 68 ^ es ^ uscu ^ us deltoideus notwendig machte. Heilung. 

. ^ ac h Unterbindung der zerrissenen Arteria und Vena 
•5? s ^ te s * c h Gangrän des Armes unter Gasentwicklung 
®tji. Tod trotz hoher Amputation des Armes. Ein wegen starken 
lut Verlustes aus der durchschlagenen Arteria radialis eingelieferter 
ooldat konnte trotz Unterbindung des Gefäßes, Infusion von Koch- 
»»ülosung und Verabfolgung von Exzitantien nicht gerettet werden. 
°n drei Nachblutungen aus der Arteria glutaea inf. verlief eine 
’Kcgen zu starken Blutverlustes tödlich. Die Unterbindung der 


Art. profunda fern, wurde sechsmal notwendig; vier dieser Fälle 
starben zum Teil au zu schwerem Blutverlust, zum Teil an Sepsis, 
da stets Bruch des Oberschenkelschaftes und schwere Weich teils¬ 
wunden im Bereich des Oberschenkels Vorlagen. Achtmal mußten 
Unterbindungen an den Hauptschlagadern des Unterschenkels vor¬ 
genommen werden, einmal mit tödlichem Ausgang (Art. tibiai. 
postica) an Sepsis trotz Amputation des Unterschenkels. Bei einem 
Beckenschuß kam es zu einer schweren Blutung aus dem Rektum 
infolge Verletzung der Art. haemorrh. sup. und des Mastdarms. 
Unterbindung der Arterie durch Parasakralschnitt. Sistierung des 
Stuhlgangs für 6 Tage durch Verabfolgung von Opium. Trotzdem 
schleichende Entwicklung einer Beckenbindegewebsphlegmone, der 
Pat. 20 Tage post operationem erliegt. Von 44 Fällen von Nach¬ 
blutungen endeten elf tödlich. Von Aneurysmen wurden folgende 
beobachtet: Aneurysma der Art. brachialis einmal, Aneurysma der 
Art. femoralis zweimal. — Glatte Heilung durch Unterbindung der 
Gefäße ober- und unterhalb des Blutsackes und Ausräumung des 
letzteren 3—4 Wochen nach der Verwundung. Ein Aneurysma 
arterio-venosum der Femoralis wurde zur Operation einem Reserve¬ 
lazarett überwiesen. Ferner kamen drei vereiterte Aneurysmen zur 
Beobachtung, und zwar solche der Art. poplitea, der Art. circumfl. 
humeri anfc. und Art. circumfl. hum. post.; die im Bereich der 
oberen Extremität wurden duröh Oporation geheilt, hei dem der 
Art. poplitea kam es zur Gangrän des Unterschenkels nach Unter¬ 
bindung der Art. femor. in der Jobertsehen Grube. Tod unter 
septischen Erscheinungen trotz Amputation des Unterschenkels. 


Kleine Mitteilungen. 

Kriegschronik. 

Aus den offVerlustlisten. 

1. Krieysgefangen: 

A.-A. d. Res. Dr. Josef (i rund, I.-R. Nr. 42 (Liste Nr. 152). 

R.-A. Dr. Siegmund Demant, Ldsch.-R. Nr. II (Barnaul-RuBland, 
Liste Nr. 157). 

A.-A.-St. d. Res. Pius Deuring. T.-I.-R. Nr. 3 (Atschinsk-Rußlund, 
Liste Nr. 157). 

O.-A. Dr. Max Hinter, T.-I.-R. Nr. 1 (Tomsk-Rußland, Liste 
Nr. 157). 

A.-A. Dr. Lothar Ebersberg, I.-R. Nr. 59 (Liste Nr. 158). 

O.-A. Dr. Konrad Gmeiner. L.-I.-R. Nr. 2t (Liste Nr. 158). 

A.-A. Dr. Karl Kassowitz, I.-R. Nr. 80 (Liste Nr. 158). 

O.-A. d. Res. Dr. Julius Stecher, T.-I.-R. Nr. 1 (Atsehinsk-Rußland, 
Liste Nr. 158). 

A.-A.-St. d. Res. Dr. Rudolf Weiser, Ldsch.-R. Nr. 1 (Petro- 
pawlowsk-Rußland, Liste Nr. 158). 

O.-A. d. Res. Dr. Peter Zec, u. L.-I.-R. Nr. 27 (Nisch-Serbien. Liste 
Nr. 161). 

A.-A.-St. Alois Wallnöfer, Ldsch.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 163). 


In der Karpathenschlacht ist der A.-A. d. Res. Dr. Emil 
Tramm er, Sekundararzt des Allgemeinen Krankenhauses (Der¬ 
matol. Abteilung Prof. Ehrmann), 26 Jahre alt, von einer Gra¬ 
nate tödlich getroffen worden. — In Krasnojarsk (Sibirien) ist der 
kriegsgefangene A.-A. d. Landst.-Reg. Nr. 3 Dr. Franz Eysn im 
Alter von 33 Jahren gestorben. — Ehre ihrem Andenken! 


Für die Dauer der Mobilität hat das Kriegsministerium durch 
Zirkularverordnung vom 13. d. M. verfügt: Einjährig-Freiwillige 
Mediziner, die als Zugskommandanten verwendet werden, können 
zu Kadetten, resp. Fähnrichen in der Reserve ernannt werden. 
Einjährig-Freiwillige Mediziner, die bei der Armee im 
Felde im Sanitätshilfsdienst verwendet werden, können nach einer 
Dienstzeit von mindestens 6 Monaten zu „Sauitätskadetten“, nach 
mindestens einjähriger Dienstzeit zu * Sanitätsfähnrichen“ in der 
Reserve ernannt werden. Eine weitere Beförderung der letzteren 
vor Erlangung des Doktorgrades ist nicht in Aussicht genommen. 
Die Sanitätskadetten (Fähnriche) tragen die Uniform ihres Truppen¬ 
körpers, die Kadetten(Fähnrichs)auszeichnung und die Sanitäts- 
armbinde. _ 


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UNIVERSUM OF IOWA 




500 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 


25. April. 


(Militär ärztlich es.) In Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor 
dem Feinde ist das Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens mit 
dem Bande des Militärverdienstkreuzes dem Gen.-St.-A. Dr. A. 
Schücking, San.-Chef beim 3. Armee-Etapp.-Kmdo., 0.-St.-A~ 

1. Kl. Dr. P. Winternitz, San.-Chef des 1. Korps, den O.-St.-Ae. 
II. Kl. Prof. M. Rutkowski des mob. Res.-Sp. Nr. 5/1, Prof. P. 
Müller beim 4. Armee-Etapp.-Kmdo. und Dr. B. Red er beim 

2. Armee-Etapp.-Kmdo., das Ritterkreuz des Franz Josef- 
Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes den O.-St.-Ae. II. KI. 
DDr. A. Buraczynski, San.-Chef der 11.1.-Div., A. Simkovsky, 
Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/10, den St.-Ae. DDr. J. Müller, 
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 5, A. Deutsch des F.-H.-R. 
Nr. 10, G. David, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 2/10, J. Feix, 
Kommand. des Verwundeten-Sp. des Deutschen Ordens, dem O.-A. 
d. Ev. Dr. J.Kaup beim Etapp.-Oberkmdo. und dem bei einem Unfall 
erlegenen O.-A.d.Res.Dr. A. Struchel beim L.-I.-R.Nr.26, das Gol¬ 
dene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille 
den R.-Ae.DDr.A. Haus, Komm.d. Verwundeten-Sp. des Deutschen 
Ordens, F. Wiidner, Kommand. des Res.-Sp. Nr. 3/10, H.Stöss- 
ler beim Feld-Sp.Nr.8/9, E. Fiala des F.-K.-R. Nr. 33, W. Eisen¬ 
schimmel, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 4/9, den O.-Ae. d. Res. 

J. Kratochvil beim L.-U.-R. Nr. 4, K. Albrich des F.-H.-R. 
Nr. 12, den A.-Ae. d. Res. DDr. B. Giirsch beim I.-R. Nr. 81 und 
A. Scholz beim mob. Res.-Sp. Nr. 3/10 verliehen, die a. h. be¬ 
lobende Anerkennung den St.-Ae. DDr. L. Popper, Kommand. des 
mob. Res.-Sp. Nr. 6/10, R. Helbig, Kommand. des Rekonvales¬ 
zentenheimes Libiaz, den R.-Ae, DDr. J. Berger, Kommand. des 
mob. Res.-Sp. Nr. 4/5, J. Hubalek, Kommand. des mob. Res.-Sp. 
Nr. 7/5, A. Edelmüller, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 8/5, 

K. Axentowicz, Kommand. des Feldmarodenhauses Nr. 1/10, A. 
Obhlidal, Kommand. des Feldmarodenhauses Nr. 2/5, F. Szemes 
des I.-R. Nr. 101, J. Pollak des F.-H.-R. Nr. 3, J. K'osejk des 
Ldsch.-R. Nr. I, M. Weiss bei der L.-H.-Div. Nr. 13, J. Mag- 
mald des Ldsch.-R. Nr. I, den R.-Ae. d. Res. DDr. H. Forkardt 
der Brigade-San.-A. Nr. 15, M. Schneider des L.-U.-R. Nr. 3, 
M. Pappenheim der L.-F.-H.-Div. Nr. 43, dem O.-A. d. Res. Dr. J. 
Katz des I.-R. Nr. 77, den O.-Ae. d. Ev. DDr. K. Binder des 
Feld-Sp. Nr. 1/3, G. Rodoschegg des L.-I.-R. Nr. 27, den A.-Ae. 
DDr. L. Klega und A. Baum des I.-R. Nr. 13, E. Sigmund des 
I.-R. Nr. 56 und A. Grünfeld des I.-R. Nr. 39 ausgesprochen 
worden. 

(Prüfungsurlaube für Einjährig-Freiwillige Medi¬ 
ziner.) Jenen an den österreichischen Universitäten studierenden 
Medizinern, die Ende .Juli 1914 mindestens neun anrechenbare 
Semester absolviert und alle vorgeschriebenen Gegenstände gehört 
oder höchstens noch die Vorlesung aus Augenheilkunde und 
Geburtshilfe nachzutragen haben, wird zur Erlangung des Doktorats 
ein Urlaub bis zur Höchstdauer von 10 Wochen vom 12. d. M. an 
bewilligt. In diese Zeit von 10 Wochen sind eventuell zur Ab¬ 
legung der Rigorosen bereits bewilligte Urlaube einzurechnen; 
eine weitere Erstreckung dieses Termines ist unter keinen Ver¬ 
hältnissen und Umständen zulässig. Mediziner, welche bei Teil¬ 
prüfungen versagen und infolgedessen innerhalb der Urlaubszeit 
das Doktorat nicht mehr erlangen können, haben sogleich zu 
ihrem Truppenkörper ins- Feld wieder einzunicken. Diejenigen, 
welche das Doktorat erlangt haben, rücken zum Ersatzbataillon 
(Kompagnie) ihres Truppenkörpers ein und erwarten dort ihre 
weitere Einteilung. 

(Hochschulnachrichten.) Bologna. Dr. A. Martinelli 
für Chirurgie habilitiert. — Budapest. Der o. Prof, für gericht¬ 
liche Medizin Dr. A. v. Ajtay in den Ruhestand getreten. — 
Breslau. Dr. Bessau für Kinderheilkunde habilitiert. — Florenz. 
Dr. 0. Sandri für Geistes- und Nervenkrankheiten habilitiert. — 
Göttingen. Priv.-Doz. Dr. Fromme zum Professor ernannt — 
Halle a. S. Priv.-Doz. Dr. Oppel zum Professor ernannt. — Hei¬ 
delberg. Priv.-Doz. Dr. Marx zum a. o. Professor ernannt, — 
Jena Dr. H. Schulz für Psychiatrie habilitiert. — Neapel. Dr. 
G. Allevi für Gewerbekrankheiten, Dr. E. Kernot für Orthopädie, 
Dr G Folinea für Augenkrankheiten habilitiert, — Pisa. Dr. 
V Saviozzi für spez. chirurgische Pathologie habilitiert. — Rom. 
Dr. G. Fumarola für Neuropathologie habilitiert. — Wien. Dr. 
U. Paschkis für Urologie habilitiert. 

(Der deutsche Chirurgenkongreß in Brüssel.) Der 
alljährlich in der Woche nach Ostern zu Berlin abgehaltene Kongreß 
der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat auf Einladung des 
Feldsanitätschefs Exzellenz v. Schjerning am 7. April in Brüssel 


stattgefunden. An die Tagung schloß sich ein Festmahl, dem der 
Generalgouverneur von Belgien, Exzellenz v. Bissing, beiwohnte. 
Auf ein Huldigungstelegramm an den Kaiser lief folgende Ant¬ 
wort ein: 

Großes Hauptquartier, 7. April 1915. 

Ihnen und den mit Ihnen dort vereinten Kriegschirurgen 
Meinen herzlichsten Dank für Gruß und Treugelöbnis. Unser Heer 
und Volk sind voll berechtigten Vertrauens zur ärztlichen 
Wissenschaft und Kunst des deutschen Sanitätskorps, deBsen auf¬ 
opferungsvolle Arbeit so vielen unserer tapferen Helden Leben, Ge¬ 
sundheit und Erwerbsfähigkeit erhält. gez. Willielmjl. R. 

In der wissenschaftlichen Sitzung sprach zunächst Generalarzt 
Prof. Dr. Gar re über die für das operative Handeln in und hinter 
der Front in Betracht kommenden Grundsätze, und im Anschluß 
daran Generalarzt Prof. Dr. Kümmel über die Maßnahmen zur 
Verhütung der Wundinfektion, insbesondere des Tetanus. Ueber 
die Behandlung der Schädelschüsse sprachen Generalarzt Professor 
Dr. Tilmann und Generalarzt Dr. End er len, über die bei der Be¬ 
handlung von Brustschüssen anzuwendenden Methoden Oberstabs¬ 
arzt Prof. Dr. Sauer bruch und Generaloberarzt Prof. Dr.Borchard, 
während Generalarzt Prof. Dr. Körte und Oberstabsarzt Doktor 
Schmieden die Therapie der Bauchschüsse behandelten. Die 
Methoden zur Behandlung der Arm- und Beinbrüche, der Gelenk- 
sebiisse und der Gelenkeiterungen besprachen Generalarzt Professor 
Dr. Payr und Stabsarzt Dr. Goldammer und zum Schluß erörterte 
Generalarzt Prof. Dr. Bier die Schußverletzungen von Blutgefäßen. 
Aus Oesterreich war Hofrat Prof. Frh. v. Eiseisberg anwesend. 
Ein genauerer Bericht über die bemerkenswerte Tagung folgt. 

(Stiftung für sozialärztliche Leistungen.) In der dies¬ 
jährigen Generalversammlung des Vereins der Breslauer Aerzte 
wurde noch einmal des schweren Verlustes gedacht, den die 
Breslauer Aerzteschaft und mit ihr der gesamte deutsche Aerzte- 
stand durch das allzu frühe Hinscheiden des Kollegen Magen 
erlitten hat. Aus der Mitte der Versammlung wurde der Gedanke 
angeregt, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die seinen Namen 
tragen, sein Andenken in den ärztlichen Kreisen fortleben lassen, 
in seinem Sinne und Geiste dauernd segensreich wirken soll. Es 
soll in der Aerztewelt ein Kapital gesammelt werden, aus dessen 
Zinsen hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der sozialärzt¬ 
lichen Fürsorge ihren Ehrensold finden sollen. In Betracht kämen 
Leistungen auf dem Gebiete des Krankenkassenwesens, Hebung 
der materiellen und sozialen Lage des Aerztestandes, Förderung 
der sozialärztiiehen Wissenschaft durch Wort und Schrift, durch 
Rat und Tat. Die Anregung fand nach einer Mitteilung des Aerzt- 
lichen Vereinsblatte ungeteilten Beifall bei der Versammlung, die 
den Vorstand mit der Förderung des Plans betraute. In der Sitzung 
des Vorstands, die dieser Tage stattfand, stand man der Ange¬ 
legenheit ebenfalls durchaus wohlwollend gegenüber, verhehlte sich 
aber nicht, daß der Ausführung gegenwärtig bei den ernsten und 
schweren Zeitläuften große Schwierigkeiten im Wege stehen. Man 
beschloß, nach Beendigung des hoffentlich siegreichen Kriegs darauf 
zurückzukommen, schon jetzt aber die Kollegenschaft mit dem 
Plane bekannt zu machen. 

(Verein „Lucina“ in Wien.) Dieser segensreich wirkende 
Verein hat, wie der Jahresbericht pro 1914 aus weist, im abgelaufenen 
Jahr die Einrichtung und Betriebführung des für geburtshilfliche 
und gynäkologische Zwecke bestimmten Brigitta-Spitales im 
XX. Bezirk übernommen. Im Jahre 1914 wurden 141o Pflegling 0 
im Wöchnerinnenheira des Vereins verpflegt nebst 076 auf der 
Zahlabteilung, also insgesamt 2091 Frauen. Nur 3,7°/o der Frauen 
zeigten im Wochenbett eine Temperaturerhöhung. In dem neuen 
Brigitta-Spital wurden vom 26. Oktober bis 31. Dezember l* 
150 Frauen behandelt und 144 Frauen aufgenommen, wovon o au 
die gynäkologische Abteilung. Die „Lucina“ steht unter der arz 
liehen Leitung des Primararztes Dr. Wilhelm Rosenfeld. 


Sitzungs-Kalendarium. 

Montag, 26. April, 6 Uhr. Oesterr. Otologlsche Gesellschaft. Hör»» 1 
Urbantschitsch (IX., Alserstraße 4). Demonstrationen. 

Donnerstag, 29. April, 7 Uhr. Gesellschaft f. tan. «cd. n. »■*>»; 
hellknnde. Hörsaal Wenck o b ach (IX., Lazarettgasse U). t>™< h 
strationen und Mitteilungen (gern.: Gerstmann, »Vene • 

H. Schlesinger, Eppinger, Falta). . 

Freitag, 30. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., ' 

gasse 8.) __ 


H«ra.usirebar, Eigentümer und-Verleger: Urban ± Schwarzenberg, Wien and Berlin. — Verantwortlicher Redakteur iür Önterreich-Ungarn : Karl Urbau, " iB0 - 

Orack von Qottlieb Gistel A Cie., Wien, III., Münzga«?© 6. 


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Original fro-m 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



Nr. 18. 


XI. Jahrgang. 


Wien, 2. Mai 1915. 


Wochenschrift für praktische Ärzte 

redigiert von J Verlag von 

ProffeMor Dr. Kurt Brandenburg | Urban & Sebuarmenberg 

Berlin | Wien 




INHALT: Die Versorgung der Verwundeten nnd Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. M. Nonne, Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven 
(mit *2 Abbildungen). Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn und Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers. Hygienische Erfahrungen im Felde (Fortsetzung). 
Dr. Liebert. Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen beim Feldlazarett. — Abhandlungen: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Neisser, Zur Frage der Aetiologie 
der Adnex-Erkrankungen. — Klinische Vorträge: Dr. Emil Schepelmann, Trauma und chronische Infektionskrankheiten. — Aerztliche Gutachten 
» 08 den Gebiete des Versicherungswesens: Dr. Hermann Engel, Lungentuberkulose durch Unfall weder hervorgerufen noch verschlimmert. — Befe- 
ratenteil: Uebersichtsreferat: Dr. E. Sehrt, Die Richtlinien chirurgischer Behandlung im Reservelazarett (mit 5 Abbildungen). — Aus den neuesten 
Zeitschriften. - Bücherbesprcchimgen. — Wissenschaftliche Verhandlungen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Vortragsreihe des Zentral¬ 
komitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen, V. — Berufs- und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen. 

Dir Vtritt feU* tick das auteeMiißHehe Recht der VervUi/dlUfunf und VerbreUuuf der in dieser Zeitschrift mim A«Mwi ftlanfenden OriftnalheitrifS cor. 


Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Ti'::'. 



iE ;• ■ 

i i v 


Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven 

von 

Prof. Dr. M. Nonne, 

Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf. 


Die Diskussion Uber Kriegs nerven Verletzungen nimmt 
in der ärztlichen Kriegsliteratur gegenwärtig einen breiten 
Kaum ein. und es ist in der Tat erstaunlich, wie groß die Zahl 
f Dr organischen sowohl wie der funktionellen Erkrankungen 
des Nervensystems in diesem größten aller Kriege ist. Es hat 
*ieh im weiteren Verlaufe des Kriegs immer mehr heraus- 
gestellt. daß die organischen Verletzungen der p e r i p li e r e n 
Nerven das größte Kontingent stellen. Das ist ja auch 
eigentlich selbstverständlich, da die vier Extremitäten und 
f ler Hals zusammen mehr Gelegenheit haben, von feindlichen 
beschossen getroffen zu werden als der Kopf und der Kücken 
zusammen. 


Es ist jetzt nicht die Zeit für eine eingehende lite¬ 
rarische Umschau, sondern es wird von jedem, der ein größeres; 
-.Krieg:snervemnaterial“ klinisch zu beobachten und zu be¬ 
handeln jetzt Gelegenheit hat, mehr oder weniger erwartet, 
daß er seine Erfahrungen mitteilt; aus dem Gesamtergebnisse 
"ird sich später dann ein getreues Bild des Tatsächlichen er- 
-jd*n. So komme auch ich der Aufforderung der Redaktion 
•wser Wochenschrift, über meine Erfahrungen über 
kriegserkrankun gen derperipheren Nerven 
zu berichten, nach. Ich tue das um so lieber, als sich mir 
gezeigt- hat. daß manche Erfahrungen, die andernorts gemacht 
wurden, nicht auf Allgemein giiltigkeit Anspruch zu haben 
Rheinen; ich wiederhole: nur eine gewissenhafte Zusammen¬ 
stellung und Prüfung der Erfahrungen Aller wird später 
em richtiges und nicht durch Zufälligkeiten des Beobachtungs- 
Materials gefärbtes Bild geben. 

.,^ a r D u r g in Wien und die Berliner Neurologen, teils in Ein- 
* n der £ r °hen Diskussion, die in der Berliner inedi- 
njA, besellftchaft anfangs dieses Jahres stattfand, sowie Spiel- 
Anhäb'i und " r u n s in ihren anfangs dieses Jahres erschienenen 
die H »•t ~ i Um . nur e *nige wenige Autoren zu nennen — betonen 
aev/r r> eit der Verletzung der peripheren Nerven: Spiel- 
Nervpnl i . m ac ht Wochen nicht weniger als 105 peripherische 
Gerulf etZUII “ e . D * Man hat den Eindruck, daß die Angabe 
ruMon f* n ° 8 2 die aus Rfi inen im Balkankriege gemachten Erfah- 
e stammt, nämlich daß VA% aller Kriegsverletzungen solche 


der peripheren Nerven beträfen, reichlich niedrig gegriffen ist; doch 
das kann erst eine spätere umfassende Statistik teststellen. 

Mein Material setzt sich zum bei weitem kleineren Teil 
aus der Privatpraxis, zum ganz überwiegenden Teil (über drei 
Viertel der Fälle) aus dem Material zusammen, das ich auf 
meiner Abteilung im Eppendorfer Krankenhaus, auf den Ab¬ 
teilungen meiner internen und chirurgischen Kollegen, in ver¬ 
schiedenen Ueservelazaretten, vor allem dem hiesigen Hospital 
des Vaterländischen Frauenhilfsvereins sehe; meine eigne 
Abteilung rekrutiert sich im wesentlichen aus dem ganzen 
Bereiche des IX. Armeekorps, das heißt, aus den Hansestädten, 
Schleswig-Holstein und Mecklenburg, deren Reservelazarette 
angewiesen sind, organische Nervenfälle möglichst meiner 
Abteilung zuzuwei.sen. 

Seit Mitte September habe ich bis heute — 1. März — 
204 Fälle von Kriegserkrank u n gen des Nerven¬ 
systems gesehen. 

Unter diesen Fällen betrafen Neurosen im weitesten 
Sinne (endogene Nervosität, akquirierte Neurasthenie, „lokali¬ 
sierte“, z. B. Herz), und allgemeine (Schreck, Koinmotion) 
Neurosen (Epilepsie, Hysterie, angeborene Psychopathie): 
bl Fälle. 

Hirn Verletzungen waren 30 Fälle, R ii cken m arks- 
fälle waren 21. 

Nach Abzug dieser 112 Fälle bleiben noch 152 Fälle, die, 
ausschließlich oder das klinische Bild beherrschend, sich als 
Verletzungen mul Erkrankungen der peripheren 
Nerven darstellen. 

Aus m eine m Material würde sich also ergeben, daß 
das K riegsnerven material, das überhaupt einer klinischen 
Beobachtung und Behandlung seitens eines Neurologen be¬ 
dürftig erscheint und das Filter des Truppenverbandplatzes, 
des Feld- und Kriegslazaretts passiert hat, nicht ganz zu einem 
Viertel aus Neurosen besteht — eigentliche Psychosen zählen 
bei meinem Material nicht mit —, und daß von den übrigen 
drei Vierteln der „organischen“ Fälle 15% durch Hirnver¬ 
letzungen und 10% durch Rückenmarksverletzungen darge¬ 
stellt werden, während es sich in drei Viertel aller orgauischen 
Verletzungen des Nervensystems um solche der peripheren 
Nerven handelt. 

Es erscheint mir müßig, statistisch feststellen zu wollen, 
welche der peripheren Nerven am häutigsten und welche am 


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seltensten ergriffen werden, das hängt ab von der Truppen¬ 
gattung und von dem jeweiligen Aufenthalte des Getroffenen 
während der Verletzung (zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, im 
Luftfahrzeug, zu Wasser, im Schützengraben; liegend, 
stehend, sitzend, im Marsch, im Ansturm usw.); Tatsache ist 
jedenfalls, daß wohl alle peripheren Nerven getroffen wurden. 
Jedenfalls dürfte feststehen die überwiegende Häufigkeit der 
Kadialisverletz ungen und der Verletzungen des Plexus 
brachialis; es dürfte ferner feststehen die relative Häufigkeit 
isolierter Peroneumsverletzungen gegenüber solcher des 
N. tibialis. Soweit ich sehe, decken sich auch diese Er¬ 
fahrungen im großen und ganzen mit den bisher gemachten; 
anatomische Lage und „Gelegenheiten“ bestimmen die Häufig¬ 
keit und sind überall dieselben beziehungsweise, alles zu¬ 
sammengenommen, fast dieselben. 

Auffallend ist immerhin diese feststehende Tatsache der 
Häufigkeit der Verletzungen der peripheren Nerven, da es be¬ 
kannt ist, daß gerade sie verletzenden Gewalten gut auszu¬ 
weichen vermögen. Es liegt nahe, anzunehmen, daß die 
größere Geschwindigkeit und damit vermehrte Durchschlags¬ 
kraft der modernen Geschosse Ursache dafür ist, daß diese 
Möglichkeit des Ausweichens aufgehoben oder vermindert 
wird. Daß die Nerven (und Gefäße) auch gegenüber den 
modernen Geschossen ausweichen können, ist tausendfach 
bewiesen. Erschwert ist das Ausweichen der Nerven da, wo 
sie am Knochen aufliegen; so wird an der Umchlagsstelle 
am Oberarm der Radialis besonders häufig verletzt. Hotz 
fand eine Prädilektion zu Verletzungen auch bei Abzweigung 
eines Astes und dadurch bedingter stärkerer Fixation. 

Die peripheren Nerven werden entweder p r i m ä t 
verletzt in Form von Durchtrennung, Durchreißung, Zer¬ 
quetschung, auch durch „Erschütterung“, oder sie werden 
sekundär geschädigt durch traumatische Aneu¬ 
rysmen oder durch Frakturen, sei es, daß die Knochen¬ 
splitter der Frakturenden, sei es, daß der Gallus sie drückt. 
Besonders auf die Aneurysmen muß man achten; von vorn¬ 
herein „liegt es“ dem Neurologen nicht, daran zu denken, 
hat er aber einmal einen solchen Fall gesehen, so wird sich 
ihm derselbe einprägen; ich sah es nicht selten, daß ein 
Aneurysma übersehen wurde; es ist unnötig, auf die für 
Therapie und Prognose wichtige Rolle des Aneurysmas hinzu¬ 
weisen. Am häufigsten sieht man das traumatische Aneurysma 
in der Achselhöhle (Art. subclavia), in der Kniekehle (Art. 
tibialis), Hiber der Clavicula (Art. carotis communis), auch an 
der Hinterseite des Oberschenkels. Die Frakturen werden 
natürlich fast niemals übersehen — ich spreche hier von den 
Fällen, die nach Ausheilung der Fraktur zur Untersuchung 
kommen aber zweimal ist es mir doch vorgekommen, daß 
das Vorhandensein einer geheilten Fraktur des Schenkelhalses 
— einmal von anderer Seite, einmal von mir selbst — erst 
nachträglich erkannt wurde. 

Man hat jetzt überaus mannigfache Gelegenheit gehabt, 
sich über die anatomischen Verhältnisse der 
traumatisierten Nerven zu unterrichten: Die 
Autopsia in vivo, das heißt die Operation gibt uns diese Ge¬ 
legenheit. I)a findet sich nun vielerlei; nicht so selten wie 
mm es nach einigen Stimmen aus der neuesten einschlägigen 
Literatur erwarten sollte (eine japanische Statistik sah unter 
47 schwer verletzten peripheren Nerven nur siebenmal eine 
totale Quertrennung), findet man die Nerven in ihrer 
Gontinuität völlig getrennt: die Enden liegen nur selten dicht 
u/nehiandtr meiftfns sind sie mehr oder weniger weit von¬ 
einander gewichen; ich sah Fälle (Radialis, Medianus, 
1-chiadicus), in denen die Entfernung zwischen dem centra en 
md peripheren Ende 4, 5 ja C cm betrug. In einigen Fällen 
ist der Zwischenraum n i c h t ausgefullt durch Narbengewebe 
_ :„ h betone daß es sich bei meine m Material um wochen- 
,md monatelanges Zurückliegen der Verletzung handelt —; 
ÄrSTw dies aber der Fall, sehr häufig ist das vor- 
bindende Narbengewebe tumorartig verdickt, das heißt das 


derbe Narbengewebe ist im Querschnitte dicker als der durch¬ 
schossene Nerv in seiner normalen Konfiguration; meistens ist 
die Narbe verwachsen mit den verschiedenen Weichteilen 
(Knochen, Gefäße, Muskeln), sei es strangförmig, sei es 
flächenförmig, sei es nur an einer eng umgrenzten Stelle. Ist 
der Gallus die Ursache der Schädigung der Nerven, so findet 
man diesen oft überaus stark gewuchert; er umwächst 
geradezu manchmal den Nerv; man sieht nicht selten den 
Nerv wie eingebettet in neugebildetes Knochengewebe, und 
zuweilen ist der Nervenstamm mäanderartig verschlungen 
unter den Callusmassen und gänzlich aus seinem normalen 
Verlaufe herausgedrängt. Liegen die Nervenenden frei, so 
sind sie häufig neuromartig verdickt, oft mit einer Kappe von 
Narbengewebe bedeckt. Die Quetschung der Nerven 
führt in der Regel zu ausgiebiger Narbenbildung um den Nerv 
und in seinem Querschnitte. Der Querschnitt der Nerven kann 
völlig oder zum größeren oder kleineren Teil durch Narben¬ 
gewebe ersetzt werden; dabei kann die Form der Nerven, ja 
auch das äußere Aussehen der Nerven fast unverändert 
bleiben; in solchen Fällen vermag zuweilen nur der palpierende 
Finger festzustellen, daß man es mit einer N a r b e zu tun hat. 
Es kommt auch vor, daß nur 6 i n Teil des Nervenquer- 



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Abtj. l. . 

Xarbengewebe mit einzelnen er , h < fj^ n ®P 1 Jecbe^Me^aHöpUttern. 

Die eingesprengten ßchwarzen Flecke im Bilde entsprecneu 

Schnitts narbig verändert ist, während der übrige Teil de^ 
selben ganz intakt ist; nicht selten ist unterhalb der 
stelle der Nerv im ganzen stark verdünnt, aber a u , ^ 
halb derselben sieht man den Nerv zuweilen > l)e j 

reduziert. Wichtig ist auch die Tatsache, « ‘ ^ 

mikroskopischer Untersuchung (Dr. Wohlwi ) n0ch 
in anscheinend völlig bindegewebigem Narb , ur 

Gruppen von erhaltenen Nervenfasern, und zwar v prv fasern 
als Achsencylinder oder als komplett markhaltig , ^ter 
findet. Keineswegs selten findet man noch y or . 

im Nerv selbst, ebenso Geschoßteile; offenbar i ß e f U11 ,i 
kommen häufiger als man nach dein makroskopu 
annehmen sollte, denn unter sechs Fällen niein ■ ez j e rten 
in denen Dr. Wohl will die (von Prof, bicw i - 


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Xervenstiicke mikroskopisch untersuchte, fand er drei¬ 
mal Geschoßteile im Querschnitte mit den Zeichen einer 
reaktiven Entzündung (s. Abb. 1 und 2). 

Zuweilen sind die Nervenstämme von dem Narbengewebe 
geradezu tumorartig umwachsen, sodaß es dann überaus 
schwierig ist, sie in ihrem Verstecke zu entdecken. Endlich 
sieht man auch — ich sali dies zweimal, einmal am Ischiadicus 
und einmal am Ulnarisstamm — in Fällen von klinisch 
schwerer oder mittelschwerer Lähmung (Entartungsreaktion) 
bei der Operation den Nerv intakt, ihn selbst sowohl wie seine 
nächste Umgebung. In solchen Fällen muß man, analog den 
Fällen von Concussio spinalis, eine Konkussion der Nerven¬ 
stämme annehmen; allerdings fehlen uns über diese Fälle noch 
mikroskopische Erfahrungen, die, da eine Resektion in solchen 
Fällen von makroskopisch negativem Befunde begreiflicher¬ 
weise nicht vorgenommen wird, nur ein Zufall bringen 
kann. Da diese „Konkussionsfälle“, auf die meines Wissens 
Kuttner im Balkankriege zuerst hingewiesen hat, auch 
Symptome von schwerer Affektion und speziell auch Ent¬ 
artungsreaktion zeigen können, so muß man einstweilen an¬ 
nehmen, daß sich im Nerv doch Degenerationsprozesse ab¬ 
spielen. Hier ist noch eine Lücke in unserm Wissen. 



Endlich sind auch Lähmungen peripherer Nerven auf 
firund von Ischämie beobachtet worden (Kurt Mendel, 
Lewandowsky, Krön). Ich selbst hatte bisher keine 
Gelegenheit, solche Fälle zu sehen; doch liegt ja, bei der 
relativen Häufigkeit von Aneurysmen mit Thrombenbildung, 
eine derartige Ursache von peripheren Nervenlähmungen nahe. 

Zur Symptomatologie der Kriegsverletzungen 
der peripheren Nerven sei nun folgendes gesagt: 

L Ganz außerordentlich häufig ist es, daß nicht 
jrUe von dem verletzten Nervenstamm ab¬ 
hängigen motorischen Funktionen aufge- 
* l oben odergeschädigt sind, ja, nach meinen Er¬ 
fahrungen ist das Gegenteil, wenn nicht gerade die Regel, so 
dwli ganz außerordentlich häufig. Ich finde, daß in den ein¬ 


schlägigen Aufsätzen, Vorträgen und Diskussionsbemerkungen 
der letzten Monate diese Tatsache, die mir sehr bald nach Be¬ 
ginn meiner Studien auf fiel, nicht genügend betont worden ist. 
Ich fand eine ganz auffallende Ungleichmäßig¬ 
keit der Funktionsstörung der verschie¬ 
denen Muskeln im Bereich eines verletzten 
Nerven, unter meinen 152 Fällen nicht weniger als 44 mal, 
also fast in einem Drittel der Fälle, und zwar stellte ich dies 
fest am N. medianus 9 mal, am Ulnaris 4 mal, am Radialis 
5 mal, am Ischiadicus G mal, am Peroneus 6 mal, am Cruralis 
1 mal und bei noch 13 Fällen von Kombination von Läh- 
nmngen verschiedener Nerven an den oberen und unteren 
Extremitäten. 

Ich gebe nur einige wenige Beispiele. Zunächst aus 
dem Gebiete des N. medianus: 

In einem Fall (Oberarmschuß) waren die langen Beuger 
der Finger gelähmt, der Flexor carpi radialis funktionierte 
normal; in einem zweiten Fall (Oberarmschuß) waren die 
Finger- und Handgelenkbeuger gelähmt, während die vom 
N. medianus innervierte Thenarmuskulatur gut funktio¬ 
nierte; in einem dritten Falle (Verletzung am Oberarme) funk¬ 
tionierte vom ganzen Medianusgebiete nur der M. opponens 
pollicis gut; in einem vierten Fall (Oberarmschuß) war der 
Medinanusanteil des Thenar völlig gelähmt, während die 
„Medianusmuskeln“ des Vorderarms motorisch intakt waren; 
endlich fand sich in einem letzten hier anzuführenden Fall 
(auch Oberarmschuß) von allen „Medianusmuskeln“ nur der 
Zeigefingeranteil des M. flexor communis profundus gelähmt. 

Aus dem Bereiche des N. ulnaris: Verletzung der 
Achselhöhle durch Gewehrgeschoß: Ausschließlich gelähmt 
ist die Muskulatur des Hypothenar und von den Mm. interossei 
nur der erste und vierte; der M. flexor carpi ulnaris funk¬ 
tioniert gut. Gewehrschuß durch den Oberarm: Gelähmt ist 
der M. flexor corpi ulnaris und die Muskulatur des Hypo- 
thenar, sämtliche Mm. interossei funktionieren gut. 

Aus dem Bereiche des N. radialis: Oberarmschuß. 
Gelähmt sind die Extensoren des Handgelenks und der Finger; 
die Mm. Supinator longus und der lange M. abductor pollicis 
sind in der Funktion intakt. In einem zweiten Falle (Gewehr¬ 
schuß durch den Oberarm) war vom Radialisgebiet intakt: 
M. extensor carpi radialis und M. supinator longus. In einem 
dritten Fall, in dem die Gewehrkugel in den rechten M. pec- 
toraüs major eingedrungen und dann durch das obere Drittel 
des Oberarms hindurehgedrungen war, war n u r der M. triceps 
gelähmt. In einem vierten Falle von Durchschuß des Ober¬ 
arms war im Bereiche des getroffenen Radialis nur der 
Strecker des Zeigefingers und der lange Abductor sowie die 
Extensoren des Daumens geschädigt. 

Aus dem Bereiche des N. ischiadicus: Hier ist vor 
allem zu bemerken, daß auch bei Verletzungen des Nerven 
oberhalb seiner Teilungsstelle — diese selbst sogar abnorm 
hoch angenommen — überaus häufig nur der Peroneus- oder 
nur der Tibialisanteil getroffen ist. Ich sah das mehrfach auch 
bei hoch oben im Becken eingedrungenen Schüssen, Durch¬ 
schüssen und Steckschüssen. Häufiger fanden sich Lähmungen 
im Peroneus- als im Tibialisgebiet. Anderseits ergibt sich, 
daß auch vom Peroneus, einerlei ob er in seinem Ischiadicus- 
teil oder nach seiner Abzweigung aus dem Ischiadicus ge¬ 
troffen wird, häufig nur einzelne Muskeln in der Funktion 
leiden; so sah ich, vun auch hier nur einzelne Fälle als Beispiele 
anzuführen, nach einer Beckenschußverletzung des Ischiadicus 
eine isolierte Lähmung des langen Zehenstreckers, in einem 
andern Falle von hochsitzender Ischiadicusverletzung war nur 
der M. tibialis anticus, in einem dritten Falle wieder nur die 
langen Zehenstrecker geschädigt. 

Bei Verletzung des Stammes des N. peroneus hinter 
dem Capitul. fibulae sah ich öfter entweder nur den M. tibialis 
anticus oder nur die Mm. peronei oder nur die Strecker der 
Zehen mitgenommen. 


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2. Mai. 


Im Bereiche des N. tibialis war auffallend häufig 
nur der FuBauteil — Groß- und Kleinzehenballen und 
Mm. interossei — ergriffen; das sah ich bei Verletzungen des 
Stammes des Tibialis in der Kniekehle kaum seltener als bei 
solchen des Stammes des Ischiadicus oberhalb seiner Teilung. 
Schon Cramer hat in Berlin darauf hingewiesen, und 
andere Berliner Neurologen haben es bestätigt. Die Praxis 
hat aber auch gelehrt, daß diese Neuritis tibialis 
am Fußanteile sehr häufig nicht diagnostiziert 
wird. Nicht selten ist auch der einzige Ausdruck einer 
Neuritis des Tibialis der Ausfall des Achillesreflexes, sei es, 
daß dies das einzige objektive Symptom überhaupt ist seitens 
des Ischiadicuskomplexes, sei es, daß es das einzige Zeichen 
einer Mitbeteiligung des Tibialis neben einer Erkrankung des 
Peroneus ist. Darauf wies auch Bruns hin. 


Bei Verletzungen des Plexus brachialis sah ich 
ebenfalls nicht selten das Bild des partiellen Ergriffen- 
seins respektive der nur partiellen Schädigung: so bei 
Medianusverletzung Intaktbleiben ausschließlich der Oppo¬ 
sition des Daumens, bei Verletzung des Ulnarisanteils aus¬ 
schließliches Freibleiben der Mm. interossei, bei einer solchen 
des Radialisanteils isoliertes Geschontsein der Extensoren des 
Carpus usw. 

Ganz auffallend oft kommen isolierte Medianus-, Ulnaris- 
und Radialislähmungen nach einer Verletzung in der 
Achselhöhle zu Gesicht. 

Unbedingt nötig ist, um festzustellen, welche 
Muskeln gelitten haben, eine genaue elektrische 
Untersuchung. Oft habe ich es erlebt, daß in 
motorisch intakt funktionierenden Mus¬ 
keln sich eine deutliche krankhafte Verände¬ 
rn ngderelektrischenErregbarkeit zeigte. Es 
ist ja eine alte, schon von Erb gelegentlich seiner grund¬ 
legenden Untersuchungen betonte Erscheinung, daß motorisch 
nicht gelähmte Muskeln Entartungsreaktion zeigen können, 
aber nur ein Material wie das uns gegenwärtig zuströmende 
konnte diese Tatsache in ein so helles Licht stellen. Besonders 
häufig wurde ich durch das Resultat der Untersuchung der 
Beugemuskulatur am Oberschenkel sowie durch die elektrische 
Untersuchung der Fußmuskulatur überrascht; speziell sei die 
Lehre gegeben, daß man in keinem Falle von Schmerzen im 
Fuß oder von Schwierigkeit beim Auftreten, die sich nach 
einer Verletzung der unteren Extremität, und sei sie noch so 
hoch oben am Oberschenkel oder am Becken lokalisiert, ver¬ 
säumen darf, die Fußmuskulatur, auch wenn man keine 
Lähmungen finden kann, elektrisch zu untersuchen; ich habe 
eine ganze Reihe von bisher verkannten Fällen auf diese 
Weise klarstellen können. Ebenso sei noch einmal an die 
Beklopfung der Achillessehnen erinnert, um festzustellen, ob 
der Achillesreflex, der normalerweise nicht fehlen darf, vor¬ 
handen ist. 

Heber das Verhalten der Sensibilität kann 
ich auf Grund meiner Erfahrungen folgendes sagen: Im 
Gegensätze zu den meisten Stimmen, die sich hierzu bisher 
haben vernehmen lassen (ich nenne hier nur Marburg), 
fand ich, daß die Sensibilität imallgemeinenwenigeT 


selben Erfahrungen gemacht und in seinem Hamburger Vor¬ 
trage lehrreiche Bilder, die dies beweisen, angeführt; ebenso 
Trömner in der nachfolgenden Diskussion. 

So sah ich — ich gebe wiederum nur einzelne 
Beispiele — bei einem Falle von schwerer (Ea II) 
motorischer Lähmung des N. ulnaris' eine leichte, auf 
Berührungs- und Schmerzsinn sich beschränkende Ge¬ 
fühlsstörung nur am Kleinfingerballen; bei einer kom¬ 
pletten Radialislähmung (mit Ea R.) fand sich eine 
Störung des Berührungs- und Schmerzsinns nur am Rücken 
des Daumens, bei einer Verletzung des Stammes des Medianus¬ 
nerven mit folgender totaler und kompletter Lähmung (Ea R.) 
aller zum Medianus gehörenden Muskeln die Störung der 
Sensibilität auf den Daumenballen beschränkt. Umgekehrt 
war in einem Falle von Lähmung (Ea R.) im Bereiche des 
N. medianus und ulnaris die Sensibilität intakt geblieben nur 
am Daumen und an der Radialseite des Zeigefingers. 

Bei einer Verletzung des Plexus brachialis, die 
zu ausgedehnten Lähmungen im N. radialis, medianus und 
ulnaris geführt hatte, fand sich die Störung der Sensibilität 
beschränkt auf den Daumenballen; in einem Falle von Durch¬ 
schuß am Oberarm waren motorisch und elektrisch alle drei 
Nerven in ihrer Totalität gelähmt (Ea R.), während sich 
eine Sensibilitätsstörang ausschließlich im Gebiete des ' 
N. ulnaris — und hier in charakteristischer „anatomischer 
Begrenzung — feststellen ließ. In einem Falle von Schu߬ 
verletzung des Peroneus hinter dem Capit. fibulae, die zur 
Lähmung aller „Peroneusmuskeln“ geführt hatte, bestand eine 
Störung der Sensibilität nur am Fußrücken und an der Zehe, 
entsprechend dem Gebiete des N. peroneus superficialis: in 
einem andern, sonst fast gleichen Falle, wieder beschränkte 
sich die Gefühlsstörung auf das Gebiet des N. peroneus pvo- 
fundus. 

Auch betreffs der Schmerzen haben wir in Hamburg 
andere Erfahrungen gemacht als sie in der Berliner Diskussion 
(Oppenheim, Rothmann und Andere) und durch 
Bruns zum Ausdruck gekommen sind: wirklich un¬ 
gewöhnlich heftige Neuralgien sah ich selten — nur 
dreimal, und zwar einmal am Vorderarm, einmal bei einer 
Lähmung des Plexus brachialis und einmal nach einer \ er¬ 
letzung des Peroneus. Leichtere „Schußueuvalgien“ sah 
ich außerdem noch achtmal, und zwar im Bereiche der ver¬ 
schiedensten Nervenstämme der oberen und unteren Extremi¬ 
täten. Bei dieser auffallenden Seltenheit der Neuralgien er¬ 
übrigt es sich für mich, Ueberlegungen über die Ursache der¬ 
selben anzustellen, wie Oppenheim es auf Grund seiner 
abweichenden Erfahrungen getan hat. Ich war, nachdem ich 
auf Grund von 48 Operationen am peripheren Nerven reichlich 
Gelegenheit hatte, mich von dem anatomischen Befund au den 
Nerven und in den Nerven zu überzeugen, überaus erstaunt, 
daß bei diesen schweren anatomischen Vorgängen Neuralgien 
nicht gewissermaßen zum „eisernen Bestände“ der Schu߬ 
verletzungen am Nerven gehören, und um so mehr als die Er¬ 
fahrungen von W ohlwill, die ich bereits erwähnte, dar¬ 
zutun scheinen, daß viel häufiger als man makroskopisch {er¬ 
stellen kann, sich im Nervenquerschnitte kleine Geschoßlede 
\ befinden. Auch in drei Fällen, in denen die Operation zeigte. 


gestört ist als man das bisher aus der Friedenspraxis ge- l daß ein Spitzgeschoß in die Nerven selbst eingednmgen war 
wohnt war. Auch bei Aneurysmen sah ich — im Gegensätze 1 und sich dort festgesetzt hatte, bestanden keine irgendwo 1 
zu Bruns — mehrfach Schmerzen ganz zurücktreten. Fälle 1 sich vordrängenden Schmerzen. Nur in einem einzigen HIV 
ohne nennenswerte Sensibilitätsstörungen sind unter meinem l sah ich bei der Operation ziemlich heftige Schmerzen dim*h 
Material nicht selten gewesen; Fälle mit geringen Sensibilitäts- 1 eine Narbenverwachsung bedingt: es bandelte sieh um em< 
Störungen bildeten die Regel, und zwar waren am meisten 1 Verletzung eines N. radialis; die ursächliche Bedeutung 

gestört das einfache Berührungsgefühl, dann folgte das 1 der Narbeneinbettung für die Neuralgie wurde dadurch ev- 

Sclnnerz-, dann das Temperaturgefühl, und in letzter Linie I wiesen, daß die Schmelzen nach Freimachung des Nerven am 

kam die Störung der „Tiefensensibilität“. In einer Reihe von 1 der Narbe aufhörten. 

Fällen sah ich anderseits n u r Störungen der Sensibilität ohne \ Meine Erfahrungen ergeben mir, daß die 

Motilitäts-, elektrische und.Reflexstörungen. Die Häufigkeit siblen Fasern gegen Traumafolgen erhcl 
des partiellen Ergriffenseins konnte ich auch 1 1 v e h resistenter sind als die motorischen und die 1 
für die Sensibilität feststellen. S a e n g e r bat die- \ elektrischen Leitung dienenden, und daß die Möglichkeit 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


t Mai. 


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variierenden Eintretens sensibler Fasern seitens anderer 
Nerven eine ausgedehntere ist, als wir bisher wußten. 

Uebrigens hat auch Lewandowsky bei einem 
großen Beobachtungsmaterial nur selten Fälle gesehen, in 
denen das klinische Bild durch die Neuralgie be¬ 
herrscht wurde. 

Einen interessanten Fall stellte Weygandtim Aerzt- 
lichen Verein zu Hamburg vor: 

Ein Kriegsfreiwilliger K., der das Notabitur gemacht hatte, 
strammer Sportsniann, kam Mitte Oktober in das Feld, war viel im 
(iranatfeuer und erhielt am 11. November einen Gewehrschuß, Quer¬ 
schläger am Oberarm. Das Geschoß wurde entfernt, es war eine 
Medianusverletzung entstanden, die heftige Schmerzen verursachte. 
Die streng lokalisierten Schmerzen verschlimmerten sich bei irgend¬ 
welchen körperlich und besonders bei seelisch packenden Anlässen. 
Während der Verbandwechsel noch erträglich ist, kommen die 
Schmerzen, wenn er jemand auf einer Leiter sicht, oder wenn jemand 
rasch die Treppe herunterkommt, oder wenn er etwa einen großen 
Schornstein mit Trittklammern sieht. Er war zunächst so apathisch, 
daß er nicht essen, trinken und Wasser lassen konnte. Wenn ein 
Bcruhigungsmittel gebracht wurde, ließ der Schmerz schon nach, ehe 
er es eingenommen hatte. Bei leiser Berührung auf den Kopf komme 
schon ein Schmerzgefühl wie ein elektrischer Schlag. Ebenso wenn 
jemand im Begriffe sei, die Tür zuzuschlagen, sei sofort der Schmerz da. 

Es handelt sich hier um eine hochgradige Hyperästhesie 
mich Verletzung der peripheren Nerven. Derartig psychisch¬ 
nervöse Folgezustände sind nach W e y g a n d t bei den ver¬ 
schiedensten Affektionen gelegentlich zu beobachten und ver¬ 
dienen besondere Berücksichtigung, weil sie das eigentliche 
Krankheitsbild leicht verwischen können. 

In diesem Falle kann man von „Sehmerzhalluzination“ 
reden. 

Oppenheim berichtete über Schmerzempfmdungen 
im Ischiadicus, die durch Geräusche, auch durch Musik her- 
vorgernfen wurden. 

Daß besonders der Ischiadicus zu Schmensreaktion 
nach Verletzungen neigt, betonten auch S a e n g e r und 
T r Ö m n e r. 

Ich komme zum Verhalten deT elektrischen Er¬ 
regbarkeit der gelähmten Nerven und Muskeln. 

In meinen Fällen war nur ausnahmsweise keine Ent¬ 
artungsreaktion nachzuweisen. Das kommt daher, weil 
meiner Station die Fälle von auswärts nur dann zugewiesen 
wurden, wenn längere Zeit hindurch die nervösen Symptome 
nicht zuriiekgegangen waren, mit andern Worten: ich be¬ 
kam leichte Fälle kaum zu Gesicht. Bei meinen Fällen fiel 
mir nun verschiedenes auf: Zunächst wieder, daß auch die 
Veränderung der elektrischen Erregbar¬ 
keit häufig das Lähmungsgebiet nur par¬ 
tiell betrifft; so sah ich bei Fällen von Peroneus¬ 
lähmung sowohl den M. tibialis anticus als auch die mitge¬ 
lähmten Mm. peronei allein frei von Entartungsreaktion; in 
einem Falle von Ulnarislähmung, der alle Ulnarismuskeln be¬ 
traf. fand sich galvanische Entartungsreaktion nur in der 
Interosseusmuskulatur; in einem andern Falle von totaler und 
kompletter Ulnarislähmung fand sich nur der M. flexor carpi 
ulnaris frei von Ea R.; in einem Falle von totaler und kom¬ 
pletter Kadialislähmung reagierte der — auch vollkommen 
gelähmte — M. Supinator longus allein normal, und in einem 
weiteren Falle waren nur die Extensoren des Carpus frei von 

R.; in einem Falle von Medianuslähmung zeigte nur die 
Thenannuskulatur Entartungsreaktion; in einem andern Falle 
von Medianuslähmung reagierten die Flexoren des Carpus 
normal, die langen Flexoren der Finger exquisit träge. In 
mneni Falle von Ulnaris- und Medianuslähmung mit typischer 
tntartungsreaktion reagierte der M. abductor pollicis am 
Jnenar allein normal; bei einem Falle von totaler und 
kompletter Sehußlähmung des Nervus cmralis fand ich einzig 
wnM. vastus internus galvanische Ea R.; das sind nur wenige 
Beispiele für viele. 

Besonders häufig fand ich normale Kraft in 
u s k e 1 n, die f a r a d i s c h nicht und g a 1 - 
v äinsch mit Entartungsreaktion reagier¬ 


ten. Ich sagte das schon und wies bereits darauf hin, daß 
diese Erfahrung es uns zur Pflicht macht, alle Muskeln elek¬ 
trisch zu untersuchen, wenn wir eine Vorstellung über die 
Ausbreitung der Schädigung gewinnen wollen. 

Bei einem Falle von Ulnarislähmung fand ich nur am 
Hypothenar, in einem andern Falle nur an den Mm. interossei, 
in einem dritten Falle nur an den Mm. interossei I und IV 
Entartungsreaktion, während alle diese genannten Muskeln 
von der Lähmung verschont geblieben waren. Bei Medianus¬ 
lähmung sah ich im motorisch intakt gebliebenen M. flexor 
carpi radialis Entartungsreaktion, dasselbe sah ich bei einem 
Falle von Radialislähmung mit motorischem Freibleiben des 
M. supinator longes und M. abductor pollicis longus, und in 
einem weiteren Falle von funktionellem Intaktbleiben der Ex¬ 
tensoren des Handgelenks. Ini Gebiete des N. musculocutaneus 
sah ich Funktion und Kraft des M. biceps normal bei ausge¬ 
sprochener Ea R. 

Ich will besonders hervorheben, daß es sich in allen 
Fällen von galvanischer Entartungsreaktion in motorisch in¬ 
takten Nerven um eine partielle Entartungsreaktion 
handelte, das heißt die Erregbarkeit für faradischen und 
galvanischen Strom vom Nerv aus war in allen solchen 
Fällen erhalten. 

Einmal fand ich in stark paretisehen und erheblich 
atrophischen Muskeln aus dem Medianus- und Ulnaris- 
gebiete (Thenar, Mm. interossei) die indirekte und direkte 
elektrische Erregbarkeit für beide Stromesarten normal; das 
hat auch Oppenheim beobachtet. 

In mehreren Fällen fand ich Abarten der Ent¬ 
artungsreaktion insofern, als bei erhaltener in¬ 
direkter Erregbarkeit und bei exquisiter galvanischer musku¬ 
lärer Ea R. der Muskeln die faradische Erregbar¬ 
keit der Muskeln gut erhalten war; in andern Fällen 
sah ich das Umgekehrte: bei erloschener indirekter Erregbar¬ 
keit Fehlen der muskulären faradischen Er¬ 
regbarkeit und prompte normale Reaktion 
der Muskeln auf den galvanischen Strom. Es 
scheint mir nicht erwiesen, daß Lewandowsky mit seiner 
Annahme: „sind die Muskeln faradisch erregbar, so lassen 
sich schwere Veränderungen jedenfalls ausschließen“, Recht 
hat. Die früheren anatomischen Untersuchungen von Muskeln, 
die galvanische Ea R. zeigten, deckten jedenfalls immer deut¬ 
liche Erkrankungsprozesse auf. 

Es ist von verschiedenen Autoren hervorgehoben 
worden, daß man öfter als sonst bei Kriegsverletzungen der 
peripheren Nerven die Ea R. schnell übergehen sieht im Er¬ 
loschensein der faradischen und galvanischen muskulären Er¬ 
regbarkeit; ich habe dies vereinzelt auch gesehen, abernur 
vereinzelt. Uebrigens eignete sich mein Material zu sol¬ 
cher Beobachtung nur ausnahmsweise, weil ich —wie schon er¬ 
wähnt — nur ganz ausnahmsweise frische Fälle zu Gesicht 
bekomme. Ich selbst stellte auf Grund meines Materials 
fest, daß nicht selten typische Ea R., galvanische 
Zuckungsträgheit der Muskeln mit Umkehr der Zuckungs- 
formel, sehr lange bestehen kann. Bei Durchsicht meiner 
152 Fälle finde ich dies zwölfmal bemerkt; es waren Fälle, in 
denen fünf und sechs Monate nach der Verletzung noch nichts 
von Absinken der galvanischen Erregbarkeit zu bemerken 
war, sondern in denen sich die zur typischen Ea R. gehörige 
muskuläre Uebererregbarkeit noch vorfand. Solche 
Beobachtung betrafen fast alle Hauptnerven der oberen und 
unteren Extremitäten. 

Auch von trophischen Störungen bei Kriegs¬ 
verletzungen der peripheren Nerven haben wir schon viel ge¬ 
lesen (Ernst Freund, Oppenheim, Berliner Dis¬ 
kussion). Auch ich fand solche keineswegs selten, zumeist 
in Gestalt von vasomotorischen Störungen in den gelähmten 
Teilen: Cyanose, Kälte, Blässe, Hyperhidrosis und Anhidrosis, 
Veränderungen der Nägel, trophische Störungen der Epi¬ 
dermis, ab und an auch Blasenbildung. Ausbildung von 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2. Mai. 


Ulcerationen sah ich nicht, das heißt nicht in solchen Fällen, 
die nicht mit Erfrierungen kombiniert waren, lieber Fälle 
von Braunfärbung und Hypertrichosis der ganzen, lokal 
verletzten, Extremität wurde von Oppenheim berichtet. 
Oppenheim teilt auch mit, daß er nach lokalem Kriegs¬ 
trauma peripherer Nerven allgemein vasomotorische und 
sekretorische Störungen beobachtet habe; er will solche 
Störungen durch eine „allgemeine Traumatisierung des 
Centralnervensystems“ erklären; es handelte sich meistens 
um allgemeine Hyperhidrosis und allgemeine Rötung der 
Haut. Ein häufiges Vorkommen kann dies meines Er¬ 
achtens nicht sein, da ich unter meinen 152 Fällen das 
niemals beobachten konnte; nach psychischen Erschütte¬ 
rungen sah ich derartiges wiederholt; es liegt somit nahe, 
anzunehmen, daß die „allgemeine Traumatisierung des 
Nervensystems“ auf dem Wege der seelischen Erregung vor, 
während und nach der Verletzung zustande gekommen ist. 

(Schluß folgt.) 

Hygienische Erfahrungen im Felde 


Oberstabsarzt Prof. Dr. Philalethes Kuhn Y^ 11 

Chefarzt eines Feldlazaretts 

und # Nan 

Stabsarzt Prof. Dr. Bernhard Möllers, va t ( 

Hygieniker beim Korpsarzt fror 

bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes. gen 

(Fortsetzung ans Nr. 17.) 

6. Hygiene der Feldlazarette. Auf dem west- aus 
liehen Kriegsschauplätze, wo an vielen Orten geeignete größere bau 
Gebäude zur Errichtung der Feldlazarette zurVerfügung stehen, läßt Kir 
doch die Sauberkeit oft zu wünschen übrig, namentlich in Schulen leie 
und Fabriken, die schon vorher häufig den Truppen zur Unter- lan 
bringung von Mannschaften und Pferden gedient haben. Um die der 
Verbreitung von Wundkrankheiten, insbesondere von Starrkrampf 
und Gasbrand, von vornherein auszuschließen, muß daher eine laz; 
peinliche Reinigung aller Räume, wenn irgend möglich bereits vor mü 
dem Eintreffen der Verwundeten, angestrebt werden. Die Mann¬ 
schaften eines Feldlazaretts reichen jedoch nicht, aus, um außer der Sti 
Versorgung der aus einer großen Schlacht anströmenden Ver- wu 

wundeten auch noch die Reinigung und Instandhaltung der ge 

Krankenräume, der Nebenräume und Aborte durchführen zu 1 W 
können. Es empfiehlt sich daher, zu diesem Zwecke sofort bei der vo 
Einrichtung aus der Zivilbevölkerung männliches und weibliches 1 de 
Hilfspersonal gegen Vergütung heranzuziehen. Die Benutzung un- 1 P« 
entgeltlicher Hilfskräfte, die sich auch im Feindesland aus der ein- 1 oc 
geborenen Zivilbevölkerung, mit dem Roten Kreuze geschmückt, 1 g< 
zuweilen freiwillig anbieteu, hat sich selten bewährt. Diese Per¬ 
sonen bringen der Arbeit im Lazarett oft nicht den nötigen Ernst 1 k 
entgegen, es sei denn, daß es sich um die Pflege ihrer eignen Lands- 1 a' 

leute handelt, 1 ^ 

Die Reinigung der Krankensäle wird sehr erleichtert, wenn I d 
man in Ermanglung von Betten Lattenbettstellen nach dem I d 
Muster der Anlage XI der K.S.O. S. 128 oder O e 11 i n g e n sehe 1 1 
oder Reh sehe Tragen anfertigen läßt und die Strohsäcke darauf- 1 r 
legt. Auch hierzu muß die Zivilbevölkerung 1 herangezogen wer- s 
den, wenn die eignen Kräfte nicht reichen. Die Bettstellen ver- 1 < 
bleiben beim Abrücken dem ablösenden Kriegslazarett, die Tragen 1 
können mitgeführt werden. Solche Lagerung erleichtert auch die I 
Pflege mancher Kranken außerordentlich. 1 

Als ein gutes Mittel zur Verhütung von Wundinfektionen hat 1 
sich die sofortige Errichtung einer sogenannten septischen Station I 
erwiesen. Es muß zwar zugegeben werden, daß in der Heimat auf 
den chirurgischen Stationen großer Lazarette die Behandlung von 
septischen Wunden in besonderen Krankenräumen nicht erforder¬ 
lich ist, weil Infektionen einerseits selten sind, anderseits auf die 
Fernhaltung des infektiösen Materials von den übrigen Verwun¬ 
deten eine ausreichende Sorgfalt verwendet werden kann. Der 
Betrieb eines Feldlazaretts, namentlich in Feindesland, läßt aber 
b e i dem gewaltigen Zustrome der Verwundeten nach einer mo¬ 
dernen Schlacht und bei dem knappen Personal den Ausschluß 
jeder Infektionsmöglichkeit nicht wohl zu. Alle Verwundeten, die 
zu fiebern anfangen und deren Wunden schlecht aussehen, sind 
daher möglichst frühzeitig auf die septische Station zu verlegen, 
d< r nach Möglichkeit ein abgeschlossener Raum für Starrkrampf 


auzuschließen ist. Hinsichtlich der Verhütung des Starrkrampfs i 
sei betont, daß die sogenannte prophylaktische Einspritzung von 
Tetanusserum zweckmäßig bei jedem Verwundeten vorgenommen I 
wird, da man einer Wunde nicht ansehen kann, ob sie infiziert ist 
oder nicht, und an der günstigen Wirkung des Serums bei früh¬ 
zeitiger Anwendung nach den bisherigen in der Kriegsliteratur 
niedergelegten Erfahrungen kein Zweifel mehr bestehen kann. 

Wie bereits mehrfach betont, erscheint es notwendig, daß 
jedes noch so kleine Mittel angewendet wird, um die seelischen 
Kräfte der Soldaten zu erhalten und zu erheben. Besonders wert¬ 
voll ist es, wenn die Verwundeten im seelischen Gleichgewicht 
erhalten bleiben und ein mutiges und gefaßtes Verhalten zur 
Schau tragen, damit sich die jungen Krieger, die zum erstenmal 
in ein Gefecht ziehen, daran ein Beispiel nehmen können. Daher 
soll die Umgebung, in die die Verwundeten gebracht werden, mit j 
Sorgfalt so gestaltet werden, daß sie das Gemüt günstig beeinflußt 
und die Widerstandsfähigkeit der seelischen Kräfte hebt. Die 
Krankenräume sind nicht nur hell und sauber zu gestalten, son¬ 
dern sind auch nach Möglichkeit durch Grün und Blumen zu 
schmücken: namentlich ist Tannengrün zu empfehlen, weil es gut 
wirkt, wochenlang frisch bleibt und überall zu haben ist. Wenn 
möglich, ist die Umgebung des Feldlazaretts auf das Vorhanden¬ 
sein von Gewächshäusern und Wintergärten abzusuchen, aus denen ' 

vielfach ein reicher Bestand an Palmen, Lorbeerbäumen und an- 
derm Pflanzenschmucke für die Krankensäle entlehnt werden 
kann. Sehr dankbar ist das Mitführen von Bildern aus der Heimat 1 
Namentlich Landschafts- und Städtebilder, sodann solche aus der 
vaterländischen Geschichte sind zu empfehlen; dazwischen sind 
fromme Sprüche aufzuhängen. Dieser Bilderschmuck wird ab¬ 
genommen und mitgeführt, wenn das Feldlazarett weiterrückt. 

Aus dem Kreise der Aerzte und des Unterpersonals oder 
aus benachbarten Truppenteilen sind musikalische Kräfte zur Er¬ 
bauung der Verwundeten nutzbar zu machen. Aus der nächsten 
Kirche kann ein Harmonium herbeigeschafft werden, 7.u dem sich 
leicht eine Geige gesellt, sodaß den Verwundeten auch in Feindes¬ 
land täglich zu ihrer geistigen Stärkung ein Konzert gegeben wer¬ 
den kann. 

Je weiteT hinter der Front, desto mehr Mittel kann das reld- 
j lazarett aufwenden, um Schädigungen des Körpers und des Ge¬ 
müts von den Auf genommenen fernzuhalten. 

Zum Schluß wollen wir noch ausdrücklich der wesentlichen 
Stärkung des Gemüts gedenken, die namentlich bei Schwerver- 
wundeten von dem religiösen Beistände der Feldgeistlichen aus¬ 
geht, deren verdienstvolle Tätigkeit in den Lazaretten in jeder 

i se ermöglicht und unterstützt werden sollte. Durch geschmack- 
e Ausschmückung eines Altars, Begleitung des Gottesdienstes 
di Musik odeT Gesang, Kommandierung des abkömmlichen 
5onals zur Beiwohnung kann der Gottesdienst an Sonntagen 
r anläßlich von Beerdigungen außerordentlich stimmungsvoll 
taltet werden. > 

7. Beerdigungswesen. Bei dem erbitterten Stcuimgs- 
2 ge bat sich die sofortige Beerdigung der Toten in vielen Fällen 
unmöglich erwiesen. Der Geruch der unbeerdigten Toten ih 
hrend des Winters im allgemeinen erträglich gewesen. Mn 
n Eintritt der wärmeren Jahreszeit werden jedoch viele W 
r Front immer mehr unter dem Leichengestank zu leiden haben, 
muß deshalb beizeiten versucht werden, die Toten zu begraben, 

) es irgend angeht. Da, wo eine Bestattung möglich ist. er- 
heint es uns angezeigt, daran zu erinnern, daß die Gräber mch 
cht. an Landstraßen, auf tiefliegenden Wiesen, in immitte- 
irer Nähe von Quellen und Wasserläufen oder engen Schluchten 
igelegt werden sollen. Eine Gefährdung der Gesundheit m 
ruppe und der Bevölkerung kommt bei unzweckmäßig me 
elegten Gräbern weniger in Betracht, als die Beeinflussung des- 
temüts. Es geht eine starke erhebende Wirkung von gut uw 
orgfältig angelegten Gräbern auf die vorbeizielienden Kamera» on 
ler Gefallenen aus, wenn die Gräber nach Möglichkeit m m 
roller und sinniger Weise geschmückt sind. Besonders empnci 
dch die Anpflanzung von Buehsbaum zur Einfassung, der v.u F“' 
Jahreszeit an wächst. Aus den Gärtnereien benachbarter \ ■* 
schäften sind immergrüne Blattpflanzen (aukuba, laurier nun uw £ 
im Französischen) zu besorgen, die auf dem Kriegsschauplätze 
Westens auch im Freien überwintern. Um den Angehörigen m ‘ ’ 
Heimat zu Liebe Einzelgräber anlegen zu können, ist; hoi' 
Feldlazaretten, wenn irgend möglich, die sofortige Emstmite 
von Totengräbern ans der Zivilbevölkerung in die Wege zu hu * 
weil das eigne Personal der Feldlazarette, auch bei HeranvAcbui 
aller Pferdepfleger und Fahrer, hierzu oft nicht aust eicht* 


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UNiVERSITY OF IOWA 


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2. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


Die Feuerbestattung: halten wir im Operationsgebiete für un¬ 
tunlich. Sie bietet keim* hygienischen Vorteile gegenüber der 
nrtiiiuugsmäßigen Beerdigung und würde die Mitfühmng von be- 

u Verbrennungsofen notwendig machen, die bei den 
heutigen wut auseinanderliegenden Gefechtsplätzen nur in seltenen 
Füllen in Benutzung treten könnten. 

8. G e n u ß m i 11 e 1. Alkohol. Unsere Betrachtungen 
über (len Alkoholgenuß im Felde können wir nicht besser einleiten 
als durch die Werte der Kriegsranitätserdnung S. 112, Ziffer 416: 

„Der Alkohol wirkt zwar anfangs belebend, beim Genüsse 
größerer Mengen aber bald erschlaffend. Die Erfahrung lehrt, dali 
enthaltsame Soldaten den Kriegsstrapazen am besten widerstehen. 

Auch verführt Alkoholgenuß leicht zu Unmäßigkeiten und 
zur Lockerung der Manneszucht. 

Alkoholische Getränke sind daher nur mit größter Vorsicht 
zu gewähren und auf dem Marsche ganz zu vermeiden. Bei Kälte 
Alkohol zur Erwärmung zu genießen, ist gefährlich. Seine wär¬ 
mende Wirkung ist trügerisch. 

D o m Beschränken des Alkoholgenusses ist 
von allen Dienststellen fortgeset z t d i e ern¬ 
steste A u f in e r k s a m k e i t z u z u w ende n." 

Unter den Schädigungen, die der Alkohol dem Heere zufügt, 
wäre nach unsern Beobachtungen noch die Förderung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten besonders zu erwähnen, die meist im Rausch 
erwerben weiden. An den bewährten Grundsätzen der Kriegs- 
samtätserdnuug müssen wir auch auf Grund der Erfahrungen dieses 
Kriegs unbedingt festhaiton. Daß der Aufmarsch der deutschen 
Armee in so glänzender Weise ohne irgendwelche Ausschreitungen 
erfolgen konnte, verdanken wir gewiß nicht zum geringen Teil (lern 
Von der Militärverwaltung erlassenen Verbote des Alkoholgenusses 
während der Dauer der Eisenbahntransporte. 

Mit der Eroberung Frankreichs fielen so viele Weinvorräte in 
unsere Hände, daß der Alkoholgenuß sich immer fester einwurzelte. 
Wir haben auf breiter Linie dio Erfahrung gemacht, daß die Durch¬ 
führung einer strengen Mäßigkeit oder gar der Enthaltsamkeit im 
Felde schwer wurde. Das hatte seinen Grund zunächst darin, 
daß die alkoholischen Getränke von der großen Masse der waffen¬ 
fähigen Männer, Offiziere wie Mannschaften, denen sie im Frieden 
ein gewohntes Genußinittel sind, im nervenanspannemlen Kriege 
noch mehr verlangt werden. Es kommt aber ein Umstand von er- 
1 h blicht r Bedeutung hinzu, der die Wertschätzung des Alkohols 
erhöht: die Schwierigkeit der Beschaffung guten Trinkwassers, 
über die wir im ersten Teil unserer Arbeit bereits gesprochen 
haben. Die alkoholischen Getränke werden entweder als Ersatz 
für Wasser empfohlen, um den Typhus zu vermeiden, oder werden 
dem Wasser zugesetzt, um es unbedenklich und schmackhaft zu 
gestalten. Alkohol hat mithin eine dreifache Verwendung: 

a) als Zusatz zum Trinkwasser, 

b) als Trinkwasserersatz, 

c) als Genußmittel. 

al Wir halten es für Pflicht aller Aerzte, nachdrücklich gegen 
die Anschauung aufzutreten, als ob Krankheitskeime durch Mischen 
des Wassers mit einem geistigen Getränk abgetütet werden 
könnten. 

bi In der Verwendung der alkoholhaltigen Getränke als 
Trinkwasserersatz liegt die Hauptverteidigungsstellung des Alko¬ 
hols im Felde. Selbst solche Offiziere, welche die schweren Be¬ 
denken der Kriegssanitätsordnung gegen den Alkohol teilen, dulden 
winc Veiaufgabung von diesem Gesichtspunkt aus. Zur Ein- 
«■•liräukung des Alkoholgenusses ist es daher vor allem notwendig, 
für gutes Trinkwasser zu sorgen. 

Die besonderen Verhältnisse des Stellungskriegs erfordern cs. 
daß wir unsere Ausführungen über das Trinkwasser hier und an 
späterer Stelle ergänzen. Durchgehend wird die Erfahrung gemacht, 
daß die Leute im Schützengraben sich mit Kaffee nicht begnügen, 
sondern der Abwechslung wegen einfaches Wasser trinken wollen, 
das sie teilweise den Drainageröhren in der Stellung entnehmen, 
trotzdertt cs bisweilen schmutzig und nicht einwandfrei ist. Diesem 
Bedürfnisse kann einerseits durch Bereitstellung von großen 
Ihngen künstlichen Selterwassers abgehoben werden, das sorg- 
^Ifi'r hinter der Front bereitet werden muß, anderseits sind die 
Triiikwasserbi reiter in großer Zahl heranzuziehen und das be- 
fcitete Wasser in Fässern, Flaschen und Krügen in die Stellung« :i 
ni bringen, lieber die Drainageröhren siehe den Abschnitt über die 
Hygiene der vorderen Stellungen. 

( \) Was die Rolle des Alkohols als Genußmittel anlangt, so 
!j, '‘csucht werden, ihn durch harmlosere Dinge, wie Kaffee. 

Kakao, Tabak, zu ersetzen, die wir des weiteren besprechen 


wollen. Wir glauben aber, daß die geistigen Getränke sich trotz 
aller Gegenbestrebungen wieder siegreich durchsetzen werden, so¬ 
lange in unserer Armee nicht ein strenges Alkoholverbot er¬ 
gangen ist. 

Wir hoffen, daß es nicht verlorene Mühe ist, wenn wir die 
energischen Mahnungen der Kriegssanitätsordnung an alle Dienst¬ 
stellen, dem Beschränken des Alkoholgenusses die ernsteste Auf¬ 
merksamkeit zuzuwenden, durch einige besondere Gesichtspunkte 
ausführen. 

1. Wenn ein Truppenteil alkoholische Getränke verabfolgt, 
so dürfen diese für Mannschaften, die keinen Alkohol genießen, 
nicht empfangen werden, damit nicht die Kameraden der Nicht- 
trinkf iiden die zuviel empfangene Menge außerdem erhalten und 
so der Trunksucht Vorschub geleistet wird. 

2. Schnaps sollte am besten überhaupt nicht verausgabt wor¬ 
den. Die Ortskommandantur am Sitz unseres Generalkommandos 
verfügte unter Androhung strenger Strafen, daß Schnaps und Likör 
bis zu einem bestimmten Termine von den Kncipenbesitzern auf 
dem Bürgermeisteramt abgegeben werden und dort unter mili¬ 
tärischer Bewachung verbleiben müsse. Diese Maßnahme hat sehr 
segensreich gewirkt. Ein sti enges Schnapsverbot erscheint übri¬ 
gens auch im wirtschaftlichen Interesse geboten, um den Alkohol 
gewerblichen Zwecken nutzbar zu machen. 

3. Für stark erschöpfte und schwerverletzte Mannschaften 
ist. die Verabreichung geistiger Getränke (Wein, Sekt, Kognak) 
als Anrcgungs- oder Betäubungsmittel unbestritten durchaus an¬ 
gezeigt; die Verabreichung hat dann unter der Beaufsichtigung 
der Truppenärzte zu erfolgen. 

Kaffee. Tee, Kakao, Schokolade. Wir haben 
die Erfahrung gemacht, daß die alleinige Verausgabung von Kaffee 
nicht zweckmäßig ist. Die Mannschaften genießen auch den Tee 
sehr gern, wie wir in den Badeanstalten beobachtet haben. Auch 
Kakao ist. beliebt, hat zudem den Vorteil, daß er gleichzeitig ein 
wertvolles Nahrungsmittel ist. Es empfiehlt sieh, diese drei Genuß- 
mittel abwechselnd zu verausgaben, wobei dem Kaffee der Vorzug 
bleiben soll. Schädigungen sind durch diese Genußmittel nicht 
zu befürchten, weil sie bei der Truppe nicht zu stark bereitet 
werden. 

Auch das Essen von Schokolade ist bei unsern Mannschaften 
beliebt und besonders zu empfehlen. Viele ziehen es hoi an¬ 
strengenden Märschen und im Schützengraben dem Alkohol- 
gt misse vor. 

Für die heiße Jahreszeit kommen ferner Pfeffermiijztablettcn 
in Betracht, die rechtzeitig bereitzustellen wären. 

Ta ha k. Die größte Rolle für das Wohlbehagen der Truppe 
spielt der Tabak. Unzählige Männer können den Alkohol leicht 
entbehren, nicht aber den Tabak. Aus diesem Grunde wird er 
zurzeit den Mannschaften reichlich dargeboten (zwei Zigarren und 
zwei Zigaretten täglich an jeden Mann). Er gelangt auch in 
Menge als Liebesgabe und in Postsendungen an die Front. 

Wir dürfen zwar nicht verschweigen, daß übermäßiger Tabak¬ 
genuß für die Gesundheit nicht immer gleichgültig ist. Es stellen 
sich bei manchen starken Rauchern unangenehme Störungen, wie 
Nervosität, Herzklopfen und Appetitmangel, ein, welche die mili¬ 
tärische Leistungsfähigkeit recht beeinträchtigen können. Die 
militärischen Vorgesetzten und die Truppenärzte müssen daher 
auf solche Leute achten, denen das starke Tabakrauehen nicht 
bekommt. Hierfür gibt es ein ziemlich sicheres Erkennungszeichen, 
das ist das Auftreten einer bestimmten graugelblichen Gesichts¬ 
farbe, der eigentlichen „Raucherfarbe“. Diese Raucher sind durch 
Belehrung anzuhalten, ihre Leidenschaft c-inzuschränken. Auch 
ist darauf zu achten, daß der verausgabte Tabak nicht zu frisch 
und zu feucht ist. 

Während des Marsches ist das Rauchen nicht zu empfehlen, 
weil dann das Herz leichter überanstrengt und der Mund aus- 
getrocknet. wird. Die beste Zeit zum Rauchen ist die Zeit nach 
dem Marsche, wenn der Mann im Quartier oder im Biwak ist. 
Pfeife rauchen ist gegenüber dem Zigarren- und Zigarettenrauehen 
vorzuziehen. 

9. Prostitution und Geschlechtskrank¬ 
heiten. In allen früheren Feldzügen haben die Geschlechts¬ 
krankheiten bei der kämpfenden Truppe und in noch höherem 
Maß im Etappengebiet eine bedeutende Rolle gespielt. In dem 
letzten deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte das deutsche 
Heer allein einen Zugang von 33 538 Geschlechtskranken, deren 
Gefechts wert somit wochenlang der Truppe verloren ging. 

Die Frage, auf welche Weise man am sichersten der Ueber- 
handnahme der Geschlechtskrankheiten im Felde Vorbeugen kann, 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2. Mai. 


ist in der Kriegsliteratur bereits öfter Gegenstand eingehender Be¬ 
sprechungen gewesen, sodaß wir uns hier darauf beschränken 
können, kurz unsern eignen Standpunkt darzulegen. Die Quelle 
fast sämtlicher Geschlechtskrankheiten ist die Prostitution nie¬ 
derster Art, die teils in Bordellen, teils durch die Kellnerinnen 
und Dienstmädchen der zahlreichen Wirtschaften (Estaminets), 
endlich durch herumschweifende Weiber ausgeübt wird. Die letz¬ 
teren stellen die unterste Stufe der Huren dar und sind am gefähr¬ 
lichsten, weil sie am meisten erkrankt sind und mangels eigner 
Räume den Soldaten keine Möglichkeit irgendeiner Reinigung nach 
dem Geschlechtsverkehre bieten können. Die Einrichtung und 
Unterhaltung von Bordellen erscheint uns auch dann bedenklich, 
wenn durch regelmäßige ärztliche Untersuchungen die Fernhaltung 
kranker Frauenspersonen erstrebt wird. Sie ist einmal praktisch 
schwer durchführbar, wie unsere Erfahrungen in einer Stadt von 
etwa 15 000 Einwohnern gezeigt haben, woselbst der Bordell¬ 
betrieb unter dauernder ärztlicher Kontrolle zunächst gestattet 
wurde; bei fast jedem Regiment, das dort Ruhequartier bezog, 
nahm die Zahl der Geschlechtskranken infolge der im Bordell er¬ 
folgten Infektionen zu, sodaß es nach kurzer Zeit wieder ge¬ 
schlossen werden mußte. Die krankbefundenen Insassinnen wur¬ 
den zwangsweise in das nächste Frauengefängnis gebracht. Zudem 
birgt das Bordellu esen eine große sittliche Gefahr in sich dadurch, 
daß die Soldaten bei der Freigabe oder gar hei der Empfehlung 
solcher Häuser auf den Verkehr mit Prostituierten hingewiesen 
werden und damit auch der außereheliche Verkehr verheirateter 
Soldaten gleichsam gutgeheißen wird. 

Um die Verbreitung geschlechtlicher Erkrankungen in der 
Armee zu verhindern, muß die völlige geschlechtliche Enthaltsam¬ 
keit während der Dauer des Kriegs gefordert werden. Bei den 
großen Opfern, welche der gegenwärtige Krieg von jedem Ein¬ 
zelnen fordert, und angesichts der Frage, daß Sein oder Nichtsein 
des deutschen Vaterlandes auf dem Spiele steht, kann diese Selbst¬ 
überwindung nicht mehr als undurchführbar oder ungerechtfertigt 
angesehen werden. Zahlreiche Soldaten, die jetzt durch geschlecht¬ 
liche Erkrankung wochenlang kampfunfähig werden, könnten dem 
Heer erhalten bleiben, zahlreiche Nachkrankheiten unsern Frauen 
in der Heimat erspart werden. Nicht nur im Offizierstande, auch 
im Mannschaftskreise muß die Anschauung wachgehalten werden, 
daß ein verheirateter Mann, der sich mit einer Dirne einläßt, eine 
Ehrlosigkeit begeht. Um dem einzelnen Manne die Enthaltsamkeit 
vom außerehelichen Geschlechtsverkehre leichter zu machen, ist 
es erfordeslich. daß jede öffentliche Propaganda der Prostituierten 
streng unterdrückt wird. Hierfür ist die Schließung der Bordelle 
und die Einsperrung aller (len Behörden und Polizeibeamten be¬ 
kannten Prostituierten sowie aller von der Truppe ermittelten 
Prostituierten in Arbeitshäuser das einzig' wirksame Mittel. Wo 
Arbeitshäuser in dem besetzten Gebiete nicht bestehen, müssen 
sie geschaffen werden. Wir haben in dem mehrfach erwähnten 
Ort,, an dein das Korpskommando seinen Sitz hat, ein Arbeitshaus 
eingerichtet, das an ein Feldlazarett angeschlossen ist; in diesem 
müssen die Insassinnen nützliche Arbeiten für das Sanitätsbad. 
verrichten, insbesondere (las Aushessern der Mannschaftswäsche 
besorgen, während gleichzeitig die Geschlechtskranken unter 
ihnen ärztlich behandelt werden. Auf den Einwand, den wir 
hier und da zu hören bekommen, daß man die sogenannte geheime 
Prostitution nicht fassen könne, sei bemerkt, daß diejenige Pro¬ 
stitution, die einem energischen Vorgehen aller beteiligten Be¬ 
hörden gegenüber geheim bleibt, eben auch nicht den Schaden an- 
richtet, wie die gewissenlosen, offen herumstreifenden Frauen¬ 
zimmer. Dazu kommt, daß die geheime Prostitution, je mehr sie 
sieh in die Bürgerkreise erstreckt, desto mehr abge,schreckt wird, 
je rücksichtsloser die überführten Personen in Arbeitshäuser ein- 
gesperrt werden. 

Die Bekämpfung der Prostitution müssen wir wirksam unter¬ 
stützen dadurch, daß wir die Not unter der weiblichen Bevölke¬ 
rung. deren Ernährer im Felde stehen, planmäßig nicht nur durch 
Verteilung von Nahrungsmitteln, sondern auch durch Verschaffung 
von Arbeitsgelegenheit bekämpfen, damit nicht Frauen und 
Mädchen durch den Hunger der Prostitution in die Arme getrieben 
werden. In dem eben besprochenen Arbeitshau.se waren drei 
Viertel der Untergebraebtcn aus Not auf die schiefe Ebene geraten. 

Wo sich das obige Vorgehen, zumal in größeren Städten, zu¬ 
nächst nicht durchführen läßt, muß man als Mindestforderung die 
Isolierung- aller krankem Individuen verlangen. Diesem Zwecke 
dienen folgende Bestimmungen, die im Bereich unserer Armee er¬ 
lassen wurden. Feber alle Dirnen sind Listen anzulegen, sie sind 
5 W( imal wöchentlich ärztlich zu untersuchen. Außerdem wird in 


jedem Falle von Geschlechtskrankheit bei einem Soldaten eine 
genaue Ermittlung nach der Infektionsquelle eingeleitet und jede 
hierbei ermittelte Person entweder einem Frauengefängnis oder 
einem bestimmten Zivilkrankenhaus überwiesen. 

Hand in Hand mit den Maßnahmen gegen die Prosti¬ 
tuierten geht eine häufige Belehrung und Untersuchung 
der Mannschaften auf Geschlechtskrankheiten einher. Ganz 
besonders ist auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die 
der Alkohol als Verführer zum Verkehre mit Dirnen bietet. 
Weiterhin ist jedem Soldaten, welcher geschlechtlichen Ver¬ 
kehr gehabt hat, eine baldige prophylaktische Behandlung mit 
20 % iger Protargolglycerinlösung und 4%iger Kalomeisalbe zu 
ermöglichen; zu diesem Zwecke wird in den Ruhcquartieren un¬ 
mittelbar nach Zapfenstreich ein besonderer Abendrevierdienst 
durch die Sanitätsunteroffiziere der einzelnen Truppenteile ein¬ 
gerichtet, bei welchem Mannschaften, welche Geschlechtsverkehr 
gehabt haben, sich einer vorbeugenden Behandlung unterziehen 
sollen. Ueber die Gefährlichkeit der Geschlechtskrankheiten 
gehen ferner große Plakate Auskunft, welche an geeigneten Stellen 
der Truppenunterkünfte, z. B. in der Nähe der Latrinen, auf¬ 
gehängt werden. 

Abgeschlossen Anfang März 1915. 


Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen beim 
Feldlazarett 

von 

Dr. Liebert, Ulm, 

zurzeit Stabsarzt d. R. bei einem Feldlazarett. 

Daß bei den Sanitätsformationen an der Front (Truppen-. 
Hauptverbandplatz, Feldlazarett) vor allem Mangel an Zeit 
zwingt, beim Versorgen der Verletzungen nur das allernotwendigste 
auszuführen, haben alle erkannt und betont, die je Gelegenheit 
hatten, kriegschirurgische Erfahrungen zu sammeln, wenn sie auch 
meist nicht in den vordersten Linien tätig sein konnten, da dies 
fremden Aerzten in der Regel nicht gestattet wird. Aber auch 
diejenigen, die bereits kriegschirurgisch tätig waren, werden doch 
überrascht gewesen sein, in welchem Grade man sich auch bei 
der Tätigkeit im Feldlazarett — von den Verbandplätzen gilt das 
natürlich noch vielmehr — auf das allernotwendigste beschränken 
muß, wenn anders diese eine für die Allgemeinheit ersprießliche 
sein und die Arbeit überhaupt bewältigt werden soll. 

Die Arbeit, die den Feldlazaretten bei ihrer Etablierung zufiel, 
war meist sehr erheblich. Normalerweise für die Aufnahme von 
200 Verletzten eingerichtet, hatten sie für gewöhnlich eine bei 
weitem größere Anzahl von Verwundeten — oft die doppelte und 
I dreifache Zahl — zu versorgen, die in der Regel innerhalb von 
wenigen Stunden zugehen oder bei der Etablierung bereits vor¬ 
gefunden werden. 

Kaum einer wird sich bei dem Andrang von Verletzten 
während der ersten Stunden, wenn man nicht weiß, wo man mit 
der Arbeit anfangen soll, des Gefühls der Hilflosigkeit haben 
erwehren können. Gerade der Beginn der Arbeit stellt an die 
Nerven außerordentliche Ansprüche, und es bedarf aller Energie 
der oft schier erdrückenden Arbeitslast gegenüber Ruhe und Um¬ 
sicht zu bewahren. Man muß sich dessen bewußt sein, daß man 
im Felde leider nicht in der Lage ist, alle Verletzungen so zu ver¬ 
sorgen, wie es an und für sich wünschenswert wäre und in 
Friedenszeiten unbedingt gefordert werden müßte. Man darf aber 
auch die Uebcrzeugung haben, daß man trotzdem bei sach¬ 
gemäßem zwekmäßigen Vorgehen viel, ja man kann sagen sehr 
viel, erreichen kann. Daß bisweilen (1er einzelne zurückstehen 
muß zugunsten der Allgemeinheit, läßt sich bei dem Massen¬ 
andrang von Verwundeten leider nicht vermeiden. Allerdings ist 
absolut systematisches und konsequentes, mit Umsicht und 
Energie durchgeführtes Arbeiten nötig, wenn man den Anforde¬ 
rungen gerecht werden will, welche die Situation bei der Etablie¬ 
rung eines Feldlazaretts in der Regel stellt. Die Hauptkunst de? 
Feldarztes liegt vor allem darin, das Notwendigste zu e . r ' 
kennen. Dieses so rasch und zweckmäßig^ 10 
möglich auszuführen, muß oberster G r u n d ^ 
sein. Außerordentlich wichtig ist eine richtige Ar bei * 
teilung bei den Aerzten und dem g es a m n* i 
Sanitätspersonal. Leicht- und Schwerverletzte sind som 
zu sortieren und getrennt zu verbinden. Auf den Operation* i "'> 
dürfen nur diejenigen kommen, bei denen ein größerer Verband »< 


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2. Mai. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 509 



ausgiebigere Wundversorgung notwendig ist. Werden Verletzte mit 
gutsitzenden Verbänden eingeliefert, so dürfen diese, falls keine be¬ 
sondere Veranlassung vorliegt, auf keinen Fall abgenommen werden. 
Alle einigermaßen zeitraubenden Maßnahmen sind nach Möglichkeit 
auf die nächsten Tage zu verschieben, sofern dies ohne Schaden 
für den Verletzten geschehen kann. Es kann sieh notwendiger¬ 
weise bei der ärztlichen Tätigkeit im Feldlazarett im allgemeinen 
zunächst nur um Verbinden handeln und um ein Versorgen kom¬ 
plizierter Wunden im gröbsten (Spaltung von Taschen, Entfernung 
von losen Gewebsfetzen, Abtragung von zerschmetterten Glied¬ 
maßen. soweit sie nur an Weichteilbrücken hängen). Wirkliche 
operative Eingriffe können bei der ersten Versorgung der Ver¬ 
letzten nur dann in Betracht kommen, wenn eine dringende Indi¬ 
kation vorliegt (Tracheotomie, Gefäßunterbindung, Urethrotoniio), 
andernfalls müssen sie auf die nächsten Tage verschoben werden. 
Beim Verbinden kleinerer Wunden lmt uns das 
Mastisol ausgezeichnete Dienste geleistet, da es ein sehr rasches 
Arbeiten gestattet, Verbandstoffe spart und die aufgelegten Tupfer 
gut fixiert. Statt des Pinsels sollte, um Uebortragung von Infektion 
zu vermeiden, zum Aufträgen des Mastisols jedesmal ein frischer 
Tupfer verwandt werden. Allein des raschen Arbeiten* wegen ist 
es von großem Werte, und sicherlich werden es alle, die bei den 
vordersten »Sanitätsformationen arbeiten, schätzen lernen und bei 
einem Massenandrang von Verwundeten nur ungern missen. 

Auch die d e f i n i t i v e Versorg u n g viel e r S c h u ß - 
brliehe (vor allem der Frakturen der unteren Extremität) mit 
fixierenden Verbänden erfordert bei weitem mehr Zeit, als bei der 
«raten Versorgung der Verwundeten meist zur Verfügung steht. 
Sie nmß deshalb auf die nächsten Tage verschoben werden, und 
man muß sich mit einer provisorischen Fixierung begnügen. Diese 
wird bei der unteren Extremität am besten durch zweckmäßige 
Lagerung erreicht, eventuell unter Zuhilfenahme einer geeigneten 
Schiene (Strohschienen!), an die das verletzte Glied mit einigen 
ßiudentouren angewickelt wird. Sehußbrüehe der oberen Extremi- 
tät werden durch einige Bindentouren im »Sinne eines Dessaultschen 
Verbandes an den Thorax fixiert-, unter Umständen genügt auch 
Lagerung in ein dreieckiges Tuch. Diese provisorische Versorgung 
der Sehußbrüehe läßt sich auf einige Tage ohne »Schaden für den 
Verletzten durchführen. 

Für die Lagerung von Oberschcnkelbrüehen hatte ich mittels 
Stühlen ein recht zweckmäßiges Planum duplex inelinatum im¬ 
provisiert: Die »Stühle werden auf die obere Kante der Stuhllehne 
und die vordere Kante des Sitzbrettes gestellt und das Bein wird 
nach Anlegung einer rechtwinklig abgebogenm Drahtsrhiene, 
die tim Unterschenkel mit Bindentouren fixiert wird, so darauf ge¬ 
lagert, daß der Oberschenkel auf die Unterflüche des Sitzhrettes. 
der Unterschenkel auf die Hinterfläche der Lehne zu liegen 
kommt. Das Knie ruht auf der Hinterkante des Sitzbrettes, die 
gut gepolstert wird. Der Unterschenkel wird nun über diese Kante 
so hinweggehebelt, daß die Beekenhülfte der verletzten Seile leicht 
iingcliobmi wird. Fixiert man dann den Unterschenkel mit einigen 
Touren an die Stuhllehne, so wird der Oberschenkel durch die 
f, igne »Schwere und die des Beckens gestreckt und eine Ver¬ 
kürzung schließlich vollständig ausgeglichen, wenn die Spannung 
der Muskulatur naehläßt. Ich hatte den Eindruck, daß bei Splitier- 
brüilien des Oberschenkels — um solche handelt es sich ja in der 
Thgel bei Schußverletzungen — allein durch diese Art der ..»Streck- 
mgerung“ ein gutes Heilresultat zu erzielen sei mul sie sieh daher 
auch zur definitiven Versorgung der Oberschenkelschußbrürhe 
eignet. 

Als definitiver Verband für die »Sehußbrüehe kommt im Feld¬ 
lazarett mit Rücksicht auf den Abtransport einzig und allein der 
fixierende Verband von genügender Stabilität in Betracht. Für die 
nmisttn Oberarmbriiehe genügt der durch Stärkebinden verstärkte 
essanlfsclu 1 Verband. Für leicht zu reponierende und leicht in 
>uUr Stellung zu fixierende Vorderarnibrüche genügt ein I'app- 
S| ‘meiienstärkeverband. Für die Frakturen der unteren Extremi- 
GUm und alle Sclmßbüehe der oberen Extremität, wenn sie durch 
■lujsgedelinte Weichteilwunden kompliziert sind oder die Fixierung 
hi guter Stellung schwierig ist, empfiehlt sich, wenn genügend 

)' or haiiden ist, der Gipsverband, da er zweifellos am stabilsten 
! llH ‘ 1,1 v i°h‘n Fällen allein geeignet ist. eine möglichst gute St«d- 
mi<r der Bruchstücke zu garantieren. Wenn irgend möglich, muß 
•inits in, Feldlazarett auf die gute Stellung der Rniclnrnden 
U'kMolu genommen werden, während auf den Verbandplätzen 
r ' m : ,i( ‘ provisorische Fixierung des verletzten Gliedes auf 
,1 -'O'lcitK« zweckmäßige Art und Welse als Hauptforderung zu 
a cii ist. Besonders wichtig für eine möglichst, gute Heilung 


ist der unter möglichst starkem Zug angelegte Gipsverband 
zweifellos bei den Uberschenkelbrüehen. da er einzig und allein 
imstande ist. eine Verkürzung auszugleichen respektive einer 
solchen vorzubeugen. Die gerade bei den Splitterbriiclien oft sehr 
erhebliche Retraktion der mächtigen Ohersrlienkehmiskulatur läßt 
sich, wenn allzulange Zeit verstrichen ist, durchaus nicht stets 
leicht vollständig ausgleichen. 

Wichtig ist, daß Schußbrüche, vor allem wieder die Ober¬ 
schenkelbrüche, möglichst rasch in ein Lazarett übergeführt, wer¬ 
den, in dem alle Hilfsmittel zur Frakturbehandhing zur Verfügung 
stehen, und zwar so zeitig, daß eine Richtigstellung der Bruch¬ 
stücke ohne weiteres noch möglich ist. 

Außer den Sehußhrüehen sind auch d io G e 1 e n k Ver¬ 
letzungen unbedingt mit lixierenden Verbänden zu versehen, 
auch dann, w< im die Knochen der Gelenkemlcn nicht verletzt oder 
glatt durchschlagen sind. Namentlich bei dort Geirnken der unteren 
Extremitäten kann das Unterlassen genügender Fixation zu schweren 
Vereiterungen führen, die die Erhaltung der Extremität, ja selbst das 
Leben in Frage stellen können. Man soll nie vergessen, daß keine 
Schußwunde steril ist und daß ungeeignete lh bandlung — dazu 
gehört bei Knochens und Gelenkverletzungeii in erster Linie 
mangelnde Ruhigstclhmg des verletzten Gliedes — jederzeit den 
Ausbruch einer Entzündung veranlassen kann. In der Ruhe ist «las 
Korpcrgewebo am wider.-damlsfähigsten gegen eine Infektion. 
Daher auch die strikte Forderung, gut. fixierende Vorhände auzu- 
I«g'en, die bei den Gedenk- und Kimcheu>cliiissen vor allem auch 
( ine as( ptischo Maßnahme bedeuten und bei letzteren durchaus 
nicht nur zur Rieht igwi elliuig der Bruchstücke dienen. Bei Ge- 
1 e n k - u n d K n o e h e u s e h ü s s e n m i t kJ e j n e m E i n - 
u n d A u s s c h u ß d il r f t e d er f i x i e r e u d e V e r b a n <1 
für den r e a k tio n s1ose n W un d v e r1au f so g a r 
w i e li t i g e r sein als d < j r W u n d v e r b a n d. 

Voll einer nenn« nsvverteil operativen Tätigkeit konnte bei uns, 
auch nachdem d« r ersle Andrang von Verwund« ft n bew ältigt und 
einig« rmaßeii Grdnung in dein ursprüiigii«di« n Chaos ges« haften 
war. nicht: die Rede sein, wenn man nicht gerade jede Ahse« ß- 
spaltuug und ausgiebigere \\ undr-w Lion als (äiei ,;t'«'H Ikv.« ichneu 
will. Kl« inero Eingriffe zur Bes>erg«-staltung «i« v WundvephäU- 
nisse wurden muiirlieh vielfach nötig und weite,hin mußieii ge- 
legvntlieh Ab>ce>so und Phlegmonen gespalten wenhn. Prin¬ 
zipiell operierten wir «'ine Anzahl tangentialer SrhadeUrliij-se. 
1 >e*r Eingriff wurde in Form eilies ausgiebigen D« nridrincnf.- — 
von einer „Trepanation" kann man ja kaum sprechen, denn di«' 
hat das Geschoß bereits besorgt — mit größter Voieicht so atts- 
g< führt, daß nach Umsohiieidung der \Vun«lrän«ler «U v Kopf¬ 
seite, arte die zertriimm« nc Ilirnsubstanz und die losen Knochen¬ 
splitter, vor allem auch die in das Hirn eiiig'-dimieeijen. entfernt 
wurtlen. Alle Fälle waren infiziert, die meisten Wunden direkt 
jauchig, obgleich sie am zweiten und dritten Tage nach der Ver¬ 
letzung operiert wimh-n. Bei allen fand sieh eine starke Zer- 
trümiiH nmg des Knochens und <lie mit großer Gewalt in die Uirn- 
Mthsfanz pe.'-elileinlerten Knochensplitter hatten mmgedehnle Zer- 
• riiiumefung.-diöhlen in der Hirusubstanz geschaff« n. ttluie auf di<* 
Zweckmäßigkeit un«l lh rechtigung «liest's Eingriffs hei tangentialen 
Schä<hfcehüssen hier näher oinzngehen. mochte icli nur darauf 
liinwtiscn. daß deis« Ibe sieh überall, wo sterile 1 n-iiunmnte und 
\'erbandst«>ffe zur Wrfiigung sieben, absolut- aseptisch gestalten 
ui mI bei vor siclitigem Hantieren ohne jede unnötige Gew ob-Schädi¬ 
gung attsfiilir« n läßt. Diese ..Trepanationen" sin«!, was die Schwere 
des Eingriffs uti«l die Möglichkeit der as«'ptis«dien Durchführung 
anbetrifft, auf keinen Fall mit einer Laparotomie zu vergh ielien. 
es liand« Ir sich eben dabei nur um ein«' gründliche Wundrcvisioii. 
Es ist nur zu bedauern, daß es infolge von Zeitmangel oft nicht 
möglich sein wird, «len Eingriff sofort bei der Einiieferuug vor¬ 
hin Innen. 

Bei der Ausfüllung von \ m ptt t a t i o n e n solltu man so 
zurückhaltend wie möglich sein und nur amputieren. w«mn < ine vitale 
Indikation bestellt, die in der Regel durch eine Infektion geg«d>en 
sein wird, oder wenn infolge schwerer Zertrümmerung da.^ Ein¬ 
treten einer Gang« in absolut sudlet ist. Nicht m li« ii läßt sieh auch 
bei nu>geilehnfcn Zertrümmerungen, die auf den ersten Anblick 
den Eimlrnck «;ines Amputationsfalls machen, die Extremität 
noch erhalten. liier sei bemerkt, daß regelrechte Amputationen 
am besteh den Feldlazaretten überlasten würden und nicht auf 
dem Haupt Verbandplatz au.-gvfülirf werden sollten, fall- nicht 
eine ganz hrsomh re. diingrtnie Indikation bestellt. Ausdrücklich 
muß darauf hing« w ies« n werden, daß es auf je«l< n Fall ein Felder 
i-t, nach Amputationen, wenn man die Fälle nicht in stationärer 


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2. Mai. 


510 1915 _ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


Behandlung behalten kann, zu nähen. Das scheint nicht allge¬ 
mein bekannt zu sein. 

Hier wäre auch darauf hinzuweisen, daß bei Anlegen des 
Schlauches auf den Verbandplätzen große Vorsicht geboten ist, 
da leider Fälle vorgekommen sind, bei denen infolge zu langen 
Liegens des Schlauches Gangrän eingetreten ist. Im allgemeinen 
werden Blutungen aus großen Gefäßen entweder so rasch tödlich 
sein, daß jede Hilfe zu spät kommt, oder sie werden schließlich 
spontan stehen, sodaß das Anlegen des Schlauches entbehrlich 
sein wird. Immerhin wird es begreiflicherweise kein leichter Ent¬ 
schluß sein, eine stark blutende Verletzung ohne Schlauch zu 
lassen. Gelegentlich wird doch eine Verblutung dadurch ver¬ 
hindert werden können. Es müßte unbedingt dafür gesorgt wer¬ 
den, daß Verwendete, bei denen der Schlauch angelegt wurde, 
unter dauernder Begleitung, am besten eines Sanitätsmanns, 
mindestens aber von Kameraden bleiben. Sowohl der Verletzte 
als auch der Begleitmann wären genau zu instruieren und der 
letztere anzuweisen, nach zwei Stunden den Schlauch zu lösen. 
In der Regel wird dann die Blutung stehen. Schlimmstenfalls 
müßte der Verletzte selbst den Schlauch lösen. Steht die Blutung 
nicht, so wäre nach temporärer lokaler Kompression mit der Hand 
der Schlauch wieder anzulegen. 

Schwere Nachblutungen traten vom neunten Tage 
nach der Verletzung ab mehrfach auf und machten die Unter¬ 
bindung der verletzten Gefäße nötig. In einem Falle war die Ver¬ 
anlassung dazu das Pressen beim Stuhlgänge. Der Mann wurde 
sclnver collabiert in der Latrine gefunden (es handelte sich um eine 
Blutung aus der Arteria cubitalis). 

Tetanusfälle beobachteten wir unter 190 Verletzten 
sechs. Der erste trat- am achten Tage nach der Verletzung auf, die 
übrigen im Laufe der nächsten vier Tage. Vermutlich werden auch 
noch weitere Fälle aufgetreten sein. Ueber den Ausgang kann ich 
nichts sagen, da wir das Lazarett am zwölften Tag ahgaben. 
Bei sämtlichen an Tetanus Erkrankten waren ausgedehnte, durch 
Schrapnell- oder Granatsplitter verursachte Zertrümmerungs¬ 
wunden an den Unterschenkeln und Füßen vorhanden, die wahr¬ 
scheinlich als Ausgangsort für die Infektion anzusprechen waren. 
(Mit Ausnahme eines einzigen Falles, bei dem die Infektion ver¬ 
mutlich von einer Granatsplitterwunde am Oberarm ausgingA 
Bei der traurigen Prognose, welche die Tetanusfälle, wenigstens 
bei kurzfristiger Inkubationszeit, bieten, ist es mit Freude zu be¬ 
grüßen, daß wir jetzt Tetanusantitoxin erhalten haben. Soweit 
als möglich, sollte bei ausgedehnten Wunden an Unterschenkeln 
und Füßen prophylaktisch Serum angewandt werden. 

Was die W u n d i n f e k t i o n e n betrifft, so ist zu bemerken, 
daß wir mehrere Fälle an foudroyanter Sepsis 
verloren. Sie verliefen von vornherein unter dem Bild einer 
schwersten Allgemeininfektion und führten innerhalb von 
24 Stunden, vom Beginn der ersten Symptome an gerechnet, 
unter Entstehung eines rasch sich ausbreitenden Oedeins, zum 
Tode. Auch von andern sind solche Fälle, die klinisch als malignes 
Oedem anzuspreehen waren, beobachtet worden. Die Infektion 
im Krieg ist also durchaus nicht immer so gutartig, wie das mit¬ 
unter betont wird. Bei vielen Schußverletzungen ist das ja 
glücklicherweise der Fali. Die schwersten Infektionen bekommt 
man aber in den weiter rückwärts gelegenen Lazaretten eben 
nicht zu sehen, da die Fälle vorher zugrunde gehen. Ueberhaupt. 
ist das Bild, das man von den Kriegsverletzungen erhält, sehr 
davon abhängig, in welcher Etappe man sie zu sehen bekommt. 
Es ist an der Front erheblich anders als in den Lazaretten der 
Heimat. Wer ein richtiges Bild von den Kriegsverletzungen er¬ 
halten will, muß diese unbedingt auf den verschiedenen Stationen 
von der Front bis in die Reservelazarette gesehen haben. Das gilt 
auch namentlich bezüglich der Schwere der Klein- 
kaliberverletz ungen. In den allermeisten Fällen bekommt 
man in den rückwärtigen Lazaretten glatte Durchschüsse zu sehen 
mit kleinem Ein- und Ausschuß. Um so interessanter war es mir. 
auf einem Hauptverbandplatz eine große Anzahl von Kleinkaliber- 
,schlissen aus naher Entfernung (bis zu 200 m) zu sehen, bei denen 
ein kleiner, kalibergroßer Ein- und Ausschuß direkt zu den Selten- 
luinn gehörten, trotzdem es sieh vielfach um reine Weiehteil- 
schibse handelte. Auch bei fünf Franktireurs, die aus 10 m Ent- 
fernmiir mir unserni Militärgewehr erschossen worden waren, fand 
ich ausgedehnte Zerreißungen, bei drei andern waren die Geschosse 
«datt durchgeschlagen. Möglicherweise waren die Geschosse bei den 
Gefechtsverletzungen zum Teil als Querschläger eingedrungen, 
nachdem sie eventuell abgeprallt und vielleicht dadurch auch 
deformiert worden waren. Bei den Erschießungen dürfte Quer- 


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Schlägerwirkung der nahen Entfernung wegen wohl auszu¬ 
schließen sein. Die Verletzungen der erschossenen Franktireurs 
beweisen wieder — w r as ja bereits bekannt ist —, daß auch auf 
allernächste Entfernung Geschosse glatt durchschlagen können 
unter Hinterlassung eines kleinen Ein- und Ausschusses, zeigen 
aber anderseits ebenso wie die Gefechts Verletzungen, daß bei 
regulären Kleinkaliberschüssen aus naherEnt- 
f e r n u n g , infolge der durch die enorme Geschwindigkeit bedingten 
starken Seitenwirkung der Geschosse, doch recht häufigaus¬ 
gedehntere Verletzungen verursacht werden. In 
den weiter rückwärts gelegenen Lazaretten wird man begreiflicher¬ 
weise selten Gelegenheit haben, eine große Anzahl solcher Ver¬ 
letzungen zusammen zu sehen, da sich das Verw’undetenmaterial 
entsprechend verteilt. Die Franktireurverletzungen beweisen auch, 
daß nicht jede Gewehrschußwunde, die nicht einen 
kleinen Ein- und Ausschuß aufweist, notwendigerweise durch 
ein Dum-D umgeschoß verursacht zu sein 
braucht, wenn auch diese auf nahe Entfernungen ganz besonders 
schwere Verletzungen hervormfen. Leider ist es unmöglich, aus der 
anatomischen Beschaffenheit der Wunde allein mit Sicherheit eine 
Dum-Dumverletzung zu diagnostizieren, denn, wie erwähnt, ver¬ 
ursachen selbst reguläre kleinkalibrige Projektile bei geringer 
Schußweite, namentlich aber als Querschläger, oder wenn durch 
Aufschlagen oder Durchschlagen deformiert, ebenso wie Schrap¬ 
nell- und Granatsplitter ganz gleiche Verletzungen. DerSchuß- 
effekt ist übrigens — darauf sei noch hingewiesen, weil 
es den verschiedenen Ausfall desselben bei sonst gleichen Schuß- 
bcdingungen (Fluggeschwindigkeit, Beschaffenheit des Geschosses 
usw.) erklärt — auch in hohem Grade von der physi¬ 
kalischen Beschaffenheit des Ziels abhängig. 
Abgesehen davon, daß er am Körper sehr verschieden ausfällt, je 
nachdem Weichteile oder Knochen getroffen werden (Weichteile 
werden meist glatt durchschlagen, harte, spröde Knochen stets 
zertrümmert,), wechselt am lebenden Körper auch die physi¬ 
kalische Beschaffenheit der einzelnen Organe 
und Gewebe sehr erheblich. Dadurch kann die Schuß- 
wirkung unter Umständen beträchtlich beeinflußt werden. Hohl¬ 
organe, zum Beispiel Darm und Blase, werden in leerem Zustande 
glatt durchschlagen, in gefülltem zersprengt. Bei den Weichteil¬ 
verletzungen dürfte der verschiedene Contractionszustand der 
Muskulatur eine Rolle spielen und die bisweilen verschiedenen 
Schußeffekte bei Verletzungen an gleicher Stelle und bei sonst 
gleichen Schußbedingungen erklären l ). 

Zum Schlüsse noch einige Worte über den Abtransport 
der Verletzten, der für den Verlauf der Schußverletzungen 
ebenso wichtig ist wie die Versorgung der Verletzungen. Es kann 
nicht genug betont w'erden, daß alles aufgeboten werden muß, 
um den Transport von den vordersten Linien an bis in die 
Heimatlazarette in jeder Beziehung so schonendwie 
möglich zu gestalten, wenn anders die bestmöglichsten 
Resultate bei der Heilung der Kriegsverletzungen erzielt werden 
sollen. Abgesehen von möglichst guten Transportmitteln in ge¬ 
nügender Anzahl, setzt die sachgemäße Durchführung des Rück¬ 
transports Rücksichtnahme auf die Transportfähigkeifc der Ver¬ 
letzten voraus. Die Auswahl des richtigen Zeit- 
p u nkt.s zum Rücktransport ist im allgemeinen und für 
viele Verletzungen ganz besonders wichtig. 

Leichtverletzte sind sofort abzutransportieren. 

Bauch-, H i r n - u n d Lungenschüsse und allgemein 
alle Schwerverletzten müssen eine Zeitlang im Feld¬ 
lazarett ruhig liegen bleiben, bevor sie abtransportiert werden. 
Einfache Schußbrüche sind, wie bereits erwähnt, bald¬ 
möglichst zurückzu transportier^ nachdem sie einen fixierenden 
Verband erhalten haben. Knochenschüsse, die durch 
ausgedehnte Weichteilverletzungen kompli¬ 
ziert sind, und alle Oberschenkelbrüche sollten 
jedoch ebenfalls erst einige Tage im Lazarett ruhig liegen bleiben. 
Auch die Ruhigstellung des ganzen Körpers wäh¬ 
rend der ersten Tage nach der Verletzung ist zur Vermeidung von 
Wundkomplikationen von großer Wichtigkeit. Außerordentlich 
gefährdet auf dem Transport sind nicht aseptische Ver¬ 
letzungen größerer Blutgefäße. Sie sollten auf 
keinen Fall transportiert werden, bevor das verletzte Gefäß unter¬ 
bunden ist. 

Im Einzelfalle muß die chirurgische Erfahrung darüber ent- 

‘j Siehe meine Arbeit über „Sprengwirkung bei Kleinkalib^r I 
Verletzungen“. Kriegschirurgische Hefte der Beiträge zur kimi.-'C 
Chirurgie Bd. 96, H. 1. i 


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2. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK 


511 


— Nr. 18. 


scheiden, wann am besten der Rücktransport erfolgt. Jedenfalls I Vermutlich wird der jetzige Krieg manche Aenderung in der 

sollte im allgemeinen der Aufenthalt im Feldlazarett nur so lange | Organisation des Sanitätsdienstes an der Front zur Folge haben, 
dauern, bis der Zustand des Patienten den Rücktransport gestattet, immer aber wird die ärztliche Tätigkeit bei den vordersten Sani- 
lm Interesse der Verletzten wäre es zweifellos, wenn der Abschub j tätsformationen und das richtige Dirigieren derselben eine außer- 
der meisten Verwundeten noch durch die Aerzte des Feldlazaretts j ordentlich schwierige sein und die allergrößten Anforderungen 
geleitet werden könnte, da diese den einzelnen Fall kennen. ( an das Können und die Energie der Aerzte stellen. 


Abhandlungen. 


Aus der Dermatologischen Universitätsklinik, Breslau. 

Zur Frage der Aetiologie der Adnexerkrankungen 

von 

Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Neisser. 

Noch immer, obgleich seit der 1879 erfolgten Ent¬ 
deckung der Gonokokken eine Unzahl von Arbeiten über die 
gonorrhoische Aetiologie der Adnexerkrankungen erschienen 
sind, herrscht keine Uebereinstimmung über diese Frage, 
speziell nicht zwischen uns „Andrologen“ und den Gynä¬ 
kologen. Die meisten Frauenärzte stehen auf dem Stand¬ 
punkte: wenn eine bisher gesunde Frau im Laufe des ersten 
oder der ersten Ehejahre, oder nach der ersten Entbindung 
eine ascendierende Endometritis und Adnexentzündung be¬ 
kommt, so wird, falls der Mann früher eine Gonorrhöe gehabt 
hat, der Krankheitsprozeß eo ipso als gonorrhoische Infektion 
angesehen. Selbst wenn es trotz häufig und mit allen provo¬ 
katorischen „Schikanen“ wiederholter Untersuchungen des 
Mannes nicht gelingt, bei ihm Gonokokken nachzuweisen, 
sind viele Gynäkologen von ihrer Auffassung nicht abzu- 
bringen und erklären das negative Untersuchungsresultat der 
Männer als nichts beweisend, als Untersuchungsfehler. 

Gegen diesen Standpunkt möchte ich Stellung nehmen, 
lind zwar aus verschiedenen Gründen: 

1. Die seitens der Frauenärzte den erkrankten Frauen 
mehr oder weniger offen mitgeteilte Auffassung führt in vielen 
Fällen zu schweren Ehekonflikten, ja zu Ehescheidungen. 
Dieses Moment dürfte natürlich nicht ins Gewicht fallen, wenn 
die Tatsache, daß wirklich eine Infektion der Frau durch den 
Mann stattgefunden habe, richtig und erwiesen wäre. 
Aber in sehr vielen mir bekannten Fällen ist weder bei der 
Frau noch beim Manne der Gonokokkennachweis erbracht, 
trotz der immer wiederholten Behauptung des Frauenarztes, 
der klinische Befund sei so typisch, daß ohne Zweifel 
Donorrhöe vorliege. Oft werden Fehldiagnosen gestellt, in¬ 
dem harmlose Kokken für Gonokokken gehalten werden; die 
Schwierigkeit der Gonokokkendiagnose wird von vielen recht 
unterschätzt. Ja, es wird nach meinen persönlichen Erfah¬ 
rungen leider oft auch nicht einmal der Versuch gemacht, 
durch mikroskopische Untersuchung den Tatbestand festzu¬ 
stellen. Und doch dürften schon aus allgemeinen mensch¬ 
lichen Gründen so schwerwiegende Behauptungen nicht auf- 
gestellt werden, wenn jeder Beweis — außer dem durch den 
Mann gegebenen Verdachtsmoment — fehlt. 

2. Dieser „gon orrh ö i s ch e“ Standpunkt 
verhindert aber auch einen weiteren Aus¬ 
bau der Therapie. Dieselbe ist jetzt teils eine rein 
symptomatische (zur Beseitigung der Beschwerden, 
'Schmerzen usw.), teils eventuell eine operative. Für 
beide Zwecke ist es gleichgültig, welche Ursache dem zu be¬ 
handelnden Leiden zugrunde liegt. 

Nun hat sich uns aber doch in den letzten Jahren die 
‘löglichkeiteinerspecifisch-ätiologischen 
I herapie durch die Einführung aktiv-immunisierender 
bchutzstoffe, der sogenannten Vaccins, eröffnet. Will man 
f be>e für die Behandlung der Adnexerkrankungen ausnutzen, 
nnj ß man den specifischen Erreger kennen; zum 
mindesten darf man sich nicht von vornherein einseitig dar- 
ai >f versteifen, daß nur Gonokokken solche Erkrankungen 
Erzeugen können, und darf nicht nur mit GC-Vaccins (Arthi- 
&°n und dergleichen) arbeiten. Vielleicht beruht der häufig 


berichtete Mißerfolg dieser Arthigontherapie bei den so¬ 
genannten ,,gonorrhoischen“ Adnexerkrankungen darauf, daß 
es gar keine gonorrhoischen Affektioneu waren. — 

Schon theoretisch liegt doch die Möglichkeit nahe, daß 
andere, Entzündung und Eiterung erzeugende Bakterien 
von der Scheide her das Endometrium unter günstigen Vor¬ 
bedingungen infizieren und ascendierende Prozesse erzeugen, 
auch ohne daß eine Uebertragung seitens der Männer statt¬ 
findet. Eine besondere — anscheinend häufig übersehene — 
Rolle spielen dabei unvorsichtige, mit zu hohem Druck aus¬ 
geführte Scheidenspülungen. 

Aber auch die vorliegenden bakteriologischen 
Untersuchungen haben bewiesen, daß neben gonokokken- 
haltigem Eiter in Tubensäcken und dergleichen Prozesse Vor¬ 
kommen, die Staphylokokken, Streptokokken 
usw. führen. Den Einwand, daß früher doch Gonokokken 
vorhanden waren, im Eiter aber zugrunde gegangen und des¬ 
halb nicht nachweisbar seien, kann man natürlich nicht wider¬ 
legen, aber ebensowenig als berechtigt erweisen. 

3. Ein sorgfältiges bakteriologisches Arbeiten der Gynä¬ 
kologen würde aber vielleicht auch zur Lösung folgender 
Frage beitragen: 

Wenn wir Männer mit Bezug auf die Frage des Ehe¬ 
konsenses untersuchen oder wenn sie uns von Frauenärzten 
wegen der vermuteten „Gonorrhöe“ der Ehefrauen zu- 
gesehickt werden, so suchen wir stets nur nach Gono¬ 
kokken. Nun führt aber jede postgonorrhoische 
Urethritis der Männer — und solche besteht ja in der 
Tat bei sehr vielen Männern, die sich verheiraten wollen oder 
schon geheiratet haben — massenhaft Bakterien versehie- 
( denster Art: Kokken und Bacillen, grainpositive und gram- 
I negative. Besteht denn nicht die Möglichkeit, daß — wenig- 
j stens hin und wieder — irgendeine dieser Bakterienarten 
pathogene Eigenschaften hat und vielleicht auf den Schleim¬ 
häuten der weiblichen Genitalien Katarrhe und dergleichen 
erzeugen kann? Wäre also die Behauptung der 
•Frauenärzte, daß die jungen Ehefrauen 
doch stets von ihren Ehemännern infiziert 
werden, nicht vielleicht doch berechtigt? 
Freilich nicht mit Gonokokken, aber mit irgendeinem an¬ 
dern, auf gonorrhoisch präparierter Schleimhaut gewachsenen 
Bakterium! — was aber bisher noch nicht erwiesen ist. 

Schon viele haben diese Bakterienflora der post¬ 
gonorrhoischen Urethritis studiert. Auch in meiner Klinik 
sind viele diesbezügliche Untersuchungen angestellt worden. 
Vor der Hand alles ohne positives Resultat in der Richtung, 
daß wir pathogene Eigenschaften der fraglichen Reinkulturen 
nachweisen konnten. Aber es ist zu bedenken, daß die Patho¬ 
genitätsprüfungen an Tieren nichts beweisen für die bei 
menschlichen Schleimhäuten in Betracht kommenden Verhält¬ 
nisse. 

Ohne bakteriologische Mitarbeit der 
Frauenärzte ist hier also kein Fortschritt 
zu erzielen. Diese hätte in möglichst ausgedehnten 
Untersuchungen des Cervix- und Uterinexkrets auf mikro¬ 
skopischem und kulturellem Wege zu bestehen, natürlich mit 
absoluter Vermeidung von Vaginalbeimischungen. Der 
Cerviealschleim müßte 24 bis 48 Stunden nach sorgfältiger 
Desinfektion des Cervicalkanals entnommen werden. 

Auf die Art und Weise, wie bei Männern nach viel- 


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512 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IS. 2. Mai. 


leicht verborgenen Oonokokkenresten zu suchen sei, gehe 
ich liier nicht ausführlich ein. Selbstverständlich muß neben 
der mikroskopischen Untersuchung stets die K n 1 - 
t li r m e t h o d e in Anwendung kommen. Es muß oft 
untersucht werden. Jedesmal das Sekret der Urethra 
anterior, posterior und Prostata: womöglich 
auch der S a m e n b 1 a s e n Inhalt und das Sperma. Da¬ 
zu müssen treten alle möglichen P r o v o k a t i o n s m e t h o - 
den, neben den oheiniselicn namentlich die mechanischen 
(mit Knopfsoude und Dehnung) und durch subcutane oder 
intravenöse Anhiuoninjektionen. 

Es geht aus diesen meinen Bemerkungen wohl zur Ge¬ 
nüge hervor, daß ich die Schwierigkeiten picht unters; hätze, 
die der Abgabe eines Gutachtens: ..es liegt- heim Manne 
kein infektiöser gonorrhoischer Prozeß vor“, enfgegvn- 
st elien. 

Aber noch viel weniger ist es erlaubt. solch sorgiällige 
bei den Männern erhobene Befunde unbeachtet zu lassen 
und sich schlankweg auf klinische Befunde für die Er¬ 
krankung der Frau zu stützen. Vielleicht wird, es durch die 
gemeinsame bakteriologische Arbeit sogar gelingen. die 
klinisch jetzt noch einheitlich erscheinenden Pro¬ 
zesse in verschiedene Gruppen, je nach der feststellbaren 
Aothdogie, zu trennen. 

Neuerdings hat Orlowski in einem kleinen Auf¬ 
satz 1 ): .,Y e r u r s a eben st e r i 1 e T r i p p e r f ii d e n 

weißen Fluß?“ einen ganz neuen Gesichtspunkt in die 


Diskussion geworfen. Er glaubt auf Grund seiner Erfah¬ 
rungen annehmen zu müssen, daß .,das an den richtigen 
Tripperfüden haftende* vom männlichen Individuum kom¬ 
mende, restierende speeifische U <> n o t o x i n e i w e i ß eine 
besondere, andere Bakterien ausschließende, schleichende 
Entzündung macht, die biochemisch andere Exsudate erzeugt 
als das gleiche, aber dem eignen Nährboden adaptierte Gift“. 

Er stützt seine Behauptung auf die Befunde an Pervix- 
sehleim, der absolut Bakterie n frei war und Mädchen 
entstammte, die als Virgines mit früher tripperkranken, mich 
Tripperfüden führenden Männern verkehrt hatten. Besonder^ 
beweisend erschienen ihm Fälle, wo dieselbe Erkrankung bei 
zwei Mädchen, die mit demselben Manne verkehrt 
hatten, aufgotreten war. Orlowskis Schlußfolgerung ist: 
.. E s i s t w a h r s <■ h e i n 1 i c li, daß g o n o k o k k e n - 
f r e i e T r i p p e r f ä d e n e i neu bakteriell freien 
U e r v i x k a t a r r h v e r u r s a ehe n.“ 

I c h s e 1 b s t k a n n mich dieser Auffassung 
d u r c h a u s n i c h t a n schließe n. Wenn ich auch nicht 
in der Lage bin, die Ursache der bei den Mädchen aufgetre- 
inien Erkrankungen anzugeben, so halte ich es doch für sehr 
gewagt, eine so allen bisherigen Erfahrungen widersprechende 
neue Hypothese anfzustellen. 

Denn auch diese wälzt den Marinem — die ich sonst 
durchaus nicht als ..unschuldige Engel“ hinstellen möchte — 
eine Schuld auf, für die bisher nicht der geringste Beweis, 
auch nicht von Orlowski selbst, erbracht ist. 


Klinische Vorträge. 


Aus dem Knuikcnhausc Bcrguiannshcil in Bochum i. YV. 

(Uhcfarzt: l’rof. ])r. \Y u 11 s t e i ii j. 

Trauma und chronische Infektionskrankheiten 2 ) 

von 

Dr. Emil Schepelmann, 

Oberurzt (bas Krankcnlmuscs. 

M. H.! Bei d<*n cli nniischcu ln IVk 1 i onsk ra n k hci t r n. 
den infektiösen Gnmuhiüeii. der T u h p r k u I o s c , S v p li i I i s . 
A k t i ii o m y k <« s e und andern ist «las Internall so groß. daß 
die Eiimwiiing an das Trauma oft ciloschcn ist, wmin die « rsteit 
klinisch«*n Erscheinungen auf treten. 

Betrachten wir zunächst die Tuberkulose, so haben 
wir, wie hei d«‘r akuten Eiterung, auch liier zwei Monmnie zu 
fordern, die für eine traumatbelie Entstelmug des fwberkulöseg 
Leidens verantwortli('h zu machen sind: das Tiauma und die 
Bacillen. 

I)a letztere keineswegs d i e Verbreitung haben, wie die Eiter¬ 
erreger. also nicht ubiquitär sind, so erbebt sieb zunächst die 
Frage nach der Herkunft der Bacillen im menschlichen Körper. 
Die frühere Ansicht, daß beieits die Frucht- in utero infiziert sei. 
teils durch den Samen des Vaters auf giTminativem Wege, teils 
durch das Blut der Mutter auf plaeentar; in Woge, ist heute ver¬ 
lassen: ..Mensch und Tier erkranken nicht eher an Tuberkel-,,-.., 
als diese bereits der Ausdiuek einer post fötalen Infektion sein 
kann“ if'orneti. Die größte Bedeutung kommt hie; hg der 
Tröpfcheninfektion zu. der Versprühung beim Huden. Xheen nssv. 
Die häufigste Infektionsart ist demnach «!ie l'amiliaie. und weniger 
die Disposition als Exposition bildet die größte (Mahr. 
Und da es solcher (b-h genht iten zur Ansteckung zahlreiche gibt, 
ist auch die Zahl der an Schwindsucht « rkrnnkt« n oder -erkrank) 
gewesenen Menschen eine recht grobe. B o 1 1 i n g e r fand bei 
25 aller Erwachsenen. «lie nicht an Tuberkulös,* starbm. 
tuberkuloM‘\ < idaclit ige Spilzenal'fektionen. Crawitz In i 2b " 

0 «* r 11 f>ei TV- 0 ,. S e h I e u k e r Lei b'T-k. . B u r k li a r d t hei 
91 °.s f und N ä g e 1 i gai bei 5)7.5 I >ie in *!<-n Körpi*r < ingebnmge- 
lien Bacillen sind in einer Drüse oder in einem Knoelu nabo-ituitt 
oder in einem amlern Ih'i'd af'filtriert und ahg« schloiv-en worden. 


») D. m. W. 1914. Xr. 97. S. 17:58. 

a ) Aus einem am 19. Juni 1014 in AerzbdoribiHcngskiirseji 
Krankenhauses Bergmannsheil gchalhmen Yurlnm: „Lädier den Einfluß 
des Traumas auf die Entstehung chirurgischer Krankheiten. 1 * (1. Folge.) 


Solang« 1 di« 1 Kapsel di«‘ses Herdes unversehrt bleibt, ist auch die 
J ul M i kulose zunächst unsehädlieh. latent, wird aber durch Ein¬ 
wirkung- stumpfer Gewalten von neuem angefacht, Es handelt 
sich «ladtei um das offenkundige Auftreten einer latent 
bi teils voihandenen Tuberkulose. Soll dagegen ein bis dahin 
ganz gesunder Mensch auf traumatischem Wege tuberkulös im 
li/icrt werden, so mübteii «li«* Bacillen durch eine Hautwunde ein- 
«biegen und tuberkulöse Hautgeschwüre, tuberkulöse Warzen, 
l.upns. Serofulodrrma usw. erzeugen. Auffallend ist, daß selten 
grobe Wunden, häufiger hingegen unbedeutende Wunden tuber¬ 
kulös infiz.ieit werden, wohl deshalb, weil der Bacillus auf stark 
büßenden Wunden nicht haftet, sondern weggesehwemnit wird, 
und weil die en« igis« lmn (JewebsWucherungen nach schweren Ver- 
i« Izimgrn Tuberkelbacillen nicht aufkommen lassen. 

Um den Kiuiluß der stumpfen Gewalten auf die Entstehung 
v « n Gelenktuberkulosen zu studieren, hatten Schüller mit! 
Krause Tierversuche augestellt, aus denen hervorzugehen 
m bien, daß es möglich sei, hei Anwesenheit von Tuherkelbaeilleii 
im Blute durch Quetschung von Gelenken hier Lokaltuberkulosen 
zu erzeugen. Nachuntersucher fanden indes, daß man ivohl all- 
2 « mein Knochen- und Gelenktuberkuloson durch Injektion von 
Diherkelhaeillmi in die Blwtbahn hervorrufen könne, daß aber die 
lokulisation nicht durch Traumen bestimmt würde; die Re- 
soltale Krauses seien durch Verwendung zu stark virulenter 
Kulturen entstanden, wodurch es zur allgemeinen miliaren Aus- 
sa.u gi-kommen wäre. War damals der Glaube an die Lokali- 
'alii.n der lulimkulose «htn-h ein Trauma bereits erschüttert, so 
machie nun Betrow auf sein«* neueren Experimente aufmerk¬ 
sam. in «hrnen er hei intjapeiitoiwaler Impfung von Tieren mit 
i über k« lk« imen in einem Drittel der Fälle im Epiphysenmarke 
Uaeili« n voi fand. die dort ohne nennenswerte Entziindungscrsehei- 
nungrir verweilt hau« n. In einer zweiten Versuchsreihe wurden 
[' h nke verletzt und in diese sowie in unverletzte Gelenke 
i uh« rkelaidVohwoinimmgen eingespritzt. Es zeigt« 1 !) die nicht 
lädierten Geh-nke nur Kapsel- und Bämlertuberkulose, während in 
«h u verh t/teii Gelenken alb* Kontinuitätstrennungen der Knochen 
um! Knorpel als Eingangs- und Entwieklung r sherd für die 
i uhcrJ. elbaeillen gedient und zu viel schwereren tuberkulösen Zcr- 
steMingi ü geführt huibo. Be t ro w schloß daraus, daß, wenn 
(ist einmal eine Lokaltuberkuloso cingeleitet sei, das Trauma. 

1 -mt rb i. r.h leicht oder sHiwer, «ler Entwicklung derselben Vor- 
selmb leistDi«* Besulta.te seiner Versuche stimmten überein mit 
<h n klinischen Erfahrungen, «laß etwa 20 % aller Lokaltuher- 
kulusen sieh an ein stumjifes Trauma anschließen. Man würde 


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2. Mai. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 513 


sich also nach T h i e m die Entstehung- einer Knochen- oder Gc- 
h nktuhcrkulose oder überhaupt der Tuberkulose tiefer gelegener 
Teile nach stumpfen Verletzungen so vorzustellen haben, daß die 
Hüllen eines abgekapselten, am Orte der Gewalteinwirkung be¬ 
findlichen Herdes durch die Quetschung oder die ihr folgende Ent¬ 
zündung gesprengt werden und nun die freigewordenen Bacillen, 
begünstigt durch den Bluterguß oder die entzündlichen Aus¬ 
schwitzungen. von neuem ihre Tätigkeit entfalten können. In 
diesem Falle hätte also die Verletzung einen schlummernden Herd 
am Orte der Verletzung freigemacht, eine Annahme, die durch die 
pathologische Anatomie des Tuberkels verständlich wird. Er be¬ 
steht mikroskopisch aus Granulationszellen mit meist hellem Kern 
und großem, verschieden gestaltetem Zellkörper, ferner aus 
Riesenzellen, aus kleineren und größeren Rundzellen mit ein¬ 
fachem, dicht gekörntem Kern und endlich aus mehr oder minder 
unehlichen polymorphkernigen Leukocyten. Charakteristisch ist 
für Tuberkel jeder Größe der vollständige Mangel an Gefäßen, der 
an sich schon seine Hinfälligkeit und kurze Existenz erklärt. So¬ 
wie der Tuberkel höchstens Hirsekorngröße erreicht hat, beginnen 
in ihm schon rückgängige Metamorphosen, und zwar vorwiegend 
käsige Umwandlungen. Er beginnt im Centrum sieh gelb zu ver¬ 
färben, während die. Peripherie zunächst noch grau bleibt; dann 
ergreift die käsige Degeneration den gesamten Tuberkel und ver¬ 
wandelt ihn schließlich in ein gelbes, kernloses Knötchen. 

In langsam verlaufenden Fällen findet am Rande der 
Knötchen eine fibrös-hyaline Wucherung statt, wobei schmälere, 
mehr spindelförmige Zellen, oft in konzentrischer Anordnung, und 
schließlich auch faserige Bindegewebszüge auftreten. Dabei er¬ 
fahren dieselben sowie auch das schon im Tuberkel vorhandene, 
an sich spärliche Reticulum eine hyaline Verdickung, ähnlich wie 
das Reticulum der LymphdrÜsen, und schreiten konzentrisch nach 
innen gegen die schon verkästen Teile hin fort oder durchsetzen, 
bevor ein centraler Verkäsungsprozeß aufgetreten ist, das ganze 
Knötchen. Diese fibrös-hyaline Umwandlung erklärt sich dadurch, 
daß die den Tuberkel zusammensetzenden Zellen der Hauptsache 
nach proliferiertc Biudegewebszellen sind, denen die Fähigkeit der 
Faserbildung zukommt; sie macht die Tuberkelbacillen durch Ab¬ 
kapselung unschädlich, läßt e.s aber verständlich erscheinen, wie 
durch ihre Zerstörung durch ein Trauma der käsige und infektiöse 
Inhalt frei und die Latenz des Tuberkels aufgehoben wird. 

Es kann nun aber — nach T h i e m — auch ein vom Orte der 
Gewalteinwirkung entfernter Herd durch Sprengung seiner Hülle 
infolge Fortsetzung der örtlichen Gewalteinwirkung, infolge Er¬ 
schütterung oder Contrecoup wieder aufflackern. Die frei¬ 
gewordenen Tuberkelkcime gelangen in die Lymph- und Blut¬ 
bahnen und werden namentlich da abgelagert uml zur Entwick¬ 
lung gebracht, wo jene Bahnen durch Trennung des Zusammen¬ 
hangs eine Unterbrechung erfahren haben. Hier bleiben die Keime 
liegen und infizieren die gequetschte Stelle, begünstigt, durch den 
infolge des Traumas entstandenen Bluterguß. Es kommt an (irt 
und Stelle zur Eruption vieler Knötchen von oben beschriebener 
Beschaffenheit, zur sogenannten partiellen Miliartuberkulose, die 
den Körper in seinem Allgemeinbefinden noch nicht stört und da¬ 
her Zeit zur weiteren Infektion der Umgebung hat. Gleichzeitig 
entstehen größere Knoten, sogenannte Solitärtuberkel oder Kon- 
glomerattuberkel, deren Wachstum nicht durch einfache Größen¬ 
zunahme der ursprünglichen Tuberkel vor sich geht, sondern durch 
Anlagerung neuer kleiner Knötchen in seiner Umgebung und Ver¬ 
schmelzung mit dem primären Herde. 

Die in der Unfallheilkunde am meisten interessierende Ge¬ 
lenk tuberkulöse entsteht nicht durch direkte lokale Infektion von 
außen, sondern durch Metastasierung; letztere kann aber bereits 
v 0 r dein Unfälle stattgehabt haben, der nur die Herde zu neuen 
oder zu rascherem Wachstum anfacht. Zur Berechnung des Inter¬ 
valls, das zwischen Trauma und Auftreten der ersten klinischen 
«idien liegt, muß man sich die Entwicklung der Gelenktuber¬ 
kulose vor Augen halten. Je nach dem Ausgangspunkt unter¬ 
scheiden wir zunächst zwei Hauptgruppen: die primär 
cssale Form der tuberkulösen Gelenkentzün¬ 
dung, die von einem Knochenherde der Epiphyse aus entweder 
* e ’ T n( r re 5 lymphatische Wege das Gelenk infiziert oder in 
pober Weise nach Zerstörung des Knochens in continuo ins Gc- 
pk einbricht und die Synovialis ergreift. Diese Form ist die 
aufigere und führt- schneller zu ausgedehnter Zerstörung wie die 
* n, !p e - die primär synoviale Form der tuberkulösen Ge- 
J. Entzündung, bei der sich mehr oder weniger reichliche, 
istinkte Tuberkel oder mehr tuberkulöse Wucherungen bilden, 


während die Synovialis in reaktive chronische Entzündung gerät, 
ein Exsudat in die Gelenkhöhle ausscheidet, ansclnvillt und sich in 
ein weiches, schwammiges, feuchtes, blaßgraurotes, sogenanntes 
fungöses Granulationsgewebe umwandelt, das teils die Neigung 
zu ausgebreiteter, rascher Verkäsung, teils die Neigung zu fibröser 
Umwandlung hat. Soweit, der Knorpel nicht schon vom Knochen 
aus infiziert und erkrankt ist, greift von der Synovialis her die 
Wucherung der schwammigen Massen auf ihn, schließlich auch auf 
die Gelenkenden und die Gelenkkapsel mit ihren Bändern über 
und zerstört sie. Die Substanz des Knorpels erleidet, dabei teils 
eine Auffaserung und Erweichung, teils wird sie durch die ein- 
dringtnden Granulationsmassen durchlöchert und ran Ti ziert. 
Schreitet dagegen die Tuberkulose vom knöchernen Gelcnkende 
her nach dem Knorpel hin, dann breitet sie sich subchondral aus 
und kann unter Umständen den ganzen Knorpelüberzug in toto 
abheben. 

Im Gegensatz zu der mit Sklerose, ossifizierender Periostitis 
und entzündlicher Osteoporose, aber ohne Exsudatbildimg ein* 
hergehenden Ca ries sicca finden wir sowohl bei der 
f u n g ö s e n F o r m , wo sich von der Synovialis her sehr reich¬ 
liche schwammige Massen mit geringer Neigung zu Verkäsung 
und Zerfall entwickeln als bei der granulösen Form, hei 
der mikroskopisch kleine graue Knötchen in größerer Menge her¬ 
vortreten, als endlich hei der u 1 e e r ö s e n Form, bei der eine 
große Neigung zu diffuser Verkäsung und rascher Einschinelziing 
der schwammigen Massen besteht, einen serösen, serofibrinüsen 
oder schließlich purulenten Erguß. 

In der Umgehung der tuberkulös erkrankten Gelenke ent¬ 
wickelt sich stets eine starke Schwellung und derbe Infiltration der 
Haut und tieferen Weichteile, der Tumor albus, durch den 
hindurch oft eine Perforation der Gelenkkapsel mit Fistelbildung 
nach außen oder eine Senkung des Eiters, sogenannter Kongestions- 
abseeß, erfolgt. 

Hält man sich so die pathologisch-anatomische Entwicklung 
der Tuberkulose vor Augen, so kann man sich ungefähr ('ine Vor¬ 
stellung von dem Zeiträume machen, der von dem Unfälle bis zu 
einem bestimmten Stadium verflossen sein muß. Sieht man schon 
wenige Tage nach dem Trauma, etwa vier bis fünf Tage, eine 
Eckaltuberkulose auftreten, so kann es sieh selbstverständlich nur 
um die Verschlimmerung einer bereits floriden Tuberkulose 
handeln (T h i e m); denn die Entwicklung dcsTuherkels beginnt erst 
drei bis vier Tage nach der Infektion und befindet sieh nicht vor 
dem zwölften bis vierzehnten Tag auf der Höhe der Entwicklung. 
Bei Wirbelvedetziiugen werden sogar Monate bis Jahre vergehen, 
ehe es zur Ausbildung des Buckels oder der Scnkuiigsabsee>se 
kommt, während ich diese allerdings bei einem in genauer Kon¬ 
trolle stehenden Knaben mit Coxitis kürzlich innerhalb sechs bis 
acht. Wochen nach dem klinisch nachweisbaren Beginne der 
Erkrankung sieh entwickeln sah. Es werden auch bei langem 
Intervall stets gewisse Briickensymptoine bestehen, die eine im 
wesentlichen fortlaufende Symptomenkette zwischen Trauma und 
späterem Leiden bilden, wie Schmerzen, Wirbelsäulem ersteifung, 
Abmagerung, Fieber usw. 

Weniger häufig als die Tuberkulose bildet die 
Syphilis 

die Ursache von lokalen Erkrankungen, die im Anschluß an ein 
Trauma zur Auslösung kommen. Der Natur ihres Erregers nach 
ist es natürlich keineswegs von der Hand zu weisen, daß hei kon¬ 
stitutioneller Syphilis Blutergüsse» oder stark gequetschte Gewebe 
von den im Blute kreisenden Spirochäten infiziert werden können. 
Meist handelt es sich dann um gummöse Wucherungen, sei es in 
den Weichteilen, sei es in den Knochen. In letzteren entwickelt 
sieh indes oft spontan allgemeine Brüchigkeit, eine Art 
toxischer Malacie, die ebenso wie die Gummen zu Spontanfrakturen 
führt: hier erfordert es genaue Untersuchungen und Ueberlegiingon, 
um die Bedeutung eines angeblichen Unfalls richtig zu würdigen! 
Der Bruch wird meist als Endpunkt der natürlichen Fortentwick¬ 
lung des Leidens anzusehen sein. 

Das Intervall zwischen Trauma und Sichtbarwerden des 
Gummas ist verhältnismäßig kurz, im höchsten Falle vier bis sechs 
Wochen. Bei späterem Auftreten wird man sich wohl ablehnend 
verhalten können, weil dann die durch das Trauma gesetzten 
Schädigungen, wie ich zu Anfang bei der akuten Eiterung be¬ 
schrieb, so weit repariert sind, daß ein Locus minoris resistentiae 
nicht mehr vorhanden ist. 

Eine Frage, die sehr häufig an den Gutachter herantritt, ist 


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514 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2. Mai. 


die nach dem ursächlichen Zusammenhänge zwischen Trauma und I 
Unterschenkelgeschwüren bei Syphilitikern. Bei \ 
Varicen liegen ‘die Verhältnisse ja so, daß bei intakter Haut ein 
leichter Stoß zu einer Verwundung oder einer Gewebsschädigung 
führt, an die sich dann auf Grund der Varicen ein Geschwür an- | 
schließt, das keinerlei Neigung zur Heilung zeigt. Ohne das 
Trauma würde der Mann vielleicht trotz der Krampfadern frei von 
Geschwüren geblieben sein, da jene durchaus nicht notwendiger¬ 
weise ulcerieren. Der ursächliche Zusammenhang ist hier also 
klar. Etwas anders liegen die Verhältnisse bei Syphilis. Hier ent¬ 
steht ein luetisches Geschwür immer aus zerfallenden Gum¬ 
men, und sieht man gleich nach der Verletzung ein typisches 
Ulcus, dem in der vom Trauma nicht getroffenen Umgebung 
andere Gummen oder Ulcera sich anschließen, so ist der Zu¬ 
sammenhang abzulehnen. 

Gewisse Aehnlichkeit mit dem Tuberkelbacillus zeigt der 


Strahlenpilz 

in seinem Wachstum. Da er von den Grannen verschiedener Ge- 
treideart.cn auf den Menschen übertragen wird und durch Wunden 
in den Körper einzudringen vermag, so ist es begreiflich, daß man 
die Aktinomykose vorwiegend an den Kiefern, am Hals, im 
Mediastinum oder im Darmkanal antrifft. Soll der primäre Herd 
auf ein Trauma zurückgeführt werden, so muß letzteres so be¬ 
schaffen sein, daß es etwa anwesenden Aktinonwcespilzen 
durch eine Wunde den Weg ins Körperinnere eröffnet. Metastasen 
sind seltener, kommen aber vor, sodaß mit ihnen in deT Unfall- 
gesetzgebung gerechnet werden muß. Für die Bestimmung des 
Intervalls zwischen Trauma und erstem Erscheinen der klinischen 
Symptome gilt einmal das über Hämatom und Gewcbszertrümme- 
rungen Gesagte, ferner die Beachtung der Inkubationszeit der 
Aktinomykose, die gewöhnlich vier Wochen, selten kürzere oder 
| längere Zeit dauert. 


Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-Versicherung). 

Redigiert von Dr. Hermann Engel, Berlin W30. 



Lungentuberkulose durch Unfall weder hervorgerufen 
noch verschlimmert. 

von 

Dr. Hermann Engel, 

Gerichtsarzt des Kgl. Oberversichernngsamtes Groß-Berlin. 
Vorgeschichte. 

Der damals 41jährige Schlosser L. erlitt am 12. Januar 1909 
dadurch einen Betriebsunfall, daß er bei dem Versuche, (las elek¬ 
trische Licht an seiner Werkbank einzuscbalten, stolperte und mit 
dem Unterleibe gegen die Kante eines auf einem Bocke liegenden | 
Leitschaufelkranzes fiel. Er hatte sofort heftige Schmerzen im 
Unterleib und wurde mittels Krankenwagens nach dem Kranken- 
hause gebracht, wo er bis zum 30. Januar 1909 verblieb. 

Der Befund im Krankenhause lautete: Auffallend blaß aus- I 
sehender Mann. Die Conjunetiven etwas ikterisch (gelblich) ver¬ 
färbt. Am Herzen blasendes Geräusch an der Spitze. Die Magen¬ 
grube sehr druckempfindlich. Leberdämpfung vergrößert, unterer 
Leberrand drei Querfinger unterhalb des Rippenbogens palpabel j 
und druckempfindlich. Gallenblase nicht palpabel. Abdomen 
sonst weich und eindrückbar. Blinddarmgegend frei. 

Am 30. Januar 1909 fand sich folgender Entlassungsbefund: 
Die spontan auftretenden Schmerzen im Leibe haben aufgehört. 
Auf Druck ist das ganze rechte Hypochondrium und die Magen¬ 
grube noch sehr empfindlich. Die untere Lebergrenze überragt 
noch um zwei Querfinger den Rippenbogen. Blasendes Geräusch 
an der Herzspitze noch hörbar. Allgemeineindruck und Appetit 
sind wesentlich gebessert. Patient war noch völlig erwerbsunfähig. 
Am 25. Februar 1909 untersuchte Dr. M. den L. 

Er beschreibt ihn als einen blaß aussehenden mageren Mann. 
An Brust und Bauch waren Zeichen einer äußeren Verletzung 
nicht vorhanden. Es bestand kein Eingeweidebruch, der Leib war 
überall weich und eindrückbar, nur die Gegend des Magenpförtners 
war angeblich noch druckempfindlich. 

L. erklärte dabei, daß er feste Speisen schlecht vertragen 
könne, deshalb sei ihm schon vor dem Unfälle, das heißt vor dem 
12. Januar 1909, von der Kasse Milch gewährt worden. L. gab 
zu, daß die jetzt geklagten Beschwerden im wesentlichen und in 
gleicher Art schon vor dem 12. Januar 1909 bestanden hätten. 

Dr. M. kam zu dem Schlüsse, daß Unfallfolgen überhaupt 
nicht vorlägen. Es bestünde außer einer mäßigen Neurasthenie 
eine Erkrankung des Magendarmkanals. 

Am 3. März 1909 erkrankte L. wieder an heftigem Schüttel¬ 
frost und heftigen Schmerzen. Dr. P. stellte fieberhaften Magen¬ 
darmkatarrh fest, und verordnete Opiumzäpfchen. 

I)r. F. konnte am 4. Mai 1909 einen Befund nicht erheben; 
die Empfindlichkeit gegen Druck und Beklopfen war geschwunden. 
Patient war nervös. Dr. F. empfahl Nachuntersuchung durch 

einen Nervenarzt. , , ... , 

\m P* Juni 1909 klagte L. dem Nervenärzte Dr. M. über Kopf¬ 
schmerzen, "Uebelkeit. Er zeigte Depression, Abmagerung, leb¬ 
hafte Reflexe, Zittern und Unruhe (1er Hände. Druckempfindlich¬ 
keit des Leibes. . ~ , T 

\m 11. August 1909 wurde L. wiederum von Dr. M. unter- 
guc ,| lt ' Br gab dabei an, bis zum 15. Juli 1909 einen dreiwöchigen 
Arbeit«versuch gemacht zu haben, den er wegen stärker auftreten¬ 
der Schmerzen in der Magengegend wieder hätte aufgeben müssen. 
Dr M fand im wesentlichen den gleichen Befund wie am 25. Fe¬ 


bruar 1909: L. war blaß, mager. Normale Organgrenzen, Hm 
und Lunge ohne Besonderheiten. Puls 72. Magengrube etwas 
druckempfindlich, sonst der Leib weich; keine Zeichen von Ver¬ 
wachsungen, Einklemmung oder Geschwülsten. Gesteigerte Knie¬ 
reflexe. 

Es wurde nunmehr aus anderweitig aufgefundenen Akten 
festgestellt, daß L. schon am 3. Februar 1908 ebenfalls durch Be¬ 
triebsunfall eine Quetschung des Leibs erlitten hatte. Er war von 
einer Maschine hcruntergesprungeu und kam dabei in einen 60 bis 
70 cm tiefen Kanal zu liegen. Naehfallende Eisenbleche im Ge¬ 
wichte von 30 bis 35 kg sollten ihn gegen den Leib getroffen 
haben. Er arbeitete am folgenden Tage noch bis 4 Uhr nach¬ 
mittags weiter, mußte aber dann wegen innerer Schmerzen die 
Arbeit aufgeben und hat dieselbe dann nur zeitweise, so bis zum 
10. Februar 1908 und später nur drei Wochen lang, wieder an¬ 
genommen. Im August 1908 hatte L. über starkes Uebel&ein und 
Erbrechen zu klagen. Am 12. Oktober 1908 bat L. — ohne seit 
dem 24. April 1908 wieder erwerbsfähig geworden zu sein — auf 
j eignen Wunsch seine Entlassung genommen. Seit 16. Oktober 1908 
arbeitete er dann wieder. Dieser Unfall wurde erst am 30. Sep¬ 
tember 1908 gemeldet. 

Am 10. Februar 1908 batte sich L. in die Behandlung des 
Dr. B. begeben. Dieser hielt eine Nervenschwäche für vorliegend 
und behandelte L. mit Bädern. Er schrieb ihn am 4. März 1008 
I gesund. 

Dr. Z. untersuchte L. am 28. Dezember 1908 und beschrieb 
I ihn als blassen Mann in mäßigem Ernährungszustände. Pie 
Atmung zeigte leicht verschärftes Exspirium und vereinzeltes 
| Giemen. Der erste Herzton war etwas unrein. Die Bauchorgane 
j waren normal. 

Am 6. April 1909 — also drei Monate nach dem heute in 
Rede stehenden Unfall — brachte L. ungefähr dieselben Klagen 
vor, wie er sie am 28. Dezember 1908 - also etwa 14 Tage vor 
diesem Unfälle — dem Dr. Z. mitgeteilt hatte. 

Am 11. Juli 1908, also ein halbes Jahr vor dem Unfälle vom 
12. Januar 1909, schöpfte Dr. K. Verdacht auf Magengeschwür, 
es bestand damals eine starke Blutarmut. Die Medikation war 
gegen das angenommene Magengeschwür gerichtet. 

Am 10. Februar 1908 klagte L. über allgemeine nervöse Be¬ 
schwerden. 

Im Dezember 1910 wurde L. in einer Klinik neun Tage lang 
beobachtet. L. klagte über allgemeine Mattigkeit, zeitweilige Koj>- 
schmerzen usf., endlich über fast dauernde Magenschmerzen. 8ei 
fünf Wochen — also etwa seit Anfang November 1910 —- lui?te 
er. L. machte einen kranken Eindruck. Das Atemgeräusch v«»r 
über der rechten Lungenspitze unrein, es war von Giemen um 
Rasselgeräuschen begleitet. Es bestand seltener Husten, 
welchem eitrig-schleimiger Auswurf in geringer Menge 
wurde. Im Auswurfe wurden zahlreiche Tuberkelbacillen g c 
funden. Es bestand ein systolisches Geräusch an der Herzspi z(- 
Die Leberdämpfung überschritt den Rippenbogen um zwei Que 
fingerbreiten, der Leherrand war zu tasten. Er war nicht d nic 
empfindlicher als überhaupt die ganz«? Gegend oberhalb des 
zwischen den Rippenbogen, in diesem Bereiche sollten auct V . 
Leibschmerzen ihren Sitz haben. Die Milz war leicht vergro • 
Untersuchung auf ein Magenleiden (Magengeschwür) war neg • 
Prof. Dr. K. kam zu dem Schlüsse, daß L. an einer Bi - 
kulose im überlappen der rechten Lunge leide. Als lolgezus 1 


bei 

entleert 


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2. Mai. 


1915 — MEDIZIN! S 0 


wuron auf zu fassen: der Rückgang des Körpergewichts, abendliches 
Fieber. Blutarmut, Drüsenschwellungen, Vergrößerung der Leber 
und Milz, leichte nervöse Beschwerden. 

Daß sich im Bauche des Kranken (am Bauchfell oder der 
Darmschleimhaut) ein tuberkulöser Krankheitsvorgang abspiele, 
sei nicht absolut auszusehließen. Es sei aber eine anerkannte ärzt¬ 
liche Erfahrung, daß Tuberkulöse, zumal Blutarme, Magen- 
heschwerden haben und häufig lange Zeit als Magenkranke gelten, 
ohne daß organische Veränderungen am Magen oder Darme be¬ 
stehen. Die Magenbeschwerden müßten daher als Folgezustand 
der tuberkulösen Infektion aufgefaßt werden. Die Tuberkulose 
sei schon im Jahre 1908 die Krankheitsursache gewesen. 

I’rof. Dr. K. fährt dann fort: 

,.Yerursacht im engeren Sinne des Wortes 
wird eine Lungentuberkulose durch einen Un¬ 
fall nie. Will man aber eine Quetschung des 
Bauches oder Erschütterung des Körpers — 
diese beiden Möglichkeiten bietet der zur 
Beurteilung stehende Unfall — für die Ent¬ 
wicklung und Verschlimmerung einer schlum¬ 
mernden Tuberkulose verantwortlich machen, 
so muß im Hinblick darauf, daß sehr viele 
Menschen ohne besonderen Anlaß tuberkulös 
werden, die Forderung gelten, (laß die Tuber- 
k u 1 o s e i n d e n ersten Wochen nach dem Unfälle 
deutlich in die Erscheinung tritt und f e s t - 
gestellt wird, oder wenigstens, daß nach dem 
Unfälle der Krankheitsverlauf eine deutliche 
Beschleunigung bemerken läß t.“ 

Das Gutachten vom 22. Dezember 1910 gelangte zu dem 
Schlüsse: 

1. L. leidet jetzt an Tuberkulose im Überlappen der rechten 
Lunge. Ausschließlich dieses Leiden verursacht zurzeit 
seine Erwerbsunfähigkeit. 

2. Dieses Leiden ist nicht durch den Unfall vom 3. Februar 
1908 entstanden oder nachweislich verschlimmert worden. 

Das Reichsversicherungsamt wies darauf im Rekursverfahren 
den Rentenansprüche aus dem ersten Unfälle L.s ab. 

Begutachtung: 

Aus dem vorliegenden Material ist nun die Frage zu beai.it- 
worlen, ob der zweite Unfall vom 12. Januar 1909 das bei L. 1 >e- 
>hhtnde Leiden (Tuberkulose im rechten Oberlappen) hervor- 
geiufen oder verschlimmert hat. 


E KLINIK — Nr. 18. 515 


Macht man sieh die von Frof. K, aufgestellte zutreffende 
Forderung zu eigen, daß eine Tuberkulose, die auf eine Gewalt- 
(inwirkung ursächlich zurückgeführt werden soll, in den erst« n 
Wochen nach dem Unfälle deutlich in die Erscheinung treten und 
festgestellt werden muß, so ergibt sich auch im vorliegenden Fall 
eine Verneinung. 

Bei der Krankenhausaufnahme am 12. Januar 1909 warmi 
die Lungen ohne Befund, am 11. August 1909 fand Dr. M. die 
Lunge ohne Besonderheiten. 

Am 20. Oktober 1910 fand Frof. Dr. Sch. die Lungengrenzen 
normal. Das Atmungsgeräusch war sowohl bei Einatmung als 
auch bei Ausatmung, besonders in den oberen Partien der Lunge, 
etwas scharf, aber nicht ausgeprägt krankhaft. Krankhafte 
Nebengeräusche waren bei der Atmung nicht hörbar. 

Daraus ergibt sich, daß die ersten hörbaren Symptome einer 
Lungtnerkrankung frühestens im Oktober 1910 — also neun Mo¬ 
nate nach dem Unfälle — festgestellt worden sind. Es kann dem¬ 
nach unter Zugrundelegung der Forderung des Prof. K. nicht an¬ 
erkannt werden, daß der Unfall vom 12. Januar 1909 das bei L. 
schon vorher vorhandene Lungenleiden wesentlich verschlimmert 
oder in seinem Ablaufe beschleunigt habe. 

Daß ein selbständiges Magendarmleiden im Dezember 1910 
nicht vorlag, hat die Beobachtung in der Charite ergeben. Die 
Magenbeschwerden hat Frof. K. für eine Folge der tuberkulösen 
Infektion aufgefaßt. 

Ich gelange daher zu dem Schluß: 

Es ist nicht mit Sicherheit, aber noch nicht einmal mit 
ausreichender Wahrscheinlichkeit anzunchmen, daß das bei 
L. bestehende Leiden durch den Unfall vom 12. Januar 1909 
hervorgerufen oder wesentlich verschlimmert worden ist. 

Der Unfall vom 12. Januar 1909 hat bei dem Kläger 
keine Folgen hinterlassen. Anscheinend handelte es sich um 
eine geringfügige Gewalteinwirkung' und eine zufälliger¬ 
weise gleichzeitig auftretende Erkrankung. Spuren äußerer 
Gewalteinwirkung sind im Krankenhause nicht festgestellt. 
Der Herzfehler und die Lebervergrößerung konnten sieh 
nicht in der Zeit zwischen Unfall und Krankenhausaufnahme 
entwickelt haben. 

Kläger ist durch Unfallfolgen seit dem 14. April 1909 
in seiner Erwerbsfähigkeit nicht beeinträchtigt gewesen und 
gegenwärtig nicht beeinträchtigt. 

Auf Grund dieses Gutachtens wurden auch die Renten¬ 
ansprüche des L. aus dem zweiten Unfall in allen Instanzen zu- 
rückge wiesen. 


Referatenteil. 

Redigiert von Oberarat Dr. Walter Wollt, Berlin. 


llebersichtsreferat. 

Die Richtlinien chirurgischer Behandlung im Reservelazarett l ) 

von Dr. E. Sehrt, Freiburg i. Br., zurzeit im Felde. 

Jetzt, nachdem über ein Monat kriegsehirurgisoher Tätigkeit 
Guter uns liegt, erscheint es angebracht, an Hand unserer Hr- 
lüliningen in großen Zügen über die Behandlungsmethoden, die sich 
G.sonders bewährt haben, zu berichten. Um so mehr scheint es niitz- 
Gli zu sein, als auf der einen Seite die Kriegschirurgie sieh oft nicht 
unwesentlich von ( l° r Friedenschirurgie unterscheidet, also auch 
taclichiiurgen in vielem sozusagen umlernen müssen, und als auf 
' J? am J (i ni >^eite jetzt viele Nichtchirurgen plötzlich in eine rein 
Giiruigische Tätigkeit hineingedrängt werden, die ihnen zunächst 
natürlich einr* Menge von schwierigen Fragen aufrollt. Im vor- 
1 e Pf*nd<>n soll zugleich an Hand der v<> n m i r 
* e I) a n d o 11 o n Fälle eine Art U e b e r s i c h t s r e f e r a t 


■ . 1 DUt wesentlich geänderte Arbeit lag schon 

.druckfertig vor, konnte aber aus äußeren Gründen 
^ r ‘>ffentlicht werden. Wenn nun auch durch diese Ver- 
anjr cm Ieil ihrer Aufgabe wegfällt, so dürfte es doch auch 
w. no .. nützlich erscheinen — und das sollte von vorn- 
UehcrLtli ." au Ptaufgabe der vorliegenden Arbeit sein —, ein 
v c r t , Sre . era * h b e r das zu geben, w a s a n W iss ens- 
<j (s. u m ‘ n d e r k r i e g s e h i r u r g i s c h e n Litera t u r 
darf im, a l. n k r i e g e niedergelegt ist. Um so mehr 
Mch »upL . s äunehmen. als jene dort geübten Behandlungsmethoden 
Mcnatc kTi’, 11 .. y.‘ som . Kriege — das kann man jetzt, wo über sieben 
tatiauntpn ''^huurgisehpr Tätigkeit hinter uns liegen, mit Sicherheit 


voll und ganz b e w ii h r t h a b e n. 


j ü b e r die in der Literatur nie der g e1e gt e u E r - 
! fahr u n {r e n d e r B a 1 k a n k r i e g e g e g e b e n w e r d e u. 
I leb hatte mir gleich zu Anfang die Aufgabe gestellt, in dem 
! Lazarett, in dem ich als Chirurg tätig sein würde, alle im Balkan¬ 
kriege besonders bewährten Methoden und Leitsätze einzuführen, 
zugleich auch das, was in der letzten Zeit die deutsche Chirurgie 
an besonders Wertvollem geleistet hat, anzuwrnden und zu prüfen. 

I Wir werden sehen, daß die in dem Balkankriege gemachten kriegs- 
j chirurgischen Erfahrungen uns jetzt unsere Aufgabe unendlich 
j erleichtern. 

Das hier in Frage kommende Material entstammt dem hier in Frei 
bürg (neben andern Keservelazaretten) für Schwerverwundete eingo- 
! lichteten Reservelazarett der Weider-Oherrealschulc und umfaßt die Zeit 
, vom 17. August bis 20. September 1914. 

j Was die allgemeine Chirurgie des Reservelazaretts betrifft, 
i so lassen sich ganz gut markante Leitsätze aufstellen. Ist der Ver- 
| wundctentnmsport angekommen, werden die Verwundeten zu¬ 
nächst nach oberflächlicher Sichtung in Schwer- und Leichtver- 
I wundete getrennt, und je nachdem in die Abteilung in der Nähe 
i der Operationssäle oder in entfernter gelegene Krankensäle ge- 
j bracht. Der erste Verbandwechsel wird zweckmäßig — mit Aus- 
i "ahme «ler ganz Schwerverwundeten — in den Krankenzimmern 
selbst vergfnommen. Es hat sich als durchaus nützlich erwiesen 
| nach Abnahme der etwa im Feldlazarett oder schon auf dem 
; Hauptverbandplatz angelegten Verbände, die bei längerem Trans- 
| P° rt oft zwei bi s vier bis fünf Tage gelegen hatten, nur die nächste 
! Umgebung der Wunden mit Benzin zu reinigen. Oft hat sich unter 
dem Verband viel übelriechendes Sekret gestaut und die Haut in 
der Umgebung der Wunde ist feucht, klebrig und etwas maeeriort. 
Gewöhnlich ist die ganze Extremität von einem Blutlack über- 



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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IS. 


2 .' 


zopen. Es wäre falsch, eine Reinigung der ganzen Extremität mit 
Bürste vorzunehmen, denn hierdurch würden zahlreiche Bakterien, 
die in den dünnen Blutkrusten der Füße besonders sitzen, mobili¬ 
siert und über die noch nicht durch einen Granulationswall ge¬ 
schützte Wunde verschleppt. Nur wo es sich um eingehende 
Wundrevision, etwa bei Handzerreißungen, handelt, oder um An¬ 
legung eines Extensionsverbandes am Oberschenkel, muß natür¬ 
lich geseift und rasiert werden. Frakturen werden zunächst auf 
Schienen gelagert und so immobilisiert, dann wird der Patient, 
natürlich nur wenn keine Indikation zu einem schnellen Eingriffe 
vorliegt, einfach in Ruhe gelassen. Eine Morphiuminjektion (0,02) 
bringt dem Verwundeten die erste, so wichtige Ruhe. Am nächsten 
Morgen wird man dann noch eine gründliche Immobilisierung durch 
den Gipsverband vornehmen. Die möglichste Ruhigstellung des 
verwundeten Glieds ist der wichtigste Faktor der ersten Behand¬ 
lung im Reservelazarett, Beruhigung nicht nur des erkrankten 
Glieds, sondern auch des ganzen Menschen. Es gibt nur ganz 
wenige Fälle, in denen gleich nach Einlieferung ins Reservelazarett 
aktiv vorgegangen werden muß, so z. B. bei Hirnschüssen (Hirn¬ 
prolaps, Tangentialschüsse mit ausgedehnten Läsionserscheinungen 
des Gehirns). 

Für große Quetsch- und Rißwunden ist nicht selten Pemsalbe 
oder Perubalsam als gutes Verbandmittel angesehen worden. Ich 
kann einen großen Vorteil dieser Behandlung nicht erkennen. 
Sehr häufig kann man die Granulationen schmierig und schlaff 
werden sehen. Mit Jodoform bestreuter Gazegriill leistet Vor¬ 
zügliches und wirkt bei starker Sekretion desodorisierend. Die 
Gaze, die übrigens nicht mit Watte überdeckt werden soll, saugt 
das Sekret ein und trocknet so die Wunde. Selbst bei größten 
Wunden empfiehlt sich nur einmaliger Verbandwechsel am Tage. 

Je weniger die Wunde bewegt wird, um so besser heilt sie. Auch 
wenn keine Fraktur vorliegt, empfiehlt sich das Glied durch einen 

gef ens t ert en Gips v erba ud 

ruhigzustellen. (Abb. 1.) 

Bei exakter Immobilisierung 
verschwinden selbst ganz aus¬ 
gedehnte Gliedschwelbmgen in 
kürzester Zeit, hohe Tempera¬ 
turen fallen zur Norm ab. Eine 
Gefahr könnte durch den Gips¬ 
verband nur dadurch ent¬ 
stehen. daß durch weitere Aus¬ 
dehnung des Oedems eine Cir- 
culationsstörung unter dem 
Verband aufträte. Da wir aber 
im Reservelazarett ständig 
über geschultes Pflegepersonal, 
das die Kranken genau beob¬ 
achtet, verfügen, wird die 
Furcht vor der Gangrän gegen¬ 
standslos. Jedenfalls ist es 
nicht richtig, mit der Anlegung 
des Gipsverbandes zu warten, 
bis eventuell eine Abschwellung 
erfolgt 1 ). 

Die wichtige Frage, wie man sich dem im Körper 
steckenden Geschosse gegenüber verhalten soll, kann da¬ 
hin beantwortet werden: alle Geschosse, die keine oder 
nur geringe Beschwerden verursachen, soll 
man ruhig sitzen lassen, sie heilen glatt ein. 
Heilt dagegen die Einschußöffnung nicht leicht ab, seeerniert sie 
immer ein wenig, sehen die Granulationen der Wunde schlecht aus, 
so ist es wahrscheinlich, daß der um das Geschoß sich wohl immer 
bildende Absceß die Sekretion unterhält. Dann wird man es natür¬ 
lich entfernen. Hat ein Geschoß ein Gelenk durchschossen, sitzt 
es scheinbar ganz oberflächlich unter der Haut, bestehen von 
seiten des Gelenks keine Erscheinungen beunruhigender Art, 
höchstens ein fieberloser »Gelcnkerguß, so soll man mit der Ent¬ 
fernung des Projektils bei Immobilisierung des Gelenks lieber 
warten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die üeffnung der Gelenk¬ 
kapsel von dem Projektil tamponiert wird, daß bei der Ileraus- 



AbU. I. 

Große Weichteilwunde em Oberarm. 


J ) Auch die Furcht, daß eine Inaktivitätsatrophie der 
Muskeln eintritt, ist nicht berechtigt. Wir müssen eben den Ver¬ 
band früh genug abnehmen. So lange eine große, jauchige Weichteil¬ 
wunde z. B. am Oberarme, besteht mit mächtigen Oedemen des ganzen 
Armes’ so lange ist eben das Glied auch ohne Gips verband 
zur Inaktivität verurteilt, vielleicht länger als bei sach¬ 
gemäßer GipsverbandbehandlungU 


nähme der Kugel Verklebungen gelöst werden und das Gelenk 
nun erst sekundär von dem um das Gelenk gebildeten Absceß aus 
infiziert wird. — Auch bei Sitz des Geschosses in der Nähe der 
großen Gefäße wird man — natürlich immer nur wenn keine be¬ 
sondere Indikation vorliegt — mit der Entfernung lieber noch 
zuwarten. Auch hier ist es möglich, daß das Geschoß eine Oefhumg 
in der Vene tamponiert oder daß die Gefäßwunde nur duTch 
lockeres Granulationsgewebe, das selbst bei vorsichtigstem Ope¬ 
rn ren leicht einreißt, verschlossen ist. Eine tödliche Luftembolie 
kann die Folge des zu früh vorgenommenen Eingriffs sein. Haben 
sich erst einmal Narben gebildet, ist eine deletäre Gefäßverletzung 
bei der Operation viel sicherer zu vermeiden. (Nast, Kolb 
! berichten von einem Herzschusse; dort saß das Geschoß im Herc- 
I muskel (Röntgen). Nach Stunden völligen Wohlbefindens stirbt 
Patient plötzlich unter den Erscheinungen der Herztamponade. 

I Das Geschoß war in den Herzbeutel infolge der Herzbewegnngen 
I gefallen und hatte dem Blute den Weg in denselben freigemacht 
| Es batte also vorher als Tampon gewirkt. Dies sei ein Beispiel für 
I die tamponierende Wirkung des Projektils.) Auch Blutergüsse in 
der Nähe von großen Gefäße n sollten prinzipiell vor der früh¬ 
zeitigen Entfernung des Geschosses warnen, lra allgemeinen gilt ! 
hier wie überhaupt in der Kriegschirurgie der Grundsatz: kon- 1 
servativ sein. 

Die granulierende ruhiggestellte Wunde behandeln wir mit 
täglicher Irrigation mit verdünnter Wasserstoffsuperoxydlösung 
und Jodoformgazeverband. Daß sieh Sondierung und Tamponade 
(auch die oberflächlichste) von Schußkanälen prinzipiell verbietet, 
braucht nicht erst noch einmal hervorgehoben zu werden. Bei 
diesen Prinzipien der Wundbehandlung werden größere Eingriffe 
immer seltener werden. Eine Amputation infolge Eiterung wird, 
wt nn es sich nicht um eine bösartige Infektion bei der Verletzung J 
st Ib.-t handelt, immer seltener notwendig sein. Der Satz wird zu j 
Recht bestehen, daß die Güte eines Reservelazaretts (nicht Feld- 
lai art tts) in umgekehrtem Verhältnis steht zu der Zahl der darin 
vorgenommenen Amputationen. 

Die Frage des Nahtmaterials wurde bei uns in be- 
frit digxnder Weise folgendermaßen gelöst: Wir halten eine ganze 
Reihe von auf Glas pulen aufgezogenen 5, 10 und 20 m langen, 
dicken und dünnen Seidcnfäde.n und Aluminium-Bronzedrahten 
v< nötig. Dreiminutenlanges Kochen macht das Nahtmaterial 
gebrauchsfertig. Seide wird zu Darm- und Haut-, auch Muskel- 1 
und Fasciennähten b; nutzt; Draht zum schnellen Verschlüsse der 
Bauchhöhle. Zu Unterbindungen benutzen wir Jodcatgut Bill¬ 
mann (trocken). Je nach der Größe der vorzunehmenden Ope- 
lation wird eine größere oder geringere Anzahl solcher Seiden-und 
Diahb pukn ausgekocht (der Faden zu 25 cm gerechnet). 

Von besonderer Wichtigkeit für die Erfolge im Reserve- 
lazarett, in dem ärztliches und Schwesternpersonal dauernd mit 
eiternden Wunden in Berührung kommt, ist, daß wahrend 
jeder V i s i t e Gummihandschuhe getragen wer* 
d e n. Und zwar empfehlen sich solche aus d i c k s t e m G u m m i, 
wie sie im Seziersaal üblich sind. Die mit diesem Handschuh 
armierte Hand kann mit kochendem Wasser sogar gereinigt wer¬ 
den! Uebrigens wundert man sieh, wie die manuelle Geschicklich¬ 
keit nach einiger Uebung durch die Dicke des Gummis nicht oder 
nur wenig beeinträchtigt wird. Auch zu eitrigen Operationen sollen 
diese Handschuhe Verwendung finden. Nach dem Gebrauche wer¬ 
den sie ausgekocht. 

Zur A 11 g e m o i n n h r k o s e empfiehlt sich für kleinere 
Eingriffe die (•hloräihylnarkose mit der H errenknechtschen 
Maske, für größere die (. hloroformtropfmethode. Als Lokal- 
anüstheticum benutzen wir eine */.. °; 0 ige Novocainsupraremn- 
lösung (vier Tabletten Novocainsuprarenin A Höchst auf 100 ccm 
physiologische Kochsalzlösung, hiervon können 100 bis 150 ccm 
unbeschadet injiziert werden). 

Bei der Besprechung der speziellen Chirurgie oe 
Reservelazaretts verdienen die erste Stelle die Schuß- 
fr a k t u r e n. 

Oberschenkelschußfrakturen. Sechs komphz 1 ** e 
Schußfrakturen betrafen fast durchweg französische Soldaten, 
waren also durch deutsche Geschosse (Infanteriegeschoß) g ema f ' 
Trotz brillant angelegten fixierenden Verbandes war das Aussene 
der verletzten Oberschenkel — die Patienten kamen meist erst nai 
vier bis fünf Tagen hier an — nicht gut. Es bestanden kolossa 
Schwellungen, oft sehr hohes Fieber. Ein- und Ausschußönn . 
war meistens klein. Aus den Schußöffnungen entleerten sich k 
ersten Verbandwechsel geradezu riesige Mengen jauchigen, 
Luftblasen vermischten Eiters. In zwei Fällen war eine kiei 


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Abb. 2. 

Modifizierter Florschtltzscber Verband bei Oberschenkelfraktur. 

Incision nötig; in beiden Fällen schoß — ähnlich wie bei der 
Pleuraempyemoperation — der mit Gas und Luftblasen vermengte, 
oft kotig riechende Eiter heraus. Diese Luft blasen verdienen 
besondere Erwähnung. Ich glaube, daß sie in solchen Fällen in 
der Tat nur aus Luft bestehen, und zwar solcher, die durch 
die Muskelbewegtingen des verletzten Glieds 
durch die Schußöffnungen richtig aspiriert 
worden war. In der Folgezeit konnte ich mich des öfteren 
überzeugen, daß bei während des Verbandwechsels zustande ge¬ 
kommenen geringsten Bewegungen die Schußöffnungen deutlich 
Luft ansaugen. Das Voihandensein von GasfcJasen beim ersten Ver¬ 
bandwechsel darf jedenfalls nicht die Vermutung hervorrufen, daß 
es sich womöglich um eine Gasphlegmone handelt, die natürlich 
weitgehendst aktiv angegangen werden muß. Liegt das Bein erst 
ein bis zwei Tage in ruhiger Extension, verschwinden mit allen 
schwereren Erscheinungen auch die Gasblasen. — Bei Ober- 
schenkclschußfrakturen wurde sofort der Extensionsver¬ 
band angelegt. Wir verwenden den von v. Saar (1) im Re¬ 
servespital in Belgrad mit großem Erfolge benutzten Florschützschen 
Extensicnsverband. (Abb. 2.) Hier ruht das Bein, an dem zu beiden 
Seiten die Heftpflasterstreifen zur Extension befestigt sind, in 
Tüchern, die an einer über die Länge des Bettes ziehenden Holzstange 
aufgeknüpft sind, in leicht im Knie flektierter Stellung. Besondere 
Gegenzugapparate haben wir nicht verwandt; der Gegenzug wird 
durch das Gewicht des Oberkörpers dadurch erreicht, daß das 
Fußende des Bettes auf Holzblöckchen erhöht ruht. Diese Art Ver¬ 
band hat verschiedene große Vorzüge: der Verbandwechsel geht 
denkbar leicht vonstatten, da der Kranke sein Becken durch Arm¬ 
zug an der Stange selbst heben kann; ebenso leicht ist der Wechsel 
der Bettwäsche. Dann wirkt die Extension an dem schwebenden 
Bein ungleich besser, als wenn der Unterschenkel in der Schiene 
auf dem Gleisbrette liegt, vor allem aber empfinden die Patienten 
dne große Erleichterung. Da das Bein überall freiliegt, ist jeder 
Teil desselben gut übersehbar; auch wird durch diese Verbandart 
der Atrophie der Muskeln entgegengearbeitet, die Patienten können 
selbst besser Muskelbewegungen ausführen, außerdem ist eine 
Massage möglich. Die Erfolge waren bis jetzt sehr gute. 

*on den sieben Frakturen sind bis jetzt fünf schon konsoli¬ 
diert. Wie gesagt, wurden nur in zwei Fällen zwei kleine 
•H-m lange incisionen gemacht — aus den Schußoffnungen 
entleerten sich immer in den ersten Tagen riesige Mengen 
mter und zahlreiche Splitter. Nach Splittern wurde natür- 
•cn nicht gesucht. Die Temperatur sank in allen Fällen 
ab, hier und da tritt oft für ein oder zwei Tage eine 
emperaturerhöhung (bis 39,5) ein, um aber ohne jeden Ein- 
f?nff schnell wieder zurückzugehen. Die Heilung der oft 
d Knochen geht mit einer Exaktheit und 

ctiheit vor sich, wie man es von der Friedenspraxis her, 
e Ja Vle l aktiver ist nie für möglich gehalten hätte. 
armL te I sc k en kels c hußfrakt u re n , Ober- 
tur^hußfrakturen, Vorderarmschußf rak- 
w eu ‘ *J l ^ c Frakturen besprechen wir gemeinsam des- I 
weil ihre Therapie meist eine gemeinsame war. Bei 
c ^ enso der durch Stein- 
verbftna r ^k ats ^ r . on ^ un ^ hervorgerufenen, wurde der Gips¬ 
selbst bei maximaler Gliedschwellung angelegt. Die 


—’ Wundstelle wurde gefenstert. In wenigen Tagen gingen 
Fieber und Schwellungen unter diesen Verbänden zurück, 
wo bei Unterschenkelbrüchen eine starke Dislokation vor¬ 
handen war, legten wir ebenso wie prinzipiell bei Obe rarm¬ 
und Vorderarmbruch die Hackenbruchsche Klammer an. 
Dieser Apparat leistet so vorzügliches, daß ich ihn als das 

■ Ideal der Schußfrakturenbehandlung, be- 
sonders des 0berarmknochens bezeichnen 
möchte. Bei der Fraktur wird der ganze Arm in im Ell- 
Jl bogen flektierter Stellung leicht eingegipst. Nachdem der 
* Gips hart geworden ist (nach 20 bis 30 Minuten), wird die 
Frakturstelle rings ausgeschnitten und nun zu beiden Seiten 
die Hackenbruch-Klammerschrauben eingegipst. Durch Ver¬ 
stellung der Schraube einerseits wie durch Verstellen der 
beiden Kugelgelenke ist hinter dem Röntgenschirme direkt 
| eine exakte Fixierung der Bruchenden möglich. (Abb. 3, 
I 3 a, 4, 4 a.) 

Die Triangel habe ich nie verwandt. In einem Fall, 
I in dem der Oberarm wahrscheinlich durch Granatschuß fast 
von seiner Haut skalpiert und der Knochen in drei Stücke 
gebrochen, außerdem das ganze Ellbogengelenk zermalmt 
war, wurde mit Erfolg Extension am gestreckten Arm in der 
Weise vorgenommen, daß an dem über die Länge des Bettes 
ziehenden Holzbalken eine seitliche Stange angebracht wurde, an| 
der der ganze Arm in Tüchern, ähnlich wie das Bein bei Ober¬ 
schenkelschußfraktur, in Extension hing. (Der Arm ist jetzt geheilt.) 



m 


Abb. 3. 

Hackeabruchklammbr 
bei Schullfraktur des 
Oberarms. 


Oberarmfraktnr (Abb. 3) 
geheilt. 


Abb. 4. 

Hackenbruchklaminer bei 
Schußfraktur des Unter¬ 
schenkels. 


Gelenkschiisse. Die Gelenkschußverletzungen wurden 
durchweg mit gefenstertem Gipsverbande behandelt. Mit Ausnahme 



Abb. 4 a. 

Röntgenbild za Abb. 4. 



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2. Mai 


eines Falles war nie eine Eröffnung des Gelenks nötig. Schwellung 
und Fieber gingen bald zurück. Nur in einem Falle von Gelenk¬ 
schuß des Handgelenks, wo die Gelenkwunde im Feldlazarett fest 
tamponiert, im übrigen genäht war, war es zu eitriger Handgelenk¬ 
entzündung gekommen. Hier mußte dorsal incidiert werden. Auch 
hier wurden mit Vorteil Haekenbruchsche Klammern, die das Ge¬ 
lenk durch Distraction entspannten, angelegt. 

In einer Arbeit über die Schußverletzungen 
der großen Gelenke kommt W. Denk (2), Chef¬ 
arzt der Maltesermission in Sofia, zu folgenden Hauptschlu߬ 
folgerungen: Jeder Gelenkschuß ist so früh wie möglich zu 
fixieren. Fällt die Temperatur bei dauernder Immobilisie¬ 
rung nicht ab, ergibt die klinische Untersuchung eine 
virulente Infektion des Gelenks, ist die Reihenfolge der vorzu¬ 
nehmenden Eingriffe folgende: Incision (beim Ellbogen und 
Sprunggelenk-Aufklappung); genügt diese nicht: Resektion. 
Treten trotzdem noch ‘optische Erscheinungen auf: Ampu¬ 
tation, wobei die Wunde nicht zu vernähen ist. Aseptische 
Durchschüsse heilen mit guter Beweglichkeit, aseptische Steck¬ 
schüsse führen zu Ankylose (Projektil im Gelenke); deshalb muß 
drei bis vier Wochen nach vollkommener Wundheilung die Kugel 
entfernt werden. Gefahr der sekundären Gelenkinfektion von Ein- 
und Ausschuß aus ist sehr gering. 

Handverletzungen. Die ausgedehnten Handverletzun¬ 
gen werden, durch Granatsplitter und Gewehrnahschüsse verursacht, 
richtige Zerreißungen. Gewöhnlich ist die Haut der Einschußstelle 
zerrissen, ein oder zwei Metacarpi in leichten Fällen zersplittert, 
auf der Ausschußseite (meistens die Hohlhand) eine gezackte Ri߬ 
wunde. Kommt die Verletzung erst ins Reservelazarett, haben sich 
die Hautlappen der Einschußseite retrahiert und sind mit ihrer 
Unterlage verklebt. Wir lösten in solchen Fällen die Hautlappen 
ab und vernähten nach Anfrischung der Wundränder derselben 
exakt. Meistens fehlte nichts zur vollen Bedeckung. Knochen¬ 
splitter werden entfernt, die Wunde mit Kochsalzlösung abge¬ 
waschen. Eventuell erweitert man den Hautriß der Volarseite ein 
wenig zum guten Abflüsse des Sekrets. Wir tamponieren nicht, da 
gewöhnlich die Jodoformgaze mit dem umgebenden Gewebe ver¬ 
backt und nicht mehr als Drain wirken kann, sondern legen die von 
Tiegel angegebene Spreiz klammer in die Haut¬ 
wunde ein und extendieren die dem verletzten Metacarpie ent- 
T .• - > sprechenden Fin¬ 

ger ebenfalls auf 
die von T i e - 
g e 1 (3) angege¬ 
bene Schiene 1 ). 
(Abb. 5.) 

Die Hauptvor¬ 
teile, die Tie¬ 
gel bei derarti¬ 
ger Behandlung 
von Handphleg¬ 
monen zu ver¬ 
zeichnen hatte, 
bestehen darin, 
daß die Heilung 
rascher eint ritt, 
iaß vor allem in¬ 
folge der gering¬ 
fügigeren Ver¬ 
wachsungen eine 
erreicht wird. — Die 
Heilungstendenz der menschlichen Hand ist übrigens eine sehr große. 

Ge hirnschüss e. In einer sehr interessanten Arbeit über 
die Schädelschüsse im Kriege kommt B r e i t n e r (4), 
der auf bulgarischer Seite im Balkankriege tätig war, zu folgenden 
Hauptschlüssen: die Gefahr der Infektion für den Knochenhirnschuß 
ist. eine derart große, daß ihr Ausbleiben bei nichtoperierten Ver¬ 
wundeten zu den großen Seltenheiten gehört. Dementsprechend 
kann nur eine aktive Therapie von Erfolg begleitet sein, die bei 
der erten Möglichkeit eines aseptischen Verfahrens und wenigstens 
mehrtägiger Ruhe des Operierten im Anschluß an den Eingriff vor- 
zunehmen ist. Die aktive Therapie betrifft in erster Linie die 
Tanffentialschüsse, I>iametral- und Steckschüsse sind 
vorerst konservativ zu behandeln. Die Chancen der Operation 






Abb. 5. 

Tiegelsche Spreizklamtner. 

viel bessere Beweglichkeit der Sehnen 


n j m allgemeinen empfiehlt sich immer die Suspension 
vprl*»t7te» Hand. Bei stärkeren Entzündungserscheinungen 
wenden wir den feuchten Verband mit essigsaurer Tonerde. 


der 

ver- 


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steigen mit der Frühzeitigkeit des Eingriffs. Jedem Schädelschusse 
kann ein nicht zu lange dauernder zweckmäßiger Transport zu¬ 
gemutet werden. 

Diese Leitsätze scheinen durchaus das Richtige zu treffen. 

Während Schußverletzungen des Hirnschädels am besten 
aktiv behandelt werden, ist die Behandlung der Gesichtsschädel¬ 
verletzungen vorwiegend konservativ. Starke Zertrümmerung der 
Unterkiefer und Verletzungen der Mundhöhle heilen trotz der 
meistens stinkend-jauchigen Sekretion und des im Anfang oft be¬ 
jammernswürdigen Zustandes der Patienten glatt ab, wie ich hier 
und im Garnisonlazarett in Mülheim zu sehen Gelegenheit hatte, 
Spülungen der Mundhöhle sind das wichtigste. Der Prothesen¬ 
behandlung der Unterkieferfrakturen ist im allgemeinen eine 
spätere Zeit, wenn sich alle Splitter abgestoßen haben, Vorbehalten. 
Höchstens kann man versuchen, die Beweglichkeit des frakturierten 
Unterkiefers dadurch zu beheben, daß man um die Kronen zwei« 
der Frakturstelle benachbarten Zähne einen Silberdraht legt. Auf 
diese Weise kann eine sehr gute Fixierung erreicht werden. 

Halsverletzungen. E. Suchanek (5), der ebenfalls 
auf bulgarischer Seite im Balkankriege tätig war, kommt in seiner 
Arbeit über Halsschüsse zu dem Schlüsse, daß die Schuß- 
verlctzungen dieser Region, auch wenn sie in der Nähe der großen 
Gefäße und Nerven sitzen, am deutlichsten die Humanität der 
modernen Geschosse beweisen. Die Therapie soll eine konservative 
sein, wenn Blutungen und Eiterung nicht zu aktivem Vorgehen 
zwingen. Infektion ist selten, da das Geschoß hier keine Kleidungs- 
Tücke durchdringt. 

Lungenschußverletzungen. ln einer eingehenden 
Arbeit über Schuß verletzun-gen d e s T h o r a x u n d 
A b domens berichtet E. S u c h anek (6) (auf bulgarischer 
Seite). Der Arbeit liegt ein Material von 167 Thoraxverletzungen 
zugrunde. Unter den Symptomen der penetrierenden Thoraxver¬ 
letzungen stehen an erster Stelle Erguß der Pleurahöhle 
und die Hämopt ö e. In 167 Fällen fand sich 22 Hämoptoe und 
36 Hämatothorax unter 86 perforierten Schüssen. Suchanek 
glaubt, daß es sich bei letzteren meistens um Streifschüsse der 
Lungen gehandelt habe, da diese mehr Neigung haben, nach innen 
zu bluten als die die Lungen diametral penetrierenden. Nur in acht 
Fällen fand sich eine primäre Infektion. S u ch a n ek warnt vor 
einer zu frühen Probepunktion, da hierdurch ein steriler Erguß 
infiziert werden kann, ja es gibt Stimmen, die behaupten, daß alle 
infizierten Hämatothoraces infolge Punktion entstehen. Nur 
wenn der Pleuraerguß so zunimmt, daß eine 
lebensbedrohliche Dyspnöe eintritt, darf 
punktiert werden. Bei die Lungen perforierenden 
Schüssen findet sich nicht selten das von Küttner besonders 
betonte Lungeninfiltrat, das perkutorisch und auskulta¬ 
torisch einen der Lobulärpneumonie ähnlichen Befund abgebeu kann. 
Hautem p h y s e m konnte Suchanek nur in fünf Fällen beob¬ 
achten. Das geringe Vorkommen des Hautemphysems bei Schußver¬ 
letzungen soll dafür sprechen, wie schnell die durch Geschosse be¬ 
wirkten Lungenwunden verkleben zum Unterschied der durch 
Rippenfrakturen entstandenen Rißwunden der Lunge. Eine wich¬ 
tige Rolle spielen die Lungenkontusionen. In zehn 
Fällen gaben die Patienten an, daß in ihrer unmittelbaren Nähe 
eine Granate eingeschlagen war, durch die große Erdmassen gegen 
sie geschleudert worden oder sie selbst mit großer Wucht zu Boden 
gefallen w r aren. Bei jenen Patienten fanden sich keine äußeren, 
wohl aber die Symptome schwerer Lungenverletzungen. Unter den 
nicht perforierenden Thoraxschüssen müssen ferner die bekannten 
Kontur- und die Steckschüsse (meistens Schrapnell- 
kugeln) erwähnt werden. . 

Was die Therapie betrifft, so betont Suchanek die No 
wendigkeit möglichster Ruhe, da die Gefahr der Sp» - 
b 1 u t u n g e n nicht gering angeschlagen werden darf. . ! r 
der Erguß in der Pleurahöhle so groß, daß starke Dyspnöe ein 
tritt, muß punktiert werden, doch hat die Punktion zwei gro 
Gefahren: 1. die Infektion, 2. die Nachblutung aus 
durch den Bluterguß nun nicht mehr genügend kompnnue . 
Lungenwunde. Pneumothorax und Hautemphysem sind nn >■ 
ein Noli me tangere. Nach allem kommt Suchanek 
Schlüsse, daß das konservativste Verfahren 
besten Resultate liefert. ,.n t 

Alle unsere Fälle wurden konservativ behandelt, das ® 
schon im Feldlazarett mit einfachem aseptischen Verbände 
sehen. Nur in einem Falle war die im dritten Intercosta 
sitzende Ausschußöffnung im Feldlazarett ziemlich tief tamp 


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alt 




2. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


519 


and sogar teilweise genäht worden. Die Heilung der Wunden ging 
bei den Fällen ohne Komplikation vonstatten. Bemerkenswert ist, 
daß bei allen Patienten sieh Schweratmigkeit bei geringsten körper¬ 
lichen Bewegungen einstellt. 

Bauchschüsse. In der gleichen Arbeit berichtet S u - 
chanek auch über Abdominalverletzungen. Soviel scheint fest- 
zustehen, daß viele Bauchschüsse, bei denen Infanteriegeschosse die 
Bauchhöhle perforiert hatten, unter Hungerdiät und Ruhe heilen. 
Suchanek berichtet über33genau beschriebene Fälle, von denen 
13 sicher perforierend waren. Von diesen 33 Fällen waren 23 durch 
Gewehrprojektile und zehn durch Artilleriemunition verursacht. 
In fünf Fällen traten peritonitische Erscheinungen auf, in zwei 
Kotfisteln. Nur einer starb an diffuser eitriger 
Peritonitis. Auch Su chanek betont, daß wohl die 
wenigsten Bauchsehußverletzungen in dem akut b e h and- 
lungsbedürftigen Stadium in die Etappenspitäler 
gelangen. „Lieber unter schlechten Verhält¬ 
nissen die Kranken ruhig liegen lassen, als 
mit den besten Transportmitteln zu trans¬ 
portieren!“ Kotfisteln gehen ohne Operation zurück. Die 
Ahscesse, die sich in den Bauchdecken und um die verletzte Darm¬ 
stelle bilden können, sind nach Suchanek das einzige Moment, 
das den Chirurgen zum Eingriff in den Etappenspitälern zwingt. 

Was die Therapie betrifft, so ist konservative Behandlung im 
Kriege das beste. Die meisten Darmverletzungen sind imstande, 
durch ihre große Tendenz zu Adhäsionen den peritonitischen Pro¬ 
zeß zu lokalisieren, um so mehr, als der Darm des Verletzten am 
Kampfplatze sich meist in ungefülltem Zustande befindet. Gerade 
diejenigen Fälle, die die ausgesprochensten peritonealen Sym¬ 
ptome zeigen, haben die meiste Tendenz, die Peritonitis zu loka¬ 
lisieren. Diese Tendenz muß durch absolute Ruhe und Hunger- 
diät unterstützt werden. Nach Suchanek bleibt für den Kriegs- 
ehinirgen die Blutung (im Feldlazarett) und der Absceß (im 
Etappenspital) die einzige Indikation zum Eingriff. 

Bilden sich dann im Verlauf der Wundheilung durch Narben¬ 
stränge Stenosen aus, w r as aber erst nach Wochen der Fall ist, 
dann kommen alle jene Maßnahmen in Betracht, die wir auch in 
Friedenszeiten beim Ileus zu treffen gewohnt sind. 

Die Fälle, die erst einmal ins Reservelazarett kommen, heilen 
gewöhnlich ohne Eingriff. Immerhin kann nicht genug darauf auf¬ 
merksam gemacht werden, daß diese Patienten unter strengster 
Diät und genauester täglicher rectaler Kontrolle zu halten sind. 

Mit Recht weist Klapp darauf hin, daß sich ganz latent große 
Douglasabscesse entwickeln können, deren Perforation für 
den Patienten deletär werden kann. Klapp (7) w r arnt davor, bei 
Bauchschüssen sich nicht zu sehr auf die konservative Methode zu 
verlassen, sonst stehe man manchmal vor unangenehmen Ueber- 
raschungen. 

Nervenschußverletzungen. In einer Arbeit 
über die Schußverletzungen der Nerven kommt 
Denk (8) (Chefarzt der Maltesermission in Sofia) zu 
folgenden Schlüssen: Falls nach einer Schuß Verletzung, die 
muh dem Verlauf des Schußkanals eine Läsion eines oder 
mehrerer Nerven vermuten läßt, Lähmungen und Schmerzen 
nach medico-mechanischer Behandlung im Verlauf von 
einigen Wochen nicht schwänden, so ist die operative 
Freilegung des betreffenden Nerven vorzunehmen, da die 
Schmerzen durch die Operation fast sicher beseitigt werden. 

Dt der Nerv total durchtrennt, so muß nach Anfrischung der Enden 
me Naht ausgeführt werden. Handelt es sich um eine schwielige 
Narbe im Nerven ohne Continuitätstrennung, so wäre die Re¬ 
jektion des narbigen Teils und Naht, eventuell Abspaltung mit 
folgender Einschneidung vorzunehmen, mit Ausnahme des 
bchiadicus und Plexus, da wegen der wichtigen Funktion dieser 
Nerven die Resektion zurzeit noch zu riskiert erscheint. In diesen 
letzteren Fällen kommt die Neurolyse und Nerveneinschneidung in 
Betracht. 

In einer Arbeit „über die Schuß verletzung der 
Peripheren Nerven aus dem Balkankriege“ be¬ 
handelt Gerulanos (9) (Athen) dieses Thema. Entweder ist der 
1 direkt durchschossen und zerrissen, oder angeschossen, oder 
er ist indirekt durch einfache Durchtränkung der umgebenden Ge¬ 
webe durch ein blutig-seröses Exsudat in seiner Funktion gestört. 

Lhe Folgen sind Muskellähmungen und Sensibilitätsstörungen oder 
ai D n Fzen besonders bei Verletzungen im oberen Plexusgebiete). 

Als Grundsatz galt, den operativen Eingriff vorzunehmen, wenn 
nac “ vier bis sechs Wochen keine Besserung zu konstatieren war, 


oder wenn eine schwere Muskeldegeneration mit Abnahme der 
galvanischen Erregbarkeit eintrat, was ja bei schw'eren Läsionen 
in dieselbe Zeit fiel (Oekonomakis). Auch nach Lexer ist b i 
subcutanen Nervenläsionen ein längeres Zögern nicht ratsam. Bei 
Ausführung der Nervenoperation ist peinlichste Asepsis 
nötig, auch nur eine teilweise Vereiterung würde den Erfolg der 
Operation in Frage stellen. Trifft man unvermutet in der Tiefe 
einen Absceß, muß der genähte Nerv durch Verlagerung geschützt, 
der Absceß tamponiert w erden. Wo es anging, wurden die Nerven- 
stümpfe im Zusammenhänge mit dem sie vereinigenden Naiben- 
gewebe isoliert, dann zur Naht in der Weise geschritten, daß nur 
zwei Drittel vom Nerven zur Anfrischung durchschnitten wurden. 
Unter Leitung des erhaltenen Zwischenstücks wurde dann die Naht 
so ausgeführt, daß keine Achsendrehung des Nerven stattfinden 
konnte. Erst dann wurde das Zw ischengewebe abgetrennt und die 
Naht vollendet. Längsschnitte in Nerven orientieren über die Aus¬ 
dehnung des narbigen Prozesses. Bei großen Defekten wurde die 
Dehnung der Stümpfe ausgeführt (6 bis 8 cm!). Wo die 
Dehnung nicht ausreichte, wurde plastisch operiert, durch 
Plattenbildung oder durch C a t g u t f ä d e n d a s Z vv ischen- 
stü c k ersetzt. Wichtig ist die Einbettung des genähten Nerven, 
eventuell in eine Hülse frei transplantierter Fascia lata. Von 
36 Nervenverletzungen sind zwölf ohne Operation zur Ausheilung 
gelangt. Dadurch wird bewiesen, daß man erst nach vier bis sechs 
Wochen, wenn keine Funktionsw iederkehr bis dahin eingetreten ist, 
operieren soll. 

Aneurysmen. Ueber kriegschirurgische Er¬ 
fahrungen über Aneurysmen berichtet v. Frisch (10) 
auf Grund seiner Erfahrungen während seiner Tätigkeit in Sofia. 
Nimmt eine als aseptisches Hämatom nach Weichteilschuß in den 
tieferen Weichteilschichten der Extremität zu deutende Schwellung 
trotz mehrtägiger Behandlung nicht ab, so ist der Verdacht auf 
Arterienverletzung gerechtfertigt, auch wenn alle Symptome eine; 
Aneurysmas fehlen. Besteht gleichzeitig kontinuierlicher Schmerz 
und eine ausgesprochene Function laesa, so ist die Diagnose Aneu¬ 
rysma mit Wahrscheinlichkeit zu stellen. Die Hauptsymptome des 
Aneurysmas sind: Abgegrenzter Tumor, Pulsation desselben, aus¬ 
gesprochenes Schwirren, Schmerz, Functio laesa der befallenen 
Extremität, Veränderungen des peripheren Pulses. 

Die Operation soll im allgemeinen in weiter zurück- 
gelegenen Lazaretten vorgenommen werden, wo die Möglichkeit 
modernster Chirurgie gegeben ist. Bei profusen Blutungen 
und ausgesprochener Eiterung des Schußkanals 
ist die doppelte Ligatur am besten am Orte der Gefäßverletzung 
auszuführen. Die Aneurysmen nach Gefäßschüssen der Extremitäten 
(meistens sind es Aneurysmata spuria) sollen am besten in der 
dritten bis fünften Woche radikal operiert wer¬ 
den, denn gew öhnlich besteht bei dieser Art von Aneurysma in der 
vierten Woche noch kein aneurysmatischer Sack, was eine wesent¬ 
liche Vereinfachung der Operation mit sich bringt. Es kommt also 
darauf an, das Aneurysma zu entfernen, bevor dasselbe jene Um¬ 
wandlung durchgemacht hat, nach welcher ein organisierter, aus 
lebendem Gewebe bestehender Sack vorhanden ist. In und vor 
dieser Zeit ist die Ligatur im Sackinnern die beste 
Methode (Kikuzi). Man schneidet unter Blutleere der Extremität 
auf und in den Sack ein und entfernt die Gerinnsel, Nach Lösung 
des Schlauches faßt man das spritzende centrale Gefäßende und 
ligiert es. Blutet der periphere Stumpf arteriell in genügender 
Weise, so wird er ebenfalls ligiert. Darauf wird leicht tamponiert; 
da keine starre Sackw r and besteht, kollabiert der Tumor nach der 
Ausräumung und es ist somit keine Gefahr der Nachblutung vor¬ 
handen. Die Ligatur im Sackinnern an der Verletzungs¬ 
stelle ist deswegen die beste Methode, weil auf diese Weise die 
rings um den Sack gebildeten Kollateralbahnen nicht beschädigt 
werden. Anders liegen natürlich die Verhältnisse, wenn man die 
Operation in späterer Zeit, wo sich schon eine richtige Sackwand 
ausgebildet hat, operieren soll. Hier muß man den ganzen Sack 
(nach P h i 1 a g r i u s) exstirpieren, w'obei man das verletzte Gefäß 
vor dem Eintritt und nach dem Austritt aus dem Sack unterbindet. 

Hier können natürlich auch alle kollateralen leicht mitexstir- 
piert werden. — Die Gefäßnaht hat v. Frisch in seinen fünf¬ 
zehn operierten Fällen nie notwendig gehabt. Dieselbe ist natür¬ 
lich nicht nötig, wenn nach Unterbindung des centralen Stumpfes 
sich eine aktive Hyperämie der Extremität am bildet, die ein recht 
sicheres Zeichen für das Voihandensein der Kollateralen sein soll. 
Immerhin ist es zweckmäßig, bei jeder Operation auf gewisse 
Symptome zu achten, deren Fehlen uns die Gefäßnaht als rätlich 
erscheinen lassen. Im allgemeinen kann man behaupten, die 


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Gougle 


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2. Mai. 


Kollateralbahnen haben sich ausgebildet: 1. 
wenn nach Unterbindung des centralen Gefäßstumpfs sich eine 
normale Färbung der Peripherie des Glieds einstellt; 2. wenn dann 
der periphere Gefäßstumpf arteriell blutet; 3. wenn der periphere 
Teil, der mit der Höpfnerklemme abgeklemmten Hauptvene 
sich staut. Die Gefäßnaht wird nach v. Frisch nur in 
ganz seltenen Fällen sichindiziertfinden; selbst 
bei ganz frischen Verletzungen der großen Gefäße soll man erst 
die Kollateralzeichen prüfen, bevor man das Gefäß näht. Meist 
ist es nicht notwendig. Auch die Gefäßnaht hat ihre 
großen Gefahren. 

Tetanus. Ueber die erfolgreiche Behandlung des Tetanus 
lassen sich leider bis jetzt keine irgendwie sicheren Leitsätze an¬ 
führen. Es sind ja die verschiedensten Behandlungsmethoden 
empfohlen worden. Exakte, sichere Erfolge geben sie alle nicht. 
Am meisten scheinen noch besonders große Antitoxindosen thera¬ 
peutisch auszurichten. Doch ist auch das nicht sicher. 

Von vielen Seiten wird eine Amputation als zwecklos abge¬ 
lehnt, Wie auch die Theorie der Tetanuserkrankungen sein mag, 
das erscheint zum mindesten als naheliegend, 
daß es vorteilhaft ist, eine große stinkende 
jauchige Wunde, aus der immer wieder neue 
Toxinmengen in den Körper gelangen müssen, 
a u s z u s c h a 11 e n. — Nach all unsern Erfahrungen scheint bei 
der Therapie des Tetanus die Innehaltung der inneren 
wie äußeren Ruhe des Patienten ein außer¬ 
ordentlich wichtiger Faktor zu sein. (Zweimal täglich 
1,0 Veronal. natrii rectal im Einlauf!) 


Viel wirksamer als die Serumbehandlung beim ausgebroche¬ 
nen Tetanus ist die Schutzimpfung beim Tetanusverdacht. Die¬ 
selbe sollte prinzipiell vorgenommen werden. Ebenso prinzipiell 
sollte ein Stückchen tetanusverdächtigenGewebes unter dieUücken- 
haut des Meerschweinchens verpflanzt werden; da diese Tiere sek 
sicher auf Tetanus reagieren, wird man früh über die Natur einer j 
Wunde sich Aufklärung verschaffen können. 

Außer dem einen Tetanusfalle hatten wir nur einen Todesfall 
an ganz foudroyanter Sepsis bei Gasphlegmone des Beins zu ver¬ 
zeichnen. Die Toxicität dieses Falles, bei dem gleich nach der Ein* 
liefening subnormale Temperaturen und Kollaps bestand, wird 
dadurch bewiesen, daß zwei Meerschweinchen, denen ebenfalls 
kleine Gewebsstückchen upter die Rückenhaut verpflanzt worden 
waren, nach wenigen Stunden eingingen. 

Die vorstehenden Erörterungen mögen eine weitere Illustra¬ 
tion zu der Lehre bilden, daß die moderne Kriegschirurgie unter 
dem Zeichen der konservativen Therapie steht. Doch muß dieser 
Konservativismus an vielen Stellen dem bewaffneten Frieden 
gleichen, dem Frieden, der zu geeigneter Zeit mit der Waffe in der 
Hand unterbrochen werden muß, um dauernd geschützt zu werden. 

Literatur: 1. v. Saar, Zur Behandlung der Schußfrakturen im Kriege. 
(Bruns Beitr. Bd. 91, H. 1 und 2.) — 2. Denk. Ueber Schußverletzungen der 
Gelenke. Ebenda. — 3. Tiegel, Ueber Behandlung von Handphlegmonen. 
Ebenda. — 4. Breitner, Ueber Schädelschüsse im Kriege, Ebenda. - 
5. Suchanek, Ueber Gesichts- und Halsverletzungen. Ebenda. 6. Der¬ 
selbe. Ueber Schußverletzungen des Thorax una Abdomen. Ebenda. - 
7. Klapp. Ueber einige chirurgische Erfahrungen aus dem II. Balkankricge. 
(M. m. W. 37. 1914.) — H. Denk. Ueber Schußverletzungen der Nerven. 
(Bruns Beitr. Bd. 91.) — 9. Gerulanos, Schußverletzungen der peripheren 
Nerven aus den Balkankriegen. Ebenda. — 10. von Frisch, Kriegsehir- 
urgische Erfahrungen über Aneurysmen. Ebenda. 




Aus den neuesten Zeitschriften. 


Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 15 u. 16. 

Nr. 15. Spieß und Feldt: Ueber die Wirkung von Aurocantan 
und strahlender Energie aut den tuberkulös erkrankten Organismus. 

Gold ist wie alle Metalle ein Sauerstoffüberträger. Die biochemische 
Wirkung des Lichts ist vornehmlich eine sauerstoffaktivierende. Be¬ 
strahlung des Körpers bewirkt Pigmentierung der Haut, die ein Oxydations¬ 
vorgang ist. Sie wird durch Aurocantanzufuhr beschleunigt. Die Wirkung 
von Aurocantan und strahlender Energie (Ultraviolett) auf den tuberkulös 
erkrankten Organismus besteht in Steigerung der Oxydationsvorgänge 
und ist bei kombinierter Anwendung der beiden Heilfaktoien infolge ihrer 
gleichgerichteten Tendenz am intensivsten. Die Goldkatalyse wird in 
vitro und im Tierkörper durch Quecksilber beschleunigt. Die biochemische 
Wirkung auch der übrigen kurzwelligen Strahlen des elektromagnetischen 
Spektrums (Röntgen, Radium) ist vorwiegend eine oxydativ-spaltende. 

Die pharmakologische Wirkung aller Metalle beruht in erster Linie auf 
katalytischer Sauerstoffübertragung. Die speeifisclie Giftwirkung, auf 
Mikroben und den tierischen Körper, wird zu einem Teile durch ihr ver¬ 
schiedenes Oxydationspotential bedingt. 

Strauß (Berlin): Ueber Urämie. Die durch Fehlen einer stärkeren 
Erhöhung des Rest-N-Gehalts charakterisierte Pseudourämie teilt Ver¬ 
fasser in zwei Untergruppen ein: 1. in den „eklamptischen Symptomen- 
komplex“ oder die „Eklampsie der Nephritiker oder richtiger der 
Nephrosen“, und 2. in den „ soporös-delirösen Symptomenkomplex der 
Hypertoniker“ mit oder ohne lokalisierte Reiz- oder Ausfallerscheinungen. 
Ebenso wie bei der Urämie im engeren Sinne zuweilen auch echte 
Krampf zustande Vorkommen können, kann man bei beiden Formen der 
Pseudourämie nicht selten auch dyspeptische Züge antreffen. 

Ben da: Scharlach und Diphtherie in ihren Beziehungen zur 
sozialen Lage. Die niedrigste Mortalität hat der Westen. Dann folgt 
in erheblichem Abstande der Norden; ihm schließt sich in geringem Ab¬ 
stande der Osten, an diesen der Süden an, die höchste Ziffer weist die 
innere Stadt auf. Bei Scharlach Beben wir, wie bei Diphtherie, die 
niedrigste Mortalität im Westen, darauf folgt mit einer noch niedrigeren 
Ziffer im Gegensätze zur Diphtherie die innere Stadt. Von diesen beiden 
Bezirken sind nun aber durch eine große Kluft getrennt die drei prole¬ 
tarischen Bezirke; diese ihrerseits differieren nur mäßig untereinander, 
an letzter Stelle steht der Norden mit der höchsten Mortalitätszahl, 
während er die niedrigste Morbidität aufzuweisen hat. 

Giovanni Ollino (Genua): Die Sphygmobolometrie Sahlis und Ihre 
Kontrolle. Verfasser glaubt, daß man mit der Sphygmobolometrie wirklich 
einen annähernd aliquoten Teil der totalen Energie des Herzens messen 
kann und versteht darunter die einfache Möglichkeit, in einem gewissen 
Arteriensegment die pulsatorische Kraft des linken Vorhofs zu messen. 

Nr. Iß- Rosenow (Königsberg i. Pr.): Ueber die specifische Be¬ 
handlung der Pneumonie mit Optochin. Es ist zu erwarten, daß die 


Größe des therapeutischen Fortschritts, den diese specifische Therapie 
bedeutet, nicht nur in einem schnellen und leichten Verlaufe des Einzel¬ 
falls, sondern auch in einer wesentlichen Verminderung der Gesamtsterb¬ 
lichkeitsziffer der Pneumonie zum Ausdruck kommen wird. 

Peiper (Stettin): Ueber Optochlnbehandlung der Pneumonie. Das 
Optochin scheint bei frühzeitiger Anwendung, das heißt in den ersten 
zwei oder höchstens drei Tagen, den Verlauf der Pneumonie zu be¬ 
schleunigen und die Krisis herbeizuführen. Versager gibt es auch hier, 
doch scheinen sie recht selten zu Bein. In späteren Stadien ist eine 
Optochinbehandlung der Pneumonie zwecklos. Trotz Inneh&ltens der 
üblichen Dosierung kann es zu vorübergehenden Schädigungen der Sehkraft 
kommen. 

Lichtwitz (Göttingen): Ueber die Reaktion auf Acetessigsäure 
nach Gerhardt. Die Gerhardt sehe Reaktion zeigt die Enolform der Acet¬ 
essigsäure an. 

Gutmann (Wiesbaden): Ueber Salvarsannatrium. Es ist ratsam, 
in der Einzeldosis beim Manne nicht über 9,6 g hinauszugehen, lei der 
Frau im allgemeinen an der Dosis 9,45 g festzuhalten. Als Gesamtdosis j 
können dem Gros der Patienten während einer sechs- bis siebenwüchigen ] 
Kur ohne Schaden 4 bis 6 g gegeben werden. Nebenwirkungen, wie 
Temperatursteigerung, eventuell auch über 38 0 hinaus, und anderes mehr, 
sind nicht ganz zu vermeiden. Das Salvarsannatrium scheint nach unseren 
bisherigen Erfahrungen nicht selten Exantheme hervorzurufen, die aller¬ 
meist leicht verlaufen. Die Spirochäten verschwinden rasch; die klini¬ 
schen Erscheinungen werden im allgemeinen sehr gut beeinflußt. 

Hart (Berlin - Schöneberg): Ueber akute idiopathische Tracheo¬ 
bronchitis necroticans. Aus den beschriebenen Fällen geht hervor, dal 
es eine schwere akute diffuse Tracheobronchitis necroticans anscheinend 
nicht specifisclier Aetiologie gibt, über deren Entstehungsbedinguuge« 
wir uns bei der offenbaren Seltenheit der Affektion vorerst noch nicht 
bestimmt äußern können. Ob dabei eine besonders hohe \ irulenz der 
nachweisbaren und wahrscheinlich ätiologisch bedeutsamen Mikvoorgauismen 
in Betracht kommt oder noch andere Momente eine Rolle spieien. nm 
dahingestellt bleiben. Die Erkrankung verläuft äußerst schwer und mr 
in verschiedenen Stadien zn einem schnellen Tode, der wahrscheinlic 
nicht so sehr an einer Intoxikation oder einer Herzschwäche als an cuur 
Erstickung infolge der Anfüllung der Bronchien und des respirieren en 
Parenchyms mit hämorrhagisch-ödematöser Flüssigkeit eintritt. 

Pulvermacher (Berlin): Ueber einen Fall von Orientbwk 
(Lelshmaniosls cutanea). Die Leishmaniosis cutanea, die Orientbeuin 
sind endemisch aultretende Knoten oder Geschwüre der Haut (selten > er 
Schleimhaut). Ihr Sitz ist meist die unbedeckte Körperfläche, sie jer¬ 
hellen nach Monaten oder mehr wie einem Jahre spontan unter hai \ en 
bildung. Ihre Ursache ist ein Protozoon Leishmania furunculosa s. tropica 
Die Erkrankung hinterläßt Immunität gegen weiteres Befallenwerdeo 


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Original frnrri 

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521 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2. Mai. 


i jv: ■ 

,v v . v. Gaza: Gallenpleuritis bei transpleuraler Leberverletzung. Der 

-ef,,, freie gallige Pleuraerguß nach einer transpleuralen Leborverletzung führte 

; zu einer entzündlichen serösen Exsudation. Aus dem akut bedrohlichen 

Stadium mit Verdrängungserscheinungen des Mediastinums und des 
jj, v' Herzens entwickelte sich ein chronischer Krankheitszustand mit starker 

Konsumtion der Körperkräfte, großer Herzschwäche und rapidem Ver- 
HV f ' fall; erst die Rippenresektion, drei Wochen nach der Verletzung, führte 

, f V - zur Heilung. Der Gallenerguß in der Pleura entspricht dem des Peri- 

lr toneums in vieler Hinsicht völlig, jedoch scheint die Pleura unter dem 

,C Reize der Galle mehr zur serös entzündlichen Exsudation zu neigen. 

I ( Stein (Wiesbaden): Die Anwendung der Diathermie bei der Be- 

fußlang der Kriegsverletzungen und der Kriegskrankheiten. Die Folge- 
zuustimde einer großen Reihe von Schußfrakturen der Knochen und Ge- 
f ,;. Ä lenke stellen das größte Kontingent der zur Diathermiebehandlung ge- 

.j, eigneten Kriegspatienten. Frische Verletzungen kommen nicht in Betracht. 

' Die Domäne der Diathermiebehandlung ist vielmehr mit wenigen Aus» 

fr nahmen die Zeit der Nachbehandlung, die Beseitigung der Vcrlet.zungs- 
fl-V folgen. Die GeleDksteifigkeiten spielen in dieser Beziehung die weitaus 
LG. größte Rolle. 

|§, : ' ~ Harf (Buch): Tetanus lateralis. Das Charakteristische des lokalen 

jTetanus, dem auch die unilaterale Form zuzuziihlen ist. besteht in der 
k langsamen Entwicklung und dem chronischen, fast stets günstigen Ver- 

■ : laufe der Erkrankung. Reckz eh (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift t915, Nr. 16. 

M. Katzenstein (Berlin): Ueber Funktlonsprufung des Herzens 
mcli einer zehnjährigen klinischen Erfahrung. Vortrag, gehalten im Verein 
für Innere Medizin und Kinderheilkunde in Berlin am 18. Mai 1914. 

W. Gross (Harburg-E.): Ein Verfahren zur Leberbefestigung bei 
Lebersenkung und eine Bezeichnung für die Größe einer Magensenkung. 

Der Verfasser trennte in einem Falle von Lebersenkung das Ligamentum 
teres vom Nabel ab, zog es scharf nach oben und führte es nach Durch¬ 
bohrung der Zwüschenrippenräume von innen her, nachdem die Haut ge¬ 
nügend hoch abpräpariert worden war, um die neunte Rippe herum. Das 
•1 Endo dieses Leberbandes wurde schließlich mit dessen Beginn durch 

3ää ps Seidenniihte fest vereinigt. Der Verfasser unterscheidet bei der Magen¬ 
senkung drei Grade. Er nennt eine Magensenkung ersten Grades eine 
Senkung der Pylorusgegend (Antrum) oder des größten Teils des Magens 
bis zur Nabelhöhe, eine Senkung zweiten Grades eine solche bis zu dem 
Punkte, daß die Mitte des Antrums oder des Magens in Nabelhöhe steht, 
eine Senkung dritten Grades endlich die Lage des Antrums oder des 
Magens überhaupt unterhalb des Nabels oder im Becken. Die Senkung 
dritten Grades, auch wenn sie ohne Ulcus besteht, zwingt fast immer 
, ffc . zur Operation (wegen Uebelkeit, schwerer Verstopfung, Schmerzen und 
allgemeiner Abmagerung). 

Th. Messerschmidt (Straßburg i. Eis.): Pbobroi, Orot an und 
Sagrofan. Man sollte danach trachten, tuberkulöses Sputum in mög¬ 
lichst kurzer Zeit zu desinfizieren. Bei der Prüfung eines Des¬ 
infektionsmittels dürfen aber niemals die leichtesten Bedingungen gewählt 
werden. Da für Phthisiker geballtes Sputum geradezu charakteristisch 
i;t muß man auch die Ballen und nicht das uncharakteristische homo¬ 
gene Sputum für Desinfektionsversuche auswählen. Dann zeigt sich, daß 
die bislang zur Sputumde.siu/ektion gebräuchlichen chemischen Desinfek¬ 
tionsmittel— auch die drei obengenannten— viele Stunden einwirken 
müssen, bis die Tuberkelbaeillen im Auswurf abgetötet werden. 

J. Ruhemann (Berlin- Wilmersdorf) : Heber äußerliche Behandlung 
mit anhaltend desodorierend und desinfizierend wirkendem Pulvern. Das 
Ldciumperborat entbindet dem Volumen nach fünfmal mehr Sauerstoff | 
als die offizielle 3%ige Wasserstoffsuperoxydlösung. Mit der gleichen 
Meni r e Talkum gemischt kömmt es unter dem Namen „I.eukozon“ in 
•len Handel (Chemische Werke von Dr. Heinrich Byk in Oranienburg). 

& entwickelt in Berührung mit Sekreten nicht Wasserstoffsuperoxyd, 
andern direkt Sauerstoff, und zwar hält diese Wirkung lange an, 

T Smi Entwicklung des Sauerstoffs finden sich als Residuen das unlüs- 
He, wie Gips sich verhaltende Kalkborat und Talkum in kleinster 
Menge. Bei reichlich secernierenden Wunden kommt es nie zu Schorfen, 
da dies durch die Sauerstoffentwicklung verhindert wird. Das Leukozon 
e.irnet sich zur Dauerdesinfektion und -desodorierung bei putriden 
-Dfektionen, Gasphlegmonen, brandigen Zuständen, ferner zu Daucr- 
'erbänden bei komplizierten Frakturen. Die Kombination mit dem 
7Jlr "rituellen Wundreinigung zu benutzenden Wasserstoffsuperoxyd ist 
ppftdrienswert. 

. H Ghajes (Berlin-Schöneberg): lieber Teerbehandlung des chro¬ 
nischen Ekzems. Es besteht ein ganz erheblicher Unterschied zwischen 
, !J ^ ( l° r Destillation von Holz gewonnenen Holzteer (Oleum fagi, 

, l,m rusci, Oh>iiin cadini) und dein Stoinkohlenteer, indem dieser 
1 ' dich weniger reizt. Diese auffallende Reizlosigkeit des unver¬ 


dünnten Steinkohlcntecrs läßt seine Verwendung bereits in manchem 
noch leicht nässenden Ekzemstadium zu, in dem die Anwendung des 
Holzteers kontraindiziert wäre. Bei chronischen Ekzemen, bei denen eine 
stärkere Sekretion meist nicht mehr vorhanden ist, genügt eine alle zwei 
bis drei Tage wiederholte Pinselung mit unverdünntem Steinkohlenteer, die 
Erkrankung oft sehr schnell zu beseitigen. Wo der unverdünnte Stein- 
kohlentcer nicht gebraucht werden kann, sollten die Steinkohlenteer¬ 
präparate Liantral oder besonders Purium zur Anwendung kommen. 

Eugen Schultze (Berlin): Bmst-Lungenschüsse und Ihre Kompli¬ 
kationen. Sind die knöchernen Teile des Thorax verletzt, so kommt es 
fast immer zum Pneumothorax und damit leicht zur gangränösen Zer¬ 
setzung an der Stelle der Knochenverletzung und zum Pyothorax. Denn 
in dem Moment, wo sich die Plcura-Lungcnwunde nicht sofort infolge 
der großen Elastizität dieser Organe und Verschiebung der deckenden 
Weichteile schließen kann, ist die Infektion der Hautknochenwunde wie 
der Pleura fast stets unvermeidlich. Von den Komplikationen werden 
ausführlich besprochen: 1. der Flüssigkeitserguß in der Pleura (ohne 
I Pneumothorax), 2. der offene Pneumothorax (ohne Flüssigkeitserguß), 
3. der offene Pyopneumothorax mit (leicht erkennbaren, offen liegenden) 
Rippenfrakturen, 4. Leber-Lungenschüsse. 

Hans L. Heusner (Gießen): lieber künstliche Glieder. Der Gang 
an der Krücke erzeugt Skoliosen, vor allem aber werden die Muskeln des 
Stumpfs schlaff und atrophieren, wodurch der für die Befestigung der Pro¬ 
these so ungünstige Kegelstumpf entsteht. Man muß vielmehr frühzeitig 
die Muskeln des Stumpfes durch geeignete Uebungen stärken und die Narbe 
kräftig und geschmeidig machen. Das einfache Stelzbein übertrifft an 
Zweckmäßigkeit noch immer den Durchschnitt sämtlicher bisher kon¬ 
struierten Prothesen und dürfte den Anforderungen der körperlich 
Arbeitenden noch am ehesten entsprechen. Das einfachste Kunstbein, 
ohne vielseitige, leicht in Unordnung geratende Mechanismen, ist stets 
allen andern vorzuziehen. Kapseln aus Hartgummi, Papiermasse, Alu¬ 
minium, Metall überhaupt sind weniger zu empfehlen als solche aus 
Weiden- und Lindenholz. Empfehlenswert ist der von Marks hergestellte 
Fuß aus einem Holzkern und einer dicken Unterlage aus Schwammgummi. 
Dabei kann man auf das Fußgelenk ganz verzichten. Das endgültige 
Kunstbein kann übrigens frühestens erst nach sechs bis sieben Monaten 
angepaßt werden, da sich bis dahin der Stumpf noch dauernd verändert. 
Ein einfaches Bein dagegen kann schon gleich nach dem Aufstehen Ver¬ 
wendung finden, da sich das Polster für den Stumpf leicht nachpassen 
läßt. Je früher sich der Patient an den Gebrauch seiner Prothese ge- 
wohnt, um so eher ist er wieder arbeitsfähig. Der Verfasser schlägt zum 
Schluß für die mit künstlichen Gliedern Versehenen eine jährliche Kontroll- 
versamralung vor, um die Prothesen auf ihre Zweckmäßigkeit hin dauernd 
zu prüfen und gegebenenfalls zu verbessern. 

Bucky (Berlin): Die Diathermie in den Lazaretten. Bei der Dia¬ 
thermie wird im Innern des Körpers elektrischer Strom in Wärme um- 
gesetzt, ohne daß es dabei zu Muskelcontractiou, Nervenreiz, Elektrolyse 
kommt. Die Wärmeenergie wird also hier nicht von außen zugeführt. 
Keiner äußerlich applizierten Wärme kommt eine Tiefenwirkung zu. 
(Selbst in einem Heißluftbade von mehr als 110° steigt die Haut¬ 
temperatur nie über 37°.) Anders bei der viel intensiver wirkenden 
Diathermie, wobei es im Innern der Organe zu Erweiterungen 
namentlich der Arterien kommt. Der Verfasser empfiehlt die Diathermie 
angelegentlichst bei Knochen-, Muskel- und Sehnenverletzungen als beste 
Nachbehandlungsmethode, ferner bei Gelenkentzündungen, Neuralgie und 
Nervenentzündungen (z B. Trigeminusneuralgie, Ischias), Nervenver¬ 
letzungen durch Schuß, ganz besonders auch bei erfrorenen Gliedmaßen 
(einfachste Frostbeule und schwerste Frostgangrän). Voraussetzung des 
Erfolges ist eine richtige Technik. Vorsicht ist vor allem bei Sensi¬ 
bilitätsstörungen (z. B. bei Verletzungen) geboten, um Verbrennungen 
zu vermeiden. (Im Gegensatz zu den Röntgenverbrennungen sind aber 
die Diathermieverbrennungen durchaus gutartig.) 

Paul Kayser (Berlin): Erfahrungen des Feldlazaretts 6 des 
I VI. Armeekorps. (Schluß.) Betont wird unter anderem, daß allein der 
Transport die schlimmen Ausgänge in einem hohen Prozentsatz der ab- 
' dominalen Schußwunden verursache. Mehrmals sah der Verfasser bei 
Obduktionen kleinste Wanddefekte des Darmes ohne Kotaustritt, die bei 
der enormen Verklebungskraft des Bauchfells wohl sicher abgeschlossen 
worden wären und statt der foudroyanten Peritonitis höchstens den heil¬ 
baren Absceß im Gefolge gehabt hätten, wenn man dem Körper nur die 
dazu erforderliche Ruhe hätte lassen können. Das beste wäre an sich 
gewiß, den durch Bauchschuß Verwundeten, unter einem Zeltdach am 
Orte der Verwundung mit Morphium versorgt, ohne jede Nahrung eine 
Reihe von Tagen liegen zu lassen. Ausführlich besprochen werden die 
so ungemein häufigen Tangentialschüsse des behaarten Schädels. Meist 
muß hier unbedingt aktiv vorgegangen werden durch eine genaue Wund¬ 
revision. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um eine Trepanation, 
sondern nur um ein Erweitern der Schüdehvunde (Excision der Wundränder, 


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Original fram 

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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


wenn, wie gewöhnlich, der Schußkanal eine Rinne ist). Der Verfasser war 
empfiehlt zum Schluß, alle sichtlich stark verschmutzten, taschenreichen kon 
Wunden mit Perubalsam auszugießen. Ferner rät er dringend zum Bli 
Mastisol, und zwar seiner Klebekraft wegen. Es gibt Stellen am und 
Körper (Schulter, Rücken, Brust, Gesäß), wo sich auch der technisch best 
angelegte Verband beim Transport verschiebt. Hier läßt sich durch an! 

Mastisol mit Hilfe von Heftpflaster ein wirklich un verschieblich er Tyj 

Verband erzielen. Dabei wird eine Menge von Biuden gespart. Richtige nie! 
Faltung der zusammengelegten Mullbäusche lind eine halbe. Minute Geduld • Vai 
nach dem Pinseln, das sind allerdings die Voraussetzungen eines guten ! doc 
Mastisolverbandes. Kein Mittel verhütet so sicher die Sekundärinfektion i in 
wie das Mastisol. | Ty 

Carl Stern (Düsseldorf): Die Behandlung geschlechtskranker ; Ue 
Soldaten im Kriege. Personen, die wegen chronischer Geschlechtskrank- koi 
heit zeitweise vom Eintritt ins Heer zurückgestellt waren, werden neuer- nie 
dings sofort dem Lazarett überwiesen zur ..Heilung“. Aber, fragt der nn 
Verfasser, ist es wirklich notwendig, Patienten mit geringem Morgen¬ 
tropfen, der aber Gonokokken enthält, mit Prostatitis, auch mit Gono- sei 

kokken im spärlichen Sekret, Wochen- und monatelang in Lazarett- ak 

bebandlung zu belassen, bis sie „gonokokkenfrei“ sind? Diese Art von vo 

Patienten sollte allerdings nicht großen körperlichen Anstrengungen na 

(Frontdienst) ausgesetzt sein. Aber Kranke mit chronischer Gonorrhöe eii 

gehen doch im Frieden ungesoheut und auch ohne Gefahr ihrer oft sehr In 

schweren Arbeit in der Fabrik mich! Auch von den Syphilitikern geht in 

im Frieden nicht der zehnte Teil in Krankenhäuser. Aber er läßt sich j br 
neben seiner Tätigkeit behandeln. Dasselbe ist auch im Kriege zu j L 

erstreben. Der Verfasser fordert daher die möglichst sofortige Einrieh- | c\ 
tung ambulanter Behandlungsstätten für die nicht mehr unbedingt der i m 
klinischen Behandlung bedürftigen, aus den Lazaretten zu ent- | T 

lassenden Soldaten. Diese sind aber nicht in ihre Ileimatgarnison zu j d 
senden, sondern müssen an einen Ort gebracht werden, wo spezialärzt- I (, 

liehe Behandlung möglich ist. Hier wären sie als garnisondienst- ! t 

fällig in Kiusernen unterzubringen, streng abzusondern und militärisch I v 
zu beschäftigen. Die Behandlung muß sehr gründlich und nachhaltig i 
durchgeführt werden. Der Verfasser wendet sich energisch gegen ' ii 
Lenzmann, der mit ein oder zwei Spritzen Neosalvarsan die Syphilis I d 
„abortiv“ heilen zu können behauptet. Die Gefahr der syphilitischen | s 
Ansteckung wird noch zu häufig unterschätzt, was nicht zum mindesten i i 
dadurch gefördert wird, daß sich allzu optimistische Therapeuten auf die l 
Dauerwirkung auch reichlicher Salvnrsandosen zu viel verlassen. I i 

Witzenhausen: Zur Typhusprophylaxe. Die Beobachtung, daß | i 
die fertigen Speisen, die zur Verteilung an die Mannschaften gelangen j ] 
sollen, in ihren Gefäßen direkt auf den Erdboden der Küche aufgestellt 
und dadurch leicht durch den Schmutz des Bodens, der durch vorüber- 1 
gehendo Leute aufgewirbelt wird, verunreinigt werden, zwingt zu der 
Vorschrift, diese Gefäße auf Brettern (oder dergleichen) in Höhe von 
l /a bis 1 m vom Erdboden entfernt aufzustellen. 

Glasewald: Wasserdichte Fußbekleidung und Erfrierungen. Die { 
im wasserdichten Stiefel bei Tätigkeit des Fußes (beim Marsch) aus der I 
Haut abgesonderte Flüssigkeit hält den Fuß naß, da sie natürlich aus I 
dem undurchlässigen Stiefel von innen nicht heraus kann. Die Nässe | 
ist aber ein guter Wärmeleiter. Da ferner wasserdichtes Leder ein | 
viel dichteres Gewebe darstellt und fast gar keine lufterfüllten Spalt- I 
räume enthält, ist es an sich schon ein besserer Wärmeleiter. | 
Außerdem wird aber auch der zwischen Stiefel und Fuß liegende Raum : 
allmählich immer luftärmer und wasserreicher und dadurch auch besser [ 
wärmeleitend. In völlig wasserdichter Fußbekleidung ist also die i 
Gefahr der örtlichen Erfrierung größer als in durchlässiger, natürlich l 
nur, wenn ein rechtzeitiges Wechseln der Stiefel und besonders der ' 
Strümpfe unmöglich wird. Zum Glück sind aber die meisten Stiefel, die | 
als wasserdicht verkauft und dafür gehalten werden, in Wirklichkeit ! 
wasserdurchlässig. K Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 16. 

W. Weiland (Kiel): Ein röntgenologisches Phänomen bei per¬ 
foriertem Magengeschwür. Zwischen der rechten Zwerchfellhälfte und 
der Leber war bei der Durchleuchtung ein luftgefüllter, etwa sichel¬ 
förmiger Spalt sichtbar, das Zwerchfell stand an normaler Stelle, die 
Leber war aber nach unten gerückt. Auf Grund dieses Röntgenbefundes 
wurde unter Berücksichtigung des klinischen Bildes eine ubgekapselte 
Abceßhöhle (infolge von Durchbruch eines Magengeschwürs), die lufthaltig 
sein sollte, angenommen. Diese Diagnose erwies sich aber als falsch. 
Bei der Operation fand sich nämlich eine große Schlinge des Colon trans- 
versum im rechten subphrenischen Raum, die dadurch die Leber be¬ 
trächtlich herabgedrängt hatte, liu vorliegenden Falle wurde also das 
lufthaltige Medium zwischen Leber und Zwerchfell vom Kolon einge¬ 
schlossen. Durch entzündliche Vorgänge infolge des Magengeschwürs 


war es zu einer Verwachsung des Kolons mit Bauchwand und Leber »*e- I 

kommen. Hierdurch entstand eine relative Kolonstenose und eine starke 1 

Blähung des proximalen Kolonabschnitts. Dieser lagerte sich hinter 
und über die Leber und drängte diese vom Zwerchfell ab (Hepatuptose). ii: 11 

Hohlweg (Duisburg): Ueber den Einfluß der Typhusschutzimpfung .. v 3 
auf den Nachweis der Typhusbacillen !m kreisenden Blnte. Bei geimpften : ^ 

Typhuskranken gelingt der Nachweis der Keime aus Blutkultur häufig r : 1 
nicht, was darauf zurückzuführen sein dürfte, daß die im Gefolge der r ^ 

Vaccination einsetzende Bildung von Schutzstoflcn bei einer später 
doch eintretenden Typhusinfektion das Zustandekommen einer Bakteriämie 
in vielen Fällen hintanhält. Die Impfung kann zwar die Ansiedlung von : ’M 
Typhusbacillen im Darm nicht immer hindern, sie läßt es aber dann zu einer * 

Ueberschwemmung des Bluts mitTyphuskeimcn (Typhussepsis!) häufig nicht D 

kommen. Man darf sich daher in klinisch verdächtigen geimpften Fällen -- 

nicht mit einem negativen Resultat der Blutkultur zufriedeugeben, sondern ! ■■■ • 
muß Stuhl- und Urinuntersuchungen häufig vornehmen. 

Hans Li pp (Stuttgart): Das Blutbild bei Typhus- und Cholera- ! 
Schutzimpfung. Die Schutzimpfungen gegen Typhus und Cholera sind 
aktive Immunisierungen und geschehen durch subcutane Einspritzung 
von — durch Flitze — abgetöteten Krankheitserregern. Dabei ist zu- i . 
nächst nach den Einspritzungen die Empfindlichkeit gegen Infektion eher \ y 
einige Tage lang erhöht („negative Phase“), wonach erst später die ; 

Immunität eintritt. Man sieht nämlich bei der Typhusschutzimpfung 
unmittelbar nach der ersten Impfung eine leichte Leukocytose, die aber 
bald, zwischen dem dritten und siebenten Tag, einer ausgesprochenen 
Leukopenie mit dem Sinken der polynucleären neutrophilen Leuko* ; ... 

| evten, (lenen in erster Linie die phagocytüre Kraft innewohnt, Platz 
macht („negative Phase“). Diese Phase hält höchstens sechs bis sieben , 

| Tage an, denn bereits am dritten Tage nach der zweiten Impfung beginnt 
j das Blutbild wieder normal zu werden: die Neutrophilen steigen wieder 
I („positive Phase“) und erreichen in acht bis zehn Tagen ihre frühere 
! Höhe. So lange dauert es also nach der zweiten Impfung, bis die Schutz* 

! Wirkung eintritt. Die dritte Schutzimpfung verursacht keine wesentliche 
j Verschiebung des erreichten normalen Blutbildes. Eine dritte Schutz- 
| impfung dürfte daher überflüssig sein. Wichtig ist eine schon bald nach 
I der ersten, längstens zweiten Impfung auftretende Eosinophilie. Sie 
| spricht gegen eine wirkliche Typhuserkrankung. Die Eosinophilenzäblung 
| ist als ein wichtiges Hilfsmittel zur Stellung der Typhusdiagnose zu 
bezeichnen, sie ist der Grub er- Widal sehen Reaktion überlegen, da 
1 diese für die Typhitsdiagnose infolge der Schutzimpfung nicht mehr 
j in Betracht kommt. Das Blutbild nach erfolgter C h ol e r aSchutzimpfung läßt 
j lediglich eine leichte Leukocytose (für gewöhnlich nach der zweiten 
Impfung) ersehen; hierin etwa dürfte die „negative Phase“ zu er¬ 
blicken sein. 

Emm, Kondoleon (Athen): Die Dauerresultate der chirurgischen 
Behandlung der elephantiastischen Lymphödeme. Die vom Verfasser vor¬ 
geschlagene Excision der tiefen Fascie gibt durchaus befriedigende 
* I Resultate, wenn mau berücksichtigt, daß es sich um ein Leiden handelt, 
r I das früher durch kein Mittel zu bekämpfen war. Die Operation ver- 
s I spricht viel mehr Erfolg in frischen Fällen, das heißt in solchen, die mit 
^ ! keiner Lymphstauung verbunden sind, als da, wo es schon zu reicher 
a | Bindegewcbswuclierimg und vorgeschrittener Sklerose gekommen war. 

- I Grober (Jena): Hygienische und ärztliche Beobachtungen im Belad 

*. ] el Djerld (Südtunesien). (Schluß) Ein sehr ausführlicher Bericht, Das 
n : bereiste Gebiet (französische Kolonie.) liegt zwischen der tunesischen 
r | Steppe und der Sahara, zum Teil bereits in dieser, und erhalt eine 
ie i Steigerung seiner klimatischen Eigenarten durch Salzsümpfe von vielen 
di l Hunderten Quadratkilometer Fläche, an und zwischen denen es sich er- 
er 1 streckt. Es gehört daher zu den am meisten sonnendurehstrahlUm, 
ie | wärmsten und trockensten Teilen der Erde. Da die klimatischen 
:it ! Eigenschaften dieser Gegend vielerlei Aehnlichkeiten mit einigen Teilen 
Deutsch-Ostafrikas lind mit last ganz Deutsch-Südwestafrika bieten, ist 
der vorliegende Bericht gerade für Deutschland von Wichtigkeit. ^ 

Rudolf Max P a p e u d i e c k: Neosalvarsanbehandlung bei Rückiall- 
fieber. Beschreibung eines durch intravenöse Injektionen von NeosalvitfÄd 
sr " geheilten Falles. 

|!j_ FeldUrztlirhe Beilaffe Nr. 16. 

lie I Gen n er ich: Zur Behandlung der Haut- und Geschlechtskrankheiten 

les | im Felde. Aus dem ausführlichen Ueberblick sei hervorgehobeo: Da ie 
lte latente Syphilis der Prostituierten auf zirka 90% zu schätzen ist, sollten 
tig i alle Puellae publicao in achtwöchigen Abständen 14 Tage im Kraiikcnlmu 
ch. | auf Tripper und Syphilis behandelt werden, und zwar jener mit Argentum- 
ns- | nitricum-Spühingen zweimal täglich, diese mit zwei bis drei Salvarsan- 
be- ! Injektionen. Dadurch kommt es zwar nicht zur Heilung, aber zu euiu 
das 1 gauz wesentlichen Einschränkung der Infektiosität. Bei der friscuo 
ige- I Sekundärsy 1>hilis der Soldaten würde eine ausreichendei Sah^ 1 ^ 
ürs I behändluug die Kranken zu lange von der Front entfernen. Ls ist a ■ 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2 . Mai. 


523 


auf Salvarsanbehandiung ganz zu verzichten. Denn eine unzureichende 
Anwendung dieses Mittels in einem so expansionskräftigen Stadium wie 
dem frischen Sekundärstadium ist zu bedenklich (akutes Neurorezidiv 
oder Meningorezidiv bei der in diesem Stadium stets vorhandenen 
neningealen Infektion!). Es empfiehlt sich daher in diesem Stadium im 
to&'te',- pvid allein die symptomatische Hg-Bebandlung (Scbmierkur von 144 g 
oder zehn bis zwölf Kalomelspritzen k 0,05). Sie fährt zwar zu den 
!i terminmSöigen Rückfüllen, die dann wieder vier bis sechs Wochen auf 

1 der Etappe zu behandeln sind, sie gefährdet aber keineswegs in so 

ernster Weise die Felddienstfähigkeit und auch die weitere Zukunft der 
Patienten, wie es nach symptomatischer Salvarsanbehandiung der Fall 
sein kann. Die Behandlung der Syphilis im Kriege hat also andere Auf¬ 
gaben als im Flieden. Gefordert wird schließlich eine tägliche Urin- 
t Untersuchung auf Eiweiß bei der Schmierkur, beim Salvarsan, ganz be¬ 

sonders aber bei den Injektionen von hochprozentigen Quecksilberölen. 

Ehret (Straßburg): üeber Lungenschüsse und deren Behandlung 
l|< durch Punktion und Einfassen von Luft in die Brusthöhle. Zugrunde 

as-aG* gelegt wurden zirka 100 Fälle, die der Verfasser untersucht, behandelt 

und beobachtet hat. Darunter sah er nicht einen tödlichen Ausgang. 
w Er schließt aber daraus nicht auf eine gute Prognose der Lungensckiisse. 

Zar Feststellung der Prognose der Lungenschüsse überhaupt ist jedes 
einseitige, durch äußere Umstände beeinflußte Material ungeeignet. Des 
Verfassers Fälle sind frühestens fünf Tage, in der Regel acht bis zwanzig 
Tage nach der Verletzung eingeliefert worden (es scheiden also aus alle 
die, die sofort auf dem Schlachtfelde selbst infolge von Lungenschuß 
fielen, ferner die, die innerhalb der ersten Tage daran starben, und end¬ 
lich die schweren, nicht transportfähigen). Die Punktion mit künst¬ 
lichem Pneumothorax durch Einlassen von Luft ist ein wirksames Mittel, 
gefährliche Exsudate zu entfernen, nicht nur unter Vermeidung der 
ßhitungsgefahr, sondern unter diiekter Bekämpfung der Blutung. Das 
ist wichtig, da speziell die Exsudate bei und nach Lungonschüssen häufig 
zu dicken Schwarten und Retraktionen führen. Zu dieser Behandlungs- I 
«eise bedarf es keiner besonders komplizierten Apparate, da der künst¬ 
liche Pneumothorax ohne Bedenken durch Einlassen gewöhnlicher atmo- J 
sphärischer Luft bewerkstelligt werden kann. 

Krez (Bad Reichenhall): lieber Lungenschusse. Die beobachteten 
Fälle waren nur solche, die schon in heimischen Lazaretten behandelt 
worden waren, aber wegen verzögerter Heilung dem klimatischen Kurort 
überwiesen wurden. Neben der Freiluftkur kamen Solbäder, pneumatische 
Kammer, hydrotherapeutische Maßnahmen in Anwendung. Aber trotz 
alledem dauerte es recht lange, bis ein befriedigendes Resultat erzielt 
und namentlich auch die Neigung der durch Schuß verletzten Lunge zu 
frischen, recht hartnäckigen Bronchialkatarrhen voll überwunden wurde. 

K. Herrenschneider (Hamburg): Zur Frage der Behandlung von 
Bjjoneftstichverleteungen der Lunge. Die Verletzungen durch das auf- 
gepflanzte Seitengewehr enden meist schon auf dem Schlachtfelde tödlich. 

Der Verfasser berichtet jedoch über einen Fall mit vollständiger Durch¬ 
stechung des Rumpfes, in dem die Verletzung unter konservativer 
Behandlung einen recht günstigen Verlauf nahm. Es ist also bei Bajonett- 
«liiverletzungen der Lunge nicht immer die Rippenresektion erforderlich. 

W. Unverricht (Davos): Lungenschuß ohne Lungenerscheinungen. 

Per Kranke zeigte bei der Röntgenaufnahme in der linken Thoraxseite 
ein Geschoß (französisches Vollgeschoß, das in der Lunge schräg von 
hinten nach vorn lag), von dessen Existenz er nichts wußte. Es war 
nach der Verwundung nicht der geringste Husten oder Auswurf auf- 
getretoD. Das Geschoß war mit abgeschwächter Kraft in den Körper 
eingedrungen und hatte sich infolge des Widerstandes an den Körper¬ 
lich teilen umgedreht. 

Hiedinger (Würzburg): Zur Unlerbindung der Carotis communis 
weh Schußverfetiung. Da nach der Ligatur der Carotis communis 
Konvulsionen und Lähmung der einen Körperseite häufig auftreten (in- 
der plötzlichen Blutleere der Hirnhälfte), hat Ceci vorgeschlagen, 
gleichzeitig- mit der Carotis communis die Vena jugularis interna 
211 unterbinden, in der Annahme, daß dadurch der Rückfluß des Bluts 
‘•■s dem Gehirn langsamer vor sich gehe. In einem Falle ist nun »der 
' Nasser in diesem Sinne vorgegangen , und zwar trat dabei von seiten 
Firnis nicht die geringste Störung auf. 

Schlesinger: Die Ungeziefer bekämpf ußg in einem Kriegsgefangenen* 

‘ a X e f- S ach den Angaben des Verfassers wurden zwei Desinfektions- 
■' '-"Or gebaut, eines zur Desinfektion neu eingelieferter Kriegsgefangener, 

"" ztve *te zur Entlausung der bereits im Lager befindlichen. Die Des- 

I f 'htion der Kleider geschah durch Verbrennung von Schwefel. 

0. Fleuster (Bonn): Extensfonsverbände mit dem Heusnerschen 
“ndfirnis. Es handelt sich hierbei um eine Lösung von Kolophonium 

II v ’iiz„j zu gleichen Teilen unter Beigabe eines Gewicbtsteils Venetian. 

' 'i' üims. Diese Lösung besitzt eine vorzügliche und schnelle Klebe* 

,a t und reizt die Haut nicht im geringsten, auch wenn der Extensions¬ 


verband lange liegen bleibt. Die Technik der Anlegung eines Extensions¬ 
verbandes wird beschrieben. 

Eysell: Ein einfaches Vorbengungsmittel gegen Verlausung und 
ihre Folgen. Der vom Verfasser empfohlene gefällte Schwefel (Sulfur 
praecipitatum) ist ein Prophylaktikum (kein Remedium) gegen Pediku- 
losis. Man schüttet das Pulver in kleinen Häufchen über die ganze 
Unterkleidung und bürstet es dann ein. Eine gleichzeitige Imprägnie¬ 
rung der Innenfläche der Hals- und Leibbinde ist unerläßlich, eine solche 
der Tuchhose und des Waffenrocks aber zwecklos, da diese mit der 
Oberhaut des Trägers nicht in direkte Berührung kommen. Man soll 
daher das Unterzeug (sowohl die benutzten wie die Reservehemden usw.) 
der ausrückenden Truppen schon am Garnisonsorto schwefeln. Dann 
sind bis zur Ankunft am Bestimmungsorte die Schutzstoffe in genügender 
Menge gebildet. (Der Schwefel muß in die Unterkleidung eingerieben 
werden, nur so wird der eigentliche Sitz der Kleiderlaus getroffen; 
denn diese sitzt nicht auf der Haut, sondern in den diese umhüllenden 
Stoffen und streckt aus diesen nur ihren Rüssel zum Stechen heraus.) 

Fritz Levy: Zur Behandlung des Fleckfiebers. Urotropin ist 
weder per os noch subcutan verabreicht ein Heilmittel gegen Fleckfiebcr. 
(Der Verfasser sah nach diesem Mittel heftige Durchfälle und starke 
Hämaturie auftreten.) Die beste Therapie bleibt vielmehr: laue Bäder 
mit kühlen Abgießungen und sorgfältige Ueberwachung der Herztätigkeit 
(01. camphorat.: Coffein, natrio-salicyl.; Digitalis). F. Bruck. 


Bflcherb esprec fningen. 

A. Kofimann und S. Jacoby, Urologischer Jahresbericht einschlie߬ 
lich der Erkrankungen des männlichen Genitalapparats. 
Literatur 1913. Leipzig 1914. Dr. Werner Kliukhardt. 540 S. M 24,—. 
Der Kollm an n-Jacoby sehe Urologische Jahresbericht ist fin¬ 
den Fachmann wie für den praktischen Arzt ein unentbehrlicher Gehilfe 
geworden. Ungefähr um den zehnten Teil seines Umfangs vermehrt, 
beweist er die fleißige wissenschaftliche Arbeit auf diesem Sondergebiete- 
Die einzelnen Abschnitte der Physiologie (R. du Bois-Reymond). 
Anatomie (Geißler und Glaserfeld), Pathologie und Therapie der 
Nieren und Harnleiter (Chirurgie: Karowski und Marcuso; nicht- 
chirurgische Erkrankungen: P. P. Richter und N. Meyer), Erkaukungon 
der Blase und Prostata (L. Schneider), die Gonorrhöe des Maninil 
(v. Notthaft), die chirurgischen Erkrankungen de« Penis, der Urethra, 
der Samenstränge, dm- Hoden, Nebenhoden und Sameiiblasen (II. Wos- 
sidlo und E. Wossidlo), nervöse Störungen des Harn- und Gcnilal- 
apparats (A. Molli, die Krankheiten der Harnorgane des Weihes 
(R. Knorr), Harnstrenge (A. Lew in), Bakteriologie (E. Saul), die 
Erkrankungen des Urogeuitalapparats der Haustiere (R. Eberlein und 
Dornis) sind auf Grund der Arbeiten vieler Referenten von den oben¬ 
genannten Autoren mustergültig zusammengestellt worden. 

Mankiewicz. 

F. v. Müller, Spekulation und Mystik in der Heilkunde. Ein 
Ueberblick über die leitenden Ideen der Medizin ira letzten 
Jahrhundert. Beim Antritt des Rektorats der Ludwig-Maximilians* 
Universität verfaßt. München 1914. Lindauersche Buchhandlung. 
39 S. M 1,60 

In dem ersten Teil der anregenden und gedankenreichen Arbeit 
wird über die medizinischen Anschauungen einiger Kliniker der alten 
bayrischen Universität Landshut - München aus dem 1. bis 4. Jahrzehnte 
des letzten Jahrhunderts berichtet. Die Entwicklungslinio der Natur¬ 
wissenschaften, die mit Baco und Galilei anfängt und in der Medizin durch 
Harvey, Boerhaave, van Swieten, Morgagni, Haller bezeichnet 
wird, erfährt in dieser süddeutschen Schule eine Unterbrechung infolge 
des Einbruchs einer mystischen, religiösen und naturphilosophischen 
Betrachtungsweise. Das Streben jener Zeit, die Wissenschaft als Knust 
zu fassen und die Natur einfach und übersichtlich zu konstruieren, führte 
jene Aerzte dazu, von den Fragen nach den letzten Dingen auszugeheu, 
die Baco von seinem neugewonnenen Standpunkt einer streng natur¬ 
wissenschaftlichen Arbeitsmethode aus schon 300 Jahre früher als 
„unfruchtbar und Gott geweiht“ bezeichnet hatte. — Daran schließt 
F. v. Müller einige geschichtliche Notizen über die Mystik in der 
Geschichte der Medizin. — Endlich behandelt er kurz das Wiedcr- 
anknüpfen an die Entwicklungslinie und die naturwissenschaftliche 
Renaissance der Medizin durch Rokitansky, durch die morpho¬ 
logisch-mikroskopischen Entdeckungen Rudolf Virchows, und die 
Forschungsmethoden Robert Kochs und schließlich die neueren An¬ 
schauungen über Krankheitsbereitschaft und -bedingungen. Die Medizin 
als Naturwissenschaft kann nur von neuen Tatsachen und Methoden 
dauernden Gewinn erwarten, aber die ärztliche Kunst wird darüber hinaus 
psychologischen und psychopathischen Bedürfnissen des Kranken Rech¬ 
nung zu tragen haben. Hierbei ist von der Entwicklung psycho-biologischer 
Forschungen vielleicht noch mancherlei Förderung zu erwarten. K. Bg. 


M\ 


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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 18. 


2. Mai. 


Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen. 

Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien. 


X. k. Gesellschaft der Aercte in Wien. Hel 

Rei 

Sitzung vom 23. April 1915. 

Bert. Be er. stellt einen in Heilung begriffenen Fall von Ex 
sogenannter diffuser Sklerodermie vor. Die Frau litt vor ^ 
20 Jahren an Raynaudscher Affektion, 10 Jahre später ent- we 
wickelte sich das Bild einer diffusen Sklerodermie, das Gesicht P* 

wurde allmählich starr, die Bewegungen der Extremitäten waren 
sehr erschwert, die Finger zeigten Mutilationen. Yor 6 Jahren St 
fielen der Pat. spontan alle Zähne aus. Bei der sogenannten au ( 

diffusen Sklerodermie betrifft der Prozeß vorzugsweise die Musku- s ® 

latur, die Haut ist nur dort ergriffen, wo sie einem stärkeren I 
Druck ausgesetzt ist, namentlich über den Sehnen der Beugeseite. N] 
Dieser Prozeß ist keine Hauterkrankung, sondern er gehört in das £ e 
Gebiet der inneren Medizin und steht der rheumatoiden Arthritis zu 
nahe. Der Kranken wurde von Dr. Sa fron eine Zahnprothese ein- I 
gesetzt, der Abdruck für diese mußte in 6 Stücken vorgenommen I " 
werden, da Pat. den Mund nicht mehr als 2cm öffnen konnte. I vc 
Vortr. hat die Kranke in 80 Sitzungen nach der von ihm vor ! S€ 
20 Jahren angegebenen mechanischen Methode behandelt, durch I 
welche schon eine weitgehende Beweglichkeit der Arme und der I E 
Finger erreicht worden ist, namentlich die Finger sind gut beweg- ^ 
lieh. Es ist kein Gelenk ankylotisch, trotzdem die Unbeweglich- I n 
keit jahrelang angehalten hat. I K 

R. Monti führt aus dem St. Anna-Kinderspital einen 12jähri- I t] 
gen Knaben vor, bei welchem ein Ileumvolvalns infolge von I ?! 
Mcckelschem Divertikel operativ behandelt worden ist. Der I J 
Knabe erkrankte plötzlich mit Fieber, Erbrechen und Bauch- I 1 
schmerzen; die Untersuchung ergab ein bretthart gespanntes, a 
überall druckempfindliches Abdomen und in demselben einen faust- I e 
großen beweglichen Tumor. Bei der Laparotomie wurde ein blutig I * 
tingiertes Exsudat in der Bauchhöhle, ferner ein kindskopfgroßes I k 
Konvolut stark geblähter und miteinander verklebter Dünndarm- I \ 
schlingen vorgefunden. Es handelte sich um einen Volvulus im I 
unteren Teil des Ileum; in der Nähe der Torsionsstelle saß eine I 
Geschwulst, welche abgetragen wurde; diese war ein 11cm langes I ] 
und 7 cm breites Meckelsches Divertikel, welches 50 cm entfernt I 
von der Ileozökalklappe saß, ein kleines Mesenterium hatte und I ! 
mit fäkulenten Massen gefüllt war. I 

J. Fiebiger bespricht die Morphologie der Kleiderlaus. I 
Die Eier werden in die Wäsche abgelegt, aus ihnen kriecht in I 
8 Tagen die Brut heraus und aus dieser entwickeln sich binnen 
2—3 Wochen geschlechtsreife Individuen. Wasserlösliche Mittel I 
sind zur Vertilgung der Tiere schwer brauchbar, dagegen wirken 
gut Substanzen, welche leicht in Dampf übergehen, wie Ammoniak, I 
Schwefelkohlenstoff, Schwefeldioxyd und ätherische Oele; diese 
dringen in die Tracheen ein. Die Salben und die fetten Oele 
wirken mehr mechanisch, indem sie die Stigmen der Tracheen 
verstopfen. Bei der grauen Salbe scheint auch der Quecksilber¬ 
dampf wirksam zu sein. Vortr. erwähnt kurz die Krankheiten, 
welche durch Insekten übertragen werden. Die Uebertragung ge¬ 
schieht, abgesehen von der zufälligen Uebertragung durch das 
Haften des infektiösen Materials am Tiere, meist durch Stich. Das 
Yirus wird im Magen deponiert oder es vermehrt sich sogar 
daselbst und wird wieder durch einen Stich auf den Menschen 
übertragen. Manche Erreger machen im Wirt eine Entwicklung 
durch, z. B. die Malariaparasiten. Bei Zecken werden mit dem Virus 
die Eier und infolgedessen auch die Nachkommenschaft infiziert. 
Die Kleiderlaus ist die Uebertragerin des Flecktyphus, dessen | 
Erreger wir nicht kennen. Es ist aber festgestellt, daß die Laus 
nicht sofort imstande ist, zu infizieren, wenn sie an einem kranken 
Menschen gesogen hat, sondern erst nach mehreren Tagen; das 
Virus macht also wahrscheinlich eine gewisse Entwicklung in der 
Laus durch. Es gelangt in die Speicheldrüsen und mit deren Sekret 
wird es in die Blutbahn eingeführt. 

Frh. A. v. Eiseisberg demonstriert einen Pat., dem alle vier 
Extremitäten amputiert wurden und der trotzdem arbeitsfähig 
ist. Der 38jährige Mann geriet vor 8 Jahren in Amerika in einen 
Starkstrom von 68000 Volt, 'wobei ihm alle Extremitäten so ver¬ 
brannt wurden, daß sie in der Mitte des Oberarms und der Unter¬ 
schenkel amputiert werden mußten. Bald nachher begann Pat. 
Uebungen mit den Extremitätenstummeln vorzunehmen; nach einem 
halben Jahr verfertigte ihm ein amerikanischer Bandagist künst¬ 


liche Prothesen, welche er noch bis jetzt trägt und welche wenig .V*’b 
Reparaturen erfordert haben. In den Beinprothesen sind die Unter* - ^ 
schenkelstummel suspendiert. Bei den Prothesen für die oberen 
Extremitäten sind die vier Finger miteinander vereint und unbeweg* i 

lieh, der Daumen ist beweglich und wird durch ein Band adduziert, 
welches durch Bewegungen der kontralateralen Achsel dirigiert wird. Vjsi# 
Pat. kann sich allein an- und ausziehen, essen, schreiben und alle ci 
möglichen Verrichtungen vornehmen, ferner kann er tadellos ohne V# 
Stock gehen und macht Märsche bis zu 18 km im Tag. Pat. wurde -'r&w 

auf die Klinik aufgenommen, wo er den amputierten Soldaten durch % m 
sein eigenes Beispiel zeigt, bis zu welcher Vollkommenheit die Funk* M 
tion amputierter Extremitäten ausgebildet werden kann, was für die I ~ 
Amputierten sicher einen Trost bedeutet. Es wird geplant, den vor* l 
gestellten Mann auch an anderen Kriegsspitälera zu gleichem Zweck , • ; 
zu demonstrieren. \* *4 l 

Derselbe: Bericht Uber den Kriegscbirnrgentag in j , r 4 
Brüssel. Der Kriegschirurgentag fand am 7. April statt und wurde . 4 ': 
von ungefähr 1100 deutschen Feldärzten besucht. Vortr., welcher die* ^ 
sem Kongreß beigewohnt hat, bespricht die wichtigsten Ergebnisse , ^ 
desselben. Von 21 deutschen Ordinarii der Chirurgie stehen 18 im r 
Felde als beratende Chirurgen bei den Armeekorps, ebenso andere nam* -4" 
hafte Chirurgen. Auf dem Kongreß wies Garre daraufhin, daß Gra¬ 
natschüsse sehr häufig schwer infiziert sind, so daß ein operativer Ein¬ 
griff bald nach der Verletzung indiziert ist; als das beste Desinfek¬ 
tionsprinzip derartiger zerfetzter Wunden hat sich dieEntfemung der 
zertrümmerten Ränder ergeben. In der letzten Zeit nimmt die Infek¬ 
tiosität der Schußverletzungen zu, vielleicht infolge des längeren 
Liegens der Soldaten im Schützengraben, vielleicht infolge der neuen 
amerikanischen Munition. Die Blutstillung erfolgt am besten mittelst 
einer Klemme, welche liegen bleibt; die Esmarchsche Blutleere hat 
manchmal Schaden angeriebtet. Rehn äußerte sich in demselben 
Sinn, er spricht sich besonders gegen das dauernde Abschnüren 
der Extremitäten zur Blutstillung aus. Vor der Tamponade frischer 
Wunden ist allgemein gewarnt worden. Garrd betont die Not¬ 
wendigkeit der Trepanation bei Tangentialschüssen des Schädels 
und der Laparotomie bei Bauchschüssen, wenn sie sehr bald and 
von einem geübten Chirurgen ausgeführt werden kann. Es wurde 
auch über das häufige Vorkommen von Sepsis im Anschluß an 
Verletzungen geklagt. Kümmel sprach über Tetanus. Mehrere 
gefangene französische Aerzte hatten ihm mitgeteilt, daß der Te¬ 
tanus in Frankreich häufiger als in Deutschland vorkomme, so daß 
manche Chirurgen sogar vor aseptischen Operationen prophylaktisch 
Tetanusantitoxin injizieren. Auch im deutschen Heer ereigneten 
sieb zahlreiche Tetanusfälle, welche tödlich endeten. Als Therapie 
soll die Injektion von 200—400 A.-E., kombiniert mit Magnesium 
sulfurieum und Chloralhydrat, versucht werden. Franz gibt dem 
' deutschen Serum den Vorzug und empfiehlt, bei allen Grauatver- 
11 letzungen sofort prophylaktisch die Injektion vorzunehmen. Ritter 

I und Kausch haben bei allen schweren Granatverletzungen das 
Tetanusantitoxin injiziert und sahen keinen Tetanus; als ihnen 

’ aber das Serum ausging, sahen sie gleich Tetanusfälle auftretem 
Körte hat dagegen 28 Tetanusfälle beobachtet, von denen 21 obw 
s Serumbehandlung zur Ausheilung kamen. Lex er hat von Deku- 
s bitus noch nach W ochen einen Tetanus ausgehen gesehen, er ho- 
r richtete über günstige Erfolge von der Anwendung des Anti* 

II toxins; er war aber vorwiegend im Hinterlande tätig, wohin also 
£ schwere Fälle nicht gebracht wurden. Es ergab sich als Schieß 
■ 3 der Ausführungen aller Redner, daß das Tetanusantitoxin immer 

prophylaktisch injiziert und kurativ nicht fallen gelassen werden 
11 soll. Kümmel berichtete über Gasbrand, welcher in Frankreich 

ls öfter beobachtet wurde. Franz bat unter 58 Fällen in der Hälfte 

>n derselben als Erreger den Fränkelschen Bazillus nachgewiesen, 
die Mortalität betrug 44°/ 0 . Nach seinen Beobachtungen ist der 
QT epifaszial ausgebreitete Gasbrand leichterer Natur und soll dnre 
et ausgiebige Inzisionen behandelt werden; wenn der Prozeß unter¬ 
halb der Faszie liegt, was durch eine Probeinzision festgeste 
er werden kann, ist die Prognose schlecht und es muß amputier 
ig werden. Mehrere Referenten wiesen darauf hin, daß die Amputa io 

en nicht immer im Gesunden gemacht werden muß. Das klinisc t 

ar- Bild des Gasbrandes kann sich in 2—3 Tagen verschlechtern, e 
ar- Puls schnellt außerordentlich rasch hinauf; man muß ^ s0 .. 
at. Pat. unter genaue Beobachtung stellen, um nicht die Zeit z 

em operativen Eingriff zu versäumen. Es scheint, daß der öasbrAna 

st- an den unteren Extremitäten schwerer verläuft als am ü 


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2. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18 


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Körper. Kolle hofft, daß es möglich sein wird, auch für den Gas¬ 
brand ein Serum herzustellen. Tillmann und Enderlen wiesen 
darauf hin, daß Durchschüsse durch den Schädel aus nächster 
Nähe tödlich sind: Durchschüsse, welche zum Chirurgen kommen, 
sind aus weiter Entfernung zustande gekommen. Tangential- und 
Prellschüsse des Schädels soll man operieren, aber nur dann, wenn 
man über die notwendige Technik verfügt und der Pat. nachträg¬ 
lich längere Zeit ruhen kann. Diese Erfahrung wurde auf der 
Klinik f. E. bestätigt. Tillmann trachtet, Meningitis frühzeitig 
durch die Lumbalpunktion zu diagnostizieren. Enderlen empfiehlt 
die Operation aller Schädelschüsse, er ist vorn tätig und kann 
auch die Pat. längere Zeit in seinem Spital lassen. Die Mortalität 
betrug bei den von ihm beobachteten Schädelschüssen 44 0 / 0 . Bier 
erwähnt, daß man zum Zweck der Entfernung einer im Gehirn 
stecken gebliebenen Kugel den Pat. längere Zeit auf der Ein¬ 
schußöffnung liegen lassen soll, wohin die Kugel manchmal 
wandert. Diese Erfahrung konnte v. E. auf, seiner Klinik nicht 
bestätigen. Burckhard empfiehlt die operative Behandlung des 
Prolapsus cerebri nach Verletzung, man soll die Bruchpforte ver¬ 
größern; je größer sie ist, desto mehr schrumpft der Prolaps zu¬ 
sammen. Sauerbruch und Borchart berichteten über Brust- 
scbüsse. Bei diesen soll man möglichst konservativ vorgehen mit 
Ausnahme der Granatschüsse mit großen Zerreißungen. In solchen 
Fällen soll man nach Sauerbruch die Pleura frühzeitig nähen, 
um in der Brusthöhle normale Spannungsverbältnisse zu schaffen 
und eine Infektion zu verhüten. Bezüglich der Bauchschüsse haben 
einige Chirurgen ein konservatives, andere ein operatives Ver¬ 
fahren angeraten; die Erklärung dieser Differenz ergibt sich 
daraus, daß die OperationsVerhältnisse am östlichen Kriegsschau¬ 
platz ungünstig, auf dem westlichen sehr günstig sind. Enderlen 
berichtete über einen Fall von achtfacher Perforation des Darmes, 
welche durch Operation geheilt wurde. Wenn man in den ersten 
Stunden nach der Verletzung die Darmnaht ausführen kann, soll 
man dies tun, ein langes Zuwarten und ein Operieren unter un¬ 
günstigen Verhältnissen sind für den Pat. gefährlich. Payer 
(Leipzig) hat als zweckmäßige Methode zur Eröffnung des Knie¬ 
gelenkes die Spaltung von rückwärts empfohlen. Ein Militärarzt 
hat sich entschieden gegen den Gipsverband ausgesprochen. Er 
stieß aber aal Widersprach, da der Gipsverband den Kranken 
transportfähig macht. Anschütz bat die Hackersche Schiene 
für den Transport von Pat. mit Oberschenkelfrakturen empfohlen, 
auch Rehn und v. E. haben Schienen angegeben. Es ist dringend 
nötig, den frakturierten Oberschenkel zu fixieren, der Petitsche 
Stiefel reicht für solche Fälle nicht aus. Bier hat eine sehr große 
Zahl ?on Aneurysmen nach Schußverletzungen beobachtet, er hat 
"G Fälle durch Naht der Gefäßwand an der Abgaugsstelle des 
Aneurysmas geheilt. Die Wundnaht ist sicherer als die Unter¬ 
bindung, da letztere zu Folgeerscheinungen führen kann, nament¬ 
lich ist das Gleichgewicht der Extremität lange gestört. — Vortr. 
hat auch eine Stadt in der Nähe der Front besucht, wo Enderlen 
wirkt. Er bekommt in V 9 — V/ 2 Stunden die Verwundeten von der 
Front eingeliefert, infolgedessen hat er bei seinen Operationen 
sehr günstige Resultate, darunter auch bei Darm Verletzungen. Er 
operiert an drei verschiedenen Orten, von denen zwei ganz modern 
eingerichtet sind. Sauerbruch besitzt ebenfalls ausgezeichnete 
Operationseinrichtungen. In einem Spital für Typhuskranke sah 
Vortr. einen 70jährigen Anatomen aus Marburg als Kommandanten 
des Spifcales tätig. H. 


liehen Ueberanstrengungen des Krieges. Man sieht daher die ver¬ 
schiedensten Formen der Herzkrankheiten im Kriege, ohne daß man 
von einem eigentlichen Kriegsherzen sprechen kann. Neurasthenische 
und hysterische Formen kommen vor, das richtige Arbeiterherz, 
das durch sexuelle Erregungen überanstrengte Herz, das Unfall¬ 
herz, die paroxysmale Tachykardie, die Angstneurosen, die Brady¬ 
kardie und noch andere Formen. Die Untersuchung ist im Felde 
schwierig. Geräusche sind nicht maßgebend, auch die Perkussion 
versagt oft, weil die Lungen gebläht sind, der Puls ist fast immer 
beschleunigt. Daher ist die Röntgenuntersuchung stets erforderlich 
und auch überall möglich. Die Elektrokardiographie ist natürlich 
nicht durchführbar. Der Blutdruck ist häufig sehr niedrig, der 
Urin besonders nach anstrengenden Märschen sehr hochgestellt. 
Da viele ältere Männer im Felde stehen, ist auch die Arterio¬ 
sklerose häufig zu beobachten. Sehr oft treten Veränderungen am 
Herzen und am Gefäßsystem bei Syphilitikern auf, wie denn auf¬ 
fallenderweise der Wassermann im Felde bei vielen wieder positiv 
wird nach langjährigem negativen Verhalten. Etwas Aehnliches 
sieht man bei der Tuberkulose, die plötzlich aufflackert, und bei 
der Tabes. Die Prognose ist im ganzen nicht günstig. Viele Fälle 
werden wohl dauernd ihre Beschwerden behalten. Trotzdem ist 
Tätigkeit besser als die fortwährend wechselnde Sanatorium behand- 
lung. Die Narkose läßt K. in allen Fällen vornehmen, da darin 
eine Schädigung des Herzens nicht zu sehen ist. Die Behandlung 
soll in den Etappen vorgenommen werden, weil man dann die ge¬ 
besserten Kranken schneller ins Feld schicken könne, wo sie 
dringend gebraucht werden. Begehrungsvorstellungen kommen 
natürlich auch bei den Soldaten vor, nur richten sie sich einst¬ 
weilen lediglich auf das Nachhausereisen und auf das Niehtwieder- 
zurückkommen. 

Brugsch: Erschöpfung. Des Gleichgewicht wird im Körper 
durch fortdauernde Lebensprozesse hergestellt. Da spielen äußere 
Reize, wie Geräusche und sensible Einflüsse, Lichtreize, Kälte und 
Wärme eine Rolle, die sich im ruhigen Leben nicht hoch bewerten 
lassen, aber im Krieg ungeheure Bedeutung erlangen. Wenn wir 
uns vorstellen, daß viele von Natur schwache Menschen viele 
Wochen und Monate im Feuer der Geschütze und beim Getöse 
der Granaten unter ungünstigen hygienischen Zuständen verbringen, 
so können wir begreifen, daß ihr Nervensystem erschüttert wird, 
daß es zu einem Verbrauch der Kräfte im Sinn Edingers 
kommt. Schon im gewöhnlichen Leben ist die Ruhe erforderlich, 
um der übermächtigen Abnutzung des Körpers entgegenzuwirken. 
Die Ermüdung ist die Regulierung für unsere Arbeit. Wir sorgen 
dafür, daß Einnahme und Leistuag sich das Gleichgewicht halten. 
Bei der sportlichen Leistung wird durch die aufgebotene Energie 
das Stadium der Erschöpfung hinausgeschoben und kann durch 
Trainieren auf eine höhere Stufe gebracht werden. Im Kriege 
haben wir es oft mit schwachen Menschen und mit Herzkranken 
zu tun. Darum sehen wir häufig genug den Zusammenbruch, die 
völlige Erschöpfung. Wir können in solchen Fällen keine andere 
Diagnose stellen als diese. Wir kennen den Zustand aus den 
Fällen von Inanition oder aus den Fällen übertriebener Sport¬ 
leistungen (Sechs-Tagerennen). Die Nebennieren haben ihre Funk¬ 
tion eingestellt, das Glykogen ist verbraucht, das Nervensystem 
befindet, sich in einem zumeist gelähmten, später stark erregten 
Zustand. Die Erholung dauert gewöhnlich lange Zeit. Die Be¬ 
handlung geschieht unter Anwendung aller diätetischen und physi¬ 
kalischen Hilfsmittel. 


1 orfragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort« 
bildnngswesen in Preußen. 

V. 

Benda: Pathologisch «anatomischer Befand bei Fleck¬ 
fieber. B. hat in 2 Fällen von Fleckfieber die genaue Untersuchung 
öes Gehirns vorgenommen und spezifische entzündliche Verände¬ 
ren in der Hirnrinde gefunden, die das Vorwiegen der Zerebral- 
erscheinongen im letzten Stadium des Fleckfiebers erklären. Diese 
kleinen Entzündungsherde sind bereits 1875 und später von Popow 
beschrieben worden. (Am Kriegsärztlichen Abend, den 23. März 
iyia , ,m Langenbeckhause.) 

, ..^. raus: Herzkrankheiten. Abgesehen von den Infektions- 

TankheiteD, nehmen die Herzkrankheiten unter den inneren Fällen 
en Hauptplatz ein. Das liegt daran, daß viele Leute mit ge- 
u 6r kaktungsfähigkeit eingestellt werden, ferner daran, daß 
J D ach Typhus und anderen Infektionskrankheiten häufig 
ranKt, and schließlich an den vielfachen psychischen und körper- 


Kleine Mitteilungen. 


(Militärärztlich es.) ln Anerkennung tapferen und auf¬ 
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor 
dem Feinde ist den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. J. Pospischii des 
I.-R. Nr. 79, J. v. Hetyey des Res.-Sp. Nr. 2/12, L. Deutsch 
des Res.-Sp. Nr. 5/12, den St.-Ae. DDr. A. Schafler der i.-Div.- 
San.-A. Nr. 7, S. Rares, Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 33, 
N. Nürnberger, Kommand. des Deutschen Ordens-Sp. Nr. 3, 

L. Den es des 3. Armee-Etapp.-Kmdo., den R.-Ae. DDr. J. Urbach 
des Feld.-Sp. Nr. 4/7, K. Ruäiöka, San.-Chef der 13. L.-I.-Div., 

M. Gerber, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/14, A. Wach des 
4. Armee-Etapp.-Kmdo., den R.-Ae. d. Res. DDr. K. Budzynski, 
Kommand. des Feld-Sp. Nr. 2/14, G. Orgelmeister, Kommand. 
des Feld-Sp. Nr. 7/9, dem R.-A. d. Ev. Dr. F. Leger beim Lst.-I.-R. 


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UNIVERSITY OF IOWA 







526 


1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 


2. Mai. 


Nr. 8, den O.-Ae. d. Bes. DDr. L. Böhler der I.-Div.-San.-A. Nr. 8, | W 
J. Schleinzer der 4. Arraee-Etapp.-Kmdo., dem Lst.-O.-A. Dr. I sie 
0. Baumgartner des Feld-Sp. Nr. 9/14, dem A.-A. d. Res. 1 In 
Dr. M. Mare sch des Feld-Sp. Nr. 2/14 und den Lst.-A,-Ae. DDr. I 
J. Schmidt des Feld-Sp. Nr. 9/14, E. Pfibrara des Res.-Sp. I \y 
Bielitz das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des I p 
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. H. Biedermann des l g 
Feld-Sp. Nr. 3/14, E. Curta des F.-J.-B. Nr. 23, dem R.-A. I 8( 
d. Res. Dr. V. Kirchner, Kommand. der Krankenstation Neu- I a 
Sandec, R.-A. der Ev. Dr. P. v. Tardy der I.-Div.-San.-A. Nr. 10, I a 
O.-A. Dr. E. Heinz der I.-Div.-San.-A. Nr. 7, O.-A. d. Res. Doktor 1 g 
J. Nowaczynsky des F.-K.-R. Nr. 2, O.-A. a. D. Dr. F. Sla- I c 
winger beim L.-I.-R. Nr. 35, den O.-Ae. d. Ev. DDr. H. Prigl I ; 
des raob. Res.-Sp. Nr. 2/2, E. Schwarz köpf des Feld.-Sp. Nr. 4/10, 1 ] 
den Lst.-O.-Ae. DDr. H. Kaposi des Feld-Sp. Nr. 4/2, L. Kohr I ] 
heim 14. Korps-Train-Kmdo., S. Olbert der Train-Div. Nr. 1, den I 
A.-Ae. d. Res. DDr. E. Trammer des l.-R. Nr. 40, F. Popper der I 
I.-Div.-San.-A.Nr.38, K.Krisanics des I.-R. Nr.61, A.Sznkrusz I 
der y I.-Div.-San.-A. Nr. 7, R. Lehn er des Etapp.-Kmdo. Nr. 12/2, I 
F. Sasinka der l.-Div.-S.-A. Nr. 12, den A.-Ae. d. Ev. Doktoren I 
R. Zwicker des F.-J.-B. Nr. 1, A. Löwit des I.-R. Nr. 81, den 
Lst.-A.-Ae. DDr. W. Kaplan des I.-R. Nr. 21, F. Dostal des 
I.-R. Nr. 98, K. Mörl des mob. Res.-Sp. Nr. 5/(5, G. Prochazka 
des Feld-Sp. Nr. 9/14, und dem Lst.-Arzt Dr. B. Heinrich des 1 
mob. Res.-Sp. Nr. 5/(5 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone I 
am Bande der Tapferkeitsmedaille, den A.-Ae.-St. DDr. N. Hedry 
des I.-R. Nr. (58 und F. Werner des I.-R. Nr. 74 das Goldene I 
Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, dem I 
St.-A. Dr. F. Koukal des I.-R. Nr. 95, den R.-Ae. Doktoren I 
A. v. Berko der I.-Div.-San.-A. Nr. 5, K. Foramitti bei der 
L.-l.-San.-A. Nr. 13, H. Stippel beim L.-I.-R. Nr. 18, B. Fukala 
bei der Reitenden T.-Ldsch.-Div., den R.-Ae. d. Res. H. Sprator 
des I.-R. Nr. 0(5, M. Franz des L.-I.-R. Nr. 15, E. Fieber bei 
der L.-I.-Div.-San.-A. Nr. 13, dem R.-A. a. D. H. Bloch beim 
Lst.-I.-R. Nr. 7, dem R.-A. i. P. J. Chania beim L.-I.-R. Nr. 30, 
den O.-Ae. d. Res. R. Rauch beinUFeld-Sp. Nr. 1/12, V. Ly£ka 
des L.-I.-R. Nr. 31, W. v. Wieset und M. Krassniy bei der 
I.-Div.-San.-A. Nr. 13, R. Weiser beim L.-I.-R, Nr. 18, C. Berko- 
vits des F.-H.-R. Nr. 11, den O.-Ae. d. Ev. DDr. K. Weiler der 
I.-Div.-San.-A. Nr. 24, L. Kubin des L.-I.-R. Nr. 2, A. Gold¬ 
schmidt bei der L.-F.-H.-Div. Nr. 45, den Lst.-O.-Ae. Doktoren 
K. Kahr des I.-R. Nr. 47, H. Singer des I.-R. Nr. 98 und den 
A.-Ae. d. Res. DDr. N. Weigl des I.-R. Nr. 3, E. v. Angermayer 
des I.-R. Nr. 59, L. Katz des l.-R. Nr. 37, J. v. Levay des I.-R. 
Nr. 39, P. Mory und R. Matusik des I.-R. Nr. (58, E. Varga des 

I. -R. Nr. 96, J. Kramsky bei der Schw.-H.-Div. Nr. 3, F. Pepen 
des L.-l.-R. Nr. 5, W. Zahadowski des I.-R. Nr. 45, J. Marek 
des F.-J.-B. Nr. 14, T. Jacyk der I.-Div.-San.-A. Nr. 30 die a. h. 
belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — St.-A. Doktor 

J. Sedlak des L.-F.-H.-Div. Nr. 4(5 wurde in den Ruhestand ver¬ 
setzt, der provisorische Fregattenarzt Dr. F. Stocovich zum 
effektiven Fregattenarzt ernannt. 


(Die Blatternerkrankungen in Wien.) In der am 
22. April abgehaltenen zweiten „Sanitätskonferenz der Gemeinde 
Wien“ berichtete der Oberstadtphysikus Dr. Böhm, daß in der 
Zeit vom Oktober 1914 bis 16. April 1915 in Wien 602 689 Per¬ 
sonen vakziniert, resp. revakziniert worden sind. Bis 19. März 1915 
sind 1379 an Blattern erkrankt; davon betrafen 2,7% Militär¬ 
personen (die Armee ist durebgeirapft), 97,3% Zivilpersonen. Von 
den in dieser Periode an Blattern erkrankten Personen konnte 
nach der „Arb.-Ztg.“ der Impfzustand an 1118 Personen fest gestellt 
werden. Hiervon waren 452 überhaupt nicht, 346 in der Kindheit 
geimpft und seither nicht revakziniert. Von 320 Ungeimpften sind 
208 (= 56%) an Variola gestorben, von 263 in der Kindheit Ge¬ 
impften 47 (— 17,89%), von 224 innerhalb der letzten 6 Jahre 
Geimpften 3 (= 1,34%). Von je 100 an Blattern Verstorbenen waren 
80 ungeimpft, 18 nicht revakziniert, 1 vor 6 Jahren, 1 später ge¬ 
impft. Die Todesfälle an Blattern betrafen daher 98<>/ 0 Ungeimpfte 
oder nicht Revakzinierte. Der Oberstadtphysikus hat dem Magistrat 
vorgeschlagen, eine allgemeine Erhebung über die Geimpften und 
Nichtgeimpften in Wien vorzunehmen. Gleichzeitig wurde ein 
Komitee, aus dem Oberstadtphysikus, dem Präsidenten der Wiener 
Aerztekammer Prof. Finger und dem Hygieniker Prof. Grass¬ 
berger bestehend, gewählt, das unter Führung des Bürgermeisters 
von der Regierung die gesetzliche Einführung des Impfzwanges 
verlangen wird. Daß in der Diskussion ein Gemeinderat, der im 
n.-Ö. Landesausschuß derzeit das wichtige Unterrichtsreferat führt, 
auch angesichts der erschreckenden Ausbreitung der Blattern in 


Wien und der zwingenden statistischen Ergebnisse der Vakzination 
sich als Impfgegner gerierte, der die „persönliche Freiheit des 
Individuums“ verteidigt, sei lediglich verzeichnet. 

(Kurse über Psychoanalyse.) Die „Wiener psychoana¬ 
lytische Vereinigung“ veranstaltet zur Ergänzung der von 
Prof. Freud au der Wiener Universität gehaltenen Kollegien im 
Sommersemester 1915 Kurse über Psychoanalyse. Es sind vorge¬ 
sehen: 1. Ein Kurs für Anfänger „Einführung in die Psycho¬ 
analyse“. Zur Teilnahme berechtigt sind Doktoren und Studenten 

I aller Fakultäten, Damen und Herren. 2, Ein Kurs für Vorge- 
hrittene „Einige Kapitel der Libidotheorie“, nur für Personen, 
e schon ein Kolleg oder einen Kurs für Anfänger gehört haben. 

Ein praktisch-theoretischer Kurs für Aerzte und Mediziner, 
eginn der Kurse in der Woche vom 10. Mai. Anmeldungen 
mgstens bis 5. Mai beim Vortragenden Dr. Viktor Tausk, Nerven- I 
rzt, Wien, IX., Alserstraße 32, schriftlich oder mündlich zwischen L 
und 4 Uhr nachmittags, woselbst auch Auskunft über Zeit und I 
)rt, Stundenzahl und Honorar erteilt wird. ;; 

(Verlustliste der Deutschen Armoe- und Marine- 
Lrzto.) Die „D. militärärztl. Ztschr.“ bringt ein Verzeichnis der 
jesamtverluste dos Sanitätsoffizierskorps des Deutschen Heeres, j 
ler k. Marine und der Schutztruppen vom Beginn des Krieges bis ; 
sum 15. April d. J. Nach diesem Verzeichnis wurden 294 Aerzte . 
verwundet, 112 werden vermißt, 74 sind gefallen, 54 gefangen, j 
48 sind an Krankheiten, 26 an Wunden gestorben, 15 verunglückt. 
Die Zahl der Toten beträgt 148. | 

(Aus Berlin) wird uns berichtet: Die Heeresverwaltung hat 
die Beschaffung von fahrbaren Brausevorrichtungen für 
die im Osten stehenden Truppen in Aussicht genommen, haupt¬ 
sächlich um die Entlausung unserer wackeren Vaterlandsverteidiger 
zu ermöglichen. Ein Modell dieser Bäder wagen ist kürzlich der 
Medizinalverwaltung des Kriegsministeriums vorgeführt worden. 
Der Wagen hat die Form und Größe eines Möbelwagens, wie sie 
zum Transport auf Eisenbahnen ohne Umladen verwendet werden. 
Durch eine Pumpenanlage können etwa 2000 Liter Wasser ein- 
gefüllt werden, so daß der Wagen gefüllt 700 Liter Warmwasser, 
700 Liter Kaltwasser und 700 Liter für den Kessel selbst auf¬ 
nehmen kann. Der Wagen ist nach Art der Feld Wäschereien in 
der Weise eingerichtet, daß der Ankleideraum während des Trans¬ 
ports in dem eigentlichen Baderaum eingeschachtolt ist und erst 
vor dem Gebrauch berausgezogeu wird. Der Baderaum enthalt 
zwölf durch Leinwandwände voneinander getrennte Brausebäder, 
je sechs an jeder Seite. Eine Erwärmungsanlage heizt gleichzeitig 
es den Baderaum und den Ankleideraum, der an den Längsseiten 

;n Sitzbänke und Haken zum Aufhängen der Kleider sowie Hand- 

»k tücher enthält. Matte Glasscheiben erhellen den Raum. Außerdem 

h. ist noch ein Desinfektionsapparat für die Kleider vorgesehen. Auch 

or soll in den Wagen frische Unterwäsche für die Truppen mitgeführt 

ir . werden. Die Aufstellung des Wagens zum Gebrauch erfordert 

, m kaum fünf Minuten. Das Wasser wird auf 80° erhitzt und nach 

Bedarf mit kaltem Wasser gemischt. Die erforderliche Kohle wird 
in einem unter dem Baderaum angebrachten Behälter mitgeführt, 
«n Der Wagen, dessen einmalige Heizung für eben ganzen Tag ans- 

de reicht, bietet pro Stunde 50 Mann Badegelegenheit. Der Schön¬ 
er stein ist umlegbar, so daß der ganze Wagen wenig Ranm in 

&r- Anspruch nimmt. Der Wagen eignet sich wohl mehr dort zu® 

45 Gebrauch, wo gute Straßen vorhanden sind, da er ein ziemlich 

är- bedeutendes Gewicht hat. Doch läßt sich dieses Gewicht, ohne 

on das Grundprinzip des Systems zu ändern, noch verringern, indem 

ite zum Beispiel der ausziehbare Ankleideraum durch ein Zelt ersetzt 

dlt wird und das Heizmaterial auf separaten Karren oder kleinen 

eit Wagen nachgeführt wird. Jedenfalls ist das Problem selbst gelöst 

und in kurzer Zeit werden unsere Truppen im Osten die Wohltat 
le- der Bade- und Reinigungsgelegenheit genießen können. 

’ re (Statistik.) Vom 12. bis inklusive 18. April 1915 wurden in je« 

* en Zivilspitäleru Wiens 13.690 Personen behandelt. Hiervon worden 
ge- 2324 entlassen, 191 sind gestorben (7 -8°/o des Abganges). In diesem Zeu- 
fte raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der 
rat Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: Ac 
md Blattern 65, Scharlach 97, Varizellen —, Diphtheritiß 81, Mumps 

ein Influenza —, Abdominaltvphus 7, Dysenterie —, Rotlauf —, Trachom 

aer Mi 4 zbra .nd — Wochenbettfieber 1, Flecktyphus 4, Cholera asiat/ca - 
epidemische Genickstarre 9. In der Woche vom 4. bis 11. April 1 
rind in Wien 755 Personen gestorben (— 56 gegen die Vorwoche)- 


Sitzungs-Kalendarium. 

Freitag, 7. Mai, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frani 
gasse 8.) 


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Herausgeber, 

lolf* Original fram 

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Wien, 9. Mai 1915« _ XT. Jahrgang. 

Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 



redigiert von 

Preftarer ]>r. Kort Brandenburg 

Berlin 


I 


Verlag von 

IJrban & Schwanenberg 
Wien 


INHALT: Die Tergergnng der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Proi. Dr. M. Nonne, Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven 
(Schluß aus Nr. 18). Umfrage über Uebertragung und Verhütung des Fleckfiebers. Dr. Eugen'Schlesinger, Ueber Schädigungen des inneren Ohres 
durch Geschoßwirkung. — Klinische Vorträge: Prof. Dr. Hermann Eich hör st, Ueber epidemische Speicheldrüsen-und Nebenhodenentzündung. — 
Berichte Aber Krankheitsfälle und BehandlungSTerfahren: Dr. Hugo Strauss, Versuche über Trinkwassersterilisation. Dr. Opitz, Neuere Erfah¬ 
rungen mit dem Ipecacuanhapräparat Riopan. — Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft: Dr. Gustav Stümpe, Ueber Ergeb¬ 
nisse der Hermann-Perutz-Reaktion bei Syphilis. — Aus der Praxis für die Praxis: Prof. Dr. Walther, Zur Kasuistik der Fehlgeburt mit beson¬ 
derer Berücksichtigung langdauernder Placentarretention. — Ans den neuesten Zeitschriften. — Bficherbesprechnngen. — Wissenschaftliche Ver- 
buKUugeo: Deutscher Kriegschirurgentag I. (Brüssel). Wiener Laryngo-rhinologische Gesellschaft. Kriegschirurgische Abende in Budapest. — Be¬ 
ruft- und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen. 


Dtr Verlag btMtt sieh das aussehHqßUche Recht der Vervielfältigung uni Verbreitung der in dieser Zeitschrift mim Erscheinen gelangenden Originalbeür&ge vor. 



Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege. 


Dtöer Kriegsverletzungen der peripheren Nerven 

▼on 

Prof. Dr. AL Nonne, 

Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf. 

(Schluß ans Nr. 18.) 

Zur Differentialdiagnose habe ich nur 
weniges zu sagen. Ich habe es bei unserm Kriegsmaterial — 
damit stimme ich mit den einschlägigen Mitteilungen der 
Fachkollegen überein — nicht selten gesehen, daß eine 
Malis-, eine Peroneus-, eine Peroneus-Tibialis-Lähmung 
durch eine Verletzung des Hirns erzeugt werden kann. 
Diese Fälle sprechen im allgemeinen durch die Lokalisation 
des Traumas und durch Fehlen von charakteristischen 
Symptomen — Atrophie, Veränderung der elektrischen Erreg¬ 
barkeit — für sich selbst. Das Spiel des Zufalls — über 
dessen Vielgestaltigkeit wir ja alle jetzt staunen —- kann es 
aber bringen, daß die Lokalisation des Traumas irreführen 
kann; eine Atrophie kann bei peripheren Verletzungen fehlen 
und kann bei centralen Lähmungen auch einmal da sein; und 
selbst elektrische Erregbarkeitsveränderungen (Quincke 
und Andere) bei Hirnherden gehören bekanntlich nicht zu den 
Unmöglichkeiten. Ich selbst habe in einem Falle von corticaler 
Verletzung der hinteren oberen Partie der vorderen Central- 
*THdung eine Lähmung des Nervus tibialis und Nervus 
peroneus gesehen, außerdem war der Oberschenkel zwei 
Handbreit oberhalb der Kniekehle durchschossen worden 
(Privatpraxis); die elektrische Erregbarkeit — ich sah den 
franken 2*4 Monate nach der Verletzung — war für beide 
Stromesarten herabgesetzt, sowohl für die indirekte wie für 
die direkte Reizung; aber die Tatsache des Bestehens von 
Fußklonus und von Babinskireflex (Oppenheim war 
negativ) ließ doch die Diagnose auf eine cerebrale Genese 
der Peroneus-Tibialis-Lähmung stellen. Die darauf von mir 
Torgeschlagene, nnd von Herrn Kollegen Sick ausgeführte 
Trepanation deckte über dem Paracentrallappen und etwas 
weiter nach abwärts zwei große Knochensplitter — die sich 
r e ® röntgenologischen Nachweis entzogen hatten — auf; 
ua Laufe der nächsten Wochen trat eine merkliche Besserung 
der Fußlähmung auf. 

Dann ein Wort zur Differentialdiagnose gegen 

Hysterie. 

,. k rinem Falle hatte eine Gewehrkugel die rechte Ober- 
■wüUMelbeingrube durchschlagen; die ganze rechte obere 


Extremität war sofort lahm. Der Fall war als Plexuslähmung 
drei Monate angesehen und ohne Erfolg mit Duschen und 
Massage behandelt worden. Ich fand die Extremität in ihrer 
Gesamtheit etwas magerer als die linke, sie zeigte eine ganz 
leichte trophische Störung in Gestalt von geringer Cyanose 
und Kälte, die direkte elektrische Erregbarkeit war in ge¬ 
ringem Grade herabgesetzt. Die weitere Untersuchung er¬ 
gab jedoch eine Anästhesie und Analgesie der ganzen Extre¬ 
mität und normales Verhalten der Sehnenreflexe. Trotz 
Fehlens anderweitiger „hysterischer Stigmata“ stellte ich die 
Diagnose auf Monoplegia superior hysterica und konnte 
dem Manne den normalen Gebrauch seiner Extremität in drei 
hypnotischen Sitzungen wiedergeben. An anderer Stelle habe 
ich mich über die vorwiegend günstige Prognose der Fälle 
von „Grande hysterie“ bei verletzten Soldaten schon aus¬ 
gesprochen und speziell über die Erfolge, die man mit richtig 
angewendeter hypnotischer Suggestion zu erzielen vermag; 
hier will ich nur darauf himveisen, daß das Wort Charcots 
„il faut soupgonner l’hysterie partout“ auch bei Kriegsver¬ 
letzungen nicht unberechtigt ist. Ich spreche das aus auf 
Grund der Erfahrung, daß fast alle meine Fälle 
von „Grande hysterie“ verkannt und als Fälle 
von cerebraler, spinaler oder peripher-neuritischer Lähmung 
bisher gegolten und dementsprechend auch praktisch (100 % 
Erwerbsunfähigkeit!) beurteilt waren. 

Mehrfach sah ich, daß hysterische Contracturzustände 
der Finger und Hände und der Füße als Ausdruck organischer 
Nervenverletzungen angesehen yvorden waren, wenn die Ver¬ 
letzung die betreffende Extremität betroffen hatte. Hier ist 
die Differentialdiagnose schon schwieriger, weil die trophi- 
schen — vasomotorischen — Störungen in solchen Fällen 
stärker ausgeprägt sein können in Gestalt von Pseudoödem, 
Cyanose, Kälte usw. Die elektrische Erregbarkeit ist in sol¬ 
chen Fällen meistens mehr oder weniger herabgesetzt, und die 
Form und Begrenzung der Sensibilitätsstörung kann sehr 
mannigfach sein. Da handelt es sich um die Frage: lokale 
traumatische Hysterie oder organische Erkrankung? Ich habe 
die Narkose zur Erkennung der wahren Natur solcher Con- 
tracturen niemals nötig gehabt, doch werden Aerzte, die 
weniger Erfahrung auf diesem Gebiete haben, der Anwen¬ 
dung dieses Mittels nicht immer entraten können. 

Endlich sah ich verhältnismäßig oft (ich befinde mich 
darin im Gegensätze zu Lewandowsky), jedenfalls viel 
öfter als in der Friedenspraxis, eine Verquickung der 



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Original frurri 

UMIVERSITY OF IOWA 




1 


528 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


9. Mai. 


traumatischen organischen Nervenlähmungen ! 
mit lokaler Hysterie, und zwar waren in solchen 
Fällen meistens die Sensibilitätsstörungen psychogen bedingt, 
sei es ganz, sei es teilweise; oder neben organischen Läh¬ 
mungen bestanden funktionelle Contracturen, oder ander¬ 
seits neben mechanisch bedingten Contracturen funktionelle 
lähmungsartige Schwäche oder komplette Lähmung der Ex¬ 
tremitäten oder eines Teiles derselben. Nur ausnahmsweise 
wurden sonstige „allgemeine“ Stigmata von Hysterie fest- 
gestellt, wie Gesichtsfeld-Einengung, Conjunetival- und 
Rachenanästhesie, durchgehende Hemianästhesie usw. 

Ich will auch diese Gelegenheit benutzen, um es aus¬ 
zusprechen, daß nach meinen Erfahrungen die Hysterie sehr 
oft verkannt wird. Es ist das um so leichter, als die „Kriegs¬ 
hysterie“ offenbar vorwiegend unter dem Bilde der mono¬ 
symptomatischen und der „lokalen“ (traumatischen) Hysterie 
auftritt. 

Die Frage, ob der Nerv durchtrennt, das 
heißt ob seine Continuität unterbrochen ist, ist diejenige, die 
der Chirurg dem Neurologen am Öftesten vorlegt. S i e 
kann nicht mit Sicherheit beantwortet 
werden; das wußten wir schon längst, und das 

hat das Material dieses Kriegs aufs neue bestätigt. 
Das haben uns jetzt wieder Marburg, Bruns, 
Spielmeyer, Lewandowsky und die, die in 
Berlin und in Wien in den Diskussionen zu diesem Thema 
sprachen, gesagt. Auch ich kann sagen: wir können nur 
feststellen, daß der Nerv leicht, mittelschwer oder schwer 
geschädigt ist, wir können aber nicht sagen, ob diese 
schwere Schädigung der Ausdruck einer schweren Schä¬ 
digung des Nerven respektive seiner Umgebung oder einer 
völligen Unterbrechung seiner Continuität ist. Dieselbe Form 
der Lähmung, der Sensibilitätsstörung, der Veränderung der 
elektrischen Erregbarkeit, der Trophik kann die Folge ganz 
verschiedener anatomischer Verhältnisse sein. 

Es ist in den letzten Diskussionen behauptet worden: 
da, wo ausstrahlende Schmerzen beständen, wäre eine Tren¬ 
nung der Continuität auszuschließen. Spielmeyer hat 
demgegenüber behauptet, daß dies keineswegs beweisend sei; 
er machte bei einer Operation die Erfahrung, daß es sich um 
eine völlige Durchtrennung des Nervus ischiadicus han¬ 
delte in einem Fall, in dem Druck auf die Wadenmuskulatur, 
bei völlig gelähmter Muskulatur des Unterschenkels und des 
Fußes und bei totaler Entartungsreaktion, einen intensiven 
und ausstrahlenden Schmerz ausgelöst hatte. Dasselbe kon¬ 
statierte ich in einem Falle von Dr. Reye im Eppendorfer 
Krankenhause: Hier handelte es sich um eine totale Lähmung 
mit kompletter Entartungsreaktion im linken Radialis, 
Druck auf den Stamm des Nerven ober¬ 
halb der Verletzung erzeugte heftigen 
ausstrahlenden Schmerz. Bei der Operation 
zeigte sich, daß der Nerv total und restlos 
durchtrennt war. Mehrere Fälle haben mir ge¬ 
zeigt, daß schwerste klinische Symptome bestehen kön¬ 
nen, auch wenn noch ein Teil des Nerven erhalten 
war; so bestand in einem Falle von Schußverletzung 
des Nervus peroneus schwerste Lähmung mit ausgedehnten 
Sensibilitätsstörungen und totaler Entartungsreaktion, und 
die Operation zeigte, daß nur zwei Drittel des Nervenquer- 
schnitts verändert waren, während ein Drittel noch intakt 
war. Anderseits sah ich folgenden Fall: Bei einer Verletzung 
des Ischiadicus war Peroneus und Tibialis gänzlich gelähmt 
mit totaler Entartungsreaktion, die motorische Leistung der 
Beuger am Oberschenkel war gut, aber es fand sich in ihnen 
Entartungsreaktion; die operative Freilegung des Nerven 
zeigte makroskopisch eine Durchschlagung des Nerv und Er¬ 
satz der Lücke durch Bindegewebe; aber mikroskopisch (Dr. 
Wohl will) fanden sich noch einzelne erhaltene Nerven¬ 
bündel. Jedenfalls steht fest, daß auch bei der Operation 


man auf nur makroskopischem Wege die Diagnose auf völlige 
Continuitätstrennung in vielen Fällen nicht stellen kann. 

Ein Fall lehrte mich aber auch, daß selbst bei völliger 
Durchtrennung eines Nerven die Lähmung keine komplette 
sein muß. Es war das ein Fall von Paralyse im Radialis- und 
Parese im Ulnarisgebiete (Schußverletzung am Oberarme!. 
Totale Entartungsreaktion in beiden Nervgebieten. Dr. 0 ehl- 
e c k e r fand bei der Operation beide Nerven durch- 
trennt! 1 

Ist nach einer Hieb- oder Stich Verletzung sofort 
eine Lähmung im Bereich eines Nerven auf getreten, so hat 
man selbstverständlich eine Continuitätstrennung anzuneh- 
men. Nach einer Schuß Verletzung ist die Diagnose keines¬ 
wegs sicher, denn der Nerv kann nur durch „Kon- 
kussion“ geschädigt sein, er kann durch Blutung und 
Zerreißung von benachbarten Weichteilen (Gefäße, Mus¬ 
keln) oder durch Knochenfraktur akut gedrückt oder 
gedehnt worden sein. Die Tatsache einer durch Knochen¬ 
splitter oder durch ein Geschoßteil stattgehabten Aufspießung 
des Nerven kann nicht mit Sicherheit, etwa durch Schmerzen 
oder durch das Röntgenbild festgestellt werden. 

Aber wann ist die Indikation gegeben 
zum operativen Eingriffe? Das ist die Frage, die 
praktisch die wichtigste ist. Hier weichen die Ansichten der 
Neurologen voneinander ab. 

Die Indikation ist an sich überall da gegeben, wo es 
feststeht, daß der Nerv ganz durchtrennt ist. In einigen 
Fällen wird dies evident sein. Unter den Fällen, wo dies 
nicht evident ist — und das ist die übergroße Mehrzahl der 
Fälle —, scheiden zunächst die aus, in denen noch eine 
eiternde Wunde, noch nicht geheilte Frakturen, traumatische 
Aneurysmen usw. vorliegen; da müssen erst diese zur Heilung 
gebracht werden. Darüber, ob granulierende Wunden 
eine Operation am Nerven bereits gestatten, kann man ver¬ 
schiedener Meinung sein. Tatsache ist jedenfalls, daß auch 
aus granulierenden Wunden sich zuweilen noch die verschie¬ 
denen Eiterkokken züchten lassen, und Vorbedingung für eine 
primäre Heilung einer Nervennaht — und auf eine primäre 
Heilung kommt natürlich alles an — ist aseptisches Verhalten 
der Wunde. Liegen solche Kontraindikationen nicht vor, so 
ist zunächst zu beachten die Form der elektrischen Reaktion 
in den abhängigen Nervmuskelpartien; das hat in der Ber¬ 
liner Diskussion nur Toby Cohn, und in der Literatur nur 
W ollenberg mit der nötigen Schärfe hervorgehoben. 

Denn ob eine Lähmung leicht, mittelschwer oder schwer 
ist, das können wir mittels der elektrischen Untersuchung 
nachweisen. Bei partieller Entartungsreaktion wird 
wohl niemand gleich die Operation empfehlen, denn die Er¬ 
fahrung lehrt, daß solche Lähmungen sich im Laufe von 
einigen Wochen oder wenigen Monaten zurückbilden. Bi e 
Indikation wäre also zunächst nur gegeben beim Vorliegen 
totaler Entartungsreaktion. Und hier setzen die Meinungs¬ 
verschiedenheiten ein. 

Ich nenne zuerst die Autoren, die für möglichst ausgedehnte- 
konservatives Verfahren sind. Sie gründen ihre Ansicht auf die la * 
sache, daß man zuweilen noch nach langen Monaten eine spontane 
Rückbildung der Lähmungen sieht. Zu diesen Befürwortern längeren 
Wartens gehören Oppenheim, Rothmann, S p i e 1 m ey er. 
Wollenberg. Peritz will etwa zehn Wochen warten. A 
weitesten geht wohl Rothmann, der sieben bis acht Monate zu¬ 
warten will, ob sich die Lähmung spontan zurückbildet. Op p e n 


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kehren. Das ist eine Erfahrung — und ich kann sie bestätigen i 
die nach unseren bisherigen Friedenserfahrungen sehr überrag- 
Schuster will zwei bis drei Monate warten. Toby Cohn erklär 
die Fälle für ungünstig in bezug auf spontane Rückbildung der un- 
mung, in denen die direkte Erregbarkeit schnell absinkt, und rat iw 
solchen Fällen zur Operation. Dieselbe Ansicht vertritt Spitz*)* 
„es hat keinen Zweck, zu warten, bis alle Nervenmuskcl-Endappan 

vollständig degeneriert sind“. 

Auf der andern Seite sind viele Autoren für frühes opwatn»- 
vorgehen, und es ist bemerkenswert, daß gerade die letzt’ 


Original fro-m 

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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


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9 . Mai. 


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Publikationen sich in diesem Sinne aussprechen, das heißt die aus 
»wer Zeit stammen, die schon einen längeren Zeitraum von Erfah¬ 
rung überblicken. 

Zunächst sagt Bruns, man solle nicht zu zurückhaltend sein 
mit der Operation , da nach seinen Erfahrungen nur selten der Opera- 
fiönsbefand ein solcher war, „daß die Operation wohl nicht nötig ge¬ 
wesen wäre“. Lewandowsky konnte unter fünfzehn operierten 
Fällen mir zweimal zu der Ansicht kommen, daß die Operation nicht 
berechtigt war; er erklärt längeres Warten für unnütz. Zu der An¬ 
sicht, daß die Operation nicht lange hinausgeschoben werden soll, 
kommt auf Grund seiner operativen Erfahrungen auch Hohmann, 
eixmso Reich, der „nur ausnahmsweise spontane Rückbildungen 
von IMmungen “ sah. Zu denjenigen, die nur vier bis sechs Wochen 
»arten wollen, gehören Lewandowsky, Gerulano,Kirsch- 
uer. Bethe warnt auf Grund seiner experimentellen Erfahrungen 
ülier .Vervenregeneration vor langem Warten, denn „die Muskeln lei¬ 
den zu sehr“ Ebenso wollen G u i e k e und Lange nicht länger als 
sechs Wochen verlieren. Diese letzteren sprachen in der Diskussion 
zu W o 11 e n b e r g s Vortrag. Wenn S p i e 1 m e v e r rät abzuwarten, 
wenn die Diagnose nicht feststeht, ob eine Durchtrennung des Nerven 
stattgefunden habe oder nicht, so müßte man in der ganz überwiegen¬ 
den Mehrzahl der Fälle abwarten, denn - bei allen Lähmungen von 
„klinisch schwerem Charakter“ steht diese Diagnose eben nicht 
fest: und wenn er weiter sagt, daß bei inkompletten Zerstörungen nach 
einigen Wochen oder Monaten häutig eine Wiederkehr der Motilität 
■■/•folgt, so kann ich dies auf Grund meiner recht zahlreichen gegen¬ 
teiligen Erfahrungen nicht anerkennen, sondern muß solche 
*r m . Fälle als Ausnahmen betrachten. Uebrigens sagt Spielmeyer 

V selbst, daß lokale Traumen einzelner Plexusäste, zum Beispiel in Ge¬ 

walt von Geschoßsplittern, Fraktursplittern usw., eine totale Plexus¬ 
lähmung bewirken können und daß nach Extraktion solcher Sehäd- | 
finge „die Besserung eine ganz eklatante und rasche“ sein könne. 
Ferner sagt .Spielmeyer, daß man sich hüten müsse, „durch zu 
r langes Zuwarten den günstigen Zeitpunkt der Operation zu ver- 

1 säumen-j denn „im allgemeinen ist der Eingriff kein gefährlicher“. 

Spielmeyer basiert seine Ansicht, daß das Optimum der Operation 
innerhalb der ersten vier Monate läge, auf anatomische Untersuchungen 
vo« degenerierenden und sich regenerierenden Nervenfasern. 

Die Erfahrungen, die in Hamburg gemacht wurden, 
laufen ganz übereinstimmend dahin, daß nicht lange ge¬ 
wartet werden soll: ich selbst sprach mich bereits in der 
Sitzung des Aerztlichen Vereins in Hamburg am 17. November 
11114 in dem Sinne aus, daß bei totaler Lähmung von Nerven- 
siänunen oder einzelner Aeste derselben die Indikation zur 
üjtendiven Revision gegeben sei, wenn „in einigen Wochen“ 
die Lähmung nicht zurückginge, auch da wo keine totale 
hnfarfungsreaktion bestände, ferner alle Fälle von Läh¬ 
mungen mit totaler Entartungsreaktion. Wer die Verhält¬ 
nisse bei den Operationen gesehen hatte, mußte sich über¬ 
zeugen, daß, abgesehen von den Durchtrennungen der Ner¬ 
ven, auch in den Fällen von Narbeneinbettung ein längeres 
Zuwarten die Narbenverhältnisse nur ungünstiger gestalten 
und ihren deletären Einfluß auf die strangulierten Nerven nur 
vermehren kann. 

Ich selbst wohnte bis Anfang März 45 Operationen 
< Lrof. Eick, Dr. R i n g e 1, Dr. Kotzenberg, Dr. 

11 e h 1 ecker) bei und habe nur in zwei Fällen mir 
• s;| ?en können, daß die Operation hätte unterlassen werden 
können. In keinem einzigen Falle habe ich 
'ine Versch 1 immerung gesehen, aber in 35 
lullen gewann ich die Ueberzeugung, daß die lokalen Ver- 
luiltnisse eine spontane Heilung unmöglich machen mußten. 
Ilicoretisch muß man zugeben, daß die von Kuttner, von 
L a r d e n h e u e r und von Ad. Schmidt beschriebenen 
IMunde von kleinen Blutungen in die Nervensoheiden der 
Resorption fähig sind, und daß da, wo nur solche Schä- 
digungen vorliegen, eine Spontanheilung eintreten wird; ich 
^Ibst sah aber solche Fälle nicht, also dürften sie jedenfalls 
S( ‘hr selten sein. 


^ on Hamburger Neurologen haben sich Böttiger, Säen- 
f p r ’ 7 r ö m n e r meinem Standpunkt angeschlossen, und von Ham- 
; lir f r [' hinirgen kam Oehleckerin der Diskussion am 9. März 1915 
j 1 *' ‘Täglich zu Worte, und seine Ansichten, auf Grund großer Erfah- 
, lri f 111 Harmbeek und im Eppendorfer Krankenhause gesammelt, 
\! , n rlermaßen: „Was die operative Behandlung der peripheren 
lM ; ( ?'' n pfifft, so bin ich anfangs zu konservativ gewesen; ich habe 
II i \T r un< ^ me ^ r 211 e * nem aktiven Vorgehen gezwungen gesehen. 
! ia(, b einer sorgfältigen Funktionsüberwachung und Beobach- 
^ zir^a sechs Wochen keine Besserung herausgestellt, so wird 
' ll ,in( l der Nerv freigelegt. Alsdann fand man unter zehn Fällen 


vielleicht einen, wo makroskopisch am Nerven nichts verändert schien 
und wo gleichsam die Operation überflüssig’war. In keinem Falle 
wurde aber hier geschadet. Es konnte vielmehr eine nützliche Deh¬ 
nung vorgenonimen werden, und der Fall war jedenfalls diagnostisch 
und prognostisch mehr geklärt. In den neun andern Fällen aber 
konnte jedesmal operativ etwas Nützliches geschaffen werden, und 
ein weiteres Zuwarten hätte nur einen schweren Zeitverlust bedeutet. 
Ja, in einigen Fällen konnte man aus dem Operationsbefund ableiten, 
daß ein weiteres Zuwarten wohl geschadet hätte, und zwar sind das 
jene Fälle, wo es sich um harte, ringförmige, feste Einschnürungen 
des Nerven durch Narbengewebe handelt, und wo durch Schrumpfen 
des manchpial etwas Knochen enthaltenden Narbengewebes vermut¬ 
lich noch die letzten Reste des Nervengewebes erdrückt worden wären. 
Auch für die technische Ausführung der Operation ist ein allzulanges 
Warten hinsichtlich der Schrumpfung von Narben, der zunehmenden 
Atrophie und Veränderung der Nervenstümpfe usw. nicht von Vor¬ 
teil .“ 

Keiner konnte in der Hamburger Diskussion einen Fall an¬ 
führen, in dem eine Schädigung durch die Operation zustande ge¬ 
kommen war. 

Nach alldem können wir Rothmann nicht beipflichten, wenn 
er von einer „Legion von Fällen“ spricht, „in denen die im Gange 
befindliche Restitution des Nerven durch den Eingriff aufs schwerste 
geschädigt und vielleicht sogar unmöglich gemacht wird“. 

Es ist durchaus richtig, wenn man sagt (0 e h 1 e c k e r, 
Saenger), daß man nicht auf eine Besserung der elektri¬ 
schen Erregbarkeit warten soll, sondern nur auf eine solche 
der motorischen Funktion; denn das weiß man schon seit 
E r b s ersten Arbeiten über die Entartungsreaktion, daß die 
elektrische Erregbarkeit später, meistens viel später zur Norm 
zurückkehrt als die Motilität. 

Es ist ferner gewiß richtig, daß die Operationen zu¬ 
weilen große Eingriffe darstellen, viel größere als man ur¬ 
sprünglich annahm (Oppenheim und Andere); heute 
wissen wir auf Grund unserer zahlreichen Erfahrungen, daß 
man, besonders in den Frakturfällen, immer auf eine oft große 
Operation gefaßt sein muß, aber bei der heutigen chirurgischen 
Technik und bei Hospital- oder Klinikverhältnissen ist das 
sicher keine Kontraindikation. 

Es gibt aber außer der Lähmung noch eine Indikation: 
das sind hartnäckige und heftige Schmerzen. Loslösung der 
Nerven von komprimierenden Narben oder vom Callus ver¬ 
mag zuweilen allein die heftigen Schmerzen zu beseitigen; 
das sah ich mehrere Male selbst, das sah S a e n g e r, und das 
findet sich auch in der neuesten Literatur mehrfach beschrie¬ 
ben. Auch eine Neurotomie oder eine Neurektomie kann, 
analog den entsprechenden Operationen an andern sensiblen 
Nerven, zuweilen indiziert sein. Gute Erfolge hiervon sah 
Hashimoto. Mit einer Neurolyse wird man sich begnügen 
dürfen, wenn der Nerv durch Narbengewebe gequetscht oder 
vom Callus fixiert oder von diesem eingebettet, selbst aber 
nicht narbig verändert, sondern in seiner Kontinuität erhalten 
ist. Zu diesem Resultat kommt auch Spielmeyer, der 
bei mikroskopischer Untersuchung nur gequetscht gewesener 
und doch resezierter Nerven nachweisen konnte, daß eine 
Indikation zur Resektion nicht Vorgelegen hatte, da im 
resezierten Nervenstücke die überwiegende Zahl der Achsen- 
cylinder eine durchaus normale Beschaffenheit zeigte. 

S p i e 1 m e y e r sagt: „Es ist klar, daß man in solchen Fällen 
durch die Nervennaht nichts nützen kann, da ja die Nervenfasern, 
soweit sie überhaupt vollständig zerstört wurden, den Weg auch ohne¬ 
hin in das degenerierte periphere Stück finden; eher kann man scha¬ 
den, da ja noch resistentere respektive weniger stark getroffene 
Nervenfasern die Quetschung überstanden haben und zahlreiche 
Nervenfasern nur ihres Markmantels verlustig gegangen sind, während 
die Continuitäfc des Achsencylinders gewahrt blieb. 

Oft muß nicht das Auge, sondern der palpierende Finger 
des Chirurgen darüber entscheiden, ob der Nerv selbst narbig 
degeneriert ist. Fühlt man eine stärkere Derbheit, so ist nach 
meinen Erfahrungen — und auch Spielmeyer sagt das — 
die Resektion einer solchen narbig umgewandelten Partie 
durchaus begründet. Daran ändert die Tatsache nichts, daß 
sich in solchen Narben, wie W o h 1 w i 11 zeigen konnte, noch 
einzelne erhaltene Nervenfasern finden, denn diese ganz spär¬ 
lichen Reste genügen nicht zur .Wiederherstellung der 
Funktion. 


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Solche anatomischen Bilder, die besonders eingehend I uni 
auch von Spielmeyer studiert worden sind, beweisen mi 
meines Erachtens auch, daß man nicht berechtigt ist, so lange ve 
zu warten, wie dies Rothmann (acht Monate und länger) vo 
voTSchlägt. Die Gegner der frühen Resektion können sagen: I da 
Wenn nach einer Resektion erst „nach dreiviertel Jahren oder I 
einem Jahr“ (Spielmeyer) eine wesentliche Wiederkehr I or 
der Funktion eintritt, so ist das ein so langer Zeitraum, daß I Zl 
in diesem auch eine spontane Wiederaufnahme der Funktion I g ( 
eingetreten wäre; angesichts solcher histologischer Bilder j q 
kann man ruhig sagen: sie wäre überhaupt nicht eingetreten. I y 

Man reseziere möglichst viel, das heißt so viel, wie die I p 
vorzunehmende Wiedervereinigung der beiden Nervenenden a 
gestattet; auch hier gilt das Prinzip des „Operierens im Ge- ^ 
sunden“. Diesbezügliche Erfahrungen hat auch Oehlecker j i 
mitgeteilt. 

Nach S p i e 1 m e y e r ist die Prognose von hoch oben < 
lokalisierten, das heißt dem Centrum nähersitzenden Ver- I 
letzungen schlechter als bei mehr peripher lokalisierten. Das 
stimmt überein mit den grundlegenden Untersuchungen l 
N i ß 1 s, der fand, daß bei hochsitzenden peripheren bchä- I 
digungen (Ausreißungen) die zugehörigen Ganglienzellen im I 
Rückenmark leiden; auch nach hohen Amputationen sehen 
wir ja solche retrograden Ganglienzellenveränderungen ein- 
treten. 

Ergibt sich aus obigem schon, daß die Prognose dev 
Nervennaht abhängt von dem Befunde bei der Operation, das I 
heißt von den primären und sekundären Veränderungen am | 
Nerv und im Nerv, so hängt des weiteren die Prognose gerade 
hier sehr wesentlich ab von der Technik, über die der Opera- I 
teur verfügt. In erster Linie hat Stoffel in einer Reihe 
von Arbeiten und erst kürzlich wieder dies klargelegt. Die 
Technik beginnt schon in der Vorbehandlung; direkt nach der 
Nervenverletzung müssen alle Gelenkstellungen, die ein 
Klaffen der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglichkeit ver¬ 
mieden werden. Man kann die Stellung der Stümpfe zu- I 
einander schon vor der Operation durch Lagerung der Extre¬ 
mität auf entsprechend angebrachte Polster, Spreukissen 
usw. verbessern. Nach Stoffel spielt schon die Stellung, 
die die Gelenke im Augenblick der Verletzung zueinander 
hatten, eine Rolle für das Ausweichen respektive das Zu¬ 
rückschnellen der Nerven nach ihrer Durchtrennung und da¬ 
mit für die Prognose für die spätere Nervennaht. 

Zur Besserung der Prognose der Nervennaht trägt auch 
erheblich sei, ob es einer Vorbehandlung gelungen ist, Con- 
tracturen der antagonistischen Muskeln, Versteif ungen von Ge¬ 
lenken, Verkürzungen von Sehnen usw. zu verhindern respek¬ 
tive zu beseitigen; denn es ist dem Nerv, der sich allmählich 
wieder erholt, nicht zuzumuten, daß er eine weit schwerere 
Arbeit leisten soll als sie von ihm in normalem Zustande ge¬ 
fordert wurde; darauf wies Oehleckerim AerztlichenVer¬ 
ein in Hamburg eindringlich hin. 

Die Stümpfe müssen selbstverständlich vor der An¬ 
frischung gelöst werden; bei der Anfrischung muß alles Nar¬ 
bengewebe entfernt werden; bei der Wiedervereinigung der 
Nervenstümpfe sollen mit der Pincette nur die sensiblen 
Fasern gefaßt, die motorischen geschont werden; besonders 
wichtig ist deshalb die Kenntnis des normalen Gefüges des 
„Nervenkabels“, mit andern Worten die Topographie des 
Querschnitts der einzelnen Nervenstämme. S t o f f e 1 hat sie 
uns kennen gelehrt, und gerade die klinischen Erfahrungen 
über den so überaus häufigen Partial ausfall von moto¬ 
rischer und sensibler Funktion haben ja im großen die experi¬ 
mentellen Ergebnisse Stoffels bestätigt. Ich glaube aber, 
daß diese Spezialkenntnis noch keineswegs Gemeingut aller 
Chirurgen ist. Dieser Krieg hat in ungeahntem Maße die 
Gelegenheit gegeben, diese Spezialkenntnis zu erwerben. 
Theoretisch kann man eine Wiederkehr der Funktion nur er- 
svarten, wenn die motorischen Fasern auch auf motorische, 


und zwar mit ihrem Querschnitt aufeinandergepreßt weiden, 
mit andern Worten: wenn die richtigen Drähte des Kabels 
vereinigt werden. Sicher ist aber, daß durch die Möglichkeit 
von Anastomosenbildung die Natur günstiger gestellt ist als 
das tote Kabel, daß der Vergleich also nur im allgemeinen paßt. 

Meistens wird man die zusammengeriähten Nerven¬ 
enden, aber auch die nur durch Neurolyse befreiten Nerven 
zum Schutze gegen neue Insulte seitens entzündlichen Naiben- 
—vebes oder seitens des Callus usw. um scheiden. Die 
irurgen nehmen heute als Material Fascien, Fettgewebe, 
iskellappen, Gefäßwände. Stoffel empfiehlt auch prä- 
rierte Gefäße und bevorzugt in Formalin gehärtete Kalbs- 
terien, die er als Manschetten für die Nervenstämme ver¬ 
endet. Auch decaleinierte Knochen, Röhren von Magnesium 
td in Formalin gehärtete Gelatine wurden empfohlen. 

Der jeweilige Befund im Einzelfalle muß entscheiden, ob i 
ne Neurolyse, eine Resektion mit Nervennaht oder eine 
ervenanastomose, ob eine Nervenautoplastik oder eine I 
ervenläppchenbildung vorzunehmen ist. Es ist hier nicht 
er Ort, das Nähere darzulegen, das findet man in den Lehr- | 
üchem, und das haben Stoffel und auch Coste ein- 
ehend dargelegt. Ich habe meinen Eppendorfer Kollegen I 
ick je nach der Lage des Falles die verschiedenen Metho- 
L en an wenden sehen. 

Was nun die bisherigen Erfolge betrifft, so kann ich 
gegenwärtig 45 Fälle von Operationen am peripheren Nerven 
iberblicken; dabei handelte es sich 4 mal um eine einfache 
Neurolyse. Ich ließ 17 mal den Radialis, 4 mal den Plnaris, 

L mal den Medianus, 8 mal den Ischiadicus, 4 mal den Pero¬ 
neus, 7 mal Medianus und Ulnaris und 4 mal den Plexus 
brachialis operieren (Sick, Ringel, Kotzenberg. 
Oehlecker). 3 mal wurde eine Nervenpfropfung und 
36 mal eine Resektion des Nerven mit nachfolgender Naht 
ausgeführt. Vier Fälle von Neurolyse besserten sich durch¬ 
weg schneller als man es ohne die erleichternde Operation 
hätte erwarten können — in allen drei Fällen lag schwere 
Entartungsreaktion vor. In fünf Fällen von Nervennaht 
traten bereits sechs respektive acht Wochen nach der 
Operation die ersten Zeichen wiederbeginnender Funktion 
auf, in allen Fällen hatte totale Entartungsreaktion be¬ 
standen, in den andern Fällen von Nervennaht, die 
jetzt*) fünf Monate bis zu zwei Wochen zurückliegen. 
ist eine Wiederkehr der Motilität bisher nicht zu ver 

zeichnen. Es ist nach den anatomisch-mikroskopischen 
und nach den experimentellen Forschungsergebnissen ja auch 
begreiflich, daß hierzu im allgemeinen viele Monate - 
Spielmeyer spricht von einem Jahr und länger — 
hören. 

Die Zusammenstellung von Coste zeigt, daß M 
Neuralgien die Neurolyse mit und ohne Excision sehr oft gu e 
Erfolge zeitigt; in vielen Fällen verband man die Neurons 
mit Excision von Auftreibungen und auch mit wetfctem 
förmiger Excision von Narben. 

Die Nervennaht ist natürlich am einfachsten da, wo fr 
sich um eine einfache Durchtrennung der Nerven hanae • 
und hier wieder zeigte sich, daß die sekundäre, das nen 
die erst nach Heilung der Wunde vorgenommene Operatm 
eine bessere Prognose für die Funktion gibt als die primär. 
die mit allerlei Schädlichkeiten (Infektion der Wunde u^; 
zu rechnen hat. Auf die trophischen Störungen hatte l 1 ' 
Nervennaht nur selten günstigen Einfluß; das erklärt tf 
einfach daraus, daß trophische Störungen fast n ur 
schweren Fällen und meistens erst dann einsetze. 
wenn die Lähmung schon lange besteht; auch treten > 
oft erst als Folgen von Komplikationen, wie da sind ^ T- in 
Versteifungen, Sehnenverkürzungen, Atrophie durch i' ,c 
gebrauch, Contracturbildung usw., auf. 



*) Amuorkung bei der Korrektur: das heißt Ende März. 


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9. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


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Fasse ich zusammen, so kann man über die I n d i k a - 
[fi-r t i o a z u r 0 p e r a t i o n sagen: In frischen Fällen soll ope- 

f riert werden, wenn der Fall klar zeigt, daß eine glatte Durch- 

■ l- trennung des Nervten stattgefunden hat und wenn keine Kom- 

y; ’ piitation mit Knochenfrakturen vorliegt. Bei solcher und 
-. bei andern Komplikationen hat der Eingriff am Nerv statt- 
zufinden, wenn die komplizierenden Verletzungen geheilt 
sind, dann aber möglichst bald. 

In der bei weitem überwiegenden Zahl der Fälle wird 
die Diagnose, ob der Nerv durchtrennt ist oder nicht, nicht 
zu stellen sein. Dann wird man, wenn die Fälle klinisch leicht I 
oder mittelschwer sind, zunächst w r arten, ob die Funktion sich 
bessert. Ist dies im Laufe mehrerer (sechs bis acht) Wochen 
nicht der Fall, soll man operieren. Die Operation selbst wird 
dann zeigen, worum es sich handelt, und dann wird man ent¬ 
scheiden, ob nur Neurolyse oder ein Eingriff am Nerv selbst 
rorzunehmen ist: Neurolyse, wo der Nerv nur stranguliert, 
eingebettet usw. ist; Anfrischung und Nervennaht, wenn die 
Kontinuität des Nerven, mit und ohne Narbenbildung, unter¬ 
brochen ist. Der jeweilige Fall wird es in das Ermessen des 
Operateurs stellen, ob eine einfache Nervennaht genügt oder 
ob eine Nervenläppchenbildung, eine „Greife nerveuse“ 
(L^tiövant), eine Entlehnung aus einem benachbarten ge¬ 
sunden Nerven nach einer der verschiedenen Methoden am 
Platz ist. 

Nach Ablauf eines Jahres sind wir hoffentlich an Er¬ 
fahrungen über die Prognose der Nervennaht sehr viel reicher 
— vorausgesetzt daß das Material der Weiterbeobachtung j 
zugänglich bleibt; es steht aber zu hoffen, daß das der Auf- < 
sicht der Militärbehörden weiter unterstehende Soldaten- ( 

material in dieser Beziehung besser zu verwerten sein wird i 
als das viel mehr fluktuierende, zu keiner Nachuntersuchung N 
verpflichtete Material der freien Krankenhäuser und der kon- J 
suitativen Privatpraxis. p 


Die Nachbehandlung ist überaus wichtig. Sie 

- beginnt mit der richtigen Stellung der Gelenke zueinander, 
die Rücksicht zu nehmen hat auf die möglichste Entspannung 

- der vereinigten Nervenenden; sie fährt dann fort mit Behand- 
l lang der gelähmten Muskeln in Form von Elektrizität, 

( Massage, Heißluft- und Heißwa*serbehandlung und — was 
immer noch das wuchtigste bleibt — geduldiger und ener¬ 
gischer Uebungstherapie, deren w ichtigster Teil die Uebung im 
aktiven Gebrauch ist und bleibt. Es ist — angesichts der von 
mir ebenso wie von Andern gemachten Erfahrung — nicht 
überflüssig, zu betonen, daß die elektrische Behandlung in 
den — häufigsten — Fällen, in denen die Muskeln faradisch 
u n erregbar sind, mit dem galvanischen und nicht mit 
dem faradischen Strom stattfinden soll. 

Endlich wird sich der ganze soziale Apparat an den 
Heil- und Fürsorgeinaßnahmen zu beteiligen haben, und es 
ist erfreulich, daß die Bestrebungen, die Krüppelfürsorge und 
die Leistungen der staatlichen Versicherung sowie die Für¬ 
sorge der Heeresverwaltung zum Wehle der Verletzten Hand 
in Hand gehen zu lassen, bereits eingeleitet sind. Möge sie 
zu einem guten Ende führen! 

Literatur: Bruns. KriegsneurologiseheBeobachtungen und Betrach¬ 
tungen. (Neurol. Zbl. 1915. Nr. 1.) —Coste, Nervennaht. Nervenanastomose und 
Neurolyse. Sammelrefernt. (Zsehr. f. d. ges. Neurol. Bd. 6. S. 4.7.) — Drüner, 
Ueber die Chirurgie der peripheren Nerven. (M. m. W. 1915, Nr. 6.) — 
E. Freund, Diskussion zu einer Demonstration Schlesingers. (Mitt. d. Ges. 
f. inn. Med. u. Kinclerlvranl.'h. 1915. 14. Jan.) — Gerolamo (Beitr. z. ldin. 
Chir. 1914, ßd. 91, S. 2.12.) — Hotz, Ueber Kriegsverletzungen des Nerven¬ 
systems. (M. m. VV. 1914, Nr. 45 u. 4G.) — Hohmann, Ueber Nerven¬ 
verletzungen. (M. m. W. 1914, Nr. 49.) — Kirsehner (Beitr. z. Kriegsheilk.; 
herausgegeben vom Komitee des D, V. vom Roten Kreuz. Berlin 1914, 
Springer.) — Lewandoxvsky, Die Kriegsverletzungen des Nervensystems. 
(B. kJ. YV. 1914.) — Marburg (Neurol. Zbl. 1915, S. 175.) — Oppenheim, 
Zur Kriegsneurologie. (B. kL w. 1914, Nr. 48.) — Reich, Schußverletzungen 
der peripneren Nerven. (D. m. W. 1914, Nr. 50, S. 2083.) — Spitzky (W. kl. 
VV. 1915. Nr. 2, S. 49.) — Spielmeyer. Zur Frage der Nervennaht. (M.m. W. 
1915. Nr. 2 u. 3.) Stoffel, Ueber die Behandlung verletzter Nerven lm 
Kriege. (M. m. W. 1915, Nr. 6.) — Wollenberg, Schußverletzungen der 
peripheren Nerven. (D. m. W. 1914, Nr. 50, S. 2083.) 


Umfrage über Uebertragung und Verhütung des Fleckfiebers. 

Die große Verbreitung des Fleckfiebers unter den Russen bringt naturgemäß eine gewisse Gefährdung aller derjenigen 
mit sich, die mit den Erkrankten durch ihre Berufstätigkeit in Berührung kommen. Dabei hat sich gezeigt, daß das Fleckfieber 
unter gewissen Voraussetzungen und an bestimmten Orten außerordentlich ansteckend ist. Es hat sich ferner gezeigt, daß die 
fnLktiou gerade bei den deutschen Aerzten eine außerordentlich schlechte Prognose gibt. Die Frage, wie die Ansteckung erfolgt 
und wie sie zu vermeiden ist, ist daher von hoher Bedeutung. 

Diese Frage zum Gegenstand einer „Umfrage“ zu machen, wurde bei der Schriftleitung der Wochenschrift angeregt durch 
die folgende Zuschrift von Professor Dr. Gustav Singer, Wien. 

Diese Zuschrift, welche zugleich die Begründung der Umfrage und die Stellungnahme unseres Kollegen zu dieser Frage 
kennzeichnet, lautet: 

„Der Flecktyphus, das unheimliche Gespenst in unserer gemeinsamen Kriegsnot, hält uns Aerzte alle in seinem Banne. 
Wir dürfen uns doch auch nicht verhehlen, daß trotz aller Fortschritte in den letzten Jahren uns noch manches in der Epidemio¬ 
logie und in der Kenntnis der Verbreitungswege dieser entsetzlichen Seuche unbekannt ist. Das tragische Schicksal der beiden 
verdientesten Forscher in dieser Frage, v. Prowazek und Jochmann, welche der Seuche zum Opfer gefallen sind, der sie einen 
Teil ihrer Lebensarbeit gewidmet haben, hat mich in der Anschauung bestärkt, daß unsere Kenntnisse und die Vorkehrungen zum 
Schutze gegen die Uebertragung des exanthcmatischen Fiebers nicht lückenlos sind. Unser berühmter Landsmann v. Prowazek 
hat ja das größte Verdienst daran, von den Nicollesehen Versuchen ausgehend, den Nachweis erbracht zu haben, daß die 
KWderläuse eine so wichtige Rolle bei der Verbreitung des Flecktyphus spielen. Die Schutzmaßregeln gegen diese Epizoen 
müssen doch noch recht unvollkommene sein, wenn auch die bewährtesten Kenner des Flecktyphus sich selbst vor Ansteckung 
nicht bewahren konnten. 

Oder aber — und diese Ansicht wird gerade von unsem erfahrensten österreichischen Kennern der Seuche (Borv, 
•Marius Kaiser) vertreten — es gibt noch andere Wege, welche die Uebertragung der Seuche vermitteln. Unsere galizischen 
Amtsärzte, welche in Oesterreich die meiste Erfahrung auf diesem Gebiete besitzen, stimmen vielfach der von den beiden letztg¬ 
enannten Autoren vertretenen Meinung zu, daß die Flöhe die Zwischenträger des Erregers der Seuche sind, und die von Borv 
Ü f ‘r Amtsarzt 1914, Nr. 6) mitgeteilten Beobachtungen machen das außerordentlich glaubwürdig. Ist man ja heute bei vielen 
andoreri Seuchen (Abdominaltyphus, Recurrens, Pest) dazu gekommen, den blutsaugenden Epizoen überhaupt eine maßgebende Rolle 
t ”‘ l der Uebertragung zuzuweisen. 

Die Vorbeugungsmaßregeln gegenüber dem Fleckfieber müssen als einseitige bezeichnet werden, wenn sie sich bloß auf 
1 \ ertilgung der Kleiderläuse beschränken, da schon französische Militärärzte in Tunis ziemlich einwandfrei zeigen konnten, 
‘ . au(dl die Kopfläuse als Ueberträger des Contagium zu beschuldigen sind. (Spindler, St. Petersburger m. W. 1914, Nr. 14" 
• icolle, Blaizot und Conseil; Goldberger und Anderson.) 

Es scheint mir daher eine aktuelle und hochwichtige Angelegenheit zu sein, daß unter uns Aerzten, die wir ja alle so- 
u J! ser Wartepersonal von dieser unheimlichen Aeußerung der Kriegsnot getroffen sind, Klarheit in den Anschauungen herrsche 
nfi buugkeit in unserm Vorgehen erzielt werde. Da die gegenwärtige Zeit der Abhaltung von Beratungen nicht günstig ist, 
dp pi 1C ^ ni * r aus e * ner Umfrage bei solchen Kollegen, welche persönliche Erfahrungen in der Epidemiologie und Prophylaxe 
8 ** ec kfiebers erwerben konnten, einen großen Gewinn für die Sicherheit unseres Vorgehens versprechen.“ 


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9. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


Der Anregung des Prof. Singer nachgehend, wurde über die folgenden Fragen bei einer Anzahl deutscher und öster¬ 
reichischer Hygieniker Auskunft erbeten: 

1 Ist die Verbreitung und Uebertragung des exanthematösen Fiebers an die Gegenwart von Kleiderläusen gebunden; kommen 
auch andere blutsaugende Epizoen in Frage (Kopfläuse ,, Flöhe , Wanzen); kommen noch andere Wege der Blutübertragung in 
Betracht (Ansteckung durch das Blut bei Hautverletzungen der Kranken , bei Blutentnahme und bei der Sektion frischer 
Leichen?) 

2. Welche Mittel und Wege der Entlausung sind am gangbarsten und ausgiebigsten; sind neben den Maßnahmen gegen die 
Fediculosis auch Vorkehrungen gegen die Verbreitung anderer Epizoen nötig (Behandlung der Fußböden und Wände in 
Transportwagen y in Aufnahme - und Krankmräumen ?) 

3. Welches ist die einfachste , billigste und sicherste Methode, um die am meisten gefährdeten Personen m der Umgebung dtr 
Kranken (Wartepersonal und AerzteJ vor der Ansteckung zu schützen? 


Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Flügge, Hygienisches Institut, Berlin: 

1. Durch einwandfreie Experimente und durch sehr zahl¬ 
reiche epidemiologische Erfahrungen ist es sichergestellt, daß die 
Uebertragung des Fleckfiebers praktisch nur durch Kleiderläuse, 
nicht durch andere blutsaugende Insekten, zustandekommt. — 
Ueberimpfung von Blut des Kranken in die Blutbahn des Gesunden 
wird vielleicht die Krankheit übertragen können; durch zu¬ 
fällige Verletzung mittels einer beim Kranken benutzten Pravaz- 
spritze scheint auch einmal eine solche Uebertragung in praxi 
beobachtet zu sein. Sie wird jedoch sicher äußerst selten sein, 
weil nicht einfache Berührung des Krankenbluts genügt, sondern 
die Einbringung in die Blutbahn des Gesunden erforderlich ist. 
Bei den sehr zahlreichen Experimenten der französischen Forscher 
mit kontagiumhaltigem Blut ist nie eine Uebertragung auf den 
Experimentator erfolgt. Außerdem geht aus diesen Experimenten 
hervor, daß im Körper der Laus eine Entwicklung des Kontagiums 
sich vollzieht und daß eine Uebertragung erst gelingt, nachdem 
diese Entwicklung fünf bis sieben Tage angehalten hat. — In den 
letzten Monaten sind in den Gefangenenlagern Erfahrungen betreffs 
der Uebertragungsweise des Fleckfiebers gesammelt, die geradezu 
den Wert von Experimenten haben und mit Sicherheit dartim, daß 
von entlausten Fleckfieberkranken überhaupt keine Ansteckungs¬ 
gefahr mehr ausgeht. 

2. Als Mittel zur Entlausung kommen in Betracht: Abseifen 
des bloßen Körpers; Kochen oder Dampfdesinfektion der Wäsche; 
Kleiderdesinfektion in Dampf oder mit trockner Hitze; Leder¬ 
sachen, Uniformen usw'. nur mit trockner Hitze. Auch schweflige 
Säure und andere gasförmige Desinfektionsmittel sind unter Um¬ 
ständen brauchbar; auf rasches völliges Durchdringen der Kleider 
ist aber nur bei künstlicher Luftcirculation zu rechnen (Clayton- 
apparat). Im übrigen möchte ich auf die kürzlich vom Kaiserlichen 
Gesundheitsamte bearbeitete „Zusammenstellung einiger Verfahren 
zur Vertilgung von Kleiderläusen“ verweisen. 

3. Ein völlig sicherer Schutz für Aerzte, Wärter usw. 
war bisher nicht möglich. Einreiben mit ätherischen Gelen, 
Salben, Tragen von Naphthalinstückchen und dergleichen schützt 
wohl diejenigen Personen, die solche Mittel dauernd vertragen, 
gegen Ansiedlung und Vermehrung der Läuse, nicht aber gegen 
gelegentliches Ueberkrieehen und Stechen. Ueberkleider aus glattem 
Gummi erschweren das Haften und Kriechen der Tiere; sicherer 
Schutz wird aber erst erreicht, wenn ein läusedichter Abschluß an 
den Oeffnungen, Aermelenden usw. durch Heftpflasterstreifen her¬ 
gestellt und die Halsöffnung durch eine sogenannte Barriere, 
Leukoplaststreifen mit Klebmasse, geschützt wird. Näheres hier¬ 
über in meinem Artikel „Ueber Schutzkleidung“ in dieser Zeit¬ 
schrift. 


Geh. Rat Prof. Dr. A. Gärtner, Hygienisches Institut, Jena: 

1. Daß die Kleiderläuse die Krankheit übertragen, ist 
als sicher anzunehmen; ob Kopf- oder Filzläuse die Vermittler sein 
können, dürfte schwer zu entscheiden sein, weil mit diesen be¬ 
haftete Fieckfieberkranke wohl immer auch Kleiderläuse haben. 

Die Ansteckung durch Flöhe oder Wanzen scheint keine 
Rolle zu spielen; der strikte Beweis für diese Annahme dürfte 
jedoch zurzeit schwer zu erbringen sein. 

Eine Ansteckung durch frisches Blut, welches direkt i n Ge¬ 
sunde übertragen wird, halte ich für sicher möglich; nur wird 
dieser Infektionsmodus sehr selten sein. — Die Tröpfcheninfektion 
ist — theoretisch — möglich, jedenfalls denkbar; ob sie tatsäch¬ 
lich vorkommt, läßt sich zurzeit noch nicht sicher entscheiden, 
ist jedoch wenig wahrscheinlich. 

2. Das ausgiebigste Mittel zur Entlausung erblicke ich in 
der gleichzeitigen Behandlung: 1. der Kleider, der Decken 
und Betten mit Dampf von rund 100 °, 2. der Personen mit einem 


tüchtigen Bad unter Anwendung von Seife unter Kontrolle, und 

3. der Wohnungen mit 2y 2 %igem Kresolwasser oder 3iger 
Carboisäurelösung. Wo Strohsäcke Verwendung finden, ist das 
Stroh beziehungsweise die Holzwolle zu entfernen; die Bezüge 
sind zu desinfizieren und mit neuem Material zu stopfen. 

3. Ich empfehle hohe Stiefel, Einlage eines Lemwawl- 
streifens mit ätherischem Oel oder Naphthalin in dem obersten Teil 
des Stiefelschafts, sodaß der Streifen über den Stiefelschaft her¬ 
vorragt, langen Gummimantel, der hinten zu öffnen ist, mit 
engen Aermel Öffnungen an der Hand, und Gummihandschuhe, die 
so groß sein müssen, daß sie über die Aermelanfänge himiher- 
reichen. Tun sie das nicht, so ist auch hier ein Leinwandstreifen 
mit ätherischem Oel oder Naphthalin als Verbindungsstück 
zwischen Aermel und Handschuh zu tragen. Die Mäntel sollen 
mit einem Läuse abschreckenden Mittel, z. B. einem ätherischen 
Gele, bestrichen sein. 


Prof. Dr. 0 . Bujwid, o.ö. Professor der Hygiene an der Universität 
Krakau: 

1. Aus früher von mir beobachteten Epidemien glaube ich 
festgestellt zu haben, daß auch Anhusten eines Gesunden von 
einem Kranken als ansteckendes Moment betrachtet werden kann. 

2. Reichliche Gelegenheit zum Baden und Wäsche zu 
reinigen gibt einen Anlaß für jeden Soldaten, sich rein zu halten 
und sich vom Ungeziefer in jeder möglichen Weise zu befreien. 
Reichlich Duschebäder überall an Ort und Stelle! 

Fußboden mit einer Mischung von Mineralöl und Petroleum 
oder Terpentin (10 :1) zu schmieren. 

Sclnvefelverbrennung in von Spenglern benützten Koksöfen 
(Hitze und S0 2 -Wirkung, dabei auch CO-Wirkung auf Läuse und 
W anzen). 

Transportwagen mit Insektenpulver und in Petroleum ge¬ 
tränkten Lappen zu behandeln. 

3. Rohrstiefel mit Petroleum oder Terpentin abgewischt; 
leichte, gut angepaßte Mäntel; Binde aus Gaze an Mund und Nase. 
Duschebad nach der Arbeit. Vor dem Duschebade sich nicht 
kratzen! 


Prof. Dr. Kißkalt, Hygienisches Institut, Königsberg i. Pr.: 

1. Am häufigsten sicher Kleiderläuse; nach Versuchen wohl 
auch Kopfläuse. Da sich aber erst nach jahrelangem Forschen 
gezeigt hat, daß Recurrensspirochäten nicht nur durch Zecken, son¬ 
dern auch durch Läuse übertragen werden, möchte ich die Möglich¬ 
keit der Uebertragung durch andere Insekten nicht aussohließcii. 
Aus demselben Grunde möchte ich auch warnen, auf die bisherigen 
Bekämpfungsmaßnahmen, die sich gegen Uebertragung von Mensch 
zu Mensch richten, zu verzichten, bis durch mehrjährige hr- 
fahrung festgestellt ist, daß dieser Weg tatsächlich niemals in Be¬ 
tracht kommt. 

2. Für Kleider und Räume Schwefelkohlenstoff als solcher 
(nicht verbrannt) in einer Menge von etw f a 100 ccm pro Kubikmeter. 

3. Vielleicht Naphthalin. 


Prof. Uhlenhuth, Straßburg i. Eis., 

Beratender Hygieniker, Oberstabsarzt, zurzeit im Felde. 

1. Nach den neuen epidemiologischen Beobachtungen un ( 
Tatsachen ist die Kleiderlaus praktisch als der a*lem>p 
Ueberträger des Fleckfiebers anzusehen. An eine Tröpi«' u 
infektion glaube ich auf Grund dieser Erfahrungen nicht iw • 
es w'äre aber sehr erwünscht, wenn auch ad hoc Experimente av 
geführt würden, um die Annahme der Infektiosität von iwcr«^ 
und Lungensekretem definitiv auszuschließen. Auch die 
Kleiderlaus nahe verwandte Kopflaus kann nach Goldbet* 
und Anderson als Ueberträger in Betracht kommen. A n 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


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Insekten spielen nach unsere bisherigen Erfahrungen keine Rolle 
bei der Uebertragung des Fleckfiebers. 

Ein läusefreier Fleckfieberkranker ist also 
nicht infektiös. Beweisend dafür sind epidemiologische 
Erfahrungen von Jürgens,Gottschlich und Andern (s. M. Kl. 
1915. Nr. 18). Diese Tatsache ist für den Arzt und Pfleger von 
größter Bedeutung. Uebertragung durch Blut ist ebenso wie bei 
Malaria und Gelbfieber theoretisch denkbar, praktisch aber ohne 
Bedeutung. Dafür spricht auch die Erfahrung, daß bei Sektionen 
eine Ansteckung nicht mit Sicherheit beobachtet worden ist. Das 
kann allerdings daran liegen, daß das Virus in der Leiche schnell 
zugrunde geht. 

Anderseits muß man berücksichtigen, daß bei direkter Ver¬ 
impfung des Bluts von Kranken auf Affen größere Mengen 
(einige Kubikzentimeter) nötig sind, während sonst bei der Ueber¬ 
tragung durch Läuse nur minimale Mengen (Biß einer einzigen 
Laus) ausreichen. 

In der Laus findet offenbar erst eine Anreicherung und noch 
nicht näher bekannte Reifung des Virus statt. Immerhin ist Vor¬ 
sicht bei Blutentnahmen und Sektionen anzuraten. 

2. Was die Entlausung betrifft, so möchte ich hier nur 
die Feldverhältnisse betrachten. Die Entlausung der Kriegs¬ 
gefangenen und aller mit ihnen mehr oder weniger in Berührung 
kommenden Personen (Bewachungsmannschaften, Aerzte, Pflege- 
und Verpflegungspersonal), weiterhin die systematische Ent- 
lausung der Truppen muß möglichst schnell und womöglich ein¬ 
heitlich betrieben und nötigenfalls wiederholt werden. 

Zur Entlausung gehört: 

a) Die gründliche körperliche Reinigung des Behafteten 
oder Verdächtigen mit Warmwasser und Schmierseife (im 
Wannenbad oder unter Brausen). 

b) Eine exakte Desinfektion des Unterzeugs mit strömendem 
Wasserdampf (sowohl des angezogenen wie des als Reserve mit- 
gefiihrten „reinen“, das heißt lediglich gewaschenen), ferner der 
Üniformstüeke, soweit sie Dampf vertragen, und zwar genügend 
lange Zeit. Es ist notwendig, die einzelnen Stücke gut auseinander 
zu nehmen (wir haben bei Gefangenen gesehen, daß sie vier Hemden 
und zwei Unterhosen übereinander trugen und daß die Fußum- 
hüllung meist dreifach war) und den Dampf solange einwirken zu 
lassen, bis die Läuse abgetötet sind (eine halbe Stunde). 

c) Durehhitzung mit heißer Luft aller der Bekleidungs- und 
Ausrüstungsstücke, die nicht mit Dampf behandelt werden dürfen 
(Ledersachen, Pelze usw.), aber ebenfalls genügend lange je nach 
dem im Innern der Gegenstände festgestellten Hitzegrade 
(60° eine Stunde). 

d) Abwaschen mit 5 % iger Kresolseifenlösung, 5 % igem 
(’arbolwasser und andern erprobten Chemikalien aller sonst noch 
in Betracht kommenden Gegenstände (Fußböden, Wände, Möbel 
und Geräte, Transportmittel und so fort). Auch dabei ist größte 
Peinlichkeit und genügende Einwirkungszeit nicht außer acht zu 
lassen. Abwaschen mit Kresolseifenlösung ist auch dann not¬ 
wendig, wenn für Lederzeug usw. trockne Hitze nicht zur Ver¬ 
fügung steht. Wir haben Läuse in den Hosenträgern gesehen, und 
zwar an dem knopflochtragenden Lederstücke dort, wo es aus 
der glatten Fläche in den eingerollten runden Gleitteil übergeht, 
aber auch am Eingänge zu den Hosentaschen oben und unten. 

e) Unumgänglich notwendig ist bei den verschiedenen Ent- 
lausnngswegen die denkbar schärfste Trennung von 
unreiner (verlauster) und reiner (läusefreier) Seite. Man kann 
darin nicht weit genug gehen und wird hier und da selbst gute 
Klebstoffe (Vogelleim, Fliegenleim) nicht entbehren können, 
um Läuse am Weiterkriechen zu verhindern. 

In Krankenannstalten, insbesondere natürlich solchen mit 
Heckfieberabteilungen, muß man naturgemäß noch besondere 
Lmzelmaßnahmen treffen. Entlausungsanstalten sollten grund- | 
nützlich in allen Krankenanstalten vorhanden sein. j 

3. Der Kranke, Pfleger und Arzt müssen ebenso wie die 
hrankenräume läusefrei sein. Bei Besuch von Krankheitsver- 
oäehtigen ist vorherige Entlausung notwendig, ferner eine glatte, 
völlig abschließende Schutzkleidung (läusesicherer Abschluß am 
«a s, Aermeln usw.). Nach Beendigung ihres Dienstes erfolgt aber¬ 
malig Entlausung und Desinfektion der Kleider. Soweit Personen 
vorhanden sind, die Fleckfieber durchgemacht haben, sind diese 
zur Pflege Kranker heranzuziehen. 


Ueber Schädigungen des inneren Ohres durch 
Geschoßwirkung 

von 

Dr. Eugen Schlesinger, 

beratendem Hals-, Nasen-, Ohrenarzt bei den Vereinslazaretten in 
Nürnberg. 

Soweit ich die Literatur tibersehen kann, ist bisher eine 
Art von Verletzungen wenig beachtet worden, trotzdem sie 
offenbar häufig vorkommt und von erheblicher Bedeutung in 
ihren Folgen ist. Es handelt sich um die Verletzungen des 
.inneren Ohres durch Geschoßwirkung. Die direkten Ver¬ 
letzungen des Labyrinths kann man außer acht lassen; sie 
führen wohl immer unmittelbar zum Tode. Ganz vereinzelte 
Ausnahmen, die vielleicht einmal Vorkommen können, spielen 
praktisch keine Rolle. Ganz anders steht es mit den in¬ 
direkten Verletzungen. Sie sind häufig, werden allerdings 
oft übersehen aus Gründen, die ich nachher erörtern werde, 
und werden sich nach dem Kriege in zahlreichen Renten¬ 
ansprüchen stark bemerkbar machen. Ich möchte hier ein- 
ftigen, daß ich mit dieser Arbeit im wesentlichen bezwecke, 
die nichtspezialistisch geschulten Kollegen auf die Erkran¬ 
kung aufmerksam zu machen. Eine erschöpfende Bearbei¬ 
tung des Stoffes will ich nicht liefern. 

Traumatische indirekte Schädigungen des inneren Ohres 
sind uns aus der Friedenspraxis ja bekannt. Wir wissen, 
daß einmalige heftige Schalleinwirkungen oder plötzliche 
Luftverdichtungen im Gehörgang Schädigungen des Gehörs 
in 'wechselnder Schwere bis zur Taubheit hervorrufen können, 
häufig verbunden mit Ohrensausen, Uebelkeit, Schwindel und 
andern Gleichgewichtsstörungen. Sehr langdauemde Ein¬ 
wirkung auch schwächerer Schallreize führt bekanntlich 
ebenso zu schweren Hörstörungen (Kesselschmied- usw. 
Taubheit). 

Wenn auch in den letzten Jahren eingehende Unter¬ 
suchungen besonders von W i 11 m a a c k einiges Licht in die 
pathologischen Veränderungen dieser Labyrintherkrankungen 
gebracht haben, so sind wir doch über die meisten Punkte 
noch zu sehr im Ungewissen, um hier bestimmte Angaben 
über die eigentliche Natur der Erkrankung machen zu können. 
Man nimmt gewöhnlich an, daß eine einfache „Commotion“ 
des Labyrinths vorliegt, wenn die Beschwerden wieder ver¬ 
schwinden, daß aber Blutungen in die Endigungen des 
Acusticus erfolgt sind, wenn die Erkrankung unheilbar bleibt. 
In der Friedenspraxis kommen die schwereren Fälle jeden¬ 
falls so selten vor, daß sie der Mehrzahl der praktischen Aerzte 
sicher nicht geläufig sind. 

Es war von vornherein anzunehmen, daß der Krieg ein 
gehäuftes Auftreten bringen würde. Das scheint auch der 
Fall zu sein. Ich selbst hatte bisher Gelegenheit, gegen 
60 Fälle zu beobachten, wobei ich von den ganz leichten 
Affektionen absehe, die nur einige Tage Schwerhörigkeit und 
dumpfes Gefühl verursachten. Bei dem Höllenlärm der 
modernen Schlacht wird es ja sehr wahrscheinlich sogar kaum 
einen Mann geben, der nicht sogenannte Verdröhnungs- 
erscheinungen in den Ohren bekommt. Glücklicherweise 
gehen in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle die Erschei¬ 
nungen bald wieder zurück. Häufig genug kommt es aber 
zu dauernden Schädigungen. Meine Fälle waren ausnahms¬ 
los dadurch entstanden, daß in der unmittelbaren Nähe des 
Patienten eine Granate geplatzt war. Kein Wunder, denn 
hier wirken beide Faktoren, heftiger Knall und Luftdruck¬ 
schwankungen, zusammen. Mit wenigen Ausnahmen wurden 
die Verletzten fortgeschleudert, mit Erde überschüttet und 
erlitten noch andere, oft schwere Verletzungen; und damit 
komme ich zu dem Punkte, wieso die Affektion so häufig 
übersehen wird. Es ist ganz natürlich, daß bei der gewal¬ 
tigen Shoekwirkung, zumal wenn schwere sonstige Ver¬ 
letzungen vorliegen, die Patienten auf die Erscheinungen von 
seiten des Gehörorgans zunächst nicht achten, und zwar be- 


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sonders noch aus folgendem Grunde. So leicht verletzlich 
sich der Acusticus auch erweist, so gilt das doch sehr er¬ 
freulicherweise nur für den Cochlearis. Der V estibularis wird 
nach meinen Erfahrungen nie mitbetroffen; daher fallen die 
Erscheinungen fort, die sich ja sonst sofort bemerkbar machen 
würden: Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, Nystagmus. 

In einzelnen Fällen habe ich zwar leichte Schwindelerachei- 
nungen beobachtet. Diese waren aber nur bei gleichzeitigen nervösen 
Allgemeinstörungen vorhanden und sicher auf diese zurückzuführen. 
Sie verschwanden mit der Hebung dieser Schädigungen. 

Die Symptome sind also im wesentlichen Schwerhörig¬ 
keit, Druckgefühl im Ohr und Sausen, Klingen oder ähnliche . 
subjektive Gehörsempfindungen. (Diese sogar nicht einmal 
in allen Fällen.) Nun wissen wir ja aus der täglichen Praxis, 
wie lange es dauert, bis jemand eine Schwerhörigkeit an sich 
entdeckt, besonders, wenn sie nur einseitig auf tritt. Es ist 
ein ganz gewöhnliches Ereignis, daß ein Patient mit der 
Klage kommt, er höre seit einigen Wochen schlecht. Die 
Untersuchung ergibt, daß es sicli um ein jahrelanges Leiden 
handelt. Ich habe es auch jetzt wiederholt erlebt, daß sich 
in einem Lazarettsaal, in dem ich eine Ohruntersuchung bei 
einem Patienten vornahm, sofort mehrere andere Verletzte 
meldeten mit der Angabe, daß sie ebenfalls Beschwerden in 
den Ohren hätten. Es handelte sich in diesen Fällen, wie 
ausdrücklich bemerkt sei, nicht etwa um Simulanten. 

Das hervorragendste und wichtigste Symptom des 
akustischen Traumas ist die Schwerhörigkeit. Sie tritt in 
ungemein wechselnder Stärke auf. Von ganz leichten Be¬ 
einträchtigungen bis zu völliger Taubheit kommen alle Grade 
vor. Die genauere Hörprüfung ergibt, daß die Schwerhörig¬ 
keit labyrinthärer Natur ist. Auf Einzelheiten kann ich hier 
nicht eingehen. Ich will nur kurz erwähnen, daß die obere 
Tongrenze immer, manchmal bedeutend eingeschränkt ist. 
Schon bei der Prüfung mit Flüstersprache kann man das in 
gewissem Grade feststellen dadurch, daß Worte mit hoch¬ 
klingenden Lauten (wie sechs, sechzig, sieben, Kissen, Zeisig) 
schlechter gehört werden als solche mit tiefklingenden 
Lauten (wie acht, zwanzig, Kragen, Otto), im Gegensatz zu 
Mittelohraffektionen. Die Knochenleitung ist verkürzt. 

Das Trommelfell ist in unkomplizierten Fällen völlig 
normal, und hierin liegt ein Punkt, auf den ich besonders 
hinweisen möchte. Klagen über Ohrbeschwerden erwecken 
ja in den meisten Fällen bei den Kollegen Unlustgefühle. 
Für gewöhnlich wird nur das Trommelfell untersucht. Ist 
dies nun ganz normal, so läuft der Patient bei dem Fehlen 
jedes gröberen objektiven Befundes leicht Gefahr, für einen 
Simulanten gehalten zu werden. 

Von meinen Patienten hatten nur elf gleichzeitig 
Trommelfellrupturen, darunter vier doppelseitig. Wie zu er¬ 
warten, war gerade bei diesen die Hörstörung nicht beson¬ 
ders hochgradig. Ein großer Teil der Kraft des Erschütte¬ 
rn ngsstoßes wird ja in diesen Fällen zur Hervorbringung des 
Risses verbraucht. Diese Perforationen heilten übrigens oft 
mit übe naschender Schnelligkeit aus. Mehrmals handelte es 
sich dabei nicht nur um Risse, sondern um ganz ausgedehnte 
Zerreißungen. Nur viermal entwickelte sich eine Mittelohr¬ 
eiterung, bei einem Patienten doppelseitig. Dieser Fall ist 
bis jetzt nicht ausgeheilt und wird voraussichtlich seine 
Trommelfelldefekte behalten. Die Gefahr, daß bei Trommel¬ 
fellrupturen Eiterungen nachfolgen, ist nicht gering, da an¬ 
scheinend immer noch ziemlich häufig bei Klagen über Ohr¬ 
beschwerden die Ohren ohne nähere Untersuchung aus¬ 
gespritzt werden. 

Subjektive Gehörempfindungen, Sausen, Klingen usw., 
waren im Anfang in den meisten Fällen vorhanden, ver¬ 
schwanden aber gewöhnlich ziemlich schnell bis auf geringe 
Reste. In wirklich (pullender Weise bestehen blieben sie nur 
bei einem einzigen Falle, der zweieinhalb Monate nach der 
Verletzung aus meiner Beobachtung kam. Länger bleibt ge¬ 
wöhnlich ein dumpfer Druck im Ohr zurück und vor allem 


eine Ueberempfindliehkeit gegen Geräusche, besonders solche 
in hoher Tonlage wie Tellerklappern, Klirren von Scheiben 
und dergleichen. 

Die überwiegende Mehrzahl der Fälle war doppelseitig. 
Gewöhnlich war das Ohr stärker betroffen, auf dessen Seite 
die Granate geplatzt war. Das scheint, nebenbei bemerkt, 
doch dafür zu sprechen, daß die Luftleitung bei der Ent¬ 
stehung der Hörschädigung eine Rolle spielt. Wittmaack 
nimmt an, daß bei den akustischen Traumen nur die Knochen¬ 
leitung in Frage komme. Ein Fall von Ertaubung auf einem 
Ohre hatte gleichzeitig auf derselben Kopfseite einen Tan¬ 
gentialschuß durch ein Sprengstück erlitten. 

Die Schwerhörigkeit pflegt sich wie die andern Sym¬ 
ptome allmählich bis zu einem gewissen Grade zu bessern; 
gewöhnlich in ganz ruhigem Fortschreiten. Es kommen aber 
auch plötzliche, ruckweise Verbesserungen vor. Verschlech¬ 
terungen habe ich bei unkomplizierten Fällen nie beobachtet. 

Naeh unsem Friedenserfahrungen galten sechs Wochen 
als die Grenze, innerhalb deren noch eine Verbesserung zu er¬ 
warten war. Das scheint mir etwas zu niedrig gegriffen. Ich 
habe noch nach drei Monaten eine sehr auffallende Besserung 
festgestellt, allerdings nur in einem Falle. Schädigungen, die 
dann noch vorhanden sind, bleiben dauernd bestehen. Drei 
von meinen Fällen blieben auf einem Ohre ganz taub; bei 
50 blieb die Hörweite unter 2 m; bei den meisten zwischen 
|4 und V 2 m. — Therapeutisch ist nicht allzuviel zu machen. 
Ausgedehnte körperliche und geistige Ruhe ist in den ersten 
Wochen von großer Wichtigkeit. Da, wie erwähnt, fast immer 
noch andere Verletzungen daneben vorhanden sind, wird 
diese Forderung wohl immer erfüllt werden. Gegen die Ge¬ 
räusche wirkt die Elektromassage günstig; man muß sich 
aber hüten, zu früh damit anzufangen; denn Erschütterungen 
des Schädels müssen in der ersten Zeit sorgsam vermieden 
werden. Strychnin habe ich mehrfach gegeben, aber nie 
einen deutlichen Erfolg davon gesehen. 

Von größter Wichtigkeit ist, um das noch einmal zu be¬ 
tonen, die Diagnose und die Aufnahme des Hörbefundes. Es 
ist ganz unzweifelhaft, daß nach dem Kriege Rentenansprüche 
in großer Zahl erhoben werden werden. Wird erst einmal 
bekannt, daß Schwerhörigkeit als Folge von Geschoßwirkung 
verkommen kann, ohne daß man sonst an dem Ohr etwas 
sieht, dann ist zu befürchten, daß Feldzugsteilnehmer, die aus 
irgendeinem Grunde- schwerhörig waren oder wurden, eine 
Rente verlangen werden. Von unendlicher Bedeutung wird 
es dann sein, wenn in der Krankengeschichte ein Befund ver¬ 
merkt ist, wenn er auch nur ganz kurz ist; z. B. „Flüster¬ 
sprache wird rechts 1 m, links 2—3 m w^eit gehört“. Zu einer 
Untersuchung auf Flüstersprache gehört kein Apparat und 
gehören keine ohrenärztlichen Kenntnisse. Eine solche Un¬ 
tersuchung muß in allen Fällen, in denen der Patient über 
das Ohr klagt, vorgenommen, und das Resultat aufgezeichnet 
werden. 

Eine nicht unwichtige Frage ist die über die weitere 
Felddienstfähigkeit der Patienten. Die Entscheidung darüber 
ist nicht immer leicht zu treffen. Sicher festgestellt ist, daß 
ein Ohr, das einmal ein akustisches Trauma erlitten hat, außer¬ 
ordentlich gefährdet ist, wenn es wieder einer auch nur 
mäßig heftigen Schalleinwirkung ausgesetzt wird. Zu Pa¬ 
trouillen oder Vorpostendiensten sind Mannschaften mit stark 
herabgesetzter Hörfähigkeit natürlich überhaupt nicht zu ver¬ 
wenden. Meiner Ansicht nach sollten Verletzte, die auf einem 
| Ohr eine Hörweite unter 1 m haben, bei gleichzeitiger Herab- 
I Setzung auf dem andern bis höchstens 3 m nicht zum Dienst 
in der vordersten Front verwendet w erden. 

Ob man prophylaktisch etw r as gegen die Verletzung im 
modernen Kriege tun kann, scheint mir sehr zweifelhaft* 
Watte kann man nicht andauernd in den Ohren tragen; sie 
wird auch wenig nützen. Mundöffnen und möglichste Ent¬ 
spannung der Gaumenmuskulatur sind ja sicher zweckmäßig? 


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9. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


aber die praktische Durchführung dieser Maßregeln im ent¬ 
scheidenden Augenblick ist natürlich eine Unmöglichkeit, 
Nachtrag bei der Korrektur: Inzwischen 
habe ich gegen 20 weitere Fälle beobachtet, von denen eine 


erhebliche Anzahl durch Minenexplosionen verursacht war. 
Auffallenderweise war elfmal eine Mittelohreiterung (durch 
infizierte Trommelfellrisse) eingetreten, während dies bei 
den vorhergehenden 60 Fällen nur viermal der Fall war. 


Klinische Vorträge. 


Ueber epidemische Speicheldrüsen- und 
Nebenhodenentzündung 

von 

Prof. Dr. Hermann Eichhorst, Zürich. 


M. H.! Wenn die Schweiz auch bisher nicht unmittelbar 
vom Kriege betroffen worden ist, welcher sich teilweise in der 
Nähe ihrer Grenzen abspielt, so haben wir doch mehrfach Ge¬ 
legenheit gehabt, uns mit Kranken auf der Klinik zu beschäf¬ 
tigen, welche ihr Leiden doch schließlich auf Zustände 
zurückfüliren mußten, welche der Krieg geschaffen hat. Um 
die schweizerischen Grenzen erfolgreich mit Soldaten zu be¬ 
setzen, mußten große Truppenmassen aufgeboten und zu- 
saramengezogen werden. Aber auch die Kasernen im Innern 
des Landes sind andauernd und mit ungewöhnlich zahlreichen 
Truppen beständen belegt. Heute soll unsere Aufmerksamkeit 
ein Soldat in Anspruch nehmen, der gestern von der Kaserne 
in die Klinik geschickt wurde. 

Es handelt sich um einen 26 jährigen Infanteristen, der aus 
gesunder Familie stammt, als Kind an Keuchhusten erkrankte und 
im zwölften Lebensjahre wegen Mandel Vergrößerung operiert wurde. 
Er ist im August vorigen Jahres zum Militär einberufen worden 
und fühlte sich bis zum 10. Januar 1915 vollkommen gesund. An 
diesem Tage bekam er vormittags Frösteln, dem bald Hitzegefühl 
folgte. Er fühlte sich sehr matt und abgeschlagen, bekam Kopf¬ 
weh und Schwindel und verlor vollkommen den Appetit. Gegen 
Mittag empfand er leichte Schmerzen und Spannung in beiden 
Wangengegenden, und am Abend wurde er von sehr heftigen 
Schmerzen in der rechten Hodengegend geplagt, welche sich 
namentlich beim Aufsteheu in lästiger Weise bemerkbar machten. 

An den beiden nächsten Tagen gingen die auffälligen Emp¬ 
findungen in der Wangengegend beiderseits zurück, dagegen 
nahmen die Schmerzen in der rechten Hodengegend erheblich zu, 
und außerdem bildete sich eine schmerzhafte Schwellung unter dem 
linken Unterkiefer aus. Der Kranke bekam Temperaturerhebungeil 
bis 39,2 0 und wurde am 13. Januar 1915 vom Militärarzt auf die 
medizinische Klinik geschickt. Auf Befragen, ob ähnliche Er¬ 
krankungen in der Kaserne vorgekommen seien, berichtet er, daß 
w ein einziges Mal, und zwar am 5. Januar 1915, einen Kame- 
rcdcn im Krankenzimmer besucht habe, der dort an Mumps be¬ 
handelt worden sei. 

Wir haben es mit einem kleinen, aber sehr kräftig gebauten 
und vortrefflich ernährten Manne zu tun, welcher etwas blaß und 
rnnüdet- aussieht. Seine Haut fühlt sich trocken und warm an. 
p Achselhöhlentemperatur erreichte gestern abend 39,4 0 und 
betrug heute morgen 39,5 Der Radialpuls ist voll, gut gespannt, 
regelmäßig und macht nur 84 Schläge binnen einer Minute. Auch 
gestern abend wurden trotz 39,4 0 Achselhöhlentemperatur nur 
f Luise gezählt. Der Kranke ist bei freiem Bewußtsein und 
Wagt namentlich über schmerzhaftes Spannungsgefühl unter dem 
rcchttn Unterkiefer und über lebhafte Schmerzen in der rechten 
Hodengegend. 

Unter dem rechten Unterkiefer fühlt man dicht unter der 
Haut eine länglichrunde, ziemlich harte Geschwulst, welche fast 
j;? nau f ) ( ‘ n Kaum zwischen Unterkiefer und Kehlkopf vom Unter- 
kicfenvinkel bis zum Kinn einnimmt. Die Haut über dieser Ge- 
»chwulst ist, kaum gerötet etwas verdickt und teigig gedunsen und 
!! l | r Z?* ai ^ ^ er Oberfläche der Geschwulst verschieblich. Die 
»erfläche der Geschwulst ist nicht vollkommen glatt. Gegen 
nick besteht eine sehr beträchtliche Empfindlichkeit. Lymph- 
nisenschwellungen in der Umgebung der Geschwulst lassen sich 
mcht finden. 8 * 


bie entsprechende linke Unterkiefergegend bietet keine Ver¬ 
änderungen dar. 

findlich 6 ^Speicheldrüsen Bind weder vergrößert noch emp- 


•, Al) den Eingeweiden der Brust- und Bauchhöhle läßt sich 
c 8 krankhaftes oder Auffälliges nachweisen. 


Die rechte Seite des Hodensacks ist fast doppelt so groß 
als die linke. Die Haut zeigt hier lebhafte Rötung und fühlt sich 
wärmer als links an. Die Hautfalten sind stark verstrichen. Im 
rechten Hodensacke findet man einen länglichrunden, harten, etwas 
höckrigen und sehr druckempfindlichen Körper, dem dann ein 
ebenso großes, weiches und gegen Druck nicht empfindliches Ge¬ 
bilde anliegt. Daß letzteres der Hode ist und ersteres dem Neben¬ 
hoden angehört, erkennt man daraus, daß sich knotenförmige Ver¬ 
dickungen und Schmerzhaftigkeit auch auf den ersten Anfang des 
Samenstrangs fortsetzen. Ausfluß aus der Harnröhre besteht nicht. 
Der Harn ist vollkommen klar und unverändert. 

Die Erkennung der Krankheit dürfte wohl kaum irgend¬ 
welchen Schwierigkeiten begegnen. Offenbar handelt es sieh 
um eine epidemische Entzündung der rechten Unterkiefer¬ 
drüse, zu welcher sich eine rechtsseitige Nebenhoden¬ 
entzündung nebst Entzündung des Anfangsteils des rechten 
Samenstrangs hinzugesellt hat. Ob der Unterkieferdrüsen- 
entzündung eine sehr schnell vorübergehende, leichte doppel¬ 
seitige Ohrspeicheldrüsenentzündung vorausgegangen ist, er¬ 
scheint nach der Anamnese sehr wohl möglich, aber nachweis¬ 
bare Veränderungen ließen sich bei der Aufnahme des 
Kranken nicht mehr auffinden. Die Ansteckungsquelle muß 
wahrscheinlich bei jenem Kameraden gesucht werden, dem 
unser Kranker fünf Tage vor seiner Erkrankung einen Besuch 
abstattete; freilich ist eine Inkubationszeit von fünf Tagen bei 
epidemischer Speicheldrüsenentzündung eine so ungewöhnlich 
kurze, daß es sich nicht mit Sicherheit wird ausschließen 
lassen, ob nicht eine andere Infektionsmöglichkeit in Frage 
kommen könnte, da seit mehreren Monaten immer von Zeit 
zu Zeit in der Kaserne Erkrankungen an Mumps vorgekommeu 
sind, von welchen wir einen Teil auf der Klinik zur Behand¬ 
lung bekommen haben. 

Erst vor kurzer Zeit, am 2. Januar 1915, wurde uns ein 
38 jähriger Soldat aus der Kaserne zugeführt, welcher nichts mit 
unserm Kranken und dessen Freund zu tun gehabt hatte, und 
dennoch unter ganz gleichen Erscheinungen erkrankt war. Am 
29. Dezember 1914 stellten sich bei ihm leichtes Fieber, Kreuz¬ 
schmerzen und Husten ein. Vier Tage später ließ er sich auf die 
medizinische Klinik aufnehmen, wo man bei ihm einen ganz un¬ 
bedeutenden Bronchialkatarrh (sparsames Schnurren und Pfeifen 
über beiden Thoraxseiten) feststellte. Seine Achselhöhlentempe¬ 
ratur betrug am Tage der Aufnahme 37,6° und blieb dann die 
nächsten Tage unter 37,4 °. 

Am Morgen des 7. Januar 1915 klagte der Kranke über 
Schwellung und Schmerzen in der rechten Unterkiefergegend. Man 
findet hier eine Geschwulst genau von der gleichen Beschaffen¬ 
heit, wie sie bei unserm ersten Kranken beschrieben wurde. Die 
Körpertemperatur geht dabei von 36,8° auf 37,8° in die Höhe, 
während der Puls von 74 auf 84 Schläge ansteigt. Am nächsten 
Tage tritt auch noch eine schmerzhafte Schwellung der linken 
Unterkieferdrüse ein. Am 9. Januar machten sich an der rechten und 
am 10. Januar an der linken Ohrspeicheldrüse eine geringe 
Schwellung und Schmerzhaftigkeit bemerkbar, die beide nach 
24 Stunden verschwunden sind. Die Achselhöhlentemperatur über¬ 
schreitet dabei nicht 37,8 

Am 11. Januar 1915 klagt der Kranke über sehr starke 
Schmerzen in der linken Inguinalgegend. Die Temperatur, welche 
am Morgen 37,4 0 betragen hatte, ging mittags auf 38,5 0 und 
abends auf 40,0° in die Höhe. Man findet die linke Hodenhälfte 
über faustgroß verdickt. Die Haut des Hodensacks sieht gerötet 
aus und fühlt sich warm und leicht infiltriert an. In der linken 
Seite des Hodensacks liegt ein gegen Berührung sehr empfind¬ 
licher, härtlicher, auf seiner Oberfläche ein wenig höckriger 
Körper, der sieh deutlich gegen den weichen, unempfindlichen 
Hoden und gegen den Samenstrang abgrenzen läßt. Es handelt 
sich also um den entzündeten linken Nebenhoden. Kein Ausfluß 
aus der Harnröhre. Die Erhöhung der Körpertemperatur hält noch 



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UMIVERSITY OF IOWA 




536 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


9. Mai. 


zwei Tage an und beträgt: am 12. Januar 88,7° (88 Pulse), 39.5° 
(96 Pulse), 39,8 u (92 Pulse); am 13. Januar 38,1 0 (80 Pulse), 
87,9 0 (84 Pulse), 38,9 0 (84 Pulse). 

(Fortan überschritt die Acliseltemperatur nie mehr 37,3°. 
Am 14. Februar sind Schwellung und Schmerz in den Unterkiefer¬ 
drüsen und im linken Nebenhoden bedeutend zurückgegangen, und 
drei Tage später erschienen die erkrankten Gebilde wieder voll¬ 
kommen unverändert.) 

Daß sich zu epidemischen Entzündungen der Speichel¬ 
drüsen Entzündungen der Hoden hinzugesellen, ist eine alte 
und sehr bekannte Erscheinung. Bekannt ist auch, daß eine 
solche Entzündung nur bei Mannbaren auftritt. In manchen 
Kasernenepidemien stellte sich diese Komplikation fast bei 
der Hälfte der Erkrankten ein. K ö t z 1 o beispielsweise be¬ 
schrieb eine Mumpsepidemie in der Garnison Ludwigsburg, 
bei welcher unter 39 erkrankten Soldaten 43% von Orchitis 
befallen wurden. 

Zu den seltenen Vorkommnissen hingegen gehört es, 
daß nicht die Hoden, sondern die N e b e n h o d e n entzünd¬ 
lich erkranken. Auffallenderweise nehmen manche Lehr¬ 
bücher hierauf gar keine Rücksicht. Sticker beispiels¬ 
weise erwähnt in seiner Bearbeitung der epidemischen Ohr- 
speicheldriisenentzündung für das Handbuch der praktischen 
Medizin von Ebstein und S c h w albe aus dem Jahre 
1906 nur das Vorkommen einer Orchitis. 

So viel ist jedenfalls sicher, daß die Nebenliodenentzün- 
dung im Vergleich zu einer Orchitis ein sehr seltenes Ereignis 
ist, sodaß es eine reine Zufälligkeit ist, daß wir Gelegenheit 
gehabt haben, schnell hintereinander zwei Kranke mit Neben- 
hodenentzüdung nach epidemischer Speicheldrüsenentzüridung 
zu sehen. Nun zeichnen sich aber beide Kranke noch dadurch 
aus, daß bei ihnen nicht die Ohrspeicheldrüse allein oder 
hauptsächlich, sondern die Unterkieferdrüse erkrankt war. 
Man könnte vielleicht deshalb auf die Vermutung kommen, 
daß sich zu einer Ohrspeicheldriisemmtzündung meist eine 
Orchitis, zu einer Entzündung der Unterkieferdrüse eine Ent¬ 
zündung des Nebenhodens hinzugesellt, jedoch würde eine 
solche Voraussetzung nach den bis jetzt vorliegenden 
Beobachtungen unzutreffend sein. Die Erfahrungen von 
V e d r e n e r, Leinoine* Ant o n y , C a t r i n , S o r e 1 
und Pick betonen das Vorkommen von Nebenhodenent¬ 
zündung gerade bei Ohrspeicheldrüsenentzündung, während 
L a v e r a n bei einer epidemischen Entzündung der Sub- 
maxillardrüse doppelseitige Hodenentzündung auftreten sah. 

Wie die Hodeneiitzündung einer epidemischen Ent¬ 
zündung der Speicheldrüsen vorausgehen oder sich sogar 
allein an der Stelle einer solchen entwickeln kann, so zeigt 
auch die Nebenhodenentzündung, wenn auch viel seltener, ein 
gleiches Verhalten. Pick hat eine doppelseitige Entzündung 
des Nebenhodens beschrieben, bei welcher die Körpertempe¬ 
ratur bis 40,8 0 stieg, ohne daß es zu entzündlichen Verände¬ 
rungen an den Speicheldrüsen kam. 

Wesentlich seltener als eine Hoden- und Nebenhoden¬ 


entzündung bildet sich eine Entzündung ausschließlich des 
Samenstranges bei epidemischer Entzündung der Speichel¬ 
drüsen aus. T 6 d e n a t hat eine solche Beobachtung be¬ 
schrieben, und auch eine Mitteilung von Schwarzkopff 
dürfte hierher gehören. 

Wenn Sie übrigens sorgfältig Ihre Kranken untersuchen, 
so werden Sie gar nicht selten neben einer Hodenentzündung 
noch eine mehr oder minder lebhafte und deutliche Beteiligung 
des Nebenhodens und Samenstranges erkennen. 

Ueber die anatomischen Veränderungen bei diesen Zu¬ 
ständen ist sehr wenig bekannt; Dopter und Repaci 
fanden interstitielle und parenchymatöse Veränderungen in 
Hoden und Nebenhoden. 

Bei der Möglichkeit, daß wir es während der Kriegszeit 
noch Öfter mit epidemischer Entzündung der Speicheldrüsen 
zu tun bekommen, ist es mir eine willkommene Gelegenheit 
gewesen, etwa« näher auf die Komplikationen an den männ¬ 
lichen Geschlechtsdrüsen und ihres Ausführungsgangs ein¬ 
zugehen und Sie darauf hinzuweisen, daß die Art der Kompli¬ 
kationen reichhaltiger ist, als man dies vielfach zu glauben 
scheint. 

Gestatten Sie mir, daß ich zum Schlüsse noch auf einen 
Punkt Ihre Aufmerksamkeit hinlenke, welcher bei den prak¬ 
tischen Aerzten nicht sehr bekannt zu sein pflegt. Unser 
erster Kranker bietet eine ausgesprochene Pulsverlangsamung 
oder Bradykardie dar, welche besonders deutlich zutage trat, 
als die Körpertemperatur gesteigert war, aber auch bei fieber¬ 
freiem Zustande fortbestand. Bei 39,5 0 hatte der Kranke 
nur 84 Pulsschläge, während nach einer bekannten statisti¬ 
schen Berechnung von v. Liebermeister 100—104Pulse 
zu erwarten gewesen wären. In der fieberfreien Zeit wurden 
oft nur 56 Pulse gezählt. Bei dem zweiten Kranken erscheint 
die Bradykardie weniger hochgradig. Immerhin zeigte er im 
fieberfreien Zustande Pulse unter 80, meist unter 70 und bei 
40° nur 100, bei 39,8° nur 92 Pulse. Handelt es sich hier 
um eine Zufälligkeit? Wohl kaum, wenigstens ist auch von 
II o u x darauf hingewiesen worden, daß bei Parotitis epide¬ 
mica „immer“ Bradykardie anzutrefTen sei. In bezug auf das 
Verhalten des Pulses würde man also dem noch unbekannten 
Erreger der epidemischen Entzündung der Speicheldrüsen 
einen ähnlichen Einfluß zuschreiben müssen wie den Toxinen 
der Typhusbacillen, welche die häufige Pulsverlangsamung 
bei Typhus doch wohl bedingen. 

Literatur: Antony, ContagiositG et Evolution des oreillons. (L* 
Semaine ra6d. 1893.) — Catrin, A propos des oreillons. (La Semaine med. 
18)3.) — Dopter et G. Repari, Contribution ä l’6tude anatomo-pathologiqße 
des oreillons. (Arch. ni6d. exp. 1909, Bd. 2, S. 533.) — Koetzic, U^er^piw- 
mische Ohrspeieheldriisenentzündung und ihre Komplikationen. (M. Korr.w. 
d. württ. ärztl. Landesvereins 1906, Nr. 11.) Fr. Pick, Einiges über Mumps 
(Parotitis epidemica). (Wien. klin. Rdsch. 1902. Nr. 16.) — k° ux ; f Ä,' 
cardie dans les oreillons. (Diss. Paris 1913.) -- E. Schwarzkopff. wo 
von Parotitis epidemica mit besonders schweren Erscheinungen. 

1901.) - Sovel (La Semaine möd. 1893, S. 252.) - T^denat, Contributiona 
rctude de Torchite ourl. (Montpellier m6cL 1884.)— Vädrönes, Orchjte ouru 
observ6e en 1881 ä l^cole Polyt. que dans le cours d’une Epidemie doreui 
(M£m. de m6d. mil. et nav. 1882.) 


Berichte über KrankheitsläUe und Behandlungsverfahren. 


Aus dem Hygien. Institut der König]. Friedrichs-Universität Halle- 
Wittenberg (Direktor: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Fraenken). 

Versuche über Trinkwassersterilisation 

(Ein Beitrag zur Bekämpfung der epidemischen 
Darmkrankheiten im Felde) 
von 

Dr. Hugo Strausz, Halle a. S. 

Vorliegende Arbeit soll auf Grund theoretischer Erwägungen 
und experimenteller Tatsachen der Frage, kleine Mengen mit 
Coli-, Cholera-, Typhus- oder Ruhrbacillen verseuchten Trink¬ 
wassers in kurzer Zeit mit Hilfe von Wasserstoffsuperoxyd un¬ 
schädlich und trinkbar zu machen, näher treten. Dieses Problem 


hat jetzt zufolge des bevorstehenden Sommerfeldzugs ein erhebhc 
aktuelles Interesse. Zwar erfüllen die Feldkochapparate,, die « ' 
baren Ozonisierungsapparate, die Chlorierungs- (Hypochlorit) u 
Bromierungs-Trinkwasserbereiter in Begleitung entsprechen 
Filtervorrichtungen meistens ihren Zweck dort, wo es 
Trinkwasserversorgung größerer Truppenteile handelt. Daß « 
abertausenden Soldaten, die sich, von ihren Unterabteilungen g 
trennt, auf Vorposten-, Patrouillendienst und dergleichen wtmj 
durchaus nicht gedient ist, braucht wohl nicht erst näher ero 
zu werden. Die erstrebenswerte Notwendigkeit, solchen °“? u ? ^ 
längere Zeit gänzlich isolierten kleinen Soldatengruppen, ja 
einzelnen Mann ein Mittel in die Hand zu gehen, welche, ^ 
jederzeit, schnell, einfach und unabhängig den zuverlässige 
einwandfreien Genuß eines auf beliebigem Orte gefundenen 
wassers ermöglicht, hat schon vor etwa drei Jahren r 


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UNIVERSUM OF IOWA 




9. Mai. 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


5B7 


r der y 

•eobii.s-T 

lwini. 


man n in seinen Erörterungen über die Trink wasserfrage im Felde 
betont *). 

Nach den bisherigen Forschungsergebnissen haben sich für 
diesen Zweck hauptsächlich zwei chemisch wirkende Stoffarten als 
geeignet erwiesen, und zwar Stoffe, welche mit freien oder erst 
im Wasser selbst freiwerdenden (status nascens) Halogenen, wie 
Chlor und Brom, eine meistens schnelle und vollkommen keim¬ 
tötende Wirkung ausüben, sowie Stoffe anderseits, welche in der 
wäßrigen Lösung aktiven (atomistischen) Sauerstoff entwickeln, 
dessen keimtötende Wirkung auch eine vollkommene zu sein 
seheint, sofern man die zu ihrem Optimum nötigen Bedingungen, 
wie Konzentration, Temperatur, Zeit, richtig trifft. 

Es soll hier auf die ersteren nicht näher eingegangen werden, 
da es bisher auf keine Weise gelungen ist, den fahlen, meistens 
widrigen Geschmack, den das Wasser durch dieselben bekommt, auf 
eine einfache Weise (ohne Fällung oder andere geschmackstörende 
chemische Reaktionen) zu beseitigen. 

Durch die Einfachheit seiner Zersetzung in Wasser und in 
Sauerstoff ist das Wasserstoffsuperoxyd an erster Stelle geeignet, 
die an ein solches Mittel gestellten Anforderungen zu befriedigen, 
soweit dafür gesorgt wird, daß 1. das Mittel in leicht handlicher 
Form (Tabletten) zur Anwendung kommt, 2. die Zersetzung in 
einer Zeit erfolgt, welche praktisch kurz ist und doch genügt, um 
einen erwünschten Grenzwert der bactericiden Wirkung erreichen 
zu können, und 3. nach Ablauf des für die bactercide Wirkung I 
geeigneten Zeitoptimums der metallische, kratzende Geschmack | 
des Wassers, durch geringe Mengen etwa nicht zersetzten Wasser¬ 
stoffsuperoxyds verursacht, so gut wie möglich beseitigt oder ver¬ 
bessert wird. 

Von den festen Wasserstoffsuperoxydpräparaten, die im 
Handel sind, eignet sich die hochprozentige Harnstoffverbindung 
(36 Gewichtsprozente H,0 2 ) am besten, da der Harnstoff neben 
seiner sehr leichten Wasserlöslichkeit bekanntlich auch eine voll¬ 
kommene Indifferenz auf den menschlichen Organismus zeigt. 

Die keimtötende Wirkung der Wasserstoffsuperoxyd-Carbamid- 
präparate wurde schon des öfteren eingehend untersucht. Es sei hier 
nur auf die treffliche Arbeit U n g e r m a n n s 2 ) hingewiesen, der das 
von der Firma Merck (Darmstadt) hergestellte Perhydrit auf diese 
Wirkung ein gehend geprüft bat. Ich habe meinen Ueberlegungen und 
Versuchen die Ungermann sehe Arbeit zugrunde gelegt und 
möchte daher kurz die Ergebnisse seiner Versuche wiederholen. 

Ungern) ann hat in einwandfreier Weise festgestellt, daß 
whvdrit in 3%iger Lösung bei Zimmertemperatur innerhalb von 
jo «muten sowohl die widerstandsfähigsten, vegetativen Keime, wie 
Met. coli, als auch sporentragende Bakterien, wie Bact. subtilis, zu 
vernichten imstande ist. Die Wirkung des Wasserstoffsuperoxyds 
w*igt mit Erhöhung der Temperatur. „Bei 35 0 genügt eine 5 Minuten 
lange Einwirkung der 5%igen Lösung, um auch Heubacillen abzu- 
i°-wi ^ rend em Pfi n dhche Keime noch bei Verdünnungen von 
-cfrunJ^ Minuten wahrender Einwirkung sogar noch bei 1 : 750 
\ I;. { . Gewichtsprozent H 2 O 2 ) vernichtet werden. Die Wirkung 
lies Mittels erreicht also innerhalb kurzer Zeit beinahe den Endtiter, 

Pr u°r> t - T 8 z e w s k i *) a I 8 Grenze der desinfizierenden Wirkung 
<>n nj(^-Lösungen überhaupt bezeichnet wird. Es leistet also soviel, 
, 0 l“ an von Oner HiOs-Verbindung solcher Konzentration über¬ 
haupt verlangen kann.“ 

,^ urc ^ 5* ,ese Resultate ist auch der Weg zum Schaffen eines 
eis gegeben, welches die obenerwähnten drei Postulate in 
praktisch befriedigender Weise erfüllen soll. Betrachten wir nun 

• f . r . a « e ’ was hier unter „praktisch befriedigend** zu verstehen 
ist. naher. 

II ^ w °hl bei Ungerman 11 s Versuchen, wie überhaupt bei 
hijH ™ ci,un S e ? über chemische Trinkwassersterilisation 
cj 6 « heraus widerstandsfähige Bacterium coli commune als 
Wort 7- der w assersterilität zu Testzwecken angewandt, 

af Hrrtrtt Kolibakterien nach einer beliebig gewünschten Zeit 

„Jv . f° o a R das Mittel für gut, im Gegen falle — selbst bei 
>nit 1!. i anz enorm verminderter Keimzahl — für nicht 
rin ri hr^ .ßstab kann ja z. B. für Händedesinfektionsversuche 
der ei' *^ e . r ,s . e,n °der noch kaum hinreichen, da es sich, zumal in 
Die r, i . ,n , lr ^ 1 ' sc " en Praxis, um eine Sterilisatio magna handeln soll. 
hi w .T ni1n / af) ? r > daß gerade nur das von Colis befreite Trink- 
eirifN vni ,t n „* eis R ,r die praktische Brauchbarkeit 
;j ■ , ctlea Mittels liefern soll , ist meiner Ansicht nach ein wenig 
'wtneben. ln den Stadt »n m 


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und Mineralwassern kein „gesundes“ Leitungs- oder Brunnenwasser, 
aus welchem nach entsprechender Anreicherung und mehrtägiger 
Bebrütung des Nährbodens wunderschöne, wenn auch noch so 
spärliche Colistämme nicht herauszuzüchten wären. Und wir 
trinken das Wasser doch und bleiben dabei gesund. 

Nichtsdestoweniger liegt es mir fern, dem Bacterium 
coli die vielfach bewiesene Tierpathogenität abzusprechen. Gewiß 
spielt dieses Bakterium bei Entstehung mancher Darmkatarrhe und 
Diarrhöen eine sehr wesentliche Rolle, nur liegt der Grund hierfür 
nicht in einer direkten Coliinfektion. Solange die Epitheldecke 
des Darmes unbeschädigt ist und die normalen bactericiden Kräfte 
der Körper ge webe ihre Aktivität besitzen, wird beim Menschen 
wohl sehr selten eine coliähnliche Darmerkrankung eintreten. Erst 
durch Lädienmg der Darmwand und somit durch das Eindringen 
der beim Zerfalle freiwerdenden giftigen Leibessubstanz der Coli- 
bakterien in das Blut und in die inneren Organe („sekundäre 
Coliinvasion“) wird eine Infektion und Erkrankung eintreten. Von 
einer epidemischen Bedeutung der Colibakterien kann keine Rede 
sein, es kann sich in diesem Spezialfalle nur um eine wirksame 
Herabsetzung ihrer Keimzahl und Virulenz handeln, sofern ihre 
theoretisch absolute Abtötung nicht als idealer Grenzwert der 
Brauchbarkeit des hier zu besprechenden Mittels aufgefaßt wird *). 

Nachdem Ungerm ann festgestellt hat, daß eine Perhydrit- 
lösung von 1 :200 bei Zimmertemperatur innerhalb von 15 Minuten 
alle Colibakterien im Wasser abtötet und eine Lösung von 
1 :300 ihre Keimzahl und Virulenz auf ein äußerstes Minimum 
herabdrückt, so schien mir dadurch die praktische Brauchbarkeit 
des Wasserstoffsuperoxyds für schnelle Abtötung der bedeutend 
empfindlicheren Cholera-, Ruhr- und Typhuskeime gegeben zu sein. 

Meine in dieser Richtung angestellten Versuche bestätigten 
auch diese Voraussetzung. Dabei wurde ein Umstand ausgenützt, 
welchem man früher aus technischen Gründen nur wenig Rech¬ 
nung getragen hat. Es ist nämlich bekannt, daß die Zersetzung 
des H 2 0 2 in bakterienreichem Wasser bedeutend schneller vor sich 
geht, als wie im sterilen Wasser. Der Grund hierfür liegt an einem 
Ferment, der Katalase, welche der Bakterienwand anhaftet 2 ), 
und zwar in einer der Aerobie der Bakterienart proportionalen 
Menge. So enthält z. B. Tetanus fast gar keine Katalase. 

Obwohl die Meinungen bezüglich der molekularen 8 ) oder 
atomistischen 4 ) („aktiven“) Beschaffenheit des katalytisch frei¬ 
gesetzten Sauerstoffs zurzeit noch auseinandergehen, so genügte 
mir doch der einfache Tatbestand, daß zwischen der katalytischen 
Zerlegung und der oxydativen Wirkung des H 2 0 2 enge Beziehungen 
bestehen, um mich, unbekümmert der theoretischen Gründe und 
Gegengründe, auf rein experimentellem Wege davon zu iiber- 
j zeugen, daß mit Hilfe der Katalase die bacterieide Wirkung der 
I H 2 0 2 -Lösungen in einer kürzeren Zeit erfolgt, als ohne 
Katalysator. Außerdem fand ich, daß die Katalase in der von 
mir hergestellten hochaktiven Form schon während 15 Minuten 
eine ganz erhebliche Menge des gelösten Wasserstoffsuperoxyds 
zersetzt hat, was für den obenerwähnten unangenehmen H 2 0 2 - 
Geschmack solcher Lösungen von großer praktischer Bedeutung ist. 

Es wurden alle Versuche bei 16—20 0 Zimmertemperatur vor¬ 
genommen. Die Wassermenge, die je 1 1 betrug, wurde mit je 
einer Aufschwemmung einer Schrägagarreinkultur infiziert. Das 
Wasserstoffsuperoxyd wurde in Form einer leicht löslichen, che¬ 
misch reinen und säurefreien 36 % igen Carbamidverbindung 15 ) an¬ 
gewandt. Als Katalysator diente Blutkatalase, nach einem kom¬ 
binierten Senter-Battelli-Stern sehen Verfahren «) dar¬ 
gestellt. Es wurden nur Bact. coli, Cholera-, Typhus- und Ruhr- 
bacillen (von letzteren der Typus Shiga-Kruse) ‘ in die Versuchs¬ 
reihen aufgenommen. Nach Ablauf der Versuchszeit wurden die 
Lösungen mit je 10 ccm Kristallsoda (1 : 10) und Eisenchlorid¬ 
lösung (1 :5) versetzt, und aus dem durch schnelle Filtration ge- 


lohnfon n* ^ n .den Städten, Dörfern und von Menschen be- 
^^örten gibt es wohl mit Ausnahme von Hochgebirgsquellen 

l 77 / } ” Der Militärarzt“ 1912, Nr. 9, S. 129, Nr. 10, S. 161, und Nr. 12, 

üdsch. 191S, S. 1137. 

' 11 Detersb. Wschr. 1911, Nr. 8. 


/) Vergl. Kolle-Hetsch, Die experimentelle Bakteriologie 
und die Infektionskrankheiten. 3. Aufl., S. 313 bis 318. 

,7hl f 2J n i a y , W ,«i- rh .M U , e , be v < 'o n r K , atalyse dcs Hi ° ! <!urc, > Bakterien. 

(Zbl. 1 . Bakt. 190i, Bd. 44, Nr. 295.) 

) Li eher mann, Ueber die H202-Katalvse usw. (Pflüg 
Areh., Nr. 104. 201.) v 6 

1 - ? ,em - der chemischen Kinetik. (Asher-Spiro, 

1 f n x T r e8 ® e J» Zur KenIltnis der Katalyse I. und H. 

(Zschr. f. B 10 I. 19 07, Nr. 48, S. J und Nr. 49, S. 575.) 

8 ) Ich benutzte zu meinen Versuchen das Präparat „Peraouin- 
fest“ der Firma Dr. Georg Henning, Berlin. 

- ®) Benter, Zschr. f. physiol. Chem. 1905, Nr. 44, S. 257- 
^ r - 'dj S. 673. — Battelli und Stern, Soc. BioL 1905, Nr. 57. 



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UNIVERSITY OF IOWA 










538 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK 


Nr. 19. 


9. Mai 


sonderten Niederschlage je zwei Oesen auf Prigalskiplatten ge¬ 
strichen. Die Bebrütungszeit betrug durchschnittlich 12 bis 
16 Stunden (über Nacht). 


I. Desinfektionsversuche ohne Katalase in Leitungswasser. 




1 

-- 

— 

Bakterienart: 





Baot. coli 

Bact typhi 

Cholera¬ 

vibrionen 

Bact. 

dysenteriae 




Zeit der 

Entnahme 

in 

Minuten: 



5 

| 10 

16 

6 

1 10 

16 

6 1 

10 

1 16 

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= 0,09% * ... 

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+ 

0 

+ 

+ 

0 

4- 

4- 4- 

0,126% 

— 0,046 % * ... 

+ 

1 + 

+ 

+ 1 

+ 1 

+ 

+ ! 

+ 1 

1 + 

+ 

+ ; + 


II. Desinfektionsversuche mit Katalase in Leitungswasser. 
(0,06 Gramm Katalase in l Liter Wasser.) 


1% 

* a 0,36 % H s 0 ? . 

. . 4- 1 

; 4- i 

0 

+ 1 

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HI. Desinfektionsversuche mit Katalase in Flußwaffer. 
(0,06 Gramm Katalase ln 1 Liter Wasser.) 


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IV. Desinfektions versuche mit 0,01 °/o Katalase und 
0,25% wasserfreier Citronensäure in Flußwasser. 


1% =0,36% Hj 0, . . . 1 

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ln den Tabellen 

bedeutet , 

nach 

der 

ang 


‘heuen 

Be 


brütungszeit entwickelte und mittels Agglutination nachgewiesene 
Keime, während mit „0“ solche Versuchsplatten bezeichnet sind, 
welche entweder vollkommen steril geblieben sind, oder auf denen 
außer ganz spärlichen Colikulturen — letztere nur bei den 
Versuchen mit ziemlich trübem Flußwasser — gar keine pathogenen 
Keime aufzufinden und nachzuweisen waren. Außer den einfachen 
,,-f “-Zeichen hielt ich es nicht für nötig, mit mehr solchen Zeichen, 
etwa wie es oft bei Angabe einer stark oder sehr stark positiven 
Wassermann sehen Reaktion geschieht, auf die gefundene Keim¬ 
zahl oder das Wachstum auf dem Nährboden hinzudeuten, da es sich 
hier, zumal bei den drei pathogenen Bakterienarten, nur um ein 
scharfes „Ja“ oder „Nein“ handeln kann. 

Aus diesen Ergebnissen läßt sich der unzweideutige Schluß 
ziehen, daß eine 0,5%ige H 2 0 2 -CarbamidIÖsung, der noch 0.01 % 
hochaktive tierische Katalase und 0,25 % wasserfreie Citronensäure 
hinzugefügt wird, eine praktisch befriedigende bacterieide 
Wirkung auf Leitungs-, Brunnen- und Flußwasser innerhalb 
von 15 Minuten auflübt, sofern während dieser Zeit Cholera-, 
Typhus- und Ruhrbacillen sicher abgetötet werden und die Keim¬ 
zahl und Virulenz etwa noch vorhandener Colikeime auf ein für 
den Trinkgebrauch vollkommen harmloses Minimum herab¬ 
gedrückt wird. 

Natürlich ergeben sich aus diesen Versuchen auch Schlüsse, 
die rein theoretischer Natur sind und bezüglich der accelerativen 
sowie aktivierenden Wirkung der tierischen Katalase zu Annahmen 
führen, welche zugunsten der atomistischen Auffassung der Hydro- | 
peroxydWirkung ausfallen, so auch Schlüsse, die einen Beitrag zur 
Kenntnis der antikatalytischen Wirkung der an sich schwachsauren 
Citronensäure 1 ) liefern —, doch berühren diese Schlüsse nicht 
den Zweck meines Aufsatzes und ich wollte sie nur nicht unerwähnt 
lassen. 

Vom bakteriologischen Standpunkt aus ist. die Wirkung 
der relativ geringen Menge Citronensäure auf die Ruhrbacillen 
auffallend, wenn auch nicht überraschend, da ja die Empfindlich¬ 
keit dieser Bakterienart Säuren gegenüber wohlbekannt ist. Auch 
fand ich das oftmalige Umrühren der Lösungen während der Ein¬ 
wirkung des H 2 0 2 überaus günstig, was mich dazu bewegt, mich 
der Ansicht Liebermanns 2 ) anzuschließen, nach welcher der 
Vorgang der fermentativen Hydroperoxydzersetzung derart vor 
sich geht, daß das Ferment vorübergehend von H 2 0 2 oxydiert wird 
unter Bildung einer lockeren FermentrSauerstoffverbindung, welche 
sofort zerfällt, ihren Sauerstoff abgibt, und so wiederholt sich der 
Prozeß weiter. Die Möglichkeit allerdings, daß bei meinen Des¬ 
infektionsversuchen ein anderes Ferment, die in der Blutkatalase 
höchstwahrscheinlich zugegengewesene Oxydase, die für die 

i) F a i t e 1 o w i t z , Milclikatalasc und Lähmung durch neg. 
Katalysatoren. (Piss. Heidelberg 1904.) 

’ 2 ) L. c. 


Aktivierung des Sauerstoffs ausschlaggebende Rolle spielen konnte, 
dürfte in einer späteren, exakteren Versuchsreihe näher geprüft 
werden. 

Was nun die praktische Anwendung der nach obigen Ergeb¬ 
nissen festgestellten bactericiden Wirkung betrifft, so halte ich sie 
für möglich und ausführbar, hauptsächlich dämm, weil durch die 
Katalyse die H 2 0 2 -Menge bis auf durchschnittlich 70—80 % wäh¬ 
rend 15 Minuten zersetzt wird, und somit verschwindet auch sozu¬ 
sagen der eigenartige, kratzende Geschmack des Hydroperoxyds. 
Die geringen unzersetzten Reste verdeckt der citronensäure Ge¬ 
schmack; sollten jedoch auch bei Bekömmlichkeit des entkeimten 
Trinkwassers einige Milligramm H 2 0 2 unzersetzt in den Magen 
kommen, so ist das durchaus kein Unglück. Berger und 
T s u c h i y a x ) haben nämlich einwandfrei festgestellt, daß 11,0, 
frei von schädlichen Nebenwirkungen auf die Darmsehleimhüut 
ist und sogar einen günstigen Einfluß auf Darmgärungen hat unter 
gleichzeitiger Herabsetzung der Bakterien menge. 

Wie in der Einleitung dieses Aufsatzes bemerkt, handelt es 
sich darum, den Mannschaften im isolierten Einzeldienst ein Mittel 
zur Verfügung zu stellen, welches sie in Ausnahmefällen 
der qualvollen Verpflichtung, in epidemischen Gegenden Wasser 
unbekannten Ursprungs unter keinen Umständen trinken zu 
dürfen, entbinden soll. Gewiß erübrigt sich die Frage, ob man 
dadurch nicht einen umgekehrten Effekt erreicht, so, daß die mit 
derartigem dosierten Pulver oder Tabletten „bewaffneten“ .Sol¬ 
daten in leichtsinniger Weise aus jedem Sumpf oder Straßenpfütze 
sich dann einen sterilen Erfrischungstrank umzaübern möchten und 
somit eine noch größere Epidemiegefahr bestände, als wie mit 
dem zurzeit gültigen strengen Trinkverbot. Erstens kann diese? 
Mittel nur dann zur praktischen Anwendung kommen, wenn sich 
die Heeresleitung von seiner praktischen Brauchbarkeit auf Grund 
der Nachprüfung meiner Arbeit überzeugt. Zweitens wird ein 
jeder, der die Verhältnisse im Felddienst und an der Front kennt, 
sehr gut wissen, wie schwer die Kontrolle des Trinkwasserverbots 
durchführbar ist. Es dürfte vollkommen genügen, die Mann¬ 
schaften in bezug auf den richtigen Gebrauch eines solchen Mittels 
genau zu unterrichten und ihnen hauptsächlich die Gefahren 
klarzumachen, die bei nicht peinlicher Einhaltung der Zeit (15 Mi¬ 
nuten) und bei Gebrauch sehr trüben, schlammhaltigen Boden- 
wassers entstehen könnten, da die Wirksamkeit des H 2 0 2 in der 
oben geschilderten Weise nur für klares oder nur kaum trübes 
Brunnen- oder Quell- oder Flußwasser in Betracht kommt. 


Aus der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses zu 
Berlin-Lichtenberg (Leitender Arzt: Prof. Dr. F. Blumenthal). 

Neuere Erfahrungen 
mit dem Ipecacuanhapräparat Riopan 

von 

Dr. Opitz. * 

Ende 1913 und Anfang 1914 berichteten bald hintereinander 
Dr. Grabs aus der F r ä n k e 1 sehen Klinik im Berliner Urten* 
Krankenhaus 2) und Prof. Külbs aus der Hi8 sehen I. medizini¬ 
schen Klinik der Berliner Charitö 3 ) über ihre Erfahrungen nn 
einem damals neu eingeführten Ipecacuanhapräparat ltiopan* 
Kurz sei hier wiederholt, daß es mit Riopan gelungen ist, » 
wirksamen Stoffe aus der Ipecacuanha in Form eines leicht wass 
löslichen Pulvers mit einem Gehalt von rund 50 % salzsauren Jp* 
euanhaalkaloiden zu isolieren, ganz analog, wie das zürn Beispiel 
Opium im Pantopon und bei der Digitalis im Bigipuratum 
ist. Außer dem zur Herstellung von Lösungen bestimmten üiop 
pulver werden auch noch Riopantabletten in den Handel ge • 
die der Patient wie Bonbons im Munde zergehen lassen soll. 
Tablette entspricht 0,05 g Radix Ipeeacuanhae. , D 

Beide Autoren stellten fest, daß im Riopan, insbesonae 
Riopantabletten, ein gutes Expektorans und namentlich auc 
recht zweckmäßige Darreichungsform der Ipecacuanha )° 

Im allgemeinen wird diese Droge ja wohl seit altersher ini 
des Infuses gegeben. Diese Zubereitung neigt nun, wie { 
nicht allgemein bekannt ist, sehr leicht zum Verderben. v( r. 
konnte mehrfach feststellen, daß „das bei den meisten ^ er \ , e!( 
Expektorans so beliebte Ipeeacuanhainfus mit Sirupus s 
schon nach 24 Stunden einen dicken Bodensatz hatte, sat 


/sehr. f. exnor. l*ath. u. Thor. 1909, 7, 437 bis 454. 
a i D. m. W. Nr. 44. 

3 > M. Kl. 1914. Nr. 1. 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 





539 


MEDIZINISCHE KLINIK 


und von Mikroben wimmelte“, welche insbesondere auf die Alka¬ 
loide Cephaelin und Emetin rasch und tiefgreifend zersetzend ein- 
wirkten 1 ). Ich kann diese Beobachtung von Robert durchaus 
Itfstätigen. Trotzdem bei uns das Infus stets auf Eis gehalten 
wird, konnten wir die Flaschen häufig nicht zu Ende brauchen, da 
.sich Schimmel gebildet hatte. 

Schon aus diesem Grunde war also dem Riopan, das eine 
durchaus haltbare Zubereitung aus der Ipecacuanha darstellt, eine 
Daseinsberechtigung nicht abzusprechen. Dazu kommt die an¬ 
genehme Form der Darreichung in Tabletten, die zweifellos eine 
große Annehmlichkeit gegenüber dem Infus bedeutet. 

Im ganzen angewandt wurde Riopan von mir in 34 Fällen, 
darunter 12 mal bei Pneumonie, 20 mal bei Bronchitis und 2 mal 
bei andern Krankheiten, bei denen durch lange Bettruhe und 
große Schwäche die Expektoration erschwert war. Auch sonst 
wurde von dem Riopan auf den andern Abteilungen des Kranken¬ 
hauses vielfach Gebrauch gemacht. 

Was die Pneumonien anbetrifft, so gaben wir in zwei Dritteln 
der Fälle das Riopan erst nach der Krisis und hatten den Ein¬ 
druck. daß die Verabreichung die Lösung sehr beschleunigte, ln 
einem Falle, wo wir es gleich zu Anfang gaben, wurden nebenbei 
noch Campher und Benzoesäure verabreicht. 

Die Dosierung betrug zuerst dreimal täglich eine Tablette; 
dreimal (bei zwei Pneumonien und einer Phthise) zweistündlich 
eine Tablette gegeben, wurde auch gut vertragen. Als einzige 
Störung wurde eine Herabsetzung des Appetits beobachtet. 

Jn einem Falle verursachte die Verabreichung ganzer 
Tabletten Uebeikeit, wogegen dieselbe tägliche Dosis, in halben 
Tabletten gegeben, gut vertragen wurde. (Die Tabletten zeigen 
eine eingepreßte Rille und lassen sich leicht zerbrechen.) 

Daraufhin wurde nunmehr als Dosierung stets zweistündlich 
eine halbe Tablette gewählt. Es konnte jetzt niemals mehr Brech¬ 
reiz beobachtet werden. Diese öftere Darreichung erschien auch 
deswegen zweckmäßig, weil ja auch das Infus zweistündlich ge¬ 
geben wird. Anscheinend ist also die öftere Darreichung kleinerer 
Mengen wirksamer als die von größeren Mengen in längeren 
Dausen, Zu bedenken ist auch, daß, wie Al a n n i c h feststellte 2 ), 
in das Infus nur zirka drei Viertel der wirksamen Ipecacuanha- 
alkaloide übergehen, ein Eßlöffel des üblichen Infusum Ipeca- < 

«laiihae 0,5 : 2o0 nur etwa 0,028 g der Droge entspricht. Da nun I 

anderseits nach Angabe der Fabrik jede Riopantablette die wirk- 
<amen Bestandteile von 0,05 g Radix Ipecacuanhae enthält, so wird i 
eine halbe Tablette jener Dosis ziemlich genau entsprechen. c 


- | Einzelne Patienten verweigerten nach zwei bis drei Tagen 
das Riopan wegen seines süßen Geschmackes. 

Drei Fälle, bei denen unstreitig subjektives und objektives Be- 
i finden durch Riopan gut beeinflußt wurde, sind folgende: 

1 I. Frau A., 50 Jahre. Schwere Pneumonie des rechten Unter- 

tind Mittellappens. Am neunten Tage Krise. Zwei Tage später wie- 
i der Temperaturanstieg. Keine Lösung der Infiltration. Am Tage dar¬ 
auf Ikterus. Sputum außerordentlich zäh, bronzefarben. Mühsame 
Expektoration. Darauf täglich drei bis vier Riopantabletten. Nach 
vier Tagen Sputum bedeutend vermehrt, fast flüssig, hell. Nach einer 
Woche kaum noch Husten, langsame Lösung bis zur Heilung. Dieser 
Fall wies noch andere Komplikationen auf, die aber mit der Pneumonie 
nicht in direktem Zusammenhänge stehen. 

II. Fr. D. Schwere progrediente Phthise im letzten Stadium. 
Patientin ist sehr schwach, klagt, daß sie nicht aushusten könne. Zwei 
Tage lang dreimal eine Tablette Riopan, Sputum bedeutend vermehrt, 
dickflüssig, während es vorher festgeballt war. Patientin bittet, ihr 
doch mehr von den Tabletten zu geben, da der Husten leichter und 
die Atmung freier danach werde. Wochenlang in gleicher Dosis Rio¬ 
pan (Exitus durch Hämoptoe). 

III. Fr. K., sehr korpulente Frau in mittlerem Alter. Lyniplio- 
sarkomatose. Alle Lymphdrüsen hart und geschwollen. Oedeme. 
Lungenemphysem und Oedem. Laute, mühsame, rasselnde Atmung. 
Trockner Husten. Dreimal täglich eine Riopantablette. Danach Er¬ 
brechen und Uebelkeit. Jetzt sechsmal eine halbe Tablette, die gut 
vertragen wird. .Jetzt setzt eine ziemlich starke Expektoration farb¬ 
losen flüssigen Sputums ein. Bessere Atmung bis zwei Tilge vor Exi¬ 
tus, der an Herzschwäche erfolgt. 

Nicht unerwähnt bleibe schließlich, daß die Riopantabletten 
auch in wirtschaftlicher Beziehung eine vorteilhafte Darreichungs- 
I form der Ipecacuanha darstellen. Das eben erwähnte Infus, zwei¬ 
stündlich einen Eßlöffel zu nehmen, langt zwei Tage, eine Röhre 
Riopajitabletten zu 10 Stück, gleichviel ob dreimal täglich eine 
Tablette oder zweistündlich eine halbe Tablette gegeben wird, drei 
Tage. Da der Preis beider Zubereitungen der gleiche ist (95 Pf.), 
kostet die Tagesdosis beim Infus 47i/> Pf., bei den Tabletten noch 
nicht 32 Pf. Die Riopantabletten sind also namentlich für die 
Kassenpraxis recht geeignet. Für Krankenhauszwecke kommt die 
auch bei uns verwandte „Spitalpackung“ Riopantabletten in Be¬ 
tracht, eine große Büchse von 500 Tabletten, bei der sich der Preis 
der Tabletten noch billiger stellt (für Krankenhausapotheken 20 M 
für die Büchse). 

Es müssen somit die Riopantabletten als eine in praktischer 
und wirtschaftlicher Beziehung vorteilhafte Form der Ipecaeuanha- 
darreichung bezeichnet, werden. 


Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft. 


Aus dem Dermatologischen Stadtkrankenhaus II Hannover 
g: (Dirigierender Arzt: Dr. S t ü m p k e). 

Ueber Ergebnisse der Hermann-Perutz-Reaktion 
bei Syphilis 

von 

Dr. Gustav Stümpke. 

Bekanntlich konnten Po rges und M eyer 3 ) feststellen, 
daß Luetikerseren Lecithin ausflocken; sie zeigten, daß bei positiver 
Reaktion durch Einwirkung von Serum auf Lecithin eine feine 
Hockenbildung eintritt, die hei sehr wirksamen Scries zu dickeren 
Niederschlägen führen kann. 

Diese ursprüngliche Lecithinreaktion wurde später von 
11 us, Porges, Neubauer und Salomo n 4 ) in der Weise 
Hiodifixiert, daß an Stelle des Lecithins das Natrium glycocholicum 
'Merck) gesetzt wurde, und zwar verwandten diese Autoren von 
! em trocknen Pulver des Natrium glycocholicum eine frisch zu- 
«redete 1 % ige Lösung in destilliertem Wasser. Diese 1 % ige 
utrmin - glycocholicum - Lösung wurde mit klar zentrifugiertem, 
uie halbe S tunde bei 56° inaktiviertem Serum zu gleichen Teilen 

Ar ye fgjs' ^ es ^ ec klönburgischen Aerztevereinsbundes E. V. 

Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 1914. 2. 
i Porges und Meyer, Ueber die Rolle der Lipoide bei der 
vv a s> e rm a n n sehen Reaktion. (B. kl. W. 1908, S. 731.) 
iir i,~ r £ es > Eine neue Methode der Serodiagno.se bei Syphilis. 
n -fl. 2°6; M. m. W. ms, Nr. 7.) 
w/Elias, Porges, Neubauer und Salomon, Lieber 
^oae und Verwendbarkeit der Ausflockungsreaktionen für die l 
Diagnose der Syphilis. (W. kl. W. 1908, Nr. 2:1.) 1 


gemischt; die Mischung blieb 16 bis 20 Stunden bei Zimmertempe¬ 
ratur stehen, und das Resultat wurde erst nach dieser Zeit ab¬ 
gelesen. 

Aehnlich sind Hermann und P e r u t z J ) vorgegangen: 
Tn Hängeröhrchen von etwa 5 mm Durchmesser werden nach 
»östündiger Inaktivierung bei 55° zu 0,4 Blutserum je 0,2 einer 
mit Aqua destillafa 20 mal verdünnten Stammlösung (bestehend 
aus Natr. glycoch. 2,0, Cholestearin 0.4 und 95 % igem Alkohol 
100,0) und einer jedesmal frisch bereiteten 2%\gen wäßrigen 
, Natrium-GIykocholat-Lösung zugefügt. Die Röhrchen werden 

( kräftig durchgeschüttelt, wit Wattebausch verschlossen und an 
einem ruhigen, vor Erschütterungen geschützten Orte 20 bis 
22 Stunden stehengelassen. Entsteht eine deutliche Ausflockung, 
so ist die Reaktion als positiv anzusehen. 

Die günstigen Resultate der Herinann-Perutz sehen Re¬ 
aktion sind von mancher Seite bestätigt, so von Jensen und 
I V e i 1 b e r g s ), die die Horm a n n -Per u t z sehe Reaktion für eine 
Bereicherung der klinischen Methoden anselien, ihr nachrühmen, daß 
sie leicht auszuführen sei, daß weniges Material benötigt würde, und die 
Billigkeit der Reagentien hervorbeben. Auch sind sie der Ansicht, daß 
sie sich ohne Schwierigkeiten vom praktischen Arzt ausführen lasse. 

Nach Jensen und V e i I b e r g *) soll positive Reaktion für 
.Syphilis beweisend sein: bezüglich der negativen Reaktion scheine 
die Wasscrmannreaktion empfindlicher zu sein als die Hennann- 
Perutz-Reaktion. 

l ) Hermann und Perutz (M. Kl. 1911, Nr. 2). 
a ) Jensen und Johanne Veil borg. Von der klinischen 
Bedeutung der Syphilisreaktion von Hermann und Perutz, ver 
glichen mit Wassermann. (B. kl. W. 1912, Nr. 23.) 

Jensen und Johanne Veilberg (Hospitaltidende 1912, 
Nr. 13, referiert M. in. W. 1912, Nr. 40). 


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UNiVERSITY OF IOWA 






540 


1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


9. Mai. 


Auch Gammeltoft 1 ) ist mit den Ergebnissen zufrieden, bei 
zirka 200 Fällen hat den Verfasser die H e r m a n n - P e r u t z - Re¬ 
aktion nur einmal im Stiche gelassen; nach seiner Ansicht ist die 
Hermann-Perutz-Reaktion eine leicht auszuführende Kon- 
trollmethode und eine gute Ergänzung der Wassermannrenktion. 

Nach Ellermann 2 ) wird negative H o r m a nn-Perutz- 
Reaktion gewöhnlich bedeuten, daß der Patient keinen aktiven 
syphilitischen Prozeß hat, aber ein solcher kann nicht mit Sicherheit 
ausgeschlossen werden, da die Reaktion etwas weniger feinmerkend 
als die von Wassermann ist. 

Weiter kommt Lade [Hamburg 3 )] zu dem Schlüsse, daß die 
llermann-Perutz-Reaktion bei latenter Lues immer dort, wo Lues nicht 
vorhanden ist, der Wassermannreaktion gleichwertig ist, daß sie diese 
bei fraglicher oder sicherer Lues dagegen übertrifft. 

Meine Beobachtungen sind im allgemeinen 
für die Hermann - Perutz - Reaktion nicht 
günstig. 

Wir haben im ganzen etwa 270 Fälle untersucht, davon 37 
doppelt, um bei differentem Ausfälle der Reaktion nach Möglich¬ 
keit noch eine Entscheidung zu fällen. 

Es zeigte sich zunächst die überraschende Tatsache, daß von 
(len 270 Fällen 68 nach Wassermann anders reagierten wie 
nach Hermann-Perutz, immerhin ein sehr hoher Prozent¬ 
satz, der an sich schon zu denken gäbe. 

Bei Berücksichtigung der Einzelbefunde sieht man, daß die 
Resultate bei generalisierter und lokalisierter 
Lues II, bei Lues 1 a t e n s und Lues III prozentual 
sich annähernd decken, wenn auch im einzelnen Falle 
manche Differenzen zutage treten. 

Anders liegen die Verhältnisse hei pri¬ 
märer Syphilis: Hier konnte verschiedentlich bei durch 
Spirochätennachweis sicbergestellter Syphilis eine positive Her¬ 
mann-Perutz-Reaktion festgestellt werden, während der Wasser¬ 
mann noch einwandfrei negativ war. Es wüirde hierin also viel¬ 
leicht ein gewisser Vorzug der Hermann-Perutz-Reaktion gegen¬ 
über der Wassermannreaktion liegen. 

Auf der andern Seite wurde eine positive 


Hermann-Perutz-Reaktion in einer großen 
Reihe von Fällen (zirka 20) beobachtet, in 
denen die anamnestischen Erhebungen, der 
klinische Befund, die Wassermannreaktion, 
der Verlauf der Krankheit und die weitere 
Beobachtung absolut gegen Syphilis sprachen. 
Es sind hier zu nennen Fälle von reinem Ulcus molle. einfacher 
Gonorrhöe, gonorrhoischen Komplikationen, z. B. Parametritk 
und solche Fälle, die lediglich mit dem Verdacht einer Ge¬ 
schlechtskrankheit ins Krankenhaus geschickt wurden, ohne daß 
sich ein positiver Befund erbringen ließ. 

Nun kann man ja gewiß sagen, daß vielleicht doch in einer 
Reihe von Fällen eine früher durchgemachte Lues vorliegen könne. 
Aber immerhin war für mich in allen diesen Fällen eine derartige 
Annahme von so geringer Wahrscheinlichkeit, daß ich sie nicht 
ernstlich in Rechnung zu stellen vermochte. Dazu kommt, daß 
auch das Verhältnis dieser Lues-latens-Fälle im Vergleich zu der 
Gesamtzahl der untersuchten Kranken als ungemein hoch anzu¬ 
sehen wäre. Endlich w r ürde auch die überaus hohe Differenz 
zwischen Wassermann und Hermann-Perutz nicht zu erklären sein 
in Anbetracht des Umstandes, daß bei den bereits erwähnten Unter¬ 
suchungen einwandfreier Fälle von Lues latens eine nennenswerte 
Differenz zwischen Wassermann und Hermann-Perutz keineswegs 
vorhanden war. 

Ich will daher gern anerkennen, daß in 
manchen Fällen von Lues I die Hermann- 
Perutz-Reaktion vielleicht etwas früher zur 
Diagnose Syphilis führen mag, glaube aber, daß 
das keinen großen Vorteil bedeutet, wenn man 
auf der andern Seite positive Resultate bei 
sicherer Nichtlues mit in Kauf nehmen muß. 
Die Hauptsache ist, daß eine Seroreaktion 
specifische Resultate liefert. Ist das nicht 
der Fall, kann ich ihren Wert nicht allzu hoch 
veranschlagen. 


Aus der Praxis für die Praxis. 


Zur Kasuistik der Fehlgeburt, mit besonderer Berücksichtigung 
langdauernder Placentarretention 

von 

Prof. Dr. Walther, Gießen. 

Obwohl man annehmen sollte, daß das Kapitel Fehlgeburt 
zurzeit genügend durchgearbeitet und geklärt ist, so begegnet man 
in der Praxis immer noch so vielen Unstimmigkeiten in der Auf¬ 
fassung der Therapie der Fehlgeburt, daß es nicht überflüssig er¬ 
scheint, diese Fragen vor dem Forum der Aerzte immer wieder zu 
besprechen. Ich halte insbesondere es für notwendig, auf die mehr 
oder weniger lange Verhaltung der Placenta nach Fehlgeburten 
hinzuweisen, weil gerade hier noch divergierende Anschauungen 
in der Praxis herrschen und auffallenderweise in den Lehrbüchern 
speziell über diesen Punkt w'enig zu finden ist, obwohl, wie jeder 
zugeben muß, er in der Praxis von ganz besonderer Bedeutung ist. 
Wer sich eingehender über diese Frage orientieren will, sei auf die 
einschlägigen Arbeiten von Winter und A h 1 f e 1 d 4 ) verwiesen, j 
Die mehr praktische Seite habe ich 5 ) vor knapp zehn Jahren be¬ 
sprochen an der Hand einer Reihe von Fällen langdauernder 
Placentarverhaltung, die wirklich als „Raritäten“ in der Geburts¬ 
hilfe anzusehen waren. Ich habe schon damals darauf hingewiesen, 
daß die Frage der Placentarverhaltung nach Fehlgeburten, im Ver¬ 
gleich zu derjenigen nach Früh- oder rechtzeitigen Geburten, von 
den Aerzten zu wenig in ihrer Bedeutung beachtet wird, sowie daß 
bei manchen Aerzten in diesem Punkt Anschauungen vorherrschen, 

i) Gammeltoft (Kopenhagen), Uebcr die von P o r g e s an- 
"pfffbene nnd von Hermann und Perutz modifizioite Syphilis¬ 
reaktion. (D. m. W. 1912, Nr. 41.) 

s\ ^Hermann. Erfahrungen mit der byplnhsreaktion von 
Hermann und Perutz. (Ageskrift for Läger 1912, Nr. 14, refe¬ 
riert M. m. W. 1912, Nr. 40.) •♦in 

a\ L a d e (Hamburg), Erfahrungen mit der Hermann- 
Perutz schon Syphilisreaktion an 600 Fällen. (B. kl. W. 1913, Nr. 15.) 

4 ) Winter. Referat für den Gynäkologenkongreß 1909, sowie 
Msehr f Gehurtsh. 1914, H. 5, und Ahlfeld, Berichte und Arbeiten 
1H83 Bd*. 1: Msehr. f. Gehurtsh. 1914, H. 5, u. a. a. O.: ebenso Straß- 
mann.’zbl. f. Gyn. 1914. Nr. 25. 

Walther, Feber langdauernde Placentarretention nach 
FchWbmtcn. (/sehr. f. ärztl. Fortbild. 1905. Nr. 20 und 21.) 


die im Widerspruch zu demjenigen stehen, was wir als Hebammen* 
lehrer über die Gefahr der Verhaltung der Placenta lehren und was 
auch in den zuständigen Hebammenlehrbüchern vorgesehrie- 
ben ist 1 ). 

Wenn man unter Fehlgeburt im allgemeinen die Unter¬ 
brechung der Schwangerschaft bis zum siebenten Monat einschlie߬ 
lich versteht, so ist es zweckmäßig, zwei Gruppen zu unterscheiden: 
Fehlgeburt bis zum dritten Monat einschließlich (im ersten Dritteli. 
und solche vom vierten bis siebenten Monat einschließlich (im 
zw eiten Drittel). Diese Einteilung ist deshalb notwendig, weil der 
Verlauf in beiden Zeitabschnitten im allgemeinen ein grundver¬ 
schiedener ist, meist auch die Behandlung. Den Unterschied pflege 
ich meinen Hebammenschülerinnen und auch Studierenden in der 
Weise klar zu machen, daß ich den Vergleich ziehe zwischen einer 
Fehlgeburt in der sechsten Woche mit derjenigen im sechsten 
Monate. Während das Ei in dem zweiten Monate recht oft in toto 
ausgestoßen wird, gehört die Ausstoßung des ganzen Eies im 
sechsten Monat und später schon zu den Seltenheiten. Das h 
sitzt eben nach Ausbildung der Placenta (das ist etwa in der achten 
Woche) erheblich fester als in früherer Zeit. An geeigneten 1 ra- 
paraten läßt sich dies sowohl wie das Verhalten der Placcma 
in den einzelnen Monaten sehr leicht anschaulich machen. 
anatomischen Verhältnisse (vergleiche dazu die Abb. 54 bis <> 
in Bumms Grundriß der Geburtshilfe) müssen aber, eben* 
wie der Hebamme, jedem Arzte klar sein, wenn er ein 
Fehlgeburt richtig beurteilen und auch behandeln will. ( 
werde unten beweisen, daß man gerade hier auf Unstimimpen 
in der Praxis trifft Schon bezüglich des Gebrauchs der ture ^ 
die ja bei spontanen Aborten zweifellos, da hier ein unbrauci » * 
und gefährliches Instrument, überflüssig ist, pflege ich im 1 
rieht an Präparaten, besonders an Situspräparaten (z. B. am -■ . 
gravidus mit Ei in situ), auf diese anatomischen Verhältnisse ^ 
zuweisen. In Liepmanns geburtshilflichem Seminar k 
Abb. 196 die fälschliche Anwendung der Curette sehr ansi 

Retention von Eiteilen im ersten Drittel (= unvoh^^JJl^ 
Abort ) sind so außerordentlich häufig, daß sie als etwas t • & 

1 ') Vgl. Preuß. Ilebamnienlohrbuch 1912, §§ 293 ff. 


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9. Mai. 


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ur i- j n ,j er Praxis "eiten dürfen. Im Gegensatz dazu sind Verhaltungen 

bi'-tv ,l ( . r ganzen Plaeenta nach Fehlgeburten in späterer Zeit, also nach 

d em vierten Monat, entschieden als selten anzusehen, ich möchte 
lieg,; sl jr e n, in der Form, wie ich sie beschrieben habe, fast als „Kurio- 
tlit \. sieten" in der Geburtshilfe. Die folgenden Betrachtungen be- 

§.[,[; ziehen sich demnach im wesentlichen auf länger dauernde Ver¬ 
ein v haltung der Plaeenta nach Fehlgeburten im fünften bis siebenten 

B. ft.y, Monat. 

ijrä-. Hat die Hebamme, wie so oft, selbständig die Fehlgeburt 

Gri ft ■? geleitet, so ist ihr zwar durch Lehrbuch vorgeschrieben, einen 
Arzt zu Rate zu ziehen; wie so häufig, wird aber auch gegen diese 
|, Vorschrift gesündigt, sie sucht „allein“ fertig zu werden. Jede 

Hebamme, die einen tüchtigen Unterricht genossen und auch die 
V.... Entwicklung des Eies und der Plaeenta in den einzelnen Monaten 
^ f . begriffen hat, weiß, daß nach der Geburt einer Fehlgeburtsfrucht, 

' m k,, wie bei Früh- beziehungsweise rechtzeitiger Geburt, auch die der 

Vr ! Entwicklung der Frucht entsprechende Plaeenta folgen muß, und 

M 'l wird, falls diese Ausstoßung nicht erfolgt, sofort zum Arzte 

f ,;. schicken müssen. Wie ich a. a. 0. naehgewriesen habe, gibt es 
. leider immer noch Hebammen, die in der ersten Hälfte der 

.... Schwangerschaft mit dem Begriffe „Plaeenta“ nicht rechnen und 
r , dadurch die Retention verschulden beziehungsweise unbeachtet 

r . lassen. Immerhin gehört dies zu den Ausnahmefällen, da nach meiner 

Erfahrung die Hebammen, da sie in den Fortbildungskursen ein¬ 
gehend darüber belehrt werden, neuerdings zum Arzte zu schicken 
■ pflegen. — Hat dagegen der Arzt die Fehlgeburt geleitet, so er- 
, ‘ achtet man es als selbstverständlich, daß er bei Verhaltung der 
, m Plaeenta alles anwendet, um die Ausstoßung zu befördern, da ihm 
,r l die Gefahren — in erster Linie Blutung, anderseits aufsteigende 
§• ’ Infektion — zur Genüge bekannt sein müssen. Um so auffallender 
muß es aber erscheinen, daß es immer noch Aerzte gibt, welche 
• diese Gefahren unterschätzen und bei dieser Komplikation die, in 

andern Fällen gewiß lobenswerte, „exspektative“ Therapie durch- 
' ■ Zufuhren suchen, ohne sich der Gefahren bewußt zu werden, die 

^ eben kommen können. Der Zufall wollte es, daß ich außer den 

früher schon mitgeteilten Fällen eine neue Serie von Fällen in der 
konsultativen Praxis zu beobachten Gelegenheit hatte, die eben 
diese eigentümliche Auffassung in ärztlichen Kreisen erkennen 
lassen. 

- Ich will nicht so weit gehen, dies als Unkenntnis oder gar 

als Fahrlässigkeit (Kunstfehler) zu bezeichnen, vielmehr als fehler¬ 
hafte Auffassung dieser Sachlage, die, wie ich schon sagte, in den 
Lehrbüchern viel zu wenig berücksichtigt wird 2 ). Dazu kommt, 
was ich als Entschuldigung noch anfügen möchte, daß es sich 
mVht selten um „verheimlichte“ Fehlgeburten handelt, mitunter 
auch forensische Fälle, bei denen der Arzt eben vor die schwierige 
frage gestellt wird: Ist die Plaeenta noch verhalten oder nicht? 
also bei Fällen, bei denen weder er noch eine sachkundige Heb¬ 
amme bei der Fehlgeburt zugegen gewesen war. Die bekannte 
..Indolenz“ der Frauen gegenüber Blutungen spielt dabei auch noch 
eine Rolle. * • 

* 

An der Hand der folgenden Krankengeschichten möchte ich 
ersuchen, zur Klärung dieser Frage der Placentarretention in 
klinischer und therapeutischer Hinsicht einen Beitrag zu liefern, 
wobei ich, um nicht zu weitschweifig zu werden, die wissenschaft- 
'uhe Frage der Infektion nach Retention der Plaeenta unberührt 
Jansen möchte, da sie in den obenerwähnten Arbeiten (A h 1 f e 1 d , 
int er und Andere) genügend erörtert ist. 

Fall J. Frau L. in G„ V para, hat schon mehrere Aborte 
»urrügemaoht, erkrankte in der jetzigen Schwangerschaft, fünften auf 
Monat, an Fieber (angeblich „Influenza“??); es tritt spontaner 
• "»rf^ ein, Frucht dieser Zeit entsprechend. Die Hebamme, welche 
u? geleitet hatte, zieht den Kassenarzt zu Rate, weil die 
a re nta nach mehreren Stunden noch nicht geboren ist. 
f r versucht die Expression; dieselbe mißlingt. Er wertet 
n,' *' ,n zweiten Tage erneuter Versuch des Arztes, die 
zu entfernen, jedoch vergeblich, desgleichen am dritten 
• k W7,r * ,e,c * e Male mit der Curette. Am vierten Tage kon- 
frhiu' n n ,c ” ^ er . we, J 8eine Versuche, die Plaeenta zu entfernen, 
g^chJagen sind und er „mit der Curette“ nur ein kleines fitück- 

J. Schröder sehe Lehrbuch (01 s h a u s e n - V e i t) 

/Sbihin n * C * ^ er Geburt der Frucht bei Fehlgeburten, falls keine I 
ulrrl ^° n f li ft reton ' ruhig abzuwarten, ob nicht die Plaeenta folgen 
;,j p ffj nac ' 1 Wfbreren Stunden sei es jedoch zweckmäßig , die Plaeenta 
L ■> Ä <?n ? e, J’ } V ’ n c kel (Lehrbuch) rät abzuwarten, „man wird in 
■i-iff-ne. . .11 ?. ( ^ lter b daß nach zwei bis zehn Tagen die ganze 
ojj Igelit“. In andern Lehrbüchern wird die lö ten- j 


eben entfernen konnte, sowie weil jetzt Fieber mit Pulsboschleunigung 
eingetreten war. Die Hebamme meldet auf Grund ihrer Dienst¬ 
anweisung den Fall als „fieberhaften Abort“ an (vergleiche 
Anzeigepflieht). Der Befund, welchen ich hei der Untersuchung er¬ 
hebe, ist folgender: Ziemlich anämische Patientin; Temperatur 38.9, 
Puls 120, etwas eitriger Ausfluß, belegte Zunge. Herpes labialis, Kopf¬ 
schmerzen, Uterus vergrößert, wie im vierten Monat der Schwanprr- 
schaft, innerer Muttermund dilatabcl. Da der Transport ins Kranken¬ 
haus verweigert wird, sofortige Operation unter sehr schwierigen 
Verhältnissen im Privathause: Gründliche Spülung der Scheide mit 
Wasserstoffsuperoxyd und Phohrol-Rocho {l%ig). Expressionsvcrsurh 
in Narkose mißlingt. Langsame Dilatation mit Hegars, bis es mir 
gelingt, den Zeigefinger einzuführen; Uterusspülung. Einige Zenti¬ 
meter oberhalb des inneren Muttermundes fühlt man den unteren 
Rand der Plaeenta. Unter Leitung des Zeigefingers ward der untere 
Teil der Plaeenta mit der breiten W i n t e r sehen Abortzange gefaßt, 
sodann unter leicht drehenden Bewegungen nach abwärts gezogen: 
die dicke, derbe, endometritisch veränderte Plaeenta folgt bis auf ein 
Stück, welches mit der großem stumpfem breiten Curette aus der Tuben¬ 
mitte sieh schonend entfernen läßt. Uterusphobrolalkoholspiiluug. 
(Ausschabung wurde selbstverständlich unterlassen!) Sceacornin 
subcutan in die Nates, Eisblase. 

Der Verlauf war ein wider Erwarten günstiger. Das Fieber 
ging nach einigen Tagen herunter. Der Ausfluß wurde bei täglichen 
Wasserstoffsuperoxydspülungen (drei Eßlöffel in ein Liter Wassen klar. 
Vollkommene Heilung. 

E p i k r i s e : 4L? tägige Verhaltung der ganzen Plaeenta in situ 
nach Fehlgeburt, im fünften auf sechsten Monat — aufsteigende 
Infektion, offenbar bedingt durch die mehrfachen Versuche des 
Arztes, digital wie auch mit der Curette die Plaeenta zu 
entfernen. Durch gerade noch rechtzeitige Entfernung der Plaeenta 
gelang es, der Weiteraushreitung der bereits eingetroteiien In¬ 
fektion vorzubeugen. Zweifellos wäre hier — um den Fall kritisch 
zu beleuchten — es weniger riskant und logisch richtiger ge* 
Wesen, innerhalb der folgenden zwei beziehungsweise sechs Stunden 
nach Ausstoßung der Frucht die Ausstoßung zu befördern (Versuch 
mit Chinin. Pituglandol und anderem) oder, wenn dies mißlang, die 
Plaeenta zu lösen. Jedenfalls beweist der Fall, wie unnütz ..wieder¬ 
holte“ frustrane Versuche, besonders mit der Curette, sind und wie viel 
richtiger es gewesen wäre, bei dein ersten m i ß 1 u n g e n e n V e r - 
suche die Plaeenta zu lösen (richtiger ausgedrückt: schon da zu kon¬ 
sultieren), da durch das Zuwarten die Frau einer großen G e fahr 
der Infektion ausgesetzt wurde, der sie nur durch einen glück¬ 
lichen Zufall entronnen ist. 

Fall II. Frau KL aus N. Früher zwei Geburten, ohne Besonder¬ 
heiten. JO. Januar 1914 machte sie eine Fehlgeburt im sechsten Monat 
durch: die Hebamme, welche dieselbe leitete, zog den zuständigen Kassen¬ 
arzt zu Rate, weil nach der Gehurt des Kindes die „Plaeenta“ durch 
Mitpressen zu rasch gefolgt, war und sie über die Vollständigkeit im 
unklaien war. Dieselbe wurde indessen für vollständig erklärt. Nach 
anfangs nur geringem Blutabgang traten von der fünften Woche ah 
mehr oder weniger starke Blutungen auf, die mit Unterbrechung bis 
April anhielten trotz ärztlicher Behandlung. N a c h einem V i ei¬ 
tel ja h re etwa, am 15. April, konsultierte mich Patientin wogen 
der Blutungen. Befund: Uterus antevertiert, stark verdickt, besonders 
im Fundus, Vergrößerung wie im dritten bis vierten Monat der 
Schwangerschaft. Cerviealkanal nur im unteren Teil etwas zugäng¬ 
lich. Diagnose: Subrnuköses Myom (?) oder Placentarrest (Plaeentar- 
polyp), da bestimmt angegeben wurde, die Plaeenta sei abgegangen. 
16. April Laminariadilatation (zwei dicke Stifte), innerlich Chinin. Nach 
24 Stunden gelingt es mir, in Narkose den inneren Muttermund zu 
dilatieren und den Finger einzuführen: präliminare Phohrolalkohol- 
spiilung. Man fühlt mit dem Zeigefinger die in situ sitzende Plaeenta, 
hauptsächlich am Fundus und in der Tubenocke. Das Plaeentar- 
gewebe ist sehr derb, wie bindegewebig entartet; nachdem der 
Zeigefinger den größten Teil der Plaeenta etwas von der Wand 
abgehoben, gelingt es mir, die ganze Plaeenta mittels der Winter- 
sehen Abortzange durch vorsichtiges Drehen von der Wand loszu- 
lösen und herauszubefördern. Größe 10 : 12 cm. Das Placentargowebo 
sicht im Durchschnitt wcißgelblich, wie infarziert, aus. Uterusspülung! 
Uterovaginaltamponade. Subcutan Socacornin. Fieberloser Wochen¬ 
bett verlauf. Tägliche Wasserstoffsuperoxyd Spülungen. Die folgenden 
Periodeblutungen normal. 

E p i k r i s e. In diesem Falle hat es sich um abnonn lange Re¬ 
tention der Plaeenta in situ gehandelt, und zwar vom 30. Januar bis 
16. April = 77 Tage oder 2 Monate und 17 Tage. Die Untersuchung 
des angeblich „abgegangenen“ Plaeentarstücks war also auch hier 
ungenau gewesen, auffallenderweise — wenn den Angaben der Heb¬ 
amme zu trauen war — sogar durch den Arzt. Sehr wahrscheinlich hat 
die Hebamme durch ungestümen C red eschen Handgriff bewirkt, daß 
die Nabelschnur und die Eihäute abrissen und dadurch der Uterus sich 
durch diesen abnormen Reiz stark retrahierte und die Retention nach 
Art der Sanduhrcoiitraction die Folge war. Interessant ist, daß in 
diesem Jahre die gleiche Patientin wiederum eine fast ebenso lange 
Plaeenfarverhaltung durchmachte (siehe unten) — dieses Mal in Be¬ 
handlung eines andern Arztes. 

Fall III. Frau K. in U. Hat vor zwei Jahren eine Geburt 
durchgcmaeht. Gegen Pfingsten 1914 — angeblich 20. oder 21. Mai — 


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machte sie eine Fehlgeburt im fünften Monat durch, welche der Arzt 
leitete. Die Frucht wurde spontan geboren, jedoch folgte die Placenta 
nicht. Daher wurde noch am gleichen Tage von dem Arzte digital, dann 
mit der Cu rette der Versuch der Entfernung gemacht, jedoch ver¬ 
geblich. Am zweiten und dritten Tage wurden die gleichen Versuche 
gemacht, wiederum ohne irgendwelchen Erfolg; gegen die Blutungen, 
die nicht sehr erheblich gewesen sein sollen, wurde täglich Secale infus 
voiabreicht. Von da ab bestanden bis Anfang August mehr weniger 
starke Blutungen, die trotz styptischer Mittel nicht zum Stillstände 
kamen. 

Anfang August, also nach acht beziehungsweise neun 
Wochen, konsultierte mich die Patientin. Befund: Starke Ver¬ 
dickung des Uterus, Hvperthrophie der Portio, Erosion. Starker 

blutiger Ausfluß. Temperatur und Puls normal. Diagnose: Ver¬ 

dacht auf Placentarpolypbildung oder Retention der Placenta. 

Die sofortige Operation wird der Patientin augeraten: sie kon¬ 
sultiert aber zunächst ihren Arzt, der ernstlich die Möglichkeit 

der Retention in Abrede stellt und zur Operation nicht zu rat. 
Erst Anfang September kommt daher Patientin wegen der wie¬ 
der eintretenden Blutungen und Beschwerden (Gefühl von Schwere. 
Schmerzen, Senkungsgefühl) zu mir in das Krankenhaus: Dilatation mit 
Laminariastiften: intern Chinin, sulf. (1,0) und subcutan Pituglandol. 
Nach 24 Stunden gelingt es mir, in Narkose den Zeigefinger einzu¬ 
führen und bis zum Fundus vorzudringen. Hier fühlt man die ganze, 
noch in situ sitzende Placenta. wiederum derbes, wie infiltriertes 
Placentargewebe. Nachdem die Placenta digital möglichst mobilisiert 
ist, läßt sie sich durch die Winter sehe Abortzange vermittels 
drehender Bewegungen in toto entfernen. Oröße 10:12 cm. Dicke 
1,5 cm. Gewebe wie infarziert, derb, weißgelblich. Glatter Wochen¬ 
bettverlauf. Entlassung am zehnten Tage. Spätere Periodenblutungen 
normal. Völliges Wohlbefinden. 

E p i k r i s c : Da der Abort nachgewiesenermaßen am 20 . Mai 
stattgefunden hatte und ich im September die retinierte Placenta 
operativ entfernte, so betrug die Zeit der Verhaltung über 90 Tage 
- 3 Monat oder 12 Wochen und mehr, eine unglaublich lange Dauer, 
die längste, die ich bis jetzt erlebt habe. Audi hier handelt es sich, 
wie im Fall II, nicht etwa um die, nach Fehlgeburten durchaus nicht 
seltene Bildung eines Plaeentarpolypen, sondern um die Retention 
der unveränderten Placenta, die wie in II zum Teil ver¬ 
wachsen war, wiederum ohne in Jauchung übergegangen zu sein. 

Die Uurette hatte hier, wie im Fall I, ebensowenig zum Ziele geführt 
— glücklicherweise nichts geschadet, da sie, wie so oft von Unge¬ 
übten. wohl nur bis zum inneren Muttermund eingeführt worden war. 
Die lange Dauer der Blutungen hat gerade hier die Patientin in 
einen hohen Grad der Anämie gebracht. Hier war es nicht die 
Indolenz der Patientin, die im Gegenteil dazu drängte, spezialärztlich« 
Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern die Selbsttäuschung des Arztes. 

Fall IV. Der Zufall wollte es, daß die gleiche Patientin wie 
im Fall II, Frau Kl., in diesem Jahre wiederum eine Verhaltung der 
Placenta nach Fehlgeburt erleben mußte: Am 2 . Februar konsultiert 
mich Patientin wegen Blutungen, die seit drei Tagen auch mit übel¬ 
riechendem Ausfluß vermischt waren. Am 18. Dezember hat Patientin 
eine Fehlgeburt im fünften auf sechsten Monat durchgemacht. Der Arzt 
wird von der Hebamme zugezogen und findet, daß alles ..normal“ ist. 
Indessen stellen sieh wie früher nach ein bis zwei Wochen Blutungen 
ein, die ohne Unterbrechung anhalten. Patientin drängt Ende Januar 
auf Zuziehung eines Spezialarztes; der Arzt gibt die Versicherung, 
..es könne von der Fehlgeburt nichts zurück sein“. Mein Befund am 
2. Februar ist, folgender: Abgang schwarzer Cruormassen, Uervix offen, 
es bestehen seit zwei Tagen wehenartige Schmerzen, innerer Mutter¬ 
mund zugänglich, oberhalb desselben fühle ich den unteren Pol der 
Placenta. Nach den üblichen Vorbereitungen (präliminare Utorus- 
phobrolalkoholspülung) entferne ich sofort die Placenta, zum Teil digi¬ 
tal. zum Teil mittels Winter scher Abortzange. Uterusalkohol¬ 
spülung. Gaze. 

Glatter fieberloser Verlauf. Entlassung elften Tag. Die Placenta 
ist etwa 10 ein lang, groß, 9 ein breit, endometritisch verändert, wei߬ 
lich, wie infarziert. . , . .... 

E p i k r i s e : Auffallemlerweise handelt es sieh hier um ..wieder- ! 
holte lan‘'dauernde Retention der Placenta“. Der Arzt hat sich offenbar 
auf die Angaben der Hebamme,-, daß die Fehlgeburt eine ..vollständige“ 
sei zu sehr verlassen, daher seine bestimmte Angabe, es könne nichts 
zurück sein. Die Verhaltung hat hier 18. Dezember bis 2. Februar = 32 
+ |-> J 44 Tage betragen - h l A Wochen. Im vorliegenden Falle war 
die spontane Ausstoßung durch Wochen vorbereitet, und zweifellos 
wirre bei längerem Zuwarten in aller Kürze eine schwere Infektion cin- 
"etreten, wenn nicht die sofortige Entfernung von mir vorgenommen 

worden wäre. , . , , 

Fall V. Während es sich in den vorliegenden Fällen II bis IV 
um abnorm lange Dauer der Vorhaltung der Placenta handelte, ohne 
daß Fieber aufgetreten war, zeigt der folgende Fall, wie sowohl durch 
Fieber als auch durch Blutungen bei sogenannten „unvollkommenen“ 
Operationen schwere Gefahren bedingt sind. 

Patientin machte in der zweiten Woche des März 1914 einen 
Abort durch, bei dem weder Hebamme noch Arzt zugegen waren; an¬ 
geblich ..sei' die Blutung nach einer Reise“ aufgetreten (sie war in 
einer «Boßstadt am Rhein!), darauf sei die Frucht abgegnugen. Ihr Be¬ 
finden war bis 29. März „sehr gut“, dann trat plötzlich eine starke 


Blutung auf, wegen deren sie zu einem Arzte schickte, der sie wegen 
der Stärke der Blutung an einen andern Arzt verwies. Dieser spritzte 
»Secaeornin ein: die Blutung stand, nach seiner Angabe war kein An¬ 
haltspunkt mehr vorhanden, daß noch „etwas zurück“ sei. Plötzlich 
wiederholte sich am 1. April die Blutung so stark, daß der nunmehr 
dritte herbeigerufene Arzt „tamponierte“; danach Versuch der Ent¬ 
fernung mittels Curette, zwei Tage danach stellte sich hohes Fieber 
ein, wegen dessen sie zu mir in das Krankenhaus transportiert wurde. 

Befund: Temperatur 39,2. Puls 120 bis 124. In Narkose 
gründliche, aber vorsichtige Dilatation mittels He gar scher Stifte, 
durch welche es gelingt, den Zeigefinger bis zum inneren Muttermund 
einzuführen; hier ist der untere Pol der noch in toto festsitzenden 
Placenta zu fühlen, die an der vorderen Wand sitzt. Mit dem Finger 
wird sie in ihrem Zusammenhang mit der Wand gelockert und ohne 
Schwierigkeit mittels der Winter sehen Abortzange herausbefürdert. 
Uterusphobrolalkoholspülung. Die Placenta sieht weißgelblich aus und 
hat die Größe eines Handtellers, etwa dem vierten bis fünften Monat 
entsprechend. Sofort nach der Ausräumung Erschlaffung des Uterus 
daher bimanuelle Massage (B r e i s k y scher Handgriff), der sofort 
Erfolg hat. Feste Uterovaginaltamponade. Fieberloser Verlauf. Die 
Temperatur sank noch am folgenden Tage auf 37,2 und blieb bis zur 
Entlassung normal (elfter Tag). 

E p i k r i s e : Es handelte sich hier zweifellos um „septischen“ 
Abort nach mehrfacher erfolgloser Tamponade der Scheide und dem 
mißglückten Versuche, die Uterushöhle abzutasten, ob Placenta 
retiniert ist (ähnlich wie Fall I). Indessen ist nicht ausgeschlossen, 
daß hier die Ausstoßung der Frucht — die Zeitangaben waren ganz 
unzuverlässig — auf nicht natürliche Weise erfolgt ist und daß von 
der gleichen Seite her ähnliche Versuche zur Ausstoßung der Placenta 
emacht worden waren. Die Infektion war sicherlich von außen ge- 
ommen. 

Obwohl in den kurzen epikritischen Erläuterungen schon auf 
die Bedeutung der Retention der Placenta hingewiesen wurde, so 
erscheint es mir nach den Erfahrungen der konsultativen Praxis 
zweckmäßig, in Kürze die Grundsätze zusammenzufassen, welche 
bei Verhaltung der Placenta den Arzt bei der Therapie leiten 
müssen. 

Daß die Retention an sich, ebenso wie die Entwicklung 
von Placeutar- wie auch Deciduaipolypen, stets eine große 
Gefahr für die Trägerin in sich birgt, ist ja nicht zu 
leugnen, sowohl diejenige plötzlicher, unerwarteter Blutungen 
(Fall V) oder langdauemder, sich wiederholender Blutungen 
(Fall II bis IV) als auch diejenige der putriden oder auch der 
septischen Infektion (Fall I und V). Wenn auch in der Mehr¬ 
zahl der Fälle die Infektion von außen kommen dürfte, so ist die 
Möglichkeit der Spontaninfektion (Selbstinfektion) immerhin nicht 
auszuschließen, letztere insbesondere, wenn die Placenta in die 
Cervicalhöhle tiefer getreten ist (Fall IV). Die Frage, warum in 
den Fällen II und IH trotz der abnorm langen, ja viele Wochen 
dauernden Retention eine Infektion nicht eingetreten ist, erkläre 
ich mir so, daß ich annehme, daß die Placenta durch die starke 
Retraktion des Uterus nicht in Kontakt gekommen ist mit der 
unterhalb des inneren Muttermundes befindlichen bakterienhaltigen 
Zone. In Fall II und IV sind keine Versuche gemacht wurdcu. 
die Placenta zu entfernen, in Fall 111 nur ein unvollkommener 
Versuch. Aehnliche Fälle habe ich schon früher in der Literatur 
beschrieben (siehe oben). 

Die allgemeinen Grundsätze zur Leitung der Fehlgeburt sinn 
jedem Arzte zu bekannt, als daß ich sie hier noch einmal genau 
erörtern müßte. Kurz gesagt, wird bei einmal begonnener rch- 
geburt die vollständige Ausstoßung des Eies, hierdurch zugleich ' ie 
Blutstillung (= Blutersparnis) oberster Grundsatz bleiben müssen. 
So selbstverständlich bei Fehlgeburten bis zum dritten Monat cm 
schließlich, wie ich oben andeutete, diese Ausstoßung in toto c 
scheint, so sehr muß man sich wundern, wie oft der gleiche 7 run< 
satz bei den Fehlgeburten in späterer Zeit, bis zum 
Monat, nicht beachtet wird — obwohl anderseits kein ■ t . 
wagen würde, eine Verhaltung der Placenta in späterer ^ 
einer Frühgeburt-, geschweige denn bei einer rechtzeitigen 
unbeachtet zu lassen und etwa exspektativ zu behandeln. 

Ich möchte also für die Leitung der Fehlgeburt v ° m 
bis siebenten Monat (= im zweiten Drittel) — uni «ms ■ ‘ 
handelt es sich ja in den erwähnten Fällen -als Lei p * , 
stellen: daß, gleich wie bei rechtzeitiger lind Frühgeburt, ‘ 
gebürt innerhalb der nächsten zwei Stunden geboren 
Für die Hebamme gilt jedenfalls die Vorschrift, sowon 0 ft 
gehurten überhaupt zum Arzte zu schicken (was J ie el< « .]%. 
eben n i c h t tun!) als auch ganz besonders bei Verhaltung ^ 
eenta sofort zum Arzte zu schicken. Jeder Arzt weiß, u . ml 
! neunten Woche ab die Placenta eben bei Fehlgeburten _ r htfi 

i besondere Rolle spielt; ich pflege, wie oben gesagt, mi 


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für Studierende wie auf Entwicklung der Frucht in den einzelnen 
Monaten auch auf die Größenverhältnisse der Plaeenta stets hinzu¬ 
weisen, weil sich hierdurch dem angehenden Arzt am besten ein¬ 
prägt, was der erfahrene Arzt wissen sollte (!), wie groß etwa die 
plaeenta zu schätzen ist, die einer eben geborenen Frucht ent¬ 
sprechen kann J ). Wer mit diesen einfachen makroskopischen Ver¬ 
hältnissen in der Entwicklung des Eies-vertraut ist, dem wird folg-e- 
richtigaucli nicht entgehen, ob im Einzelfalle je nach der Größe der 
Fracht eine mehr oder weniger große Plaeenta zu erwarten ist. 

Die Entscheidung ist für den Arzt und ebenso für die Heb¬ 
amme, falls er oder beide eine Fehlgeburt leiten, also in frischen 
Fällen, ebenso leicht wie später bei einer Frühgeburt. Sehr oft liegen 
aber die Verhältnisse deshalb für den Arzt schwieriger, als er post 
abortum gerufen wird und nun entscheiden soll, ob die Plaeenta 
noch ref/niert ist, meist nachdem alle Abgänge beseitigt werden 
sind. Die Indolenz“ der Frauen ist es außerdem, welche so oft 
daran schuld ist, daß der Arzt eben zu spät gerufen wird. Sehr 
rtr . 1 viel seltener ist es die Hebamme (vergleiche Fall I und II), ja nach 

m meinen Erfahrungen sind unsere Hebammen jetzt gerade über 

Fehlgeburten und speziell über „Verhaltung der Plaeenta“ durch 
unsere Nachkurse sehr gut orientiert. 

/ Die Schwierigkeit ist für den Arzt dann besonders groß, 

i wenn die Abgänge absichtlich oder unabsichtlich beseitigt worden 

M sind und er nun entscheiden soll, ob noch etwas retiniert ist, be- 

■■ -■ sonders wenn weder Blutung noch Fieber vorhanden sind. 

Hat der Arzt die Fehlgeburt selbst geleitet und ist die Pla- 
cenfa innerhalb zwei Stunden noch nicht geboren, so kann er — 
falls er bei der Kreißenden noch verweilt — ja noch w arten. Ich 
halte dagegen das Verlassen der Kreißenden und das tatsächlich 
hei manchen Aerzten übliche Warten bis zum andern Tage, wobei 
er natürlich die Halbentbundene verläßt, für ebenso gefährlich als 
auch im Sinne des Gesetzes für verantwortlich (— fahrlässig). Ich 
kenne Fälle, wo der Arzt 12, auch 15 bis 20 Stunden gewartet hat, 
dann aber wegen plötzlich einsetzender starker Blutung oder w r egen 
der. meines Erachtens recht oft überraschend rasch einsetzenden, 
putriden Infektion fJauchung) w r ieder gerufen wurde. 

Wenn schon eine mangelhafte Wehentätigkeit eingetreten ist, 
so mag der Versuch, die Wehen anzuregen, gerechtfertigt sein: ich 
erwähne hierfür in erster Linie das Chinin, welches ganzohne 
drufld durch die Hypophysenpräparate etwas in den Hinter¬ 
grund gedrängt ist, obwohl es gerade bei Fehlgeburten nach 
Minen Erfahrungen viel prompter wirkt, als z. B. die Hypophysen¬ 
präparate. Zwei eklatante Fälle haben mir das kürzlich aufs deut- 
hVhste bewiesen: In einem Falle wollte der Arzt die über zwölf 
Kunden verhaltene Plaeenta nicht lösen und frug mich telephonisch 
irm Rat; ich verordnete zweimal 0,5 Chin. sulfuricum innerhalb einer 
*tunde; prompte Wirkung: am gleichen Tage noch wurde mir 
•He Plaeenta gebracht, die infolge kräftiger Wehen spontan ge¬ 
hren war. Vor sechs Wochen wurde ich in einem ähnlichen 
hlle befragt: die Frucht von 9 cm wurde mir gebracht, ich sollte 
? R ezf, pt verschreiben, damit alles abgehe; nach Chinin auch 
luVr prompter Abgang der PJacenta. — Uebrigens kann ich auch 
l'ci künstlichem Abort, nachdem der Cervix durch Laminaria dila- 
f rt ist, Chinin aufs beste empfehlen. Außer Chinin kann ja 
"ituglandol, Hypophysin oder Glanduitrin oder ein ähnliches 
1 natiirl/o/i „deutsches“) Präparat (Pituitrin ist jetzt überfällig) ver¬ 
ehr werden. Vor SecaJepräparaten möchte ich indessen ein- 
‘"inzlich warnen — gerade weil sie meines Erachtens fälschlicher- 
,n solchen Fällen angewandt werden und unter Umständen 
! ‘ 3n £ e Betention gerade befördern — höchstens in ganz kleinen 
Was wird denn erreicht durch sie? Selbstverständlich, 

1 “ er Lterus sich fest zusammenzieht, eine Art verstärkter | 

"uns, bei großen Gaben Tetanus Uteri eintritt und der innere 
wermund sich so kontrahiert, daß die Retention geradezu her- 
"Wufen wird. 

Im übrigen ist es selbstverständlich, daß man, wie bei 
«itz eitiger Geburt, auch bei Fehlgeburten im zweiten Drittel auf 

2 ; en, . n £ ^ er Bisse achtet und, wenn die zur Lösung der Plaeenta 
! \.!% e Zeit verstrichen ist, den äußeren (C r e d ö sehen) 

2'griff '"ersucht. Mißlingt derselbe, so ist ein Versuch in 
fkose zu wiederholen. 


i ) Leopold (vgl. Waldeyer, Lehrbuch der topogra- 
Anatomie 1899, S. 876) betragen die Maße der Plaeenta im 
Bi-* 12 cm in der Fläche, 1 bis 1,5 cm in der Dicke, im 
siebenten .Monat 12:13 cm in der Fläche, 1,75 bis 2 cm 
f i Monat 14 :15 cm in der Fläche. Im neunten 

I» ,. die PJacenta annähernd ihre definitive Größe. Leider i 
io gebräuchlichen Lehrbücher nicht diese Maße. 1 


Ob die innei« Lösung der Plaeenta, für die ich keineswegs 
plädieren möchte, nun schon auszuführen ist, hängt ganz davon 
ab, ob es blutet. Jedenfalls sollte man auch hier, wie bei Früh- 
und rechtzeitiger Geburt, nicht zu voreilig mit der „Lösung der 
Plaeenta“ sein, deren Bedeutung nach meinen Erfahrungen in der 
Praxis noch zu sehr unterschätzt wird! Nur wer die intrauterine 
Technik beherrscht, sollte diese Operation ausführen, aber auch zu 
Ende führen. Eine „halb“ ausgeführte Operation würde die Pa¬ 
tientin noch mehr gefährden als Abwarten. In solchem Fall ist 
es stets ratsam, einen erfahrenen Kollegen zu Rate zu ziehen. 

Blutet es nicht, so ist, wie ich oben sagte, das Verlassen der 
Patientin eine riskante Sache. Ob man hier die Vaginaltamponade, 
die ich früher (1. c.) dafür empfohlen habe, anwenrien soll, darüber 
läßt sich streiten. Für den Landarzt hat sie vielleicht Vorteile, 
doch sind die Nachteile einer nicht ganz exakt und aseptisch 
ausgeführten Tamponade nicht zu verkennen. Der Vorteil liegt 
jedenfalls darin, daß er beruhigt die Halbentbundene verlassen 
kann; gibt er Chinin, so ist fast stets nach 6 oder 12 Stunden — dies 
ist die längste Zeit, die die Tampons liegen dürfen — die Plaeenta 
hinter die Tampons geboren. Der Nachteil besteht darin, daß 
unter Umständen „infiziert“ werden kann. Jedenfalls muß aber 
innerhalb dieser Zeit, die ich eben für den Landarzt, der auch nicht 
so leicht einen erfahrenen Spezialisten konsultieren kann, kon¬ 
zedieren will, die Plaeenta zur Ausstoßung gebracht werden. 

Es darf wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß 
eine wiederholte Tamponade nicht dafür in Betracht kommt! Denn 
sie würde gerade die Infektion heraufbeschwören. Hat sie also 
nicht zum Ziele geführt, dann muß eben die Plaeenta entfernt 
werden. 

Wesentlich klarer ist die Indikation zum Eingreifen bei 
starker Blutung. Auch hier ist selbstverständlich zuerst der äußere 
(0 r e d £ sehe) Handgriff zu versuchen — eventuell in Narkose —, 
führt er nicht zum Ziele, so muß die „manuelle“, richtiger gesagt 
digitale Lösung ausgeführt werden. Ich empfehle für solche Fälle 
auch den sogenannten Höningschen Handgriff, das heißt, zw'ei 
Finger in die Scheide einzuführen und den Uterus kombiniert von 
außen und vom hinteren Scheidengewölbe aus „auszupressen“, 
wenn ich so sagen soll. Oft führt dieses schon zum Ziele. 

Nicht immer handelt es sich um frische Fälle, die zur Beob¬ 
achtung des Arztes, besonders des Spezialarztes, kommen. Für 
solche „verschleppten“ Fälle rate ich jedem Arzte die Zuziehung 
eines erfahrenen Spezialisten, da die Entfernung einer noch in utero 
sitzenden Plaeenta bei wieder geschlossenem Cervicalkanal große 
Erfahrung und richtige vaginale Technik erfordert. Warnen 
möchte ich auch hier vor der Curette, insbesondere vor der kleinen!! 
Ein Kollege, der damit versuchte, eine noch festsitzende Plaeenta 
zu entfernen, brachte mir die halb ausgeblutete Patientin ins 
Krankenhaus und hat aus diesem Falle, der gerade noch gerettet 
werden konnte, eine gründliche Lehre gezogen. Warum schadet • 
denn hier die Curette? Um es immer wieder mit klaren Worten 
zu sagen: Die Curette hebt die Plaeenta zum Teil von der Haft¬ 
fläche los, auch werden Uteroplacentargefäße eröffnet, und die prä¬ 
liminare geringe Blutung kann zur tödlichen werden, ohne daß 
die Plaeenta als Ursache , der Blutung entfernt ist. In einem 
andern Falle hat ein anderer Kollege mit der Curette die Pla- 
centa zu entfernen gesucht — nach vier Wochen kam die Pa¬ 
tientin in meine Behandlung, durch die ich nachLaminariadilatation 
die noch in utero sitzende Plaeenta entfernen konnte! Offenbar 
hatte er die Curette nur bis zum inneren Muttermund eingeführt! 
Auf die Gefahr der Perforation mit einer kleinen Curette will ich 
hier gar nicht eingehen. 

Als Grundregel stelle ich, wie ich bei der Ausschabung in 
einer Broschüre über Blutungen genau auseinandergesetzt 
habe Dt auf: Gründliche Erweiterung durch sterilen Laminariastift, 
bis der Cervicalkanal für den Finger durchgängig ist — alsdann 
digitale Entfernung; mißlingt diese, Einführung einer Winter- 
schen Abortzange bis zum unteren Pole der Plaeenta oder äußer¬ 
stenfalls einer stumpfen großen und breiten Curette — niemals 
einer kleinen oder scharfen Curette! Den sterilen Laminariastift 
scheue ich auf Grund vielfacher Erfahrungen keineswegs. In¬ 
fektion habe ich danach nie gesehen. 

Für nicht ungefährlich halte ich eine brüske Dilatation mittels 
Hegarscher Stifte, da hierdurch leicht tiefe, unkontrollierbare 
Einrisse in das Parametrium entstehen; Abb. 200 in Liepmanns 
geburtshilflichem Seminar illustriert diese Gefahr sehr anschau- 


') Walther, Blutungen 
(Verlag von Konegen. 1912.) 


in der gynäkologischen Praxis. 


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lieh. Nur wer sieh an die ursprünglich von 11 <* £ a r und Kalten- 
haeh ange ff ebene „langsame'* Dilatation (eine Stunde min¬ 
destens!) hält, wird Risse vermeiden. 

Zur Entfernung der noch retinierten Placenta gehört, »laß 
der Arzt die vaginale Technik beherrscht. Ganz verwerflich für 
den Praktiker ist natürlich die Hessische Dilatation. Auf die 
für Ausnahmefälle nur in Betracht kommenden komplizierteren 
Up(.Tationsmethoden will ich hier nicht eingehen (Kolpohystero- 
tomie, Totalexstirpation). Wichtiger erscheint es mir, zum Schlüsse 
noch einmal darauf hinzuweisen, daß an sich zwar die Verant¬ 
wortung für die Operation, die Uebung erfordert, nicht leicht ist — 
viel größer aber ist die V e r a n t w o r t u n g, auch im Sinne 
des Gesetzes, wenn ein Arzt, falls nur irgend Zweitel darüber be¬ 
stellen, ob noch die Placenta retiniert ist, ohne Rücksicht darauf 
sich ,,e x s p e k ta ti v“ verhält, wie ich glaube, an den oben 
beschriebenen fünf Fällen bewiesen zu haben! 

Jedenfalls dürfte es zweckmäßig sein, bei jeder Leitung einer 
Fehlgeburt sich die Grundsätze der Therapie immer wieder vor 
Augen zu halten, die meines Erachtens in folgenden Leitsätzen 
gipfeln: 


1. Bei jedem Abort ist die Ausstoßung des Eies in toto er¬ 
strebenswert, also die Vollständigkeit des Eies genau zu prüfen 
durch genaue Untersuchung der Abgänge. 

2. Bei Aborten vom dritten Monat ab muß neben den Ei¬ 
hüllen und der Frucht hauptsächlich auf die Placenta geachtet 
werden. 

3. Wenn nach dem vierten Monat lediglich die Frucht ab¬ 
gegangen ist, die Placenta aber noch retiniert ist, so muß die Aus¬ 
stoßung derselben nach den gleichen Grundsätzen wie bei Früh¬ 
geburt und rechtzeitiger Geburt gehandhabt werden: 

a) in frischen Fällen ohne Blutung durch Credi*scheu 
Handgriff (eventuell nach Darreichung von Chinin oder Pitu- 
glandol); nur hei starker Blutung und Mißlingen des 
C r e d c sehen Handgriffs: innere digitale Lösung (beziolumps- 
weise Abortzange); 

b) bei älteren Fällen respektive bei längerer Retention der 
Placenta mit ihren Folgezuständen (Blutungen, Fieber): Dilatation 
(Laminaria) und digitale Entfernung (wie in a) [beziehungsweise 
Abortzange]. 


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Aus den neuesten Zeitschriften. | 


Berliner klinische Wochenschrift 191 5, Nr 17. 

Meitzer (New York): Pharyngeale Insutflation, ein einfacher 
Apparat für künstliche Atmung am Menschen; nebst Bemerkungen über 
andere Methoden der künstlichen Atmung. Die intrachcale Insufflation 
ist die Methode der Wahl bei einer Atemlähmung, die aus irgendeiner 
beliebigen Ursache entstanden ist. Die Verläßlichkeit der pharyngealen 
Insufflation als Methode der künstlichen Atmung wurde au einer großen 
Zahl von Hunden und Katzen und einigen Affen geprüft. Größe und 
Form der pharyngealen Röhren waren den untersuchten Tierarten ange¬ 
paßt. Die spontane Atmung dieser Tiere war, wie früher angegeben, 
durch Curare oder große Dosen eines Magnesiumsalzes vollkommen auf¬ 
gehoben. Bei vielen Tieren war gleichzeitig der Brustkasten transversal 
weil gespalten, sodaß Lungen und Herz völlig exponiert waren. In der 
langen Reihe von Versuchen kam kein Fehlschlag vor. Wenn die 
pharyngeale Insufflation unter Beobachtung der nötigen Kautelen aus- 
geführt wurde, so konnten die vollkommen gelähmten Tiere stundenlang 
am Leben erhalten werden. 

Oswald (Zürich): Zur Theorie der Schilddrüsenfunktion und der 
thyreogenen Erkrankungen. Das Jodthyreoglobulin ist eine exquisit 
Nervcntonus erhöhende Substanz: es erhöht die Ansprechbarkeifc des 
vegetativen wie des animalen Nervensystems. 

Grünberg (Berlin): Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe 
des Gebisses bei Verlust beziehungsweise Lähmung der Arme. Halter 
mit drei Gelenken, von denen das mittlere, mit einer Feder versehen, 
die genügende Elastizität gewährleistet. 

Stein (Wiesbaden): Zur Behandlung der Pyocyaneuseiterung. 
Beeinflussung des Pyocyaneuseiters durch ultraviolette Strahlen in Form 
der „künstlichen Flöhensonne“. 

Oeder (Niederlößnitz bei Dresden): 281 erwachsene Menschen mit 
„centratnormalem“ Ernährungszustand. Das „centralnormale“ Körper¬ 
gewicht ist das Körpergewicht bei „centnilnormalem“ Ernährungszustände, 
der „eentralnorraale“ Ernährungszustand der Ernährungszustand, dei 
möglichst genau in der Mitte der normalen Breite liegt, also von der 
unteren und oberen Grenze der Norm gleichweit wegliegt und die 
Uebergangsmerkmale zur „Magerkeit“ und „Fettleibigkeit“ nicht auf weist. 
(Schluß folgt.) 

v Zeissl (Wien): Wesen und Vererbung gewisser infektiöser 
Krankheiten und deren Einfluß auf den Wundverlauf. Erst dann, wenn 
die allgemeinen Erscheinungen an Haut und Schleimhaut ihren Höhepunkt 
erreicht haben und eine Spontaninvolution zeigen, gehe man zur All- 

«reuieinbeluindlung über ’ und zwar verabroiche man gleichzeitig Queck- 

silber und Jod. Die energischste und sicherste Behandlung bleibt nach 
wie vor eine gewissenhaft und genau ausgeführte Inunktumskur. 

Reckzeli (Berlin). 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 Nr. 17. 

Hackenbruch (Wiesbaden): Erfahrungen bei Behandlung chir¬ 
urgischer Tuberkulosen mit Tuberkulin „Rosenbach“. Das Mittel ist 
nach Ansicht des Verfassers nicht nur ein wichtiges Piagnostic-um, son¬ 
dern auch in vorsichtig gesteigerter Dosis bei monatelanger Verordnung 
_ Jn j t gelegentlichen Pausen — ein Heilmittel bei chirurgischer Tuber¬ 
kulose, 'natürlich nur unter gleichzeitiger Verwendung von Hyperämie, 
Sonnen- und Lichtbehandlung, Jodsalzen usw. 


G. M. Kremer und W. N iesse d (Köln): Vernisanum purum all | 
Antisepticum und zur Wundbehandlung. Das Präparat stellt eine Ver- j 
bindung von Jod-Phenol-Campher (von eigenartigem, campheiartigem 
Gerüche) dar und wird unverdünnt auf die Haut aufgepinselt oder leicht , 
eingerieben. Es ätzt die Haut nicht wesentlich und wird dabei leirft 
durch die Poren resorbiert. Größere Wundhöhlen tupft man mit einem 
vernisangetränkten Tupfer aus und tamponiert dann locker mit Gaze 
Vernisangaze stellt man dadurch her, daß inan das Mittel soweit :u$ 
Gaze auftropft, daß diese eben gefärbt und getränkt ist. (Trägt man ilf 
Präparat übrigens nach Reinigung der Haut mit Benzin durch leirlft«* 
Einreibung auf, so verschwindet es nach kurzer Zeit. Man kann jeLii 
nicht mehr anwendeu, als die Summe der Hautporen zu fassen vernug' 
Ist die Haut nämlich ganz mit dem Vernisan getränkt, so kann vm 
durch Pressen der Haut einen Teil davon wieder aus den Poren !«mv 
treiben und durch Reiben wieder zum Verschwinden bringen, ein Bewci- 
dafiir, daß sich das Vernisan nicht verflüchtigt hat, sondern durch <h- 
Hautdrüsen aufgesaugt worden ist. Etwa nach einer btunde kann nun 
die gleiche Menge wiederum einreiben.) 

Fritz M. Meyer (Berlin): Die filtrierte Röntgenbehandlung des 
chronischen und subakuten Ekzems. Die filtrierten harten Strahlen ml 
einer mittel weichen Strahlung dadurch erheblich überlegen, daß sie I« 
höchstens gleicher, wahrscheinlich aber geringerer Gefahr einer Hanl- 
reaktion den Erfolg schneller, sicherer und regelmäßiger cintreten lassen. 
Die Erklärung ist vor allem in einer höheren biologischen Wirksamkeit 
der harten Strahlen zu suchen. Der Verfasser benutzt Röhren wo 
einem Härtegrad von 10 bis 11 Wehnelt und läßt die btrahlen em 
Filter von 1 mm Aluminium passieren, das er zur Vermeidung ein-x 
stärkeren Sekundärstrahlenwirkung nicht direkt auf die Haut 1«?% 
sondern am Röhrenkasten selbst befestigt. Die Fokushautdistanz beträgt 
stets 20 cm. 

R. Kaferaann (Königsberg i. Pr.): Schuß Verletzungen der oberen 
Luftwege. Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heukuni® 
in Königsberg am 11. Januar 1915. . 

Brauneck: Zur Fremdkörperlokalisation und Röntgenstereoskopjc. 

Die von Driiner ausgearbeitete Röntgenstercoskopie erfüllt xöllig - - 
Anforderungen zur Fremdkörperlokalisation. Mit dieser Methode ^ 
man den Fremdkörper in seiner topographischen Lage. Aber Dicht a u 
für die Fremdkörperlokalisation, sondern für jede Art der topograp 
Einsicht ist das Röntgenstereogramm das sicherste Hilfsmittel 
faeher Betrachtung einer Röntgenplatte entgeht nämlich dem Auge vlL * e - 
ganz). Die Schatten von Lungenabscessen und -gangnin sowie 
Gehiruabscessen treten im Stereograram plastisch hervor und ' on j* 
hierbei in ihrer Ausdehnung gemessen werden. Auch ohne Stereo 
kann man in einfacher Weise auskommen, wenn man sich übt ui 
Betrachtung der Platten mit gekreuzten optischen Achsen. 

A. Wolff (Berlin): Wirbelosteomylltis nach Schuß Verletzung * 
Kranke hatte einen Granatschuß in die rechte Halsseite dicht unter 
Kiefenvinkel erhalten. Drei Wochen danach wurde ihm ein Granasp 1 ^ 
vom Schlund aus entfernt. Nach weiteren drei Wochen, also 
Wochen nach der Schußverletzung, traten schwere Krankheitserschein 
unter hohem Fieber mit Schüttelfrost auf, die zum Tode führten. 
Sektion ergab: Osteomyelitis des dritten Wirbelkörpers, circunisc i 
Paehymeningitis externa purulenta des oberen Halsmarks, eitrige ^ 
meningitis spinalis, Bronchopneumonie des rechten UnterlapP 605 - 


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empfiehlt sich daher dringend, Schußverletzungen in der Nähe der Wirbel¬ 
säule mit dem leisesten Verdacht auf Wirbelverletzung mit Ein- 
gjpsen oder Streckung zu behandeln. Dabei ist im Früh Stadium der 
Osteomyelitis das Röntgenbild diagnostisch nicht zu verwerten. Auch 
sind die Dornfortsätze dabei oft nicht druckempfindlich. Querfort¬ 
sätze lassen sich hingegen nicht immer einwandfrei als Sitz der Druck¬ 
schmerzhaftigkeit nachweisen, und das Betasten der Wirbel kür per könnte 
höchstens vom Rachen aus geschehen. Wichtig ist die Forderung, Ge¬ 
schosse und Fremdkörper nie aus der perforierten Schlund wand von 
innen zu entfernen. Der Schlund ist sonst die sichere Infektionsquelle 
für das lockere Bindegewebe, das verletzte Periost oder gar für das 
Knochenmark. Die Extraktion geschehe daher immer von außen, wobei 
man für breiten Abfluß sorge. 

H. Kionka (Jena): Der deutsche Arzt und die Heilquellen des 
feindlichen Auslandes. Die Wässer von Vichy (alkalische Säuerlinge) 
sind durch die Fachinger Quelle zu ersetzen. Den Quellen des fran¬ 
zösischen Evian (am Südufer des Genfer Sees gelegen), die einen 
schwach erdigen Charakter haben, steht äußerst nahe die Bissinger 
Auerquelle (oberhalb von Bissingen, südöstlich von DoiiauwÜrth gelegen). 
Auch diese kommt mit einer Temperatur von 11° C aus der Erde. 
Wegen ihrer niedrigen Konzentration eignet sie sich zur Behandlung 
von Erkrankungen der Blase, der Harnorgane und des Magens. Sie ge¬ 
hört ferner zu den seltenen Quellen, die Spuren von im Wasser gelösten 
Radiumsalzen enthalten. Mit dieser Quelle steigt auch eine große Menge 
von Quellgasen auf (darunter auch „Edelgase“, wie Helium, Argon usw., 
die sich in der atmosphärischen Luft nur in Spuren finden). 

Fr. R. Brewitt: Das Recht und die Pflicht zu operativen Ein- 
griffefi an Heerespfnebligen In Kriegszeiten. Nach Ansicht des Verfassers 
soll in Kriegszeiten der Heeresverwaltung das Recht zustehen, kräftigen 
Männern, die lediglich durch kleine Schäden und Gebrechen nicht zum 
Waffendienst tauglich sind, zu befehlen, diese Schäden beseitigen zu 
zu lassen, wenn zu erwarten ist, daß durch eine ungefährliche Operation 
Wehrfähigkeit in vollem Umfang erzielt wird. Vorbedingung ist aber, 
daß zwei Chirurgen begutachten, daß durch den Eingriff voraussichtlich 
Wehrfähigkeit eintreten wird. Auch muß die Operation durch einen ge¬ 
schulten Chirurgen vorgenommen werden. Sollte es aber, was unwahr¬ 
scheinlich ist, durch den Eingriff zu einer Schädigung, ja zum Tode des 
Operierten kommen, so ist dieser wie ein Kriegsteilnehmer anzusehen 
hinsichtlich der Rente oder Versorgung Hinterbliebener, nachdem durch 
das übereinstimmende Gutachten zweier Chirurgen die Höhe der 
Schädigung begründet ist. 

Ebermayer (Leipzig): Bemerkungen zu dem vorstehenden Auf¬ 
satz. Der Verfasser stellt als Jurist fest, daß der Arzt zu einer Operation 
gegen den Willen des Patienten nicht berechtigt ist. Nach reichs- 
gerichtlieher Rechtsprechung mache er sich in solchen Fällen der vor¬ 
sätzlichen Körperverletzung schuldig, mag auch der Eingriff lege 
artis zu Heilzwecken geschehen und von Erfolg begleitet sein. Auch 
der Verpflichtung, sich auf bloßen militärischen Befehl, also 
ohne bestehende gesetzliche Grundlage einer Operation zum Zwecke 
der Herbeiführung der Dieosttauglichkeifc zu unterziehen, dürften ganz 
erhebliche Bedenken entgegenstehen. F. Bruck. 

Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 17. 

Otto v. Herff (Basel): Prinzipien in der Bekämpfung einzelner 
lokaler Wnndentznndungen. Alkohol ist nur wirksam gegen Wund¬ 
infektionen, die sich auf der Oberfläche der Gewebe abspielen, so bei 
Furunkulose, bei beginnenden Panaritien, aber auch in Höhlenwumlen. 

(fki seiner geringen Eiweißkoagulationsfähigkeit ist die Giftigkeit des 
Alkohols als sehr gering zu bewerten.) Desinfizientien w irken nur sicher 
in wäßriger Lösung. Absoluter Alkohol hat keine Desinfektions- 
kraft; am wirksamsten ist 70%iger Alkohol. Die größte Neigung, in 
die Oe webe einzudringen, selbst durch die Oberhaut hindurch, kommt 
der (’arbolsiiure zu. Sie ist eins der besten Mittel zur Reinigung 
infizierter buchtiger Höhlen wunden. Nur eine 4—5°/oige C’arbol- 
säurelösung ist dazu brauchbar. Die Höhle muß aber damit aus ge¬ 
spritzt werden. (Bei genügender Drainage beträgt die Menge der 
Carboiflüssigkeit, die dabei zuriickgehalten wird, nur einige Dezigramm, 
sodaß eine V ergiftung nicht zu befürchten ist.) Wird stärker konzen- 
tr j erte C’arbollösung verwandt, so kann man danach die Gewebe mit 
Alkohol wieder auswaschen und so eine Aetzwirkung verhüten. So 
'ann man 50 °/oigen Carboispiritus zur Kupierung eines Furunkels be¬ 
nutzen und dann sofort mit Alkohol nachwaschen. Neutrales Ha Oa, 
tsonders das chemisch reine Perhydrol, besitzt in Wunden eine 
äußerst jreringe Desinfektionskraft, H 2 O 2 in sauren Lösungen tötet 
3 nr stärker die Keime. Legt man daher neben der mechanischen 
undreinigung des H 2 O 2 Wert auf eine bactericide Wirkung, so muß 
I,laQ saure Lösungen (Hydrogenium peroxydatuni solutum des Arznei- | 


buches oder ad hoc mit 3%iger Essigsäure angesäuertes Perhydrol) an- 
wenden. Eine Erwärmung des H 2 O 2 auf nur 37° C vermehrt die 
Desinfektionskraft ganz außerordentlich, man stelle daher die Lösung 
von H 2 O 2 in eine Schüssel voll warmen Wassers! (0,6% Ha O 2 bei 
37° C kommt einer 2% igen Lösung gleich). Ein ausgezeichnetes Ver¬ 
bandmittel für granulierende, nekrotisierende Wunden ist der Zucker, 
mit oder ohne einen geringen Zusatz von Salicvlsäure. Gegen Decubitus 
gibt es kein besseres Mittel als pulverisierte*» Zucker (nicht Mehlzucker, 
weil dieser zusammenbackt, sondern sogenannten ..Grießzucker“). Auf 
die Unterlage werden ein oder zwei Eßlöffel gebracht und der Kranke 
darauf gelagert. Andere Wunden werden mit dem Zuckergrieß bestreut, 
darüber kommt ein Deckverband. Die endgültige Vernarbung kann 
durch Perubaisam, Perugen, Pellidolsalben, Campherwein usw. befördert 
werden. 

Paul Hüssy (Basel): Zur Behandlung der septischen Allgemein¬ 
infektion. Es kommt hierbei darauf an, die speeifisehe Virulenz der 
Erreger zu hemmen, ohne den Organismus zu schädigen. Als ein 
solches Mittel wird das von Merck (Dannstadt) hergestellte Methylen¬ 
blausilber dringend empfohlen. Frühzeitige Injektionen der 2% igen 
Lösung sind geboten, und zwar injiziert man davon täglich 1—2 ccm 
intramuskulär. Die Einspritzungen sind etwas schmerzhaft, weshalb 
Alypin beigemischt werden soll. 

‘Felke: Die Komplementablenkung als Reaktion zur Unterscheidung 
zwischen den Seren Typhuserkrankter und gegen Typhus Geimpfter. 

Während die Bord et sehe Komplementablenkung beim Typhus in ge¬ 
wissen Stadien mit großer Regelmäßigkeit positiv ist, fehlt sie im 
Blute Geimpfter. Bei diesen läßt sieh, auch wenn ihr Gruber-Widal 
einen noch so hoben Titer erreicht, doch niemals eine Hemmung der 
Hämolyse erzielen. 

Kellner (Hamburg-Alsterdorf): Der Wert der Flechsigschen Opium- 
Brombehandlung bei der Epilepsie. Der Verfasser hat bei etwa 2ö() Epilep¬ 
tikern diese Kur angewandt und empfiehlt sie aufs wärmste. In keinem 
einzigen Falle war durch die Opiumdarreichung ein irgendwie bedenk¬ 
licher Zustand oder ein dauernder Schaden entstanden. Daß ein der 
Opium-Brombehandlung unterzogener Epileptiker sorgfältig überwacht 
und mindestens jeden zweiten Tag vom Arzt besucht werden muß, ist 
ebenso selbstverständlich wie daß man die Anfangs- und Enddosis des 
Opiums nach dem Alter und Kräftezustand des Kranken einriehtet. Als 
höchste Dosis, und zwar nur bei kräftigen Erwachsenen, ist eine solche 
anzusehen, die mit dreimal täglich 0,05 Extr. Opii beginnt und bis auf 
dreimal täglich 0,29 Extr. Opii hinaufgeht. 

Wilhelm May er (Tübingen): Bemerkungen zur Alderhaldenschen 
Reaktion in der Psychiatrie. Als Substrate wurden verwandt: Hirnrinde, 
Testikel, Ovarium, Thyreoidea, Leber, Pankreas und Nebenniere. Nega¬ 
tive Resultate zeigten sieh hei Normalpersonen, bei Hysterie, Myotonie, 
Delirium, traumatischer Demenz. Verschiedene Resultate aber bei den . 
zur Gruppe der Dementia praecox gehörigen Kranken. Auffallend war 
ein negatives Resultat bei zwei Paralysefällen, noch auffallender eine 
im Abstand von sechs Tagen zweimal untersuchte hypochondrische 
Depression bei einem Manne, die das erstemal mit Hirnrinde, das andere- 
nial mit Testikel schwach positiv reagierte, ohne daß sich im klinischen 
Bilde irgend etwas geändert hätte. 

FeldärztUehe Beilage Nr. 17. 

A. Läwen: Einige Beobachtungen über Schädelschuß Verletzungen 
I im Feldlazarett. Das KrankheitsbiJd wird beherrscht durch die Aus¬ 
dehnung der Knochensplitterung und den hohen Grad der Hirn- 
I Verletzung. Die Behandlung ist in der Regel eine operative (Beseiti¬ 
gung der Knochensplitter aus dem Gehirn). Am besten operiert man 
innerhalb der ersten 24 Stunden. Die Operation hat aber zu unter¬ 
bleiben, wenn der Zustand des Verwundeten sehr bedenklich ist 
(Symptome: Bewußtlosigkeit, stark beschleunigter, kleiner, unregel¬ 
mäßiger Puls, manchmal auch schon Pupillenstarre). Ein gleich schweres 
Bild kann auch ein durch Blutung veranlaßter, länger bestehender 
Hirndruck machen. Fälle noch im ersten Stadium des Himdrueks mit 
hartem, verlangsamtem Puls lassen sich zuweilen durch rechtzeitige 
'Trepanation retten. In sieben seiner operierten Fälle (fünf frische 
Schußverletzungen und zwei Hirnabscesse) hatte der Verfasser den 
Kopf durch einen Gipsverband an den Thorax fest fixiert (die Ohren 
wurden nach guter Polsterung auf der Außen- und Rückseite immer mit 
in denVerband hineingenommen). Die operativ versorgten Schußwunden 
werden vom Verband freigelassen oder durch ein Fenster freigelegt. 

Mit derartigem Gipsverband Versehene dürfen aber nicht zu rasch 
abtransportiert werden. Der W undverlauf muß vorher einigermaßen 
gesichert sein und der Gipsverband vertragen werden. Die Gips¬ 
verbände wurden übrigens meist am zweiten oder dritten Tage nach 
der operativen Versorgung der Schädelwunde angelegt, wenn sich die 


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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19. 


9. Mai 


Kranken wieder etwas erholt hatten und mit Unterstützung sitzen 
konnten. Sie blieben bis zu acht Wochen liegen. 

Sy ring: Zur Behandlung der Schädelschösse im Felde. Tangen¬ 
tial- oder Rinnenschüsse werden sämtlich, und zwar sobald als mög¬ 
lich (im Feldlazarett) operativ angegriffen; Steck- und Durchschüsse 
aber nur bei zunehmenden Druckerscheinungen, bei Depressionen, die 
in den motorischen Regionen liegen, sowie bei jedem Hirnprolaps, also 
in der Mehrzahl aller Fälle. 

H. Chiari (Straßburg i. E.): Zur Pathogenese der Meningitis bei 
Schußverletzungen des Gehirns. Vorgetragen in der Kriegsärztlichen 
Vereinigung in Straßburg i. E. am 2. März 1915. 

John Duken (München): Heber zwei Fälle von intrakranieller 
Pneumatocele nach Schußverletznng. In dem einen Falle zeigte die 
Röntgenaufnahme einige Knochensplitter hinter dem Sinus frontalis, 
und zwei, mehr als fünfmarkstückgroße, offenbar durch Luftansammlung 
erzeugte Schattenaussparungen. Diese Luft dürfte durch eine Fissur 
von der hinteren Sinuswand in den Schädel hineingepreßt worden sein. 

Es ist anzunehmen, daß durch den Knochensplitter Dura und Gehirn 
verletzt worden seien. Bei starken Hustenstößen, beim Niesen oder 
beim ungeschickten Nasenputzen (starkes Trompeten) wurde dann 
wiederholt Luft ins Gehirn gepreßt, wodurch die Höhlen zustande kamen, 
ln dem zweiten Falle führte eine Fissur bis in die Cellulae mastoideae. 
Auch hier dürfte die Luft vom Processus mastoideus durch die Fissur 
in der eben angegebenen Weise ins Gehirn hineingepreßt worden sein. 

Boerner (Erfurt): Ein operatives Verfahren zur Verhütung des 
Hirnprolapses nach Schädelschüssen. Da in den meisten Fällen die Schädel- 
lüeke und der Defekt in der Dura die alleinige Ursache des Hirn¬ 
prolapses sind, so ist es notwendig, schon bei der Trepanation selbst 
den drohenden Geliimprolaps, diese postoperätive Komplikation der 
operativen Behandlung der Schädelschüsse, zu berücksichtigen. Man 
muß also einen möglichst festen Verschluß des Sehädeldefekts schon 
bei der Operation gerade dort, wo das Gehirn vordrängt, hersteilen, 
ohne aber die Drainage der Wunde zu verhindern. Dazu dient der 
vom Verfasser angegebene „Türflügelschuitt“, der ausführlich be¬ 
schrieben wird. 

L. Roeinheld: Ueber homolaterale Hemiplegien nach Kopfver¬ 
letzungen. Beschrieben werden zwei Fälle von ungekreuzter, das 
heißt der Seite